Vierter Aufzug.
Reading edition
Erste Scene.
Oestliches Ufer des Vierwaldstättersees.
Die seltsam gestalteten schroffen Felsen im Westen schließen den Prospect. Der See ist bewegt, heftiges Rauschen und Tosen, dazwischen Blitze und Donnerschläge.
Kunz von Gersau. Fischer und Fischerknabe.
Kunz.
Ich sah’s mit Augen an, ihr könnt mir’s glauben; ’s ist Alles so geschehn, wie ich euch sagte.
Fischer.
Der Tell gefangen abgeführt nach Küßnacht, Der beste Mann im Land, der bravste Arm, Wenn’s einmal gelten sollte für die Freiheit.
Kunz.
Der Landvogt führt ihn selbst den See herauf; Sie waren eben dran, sich einzuschiffen, Als ich von Flüelen abfuhr; doch der Sturm, Der eben jetzt im Anzug ist, und der Auch mich gezwungen, eilends hier zu landen, Mag ihre Abfahrt wohl verhindert haben.
Fischer.
Der Tell in Fesseln, in des Vogts Gewalt! O, glaubt, er wird ihn tief genug vergraben, Daß er des Tages Licht nicht wieder sieht! Denn fürchten muß er die gerechte Rache Des freien Mannes, den er schwer gereizt!
Kunz.
Der Altlandammann auch, der edle Herr Von Attinghausen, sagt man, lieg’ am Tode.
Fischer.
So bricht der letzte Anker unsrer Hoffnung! Der war es noch allein, der seine Stimme Erheben durfte für des Volkes Rechte!
Kunz.
Der Sturm nimmt überhand. Gehabt euch wohl! Ich nehme Herberg’ in dem Dorf; denn heut Ist doch an keine Abfahrt mehr zu denken.
(Geht ab.)
Fischer.
Der Tell gefangen, und der Freiherr todt! Erheb die freche Stirne, Tyrannei, Wirf alle Scham hinweg! Der Mund der Wahrheit Ist stumm, das sehn’de Auge ist geblendet, Der Arm, der retten sollte, ist gefesselt!
Knabe.
Es hagelt schwer. Kommt in die Hütte, Vater, Es ist nicht kommlich, hier im Freien hausen.
Fischer.
Raset, ihr Winde! Flammt herab, ihr Blitze! Ihr Wolken berstet! Gießt herunter, Ströme Des Himmels, und ersäuft das Land! Zerstört Im Keim die ungeborenen Geschlechter! Ihr wilden Elemente, werdet Herr! Ihr Bären, kommt, ihr alten Wölfe wieder Der großen Wüste! euch gehört das Land. Wer wird hier leben wollen ohne Freiheit!
Knabe.
Hört, wie der Abgrund tost, der Wirbel brüllt, So hat’s noch nie gerast in diesem Schlunde!
Fischer.
Zu zielen auf des eignen Kindes Haupt, Solches ward keinem Vater noch geboten! Und die Natur soll nicht in wildem Grimm Sich drob empören — O, mich soll’s nicht wundern, Wenn sich die Felsen bücken in die See, Wenn jene Zacken, jene Eisesthürme, Die nie aufthauten seit dem Schöpfungstag, Von ihren hohen Kulmen niederschmelzen, Wenn die Berge brechen, wenn die alten Klüfte Einstürzen, eine zweite Sündflut alle Wohnstätten der Lebendigen verschlingt!
(Man hört läuten.)
Knabe.
Hört ihr, sie läuten droben auf dem Berg. Gewiß hat man ein Schiff in Noth gesehn Und zieht die Glocke, daß gebetet werde.
(Steigt auf eine Anhöhe.)
Fischer.
Wehe dem Fahrzeug, das, jetzt unterwegs, In dieser furchtbarn Wiege wird gewiegt! Hier ist das Steuer unnütz und der Steurer, Der Sturm ist Meister, Wind und Welle spielen Ball mit dem Menschen — Da ist nah und fern Kein Busen, der ihm freundlich Schutz gewährte! Handlos und schroff ansteigend starren ihm Die Felsen, die unwirthlichen, entgegen Und weisen ihm nur ihre steinern schroffe Brust.
Knabe (deutet links).
Vater, ein Schiff! es kommt von Flüelen her.
Fischer.
Gott helf den armen Leuten! Wenn der Sturm In dieser Wasserkluft sich erst verfangen, Dann rast er um sich mit des Raubthiers Angst, Das an des Gitters Eisenstäbe schlägt! Die Pforte sucht er heulend sich vergebens; Denn ringsum schränken ihn die Felsen ein, Die himmelhoch den engen Paß vermauern.
(Er steigt auf eine Anhöhe.)
Knabe.
Es ist das Herrenschiff von Uri, Vater, Ich kenn’s am rothen Dach und an der Fahne.
Fischer.
Gerichte Gottes! Ja, er ist es selbst, Der Landvogt, der da fährt — Dort schifft er hin Und führt im Schiffe sein Verbrechen mit! Schnell hat der Arm des Rächers ihn gefunden, Jetzt kennt er über sich den stärkern Herrn. Diese Wellen geben nicht auf seine Stimme, Diese Felsen bücken ihre Häupter nicht Vor seinem Hute — Knabe, bete nicht! Greif nicht dem Richter in den Arm!
Knabe.
Ich bete für den Landvogt nicht — Ich bete Für den Tell, der auf dem Schiff sich mit befindet.
Fischer.
O Unvernunft des blinden Elements! Mußt du, um einen Schuldigen zu treffen, Das Schiff mit sammt dem Steuermann verderben.
Knabe.
Sieh, sieh, sie waren glücklich schon vorbei Am Buggisgrat; doch die Gewalt des Sturms, Der von dem Teufelsmünster widerprallt, Wirft sie zum großen Axenberg zurück. — Ich seh sie nicht mehr.
Fischer.
Dort ist das Hackmesser, Wo schon der Schiffe mehrere gebrochen. Wenn sie nicht weislich dort vorüberlenken, So wird das Schiff zerschmettert an der Fluh, Die sich gähstotzig absenkt in die Tiefe. — Sie haben einen guten Steuermann Am Bord; könnt’ Einer retten, wär’s der Tell; Doch dem sind Arm’ und Hände ja gefesselt.
