Zweiter Aufzug.
Reading edition
Erste Scene.
Edelhof des Freiherrn von Attinghausen.
Ein gothischer Saal, mit Wappenschildern und Helmen verziert. Der Freiherr, ein Greis von fünfundachtzig Jahren, von hoher edler Statur, an einem Stabe, worauf ein Gemsenhorn, und in ein Pelzwams gekleidet. Kuoni und noch sechs Knechte stehen um ihn her mit Rechen und Sensen. — Ulrich von Rudenz tritt ein in Ritterkleidung.
Rudenz.
Hier bin ich, Oheim — Was ist euer Wille?
Attinghausen.
Erlaubt, daß ich nach altem Hausgebrauch Den Frühtrunk erst mit meinen Knechten theile.
(Er trinkt aus einem Becher, der dann in der Reihe herumgeht.)
Sonst war ich selber mit in Feld und Wald, Mit meinem Auge ihren Fleiß regierend, Wie sie mein Banner führte in der Schlacht; Jetzt kann ich nichts mehr als den Schaffner machen, Und, kommt die warme Sonne nicht zu mir, Ich kann sie nicht mehr suchen auf den Bergen. Und so, in engerm stets und engerm Kreis, Beweg’ ich mich dem engesten und letzten, Wo alles Leben still steht, langsam zu. Mein Schatten bin ich nur, bald nur mein Name.
Kuoni (zu Rudenz mit dem Becher).
Ich bring’s euch, Junker.
(Da Rudenz zaudert, den Becher zu nehmen.)
Trinket frisch! Es geht Aus einem Becher und aus einem Herzen.
Attinghausen.
Geht, Kinder, und wenn’s Feierabend ist, Dann reden wir auch von des Lands Geschäften.
(Knechte gehen ab.)
Attinghausen und Rudenz.
Attinghausen.
Ich sehe dich gegürtet und gerüstet, Du willst nach Altorf in die Herrenburg?
Rudenz.
Ja, Oheim, und ich darf nicht länger säumen —
Attinghausen (setzt sich).
Hast du’s so eilig? Wie? Ist deiner Jugend Die Zeit so karg gemessen, daß du sie An deinem alten Oheim mußt ersparen?
Rudenz.
Ich sehe, daß ihr meiner nicht bedürft, Ich bin ein Fremdling nur in diesem Hause.
Attinghausen
(hat ihn lange mit den Augen gemustert).
Ja, leider bist du’s. Leider ist die Heimath Zur Fremde dir geworden! Uly! Uly! Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangst du, Die Pfauenfeder trägst du stolz zur Schau, Und schlägst den Purpurmantel um die Schultern; Den Landmann blickst du mit Verachtung an, Und schämst dich seiner traulichen Begrüßung.
Rudenz.
Die Ehr’, die ihm gebührt, geb’ ich ihm gern; Das Recht, das er sich nimmt, verweigr’ ich ihm.
Attinghausen.
Das ganze Land liegt unterm schweren Zorn Des Königs — jedes Biedermannes Herz Ist kummervoll ob der tyrannischen Gewalt, Die wir erdulden — dich allein rührt nicht Der allgemeine Schmerz — dich siehet man, Abtrünnig von den Deinen, auf der Seite Des Landesfeindes stehen, unsrer Noth Hohnsprechend, nach der leichten Freude jagen, Und buhlen um die Fürstengunst, indeß Dein Vaterland von schwerer Geißel blutet.
Rudenz.
Das Land ist schwer bedrängt — Warum, mein Oheim? Wer ist’s, der es gestürzt in diese Noth? Es kostete ein einzig leichtes Wort, Um Augenblicks des Dranges los zu seyn, Und einen gnäd’gen Kaiser zu gewinnen. Weh ihnen, die dem Volk die Augen halten, Daß es dem wahren Besten widerstrebt. Um eignen Vortheils willen hindern sie, Daß die Waldstätte nicht zu Oestreich schwören, Wie ringsum alle Lande doch gethan. Wohl thut es ihnen auf der Herrenbank Zu sitzen mit dem Adelmann — den Kaiser Will man zum Herrn, um keinen Herrn zu haben.
Attinghausen.
Muß ich das hören und aus deinem Munde!
Rudenz.
Ihr habt mich aufgefordert, laßt mich enden. — Welche Person ist’s, Oheim, die ihr selbst Hier spielt? Habt ihr nicht höhern Stolz, als hier Landammann oder Bannerherr zu seyn Und neben diesen Hirten zu regieren? Wie? Ist’s nicht eine rühmlichere Wahl, Zu huldigen dem königlichen Herrn, Sich an sein glänzend Lager anzuschließen, Als eurer eignen Knechte Pair zu seyn, Und zu Gericht zu sitzen mit dem Bauer?
Attinghausen.
Ach, Uly! Uly! Ich erkenne sie Die Stimme der Verführung! Sie ergriff Dein offnes Ohr, sie hat dein Herz vergiftet!
Rudenz.
Ja, ich verberg’ es nicht — in tiefer Seele Schmerzt mich der Spott der Fremdlinge, die uns Den Bauernadel schelten — Nicht ertrag’ ich’s, Indeß die edle Jugend rings umher Sich Ehre sammelt unter Habsburgs Fahnen, Auf meinem Erb hier müßig still zu liegen, Und bei gemeinem Tagewerk den Lenz Des Lebens zu verlieren — Anderswo Geschehen Thaten, eine Welt des Ruhms Bewegt sich glänzend jenseits dieser Berge — Mir rosten in der Halle Helm und Schild; Der Kriegstrommete muthiges Getön, Der Heroldsruf, der zum Turniere ladet, Er dringt in diese Thäler nicht herein; Nichts als den Kuhreihn und der Heerdeglocken Einförmiges Geläut vernehm’ ich hier.
