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Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5

Skizzen.

Reading edition

Inhaltsverzeichnis.

Seite.

Die Bücher und die Lesewelt.

1. Die Leihbibliothek 225

2. Geschmack des Publikums 227

3. Der große Unbekannte 230

4. Besuch im Buchladen 233

5. Der unternehmende Geist 235

6. Schluß 238

Freie Stunden am Fenster 240

2. Die Liebe parterre 243

3. Der zweite Stock 246

4. Jocko 249

5. Die Bel-Etage 252

6. Der arme Schuster 255

7. Die deutsche Literatur 261

Der ästhetische Klub 264

Ein paar Reisestunden 267

Hochzeitgruß an Karl Grüneisen 278

Die Bücher und die Lesewelt.

1. Die Leihbibliothek.

Als ich noch in –n lebte, gehörte es zu meinen Vormittagsvergnügungen, in eine Leihbibliothek zu gehen; nicht um Bücher auszuwählen, denn die Sammlung bestand aus vier- bis fünftausend Bänden, die ich größtenteils zwei Jahre zuvor in einer langen Krankheit durchblättert hatte, sondern um zu sehen, wie die Bücher ausgewählt werden. Ich trug mich damals mit dem sonderbaren Gedanken, ein Buch zu schreiben; ich hatte noch keinen bestimmten Gegenstand oder Zweck und war noch sehr unentschieden, nach welchem großen Meister ich mein erstes Stück verfertigen sollte; an den innern Wert des künftigen Buches dachte ich zwar mit unbehaglichem Gefühl, denn unter allen meinen Gedanken war ich bis jetzt auf keinen gestoßen, der sich, selbst mit Schwabacher Lettern gedruckt, schön ausgenommen hätte; doch schien mir das größte und notwendigste für einen, der ein Buch machen will, daß er die Menschen studiere, nicht um Menschenkenntnis zu sammeln, die lernt man jetzt in Büchern, sondern um den Leuten abzusehen, was etwa am meisten Beifall finde, oft und gerne gelesen werde. Vox populi, vox Dei, dachte ich, gilt auch hier. So saß ich denn manchen Vormittag in der Bibliothek, um die Leser und ihre Neigungen zu studieren.

Der Bibliothekar war ein alter, kleiner Mann, der in den zehn Jahren, die ich in seiner Nähe lebte, beständig einen apfelgrünen Frack, eine gelbe Weste und blaue Beinkleider trug; ich suchte ihm zu beweisen, daß er seinen Anzug nicht greller und abgeschmackter hätte wählen können; er brach aber, nachdem ich einiges Schlagende aus der Farbenlehre vorgebracht hatte, in Tränen aus und versicherte mir, er trage sich so und werde sich bis an sein Ende so tragen, denn von diesen Farben sei sein Hochzeitskleid gewesen, das er sich sechs Wochen vor der Hochzeit und leider zu frühe habe verfertigen lassen; denn die Braut sei schnell am Nervenfieber gestorben. Der Bibliothekar hatte in seinem Fach eine vieljährige Erfahrung, und interessant war, was er zuweilen darüber äußerte. »Morgens,« sagte er mir z. B., »morgens werden am meisten Bücher ausgetauscht, das ist die Zeit der zweiten und dritten Teile. Es kommt nicht daher, wie ich anfänglich glaubte, daß zu dieser Zeit die Bedienten und Kammermädchen ihre Ausgänge in die Stadt machen, denn dann müßte sich dieses Verhältnis auch auf erste Teile erstrecken, nein, es kommt vom Nachtlesen her.« – »Vom Nachtlesen?« fragte ich verwundert.

»Davon, meine ich, daß die Leute interessante Bücher bei Nacht lesen. Ein großer Teil der Menschen, die jungen und ganz gesunden ausgenommen, kann nicht in derselben Minute einschlafen, wo sie zu Bette gehen. Zum Opium mag man nicht greifen, weil man damit, einmal angefangen, fortfahren muß; da gibt es nun kein besseres Mittel, als zu lesen.« – »Gut, ich verstehe,« erwiderte ich; »aber Sie sagen ja selbst von interessanten Büchern: sind denn diese zum Einschläfern eingerichtet?« – »Nicht alle und nicht für alle; natürlich muß man unterscheiden, für wen dies oder jenes interessant sein kann. Sie kennen die Gräfin Winklitz? Nun, die kann am längsten nicht einschlafen; mich dauert nur das Kammermädchen, die ihr jede Nacht oft bis zwei Uhr vorlesen muß. Nun gebe ich einmal aus Irrtum dem Mädchen Görres' Deutschland und die Revolution mit – Sie wissen, für den Kenner gibt es nichts Interessanteres – acht Nächte haben sie daran gelesen, und doch hat es nur 190 Seiten, und jedesmal ist die Gräfin um elf eingeschlafen. Das Mädchen wußte mir Dank für das ›schläfrige Buch‹. Kommt, um Ihnen nur noch ein Beispiel zu geben, kommt zu meinem großen Erstaunen der alte Professor Wanzer, der über Mathematik liest, in meinen Laden. Er habe seit zwanzig Jahren nichts Belletristisches mehr gelesen, als zuweilen die Traueranzeigen im Merkur, und nun wünsche er doch wieder eine Uebersicht über das zu bekommen, was einstweilen Gutes geschrieben worden. Ich fragte ihn, ob er von Walter Scott etwas gelesen? Er erinnerte sich, von dem berühmten Mann gehört zu haben, und nimmt Ivanhoe mit, Ivanhoe, diese herrliche Geschichte! Den andern Tag kommt er ganz verdrießlich, wirft mir ein paar Groschen und den Scott auf den Tisch und sagt, die Rittergeschichten, die er in seiner Jugend gelesen, seien bei weitem schöner gewesen; er sei schon über den ersten Teil eingeschlafen; bitte Sie ums Himmels willen, über Ivanhoe einzuschlafen!« – »Aber wie hängt dies mit Ihren Beobachtungen über die zweiten und dritten Teile zusammen?« unterbrach ich ihn.

»Nun, wir sprachen gerade von interessanten Büchern, und da kam ich auf die Gräfin und den Professor. Kommt aber ein interessantes Buch an den rechten Mann, so geht es, wie wenn ein Pferd flüchtig wird. Abends war man im Theater oder in Gesellschaft, man hat nachher gut zu Nacht gespeist und rüstet sich nun, zu Bette zu gehen. Die Lampe auf dem Tische am Bette ist angezündet, das Mädchen oder der Bediente hat einen ersten Teil zurechtgelegt, alles ist in Ordnung, nur der Schlaf will nicht kommen. Man rückt die Lampe näher, man nimmt das Buch in die Rechte, stützt den linken Ellbogen in die Kissen und schlägt das Titelblatt auf. Sagt der Titel dem Leser zu, hat er sich über das erste, oder, wie ich's nenne, Geburtsschmerzen-Kapitel hinübergewunden, so geht es rasch vorwärts, die Augen jagen über die Zeilen hin, die Blätter fliegen, und solch ein rechter Nachtleser reitet einen Teil ohne Mühe in zwei Stunden hinaus. Gewöhnlich ist der Schluß der ersten Teile eingerichtet wie die Schlußszenen der ersten Akte in einem Drama. Der Zuschauer muß in peinlicher Spannung auf den nächsten Akt lauern. Unzufrieden, daß man nicht auch den zweiten Teil gleich zur Hand hat, und dennoch angenehm unterhalten, schläft man ein; den nächsten Morgen aber fällt der erste Blick auf das gelesene Buch, man ist begierig, wie es dem Helden, der am Schlusse des ersten Teils entweder gerade ertrunken ist oder ein sonderbares Pochen an der Tür hörte und soeben »herein!« rief, weiter ergehen werde, und wenn ich um acht Uhr meinen Laden öffne, stehen die Johanns, Friederichs, Katharinen, Babetten schon in Scharen vor der Türe, weil gnädiges Fräulein, ehe sie eine englische Stunde hat, der Herr Rittmeister, ehe die Schwadron spazieren reitet, die Frau Geheimrätin, ehe sie Toilette macht, noch einige Kapitel im folgenden Teil des höchst interessanten Buches lesen möchten.«

2. Geschmack des Publikums.

»O, daß ich auch einer der Glücklichen wäre,« dachte ich, als jetzt die Leihbibliothek sich öffnete und ein Gemisch von bordierten Bedientenhüten und hübschen Mädchengesichtern sich zeigte, »einer jener Glücklichen, deren zweiter Teil mit so großer Sehnsucht erwartet wird!« Nicht ohne Neid blickte ich auf die Bände, die der kleine Bibliothekar mit der wichtigen Miene eines Bäckers zur Zeit einer Hungersnot verteilte. – Er hatte die dringendsten Kunden befriedigt, das Geld oder die Leseschulden eingeschrieben, und ich konnte jetzt eine wichtige Frage an ihn richten, die mir schon lange auf den Lippen schwebte, die Frage über den Geschmack des Publikums.

»Er ist so verschieden,« antwortete er, »und ist oft so sonderbar als der Geschmack an Speisen. Der eine will süße, der andere gesalzene; der eine Seefische, Austern und italienische Früchte, der andere nahrhafte Hausmannskost: in einem Punkte stimmen sie aber alle überein, sie wollen gut speisen.« – »Das heißt?« – »Sie wollen unterhalten sein; natürlich jeder auf seine Weise.« – »Aber wer ist der Koch,« rief ich aus, »der für diese verschiedenen und verwöhnten Gaumen das Schmackhafte zubereitet? Wie kann man es allen oder nur vielen recht machen? Denn darin liegt doch der Ruhm des Autors.« – »Sie sind nicht so verwöhnt, als man glaubt,« entgegnete er; »die Mode tut viel, und wenn nur die Schriftsteller fleißiger die Leihbibliotheken besuchten, mancher würde finden, was ihm noch abgeht, oder was er zuviel hat. Kann doch keiner ein guter Theaterdichter werden, der nicht mit der ganzen Stadt vor seinem eigenen Stücke sitzt, aufmerksam zuschaut und lauscht, was am meisten Effekt macht.«

Der Mann sprach mir aus der Seele; er hatte ausgesprochen, was auch ich schon lange mir zugeflüstert hatte. »Die Leihbibliotheken studiere, wer den Geist des Volkes kennen lernen will,« fuhr er mit Pathos fort. »Sehen Sie einmal, Bester, jene lange Reihe von Bänden an; die weißen Pergamentrücken sind so rein, als hätte man sie nie oder nur mit Handschuhen angefaßt. Wer ist wohl der Autor, der so vergessen und gleichsam in Ruhestand versetzt dort steht?«

Ich riet auf eine Reisebeschreibung oder auf ein naturhistorisches Werk.

»Letzteren Artikel führen wir gar nicht,« antwortete er wegwerfend; »nein – es ist Jean Paul.« – »Wie!« rief ich mit Schrecken, »ein Mann, der für die Unsterblichkeit geschrieben, sollte schon jetzt vergessen sein? Hat er denn nicht alles in sich vereinigt, was anzieht und unterhält, tiefen Ernst und Humor, Wehmut und Satire, Empfindsamkeit und leichten Scherz?« – »Wer leugnet dies?« erwiderte der kleine Mann. »Alles hat er in sich vereint, um auch die verschiedensten Gaumen zu befriedigen; aber er hat jene Ingredienzien klein gehackt, wunderlich zusammengemischt und mit einer Sauce piquante gekocht; als es fertig war und das Publikum kostete, fand man es wohlschmeckend, delikat, aber es widerstand dem Magen, weil niemand seine Kraftbrühen, den sonderbaren dunkeln Stil ertragen konnte. Dort stehen alle seine Gerichte unberührt, und nur einige Gourmands im Lesen nehmen hie und da ein Kampanertal oder einen Titan nach Hause und schmecken allerlei Feines heraus, das ich und mein Publikum nicht verstehen. Sehen Sie in jener Ecke die lange Reihe mit den neuen grünen Schildchen? Das ist Herder; auch dieser – doch hier kommt ein lebendiges Beispiel die Straße herauf; kennen Sie Fräulein Rosa von Milben?« – »Gewiß; ich sah sie zuweilen und fand in ihr eine Dame vom feinsten Geschmack und sehr belesen; zwar etwas empfindsam und idealisch, aber dabei von einer liebenswürdigen Unbefangenheit.« – »Des Fräuleins Kammermädchen wird sogleich eintreten, und da haben Sie die beste Gelegenheit, den feinen, empfindsamen Geschmack jener Dame kennen zu lernen.« – »Ich wollte erraten, von welcher Art ihre Lektüre ist,« erwiderte ich, »etwa Rosaliens Nachlaß oder Jacobs' Frauenspiegel, Tiedges Urania oder Agathokles von Karoline Pichler.« – »Stellen Sie sich nur ruhig an jene Seite, wir werden sogleich sehen.«

Ich tat, wie er mir sagte; ich nahm ein Buch aus dem Schrank und stellte mich, scheinbar mit Lesen beschäftigt, in eine Ecke. Das Mädchen trat in das Gewölbe, richtete eine freundliche Empfehlung vom gnädigen Fräulein aus, und sie lasse fragen, ob man denn No. 1629 noch immer nicht haben könne?

»Nicht zu Hause,« antwortete er nach einem flüchtigen Blick auf die Bücherschränke; »hier ist eine andere Nummer für Ihr Fräulein. Sie soll sich gut unterhalten.« Das Mädchen ging. »Schnell einen Katalog,« rief ich, als sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte, »lassen Sie mich sehen, was 1629 ist!« Mit ironischem Lächeln reichte mir der Alte den Katalog; ich blätterte eilig, fand, und mein Herz erstarrte vor Verwunderung, denn No. 1629 war – »Leben und Meinungen Erasmus Schleichers von Cramer!« – »Wie! dieses, um wenig zu sagen, gemeine Buch darf Fräulein Rosa, die liebenswürdige Einfalt, lesen?« sprach ich unmutig. »Und wenn keine Gouvernante, keine Mutter ihre Lektüre ordnet, darf sie sich selbst etwas solches erlauben? Doch es ist ein Irrtum, die Zahlen sind falsch aufgeschrieben!« – »Wertester Herr,« erwiderte der Bibliothekar, »Sie trauen den Menschen zu viel Gutes zu. Hier ist ein Zettelchen, das ich heimlich aus dem Körbchen des Kammermädchens nahm, Erasmus Schleicher ist es und kein anderer; noscitur ex socio – an deinem Kameraden kennt man dich; hier stehen die übrigen Nummern, nach welchem das Herz des Fräuleins verlangt, vergleichen Sie!«

Zürnend nahm ich das Blättchen, auf welchem zierlich die Worte: »Für Fräulein von Milben« und eine lange Reihe von Zahlen geschrieben waren. Ich fing mit der ersten Nummer an und fand Leute, welchen freilich die Nachbarschaft des alten Erasmus keine Schande brachte. 1585 der deutsche Alcibiades, 2139 der Geist Erichs von Sickingen und seine Erlösung, 2995 Historien ohne Titel, 1544 der Blutschatz von H. Clauren. 1531–40 Scherz und Ernst von H. Clauren. Nein, weiter mochte ich diese Herzensgeheimnisse nicht entziffern. »Welche Heuchlerin ist dieses Mädchen!« rief ich. »Das ist ihre Lektüre, und ich glaubte, sie werde nur die Stunden der Andacht lesen!« – »Da müßten Sie wahrhaftig einen guten Teil unserer jungen Damen Heuchlerinnen nennen, denn Clauren und Cramer und dergleichen sind ihre angenehmste Lektüre, und daß sie nicht darüber sprechen, ist noch keine Heuchelei.« – »Aber, mein Gott, warum lesen denn wohlgezogene Leute so schlechte Bücher, von welchen sie ohne Erröten nicht sprechen dürfen? Wahrhaftig, der Umgang mit schlechten Büchern ist oft gefährlicher als der Umgang mit schlechten Menschen.« – »Warum?« entgegnete der Büchermann lachend, »warum? Das ist nun einmal der Geschmack der Zeit.«

3. Der große Unbekannte.

Ein Bedienter unterbrach uns. »Die Frau Gräfin von Langsdorf läßt sich ein Buch ausbitten;« sprach er.