Wilhelm Tell mit der Armbrust.
(Er kommt mit raschen Schritten, blickt erstaunt umher und zeigt die heftigste Bewegung. Wenn er mitten auf der Scene ist, wirft er sich nieder, die Hände zu der Erde und dann zum Himmel ausbreitend).
Knabe (bemerkt ihn).
Sieh, Vater, wer der Mann ist, der dort kniet?
Fischer.
Er faßt die Erde an mit seinen Händen Und scheint wie außer sich zu seyn.
Knabe (kommt vorwärts).
Was seh’ ich! Vater! Vater, kommt und seht!
Fischer (nähert sich).
Wer ist es? — Gott im Himmel! Was? der Tell? Wie kommt ihr hieher? Redet!
Knabe.
Wart ihr nicht Dort auf dem Schiff gefangen und gebunden?
Fischer.
Ihr wurdet nicht nach Küßnacht abgeführt?
Tell (steht auf).
Ich bin befreit.
Fischer und Knabe.
Befreit! O Wunder Gottes!
Knabe.
Wo kommt ihr her?
Tell.
Dort aus dem Schiffe.
Fischer.
Was?
Knabe (zugleich).
Wo ist der Landvogt?
Tell.
Auf den Wellen treibt er.
Fischer.
Ist’s möglich? Aber ihr? wie seyd ihr hier? Seyd euren Banden und dem Sturm entkommen?
Tell.
Durch Gottes gnäd’ge Fürsehung — Hört an!
Fischer und Knabe.
O, redet, redet!
Tell.
Was in Altorf sich Begeben, wißt ihr’s?
Fischer.
Alles weiß ich, redet!
Tell.
Daß mich der Landvogt fahen ließ und binden, Nach seiner Burg zu Küßnacht wollte führen.
Fischer.
Und sich mit euch zu Flüelen eingeschifft, Wir wissen Alles. Sprecht, wie ihr entkommen?
Tell.
Ich lag im Schiff mit Stricken fest gebunden, Wehrlos, ein aufgegebner Mann — Nicht hofft’ ich, Das frohe Licht der Sonne mehr zu sehn, Die Gattin und der Kinder liebes Antlitz, Und trostlos blickt’ ich in die Wasserwüste —
Fischer.
O armer Mann!
Tell.
So fuhren wir dahin, Der Vogt, Rudolph der Harras und die Knechte. Mein Köcher aber mit der Armbrust lag Am hintern Gransen bei dem Steuerruder. Und, als wir an die Ecke jetzt gelangt Beim kleinen Axen, da verhängt’ es Gott, Daß solch ein grausam mördrisch Ungewitter Gählings herfürbrach aus des Gotthardts Schlünden, Daß allen Ruderern das Herz entsank, Und meinten Alle, elend zu ertrinken. Da hört’ ich’s, wie der Diener einer sich Zum Landvogt wendet’ und die Worte sprach: Ihr sehet eure Noth und unsre, Herr, Und daß wir All’ am Rand des Todes schweben — Die Steuerleute aber wissen sich Vor großer Furcht nicht Rath und sind des Fahrens Nicht wohl berichtet — Nun aber ist der Tell Ein starker Mann und weiß ein Schiff zu steuern. Wie, wenn wir sein jetzt brauchten in der Noth? Da sprach der Vogt zu mir: Tell, wenn du dir’s Getrautest, uns zu helfen aus dem Sturm, So möcht’ ich dich der Bande wohl entled’gen. Ich aber sprach: Ja, Herr, mit Gottes Hülfe Getrau’ ich mir’s und helf’ uns wohl hiedannen. So ward ich meiner Bande los und stand Am Steuerruder und fuhr redlich hin: Doch schielt ich seitwärts, wo mein Schießzeug lag, Und an dem Ufer merkt’ ich scharf umher, Wo sich ein Vortheil aufthät zum Entspringen. Und, wie ich eines Felsenriffs gewahre, Das abgeplattet vorsprang in den See —
Fischer.
Ich kenn’s, es ist am Fuß des großen Axen, Doch nicht für möglich acht’ ich’s — so gar steil Geht’s an — vom Schiff es springend abzureichen —
Tell.
Schrie ich den Knechten, handlich zuzugehn, Bis daß wir vor die Felsenplatte kämen, Dort, rief ich, sey das Aergste überstanden — Und, als wir sie frischrudernd bald erreicht, Fleh’ ich die Gnade Gottes an und drücke, Mit allen Leibeskräften angestemmt, Den hintern Gransen an die Felswand hin. Jetzt, schnell mein Schießzeug fassend, schwing ich selbst Hochspringend auf die Platte mich hinauf, Und mit gewalt’gem Fußstoß hinter mich Schleudr’ ich das Schifflein in den Schlund der Wasser — Dort mag’s, wie Gott will, auf den Wellen treiben! So bin ich hier, gerettet aus des Sturmes Gewalt und aus der schlimmeren der Menschen.
Fischer.
Tell, Tell! ein sichtbar Wunder hat der Herr An euch gethan; kaum glaub’ ich’s meinen Sinnen. Doch, saget, wo gedenket ihr jetzt hin? Denn Sicherheit ist nicht für euch, wofern Der Landvogt lebend diesem Sturm entkommt.
Tell.
Ich hört’ ihn sagen, da ich noch im Schiff Gebunden lag, er woll’ bei Brunnen landen, Und über Schwytz nach seiner Burg mich führen.
Fischer.
Will er den Weg dahin zu Lande nehmen?
Tell.
Er denkt’s.
Fischer.
O, so verbergt euch ohne Säumen! Nicht zweimal hilft euch Gott aus seiner Hand.
Tell.
Nennt mir den nächsten Weg nach Arth und Küßnacht.
Fischer.
Die offne Straße zieht sich über Steinen; Doch einen kürzern Weg und heimlichern Kann euch mein Knabe über Lowerz führen.
Tell (gibt ihm die Hand).
Gott lohn’ euch eure Gutthat. Lebet wohl.
(Geht und kehrt wieder um.)
— Habt ihr nicht auch im Rütli mitgeschworen? Mir däucht, man nannt’ euch mir —
Fischer.
Ich war dabei Und hab’ den Eid des Bundes mit beschworen.
Tell.
