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Weihnachtsabend

Front matter (continued 4)

Reading edition

Ich glaube nicht, daß das Dich so tief betrüben kann, fiel Felix ein.

Nein, sagte Herzer, es ist der Menschen Art so. Was mich betrübte, war die Erinnerung an Vergangenheit und Zukunft. Vor zwei Jahren war dieser Saal kaum groß genug, um die Zahl der freudigen, glücklichen Menschen zu fassen, die mit Liebe und Dankbarkeit mich umringten. Im vergangenen Jahr war der Kreis wohl kleiner geworden, aber wir waren hoffend und muthig; heut ist nur Eine Tafel gedeckt worden, Ein Baum brennt nur noch, und wie nun Alles leer und öde um mich wurde, dachte ich mit Kummer an das nächste Jahr. Wer wird dann die Lichter hier anzünden, wer wird dann um mich sein, Felix? Vielleicht, sagte er mit hohler Stimme, seine Hand über die Stirn deckend, stehe ich dann ganz einsam hier vor dem stillen Tische und Niemand giebt mir Antwort; Niemand der mich liebt, den ich liebe.

Gewiß nicht, Vater, erwiderte der Sohn tröstend, ich denke, es soll fröhlicher dann hergehen; aber wo liegt denn überhaupt der Grund zu solchen trüben Gedanken? Ich habe heut glücklich das Geld herbeigeschafft, um Gravenstein zu befriedigen. Zu jeder Stunde kann er es haben. Unsere Aussichten können sich beruhigend auf die Zukunft richten, denn wir besitzen begründete Hoffnungen, daß unser Unternehmen gut ausfallen wird; auch wissen wir ja am besten selbst, daß es nicht so übel mit uns steht, wie Feinde und Verläumder es gern sähen. Endlich aber, mein Vater, hast Du ja Deine beiden Kinder, die in Liebe bei Dir sind und immer sein werden, mag auch Alles Dich verlassen und alle Hoffnungen als Täuschungen zusammenbrechen.

Herzer antwortete nicht, aber er zuckte jäh zusammen, als zwei weiche Arme sich um seinen Nacken legten und seine Tochter, die leise herbeigetreten war, mit klaren, glänzenden Blicken ihm ins Auge schaute.

Muth! mein geliebter Vater, Muth! rief sie ihm zu, wir werden uns nicht schrecken lassen; wir werden aushalten mit Dir und endlich wird Alles gut werden, was böse war. Endlich wird das Glück wiederkehren und mit seinem Frieden auch unsere Wunden heilen.

Ein langer Blick des Vaters, der aus anfänglicher Strenge in Rührung und heftige Bewegung überging, war die Antwort. Er küßte Clara auf die Stirn und lächelte ihr zu. Mein Clärchen, sagte er, Dein Glück und der Frieden Deiner Zukunft sind es ja, mit denen sich meine Gedanken Tag und Nacht beschäftigen. Alles will ich opfern, Alles, mein armes Kind, auch meine letzten Freuden, um Dich zu sichern.

Komm, erwiderte sie zärtlich, ihm die Hand reichend und ihn fortziehend, heute soll uns nichts mehr betrüben. Ich habe Dir auch etwas aufgebaut, ganz wie sonst in der guten Zeit. Kommt Beide, fuhr sie fort, nach Felix die andere Hand ausstreckend; unten erwartet uns das gedeckte Tischchen und die hellen Lichter warten schon lange; laßt sie nicht vergebens leuchten.

Mit frohen Mienen führte sie Vater und Bruder fort und lächelnd öffnete sie die Thür des Wohnzimmers, in dessen Mitte zwischen Lampen und Lichtern der Festtisch stand. Er war mit Blumen geschmückt und auf der einen Seite vor dem Teller mit Konfekt, wie der Vater es liebte, lag ein schön gesticktes Schlummerkissen, auf der andern Seite die funkelnde Stahlbörse, welche Clara mit Mühe erst wenige Stunden vorher fertig gemacht hatte.

Hier Felix, rief Clara, nimm den leeren Geldbeutel zum Christabend, aber an jeder Masche haften meine Zaubersprüche, die ihn bald mit Gold füllen werden. Und hier mein lieber theurer Vater, dies Kissen für Dich, um Dein müdes Haupt zu stärken, wenn das Leben und die Menschen es schwer gemacht haben. Jede Blume, mein geliebter Vater, soll Dir blühen; bei jeder habe ich für Dich gebetet. Bei jedem grünen Blatte habe ich innig gewünscht, daß es ein Oelblatt für Dich sein möge.

Herzer hielt die schöne, von kindlicher Liebe und Freude überglühte Tochter in seinen Armen, und drückte Küsse auf ihre Lippen, während er sie still betrachtete. Endlich wurden seine Augen naß, und seine Stimme zitterte, als er mit gewaltsamer Fassung sagte: Ich danke Dir, mein Clärchen! Gottes reichster Segen über Dich. Deines alten Vaters Segen soll mit Dir ziehen über Land und Meer, und wenn ich recht müde und sehnsuchtsvoll bin, will ich mein Haupt auf dies Kissen legen, vielleicht daß Du dann in meinen Träumen kommst und Deine lieben Hände mich so fest halten, wie jetzt, wo ich Dich noch habe, und mich wachend daran freuen kann.

Was denkst Du? Was meinst Du? fragte Clara, indem ihre Stimme langsam auszulöschen schien, und eine feurige Röthe ihr Gesicht bedeckte.

Mein Kind, erwiderte Herzer, und seine Sprache wurde stark und fest, ich habe kein Geschenk für Dich, und doch bringe ich Dir Alles, was ich zu geben habe. Du sollst Deinen Bruder begleiten — Du sollst mich verlassen, sagte er tief athmend.

O Gott! rief Clara erschüttert, indem sie den Kopf an ihres Vaters Herz drückte.

Das kannst Du nicht! das darfst Du nicht! fiel Felix seine Schwester umfassend ein. Es ist Winter, die Reise ist hart, und Du, Vater, Du kannst es nicht ertragen, Du kannst sie nicht entbehren.

Ruhig, junger Mensch! sagte Herzer sich gefaßt aufrichtend, ich will es so, denn es muß geschehen. Ja, es muß so sein! fuhr er fort und ein bitteres Gefühl schien sich ihm aufzudrängen, während seine scharfen großen Augen so durchdringend den Sohn betrachteten, daß dieser die seinen schweigend niederschlug. Glaubst Du denn, rief der alte Mann ihm zu, ich wüßte nicht, was ich thäte? Ach! ich weiß es nur allzu wohl. Ich weiß, was es mich kostet, ich weiß, was ich tragen muß — dennoch aber wirst Du reisen und Clara wird Dich begleiten.

In diesem Augenblick wurde mit Heftigkeit die Glocke an der Hausthür geläutet und von einem plötzlichen Schrecken ergriffen rief Herzer, indem er die Hand seines Sohnes zusammenpreßte: Sollte es zu spät sein! Bräche das Unglück doch über uns zusammen. Verbirg Dich! Flieh! oder nein — was es auch sein mag, es muß mich ja doch erreichen.

Erreichen, erwiderte Felix ruhig. Was soll Dich erreichen, Vater?

Wer ist es, wer? sagte der Fabrikant ohne darauf zu antworten, indem er Clara losließ und auf die Stimmen hörte, welche draußen laut wurden. Er that einige Schritte nach der Thür und blieb dann unentschlossen stehen, bis er plötzlich rasch öffnete und Anton Mertens anstarrte, der athemlos und erhitzt mit einer Dienerin redete, die ihm das Haus geöffnet hatte.

Ich muß ihn aber alleweil gleich sprechen, sagte der ehrliche Anton athemlos, und es ist eine Sache, wo Sie gar nichts bestellen können, Jungfer.

Wen müssen Sie sprechen? fragte Herzer dazwischen. Was wollen Sie?

Anton schwieg, bestürzt über den unerwarteten Einspruch. Er warf einen scheuen Blick auf den alten Herrn, der ihn mit seinen großen düsteren Augen streng forschend betrachtete. Wenn’s erlaubt ist, stotterte er hervor, so möchte ich wohl dem jungen Herrn ein paar Worte sagen.

Hier herein, gab Herzer zur Antwort, indem er einen Schritt zurücktrat und dem Schuhmacher winkte, der diesem Befehle, welcher mit größter Bestimmtheit gegeben wurde, nicht widerstehen konnte.

Hier ist mein Sohn, fuhr der Fabrikant fort, sich zu seinen Kindern umwendend. — Felix hatte sich Clara genähert, er sprach leise mit ihr und schien bemüht, sie zu beruhigen; jetzt aber, als er Antons Stimme hörte, ließ er sie los und rief erstaunt: So wahr ich lebe, da ist unser Freund Mertens. Was ist geschehen? Hat der Professor wieder dumme Streiche gemacht? Ist es deswegen, daß Sie zu mir kommen? Will er sich durchaus nicht beruhigen? Was, zum Henker! soll ich noch einmal über den lächerlichen Patron kommen und ihn in die Flucht schlagen?

Ei ja! ei ja! rief Anton bei jeder Frage, indem er heftig nickte, aber immer mit einer gewissen Scheu das rothe faltige Gesicht des alten Herrn betrachtete. Dann fuhr er mit der Hand durch sein schwarzes Haar und sagte verlegen stockend: Wenn ich nur die Ehre haben könnte, auf ein paar Minuten — er winkte verstohlen nach der Thür und machte eine sehr lebhafte Geberde, indem er mit seinem Finger rund um den Hals fuhr, die Felix aber durchaus nicht verstand.

Was, schrie dieser lachend: der Professor will sich den Hals abschneiden?

I, nein doch, nein doch! erwiderte Anton bestürzt.

Was will er denn? So reden Sie doch, Mertens.

Ja, erwiderte der Schuhmacher bedächtig, ich thäte es wohl, wenn ich nur wüßte — hier sah er wieder den Fabrikanten an, der immer aufmerksamer geworden war.

Wer ist der Mann? fragte er in seiner entschiedenen Art.

