Erster Teil. (continued 2)
Reading edition
Melide. Fortunio hat drei Elsässer getroffen. Im Schein der Windlichter schlage ich ihm die Karten, er dagegen liest mir aus der Hand. Die Edeljüdin hat ein rotes Tuch umgeschlagen, und wir sind vergnügt. Doch oh, die Nachtigall, die wir am Heimweg schlagen hören. Mein Herz hing sich an sie und drang in den Busch zu ihr. Ich hätte mich so gern nicht mehr von der Stelle gerührt.
Der Himmel blieb die ganze Zeit über so blau, daß sich die Wolken in meinem Gemüt angesichts soviel Sonne nicht behaupten konnten. Der erste bedeckte Tag war auch der unserer Abfahrt. Ich nahm den Frühzug mit Paxens und steckte meine Post gerade noch zu mir. Fürs erste galten dann meine Blicke nur dem schwindenden See und den schnell sich verstellenden Bergen.
In Bellinzona trennten wir uns. A. H. Pax wünschte die Mitarbeit der Gräfin Reventlow, und ich sollte sie zu ernsterer Arbeit ermuntern. Es stellte sich aber heraus, daß nur 40 Minuten in Locarno blieben, so depeschierte ich ihr auf gut Glück und fuhr dann durch das breite, lange Tal zum Lago Maggiore. Sie stand am Bahnhof. Wir erkannten einander, ohne uns je gesehen zu haben, und gingen mit einer Art von kalter Vertraulichkeit hinab zum See. Ihr Zynismus kannte keine Grenzen, doch immer alles mit Grazie. Vom Schreiben wollte sie nichts mehr wissen und hatte eine Übersetzung unternommen. Bei jeder Seite freue ich mich, daß ich das nicht selber geschrieben habe, sagte sie. Ich drängte sie zu größerem Fleiß, ohne Anklang zu finden. „Mein Ideal wäre die Leitung eines großen Hotels“, versicherte sie. Ihre Augen waren wunderschön. Ich sprach von ihren Schriften, und daß keine Bücher dieses leichten Kalibers mit ähnlicher Qualität geschrieben worden seien, so blaß, so spöttisch, so geistreich. Aber sie schüttelte den Kopf: es sei zu schwer.
Wir gingen in der Mittagsschwüle den bergigen Weg zur Station zurück. Einige Wochen später sollte sie in Konstanz ihrem Sohn zur Desertion verhelfen. Heute amüsiert sie die Geisterwelt mit ihrem Witz. Schreiben werden wir beide kein zweites Mal.
Ich hatte gerade Zeit, in den Zug zu springen: er bewegte sich schon, wir riefen uns noch einmal auf Wiedersehen zu, bevor wir einander für immer aus den Augen verloren. — Zu lesen hatte ich gar nichts mehr, mit Ausnahme einer französischen Zeitung, die unter meiner Post gewesen war. Sie enthielt auf der zweiten Seite einen Angriff gegen mich: Erbitterte Zeilen mit dem deutlichen Wunsch, mich zu verletzen. Fürwahr, dachte ich, das ist wirklich zu unverdient. Aber der Verfasser täuscht sich: es ist mir egal.
Ich legte die Zeitung weg und sah in die Gegend hinaus. Merkwürdig durchdrang mich da ganz und gar die Weite des Tals. Wie ein prächtiger Festsaal der Natur, gemeint, als sei er auch bei Nacht zu erglänzen. Als fehlten nur die Riesenkandelaber an den gleichmäßigen und feierlichen Wänden der Berge.