So eilt nach Bürglen, thut die Lieb mir an! Mein Weib verzagt um mich; verkündet ihr, Daß ich gerettet sey und wohl geborgen.
Fischer.
Doch wohin sag’ ich ihr, daß ihr geflohn?
Tell.
Ihr werdet meinen Schwäher bei ihr finden Und Andre, die im Rütli mit geschworen — Sie sollen wacker seyn und gutes Muths: Der Tell sey frei und seines Armes mächtig; Bald werden sie ein Weitres von mir hören.
Fischer.
Was habt ihr im Gemüth? Entdeckt mir’s frei.
Tell.
Ist es gethan, wird’s auch zur Rede kommen.
(Geht ab.)
Fischer.
Zeig’ ihm den Weg, Jenni — Gott steh’ ihm bei! Er führt’s zum Ziel, was er auch unternommen.
(Geht ab.)
Zweite Scene.
Edelhof zu Attinghausen.
Der Freiherr, in einem Armsessel, sterbend. Walther Fürst. Stauffacher, Melchthal und Baumgarten um ihn beschäftigt. Walther Tell, kniend vor dem Sterbenden.
Walther Fürst.
Es ist vorbei mit ihm, er ist hinüber.
Stauffacher.
Er liegt nicht wie ein Todter — Seht, die Feder Auf seinen Lippen regt sich! Ruhig ist Sein Schlaf und friedlich lächeln seine Züge.
(Baumgarten geht an die Thüre und spricht mit Jemand.)
Walther Fürst (zu Baumgarten).
Wer ist’s?
Baumgarten (kommt zurück).
Es ist Frau Hedwig, eure Tochter; Sie will euch sprechen, will den Knaben sehn.
(Walther Tell richtet sich auf.)
Walther Fürst.
Kann ich sie trösten? Hab’ ich selber Trost? Häuft alles Leiden sich auf meinem Haupt?
Hedwig (hereindringend).
Wo ist mein Kind? Laßt mich, ich muß es sehn —
Stauffacher.
Faßt euch! Bedenkt, daß ihr im Haus des Todes —
Hedwig (stürzt auf den Knaben).
Mein Wälty! O, er lebt mir!
Walther Tell (hängt an ihr).
Arme Mutter!
Hedwig.
Ist’s auch gewiß? Bist du mir unverletzt?
(Betrachtet ihn mit ängstlicher Sorgfalt.)
Und es ist möglich? Konnt’ er auf dich zielen? Wie konnt’ er’s? O, er hat kein Herz — er konnte Den Pfeil abdrücken auf sein eignes Kind!
Walther Fürst.
Er that’s mit Angst, mit schmerzzerrissner Seele; Gezwungen that er’s, denn es galt das Leben.
Hedwig.
O, hätt’ er eines Vaters Herz, eh’ er’s Gethan, er wäre tausendmal gestorben!
Stauffacher.
Ihr solltet Gottes gnäd’ge Schickung preisen, Die es so gut gelenkt —
Hedwig.
Kann ich vergessen Wie’s hätte kommen können? — Gott des Himmels! Und lebt’ ich achtzig Jahr — ich seh den Knaben ewig Gebunden stehn, den Vater auf ihn zielen, Und ewig fliegt der Pfeil mir in das Herz.
Melchthal.
Frau, wüßtet ihr, wie ihn der Vogt gereizt!
Hedwig.
O rohes Herz der Männer! Wenn ihr Stolz Beleidigt wird, dann achten sie nichts mehr; Sie setzen in der blinden Wuth des Spiels Das Haupt des Kindes und das Herz der Mutter!
Baumgarten.
Ist eures Mannes Loos nicht hart genug, Daß ihr mit schwerem Tadel ihn noch kränkt? Für seine Leiden habt ihr kein Gefühl?
Hedwig
(kehrt sich nach ihm um und sieht ihn mit einem großen Blick an).
Hast du nur Thränen für des Freundes Unglück? — Wo waret ihr, da man den Trefflichen In Bande schlug? Wo war da eure Hülfe? Ihr sahet zu, ihr ließt das Gräßliche geschehn; Geduldig littet ihr’s, daß man den Freund Aus eurer Mitte führte — Hat der Tell Auch so an euch gehandelt? Stand er auch Bedauernd da, als hinter dir die Reiter Des Landvogts drangen, als der wüth’ge See Vor dir erbrauste? Nicht mit müß’gen Thränen Beklagt’ er dich, in den Nachen sprang er, Weib Und Kind vergaß er und befreite dich —
Walther Fürst.
Was konnten wir zu seiner Rettung wagen, Die kleine Zahl, die unbewaffnet war!
Hedwig (wirft sich an seine Brust).
O Vater! Und auch du hast ihn verloren! Das Land, wir alle haben ihn verloren! Uns allen fehlt er, ach, wir fehlen ihm! Gott rette seine Seele vor Verzweiflung. Zu ihm hinab ins öde Burgverließ Dringt keines Freundes Trost — Wenn er erkrankte! Ach, in des Kerkers feuchter Finsterniß Muß er erkranken — Wie die Alpenrose Bleicht und verkümmert in der Sumpfesluft, So ist für ihn kein Leben als im Licht Der Sonne, in dem Balsamstrom der Lüfte. Gefangen! Er! Sein Athem ist die Freiheit; Er kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte.
Stauffacher.
Beruhigt euch! Wir Alle wollen handeln, Um seinen Kerker aufzuthun.
Hedwig.
Was könnt ihr schaffen ohne ihn? — So lang Der Tell noch frei war, ja, da war noch Hoffnung, Da hatte noch die Unschuld einen Freund, Da hatte einen Helfer der Verfolgte, Euch Alle rettete der Tell — Ihr Alle Zusammen könnt nicht seine Fesseln lösen!
(Der Freiherr erwacht.)
Baumgarten.
Er regt sich, still!
Attinghausen (sich aufrichtend).
Wo ist er?
Stauffacher.
Wer?
Attinghausen.
Er fehlt mir, Verläßt mich in dem letzten Augenblick!
Stauffacher.
Er meint den Junker — Schickte man nach ihm?
Walther Fürst.
Es ist nach ihm gesendet — Tröstet euch! Er hat sein Herz gefunden, er ist unser.
Attinghausen.
Hat er gesprochen für sein Vaterland?
Stauffacher.
Mit Heldenkühnheit.
