← Table of contents
Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5

Zweiter Teil.

Reading edition

Das Unkraut im Weizen.

Die höllischen Latwergen und Rhabarbermüschen aus der Leumundsiederei Schulderoff und Komp. taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen großgezogen werden und sicher einmal an einer Intrige sterben, die sie gegen den Tod oder den Meister Urian anzetteln – Onkel Sorben hatte kaum den Brief seiner liebenswürdigen Posaunenseraphsnichte zu Gesicht bekommen, als er wie wütend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die Geschichte so geschickt, so fein eingefädelt gewesen, und Geschenke – vom Herrn eine Dose, vom Staatssekretär ein Staatssouper, von der Gräfin ein Paar Pferde, und sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie verschmäht, und dies alles sollte ihm so ein naseweises Ding, die kaum hinter den Ohren trocken, wegliebäugeln.

Die Röte des Zornes lag noch auf seinem Gesichte, als er bei der Gräfin vorgelassen wurde, er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr täglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte, denn die Gräfin schien mit Mühe sehr heiter zu sein, ihr kolossaler Busen wogte ungestüm auf und ab.

»Exzellenz,« krächzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor, »Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem Zukünftigen aus Freilingen.« – Die Gräfin und der Rittmeister warfen sich bedeutende Blicke zu, aber der graue Hofmann ließ sich nicht merken, daß er es gemerkt habe – »ja, aus Freilingen; er soll dort en passant ein galantes Verhältnis mit einer jungen Dame, des Präsidenten von Sanden Tochter, angeknüpft haben; solches wäre nun unter andern Umständen ziemlich gleichgültig, Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus dem Brief aus Warschau erinnern, daß der Herr Graf ein Schwärmer genannt wurde, und einem solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr–«

»Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht, und ich danke Ihnen für Ihren Eifer. Die Sache ist übrigens einmal so weit eingeleitet, daß das Gräfchen daran muß, es mag wollen oder nicht; – was schreibt sein Onkel?«

Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz außer Fassung, denn sein Gewissen sagte ihm, daß er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel spiele; als nämlich Graf Martiniz ins Land kam, als man überall von seinem Reichtum sprach, der Staatssekretär ihn für eine gute Prise erklärte und alle Segel aufspannte, um ihn für die Gräfin zu kapern, da wollte es Sorbens Glücksstern, daß ihm eine bedeutende Rolle zufiel.

Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschäft war es daher, den alten Polen für die Heirat seines Neffen mit der Gräfin Aarstein zu gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes Spiel haben, der alte Graf wußte ja nichts von den fatalen Verhältnissen der Aarstein, und – ja es mußte gehen, er schrieb dem alten Martiniz und trug ihm gleichsam die Hand der Gräfin für den Neffen an. Mittlerweile hatte er, um sich bei der Gräfin, die dem regierenden Hause so nahe verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem großen Einfluß peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe, und jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich gesagt: »Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole muß wollen, was ich will, und damit holla!«

Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader Freund wieder geantwortet, daß diese Verbindung mit einer so erlauchten Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur größten Ehre gereichen könne, und daß er sich unendlich freue, die schöne Gräfin einmal als seine Schwiegernièce zu umarmen; bis hierher war es nun ganz gut, jetzt aber kam der Haken; – was übrigens sein Votum in der Sache betreffe, schrieb er weiter, so müsse er sich mit Wünschen begnügen, denn er habe den Grundsatz, in solche Affairen sich auch nicht im geringsten einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser Seite vollkommen und wisse, daß er ihm zu keiner Verbindung weder zu- noch abraten werde. Er solle einmal nach Liebe heiraten, natürlich nicht unter seinem Stand; wenn er aber diese Grenze nicht überschreite, gebe er seinen Segen zu jeder Wahl.

Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt, der Alte werde bei einer Gräfin Aarstein sogleich mit beiden Händen zugreifen und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin präsentieren ohne weitere Speranzien; wahrhaftig, man mußte im Norden noch weit, sehr weit in der Kultur zurück sein, daß man von einer Heirat nach Liebe sprechen konnte; doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte auf dieser Seite nicht mehr herausgehaudert werden, der alte Herr von Sorben dachte also: »Vogue la galère, der alte Narr muß wollen!« machte gute Miene zum bösen Spiel und sagte dem Staatssekretär und der Gräfin, der alte Martiniz sei vollkommen damit einverstanden. Ein böses Gewissen behielt er aber bei der Sache noch immer; wenn ja das Gräfchen Goldfischchen doch nicht anbeißen mochte – nein! Er konnte den Gedanken nicht ausdenken, er wäre ja um Ehre und Reputation gekommen, denn auf seine Nachricht von dem alten Grafen hin hatte man sich nicht mehr geniert und von der Verbindung, als von etwas, das sich von selbst verstünde, überall gesprochen.

Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle, und die fatale Querfrage der Gräfin: »Was schreibt sein Onkel?« hätte ihn beinahe aus aller Kontenance gebracht. Doch er faßte sich und antwortete mit der heitersten Miene von der Welt: »Der ist, wie ich schon oft gesagt habe, durchaus damit einverstanden, und diese Verbindung liegt ganz in seinen Wünsch–«

»Wie? Ganz in seinen Wünschen? Damit einverstanden? – Das sind nicht die Ausdrücke, die Sie mir früher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten mir, er schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, daß sein Neffe mich –«

Höllenangst, Höllenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er kompromittiert würde! Doch da galt kein Besinnen mehr. »Vollkommen damit einverstanden, meine Gnädige, so vollkommen, sage ich, daß er selbst zuerst auf den glücklichen Gedanken kam.«

»Nun, was wollen wir weiter?« fuhr die Gräfin ruhig fort. »Mein Gräfchen wird nicht das ungehorsame Söhnchen spielen wollen, denn die drei Milliönchen, die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir sagen, wegfallen, wenn er mich nicht –«

Sorben schnitt greuliche Gesichter; es war ihm, als sollten ihm die hellen Tränen hervorstürzen, daß er sich so dumm verplaudert hatte, und dennoch sollte er lächeln und freundlich sein, er grinste daher furchtbar wie einer, der Asa foetida oder recht bitteres Salzkonfekt im Mund hat und doch zuckerhonigsüß dabei aussehen will.

Das Unkraut wächst.

Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber die Miene des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spaßhaft vorkommen, als sie aussehen sollte. »Mir scheint es, als dürfe man die Sache nicht nur so gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorsam sein will oder nicht, denn hole mich der – verzeihen Sie, gnädige Gräfin – wenn ich selbst drei Millionen hätte, wie der Goldfisch, der jetzt in Freilingen vor Anker liegt, so täte ich nach meinem Sinn, und nicht wie mein alter Oheim wollte.«

»Das heißt also,« rief die Gräfin pikiert, »Sie würden Ihrem Kopf folgen, auch zu den Füßen des Fräuleins Ida liegen und die Gräfin Aarstein refüsieren?«

»Wie Sie nur so reden mögen?« antwortete der Rittmeister empfindlich, »Sie wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit sagen, daß der Graf Sie sehen muß. Und hat er Sie nur erst einmal gesehen, nun, so stehe ich dafür, daß er keine weitere Vergleichung anstellt, sondern zu Ihren Füßen liegt.«

Die Geschmeichelte schlug ihn mit dem Éventail auf die Hand und meinte selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, daß dieser Rat vielleicht so übel nicht wäre. Auch Sorben schien er das einzige Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst einmal hinter den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gnädig. Denn wenn die einen lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es vierundzwanzig Stunden, und er ist im Netz.

Sie hielten jetzt großen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der Rittmeister von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor der Gräfin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit dem überein, was Fräulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. Ueber den Tatbestand war also nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen?

»Ist sie denn wirklich so hübsch?« fragte Sorben, um die feindliche Stellung recht genau zu rekognoszieren.

»Hübsch?« lachte die Gräfin bitter. »Hübsch? Nun das müssen Sie ihren primo amoroso, den Rittmeister, fragen. Wenn durcheinandergefitztes Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zähne, ein Paar rote Bäckchen, eine gedrechselte Hopfenstange von Körper, die mir die Nerven angreift, weil man sie nicht berühren darf, ohne fürchten zu müssen, daß man eines der zarten Gliederchen abknicke« (bei der kolossalen Riesen-Kürassierfigur der Gräfin war dies nicht zu befürchten), »wenn dies alles für hübsch gelten soll, so ist sie wunderschön. Ha, ha, ha! wunderschön! Nun, und das – muß man ihr lassen, viel Welt und Bonton hat sie auch. Denken Sie sich, ich lasse mich herab, sie mir letzten Winter präsentieren zu lassen, lade sie zu meinen Soirees und Hausbällen ein, aber siehe da, Mamsell Zimperlich setzte mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottise ohnegleichen ist? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pate, die einen Affen an ihr gefressen haben mußte, als ich mich bei der Fürstin Romanow beklagte, warum die junge Dame sich so impertinent gegen mich betrage, was meinen Sie, daß ich zur Antwort erhielt? Denken Sie sich, das gute Kind sei zu unverdorben und keusch, als daß sie sich in meinen Cercles gefallen könnte! Dergleichen kann man von der Fürstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken, aber, ma foi! sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun, der Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen. Wie ist es damit? Gestehen Sie!«

Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, daß er Ida immer nur als ein reines Kind der Natur gefunden habe, aber sein höhnisches Teufelslächeln bei diesen Schwüren, die Art, mit welcher er den Stutzbart bis an die Ohren zurückriß und die Augen einkniff, ließ fast erraten, daß er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle.

»Nun,« sagte Sorben, »wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht schwer, zu agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem Sattel, der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, daß er den Grafen eifersüchtig macht. Er darf nur dem süßen Schwärmer schwören, daß er die Gunst des Fräuleins Engelrein noch nie ganz genossen habe, und dazu ein Gesicht machen, wie wir es eben gesehen haben, so muß der gute Mann abgekühlt sein, als sei er nie entbrannt gewesen.«

»Aber wie soll dies alles geschehen? Wir können doch die Mamsell Zimperlich nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn Tagen die Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so schnell zu meinen Füßen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen.«

»Ist gar nicht nötig,« replizierte Sorben, indem er seine Karte immer hübscher mischte, »nicht nötig. Wie wäre es, ja, das wäre am Ende das beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spaß auf einmal ein Ende machten?«

Der Gedanke schien der Gräfin nicht übel zu gefallen. »Wahrhaftig, es wäre so übel nicht,« antwortete sie sinnend; »der alte Präsident, wahrhaftig, ich quartiere mich selbst bei ihm ein. Erst vor einem Jahre hat er mich eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine Güter durch Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das wäre ein zu hübscher Spaß, Fräulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan abzuspannen. Nein, der Einfall ist göttlich, und ich bin fast entschlossen, ihn auszuführen.« Sorben atmete wieder freier, als er die Gräfin auf so gutem Wege sah. Jetzt konnte, jetzt mußte ja noch alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre war gerettet. Er tat sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er so hübsch die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert hatte. Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich.

