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Wie es Licht geworden!

Dritter Abschnitt. (continued 2)

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„Das ist nicht recht von ihm. Hat er nicht gesagt, warum er nicht mehr will?“

„Weil er fort muß. Sein Urlaub is aus — Sie wissen’s ja so.“

„Aber Franzel, woher soll ich es denn wissen? Ich weiß ja gar nicht wer er ist.“

„Das haben’s wirkli nit gewußt?“ Sie fragte ganz erstaunt. „Weil’s ihn so oft im Schloß drin sehen, hab’ i mer denkt, daß er Ihnen was g’sagt hat. Jesses nein — i trau mich gar nicht z’ Haus, zum Vater — der jagt mich noch am End davon.“ Sie sah mich verzweifelt und hilfesuchend an, als erwarte sie ihre Rettung von mir.

Ich aber war so empört, so erbittert über Robert, daß ich kein Wort des Trostes fand. Und dann, was war zu tun? Ich sann hin und her, ohne einen Ausweg zu finden. Schweigend standen wir uns eine Weile gegenüber, dann ergriff ich Franzels Hand: „Hast’n wirklich so gern?“

„Seh’ns das ist auf einmal so kommen. Zuerst hab’ ich ihn gar nit mögen. Dann aber, wie er so viel bettelt hat, daß er ohne mich nicht leben kann, hat er mir erbarmt. Und jetzt — jetzt“ — —

„Armes Ding! Vielleicht, daß sich doch was machen läßt. Ich will nachdenken. Eigentlich, wenn er Dir’s versprochen hat, muß er Dich ja heiraten.“

„Das hab’ ich auch geglaubt. Er sagt aber s’ist ein Unsinn.“

„Sein Wort halten, ein Unsinn? Da irrt er sich. Sei ruhig, Franzel — er muß es gut machen.“

„Glauben’s wirkli?“ Sie fiel mir um den Hals und jubelte unter Tränen „wirkli?“ Dann plötzlich mit unheimlicher Entschlossenheit: „Na ja, sonst blieb’ mir nur eins übrig. Dem Vater könnt’ ich ja die Schand’ nit antun.“

Es war plötzlich finster geworden. Graue Wölkchen ballten sich zu einem Klumpen zusammen, verhüllten die Sonne, und ein feiner Regen sprühte uns in’s Gesicht.

„Muß schon spät sein. Wenn ich nicht schnell geh’, komm’ ich nicht zu Mittag nach Haus.“

„Ja, geh’ Franzel und sei ruhig.“

Die Dorfuhr schlug dumpf die zwölfte Stunde, und so oft sie zu neuem Schlage aushub, gab es mir einen Stich in den Kopf. Was ich da soeben gehört, schien mir wie ein dunkler Fleck auf blendenden Rosenwolken, etwas so Häßliches, Düsteres. Da hatte man mir wieder ein Stückchen Illusion geraubt. Ich wußte ja, wie es zugieng in der Welt — ich konnte es tagtäglich in der Zeitung lesen, und dennoch sträubte ich mich, daran zu glauben. Und dann lag es vielleicht auch daran, weil das Echo der Großstadt nur gedämpft zu mir herüberdrang, während ich heute dem Elend gegenübergestanden, ihm ins Auge geblickt.

Mit einemmale überkam mich ein solcher Ekel vor den Menschen; ich fühlte kein Mitleid mehr mit ihnen, nur unsägliche Verachtung.

Ich war dem Dorfe näher gekommen und hörte das schrille Gebrüll eines Schweines. Es tat mir in den Ohren weh; ich bog rasch um die Ecke, und was ich jetzt sah, erfüllte mich mit solchem Entsetzen, daß ich mich an einen Baum halten mußte, um nicht umzufallen.

Unter einem geöffneten Haustor wurde ein Schwein geschlachtet. Das Tier lag gebunden, blutüberströmt im Trog und ein Mann versetzte ihm mit Wonne Stiche, ermutigt von den Zurufen der Umstehenden: „Nur zu, a so, recht fest eini.“ Zwei kleine Buben verfolgten mit Spannung den Vorgang. Ich wollte auf sie zulaufen, sie wegreißen, ihnen sagen, daß das abscheulich sei, aber ich vermochte keinen Schritt zu machen. Ich hörte nur das verzweifelte, gellende Schreien, zuerst laut und fortgesetzt, dann immer seltener und schwächer — in meinem Kopfe wirbelte Alles durcheinander, bis ich nichts mehr wußte.

Ich wahr ohnmächtig vor dem Tor zusammengefallen und ins Schloß getragen worden. Abends jedoch hatte ich mich bereits vollständig erholt und erzählte der Tante die Geschichte mit der armen Franzel, in der Robert eine so erbärmliche Rolle gespielt. Sie war so empört und außer sich, daß ich erschrack. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, untersagte sie mir jedwede Einmengung, da sie es für angezeigter hielt, daß ich mich von solchen Dingen fernhalte — sie selber wolle mit ihm reden, an seine Ehre appellieren, falls er überhaupt noch einen Funken dieses Gefühles besaß.