Attinghausen.
Verblendeter, vom eiteln Glanz verführt, Verachte dein Geburtsland! Schäme dich Der uralt frommen Sitte deiner Väter! Mit heißen Thränen wirst du dich dereinst Heimsehnen nach den väterlichen Bergen, Und dieses Heerdenreihens Melodie, Die du in stolzem Ueberdruß verschmähst, Mit Schmerzenssehnsucht wird sie dich ergreifen, Wenn sie dir anklingt aus der fremden Erde. O, mächtig ist der Trieb des Vaterlands! Die fremde, falsche Welt ist nicht für dich; Dort an dem stolzen Kaiserhof bleibst du Dir ewig fremd mit deinem treuen Herzen! Die Welt, sie fordert andre Tugenden, Als du in diesen Thälern dir erworben. — Geh hin, verkaufe deine freie Seele, Nimm Land zu Lehen, werd’ ein Fürstenknecht, Da du ein Selbstherr seyn kannst und ein Fürst Auf deinem eignen Erb’ und freien Boden. Ach, Uly! Uly! Bleibe bei den Deinen! Geh nicht nach Altorf — O, verlaß sie nicht, Die heil’ge Sache deines Vaterlands! — Ich bin der Letzte meines Stamms — Mein Name Endet mit mir. Da hängen Helm und Schild; Die werden sie mir in das Grab mitgeben. Und muß ich denken bei dem letzten Hauch, Daß du mein brechend Auge nur erwartest, Um hinzugehn vor diesen neuen Lehnhof Und meine edeln Güter, die ich frei Von Gott empfing, von Oestreich zu empfangen!
Rudenz.
Vergebens widerstreben wir dem König. Die Welt gehört ihm: wollen wir allein Uns eigensinnig steifen und verstocken, Die Länderkette ihm zu unterbrechen, Die er gewaltig rings um uns gezogen? Sein sind die Märkte, die Gerichte, sein Die Kaufmannsstraßen, und das Saumroß selbst, Das auf den Gotthardt ziehet, muß ihm zollen. Von seinen Ländern wie mit einem Netz Sind wir umgarnet rings und eingeschlossen. — Wird uns das Reich beschützen? Kann es selbst Sich schützen gegen Oestreichs wachsende Gewalt? Hilft Gott uns nicht, kein Kaiser kann uns helfen. Was ist zu geben auf der Kaiser Wort, Wenn sie in Geld- und Kriegesnoth die Städte, Die untern Schirm des Adlers sich geflüchtet, Verpfänden dürfen und dem Reich veräußern? — Nein, Oheim! Wohlthat ist’s und weise Vorsicht In diesen schweren Zeiten der Parteiung, Sich anzuschließen an ein mächtig Haupt. Die Kaiserkrone geht von Stamm zu Stamm, Die hat für treue Dienste kein Gedächtniß. Doch, um den mächt’gen Erbherrn wohl verdienen, Heißt Saaten in die Zukunft streun.
Attinghausen.
Bist du so weise? Willst heller sehn, als deine edeln Väter, Die um der Freiheit kostbarn Edelstein Mit Gut und Blut und Heldenkraft gestritten? — Schiff nach Luzern hinunter, frage dort, Wie Oestreichs Herrschaft lastet auf den Ländern. Sie werden kommen, unsre Schaf’ und Rinder Zu zählen, unsre Alpen abzumessen, Den Hochflug und das Hochgewilde bannen In unsern freien Wäldern, ihren Schlagbaum An unsre Brücken, unsre Thore setzen, Mit unsrer Armuth ihre Länderkäufe, Mit unserm Blute ihre Kriege zahlen — — Nein, wenn wir unser Blut dran setzen sollen, So sey’s für uns — wohlfeiler kaufen wir Die Freiheit als die Knechtschaft ein!
Rudenz.
Was können wir Ein Volk der Hirten, gegen Albrechts Heere!
Attinghausen.
Lern dieses Volk der Hirten kennen, Knabe! Ich kenn’s, ich hab’ es angeführt in Schlachten, Ich hab’ es fechten sehen bei Favenz. Sie sollen kommen, uns ein Joch aufzwingen, Das wir entschlossen sind nicht zu ertragen! — O, lerne fühlen, welches Stamms du bist! Wirf nicht für eiteln Glanz und Flitterschein Die echte Perle deines Werthes hin — Das Haupt zu heißen eines freien Volks, Das dir aus Liebe nur sich herzlich weiht, Das treulich zu dir steht in Kampf und Tod — Das sey dein Stolz, des Adels rühme dich — Die angebornen Bande knüpfe fest, Ans Vaterland, ans theure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft; Dort in der fremden Welt stehst du allein, Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt. O, komm, du hast uns lang nicht mehr gesehn, Versuch’s mit uns nur einen Tag — nur heute Geh nicht nach Altorf — hörst du? heute nicht; Den einen Tag nur schenke dich den Deinen!
(Er faßt seine Hand.)
Rudenz.
Ich gab mein Wort — Laßt mich — Ich bin gebunden.
Attinghausen
(läßt seine Hand los, mit Ernst).
Du bist gebunden — Ja, Unglücklicher, Du bist’s, doch nicht durch Wort und Schwur, Gebunden bist du durch der Liebe Seile!
(Rudenz wendet sich weg.)
— Verbirg dich, wie du willst. Das Fräulein ist’s, Bertha von Bruneck, die zur Herrenburg Dich zieht, dich fesselt an des Kaisers Dienst. Das Ritterfräulein willst du dir erwerben Mit deinem Abfall von dem Land — Betrüg dich nicht! Dich anzulocken, zeigt man dir die Braut; Doch deiner Unschuld ist sie nicht beschieden.