Die Lokalbahn hatte Anschluß an den zweiten Zug, der von Lugano kam. Er war schon eingelaufen. Fortunio und der Redakteur der Humanité standen auf dem Perron. Ich reichte ihnen das Blatt, das mir unter Kreuzband zugeschickt worden war, und wollte etwas dazu bemerken, es stellte sich jedoch heraus, daß meine Stimme zwischen Locarno und Bellinzona hängengeblieben war. Hatte die Luft sich abgekühlt? Wie Fanfaren drang das Blau durch die dunstigen Wolken. Dicht vor dem Platz am Fenster, den Fortunio mir gesichert hatte, zogen jetzt die grauen Riesenwände des Gotthard vorüber, durchstrichen von zahllosen Wildbächen, die aus ihren unversiegbaren Gründen senkrecht im hellen Jubel herabschossen. Es war ein Hals über Kopf sich überstürzendes Geglitzer. Ich behielt sie im Auge, diese Flüsse, einen nach dem andern, und zählte sie. Wie eine Rettung war’s, als die table d’hôte ausgerufen wurde und alles in den Speisewagen ging, Fortunio ganz besonders und der Redakteur. Der Wunsch, allein zu bleiben, brannte wie ein Durst. Welchen Auges mag der Hirsch das Laub, das sein Geweih vom Aste schlägt, das Tal, die Tiefe einbegreifen, bevor er sich getroffen weiß? Wir wissen nicht, wie seine Welt da vor ihm aufleuchtet. — Was für ein selbstherrliches Ding ist doch das Herz! Du rufst ihm zu, und es vernimmt kein Wort, als gehörte es sich selber und nicht dir.
Verstrickte und sich selbst widerstreitende Liebesgefühle haben ihre eigentümlichen Reflexbewegungen wie Zerreißungen und Wunden. Ich hatte mich getäuscht: der Angriff in der französischen Zeitung war mir nicht egal. Und wie aber hätte die Erbitterung zwischen den Zeilen mich nicht bewegt? Zwischen den Erbfeinden des Abendlandes stand in Wahrheit reinste und einzigste Erotik am Spiel. Was hier von jeher, was von neuem auf Menschenalter zertreten wurde, war der Keim aller Verjüngung und Erneuerung eines Kontinents, die Blume aller Allianzen. Alle andern sind unfruchtbare Bündnisse dagegen, Geschwisterehen. Sagt mir nicht, daß es anders sei. Ich weiß es besser.
Ach! Grund genug, wenn es jetzt den Augen unaufhaltsam entströmte wie über die grauen Furchen der Gotthardfelsen. Oh! und nichts von bayrischem Gebirg! Was sich da drüben hinter Schleiern spiegelte, das war Paris am lauen Septembertag, der eigenen Erfüllung hingegeben, und einem Himmel, der keine andere Stadt so überhing wie sie. War sie nicht meine eigenste Heimat? War sie nicht die unerreichbarste Geliebte? War sie nicht eine Göttin? Oh mein beraubtes Herz! Jedes Bild, jede Erinnerung an sie zerriß es neu.
* * *
Abends in Bern, wo inzwischen auch der Frühling gekommen, sozusagen ausgebrochen ist, leidenschaftlich abgetrotzt wie etwas, das sich keineswegs von selbst versteht wie im Süden. Ich liebe im Norden nur den Sommer.
4. MAI. Abigail stattete mir eine richtige Sympathievisite ab. Es fehlte nur der Zylinder. Dieser neue Ziegelstein auf mein Dach dünkt ihm entschieden de trop. „Erklären Sie mir nur,“ sage, ich, „liegt denn eine solche Ungerechtigkeit in eurem Interesse?“ „Wir fragen heute nicht nach Gerechtigkeit“, erwidert er. „Wir verlangen alles oder nichts, Sie bieten uns die Hälfte, das ist zu wenig.“
„Sie vergessen, daß ich Deutschland liebe.“
„Es sind Gefühle, die wir zu wenig teilen, als daß sie uns interessieren könnten“, erwiderte er steif.
Wir sprachen dann von anderen Dingen.
6. MAI. Besuch von Frau Karfunkel. Sie fragt mich, ob ich eine Revolutionärin sei, und ich bin im Augenblick zu müde, es zu wissen. Das Wort „gekrönte Republik“ fällt mir ein, das kürzlich vor mir gefallen war. Mochte es herhalten. „Eine gekrönte Republik“, sage ich und gähne.