»Was für eine Nummer?« – »Das hat sie nicht gesagt. Aber ich glaube, sie will eine Geistergeschichte.« – »Geistergeschichte?« fragte der kleine Bibliothekar, umhersuchend, »darf es auch eine Rittergeschichte sein? Die Geister sind alle ausgeliehen.« – »Ja, nur etwas recht Schauerliches, das hat sie gerne,« erwiderte der Diener, »so wie das letzthin, die schwarzen Ruinen oder das unterirdische Gefängnis, das hat uns sehr gut gefallen.« – »Liest Er denn auch mit?« sagte der kleine Mann mit Staunen.

»Nachher, wenn die Frau Gräfin einen Band durch hat, lesen wir es auch im Bedientenzimmer.« – »Gut; will Er lieber das Geisterschloß, die Auferstehung im Totengewölbe oder das feurige Racheschwert von Hildebrandt?« – »Da tut mir die Wahl weh,« erwiderte er; »was müssen das für schöne Bücher sein! Nu – ich will diesmal das feurige Racheschwert nehmen, behalten Sie mir das Geisterschloß für das nächste Mal auf.«

Kaum hatte sich der Diener der Gräfin, die gerne Schauergeschichten las, entfernt, so trat gemessenen Schrittes ein Soldat ein.

»Für den Herrn Leutnant Flunker beim fünfzehnten Regiment den blinden Torwart vom alten Schott?« – »Freund, hat Er auch recht gehört?« fragte der Leihbibliothekar. »Den blinden Torwart vom alten Schott? Ich kenne keinen Autor dieses Namens.« – »Es soll auch kein Auditor sein,« entgegnete der Soldat vom fünfzehnten, »sondern ein Buch; der Herr Leutnant sind auf der Wache und wollen lesen.« – »Wohl! Aber vom alten Schott? Es steht weder ein alter noch ein junger im Katalog.« – »Es ist, glaub' ich, derselbe, der so viel gedruckt hat, und den sich alle Korporals und Wachtmeister um zwei gute Groschen gekauft haben.« – »Walter Scott!« rief der Kleine mit Lachen, »und das Buch wird Quentin Durward heißen.« – »Ach ja, so wird es heißen!« sprach der Soldat. »Aber ich darf den Herrn Leutnant nichts zweimal fragen, sonst hätte ich wohl den Namen gemerkt, und er hat sich das undeutliche Sprechen vom Kommandieren angewöhnt.« Er empfing seinen blinden Torwart und ging. Aber der Himmel hatte ihn in diesem Augenblick in die Leihbibliothek gesandt, und seine Worte hatten einen Lichtstrahl in meine Seele geworfen. »So ist es denn wahr,« sprach ich, »daß die Werke dieses Briten beinahe so verbreitet sind als die Bibel, daß alt und jung und selbst die niedrigsten Stände von ihm bezaubert sind?« – »Gewiß, man kann rechnen, daß allein in Deutschland sechzigtausend Exemplare verbreitet sind, und er wird täglich noch berühmter. In Scheerau hat man jetzt eine eigene Uebersetzungsfabrik angelegt, wo täglich fünfzehn Bogen übersetzt und sogleich gedruckt werden.« – »Wie ist das möglich?« – »Es scheint beinahe so unmöglich, als daß Walter Scott diese Reihe von Bänden in so kurzer Zeit sollte geschrieben haben; aber es ist so, denn erst vor kurzer Zeit hat er sich öffentlich als Autor bekannt; die Fabrik habe ich aber selbst gesehen.« – »Wird vielleicht durch Verteilung der Arbeit Zeit gewonnen?« fragte ich. – »Einmal dies,« entgegnete er, »und sodann wird alles mechanisch betrieben; der Professor Lux ist sogar gegenwärtig beschäftigt, eine Dampfmaschine zu erfinden, die Französisch, Englisch und Deutsch versteht, dann braucht man gar keine Menschen mehr. Die Fabrik ist aber folgendermaßen beschaffen: Hinten im Hof ist die Papiermühle, welche unendliches Papier macht, das schon getrocknet wie ein Lavastrom in das Erdgeschoß des Hauptgebäudes herüberrollt; dort wird es durch einen Mechanismus in Bogen zerschnitten und in die Druckerei bis unter die Pressen geschoben. Fünfzehn Pressen sind im Gang, wovon jede täglich zwanzigtausend Abdrücke macht. Nebenan ist der Trockenplatz und die Buchbinder-Werkstätte. Man hat berechnet, daß der Papierbrei, welcher morgens fünf Uhr noch flüssig ist, den anderen Morgen um elf Uhr, also innerhalb dreißig Stunden, ein elegantes Büchlein wird. Im ersten Stock ist die Uebersetzungsanstalt. Man kommt zuerst in zwei Säle; in jedem derselben arbeiten fünfzehn Menschen. Jedem wird morgens acht Uhr ein halber Bogen von Walter Scott vorgelegt, welchen er bis mittags drei Uhr übersetzt haben muß. Das nennt man dort: ›aus dem Groben arbeiten‹. Fünfzehn Bogen werden auf diese Art jeden Morgen übersetzt. Um drei Uhr bekommen diese Leute ein gutes Mittagbrot. Um vier Uhr wird jedem wieder ein halber Bogen gedruckte Uebersetzung vorgelegt, die durchgesehen und korrigiert werden muß.« – »Aber was geschieht denn mit den übersetzten Bogen vom Vormittag?« – »Wir werden es sogleich sehen. An die zwei Säle stoßen vier kleine Zimmer. In jedem sitzt ein Stilist und sein Sekretär; Stilisten nennt man dort nämlich diejenigen, welche die Uebersetzungen der dreißig durchgehen und aus dem Groben ins Feine arbeiten; sie haben das Amt, den Stil zu verbessern. Ein solcher Stilist verdient täglich zwei Taler, muß aber seinen Sekretär davon bezahlen. Je sieben bis acht Grobarbeiter sind einem Stilisten zugeteilt; sobald sie eine Seite geschrieben haben, wird sie dem Stilisten geschickt. Er hat das englische Exemplar in der Hand, läßt sich vom Sekretär das Uebersetzte vorlesen und verbessert hier oder dort die Perioden. In einem fünften Zimmer sind zwei poetische Arbeiter, welche die Mottos über den Kapiteln und die im Text vorkommenden Gedichte in deutsche Verse übersetzen.«

Ich staunte über diesen wunderbaren Mechanismus und bedauerte nur, daß die dreißig Arbeiter und vier Stilisten notwendig ihr Brot verlieren müssen, wenn der Professor Lux die Uebersetzungsmaschine erfindet.

»Gott weiß, wie es dann gehen wird,« antwortete der kleine Mann; »schon jetzt kostet das Bändchen in der Scheerauer Fabrik nur einen Groschen; in Zukunft wird man zwei Bändchen um einen Silbergroschen geben, und alle vier Tage wird eins erscheinen.«

4. Besuch im Buchladen.

Mein Entschluß stand fest; einen historischen Roman à la Walter Scott mußt du schreiben, sagte ich zu mir, denn nach allem, was man gegenwärtig vom Geschmack des Publikums hört, kann nur diese und keine andere Form Glück machen. Freilich kamen mir bei diesem Gedanken noch allerlei Zweifel; ich mußte die Werke dieses großen Mannes nicht nur lesen, sondern auch studieren, um sie zu meinem Zweck zu benutzen. Ein dritter und der mächtigste Zweifel war, ob ich einen Verleger bekommen würde. Ich beschloß daher, ehe ich mich an das Werk selbst machte, die Wege kennen zu lernen, die man bei solchen Geschäften zu gehen hat. Den Buchhändler Salzer und Sohn kannte ich von der Harmonie her; ich steckte zwei Taler zu mir, um ein Buch bei ihm zu kaufen und so seine nähere Bekanntschaft zu machen.

»Ein schönes Buch für zwei Taler?« fragte er. »Was soll es sein? Gedichte?« – »Erzählungen oder ein Roman, Herr Salzer.« – »Um diesen Preis werden Sie nichts Schönes finden,« erwiderte er lachend; »doch hier ist der Katalog.« – »Wie? Nichts Schönes um zwei Taler, und doch kostet ein Roman von Walter Scott nur zwanzig Groschen!« – »Wenn Sie Uebersetzungen haben wollen,« sagte er; »ich dachte, Sie wollten Originale.« – »Aber, mein Gott,« entgegnete ich, »wenn ein guter Roman aus einer anderen Sprache nur zwanzig Groschen kostet, warum hält man denn die deutschen Bücher so teuer?« – »Meinen Sie,« erwiderte er unmutig, »wir werden auch noch die Originale um einen Spottpreis wegwerfen? Diese Uebersetzungen, diese wohlfeilen Preise werden uns ohnedies bald genug ruinieren. Was ist denn jetzt schon unser schöner Buchhandel geworden? Nichts als ein Verkaufen im Abstreich; alles soll wohlfeil sein, und so wird alles schlecht und in den Staub gezogen. In jeder Ecke des Landes sitzt einer, der mit wohlfeiler Schnittware handelt, und wir anderen, die uns noch dem Verderben entgegenstemmen, gehen darüber zu Grunde.« – »Aber wie kann denn diese Veränderung des Handels so großen Einfluß auf Originale oder auf die Buchhandlung üben?« – »Wie?« fuhr er eifrig fort. »Wie? Es ist so klar als die Sonne; das Publikum wird dadurch verdorben und verwöhnt! Ich streite Scott und den beiden Amerikanern ihr Verdienst nicht ab; sie sind im Gegenteil leider zu gut. Aber jedes Nähtermädchen kann sich für ein paar Taler eine Bibliothek klassischer Romane anschaffen. Unnatürlich schnell hat sich die Sucht nach dieser Art von Dichtungen verbreitet, und hunderttausend Menschen haben jetzt durch diese Groschenbibliotheken einen Maßstab erhalten, nach welchem sie eigensinnig unsere deutschen Produkte messen.« – »Um so besser für die Welt; wird denn nicht dadurch die Intelligenz und der gute Geschmack verbreitet und das Schlechte verdrängt?« – »Intelligenz und Geschmack, das Bändchen um neun Kreuzer rheinisch!« rief er aus. »O, ich kenne diese schönen Worte! Guter Geschmack! Als ob nur die Leute über dem Kanal guten Geschmack hätten! Intelligenz! Meinen Sie denn, die Menschen denken dadurch vernünftiger, daß sie jetzt alle selbst rezensieren und sagen: Es ist doch nicht so schön als Walter Scott und Cooper, und nicht so tief und witzig als Washington Irving? Und welcher Segen für unsere Literatur und den Buchhandel wird aus diesem Samen hervorgehen, den man so reichlich ausstreut? Verkehrtheit der Begriffe und einige schlechte Nachahmungen (wie ich mich schämte bei seinen Worten!) und überdies unser Ruin. Die Schriftsteller verlangen immer stärkere Honorare; wofür man sonst einen Louisdor zahlte, will man jetzt fünf, und im umgekehrten Verhältnis werden die Bücher weniger gesucht als jemals. Ueberdies hat auch diese Herren Walter Scotts Fruchtbarkeit angesteckt. Sie sind jetzt sparsam mit Gedanken und verschwenderisch mit Worten. Gedanken, Szenen, Gemälde, die man sonst in den engen Rahmen eines Bändchens fügte, werden auseinandergezogen in zehn, zwölf Bände, damit man mehr Geld verdiene, und was früher vier, fünf hübsche Verse gegeben hätte, wächst jetzt in holperiger Prosa zu ebensovielen Seiten an.« – »Also geht die gereimte Poesie nicht mehr?« – »Wer will sie kaufen? Privatleute? die sehen vornehm herab und nennen alles Verselei; Gelehrte? die bekommen es vom Autor, damit sie ihn desto gnädiger rezensieren möchten; Leihbibliotheken? die führen nur Romane, weil sie ihr Publikum kennen. Und diese Leihbibliotheken sind noch unser Unglück. Jedes Städtchen hat ein paar solcher Anstalten. Das Publikum denkt, warum sollen wir für ein Buch so viel Geld wegwerfen, wenn wir es in der Leihbibliothek lesen können. Man kauft sich Groschenübersetzungen oder wohlfeile Taschenausgaben, um doch eine Bibliothek zu haben, und der Buchhändler, der ein Buch verlegen will, kann also höchstens noch auf fünfhundert Leihbibliotheken rechnen. Und wenn heute wieder ein Goethe oder Schiller geboren würde, man könnte keine fünfhundert Exemplare absetzen, das Publikum hat Glauben, Vertrauen und Lust an unserer Literatur verloren.« – »Und von alledem sollten Scott und die Taschenausgaben die Schuld tragen?« – »Ja! und diese unselige Zersplitterung durch alle Zweige ist auch mit schuld! Die Schriftsteller zersplittern ihr Talent in Almanache und Zeitschriften, weil sie dort gut bezahlt werden; das Publikum zersplittert sein Geld für diese Luxuswaren, weil sie Mode geworden sind; wir selbst überbieten uns; jeder will einen Almanach, eine Zeitschrift haben; und diese Taschenkrebse sind es, die unsere Krebse erzeugen.« – »Aber, Herr Salzer,« sagte ich zu dem Unmutigen, »warum schwimmen Sie gegen den Strom? Warum veranstalten Sie nicht selbst Taschenausgaben? Warum unternehmen Sie keine Zeitschrift? Oder schämen Sie sich vielleicht, selbst mitzumachen?« – »Schämen würde ich mich eigentlich nicht,« erwiderte er nach einigem Nachdenken. »Was ein anderer tut, kann Salzer und Sohn auch tun. Aber ehrlich gestanden, ich fürchte, mit einer Zeitschrift zu spät zu kommen; und wer soll sie schreiben? Etwas Neues muß heutzutage neu, auffallend, pikant sein, wenn es Glück machen soll; so habe ich mich schon lange umsonst auf einen ausgezeichneten Titel besonnen, denn der Titel muß jetzt alles tun. Hätte ich nur hier einige tüchtige Männer vom Fache, eine kritische oder belletristische Zeitschrift sollte bald dastehen; denn ich bin ein unternehmender Geist so gut als einer.«