Als er fort war, gestand die Gräfin ihrem Cicisbeo, daß sie nach Freilingen reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter einer Bedingung, nämlich er müsse sie eskortieren. Einmal würde ihr die Reise zu langweilig ohne ihn, und dann habe sie ihn auch höchst nötig, um Ida bei dem Grafen aus dem Felde zu schlagen. Der Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit einer solchen Frau war eine herrliche Aussicht. Daß er als Reisestallmeister den Wein nicht zu schonen habe, wußte er wohl. Nach Freilingen war es drei Tagereisen, wie angenehm ließ es sich bei der Gräfin im Wagen sitzen, wie interessant ließen sich die Verhältnisse weiterspielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrückte. – Und dann, er kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu rächen, in die er, er mußte es sich zu seiner Schande gestehen, bis zum Tollwerden verliebt war, und die ihm nicht einmal ein Küßchen – nein, es war zu unverschämt. Bei andern hatte er nach den ersten Präliminarien beinahe ohne Schwertstreich gesiegt, und dieses Landpomeränzchen hatte ihm so imponiert, daß er es nicht wagte, nachdem sie ihn einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch einmal einen Versuch zu machen. Und diese Blame war ausgekommen, man wußte es sogar in dem kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz, sein Kamerad Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu räch– es mußte sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, daß ihr die Haut schaudern sollte.

Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit den gräflich Aarsteinischen Wappen zum Tore hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck mit seinem Jockei hinterdrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das Pferd dem Jockei und setzte sich in den gräflichen Reisewagen, und fort ging es über Stock und Stein, bis man den Münsterturm von Freilingen sah. Dort stieg er aus, küßte noch einmal eine schöne Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde, saß auf und ritt auf einem Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum goldenen Mond einquartierte.

Trübe Augen.

Ida fühlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Gräfin aus dem Wagen steigen sah: »Nun adieu, Liebes- und Lebensglück!« seufzte sie, indem sie einen trüben Blick über Martiniz hinfliegen ließ und zur Treppe eilte, um den erlauchten Gast zu empfangen. »Nun adieu, Liebesglück, wenn dieses Weib in mein Leben greift!«

Sie zerdrückte eine Träne des Unmuts über ihr Geschick und ging weiter. So ungefähr muß es jenen unschuldigen Tierchen zumut sein, wenn sie die Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick übertäubt, nicht auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem Verderben entgegengehen.

Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in höheren Verhältnissen von Kindheit an studiert, wußte die Gräfin schnell über das Unangenehme der ersten Augenblicke hinüberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht gebracht, daß sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren wärmsten Freunden begegnete. Auch war sie die Ueberraschte und die Gräfin die Ueberraschende, daher war Ida etwas befangen und zeremoniös beim Empfang der hohen Dame; aber ihr natürlicher Takt sagte ihr, daß sie jede andere Rücksicht beiseite setzen müsse, um nur die im Auge zu haben, die Gräfin, die nun einmal ihr Gast war, anständig und würdig zu behandeln.

Um wieviel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen leiteten, als die der Gräfin! So verschieden als Natur und Kunst. Die Aarstein wußte gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter haßte und ihm hätte den Dolch in den Leib rennen mögen, freundlich und leutselig zu sein. Sie konnte ihm etwas Verbindliches sagen, wenn sie das bitterste Wort auf der Zunge hatte. Aber so sind jene Gesellschaftsmenschen, die nichts Höheres kennen, als sich so zu produzieren. Wenn man in ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten Zeiten zu kommen, wo noch alles so brüderlich und freundlich war; da ist alles übertüncht, alles hat den schönen Anstrich der Geselligkeit, aber man soll nur einmal hinhorchen, wie es da über die ehrlichen Leute hergeht, wie medisant da alles bekrittelt wird, wie da der Bruder, der Freund gewiß sein darf, von dem, der ihm gerade noch so schön getan, ohne Schonung bitter bespöttelt zu werden.

Aber ist es nicht überhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer dem andern so viel als möglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin gebracht hat, daß er ruhig in dieses böse Treiben hineinsieht und dazu lächelt. Mit Ruhe und dem Bewußtsein, Gutes gewollt zu haben, in der zufriedenen Brust, lache ich über den Spott meiner Neider, über die hämischen Bemühungen jener Falschmünzer, die mit schnöder Schadenfreude aus allem, was man je gesagt und gedacht, nicht gesagt und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer frechen Leumundsiederei ein Gebräu zusammenkochen, das sie gerne mir unterschieben möchten! Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die von Neid und Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge verlieren, glücklich und brüderlich untereinander zu wohnen! So denke ich und viele Tausende mit mir über jene bösen Menschen in den gesellschaftlichen Zirkeln und in der Welt überhaupt, so denken wir und lachen, denn das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man ein sicheres Glück im Herzen trägt, und froher kehr' ich, wenn ich es gemustert, zu meinem schönen Eigentum zurück.

So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Gräfin die Treppe hinanstieg; ein tröstender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele, sie verglich ihren innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte, wenn Martiniz mich liebt, wie ich ihn liebe, so wird er diese Frau verachten, und wenn – ach, sie durfte den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne daß ihr das Wasser in die Augen trat! – nun, wenn er an sie verloren geht, so habe ich wenig verloren.

Es gab einen sonderbaren, aber schönen Anblick, wenn man die beiden Damen so nebeneinander hingehen sah. Gräfin Aarstein, eine kolossale Figur – sie hätte ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen können – voll, üppig gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes, Majestätisches, Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an Uebermut grenzte. Ihre dunklen Augen hatten das holde, mädchenhafte Niederschlagen schon lange verlernt und rollten mit einem unstäten Feuer umher, als suchten sie lüstern einen Gegenstand der Begierde, oder als musterten sie alles umher, ob auch die gehörige Ehrfurcht gegen einen Sprößling eines so hohen Hauses bewiesen werde. Ihr Gang war etwas schwerfällig, weil die korpulente Figur für die in die feinsten Pariser Atlasschuhe eingepreßten Füße etwas zu schwer war.

Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenähnliche Gestalt Idas, nein, dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber doch war das holde Lockenköpfchen ein wenig vorwärts gesenkt; das sanfte Auge, oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es aufschlug, so glänzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden Ernst, daß es durch die sanfte Beredsamkeit überzeugender gebot als das Rollauge der gebietenden Gräfin. Und um wieviel anziehender war das Schelmengrübchen-Lächeln des süßen Mädchens als das schrankenlose Lachen und Gurren der Gräfin, die durch ihre rauhe, tiefe Stimme jedes Ohr verletzte. So schwebte Ida neben der Gräfin hin, so wie Juno und Hebe traten sie in das Zimmer.

Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn so unbarmherzig aus dem süßesten Moment seines Lebens herausgerasselt hatte. Er verwünschte den Gast, der gerade jetzt kommen mußte, wo er endlich seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Mädchen, das er liebte, das er anbetete, seine Gefühle gestanden hatte, wo er Gegenliebe, süße verschämte Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von Engeln des Himmels gesungen, »mein Emil« von ihren Lippen tönte, wo er das Engelskind im Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust, Himmel und Erde vergaß und auf diese würzigen Purpurlippen, auf die bräutlich errötenden Wangen den ersten, seligen Ku–

Die Gräfin agiert.

Die Flügeltüren flogen auf, und Ida, hoch errötend beim Anblick des Geliebten, führte die Gräfin herein. Sie zitterte, von so vielen gegeneinander kämpfenden Empfindungen bestürmt, die Stimme wollte ihr beinahe versagen, als sie »den Grafen Martiniz« der »Gräfin Aarstein« vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erröten, sie sah, wie sie den bildschönen Mann mit ihren Feuerrädchen beinahe zu versengen drohte; es zuckte ihr ganz eisig in das liebende, ängstliche Herzchen hinein, als die Gräfin sich in einer nachlässigen Stellung auf das Sofa warf, ihr zurief, sie möchte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements treffen, die ein so plötzlicher Ueberfall wie der ihrige immer notwendig mache, sie möchte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde schon die Gnade haben, sie zu unterhalten.

»Da sei Gott gnädig,« flüsterte Ida in sich hinein, indem es ihr fröstelnd und doch wieder siedheiß durch alle Glieder ging, »wenn die so fortmacht, so müssen wir ja alle samt und sonders, den Grafen mit eingeschlossen, zu ihren Füßen knien.«

Sie nahm ihre Schlüssel und ging; aber noch in der Türe warf sie einen Blick auf Martiniz zurück, so voll Liebe und Besorgnis, als müsse sie ihn bei einem reißenden Tier allein lassen.

»Ein liebes Kind, die Ida,« wandte sich die Gräfin an Martiniz, der schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, »ein liebes Kind, schade nur, daß man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat. Nun, das macht sich noch gerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade der Ort ist, wo sie anständige Vorbilder dazu haben mag; in größeren Städten findet sich dies eher.«

Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen, diesem aber schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und jetzt erst, als die Gräfin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen und beantwortete ihre Frage durch ein leises Kopfnicken.

»Warte, ich will dich schon aufmerken lehren,« dachte die Aarstein, der die Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. »In einer Hinsicht ist es gut, daß das Fräulein aus der Residenz wegkam, Sie können sich gar nicht denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich aufblühte; die Straße vor dem Haus der Madame la Truiaire wurde nicht leer von den Anbetern, und natürlich! ein solches Mädchen hat denn doch auch ein Herzchen und fühlt sich durch diese Aufmerksamkeit geschmeichelt. Uebrigens, das muß man ihr lassen, mit dem größten Anstand wußte sie den Herren zu imponieren und sie sogar zu verscheuchen; daß sie nun freilich bei dem Rittmeister von Sporeneck es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht verdenken.«

»So–o?« fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen überzog. »Der Rittm–« – »Nun ja« lachte die Gräfin, »da ist es auch kein Wunder, daß sie ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in der Residenz ein Damenherz, das er zu überwinden sich vorsetzte, und das er nicht überwunden hätte? Er hat zwar etwas leichte Grundsätze, ist aber sonst ein artiger Mensch; au fond ist es übrigens dennoch gut, daß man das Mädchen schnell aus der Pension nahm, denn sehen Sie – da kommt sie ja selbst,« lachte sie Ida entgegen, die mit liebenswürdiger, wirtlicher Geschäftigkeit Tee für ihren Gast brachte. Beinahe hätte sie das ganze zierliche Dejeuner auf den Boden fallen lassen, denn der Graf – was mußte ihm nur begegnet sein? Er saß da so bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet –

»Nun, da erzähle ich,« fuhr die Gräfin Satanas, die mit teuflischer Freude das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen hatte, zu zerreißen strebte, »da erzähle ich gerade dem Herrn Grafen Ihre Affaire mit dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedauere, daß man sie so grausam herausriß aus der Wonne der ersten Lie–«

»Gnädige Frau!« rief Ida mit den Tönen des Schreckens und setzte die Tasse nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann.

»Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, daß ich aus der Schule schwatze; das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa hätte auch keine ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurückberufung wählen können –«

»Ich muß Sie bitten, gnädige Frau –«

»Ei, so lassen Sie doch die gnädige Frau,« fiel ihr die Aarstein ins Wort, »ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als ob ich Frau wäre, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht,« setzte sie naiv und mit einem schalkhaften Lächeln gegen Martiniz hinzu, »ich lebte nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns kein Kind beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Mädchen.«

Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Aeußerungen mußten ihre unentweihten jungfräulichen Ohren hören, ohne daß sie diese wegwerfende Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen mit dem Rittmeister, es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte gar nicht begreifen, was nur die Gräfin damit wollte; hatte sie ihn denn nicht so gut abgetrumpft wie jeden andern? Was mußte nur Martiniz von ihr denken! Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit ihn zu überzeugen, daß gewiß an der Geschichte mit dem Rittmeister kein wahres W– Aber nein, wie sah der Graf aus! Er hatte die Lippen zusammengekniffen, daß sie ganz weiß wurden, sein Auge rollte unstät umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch schlug er es nieder, so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange ums Herzchen, als ahne sie irgend ein Unglück; sie klügelte hin und her, was ihm sein könnte, und fand immer nichts.

Die Gräfin zog sich jetzt in ihre Zimmer zurück, um sich umzukleiden. Ida sah ihr mit leichterem Herzen nach, denn sie hoffte – sie gestand es sich nur so halb und halb, daß sie es hoffte, aber sie hoffte, der Graf werde vielleicht an dem Gespräch von vorhin fortmachen, aber sie täuschte sich bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging. Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich aber fiel ihr ein, der Rittm– ja, das war es, eifersüchtig war der gute Graf. Sie mußte lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fühlte sich so rein und unschuldig, daß es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu überzeugen; aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir die Aarstein zuviel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister sprechen und ihn recht bös machen.

Das gute, fröhliche Kind; wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht Böses anrichten könne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete!

Eifersucht.

Das Gift, das die Gräfin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel tödlicher auf Martiniz, als man hätte denken sollen. Ein anderer hätte entweder der Gräfin keinen Glauben beigemessen, hätte gedacht: »Nun, das ist so das gewöhnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen,« und damit holla; aber auf sein Gemüt, das kaum erst von seinem Trübsinn, von seinem Mißmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn machte es einen viel tieferen Eindruck; dieses Mädchen, das so hoch stand in seiner Meinung, auch dieses sollte so leicht wägen wie alle? Auch sie sollte so zwanzig, dreißig Liebschaftchen und am Ende noch eine rechte tüchtige Amour mit einem leichten Rittmeister gehabt haben?

Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein Mädchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister viel oder wenig Gehör gibt? Was ging es denn ihn an? Das flüsterte ihm sein tief zerrißnes Herz zu, das, daß sie die Maske der hohen, reinen Jungfrau so künstlich vorhielt, daß sie ihn begünstigte, ja, er durfte sagen, an sich zog, während sie noch einen anderen, wie es schien, Unwürdigen im Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch möglich, vielleicht war es doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich eingebildet, von ihr geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch ihre erste Lie–

»Bitte untertänigst um Vergebung, wenn ich störe,« schnatterte ein Jockei, der während des Grafen Selbstgespräch ins Zimmer gekommen war, »der Herr Rittmeister von Sporeneck –«

Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen Sporeneck genannt? Sollte er hier sein?

»Lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen,« fuhr jener fort, »und ob der Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus abtreten wollten?«

Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenüber Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim– nein, er konnte es nicht tun, diese Forderung war zu unverschämt – gedankenlos starrte er den Bedienten an, der ihm die Unglücksbotschaft hinterbracht hatte; dieser glaubte, der Graf wolle noch weitere Aufträge von seinem Herrn, und schnatterte weiter:

»Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten, aber mein Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schöne Aussicht, und da hat er gemeint, Exzellenz könnten vielleicht eines von den drei –«

»Nein! –« rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so finster die Augen dazu, daß dem armen Jockei ganz wind und weh dabei wurde, und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal vormachen ließ.

Da hat er es ja sonnenhell, daß ihm das Licht in den Augen weh tat, da hat er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und hatte jetzt noch die Unverschämtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, daß er besser hinüber zu seiner Dulcinea – Nein, in diesem Tone konnte es nicht fortgehen; die Wehmut war stärker als die Bitterkeit und wurde Herr über sie; er warf sich in sein Sofa und weinte bitterlich. So war gewiß noch kein Mensch getäuscht worden wie er; der Zufall, der blinde Zufall läßt ihn ein Mädchen finden, so hold, so schön, so ganz Unschuld und reine Jungfräulichkeit; er muß sie lieben, und wie glücklich ist er in dieser Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe, Dinge, die er seit langer, langer Zeit nicht gekannt, ziehen wieder ein in sein Herz, er fühlt sich glücklich, wie er selbst damals, als noch sein Haus in Fülle des Glücks und der Freude prangte, sich nie gefühlt hatte, er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er sah das Morgenrot der ersten, zarten, jungfräulichen Liebe auf ihren Wangen aufgehen, und diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus ihm, dem Unglücklichsten der Sterblichen – den Glücklichsten. Jetzt hatte er ja alles, was die kühnsten Wünsche nur verlangen mögen; Gesundheit, Jugend, hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, daß er den Markt von Freilingen mit Talern hätte belegen lassen können, ohne daß er es sonderlich gefühlt hätte, es fehlte ihm nichts mehr als das eine, ein holdes, tugendsames Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen, er hielt im seligsten Moment seines Lebens ein Mädchen im Arm, ein Mädchen, für dessen Tugend er sein Leben gegeben hätte. Da sendet in dem Augenblick, wo er sein Herz hingeben will, der Himmel eine Dame, die unwillkürlich den Schleier ein wenig lüftet und ihn das Mädchen ein wenig näher kennen lehrt, die ihn merken läßt, daß dieses Auge nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser keusche Mund nicht zum erstenmal geküßt werde, die, wenn man es gleich in der großen Welt nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, daß es gut sei, daß man das Mädchen aus einem unschicklichen Verhältnis herausgerissen – abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt – an eine Schlange, an eine Kokette hat er sein Herz verloren, da, wo er schüchtern mit der verschämten Zartheit erster Liebe um ein einziges Küßchen gebeten hatte, da hatten andere geschwelgt! Er schämte sich wie ein Primaner, der die Rute bekommen hatte, so betrogen, so schnöde angeführt worden zu sein; er gönnte ihr, obgleich sein Herz dabei blutete, er gönnte ihr den Rittmeister, es reute ihn beinahe, daß er ihm sein Logis versagt hatte, alle Zimmer hätte er ihm geben sollen, er wollte morgen in alle Weite fortziehen. – Und dennoch drängte es ihn, noch dazubleiben; wenigstens rächen wollte er sich an ihr, er wollte hinüber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn betragen würde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber gekommen, ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn wie bisher an der Nase herumzuziehen; tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen, aber das eine war ihm zu spitzig und schneidend, er wollte ihr nicht so arg weh tun, das andere war ihm zu weich, zu gefühlvoll; er wollte ihr nicht zeigen, wie tief sie sein Herz verletzt habe – das beste schien ihm, er wollte ganz und gar nichts mit ihr reden, wollte tun, als ob gar keine Ida in der Welt sei, oder als sei sie ihm wenigstens sehr gleichgültig, wollte ihr zeigen, daß er sie verachte.

Die Stunde, zu der man gewöhnlich beim Präsidenten Tee trank, hatte schon geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Träne, die er der Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine Toilette, warf sich in die Kleider, preßte das weich gewordene Herz mit beiden Händen zusammen und ging dann den schweren Gang hinüber in jene Zimmer, wo er einst so unendlich glücklich gewesen war.

Der neue Nachbar.

Es war, als sei ein feindlicher Dämon mit der Gräfin in des Präsidenten Haus eingezogen. In wenigen Stunden war alles, das ganze ruhige stille Leben des Hauses verändert. Alles rannte und flog, um den hohen Gast zu bedienen; es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, daß man glaubte, der Feind sei vor den Toren. Der Aergste war der Präsident selbst; ganz still verklärt, schlüpfte er in allen Ecken des Hauses umher, zankte und hantierte, daß die Konfusion nur noch ärger wurde, und ihn sein Mädchen, das vor Haushaltungsgeschäften und Herzensangelegenheiten nicht wußte, wo ihr der Kopf stand, ihn um Gottes willen bat, sie doch ganz allein machen zu lassen. Es war aber auch kein Wunder, daß er sich ein wenig verrückt gebärdete. Der Himmel hing ihm voller eigenhändig-durchlauchtigster Belobungsschreiben, voll großer Verdienstkreuze mit breitem Band über die Brust, voll Dotationen und Standeserhöhungen; jetzt war er in seinem Esse, jetzt konnte er negoziieren und zeigen, daß er nicht umsonst in Regensburg und Wetzlar in seiner frühen Jugend Diplomatie studiert hatte. Was er mit seinen kühnsten Wünschen nicht für möglich gehalten hätte, führte ihm ganz bequem der Zufall in die Hände. Der Staatssekretär hatte ihm aufgetragen, dafür zu sorgen, daß Martiniz sich ankaufe und für die Idee einer Verbindung mit der Aarstein gewonnen werde; es hatte ihm wahrhaftig schon manche Sorge gemacht, ob er diesen Ausbruch allerhöchsten Vertrauens auch gehörig rechtfertigen werde. Jetzt gab der Himmel der Gräfin ein, auf ihre Güter zu reisen. Was doch nicht der Zufall tut! Ohne daran zu denken, daß es wirklich einmal in Erfüllung gehen könne, denn der gerade Weg führte zwei Meilen seitwärts an Freilingen vorbei, hatte er einmal in der Residenz in einem Anfall von galanter Laune der Gräfin das Versprechen abgenötigt, einmal auf ihrer Reise bei ihm einzusprechen. Und wie glücklich fügte es sich jetzt! Sie, die beim Herrn alles galt, die er behandelte wie seine eigene Tochter und ihr alles zu Gefallen tat, sie, nach deren Wink die ersten Chargen sich richten mußten, die, ohne daß man es merkte, an ganz geheimen Fäden, das Land regierte, sie besuchte ihn.