Attinghausen.
Warum kommt er nicht, Um meinen letzten Segen zu empfangen? Ich fühle, daß es schleunig mit mir endet.
Stauffacher.
Nicht also, edler Herr! Der kurze Schlaf Hat euch erquickt, und hell ist euer Blick.
Attinghausen.
Der Schmerz ist Leben, er verließ mich auch. Das Leiden ist, so wie die Hoffnung, aus.
(Er bemerkt den Knaben.)
Wer ist der Knabe?
Walther Fürst.
Segnet ihn, o Herr! Er ist mein Enkel und ist vaterlos.
(Hedwig sinkt mit dem Knaben vor dem Sterbenden nieder.)
Attinghausen.
Und vaterlos lass’ ich euch Alle, Alle Zurück — Weh mir, daß meine letzten Blicke Den Untergang des Vaterlands gesehen! Mußt’ ich des Lebens höchstes Maß erreichen, Um ganz mit allen Hoffnungen zu sterben!
Stauffacher (zu Walther Fürst).
Soll er in diesem finstern Kummer scheiden? Erhellen wir ihm nicht die letzte Stunde Mit schönem Strahl der Hoffnung? — Edler Freiherr! Erhebet euren Geist! Wir sind nicht ganz Verlassen, sind nicht rettungslos verloren.
Attinghausen.
Wer soll euch retten?
Walther Fürst.
Wir uns selbst. Vernehmt! Es haben die drei Lande sich das Wort Gegeben, die Tyrannen zu verjagen. Geschlossen ist der Bund; ein heil’ger Schwur Verbindet uns. Es wird gehandelt werden, Eh noch das Jahr den neuen Kreis beginnt. Euer Staub wird ruhn in einem freien Lande.
Attinghausen.
O, saget mir! Geschlossen ist der Bund?
Melchthal.
Am gleichen Tage werden alle drei Waldstätte sich erheben. Alles ist Bereit, und das Geheimniß wohlbewahrt Bis jetzt, obgleich viel Hunderte es theilen. Hohl ist der Boden unter den Tyrannen; Die Tage ihrer Herrschaft sind gezählt, Und bald ist ihre Spur nicht mehr zu finden.
Attinghausen.
Die festen Burgen aber in den Landen?
Melchthal.
Sie fallen alle an dem gleichen Tag.
Attinghausen.
Und sind die Edeln dieses Bundes theilhaftig?
Stauffacher.
Wir harren ihres Beistands, wenn es gilt; Jetzt aber hat der Landmann nur geschworen.
Attinghausen
(richtet sich langsam in die Höhe, mit großem Erstaunen).
Hat sich der Landmann solcher That verwogen, Aus eignem Mittel, ohne Hülf der Edeln, Hat er der eignen Kraft so viel vertraut — Ja, dann bedarf es unserer nicht mehr: Getröstet können wir zu Grabe steigen, Es lebt nach uns — durch andre Kräfte will Das Herrliche der Menschheit sich erhalten.
(Er legt seine Hand auf das Haupt des Kindes, das vor ihm auf den Knieen liegt.)
Aus diesem Haupte, wo der Apfel lag, Wird euch die neue, bessre Freiheit grünen; Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen.
Stauffacher (zu Walther Fürst).
Seht, welcher Glanz sich um sein Aug’ ergießt! Das ist nicht das Erlöschen der Natur, Das ist der Strahl schon eines neuen Lebens.
Attinghausen.
Der Adel steigt von seinen alten Burgen, Und schwört den Städten seinen Bürgereid; Im Uechtland schon, im Thurgau hat’s begonnen, Die edle Bern erhebt ihr herrschend Haupt, Freiburg ist eine sichre Burg der Freien, Die rege Zürich waffnet ihre Zünfte Zum kriegerischen Heer — es bricht die Macht Der Könige sich an ihren ew’gen Wällen —
(Er spricht das Folgende mit dem Ton eines Sehers — seine Rede steigt bis zur Begeisterung.)
Die Fürsten seh’ ich und die edeln Herrn In Harnischen herangezogen kommen, Ein harmlos Volk von Hirten zu bekriegen. Auf Tod und Leben wird gekämpft, und herrlich Wird mancher Paß durch blutige Entscheidung. Der Landmann stürzt sich mit der nackten Brust, Ein freies Opfer, in die Schaar der Lanzen! Er bricht sie, und des Adels Blüthe fällt, Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne.
(Walther Fürsts und Stauffachers Hände fassend.)
Drum haltet fest zusammen — fest und ewig — Kein Ort der Freiheit sey dem andern fremd — Hochwachten stellet aus auf euren Bergen, Daß sich der Bund zum Bunde rasch versammle — Seyd einig — einig — einig —
(Er fällt in das Kissen zurück — seine Hände halten entseelt noch die Andern gefaßt. Fürst und Stauffacher betrachten ihn noch eine Zeit lang schweigend, dann treten sie hinweg. Jeder seinem Schmerz überlassen. Unterdessen sind die Knechte still hereingedrungen, sie nähern sich mit Zeichen eines stillern oder heftigeren Schmerzens, einige knien bei ihm nieder und weinen auf seine Hand; während dieser stummen Scene wird die Burgglocke geläutet.)
Rudenz zu den Vorigen.
Rudenz (rasch eintretend).
Lebt er? O, saget, kann er mich noch hören?
Walther Fürst
(deutet hin mit weggewandtem Gesicht).
Ihr seyd jetzt unser Lehensherr und Schirmer, Und dieses Schloß hat einen andern Namen.
Rudenz
(erblickt den Leichnam und steht von heftigem Schmerz ergriffen).
O güt’ger Gott! Kommt meine Reu zu spät? Konnt’ er nicht wen’ge Pulse länger leben, Um mein geändert Herz zu sehn? Verachtet hab’ ich seine treue Stimme, Da er noch wandelte im Licht — er ist Dahin, ist fort auf immerdar und läßt mir Die schwere, unbezahlte Schuld! — O, saget! Schied er dahin im Unmuth gegen mich?
Stauffacher.
Er hörte sterbend noch, was ihr gethan. Und segnete den Muth, mit dem ihr spracht!
Rudenz (kniet an dem Todten nieder).