5. Der unternehmende Geist.

»Man hat jetzt Morgen-, Mittag-, Abend- und Mitternachtblätter, man hat alle Götter- und Musentitel erschöpft, man sieht sich genötigt, zu den sonderbarsten Namen Zuflucht zu nehmen, will man Aufsehen machen, denn nur der neue Klang ist es, der das Alte, längst Gewöhnte übertönt, und jeder Vernünftige sieht ein, daß eine neue Zeitschrift nicht an und für sich besser ist als die alten. Erzählungen, Gedichte, Kritiken finden sich hier wie dort, und gute Mitarbeiter werden nicht zugleich mit dem Namen des Blattes erfunden.« – »Aber, Herr Salzer,« erwiderte ich, »warum verlassen denn die Menschen oft die längst bekannten Zeitschriften, um auf ein paar Probeblätter hin eine neue anzuschaffen?« – »Das liegt ganz in unserer Zeit; Veränderung macht Vergnügen, und neue Besen kehren gut,« antwortete er; »so ist einmal das Publikum, wetterwendisch, und weiß nicht warum. Kleider machen Leute, und eine hübsche Vignette, ein auffallender Titel tun in der Lesewelt so viel als eine neue Mode in einer Assemblee. Wer diesen Charakter der Menschen recht zu nützen versteht, kann in jetziger Zeit noch etwas machen; hätte ich nur einen Titel!« – »Da unsere Zeitschriften gegenwärtig so vielseitig sein müssen,« sprach ich, »was denken Sie zu dem Titel: ›Literarisches Hühnerfutter‹?« – »Wäre nicht so übel; man könnte in der Vignette das Publikum als ein Hühnervolk darstellen, welchem von der Muse kleingeschnittenes Futter vorgestreut wird; aber es geht doch nicht! In dem Futter könnte eine Beleidigung liegen, weil es schiene, als wollte man das Publikum mit dem Abfall von dem großen Mittagstisch der Literatur füttern; geht nicht!« – »Oder etwa – ›die Abendglocke‹.« – »Abendglocke? Wahrhaftig! Ei, das ließe sich hören! Es liegt so etwas Sanftes, Beruhigendes in dem Wort. Will mir doch den Gedanken bemerken; aber ein kritisches Beiblatt müßte dazu; ich habe schon gedacht, ob man es nicht ›der Destillateur‹ nennen könnte.« – »Es liegt etwas Wahres in Ihrer Idee,« entgegnete ich, »die Bücher werden allerdings neuerer Zeit durch einen chemischen Prozeß rezensiert oder abgezogen; man destilliert so lange, bis sich das X Geist, das man suchte, verflüchtigt, oder bis der gelehrte Chemiker der Welt anzeigen kann, aus welchen verschiedenen Bestandteilen das Gebräue bestand, das er zersetzte; aber das Blatt röche doch zu sehr nach einer Materialhandlung oder nach gebrannten Wassern; was aber halten Sie von einem ›kritischen Schornsteinfeger‹?«

Der Buchhändler sah mich eine Zeitlang schweigend an und umarmte mich dann voll Rührung. »Ein Fund, ein trefflicher Fund!« rief er; »was liegt nicht alles in diesem einzigen Wort! die deutsche Literatur stellt den Kamin vor, unsere Rezensenten die Schornsteinfeger, sie kratzen den literarischen Ruß ab, damit das Haus nicht in Brand gerate. Ein Oppositionsblatt soll es werden, Aufsehen muß es machen, das ist jetzt die Hauptsache; der kritische Schornsteinfeger! Und die Kunstkritiken geben wir unter dem vielversprechenden Titel: ›Der artistische Nachtwächter!‹« Hastig schrieb er sich den Namen auf und fuhr dann fort: »Herr! Sie hat mein Schutzengel in meinen Laden geführt; wenn ich so hinter meinem Arbeitstisch sitze, bin ich wie vernagelt, aber schon oft habe ich bemerkt, wenn ich mich ausspreche, kommen mir die Gedanken wie ein Strom. So, als Sie vorhin von Walter Scott und seinem Einfluß sprachen, ging mir mit einemmal eine herrliche Idee in der Seele auf. Ich will einen deutschen Walter Scott machen.« – »Wie? Wollten Sie etwa auch einen Roman schreiben?« – »Ich? o nein, ich habe Besseres zu tun; und einen? nein, zwanzig! Wenn ich nur meine Gedanken schon geordnet hätte. Ich will mir nämlich einen großen Unbekannten verschaffen, dieser soll aber niemand anders sein als eine Gesellschaft von Romanschreibern; verstehen Sie mich?« – »Noch ist mir nicht ganz klar, wie Sie –« – »Mit Geld kann man alles machen; ich nehme mir etwa sechs oder acht tüchtige Männer, die im Roman schon etwas geleistet haben, lade sie hierher ein und schlage ihnen vor, sie sollen zusammen den Walter Scott vorstellen. Sie wählen die historischen Stoffe und Charaktere aus, beraten sich, welche Nebenfiguren anzubringen wären, und dann –« – »O, jetzt verstehe ich Ihren herrlichen Plan; dann errichten Sie eine Fabrik, etwa wie jene in Scheerau. Sie lassen sich Kupferstiche von allen romantischen Gegenden Deutschlands kommen; die Kostüme alter Zeiten kann man von Berlin verschreiben; Sagen und Lieder finden sich in des Knaben Wunderhorn und anderen Sammlungen. Sie setzen ein paar Dutzend junger Leute in Ihr Haus; die Sechseinigkeit, der neue Unbekannte, gibt die Umrisse der Romane, hie und da zeichnet und korrigiert er an einem großartigen Charakter; die vierundzwanzig oder dreißig anderen aber schreiben Gespräche, zeichnen Städte, Gegenden, Gebäude nach der Natur –« – »Und,« fiel er mir freudig ins Wort, »weil der eine mehr Talent für Gegendmalerei, der andere mehr für Kostüme, der dritte für Gespräche, ein vierter, fünfter fürs Komische, andere wieder mehr für das Tragische –« – »Richtig! so werden die jungen Künstler in Gegendmaler, Kostümschneider, Gesprächführer, Komiker und Tragiker eingeteilt, und jeder Roman läuft durch aller Hände, wie die Bilder bei Campe in Nürnberg, wo der eine den Himmel, der andere die Erde, jener Dächer, dieser Soldaten zeichnet, wo der erste das Grün, der zweite das Blau, der dritte Rot, der vierte Gelb malen muß nach der Reihe. Und Einheit, Gleichförmigkeit wird dadurch erreicht, gerade wie in Walter Scott, wo alle Figuren offenbar Familienähnlichkeit haben; und eine Taschenausgabe veranstalten wir davon, so wohlfeil als nur möglich; auf vierzigtausend können wir rechnen. Und der Titel soll heißen: Die Geschichte Deutschlands von Hermann dem Cherusker bis 1830 in hundert historischen Romanen!«

Herr Salzer vergoß einige Tränen der Rührung. Nachdem er sich wieder erholt hatte, drückte er mir die Hand. »Nun? bin ich nicht ein so unternehmender Geist als irgend einer?« sprach er. »Was wird dies Aufsehen machen! Aber Sie, Wertgeschätzter, waren mir behilflich, diesen Riesengedanken zu gebären; suchen Sie sich das schönste Buch in meinem Laden aus, und zum Dank sollen Sie – einer der Vierundzwanzig sein!«

6. Schluß.

So war ich denn durch mein günstiges Geschick in kurzem dahin gelangt, wohin ich mich so lange gesehnt hatte. Jetzt hatte ich nicht mehr nötig, die Leute und ihren Geschmack in einer Leihbibliothek zu studieren, hatte nicht mehr nötig, ängstlich nach Plan und Anordnung eines Werkes oder gar nach vortrefflichen Gedanken umherzusuchen; ich war ein Glied, ein Finger des neuen Unbekannten geworden, durfte schreiben nach Lust und mein Geschriebenes gedruckt lesen. Es ist bekannt, welch großen Erfolg das Unternehmen des Herrn Salzer hatte, und schon längst ist es kein Geheimnis mehr für die Welt, aus welchen Bestandteilen eigentlich der große Unbekannte bestand. Es konnte uns nur schmeicheln, daß man anfänglich auf berühmte und vorzügliche Schriftsteller riet, wie z. B. auf den Professor Lux, der indessen seine Uebersetzungsmaschine erfand, den Dichter F. Kempler und andere Treffliche, ja, daß man einen Augenblick sogar Willibald Alexis, trotz seiner bekannten Abneigung gegen die deutsche Geschichte, im Verdacht hatte. Längst haben sich jene sehr verdienstvollen Herren genannt, die das Direktorium gebildet haben, und mir bleibt nur noch übrig, einiges von dem Anteil zu erzählen, welchen ich selbst an dem Unternehmen hatte.

Weil ich einige Teile Deutschlands genau kannte, erhielt ich zuerst eine Stelle unter den Gegendmalern. Leider schrieb ich aber in dem Roman das Konzilium in Konstanz: »Leicht und schwebend trug sie der Kahn an den rebenbepflanzten Hügeln hin von Basel nach Konstanz –« diese Stelle wurde, von den sechs Direktoren übersehen, gedruckt, und die Rezensenten und das ganze Publikum wunderten sich höchlich, daß man damals den Rheinfall hinauf gefahren sei, und zur Strafe wurde ich in die Klasse der Gesprächführer versetzt. Gespräche in Wirtshäusern, auf Straßen und Märkten, Händel und Wortstreit wurden mir zugeteilt. In dieser Eigenschaft blieb ich, bis einer der sentimental und heroisch Sprechenden einen großen Fehler machte. Er sagte nämlich: »Die Wolken zogen bald vor, bald hinter dem Mond;« vergebens berief er sich auf die Autorität eines Herrn S…, aus dessen historischem Roman er diese herrliche Stelle entlehnt habe; man erklärte die Worte für widersinnig, weil die Wolken nicht hinter dem Mond vorbeiziehen, und setzte ihn ab; seine Stelle fiel mir zu. In diesem Fache leistete ich mehr als in den beiden andern. So ist z. B. der größte Teil des Romans: »Der Dom zu Aachen oder die Paladine Karls des Großen« von meiner Hand. Auch in »Barbarossa oder die Hohenstaufen« habe ich etwa zehn Kapitel geschrieben. Meine letzte Arbeit vor Auflösung des Unternehmens war das achte, neunte und fünfzehnte Kapitel in der »Schlacht von Kunersdorf«.

Man hat viel über und gegen dieses großartige Unternehmen, das ich, wiewohl zufällig, ins Leben rief, geschrieben und gesprochen. Wenn man bedenkt, daß in der kurzen Zeit von zwei Jahren fünfundsiebzig Bände oder fünfundzwanzig Romane aus der Fabrik des deutschen Unbekannten hervorgingen, so muß man zum mindesten den Fleiß und die Ausdauer der Teilnehmer bewundern. Man hat vorgeworfen, daß einige geschichtliche Charaktere gänzlich verzeichnet seien, daß sogar bedeutende Anachronismen vorkommen; aber wie kraftlos erscheint ein solcher Vorwurf gegen die übrigen Vorzüge des Unternehmens! Sind nicht alle Gegenden so treu geschildert, daß man sieht, man habe nicht die Natur, sondern wirkliche Gemälde abgezeichnet? Haben wir nicht bei den Kleidungen unserer Helden und Damen die Kostüme des pünktlichsten und genauesten Theaters von Europa als Vorlegeblätter vor uns gehabt? Hat nicht Herr Salzer mit schwerem Gelde allerlei altertümliches Hausgerät aus Burgen und Rüstkammern gekauft, damit wir desto richtiger zeichneten?

Das ist historische Wahrheit und Treue, und das ist es auch, was das Publikum verlangt; das übrige, genaue Beachtung der geschichtlichen Charaktere oder Zeiten ist nur Nebensache; Kleider, Schuhe, Stühle, Häuser usw. wird man in allen fünfundsiebzig Bänden niemals unwahr finden. Daß nach zwei Jahren schon diese Art von Darstellungen aus der Mode kam, war nicht unsere Schuld; aber leider scheiterte das schöne Unternehmen an der Veränderlichkeit des Publikums. Aus der Mode entstand das Ganze, und mit dem günstigen Wind dieser Mode segelten wir auf dem Strom der Geschichte, und unser Wahlspruch war: »Verletzet eher die Wahrheit der Geschichte, verzeichnet lieber einen historischen Charakter, nur sündiget nie gegen die Mode der Zeit und den herrschenden Geschmack des Publikums.«

Freie Stunden am Fenster.

Laetus sorte tua vives sapienter.

Horatius.

1.

Mein Onkel war gestorben; er hinterließ ein hübsches Vermögen, das meinen heimlichen Kummer wieder stillen konnte; aber er hatte es einer Witwe vermacht, die er noch in seinen alten Tagen gern gesehen. Ich erklärte, der Wille des Seligen sei mir zu heilig, als daß ich ihn umstoßen möchte, d. h. die Advokaten hatten mir gesagt, daß ich den Prozeß in allen Instanzen verlieren würde; aber die ganze Stadt pries meinen Edelmut. Sie hatte gut loben, die ganze Stadt; Loben kostet nichts, aber um so viele Hoffnungen betrogen, um das ganze Vermögen des Onkels ärmer zu sein, das war hart! Ich habe in meiner Jugend im Kinderfreund gerne ein Stück gelesen, es hieß: »Edelmut in Niedrigkeit«; nachher hat mich oft ein anderes: »Armut und Edelsinn« bis zu Tränen gerührt. – War es vielleicht die Ahnung, daß ich einst diese Rolle selbst spielen müsse, was mir Tränen auspreßte? Meinen einzigen Trost, meine süße Hoffnung, die Tante in Leipzig, rührte vor vier Wochen der Schlag. Ich, ihr nächster Leibeserbe, machte bei dieser Nachricht bedeutende Einkäufe in schwarzem Tuch, zog einen ganz neuen Menschen an, und meine Bekannten wußten sich diesen Aufwand nicht zu erklären. Die Tante hat ihre Taler einem ganz fremden Menschen vermacht. Ich dachte anfänglich, aus Haß gegen mich, weil ich einmal geäußert: die Zeitung für gebildete und noble Menschen sei schlechtes Zeug, sie aber hatte alles trefflich und genial gefunden; aber nein, es verhielt sich anders. Die Tante, ich erfuhr es erst vor einigen Tagen, die selige Tante war Schriftstellerin gewesen. Unter dem Namen Idoina Strahlen hatte sie in die Zeitung für noble etc. Erzählungen, Aphorismen aus ihrem Leben, Romanzen und dergleichen geliefert. Ja, sie hatte sogar Romane für Leihbibliotheken geschrieben; wer kennt nicht »Lisbethas letzte Seufzer« in Duodez; »Die Mohrenschlacht oder die grausamen Herzen, eine spanische Geschichte«; wem ist nicht »Meine erste Liebe oder der blutige Säbel« bekannt? Ich hatte sie oft auf die Seite geworfen, wenn sie mir nebst anderer dergleichen Ware in die Hände fielen; konnte ich denken, daß sie mich um mein Erbe bringen würden? Idoina las alle ihre Produkte einem Magister vor, der sie quoad stylum korrigierte, reinlich abschrieb, an die Zeitung für noble etc. oder an die Verleger verschickte und, wenn sie erschienen waren, in sechs oder acht Journalen günstig rezensierte. Es konnte nicht fehlen – die selige Tante hinterließ ihm ihren Mammon.

