Zweiter Teil. (continued 2)
Reading edition
Er hatte genug, gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter zur Stadt zurück.
Fingerzeig des Schicksals.
Die Dragoner waren seit der Entdeckung, daß der Graf Offizier sei, die Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da über die Geschichte fallen ließen, wurde man zwar nicht ganz klug, aber so viel merkte Martiniz und der alte Herr, daß der Rittmeister, indem er sich geheimer, von Ida erhaltener Begünstigungen rühmte, gewaltig gelogen habe. Von dem Duelle war übrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt geworden. Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem Tore fest, daß nicht etwa durch ihn etwas auskäme, die übrigen hatten sich das Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten.
Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Gräfin im Mond gewesen und hatte heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten, er sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Gräfin Anstiften, ein Diener von Präsidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags hinüberzukommen. Er schlug es ab, denn er war noch zu aufgeregt von dem blutigen Morgen, als daß er mit der Gräfin, die ohnehin ihn immer sehr langweilte, hätte konversieren mögen.
Endlich als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die Kugel herausgenommen, die Aerzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit ihm zu gehen und den Kranken, dem es gewiß Freude machen würde, zu besuchen. Sie gingen mit.
In einem der letzten Häuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die übrigen Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie flüsterten etwas mit Schulderoff, das ungefähr lautete, als sei der Kranke nicht recht bei sich und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug, das nicht wohl für einen Fremden geeignet sei. Leutnant Schulderoff besann sich aber nicht lange. Er erklärte, daß er es auf die Gefahr hin, seinen Freund zu beleidigen, über sich nehmen wolle, die Fremden einzuführen, weil der Kranke es vor einer Stunde selbst noch gewünscht habe.
Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht entstellt, nur daß sein Auge unstät umherirrte. Sie hatten ausgemacht, daß zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn der Kranke erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und faßte dann hastig seine Hand: »Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat von Sorben?« rief er. »Was schreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarstein heiraten?«
Die Anwesenden waren alle höchst betreten, als der Verwundete so aus der Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es möchte doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit wiederkäme. Es scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte Herr schien es aber nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen sonderbaren Ausdruck von forschendem Ernst an, der den Leutnant unwillkürlich zum Schweigen brachte. Der Kranke aber fuhr fort: »Laß dich nicht von diesen da forttreiben, lieber Sorben, du kannst mir jetzt einen großen Dienst erweisen. In meinem Zimmer ist ein Koffer, in diesem eine Kassette; laß dir von Schulderoff die Schlüssel geben und schließ auf. Dort findest du ein Strumpfband mit goldenem Schloß –« er hielt inne, als ob er nachsänne, der Graf aber trat in der höchsten Spannung näher, um jedes Wörtchen zu verschlingen, das er sprechen würde – »und richtig, Honny soit qui mal y pense ist drauf gestickt. Das bringst du der Gräfin, sie hat den Kameraden dazu am linken Bein, und sagst, das sei das Band, um welches sie mir geschrieben habe, ich könne heute nicht selbst kommen. Ja – und weiter sage ihr, mit der Ida sei es nichts, ich habe es satt, dem spröden Ding die Cour zu schneiden, nur um das Gräfchen eifersüchtig – ja, halt, bei dem Grafen fällt mir ein, sage ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker, sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben wolle, so habe sie es mit mir zu tun.«
Erschöpft sank er auf die Kissen zurück, als er so gesprochen hatte. Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so töricht gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister geführt zu haben. Gern hätte er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes gesagt, aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert, daß er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten Höflichkeit zu nahen. Die übrigen Dragoner waren aber von beiden ganz entzückt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie geehrt und gehoben fühlten sie sich, daß ein Kommandeur der Ehrenlegion, ein alter Ritter des Theresienordens sie mit der größten Freundlichkeit »Herr Kamerad« titulierte.
Es dauerte aber keine fünf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von dem Alten gewonnen. Dieser führte ihn nämlich in eine Ecke und machte ihm unter der Bedingung, daß er es nicht als Kränkung aufnähme, die Proposition, ob er nicht für den Rittmeister, der jetzt doch so entfernt von Haus sei, ein kleines Anlehen von ihm annehmen wolle.
»Lieber Gott,« sagte er, »ich weiß, wie es in der Garnison ist; habe auch lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit, daß man immer einen großen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muß immer dem andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in Garnison liege, Herr Kamerad – ich denke, wir könnten darüber einig sein.«
Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, rührte den Leutnant zu Tränen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen als ein solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die Kameraden hatten auch kein Geld, und er wäre am Ende genötigt gewesen, sich an die Gräfin zu wenden, und doch war ihm diese in der tiefsten Seele zuwider, lieber hätte er sein Pferd verkauft – da kam ihm nun das Anerbieten des alten Kameraden sehr erwünscht; es war so natürlich und ehrenvoll angetragen, daß er ohne Bedenken einschlug, und von dieser Stunde an wäre er, und wenn ihn Frau Mama, Fräulein Sorben, die Gräfin und alle Höllengeister am Kollett gepackt hätten, für die beiden Fremden durchs Feuer gegangen.
Licht in der Finsternis.
»Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?« sprach der alte Herr zu Martiniz, als sie wieder in ihrem Zimmer waren. »Was sagst du zu der schönen Strumpfbandgeschichte?« – »Nun, was werde ich dazu sagen,« antwortete Emil nachdenklich, »daß er mit der Gräfin in einem sehr unanständigen Verhältnis steht. Aber erklären Sie mir nur, was plauderte er nur von einem alten Sorben und von einem Grafen, der die Gräfin Aarstein heiraten solle?«
»Das will ich dir schwarz auf weiß zeigen,« sagte jener und zog einen Pack Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene Briefe, welche der alte Sorben an den älteren Grafen Martiniz geschrieben hatte, um wo möglich eine Heirat zwischen Emil und der Aarstein zu bewirken. Immer eifriger las Emil, immer zorniger und düsterer wurden seine Züge, der alte Herr ging indessen auf und ab und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang dieser auf und rief: »Nein, das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten, mit mir ein solches Spiel spielen zu wollen? Was sagen Sie zu diesen Briefen? Wie reimen Sie dies alles zusammen?«
Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich auf seine Schulter und sprach: »Ich habe dir letzthin gesagt, daß ich sechzig Jahre habe und du zwanzig, daß ich also auch manches kälter betrachte, und darum schärfer als du. Schon damals ahnte ich manches; jetzt durch die Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles klar. Daß dich in diesen Briefen die Gräfin durch den schlechten Kerl, den alten Sorben zu angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hört nun durch Kundschafter, oder wie es sonst gegangen sein mag, du seiest hier, und, wie du nicht leugnen kannst, in einem zärtlichen Verhältnis mit Ida; daß der Gräfin daran lag, dich oder vielmehr dein Vermögen nicht hinauszulassen, kannst du dir denken. Daher kam sie eilends hierher, um dich zu erobern; dazu gehörte aber auch, daß sie Ida von deinem Herzen losriß, und wie konnte dies besser sein als durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Gräfin stand, wissen wir aus dem Strumpfbandbillett, das also von ihr ist; wie er aber mit Idchen, dem keuschen reinen Engel, stand – und hat er sein ganzes Leben hindurch gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr – erinnerst du dich, daß er mir auftrug, der Gräfin zu sagen, daß mit dem spröden Mädchen nichts anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan, Freundchen, so und nicht anders verhalten sich die Sachen. Was sagst du nun dazu?«
Ganz versunken in Schmerz und Wehmut saß der Graf neben ihm. Er hatte sein Gesicht in das Taschentuch gedrückt und weinte heftig. »O Ida, wie tief habe ich dich beleidigt!« flüsterte er. »Was war ich für ein Tor, wie war ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! Wie war ich so grausam und konnte das gute sanfte Engelskind, das mir so gut war, das mich so lieb hatte, so tief kränken und beleidigen!«
Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil möchte, wenn die Reue sein Gemüt zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem ihn das Mädchen so wundervoll errettet hatte. »Solange man lebt, kann man alles wieder gut machen,« sagte er zu dem Weinenden, »und namentlich ist nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter Liebenden. Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut machen.« Und nun setzte er dem Grafen auseinander, daß er sich so bald als möglich mit seinem Mädchen versöhnen müsse; aber dabei dürfe er nicht stehen bleiben; er zeigte ihm, wieviel er diesem Mädchen schuldig sei, wie sie ihn zuerst mit der Welt wieder ausgesöhnt habe, wie sie nachher, erhaben über alle mögliche falsche Deutung, jenes unglückbringende Gespenst seiner Phantasie entfernt, wie sie mit unendlicher Freundschaft alles aufgeboten habe, ihn zu zerstreuen und zu erheitern. »Wahrlich,« schloß er, »diesem Mädchen bist du mehr schuldig, als daß du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister abbittest – du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig, so sehr sich auch,« setzte er schalkhaft lächelnd hinzu, »so sehr sich auch dein Herz dagegen sträuben mag!«
Es hat selten ein geistlicher Witwentröster, wenn er auch noch mit zehnmal größerer Salbung sprach, mit so großem Effekt sein »Amen, gehe hin und tue also!« gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben dem Grafen. Die Tränen waren schnell getrocknet von den glühenden Strahlen, die aus dem dunkeln Auge sprühten, ein holdes Lächeln spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht war anmutig verklärt, er sprang auf, er ergriff die Hände des guten Alten und preßte sie an sein lautpochendes Herz, an die glühenden Lippen. »O, wie Herrliches verheißen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich mein Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein väterlicher Freund, mein guter, teurer –«, doch halt, beinahe hätten wir das Inkognito des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und Dinge geplaudert, die jetzt noch verschwiegen werden müssen. Der alte Herr schloß Emil in die Arme und ging dann an die Türe: »Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und teile die Freude deines Herrn; er will Hochzeit machen, und das so bald als möglich!«
Der alte Diener machte ein sauersüßes Gesicht, als ob er ein Rhabarbertränklein im Mund hätte und sollte es als den trefflichen Xeres laben. »So–o?« sagte er, »nun da muß ich ja gra–tulieren!« – »Nun wie, alter Kauz,« sagte Ladenstein, »du scheinst dich nicht recht zu freuen? Gefällt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr erlesen?«
»Nun,« antwortete Brktzwisl, »sie ist schön, die Frau Gräfin –«
»Wer spricht denn von der Gräfin?« sagte sein Herr, »Fräulein Ida meinen wir!«
»Was?« rief der alte Diener und gebärdete sich wie wahnsinnig, denn jetzt hatte er wirklichen süßen Xeres im Mund. »Das Wunderengelskind? Also hat Gott Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fräulein Ida soll meine Frau Exzellenz werden? Hurra, das ist einmal schön!«
Man mußte seinem Jubel Einhalt tun, er wäre sonst spornstreichs durch die Straßen gerannt und hätte die Nachricht an allen Ecken verkündigt. Das helle Wasser der Freude stand der alten treuen Seele in den Augen, er küßte dem alten Herrn und dem Grafen die Röcke, und beiden war es ein neuer schöner Beweis, wie das Mädchen Wunderhold alle Herzen bezauberte, hatte sie ja doch, die holde Frühlingssonne, den alten, eingeschnurrten-winterlichen Eisbären aufgeweicht und zum tollenden Kind gemacht.
