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Wie es Licht geworden!

Zweiter Abschnitt. (continued 2)

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Doch plötzlich rückt dies sonnige Bild in weite, weite Ferne. Nein, die Rose darf nur blühen, uns entzücken durch Duft und Farbe. Aber Früchte tragen, Brennholz liefern für den häuslichen Herd! Es wär’ ein unsinniges Verlangen. — — Das Unerreichbare! Mein Mädchen, wir werden uns nie gehören.“

Was das aber heißt, sich lieben und — entsagen, das vermögen nur Solche zu begreifen, die es selbst durchgemacht. — Es ist ein langsamer, aber sicherer Tod — ein Absterben bei lebendigem Leibe. — Tante Laura wußte davon zu erzählen und sie verstand mich. „Siehst Du, ich hätte Dir so gern das Leid erspart: aber es gibt Kräfte, die stärker, zwingender sind, als guter Wille. — Du siehst sehr angegriffen aus und da Dein Doktor nicht da ist, um seinen Rat zu erteilen, muß ich wohl seine Stelle vertreten.“ Sie sagte es mit ihrem sanften müden Lächeln. „Ich verordne Dir eine Praterfahrt. Komm’, der Wagen wartet schon.“

Ich tat wie sie mich hieß: die frische Luft und das heitere Treiben der Menge taten mir gut. Für Momente entriß es mich den quälenden Vorstellungen.

„Also in einer Woche fahren wir nach Steindorf?“

„Ja und bis dahin mußt Du wieder rote Wangen haben und lustig sein, denn sonst — Du weißt schon — da werden allerlei Bemerkungen gemacht und es heißt am Ende, ich hätte Dich vernachlässigt.“

„Aber Tante. — Es ist doch eine Wohltat, daß ich mit Dir sein kann, gerade jetzt. — Wenn ich denke, wie es früher war, mit Mama. Nein. Überhaupt die vergangene Zeit. — Die schönen roten Nelken. — Die muß ich kaufen.“ Ich stieg aus und nahm der Blumenfrau ab, was meine Hände fassen konnten. „Ein Duft zaubert mir bisweilen Momentbilder vor — — es hat doch auch schon schöne Stunden gegeben in meinem Leben: es wäre undankbar gegen das Schicksal, wollt’ ich es vergessen.“

Die frohe Stimmung verflog sofort, als wir das Hôtel betraten. Der Portier überreichte uns eine Depesche. „Bitte umgehend kommen. Habe Sehnsucht zu sehen: Zustand nicht unbedenklich.“

„So?“ Ich frug es in erstauntem Tone, als erführe ich da etwas, was mir im Grunde gleichgültig war. „Das heißt also „Gefahr“?“

„Wann geht der nächste Zug?“ frug die Tante. „In anderthalb Stunden.“ „Bitte ordnen Sie an, daß der Wagen bereit ist.“

Mir war, als hätte man mir einen Hieb auf den Kopf gegeben. Ich wankte die Treppe hinauf, in mein Zimmer, setzte mich, und der Kopf fiel mir schwer auf die Tischplatte. So verharrte ich minutenlang. Die Tante sprach kein Wort. Sie mochte fühlen, daß Trostesworte hier nichts fruchten würden.

Dann trat ich ans Fenster und betrachtete mechanisch das lebensvolle, lichtdurchflutete Straßenbild. Ich hörte auf das gedämpfte Murmeln und bemerkte die nebensächlichsten Dinge. Ein Dienstmann rannte an die Ecke an und ließ sein Packet fallen. Ob wohl etwas Gebrechliches darin war und was nun geschehen würde? Zwei Bekannte begrüßten sich. Was sie wohl zu einander sagten?

„Tante!“

„Was denn Mimi?“

„Glaubst Du nicht, daß er doch noch gesund werden kann?“

„Die Hoffnung darf man nie verlieren, Mimi.“

„Aber, er wird doch nicht — nicht“ — nein das Wort wollte mir nicht über die Lippen. „Oder wenn wir zu spät, — ach Gott, ach Gott, wozu, wozu das Alles?“ Der Gedanke an diese Möglichkeit machte mich halb verrückt.

Fort sauste der Zug durch die schweigende, laue Nacht. Vorbei gieng es an alten grauen Bergriesen, deren Häupter gespenstig zum Himmel ragten. Und ich gedachte der Fahrten nach Steindorf und zurück ins Kloster, der letzten, namentlich mit Papa. Die Tränen, der närrische Kinderschmerz — o wie gern hätt’ ich das Alles nochmals durchgemacht: wie schien es mir beneidenswert gegen diese Fahrt. Was wußt’ ich damals vom Leid und Ernst des Lebens: was waren alle meine kleinen Sorgen im Vergleich zu dem, was ich jetzt empfand.

Das Bewußtsein, daß er litt, er der Beste, Edelste war mir unerträglich. Lieber, tausendmal lieber wollte ich krank sein. — — Ich bemühte mich etwas zu finden, das ihn mir weniger liebenswert erscheinen ließe. Umsonst. Nie, nie hatte er mir auch nur ein einziges unfreundliches Wort gesagt, mich niemals wissentlich gekränkt. Ich war fest überzeugt, daß er überhaupt nicht fähig war, irgend Jemand weh zu tun. Und er, der Gute, er. — —

„Tante.“ Ich rüttelte sie aus dem Schlaf. „Er darf nicht sterben, er darf nicht.“

Sie trachtete mich zu beruhigen und das Rollen der Räder, dieser gleichmäßige Lärm lullte mich in einen bleiernen Schlaf, aus dem ich erst erwachte, als greller Sonnenschein durch die Coupéfenster drang.

Ich wußte mich nicht gleich zu orientieren. Was war geschehen und wohin wollte ich? Ach ja, ich entsann mich. Von neuem trat mir die ganze unerbittterliche Tragik meines Geschicks vor Augen und ich wünschte, ich wäre nie erwacht.

Auf dem Perron eilten die Leute durcheinander, meist elegante Damen, die eine Vergnügungsreise machten. Sie lachten so lustig — wie konnte man nur lachen?

Heiterer Himmel, jubelnde Vögel, fröhliche Menschen, das Alles vermocht’ ich nicht zu fassen. Es lag ja ein schwarzes Tuch über die Erde gebreitet — und über ein frisches Grab. — Darin ruhten die Wünsche, die armen Träume meiner 18 Jahre.

** *

Über das, was folgte, besitze ich keine Aufzeichnungen. Ich hätte meine Feder ins Herzblut tauchen müssen, denn es gibt Empfindungen, die sich nicht in Worte fassen lassen, Dinge die wiederzugeben, keine Sprache der Welt fähig ist. Ein unbeschriebenes Blatt sagt oft mehr, als wäre es bis an den Rand mit Buchstaben angefüllt.

Heute wo ich überwunden, will ich das Versäumte nachholen.

„Du mein ärmstes Mädchen, ich mach’ Dir solchen Kummer!“ Mit diesen Worten begrüßte er mich. Sie hatten seinen Stuhl nahe ans Fenster gerückt, an das dunkle Schlingrosen die vollen, duftschweren Häupter lehnten. Ein sanftes Lüftchen kam vom See herauf und trieb sein Spiel mit meinem Haar.

„Weißt Du noch Mimi, wie ich Dir die Verse Victor Hugos zum erstenmale sagte? Willst Du sie nochmals hören?“

„Ja, Vincenz.“

„Les rayons du soleil vous baisent trop souvent, Vos cheveux souffrent trop les caresses du vent“ —

„Ja, ich war eifersüchtig damals, ich wollte nichts hergeben von dem — — das — — und jetzt muß ich es doch lassen.“

„Vincenz sprich nicht so. Du wirst ja bald ganz gesund sein.“ Er las den Zweifel in meiner Seele. „Nein, geben wir uns keiner Täuschung hin — seien wir wahr, wahr bis zum Schluß.“

Da legte es sich mir wie ein eiserner Reif um die Brust, immer enger, immer fester, bald eisig kalt, bald glühend heiß. Ihn so reden zu hören! Und er fuhr fort:

„Wir haben uns geliebt wie Wenige, und wenn ich jetzt fort muß, so nehme ich nur schöne Erinnerungen mit. Vielleicht ist’s besser so. Ein warmer Sommertag — ein voller Akkord, ohne falsche Note ohne Dissonanz. Sieh’, wie die Sonne untergeht!“ Es war ein großartiges Schauspiel, und in dieser Minute wirkte es überwältigend auf mich.

Im fernen Westen taucht die Tagesherrin ihr glühendes Antlitz in die kühle Flut, und der Horizont färbt sich im weiten Umkreis purpurn. Goldige Strahlen breiten sich netzartig über die Wasserfläche, bald ruhig gleitend, bald dahin tanzend wie tausend und abertausend Kobolde. Die den See umrahmenden Felsblöcke scheinen mit einemmal belebt; rötliche und lila Reflexe huschen dahin: es ist, als ob sich ein Regen von Veilchen und Flieder über die starre graue Masse ergösse: jeder Stein, jedes Sandkörnchen scheint in diesen warmen Farbentönen gebadet, und die fernen, schneeigen Gipfel haben den zarten Schimmer des Amethyst.

Kein Mißton, kein schrilles Geräusch. — Eine Weihe liegt auf all’ dem — — — wie eine Ahnung der Unendlichkeit.

Unsere Blicke tauchten ineinander und Vincenz legte mir seine Hand aufs Haar. „Es ist nichts Schreckliches ums Sterben — es ist nur — so traurig — besonders für die Zurückbleibenden. — — Ich habe den großen Trost, daß ich meine Pflicht erfüllte, indem ich Dich der Wahrheit gewann. Kopf hoch, mein Mädchen; immer mutig vorwärts, unentwegt nach dem Rechten gestrebt.

Du bist noch sehr jung, und die Versuchung kann unter mancherlei Gestalt an Dich herantreten. Sei nicht zu vertrauensselig — nicht Alle wissen solches Entgegenkommen zu schätzen. Wenn Du eines Rates bedarfst, so wende Dich an Tante Laura. Da bist Du in guten Händen.“

So ermahnte er mich, die Verzweifelte, die schluchzend vor ihm kniete.

„Mach’ mir’s nicht zu schwer“, und dabei schimmerte es feucht in seinen Augen. „Mimi — und nun — laß uns Abschied nehmen. Du warst mein Sonnenstrahl — mein Alles.“ Ich wollte ihn umfangen — doch ein Krampf durchfuhr ihn und verzerrte seine Züge. Er rang mühsam nach Atem — dann sahen mich die braunen Augen nochmals an — zum letztenmale, voll unendlicher Liebe. „Hab’ Dank“ hauchte er matt. Er saß ruhig da — und doch fühlte ich, daß er mir genommen war.

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Silberner Mondenschein. Flüstern der Wellen, berückender Rosenduft. Im nahen Busch klagt die Nachtigall.

„Wie ein welkes Blatt vom Baume fällt, Geht ein Leben aus der Welt. Die Vögel singen weiter.“

Ich eilte in den Garten, pflückte ganze Garben roter Nelken und als meine Hände die Menge nicht mehr zu fassen vermochten, tat ich sie in mein Kleid: ich pflückte sie alle, die ich fand, und streute sie ihm zu Füßen, daß es sich vor ihm auftürmte, wie ein glühendroter Berg.

Dann stand ich am Seeufer. Der war so blau und tief. Wer das Vergessen suchte! — — Mir war, als riefen mich geheime Stimmen. — „Ja, Ihr sollt nicht vergeblich rufen — ich komme.“ Schon hob ich die Arme, schon stand ich im Begriff, den tötlichen Sprung zu tun — da hielt mich eine Stimme, eine menschliche Stimme zurück. „Denk’ an ihn — keine Feigheit — sei ein ganzer, starker Mensch.“

Tante Laura hüllte mich in ihren Shawl und ich ließ mich willenlos ins Haus führen.

„Sag’ mir Tante, klingt es nicht wie Hohn — oder ist es eine Fabel? „Sommer, Jugend — Glück!““

** *

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