Ein Mann, erwiderte Felix, den ich Dir dringend empfehle, lieber Vater, und um dessentwillen es mir lieb ist, ihn Dir persönlich bekannt zu machen. — Merkwürdiger Weise, fuhr er dann fort, hat der berühmte Mann, welcher immer nur mit vornehmen Freunden umgeht und den wir alle genugsam kennen, eine besondere Zärtlichkeit für die naive reine Naturwahrheit gefaßt, welche er bei Mertens gefunden haben will. Er hat ein eben so empfängliches Herz wie Don Juan, aber er ist völlig unschädlich, Mertens, sie können es sich ruhig gefallen lassen. Ich sollte freilich meinen, meine Gegenwart hätte wie Assa foetida auf ihn gewirkt, denn unter Allen, die ihn je verhöhnt und verspottet haben, bin ich ihm stets der Widerwärtigste gewesen. Ich habe ihn also nicht vertrieben? Er ist wiedergekommen mit neuen Narrheiten? Heraus denn mit der Sprache, ohne alle Umstände. Hier ist mein Vater, der Alles hören kann und hier meine Schwester, der er oft genug seine verkehrten Augen und sein noch verkehrteres Geschwätz zum Besten gegeben hat, bis wir es glücklich dahin brachten, daß er uns sämmtlich gründlich verachtet.

Die Sache ist die, sagte Anton noch immer bedenklich, daß er heut Abend kam und durchaus wissen wollte — von wegen — na, Sie wissen wohl, was ich alleweil meine. Er wollte mich absolut mitnehmen zu dem Geheimrath, da sollt ich eine Erklärung abgeben vor Gericht, oder so dergleichen, wegen des Schusses, na, sie wissen ja schon und von wegen der jungen Dame, denn die Tücher hatte er einmal gesehen und erzählt war es auch worden. Nein, nein! fuhr er fort, indem er Clara zuwinkte, und die Hand wie zum Schwure aufhob; gar nichts hat er erfahren, und eher wollte ich meinen Kopf auf den Block legen, und Guste legte ihren Kopf dazu, ehe ein Mensch von uns etwas erführe.

Aber ich! fiel hier Herzer ein, der seinem Sohne befehlend zuwinkte, welcher Anton zum Schweigen zu bringen suchte, ich will Alles wissen, von wem ich es auch erfahren mag.

Es wäre besser, lieber Vater, sagte Felix, wenn Du mir gestattetest, mit diesem wackeren Manne auf mein Zimmer zu gehen.

Nein! erwiderte Herzer mit Strenge, nein! — Vielleicht sind meine Ahnungen schlimmer, als die volle Wahrheit, und es ist leichter diese zu ertragen, als länger in halben Ungewißheiten umherzutappen. — Ich befehle Dir, mir nichts mehr zu verbergen! — Reden Sie, Herr Mertens, was wollte der Geheimrath wissen? Was sollten Sie beschwören?

Es trat eine Pause ein, die Keiner zu unterbrechen wagte. Der alte Mann mit bleichen, zitternden Lippen und weit geöffneten Augen, aus denen eine düstere Entschlossenheit leuchtete, stand vor dem armen Anton, der seine Blicke ängstlich zu Boden schlug, oder sie scheu und hülfebittend zu den Geschwistern hinüber sandte. — Ohne Regung und bleich, wie ein Marmorbild, stützte Clara den angespannten Arm, dessen Muskeln und Sehnen sich krampfhaft zusammengezogen hatten, in die Hand ihres Bruders. Ihr Gesicht war stolz aufgerichtet, ihre Augen glänzten furchtlos darein, aber ein schmerzliches Lächeln zuckte um die feinen Lippen und mit gewaltsam schweren Athemzügen hob sich ihre Brust.

Haben meine Kinder keine Antwort für mich? rief Herzer mit der Bitterkeit des Unglücks. Ist es mit uns dahin gekommen?!

Antworte, Felix, sagte Clara mit leiser, fester Stimme. Du wirst nicht wollen, daß ich es thun soll.

Was verlangst Du zu wissen, Vater, sprach der Sohn entschlossen vortretend. Soll ich Dir nochmal die Geschichte erzählen, die Du vor wenigen Tagen von mir hörtest? Von einem Mädchen, die schamlos betrogen und verrathen wurde und keinen Schützer hatte, als ihren entfernten Bruder, der endlich, als er nach Hause zurückkehrte, ihren Kummer bemerkte und in sie drang, die Kette von Nichtswürdigkeiten erfuhr, deren Opfer sie geworden war.

Ich weiß, erwiderte Herzer, ihm langsam zunickend, ich kenne diese Geschichte. Weiter, weiter!

An jenem Abend, wo Wilkau den glänzenden Ball gab, hatte ich sie erfahren, fuhr Felix fort. Ich wollte den Elenden aufsuchen, wollte in dem Ballsaale selbst Gericht halten über ihn; ich war in der wildesten Aufregung und war bewaffnet. Clara, in Schrecken vor meinen Vorsätzen, drang in mich, davon abzustehen; sie wollte mich nicht verlassen. Sie besaß männliche Kleider, er selbst hatte ihr diese früher verschafft, in Zeiten, wo seine Verlockungen den Reiz des Romantischen in einem Herzen voll Muth und Liebe zu erwecken wußten.

Schande! Schande! murmelte der Fabrikant mit erlöschender Stimme.

Wir irrten durch die nächtlichen Straßen, sagte Felix ruhiger, ich sah ihn aus dem Wagen steigen, und wollte ihm nach. Clara hielt mich fest und zog mich fort. Sie beschwor mich ruhig zu sein, und zeigte mir, welch Unglück ich über sie, über Dich und uns Alle bringen würde, wenn ich öffentlich machte, was bis jetzt ihr alleiniges Geheimniß war. Ich mußte es anerkennen und gelobte zu schweigen. Wir kehrten zurück und gingen nochmals bei Wilkau’s hellem Hause vorüber, als wir angehalten wurden und verhaftet werden sollten. Ich vertheidigte mich und riß endlich zum Schutz für mein bedrohtes Leben eine Pistole heraus, die sich entlud. Clara floh verwundet, ich entkam. Sie fand bei diesem wackeren Manne und seiner Frau Beistand, ihre Wunde war unbedeutend, unter ihrem Häubchen ließ sie sich leicht verstecken. Du hast nichts davon erfahren, Vater; Niemand hat es ahnen können.

Und jetzt, fiel Herzer die Worte angstvoll hervorstoßend ein, jetzt ist es entdeckt! — Gott! Gott! meine Tochter — verfolgt, angeklagt, entehrt!

Lieber Herr, rief Anton gerührt von seinem Schmerze, verlassen Sie sich darauf, kein Wort kommt über meine Lippen. Der Professor hat es auch gemerkt, fügte er eiliger hinzu. Ihr wollt nichts sagen, schrie er, als er von uns ging, aber sie sind dennoch verloren! Es ist aus mit ihnen, die Wechsel sind entdeckt!

Mit furchtbarer Gewalt hob der alte Mann seine Hände auf, und schlug sie über seine weißen Haare zusammen. Ein Stöhnen rang sich ihm aus der Brust; Clara stieß einen Schrei aus, indem sie auf ihn zu flog und beide Arme um ihn schlang. Die verzweiflungsvolle Energie im Gesicht ihres Bruders gab Antwort auf ihre flehenden Blicke.

Vertheidige Dich, sagte Clara mit schwankender Stimme, vertheidige Dich, mein geliebter Bruder! Verläumderische Gerüchte habe auch ich hören müssen. Es ist nicht wahr, es kann nicht sein. Nein, nein! rief sie mit großer Heftigkeit, der es mir sagte war ein Schelm, den ich verachte.

Wiederholen Sie noch einmal, Mertens, was Sie so eben sagten, erwiderte Felix.

Ich will es nicht hören, rief Herzer, ich weiß Alles und Du, fuhr er fort, indem er seinen Sohn kummervoll anblickte, Du mußt wissen, daß er Wahrheit sprach. Hast Du nicht an Gravenstein Wechsel gegeben? Hast Du nicht, — o! daß ich es sagen muß — hast Du nicht eine Fälschung begangen?

Ich habe es gethan, erwiderte Felix mit ruhiger Entschlossenheit, denn es blieb keine andere Wahl. Entweder war Alles verloren, entweder gelang es diesen Elenden, uns zu verderben, oder, es mußte Etwas geschehen, uns vom Aeußersten zu befreien. Es ist möglich, fuhr er fort, daß ich gesündigt habe in den Augen der Menschen, daß ich gefrevelt habe gegen ihre Satzungen, aber vor meinem Gewissen nicht. Gravenstein gab mir sein Ehrenwort bis zum Ablauf der Frist zu schweigen. Es war mir so, als verstehe er Alles, was ich that. Sein Blick schien bis in meine Seele zu dringen, es leuchtete etwas darin, was aussah wie eine Billigung. Er nahm die Papiere, steckte sie ein und sagte: Verlassen Sie sich darauf, keine Hand wird daran rühren, ich hoffe jedoch, daß Sie zur gestellten Zeit dies Pfand, was für mich keinen Werth hat, zurücknehmen. Ich versprach es ihm mit meiner Hand, die er annahm. Ich kann nicht glauben, daß er gemein und verächtlich gehandelt haben sollte.

Du hörst es ja, seufzte Herzer. O! jetzt verstehe ich den falschen, lauernden Blick Wilkau’s, als er mich nach den Wechseln fragte, die Zippelmann unterzeichnen sollte.

Wie dem auch sein mag, sagte Felix, ich will vor ihn hin treten und Rechenschaft fordern auf der Stelle. Sein Geld liegt bereit, ich fordere mein Pfand zurück. Wehe ihm! wenn er es nicht herausgiebt; wehe denen, die ihn dazu vermochten! Was auch geschehen möge, Vater, ich habe es zu tragen, ich allein! Beruhige Dich, Dein Name, Deine Ehre sollen nicht leiden, und welchem Richter ich auch Rechenschaft geben muß, ich will mein Haupt stolz vor ihm aufrichten, stolzer bei jedem Verdammungsurtheil, denn ich habe gethan, was ich mußte.

Als er sich rasch entfernte, schien Herzer ihm nacheilen und ihn aufhalten zu wollen, aber er blieb nach den ersten Schritten stehen. Er hat Recht, sagte er dann weit ruhiger und gefaßter, was geschehen soll, muß sogleich geschehen. Aber er soll nicht allein gehen, ich will ihn begleiten. Was ihn trifft muß mich mit treffen, denn ich — ich habe es gewußt, murmelte er vor sich niederstarrend und — ich habe geschwiegen.