Reue und Liebe.
»Und nun noch eine Bitte,« sagte der glückliche Graf zu seinem Retter und Ratgeber, »jetzt noch eine Bitte; ich habe dem armen Kind diese Tage her so wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen habe, lassen Sie es mich heute noch gut machen!«
Der alte Herr meinte zwar, es möchte heute schon zu spät sein, und er solle seine Ungeduld bis morgen zügeln, aber der Graf bat immer dringender. »Kann ich es dulden, daß sie noch eine Nacht mir böse ist, daß sie auch nur noch eine Träne über mich weint? Nein, heute abend noch bitte ich ihr ab, was ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo die Gräfin, die an allem Unheil ganz allein schuldig ist, auf mich lauert, macht sich eine solche Versöhnung nicht gut; Sie müssen mir schon dazu helfen. Gehen Sie hinüber! Wenn ich nicht irre, hat Ida versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen. Ich schleiche nach, wenn sie mit Ihnen hinaufgeht, und vor Ihnen habe ich mich ja nicht zu genieren.«
»Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes Namen, komm! – Wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und hämmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das Hammerwerk geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich ›halt‹ sagt oder nicht. Aber das sage ich dir, den fatalen Frack da ausgezogen und dein Kollett an, den Familien-Ehrensäbel umgehängt, daß du auch etwas gleichsiehst; darfst dich, weiß Gott! vor König und Kaiser darin sehen lassen, darum tritt als Soldat auf, wenn du dein Mädchen zum erstenmal ans Herz drückst.«
»Zum erstenmal ist es nun nicht,« lachte der Graf, indem er den goldenen Säbel umschnallte, »aber leider war die erste Umarmung gleichsam das unterbrochene Opferfest unserer Liebe, denn die Gräfin kam dazwischen, als ich schon den Mund zum ersten Küßchen spitzte.«
»Kamerad, das hast du schlecht gemacht,« belehrte ihn schmunzelnd der alte Theresienritter, »wenn man einmal so weit ist, so muß ausgeküßt werden, und wenn eine Kartätschenkugel zwischen durchfahren wollte, so stand es wenigstens im Reglement zu meiner Zeit, denn es ist in der Natur nichts Schädlicheres und Fürchterlicheres als ein unterbrochener Kuß.«
Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das Reglement des alten Herrn zu halten.
In Präsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von Ladenstein hinüberkam. Die Gräfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen und schmälen, wo denn die Herren heute alle bleiben, er aber gab ihr kurz zur Antwort, daß die Bewohner des Mondes und einige andere Herren auf der Jagd gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen Bock geschossen habe, und wollte sterben vor Lachen über ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber dachte: »Lache du nur immer zu; wenn du wüßtest, wie nahe dich der Bock angeht, der geschossen worden ist, du würdest nicht lachen; doch wer zuletzt lacht, lacht am besten!«
Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien zu zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, daß er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunter in dem Zimmer aus, das sie, weil sie der Gräfin Platz machen mußte, einstweilen bewohnte. Sie entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. »Machen Sie doch nur keinen falschen Schluß auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein,« sagte sie, »aber die Gräfin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, und besonders mir kam sie gar nicht sehr geschickt, denn sie hat mich aus meinen vier Wänden, die ich so hübsch eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht, bis ich hier heraufzog.«
»So, das hat die Gräfin gewollt?« sagte der Alte, dem es immer klarer aufging, daß jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich ad notam, um den Grafen noch mehr zu überzeugen. Sie schloß jetzt ihre Mappe auf und breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergaß auf einige Augenblicke, daß er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen wollte; er war Kenner und ein wenig streng gegen die gewöhnlichen Dilettantinnen in der Kunst; er konnte es nicht ausstehen, wenn man die grellsten, fehlerhaftesten Zeichnungen, wenn sie nur von einer schönen Hand waren, »wunderschön und genial gedacht« fand; er hatte hundertmal gegen diese Allgemeinheit der Kunst geeifert, wodurch sie endlich so gemein würde, daß ein jeder Sudler ein Raphael, oder jede Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte, ein Claude Lorrain würde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts übersudelt oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem Fleiß behandelt, mit einer Sorgfalt ausgeführt, die man leider heutzutage selten mehr findet, und die man gerade an den größten Kunstwerken alter Meister so hoch schätzen muß.
Des Mädchens tränenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten verließ, heiterte sich unwillkürlich auf, als sie sich von einem so tiefen Kenner, als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar bewundert fand; er stieß auf Kartons, zu denen sie sich als Urheberin bekannte, und sie waren alle meisterhaft, er wandte das letzte Blatt in der Mappe um und hielt überrascht inne; sie wollte ihm die Zeichnung entreißen, sie bat, sie flehte – es half nichts, es war ein zu bedeutendes Aktenstück, als daß er es hätte unbetrachtet aus den Händen gelassen. Es stellte eine ihm unbekannte Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur – bei Gott bis zum Sprechen ähnlich – Emil; der tiefe wehmütige Ernst, der sonst in seinen Zügen lag, war herrlich aufgefaßt und wiedergegeben. Man fürchtete, wenn man in diese Züge sah, ein namenloses Unglück zu erfahren, das auf den feinen Lippen schwebte; zur Seite standen zwei Männer, wovon er nur den einen kannte, es war der alte Brktzwisl; auch in diesem nichts weniger als malerischen Gesicht war die ehrliche Gutmütigkeit, die innige, ergebungsvolle Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich ausgedrückt; weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im Schatten standen, kaum flüchtig angedeutet waren; doch glaubte er in der einen die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war außer der Aehnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen auch die Verteilung des Lichtes höchst genial ausgeführt; es war nämlich Nacht in der Kirche, und die Helle ging nur von einer trübe brennenden Laterne aus, so daß nun die wunderherrlichen Licht- und Schattenpartien, das Verschweben der Helle im Dunkel auf ergreifende Weise angegeben war.
Die Zeichnung an sich hätte seine innigste Bewunderung erregt, aber er kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die Retterin seines geliebten Jünglings; gerührt sah er zu ihr herab, auch sie war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie sie ihn erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, daß der, den sie rettete, der nachher aufgelöst von Dankbarkeit nur ihr gehört hatte, daß dieser auf die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte? – Sie stand, das holde Amorettenköpfchen tief gesenkt, voll Wehmut da; Träne um Träne stahl sich aus ihren Augen und rieselte über die Wangen herab.
Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer. Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Tränen in Lächeln verwandeln. »Seien Sie nur ruhig, gutes, herziges Kind; der tolle Patron da, den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder gut machen.«
Sie sah fragend an ihm hinauf und schüttelte dann wehmütig lächelnd das Köpfchen, als wollte sie sagen: »Das ist jetzt alles vorbei und hat ein Ende.« Er aber ließ sich nicht aus seinem Konzept bringen. »Wetten wir diese Zeichnung,« sagte er, »der undankbare Junker Obenhinaus muß heran und muß wieder brav und mild sein und seine Ida lieb–«
Das Mädchen ward feuerrot; »Herr von Ladenstein,« sagte sie, zwischen Wehmut und Unmut kämpfend, »ich hätte nicht geglaubt, daß Sie –«
»Nun, wenn Sie nicht glauben, so muß ich Ihnen den Glauben in die Hände geben;« damit schritt er zur Türe und riß sie auf.
Versöhnte Liebe.
Das Mädchen war sprachlos vor Staunen; es wußte nicht, wie ihm geschah, und traute seinen Augen nicht. In glänzender Uniform, schön und freundlich wie der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zärtlichkeit lag Emil vor ihr auf den Knien, hatte ihr Händchen gefaßt und preßte heiße, glühende Küsse der Liebe darauf. Sie wollte die Hand zurückziehen, sie zog ihn mit herauf, und ehe sie es sich recht versah – doch das konnte man nicht sagen, sie sah sich mit einem blitzschnellen Viertelseitenblickchen nach Ladenstein um, der aber schien gar nicht auf sie beide zu achten, denn er schaute unverwandt durch die Scheiben in die Nacht hinaus, also ehe sie sich kaum recht versah, lag sie in des Grafen Armen, fühlte sie seine Lippen auf ihren Lippen und – »solch ein Kuß, das ist ein Kuß!«
Und nun bat der arme Sünder um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die Gräfin so eifersüchtig gemacht hätte, wie er geglaubt habe, der Rittmeister mache ältere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der Gräfin die Cour gemacht, wie er – nun, er hatte sich stark versündigt, aber sie ließ ihn nicht weiter reden, mit dem ersten Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer verschwunden, sie legte ihm das weiche, zarte Flaumenhändchen auf den Mund und wisperte ihm errötend zu, daß sie alles vergeben und vergessen wolle; und jetzt ging es von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Küßchen zum Zeichen der Vergebung, dann den größeren Versöhnungskuß, dann einen langen dito, daß sie ihm nimmer bös sei, dann einen noch längeren, daß sie ganz gewiß nimmer zürne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, daß er morgen zum Papa gehe und um sie anhalte.
»Aber, Kinder, es wird spät,« sprach endlich schon zum drittenmal der alte Herr und tippte Ida auf das Aermchen, das den reuevollen Geliebten umschlungen hielt, daß sie erschrocken und über und über bepurpurt aufsprang und nicht wußte, wohin sie sehen sollte, denn an diesen Zeugen hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht. – »Kinder, es wird spät, und die Bilder können alle schon zehnmal gezeigt sein; wir müssen hinunter zur Gesellschaft.«
»Nur ich nicht,« bat Martiniz, »mir graut, vom Himmel, in dem ich war, hinabzusteigen in einen nüchternen, irdischen Tee.«
Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, daß er morgen recht bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinüberzuspedieren, und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch nicht sein, den allereinzigen Gutenacht-Kuß mußte er gestatten. Er wurde in zwölf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift eingegeben, und jetzt endlich trennte man sich.
Idchen war es ganz schwindelig zumut, tausend Gedanken stiegen in ihr auf und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Köpfchen und drängten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur eines war ihr recht klar und deutlich, daß sie recht glücklich, unendlich glückselig sei, daß er sie gek– Sie errötete vor dem Gedanken, und dennoch spitzte sie das Mäulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie sie es gemacht hatten, daß es so wundersüß schmeckte.
Nein, so ging es nicht, sie mußte sich zusammennehmen, ehe sie zur Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals fallen und ihnen ihr stilles Glück verkünden. So ging es nicht – da mußte man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen Spiegel und probierte recht ernsthafte oder gleichgültige Gesichter, aber sie mochte es machen wie sie wollte, immer guckte wieder ein lustiges Köpfchen mit einem spitzigen Mäulchen aus dem reinen, hellen Glas. Endlich schalt sie sich selbst recht aus, nannte sich einen Kindskopf, einen Wildfang und alles mögliche, und siehe, da ging es endlich; mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt trat sie wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen Verwunderung die gleichgültige Miene, bis man sich verabschiedete.
Doch nein, einmal wäre sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu beißen und zu schlucken, daß kein Kichern hervorkam.
Die Gräfin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre Gesellschaftsdame spielte, daß der Graf heute sich gar nicht habe sehen lassen. »Das verzeihe ich ihm in den nächsten zwei Tagen nicht,« setzte sie preziös hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: »Die verberstet vor Neid,« während es nur unterdrücktes Lachen war, was dem lustigen Amorettenköpfchen um die Lippen zuckte – »wenn er morgen früh mich zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags – nicht angenommen, und abends, nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht machen, daß er nicht mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu negligieren.«
»Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!« lächelte Fräulein von Sorben mit einem schadenfrohen Blick auf Ida.
»Der arme Graf!« dachte sie und lachte still in sich hinein, sie konnte sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde.
Die Freiwerber.
Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ging, hatte Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen, es war Viertel, er kam noch nicht.
Daß der Vater ihn erwarten würde, wußte sie wohl, denn der Graf hatte sich anmelden lassen; aber sie fürchtete, der Präsident möchte übler Laune werden, wenn er so lange warten müsse. Ihr Herzchen pochte so ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren Wangen, der bräutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. Es kann aber auch für ein Mädchen keine erwartungsvollere Stunde geben als die, wenn der Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein Mädchen anzuhalten. Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung wechseln dann auf dem lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl auch ein leises Gebet entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum erstenmal geteilt ist zwischen der Anhänglichkeit an die Eltern und der Liebe zu dem, der sie zu seinem Frauchen machen will.
Zwar konnte Ida nicht zweifeln, daß der Vater diese Partie für sehr anständig finden würde, aber sie kannte ihn, wie er alles nach den Dienstverhältnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der allerhöchsten Ungnade Nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen für eine andere bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen – sie hatte vom Hofrate gehört, daß es einen solchen gebe, einen ältlichen, etwas grämlichen Mann, von dem der Graf sehr abhängig sei; wird er auch seine Einwilligung geben?
Auch vor der Gräfin war ihr bange. Zwar es lag kein geringer Triumph darin, die Gegnerin, die alle Höllenkünste aufgeboten hatte, Emils Herz von ihr abzureißen, überwunden zu haben, aber sie scheute sich doch beinahe ebensosehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, zu sehen, was sie für ein Gesicht machen werde, wenn man es ihr ankündige.
Endlich – ja, er war es; in seiner glänzenden Uniform wie gestern trat er heraus – mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte, als sie sich bei Hof präsentieren ließ, einmal einen …schen Gesandten gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm über die Brust quer herab, auf der Brust – was Tausend! da hatte er ja sogar einen Stern! »Nun, das muß doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein,« dachte Ida und machte große Augen, »und sonst sieht er doch ganz schlicht aus.«
Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Türe, gewiß wollte Emil noch einmal – nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr willkommen. Aber so freundlich er lächelte, so war es ihr doch, als könne sie heute nicht so ungeniert sein als früher. Sie machte einen tiefen, tiefen Hofgala-Knicks, als er so bebändert, besternt und übergoldet zu ihr eintrat, und wußte nicht gleich recht, wie sie ihn empfangen sollte; er aber lachte ihr gerade ins Gesicht: »Ich weiß wohl, woran es liegt, daß mich Fräulein Ida nicht empfängt wie einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das hätte ich doch nicht gedacht, daß sich eine junge Dame dadurch gleich so einschüchtern ließe!« Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst recht aus, daß sie ihn so steif und förmlich wie eine ungeheure Respektsperson empfangen hatte; er zog sie zutraulich zu sich auf den Diwan und erzählte, daß Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung vor dem Papa stehe und sie hoffentlich recht bald als Bräutchen umfangen werde. –
Das Mädchen ward feuerflammrot, sie hatte sich noch von keinem Menschen Braut nennen hören, es war ihr ein so ungewohntes Wörtchen, und doch kam es ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht bräutlich zumut. –
Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reserve-Bataillon und Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz angetan, um damit dem Herrn Papa-Präsidenten, wenn er etwa noch einiges Bedenken tragen sollte, über den Hals zu fallen.
Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hörte, daß es denn doch fehlen könne, und sagte: »Ach, vor meinem Vater ist mir nicht so bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schön bitte, aber der Onkel –«
»Nun, was für ein Onkel ist denn das?« fragte Ladenstein aufmerksam und neugierig.
»Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar böser alter Herr sein« (Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die Länge bei diesen Nachrichten), »das hat mir Hofrat Berner, der den jungen Grafen und seine Verhältnisse kennt, gesagt; von ihm hängt Emil ab, denn er soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch sehr viel an dem Neffen tun –« (es zuckte wie tiefe Rührung in Ladensteins Gesicht), »wenn nun dieser die Sache erfährt,« setzte sie traurig hinzu, »wenn er dem Grafen eine Schönere, eine Bessere ausgesucht hätte, wenn er Nein sagt.«
»O, er sagt nicht Nein, er kann keine Bessere finden,« unterbrach sie der alte Herr voll wunderbarer Rührung.
»Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren würde; ach, wenn man nur den erweichen könnte; sehen Sie, Ladenstein,« sagte sie unter Tränen lächelnd, »ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu ausersehen, daß Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche, die ich Ihnen gestern zeigte, die habe ich nun ganz eigentlich für den alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, daß ich seinem Neffen so recht von Herzen gut bin, so – das tun Sie mir schon zu Gefallen, und Sie kennen den alten Herrn gewiß – so zeigen Sie ihm die Gruppe da, sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen Wahn befreite; wollen Sie?«
Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Tränen rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief gerührt, daß er nicht sprechen konnte; er faßte ihre Hand und zog sie an seine Lippen. Endlich faßte er sich doch wieder, er wischte die Tränen hinweg, er war freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder.
»Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen,« sagte er lächelnd, »ich kenne ihn so gut wie mich selbst, und darf sagen, daß ich sein innigster – bester Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Töchterchen, der Alte schlägt mit Freuden ein, aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettstück sein.«
Fortsetzung der Freier.
Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stürmischer Eile Ladenstein zum Präsidenten hinabrief. Dieser ging und ließ die beiden allein. Emil sagte seinem Mädchen, daß der Papa durchaus nicht abgeneigt scheine, nur habe er bange, was der Hof dazu sagen werde. Er für seinen Teil könne diese Bedenklichkeiten nicht begreifen, denn offenbar gehe es den Hof nicht im mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida konnte wohl ahnen, was ihr Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen des Hofes verstand, aber sie scheute sich, den Geliebten darüber zu belehren. Es wäre aber auch Sünde gewesen, ihn in seinem Glücke zu stören. Er saß so selig neben dem bräutlichen Mädchen, er war so trunken von Wonne und Glück, daß er nichts anderes mehr zu hören und zu denken schien als sie.
Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Mädchen. Ihr Auge glänzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige Frührot der bräutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Lächeln, das bald Verlegenheit über den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, bald Wonne und Freude verriet.
»Mein holdes, einziges, mein bräutliches Mädchen,« rief der glückliche Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut hatte. »Mein lieber, guter Emil,« lispelte sie und sank in seine Arme und barg ihr tief errötendes Köpfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen, das schöne Haar mit seinen Ringellöckchen zu betrachten und in den herrlich gewölbten Nacken, so rein und weiß, so glänzend wie aus Wachs geformt, niederzublicken, so machte ihm doch die Kehrseite mehr Freude. Er faßte das Engelsköpfchen an dem samtnen Kinn und hob es aufwärts. Wie mild, wie treu blickten ihn diese Augen an, wie würzig wölbten sich die Purpurlippen ihm entgegen! Er schlug den Arm um den schlanken Leib, er preßte sie an sich und sog in langen, langen Küssen das süßeste Leben in sich ein.
Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zumut gewesen, wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen, bis hinab in den großen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zumut, als sollte sie aufgelöst in innige Liebe vergehen. Sie wollte ihn ansehen und hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schämen und schalt sich wieder aus über die Torheit, denn es war ja ihr Bräutig–; nein, das fiel ihr eben siedendheiß ein, es war noch nicht ihr Bräutigam, Papa hatte ihm seine Einwilligung noch nicht zugesagt – es schickte sich doch nicht so recht, sie wand sich verschämt aus seinen Armen und wollte eben sagen, daß er doch ein wenig einhalten –
Da ging die Türe auf, und mit freudestrahlendem Gesicht, den lächelnden Präsidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. »Ich gratuliere,« rief er, »der Herr Papa willigt ein!« Ida flog an den Hals ihres Vaters. Sie weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine Wangen und küßte ihn und war ein so munteres, wähliges Kind, als habe er ihr eine hübsche Puppe zum Weihnachten oder als Geburtstagsangebinde geschenkt.
Auch Emil war aufgestanden und zum Präsidenten getreten. Er fragte ihn voll Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen?
Der Präsident lächelte und zeigte auf Ladenstein. »Nach dem, was Seine Exzellenz, Ihr Herr O–« ein Wink des alten Herrn machte, daß er sich schnell korrigierte – »was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus kein Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen wäre.«
Die Glücklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater, den guten Ladenstein, ja, es schien fast, als möchten sie noch mehr Zeugen ihres Glückes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der Hochzeit, der Graf wollte lieber heute als morgen und hätte gern sein liebes Bräutchen nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins Münster geführt. Aber dagegen sträubte sie sich selbst. Sie sah gar zu naiv aus, als sie so ernsthaft sagte: »Nein, wenn es einmal sein muß, so muß es auch recht sein. Im Hausüberröckchen traut man kein reputierliches Fräulein.« Der Präsident stimmte bei, er sagte: »Sie haben ja noch gar nichts, wo Sie nur Ihr Haupt hinlegen könnten, keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!«
Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: »Ein Vierteljahr ist viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen könnten, da habe ich ein so anständiges Plätzchen ausersehen, wie man es nur wünschen kann. Da ist –« er zog eine große Schreibtafel hervor, nahm mehrere Papiere heraus und entfaltete sie – »da ist ein gerichtlich ausgefertigter Kaufbrief von Schloß und Herrschaft Groß-Lanzau, drei Viertelstunden von hier, angekauft für den Herrn Grafen Emil von Martiniz, wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim zur Morgengabe übermacht, kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm gefällig ist.«
Die drei machten große Augen. Emil stürzte dem alten Herrn an den Hals. »Mein teurer, väterlicher –«
»Still, still, ist schon gut,« unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm die Hand auf den Mund legte, »bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur den Geschäftsträger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da ist!« – »Ach, wo ist er denn, der gute Onkel,« rief Ida, »daß ich ihm danken kann für seine unendliche Güte?«
»Wird auch kommen zu seiner Zeit,« antwortete Ladenstein, indem ihm eine Träne der Rührung im Auge blinkte, »er wird schon kommen und eine Freude an seinem holden Töchterchen haben, einstweilen soll ich Idchen in seinem Namen küssen.« Er gab ihr einen recht väterlichen Kuß auf die schöne Stirne.
Der Präsident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je länger er las, desto größer und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll faltete er die Papiere zusammen und sagte: »Nein, das ist zu arg, das ist zu viel; bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Groß-Lanzau mit dem schönen neuen Schloß, ganz durch und durch elegant ausmöbliert, mit Stallung und Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit Wäldern und Feldern, weiß Gott! seine zweimalhunderttausend Taler unter Brüdern wert, nein, bedenkt auch noch –«
»Still, alter Herr!« unterbrach ihn Ladenstein. »Macht kein solches Wesen von dem Zeug. Ihr wißt, der alte Martiniz kann es geben und gibt es gern. Da ist auch noch etwas in den Papieren für das liebe Bräutchen, nämlich ein kleines Schlößchen, hart am Fluß, ein Stündchen von hier. Man hat mir gesagt, daß Idchen immer gerne an jenem Plätzchen gewesen sei, und deswegen hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte erb- und eigentümlich zum Brautgeschenk übermacht.«
Voll freudigen Schreckens schlug das Mädchen die Hände zusammen. »Doch nicht mein liebes Blauenstein?« rief sie.
»Ebendasselbe,« antwortete Ladenstein und überreichte ihr die Schenkungsakte.
Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem großen Brief im Zimmer umher wie närrisch und rief immer: »Mein Blauenstein, mein liebes, herziges Blauenstein!« daß die drei unwillkürlich über die possierliche Freude des Mädchens lachen mußten.
Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schöneres sehen als dieses Blauenstein. Ein allerliebstes Schlößchen mit fünf bis sechs elegant eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem schönen Wald umgeben, und die vierte Seite, die Fassade des Schlößchens, gegen den schönen Fluß geöffnet, und eine paradiesische Aussicht hinüber in Täler und Berge – und dieses lauschige, liebliche Plätzchen ihr ganz eigen, ihr, dem fröhlichen Bräutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil – gewiß, ein solcher Gedanke hätte manche andere tanzen gemacht!
Und jetzt hatte der Präsident auch nicht das geringste mehr einzuwenden, und die Hochzeit wurde vor den Ohren des errötenden Mädchens auf die nächste Woche festgesetzt. Heute abend aber wollte Papa Präsident große Gesellschaft geben und dort das junge Paar als Braut und Bräutigam präsentieren.
Die Soiree.
»Was aber der Präsident Sanden dick tut!« sagten die Freilinger, als jetzt die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden. Die meisten dachten, es geschehe der Gräfin Aarstein zu Ehren, bei welcher er sich auf alle mögliche Weise zu insinuieren suche, um später einmal Minister zu werden.