Rudenz.
Genug hab’ ich gehört. Gehabt euch wohl.
(Er geht ab.)
Attinghausen.
Wahnsinn’ger Jüngling, bleib! Er geht dahin! Ich kann ihn nicht erhalten, nicht erretten — So ist der Wolfenschießen abgefallen Von seinem Land — so werden Andre folgen, Der fremde Zauber reißt die Jugend fort, Gewaltsam strebend über unsre Berge. — O unglücksel’ge Stunde, da das Fremde In diese still beglückten Thäler kam, Der Sitten fromme Unschuld zu zerstören! Das Neue dringt herein mit Macht, das Alte, Das Würd’ge scheidet, andre Zeiten kommen, Es lebt ein andersdenkendes Geschlecht! Was thu’ ich hier? Sie sind begraben Alle, Mit denen ich gewaltet und gelebt. Unter der Erde schon liegt meine Zeit; Wohl dem, der mit der neuen nicht mehr braucht zu leben!
(Geht ab.)
Zweite Scene.
Eine Wiese, von hohen Felsen und Wald umgeben.
Auf dem Felsen sind Steige mit Geländern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabsteigen sieht. Im Hintergrunde zeigt sich der See, über welchem anfangs ein Mondregenbogen zu sehen ist. Den Prospect schließen hohe Berge, hinter welchen noch höhere Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf der Scene, nur der See und die weißen Gletscher leuchten im Mondlicht.
Melchthal, Baumgarten. Winkelried, Meier von Sarnen, Burkhart am Bühel, Arnold von Sewa, Klaus von der Flüe und noch vier andere Landleute, alle bewaffnet.
Melchthal (noch hinter der Scene).
Der Bergweg öffnet sich, nur frisch mir nach! Den Fels erkenn’ ich und das Kreuzlein drauf; Wir sind am Ziel, hier ist das Rütli.
(Treten auf mit Windlichtern.)
Winkelried.
Horch!
Sewa.
Ganz leer.
Meier.
’s ist noch kein Landmann da. Wir sind Die ersten auf dem Platz, wir Unterwaldner.
Melchthal.
Wie weit ist’s in der Nacht?
Baumgarten.
Der Feuerwächter Vom Selisberg hat eben Zwei gerufen.
(Man hört in der Ferne läuten.)
Meier.
Still! Horch!
Am Bühel.
Das Mettenglöcklein in der Waldkapelle Klingt hell herüber aus dem Schwytzerland.
Von der Flüe.
Die Luft ist rein und trägt den Schall so weit.
Melchthal.
Gehn Einige und zünden Reisholz an, Daß es loh brenne, wenn die Männer kommen.
(Zwei Landleute gehen.)
Sewa.
’s ist eine schöne Mondennacht. Der See Liegt ruhig da, als wie ein ebner Spiegel.
Am Bühel.
Sie haben eine leichte Fahrt.
Winkelried (zeigt nach dem See).
Ha, seht! Seht dorthin! Seht ihr nichts?
Meier.
Was denn? — Ja, wahrlich! Ein Regenbogen mitten in der Nacht!
Melchthal.
Es ist das Licht des Mondes, das ihn bildet.
Von der Flüe.
Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen! Es leben Viele, die das nicht gesehn.
Sewa.
Er ist doppelt; seht, ein blässerer steht drüber.
Baumgarten.
Ein Nachen fährt so eben drunter weg.
Melchthal.
Das ist der Stauffacher mit seinem Kahn! Der Biedermann läßt sich nicht lang erwarten.
(Geht mit Baumgarten nach dem Ufer.)
Meier.
Die Urner sind es, die am längsten säumen.
Am Bühel.
Sie müssen weit umgehen durchs Gebirg, Daß sie des Landvogts Kundschaft hintergehen.
(Unterdessen haben die zwei Landleute in der Mitte des Platzes ein Feuer angezündet.)
Melchthal (am Ufer).
Wer ist da? Gebt das Wort!
Stauffacher (von unten).
Freunde des Landes.
Alle gehen nach der Tiefe, den Kommenden entgegen. Aus dem Kahn steigen Stauffacher, Itel Reding, Hans auf der Mauer, Jörg im Hofe, Konrad Hunn, Ulrich der Schmid, Jost von Weiler und noch drei andere Landleute, gleichfalls bewaffnet.
Alle (rufen).
Willkommen!
(Indem die Uebrigen in der Tiefe verweilen und sich begrüßen, kommt Melchthal und Stauffacher vorwärts.)
Melchthal.
O Herr Stauffacher! Ich hab’ ihn Gesehn, der mich nicht wiedersehen konnte! Die Hand hab’ ich gelegt auf seine Augen, Und glühend Rachgefühl hab’ ich gesogen Aus der erloschnen Sonne seines Blicks.
Stauffacher.
Sprecht nicht von Rache. Nicht Geschehnes rächen, Gedrohtem Uebel wollen wir begegnen. — Jetzt sagt, was ihr im Unterwaldner Land Geschafft und für gemeine Sach’ geworben; Wie die Landleute denken, wie ihr selbst Den Stricken des Verraths entgangen seyd.
Melchthal.