Was willst Du? fragte er sich aufrichtend, als er sah, daß Clara schweigend Hut und Mantel nahm und sich anschickte ihn zu begleiten.

Mein theurer Vater, antwortete sie sanft, Du darfst nicht gehen ohne mich. Wenn es so sein muß, daß wir vor denen erscheinen sollen, die uns hassen und verfolgen, um ihnen zu sagen, da sind wir, denen ihr Uebles gethan habt, aber gerechter, als ihr und ehrenvoller in unserer Unehre, so darf ich nicht fehlen. Ich bitte Dich, fuhr sie dringender fort, laß mich nicht hier allein. Wenn wir Gravenstein aufsuchen wollen, können wir ihn nicht anders finden, als bei Wilkau. Mehr als einmal haben wir ein frohes Weihnachtsfest gefeiert, jetzt werden wir Alle dort beisammen finden, die uns wie böse Geister empfangen.

Der Vater bewegte leise beistimmend den Kopf, und ohne einen weiteren Einspruch machte er sich zu dem schweren Gange bereit.

Während dieser ganzen Zeit stand Anton an der Thür völlig ungewiß, was er thun sollte. Einige Male machte er eine Wendung, als wollte er seinem Gönner Felix nacheilen, aber ehe er seinen Entschluß auszuführen vermochte, traf ihn wieder ein Blick aus den gramvollen, düsteren Augen des alten Herrn, oder das bleiche Fräulein sah ihn so liebreich und doch so traurig an, daß er bleiben mußte, weil es ihm war, als könne sie ihn nöthig haben.

Das Herz des gutmüthigen Mannes war mit warmer Theilnahme gefüllt. Alles, was er hörte und sah rief diese hervor, obenein aber war Herzer ein seiner Grundsätze wegen Verfolgter und diese Grundsätze theilte Mertens aus voller Seele. Seine Augen glänzten in Hingebung und Treue. Arm und ohnmächtig wie er war, hätte er doch gern irgend etwas thun mögen, um zu zeigen, wie mächtig das Band der Zuneigung sei, daß ihn an diese verfolgte Familie fessele.

Mit Eifer nahm er den Augenblick wahr, als Herzer seinen Rock beim Ausziehen nicht gleich auf die Schulter ziehen konnte, um ihm zu helfen, und während er diese Arbeit verrichtete, konnte er nicht umhin, seine Trostworte zu wiederholen. Es ist alleweil eine Schande, sagte er, wie es hergeht. Die es redlich meinen mit ihren Mitmenschen, werden gehetzt, wie wilde Thiere, aber man muß sich nicht unterkriegen lassen. Von mir sollen sie nichts erfahren und darum mögen sie ruhig sein, Herr Herzer. Wenn’s auch so kommt wie ich denke, es wird nichts daraus, niemals nichts daraus!

Herzer drückte ihm die Hand, aber er erwiderte kein Wort, Clara jedoch sah ihn so dankbar und gütig an, daß er ihnen langsam nachfolgte, und als er endlich beide in das Haus des Geheimraths treten sah, blieb er unten stehen und sah langsam hinauf zu den hell erleuchteten Fenstern, während seine Unruhe mit jeder Minute wuchs.

Der Glanz der Kron- und Armleuchter überstrahlte feenhaft die prächtige Wohnung, in welcher jedoch jetzt nur die Familie im engen Kreise beisammen war. Der große Saal war leer, eben waren die letzten der neunzig Kinder auserwählter Mitglieder des Vereins gegangen, denen hier der Weihnachten aufgebaut worden war. Der Bediente mit der rothen Nase hatte den großen Christbaum in das Familienzimmer getragen und neue Lichter aufgesteckt; jetzt räumte er im Saale mit einigen Mädchen die Tafeln ab und reinigte den Fußboden von Nußschalen, zerbröckelten Kuchen- und Apfelstücken.

Es ist doch eine Schande, was solch Volk für Schmutz macht, sagte er ärgerlich.

Und Keiner hat für Herrn Friedrich nicht einmal ein Zweigroschenstückchen nicht, lachte eines der Mädchen.

Zweigroschenstückchen, grinste Friedrich ingrimmig; als ob wir nicht Alles aus christlicher Liebe thäten.

Ach was, christliche Liebe! rief eine Andere. Das ist eine Marotte von den Herrschaften jetzunder, damit wollen sie sich was zeigen und wir haben die Arbeit davon. Die halbe Nacht habe ich Aepfel abwischen müssen, damit die ja recht blank aussähen, ehe sie die Bälger vertilgen.

Louise, sagte der Bediente mit der rothen Nase feierlich, Sie sprechen wie eine Gans über die großen Angelegenheiten der Menschheit. Wir haben das Alles überlegt und wissen, was wir uns dabei denken, wenn es auch einige Mühe macht.

Na, meinte Louise trotzig, der Herr Geheimrath hat vorhin selbst gesagt, den Skandal wolle er hier nicht wieder haben und die Geheimräthin wird sich im Stillen auch davor bedanken.

Das wird auf die Umstände ankommen, erwiderte Friedrich bedächtig, und gehört ins Gebiet der Pulletük, was wir im Verein erst näher überlegen müssen. Wenn wir bald Hochzeit haben und unser Schwiegersohn sich so macht, wie wir denken, so können wir freilich etwas anders auftreten.

Herr Je! das wird eine Hochzeit werden, rief Louise dazwischen. Was ist denn morgen los?

Morgen essen wir bei Ministers, erwiderte Friedrich im Gefühl seiner Würde, und übermorgen giebt Gravenstein das erste Souper in seiner neueingerichteten Wohnung. Nächstens aber werden wir etwas erleben, meine Damen, worüber Sie sich Alle außerordentlich wundern werden.

Was werden wir denn erleben, theuerster Herr Friedrich? rief die Jungfer lachend. Etwa das erste Aufgebot? Als ob wir das nicht schon längst wüßten?

Friedrich blinzelte mit den Augen und nickte dazu. Sie wissen es also schon, sagte er verwundert. Gleich nach Neujahr geht es los. Es kommt eine frohe Zeit für uns, meine Damen. Der Stern des Morgenlandes ist uns in Pommern aufgegangen. Knickrig ist er nicht, ich habe das verschiedentlich zu bemerken Gelegenheit gehabt; also aufgepaßt, Fräuleins, es wird vielleicht mehr setzen als heute. — Die Zeiten sind schlecht, man muß überall Ersparnisse machen, sagte die Frau Geheimräthin zu mir.

Na, damit soll sie uns nicht kommen, riefen die Mädchen im Chore. Wenn sie sparen will, braucht sie nicht alle die Bettelei sich auf den Hals zu laden. Großthun mit den vielen Wohlthaten und: lasset die Kindlein zu mir kommen, worüber der verrückte Professor heut Abend wieder eine lange unvernünftige Rede gehalten hat, ja, das möchten sie wohl; aber die Leute scheeren und ihnen ein paar Thaler abzwacken — nicht wahr? Nein! schrieen sie einmüthig erhitzt, wenn es so geht, so sagen wir auf, und machen, daß wir fortkommen. Seit sie hier patriotisch und fromm geworden sind, ist so nichts mehr anzufangen.

Meine Damen, sagte Friedrich sehr belustigt, und den Finger an die Nase legend, Sie verstehen zwar nichts von den großen Ideen der Menschheit und der Pulletük, aber wenn Sie etwas pullitüsch nachdenken, so werden Sie doch ihre grausamen Vorsätze uns zu verlassen aufgeben, indem Sie sich an die Hochzeits-Geschenke erinnern.

In diesem Augenblick dröhnte durch die Flügelthüren aus dem Familienzimmer ein lautes und anhaltendes lebhaftes Sprechen und der Lärm froher Geselligkeit herüber.

Da geht es los! rief der Bediente, die Bescheerung geht los. Nun kommen wir auch bald an die Reihe! schrieen die Mädchen.

Die gesammte Dienerschaft drängte sich um das Schlüsselloch. Was das Fräulein nur bekommen wird, flüsterten sie sich zu. — Sie ist so neugierig, sie konnte die Zeit nicht erwarten. — Ach, er ist gefährlich reich, er wird ihr schon aufbauen. — Schade, daß man hier gar nichts sehen und hören kann.

Während sie sich vergebens bemühten, einzelne Worte und Ausrufungen zu erhaschen, endlich aber von der eintretenden Wirthschaftsmamsell verjagt wurden, hatte wirklich die Scene des gegenseitigen Beschenkens in der Familie stattgefunden.

Alfred von Gravenstein war der Einzige in dem kleinen Kreise, der eine ärgerliche Falte auf der Stirn nicht ganz überwinden konnte, wie viele Mühe er sich auch damit gab. Er hatte gehofft, mit Elisen und ihren Eltern allein zu sein, aber die Geheimräthin hatte entweder den Professor festgehalten, als die Kinderbeschenkung im Saale vorüber war, oder der Professor hatte sich an die Geheimräthin festgekettet, kurz er erschien auf die Spitzen tretend und in rosenrother Verklärung aufs süßeste grinsend an ihrer Seite in dem Familienzimmer, wo er sogleich wieder die Ehre hatte zu bemerken, daß er eigentlich eingeladen worden sei, bei seinem Freunde, dem Grafen Buchwald den Abend zu verleben, aber nicht widerstehen könne hier zu bleiben, wo er sich so gern festhalten lasse. Ich habe so viele Einladungen, rief er auf einige eingehende Worte der Geheimräthin, indem er nachdenklich die Augen nach oben richtete, so viele Einladungen, der Kopf schwindelt mir. Mein Gott! theilen kann man sich doch nicht; es ist doch nicht möglich, an sechs Orten zugleich zu sein. Ich möchte es gern; möchte wahrhaftig herzlich gern alle meine Freunde befriedigen, aber es geht doch nicht an. Es soll keine Beleidigung, keine Zurücksetzung sein, es geht aber durchaus nicht an.

