Dritter Aufzug.
Reading edition
Erste Scene.
Hof vor Tells Hause.
Tell ist mit der Zimmeraxt, Hedwig mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt. Walther und Wilhelm in der Tiefe spielen mit einer kleinen Armbrust.
Walther (singt).
Mit dem Pfeil, dem Bogen, Durch Gebirg’ und Thal, Kommt der Schütz gezogen Früh am Morgenstrahl. Wie im Reich der Lüfte König ist der Weih — Durch Gebirg und Klüfte Herrscht der Schütze frei. Ihm gehört das Weite; Was sein Pfeil erreicht, Das ist seine Beute, Was da kreucht und fleugt.
(Kommt gesprungen.)
Der Strang ist mir entzwei. Mach mir ihn, Vater.
Tell.
Ich nicht. Ein rechter Schütze hilft sich selbst.
(Knaben entfernen sich.)
Hedwig.
Die Knaben fangen zeitig an zu schießen.
Tell.
Früh übt sich, was ein Meister werden will.
Hedwig.
Ach, wollte Gott, sie lernten’s nie!
Tell.
Sie sollen Alles lernen. Wer durch’s Leben Sich frisch will schlagen, muß zu Schutz und Trutz Gerüstet seyn.
Hedwig.
Ach, es wird keiner seine Ruh Zu Hause finden.
Tell.
Mutter, ich kann’s auch nicht. Zum Hirten hat Natur mich nicht gebildet; Rastlos muß ich ein flüchtig Ziel verfolgen. Dann erst genieß’ ich meines Lebens recht, Wenn ich mir’s jeden Tag auf’s neu’ erbeute.
Hedwig.
Und an die Angst der Hausfrau denkst du nicht, Die sich indessen, deiner wartend, härmt. Denn mich erfüllt’s mit Grausen, was die Knechte Von euren Wagefahrten sich erzählen. Bei jedem Abschied zittert mir das Herz, Daß du mir nimmer werdest wiederkehren. Ich sehe dich, im wilden Eisgebirg Verirrt, von einer Klippe zu der andern Den Fehlsprung thun, seh’, wie die Gemse dich Rückspringend mit sich in den Abgrund reißt, Wie eine Windlawine dich verschüttet, Wie unter dir der trügerische Firn Einbricht, und du hinabsinkst, ein lebendig Begrabner, in die schauerliche Gruft — Ach, den verwegnen Alpenjäger hascht Der Tod in hundert wechselnden Gestalten! Das ist ein unglückseliges Gewerb’, Das halsgefährlich führt am Abgrund hin!
Tell.
Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Noth; Den schreckt der Berg nicht, der darauf geboren.
(Er hat seine Arbeit vollendet, legt das Geräth hinweg.)
Jetzt, mein’ ich, hält das Thor auf Jahr und Tag. Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.
(Nimmt den Hut.)
Hedwig.
Wo gehst du hin?
Tell.
Nach Altorf zu dem Vater.
Hedwig.
Sinnst du auch nichts Gefährliches? Gesteh mir’s!
Tell.
Wie kommst du darauf, Frau?
Hedwig.
Es spinnt sich Etwas Gegen die Vögte — Auf dem Rütli ward Getagt, ich weiß, und du bist auch im Bunde.
Tell.
Ich war nicht mit dabei — doch werd’ ich mich Dem Lande nicht entziehen, wenn es ruft.
Hedwig.
Sie werden dich hinstellen, wo Gefahr ist; Das Schwerste wird dein Antheil seyn, wie immer.
Tell.
Ein Jeder wird besteuert nach Vermögen.
Hedwig.
Den Unterwaldner hast du auch im Sturme Ueber den See geschafft — Ein Wunder war’s, Daß ihr entkommen — Dachtest du denn gar nicht An Kind und Weib?
Tell.
Lieb Weib, ich dacht’ an euch; Drum rettet’ ich den Vater seinen Kindern.
Hedwig.
Zu schiffen in dem wüth’gen See! Das heißt Nicht Gott vertrauen! Das heißt Gott versuchen!
Tell.
Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.
Hedwig.
Ja, du bist gut und hülfreich, dienest Allen, Und, wenn du selbst in Noth kommst, hilft dir Keiner.
Tell.
Verhüt’ es Gott, daß ich nicht Hülfe brauche!
(Er nimmt die Armbrust und Pfeile.)
Hedwig.
Was willst du mit der Armbrust? Laß sie hier!
Tell.
Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt.
(Die Knaben kommen zurück.)
Walther.
Vater, wo gehst du hin?
Tell.
Nach Altorf, Knabe, Zum Ehni — Willst du mit?
Walther.
Ja, freilich will ich.
Hedwig.
Der Landvogt ist jetzt dort. Bleib weg von Altorf.
Tell.
Er geht, noch heute.
Hedwig.
Drum laß ihn erst fort seyn. Gemahn’ ihn nicht an dich, du weißt, er grollt uns.
Tell.
Mir soll sein böser Wille nicht viel schaden. Ich thue recht und scheue keinen Feind.
Hedwig.
Die recht thun, eben die haßt er am meisten.
Tell.
Weil er nicht an sie kommen kann — Mich wird Der Ritter wohl in Frieden lassen, mein’ ich.
Hedwig.
So, weißt du das?
Tell.
Es ist nicht lange her, Da ging ich jagen durch die wilden Gründe Des Schächenthals auf menschenleerer Spur, Und, da ich einsam einen Felsensteig Verfolgte, wo nicht auszuweichen war, Denn über mir hing schroff die Felswand her, Und unten rauschte fürchterlich der Schächen,
(Die Knaben drängen sich rechts und links an ihn und sehen mit gespannter Neugier an ihm hinauf.)