Aber sie sollte auch gehalten werden, als wäre sie in ihrem eigenen Hause, daß sie recht viel Schönes und Gutes höheren Orts von ihm und seinem Hause sagen konnte. Kaum hatte sie geäußert, sie finde Idas Zimmer im ersten Stock so hübsch, so mußte das Fräulein das Feld räumen und in die zweite Etage wandern. Es kam dem Mädchen sauer an, als sie so die Plätze wechseln mußte, und in ihrem traurigen, ahnungsvollen Herzen wollte es ihr beinahe bedünken, als sei dies eine schlimme Vorbedeutung. Und es war ihr auch gar nicht zu verdenken; sie hatte das Fenster mit der Estrade so gerne gehabt, dort saß sie am liebsten, dort las, dort arbeitete sie, sie durfte ja nur das Köpfchen ein wenig heben, den blauseidenen Vorhang nur ein wenig aufheben, nur einen kleinen Viertelsseitenblick hinüberwerfen, so sah sie ja auch schon ihn; und jetzt sollte sie der verhaßten Nebenbuhlerin, die ja offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Fesseln zu schlagen, jetzt sollte sie dem üppigen Weib, die gewiß alle Künste der Fensterkoketterie aufbieten werde, ihr heimliches Plätzchen am Fenster, ihr lauschiges Schlafstübchen abtreten und dafür, weiß Gott wie lange, in den weiten unheimlichen Zimmern des obern Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete sie ihre kleine Haushaltung oben ein. Die Stickrahmen, die Staffelei, die Toilette, die paar Kistchen und Kästchen waren bald gestellt; jetzt setzte sie einen Stuhl ins Fenster, sie probierte, ob man nicht auch von da in den ersten Stock des Mondes hinabsehen könne; es ging wohl, aber sie sah nichts als die Wolken seiner Gardinen, er mußte schon herausschauen, wenn sie ihn von diesem Platz aus zu Angesicht bekommen sollte, und das merkte sie schon, einen steifen Hals konnte sie sich füglich gucken, wenn sie immer das Köpfchen hinabbog. »Doch was schadet das,« lächelte sie, »das tu' ich ihm schon zu Gef–«

Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf, hatte sie recht gesehen oder hatte ihr nur die Phantasie diese Gestalt – als sie von der Bel-Etage des Mondes zurückkehrte, und ihr Blick zufällig an den Fenstern des zweiten Stockes vorbeistreifte, erblickte sie – »Nein, was bin ich für ein Kind!« dachte sie. »Wie wäre es möglich? Was könnte er nur hier zu tun haben?« Sie wagte noch einen Blick – richtig! der Rittmeister von Sporeneck lag geradeüber von ihr im Fenster und bückte und verbeugte sich herüber und tat und lächelte so vertraut und so freundlich, als hätte er sie jahrelang gekannt.

Voll Unmut über den Unverschämten riß sie an der seidenen Schnur, welche den Store am Fenster emporhielt, und rauschend rollte der Vorhang zwischen sie und den verhaßten Lüstling. Dieser Mann war ihr der widerwärtigste auf der Erde; er war ein schöner, kräftiger Soldat, gebildet, von glänzendem Witz, angenehm in der Unterhaltung; er wußte den Bescheidenen zu spielen, aber nicht länger als ein paar Tage, dann – das Mädchen, das er belagerte, mußte ja in dieser Frist kirre gemacht sein – dann kehrte er seine wahre Seite heraus, sein Auge wurde lüstern, seine Reden, lockend, schlüpfrig, mußten jedes zarte, weibliche Ohr aufs tiefste beleidigen, wenn es nicht schon ganz für ihn gewonnen war. So hatte er sich auch Ida genähert. Das unschuldige Kind hatte Gefallen an seinen Gesprächen, die ihr ein wenig mehr Gehalt zu haben schienen als die der übrigen jungen Herren, sie ging oft in seinen Witz, in seine heitere Laune ein. Er aber hatte sich ein rasendes Dementi bei diesem Mädchen gegeben. Er hatte sie in eine Klasse gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Residenz, die, zur Jungfrau herangewachsen, unter dem Schleier der Sittsamkeit eine kaum verhaltene Lüsternheit, ein sündiges Sinnen und Begehren verbergen. Diese hatte er immer bald aufs Eis geführt, und waren sie nur einmal in einem Wörtchen geglitscht und geschlüpfert, husch –; so hatte er auch bei Ida endlich, nachdem er alle edleren Farben hatte spielen lassen, die herausgekehrt, die jede andere geblendet hätte, aber vor dem strengen Blick der reinen Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden, man sagt sogar mit einer tüchtigen Ohrfeige, war er abgezogen, erklärte Ida überall für ein Gänschen, schwur ihr bittere Rache und warf sich in die Arme der Aarstein, wo ihm ohne langweilige Präliminarien bald wurde, was er bei Ida durch tausend Künste umsonst gesucht hatte.

»Das ist aber auch zu abscheulich,« dachte Ida, »so wenig sich zu genieren!« Denn daß die Gräfin ihren Liebhaber mitgenommen, daß er auf keinem anderen Wege nach Freilingen gekommen sei, das hatte sie gleich weggehabt. Weiter dachte sich aber das gute, unschuldige Kind nichts dabei. Sie kannte zwar die grundlose Schlechtigkeit der Aarstein so ziemlich, sie wußte, daß diese gekommen sei, um den Grafen zu gewinnen; aber das ahnte sie nicht, daß man den Rittmeister nur dazu mitgenommen haben könnte, um sie von Martiniz' Herzen loszureißen, um sie in eben jenem Lichte zu zeigen, in welchem sie die Gräfin sah. Nein, an diesen wahrhaft höllischen Plan dachte das engelreine Herzchen, das allen Menschen gerne ihr Gutes gönnte, nicht. Und wie sollte sie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja gar nicht anders, als die Gräfin könne von ihrer Liebe zu Martiniz auch nicht die leiseste Ahnung haben; wußte ja sogar sie kaum seit Stunden, daß sie ihn recht innig liebe, hatte sie ja doch all ihre Sehnsucht, all ihre Liebe recht tief und geheimnisvoll im Herzchen verschlossen, und niemand könne, glaubte sie, da hineinsehen, als vielleicht höchstens Mart– ja, er mußte ja gefühlt haben, daß sie ihm gut sei, sonst hätte er wohl nicht jenes Geständnis gewagt, daß er sie lie–

Aber da schellte es schon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig! die Teestunde war da, und noch manches war zu rüsten; die Gedanken an Rum und Zitrone, Zucker und Tee, Milch und Brötchen, Tassen und Löffelchen verdrängten alle anderen; sie flog die Treppe hinab, um schnell alles zu ordnen. Dort stand schon Papa und flüsterte ihr zu: »Schicke dich nur, es sind allerhand Besuche da, und du könntest leicht mehr Rum brauchen als das Bouteillchen da!«

Trau – schau – wem?

Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Präsident, nein, sie hätte mögen gerade in den Boden sinken. – »Siehe da, Ida,« sagte er, »ein Bekannter von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns diesen Abend mit seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen; wenn so einer von euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt, ist es gleich ein Jubel und ein Fest für alle Mädchen, die nur einmal in der Residenz waren; da werden dann allemal in Gedanken alle Bälle und die kleinsten Touren noch einmal durchgetanzt und in der Erinnerung viel getollt; ich kenne das,« setzte der freundliche Alte hinzu, indem er sein Töchterchen in die Wange kniff, »war auch einmal jung und kenne das.« Er ging weiter und ließ den Rittmeister vor Ida stehen.

Diese wurde bald blaß, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnöde abgewiesen hatte, dieser konnte es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht öffentlich prostituieren; ihn einen impertinenten Menschen heißen und fortschicken? Doch nein, sie wußte, wie heilig das Gastrecht ihrem Vater war, sie wollte ihn schonen. – So hing sie ihren Gedanken nach und bemerkte nicht, wie der Rittmeister schon seit einigen Minuten neben ihr stand und an sie hinsprach. Jetzt kam sie wieder zu sich – was mußte nur der Graf denken, wenn sie so lange bei dem Menschen stand, mit welchem sie die Aarstein bei ihm so verdächtig gemacht hatte? Ihre Augen suchten den Geliebten – er saß neben der Gräfin, traulich hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt sahen beide nach ihr und dem Rittmeister herüber – die Gräfin mit höhnischer Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster, als sehe er etwas, das er gar nicht für möglich gehalten hätte.

Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein Mißtrauen ihm zuflüsterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters – doch er konnte ja auch in Geschäften an das hiesige Regiment geschickt worden sein; dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenüber abzutreten; nun ja, das war allerdings stark, und der böse Geist wollte ihm zuflüstern, daß dies schon sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch wieder; das alles bewies ja nur höchstens, daß der Rittmeister in Ida verliebt sei, von ihrer Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber recht Achtung wollte er geben auf Ida, das war sein Entschluß gewesen, als er durch die hellerleuchtete Enfilade von Präsidents Zimmern ging.

Er war heute einer der ersten, und in den hohen, weiten Zimmern beinahe niemand, den er näher kannte, oder mit welchem er in ein Gespräch sich hätte einlassen mögen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken durch die Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern; wenn das Ida – dachte er; er sah sich freundlich um – es war die Gräfin. Sie verwickelte ihn bald in ein Gespräch, aus welchem er sich nicht so bald herauswirren konnte. Das fatalste war, daß er dem Redegang der Gräfin Plapperinsky immer folgen mußte, um nicht zerstreut zu erscheinen, und doch ging ihm immer der Rittmeister und sein Logis im Kopf herum.

»Nein, aber sagen Sie selbst, Graf,« fuhr sie fort, nachdem sie in einer Pause wieder Atem geschöpft hatte, »sagen Sie selbst, kann man artiger und aufmerksamer für seine Gäste sein als Ida? Denken Sie sich, meine Coffres und Vaches waren schon in den oberen Stock gebracht worden; es wohnt sich dort ganz hübsch, zwar sind die Zimmer nicht so elegant eingerichtet wie hier unten, doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht man keine so großen Ansprüche, besonders wenn man so schnell und unangemeldet kommt wie ich. Ich war also schon ganz zufrieden in meinem Sinn und ließ auspacken. Da kommt das gute, liebe Engelskind, denken Sie sich, und ruht nicht eher, bis ich von ihrem schönen Boudoir, Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz nehme, und sie selbst zieht in ihrem Edelmut hinauf in den obern Stock. Nein, sagen Sie selbst, kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als die gute Ida?«

»Sehr viel, sehr viel!« preßte Emil heraus, es war ihm, als schnürte ihm etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die Brust führe und das warme, liebeglühende treue Herz umdrehte und schmerzlich hin- und herreiße. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden war jetzt die fürchterliche Verstellungskunst dieser – – Dirne, die so schändlich mit ihm gespielt hatte; daß zwischen dem Logis des Rittmeisters und ihrer ungemeinen Gefälligkeit gegen die Gräfin ein geheimer Zusammenhang stattfand, konnte ein Blinder sehen.