Der Professor hatte trotz jener Täuschung, die er in demselben Zimmer erlebte, seine freundschaftliche Stellung zu Fräulein Elisen nicht im Geringsten geändert. Kein einziges Merkmal der Empfindlichkeit oder der Verlegenheit konnte ihm vorgeworfen werden. Von seinem höheren Standpunkte aus empfand er nur für diejenigen Wesen ein gewisses Etwas, welche durch ein bewunderndes Anstaunen seiner geistigen Erhabenheit seine Aufmerksamkeit verdienten. Dabei war es ihm im Grunde einerlei, ob er von Elisen oder Gusten angebetet wurde; allein sobald er merkte, daß er sich geirrt habe, bedauerte er nicht sich, sondern die mißgeschaffenen, unglücklichen Geschöpfe, die es nicht weiter verdienten, daß er ihnen zürne oder ihnen eine Aufregung zeige, weil sie ihn nicht zu begreifen vermochten.

Wenn Alfred von der Gegenwart des Narren schon unangenehm berührt wurde, so ward er es noch weit mehr, als der Geheimrath die Herren Zippelmann und Stephani hereinführte. Der Assessor war höchst liebenswürdig, ungezwungen und lachlustig. Er scherzte mit Elisen über den Christbaum und die Geschenke, zog den Professor so vortrefflich auf, daß das Fräulein und Herr Zippelmann nicht aus dem Lachen kamen, und hänselte den alten Zippelmann so prächtig, daß der Professor nicht aufhörte, sich die Hände zu reiben, an seiner Halsbinde zu ziehen, und unter einigen unverständlichen Redensarten in der seligen Gewißheit umherzulaufen, daß er selbst diesen Zippelmann jetzt eben mit dem köstlichsten Witz tractire.

In dem Ecksalon wurden inzwischen die Thüren angelehnt, um Elisens Geschenke aufzustellen, und während Alfred, der stumm und halb abgewandt dem ganzen Possenspiel zuschaute, von der Geheimräthin zur Hülfe gerufen wurde, nahm Stephani seinen Platz ein und führte am Fenster ein langes, schnelles und leises Gespräch mit der erregten Braut, das bisweilen bis zum tonlosen Geflüster sank, und dann wieder von einem schlecht unterdrückten Lachen unterbrochen wurde.

Das haben Sie vortrefflich gemacht, sagte Stephani ihr endlich in’s Ohr. Es war das einfache und doch einzige Mittel, die Wechsel in unsere Hände zu bringen. Herr von Gravenstein muß entzückt sein, wenn er Ihre List erfährt.

Ich besorge, erwiderte Elise, daß er bei seiner eigenthümlichen Schwere in einige Verwirrung darüber gerathen wird.

Sie meinen, flüsterte der junge Herr lächelnd, er könnte es wagen, diesen schönen Beweis einer Hingebung ohne Gleichen mißzuverstehen, die mich zur Bewunderung fortreißt.

Ich muß wenigstens darauf gefaßt sein, erwiderte sie leichtfertig.

Dann, ja dann! sagte er, indem er sein Auge bedeutsam auf sie heftete.

Nun, dann? fragte sie.

Dann verdient er das Glück nicht, das die Götter nur zu oft wunderlich austheilen, war die Antwort. Das launenhafte Glück, welches schon die Griechen so fein und sinnig auszudrücken wußten, wenn sie Venus mit dem rohen, plumpen Vulkan vermählten.

Herr Assessor Stephani! rief Elise ein wenig lauter, drohend aber mit einem schalkhaften Blicke und einem reizenden Lächeln.

Er führte die schmale Hand an seine Lippen und fuhr dann leise fort. Ach! Vulkan war wenigstens ein höchst nachsichtiger Eheherr; wenn aber dieser, wie ich leider glauben muß, schuldbeladene Freier oder Freiherr von Gravenstein Ihnen mit Prätensionen entgegen treten wollte, so mag er sich hüten. Denn sind nicht in Ihrer Hand alle Mittel, um ihn erröthen und verstummen zu machen?

Ei gewiß! erwiderte sie lebhaft. Die Mittel besitze ich.

Und eigentlich verdient dieser klägliche Sünder Ihre Verzeihung nicht, sagte Stephani. Wie gütig sind Sie, wie sanft schlägt dies schöne Herz! Welche edle Selbstüberwindung gehört dazu, einem Bräutigam zu vergeben, für welchen eine so unbedeutende Erscheinung noch Anziehungskraft besitzen konnte.

Elisens Augen glänzten unwillig, ihr Gesicht röthete sich. Stephani hatte den rechten Ton getroffen. Ich weiß nicht, sagte sie, was Sie meinen können, aber, wie es scheint, bin ich schon bis zu Ihrem Bedauern herab gesunken.

Nein, bis zu meiner innigsten, aufrichtigsten, mein ganzes Herz erfüllenden Theilnahme, flüsterte er, ihre zitternde Hand leise drückend.

Jetzt öffnete die Geheimräthin die Thür des Ecksalons, aus welchem der große Christbaum leuchtete. Geschwind, Elise, rief sie mit frohem Tone, und Sie Alle, meine lieben Freunde, treten Sie ein, treten Sie Alle ein!

Wir wollen nicht die Herrlichkeiten des stattlichen Aufbaues beschreiben, aber es war für alle Theilnehmer etwas vorhanden. Der Professor ergötzte sich mit einem eleganten Lesepulte und sah ungemein feierlich und erhaben aus, indem er betheuerte, täglich seine Studien daran machen zu wollen. Obwohl schon jetzt wenige Mathematiker sich mit ihm zu messen vermöchten, würde nun unfehlbar keiner mehr, wenigstens unter bekannten Nationen, vorhanden sein, der den Vergleich aushalten könnte. Herr Zippelmann betrachtete seinerseits gerührt einen feinen Wollenshawl und bunte Morgenschuhe, die er mit einem innigen Lächeln streichelte und befühlte. Hehe! rief er, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, aber damit hält man die deutsche Einheit allenfalls aus. So ein Shawlchen drei Mal um den Hals geschlungen und die Füße warm und ein neuer Schlafrock — hehe, liebster Geheimrath, da lassen wir sie kommen, da warten wir sie geduldig ab bis an unser seliges Ende.

Der Assessor vertiefte sich inzwischen im Anblick eines von Perlen gestickten Notizbuches, in welches Elise einige widmende Zeilen geschrieben hatte, aber sie, die schöne Braut flog von Stuhl zu Stuhl, von Tisch zu Tisch, denn überall fand sie eine Fülle der reizendsten Gaben. Hier glänzende Stoffe, dort Putz und Schmuck. Verwandte und Freunde hatten die Gelegenheit benutzt, ihre Theilnahme durch eingesandte glückwünschende, beziehungsvolle Briefchen nebst Beilagen auszudrücken, und selbst Herr Zippelmann hatte ein billig auf einer Auktion gekauftes und neu aufgesottenes Armband, nach Gott weiß wie vielen Seufzern sich abgerungen. Jetzt aber faßte plötzlich der Professor in seine Tasche und überreichte Elisen ein Schachspiel, da er selbst sie früher in Schach unterrichtet hatte, und in einem dreieckig gefalteten äußerst wichtigen Briefe, den er vorlas und auf jede Anspielung mit hoch gezogenen Augenbrauen, den Finger an der Nase, vorbereitete, erklärte er die Bedeutung der Figuren und die Wichtigkeit und Macht der Königin, welche zum Schutz ihres Gemahls nach allen Richtungen schlage, Alles niederwerfe und besiege, was das Wohlsein ihres theuern Lebensgefährten bedrohe; dennoch aber wohl auf ihrer Hut sein müsse, damit man nicht auf verbotenen Wegen sie ertappe, wohl gar umringe und einsperre, wobei es vorkommen könne, daß sie an einem gemeinen Bauer ihre Freiheit verlöre.

Stephani lachte Beifall klatschend am lautesten über diese Auslegung, auch der Geheimrath stimmte ein. Herr Zippelmann umarmte den Professor und grinste ihn zärtlich an. Hehe! schrie er, ausgezeichnet! Das muß gedruckt werden, ausgezeichnet! Sie Spaßvogel Sie! die ganze deutsche Einheit haben Sie abgemalt. Die Könige sind nichts ohne die Bauern und die Königinnen verlieren ihre Freiheit an die gemeinen Unterthanen, wenn sie nicht pfiffig sind und sie bei Zeiten beseitigen. Professor, Sie müssen einen Orden bekommen. Hehe! Sie müssen einen Orden bekommen und in den Staatsrath gesetzt werden.

Ich bitte Sie, Zippelmann, kein Wort mehr! rief der Professor mit Entrüstung. Orden! hier habe ich meinen Orden — er setzte den Finger auf seine Brust. Staatsrath! hier ist mein Staat! Er schlug mit der Hand vor seine Stirn. Mehr brauche ich nicht, mehr braucht kein Mensch! Aber Sie verstehen mich nicht, Freund. Niemand versteht mich! wiederholte er mit einem schwermüthigen Kopfschütteln, denn Geister giebt’s, die einsam wandeln müssen! sagt Shakespeare.

Er wendete sich langsam um, denn eben stieß Elise einen lauten Schrei der Freude aus. — Auf einem Nebentischchen stand ein Kästchen, welches sie so eben geöffnet hatte und dessen Inhalt eine ungemein schöne Broche von künstlichster Arbeit in Gold und römischer Mosaik war.

O! Alfred, rief sie mit einem schmelzenden Liebesblicke, das ist Dein Geschenk. Ich weiß, es muß Dein Geschenk sein; denn ich erinnere mich, daß, als ich diesen reizenden Schmuck gesehen hatte, ich Dir davon erzählte.

Dennoch, erwiderte Gravenstein beharrlich, ist es nicht mein Geschenk.

Elise wandte sich von ihm ab, während er ihre Hände fest hielt und blickte Stephani an. — So müßten Sie es denn sein, sagte sie erregt, Sie waren gegenwärtig, als ich davon sprach.

Stephani antwortete mit einem vielsagenden Lächeln, Gravenstein aber hatte inzwischen einen ziemlich unscheinbaren Ring mit einem kleinen Brillant von seinem Finger gezogen. Theure Elise, sagte er, ich habe den bunten Tand verschmäht, den man gewöhnlich schenkt. Was ich besitze, wird auch Dein sein, was Du wünschest, wird Dir zu Gebote stehen. Trage diesen einfachen Ring als ein Zeichen des Bundes zwischen uns; er gehört zu dem Liebsten, was ich mein nenne. Meine Mutter gab ihn mir als ich von ihr ging in die Welt; wenn ich ihn an Deiner Hand sehe, wird er wie ein Magnet mich beherrschen, und wenn irgend eine dunkle Wolke sich zwischen uns drängen wollte, dann wird er die Sonne sein, die alle Nebel zu überwältigen vermag.