Durch der Surennen furchtbares Gebirg, Auf weit verbreitet öden Eisesfeldern, Wo nur der heisre Lämmergeier krächzt, Gelangt’ ich zu der Alpentrift, wo sich Aus Uri und vom Engelberg die Hirten Anrufend grüßen und gemeinsam weiden, Den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, Die in den Runsen schäumend niederquillt. In den einsamen Sennhütten kehrt’ ich ein, Mein eigner Wirth und Gast, bis daß ich kam, Zu Wohnungen gesellig lebender Menschen. — Erschollen war in diesen Thälern schon Der Ruf des neuen Gräuels, der geschehn, Und fromme Ehrfurcht schaffte mir mein Unglück Vor jeder Pforte, wo ich wandernd klopfte. Entrüstet fand ich diese graden Seelen Ob dem gewaltsam neuen Regiment; Denn, so wie ihre Alpen fort und fort Dieselben Kräuter nähren, ihre Brunnen Gleichförmig fließen, Wolken selbst und Winde Den gleichen Strich unwandelbar befolgen, So hat die alte Sitte hier vom Ahn Zum Enkel unverändert fort bestanden. Nicht tragen sie verwegne Neuerung Im altgewohnten gleichen Gang des Lebens. — Die harten Hände reichten sie mir dar, Von den Wänden langten sie die rost’gen Schwerter, Und aus den Augen blitzte freudiges Gefühl des Muths, als ich die Namen nannte, Die im Gebirg dem Landmann heilig sind, Den eurigen und Walther Fürsts — Was euch Recht würde dünken, schworen sie zu thun, Euch schworen sie bis in den Tod zu folgen. — So eilt’ ich sicher unterm heil’gen Schirm Des Gastrechts von Gehöfte zu Gehöfte — Und, als ich kam ins heimatliche Thal, Wo mir die Vettern viel verbreitet wohnen — Als ich den Vater fand, beraubt und blind, Auf fremdem Stroh, von der Barmherzigkeit Mildthät’ger Menschen lebend —
Stauffacher.
Herr im Himmel!
Melchthal.
Da weint’ ich nicht! Nicht in ohnmächt’gen Thränen Goß ich die Kraft des heißen Schmerzens aus; In tiefer Brust, wie einen theuren Schatz, Verschloß ich ihn und dachte nur auf Thaten. Ich kroch durch alle Krümmen des Gebirgs; Kein Thal war so versteckt, ich späht’ es aus, Bis an der Gletscher eisbedeckten Fuß Erwartet’ ich und fand bewohnte Hütten, Und überall, wohin mein Fuß mich trug, Fand ich den gleichen Haß der Tyrannei; Denn bis an diese letzte Grenze selbst Belebter Schöpfung, wo der starre Boden Aufhört zu geben, raubt der Vögte Geiz — Die Herzen alle dieses biedern Volks Erregt’ ich mit dem Stachel meiner Worte, Und unser sind sie All’ mit Herz und Mund.
Stauffacher.
Großes habt ihr in kurzer Zeit geleistet.
Melchthal.
Ich that noch mehr. Die beiden Vesten sind’s, Roßberg und Sarnen, die der Landmann fürchtet; Denn hinter ihren Felsenwällen schirmt Der Feind sich leicht und schädiget das Land. Mit eignen Augen wollt’ ich es erkunden; Ich war zu Sarnen und besah die Burg.
Stauffacher.
Ihr wagtet euch bis in des Tigers Höhle?
Melchthal.
Ich war verkleidet dort in Pilgerstracht, Ich sah den Landvogt an der Tafel schwelgen — Urtheilt, ob ich mein Herz bezwingen kann; Ich sah den Feind, und ich erschlug ihn nicht.
Stauffacher.
Fürwahr, das Glück war eurer Kühnheit hold.
(Unterdessen sind die andern Landleute vorwärts gekommen und nähern sich den Beiden.)
Doch jetzo sagt mir, wer die Freunde sind Und die gerechten Männer, die euch folgten? Macht mich bekannt mit ihnen, daß wir uns Zutraulich nahen und die Herzen öffnen.
Meier.
Wer kennte euch nicht, Herr, in den drei Landen? Ich bin der Meier von Sarnen; dies hier ist Mein Schwestersohn, der Struth von Winkelried.
Stauffacher.
Ihr nennt mir keinen unbekannten Namen. Ein Winkelried war’s, der den Drachen schlug Im Sumpf bei Weiler und sein Leben ließ In diesem Strauß.
Winkelried.
Das war mein Ahn, Herr Werner.
Melchthal (zeigt auf zwei Landleute).
Die wohnen hinterm Wald, sind Klosterleute Vom Engelberg — Ihr werdet sie drum nicht Verachten, weil sie eigne Leute sind Und nicht, wie wir, frei sitzen auf dem Erbe — Sie lieben’s Land, sind sonst auch wohl berufen.
Stauffacher (zu den Beiden).
Gebt mir die Hand. Es preise sich, wer Keinem Mit seinem Leibe pflichtig ist auf Erden; Doch Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.
Konrad Hunn.
Das ist Herr Reding, unser Altlandammann.
Meier.
Ich kenn’ ihn wohl. Er ist mein Widerpart, Der um ein altes Erbstück mit mir rechtet. — Herr Reding, wir sind Feinde vor Gericht; Hier sind wir einig.
(Schüttelt ihm die Hand.)
Stauffacher.
Das ist brav gesprochen.
Winkelried.
Hört ihr? Sie kommen. Hört das Horn von Uri!
(Rechts und links sieht man bewaffnete Männer mit Windlichtern die Felsen herabsteigen.)
Auf der Mauer.
Seht! Steigt nicht selbst der fromme Diener Gottes, Der würd’ge Pfarrer mit herab? Nicht scheut er Des Weges Mühen und das Graun der Nacht, Ein treuer Hirte für das Volk zu sorgen.
Baumgarten.
Der Sigrist folgt ihm und Herr Walther Fürst; Doch nicht den Tell erblick’ ich in der Menge.