Ja, heil’ge Reste eines theuren Mannes! Entseelter Leichnam! hier gelob’ ich dir’s In deine kalte Todtenhand — zerrissen Hab’ ich auf ewig alle fremden Bande; Zurückgegeben bin ich meinem Volk; Ein Schweizer bin ich, und ich will es seyn Von ganzer Seele — —
(Aufstehend.)
Trauert um den Freund, Den Vater Aller, doch verzaget nicht! Nicht bloß sein Erbe ist mir zugefallen, Es steigt sein Herz, sein Geist auf mich herab, Und leisten soll euch meine frische Jugend, Was euch sein greises Alter schuldig blieb. — Ehrwürd’ger Vater, gebt mir eure Hand! Gebt mir die eurige! Melchthal, auch ihr! Bedenkt euch nicht! O, wendet euch nicht weg! Empfanget meinen Schwur und mein Gelübde.
Walther Fürst.
Gebt ihm die Hand. Sein wiederkehrend Herz Verdient Vertraun.
Melchthal.
Ihr habt den Landmann nichts geachtet. Sprecht, wessen soll man sich zu euch versehn?
Rudenz.
O, denket nicht des Irrthums meiner Jugend!
Stauffacher (zu Melchthal).
Seyd einig, war das letzte Wort des Vaters. Gedenket dessen!
Melchthal.
Hier ist meine Hand! Des Bauern Handschlag, edler Herr, ist auch Ein Manneswort! Was ist der Ritter ohne uns? Und unser Stand ist älter, als der eure.
Rudenz.
Ich ehr’ ihn, und mein Schwert soll ihn beschützen.
Melchthal.
Der Arm, Herr Freiherr, der die harte Erde Sich unterwirft und ihren Schooß befruchtet, Kann auch des Mannes Brust beschützen.
Rudenz.
Ihr Sollt meine Brust, ich will die eure schützen, So sind wir Einer durch den Andern stark. — Doch wozu reden, da das Vaterland Ein Raub noch ist der fremden Tyrannei? Wenn erst der Boden rein ist von dem Feind, Dann wollen wir’s in Frieden schon vergleichen.
(Nachdem er einen Augenblick inne gehalten.)
Ihr schweigt? Ihr habt mir nichts zu sagen? Wie? Verdien’ ich’s noch nicht, daß ihr mir vertraut? So muß ich wider euren Willen mich In das Geheimniß eures Bundes drängen. — Ihr habt getagt — geschworen auf dem Rütli — Ich weiß — weiß Alles, was ihr dort verhandelt, Und, was mir nicht von euch vertrauet ward, Ich hab’s bewahrt gleichwie ein heilig Pfand. Nie war ich meines Landes Feind, glaubt mir, Und niemals hätt’ ich gegen euch gehandelt. — Doch übel thatet ihr, es zu verschieben, Die Stunde dringt, und rascher That bedarf’s — Der Tell war schon das Opfer eures Säumens —
Stauffacher.
Das Christfest abzuwarten schwuren wir.
Rudenz.
Ich war nicht dort, ich hab’ nicht mitgeschworen. Wartet ihr ab, ich handle.
Melchthal.
Was? Ihr wolltet —
Rudenz.
Des Landes Vätern zähl’ ich mich jetzt bei, Und meine erste Pflicht ist, euch zu schützen.
Walther Fürst.
Der Erde diesen theuren Staub zu geben, Ist eure nächste Pflicht und heiligste.
Rudenz.
Wenn wir das Land befreit, dann legen wir Den frischen Kranz des Siegs ihm auf die Bahre. O Freunde! eure Sache nicht allein, Ich habe meine eigne auszufechten Mit dem Tyrannen — Hört und wißt! Verschwunden Ist meine Bertha, heimlich weggeraubt, Mit kecker Frevelthat, aus unsrer Mitte!
Stauffacher.
Solcher Gewaltthat hätte der Tyrann Wider die freie Edle sich verwogen?
Rudenz.
O meine Freunde! euch versprach ich Hülfe, Und ich zuerst muß sie von euch erflehn. Geraubt, entrissen ist mir die Geliebte. Wer weiß, wo sie der Wüthende verbirgt, Welcher Gewalt sie frevelnd sich erkühnen, Ihr Herz zu zwingen zum verhaßten Band! Verlaßt mich nicht, o, helft mir sie erretten — Sie liebt euch! o, sie hat’s verdient ums Land, Daß alle Arme sich für sie bewaffnen —
Walther Fürst.
Was wollt ihr unternehmen?
Rudenz.
Weiß ich’s? Ach In dieser Nacht, die ihr Geschick umhüllt, In dieses Zweifels ungeheurer Angst, Wo ich nichts Festes zu erfassen weiß, Ist mir nur dieses in der Seele klar: Unter den Trümmern der Tyrannenmacht Allein kann sie hervorgegraben werden; Die Vesten alle müssen wir bezwingen, Ob wir vielleicht in ihren Kerker dringen.
Melchthal.
Kommt, führt uns an! Wir folgen euch. Warum Bis morgen sparen, was wir heut vermögen? Frei war der Tell, als wir im Rütli schwuren, Das Ungeheure war noch nicht geschehen. Es bringt die Zeit ein anderes Gesetz; Wer ist so feig, der jetzt noch könnte zagen!
Rudenz (zu Stauffacher und Walther Fürst).
Indeß bewaffnet und zum Werk bereit, Erwartet ihr der Berge Feuerzeichen; Denn, schneller als ein Botensegel fliegt, Soll euch die Botschaft unsers Siegs erreichen, Und, seht ihr leuchten die willkommnen Flammen, Dann auf die Feinde stürzt, wie Wetters Strahl, Und brecht den Bau der Tyrannei zusammen.
(Gehen ab.)
Dritte Scene.
Die hohle Gasse bei Küßnacht.
Man steigt von hinten zwischen Felsen herunter, und die Wanderer werden, ehe sie auf der Scene erscheinen, schon von der Höhe gesehen. Felsen umschließen die ganze Scene; auf einem der vordersten ist ein Vorsprung mit Gesträuch bewachsen.
Tell (tritt auf mit der Armbrust).