Elise war sichtlich überrascht, das hatte weder sie noch irgend Jemand vermuthet. Sie erwartete, reich und überreich beschenkt zu werden; alle ihre Freundinnen hatten im Voraus neugierig Glück gewünscht zu den auserwählten, kostbaren Gaben des reichen und verliebten Bräutigams, und jetzt hielt sie den werthlosen Ring in ihren Fingern, die Augen fest darauf geheftet, im Kampfe um ein geheucheltes Lächeln, das ihr empörter Stolz und ihre Eitelkeit nicht hervorzurufen vermochten. Sie hörte zu ihrer Seite ein Flüstern und konnte in Stephani’s Gesicht den Ausdruck des Hohns erkennen. Deutlich glaubte sie zu hören, wie er vor sich hin sagte: Immer die gute Selige, immer diese unvergeßliche Mutter, die als Schutzengel über dieser Ehe schweben und ihr als Vorbild voranleuchten wird.

Ich danke Dir für dies Geschenk, brachte sie endlich über die Lippen, es wird mir immer sehr werth und lieb sein. Aber der Ton war kalt, und ohne daß sie es vermochte, die Augen zu Alfred zu erheben, legte sie den Ring mit einer Hast, als würfe sie ihn von sich, auf den Tisch. Er rollte darüber hin, fiel und kollerte auf dem Boden weiter zu Alfreds Füßen, der sich schweigend bückte, um ihn aufzuheben.

Bei dem Falle des Ringes sah Elise ihren Verlobten an und sie erschrack vor seinem Blicke. In seinen Mienen war keine Spur von Zorn oder Aufregung, kein finsterer Zug, der sonst so leicht sein hartes Gesicht noch mehr verdüsterte; aber in seinen Augen brannte ein Schmerz, der sie bestürzt machte. Eine ahnungsvolle Frage lag darin, die wie erwachte Reue und erkannte Täuschung sie anleuchtete.

Laß mich suchen, Alfred, laß mich suchen, ich muß meine Unbesonnenheit büßen, rief sie in ihrer alten neckischen Weise, indem sie sich ebenfalls bückte und seine Hand ergriff, die wie Feuer brannte.

Gravenstein steckte den Ring wieder an seinen Finger und sagte so mild er konnte, aber mit Entschiedenheit: Ich habe ihn wieder, er ist zu mir zurückgekehrt und vor der Hand will ich ihn für Dich verwahren.

Der ganze Auftritt hatte etwas Peinliches. Niemand mischte sich ein. Der Geheimrath und seine Gemahlin lächelten bald, bald blickten sie ernsthafter und flüsterten sich zu. Herr Zippelmann machte alles nach und brummte dem Professor etwas ins Ohr von der Einheit Deutschlands, die ganz akkurat so sich die Ringe vor die Füße würfe, wobei er sich ungeheuer vergnügt die Hände rieb. Der Professor stand in würdevoller Starrheit, abgetrennt von Zeit und Raum und nur Stephani schien unbefangen wie immer zu sein und mit vollkommener Ruhe sich an den Ofen zu lehnen.

Ehe jedoch irgend eine Wendung Elisens erstauntes und erzürntes Gesicht erheitern konnte, öffnete der Bediente mit der rothen Nase die Thür und sagte in seiner weihnachtsfreudigsten Unterthänigkeit: Ein Herr wünscht den Herrn Baron zu sprechen. Seinen Namen will er nicht nennen, aber wie der Knecht Ruprecht sieht er aus, als hätte er unter seinem Mantel den ganzen Weihnachtsmarkt.

Herein mit ihm! rief der Geheimrath, der froh war, eine Unterbrechung zu finden. Das ist eine Ueberraschung von Ihnen, Alfred; jetzt kommt das Beste, Elise. Ich dachte es wohl, daß Du vollkommen Unrecht haben müßtest; daß noch irgend etwas im Hintergrunde wäre.

Mit süßem Erröthen und mit Blicken, die Freude und Verzeihung ausdrückten, wandte sich Elise zu dem stummen Freunde, allein schon im nächsten Augenblicke war ihr hoffendes Lächeln winterlich verwandelt. Denn was sie nie gemeint hatte, hier zu sehen, der Mensch, welcher ihr am widerwärtigsten war und dessen Anblick sie jetzt mit Angst und Abscheu erfüllte, Felix Herzer trat herein und sein Auge fiel zunächst auf sie, dann auf Gravenstein, dem er sich mit einem leichten Gruße näherte.

Das Erstaunen und Entsetzen der Gesellschaft, deren erster Freudenslaut, als er über die Schwelle trat, mitten im Tone erstarrte, der zurückprallende Professor und Herr Zippelmann, welcher, von jäher Furcht ergriffen, sich hinter den Assessor flüchtete, mochte eben so wohl die Ursache des spöttischen Zuckens sein, das um den Mund des gefährlichen Gastes schwebte, wie die verdüsterten Gesichter des geheimräthlichen Paares, das über die Frechheit dieses Eindringens alle Fassung verloren hatte.

Verzeihen Sie mein störendes Erscheinen an diesem Orte, sagte Felix umherblickend, ich glaube jedoch dazu berechtigt zu sein. Herr von Gravenstein, ich habe mit Ihnen wenige dringende Worte zu wechseln. Wollen Sie mir diese gestatten?

Alfred schien unschlüssig, er antwortete nicht. Elise hatte den Arm in seinen Arm gelegt und abgewendet von Felix ihm etwas zugeflüstert, was er mit einem finstern, fragenden Blicke auf den jungen Herzer beantwortete.

Nur wenige Minuten, fuhr dieser auf das offene Nebenzimmer deutend fort, schenken Sie mir Gehör. Es ist wichtig, so wohl für mich wie für Sie, daß Sie mich hören.

Nein! flüsterte Elise halb laut, sich gegen Alfred lehnend, Du darfst diesen Menschen nicht hören. Er hat Böses im Sinne. Gerüchte, die ich nicht wiederholen mag, sind verbreitet worden über Dich und ihn, die mich auf’s Aeußerste beunruhigt haben.

Was wünschen Sie, Herr Herzer, sagte Gravenstein hart und abstoßend. Sie wählen in der That die unpassendste Stunde, um mich aufzusuchen.

Es ist nicht meine Schuld, antwortete Felix gelassen, aber ich beharre darauf, Ihnen jetzt zwei oder drei Minuten lästig zu werden.

Wenn es so sein muß, rief Alfred, einen Schritt vortretend, warum nicht hier auf der Stelle? Ich habe keine Geheimnisse zu bemänteln. Reden Sie, mein Herr, was haben Sie mir mitzutheilen?

Sie wollen es, versetzte Felix, und indem er eine kleine rothe Mappe hervorzog, fügte er hinzu: Mein Vater glaubte Ihnen und uns noch heut, am Weihnachtsabende, die Freude machen zu müssen, die Kapitalschuld zu tilgen, welche Ihnen zukömmt. Hier ist Geld, Herr von Gravenstein. Nehmen Sie es mit unserem besten Danke. Die großen Scheine lassen sich leicht übersehen, ich wünsche durchaus weiter nichts.

Aber mein Herr, erwiderte Alfred erstaunt und unwillig, warum heut, warum hier? Ich bin nicht im Stande, mich mit einem Geschäft einzulassen.

Ich forderte nichts als die Annahme des Geldes, sagte Felix, das uns so große Sorgen gemacht hat, und — die Rückgabe des Unterpfandes.

O! diese Papiere — diese Papiere! fiel der junge Edelmann ein, dessen Stirn sich erhellte. — Ich begreife es. Sie wollen Sie am Weihnachtsabend zurück haben. Hier sind sie, doch lassen Sie alles Weitere bis morgen.

Er faßte rasch nach seinem Taschenbuche, öffnete es und blickte erstaunt in die leere Abtheilung. — Was ist das? rief er heftig aus, indem er die andern Fächer durchsuchte, und plötzlich schien er von einem Gedanken jäh ergriffen zu werden, den er eben so schnell wieder von sich warf. — Unbegreiflich! sagte er vor sich hin. Die Papiere sind fort.

Fort?! antwortete Felix. Ihr Ehrenwort, dem ich vollen Glauben schenkte, hat mir Bürgschaft geleistet.

Mein Ehrenwort! rief Gravenstein, dunkel erröthend, ja gewiß, mein Ehrenwort! Diese Papiere — es ist unmöglich!

Ruhig, mein theurer Alfred, ruhig! sagte der Geheimrath, seinen Arm fassend und den furchtbaren starren Blick auf sich lenkend, den Gravenstein jetzt auf Elisen heftete. Sind es diese Papiere? fuhr er fort, indem er die Wechsel aus seiner Tasche holte und sie zwischen seinen Fingern in die Höhe hielt. Sind es diese werthlosen Dinger mit betrügerisch nachgemachter Unterschrift, welche man Ihnen als Unterpfand übergab mit der pfiffigen Clausel: auf Ehrenwort sie keinem Menschen zu zeigen? Er brach in ein lautes Gelächter aus und schlug die Zettel auseinander. — Zweitausend Thaler in drei Monaten zahlbar — Johannes Zippelmann. — Und hier dasselbe und nochmals dasselbe. So reden Sie doch, Herr Zippelmann. Wollen Sie zahlen? Reden Sie doch, Herr Stephani. Wie nennt man ein Unternehmen dieser Art? Was sagen unsere Gesetze dazu?

Zahlen? lächelte Herr Zippelmann, mit einem scheuen und triumphirenden Blick auf Felix. Es schaudert einem bis ins Herz hinein, daß so viel Laster auf Erden ist. Hehe! Laster und Sünde, die seit dem Freiheits- und Einheitsschwindel zehnfach größer geworden sind; aber zahlen — keinen Groschen! Nicht um eine Welt — keinen Groschen!

Es ist Fälschung und Betrug hier jedenfalls anzunehmen, sagte Stephani.