Walther Fürst, Rösselmann, der Pfarrer, Petermann, der Sigrist, Kuoni, der Hirt, Werni, der Jäger, Ruodi, der Fischer, und noch fünf andere Landleute. Alle zusammen, drei und dreißig an der Zahl, treten vorwärts und stellen sich um das Feuer.
Walther Fürst.
So müssen wir auf unserm eignen Erb’ Und väterlichen Boden uns verstohlen Zusammen schleichen, wie die Mörder thun! Und bei der Nacht, die ihren schwarzen Mantel Nur dem Verbrechen und der sonnenscheuen Verschwörung leihet, unser gutes Recht Uns holen, das doch lauter ist und klar, Gleichwie der glanzvoll offne Schooß des Tages.
Melchthal.
Laßt’s gut seyn. Was die dunkle Nacht gesponnen, Soll frei und fröhlich an das Licht der Sonnen.
Rösselmann.
Hört, was mir Gott ins Herz gibt, Eidgenossen! Wir stehen hier statt einer Landsgemeinde Und können gelten für ein ganzes Volk. So laßt uns tagen nach den alten Bräuchen Des Lands, wie wir’s in ruhigen Zeiten pflegen; Was ungesetzlich ist in der Versammlung, Entschuldige die Noth der Zeit. Doch Gott Ist überall, wo man das Recht verwaltet, Und unter seinem Himmel stehen wir.
Stauffacher.
Wohl, laßt uns tagen nach der alten Sitte; Ist es gleich Nacht, so leuchtet unser Recht.
Melchthal.
Ist gleich die Zahl nicht voll, das Herz ist hier Des ganzen Volks, die Besten sind zugegen.
Konrad Hunn.
Sind auch die alten Bücher nicht zur Hand, Sie sind in unsre Herzen eingeschrieben.
Rösselmann.
Wohlan, so sey der Ring sogleich gebildet. Man pflanze auf die Schwerter der Gewalt!
Auf der Mauer.
Der Landesammann nehme seinen Platz, Und seine Waibel stehen ihm zur Seite!
Sigrist.
Es sind der Völker dreie. Welchem nun Gebührt’s, das Haupt zu geben der Gemeinde?
Meier.
Um diese Ehr’ mag Schwytz mit Uri streiten; Wir Unterwaldner stehen frei zurück.
Melchthal.
Wir stehn zurück, wir sind die Flehenden, Die Hülfe heischen von den mächt’gen Freunden.
Stauffacher.
So nehme Uri denn das Schwert, sein Banner Zieht bei den Römerzügen uns voran.
Walther Fürst.
Des Schwertes Ehre werde Schwytz zu Theil, Denn seines Stammes rühmen wir uns Alle.
Rösselmann.
Den edlen Wettstreit laßt mich freundlich schlichten: Schwytz soll im Rath, Uri im Felde führen.
Walther Fürst
(reicht dem Stauffacher die Schwerter).
So nehmt!
Stauffacher.
Nicht mir, dem Alter sey die Ehre.
Im Hofe.
Die meisten Jahre zählt Ulrich der Schmid.
Auf der Mauer.
Der Mann ist wacker, doch nicht freien Stands; Kein eigner Mann kann Richter seyn in Schwytz.
Stauffacher.
Steht nicht Herr Reding hier, der Altlandammann? Was suchen wir noch einen Würdigern?
Walther Fürst.
Er sey der Ammann und des Tages Haupt! Wer dazu stimmt, erhebe seine Hände.
(Alle heben die rechte Hand auf.)
Reding (tritt in die Mitte).
Ich kann die Hand nicht auf die Bücher legen; So schwör’ ich droben bei den ew’gen Sternen, Daß ich mich nimmer will vom Recht entfernen.
(Man richtet die zwei Schwerter vor ihm auf, der Ring bildet sich um ihn her, Schwytz hält die Mitte, rechts stellt sich Uri und links Unterwalden. Er steht auf sein Schlachtschwert gestützt.)
Was ist’s, das die drei Völker des Gebirgs Hier an des Sees unwirthlichem Gestade Zusammenführte in der Geisterstunde? Was soll der Inhalt seyn des neuen Bunds, Den wir hier unterm Sternenhimmel stiften?
Stauffacher (tritt in den Ring).
Wir stiften keinen neuen Bund; es ist Ein uralt Bündniß nur von Väter Zeit, Das wir erneuern! Wisset, Eidgenossen! Ob uns der See, ob uns die Berge scheiden, Und jedes Volk sich für sich selbst regiert, So sind wir eines Stammes doch und Bluts, Und eine Heimat ist’s, aus der wir zogen.
Winkelried.
So ist es wahr, wie’s in den Liedern lautet, Daß wir von fern her in das Land gewallt? O, theilt’s uns mit, was euch davon bekannt, Daß sich der neue Bund am alten stärke.
Stauffacher.