Durch diese hohle Gasse muß er kommen; Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht — Hier Vollend’ ich’s — Die Gelegenheit ist günstig. Dort der Hollunderstrauch verbirgt mich ihm; Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen; Des Weges Enge wehret den Verfolgern. Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt! Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen. Ich lebte still und harmlos — das Geschoß War auf des Waldes Thiere nur gerichtet, Meine Gedanken waren rein von Mord — Du hast aus meinem Frieden mich heraus Geschreckt; in gährend Drachengift hast du Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt; Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt — Wer sich des Kindes Haupt zum Ziele setzte, Der kann auch treffen in das Herz des Feinds. Die armen Kindlein, die unschuldigen, Das treue Weib muß ich vor deiner Wuth Beschützen, Landvogt! — Da, als ich den Bogenstrang Anzog — als mir die Hand erzitterte — Als du mit grausam teufelischer Lust Mich zwangst, aufs Haupt des Kindes anzulegen — Als ich ohnmächtig flehend rang vor dir, Damals gelobt’ ich mir in meinem Innern Mit furchtbarm Eidschwur, den nur Gott gehört, Daß meines nächsten Schusses erstes Ziel Dein Herz seyn sollte — Was ich mir gelobt In jenes Augenblickes Höllenqualen, Ist eine heil’ge Schuld — ich will sie zahlen. Du bist mein Herr und meines Kaisers Vogt; Doch nicht der Kaiser hätte sich erlaubt, Was du — Er sandte dich in diese Lande, Um Recht zu sprechen — strenges, denn er zürnet — Doch nicht, um mit der mörderischen Lust Dich jedes Gräuels straflos zu erfrechen; Es lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen. Komm du hervor, du Bringer bittrer Schmerzen, Mein theures Kleinod jetzt, mein höchster Schatz — Ein Ziel will ich dir geben, das bis jetzt Der frommen Bitte undurchdringlich war — Doch dir soll es nicht widerstehn — Und du, Vertraute Bogensehne, die so oft Mir treu gedient hat in der Freude Spielen, Verlass’ mich nicht im fürchterlichen Ernst! Nur jetzt noch halte fest, du treuer Strang, Der mir so oft den herben Pfeil beflügelt — Entränn’ er jetzo kraftlos meinen Händen, Ich habe keinen zweiten zu versenden.
(Wanderer gehen über die Scene.)
Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen, Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet — Denn hier ist keine Heimat — Jeder treibt Sich an dem Andern rasch und fremd vorüber Und fraget nicht nach seinem Schmerz — Hier geht Der sorgenvolle Kaufmann und der leicht Geschürzte Pilger — der andächt’ge Mönch, Der düstre Räuber und der heitre Spielmann, Der Säumer mit dem schwer beladnen Roß, Der ferne herkommt von der Menschen Ländern, Denn jede Straße führt ans End der Welt. Sie alle ziehen ihres Weges fort An ihr Geschäft — und meines ist der Mord!
(Setzt sich.)
Sonst, wenn der Vater auszog, liebe Kinder, Da war ein Freuen, wenn er wieder kam; Denn niemals kehrt’ er heim, er bracht’ euch etwas, War’s eine schöne Alpenblume, war’s Ein seltner Vogel oder Ammonshorn, Wie es der Wandrer findet auf den Bergen — Jetzt geht er einem andern Waidwerk nach, Am wilden Weg sitzt er mit Mordgedanken; Des Feindes Leben ist’s, worauf er lauert. — Und doch an euch nur denkt er, liebe Kinder, Auch jetzt — euch zu vertheid’gen, eure holde Unschuld Zu schützen vor der Rache des Tyrannen, Will er zum Morde jetzt den Bogen spannen.
(Steht auf.)
Ich laure auf ein edles Wild — Läßt sich’s Der Jäger nicht verdrießen, Tage lang Umher zu streifen in des Winters Strenge, Von Fels zu Fels den Wagesprung zu thun, Hinan zu klimmen an den glatten Wänden, Wo er sich anleimt mit dem eignen Blut, — Um ein armselig Gratthier zu erjagen. Hier gilt es einen köstlicheren Preis, Das Herz des Todfeinds, der mich will verderben.
(Man hört von ferne eine heitere Musik, welche sich nähert.)
Mein ganzes Leben lang hab’ ich den Bogen Gehandhabt, mich geübt nach Schützenregel; Ich habe oft geschossen in das Schwarze Und manchen schönen Preis mir heimgebracht Vom Freudenschießen — Aber heute will ich Den Meisterschuß thun und das Beste mir Im ganzen Umkreis des Gebirgs gewinnen.
Eine Hochzeit zieht über die Scene und durch den Hohlweg hinauf. Tell betrachtet sie, auf seinen Bogen gelehnt; Stüssi, der Flurschütz, gesellt sich zu ihm.
Stüssi.
Das ist der Klostermei’r von Mörlischachen, Der hier den Brautlauf hält — ein reicher Mann — Er hat wohl zehen Senten auf den Alpen. Die Braut holt er jetzt ab zu Imisee, Und diese Nacht wird hoch geschwelgt zu Küßnacht. Komm mit! ’s ist jeder Biedermann geladen.
Tell.
Ein ernster Gast stimmt nicht zum Hochzeithaus.
Stüssi.
Drückt euch ein Kummer, werft ihn frisch vom Herzen! Nehmt mit, was kommt; die Zeiten sind jetzt schwer; Drum muß der Mensch die Freude leicht ergreifen. Hier wird gefreit und anderswo begraben.
Tell.
Und oft kommt gar das Eine zu dem Andern.
Stüssi.
So geht die Welt nun. Es gibt allerwegen Unglücks genug — Ein Ruffi ist gegangen Im Glarner Land, und eine ganze Seite Vom Glärnisch eingesunken.
Tell.
Wanken auch Die Berge selbst? Es steht nichts fest auf Erden.
Stüssi.
Auch anderswo vernimmt man Wunderdinge. Da sprach ich Einen, der von Baden kam. Ein Ritter wollte zu dem König reiten, Und unterwegs begegnet ihm ein Schwarm Von Hornissen; die fallen auf sein Roß, Daß es vor Marter todt zu Boden sinkt, Und er zu Fuße ankommt bei dem König.
Tell.
Dem Schwachen ist sein Stachel auch gegeben.
Armgart kommt mit mehreren Kindern und stellt sich an den Eingang des Hohlwegs.
Stüssi.
Man deutet’s auf ein großes Landesunglück, Auf schwere Thaten wider die Natur.
Tell.