Daß Frau Karfunkel mich kaum kannte, hinderte sie nicht, mir jetzt eine jener Szenen zu machen, die man wie ein Unwetter über sich ergehen läßt. Die Worte wie krasse Ignoranz gehörten zu den mildesten, die sie mir vorsetzte. Sollte ich ihr sagen, warum? ihr bekennen, in welchen Gedanken sie mich unterbrochen hatte? ihr den Grund jener mangelhaften Kenntnis eingestehen, die sie so richtig erraten hatte?
Welchen Kriegsbericht hatte ich zu Ende gelesen? Von welcher Phase des Krieges mir auch nur einigermaßen ein Bild gemacht? Über die erdrückende Tatsache, daß er herrschte und kein Friede kommen konnte, sah ich nicht hinaus. Für seinen Verlauf, seine Geschichte blieb mein Interesse ungefähr.
Was wollte die Frau bei mir?
Sie hatte mich aus der Arbeit gerissen, und ich war froh um die Unterbrechung gewesen; so mühselig war die Pein, daß ihr Stigma sich den Schläfen aufdrückt, und daß sie einsinken wie zermürbt. Oder gleicht eine geistige Not der immerwährenden Welle vielleicht und die Schläfen dem Stein, der von ihr zernagt und bearbeitet wird? Von den Dingen selbst ist mein Verständnis so karg! Der Kommentar zu ihnen ist meine Sparte: ihn stets von neuem, zergliederter, ausgreifender zu formulieren, ist der Stachel, der mir keine Ruhe läßt, meine Einzelhaft mitten im Leben. Denn über die Vielfältigkeit unserer Wege hin, sehe ich die Einfältigkeit der Gefahr; die ewig selbe Fratze, die jeder edlen Bestrebung wie eine verruchte Karikatur noch immer auf dem Fuße folgte. So schmal, schwankend und immerzu gefährdet zieht unser Weg empor! Aber naiver als ein Soldat, der mitten im Treffen nicht weiß, wo er steht, führte der Mensch bisher seinen Kampf. Auch ihn trafen die Geschosse, ohne daß er sah, aus welchem Hinterhalt sie stammten, und von der unheimlichen Geschäftigkeit, mit welcher in den Niederungen sein Verderben betrieben wurde, merkte er nur das Resultat. Unermüdlich und nahezu ungestört dürfen die Untermenschen, von Herrschsucht besessen, in der Familie, dem Staat, der Gemeinde, der Partei ihre zersetzende Arbeit verrichten. Aus Tausenden von Schlagwörtern sind ihre Netze gewoben, der ganze ungeheure Nationalitätenschwindel hält seit Jahrhunderten den Zusammenschluß der Vollwertigen auf. Notsignale zu geben, bin ich hier. Unvernommen? Gleichviel! Ohnmächtig wie im Traum hinauszurufen: Richtet Wälle auf! Seht euch vor! Achtet der Stufen! Schützt eure Häuser! Mit unschuldiger Miene, ja mit dem Antlitz eines Engels vielleicht, kauert das Unheil an euerm Herd. Oh Brüder, Freunde, nehmt es nicht in eure Arme, wie ihr den Fuß nicht auf die sanft beschneite Stelle setzt, ihr hättet sie zuvor geprüft.
„Ich glaube,“ schreibt René Schickele, „daß der Sozialismus kommen muß mit einer großen, tiefen Flut von Licht, die alle Menschen durchdringt.“
Und ich sehe, wie emsig die Schatten sich sammeln, welche danach dürsten, dies Licht zu verschlingen.
8. MAI. Abigail klopft wieder an meine Türe. Er trägt sein breitestes Lächeln, reicht mir die Münchner Zeitungen und lacht noch stärker. Sie enthalten meinen Protest in der Telramundschen Übertragung, wahrscheinlich von ihm selbst eingesandt.
„Und das sind die Leute, mit welchen Ihr Euch einlaßt“, brach ich aus. „Ihr seid mir schöne Richter!“
Doch Abigail war in einer nicht zu verderbenden Laune. „Einigen wir uns,“ sagte er, „mag er denn Telramund heißen, unter einer Bedingung, verlangen Sie nicht, daß wir Sie Elsa nennen.“
Die „Pressestimmen“ ließ er mir zum Geschenk. Ich las u. a., daß ich „ein hysterisches Weib von abgrundtiefer Gemeinheit sei“.