Hört, was die alten Hirten sich erzählen. — Es war ein großes Volk, hinten im Lande Nach Mitternacht, das litt von schwerer Theurung. In dieser Noth beschloß die Landsgemeinde, Daß je der zehnte Bürger nach dem Loos Der Väter Land verlasse — Das geschah! Und zogen aus wehklagend, Männer und Weiber, Ein großer Heerzug nach der Mittagssonne, Mit dem Schwert sich schlagend durch das deutsche Land, Bis an das Hochland dieser Waldgebirge; Und eher nicht ermüdete der Zug, Bis daß sie kamen in das wilde Thal, Wo jetzt die Muotta zwischen Wiesen rinnt — Nicht Menschenspuren waren hier zu sehen, Nur eine Hütte stand am Ufer einsam. Da saß ein Mann und wartete der Fähre — Doch heftig wogete der See und war Nicht fahrbar; da besahen sie das Land Sich näher und gewahrten schöne Fülle Des Holzes und entdeckten gute Brunnen, Und meinten, sich im lieben Vaterland Zu finden — Da beschlossen sie zu bleiben, Erbaueten den alten Flecken Schwytz Und hatten manchen sauren Tag, den Wald Mit weit verschlungnen Wurzeln auszuroden — Drauf, als der Boden nicht mehr Gnügen that Der Zahl des Volks, da zogen sie hinüber. Zum schwarzen Berg, ja, bis ans Weißland hin, Wo hinter ew’gem Eiseswall verborgen, Ein andres Volk in andern Zungen spricht. Den Flecken Stanz erbauten sie am Kernwald, Den Flecken Altorf in dem Thal der Reuß — Doch blieben sie des Ursprungs stets gedenk; Aus all’ den fremden Stämmen, die seitdem In Mitte ihres Lands sich angesiedelt, Finden die Schwytzer Männer sich heraus, Es gibt das Herz, das Blut sich zu erkennen.
(Reicht rechts und links die Hand hin.)
Auf der Mauer.
Ja, wir sind eines Herzens, eines Bluts!
Alle (sich die Hände reichend).
Wir sind ein Volk, und einig wollen wir handeln.
Stauffacher.
Die andern Völker tragen fremdes Joch, Sie haben sich dem Sieger unterworfen. Es leben selbst in unsern Landesmarken Der Sassen viel, die fremde Pflichten tragen, Und ihre Knechtschaft erbt auf ihre Kinder. Doch wir, der alten Schweizer echter Stamm, Wir haben stets die Freiheit uns bewahrt. Nicht unter Fürsten bogen wir das Knie, Freiwillig wählten wir den Schirm der Kaiser.
Rösselmann.
Frei wählten wir des Reiches Schutz und Schirm; So steht’s bemerkt in Kaiser Friedrichs Brief.
Stauffacher.
Denn herrenlos ist auch der Freiste nicht. Ein Oberhaupt muß seyn, ein höchster Richter, Wo man das Recht mag schöpfen in dem Streit. Drum haben unsre Väter für den Boden, Den sie der alten Wildniß abgewonnen, Die Ehr’ gegönnt dem Kaiser, der den Herrn Sich nennt der deutschen und der wälschen Erde, Und, wie die andern Freien seines Reichs, Sich ihm zu edlem Waffendienst gelobt; Denn dieses ist der Freien einz’ge Pflicht, Das Reich zu schirmen, das sie selbst beschirmt.
Melchthal.
Was drüber ist, ist Merkmal eines Knechts.
Stauffacher.
Sie folgten, wenn der Heribann erging, Dem Reichspanier und schlugen seine Schlachten. Nach Welschland zogen sie gewappnet mit, Die Römerkron’ ihm auf das Haupt zu setzen. Daheim regierten sie sich fröhlich selbst Nach altem Brauch und eigenem Gesetz; Der höchste Blutbann war allein des Kaisers. Und dazu ward bestellt ein großer Graf, Der hatte seinen Sitz nicht in dem Lande. Wenn Blutschuld kam, so rief man ihn herein, Und unter offnem Himmel schlicht und klar, Sprach er das Recht und ohne Furcht der Menschen. Wo sind hier Spuren, daß wir Knechte sind? Ist einer, der es anders weiß, der rede!
Im Hofe.
Nein, so verhält sich Alles, wie ihr sprecht, Gewaltherrschaft ward nie bei uns geduldet.
Stauffacher.
Dem Kaiser selbst versagten wir Gehorsam, Da er das Recht zu Gunst der Pfaffen bog. Denn, als die Leute von dem Gotteshaus Einsiedeln uns die Alp in Anspruch nahmen, Die wir beweidet seit der Väter Zeit, Der Abt herfürzog einen alten Brief, Der ihm die herrenlose Wüste schenkte — Denn unser Daseyn hatte man verhehlt — Da sprachen wir: „Erschlichen ist der Brief! Kein Kaiser kann, was unser ist, verschenken; Und, wird uns Recht versagt vom Reich, wir können In unsern Bergen auch des Reichs entbehren.“ — So sprachen unsre Väter! Sollen wir Des neuen Joches Schändlichkeit erdulden, Erleiden von dem fremden Knecht, was uns In seiner Macht kein Kaiser durfte bieten? — Wir haben diesen Boden uns erschaffen Durch unsrer Hände Fleiß, den alten Wald, Der sonst der Bären wilde Wohnung war, Zu einem Sitz für Menschen umgewandelt; Die Brut des Drachen haben wir getödtet, Der aus den Sümpfen giftgeschwollen stieg; Die Nebeldecke haben wir zerrissen, Die ewig grau um diese Wildniß hing, Den harten Fels gesprengt, über den Abgrund Dem Wandersmann den sichern Steg geleitet; Unser ist durch tausendjährigen Besitz Der Boden — und der fremde Herrenknecht Soll kommen dürfen und uns Ketten schmieden, Und Schmach anthun auf unsrer eignen Erde? Ist keine Hülfe gegen solchen Drang?
(Eine große Bewegung unter den Landleuten.)
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht. Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last — greift er Hinauf getrosten Muthes in den Himmel Und holt herunter seine ew’gen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst — Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, Wo Mensch dem Menschen gegenüber steht — Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben — Der Güter höchstes dürfen wir vertheid’gen Gegen Gewalt — Wir stehn für unser Land, Wir stehn für unsre Weiber, unsre Kinder!
Alle (an ihre Schwerter schlagend).
Wir stehn für unsre Weiber, unsre Kinder!
Rösselmann (tritt in den Ring).