Also Fälschung und Betrug! rief der Geheimrath, und davor hat unsere Besorgniß Sie zu bewahren gesucht, theurer Alfred. Es blieb uns nicht verborgen, welche Künste man anwendete, um Ihr edelmüthiges Herz zu bestricken, um Sie in Sirenennetze zu ziehen, die für Sie gewebt waren.

Netze! sagte Gravenstein erblassend und seine krampfhaft geballten Hände öffnend. Was verstehen Sie darunter, Herr Geheimrath?

Ein andermal davon, Alfred; gewiß, wir wollen ein andermal davon reden, erwiderte Wilkau fein lächelnd. Jetzt handelt es sich darum, mit diesem beabsichtigten Betrug zu Stande zu kommen.

Geben Sie mir diese Wechsel zurück, sprach Gravenstein, indem er gebieterisch die Hand ausstreckte.

Wenn Sie es wünschen, will ich es thun, antwortete der Geheimrath, ihm freundlich zunickend; aber bedenken Sie wohl, Alfred, um was es sich dabei handelt.

Um mein Ehrenwort! sagte der junge Baron rasch, und um eine Sache, die, wie ich denke, mich allein angeht. Ich habe von diesem Herrn, Felix Herzer, diese Papiere als ein Unterpfand angenommen, gleichviel ob sie Werth haben, ob nicht; gleichviel, ob ich wußte, sie seien eine Posse in Wechselform oder ein Scherz, den wir uns Beide machten. Ich wußte genau, was ich that, und weiß eben so genau, was ich jetzt thun muß.

Er faßte die Papiere zusammen und wandte sich zu Elisen, die in einem Lehnstuhle neben ihrer Mutter saß, welche sie zu beruhigen strebte.

Ich habe nur noch Eines zu fragen, sagte er. Wie sind diese Papiere aus meinem Taschenbuch gekommen? Rede, liebe Elise, rief er, die Hände nach ihr ausstreckend, ich weiß, Du wirst wahrhaft sein.

Mein Gott! erwiderte die Braut ungeduldig lächelnd, Du wirst mir doch hier das Examen schenken?

Dann sprich einfach zu mir: Ich weiß es nicht! forderte er bittend.

Nein, sagte sie lachend, wir wollen den Scherz allseitig nicht weiter treiben, Alfred. Du weißt, heut morgen die Tropfen, dabei wurde Dein Taschenbuch untersucht.

Du — also Du! murmelte er tiefathmend.

Man hatte mir gesagt, Alfred, daß sie Dich betrügen wollten — vielleicht sind wir Alle getäuscht worden, Alle betrogen — aber ich verheimliche es nicht, meiner Liebe und meinem Glücke sollten Gefahr drohen von einer ränkevollen Nebenbuhlerin, die alle ihre Künste anwendete, um Dich und mich zu verderben.

Und darum, fiel Felix ein, der bisher still auf derselben Stelle gestanden hatte, darum verübten Sie einen Diebstahl für die gute Sache.

Elise wandte sich glühend vor Zorn zu ihm um, aber diese Röthe erlosch augenblicklich, denn über Felix Schulter fort sah sie in Claras Gesicht, die in Begleitung ihres Vaters so eben hereintrat.

Unverschämt! rief der Geheimrath, indem er Herzer anblickte. Was führt Sie hierher? Welche Versammlung soll hier gehalten werden? — Mein lieber Alfred, ich behalte mir vor, Ihnen alle nöthige Aufklärung zu geben, aber in meinem Hause bin ich Herr, und wenn Personen, die nicht hierher gehören, sich eindrängen, so machen Sie ihnen begreiflich, daß dies nicht der Ort sei, wo ihre Gegenwart irgend eine Berechtigung haben könne. Keine Berechtigung? erwiderte der Fabrikant, der sein gebeugtes Haupt aufhob und mit sanfter aber fester Stimme hinzufügte: Keine Berechtigung hätten wir an diesem Orte zu erscheinen, wo meine Ehre, die Ehre meiner Kinder auf immer vernichtet werden soll? Wo wir nichts wollen, als unsern unerbittlichen Widersachern zurufen: Gedenkt des Tages und dieser Stunde. Gebt uns Frieden und laßt ab, Unrecht und Schmach auf uns zu häufen.

Der Geheimrath wandte sich mit einer verächtlichen Handbewegung von ihm ab zu Alfred. — Noch einmal, sagte er, machen wir dieser Scene ein Ende. Sie ist peinlich genug für mich, wie für uns Alle. Thun Sie, was Sie wollen; ich für mein Theil kann in dem, was geschehen ist, nur eine schändliche, ehrlose Handlung erkennen.

Herr von Wilkau, antwortete Gravenstein, indem er seinen Platz verließ, dem Geheimrath entgegentrat und ihm starr ins Gesicht sah, ich muß bekennen, daß ich eine andere Ansicht von Ehre und Ehrlosigkeit habe. Ich frage in diesem Augenblick nicht, wie jene Papiere in Ihren Besitz gelangten, aber ich würde in Ihrer Stelle sehr glücklich sein, wenn dies so geheim wie möglich bliebe.

Sie haben gehört, Alfred, welche Sorgen uns drückten, sagte der Geheimrath, und wenn Sie sich selbst fragen, fügte er mit einer halb drohenden, halb lächelnden Kopfbewegung hinzu, werden Sie sich eingestehen müssen, daß ich alle Ursache hätte, ganz anders gegen Sie zu verfahren.

Ich kenne keine Ursache, gab Gravenstein stolz zurück, die Sie bewegen konnte, sich selbst in eine Lage zu bringen, welche ich nicht näher erörtern mag.

Genug und übergenug! rief Wilkau zwischen Heftigkeit und erzwungener Mäßigung schwankend. Wir wollen von Ihren abenteuerlichen Irrfahrten schweigen, allein das darf und will ich aufs bestimmteste verlangen, daß diese junge Dame da, in Gegenwart meiner Tochter, Ihrer Verlobten, nicht länger hier verweilt. Sehen Sie mich an, wie Sie wollen, Alfred. Ich halte Alles für gänzlich abgethan; mich verlangt wahrlich nicht danach, irgend wie den Gerichten vorzugreifen; ich will auch Nichts wissen, Nichts hören! Ich will es sogar zugeben, daß Frieden zwischen uns sein und bleiben soll für ewige Zeiten, was ganz von diesem Herrn Herzer und den Seinigen abhängen wird. Aber nun, wenn Sie mich recht verstanden haben, machen Sie der Sache ein Ende; Ihnen gegenüber werde ich mich vollkommen rechtfertigen.

Nein, mein Herr, sagte Clara, indem Sie Ihren Vater verließ und mit strahlenden Augen sich vor den großen Mann stellte, mir gegenüber haben Sie sich zu rechtfertigen.

Ihnen gegenüber, mein schönes Kind? fragte Wilkau, indem er sie mit frivoler Herablassung betrachtete. Wir wollen vergnügt und verträglich sein, wir wollen vergessen und vergeben; allein, fügte er hinzu, sich zu ihr niederbeugend, und seine Stimme wurde leise, obwohl er sehr deutlich und langsam sprach — wenn Sie wieder nächtliche Promenaden machen und romantisch auf Kirchhöfen umherschwärmen, so wählen Sie einen andern Freund als den, der hoffentlich sich niemals mehr dazu herbeilassen wird.

Ist es möglich! — o! — ist es möglich! flüsterte Clara todtenbleich ihre Hände im tiefsten Schmerze zusammenfaltend. Ihr Auge heftete auf Alfred mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke des Vorwurfs und der Anklage, dann aber wandte sie sich zu ihrem Bruder um, der neben sie getreten war, und den Geheimrath in einige Bestürzung versetzt hatte.

Herr von Wilkau, sagte Felix, ich weiß, wie Sie über mich denken, und erlaube Ihnen gern von mir zu behaupten oder auszusprechen, was Ihnen gefällt. Wagen Sie es aber meine Schwester zu beleidigen, mit verläumderischer Bosheit die anzutasten, deren natürlicher Beschützer ich bin, so werde ich Ihnen die ganze Reihe Ihrer unsittlichen Bestrebungen vorhalten und Sie öffentlich so behandeln, wie Sie es verdienen.

Wirklich! rief der Geheimrath von geheimer Furcht und Wuth erfüllt. Sie wollen das — Sie? — Entfernen Sie sich augenblicklich — wir werden uns weiter sprechen. Diese Frechheit ist unglaublich!

Unglaublich! schrie der Professor, sich an der Binde in die Luft ziehend.

Hehe! der Bursche wird gemein, schrie Zippelmann, über den Professor stolpernd, als Felix sich nach ihm umsah.

Welch entsetzlicher, abscheulicher Auftritt! rief Elise in den Armen ihrer Mutter, welche der Assessor unterstützte. Giebt es denn kein Mittel uns von dieser Gesellschaft zu befreien? Alfred, wenn ich denken müßte — ich verlange von Dir, diesen Menschen offen zu erklären, daß Du nichts mit Ihnen gemein hast.

Sei ruhig, mein Kind, sagte der Geheimrath, sei ganz ruhig. Von einer Gemeinschaft kann nicht die Rede sein. Fräulein Clara wird schweigen, sie wird gewiß schweigen, denn sie wird nicht wollen, daß ich sprechen soll. Oder meinen Sie etwa nicht? rief er mit Hohn auf das junge Mädchen niederblickend, die ihre volle Fassung wieder gewonnen hatte. Wenn ich schweige, so habe ich meine Gründe, im Uebrigen aber —

Hier unterbrach ihn die volle stolze Stimme Clara’s, die im Gefühl ihres Rechtes ihn mit überlegener Kraft anblickte. Reden Sie, rief sie ihm zu, ich befehle es Ihnen! Sie sollen mich nicht verläumden, wo Zeugen vorhanden sind, die ich im Namen der Wahrheit nicht vergebens auffordern werde.