9. MAI. Beim bayrischen Gesandten; er kannte mich von Kind auf. Er empfing mich. Aber der Verwirrtere, der Trostbedürftigere schien durchaus er. Es war bei ihm wie bei den Hähnen der modernen Waschtische, die gleichzeitig heißes und kaltes Wasser ausströmen: zwei Sprachen wie zwei Denkungsarten entflossen da immer zugleich: seine eigene und die anbefohlene.
„Vous êtes déshonorée!“ jammerte er.
„So schlimm ist es nicht“, redete ich ihm zu. „Kommen Sie, lassen Sie Gras wachsen über die Geschichte.“
„Gras? Da wächst kein Gras. Je vous supplie ne rentrez pas en Allemagne; on vous jettera dans les fers; je ne pourrai rien faire pour vous. Bleiben Sie um Gottes willen da.“
„Ich bleibe schon da.“
„Ja, bleiben Sie da. Was wollen Sie in München? Es ist ja alles verpreußt. Diese entsetzlichen Preußen haben uns ja alle aufgefressen. Ich bin der letzte Bayer.“
„Ich auch.“
„Sie sind gar nichts. Vous êtes une criminelle. Ce n’est pas moi, qui vous condamnerai, je suis votre ami. Vous êtes une criminelle“, unterbrach er sich laut. „Oh, so viel Phantasie zu haben und so wenig Verstand! Sie sind erledigt. Wir sind gefressen.“
Damit entließ er mich.
Daß dem alten Herrn der Krieg so über den Kopf wuchs, machte ihn mir nur sympathisch. Es wäre jedoch hartherzig gewesen, ihn praktisch in Anspruch zu nehmen. Ich hatte es gar nicht versucht.
MITTE MAI. Gerade in diesen Tagen lud mich Frau v. Schreckenburg, ohne mich zu kennen, zu sich ein. Engländerin von Geburt, trug sie dabei den gefürchtetsten deutschen Namen. Ihr Mann, von dem die Franzosen sagten: „Heureusement qu’il n’en a pas l’air“, und die Engländer: „He is worth a better name“, stand an der Spitze der Gefangenenfürsorge. Durch seinen unzeitgemäßen Mangel jeglichen Strebertums fiel er gänzlich aus dem Rahmen. Still, unermüdlich und geschickt verrichtete er sein humanitäres Werk.
Es nahte Felix Mottls Todestag. Ich wollte die Münchner erinnern, daß ich es nicht von ihnen verdiente, unvernommen und mit Knüppeln vor das Stadttor gewiesen zu werden, denn ich habe sie einmal vor einer großen Weltblamage bewahrt. Einige Redakteure waren damals meinetwegen geflogen, und ich hatte gesiegt. Waren solche Reminiszenzen angetan, den Herrn Chefredakteur zu rühren? Er sandte mir meine Eingabe, obwohl durch Schreckenburg übermittelt, mit dem Vermerk zurück, daß er sich für die Beiträge einer Hochverräterin heute wie fernerhin bedanke.