Eh’ ihr zum Schwerte greift, bedenkt es wohl! Ihr könnt es friedlich mit dem Kaiser schlichten. Es kostet euch ein Wort, und die Tyrannen, Die euch jetzt schwer bedrängen, schmeicheln euch. — Ergreift, was man euch oft geboten hat, Trennt euch vom Reich, erkennet Oestreichs Hoheit —
Auf der Mauer.
Was sagt der Pfarrer? Wir zu Oestreich schwören!
Am Bühel.
Hört ihn nicht an!
Winkelried.
Das räth uns ein Verräther, Ein Feind des Landes!
Reding.
Ruhig, Eidgenossen!
Sewa.
Wir Oestreich huldigen, nach solcher Schmach!
Von der Flüe.
Wir uns abtrotzen lassen durch Gewalt, Was wir der Güte weigerten!
Meier.
Dann wären Wir Sklaven und verdienten, es zu seyn!
Auf der Mauer.
Der sey gestoßen aus dem Recht der Schweizer, Wer von Ergebung spricht an Oesterreich! — Landammann, ich bestehe drauf: Dies sey Das erste Landsgesetz, das wir hier geben.
Melchthal.
So sey’s. Wer von Ergebung spricht an Oesterreich, Soll rechtlos seyn und aller Ehren baar, Kein Landmann nehm’ ihn auf an seinem Feuer.
Alle (heben die rechte Hand auf).
Wir wollen es, das sey Gesetz!
Reding (nach einer Pause).
Es ist’s.
Rösselmann.
Jetzt seyd ihr frei, ihr seyd’s durch dies Gesetz. Nicht durch Gewalt soll Oesterreich ertrotzen, Was es durch freundlich Werben nicht erhielt —
Jost von Weiler.
Zur Tagesordnung, weiter!
Reding.
Eidgenossen! Sind alle sanften Mittel auch versucht? Vielleicht weiß es der König nicht; es ist Wohl gar sein Wille nicht, was wir erdulden. Auch dieses Letzte sollten wir versuchen, Erst unsre Klage bringen vor sein Ohr, Eh wir zum Schwerte greifen. Schrecklich immer, Auch in gerechter Sache, ist Gewalt. Gott hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen.
Stauffacher (zu Konrad Hunn).
Nun ist’s an euch, Bericht zu geben. Redet.
Konrad Hunn.
Ich war zu Rheinfeld an des Kaisers Pfalz, Wider der Vögte harten Druck zu klagen. Den Brief zu holen unsrer alten Freiheit, Den jeder neue König sonst bestätigt. Die Boten vieler Städte fand ich dort, Vom schwäb’schen Lande und vom Lauf des Rheins, Die all’ erhielten ihre Pergamente Und kehrten freudig wieder in ihr Land. Mich, euren Boten, wies man die Räthe, Und die entließen mich mit leerem Trost: „Der Kaiser habe diesmal keine Zeit; Er würde sonst einmal wohl an uns denken.“ — Und, als ich traurig durch die Säle ging Der Königsburg, da sah ich Herzog Hansen In einem Erker weinend stehn, um ihn Die edeln Herrn von Wart und Tegerfeld, Die riefen mir und sagten: „Helft euch selbst! Gerechtigkeit erwartet nicht vom König. Beraubt er nicht des eignen Bruders Kind, Und hinterhält ihm sein gerechtes Erbe? Der Herzog fleht ihn um sein Mütterliches, Er habe seine Jahre voll, es wäre Nun Zeit, auch Land und Leute zu regieren. — Was ward ihm zum Bescheid? ein Kränzlein setzt’ ihm Der Kaiser auf: Das sey die Zier der Jugend.“
Auf der Mauer.
Ihr habt’s gehört. Recht und Gerechtigkeit Erwartet nicht vom Kaiser! Helft euch selbst!
Reding.
Nichts Andres bleibt uns übrig. Nun gebt Rath, Wie wir es klug zum frohen Ende leiten.
Walther Fürst (tritt in den Ring).
Abtreiben wollen wir verhaßten Zwang; Die alten Rechte, wie wir sie ererbt Von unsern Vätern, wollen wir bewahren, Nicht ungezügelt nach dem Neuen greifen. Dem Kaiser bleibe, was des Kaisers ist; Wer einen Herrn hat, dien’ ihm pflichtgemäß.
Meier.
Ich trage Gut von Oesterreich zu Lehen.
Walther Fürst.
Ihr fahret fort, Oestreich die Pflicht zu leisten.
Jost von Weiler.
Ich steure an die Herrn von Rappersweil.
Walther Fürst.
Ihr fahret fort, zu zinsen und zu steuern.
Rösselmann.
Der großen Frau zu Zürich bin ich vereidet.
Walther Fürst.
Ihr gebt dem Kloster, was des Klosters ist.
Stauffacher.
Ich trage keine Lehen, als des Reichs.
Walther Fürst.
Was seyn muß, das geschehe, doch nicht drüber. Die Vögte wollen wir mit ihren Knechten Verjagen und die festen Schlösser brechen; Doch, wenn es seyn mag, ohne Blut. Es sehe Der Kaiser, daß wir nothgedrungen nur Der Ehrfurcht fromme Pflichten abgeworfen. Und, sieht er uns in unsern Schranken bleiben, Vielleicht besiegt er staatsklug seinen Zorn; Denn bill’ge Furcht erwecket sich ein Volk, Das mit dem Schwerte in der Faust sich mäßigt.
Reding.
Doch lasset hören, wie vollenden wir’s? Es hat der Feind die Waffen in der Hand, Und nicht fürwahr in Frieden wird er weichen.
Stauffacher.
Er wird’s, wenn er in Waffen uns erblickt; Wir überraschen ihn, eh’ er sich rüstet.