Das neue Kleid war gekauft und konnte nicht mehr ungekauft gemacht werden; ich verkaufte mein Piano, um jenes zu bezahlen. Es war gut, daß nicht noch etwas Schwereres zu vergüten war. Als mir nämlich die Kunde von dem Tod der seligen Idoina kam, als ich mich im neuen Kleide vor dem Spiegel musterte, fand ich, daß ich gut genug zu einem Ehemanne aussehe. Wenn ich nicht irrte, so mochte dies auch des Oberhofmeisters Trinette finden. Ich hatte Aussichten, gemächlich mit einer Frau leben zu können; ich las aufrichtige Liebe in ihren schönen, braunen Augen; ich wollte endlich einen Schritt vorwärts tun, da kam die Leipziger Post, der Magister hatte das Erbe, und ich – blieb stehen, ich ging rückwärts. Jetzt erst war ich arm, denn ich hatte keine Hoffnung mehr. Ich dachte ernstlich über meine Stellung in der Welt nach und fand, daß ein armer Teufel eine um so traurigere Rolle spiele, je weiter er oben steht. Moreaus Rückzug wird für das Glänzendste gehalten, was dieser große General getan hat. An mir war es jetzt, eine ähnliche Operation zu machen; ich mußte mich ohne Schande aus den Salons zurückziehen, mein Rückzug mußte einem Siege gleichen, wenn ich mir das Erröten ersparen wollte. Man kann sich denken, daß ich am schwersten daran kam, jene treffliche Stellung zu verlassen, die ich gegen die Bastion Trinette eingenommen hatte. Meine Vorposten waren schon so weit vorgeschoben, daß sie täglich mit dem Feinde plänkelten, ich war daran, die Laufgräben zu eröffnen, es war mathematisch gewiß, daß ich siegen mußte; wer hat eine solche Stellung nicht mit einer Träne im Auge aufgegeben?

Aber mein Rückzug war meisterhaft; es fand sich eine Gelegenheit, gegen Trinette den Eifersüchtigen zu spielen; ich erschien einige Abende bei den fröhlichsten Soupers, bei den glänzendsten Bällen düster und in mich gekehrt, es fiel auf, und jetzt hatte ich gewonnen. »Er ist melancholisch,« sagte die ganze Stadt; ich war melancholisch, denn ich hatte ja nichts mehr, um die Freude zu bezahlen, die Melancholie kann man aber umsonst haben. Ich gab meine vier Zimmer in der Hauptstraße auf und bezog ein kleines Stübchen in einem entlegenen Teile der Stadt. »Nein, wie er melancholisch ist!« sagten die Leute. Ich speiste sonst im ersten Gasthof; jetzt ließ ich mir die Speisen aus einer Garküche bringen. »Er ist ein Narr,« war das Urteil der Welt, und jeder, der mich sah, fragte mich teilnehmend, wie es mir gehe? Die Ehre war gerettet; ich wollte lieber für einen Narren, für melancholisch – als für einen armen Teufel gelten.

Es wohnt sich übrigens ganz gut in dem kleinen Stübchen. Die einzigen Möbel, die mir gehören, sind ein großer Fauteuil, ich konnte es nicht übers Herz bringen, ihn zu verkaufen, denn meine gute Mutter war darin verschieden; das andere war ein Schreibtisch, der beinahe ein Drittel des Stübchens einnahm – mein Vater hatte daran gearbeitet. Anfangs vermißte ich mein Piano sehr ungern. Es gab in meinem Tag so manche freie Stunde, die ich mir mit Musik verkürzt hatte. Aber bald entdeckte ich ein Möbel, das mir noch größern Genuß verschaffte als das Klavier; es war mein Fenster. Mein Stübchen lag im zweiten Stock; ich konnte, wenn ich mein Opernglas zu Hilfe nahm, ganz bequem in die Etage meiner Nachbarn schauen; ich lernte beobachten, und stundenlang saß ich an meinem Fenster. Ich komme mir oft vor wie der Ritter Toggenburg. Es ist zwar kein Nonnenkloster, dem gegenüber ich mein Hauswesen aufgeschlagen habe; aber doch schaue ich vielleicht mit nicht geringerer Andacht nach dem schönen, zweistöckigen Haus und lausche, bis ein Fenster klingt und ich auch Worte vernehme. Auch bleibe ich so nach und nach ein Junggeselle wie der melancholische Ritter, doch soll mich Gott bewahren, daß ich darüber das bißchen Geist aufgebe wie der Toggenburger, und es wäre mir höchst fatal, wenn man von mir sagte:

»Und so saß er, eine Leiche, Eines Morgens da, Nach den Fenstern noch das bleiche, Stille Antlitz sah.«

2. Die Liebe parterre.

»Christel!« sagte ich am Morgen, nachdem ich mich eingerichtet hatte, zu der alten Aufwärterin, die mir den Kaffee brachte, »Christel, wer wohnt da gegenüber in dem breiten Hause?« – »Parterre wohnt der Schuhmacher Rupfer, mitten die gnädige Frau, und oben der Doktor und der Leutnant.« – »Nicht so schnell, Christel, nicht so schnell, da weiß ich so viel als vorher; wem gehört das Haus?« – »Dem Schuhmacher, daß mir's Gott verzeih'!« antwortete sie. »Ist es nicht eine Sünde, daß ein Schuhmacher einen solchen Palast hat? Das kommt aber alles von der Russenzeit. Da hat ihm sein Vetter, der Kriegsrat-Kanzelist, eine Schuhlieferung verschafft, und weil die Russen bekanntlich große Füße haben, so –« – »So war auch der Abfall groß, natürlich; aber wie sind die Leute? Der Meister scheint früh auf zu sein, ich sah schon um fünf Uhr Licht; auch einige Mädchen glaubte ich zu bemerken.« – »Der Alte um fünf Uhr auf?« rief Christel mit wegwerfender Miene. »Ja, dem tut's not; der lebt wie ein großer Herr seit der Russenzeit und steht vor acht Uhr nicht auf. Sie werden schon merken, wann er aufsteht. Geht ein rechtes Geschrei los in der Werkstatt, hören Sie einen Mann schimpfen und die Mädchen heulen, so ist der Alte aufgestanden; das ist alle Tage, die Gott gibt, sein Morgenlied.« – »Wer arbeitet denn aber so früh am Tag in der Werkstatt? Sind die Mädchen so fleißig?« – »Wie man will;« erwiderte sie, »es ist eigentlich der Pariser, der Geselle des Schuhmachers, und Brenners Karlchen, der Lehrjunge; diese arbeiten vom frühesten Morgen; aber auch Mamsell Karoline, die größere mit den schwarzen Augen, ist mit der Torglocke auf. Früher hätte man sie nicht mit zehn Pferden aus dem Bette gebracht; aber seit der Pariser im Haus ist, steht man alle Morgen schon um fünf Uhr auf; das macht, sie lebt mit ihm in einem unchristlichen Verhältnis.« – »Und im ersten Stock wohnt die gnädige Frau? Wie heißt sie denn? Hat sie Familie?« – »Es ist die Frau Oberforstmeisterin von Trichter. Der Mann ist gestorben, sie hat zwei Fräulein und einen ungeratenen Sohn. Sie tun auch zu vornehm; es soll nicht immer richtig sein mit dem Geld, und die Titel und vornehmen Bekanntschaften kann man nicht wechseln lassen.« – »So, die wohnt hier?« Ich hatte in den Zirkeln, die ich vor meinem Rückzug besuchte, von einer solchen Frau von Trichter gehört; doch erinnerte ich mich nicht mehr gewiß, was von ihr gesprochen wurde. »Und oben?« fuhr ich fort, indem ich auf die Fenster zeigte, die in gleicher Höhe mit den meinigen waren; »oben?« – »Nun, da wohnt der Doktor und der kleine Leutnant.« – »Was ist das für ein Doktor? Ein Mediziner?« – »Nein, es ist kein Menschendoktor; aber soviel ich weiß, soll er ein gelehrter Herr sein, der Doktor Salbe, und Bücher schreiben. Ich habe ihm früher auch den Kaffee gebracht, aber er macht ihn jetzt selbst, der Hungerleider, in der Maschine mit Spiritus. Wenn er sich nur die Finger recht verbrennte mit dem Weingeist! Was hat er nötig, mit der Maschine Kaffee zu machen? Aber freilich, jetzt soll alles mit Maschinen gehen und mit Dampf. Sie gönnen einer armen Frau nicht einen Groschen mehr, den sie ehrlich erworben.« – »Und der Leutnant,« unterbrach ich ihre Philippika gegen den Maschinenkaffee des Doktors, »wie sagst du, daß er heiße?« – »Man nennt ihn in der ganzen Nachbarschaft nur den kleinen Leutnant. Er ist ein freundlicher Herr, aber reich muß er auch nicht sein, denn er reitet um sechs Groschen spazieren und hat zwar große Sporen, aber kein Pferd.«

Christel hatte unter diesen Belehrungen mein Stübchen aufgeräumt und ging.

Die Lampe der Schuster war verlöscht, ein schönes Mädchen trat aus dem Hause und machte die eisernen Stangen der Fensterladen los; die Laden öffneten sich von innen, ein hübscher, junger Mann sah heraus, um die Stange herein zu nehmen, das schöne Kind reichte sie hin, zog sie zurück, wenn er helfen wollte, sie neckte ihn, daß er nicht schneller sei als sie. Das wird der Pariser sein, dachte ich, und das Mädchen mit den schwarzen, feurigen Augen, mit dem blühenden Rot auf den Wangen ist wohl niemand anders als Mamsell Karoline, des Meisters Tochter. Diese Scene zog mich an. Sie schienen sich verglichen zu haben, der junge Mann empfing die Stange, man ging an den zweiten Laden. Hier erneuerte sich das Schauspiel; der Pariser drohte ihr, er zeigte mit dem Finger auf seinen Mund und dann auf sie, es war deutlich, er drohte ihr mit einem Kuß, und sie – lachte und gab die Stange nicht. Welch unchristliches Verhältnis! Man ging endlich an das dritte Fenster; der Laden ging auf, der Pariser erschien mit einer Eisenstange bewaffnet und machte Ausfälle gegen seine Schöne; sie parierte aber – malheureusement, mochte der Pariser denken, seine Stange gleitete ab und zerschlug klirrend eine Scheibe. Man senkte bestürzt die Waffen, die feindlichen Parteien vereinigten sich, um das Unglück zu betrachten; eine kleine Figur wurde auf der Bank hinter dem Pariser sichtbar, es war wohl Brenners Karlchen, der Lehrjunge, der so jammervoll die Hände über dem Kopf zusammenschlug; der böse Meister, der seit der Russenzeit erst um acht Uhr aufsteht, und dessen Morgenlied Geschrei und Zanken ist, fiel mir ein – gewiß, ihn fürchteten sie, vor ihm zitterten sie. Der Pariser zog ein Stückchen Geld aus der Tasche, er drehte es hin und her, es war sehr klein – er fuhr wieder in die Tasche, er brachte nichts mehr hervor; wer will es ihm verargen? Es war ja gestern Sonntag, und ich wollte wetten, er war mit Karolinchen auf dem Tanzboden und hat ihr fürstlich aufgewartet. Er sah sein Stückchen Geld an und errötete. Das schöne Kind drängte seine Hand mit dem Gelde zurück; sie zog ein Beutelchen aus dem Busen und zählte ab, was etwa zu einer neuen Scheibe reichen konnte; der Pariser widersetzte sich, aber er schien der süßen Gewalt ihrer Blicke nachzugeben, sie gab dem jammernden Burschen das Geld, man hob das Fenster aus, und bald sah ich ihn aus dem Hause und um die nächste Ecke traben. Mögen die Götter seine Schritte lenken, daß er nicht fällt und die übrigen zwei Scheiben mit zerbricht! Aber diese Unterbrechung hatte die Freuden der beiden Leutchen gestört; Karoline ging ins Haus, der Geselle an die Arbeit, und ich sah nur noch, wie das Mädchen hie und da ängstlich zum Fenster herausschaute, als wolle sie Brenners Karlchen mit dem Fenster erspähen; wenn der Vater kam, ehe er zurück war, wenn er den Schaden bemerkte, den sie beide angerichtet – ich glaubte in ihren Mienen diese Angst zu lesen. Doch war ich überzeugt, wenn dieser unglückliche Fall eintreten sollte, so nahm sie die Schuld auf sich; hätte der Alte nicht auf so manches schließen können, wenn er den Kampf mit den Eisenstäben erfuhr? Es schlug acht Uhr, unwillkürlich fing ich selbst an unruhig zu werden; ich glaubte im Geist den Lieferanten der Russenzeit in weiten Pantoffeln herbeischlurfen zu hören; ein böser Husten wird ihn schon zuvor anzeigen, wie wird er toben, wie wird er fluchen, wenn er –

Da kommt Brenners Karlchen um die Ecke gefahren; er hat das Fenster unter dem Arm; jede Spur von Angst ist aus Karolinchens Zügen verschwunden; sie nimmt dem Burschen das Fenster schon von der Straße ab; sie hängt es ein; triumphierend schaut sie durch die neue Scheibe; der Pariser ergreift ihre Hand und zieht sie vom Fenster. Wird er noch Zeit gefunden haben, seine fürchterliche Drohung zu vollziehen, und sie für die Neckerei an ihren frischen Lippen bestrafen?

3. Der zweite Stock.

Die Jalousien des zweiten Stockes mir gegenüber öffneten sich, ich erschrak; ein ungeheurer Knebelbart schaute zum Fenster heraus. »Das ist sicher der kleine Leutnant,« sagte ich zu mir, »das muß ein fürchterlicher Kriegsmann sein!« Ich wagte es, wieder aufzublicken und nach ihm hinüberzuschielen; wo hatte ich nur meine Augen gehabt, daß ich vor seinem Anblick so erschrak? Der Bart war allerdings bedeutend und gehörte in die Klasse der grimmigen, aber hinter diesem Wall von Haaren lag ein kleines, freundliches Gesichtchen, ein Näschen, das schalkhaft zwischen dem Grimmigen hervorguckte, ein paar wackere Aeuglein, die auch nicht im geringsten zum Erschrecken eingerichtet waren. Der Kriegsmann hatte mit der Brust nicht sehr weit über den Fenstersims emporgeragt, als er die Jalousien öffnete; jetzt hatte er sich wohl einen Stuhl ans Fenster gerückt, denn er erschien auf einmal groß und schaute mit dem halben Leib auf die Straße herab; doch nach Verhältnis seiner Arme und seines Kopfes zu urteilen, mußte er ein kleiner, untersetzter Mann sein; ich erinnerte mich, daß ihn Christel den kleinen Leutnant genannt hatte. Nichtsdestoweniger brachte er eine ungeheure Pfeife hervor, die bis in den ersten Stock hinabreichte. Sie mochte ein bedeutendes Gewicht haben, denn der kleine Leutnant hielt sie mit beiden Fäusten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Als der Kriegsmann einige Zeit seinen Morgenbetrachtungen nachgehängt haben mochte, fing er an, mit der langen Pfeife an den Jalousien zu seiner Linken zu pochen. Sie taten sich auf, ein mageres, bleiches Gesicht, eine lange, hagere Figur, in einen geblümten Schlafrock gehüllt, schaute hervor; es war der Doktor Salbe.

Die Straße, in welcher ich wohnte, war ziemlich schmal; ich konnte, wenn ich das Fenster öffnete, das Gespräch meiner Nachbarn hören; ich öffnete daher mein Fenster, ließ die Gardinen herab, um nicht von ihnen bemerkt zu werden, und lauschte.

»Wo habt Ihr Euch gestern nacht herumgetrieben, Doktor?« sprach der Leutnant mit schalkhaften Blicken, indem sich der Bart zu einem angenehmen Lächeln bis an die Ohren verzog. »Warum kamt Ihr nicht in den goldenen Hahn? Ich wollte wetten, Ihr waret in einem Singtee.«

Der Doktor nickte und zündete still lächelnd eine Zigarre an der Pfeife des Soldaten an. »Ich war im Singtee,« antwortete er mit hohler Stimme; »Leutnant! da war es wieder herrlich! Im goldenen Hahn geht es mir Sonntags gar zu roh her. Eure Kameraden rauchen so schlechten Tabak, und das Schreien und Schwadronieren von den Gefechten setzt meinen Nerven zu. Aber bei dem Professor Nanze war es gestern wieder göttlich!«

»War die Fremde auch dort?« fragte der kleine Krieger und deutete auf den ersten Stock seiner Wohnung. »Waren auch die beiden Fräulein da?«

»Die Mutter, die Töchter und die Fremde; und wissen Sie wohl, wer sie ist? Sie wird Cousine tituliert, und die Oberforstmeisterin tut sehr freundlich mit ihr. Und denken Sie, ich wurde ihr vorgestellt als Nachbar vom oberen Stock; sie war holdselig und hat auch mein Trauerspiel gelesen und meine Erzählungen in der Zeitung für noble Leute.«

Auch ein Genosse der seligen Tante Idoina, dachte ich und machte ihm hinter den Vorhängen eine Faust, denn er schien mit dem Leipziger Magister im Bunde gegen mich zu sein. Indem hörte man einen wahrhaft höllischen Lärm in der Wohnung des Schusters. Eine tiefe Baßstimme fluchte und tobte, wie die rauhen Töne des Violons; dazwischen hörte man Karolinen und ihre Schwester in hohen, klingenden Tönen wie Oboe und Klarinette, und Brenners Karlchen, der wohl Schläge bekam, fistulierte mit greulichen Violinpassagen dazwischen. Es war kein Zweifel, der Russenschuster war erwacht und hielt seinen feierlichen Einzug in sein Reich.

»Hören Sie doch, wie der Alte wieder rumort,« sagte Doktor Salbe; »mich dauern nur die Mädchen, er probiert sicher an Karolinchen ein paar neue Knieriemen. Apropos, wie stehen Sie mit Karolinchen, Leutnant?«

»Gar nicht,« antwortete er mürrisch und blies große Wolken vor sich hin; »die hochmütige, schnippische Person! Ich weiß nicht, was sie jetzt wieder im Kopf hat, sie dankt kaum, wenn ich sie grüße. Es ist mir auch ganz einerlei,« fuhr er ärgerlich fort: »meine Gedanken stehen jetzt auf die Fremde, auf die Cousine; der will ich die Cour machen; Höllenschwernötchen, Doktor! Das sollt Ihr mal sehen.«

»Hoho!« fiel ihm sein Nachbar mit hohlem Lachen ins Wort. »Wenn Sie erst wüßten, was ich weiß, Wertester!«

»Donner! Hat sie von mir gesprochen? Salbe! Ihr foltert mich; hat sie von mir gesprochen?«

»Nein! Aber sie sagte mir viel Schönes über mein Flötenspiel, das sie vorgestern nacht in den Schlaf gewiegt habe.«

Ich glaubte, der Leutnant werde bei diesen Worten zum Fenster hinausstürzen; er hüpfte auf seinem Stühlchen hin und her und rückte weiter über die Brüstung heraus, um dem Doktor näher zu sein. »Und Ihr habt dem lieben Kind doch gesagt, daß ich es bin, der musiziert?«

»Jawohl; ich sagte ihr, daß ich nur Gitarre schlage und etwas weniges dazu singe; der Flötist aber sei mein Nachbar, der Leutnant Münsterturm. Ich will Ihnen auch gar nicht im Wege stehen; ich habe an meinem neugriechischen Roman so entsetzlich zu arbeiten, daß ich vor den nächsten vierzehn Tagen an keine Liebe denken kann; aber den goldenen Hahn sollten Sie sich abgewöhnen; Sie sollten in gebildete Zirkel sich einlassen, dort können Sie die Haus-Cousine treffen.«

»Gott straf' mich, Ihr habt nicht unrecht!« unterbrach ihn der liebende Soldat. »In den goldenen Hahn kommt sie doch nicht, also muß ich sie anderen Ortes aufsuchen. Aber Ihr kennt ja meine Antipathie gegen das Teetrinken, ich riskiere, daß ich auf der Stelle krank werde, wenn ich dieses laue Wasser zu mir nehme. Was haltet Ihr davon, Doktor, wenn ich Punschessenz mit mir nehme in einem Gläschen und, während ich nach der tollen Sitte mit der Tasse auf und ab spaziere, heimlich einige Tröpflein in den Tee gieße? Dann kann er mir nichts schaden.«

»Wahrhaftig, das könnten Sie tun, kaufen Sie Essenz, ich will Sie einführen in Nanzes göttlichen Singtee.«

»Am Donnerstag bekomme ich meinen neuen Uniformsfrack,« antwortete er vergnügt; »dann gehen wir miteinander in den Singtee.«

4. Jocko.

Ein Besuch, der mir gerade jetzt sehr ungelegen kam, unterbrach meine Beobachtungen. Es war einer jener freundlichen Alltagsmenschen, die, wenn sie mit uns Billard gespielt haben, auf der Promenade einige hundert Schritte mit uns gingen, in der Loge zufällig neben uns einen Platz fanden, sich unaufgefordert zu unsern Freunden zählen. Er hatte sicher nicht geruht, bis er mein geringes Stübchen aufgefunden; er kam, wie er versicherte, nur aus Teilnahme, und doch war es die unverschämteste Neugierde, die ihn hergetrieben hatte; er und sein Hund beguckten und berochen jeden Winkel meines Zimmers; ich sah ihm an, wie er Notizen sammelte, um abends einige Damen über mich und meinen Spleen zu unterhalten.

»Sie sind doch ein glücklicher Mensch,« sagte er; »waren Sie in Gesellschaft, so vergaßen die Damen, daß es gegen allen guten Ton sei, länger als fünf Minuten über einen Gegenstand zu sprechen. Man lauschte begierig auf Ihre Worte, weil Sie ein halber Gelehrter sind.«

»Sie können sich doch wahrlich nicht beklagen,« erwiderte ich; »wie glänzend haben Sie vor drei Wochen die Damen unterhalten, als Sie den Brief aus Paris bekommen hatten.«

»Es war der einzige glückliche Abend meines Lebens,« sprach er mit süßer Wehmut; »mein Mode-Korrespondent hatte den vernünftigen Einfall, mir einige Anekdoten aus den Salons, einiges Neue über Damenputz und über die Stellung einer modernen Pariserin beim Tee-Eingießen, und wie sie in Gegenwart ihres jungen Ehemannes die Schlafhaube aufsetze, zu schreiben. Ich brachte es bei Graf C. vor; man fand mich köstlich, man fand mich liebenswürdig und amüsant. Es war aber auf Ehre der einzige Abend. Aber Sie! Wie glücklich sind Sie.«

»In was soll nur mein Glück bestehen?« fragte ich, ärgerlich über seine Ausrufungen.

»Haben Sie nicht immer das verdammte Spiel: ›Der Chevalier de Papillot‹, von vorn bis hinten ohne Anstoß behalten können? Und ich! Wenn ich am herrlichsten frisiert und gebrannt war, so wurde das dumme »Chevalier de Papillot a une papillote« gespielt, meine Frisur ging zum Teufel, denn ich konnte den französischen Sermon nicht behalten und bekam den ganzen Kopf voll Papilloten. Aber Sie! Hatten Sie den ganzen Abend nichts getan, als an einer Tür gestanden und finster in die Zimmer geblickt, so gab es doch Leute, die Sie sehr interessant fanden. Jetzt verlassen Sie sogar die Welt, werden melancholisch; ich wollte wetten, wenn ich es geworden wäre, man hätte gelacht, und Sie werden bemitleidet, zurückgesehnt; es gibt sogar junge Damen, die ganz offen den Fächer vor das linke Auge halten, wenn von Ihnen gesprochen wird.«

»Den Fächer vor das linke Auge halten? Wozu denn, was soll es denn bedeuten?«

»Sie wissen nicht einmal dieses Zeichen der trauernden Liebe? Das ist das Neueste, was man hier in der Liebessprache kennt; das heißt à la Jocko trauern.«

»À la Jocko trauern!« rief ich. »Wer trauert denn mit der Windfuchtel vor dem linken Auge um mich?«

»Gehen Sie, das wissen Sie nur zu gut; Oberhofmeisters Trinettchen ist ganz melancholisch geworden. Auf Ehre, ich sah sie zweimal à la Jocko trauern. Ist das nicht rührend?«

»Was werden Sie heute mit Ihrem Tag anfangen?« fragte ich, um mir das Erröten über die trauernde Jocko zu ersparen. »Wo werden Sie speisen? Werden Sie ins Theater gehen?«

»Speisen?« sagte er wehmütig lächelnd. »Speisen! Ich lebe gegenwärtig wie ein Klausner. Denken Sie sich mein Unglück!«

Ich war begierig; sollte ihn etwa auch eine Tante enterbt haben, war er vielleicht auf halben Sold gesetzt wie ich? Er schien bekümmert, geheimnisvoll.

»Denken Sie sich mein Unglück! Schon seit einiger Zeit bemerkte ich, daß mir meine Röcke und Westen nicht mehr recht passen wollten. Ich nahm daher das vormalige Maß meiner Taille (mein Schneider in Frankfurt und ich haben jeder ein Exemplar, und zwar aus Draht geflochten, daß es sich nicht verzieht); ich nehme es, lege es um, und o Schrecken! ich bin seit einem Vierteljahr um zwei Daumen breit stärker geworden! Ich war außer mir, ich wütete, ich war nahe daran, Hand an mich selbst zu legen. Ich entdeckte mich dem jungen Baron F.; Sie kennen seinen herrlichen Wuchs, er tröstete mich, er gab mir Mittel.«

»Nun, in was bestehen diese?«

»Zuerst mußte ich Rhabarbertinktur nehmen, daß ich beinahe tot war. Dann darf ich acht Tage lang nichts genießen als eine Tasse voll Gerstenschleim, einige Austern und ein Glas Madeira, alle Morgen nach acht Uhr muß ich ein Glas Kräuteressig trinken und darauf spazieren gehen. Es ist heute der fünfte Tag; es ist wahr, es hilft, ich bin schon um einen Daumen eingegangen, aber meine Kräfte schwinden, ich bin so schwach, daß ich heute abend nicht werde tanzen können. Es ist nur gut, daß es jetzt Mode ist, daß wir jungen Herren nicht tanzen; aber das ewige Stehen mit dem Hut in der Hand werde ich auch nicht aushalten; ich werde mich setzen müssen gegen allen guten Ton und feine Lebensart.«

»Ich bedaure Sie,« sagte ich, als er mit zitternder Hand von mir Abschied nahm. »Wären denn fünf Tage nicht auch genug?«

»Acht Tage müssen es sein,« antwortete er seufzend; »aber dieser Leidenskelch wird auch an mir vorübergehen; was tut man nicht um den Ruhm, eine Taille à la Jocko zu haben.«

Armer Jocko! sprach ich bei mir, als er weggegangen war. Armseliger Affe! Du schämst dich deiner menschlichen Gestalt und wendest alle Mittel an, ein Pavian oder eine Wespe zu werden! Jene große Werkstätte der Torheit ergötzte sich an einem Menschen in Affengestalt; sie trugen sich wie der herrliche Affe, es gab nichts, was nicht den Namen dieses Affen trug; es nimmt mich wunder, daß sie ihren König nicht à la Jocko krönten. Aber die Narrheit bleibt nicht in jenen Mauern, sie verbreitet sich über die Provinzen, sie passiert ungehindert die Douanen des Rheins, und man schämt sich in Deutschland, auf eine andere Art ein Tor zu sein, als wie es vor sechs Monaten in Paris Sitte war. Wer ist ein größerer Affe und der Tierheit näher, jener Urjocko oder die unzähligen Affenherren, Affenfräulein und Affenmamsellen, die an dem Affen einen Affen gefressen haben, ihm nachäfften und mit Freude samt und sonders Jockos wurden?

Erbärmlicher Affe! Der du mich um eine schöne Stunde betrogst! Warum verbieten es die gesellschaftlichen Sitten, daß ich dich freundschaftlichst aus der Türe warf?

Wie vergnügt, wie zufrieden wäre ich mit mir selbst gewesen! Wie gut hätte ich mich an meinem Fenster unterhalten können! Und dieser hohle Mensch, in dessen Kopf kein Gedanke war, als der an das Souper heute abend, dessen Blick in die Zukunft nicht weiter reichte als bis zum nächsten Ball, dessen Erinnerungen nur in Austern und Tanzmusik bestanden, dessen Herz kein wärmeres Gefühl kannte als Neid, wenn er nicht die feinste Taille hatte, oder die Freude, das neueste Tuch oder die eleganteste Hutfaçon zu haben; dieser Mensch durfte sich meinen Freund nennen, durfte mein stilles Asyl durch sein Geplauder entweihen? Sind nicht diese Menschen die ärgsten Heiden? Es steht im Evangelium: »Ihr sollt nicht sagen, was werden wir essen, was werden wir trinken, wie uns kleiden, denn nach diesem allen fragen die Heiden.« Und diese Leute möchten verzweifeln, weil sie nicht wissen, ob sie heute in jenem Hotel oder bei diesem Italiener speisen werden; sie sind in Gefahr, krank zu werden, weil sie im Zweifel sind, ob sie sich schwarz oder blau ankleiden sollen?

5. Die Bel-Etage.

Ich war unter diesen Gedanken wieder an mein Fenster getreten. Der Tag war nun auch im ersten Stock gegenüber angebrochen. Ich konnte, weil das Haus auf der Mittagsseite lag, bis in die Mitte dieser schönen Zimmer schauen; ich nahm mein Opernglas zur Hand und musterte die Fenster. Es waren drei junge und eine alte Dame, die ich sah; von den Mädchen waren zwei noch im Negligee, die eine las im Fenster, schaute übrigens oft über das Buch hinweg auf die Straße; sie schien nicht mehr sehr jung, ihre Züge hatten schon etwas Scharfes angenommen, an ihrem Nasenwinkel glaubte ich jenes unbeschreibliche mokante Etwas zu bemerken, das einer meiner Freunde den Alten-Jungfern-Zug nennt.

Die zweite im Negligee schien jünger und hübscher; sie saß am Klavier und präparierte sich wohl auf ihre Lektion oder gar auf einen Singtee. Mama saß an ihrer Seite und schien ihr Spiel zu bewundern. An einem andern Fenster saß ein Kind von sechzehn bis siebzehn Jahren. Es mußte die Fremde, die Cousine sein; denn wäre dieser schöne Kopf, wären diese Augen, deren Glanz ich aus so weiter Ferne bewunderte, schon länger in der Stadt gewesen, ich hätte gewiß von einer schönen Tochter der Oberforstmeisterin gehört. Sie nähte emsig an einem Kleide, aber dennoch konnte sie sich nicht enthalten, zuweilen die Vorübergehenden zu mustern, mit den niedlichen Fingern zu deuten, wenn ihr etwas auffiel, und die Lesende im Negligee zu befragen. Es mußte die Fremde sein. Ich hatte dazu mehrere Gründe. Die beiden andern Fräulein hatten gleiche Hauben, gleiche Bänder, gleiche Ueberröcke; sie waren die Schwestern. Die eine las, die andere musizierte, das schöne Kind aber arbeitete; was war natürlicher, als daß es die Fremde war, die arbeitete? Sie hatte ihre Garderobe vom Land mitgebracht. Wenn sie auch dort nach der Mode gewesen sein mochte, so war sie doch hier schon um einige Monate zurück. Der Leib am Kleidchen durfte vielleicht nur etwas weiter ausgeschnitten, die Garnitur nur etwas höher gesetzt werden, so war man noch passabel nach der Mode. Auch das, daß sie so frühe schon in vollem Anzug war, bestärkte meine Vermutung.

Ich hatte einige Zeit mit diesen Betrachtungen hingebracht, als ich Madame plötzlich aufstehen sah; sie winkte der Cousine, sie deutete ans Fenster; das schöne Mädchen öffnete und sah heraus, sie heftete ihre Blicke auf die Haustüre. Ich war begierig, wer erscheinen werde, denn offenbar erwartete sie jemand, der aus dem Hause treten sollte; war es der Russenschuster? Hatte der Pariser ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen? Oder ging vielleicht jemand aus dem obern Stock an ihrem Zimmer vorbei? etwa der Doktor oder Münsterturm, der kleine Leutnant? Er war es, der Kleine! Aber welchen sonderbaren Anblick gewährte er! Gleichsam zum Hohn hatte ihm die Natur einen großen Namen gegeben; wer dachte sich nicht, wenn er vom Leutnant Münsterturm hörte, einen Kerl, der dem Kölner oder Straßburger Münster Ehre machte? Aber er war ein Duodez-Münsterchen. Er hatte eine tiefe rauhe Stimme; wenn man die Augen zumachte und ihn fluchen und donnerwettern hörte, glaubte man wenigstens einen riesenhaften Kürassier vor sich zu haben. Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus; es ist der kleine Münsterturm. Er kündigte sich zuerst durch das schreckliche Klirren eines nachschleppenden Säbels an; dann kam ein ungeheurer Hut mit wehendem Federbusch aus der Türe, unter ihm wandelte der Leutnant. Dieser Soldat schien seine verkürzten Formen dadurch entschädigen zu wollen, daß er alles, was er sich selbst beilegen konnte, in größtem Maßstabe hatte; seinen ungeheuren Bart, die lange Pfeife, die er mit zwei Händen balanzierte, hatte ich früher schon bewundert. Der Hut samt Federbusch maß drei Schuh in der Höhe, also zwei Dritteile von dem Leutnant, sein Schwert war eine furchtbare Waffe und reichte ihm, wenn es aufrecht neben ihm stand, hoch über die Brust. Er führte die längste Reitgerte, die ich gesehen, lange Sporen rasselten an seinen Füßchen; er ging wohl aus, um einen Morgenritt für sechs Groschen zu machen. Er machte Front vor der Haustüre, ich sah, daß er unter seinem Hut hinaufschielte in den ersten Stock; er bemerkte die Fremde, eine angenehme Freude blitzte, mir sichtbar, aus seinen Augen; er tat, als hätte er sie nicht erblickt.

Er hieb mit der Reitpeitsche auf seinen Stiefel und rief mit tiefer, dröhnender Stimme: »Johann!«

Ein großer Kerl in abgetragenen Soldatenkleidern fuhr aus dem Haus, stellte sich in militärische Position, die Hand an der Mütze, und antwortete: »Herr Leutnant!«

»Schlingel!« fuhr der Kleine fort, »hab' ich dir nicht gesagt, du sollest meine Flöte jeden Abend einsalben mit Mandelöl? Ha! daß dich das Donnerwetter, sie hat gestern nacht gequiekt wie ein Dudelsack. Schmier' ein! sag' ich dir, salbe das fürtreffliche Instrument, daß es weich töne, oder dich soll der T… holen, und ich lasse dich sechs Stunden auf die Latten legen, daß du kein Glied rühren kannst.«

»Ganz wohl, Herr Leutnant! aber …«

»Was aber, wenn ich befehle, gibt es kein Aber; was willst du denn?«

»Ich hätte schon gestern eingeschmiert und gesalbt, Herr Leutnant, aber der Grunsky, bei dem ich das süße Mandelöl kaufen soll, sagt, er borge – mit Respekt zu vermelden – dem Herrn Leutnant keinen Groschen mehr.«

»Was? mir das?« schrie Münsterturm mit entsetzlicher Stimme, daß meine Fenster zitterten und die schöne Fremde erbleichte. »Ich ermorde ihn, ich renne ihn mit dem Säbel durch und durch, ich zerhacke alle Gläser, Pomeranzen und Zitronen in seinem Laden in Kochstücke, der Kuckuck soll ihn holen, ihn und sein süß Mandelöl!« Der tapfere Soldat wackelte zu diesen Worten mit dem Federbusch, klirrte mit dem Säbel, stampfte mit den Sporen, focht mit der Reitpeitsche in der Luft und blinzelte hinauf ans Fenster, welche Wirkung seine Berserkerwut hervorbringe. »Doch, es ist unter meiner Würde, mich über solche Kanaille zu alterieren,« fuhr er ruhiger fort, »ich werde ihn verklagen, so tu' ich. – Johann!«

»Was befehlen der Herr Leutnant?«

»Geh in die Apotheke in der Königstraße, dort, wo es zur Kirche hinuntergeht, laß dir für zwei Groschen süß Mandelöl geben; laß es aufschreiben – die Welt kennt meinen Namen.«

So sprach der Leutnant Münsterturm. Er nahm seinen Säbel unter den Arm, rückte den großen Hut schiefer aufs Ohr und schritt mit mächtigem Gange die Straße hinab.

Die Fremde aber schlug das Fenster zu, setzte sich an ihren Platz und lachte.

6. Der arme Schuster.

Ich habe jetzt seit mehreren Tagen die Liebenden parterre betrachtet; immer klarer wird es mir, daß ein sehr reines Verhältnis zwischen Karolinchen und dem Pariser besteht. Wenn etwas Unchristliches in dieser Liebe wäre, so müßte es in der Art, wie sie zusammen scherzen, sich zeigen; der Pariser könnte nicht so zart seine Glut verraten; er würde, wenn er schon höhere Rechte sich zugeeignet hätte, nicht, wie ich wohl bemerkt habe, um ein Küßchen so lange betteln und sogar schmollen, wenn er es nicht bekommt. Karolinchen könnte nicht mit jenem heitern, ungetrübten Mut Scherze selbst beginnen, könnte ihn nicht aus ihren klaren Augen so treuherzig anblicken, wenn sie sich etwas Unchristliches bewußt wäre. Es ist etwas Heiliges, Holdes um die Unbefangenheit der ersten Liebe, sollte sie sich bei einem Schustergesellen und seines Meisters Tochter oder in dem Boudoir einer jungen Fürstin zeigen; es ist der herrliche Schmelz, den die Unschuld aushaucht; keine Kunst ersetzt ihn wieder, wenn du ihn abstreifst. Oder kann der Maler dem Schmetterling die Flügel wieder malen, wenn eine rauhe Hand ihn betastet und den Blütenstaub verwischt hat, womit die Natur seinen bunten Mantel überkleidete? Ist nicht die sanfte Röte auf den Wangen eines schönen Kindes ein solcher Blütenstaub? Wird die Schuldbewußte erröten, wenn der Geliebte um ein Küßchen bittet? Wird sie die Augen niederschlagen? Die Kunst einer Kokette geht weit; sie kann durch großes Studium vielleicht lernen, wie und wo man die Augen niederschlagen müsse; aber jenen holden jungfräulichen Schmelz, jenes rouge fin der Natur, kann sie bei Laugier père et fils, rue bourg l'abbé à Paris nicht kaufen.

Ich traute daher lieber meinen Augen und meinem guten Opernglas als der bösen Zunge der alten Christel, meiner Aufwärterin, die mir das Verhältnis der beiden Leutchen als ein unchristliches schilderte. Ich hatte ein Paar Pantoffeln nötig, was war natürlicher, als daß ich meinen Nachbar, den Russenschuster, mit diesem Auftrag beehrte? Ich hatte dabei noch eine Nebenabsicht. Der alte Russe, dachte ich, ist wohl zu bequem und vornehm, als daß er sich zu mir bemüht; Brenners Karlchen, den Lehrjungen, kann er auch nicht wohl schicken, um mein Maß zu nehmen, folglich werde ich den Pariser bei mir sehen. Die alte Christel wollte mir zwar das Vorhaben mit Gewalt ausreden; sie behauptete, daß ich bei dem reichen Nachbar das Doppelte werde zahlen müssen, aber es half nichts, sie mußte hinüber. Sie kam bald wieder und berichtete, man werde kommen; sie lächelte dazu vor sich hin, als wüßte sie noch etwas, das sie sich unbefragt nicht zu sagen getraue. Ich konnte ihr schon den Gefallen tun, zu fragen, denn sie schwatzte gerne.

»Als ich hinüberkam,« sagte sie, »und ausrichtete, daß Sie ein Paar Pantoffeln wünschten, da – nein, ich kann es nicht sagen –«

»So sprich doch, Alte! was sagten sie denn?«

»Karolinchen sah recht mitleidig aus und sagte: ›Ach, zu dem bleichen Herrn im zweiten Stock drüben? was fehlt ihm denn? er ist immer zu Haus und sieht so trübselig durchs Fenster;‹ und der Pariser sagte: ›Ja, und wenn er ausgeht, so sieht er so ernst und traurig aus, was fehlt ihm denn?‹«

»Nun? und was sagtest du, Alte? Was gabst du zur Antwort?«

»Na, ich weiß es ja selbst nicht; ich sagte, es müsse Ihnen jemand gestorben sein, Sie gehen meist in schwarzen Kleidern; und da meinten sie – hi! hi! da sagte Karolinchen: ›Ach, gewiß ist ihm sein Schatz gestorben, dem armen Herrn, oder es geht ihm gar wie dem armen jungen Werther, der auch so viel gelitten hat.‹«

Die guten Seelen! dachte ich; weil sie lieben, so kennen sie kein anderes Leid als die Trauer der Liebe! Wie unendlich prosaischer ist doch mein Kummer! Freilich ist mir ein Schatz gestorben; der Leipziger Magister hat ihn gewonnen. Die alte Tante ist es, der meine Melancholie gilt, der seligen Idoina, der Mitarbeiterin an der Zeitung für noble und gebildete Leute. Wie prosaisch, wie so ganz miserabel und unpoetisch! Meine Farbe spielt etwas ins Blasse, was ist natürlicher, als daß ich Kummer habe? Ich bin viel zu Hause, ich muß über meinem Kummer brüten; ich sehe melancholisch aus, ich könnte schwer verdauen, ich könnte einen Roman unter falschem Namen geschrieben haben und deswegen auf Geldbuße angeklagt sein. Aber dies alles ist uns heutzutage zu prosaisch – er ist melancholisch, er muß Liebeskummer haben, ganz erschreckliche Seelenleiden; sogar die Schustermamsell, die liebende, weiß gleich, wo einen der Schuh drücken könnte. In welcher Schule mag sie das gelernt haben? Ja, sie hält mich für größer als ich bin; sie vergleicht mich sogar mit dem jungen liebenden Werther, dem unvergeßlichen; und ich – muß erröten, jene enorme Höhe von tragischem Pathos noch nicht erreicht zu haben!

Mit diesen Betrachtungen beschäftigt, sah ich den Pariser aus dem Hause treten. Er sah gar nicht übel aus, und ich konnte es Karolinchen nicht verdenken, daß sie gern mit ihm scherzte. Er war nett und elegant gekleidet, denn zu solchen Besuchen wurde der Sonntagsstaat angelegt. Er ist ein hübscher, gedrungener, untersetzter Bursche, lebhaft, gewandt; es kann ihm nicht fehlen, er muß bei den Mädchen Glück machen. Schon der Name, der Pariser, weckt tausenderlei günstige Meinungen zum voraus. Der muß die Welt gesehen haben, denkt man und fühlt sich nicht wenig geehrt, von ihm zu einem Walzer oder Dreher aufgezogen zu werden. Ich konnte mir denken, daß er seine Sitten perfektioniert haben werde. In der Hauptstadt der Welt, wo die Schuster in Glaswagen bei ihren Kunden vorfahren und ihre eigenen geheimen Sekretäre haben, welche sogleich die Maße der Kundenfüße zu Protokoll nehmen, wo die Meister Künstler sind, ein Atelier statt der Werkstatt haben, mehrere Kurse über Anatomie anhören, um sich in ihren Bemühungen um den Fuß zu vervollkommnen, wo die Gesellen nicht auf einfüßigen Schemeln, sondern in prachtvollen Fauteuils Schuhe flicken, und die Lehrjungen oder Garçons den Draht mit parfümiertem Pech wichsen, in einer solchen Stadt hatte er den deutschen Handwerksburschen, diesen aus Flegelei, Courtoisie und Sinnlichkeit zusammengesetzten Kraftmenschen, ausziehen und in den Pariser fahren müssen.

Er kam, ich hatte mich nicht getäuscht. Wie artig wußte er sich zu verbeugen, den Hut abzulegen und ein paar Fünffingerstriche durch sein Haar zu tun? Wie unbefangen näherte er sich, mit welcher Grazie setzte er mir den Stiefelzieher zurecht! Er schien mich mit mitleidigen Blicken zu betrachten, der arme Siegwart mochte ihm einfallen, oder gar die Leiden des jungen Werthers, denn er erkundigte sich dolce nach meiner Gesundheit.