Gewiß nicht, erwiderte Alfred, der sich ihr näherte und mit steigender Wärme zu ihr sprach. Es scheint, fuhr er lächelnd fort, als habe man eine strenge und geheime Ueberwachung zwar über uns verhängt, dennoch aber die rechten Fäden nicht gefunden. Jene nächtliche Scene, Herr Geheimrath, hat allerdings statt gehabt und ich bin dabei zugegen gewesen. Der, den sie zunächst angeht, wird wahrscheinlich den Muth nicht besitzen, Ihnen jemals die Wahrheit zu bekennen; ich aber betheure Ihnen mit meinem Ehrenworte, daß ich in jener Nacht mit Hochachtung für Fräulein Clara nach Haus zurückkehrte, und daß ich dem Zufalle sehr dankbar bin, der mich in Besitz eines Geheimnisses setzte, durch welches ich mich überzeugen konnte, wie nichtswürdig die Ränke sind, welche das Glück und die Wohlfahrt dieser jungen Dame anzutasten wagten.

Anzutasten wagten! wiederholte Elise mit glühenden Wangen. Was soll das heißen, Papa? Was ist geschehen? Was hast Du mir verschwiegen?!

Da haben Sie es, Alfred! rief Wilkau mit einem bitteren Lächeln. Schütten Sie kein Oel ins Feuer, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, Elise darf nichts weiter hören.

Alles soll sie hören, Alles! erwiderte Gravenstein. In welche unwürdige und elende Intrigue bin ich verstrickt worden?

Das ist das richtige Wort, sagte der Geheimrath; aber, mein Lieber, lassen wir doch die Details.

Nicht wo es sich um meine Ehre handelt; nicht wo ich die Ehre einer verfolgten und gekränkten Dame zu vertreten habe.

Der Geheimrath war mit seiner Geduld zu Ende. Der Zorn lief über seine Vorsicht hin; er verwünschte den tölpelhaften Eigensinn, den er schonen mußte, und der ihn dafür rücksichtslos an den Pranger stellte. — Die trotzige straffe Gestalt des Freiherrn war so unbiegsam wie ein Eichbaum, und sein Gesicht sah so roh ehrlich aus, als wolle er einen offenen Bruch herbeiführen.

Mein Gott! rief Wilkau, Sie müssen genachtwandelt haben, Herr von Gravenstein, oder was war es sonst, das Sie antrieb, Abends spät dem ehrenwerthen Fräulein hier Fensterpromenaden zu machen, und Briefchen aufzulesen, die hinausgeworfen wurden. — Nun, es waren Grillen, nichts als Grillen, fuhr er besonnener fort, als er den Eindruck bemerkte, den seine Enthüllungen auf Gravenstein machten. Man kann sich ja denken, was Sie bewog, und es ist nichts geradezu Unrechtes. Sie lieben Saitenspiel und Gesang und dazu kömmt der Reiz des Wunderbaren, das verlockende Entgegenkommen. Nicht wahr? Haha!

Hehe! fiel Herr Zippelmann ein, lachen Sie doch, Professor. Ihnen ist Sie auch einmal entgegen gekommen, und wenn ich gewollt hätte, hehe! aber keinen Groschen, keinen Pfennig, hehe!

Schweigen Sie! versetzte der Professor geschmeichelt grinsend, indem er auf Elise blickte. Mir sind sehr Viele entgegen gekommen, aber ich — nie!

Inzwischen hatte Gravenstein in stolzer Verwirrung Clara’s Hand genommen. Ich habe Sie um Verzeihung zu bitten, sagte er, denn wirklich habe ich an ihrem Fenster gestanden, und wahr ist es, daß ein Brief in meinen Besitz gerieth, der nicht für mich bestimmt war. Aber wissen Sie, Herr Geheimrath, fuhr er fort, indem er sich zu Wilkau umwandte, daß ich ihre Auslegung meiner Handlungen sowohl, wie die weiteren Beziehungen, welche Sie damit verknüpfen, für Verläumdungen erkläre, die ich verachte und verabscheue.

Wie? rief der Geheimrath erbleichend, das sagen Sie mir, Alfred!

O, mein Gott! schrie die Geheimräthin, lieber guter Alfred, besinnen Sie sich. Elise, komm her, gieb ihm Deine Hand. Gravenstein! was thun Sie an Wilkau, an uns, die wir Sie so herzlich, elterlich lieben.

Meine Hand?! Ich bitte Dich, Mutter! rief Elise, die mit Heftigkeit sich sträubte und befreite, als die Geheimräthin sie Alfred nähern wollte. Wer mir so gegenüber steht, so mein Vertrauen verhöhnt, solche Schmach über mich bringt, kann unmöglich wollen, daß ich einen Schritt thue.

Mitten in dieser Verwirrung war der Bediente mit der rothen Nase in’s Zimmer geschlüpft und hatte dem Geheimrath Etwas zugeflüstert.

Herein mit ihnen! rief Wilkau, auf der Stelle herein. Nur ein Wort noch, Alfred, um Ihnen die Augen zu öffnen. Da, da! fuhr er fort, auf Anton und Guste deutend, die eben von Friedrich hereingeschoben wurden, diese beiden Personen, welche vor dem Hause aufgefunden und heraufgenöthigt worden sind, kommen zur rechten Zeit, um Ihnen den Beweis zu liefern, wie ehrenhaft die Personen sind, deren Ehre Sie vertreten.

Anton Mertens, fuhr er mit feierlicher Betonung fort, im Namen Deines verewigten Vaters, der mir ein treuer Diener und Freund war, befehle ich Dir, aufrichtig zu sagen, ob diese Dame hier nicht mit dem jungen Herrn ein und dieselbe Person ist, welche von einem Säbelhiebe verwundet, von Euch verborgen wurde, als die Polizei sie verfolgte, und ob der Herr dort nicht derjenige ist, der das Pistol hier vor dem Hause abschoß, als er verbrecherischer Aeußerungen wegen verhaftet werden sollte?

Anton war im grausamsten Schrecken. Er schüttelte den Kopf und wandte seine ängstlichen Augen auf seine Frau, die ihm mit ihren unbefangenen Blicken und leisen Ellenbogenstößen Muth einzuflößen suchte und noch ehe der Geheimrath fertig war, ihre helle Stimme erschallen ließ. I, mein Gott! rief Guste, wie kämen wir denn dazu? Nichts können wir sagen, gnädigster Herr Geheimrath, und wie wäre denn das auch möglich, wegen der Länge der Zeit, der Nacht, der Verstörtheit und vielerlei anderer Umstände?

Ja, ja! fiel Anton triumphirend ein, so ist es, meine Herrschaften. Es ist alleweil unmöglich, darüber noch zu urtheilen.

Herr von Gravenstein, sagte Clara, ihre Augen glänzend und groß zu ihrem Beschützer aufschlagend, da es die Absicht des Herrn von Wilkau ist, Ihnen allein zu beweisen, wie Unrecht Sie thun, eine mit gränzenlosem Haß und gränzenloser Unwürdigkeit verfolgte Familie nicht verderben und zertreten zu wollen, so glaube ich Ihnen auch nur eine Antwort ertheilen zu dürfen. Wenn es wahr sein sollte, was über mich und meinen Bruder hier gesprochen wurde, und was jene beiden guten Menschen sich nicht abpressen lassen wollen — wenn Alles wirklich so wäre, können Sie dann selbst glauben, daß etwas Unehrenhaftes, Gemeines und Schlechtes mich in eine so entsetzliche Lage bringen konnte? Ich habe nichts mehr zu sagen, fuhr sie mit sanfter, leiser, aber fester Stimme fort. Ich habe so viel Leiden erfahren, so traurige Tage und Nächte erlebt, ich bin bereit, mich zu unterwerfen.

Welche Heuchelei! rief Elise laut und verächtlich, indem sie sich zu Stephani wandte.

Antworte nicht, Felix! sagte Clara schnell, da sie sah, wie ihr Bruder vortrat und seine zürnenden Blicke auf Beide richtete. Ich bitte Dich inständigst, meine Sache mir allein zu überlassen.

Dann nur wenige Worte für mich, erwiderte der junge Mann, und indem er den Geheimrath von Kopf bis zu Füßen maß, sagte er: Sie haben Alles gethan, um uns unglücklich und entehrt aller Schande preiszugeben, und Alles ist mißrathen; jetzt versuchen Sie das Letzte, aber auch dies fällt auf Sie und Ihre Helfershelfer zurück. Hüten Sie sich weiter zu gehen, es liegt ein Abgrund vor Ihnen, in den Sie mit Hohn und Schmach beladen stürzen werden. Rufen Sie die Gesetze gegen uns auf, ich will den Richtern Erklärungen geben, und alle die Menschen dort, die Narren und Schufte, welche Sie Ihre Freunde nennen, werden dabei eben so übel fortkommen. Nehmen Sie daher meinen guten Rath an und schweigen Sie gegen Jedermann; am wenigsten aber forschen Sie den Verbrechern nach, die Sie so gern den Häschern überliefern möchten. Es könnte Sie bitter gereuen, wenn es bekannt würde, wer der Elende war, den Sie suchten. Wenden Sie sich an den Herrn Stephani dort und hören Sie, was er Ihnen räth. Nicht wahr, Herr Stephani, Sie rathen zum Frieden? Sie verlangen nicht, daß dieser Pfuhl von Gemeinheit und Büberei jemals aufgedeckt werde?

Ich möchte allein verlangen und wünschen, sagte Stephani ruhig, daß Sie sich bereit finden ließen, diese Scene zu beenden.

Sehr würdig und sehr gerecht! versetzte Felix spöttisch. Ich glaube in der That, wir haben hier nichts mehr zu thun.

Alfred! rief Herr von Wilkau. Halt! Bleiben Sie — Herr von Gravenstein, ich habe ein Recht zu fordern, daß Sie bleiben.

Gravenstein hatte Clara seinen Arm geboten, um sie aus dem Zimmer zu führen. Welches Recht? fragte er stolz zurücktretend, und ohne ein weiteres Wort entfernte er sich.

Ein krampfhaftes Gelächter Elisens folgte ihm nach. Sie sank in den Lehnstuhl und bedeckte ihr glühendes, von Leidenschaft, Haß und tief gekränktem Stolz verzerrtes Gesicht mit ihrem Tuche. Stephani beugte sich tröstend über sie. Die Geheimräthin weinte; Wilkau stand wie erstarrt, die Hände geballt, seine Lippen bebten.