Meier.
Ist bald gesprochen, aber schwer gethan. Uns ragen in dem Land zwei feste Schlösser, Die geben Schirm dem Feind und werden furchtbar, Wenn uns der König in das Land sollt’ fallen. Roßberg und Sarnen muß bezwungen seyn, Eh man ein Schwert erhebt in den drei Landen.
Stauffacher.
Säumt man so lang, so wird der Feind gewarnt; Zu Viele sind’s, die das Geheimniß theilen.
Meier.
In den Waldstätten find’t sich kein Verräther.
Rösselmann.
Der Eifer auch, der gute, kann verrathen.
Walther Fürst.
Schiebt man es auf, so wird der Twing vollendet In Altorf, und der Vogt befestigt sich.
Meier.
Ihr denkt an euch.
Sigrist.
Und ihr seyd ungerecht.
Meier (auffahrend).
Wir ungerecht! Das darf uns Uri bieten!
Reding.
Bei eurem Eide, Ruh!
Meier.
Ja, wenn sich Schwytz Versteht mit Uri, müssen wir wohl schweigen.
Reding.
Ich muß euch weisen vor der Landsgemeinde, Daß ihr mit heft’gem Sinn den Frieden stört! Stehn wir nicht Alle für dieselbe Sache?
Winkelried.
Wenn wir’s verschieben bis zum Fest des Herrn, Dann bringt’s die Sitte mit, daß alle Sassen Dem Vogt Geschenke bringen auf das Schloß. So können zehen Männer oder zwölf Sich unverdächtig in der Burg versammeln, Die führen heimlich spitz’ge Eisen mit, Die man geschwind kann an die Stäbe stecken, Denn Niemand kommt mit Waffen in die Burg. Zunächst im Wald hält dann der große Haufe, Und, wenn die Andern glücklich sich des Thors Ermächtiget, so wird ein Horn geblasen, Und jene brechen aus dem Hinterhalt. So wird das Schloß mit leichter Arbeit unser.
Melchthal.
Den Roßberg übernehm’ ich zu ersteigen, Denn eine Dirn’ des Schlosses ist mir hold, Und leicht bethör’ ich sie, zum nächtlichen Besuch die schwanke Leiter mir zu reichen; Bin ich droben erst, zieh’ ich die Freunde nach.
Reding.
Ist’s Aller Wille, daß verschoben werde?
(Die Mehrheit erhebt die Hand.)
Stauffacher (zählt die Stimmen).
Es ist ein Mehr von Zwanzig gegen Zwölf.
Walther Fürst.
Wenn am bestimmten Tag die Burgen fallen, So geben wir von einem Berg zum andern Das Zeichen mit dem Rauch; der Landsturm wird Aufgeboten, schnell, im Hauptort jedes Landes; Wenn dann die Vögte sehn der Waffen Ernst, Glaubt mir, sie werden sich des Streits begeben, Und gern ergreifen friedliches Geleit, Aus unsern Landesmarken zu entweichen.
Stauffacher.
Nur mit dem Geßler fürcht’ ich schweren Stand, Furchtbar ist er mit Reisigen umgeben; Nicht ohne Blut räumt er das Feld, ja, selbst Vertrieben bleibt er furchtbar noch dem Land. Schwer ist’s und fast gefährlich, ihn zu schonen.
Baumgarten.
Wo’s halsgefährlich ist, da stellt mich hin! Dem Tell verdank’ ich mein gerettet Leben. Gern schlag’ ich’s in die Schanze für das Land, Mein’ Ehr’ hab’ ich beschützt, mein Herz befriedigt.
Reding.
Die Zeit bringt Rath. Erwartet’s in Geduld. Man muß dem Augenblick auch was vertrauen. — Doch seht, indeß wir nächtlich hier noch tagen, Stellt auf den höchsten Bergen schon der Morgen Die glüh’nde Hochwacht aus — Kommt, laßt uns scheiden, Eh uns des Tages Leuchten überrascht.
Walther Fürst.
Sorgt nicht, die Nacht weicht langsam aus den Thälern.
(Alle haben unwillkürlich die Hüte abgenommen und betrachten mit stiller Sammlung die Morgenröthe.)
Rösselmann.
Bei diesem Licht, das uns zuerst begrüßt Von allen Völkern, die tief unter uns Schwer athmend wohnen in dem Qualm der Städte, Laßt uns den Eid des neuen Bundes schwören. — Wir wollen seyn ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Noth uns trennen und Gefahr.
(Alle sprechen es nach mit erhobenen drei Fingern.)
Wir wollen frei seyn, wie die Väter waren, Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
(Wie oben.)
— Wir wollen trauen auf den höchsten Gott Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
(Wie oben. Die Landleute umarmen einander.)
Stauffacher.
Jetzt gehe Jeder seines Weges still Zu seiner Freundschaft und Genoßsame. Wer Hirt ist, wintre ruhig seine Heerde Und werb im Stillen Freunde für den Bund. — Was noch bis dahin muß erduldet werden, Erduldet’s! Laßt die Rechnung der Tyrannen Anwachsen, bis ein Tag die allgemeine Und die besondere Schuld auf einmal zahlt. Bezähme Jeder die gerechte Wuth, Und spare für das Ganze seine Rache; Denn Raub begeht am allgemeinen Gut, Wer selbst sich hilft in seiner eignen Sache.
(Indem sie zu drei verschiedenen Seiten in größter Ruhe abgehen, fällt das Orchester mit einem prachtvollen Schwung ein; die leere Scene bleibt noch eine Zeit lang offen und zeigt das Schauspiel der aufgehenden Sonne über den Eisgebirgen.)