Dergleichen Thaten bringet jeder Tag; Kein Wunderzeichen braucht sie zu verkünden.
Stüssi.
Ja, wohl dem, der sein Feld bestellt in Ruh, Und ungekränkt daheim sitzt bei den Seinen.
Tell.
Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.
(Tell sieht oft mit unruhiger Erwartung nach der Höhe des Weges.)
Stüssi.
Gehabt euch wohl — Ihr wartet hier auf Jemand.
Tell.
Das thu’ ich.
Stüssi.
Frohe Heimkehr zu den Euren! — Ihr seyd aus Uri? Unser gnäd’ger Herr, Der Landvogt, wird noch heut von dort erwartet.
Wandrer (kommt).
Den Vogt erwartet heut nicht mehr. Die Wasser Sind ausgetreten von dem großen Regen. Und alle Brücken hat der Strom zerrissen.
(Tell steht auf.)
Armgart (kommt vorwärts).
Der Landvogt kommt nicht?
Stüssi.
Sucht ihr was an ihn?
Armgart.
Ach freilich!
Stüssi.
Warum stellet ihr euch denn In dieser hohlen Gass’ ihm in den Weg?
Armgart.
Hier weicht er mir nicht aus, er muß mich hören.
Frießhardt
(kommt eilfertig den Hohlweg herab und ruft in die Scene).
Man fahre aus dem Weg — Mein gnäd’ger Herr, Der Landvogt, kommt dicht hinter mir geritten.
(Tell geht ab.)
Armgart (lebhaft).
Der Landvogt kommt!
(Sie geht mit ihren Kindern nach der vordern Scene. Geßler und Rudolph der Harras zeigen sich zu Pferd auf der Höhe des Wegs.)
Stüssi (zum Frießhardt).
Wie kamt ihr durch das Wasser, Da doch der Strom die Brücken fortgeführt?
Frießhardt.
Wir haben mit dem See gefochten, Freund, Und fürchten uns vor keinem Alpenwasser.
Stüssi.
Ihr wart zu Schiff in dem gewalt’gen Sturm?
Frießhardt.
Das waren wir. Mein Lebtag denk’ ich dran —
Stüssi.
O, bleibt, erzählt!
Frießhardt.
Laßt mich, ich muß voraus, Den Landvogt muß ich in der Burg verkünden.
(Ab.)
Stüssi.
Wär’n gute Leute auf dem Schiff gewesen, In Grund gesunken wär’s mit Mann und Maus; Dem Volk kann weder Wasser bei noch Feuer.
(Er sieht sich um.)
Wo kam der Waidmann hin, mit dem ich sprach?
(Geht ab.)
Geßler und Rudolph der Harras zu Pferd.
Geßler.
Sagt, was ihr wollt, ich bin des Kaisers Diener Und muß drauf denken, wie ich ihm gefalle. Er hat mich nicht ins Land geschickt, dem Volk Zu schmeicheln und ihm sanft zu thun — Gehorsam Erwartet er; der Streit ist, ob der Bauer Soll Herr seyn in dem Lande oder der Kaiser.
Armgart.
Jetzt ist der Augenblick! Jetzt bring’ ich’s an!
(Nähert sich furchtsam.)
Geßler.
Ich hab’ den Hut nicht aufgesteckt zu Altorf Des Scherzes wegen, oder um die Herzen Des Volks zu prüfen; diese kenn’ ich längst. Ich hab’ ihn aufgesteckt, daß sie den Nacken Mir lernen beugen, den sie aufrecht tragen — Das Unbequeme hab’ ich hingepflanzt Auf ihren Weg, wo sie vorbeigehn müssen, Daß sie drauf stoßen mit dem Aug’, und sich Erinnern ihres Herrn, den sie vergessen.
Rudolph.
Das Volk hat aber doch gewisse Rechte —
Geßler.
Die abzuwägen, ist jetzt keine Zeit! — Weitschicht’ge Dinge sind im Werk und Werden; Das Kaiserhaus will wachsen; was der Vater Glorreich begonnen, will der Sohn vollenden. Dies kleine Volk ist uns ein Stein im Weg — So oder so — es muß sich unterwerfen.
(Sie wollen vorüber. Die Frau wirft sich vor dem Landvogt nieder.)
Armgart.
Barmherzigkeit, Herr Landvogt! Gnade! Gnade!
Geßler.
Was dringt ihr euch auf offner Straße mir In Weg — Zurück!
Armgart.
Mein Mann liegt im Gefängniß; Die armen Waisen schrein nach Brod — Habt Mitleid, Gestrenger Herr, mit unserm großen Elend?
Rudolph.
Wer seyd ihr? Wer ist euer Mann?
Armgart.
Ein armer Wildheuer, guter Herr, vom Rigiberge, Der überm Abgrund weg das freie Gras Abmähet von den schroffen Felsenwänden, Wohin das Vieh sich nicht getraut zu steigen —
Rudolph (zum Landvogt).
Bei Gott! ein elend und erbärmlich Leben! Ich bitt’ euch, gebt ihn los, den armen Mann! Was er auch Schweres mag verschuldet haben, Strafe genug ist sein entsetzlich Handwerk.
(Zu der Frau.)
Euch soll Recht werden — Drinnen auf der Burg Nennt eure Bitte — Hier ist nicht der Ort.
Armgart.
Nein, nein, ich weiche nicht von diesem Platz, Bis mir der Vogt den Mann zurückgegeben! Schon in den sechsten Mond liegt er im Thurm Und harret auf den Richterspruch vergebens.
Geßler.
Weib, wollt ihr mir Gewalt anthun? Hinweg!
Armgart.
Gerechtigkeit, Landvogt! Du bist der Richter Im Lande an des Kaisers Statt und Gottes. Thu deine Pflicht! So du Gerechtigkeit Vom Himmel hoffest, so erzeig sie uns!
Geßler.
Fort! Schafft das freche Volk mir aus den Augen.
Armgart (greift in die Zügel des Pferdes).
Nein, nein, ich habe nichts mehr zu verlieren. — Du kommst nicht von der Stelle, Vogt, bis du Mir Recht gesprochen — Falte deine Stirne, Rolle die Augen, wie du willst — Wir sind So gränzenlos unglücklich, daß wir nichts Nach deinem Zorn mehr fragen —
Geßler.