An jenem Abend ging ich lange die beiden Brücken auf und nieder. Die Jungfrau hatte eine Schärpe übergeworfen. Ein kalter Wind trieb von den Gletschern herüber. Ich ging und ging. Es war wieder bei Fortunio viel von einem Zusammenschluß der Geistigen gesprochen worden, und wieder ließ keiner das Ausschließen seine Sorge sein. Was aber ging aus dem ungeheuren Trugwerk dieses Krieges hervor, wenn nicht der vollendete und riesenhafte Triumph des Sklaven über den Freien, wenn nicht die immer drohendere Forderung, uns selbst jenes letzte Gericht erstehen zu lassen, von dem geschrieben steht, daß es auf immer die Scheidung zwischen den Menschen, die guten Willens sind und den anderen bestimmen soll? Ja, nicht die große Einigung, den großen Bruch gilt es zuerst zustande zu bringen: die herrische und heilige Offensive der menschenwürdigen Menschen, gegen jene „Untermenschen“, welche Villiers de l’lle Adam als erster mit so großem Nachdruck kennzeichnete. Erst gilt es, jenen allzulange geduldeten Elementen das Stimmrecht zu entreißen. Sahen wir nicht alle großen und bahnbrechenden Ideen in Verwirrung ausarten, das Christentum selbst unter die Räder geraten und eine Sache um so sicherer verderben, je edler sie war, weil Unzulänglichkeit und Niedertracht das große Wort zu führen in der Lage sind; Solange diese Gattung ihre Gleichberechtigung behält, hat die Menschheit nichts zu hoffen. Sie wird wie ein Kranker sein, der sein Übel zu betäuben sucht, indem er sich auf seinem Schmerzenslager dreht und wendet, oder hochaufgerichtet nach Atem ringt, um doch nur eine illusorische Erleichterung zu finden. Sie wird alle Regierungsformen, eine nach der andern, erproben, und ob sie auch ihre Könige gegen Republiken eintauscht — es werden doch nur falsche Republiken sein, und auch die Anarchie wird sich als nichts anderes herausstellen als einen Mißbrauch der Macht.
Und wie könnte die einzig wirkliche Freiheit entstehen, wenn nicht durch die Knechtung desjenigen Pöbels, der allerorts alle Klassen, von den höchsten bis zu den sogenannten niedrigsten verheert. Hierarchien aber sind es ja gerade — weniger rudimentär und kindisch nur als diejenigen, welche man sich aufoktroyieren ließ — Hierarchien aber sind es, die auf neuer und gerechtfertigter Basis zu errichten sind: geben wir uns keinen Täuschungen hin: die Klasse der Könige, der Fürsten und Herren, ja der ganze Troß der kleinen Gentry sogar, er ist vorhanden (nur so anders!), und alle wahren Adelsbriefe, die sich in unendlichen Fluktuationen aus der menschlichen Würde ergeben, existieren auch. In allen Kreisen aber und durch alle Zeiten hindurch wurde die wahre Elite gepeinigt, geopfert oder zur Ohnmacht verdammt, weil urteilslose oder niedriggesinnte Elemente, die sich weder in Gleichheit, noch in Brüderlichkeit zu ihr verhalten, dasselbe Stimmrecht genießen.
Man rede mir also nicht von Zusammenschlüssen, sondern vorerst von neuen Gesetzbüchern und neuen Statuten. Auf einen treibenden Sumpf, einer Welt wie sie ist, Ringmauern aufzurichten, daran glaube ich nicht. Wozu führte der vielgehegte voto pietoso Deutschland und Frankreich zu einigen? Statt der stolzesten aller Galleonen ein Wrack, beiden nahezu unnennbar geworden. Dieses Wrack ist mein eigenster Boden, ich verlasse ihn nicht. Die paar Einsichten aber, die mich sehr bestimmte Erfahrungen lehrten mit der Persistenz des Marktschreiers zu verkünden, ist mein Beruf.
Ich lehnte über der Brücke von Kirchenfeld. Hat die Nacht ihre eigene Helle, daß sie uns die Dinge mit größerer Schärfe zeigt? Sie deckte jetzt den Fluß, der unten den Bergen zurauschte. Von den Häusern in der Tiefe, so eng geschart, fast ein Gerümpel, auf zartesten Säulenarkaden gehoben, und wie edel! leuchteten jetzt munter die tagsüber so verschlossenen Fenster. Wie wenig löste schließlich und endlich unsere zufällige Existenz von unserem wirklichen Wesen aus! Vielleicht war sie nur eine Jahreszeit unseres weitverästeten Seins. Wozu sich alterieren, redete ich mir zu, wozu die Hast, wozu die Ungeduld? — Es wurde zuletzt ein Spazieren mit der Nacht, statt in die Nacht hinein, und ich war um eine größere Fassung, etwas mehr Gleichgültigkeit für meine persönlichen Geschicke aus allen Kräften bemüht.