Da kam der Landvogt gegen mich daher, Er ganz allein mit mir, der auch allein war, Bloß Mensch zu Mensch, und neben uns der Abgrund. Und, als der Herre mein ansichtig ward Und mich erkannte, den er kurz zuvor Um kleiner Ursach willen schwer gebüßt, Und sah mich mit dem stattlichen Gewehr Daher geschritten kommen, da verblaßt’ er, Die Knie versagten ihm, ich sah es kommen, Daß er jetzt an die Felswand würde sinken. — Da jammerte mich sein, ich trat zu ihm Bescheidentlich und sprach: Ich bin’s, Herr Landvogt. Er aber konnte keinen armen Laut Aus seinem Munde geben — Mit der Hand nur Winkt’ er mir schweigend, meines Wegs zu gehn; Da ging ich fort, und sandt’ ihm sein Gefolge.
Hedwig.
Er hat vor dir gezittert — Wehe dir! Daß du ihn schwach gesehn, vergibt er nie.
Tell.
Drum meid’ ich ihn, und er wird mich nicht suchen.
Hedwig.
Bleib heute nur dort weg! Geh lieber jagen!
Tell.
Was fällt dir ein?
Hedwig.
Mich ängstigt’s. Bleibe weg.
Tell.
Wie kannst du dich so ohne Ursach quälen?
Hedwig.
Weil’s keine Ursach hat — Tell, bleibe hier.
Tell.
Ich hab’s versprochen, liebes Weib, zu kommen.
Hedwig.
Mußt du, so geh — nur lasse mir den Knaben!
Walther.
Nein, Mütterchen. Ich gehe mit dem Vater.
Hedwig.
Wälty, verlassen willst du deine Mutter?
Walther.
Ich bring dir auch was Hübsches mit vom Ehni.
(Geht mit dem Vater.)
Wilhelm.
Mutter, ich bleibe bei dir!
Hedwig (umarmt ihn).
Ja, du bist Mein liebes Kind, du bleibst mir noch allein!
(Sie geht an das Hofthor und folgt den Abgehenden lange mit den Augen.)
Zweite Scene.
Eine eingeschlossene wilde Waldgegend, Staubbäche stürzen von den Felsen.
Bertha im Jagdkleid. Gleich darauf Rudenz.
Bertha.
Er folgt mir. Endlich kann ich mich erklären.
Rudenz (tritt rasch ein).
Fräulein, jetzt endlich find’ ich euch allein. Abgründe schließen rings umher uns ein; In dieser Wildniß fürcht’ ich keinen Zeugen, Vom Herzen wälz’ ich dieses lange Schweigen —
Bertha.
Seyd ihr gewiß, daß uns die Jagd nicht folgt?
Rudenz.
Die Jagd ist dort hinaus — Jetzt oder nie! Ich muß den theuren Augenblick ergreifen — Entschieden sehen muß ich mein Geschick, Und sollt’ es mich auf ewig von euch scheiden. — O, waffnet eure güt’gen Blicke nicht Mit dieser finstern Strenge — Wer bin ich, Daß ich den kühnen Wunsch zu euch erhebe? Mich hat der Ruhm noch nicht genannt; ich darf Mich in die Reih’ nicht stellen mit den Rittern, Die siegberühmt und glänzend euch umwerben. Nichts hab’ ich, als mein Herz von Treu und Liebe. —
Bertha (ernst und streng).
Dürft ihr von Liebe reden und von Treue, Der treulos wird an seinen nächsten Pflichten?
(Rudenz tritt zurück.)
Der Sklave Oesterreichs, der sich dem Fremdling Verkauft, dem Unterdrücker seines Volks?
Rudenz.
Von euch, mein Fräulein, hör’ ich diesen Vorwurf? Wen such’ ich denn, als euch, auf jener Seite?
Bertha.
Mich denkt ihr auf der Seite des Verraths Zu finden? Eher wollt’ ich meine Hand Dem Geßler selbst, dem Unterdrücker, schenken, Als dem naturvergessnen Sohn der Schweiz, Der sich zu seinem Werkzeug machen kann!
Rudenz.
O Gott, was muß ich hören?
Bertha.
Wie? Was liegt Dem guten Menschen näher, als die Seinen? Gibt’s schönre Pflichten für ein edles Herz, Als ein Vertheidiger der Unschuld seyn, Das Recht der Unterdrückten zu beschirmen? — Die Seele blutet mir um euer Volk; Ich leide mit ihm, denn ich muß es lieben, Das so bescheiden ist und doch voll Kraft; Es zieht mein ganzes Herz mich zu ihm hin; Mit jedem Tage lern’ ich’s mehr verehren. — Ihr aber, den Natur und Ritterpflicht Ihm zum geborenen Beschützer gaben, Und der’s verläßt, der treulos übertritt Zum Feind und Ketten schmiedet seinem Land, Ihr seyd’s, der mich verletzt und kränkt; ich muß Mein Herz bezwingen, daß ich euch nicht hasse.
Rudenz.
Will ich denn nicht das Beste meines Volks? Ihm unter Oestreichs mächt’gem Scepter nicht Den Frieden —
Bertha.
Knechtschaft wollt ihr ihm bereiten! Die Freiheit wollt ihr aus dem letzten Schloß, Das ihr noch auf der Erde blieb, verjagen. Das Volk versteht sich besser auf sein Glück; Kein Schein verführt sein sicheres Gefühl, Euch haben sie das Netz um’s Haupt geworfen —
Rudenz.