Er lachte, es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hölle lachte aus ihm heraus. »Wahrhaftig, ein großes Opfer,« sagte er mit schrecklicher Lustigkeit zu der Gräfin, »eine ungeheure Großmut, die ganz allein aus der allerausgedehntesten Nächstenliebe und Gastfreundschaft hervorgeht!« Die Gräfin Aarstein-Satanas wußte wohl, daß sie sein Herz mit glühenden Zangen zwickte, wußte auch nur gar zu gut, woher die Logisveränderung kam, aber so vollständig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren höllischen Triumph nicht vorgestellt.

Sie hatte ja nie so recht geliebt, sie wußte daher auch nicht, daß die stärkste, glühendste Liebe zugleich die schwächste und empfindlichste ist!

Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Präsidenten reichlich versehen war. Der Graf bebte zurück vor ihm. Dieses gierige Auge, dieses höhnische Lächeln, diese falsche, schlaue, lauernde Miene, so ganz ohne höhere Bedeutung, ohne edlere Züge, diesen Menschen konnte Ida lieben! Er hätte jedem unter die Nase gelacht, der ihm vor zwei Tagen, als er noch an die Engelsunschuld des lieben Mädchens glaubte, hätte weismachen wollen; er hätte jeden einen Schurken geheißen, der dieses heilige, keusche Geschöpf mit diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle Leidenschaften gewühlt hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt hätte. – Jetzt mußte er ja selbst daran glauben. Wie ein Kind ließ er sich von der Aarstein leiten, sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte, den Rittmeister hier zu sehen, sie ließ manche giftige Bemerkung schlüpfen – er hörte nichts, er sah nichts, nur ein Gedanke beschäftigte ihn, er wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie käme, wie sie sich gegen Sporeneck benehmen würde. Die Türe ging auf, sie kam. An der Hand des Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzücken unterdrückte, wie Blässe und Röte auf ihrem Gesicht wechselten, wie sie ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhörte, und wie glühende Dolche fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz. – »Sehen Sie nur hin, Graf,« flüsterte ihm die Aarstein ins Ohr, »sehen Sie nur, wie glücklich die Leutchen dort sind! Das ist ein Erzählen, das ist eine Wonne, daß man einander nach ein paar Wochen wieder hat. Daß sie sich nicht auf der Stelle abherzen und küssen, ist alles!«

Dem Grafen wurde grün und gelb vor den Augen. – Jetzt nahte Ida, der Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Röte des Unmuts und der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so eigenen Reiz, daß der Graf nur um so tiefer fühlte, wie schrecklich sich hier die Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges Herz eine so herrliche Gestalt gezogen, warum sie gerade ihr, die es so gar nicht verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde Grübchen in den Wangen, dieses bezaubernde, huldvolle Lächeln gegeben. Sie verneigte sich gegen die Gesellschaft, die Gräfin drohte ihr lächelnd mit dem Finger, sie errötete von neuem. Sie mußte noch die Zuckerdose herbeiholen, sie hätte einen viel näheren Weg gehabt, aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorüber, er wagte nur einen leichten Viertelseitenblick – auf ihn war ihr strahlendes Auge gerichtet, ihm lächelte sie, ihm flüsterte sie im Vorbeigehen kaum hörbar zu: »Guten Abend, Freund! Warum so ernst und düster?«

Er fühlte den süßen Hauch an seiner Wange, ein solcher Gruß hätte ihn sonst bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort hätte sonst alle Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten Falten geebnet. Heute – er blieb starr und stumm. Nein, eine solche Erzgeneral-Armee-Kokette mußte es ja auf dem weiten Erdenrund nicht geben! Ist fünf Minuten außer sich, weil sie den alten Liebhaber wiedersieht, und um es doch mit dem neuen nicht zu verderben, flüsterte sie ihm – nein! jetzt sprudelte das Maß ihrer Schuld über. Der reine, wahrheitsliebende Jüngling konnte ihr verzeihen, daß sie einem so zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck offenbar sein mußte, ihr Herz schenkte, er konnte ihr verzeihen, obgleich es ihm das Herz brechen wollte, daß sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel gespielt hatte, er konnte es der schwachen, weiblichen Natur beimessen, daß sie sich, als der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Blößen gab, er konnte dies alles verzeihen. Daß sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen wollte, daß sie zweien auf einmal gehören wollte, nein, das ging über seine Begriffe. Er mußte, seine Natur mochte sich dagegen sträuben, wie sie wollte, es war ihm, als müsse er sie verachten. Aber sie hatte recht, obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, daß er nicht dasaß wie ein armer Sünder, über welchen der Stab gebrochen wurde. Wenn auch besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte, er mußte lustig sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden bluten.

Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekränkten aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemächtigte sich seiner, die er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er riß das Gespräch an sich, er strahlte von Witz und Leben, daß alle weiblichen Herzen dem herrlichen Mann, dem schönen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gespräch. Sein feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schönes sagen zu wollen, ausschließend aber galt es der Gräfin. Er wußte selbst nicht, was ihn antrieb, ihr so sehr als möglich den Hof zu machen, aber es war ein dunkles Gefühl in ihm, als müsse es Ida recht tief verletzen, wenn er die Gräfin so sehr auszeichne, wenn er alle Damen für sich gewinnen wollte und ihr, ihr allein keinen Blick, kein Lächeln gönnte, nicht einmal zu hören schien, wenn sie hie und da ein Wörtchen mit einschlüpfen lassen wollte.

Und in der Tat erreichte er seinen Zweck vollkommen. Er hatte es getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen dieses treue Herz, das nur für ihn, mit dem Feuer der ersten jungfräulichen Liebe nur für ihn schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen, sie freute sich anfangs, daß er so fröhlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Wörtchen, die sie ihm zugeflüstert, haben ihn aus seiner finstern Laune hervorgezaubert; ihr kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah, wie er sich an alle wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick der Freundin galt, wie er nur für die Aarstein zu leben schien, als sie seinen schneidenden Hohn, die grelle Lustigkeit, den schillernden Witz, der ihm sonst gar nicht eigen war, bemerkte, da ahnte ihr wohl, daß ihm jetzt ein anderes Gestirn aufgegangen sein müsse, das seinen Einfluß auf ihn übe. Und wer konnte dies sein als die, die ihr von jeher feindlich entgegengetreten war? – Die Aarstein! Der Glanz der üppigen Rose hatte ihn geblendet, was konnte es ihm ausmachen, daß er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht, sie weinte nicht, aber eine furchtbare Blässe lag auf dem holden Engelsgesichtchen, ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund, sie sah ja alle die leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens, die sie, ach! nur in einem einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie sah sie alle mit einemmal versinken und – mit dem Freunde untergehen. Von Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art ängstlicher Eifersucht in Gestalt einer Fledermaus durch den kaum dämmernden Morgenhimmel ihrer Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr als ein großer Schmerz. Sie fühlte, daß sie diesen ewig, ewig in ihrem treuen Busen tragen werde.

Der Gram der Liebe.

Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den nächsten Tagen. Der Hofrat hätte vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen können, aber das Unglück wollte, daß er in wichtigen Angelegenheiten an demselben Abend verreisen mußte, an welchem die Gräfin ankam. Die Gräfin schrieb, so oft sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinüber und spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten Briefen schien es zwar wegen ihrer selbst nicht mehr nötig zu sein, weil sie den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, daß an kein Entrinnen mehr zu denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz abdrücken, daß Ida in einem solchen Verhältnis mit dem Rittmeister sei. Wenn er bei Präsidents war, ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war sie ihm wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem Mund ihn geneckt oder ihm einen neuen Schnack aufgetischt, hatte ihn dann unter Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer, dort war dann das Mäulchen gegangen wie ein oberschlächtiges Mühlchen, und keine fünf Minuten hatte sie ruhig sitzen können, ohne daß sie aufgesprungen wäre, dort was zu holen, hier was zu zeigen, und welche Freude gewährte es dann, das Mädchen dahinhüpfen zu sehen! Ihr Gang war dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie und Anmut, es war, wie wenn über die ganze Gestalt ein zauberisches Lächeln gewoben gewesen wäre, und jetzt – und jetzt!

Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar bedünken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhüpfen, da mußte sie aber wohl an den Sporeneck denken, denn sie neigte sich so abgemessen, als wäre er ihr ganz und gar fremd; oft kam es ihm sogar vor, als liege etwas so Wehmütiges in dem lieben Gesichtchen, das er sich nicht anders erklären konnte, als daß es sie reue, ihn so am Narrenseil geführt zu haben, daß sie sich schäme, so unverhofft demaskiert worden zu sein. Zuzeiten wünschte er sich auch den Hofrat herbei, um mit ihm über das Mädchen und seine grenzenlose Koketterie zu sprechen.

Daß doch die Männer gewöhnlich so grausam sind und nicht sehen, was so offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbüchern und Romanen alle Folgen unglücklicher, verschmähter Liebe, alle Zeichen eines gebrochenen Herzens; sie können es sich auch in der Phantasie recht lebhaft vorstellen, wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram der Liebe gebrochenen Herzen aussehen müsse, sie nehmen sich vor, das nicht zu vergessen; aber wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst aus Uebermut oder törichter Eifersucht ein schönes, nur für sie schlagendes Herz gekränkt, geknickt, gebrochen haben, da merken sie es nicht, sie können sogar noch ein recht ungläubiges Hohngelächter der Hölle aufschlagen, wenn man ihnen die stille Träne im trüben Auge, den wehmütig ansprechenden Zug um den Mund zeigt, wenn man sie aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. »Da wird man seine Gründe haben,« lachen sie und gehen ungerührt vorüber und denken nicht, daß man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen Herzen sterben könne.

Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in Erfüllung zu gehen, als hier bei Martiniz und Ida.

Für ihren tränenschweren Blick, für ihren wehmütigen Ernst wußte er tausend Gründe anzugeben, wußte sich mit wieder tausend Vermutungen zu quälen und zu härmen, die rechte fand er nicht. Es war eine wunderbare Veränderung vorgegangen mit diesem Mädchen in den paar Tagen. Sonst das Leben, die Fröhlichkeit selbst, jetzt ernst und abgemessen. Die bleicheren Wangen, das trübere Auge, das ja so deutlich von tränenvollen Nächten, von gramerfüllten Träumen sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der, um welchen diese stillen Tränen flossen. Es war ihr oft zumut, als sollte sie nur eben die heißen, ausgeweinten Augen zuschließen und sich in das Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so kühl um die vier Bretter und zwei Brettchen, welche die arme Ida umschließen, sich legen werde, dort, wo sie nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wo ihr geliebter Jüngling näher und näher, enger und enger in die Schlingen jener Sirene sich verwickele – dort, dachte sie, müsse es gut schlummern sein. Denn das war ihr ja das ärgste nicht, daß sie zurückgesetzt war; nicht, daß sie es war, die er verließ, um sich dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin anzuschließen, nicht das brach ihr das Herz. Zwar es hatte ihr Mühe und Tränen gekostet, bis sie es dahin gebracht hatte, daß sie nicht mit Bitterkeit daran dachte, daß er, als kaum das Geständnis seiner Liebe über seinen Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte überwunden; sie war tief in sich gekehrt; aus den geheimnisvollen, unergründlichen Tiefen der heiligen jungfräulichen Brust hatte sie Mut heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, daß der, den sie liebe, einer andern angehören könne.