Als man aber abends in den Salon des Präsidenten trat, wurde man noch mehr von diesem »Dicktun« überzeugt. Außer den prachtvollen Lüstern, die gewöhnlich bei Gesellschaften angezündet wurden, war eine ganze Galerie der geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze angebracht, und Walratlichter, so durchsichtig und klar wie Glas, eine ganz nagelneue Erscheinung für Freilingen, strahlten ein Feuermeer von sich. Die Wände waren mit Festons von Blumen und grünen Zweigen geschmückt, die sich in den deckenhohen Spiegeln zu einem ganzen Wald von Kränzen und Girlanden vervielfältigten. Ein ganzer Hausrat der prächtigsten Kristalle, Vasen, Teller, Becher, Platten, Schüsseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen Figuren in tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an Bestecken und Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermänniglich war erstaunt über diese Pracht.
Einige aber, die feinere Nasen hatten als die übrigen, legten die Finger daran und klügelten hin und her, was dies alles zu bedeuten habe; denn man wußte so ziemlich allgemein, daß der alte Sanden ohne Not und wichtige Ursache nicht so viele Umstände mache. Doch aus seinem Gesicht konnte man nicht recht vernehmen, was er in petto habe. Er empfing seine Gäste höchst freundlich, aber zeremoniös, sprach mit keinem sehr viel und lange, sondern teilte sich überall und allen mit. Die Gräfin – nun, die kam endlich, sah aber nicht danach aus, als ob ihr das Fest gehöre, denn sie war wie gewöhnlich prachtvoll, aber nicht gerade festlich gekleidet.
Die einzigen von allen Gästen, die mit ihren Erwartungen so ziemlich am nächsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, daß der Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonsoffiziere sehr über die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte, entschlüpfen würde. »Wenn die Ida doch keinem von uns gehören soll,« hatte Schulderoff geäußert, »so gönne ich sie am liebsten dem Martiniz; er ist Soldat, und das muß man ihm lassen, brav wie der Teufel; stand er doch da, als die blaue Bohne auf ihn zusurrte, als wäre es ein Schneeglöckchen; so kalt und fest habe ich in meinem Leben keinen sich schießen sehen. Und am Ende hatte er doch recht, denn Sporeneck räsonierte doch über die Ida, daß es mir selbst das Herz im Leib hat zerreißen wollen. Das kommt aber von niemand her als von der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck zum Teufel moduliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann ergrimmt ist, wer nicht von ihren Reizen hingerissen wird.«
So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden; so sehr hatte die Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache verändert.
Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Gräfin hatte den größten Hof um sich, denn man dachte nicht anders, als sie müsse doch vielleicht die Königin des Festes sein. Es fehlte niemand mehr; doch ja, Martiniz und Ladenstein fehlten noch, die Gräfin suchte vergebens mit ihren rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine tüchtige Schelte einstudiert, um ihn für seine Vernachlässigung zu strafen; überhaupt hatten sich ihr heute so sonderbare Gedanken aufgedrängt – der Graf, der sich doch sonst an sie angeschlossen, dem sie so merklich als möglich ihre Neigung zu ihm gezeigt hatte, war zwei Tage gar nicht für sie sichtbar; sie wußte, daß er heute im Hause gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der Rittmeister – der war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterböse auf ihn. Im ganzen war er ihr gleichgültig, denn ihre Neigungen waren sehr flüchtiger Natur, auch war ihr der Graf jetzt bei weitem interessanter, und sie gestand es sich selbst, sie hätte ein Wohlwollen zu ihm, das beinahe Liebe war – aber dennoch sollte der Rittmeister noch immer der Cavaliere servente sein, und dennoch konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit einem Blick sehen zu lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die übrigen Offiziere äußerten, so hätte er wenigstens ein Billett an sie hinterlassen können – aber sie wollte es ihm entgelten.
Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die fürchterlichsten Flüche, daß er sich jemals in die Dienste dieser Sirene begeben habe.
Die Braut.
Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich noch manches für die Bewirtung zu sorgen und zu rüsten. Endlich – der Präsident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen – endlich ging die Tür auf, ein allgemeines Flüstern der Erwartung rauschte durch den Saal – herein trat ein großer, ältlicher Herr in reicher, prächtiger Kleidung, mit Sternen und Orden besäet (wir kennen ihn schon), an seinem Arm ein holder, verschämter Engel voll Huld und Anmut, demütig und doch voll wunderbarer Majestät – Ida.
Aber wie das Mädchen heute geputzt war, das Blondenkleid, man hatte noch nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den Schwanenhals ein Perlenschmuck, der, es waren scharfe Kenner in dem Saal, aber sie schwuren hoch und teuer, mit den fürchterlichsten Flüchen, er sei unschätzbar und nicht in diesem Lande gekauft! Im zierlich geordneten Haar einen Solitär, die Gräfin hätte heulen mögen, daß sie den ihrigen hatte in der Residenz lassen müssen – er war in Kost und Logis bei Salomon Moses' Söhnen – und doch hätte er gegen dieses Wasser, gegen die funkensprühende Kraft dieses Steins verbleichen müssen!
Hatten die Gäste schon dies Paar mit weit aufgerissenen Augen angestarrt, so riskierten sie jetzt vor Verwunderung den schwarzen Star zu bekommen, denn jetzt trat der Präsident ein, an der Hand führte er einen Jüngling, hoch und schlank, in prachtvoller, pompöser Uniform, den Diamantorden auf der stolz gewölbten Brust, an der Seite einen mit flunkernden Steinen übersäeten Säbel, in der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein Familienstück, von Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschätzt wurde; der Präsident mit seinem strahlenden Jüngling trat näher, es war Emil.
Der Kreis der erstaunten Gäste öffnete sich – der Präsident empfing aus Ladensteins Hand sein Idchen, so trat er mit dem Pärchen in den Kreis – die Gräfin mochte ahnen, was vorging, denn sie schoß wütende Blicke auf die drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden neigte sich Ida, das Engelskind und errötete über und über; der Graf aber schaute fröhlich, stolz, mit seinem siegenden Glutblick im Kreise umher, der Präsident verbeugte sich und begann: »Verehrte Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein glückliches Ereignis meines Hauses mit mir zu begehen – meine Ida hat sich heute verlobt mit dem Grafen Emil von Martiniz.« Von Anfang tiefe, tiefe Stille, man hätte eine Mücke können trappen hören – unwillkürlich flogen die Blicke der erstaunten Gäste nach der Gräfin, denn sie, sie mußte ja nach ihren Kalkülen die Braut sein, dann öffneten sich die Schleusen der Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen Lobpreisungen brach über die Dame herein, man hörte sein eigenes Wort nicht, so gingen, wie in einer Windmühle, wenn der Nordost bläst, die Mäuler und Mäulchen.
Endlich fand auch die Gräfin Worte, sie hatte, das übersah sie mit einem Blick, das Schlachtfeld verloren, jetzt galt es, sich geordnet zurückzuziehen und dem Feind, wo sie eine Blöße erspähen könnte, noch eine tüchtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was sie wollte. Sie eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wünschte ihr Glück zu ihrer Verbindung. »Aber dennoch, Kinderchen,« setzte sie hinzu und wollte freundlich aussehen, obgleich ihr das grüne Neidfeuer aus den Augen sprühte und ihr Mund krampfhaft zuckte, »dennoch weiß ich nicht, ob ihr ganz klug getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiß, aus keinem alten Haus, und Sie selbst, Graf, müssen wissen, wie Ihr Oheim, der Minister, darüber denkt; wenigstens, soviel ich mir von ihm habe sagen lassen, wird er diese Verbindung nun und nimmermehr zugeben.«
Ida war ganz bleich geworden, sie dachte im Augenblick nicht daran, daß nur böslicher Wille und Neid die Gräfin so sprechen lasse, das Wasser schoß ihr in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick auf Ladenstein und Martiniz; jener stand auf der Seite und sah ernst, beinahe höhnisch der Gräfin zu, Emil aber sagte ganz kalt und gelassen: »Wissen Sie das so gewiß, gnädige Frau?« Dieser Gleichmut reizte sie noch mehr; eine hohe Röte flog über ihr Gesicht, die Augen strahlten noch tückischer. »Ja, ja, das weiß ich gewiß,« rief sie, »ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat von Sorben, hat mir über diese Sache hinlänglich Licht gegeben, daß ich weiß, daß er diese Mesalliance nie genehmigen wird, Sie werden es sehen!«
»Und dennoch hat er sie genehmigt,« antwortete eine tiefe, feste Stimme hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um, es war der alte Ladenstein, der sie mit einem höhnischen, sprechenden Blick ansah; sie konnte seinen Blick nicht aushalten und maß ihn daher mit stolzem Lächeln, hinter das sie ihre Wut verbarg, von oben bis unten. »Das müßte doch sehr schnell gegangen sein,« sagte sie und schlug eine gellende Lache auf, »noch vor fünf Tagen lauteten die Nachrichten hierüber ganz anders, der Herr von Sorben sagt mir –«
»Er hat Sie belogen,« entgegnete der alte Herr ganz ruhig.