Bertha! Ihr haßt mich, ihr verachtet mich!
Bertha.
Thät’ ich’s, mir wäre besser — Aber den Verachtet sehen und verachtungswerth, Den man gern lieben möchte —
Rudenz.
Bertha! Bertha! Ihr zeiget mir das höchste Himmelsglück Und stürzt mich tief in einem Augenblick.
Bertha.
Nein, nein! das Edle ist nicht ganz erstickt In euch! Es schlummert nur, ich will es wecken; Ihr müßt Gewalt ausüben an euch selbst, Die angestammte Tugend zu ertödten; Doch, wohl euch! sie ist mächtiger, als ihr, Und trotz euch selber seyd ihr gut und edel!
Rudenz.
Ihr glaubt an mich? O Bertha, Alles läßt Mich eure Liebe seyn und werden!
Bertha.
Seyd, Wozu die herrliche Natur euch machte! Erfüllt den Platz, wohin sie euch gestellt! Zu eurem Volke steht und eurem Lande, Und kämpft für euer heilig Recht!
Rudenz.
Weh mir! Wie kann ich euch erringen, euch besitzen, Wenn ich der Macht des Kaisers widerstrebe? Ist’s der Verwandten mächt’ger Wille nicht, Der über eure Hand tyrannisch waltet?
Bertha.
In den Waldstätten liegen meine Güter, Und, ist der Schweizer frei, so bin auch ich’s.
Rudenz.
Bertha, welch einen Blick thut ihr mir auf!
Bertha.
Hofft nicht durch Oestreichs Gunst mich zu erringen; Nach meinem Erbe strecken sie die Hand, Das will man mit dem großen Erb’ vereinen. Dieselbe Ländergier, die eure Freiheit Verschlingen will, sie drohet auch der meinen! — O Freund, zum Opfer bin ich ausersehn, Vielleicht, um einen Günstling zu belohnen — Dort, wo die Falschheit und die Ränke wohnen, Hin an den Kaiserhof will man mich ziehn; Dort harren mein verhaßter Ehe Ketten; Die Liebe nur — die eure kann mich retten!
Rudenz.
Ihr könntet euch entschließen, hier zu leben, In meinem Vaterlande mein zu seyn? O Bertha, all’ mein Sehnen in die Weite, Was war es, als ein Streben nur nach euch? Euch sucht’ ich einzig auf dem Weg des Ruhms, Und all mein Ehrgeiz war nur meine Liebe. Könnt ihr mit mir euch in das stille Thal Einschließen und der Erde Glanz entsagen — O, dann ist meines Strebens Ziel gefunden; Dann mag der Strom der wildbewegten Welt Ans sichre Ufer dieser Berge schlagen — Kein flüchtiges Verlangen hab’ ich mehr Hinaus zu senden in des Lebens Weiten — Dann mögen diese Felsen um uns her Die undurchdringlich feste Mauer breiten, Und dieß verschloßne sel’ge Thal allein Zum Himmel offen und gelichtet seyn!
Bertha.
Jetzt bist du ganz, wie dich mein ahnend Herz Geträumt, mich hat mein Glaube nicht betrogen!
Rudenz.
Fahr hin, du eitler Wahn, der mich bethört! Ich soll das Glück in meiner Heimat finden. Hier, wo der Knabe fröhlich aufgeblüht, Wo tausend Freudespuren mich umgeben, Wo alle Quellen mir und Bäume leben, Im Vaterland willst du die Meine werden! Ach, wohl hab’ ich es stets geliebt! Ich fühl’s, Es fehlte mir zu jedem Glück der Erden.
Bertha.
Wo wär’ die sel’ge Insel aufzufinden, Wenn sie nicht hier ist, in der Unschuld Land, Hier, wo die alte Treue heimisch wohnt, Wo sich die Falschheit noch nicht hingefunden? Da trübt kein Neid die Quelle unsers Glücks, Und ewig hell entfliehen uns die Stunden. — Da seh’ ich dich im echten Männerwerth, Den Ersten von den Freien und den Gleichen, Mit reiner, freier Huldigung verehrt, Groß, wie ein König wirkt in seinen Reichen.
Rudenz.
Da seh’ ich dich, die Krone aller Frauen, In weiblich reizender Geschäftigkeit, In meinem Haus den Himmel mir erbauen Und, wie der Frühling seine Blumen streut, Mit schöner Anmuth mir das Leben schmücken Und Alles rings beleben und beglücken!
Bertha.
Sieh, theurer Freund, warum ich trauerte, Als ich dies höchste Lebensglück dich selbst Zerstören sah — Weh mir! Wie ständ’s um mich, Wenn ich dem stolzen Ritter müßte folgen, Dem Landbedrücker, auf sein finstres Schloß! — Hier ist kein Schloß. Mich scheiden keine Mauern Von einem Volk, das ich beglücken kann!
Rudenz.
Doch wie mich retten — wie die Schlinge lösen, Die ich mir thöricht selbst ums Haupt gelegt?
Bertha.
Zerreiße sie mit männlichem Entschluß. Was auch draus werde — steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.
(Jagdhörner in der Ferne.)
Bertha.
Die Jagd Kommt näher — fort, wir müssen scheiden — Kämpfe Fürs Vaterland, du kämpfst für deine Liebe! Es ist ein Feind, vor dem wir alle zittern, Und eine Freiheit macht uns Alle frei!
(Gehen ab.)
Dritte Scene.
Wiese bei Altorf.