Aber dagegen sträubte sich mit aller Macht ihr keusches, bräutliches Herz, daß er an jene, auf welche die Kinder in der Residenz mit den Fingern deuteten und sich ihre Schandtaten erzählten, daß er an jene verloren gehen sollte. Wäre er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem armen, unerfahrenen Herzchen gespielt hätte, sie hätte es ertragen, daß er bei der Gräfin dafür büßen sollte; aber Emil – ihr feiner, weiblicher Takt, der darin so weit und so scharf sieht, sagte ihr, daß er noch ein Neuling in der Liebe sei, daß er sein Herz frei bewahrt habe, bis sie ihn kennen gelernt habe, daß sie seine erste Neigung gewesen sei; und doch er, der so namenloses Unglück schon erduldet hatte, auch er sollte durch dieses Weib unglücklich werden? Ach, wie oft wünschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm hätte sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe, wo er ihr gestand, daß er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein pochendes Herz drückte, wo er sie mit den süßesten Schmeichelnamen der Zärtlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten, heiligen Kuß der Liebe ihm entgegengewölbt hatte; dies alles war ja längst vorüber, war begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, aller Sehnsucht, die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es wissen, ihm hätte sie alles gesagt und ihn dann zum warnenden Schutzgeist für den Grafen aufgerufen.

Aber er war noch nicht zurück, darum verschloß sie ihren Schmerz in die Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren geflüstert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten Augenblick, hingerissen von den verführerischen Reizen der üppigen, buhlerischen Dame Potiphar – sie errötete vor dem Gedanken und preßte die Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches geschah – dann war er der Gräfin und dem Satan auf ewig verschrieben.

Feine Nasen.

So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Fäden gesponnen, angeknüpft und nach und nach zu einem dichten Gewebe verschlungen wurden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging. Fräulein von Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck über den Stand der Dinge belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glänzten vor Freude, wenn sie wieder Neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Fräulein Ida weder mit Tränen noch Gebet wieder heraushauen konnte.

Nichts war ihnen aber größeres Labsal als das Fräulein von der traurigen Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Daß sie ernster, blässer, trüber war als sonst, war weder ihrem noch des Rittmeisters Scharfblick entgangen, und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die sich in einem vierstimmigen Gelächter Luft machte, befiel sie, als Sporeneck erzählte, daß er sie durch seinen Tubus, mit welchem er hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster visierte, bitterlich habe weinen sehen.

Aber Fräulein von Sorben sorgte auch dafür, daß Ida in ihrer Verzweiflung sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie hatte alle ihre Geistes- und Körperreize teils vor ihm entfaltet, teils durchschimmern lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es nicht verborgen bleiben, daß er ganz bezaubert davon war. Es ist nur schade, daß er auf die Liebe so trefflich eingeschult war, daß er sechs oder acht der zärtlichsten Liebschaften zumal haben konnte und jede die Betrogene war. So hatte also die beleidigte Dame dem naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in ihrer Gegenwart Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf einmal weggeputzt. »Da kann man sehen,« sagte sie zu sich, »was die Routine macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen. Aber das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding den Mund sauber abgewischt, hat ihr die verliebten Aeuglein ausgeputzt, daß sie sieht, daß in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn kommt.«

Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so ein wenig gemerkt. Als sie damals miteinander aus der Kirche gekommen waren – seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges Mal mehr befallen – damals hatte er sich ein Herz gefaßt und zu dem Grafen gesagt: »Wie doch das Fräulein so hübsch, so tausenddonnernett aussah am Altar. Bassa manelka, wie müßte sie erst aussehen bei Tag und als Bräutchen –!« Dem Grafen schien der Gedanke nicht übel einzuleuchten, denn er hatte zufrieden gelächelt und gesagt: »Nun, was nicht ist, kann noch werden.« Er aber hatte sich folgenden Tages gleich hingesetzt und an den alten Herrn Grafen geschrieben: »So und so, und dem gnädigen Fräulein und sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist man die Rettung meines Herrn schuldig. Es kann aber auch in sechs Herrenländern kein solches Wunderkind mehr geben. Die selige Komtesse war doch auch nicht, mit Respekt zu vermelden, aus Bohnenstroh, aber Gott weiß, sie reichte dem schönen Fräulein das Wasser nicht. Und vornehm sieht sie aus, als wäre sie allerwenigstens ein Stück von einer Prinzeß. Der junge Herr ist aber auch rein in sie verschossen, und ich meine, daß es nicht menschenmöglich gewesen wäre, ihn zu kurieren, außer durch so große Inbrunst und Liebhaberei. Das hat ja auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich Euer Exzellenz, meinem gnädigsten Herrn Grafen, vermeldet habe.«

So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung vom Wahnsinn gemeldet wurde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe die Herzkammertüre zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier gemalt hatte. Bisher hatte er allwöchentlich Bericht erstatten müssen. Da hatte es denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfer See, am Rhein, an der Seine, an der Nordsee immer geheißen: »Der Herr Graf befindet sich noch im alten Zustand.« – »Die Krankheit scheint zuzunehmen.« – »Die Aerzte wußten wieder nichts.« – »Die Aerzte geben ihn auf.«

Hier in dem unscheinbaren Städtchen, hier endlich sollte das Heil, der Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im Geiste, wie der Herr Graf lächeln, die Hände reiben und rufen werde: »Nun, in Gottes Namen, macht Hochzeit!«

Aber jetzt mußte der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben, denn sein Herr – der sah gar nicht mehr so glücklich und selig aus wie damals, als jene Freudenbotschaft abging – er war niedergeschlagen, traurig; fragte der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage zustand, was ihm denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort oder der Graf stöhnte so schmerzlich, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, und sagte dabei: »Du kannst mir doch nicht helfen, alte Seele!«

Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er klügelte hin und her, was es denn wohl sein könne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig und trutzig mache – da ist ein Gast drüben bei Präsidents, eine große Dicke, so halb Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr–

Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich; wenn er aber dieser nachlief und das schöne Fräulein im Stich ließ – nein, er wollte seinem Herrn nichts Böses wünschen, aber da soll ihm doch das siedende Donnerwetter auf den Leib – er schlug zu diesem Gedanken so grimmig auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang ausklopfte, daß der Staub in dichten Wolken umherflog. »Ja, da wollte ich,« rief er in seinem Selbstgespräch weiter und klopfte immer schrecklicher, »wenn du die dicke Trutschel nimmst und das schöne Fräulein, die dich aus den Klauen des schwarzen Teufels herausklaubte, wenn du die fahren läßt, alles siedende Schwefelpech des Fegfeuers soll dich dann kreuzmillionenmal –«

»Wen denn?« fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte nun gleich in den Boden sinken zu müssen. Ein großer ältlicher Mann, mit feinen klugen Gesichtszügen, in einem schlichten Reiseüberrock, dem nur ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm. »Alle guten Geister!« stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden noch immer mit weit aufgerissenen Augen anstarrte – »wie kommen Euer Ex–«

»Halt jetzt dein Maul von dergleichen,« sagte der Herr mit dem Ordensband freundlich, ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo ist dein Herr?«

Starr und stumm bückte sich der alte Diener mehreremal, führte dann den fremden Herrn den Korridor entlang zur Türe seines Herrn, erwischte dort noch einen Rockzipfel, küßte diesen mit Inbrunst und sah zu seiner großen Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der Freude dem Fremden in die Arme sank.

Der Fremde war aber niemand anders als – doch gerade fällt uns ein, daß der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl äußerte, inkognito reiset, und es wäre daher auch von uns höchst indiskret, wenn wir dieses Inkognito früher verrieten, als der fremde Herr selbst für gut findet, es abzulegen.

Der Herr Inkognito.

Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz, es war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von Ladenstein bei dem Präsidenten einführte. Die Empfehlung eines Hausfreundes, wie der Graf war, hätte schon hingereicht, ihn in diesem Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt des alten Herrn voll Würde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben ihm Achtung, und als vollends der Präsident, ein Kenner in solchen Dingen, das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur Verehrung. Er wußte, daß, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen Sinn des Wortes war, und daß ein solcher sich gewiß einer Tat rühmen durfte, die nicht die Laune des Glücks oder hohe Protektion zu einer glänzenden erhoben, sondern die aufgesucht unter Gefahr hohen Mut und tiefe Einsicht bewährte.

Vorzüglich Ida fühlte sich von diesem Manne wunderbar angezogen. Seit der Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem Widerwillen der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag, entgegengesehen. Der Graf kam entweder gar nicht oder sehr spät oder er unterhielt sich mit der Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen Fräulein und Damen kamen ihr schal und langweilig vor, daß sie glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen sitzen zu können; der Rittmeister, dessen Geschäfte beim hiesigen Regimente noch immer nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen.

Sein erstes war immer, daß er sich mit seinem Stuhl neben sie drängte und dann so bekannt und vertraut tat, als wären sie Zeltkameraden, er half ihr Tee einschenken, Arrak und Milch umherreichen, und verrichtete alle jene kleinen Dienste, die einem begünstigten Liebhaber von seiner Dame erlaubt werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die Ohren zu flüstern, aber die gleichgültigsten Dinge, etwa ob sie noch mehr Milch oder noch mehr Zucker bedürfe, sah aber dabei aus, wie wenn er die zärtlichste Liebeserklärung gewagt hätte.

Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zustatten. Sie sorgte dafür, daß er neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch für diesen Abend sicher sein, daß der Rittmeister nicht ihr Nachbar würde.

Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so tief und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines grauen Haares, trotz seiner sechzig Jährchen, die er haben mochte, war eine Kraft, ein Feuer in seinen Reden, das einem Jüngling keine Schande gemacht hätte. Aber auch dem alten Herrn schien das Mädchen zu behagen; sein ernstes Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine lebhaften Augen wurden glänzender – solch ein Mädchen hatte er selten getroffen, und er war doch auch ein bißchen in der Welt gewesen. Diesen klaren Verstand, dieses richtige Urteil, diese Gutmütigkeit neben so viel Humor und Witz, er war ganz entzückt. Und überall war sie zu Haus; er bewunderte die wunderherrlichen Blumen, die sie machte, man kam von diesen auf die natürlichen Blumen, auf seltene Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die so wunderschön aussehe und die sich zu Girlanden gar hübsch ausnehmen würde, aber der Name fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blätter erwähnt, so sagte sie ihm auch schon, daß die Blume Calla aethiopica heißen müsse, weiß blühe und auch äthiopische Drachenwurz genannt werde. Er bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte; aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch kein Wörtchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon gesprochen.

Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte alles gelesen und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken bekommt oder in einem Almanach findet; nein! sie hatte interessante Geschichtswerke gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte sie nichts Großes. Je wichtiger das Werk war, desto bescheidener war ihr Urteil, und dabei tat sie so unbefangen, als ob jedes Mädchen dergleichen gelesen hätte. Und als sie auf ausländische Literatur kamen, als sie von Lord Byron, seinen herrlichen Gedichten und seinem unglücklichen Ende sprachen, als der alte Herr mit dem Theresienkreuz ihn dennoch glücklich pries, weil sein Geist sich höher als alle anderen geschwungen, weil er den Menschen und die ganze Natur so tief erkannt habe; da antwortete ihm – nein, es ging über seine Begriffe – antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten, als hätte sie seinen Manfred eben erst gelesen:

»The tree of knowledge is not that of life.«[2]

Er war ganz selig, der alte Herr, ein solches Mädchen hatte er in vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte mit seinem lieben, hübschen Schnäbelchen so unschuldig in die Welt hinein, das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein wenig der lose Schalk saß, so wundervoll an, er war ganz weg und dankte dem Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurückgekommen waren, daß er ihn mit einem so interessanten Geschöpf bekannt gemacht habe.

Emil auf der Folter.

Dieser sah ihn wehmütig an und seufzte. »Glauben Sie mir,« sagte er, »auch ich war einst erfüllt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine Erscheinung wie aus dem Jenseits, wie des großen Dichters Mädchen aus der Fremde; ich sah, wie sie mit ungetrübtem Frohsinn und dennoch mit einer Würde, einer Höhe, jedem eine Gabe reichte; mir, wähnte ich, mir habe sie der Gaben schönste aufbewahrt – ach! da gewahrte ich, daß schon ein anderer diesen Kranz zerpflückt –«

»Nein, ich kann's nicht glauben,« rief der ehrwürdige Theresienritter, »dieses Mädchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe, herrliche, jungfräuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!«

»Aber mein Gott,« rief Emil ungeduldig, »habe ich Ihnen nicht gesagt, was mich die Gräfin merken ließ, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie doch nur zum Beispiel, daß sie ihm gleich in den obern Stock nachzog, um ihn recht vis-a-vis zu haben –«

»Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts, denn ein so kluges Mädchen wie die Ida trägt ihre Liebe nicht so schamlos zur Schau.«

»Aber die Gräfin sagt mir ja, die Gräfin –«

»Eben die Gräfin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Gräfin traue ich nicht, dazu habe ich meine vollkommen gegründeten Ursachen. Ich habe sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig, darum darf ich auch meinem Blicke trauen, denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch die grüne Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, daß ich recht hatte.«

So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig Eindruck zu machen, denn er murmelte: »Weiß alles, und ist alles gut, wenn nur der verdammte Rittmeister nicht wäre!«

Der Rittmeister.

Was doch oft an einem kleinen unscheinbaren Zufall das Glück der Menschen hängt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden Fremden, ob sie unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements speisen wollen. Der Graf, der seit des Hofrats Reise abends selten mehr hinabgekommen war, stimmte dafür, auf dem Zimmer zu speisen, indem er sich schlechte Unterhaltung unter den Offizieren, Assessoren, Ober- und Unter-Justizleuten versprach. Der ältere Herr aber redete ihm zu; man sehe und höre doch manches unter den Gästen, was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide dienen könne – sie gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von Sporeneck einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond gebeten.

Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein kleines Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Gräfin hatte ihm, wie gewöhnlich durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer Verbindung stand, geschrieben, daß Idas Niederlage jetzt vollkommen sei. Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sähe nächstens einer Erklärung von seiner Seite entgegen. Das hatte der Rittmeister seinem Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff, und einigen andern vorgetragen, man stieß an auf das neue gräfliche Paar und auf den galanten Hausfreund, und so kam man auch, weiß nicht wie, darauf, ob man nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten alle darüber ein, daß dies sehr dienlich wäre, um Unterhaltung für den heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen daraus. Ja, wenn er Soldat wäre, dann wäre es etwas anderes; einen Kameraden schraubt man nicht gerne, aber solch ein ziviles Gräfchen, das in der Welt umherreist, um den Damen schön zu tun und sein Geld auf die langweiligste Manier totzuschlagen – nun, das kann man mit gutem Gewissen.

Mit diesem löblichen Vorsatz hatten sich die Marssöhne nicht weit von der Stelle placiert, wo Martiniz gewöhnlich zu sitzen pflegte, und harrten, ob er nicht komme. Er kam, und mit ihm der andere Gast, aber diesmal ohne Ordensband, denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock an. Martiniz und der ältere Herr unterhielten sich flüsternd miteinander; um so lauter waren die Kriegsgötter; die Pfropfen der Champagnerbouteillen fingen an zu springen, und in kurzem waren die Herren allesamt kreuzfidel und erzählten allerlei Schnurren aus ihrem Garnisonsleben. Die übrigen Gäste hatten sich nach und nach verlaufen. Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon abgehandelt, und der Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die Schraube anzuziehen. Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein Champagnerglas, stand auf und rief: »Nun, Bruder Sporeneck, eine Gesundheit recht aus dem Herzen – deine Ida!«

Aufflogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche aneinander und sogen den weißen Gischt mit einer Wollust aus, als hätte die Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biß die Lippen zusammen und sah den Theresienritter an.

»Auf Ehre, ein Götterkind, Herr Bruder,« fuhr Schulderoff fort, »ich wäre selbst imstande gewesen, sie zu lieben, hätte ich nicht deine früheren Rechte gewußt und mich daher bescheiden zurückgezogen.«

»Auf Ehre, ich hätte es ihr wohl gönnen mögen,« antwortete der großmütige Liebhaber, »wenn man so einen Winter allein zubringen soll, ist es für ein junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht Luft machen soll. Einen braven Kerl, wie du bist, hätte ich ihr zum Intermezzo wohl gewünscht, wäre mir lieber gewesen, als hören zu müssen, daß mir so ein fremder Gelbschnabel ins Nest habe sitzen wollen.«

Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdrücken von einem Mädchen reden zu hören, das er liebte und ehrte – es war beinahe nicht zu ertragen, doch hielt er an sich, denn er wußte, wie schlimm es ist, in einem fremden Lande ohne ganz gegründete Ursache Händel anzufangen.

»Hattest du bange?« lachten die Reiter den Rittmeister an.

»Nicht im geringsten,« replizierte dieser; »ich kenne mein Täubchen zu gut, als daß ich hätte eifersüchtig werden sollen; wenn auch zehn solche Wichte ins Nest gesessen wären, sie hätte sich doch von keinem andern schnäbeln lassen als von ihrem Hähnchen.«

Allgemeines Gelächter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf – es war ihm kaum mehr möglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, daß ihm nur zwei Wege offen stehen würden, entweder sich zu entfernen oder loszubrechen.

Unschuld und Mut.

Das erstere war jetzt nicht mehr möglich; seine Würde als Abkömmling so tapferer Männer ließ einen solchen Rückzug nicht zu, und was würden seine Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen hätte? Die nächste schicklichste Gelegenheit mußte entscheiden.

»Nun, Brüderchen,« sagte ein anderer zum Rittmeister, »wir sind hier so ziemlich unter uns, gib weich, beichte uns ein wenig, wie stehst du mit der kleinen Präsidentin?« Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten, Zurückhaltenden, endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich und – rühmte sich heimlich von ihr erhaltener Begünstigungen, die Emils Blut zu Eis erstarren ließen. Plötzlich aber, wie eine Erleuchtung von oben, trat ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen Kindes, mit ihrem sanften Blick, mit ihrem keuschen, jungfräulichen Erröten vor das Auge – nein! nein! rief es mit tausend Stimmen in ihm, es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt sich der Himmel nicht, daß er die heiligste Unschuld auf die Züge einer Metze malte. Er stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. »Von wem sprechen Sie da, mein Herr?« fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich nichts Erwünschteres denken, als daß endlich die Engelsgeduld von dem zivilen Gräfchen gewichen sei. Er wollte ihn mit einem Blick einschüchtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu lassen; da kam er aber an den Falschen.

Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren; Hoheit, Mut, Zorn, alles sprühte auf einmal wie mit einem Feuerstrom aus diesen Augen auf ihn zu, daß er die seinigen betroffen niederschlug. »Was fällt Ihnen ein? Was kümmert Sie unser Gespräch? Es ist hier niemand, der danach zu fragen hätte.«

»Sie haben,« fuhr der Graf mit großer Mäßigung fort, »Sie haben dem ganzen Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzählt, es hat also auch jeder das Recht zu fragen, von wem Sie sprachen, und ich frage jetzt!«

»Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor,« lachte der Rittmeister; »es kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schätzchen reden, ohne daß ein anderer sich darein zu legen hätte. Wenn Sie übrigens durchaus uns mit Ihrer Gesellschaft beehren wollen – Kellner, noch einen Kelch hierher für den Herrn da!«

»Ist unnötig,« rief der Graf, »es ist mir durchaus nicht um Ihre werte Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, möchte ich gerne beantwortet haben.«

»Nun ja,« schnarrte Sporeneck, »wenn Sie sich durchaus in meine Herzensangelegenheit mischen müssen, was ich übrigens nicht sehr delikat finde, ich habe von Fräulein Ida von Sanden, meiner Nachbarin, gesprochen.«

»Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie vorhin taten?«

»Wer will es mir wehren?« lachte der Rittmeister und maß den Grafen von oben bis unten, wobei er übrigens sich hütete, seinem Auge zu begegnen. »Wer will es mir wehren, ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!«

»Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten?«

»Dame hin oder her,« antwortete der Rittmeister. »Sie fangen an, anmaßend zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher – Polacken behaupten, was ich sagte.«

»Nun ja,« sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die übrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört hatten, wie der Graf geschraubt würde, sich wandte, »nun ja, so muß ich nur Sie bedauern, meine Herren, daß Sie sich auf diese Art unterhalten lassen von diesem erbärmlichen Lügner.«

»Donner und alle Teufel!« fuhr der Rittmeister auf, »wie kommen Sie mir vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen für blaue Bohnen.«

»Tun Sie, was Ihnen beliebt,« sagte der Graf, »ich wohne hier und bin auf Nr. 2 zu finden.« Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. »Das ist spaßig,« lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von der Brust wegging, »das ist spaßig, daß ich in Freilingen einen kleinen Gang zu machen habe!«

Die Dragoner saßen noch ganz verdutzt über den schnellen Ausgang der Schrauberei. »Hol' mich der Teufel,« sagte ein alter Leutnant, »das Kerlchen nahm sich doch so übel nicht bei der Sache; er hat einen verfluchten Anstand, und es ist, als wäre er schon mehr dabei gewesen!«

Man beriet sich jetzt, was zu tun sei, man verteilte die Rollen, Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein, den alten Leutnant bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht sonst wo einen Sekundanten auftreiben könnte. Der Rittmeister zeigte eine ungemeine, spaßige Fröhlichkeit, meinte, es müsse sich ganz herrlich ausnehmen, wenn so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole losbrenne; den andern war es übrigens nicht so ganz wohl zumut, das schnelle Ende des Streites hatte aus allen Köpfen den Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich an die Affaire, und manchen wollte es bedünken, daß sie doch im heillosen Uebermut herbeigeführt worden sei. Man äußerte dies auch unverhohlen gegen Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er diese Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff, sogleich zum Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen. Nach einer Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurück und sagte: »Sporeneck, morgen früh acht Uhr, auf Pistolen.«

Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen, und keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestürmte Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen; er erzählte:

»Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespräch miteinander im Zimmer auf und ab gegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr höflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung zurücknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit Nein geantwortet, worauf er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und haben die Wiese hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewählt. Für einen Sekundanten lasse er danken, der alte Herr, der bei ihm ist, werde ihm sekundieren.« Der Rittmeister schien vor Freude außer sich zu sein, daß er seinem Rivalen mit guter Manier eins auf den Pelz brennen könne; er wollte mit dem Champagner weitermachen, die nüchtern gewordenen Kameraden ließen es aber nicht zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen, um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu frühstücken.

Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus.

Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden, eben sich mit der Toilette beschäftigte, hörte sie Pferdegetrappel gegenüber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig zurück, es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine bestimmt für das von Martiniz erkannte. »Wo er nur hinreiten mag an diesem kalten Tag, ob er –« der Gedanke an eine plötzliche Abreise ohne Abschied durchblitzte sie, daß ihr die hellen Perlen in den zarten Wimpern hingen. Doch sie hatte ja darüber einen Trost, der sie zugleich tief betrübte; die Gräfin war ja noch hier; sie wußte nichts von seiner Abreise, er konnte also doch nicht so schnell reisen. Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem Torweg heraufzuhören: »Adieu, Madame, adieu!« Es galt offenbar der Mondwirtin; o, wie gerne wäre sie in diesem Augenblicke die Ehehälfte des Mondwirts gewesen, um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen Lippen zu hören!

Der alte Brktzwisl, die gute treue Seele sprang hervor, ergriff den Zügel von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht, jetzt kam Mart– nein, ein Offizier in fremder, glänzender Uniform. Jetzt kam auch der alte Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich unterhalten hatte; wo blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit vielen Orden behängt, schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der Offizier. »Eine schöne geschmackvolle Uniform,« dachte Ida; wenn sie nicht irrte, eine polnische oder russische, vielleicht ein Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam ihr so bekannt vor, wie, sollte etwa Em– doch nein, er war ja nicht Soldat und trug auch keinen Orden, und diesem glänzte der Wladimir in Diamanten auf der Brust – wenn er, eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich, wenn er doch nur den hohen Ulanenkalpak ein wenig hintersetzte, daß sie sein Gesicht sehen könnte.

Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und stieß den Offizier an, er richtete das Haupt auf, er sah herauf – es war Emil von Martiniz.

Wie schön, wie götterschön war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn die Uniform! Wie hingegossen saß er auf seinem stolzen Roß; die dunkeln Locken stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und beschatteten die blendend weiße Stirn; das dunkle Auge voll hohen Ausdrucks hatte heut eine Bedeutung, die sie beinahe noch nie an ihm gesehen; stolz und frei, als wollte es in einem Blick eine Welt ermessen, schweifte es her und hin; er klopfte den zierlichen, schlankgebogenen Hals des schönen Tieres, das er ritt, er sah so kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner Ulanen, und es werde in schmetternden Tönen Marsch-Marsch geblasen; sie konnte nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Negligee, sie öffnete das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schöneres sehen als das Mädchen, wie es hier im Fenster stand. Die Aeuglein sahen so klar und freundlich aus dem Köpfchen, die Bäckchen von der kalten Morgenluft gerötet, das Mäulchen so süß und küßlich, um das feine, liebe Gesichtchen ein zartes, reinliches Nachthäubchen, der Hals frei, und dann ein Spenzerchen, so weiß wie frischgefallener Schnee, über Nacken und Brust herab. Tausend Löckchen und Stränge, die, vom mutwilligen Morpheus entfesselt, unter dem Häubchen sich durchgestohlen hatten – das ganze Wunderkind sah aus wie ein süßer Morgentraum –

Noch einmal sah der Graf zu diesem Engelskind hinauf, das in der Glorie der jungfräulichen Unschuld mit der Wehmut gekränkter und doch verzeihender Liebe zu ihm herabsah – noch einmal, vielleicht das letzte Mal hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf, und eine Träne blitzte in seinem Auge; jetzt aber stieß er seinem Pferd beide Sporen in den Leib, daß es wuterfüllt kerzengerade aufstand, unwillkürlich bog sich seine Hand nach dem Mund, er warf ihr einen herzlichen Kuß zu: »Adieu, mon coeur!« rief er, und dahin flogen die Reiter, in einem Augenblick war nichts mehr von ihnen zu sehen.

»Was war das? Wem galt das?« fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zärtlich herauf – er warf einen Kuß herauf – wem flog er zu? Ihr oder der Grä– konnte diese nicht auch im Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuß zugeworfen haben? Sie mußte Gewißheit haben, sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Gräfin schon aufgestanden sei. – Exzellenz lagen noch schuhetief in den Federn und schliefen. »Also mir, mir –« lächelte das stillselige Mädchen vor sich hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo er gehalten, wo er ihr seinen Gruß, seinen Kuß zugewinkt hatte. Aber wie, konnte er nicht nach der Gräfin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr seinen Kuß geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben mußte, zu kränken? Doch nein; ihr hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief in seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er gegrüßt, sie, sie war die Glückliche; wie weit er sich auch verirrt hatte, sie fühlte, daß sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog.

Jetzt versank sie in angenehme Träume; sie wiederholte sich, wie engelhübsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht gut miteinander wären, ihn recht auszuschmälen, daß er sich nie vor ihr in der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschön stand. So träumte sie, das liebliche, bräutliche Mädchen, sie ahnte nicht, welchen gefährlichen Gang der Geliebte ging, und daß die Parze so schnell den Faden ihres Glückes zerreißen könne, daß dann das Herz, an dem sie so gerne ruhte, für immer ausgeschlagen haben würde, daß die kühnen, liebesprühenden Augen schnell sich zu jenem eisernen Schlummer schließen könnten, aus welchem auch die süßeste Stimme, das zärtlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt.

Das Duell.

Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und ließen sie jetzt im Schritte dem bestimmten Orte zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang, und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhängen. Emils Brust erfüllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm und flüsterte ihm mit sanfter Stimme Vorwürfe zu, daß er auch nur einen Augenblick habe an ihr zweifeln können; dann kamen wieder alle Qualen der Eifersucht über ihn, er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern – »nein! sie ist schuldig,« rief er laut und unmutig. Gestern abend nämlich, als Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen sein müsse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick hineinzuwerfen, und ward weiß wie die Wand. Schweigend reichte er Ladenstein das Billett, und dieser las:

»Du mußt noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir übrigens an einem Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du eine Busenschleife? Willst du ein Schnürband von meinem Korsettchen?«

»Das ist freilich stark,« hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen, »kennst du die Handschrift?« – »Von wem soll es sein als von ihr, die mich um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wisch da um eine Stunde früher gehabt, ich hätte den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, daß er von seinem zärtlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!«

»Kennst du Idas Handschrift?« fragte der alte Herr noch einmal. »Es kommt hierbei sehr viel darauf an, daß du sie genau kennst.«

Emil mußte gestehen, daß er noch nichts von Idas Hand gesehen; es könne ja aber doch niemand anders geschrieben haben, denn die Adresse lautete ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geschüttelt und gesagt, daß dieses Billett der ganzen Sache eine andere Wendung geben könnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und darum könne vor Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden, nachher werde sich vielleicht manches aufklären. Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf: »Sie ist dennoch schuldig,« entlockt.

Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und sagte freundlich ernst: »Urteile nicht zu frühe. Du gehst einen gefährlichen Weg, nimm nicht die Schuld mit dir, ungehört verdammt zu haben. Du bist der letzte Martiniz. Schlägt eine Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei mit dir und dem Heldenstamm, dessen Namen du trägst. Du schlägst dich für die Ehre einer Dame; solange du für sie kämpfst, darfst du nicht an ihrer Tugend zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir das Mädchen, so hold und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu Pferde stiegen, wie du ihr, von ihrem heiligen Anblick übermannt, dein zärtliches Lebewohl zuriefst – und du wirst freudiger streiten.«

Emil hörte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Platz gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz, er nahm sein Roß zusammen und sprengte majestätisch im kurzen Galopp an.

Sporeneck und seine Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen angezogen, alles gewichst und gebürstet, als ginge es zur Hochzeit, denn sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militärische Würde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den strahlenblitzenden, in den schönsten Farben schimmernden Ulanen ansprengen sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das zivile Gräfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die Zügel seinem Diener zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine Honneurs machte. Die Diamanten des Wladimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrensäbel glänzten im Morgenrot, der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebietendes, Königliches, das sie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten.

»Alle Teufel, wer hätte das gedacht?« flüsterte Sporeneck. »Hätte ich das gewußt – weiß Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder Rittmeister für einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewußt hätte, daß er Soldat ist, dann wäre es wohl etwas anderes gewesen.«

»Und alle Wetter,« fuhr ein anderer fort, »sieh nur den alten Graukopf, wie der behängt ist, eins – zwei – drei – sieben Orden hat das Kerlchen und noch obendrein einen Stern! siehe, das Theresienkreuz – und weiß Gott, den Kommandeur der Ehrenlegion, das muß ein fixer Kerl sein.«

Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz gelassen und kaltblütig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus. »Herr Kamerad,« sprach er, »wenn's gefällig ist.«

Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Aeußerung des Rittmeisters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der Graf Soldat wäre, er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben hätte. Er versuchte daher noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. Doch die Unterhandlungen zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen, man maß die Schritte ab, man schüttete frisches Pulver auf die Pfannen – fertig!

Sporeneck hatte den ersten Schuß. »Nun, wenn es denn einmal sein muß,« sagte er, drückte ab und – den Kalpak riß es dem Grafen von dem Kopf, mitten durch war die Kugel gegangen, er stand unverletzt. Ein sonderbares Feuer sprühte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole aufnahm. Es war ihm, als stehe Antonios blutende Gestalt vor dem Rittmeister und wehre ihm ab, zweimal setzte er an, zweimal ließ er die Pistole wieder sinken. Da rief der Rittmeister mit bitterem Lachen: »Wird's bald, Herr Kamerad?« Und in demselben Augenblick krachte es, Sporeneck wankte und fiel.

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings