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Wie es Licht geworden!

Erster Abschnitt. (continued 2)

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Den Ausschlag aber hatte gegeben, daß Olga die fehlenden Seiten ihrer Naturgeschichte verlangte. „Ich weiß ja so, was drin steht. Warum soll denn der Mensch nicht vom Affen abstammen. Die Affen sind oft gescheiter wie die Menschen.“ Bei der Taschenbesichtigung fand sich ein kleines Bändchen „Goethe-Gedichte“ vor. Sie hatte es zu Weihnachten von ihrem Schwager erhalten. Höchste Entrüstung. Mère Walter spielte alle Farben. Sie aber sagte so ganz obendrein: „Warum haben Sie diese schlechten Bücher gelesen? Hat Sie wahrscheinlich doch auch mehr interessiert als die „Nachfolge Christi.“ Ich finde gar nichts so Schreckliches daran.“

Damit war die Sache erledigt und Olga ausgestoßen. Mère Walter legte uns anheim, für sie zu beten: „Ce n’est peut-être pas tellement de sa faute. C’est une excellente enfant, elle a un cœur d’or, mais elle est malade, oh elle est malade la pauvre!“

Olga krank, es war zum Lachen. Solch zweiten kerngesunden Kobold gab es gar nicht mehr. Aber Mère Walter fand offenbar, daß man bei so unerhörtem Benehmen einer Entschuldigung bedürfe.

** *

Ein entfernter Verwandter war gestorben und hatte Papa zum Universalerben eingesetzt. Ich durfte Trauer tragen und fühlte mich furchtbar interessant. Des Abends beim Gebete, fügte Papa ein Gesetzlein für den Verstorbenen bei und Mère Walter behandelte mich von nun an mit einer gewissen Zuvorkommenheit.

Die altväterische Einrichtung unserer Wohnung wich einer modernen, und an Stelle der häßlichen Ripsgarnitur im Salon trat eine kirschrote Seidenpracht, die mein Auge blendete. Auch mein Zimmer erfuhr eine Bereicherung, d. h. man schob das hinein, wofür man anderswo keinen Platz fand.

Sonst trat keine wesentliche Änderung ein. Papa behielt die alte Lebensweise bei und meine Hoffnung auf Erhöhung des Monatsgeldes erwies sich als trügerisch.

Zwischen meinen Eltern herrschte eine Spannung, die mich überaus peinlich berührte. Bei den Mahlzeiten saßen sie sich stumm gegenüber und Dr. Vogler mußte die Unterhaltung führen.

Großmama war zum Begräbnis gekommen, hatte uns aber nicht besucht. Als ich meinem Bedauern darüber Ausdruck gab, versetzte Mama mit großer Schärfe: „Ich hoffe, daß sie sich’s überlegt, uns aufzusuchen: ich verlange mir durchaus keinen Verkehr mit dieser Sippe.“

Ich blickte sie erstaunt und mit stummem Vorwurf an.

„Ja,“ versetzte sie, gezwungen lachend, „Du bist auch eine echte Steindorf; das ist eine alte Geschichte. Man braucht Dich nur anzuschauen; Deiner Großmutter wie aus dem Gesicht geschnitten.“

„Da wäre ich wirklich nur stolz“, konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken und verließ das Zimmer. Schon einigemale hatte mich Mama’s Art, Leute anzugreifen, die mir nahe standen, verletzt; in Steindorf war dies nicht Brauch und ich fand es unpassend und wenig zartfühlend.

Die Scheidewand, die mich von Mama trennte, türmte sich immer höher auf. Sie fand nicht den rechten Herzenston und mich kostete es Überwindung, ihr die Hand zu küssen, sie bei dem Namen zu nennen, der jedem Kinde heilig sein sollte: „Mutter.“

** *

„Der Erzherzog kommt mit seiner Braut.“ Also endlich ein Ereignis. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Neuigkeit im Pensionat.

Man hatte in aller Eile eine kleine Vorstellung eingeübt, und die Rollen den hübschesten Aristokratinnen — es war gegen alle Regel — zugedacht.

Wir Anderen bildeten Spalier und gaben nur den dunklen Hintergrund ab, von dem die farbenreichen Kostüme sich vorteilhaft abhoben. Die würdige Mutter war selbst erschienen, um uns die nötigen Verhaltungsmaßregeln zu erteilen: „Surtout baissez les yeux. Il faut toujours avoir quelque chose de modeste dans la tenue. Cela fait une si bonne impression et c’est à cela aussi qu’on reconnait les enfants du Sacré — Cœur dans le monde.“

Ich wagte nur verstohlen nach den Hoheiten zu blinzeln. Die Prinzessin nahm lächelnd die Blumen entgegen, die ihr von einer Hofdame abgenommen wurden. Sie war eine liebreizende Erscheinung und die Blicke des Bräutigams ruhten mit Zärtlichkeit und Stolz auf ihr.

„Erzherzogin, Prinzessin sein, von Allen gefeiert, bewundert, welch’ beneidenswertes Los.“

Phantasien eines Kinderkopfes! So mancher Kaiser stöhnt unter seinem Hermelin und risse gern die Krone von der Stirn, die ihn gleich Dornen schmerzt. Und wie manches Arbeiterherz schlägt freudig unter dem zerfetzten Kittel. Er bettet sein Haupt auf Gottes freie Erde: er lacht, er weint, wenn ihm darnach zu Mute ist. Was schert den die Zwangsjacke der Konvention, in der die Großen dieser Welt geboren werden.

** *

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