Im Vordergrunde Bäume, in der Tiefe der Hut auf einer Stange. Der Prospekt wird begränzt durch den Bannberg, über welchem ein Schneegebirg emporragt.
Frießhardt und Leuthold halten Wache.
Frießhardt.
Wir passen auf umsonst. Es will sich Niemand Heran begeben und dem Hut sein’ Reverenz Erzeigen. ’s war doch sonst wie Jahrmarkt hier; Jetzt ist der ganze Anger wie verödet; Seitdem der Popanz auf der Stange hängt.
Leuthold.
Nur schlecht Gesindel läßt sich sehn und schwingt Uns zum Verdrieße die zerlumpten Mützen. Was rechte Leute sind, die machen lieber Den langen Umweg um den halben Flecken, Eh sie den Rücken beugten vor dem Hut.
Frießhardt.
Sie müssen über diesen Platz, wenn sie Vom Rathhaus kommen um die Mittagsstunde. Da meint’ ich schon, ’nen guten Fang zu thun, Denn Keiner dachte dran, den Hut zu grüßen. Da sieht’s der Pfaff, der Rösselmann — kam just Von einem Kranken her — und stellt sich hin Mit dem Hochwürdigen, grad’ vor die Stange — Der Sigrist mußte mit dem Glöcklein schellen; Da fielen All’ aufs Knie, ich selber mit, Und grüßten die Monstranz, doch nicht den Hut.
Leuthold.
Höre, Gesell, es fängt mir an zu däuchten, Wir stehen hier am Pranger vor dem Hut; ’s ist doch ein Schimpf für einen Reitersmann, Schildwach zu stehn vor einem leeren Hut — Und jeder rechte Kerl muß uns verachten. — Die Reverenz zu machen einem Hut, Es ist doch, traun, ein närrischer Befehl!
Frießhardt.
Warum nicht einem leeren, hohlen Hut! Bückst du dich doch vor manchem hohlen Schädel.
Hildegard, Mechthild und Elsbeth treten auf mit Kindern und stellen sich um die Stange.
Leuthold.
Und du bist auch so ein dienstfert’ger Schurke Und brächtest wackre Leute gern ins Unglück. Mag, wer da will, am Hut vorübergehn, Ich drück’ die Augen zu und seh’ nicht hin.
Mechthild.
Da hängt der Landvogt — habt Respect, ihr Buben!
Elsbeth.
Wollt’s Gott, er ging’ und ließ’ uns seinen Hut; Es sollte drum nicht schlechter stehn ums Land!
Frießhardt (verscheucht sie).
Wollt ihr vom Platz! Verwünschtes Volk der Weiber! Wer fragt nach euch! Schickt eure Männer her, Wenn sie der Muth sticht, dem Befehl zu trotzen.
(Weiber gehen).
Tell mit der Armbrust tritt auf, den Knaben an der Hand führend; sie gehen an dem Hut vorbei gegen die vordere Scene, ohne darauf zu achten.
Walther (zeigt nach dem Bannberg).
Vater, ist’s wahr, daß auf dem Berge dort Die Bäume bluten, wenn man einen Streich Drauf führte mit der Axt —
Tell.
Wer sagt das, Knabe?
Walther.
Der Meister Hirt erzählt’s — Die Bäume seyen Gebannt, sagt er, und, wer sie schädige, Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe.
Tell.
Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit. — Siehst du die Firnen dort, die weißen Hörner, Die hoch bis in den Himmel sich verlieren?
Walther.
Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern Und uns die Schlaglawinen niedersenden.
Tell.
So ist’s, und die Lawinen hätten längst Den Flecken Altorf unter ihrer Last Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht Als eine Landwehr sich dagegen stellte.
Walther (nach einigem Besinnen).
Gibt’s Länder, Vater, wo nicht Berge sind?
Tell.
Wenn man hinunter steigt von unsern Höhen Und immer tiefer steigt, den Strömen nach, Gelangt man in ein großes, ebnes Land, Wo die Waldwasser nicht mehr brausend schäumen, Die Flüsse ruhig und gemächlich ziehn; Da sieht man frei nach allen Himmelsräumen, Das Korn wächst dort in langen, schönen Auen Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.
Walther.
Ei, Vater, warum steigen wir denn nicht Geschwind hinab in dieses schöne Land, Statt daß wir hier uns ängstigen und plagen.
Tell.
Das Land ist schön und gütig, wie der Himmel; Doch, die’s bebauen, sie genießen nicht Den Segen, den sie pflanzen.
Walther.
Wohnen sie Nicht frei, wie du, auf ihrem eignen Erbe?
Tell.
Das Feld gehört dem Bischof und dem König.
Walther.
So dürfen sie doch frei in Wäldern jagen?
Tell.
Dem Herrn gehört das Wild und das Gefieder.
Walther.
Sie dürfen doch frei fischen in dem Strom?
Tell.
Der Strom, das Meer, das Salz gehört dem König.
Walther.
Wer ist der König denn, den Alle fürchten?
Tell.
Es ist der Eine, der sie schützt und nährt.
Walther.
Sie können sich nicht muthig selbst beschützen?
Tell.
Dort darf der Nachbar nicht dem Nachbar trauen.
Walther.
Vater, es wird mir eng im weiten Land; Da wohn’ ich lieber unter den Lawinen.
Tell.
Ja, wohl ist’s besser, Kind, die Gletscherberge Im Rücken haben, als die bösen Menschen.
(Sie wollen vorüber gehen.)
Walther.
Ei, Vater, sieh den Hut dort auf der Stange.
Tell.
Was kümmert uns der Hut! Komm, laß uns gehen.
(Indem er abgehen will, tritt ihm Frießhardt mit vorgehaltener Pike entgegen.)
Frießhardt.
In des Kaisers Namen! Haltet an und steht!
Tell (greift in die Pike).
Was wollt ihr? Warum haltet ihr mich auf?
Frießhardt.
Ihr habt’s Mandat verletzt; ihr müßt uns folgen.
Leuthold.
Ihr habt dem Hut nicht Reverenz bewiesen.
Tell.
Freund, laß mich gehen.
Frießhardt.
Fort, fort ins Gefängniß!
Walther.
Den Vater ins Gefängniß! Hülfe! Hülfe!
(In die Scene rufend.)
Herbei, ihr Männer, gute Leute, helft! Gewalt! Gewalt! Sie führen ihn gefangen.
Rösselmann, der Pfarrer, und Petermann, der Sigrist, kommen herbei, mit drei andern Männern.
Sigrist.
Was gibt’s?
Rösselmann.
Was legst du Hand an diesen Mann?
Frießhardt.
Er ist ein Feind des Kaisers, ein Verräther?
Tell (faßt ihn heftig).
Ein Verräther, ich!
Rösselmann.
Du irrst dich, Freund! Das ist Der Tell, ein Ehrenmann und guter Bürger.
Walther
(erblickt Walther Fürsten und eilt ihm entgegen).
Großvater, hilf! Gewalt geschieht dem Vater.
Frießhardt.
Ins Gefängniß, fort!
Walther Fürst (herbeieilend).
Ich leiste Bürgschaft, haltet! — Um Gottes willen, Tell, was ist geschehen?
Melchthal und Stauffacher kommen.
Frießhardt.
Des Landvogts oberherrliche Gewalt Verachtet er und will sie nicht erkennen.
Stauffacher.
Das hätt’ der Tell gethan?
Melchthal.
Das lügst du, Bube!
Leuthold.
Er hat dem Hut nicht Reverenz bewiesen.
Walther Fürst.
Und darum soll er ins Gefängniß? Freund, Nimm meine Bürgschaft an und laß ihn ledig.
Frießhardt.
Bürg du für dich und deinen eignen Leib! Wir thun, was unsers Amtes — Fort mit ihm!
Melchthal (zu den Landleuten).
Nein, das ist schreiende Gewalt! Ertragen wir’s, Daß man ihn fortführt, frech, vor unsern Augen?
Sigrist.
Wir sind die Stärkern. Freunde, duldet’s nicht! Wir haben einen Rücken an den Andern.
Frießhardt.
Wer widersetzt sich dem Befehl des Vogts?
Noch drei Landleute (herbeieilend).
Wir helfen euch. Was gibt’s? Schlagt sie zu Boden!
(Hildegard, Mechthild und Elsbeth kommen zurück.)
Tell.
Ich helfe mir schon selbst. Geht, gute Leute. Meint ihr, wenn ich die Kraft gebrauchen wollte, Ich würde mich vor ihren Spießen fürchten?
Melchthal (zu Frießhardt).
Wag’s, ihn aus unsrer Mitte wegzuführen!
Walther Fürst und Stauffacher.
Gelassen! ruhig!
Frießhardt (schreit).
Aufruhr und Empörung!
(Man hört Jagdhörner).
Weiber.
Da kommt der Landvogt!
Frießhardt (erhebt die Stimme).
Meuterei! Empörung!
Stauffacher.
Schrei, bis du berstest, Schurke!
Rösselmann und Melchthal.
Willst du schweigen?
Frießhardt (ruft noch lauter).
Zu Hülf, zu Hülf den Dienern des Gesetzes!
Walther Fürst.
Da ist der Vogt! Weh uns, was wird das werden!
Geßler zu Pferd, den Falken auf der Faust, Rudolph der Harras, Bertha und Rudenz, ein großes Gefolge von bewaffneten Knechten, welche einen Kreis von Piken um die ganze Scene schließen.
Rudolph der Harras.
Platz, Platz dem Landvogt!
Geßler.
Treibt sie auseinander! Was läuft das Volk zusammen? Wer ruft zu Hülfe?
(Allgemeine Stille.)
Wer war’s? Ich will es wissen.
(Zu Frießhardt.)
Du tritt vor! Wer bist du, und was hältst du diesen Mann?
(Er gibt den Falken einem Diener.)
Frießhardt.
Gestrenger Herr, ich bin dein Waffenknecht Und wohlbestellter Wächter bei dem Hut. Diesen Mann ergriff ich über frischer That, Wie er dem Hut den Ehrengruß versagte. Verhaften wollt’ ich ihn, wie du befahlst, Und mit Gewalt will ihn das Volk entreißen.
Geßler (nach einer Pause).
Verachtest du so deinen Kaiser, Tell, Und mich, der hier an seiner Statt gebietet, Daß du die Ehr’ versagst dem Hut, den ich Zur Prüfung des Gehorsams aufgehangen? Dein böses Trachten hast du mir verrathen.
Tell.
Verzeiht mir, lieber Herr! Aus Unbedacht, Nicht aus Verachtung eurer ist’s geschehn. Wär’ ich besonnen, hieß ich nicht der Tell. Ich bitt’ um Gnad’, es soll nicht mehr begegnen.
Geßler (nach einigem Stillschweigen).
Du bist ein Meister auf der Armbrust, Tell, Man sagt, du nehmst es auf mit jedem Schützen?
Walther.
Und das muß wahr seyn, Herr, ’nen Apfel schießt Der Vater dir vom Baum auf hundert Schritte.
Geßler.
Ist das dein Knabe, Tell?
Tell.
Ja, lieber Herr.
Geßler.
Hast du der Kinder mehr?
Tell.
Zwei Knaben, Herr.
Geßler.
Und welcher ist’s, den du am meisten liebst?
Tell.
Herr, beide sind sie mir gleich liebe Kinder.
Geßler.
Nun, Tell! weil du den Apfel triffst vom Baume Auf hundert Schritt, so wirst du deine Kunst Vor mir bewähren müssen. — Nimm die Armbrust — Du hast sie gleich zur Hand — und mach dich fertig, Einen Apfel von des Knaben Kopf zu schießen — Doch, will ich rathen, ziele gut, daß du Den Apfel treffest auf den ersten Schuß; Denn, fehlst du ihn, so ist dein Kopf verloren.
(Alle geben Zeichen des Schreckens.)
Tell.
Herr — welches Ungeheure sinnet ihr Mir an? — Ich soll vom Haupte meines Kindes — — Nein, nein doch, lieber Herr, das kommt euch nicht Zu Sinn — Verhüt’s der gnäd’ge Gott — Das könnt ihr Im Ernst von einem Vater nicht begehren!
Geßler.
Du wirst den Apfel schießen von dem Kopf Des Knaben — ich begehr’s und will’s.
Tell.
Ich soll Mit meiner Armbrust auf das liebe Haupt Des eignen Kindes zielen? — Eher sterb’ ich!
Geßler.
Du schießest oder stirbst mit deinem Knaben.
Tell.
Ich soll der Mörder werden meines Kinds! Herr, ihr habt keine Kinder — wisset nicht, Was sich bewegt in eines Vaters Herzen.
Geßler.
Ei, Tell, du bist ja plötzlich so besonnen! Man sagte mir, daß du ein Träumer seyst Und dich entfernst von andrer Menschen Weise. Du liebst das Seltsame — drum hab’ ich jetzt Ein eigen Wagstück für dich ausgesucht. Ein Andrer wohl bedächte sich — du drückst Die Augen zu, und greifst es herzhaft an.
Bertha.
Scherzt nicht, o Herr, mit diesen armen Leuten! Ihr seht sie bleich und zitternd stehn — So wenig Sind sie Kurzweils gewohnt aus eurem Munde.
Geßler.
Wer sagt euch, daß ich scherze?
(Greift nach einem Baumzweige, der über ihn herhängt.)
Hier ist der Apfel. Man mache Raum — er nehme seine Weite, Wie’s Brauch ist — achtzig Schritte geb’ ich ihm — Nicht weniger, noch mehr — Er rühmte sich, Auf ihrer hundert seinen Mann zu treffen — Jetzt, Schütze, triff, und fehle nicht das Ziel!
Rudolph der Harras.
Gott, das wird ernsthaft — Falle nieder, Knabe, Es gilt, und fleh’ den Landvogt um dein Leben!
Walther Fürst
(beiseite zu Melchthal, der kaum seine Ungeduld bezwingt).
Haltet an euch! ich fleh’ euch drum, bleibt ruhig!
Bertha (zum Landvogt).
Laßt es genug seyn, Herr! Unmenschlich ist’s, Mit eines Vaters Angst also zu spielen. Wenn dieser arme Mann auch Leib und Leben Verwirkt durch seine leichte Schuld, bei Gott! Er hätte jetzt zehnfachen Tod empfunden. Entlaßt ihn ungekränkt in seine Hütte, Er hat euch kennen lernen; dieser Stunde Wird er und seine Kindeskinder denken.
Geßler.
Oeffnet die Gasse — Frisch, was zauderst du? Dein Leben ist verwirkt, ich kann dich tödten; Und, sieh, ich lege gnädig dein Geschick In deine eigne kunstgeübte Hand. Der kann nicht klagen über harten Spruch, Den man zum Meister seines Schicksals macht. Du rühmst dich deines sichern Blicks. Wohlan! Hier gilt es, Schütze, deine Kunst zu zeigen; Das Ziel ist würdig, und der Preis ist groß! Das Schwarze treffen in der Scheibe, das Kann auch ein Andrer; der ist mir der Meister, Der seiner Kunst gewiß ist überall, Dem ’s Herz nicht in die Hand tritt, noch ins Auge.
Walther Fürst (wirft sich vor ihm nieder).
Herr Landvogt, wir erkennen eure Hoheit; Doch lasset Gnad’ für Recht ergehen, nehmt Die Hälfte meiner Habe, nehmt sie ganz! Nur dieses Gräßliche erlasset einem Vater!
Walther Tell.
Großvater, knie nicht vor dem falschen Mann! Sagt, wo ich hinstehn soll. Ich fürcht’ mich nicht. Der Vater trifft den Vogel ja im Flug, Er wird nicht fehlen auf das Herz des Kindes.
Stauffacher.
Herr Landvogt, rührt euch nicht des Kindes Unschuld?
Rösselmann.
O, denket, daß ein Gott im Himmel ist, Dem ihr müßt Rede stehn für eure Thaten.
Geßler (zeigt auf den Knaben).
Man bind’ ihn an die Linde dort!
Walther Tell.
Mich binden! Nein, ich will nicht gebunden seyn. Ich will Still halten, wie ein Lamm, und auch nicht athmen. Wenn ihr mich bindet, nein, so kann ich’s nicht, So werd’ ich toben gegen meine Bande.
Rudolph der Harras.
Die Augen nur laß dir verbinden, Knabe!
Walther Tell.