Weib, mach Platz Oder mein Roß geht über dich hinweg.
Armgart.
Laß es über mich dahin gehn — Da —
(Sie reißt ihre Kinder zu Boden und wirft sich mit ihnen ihm in den Weg.)
Hier lieg’ ich Mit meinen Kindern — Laß die armen Waisen Von deines Pferdes Huf zertreten werden! Es ist das Aergste nicht, was du gethan —
Rudolph.
Weib, seyd ihr rasend?
Armgart (heftiger fortfahrend).
Tratest du doch längst Das Land des Kaisers unter deine Füße! — O, ich bin nur ein Weib. Wär’ ich ein Mann, Ich wüßte wohl was Besseres, als hier Im Staub zu liegen —
(Man hört die vorige Musik wieder auf der Höhe des Wegs, aber gedämpft.)
Geßler.
Wo sind meine Knechte? Man reiße sie von hinnen oder ich Vergesse mich und thue, was mich reuet.
Rudolph.
Die Knechte können nicht hindurch, o Herr! Der Hohlweg ist gesperrt durch eine Hochzeit.
Geßler.
Ein allzu milder Herrscher bin ich noch Gegen dies Volk — die Zungen sind noch frei, Es ist noch nicht ganz, wie es soll, gebändigt — Doch es soll anders werden, ich gelob’ es; Ich will ihn brechen, diesen starren Sinn, Den kecken Geist der Freiheit will ich beugen, Ein neu Gesetz will ich in diesen Landen Verkündigen — Ich will —
(Ein Pfeil durchbohrt ihn; er fährt mit der Hand ans Herz und will sinken. Mit matter Stimme.)
Gott sey mir gnädig!
Rudolph.
Herr Landvogt — Gott! Was ist das? Woher kam das?
Armgart (auffahrend).
Mord! Mord! Er taumelt, sinkt! Er ist getroffen!
Rudolph (springt vom Pferde).
Welch gräßliches Ereigniß — Gott — Herr Ritter — Ruft die Erbarmung Gottes an! Ihr seyd Ein Mann des Todes!
Geßler.
Das ist Tells Geschoß.
(Ist vom Pferde herab dem Rudolph Harras in den Arm gegleitet und wird auf der Bank niedergelassen.)
Tell
(erscheint oben auf der Höhe des Felsen).
Du kennst den Schützen, suche keinen andern! Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld Vor dir, du wirst dem Lande nicht mehr schaden.
(Verschwindet von der Höhe. Volk stürzt herein.)
Stüssi (voran).
Was gibt es hier? Was hat sich zugetragen?
Armgart.
Der Landvogt ist von einem Pfeil durchschossen.
Volk (im Hereinstürzen).
Wer ist erschossen?
(Indem die Vordersten von dem Brautzug auf die Scene kommen, sind die Hintersten noch auf der Höhe, und die Musik geht fort.)
Rudolph der Harras.
Er verblutet sich. Fort, schaffet Hülfe! Setzt dem Mörder nach! — Verlorner Mann, so muß es mit dir enden; Doch meine Warnung wolltest du nicht hören!
Stüssi.
Bei Gott, da liegt er bleich und ohne Leben!
Viele Stimmen.
Wer hat die That gethan?
Rudolph der Harras.
Rast dieses Volk, Daß es dem Mord Musik macht? Laßt sie schweigen!
(Musik bricht plötzlich ab, es kommt noch mehr Volk nach.)
Herr Landvogt, redet, wenn ihr könnt — Habt ihr Mir nichts mehr zu vertrauen?
(Geßler gibt Zeichen mit der Hand, die er mit Heftigkeit wiederholt, da sie nicht gleich verstanden werden.)
Wo soll ich hin? — Nach Küßnacht? Ich versteh’ euch nicht — O, werdet Nicht ungeduldig — Laßt das Irdische! Denkt jetzt, euch mit dem Himmel zu versöhnen.
(Die ganze Hochzeitgesellschaft umsteht den Sterbenden mit einem fühllosen Grausen.)
Stüssi.
Sieh, wie er bleich wird — Jetzt, jetzt tritt der Tod Ihm an das Herz — die Augen sind gebrochen.
Armgart (hebt ein Kind empor).
Seht, Kinder, wie ein Wütherich verscheidet!
Rudolph der Harras.
Wahnsinnige Weiber, habt ihr kein Gefühl, Daß ihr den Blick an diesem Schreckniß weidet? — Helft — leget Hand an — Steht mir Niemand bei, Den Schmerzenspfeil ihm aus der Brust zu ziehn?
Weiber (treten zurück).
Wir ihn berühren, welchen Gott geschlagen?
Rudolph der Harras.
Fluch treff’ euch und Verdammniß!
(Zieht das Schwert.)
Stüssi (fällt ihm in den Arm).
Wagt es, Herr! Eu’r Walten hat ein Ende. Der Tyrann Des Landes ist gefallen. Wir erdulden Keine Gewalt mehr. Wir sind freie Menschen.
Alle (tumultuarisch).
Das Land ist frei!
Rudolph der Harras.
Ist es dahin gekommen? — Endet die Furcht so schnell und der Gehorsam?
(Zu den Waffenknechten, die hereindringen.)
Ihr seht die grausenvolle That des Mords, Die hier geschehen — Hülfe ist umsonst — Vergeblich ist’s dem Mörder nachzusetzen. Uns drängen andre Sorgen — Auf, nach Küßnacht, Daß wir dem Kaiser seine Veste retten! Denn aufgelöst in diesem Augenblick Sind aller Ordnung, aller Pflichten Bande, Und keines Mannes Treu ist zu vertrauen.
Indem er mit den Waffenknechten abgeht, erscheinen sechs barmherzige Brüder.
Armgart.
Platz! Platz! Da kommen die barmherz’gen Brüder.
Stüssi.
Das Opfer liegt — die Raben steigen nieder.
Barmherzige Brüder
(schließen einen Halbkreis um den Todten und singen im tiefen Ton).
Rasch tritt der Tod den Menschen an; Es ist ihm keine Frist gegeben; Es stürzt ihn mitten in der Bahn, Es reißt ihn fort vom vollen Leben. Bereitet oder nicht, zu gehen, Er muß vor seinen Richter stehen!
(Indem die letzten Zeilen wiederholt werden, fällt der Vorhang.)