»Nein, das wird mir zu stark,« rief die hohe Dame gereizt, »von einem Mann wie Herr von Sorben bitte ich in anderen Ausdrücken zu sprechen; wie können Sie wissen, was der alte Herr von Martiniz –«
»Er steht vor Ihnen, gnädige Gräfin,« sagte der alte Herr und beugte sich tief, »ich heiße mit Ihrer Erlaubnis Dagobert Graf von Ladenstein-Martiniz.«
Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des Oheims, vergoß Tränen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich nach Worten, ihr Entzücken auszusprechen. Die Gräfin stand da, wie zu einer Säule versteinert, doch hatte sie, sobald sie wieder Atem hatte, auch Fassung genug, zu sprechen; so freundlich und herablassend als möglich wandte sie sich an das junge Paar: »Nun, da wünsche ich doppelt Glück, daß ich mich geirrt habe. Hätte es Sr. Exzellenz früher gefallen, seine Maske abzunehmen, so würde ich Ihr Glück auch nicht auf einen Augenblick gestört haben.«
Sie ging, von außen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wünschte in ihrem wutkochenden Herzen alles Unglück auf das Haupt der unschuldigen Ida. Wütend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in einer Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken erholte, der ihr in alle Glieder gefahren war. »An allem Unheil ist Ihr sauberer Herr Onkel schuld, Fräulein Sorben,« rief die Wütende, »warum hat er uns mit falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns nichts gesagt, daß der alte Narr hier herumspukt unter falschem Namen? O, ich möchte –!« Der orangenfarbene Teint von Fräulein Sorben war ins Erdfahle übergegangen, sie hatte die stille Wut und machte sich hier und da nur durch ein unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle Tränenwasser in den Augen stand.
»Und keinen Hufen Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack! solange mein Oheim noch Herr im Lande ist; nach ihrem Polen mögen sie ziehen, und das Affengesicht, den naseweisen, dürren Backfisch, mögen sie mitnehmen und dort meinetwegen für Geld sehen lassen!«
»Ach, das ist ja gerade das Unglück,« seufzte Frau von Schulderoff, »daß wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie der alte Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitsgeschenk, erfahre ich soeben, hat er ihnen Groß-Lanzau und das freundliche nette Blauenstein gekauft!«
»Gekauft?« preßte die Gräfin zwischen den Zähnen, die sie ganz verbissen hatte, heraus, »gek–«
»Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen geschenkt; ob man etwas Tolleres hören kann!«
»Das fehlte noch!« knirschte die Gräfin und rauschte weiter.
Präliminarien.
Indessen war Ida glücklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim. Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen grämlichen, alten Herrn vorgestellt; dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glück noch gestört hatte. Sie wußte ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn betrüben würde, wenn jener sein Verhältnis zu Ida ungünstig aufnähme. Und jetzt, nein! sie wußte sich nicht zu fassen vor lauter Seligkeit! Der freundliche, gütige Ladenstein hatte sich wie durch einen Zauberschlag in die gestrenge Exzellenz, den Minister Grafen von Martiniz verwandelt, und doch blieb er so freundlich, väterlich, traulich wie zuvor; sie wußte nicht, wem von beiden sie das nette, lustige Amorettenköpfchen zuwenden sollte, sie lachte und tollte, gab verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnäbelchen gewachsen war. Es war das glückseligste Kind, die holdeste, vollendetste Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Bräutchen unter der Sonne in einer Person.
Einer der Glücklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst war er zurückgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen und schnurstracks zu Präsidents, und das erste war, als er in den Salon trat, daß er hörte, wie der Präsident seine Kinder präsentierte; er hätte mögen aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten treuen Herzens. »Das ist mein Werk,« lächelte er vor sich hin, »ganz allein mein Werk; es konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal eingefädelt war.« Aber wie riß er die Augen auf, als er von einer Gräfin Aarstein, von einem alten Grafen Martiniz, welche auch hier seien, hörte! »Nun, da muß es was Tüchtiges gesetzt haben,« dachte er, »das beste wird sein, ich frage Idchen selbst.«
Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich dem alten Grafen vor, denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und Ratgeber ihrer Liebe erzählt. Ida gestand ihm, daß sie ihn oft schmerzlich vermißt habe; auch Martiniz äußerte dies und versprach, ihm alles so bald wie möglich zu erzählen.
»Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund,« unterbrach Graf Martiniz seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog; »lassen wir sie; uns Alten liegt es ob, für das Glück der Jungen zu sorgen. Man hat mir gesagt, daß Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich darauf verstünden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in früheren Jahren einmal Oberhofmeister, das fügt sich nun ganz vortrefflich. Da wollen wir nun, wir zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern, wie man es hierzulande noch nicht sah.«
Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine Vorschläge. Morgens sollten sie getraut werden. »Nicht zu Haus, das kann ich für meinen Tod nicht leiden, die Hauskopulationen reißen jetzt so ein, daß sie fast zur Mode werden, als wäre eine vornehme Ehe nicht dieselbe wie eine geringe, als wäre der Altar Gottes nicht für alle und jeden; aber der Fluch kommt gewöhnlich bald nach. Hat man sich in den gewöhnlichen Zimmern, wo man sonst tollte und lachte, wo man, sobald der Altar weggeräumt ist, tafelt und tanzt, hat man sich da trauen lassen, so kommt einem auch das neue Verhältnis so ganz gewöhnlich vor, daß man bald davor keine Ehrfurcht mehr hat.« – Also in der Kirche; nachher sollten die Gäste hinausfahren nach Blauenstein.
Der Hofrat machte große Augen, und als er hörte, daß dies die neue Besitzung des lieben Pärchens sei, und daß Groß-Lanzau auch noch dazu gehöre, er hätte, wenn es sich nur halbwegs geschickt hätte, ein paar Kapriolen in die Luft gemacht – nach Blauenstein, dort mußte das Schloß festlich geschmückt sein, und zum Essen, was man nur Feines und Gutes haben kann! Nachher – die beiden Alten sahen sich an, und beiden zuckte der kleine, sarkastische Schelm um den Mund, denn beiden fiel ein, daß sie noch Junggesellen seien – »nun, nachher,« fuhr der Graf fort, »muß das Brautpaar eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als garde de dame auch mit, bestellen die Pferde auf den Stationen, daß die jungen Eheleutchen in ihrem Landau nicht inkommodiert werden, wir beide aber spiegeln und erfreuen uns an dem Glück, das wir, Sie und ich, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben.«
Dem Hofrat, obgleich er lächeln wollte, stand doch eine Träne der Rührung im Auge; er drückte dem edelmütigen Polen die Hand und erklärte sich bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. »Und wann soll die Hoch–«
»Ueber acht Tage soll die Hochzeit sein,« rief der alte Herr; und der Präsident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud sämtliche versammelte Gäste dazu ein.
Zurüstungen.
Es war ein sonderbarer Anblick, den des Präsidenten Haus in diesen Tagen gewährte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen, Nähterinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Küster, Bäcker, Fleischer, Köche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe in jedem Zimmer sah man, auf jeder Treppe stieß man auf einen Handwerker, und alle taten, als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die ganze Hochzeit abhinge.
Machten aber diese schon wichtige Gesichter – hu! da grauste einem ordentlich, es lief wie eine dicke Gänsehaut über den Körper, wenn man den Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel magerer und bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzündet, ein Zeichen, daß er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei Tag lief er sich beinahe die Füße ab wie die Hündin des Herrn von Münchhausen aufschneiderischen Angedenkens, da war zu bestellen und zu besorgen, er lief hin und her, in alle Ecken und Enden der Stadt, ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich gesehen haben.
Bei Nacht – nein, es war ein Wunder, daß der Mann nicht schon längst tot war; nachdem er sich müde gelaufen, müde gesorgt, müde gesehen, müde geschwatzt, müde gescholten, müde erzählt hatte, kam erst kein Schlaf über ihn.
Er streckte sich ins Bett, ließ zwei Wachskerzen und einigen Glühwein auf den Nachttisch setzen; in einem großen Korbe standen vor ihm Bücher, ein ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk: »Wahrhafte und akkurate Beschreibung der solennesten Festins am Hofe Ludwigs XIV.« Ferner: »Der allzeitfertige maître de plaisir für Hofleute, vornehme Festlichkeiten und anderen Kurzweil.« »Der galante Junker, oder wie Tänze, Schmäuse, Hochzeiten, Kindtaufen usw. am schönsten zu arrangieren.« Sogar das Festbüchlein von Krummacher hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen, denn er dachte nicht anders, als es müssen darin allerhand neue und noch nie gesehene Festivitäten erzählt sein. Er soll sich übrigens sehr geärgert haben, als dem nicht also war.
Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stück für Stück mit der größten Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen und Auszüge, er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit, denn das sah er ein, wenn man alle die schönen Sachen, die er sich aufnotiert hatte, ausführen wollte, so mußte man vierzehn Tage lang Hochzeit halten, und doch konnte er nicht mit sich einig werden, was er weglassen sollte. So lebte er in einem ewigen Zappel, ja, es war ordentlich rührend anzusehen, wenn er hie und da bei Ida bis zum Tode ermüdet in ein Sofa sank, den brechenden Blick auf sie heftete, als wollte er sagen: »Sieh, für dich opfere ich mein Leben auf.«
Und Ida? Habt ihr, meine schönen Leserinnen, je ein geliebtes Bräutchen gesehen, oder waret ihr es einmal oder – nun, wenn ihr es selbst noch seid, gratuliere ich von Herzen – nun, wenn ihr ein solches süßes Engelskind kennt, mit dem bräutlichen Erröten auf den Wangen, mit dem verstohlenen Lächeln des küßlichen Mundes, der sich umsonst bemüht, sich in ehrbare Matronenfalten zusammenzuziehen, mit der süßen, namenlosen Sehnsucht in dem feuchten, liebetrunkenen Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen Augenblicken, wo sie dem geliebten Mann, dem sie bald ganz, ganz angehören soll, verstohlen die Hand drückt, ihm die Wange streichelt, wenn sie den weichen Arm vertrauungsvoll um seine Hüfte schlingt, wie um eine Säule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Stürme des Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die seidenen Wimpern aufschlägt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit, voll Treue, voll Liebe an ihm hängt, wenn die Schneehügel des wogenden Busens sich höher und höher heben, das kleine, liebewarme Herzchen sich ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendrängt – kennet ihr ein solches Mädchen, so wißt ihr, wie Ida aussah. Kennet aber ihr ein solches Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen Junggesellen über die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der Jugend, ohne Genossin eures Glückes, wenn ihr Männer seid, ohne Stütze im Alter – wißt ihr eine solche frische Hebe-Blüte und ein fröhliches Amorettenköpfchen, das etwa auch so warme Küßchen, auch so liebevolle Blicke spenden könnte wie Ida, o, so bekehret euch, solange es Tag ist; wenn sie sich euch vertrauensvoll im Arme schmiegt, wenn sie das Lockenköpfchen an eure Brust legt, aus milden Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Samtpatschchen die Falten von der Stirne streichelt – ihr werdet mir für den Rat danken.
Und Emil? Nun, ich überlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht bildhübschen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, wie er den Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie kü–
Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen gedacht? – Ja? – Nun gerade so sah Emil von Martiniz als Bräutigam aus.
So sah ihn auch die Gräfin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, daß der herrliche Mann nicht ihr gehören sollte. Eines Morgens, ehe man sich's versah, sagte sie adieu, ließ packen, und – weg war sie.
Hochzeit.
Und endlich war der schöne Tag gekommen.
Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, und der polnische Graf und Fräulein Ida von Sanden waren in aller Mund. Vor der Kirchtüre schlugen und drängten sich die Leute als wie vor einem Bäckerladen in der Hungersnot. Alle Stühle in der Kirche waren besetzt, und von Minute zu Minute wuchs der Andrang.
Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf, bis an den Altar durfte kein Mensch, das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief an dem Glück des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Küster. Er hätte viel darum gegeben, wenn er der versammelten Menge hätte sagen dürfen: »Sehet, der Herr Bräutigam, es war just nicht ganz recht richtig mit ihm; er hatte allerhand Affären mit Herrn Urian, der ihn allnächtlich hierher in die Münsterkirche trieb. Da herein konnte er aber nicht, und ich, der Küster von Freilingen, habe ihm allnächtlich zu seiner Freistatt verholfen, war auch dabei, wie das Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erlöset hat von dem Uebel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken gesagt, daß die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen Altar kommen würden?«
So hätte er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte ihm beinahe das Herz abdrücken, daß er sich nicht also in seiner Glorie zeigen durfte, aber – er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zu gut, daß er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten könne. Aber seine Attention hatte er dem Pärchen bewiesen, daß es eine Freude war. Vom Portal bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas kosten lassen und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten gehabt, aber diesmal hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen Willen gehabt.
Jetzt kam Gerassel die Straße herauf; dem alten Küster schlug das Herz, jetzt, ja, sie mußten es sein, der große Glaswagen des Präsidenten fuhr vor; darin saßen der Präsident und Emil. »Ach! der schöne Offizier!« schrien die Freilinger und machten lange Hälse. »Wie prächtig, wie wunderhübsch!« flüsterten die Mädchen, denen das Herz unter dem Mieder laut pochte; aber man konnte auch nichts Schöneres sehen.
Er hatte die Staatsuniform angelegt, sie schloß sich um den herrlichen, schlanken, heldenkräftigen Körper, wie wenn er damit geboren worden wäre; das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heute leicht gerötet und verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein stolzes, glänzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Küster, der in einem fort Bückling über Bückling machte, gerührt und freundlich reichte er ihm die Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal.
Jetzt rasselte es wieder die Straße herauf. Ein Wagen, noch glänzender, geschmackvoller als der erste; er gehörte zu der neuen Remise des Grafen und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl, der in höchster Gala mit noch einem Kameraden hinten drauf stand, sprang ab, riß die Glastüre auf, schlug klirrend den Tritt herab – jetzt regt sich kein Atem mehr in der ganzen großen Menge; jedes Auge ist erwartungsvoll auf die geöffnete Türe geheftet. Der alte Graf, angetan mit all seinen Orden, der Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der Freundschaft auf dem Gesicht, stiegen aus und postierten sich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein Füßchen, es war nicht möglich, etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen als die winzigen, weißseidenen Schuhe – jetzt – ein Lockenköpfchen, ein Paar selig glänzende Augen, ein Paar überpurpurte Wangen, ein lächelnder Mund – hübsch stand das Bräutchen zwischen den alten Herren. Ein Kleid von schwerem, weißem Seidenzeug schlang sich um den jugendlich-frischen Körper; wie darüber hingehaucht war ein Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit der reichen Blonden-Garnierung, in welche es endigte, mit der Diamantenschnalle und dem aus Venetianerketten geflochtenen Gürtel, welcher den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens seine achttausend Taler wert, und die Brasseletts mit den großen Steinen und das Diadem, um das sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer sich auch nur ein wenig auf Steine verstand, dem mußte hier der Mund wässern, aber war nicht alles dies im Grund unbedeutende Façon, um den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind selbst, einzufassen?
Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Bräutchen vergaß nicht, im Vorübergehen dem Küster einen recht freundlichen Gruß zuzuwinken, daß ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht begreifen konnte, wie der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft gelangt sei. Ernster und ernster wurden die Züge Idas, als sie sich dem wohlbekannten Altare näherte. Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des Grafen und des Hofrats, die mit Blicken des Dankes und der Rührung an ihr hingen. Hier war ja ihr Siegesplatz, wo das mutige Mädchen mit hingebender Liebe gegen den bösen Feind der Schwermut und des Trübsinnes gekämpft und gesiegt hatte.
Mühsam rang sie nach Fassung; die Freude, daß sich alles so schön gefügt hatte, wurde zur heiligen Rührung in ihr; noch einmal durchflog sie die Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hierher zu dieser Stätte, und ihr Auge wurde feucht von Entzücken. Als aber die Trauung begann, als der würdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis anvertraut hatte, in einer kurzen, aber gehaltvollen Rede von den wunderbaren Fügungen Gottes sprach, der oft aus Tausenden sein Werkzeug zur Beglückung vieler wähle, da strömten ihre Tränen über. »Ja,« dachte sie bei sich selbst, »es ist erfüllt, was damals ahnungsvoll meine Seele füllte, der Zug des Herzens ist Gottes, ist des Schicksals Stimme.« Und viele Tränen flossen, denn auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Jünglings gesehen hatten, gingen über.
Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem Blick, mit treuer Hand den Menschen aus der dunklen Irre des Lebens zu einem schönen lichten Ziele führte.
Der Schmaus.
Schnurstraks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem die neugebackenen Eheleute saßen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt, um alles zu leiten. Sechs Böller riefen ihnen ihre Freudengrüße entgegen, als sie in die Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein donnerschlagähnliches Wirbeln von Pauken und Trompeten empfing sie am Portal des schönen Schlosses, und als alle Wagen aufgefahren waren, als Emil sein Weibchen auf den Balkon herausführte, um die herrliche Gegend zu übersehen, da gab der Hofrat das Zeichen, und ein schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfüllte die Luft.
Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloß, um alles in Augenschein zu nehmen. Es wandelte die Gäste beinahe ein Grauen an vor dem Hexenmeister, dem alten Martiniz. Das Schloß – es lag zwar niedlich, geschmackvoll, bequem gebaut, lag wunderschön und hatte Gärten und Felder, wie man sie selten sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles noch leer gestanden, Tapeten waren abgerissen herabgehangen, im Saal war Hafer aufgeschüttet gewesen, kurz, man hatte gesehen, daß es eine gute Weile nicht bewohnt war, und mancher Käufer hätte nicht geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der Restauration fertig werden zu können. Und jetzt – die behaglichste Eleganz, die man sich denken konnte; diese Trümeaus, ein Gardist mit sieben Fuß hätte sich, und hätte er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut gehabt, perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum äußersten Federchen darin sehen können. Diese breitarmigen Lüster, diese Kristall-Lampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten, Etageren, diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an Servicen, Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame sich wünschen kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger wandelten wie in einem Feenpalast umher, und die Mädchen und die Frauen! – Ida wandelte zwar wie eine Königin in dieser Herrlichkeit, als hätte sie von Jugend auf darin gelebt, aber man hörte doch so manches Sprüchlein vom blinden Glück und Zufall, die einen im Schlafe heimsuchen.
Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner seine Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen gräflichen Paares hatte er schon so instruiert, daß alles wie am Schnürchen ging, und zwar alles auf dem höchsten Fuß, denn wenn einer der Gäste nur vom silbernen Teller ein wenig aufsah, der mit seinem Nachbar konversierte, husch! war der Teller gewechselt und eine neue Speise dampfte ihm entgegen. Aber auch in der Küche hatte er gewaltet, und es hätte wenig gefehlt, so hätte er aus lauterem Eifer, alles recht delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout oder Haschee verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar mit einiger Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen. Auch ihn hielten die Damen für einen zweiten Oberon, der eine ewig reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen zu dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht!
Da war:
Schildkrötensuppe.
Coulissuppe von Fasanen mit Reis.
*
Hors d'œuvres.
Pastetchen von Brießlein mit Salpicon.
Kabeljau mit Kartoffeln und Sauce hollandaise.
*
Du bœuf au naturel.
Englischer Braten mit Sauce espagnole.
*
Gemüse.
Spargeln mit Sauce au beurre.
Grüne Erbsen mit gerösteten Brießlein.
*
Entrées.
Junge Hühner mit Sauce aux fines herbes.
Financière mit Klößen.
Schinken à la broche au vin de Malaga.
Feldhühnersalmi.
Kalbskopf à la tortue.
Fricandeau à la Provençale.
*
Braten.
Kalbsschlegel.
Rehbraten.
Feldhühnerbraten.
Kapaunenbraten.
Dindon à la Perigord.
*
Salat vielerlei.
*
Süße Speisen.
Sulz von Malaga.
Crême von Erdbeeren.
Compote mêlée.
Crême panachée mêlée.
Punschtorte mit Früchten.
Tartelettes aux abricots.
Tourte de chocolat montée.
Gußtorte.
*
Dessert.
Punsch à la glace.
Crême de Vanille.
Schluß.
Als das Dessert aufgetragen wurde, entschlüpfte unbemerkt von den bechampagnerten Gästen die junge Frau. Sie warf den schweren Hochzeitsstaat ab und erwählte unter der reichen Garderobe ein allerliebstes Reisekleidchen, denn nach der Tafel sollte gleich eingesessen und ein wenig in die Welt hinausgefahren werden, so wollte es der alte Graf.
Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so wundergrazienhübsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Ueberröckchen schloß so eng und passend, das Reisehäubchen, die hervorquellenden Löckchen gaben dem Köpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bäckchen waren so rosig, die Aeuglein glänzten so hell und klar im Widerschein ihres bräutlichen Glückes, kleine, kleine Schelmchen saßen in den Grübchen der Wangen und schienen allerlei wunderbare Geheimnisse zu flüstern von Sehnsucht und Erwartung; das Mäulchen, so spitzig wie zum Küssen, zeigte immer wieder die Perlen, die hinter dem Purpur verborgen waren.
Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette und Minette und wie sie alle hießen, schlugen vor Verwunderung über ihre wunderniedliche gnädige Frau die Hände zusammen. »Diese herrliche, jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des Korsettchens zu zersprengen droht!« sagte Minette. »Diese weißen Arme!« flüsterte Philette. »Diese Füßchen,« dachte Trinette weiter, »diese Wäd–«
»Der Herr Graf wird ganz selig sein,« wisperte Lisette der Babette zu, doch nicht so leise, daß es den Ohren der jungen Gräfin entging. Sie wollte tun, als hätte sie nichts gemerkt, aber ward flammenrot von der Stirne bis herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die das schneeweiße Nachtzeug in die Vache packte, mit einer höchst naiven Frage in die Quere kam, da hielt sie es nicht mehr aus, ganz dunkel überpurpurt entschlüpfte sie den sechs dienstbaren Geistern und lief wie ein gescheuchtes Reh in den Speisesaal.
Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende, alles war darin einverstanden, daß ihr diese Tracht noch besser stehe als der Brautstaat; kein Wunder, es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins gelobte Land der Ehe reiste.
»Warum bist du nur so über und über rot?« fragte Emil sein holdes Weibchen, indem er sie näher an seine Seite zog. »Hat dir jemand was getan?«
Sie wollte lange nicht heraus. »Die Babette,« flüsterte sie endlich und errötete von neuem, »die Babette hat so dumm gefragt.«
»Nun, was denn?« fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Lüge erfinden, aber das schickte sich denn doch nicht am Hochzeitstag, und doch – es ging nicht; er mußte bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich, nachdem er hatte versprechen müssen, die Augen recht fest zuzumachen, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da hat sie gefragt, ob sie das deinige auch dazu packen soll.« Selig schloß der Graf sein Engelsweibchen in die Arme, er wollte antworten, aber seine Antwort verhallte im Geräusch der aufbrechenden Gäste.
Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen, denn dort beschloß er ihr zu antworten.
Auf dem Balkon drängten sich die Gäste, die Champagnergläser in den Händen; sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drückte ihr Köpfchen an die Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr Emil und seine glückliche Ida.
Nachschrift.
Es ist ein schöner Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und getrennt sind, daß sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, in welchen sie sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen und die Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme anzünden. So halte ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden, die das Schicksal nach Ost und West verschlagen. Auch heuer war ich hingereist an den Ort, den wir zu unserem Rendezvous bestimmt hatten. Als ich an dem stattlichen weißen Hirsch in B. vorfuhr, lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl tut da das freundliche, jubelnde »Er ist's, er ist's,« das von schönen Lippen herab dem Freunde entgegentönt!
Ich traf sie alle, alle meine Lieben, da war meine holde, sinnige Doralice und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer Kriegsrat, da war Graf Law und seine Klementine, da war meine süße Mimili, da war Herr von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein russisches Lisli; selbst Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hieß ihn nur immer den Grünmantel, hatte sich aus Venedig eingefunden und Emmeline Mellinger mitgebracht; da war auch Fanny und ihr Graf, der Generalbevollmächtigte, Kilian mit Julchen. Da war Molly und ihr Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes und Rose, Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Röschen, Klothilde und ihr Sekretär. – Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie ein Ball von einem Arm in den andern, und das Küssen wollte gar kein Ende nehmen. Endlich faßte man sich, daß es doch zu einem vernünftigen Gespräch kam. Freilich trübte der Tod unserer Magdalis und ihres treuen Willibald, die uns im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode so innig verschwistert mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des Wiedersehens; aber nachdem wir ihnen das Totenopfer inniger Tränen geweiht, kehrte die holde Freude wieder bei uns ein.
Wir tollten, lachten und schäkerten, der weiße Hirsch faßte kaum so viele Gäste, und manches Pärchen mußte sich mit einem Bettchen behelfen.
So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem weißen Hirschwirt beinahe das Haus ab, da – wir saßen gerade beim Kaffee, da fuhren Wagen vor; wir drängten uns alle an die Fenster und schlugen den fremden Menschenkindern ein Schnippchen, denn – gut essen und trinken konnten sie wohl bekommen, aber Betten – Logis – ohne unsere Bewilligung kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir gerade nicht gerne unter uns haben. In einem prächtigen Landau, mit vier Postpferden bespannt, saßen ein Herr und eine junge Dame; sie hoben die Köpfe in die Höhe –
»Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz,« rief ich, und zugleich rief Vally: »Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!« Ich sprang gleich hinab, um sie heraufzuführen; sie folgten willig nebst noch drei andern ältlichen Herren, welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen einander in die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt, kennen gelernt und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den beiden jungen Damen, um welche die übrigen schon einen dichten Kreis geschlossen hatten. »Sehen Sie,« sagte er zu mir, »das ist seit gestern mein liebes Frauchen.«
Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in Hamburg kennen gelernt. Damals faßte ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie wurde zur Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden. So wenig ich an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung, daß ihn Liebe zu einem guten, reinen Mädchen zerstreuen, retten könnte; und wie herrlich hatte sich dieses gemacht! Er war fröhlich, selig, war durch die Liebe dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt.
Auch in den drei andern Gästen, der Leser wird unschwer den alten Martiniz, den Präsidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben, lernte ich wackere, liebenswürdige Männer kennen. Schon den ersten Abend war es uns allen, als haben wir das holde Pärchen schon jahrelang gekannt, so trefflich paßten sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen Wesen. Der junge Graf erzählte uns seine Geschichte, und wenn wir bedachten, wie zufällig er nach Freilingen, wie zufällig er auf jenen Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso zufällig der alte Oheim auf einer Geschäftsreise diese Gegenden berührte, dem Neffen eine Ueberraschung bereiten wollte und als Deus ex machina mitwirkte und die Ränke der bösen Aarstein vereiteln half, wahrlich, wir mußten diese Fügungen bewundern und fanden den alten Spruch bestätigt:
»Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme.«
Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch wir alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter.
Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt zu erzählen.
Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet, sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen, sie sind ein Herz, eine Seele mit mir, sie sind auch wieder durch den Zug des Herzens ganz die Meinigen geworden.
H. Clauren.