Warum die Augen! Denket ihr, ich fürchte Den Pfeil von Vaters Hand? Ich will ihn fest Erwarten und nicht zucken mit den Wimpern. — Frisch, Vater, zeig’s, daß du ein Schütze bist! Er glaubt dir’s nicht, er denkt uns zu verderben — Dem Wüthrich zum Verdrusse schieß und triff!
(Er geht an die Linde, man legt ihm den Apfel auf.)
Melchthal (zu den Landleuten).
Was? Soll der Frevel sich vor unsern Augen Vollenden? Wozu haben wir geschworen?
Stauffacher.
Es ist umsonst. Wir haben keine Waffen; Ihr seht den Wald von Lanzen um uns her.
Melchthal.
O, hätten wir’s mit frischer That vollendet! Verzeih’s Gott denen, die zum Aufschub riethen!
Geßler (zu Tell).
Ans Werk! Man führt die Waffen nicht vergebens. Gefährlich ist’s, ein Mordgewehr zu tragen, Und auf den Schützen springt der Pfeil zurück. Dies stolze Recht, das sich der Bauer nimmt, Beleidiget den höchsten Herrn des Landes. Gewaffnet sey Niemand, als wer gebietet. Freut’s euch, den Pfeil zu führen und den Bogen, Wohl, so will ich das Ziel euch dazu geben.
Tell
(spannt die Armbrust und legt den Pfeil auf).
Oeffnet die Gasse! Platz!
Stauffacher.
Was, Tell? Ihr wolltet — Nimmermehr — Ihr zittert, Die Hand erbebt euch, eure Knie wanken —
Tell (läßt die Armbrust sinken).
Mir schwimmt es vor den Augen!
Weiber.
Gott im Himmel!
Tell (zum Landvogt).
Erlasset mir den Schuß. Hier ist mein Herz!
(Er reißt die Brust auf.)
Ruft eure Reisigen und stoßt mich nieder!
Geßler.
Ich will dein Leben nicht, ich will den Schuß. — Du kannst ja Alles, Tell! An nichts verzagst du; Das Steuerruder führst du wie den Bogen; Dich schreckt kein Sturm, wenn es zu retten gilt. Jetzt, Retter, hilf dir selbst — du rettest Alle!
(Tell steht in fürchterlichem Kampf, mit den Händen zuckend und die rollenden Augen bald auf den Landvogt, bald zum Himmel gerichtet. — Plötzlich greift er in seinen Köcher, nimmt einen zweiten Pfeil heraus und steckt ihn in seinen Goller. Der Landvogt bemerkt alle diese Bewegungen.)
Walther Tell (unter der Linde).
Vater, schieß zu! Ich fürcht’ mich nicht.
Tell.
Es muß!
(Er rafft sich zusammen und legt an.)
Rudenz
(der die ganze Zeit über in der heftigsten Spannung gestanden und mit Gewalt an sich gehalten, tritt hervor.)
Herr Landvogt, weiter werdet ihr’s nicht treiben, Ihr werdet nicht — Es war nur eine Prüfung — Den Zweck habt ihr erreicht — Zu weit getrieben Verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks, Und, allzustraff gespannt, zerspringt der Bogen.
Geßler.
Ihr schweigt, bis man euch aufruft.
Rudenz.
Ich will reden! Ich darf’s! Des Königs Ehre ist mir heilig; Doch solches Regiment muß Haß erwerben. Das ist des Königs Wille nicht — ich darf’s Behaupten — Solche Grausamkeit verdient Mein Volk nicht; dazu habt ihr keine Vollmacht.
Geßler.
Ha, ihr erkühnt euch!
Rudenz.
Ich hab’ still geschwiegen Zu allen schweren Thaten, die ich sah; Mein sehend’ Auge hab’ ich zugeschlossen, Mein überschwellend und empörtes Herz Hab’ ich hinabgedrückt in meinen Busen. Doch länger schweigen wär’ Verrath zugleich An meinem Vaterland und an dem Kaiser.
Bertha
(wirft sich zwischen ihn und den Landvogt).
O Gott, ihr reizt den Wüthenden noch mehr.
Rudenz.
Mein Volk verließ ich, meinen Blutsverwandten Entsagt’ ich, alle Bande der Natur Zerriß ich, um an euch mich anzuschließen — Das Beste Aller glaubt’ ich zu befördern, Da ich des Kaisers Macht befestigte — Die Binde fällt von meinen Augen — Schaudernd Seh’ ich an einen Abgrund mich geführt — Mein freies Urtheil habt ihr irr geleitet, Mein redlich Herz verführt — Ich war daran, Mein Volk in bester Meinung zu verderben.
Geßler.
Verwegner, diese Sprache deinem Herrn?
Rudenz.
Der Kaiser ist mein Herr, nicht ihr — Frei bin ich Wie ihr geboren, und ich messe mich Mit euch in jeder ritterlichen Tugend. Und, ständet ihr nicht hier in Kaisers Namen, Den ich verehre, selbst wo man ihn schändet, Den Handschuh wärf’ ich vor euch hin, ihr solltet Nach ritterlichem Brauch mir Antwort geben. — Ja, winkt nur euren Reisigen — Ich stehe Nicht wehrlos da, wie die —
(Auf das Volk zeigend.)
Ich hab’ ein Schwert, Und, wer mir naht —
Stauffacher (ruft).
Der Apfel ist gefallen!
(Indem sich Alle nach dieser Seite gewendet, und Bertha zwischen Rudenz und den Landvogt sich geworfen, hat Tell den Pfeil abgedrückt.)
Rösselmann.
Der Knabe lebt!
Viele Stimmen.
Der Apfel ist getroffen!