»Sie haben eine angenehme Werkstatt da drüben,« sagte ich zu ihm, indem er mit einem rosenfarbenen Seidenband meinen Fuß maß und sich Notizen in eine saffianene Brieftasche aufzeichnete. »Ich meinte, Ihre Werkstatt muß hell und freundlich sein?«

»Unser Arbeitszimmer meinen Sie? O ja, es ist hübsch und freundlich, und man hat doch auch eine Aussicht auf die Straße.«

»Nun, und die Einsicht ist gewiß auch nicht übel; läßt Ihnen Mamsell Karoline soviel Zeit, auf die Straße zu sehen?«

Stumm vor Staunen lag er vor mir auf den Knien; er hielt in einer malerischen Stellung das rosenfarbne Maß in der Hand, die Brieftasche war ihm entfallen. »I der Tausend!« preßte er heraus. »Wie meinen Sie denn das, wertgeschätzter Herr …?«

»Nun, ich habe letzthin eine kleine Attacke mit den eisernen Ladenstangen gesehen, wo eine Fensterscheibe zerschlagen wurde, da dachte ich –«

»Ei, so hat Brenners Karlchen doch recht gehabt,« rief er, »er hat gesagt, Sie haben herausgesehen; ja, ich hatte einen kleinen Spaß mit des Meisters Tochter.«

»Und wenn ich recht gesehen, ist sie Ihnen gut, die Mamsell?«

Der gute Pariser wurde über und über rot, und ein Strahl der Freude schien aus seinen ehrlichen Augen zu dringen. »Was hilft es mir auch, wenn mir das Mädchen gut ist?« sagte er nach einigen Augenblicken leise, »ich kriege sie doch nicht!«

»Und warum nicht,« fragte ich verwundert, »ein geschickter Arbeiter, der sogar in Paris gelernt hat, diesen sollte der Meister verschmähen?«

»Es ist wahr,« sagte der junge Schuster nicht ohne Selbstgefühl, »ich habe in Deutschland und Frankreich gelernt; ich habe in Paris, Amsterdam, Berlin und Frankfurt in den berühmtesten Ateliers gearbeitet, aber was hilft's? Der Meister ist reich und vornehm, er wird nächstens Stadtrat werden, er sucht seine Tochter in vornehme Familien zu verheiraten. Ein Bierbrauer, ein Schweinemetzger, ein Rotgerber, alles vornehme und angesehene Herren, die wenigstens ihre zwanzig- bis dreißigtausend Taler schwer sind, haben um Karolinchens Hand angehalten, und der Alte ist nur noch im Zweifel, wem er sie geben solle.«

Der arme Bursche dauerte mich, er hatte Tränen in den Augen, während er mir das erzählte. »Und Karolinchen?« fragte ich.

»Ach! das ist gerade mein Jammer; sie hat mich lieb, wir haben es vergangenen Sonntag auf dem Tanzboden einander gestanden. Wenn ich wollte, sie liefe mit mir davon, denn sie mag keinen andern als mich, aber ich weiß wohl, in den Romanbüchern werden oft junge Frauenzimmer entführt, die es nachher recht gut bekommen; aber was kann ich ihr anbieten? Bis ich Meister werde zu Haus, geht mein kleines Vermögen vollends drauf, und ich soll sie in ein Haus voll Kummer und Sorgen führen? Nein; sie wird mich vielleicht doch auch vergessen können. Sie soll heiraten, wie es der Vater will, sie wird dann eine vornehme, wohlhabende Frau, und wenn sie erst ein paar liebe Büblein hat, denkt sie nimmer an unsere Liebschaft und an den armen Pariser.«

»Aber Sie? Können Sie so ruhig entsagen? Wird es Ihnen nicht recht schwer werden, von Karolinchen zu scheiden?«

»Ich mag nicht daran denken,« antwortete er; »es würde mir jede Stunde verbittern; wenn einmal geschieden sein muß, so soll es schnell gehen. Wohl wird es mich schmerzen, wenn ich wieder so allein in die weite Welt hinaus muß, denn hier kann ich nicht bleiben; aber ich denke dann, es wandert mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit schwerer drückt, als sein Bündel auf dem Rücken; so geht's halt in der Welt!«

Er ging mit einer Träne im Auge von mir.

»Also auch hier die unglückselige Macht der Verhältnisse!« dachte ich. »Auch hier der Eigensinn der Väter, auch hier das eifrige Streben nach Geld und Ehre! Man spricht von dem Unglück hochgeborner junger Damen, daß sie nicht dem Zug des Herzens, sondern dem Gebot der Verhältnisse folgen müssen. Man bedauert Prinzessinnen, daß für sie wahrscheinlicherweise das Glück stiller, beglückter Liebe verloren sei; man beklagt junge Gräfinnen und Fräulein von altem Adel, daß ihrem Auge kein Mann gefallen dürfe, der nicht sechzehn Ahnen gehabt, daß ihre Seele kein Bild legitimerweise erfüllen dürfe, das nicht stiftsfähig wäre. Hat die Tochter des Russenschusters ein glücklicheres Los? Es werben reiche Grafen, besternte Diplomaten um die Hand einer jungen Dame, der Arme, Unberühmte muß zurücktreten; hier kommen ganz außerordentlich vornehme und angesehene Leute und wollen Karolinchen zur Frau, wer sind sie? Bierbrauer, Schweinemetzger, Rotgerber; sollte nicht der Pariser ebensogut, sogar noch passender für sie sein? Mit nichten! Jene haben Geld und Ansehen in der Stadt, sie sind außerordentlich vornehm; Karolinchen muß sie heiraten. Aber welche Nötigung ist bei all diesen Fällen? Der Vater des Fräuleins wird die Achseln zucken und sagen: die Verhältnisse. Verflucht sei, wer dieses Wort erfand, um einen Begriff zu bezeichnen, der auf Vernunft und Recht keinen Anspruch machen kann!«

Ich war ergrimmt über diese Unnatur des Schusters, und in meinem Grimm mußte ich die Resignation des Parisers bewundern. Wäre dieser Fall in den höchsten oder in den Mittelständen vorgefallen, der Amoroso hätte sich erstens entweder mit seinem durch die Verhältnisse begünstigten Nebenbuhler schießen wollen, oder zweitens, er hätte gewütet, seiner Geliebten das Leben verbittert, ihr geflucht, gedroht, sich zu erschießen, und erst auf ihr inständiges Bitten sich das Leben geschenkt, oder drittens, er wäre ins Wasser gesprungen, oder viertens, er wäre tiefsinnig geworden, und dieses letzte ist das Allgemeinere. Nicht so der Pariser; er sieht sein Unglück voraus; er könnte zur Not einen dummen Streich machen, aber das Glück und die Ehre der Geliebten ist ihm teurer – er liebt und vergißt sein Unglück, bis es da ist, und dann schnallt er den Ranzen und wandert traurig durch das Reich. Man wird sagen, er hat nicht jenes tiefe Gefühl, nicht jene feinere Bildung, die zur wahren Liebe und zum tieferen Schmerz der Liebe gehört; kann man glauben, daß ein Schustergeselle so innig lieben könnte als ein Dragonerleutnant oder ein Legationsrat oder gar als ein junger Doktor? Kleinliche Torheit, die du auch hier wieder die Gefühle nach den Ständen abmessen willst! Die Aeußerungen dieses armen Burschen sind erhabener als die Rodomontaden hochgeborner Liebhaber, sie zeugen von tieferer Empfindung als eure erlernten und erlesenen Sentiments, und seine Resignation ist edler als euer Toben und Wüten gegen das Schicksal. Er will sich nicht schießen mit seinen Nebenbuhlern wie der Legationsrat; er will sich nicht in seinen eigenen Sonetten ersäufen wie der Doktor; er schließt die Geliebte zum letztenmal in die Arme, wirft sein Ränzel auf den Rücken, nimmt den Wanderstab und geht. Sein Unglück fühlt er tief, wenn er zum letztenmal die Türme der Stadt, die er verläßt, aus der Ferne ragen sieht; aber er denkt, es wandert noch mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit schwerer drückt als sein Bündel auf dem Rücken. Er trocknet eine Träne ab und geht. Aber der Dragoner und der Legationsrat und der Doktor? Wenn jener nicht geblieben ist, wenn sich dieser nicht erschoß, wenn der Doktor nicht ertrunken – so gehen sie auch und geben sich zufrieden. Aber freilich, es gehört dazu, daß sie vorher etwas weniger gestöhnt und gejammert hatten. So wollen es die Verhältnisse!

7. Die deutsche Literatur.

Vor einigen Tagen traf ich am dritten Ort meinen Nachbar, Doktor Salbe. Er erkannte mich als Nachbar, freute sich, mich zu sehen, und lud mich ein, ihn hie und da zu besuchen. Ich versäumte es nicht. Doktor Salbe ist ein unterrichteter Mann, und ich bin gerne in seiner Gesellschaft. Anfangs war es mir schwer, seiner Einladung in den goldenen Hahn zum zweitenmal zu folgen; diese qualmende Bierstube wollte mir, da ich an diese Tabakshöhlen nicht gewöhnt war, nicht zusagen. Aber ich gewöhnte mich daran, und so mancher Kernwitz, der in dieser Gesellschaft fiel, die gewaltige, tönende Sprache der Leutnants, die aus allen Wissenschaften zusammengeholten Ausdrücke der jungen Doktoren entschädigten mich für das Aeußere. So war es auch in Doktor Salbes Haus. Eine Unordnung, beinahe Unreinlichkeit ohnegleichen. Wenn er mir ein neues Gedicht vorlesen wollte, blickte er mit Falkenaugen im Zimmer umher und fuhr dann oft plötzlich unter den Tisch, denn dorthin hatte sich der Wisch verloren. Einmal erzählte er mir von einem Sonett, an welchem er drei Tage gedreht habe. Es sei ganz unübertrefflich, und die Ausgänge tönen wie lauter Italienisch und Spanisch durcheinander. Er suchte in allen Ecken, auf allen Tischen, in allen Fächern; es fand sich nicht. Endlich führte ihm der Zufall ein zusammengedrehtes, halbverbranntes Papier in die Hand. Er sah es an, er erblaßte, er schlug sich vor die Stirne. »O ihr Götter!« rief er aus, »mit meinem herrlichsten Sonett hat der verdammte Leutnant Münstertürmchen seine Pfeife anzündet! Wie hättest du geglänzt, klangvolles Gedicht, in der Zeitung für noble und gebildete Leute! Jetzt muß ich dich aus meinem miserablen Gedächtnis kompensieren. Du bist ein Torso, und ich soll dir neue Füße einsetzen!«

Trotz dieser schrecklichen Unordnung gefiel es mir wohl bei Salbe. Er hatte eine gewisse gelehrte Atmosphäre, die jeden schlechten, trivialen Gedanken zu ersticken schien; man konnte sich ganz behaglich in seiner Nähe fühlen, denn er hatte eine ungemeine Literatur im Kopf und belehrte im Gespräch auf angenehme Weise. Wir sprachen eines Nachmittags, den ich bei ihm zubrachte, von Literatur und ihrem Einfluß auf die Menschen. Ich sagte: »Die Franzosen haben das vor uns voraus, daß alle ihre Geschichtswerke, ihre Romane, ihre Gedichte, selbst ihre philosophischen Bücher so geschrieben sind, daß sie jeder lesen kann. Die Werke ihrer größten Geister sind unzähligemal als Stereotypen gedruckt, ich habe oft auf meinen Reisen gesehen, daß ein geringer Handwerker, ein Soldat, selbst ein Bauer seinen Voltaire, seinen Rousseau las; dadurch wird die Intelligenz unbegreiflich gesteigert, daher kommt auch, daß jene Redner in der Kammer so ungeheuer wirken; nicht durch den verschwebenden Schall von der Tribüne, der Einzelkampf richtet dort wenig aus, wo man in Massen kämpft, sondern durch die Verbreitung dieser Reden durch die öffentlichen Blätter. Der geringere Bürger, der Landmann liest begierig diese Reden; seine Lektüre hat ihn vorbereitet, das Wahre von dem Falschen zu sondern, und ich versichere Sie, ich habe diese Leute mit einer Wahrheit, mit einer Tiefe über die Schönheiten einer Rede, über die Wendungen eines Satzes sprechen hören, die mich in Verwunderung setzte, und die ich vergebens selbst in unsern Mittelständen, bei dem Kaufmann, dem Künstler, dem Schreiber, suchen würde.«

»Sie machen damit unserm Vaterland und seinen Schriftstellern ein schlechtes Kompliment,« antwortete Doktor Salbe. »Es ist wahr, die eigentlichen Gelehrten bei uns bilden sich eine eigene Sprache; sie konnten sich aus dem früheren lateinischen Jargon nicht gleich in das ehrliche Deutsch finden. Daher kommt es, daß man bei uns, außer Platt, Schwäbisch und Hochdeutsch, auch noch Kantisch, Schellingisch, Hegelisch etc. spricht und schreibt; man muß zu diesen Sprachen eigene Wörterbücher haben, um sie zu verstehen, und es ist kein Wunder, daß man Kant ins Deutsche übersetzt hat.«

»Aber sagen Sie mir um Gottes willen, zu was denn diese Sprachverwirrung? Wie können denn unsere Philosophen auf die Intelligenz des Volkes wirken? Und dazu sind sie ja doch auf der Welt.«

»Im Gegenteil,« erwiderte Salbe, »da haben Sie eine völlig unrichtige Ansicht. Es mag dies vielleicht bei den französischen Philosophen der Fall sein. Aber bei uns sind die Philosophen nur für das Katheder geschaffen; sie haben nur das kleine Publikum, das vor ihnen in den Bänken sitzt, über Sonne, Mond und Sterne und die Erbsünde aufzuklären; sonst haben sie lediglich nichts mit dem Publikum zu tun. Kennen Sie denn nicht den Artikel im Regensburger Reichstags-Abschied?«

»Wie? ein Artikel über die Philosophen? Kein Wort habe ich davon gehört.«

»Man wußte wohl, daß die populäre Philosophie der Franzosen für das Volk durchaus schädlich sei, weil die Menschen dadurch Aufklärung, eine Art von illegitimer Vernunft bekommen; daher hat man sehr weise damals das Gesetz erlassen und heimlich auf allen Universitäten und Gelehrten-Anstalten verbreitet: ›Alldieweilen, die durch die in das für sich schon intelligente Leben so leicht eingreifende Philosophie angesteckten Menschen allzuleicht rebellische sogenannte Ideen bekommen, so sollen die für die auf den zu der Vorbereitung junger Leute errichteten Instituten bestehenden Lehrstühlen angestellten Philosophen dahin gehalten sein, daß, wenn sie Bücher schreiben, so in dies Fach einschlagen, diese also abgefaßt seien, daß andere zu dieser Wissenschaft nicht bestimmte Leute solche gar nicht kapieren können.‹«

»Das stand im Regensburger Reichstags-Abschied?«

»Jawohl, und daher dämmten die Philosophen ihre Bücher mit allerlei wunderlichen Redensarten ein, so daß, wenn ein ungelehrter Bürger in ein solches Opus hineinschaute, ihm die Worte vor den Augen herumtanzten, ihm die überschwenglichen Gedanken wie ein Mühlrad im Kopf herumgingen, und er in Gefahr war, darüber ein Narr zu werden. Es war dies auch ganz gut; Sie wissen, die Deutschen sind eine Nation, die gar zu schnell Feuer fängt wie nasser Zunder, daher war dies Mittel ganz gut. Denken Sie nur an jene Zeit, wo eine Regierung dies Interdikt aufhob, und ein Gelehrter Reden an die deutsche Nation in natürlicher Sprache hielt, was entstand daraus für ein Spektakel. Man hat daher das Interdikt aufs neue geschärft, ja, die Philosophen müssen jetzt sogar mystisch sprechen; selbst wenn einer z. B. über Deutschland und die Revolution schreiben wollte, müßte er seiner Rede kurzen Sinn in diese Wortspezereien einbalsamieren.«

»Ha! jetzt erst ist mir das große Geheimnis unserer Literatur klar und deutlich! Also daher kommt es, daß wir so weit zurück sind; da bleibt also für das Volk nichts übrig als Genoveva und Eulenspiegel?«

»Das möchte ich doch nicht behaupten,« sagte Salbe; »unsere mittlern und untern Stände lesen sehr viel, nur natürlich nichts, was auf den gesunden Menschenverstand Anspruch machen könnte. Sie haben ihren Spieß, ihren Cramer, ihren Lafontaine, in neuerer Zeit hauptsächlich ihren Clauren. Alles liest, aber unschädliches Zeug, das ihren Verstand ganz gelinde affiziert, Gespenstergeschichten, Mordtaten, Räuberhistorien, Heiratsaffären mit vielem Geld etc.«

»O Gott! weiter nichts? so kommen also unsere größten Geister, ein Schiller, ein Goethe, ein Tieck nicht unter das Publikum?«

»Behüte! Schiller kennen sie zur Not vom Theater her, aber er ist meist zu hoch für sie, eigentlich zu gut. Von Goethe, Tieck, Jean Paul weiß man nichts. Sie haben für die Ewigkeit geschrieben, aber nicht für unser Volk.«

Der ästhetische Klub.

Conticuere omnes, intentique ora tenebant.

»Wertester!« sprach mein Freund zu mir, als wir die Treppen meines Hauses herabstiegen, »Sie würden sich sehr irren, wenn Sie glaubten, es gäbe nur in höhern Ständen ästhetische Gesellschaften. Jene herrlichen Tees, wo feingebildete Menschen sich über die neuesten Erzeugnisse der Literatur besprechen, finden sich, nur unter anderer Form, auch unter den gemeineren Leuten. Wie jene mit dem Teewasser eine neue Novelle oder einen Sonettenkranz einschlürfen, so haben diese ihre eigenen Schriftsteller, welche sie beim Biere mit derberem Stoffe bewirten.« – »Und zu einem solchen ästhetischen Biere werden Sie mich führen, Doktor?« – »Gewiß! Der Meister des Hauses, wohin wir wandern, geht alle Nachmittage in die Schenke; seit nun der neue Gesell im Hause ist, wird jeden Nachmittag ästhetischer Klub gehalten. Er ist ein schöner Geist und besorgt mit großer Auswahl die Lektüre. Die beiden Töchter des Meisters und einige Freundinnen aus der Nachbarschaft bilden den Damenzirkel; sie stricken oder nähen, trinken dünnen Kaffee dazu, den die Mädchen unter sich bezahlen, und eine von ihnen hat das Amt des Vorlesers; denn der neue Gesell arbeitet streng an seinen Schuhen fort; sein Geschäft beschränkt sich darauf, den Zirkel auf die Schönheiten des Gelesenen aufmerksam zu machen. Er und der Leipziger trinken Bier. Ich war schon einigemal in diesen Klubs; natürlich hüte ich mich wohl, in die Schönheiten ihrer Literatur einen Zweifel zu setzen. Ich staune und bewundere mit ihnen; und so bin ich wohl gelitten in diesem Kreise und darf es wagen, Sie einzuführen.«

Wir standen vor der Türe und horchten; aber das war kein fröhlicher Leseklub! Ich sah den Doktor ängstlich an, denn deutlich hörte man ein vielstimmiges Schluchzen und Weinen; es wurde mit jammernder Stimme etwas gelesen; wir strengten unsere Ohren an, aber vernahmen nur Gestöhn und tiefes Herzseufzen.

»Ha! Sie lesen etwas Tragisches!« rief mein Freund. »Das ist köstlich; nur zu! Wir wollen ihr Pathos beobachten.« Er machte rasch die Türe auf; welch sonderbarer Anblick! Auf einer Erhöhung saß der Leipziger und heulte laut; es wollte ihm beinahe das Herz abdrücken, und sein Lieblingsdichter hatte für diesen Zustand gesorgt. Neben ihm saß der neue Gesell; sein Schmerz war nicht minder tief, aber er beherrschte ihn mit männlicher Festigkeit; doch auch ihm hing eine Perle in den Wimpern. Auf der Seite saßen fünf oder sechs hübsche Mädchen, unter denen ich Karolinchen sogleich erkannte; sie schienen einem geliebten Toten ein letztes Opfer zu bringen, denn sie wischten mit den Schürzen ihre schönen weinenden Augen, und in ihren Mienen war ein so wahrer Ausdruck von Kummer und namenlosem Jammer, daß ich über die Tiefe ihrer Empfindungen staunte.

Sie nickten uns zu, wir nahmen schweigend Platz. »Tu nur nicht so erschrecklich, Leipziger!« sagte der neue Gesell mit dumpfer, gebrochener Stimme. »Sie wird ja bald vollends ausgerungen haben, die arme Seele; machen Sie nur gefälligst weiter, Jungfer Köhlerin.«

Diese wischte ihre Tränen ab, die wie ein Wasserfall herabrollten, und las mit zitternder Stimme weiter.

Sie hatte geendet und legte schnell das Buch nieder; die Mädchen weinten noch etwas weniges in der Stille fort; der Leipziger aber vertrank seinen Schmerz in einem mächtigen Zuge Bieres.

»Wir sind heute leider zu spät gekommen, um noch etwas von Ihrer Lektüre profitieren zu können. Was haben Sie heute gelesen?« – »Rochus Pumpernickels Tod;« antwortete der neue Gesell. »O, Herr Doktor, das ist eine so grausam rührende Geschichte, als im ganzen Evangelium keine steht!« – »So? A. v. S. macht auch rührende Geschichten?« fragte jener weiter. »Ich habe bisher geglaubt, er sei immer nur fröhlich und heiter und lasse seine Leutchen heiraten, nebst schöner Mitgift von ein paar Milliönchen?« – »Ja, wir haben es anfangs auch geglaubt,« entgegnete Karolinchen; »es ging so hübsch und fröhlich an.« – »Das ist gerade das Schöne, daß man glaubt, es komme alles so freudig wie immer, und dann kommt es auf einmal hageldick mit dem Unglück. Das ist um so rührender, daß einem die Tränen unwillkürlich laufen; ach, und wie wahr ist es! Nicht alle Liebenden können ja glücklich werden! Dies beweist ja der Siegwart und Werthers junge Leiden, die ich in Mannheim gelesen habe, und viele andere rührende Historien. Und sieht man es nicht alle Tage?« setzte er gerührt hinzu, indem er nach Karolinchen blickte. »Wie viele zärtliche Liebschaften hat schon das grausige Schicksal getrennt!«

Karolinchen weinte still; der Leipziger aber schlug mit dem Hammer auf den Absatz eines Stiefels, daß es Funken gab. »Den Kerl, den Alten soll der Teufel holen; er ist an allem schuld, der heimtückische Sackermenter; hier möcht' ich ihn haben, zwischen meinen Knieen, ich wollte ihn hämmern wie Sohlenleder!« – »Ja, der ist an allem schuld,« klagten die Mädchen. – »Sie lieben also diesen Schriftsteller?« fragte ich. »Sie scheinen ihn allen andern vorzuziehen?« – »Gewiß!« sagte der neue Gesell. »Sehen Sie, es mag wohl sonst noch Dichter geben; aber sie sind nur für die vornehmen Leute, sie sind uns zu hoch; da ist nun A. v. S. gerade recht für uns, so gemein wie er schreibt keiner. Ihn verstehen wir; wenn er etwas sagt, so weiß man auch, was er will. Ich kann Ihnen versichern, es ist mir oft, wenn ich ihn lese, als säße ich im Bierhaus, und mein Kamerad, der Straubinger oder der Hamburger, erzählte mir eine schöne Geschichte.«

Ich sah mich nach meinem Freund um, er saß ganz ernsthaft da und rief alle Augenblicke aus: »Es ist zum Erstaunen!«

»Und Kernmädchen hat er,« fuhr der große Kritiker fort, »so schön und köstlich, daß einem ordentlich der Mund wässert. Nicht wahr, ihr Jungfern?«

Die Mädchen erröteten, doch, was sie sich lächelnd in die Ohren flüsterten, mochte den Satz des Leipzigers nicht umstoßen.

»Vox populi, vox Dei!« sagte ich. »Denken viele Leute so wie Sie?« – »Ich bin weit herumgekommen,« erwiderte er mit Feuer, »aber überall fand ich die gleiche Liebe für diesen Mann! Alle Handwerksburschen von Bildung lassen sich für ihn totschlagen.«

Der Doktor stand auf, er mochte glauben, ich habe jetzt genug gehört, um seine Behauptung bestätigt zu finden. Wir nahmen Abschied von diesem ästhetischen Klub und gingen. Unter der Haustür nahm er meine Hand. »Nun, was meinen Sie?« sagte er, indem Spott und Hohn um seinen Mund, aus seinen Augen blitzten. »Glauben Sie jetzt, daß auch in Deutschland ein Schriftsteller allgemein werden könne? Was wollen Sie mit Ihren Franzosen, die ihren Voltaire hinter dem Pfluge lesen und von den Reden eines Foy in den ärmlichsten Hütten begeistert sind? Kann nicht auch bei uns ein großer Geist durchdringen und ein Mann des Volkes allgemein werden?« – »Ja,« erwiderte ich und drückte ihm die Hand, »er kann es, wenn er es versteht, gemein zu sein.«

Ein paar Reisestunden.

Ein Bruchstück.

Vorwort an Madame J. Floret, Eigentümerin des Hôtel de Flandre, Rue Notre Dame des Victoires à Paris.

Sehr verehrte Frau!

Sie gehören unter die wenigen Menschen, die mir auf mein ehrliches Gesicht hin und ohne andern Schein als etwas Scheinheiligkeit getraut haben, und ich würde Ihre trefflichen Eigenschaften, ein gutes Herz, nachsichtige Augen, ein offenes Ohr und einen für Rue Notre Dame des Victoires hinlänglichen Verstand, öffentlich gemacht haben, auch wenn ich es Ihnen nicht versprochen hätte.

Als ich, versehen mit allem, was ein mutiges, junges Herz unterstützt, in Ihr Haus trat, da dachte ich freilich nicht, es einst so plötzlich verlassen zu müssen; doch wäre auch jene Begebenheit schon damals vor meiner ahnungslosen Seele gestanden, an eine so romantische, samaritanische, beinahe unglaubliche Zuversicht einer Eigentümerin eines Hotel garni hätte ich nie geglaubt.

Ich vergesse jenen Abend nie, als ich vor Schrecken, Unwillen und Angst beinahe leblos, bei Ihnen eintrat, nach meiner Rechnung fragte und Ihnen gestand, daß ich abreisen müßte. Ich hatte von allem gemünzten Gold, das auf der Erde umherrollt, noch zwei Zwanzigfrankstücke, von dem ungemünzten in Barren, Gefäßen und Geschmeiden einen Ring, und alles übrige Schätzbare bestand in einigen Kleidern, welche rechtlicherweise noch nicht mein gehörten.

Ihr Scharfblick, verehrte Frau, oder nenne ich es lieber barmherzigen Instinkt? kurz, jene unbegreifliche Ahnung sagte Ihnen in einem Augenblicke alles; Sie schlugen das wohlbekannte Buch von grünem Saffian auf, Sie lispelten freundlich: vierhundertundfünfzig Frank, und ich wiederholte mit bebender Zunge: vierhundertundfünfzig! Und als ich Ihnen dann meinen Kummer auseinanderzusetzen wagte, wie gütig waren Sie da, wie mütterlich besorgt fragten Sie nach den kleinsten Umständen!

Genug! Sie haben mir aus einer Verlegenheit geholfen, die, so klein sie dem Namen nach sein mochte, für mich in jenem Drang der Umstände niederdrückend, schmerzlich war. Es war in meinen Augen, obgleich ich gewiß war, schon im folgenden Monat meine Schuld tilgen zu können, nichts anderes als ein Geschenk; denn konnten Sie wissen, daß ich ehrlich genug sein werde, die Summe heimzuzahlen? Und mit welcher Urbanität wußten Sie es zu bieten! Wie fein wußten Sie der peinlichen Notwendigkeit, eine Wohltat annehmen zu müssen, alles Drückende zu benehmen! Es ist heute ein Jahr seit jenem Abend verflossen, aber noch heute steht jedes Ihrer Worte deutlich und wie gedruckt vor meiner Seele. »Es haben schon viele deutsche Doktoren bei mir gewohnt,« sprachen Sie, bald auf Ihr Buch, bald auf mich blickend, »meistens au cinquième und quatrième, Sie sind der erste gewesen au second; alle haben geraucht wie Sie, alle haben schlecht Französisch gesprochen, alle verlangten anfangs ein Kopfkissen von Federn statt meiner trefflichen Rollen von Roßhaar, keiner von ihnen konnte mit dem Kaminfeuer zurecht kommen, fast alle schrieben den ganzen Vormittag, oft bis vier Uhr, und Gott weiß, was sie geschrieben; aber alle waren redliche, ehrsame Leute und mir, ich gestehe es (ihre runden Köpfe und blonden Haare abgerechnet), lieber als meine jungen Landsleute, die über einen unpolierten Nagel an der Wand eine Stunde sprechen können und doch nicht mehr wert sind, als daß man sie daran aufhänge. Ich habe gehört,« fuhren Sie fort, »daß alle diese jungen Herren, wenn sie nach Deutschland zurückkehren, unsere schöne Hauptstadt in Büchern beschreiben und weitläufig erzählen, was sie daselbst gehört und nicht gehört, gesehen und nicht gesehen haben. Mein Vetter, Doktor Q–, Sie müssen ihn oft bei mir gesehen haben, und die Leute behaupten, er sehe mir ähnlich, obgleich sein Teint dunkler ist als der meinige, nun dieser Vetter ist Mitarbeiter am Globe, und es ist nicht die schlechteste Zeitung, die in Paris gelesen wird. ›Die Deutschen, Madame,‹ sagte er mir oft, ›sind in der Gesellschaft nicht zu gebrauchen, aber die Feder ist ihre Zunge; sie sind treffliche Leute mit der Feder und in der Tat gelehrt; ihre Literatur fängt an, bei uns bekannt zu werden, und es ist nicht das Schlechteste, was wir vom Auslande empfangen.‹ So sprach er oft, und meine Achtung vor Ihren Landsleuten stieg.

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