Während die Tante mit ihm verhandelte, bemächtigte sich meiner eine große Unruhe. Was wird er sagen und wie soll es enden? Es war eine böse, traurige Geschichte und unaufhörlich schwebte mir Franzel’s verweintes, angstvolles Gesicht vor. Es gab nur einen Ausweg, das begangene Unrecht zu sühnen: er durfte nicht anders handeln, es war seine heilige Pflicht und Schuldigkeit. Die Tante kam zurück, blaß und erregt. Die Augen sprühten Funken und die Fingerspitzen zuckten nervös. Sofort begriff ich, wie es stand: „Er will also nicht?“

„Nein. Er weigert sich — der Elende. Von heute ab sind wir geschiedene Leute. O, man könnte oft verzweifeln an den Menschen! Diese verkehrten, hirnverbrannten Ansichten, diese Gemeinheit der Gesinnung. Wahrlich, wir Aristokraten haben’s not, uns aufzublähen, uns was zu Gute zu tun auf unsere Noblesse. Ein armer Flickschuster ist oft tausendmal mehr wert, als so ein vornehmer Taugenichts.“

Dann schilderte sie die Unterredung. Wie er zuerst — ahnungslos, daß sie um die Sache wisse — sondiert, ob ich ihn nicht vielleicht doch nehmen wolle. Sie solle mich bei der Gefühlsseite, beim Mitleid packen: er müsse jetzt wieder zum Regiment, in ein entlegenes Nest, sei allerlei Versuchungen ausgesetzt, denen er erliegen würde. „Mimi kann mich retten, mit mir tun, was sie will: ich wäre Wachs in ihrer Hand.“

„Würdest ihr zu Liebe wohl auch Deine Ansichten zum Opfer bringen? Denn wie Du jetzt denkst, ist ja eine Verständigung nicht möglich?“

„Alles, was sie will.“

„Nun, das spricht nicht zu Deinen Gunsten. Sie müßte ja einen Mann verachten, der seine Überzeugung für irgend einen Vorteil hingibt.“

„Wie Du immer Alles drehst. Es scheint übrigens, daß Du an meiner Ehrenhaftigkeit zweifelst. Ich wüßte nicht daß ich Dir Grund dazu gegeben.“

„So? Wie vergeßlich! Nun da muß ich Deinem Gedächtnis schon etwas nachhelfen. Es ist gar nicht so lange her — — übrigens vielleicht täusche ich mich in Dir. In diesem Falle würde ich Dir das Unrecht herzlich gern abbitten.“

„Aber worum handelt es sich denn?“ Er zupfte verlegen an seinem Schnurbart.

„Du mußt die Franzel heiraten.“

Er schnellte von seinem Stuhl empor. „Bitt’ Dich, laß doch jetzt solche Spässe beiseite. Mir ist wirklich nicht zum Lachen zu Mute.“

„Das begreife ich. Weinen solltest Du im Gegenteil. Ich denke, Du kennst mich genügend, um zu wissen, daß es mir bitterer Ernst ist mit dem, was ich sage.“

„Ja, aber seid Ihr denn Alle miteinander“ — er hielt es für angezeigt, das letzte schmeichelhafte Wort zu unterdrücken.

„Wenn „anständig handeln“ verrückt ist, dann bist Du allerdings superweise.“

„Aber um des Himmels Willen, Du wirst mir doch nicht zumuten, ein Bauernmädchen zu heiraten. Wo denkst Du denn nur hin? Das verstößt ja gegen alle Familientraditionen.“

„Da hätte ich beinahe meine Selbstbeherrschung verloren und ihm einen Schlag ins Gesicht gegeben“, fuhr Tante Laura fort, „doch ich bezwang mich und frug, ob er nicht absichtlich diese falsche Auffassung vorschütze. Ob die Ahnen es ehrenwerter fänden, wenn ihr Abkömmling schlecht handle und keine Reue empfinde, als wenn er sich bemühe, den Mackel von seinem Namen zu tilgen.“

„Aber geh’, so denkt ja kein Mensch. Es ist Gang und Gäbe bei den jungen Leuten, Liebeleien anzuknüpfen, wo sich ihnen Gelegenheit bietet. Aber Verpflichtungen? — — —“

„Du hast ihr Dein Wort gegeben.“

„Aber doch nur pro forma. Könnte mir nicht im Traum einfallen, sie zu meiner Frau zu erheben.“

„Das ist ein kurioser Ausdruck. Wenn Dich Eine nimmt, wird sie herabsteigen müssen — und zwar sehr tief.“

„Sehr liebenswürdig. Und das Alles, weil ich mich weigere, diese Gans zu heiraten. Nein, den Großeltern, der Familie, mir selbst diese Schmach anzutun, dazu gebe ich mich nicht her.“

„Ich kann nur staunen über diese neue Moral, die jedem Anstandsbegriff ins Gesicht schlägt. Ein Mädchen, das nichts hat als ihren anständigen Namen, unter falschen Vorspiegelungen ins Verderben stürzen, sein Wort brechen, sie im Stich lassen und dann stolz von dannen ziehen mit dem Mäntelchen „Ehrenhaftigkeit“ um die Schultern, ich muß schon sagen, da gehört eine Gewissenlosigkeit sondergleichen dazu.“

„Du bist der Person ganz einfach aufgesessen. Ich wett’, die prahlt vor dem ganzen Dorf damit, daß sie einen „Baron“ gehabt habt. Das passiert nicht einer Jeden.“ Er sagte das mit einem Cynismus, der mir das Blut erstarren ließ. Ich verließ das Zimmer.“

Der armen Franzel konnte also nicht geholfen werden. Sie gestand dem Vater Alles und er versetzte Robert inmitten der Dorfstraße eine schallende Ohrfeige. Es war dies die letzte Erinnerung, die Baron Steindorf von seinem Urlaub mitnahm. Wir hörten noch ab und zu von ihm, sahen ihn aber nicht wieder.

Es hieß, daß er Schulden mache und seine militärischen Pflichten sehr nachlässig erfülle. Schließlich wurde er ein Trinker und gieng in noch jungen Jahren am delirium tremens zu Grunde.

Niemand weinte um ihn. Das einzige Wesen, das ihn geliebt, Franzel, starb, nachdem sie ein totes Kind zur Welt gebracht.

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