(Walther Fürst schwankt und droht zu sinken, Bertha hält ihn.)
Geßler (erstaunt).
Er hat geschossen? Wie? Der Rasende!
Bertha.
Der Knabe lebt! Kommt zu euch, guter Vater!
Walther Tell
(kommt mit dem Apfel gesprungen).
Vater, hier ist der Apfel — Wußt’ ich’s ja, Du würdest deinen Knaben nicht verletzen.
Tell
(stand mit vorgebogenem Leib, als wollt’ er dem Pfeile folgen — die Armbrust entsinkt seiner Hand — wie er den Knaben kommen sieht, eilt er ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und hebt ihn mit heftiger Inbrunst zu seinem Herzen hinauf; in dieser Stellung sinkt er kraftlos zusammen. Alle stehen gerührt).
Bertha.
O güt’ger Himmel!
Walther Fürst (zu Vater und Sohn).
Kinder! meine Kinder!
Stauffacher.
Gott sey gelobt!
Leuthold.
Das war ein Schuß! Davon Wird man noch reden in den spätsten Zeiten.
Rudolph der Harras.
Erzählen wird man von dem Schützen Tell, So lang die Berge stehn auf ihrem Grunde.
(Reicht dem Landvogt den Apfel.)
Geßler.
Bei Gott, der Apfel mitten durch geschossen! Es war ein Meisterschuß, ich muß ihn loben.
Rösselmann.
Der Schuß war gut; doch wehe dem, der ihn Dazu getrieben, daß er Gott versuchte.
Stauffacher.
Kommt zu euch, Tell, steht auf, ihr habt euch männlich Gelöst, und frei könnt ihr nach Hause gehen.
Rösselmann.
Kommt, kommt und bringt der Mutter ihren Sohn!
(Sie wollen ihn wegführen.)
Geßler.
Tell, höre!
Tell (kommt zurück).
Was befehlt ihr, Herr?
Geßler.
Du stecktest Noch einen zweiten Pfeil zu dir — Ja, ja, Ich sah es wohl — Was meintest du damit?
Tell (verlegen).
Herr, das ist also bräuchlich bei den Schützen.
Geßler.
Nein, Tell, die Antwort lass’ ich dir nicht gelten; Es wird was Andres wohl bedeutet haben. Sag mir die Wahrheit frisch und fröhlich, Tell; Was es auch sey, dein Leben sichr’ ich dir. Wozu der zweite Pfeil?
Tell.
Wohlan, o Herr, Weil ihr mich meines Lebens habt gesichert — So will ich euch die Wahrheit gründlich sagen.
(Er zieht den Pfeil aus dem Goller und sieht den Landvogt mit einem furchtbaren Blick an.)
Mit diesem zweiten Pfeil durchschoß ich — euch, Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, Und eurer — wahrlich, hätt’ ich nicht gefehlt.
Geßler.
Wohl, Tell! Des Lebens hab’ ich dich gesichert; Ich gab mein Ritterwort, das will ich halten — Doch, weil ich deinen bösen Sinn erkannt, Will ich dich führen lassen und verwahren, Wo weder Mond noch Sonne dich bescheint, Damit ich sicher sey vor deinen Pfeilen. Ergreift ihn, Knechte! Bindet ihn!
(Tell wird gebunden.)
Stauffacher.
Wie, Herr! So könntet ihr an einem Manne handeln, An dem sich Gottes Hand sichtbar verkündigt?
Geßler.
Laß sehn, ob sie ihn zweimal retten wird. — Man bring’ ihn auf mein Schiff! Ich folge nach Sogleich, ich selbst will ihn nach Küßnacht führen.
Rösselmann.
Das dürft ihr nicht, das darf der Kaiser nicht, Das widerstreitet unsern Freiheitsbriefen!
Geßler.
Wo sind sie? Hat der Kaiser sie bestätigt? Er hat sie nicht bestätigt — Diese Gunst Muß erst erworben werden durch Gehorsam. Rebellen seyd ihr Alle gegen Kaisers Gericht und nährt verwegene Empörung. Ich kenn’ euch Alle — ich durchschau’ euch ganz — Den nehm’ ich jetzt heraus aus eurer Mitte; Doch Alle seyd ihr theilhaft seiner Schuld. Wer klug ist, lerne schweigen und gehorchen.
(Er entfernt sich, Bertha, Rudenz, Harras und Knechte folgen, Frießhardt und Leuthold bleiben zurück.)
Walther Fürst (in heftigem Schmerz).
Es ist vorbei; er hat’s beschlossen, mich Mit meinem ganzen Hause zu verderben!
Stauffacher (zum Tell).
O, warum mußtet ihr den Wüthrich reizen!
Tell.
Bezwinge sich, wer meinen Schmerz gefühlt!
Stauffacher.
O, nun ist Alles, Alles hin! Mit euch Sind wir gefesselt Alle und gebunden!
Landleute (umringen den Tell).
Mit euch geht unser letzter Trost dahin!
Leuthold (nähert sich).
Tell, es erbarmt mich — doch ich muß gehorchen.
Tell.
Lebt wohl!
Walther Tell
(sich mit heftigem Schmerz an ihn schmiegend).
O Vater! Vater! lieber Vater!
Tell
(hebt die Arme zum Himmel).
Dort droben ist dein Vater! Den ruf’ an!
Stauffacher.
Tell, sag’ ich eurem Weibe nichts von euch?
Tell
(hebt den Knaben mit Inbrunst an seine Brust).
Der Knab’ ist unverletzt; mir wird Gott helfen.
(Reißt sich schnell los und folgt den Waffenknechten.)