Hehe! schrie Herr Zippelmann, der Bube, der Felix! Liebster Geheimrath, wie sehen Sie aus? Gerade wie am Achtzehnten. Die verfluchte Einheit! Die deutsche Einheit! Aber, hehe! Professor, fassen Sie zu. Ich habe es immer gesagt, Alfredchen hatte etwas, was mir nicht gefiel.

Mir auch nicht, redete der Professor majestätisch den Kopf erhebend und seine Binde hoch ziehend. Er verstand mich nicht, Niemand verstand mich — jetzt sehen Sie die Folgen!

Gravenstein begleitete inzwischen Clara schweigend bis zu ihrer Wohnung. Felix führte den erschöpften Vater, Mertens mit seiner Frau hatten sich still davon gemacht, um die wahrscheinlichen Folgen dieses Abends in Ruhe zu bedenken. Ohne Zögern öffnete Alfred die Thür des Hauses und erst, als er in dem Wohnzimmer stand, wo die Lampen und Kerzen zwischen den Blumen und Festgeschenken noch brannten, brach er sein beharrliches Schweigen.

Seine finsteren Züge wurden weicher und seine Augen flogen über den einsamen Festtisch und die niedergebrannten Lichter hin, deren melancholisch düstres Geflimmer zu dem kummervollen Ernst der Anwesenden paßte.

Herr Herzer, sagte Alfred, ich bin Ihnen Genugthuung schuldig. Ich habe mich hinreißen lassen, ein Werkzeug abzugeben, das Sie verfolgen und verderben sollte. Als ich zuerst hier in diesem Zimmer war, überkam mich das Gefühl der Wahrheit. Ich suchte nach einem Auswege und fand ihn, indem ich das Unterpfand annahm, welches mir Ihr Sohn bot. Es war mir gleichviel, was es war, ich sah auf der Stelle, welche Absicht dabei waltete, aber ich war eben so überzeugt, daß das Pfand eingelöst werden würde. Ich würde Sie nie darum gedrängt haben, seien Sie dessen überzeugt, doch es ist anders gekommen. Hier sind die Papiere, nehmen Sie sie zurück. Ich bin schmerzlich getäuscht worden. Morgen verlasse ich diese Stadt; behalten Sie das Geld, bis ich es fordern werde.

Nicht also, sagte der Fabrikant. Das Kapital müssen Sie jetzt nehmen.

Das Einzige, was mich tief betrübt, fuhr Gravenstein fort, ist, daß ich mich anklagen muß, der Verläumdung Nahrung gegeben zu haben, welche die Ehre Ihrer Tochter anzutasten wagt. Aber glauben Sie, mein Herr, glauben Sie, Herr Herzer, fügte er stockend hinzu und langsam wandte er sich zu Clara um, diese Ehre ist mir so theuer, daß, wer es wagen will, sie zu berühren, auf mich treffen wird — auf mich!

Herr von Gravenstein, antwortete Herzer, ich danke Ihnen für diesen Trost, der mir wohlthut. Ja, diese Menschen haben tief in Alles gebohrt, was Menschen heilig ist, was aber meine Tochter betrifft, so ist es mein Entschluß, sie allen weiteren Anfechtungen zu entziehen. Clara wird in wenigen Tagen mit ihrem Bruder nach New-York gehen.

Eine heftige Ueberraschung schien die plötzliche dunkle Röthe in Gravensteins Gesicht zu bringen. Er stand stumm vor dem alten Vater, dann ließ er das Auge über Clara gleiten und sah ihr mit einem langen, fragenden Blicke ins Gesicht.

Ist es wahr? sagte er endlich.

Mein Vater will es so, erwiderte sie.

Aber Sie — Sie! rief er heftiger und seine Hand streckte sich aus, er hielt ihre Finger fest zwischen den seinen, die darin zitterten. Nein, Sie dürfen nicht gehen, fuhr er fort, wenn ich es ändern kann. Hören Sie mich an, Herr Herzer, und entscheiden Sie darüber. Ich muß fort — daß ich muß, werden Sie gerechtfertigt finden. Aber ich werde wiederkehren. Wenn der Sommer kommt, werde ich an Ihre Thüre klopfen, mein Geld begehren und — wenn Clara’s Stimme mich ruft, dann werde ich Sie von Ihnen fordern. Und nun, gute Nacht, Clara. Was war es, was jener unheimliche Mensch Ihnen von mir sagte und was Sie ihm antworteten? Ich werde Sie fragen, Clara, wenn ich wieder komme und Sie wiederfinde, dann sollen Sie mir Antwort geben.

Er zog ihre Hand an seine Lippen, ein Lächeln flog durch seine Züge und plötzlich war er hinaus, so rasch, daß Thür auf Thür zuschlug, ehe seine letzten Worte zu verklingen schienen.

Herzer stand einige Minuten nachsinnend vor seinen Kindern. In seinen Augen schimmerte eine Freude, die er niederkämpfte, um ruhig zu scheinen.

Felix hatte beide Arme um seine Schwester gelegt, die ihr Gesicht an seine Brust lehnte.

Sage mir, Clara, fragte ihr Vater, sage mir, ob Du gehen oder bleiben willst?

Bleiben, mein theurer Vater, bleiben wo Du bleibst, rief sie ihm entgegeneilend, und erwarten, daß der nächste Weihnachtsabend uns glücklicher beisammen findet!

Das Jahr ist verflossen und der Weihnachtsabend ist wiedergekommen. Eben als es dunkeln wollte, hielt ein eleganter Wagen vor der Thür des Fabrikanten. Alfred von Gravenstein hob seine junge Frau heraus, die mit schnellen Schritten ins Haus eilte.

Wo ist mein Vater, fragte sie?

Oben im Saale, erwiderte die Haushälterin in seliger Geschwätzigkeit. — O! der liebe Herr hat den ganzen Tag gewartet und geseufzt. Endlich ist er allein hinauf gegangen, um den Christbaum anzuzünden.

Clara flog die Treppe hinauf. Da brannte der helle Baum. Es war wie es sonst war, aber der alte Mann stand, die Hände gefaltet allein in dem stillen Saale. Ein Ruf, ein lauter Schrei, und Clara lag an seinem Herzen. Er hielt sie in seinen Armen, er faßte ihren Kopf in beide Hände, um sie zu betrachten, bis seine feuchten Augen sie nicht mehr erkennen konnten.

Du bist glücklich, mein geliebtes Kind? fragte er.

Unaussprechlich glücklich, Vater! Alfred lebt für mich; gar Vieles ist anders geworden in ihm!

Herzer lächelte froh dem jungen Manne zu, der heiter und stattlich vor ihm stand.

Aber mein Bruder! fragte Clara. Wie geht es ihm?

Gut, sagte Herzer, alles gut! Ich habe heut einen Brief von ihm. Unser Geschäft gedeiht, er ist zufrieden. Seinen Brief an Dich baue ich Dir auf, sammt einem Glückwunsch von Mertens und seiner Frau. Du weißt, Felix hat sie beide nachkommen lassen und es geht ihnen gut alleweil, rief er lachend. Alle wirst Du wiederfinden, fuhr er dann fort, nur Einer hat das Zeitliche verlassen, Herr Zippelmann. Der ist selig gestorben, ohne die deutsche Einheit zu erleben und hat sein ganzes Vermögen Elisen vermacht, das heißt der Frau Geheimen Regierungsräthin Stephani.

O! wohl bekomm’ es ihr, rief Clara, Alfred umarmend. Nicht wahr, wir haben nichts dagegen?

Nichts gegen dies würdige Paar, lachte Gravenstein. Aber unser Freund, der Professor?

Ach der! sagte Herzer, der ist noch viel unbegreiflicher und seine Nase noch viel dicker und röther geworden.

Aber fort damit, fort mit ihnen Allen! Leuchte uns du, alter Baum, zum frohen Feste. Da bin ich bei meinen lieben Kindern. Wer hätte es gedacht, als ich das letztemal kummervoll vor ihm stand! Und wenn er wiederkehrt, Clara, wenn der alte Baum wieder brennt, wo werde ich dann sein?

Bei uns! rief Clara, den alten Mann zärtlich küssend, und dann — flüsterte sie ihm leise zu, dann kommen wir nicht allein!

Druck von Horning u. Co. in Berlin.

Die variierende Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche oder sinnentstellende Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

... Eine Rotte ven Elenden aller Art soll uns jedoch ... ... Eine Rotte von Elenden aller Art soll uns jedoch ...

... Hch habe eine andere Meinung von ihm gehabt, ... ... Ich habe eine andere Meinung von ihm gehabt, ...

... recht gern, wenn es sein muß, aber ich sage ... ... gebe recht gern, wenn es sein muß, aber ich sage ...

... süß grinsend; wie Sie wollen, Heer Baron, ich ... ... süß grinsend; wie Sie wollen, Herr Baron, ich ...

... Ich kenne ihn, was, will er? Was ... ... Ich kenne ihn, was will er? Was ...

... Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, jungen ... ... Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, junge ...

... und drückte ein Zettelchen hinein, daß wie eine ... ... und drückte ein Zettelchen hinein, das wie eine ...

... der Assessor, der muß uns helfen, daß ist der ... ... der Assessor, der muß uns helfen, das ist der ...

... welche, wir wir hoffen dürfen, heut morgen ... ... welche, wie wir hoffen dürfen, heut morgen ...

... Alfred von Grafenstein war den ganzen Tag ... ... Alfred von Gravenstein war den ganzen Tag ...

... ich ihn aufhängen lassen lönnte. ... ... ich ihn aufhängen lassen könnte. ...

... Er est verlobt mit der eitlen leichtsinnigen Elise, ... ... Er ist verlobt mit der eitlen leichtsinnigen Elise, ...

... Wie, mein Schwesterchern, sind das Reminiscenzen? ... ... Wie, mein Schwesterchen, sind das Reminiscenzen? ...

... wuchs! Er lachte auf, indem er die die Fülle ... ... wuchs! Er lachte auf, indem er die Fülle ...

... Und ich weiß es vielleicht noch besser, rie ... ... Und ich weiß es vielleicht noch besser, rief ...

... Nerven. — Luise soll ihn in die Kur nehmen, ... ... Nerven. — Louise soll ihn in die Kur nehmen, ...

... Kinde umher, voll Dankbarbeit und Seligkeit. ... ... Kinde umher, voll Dankbarkeit und Seligkeit. ...

... seine verkehrte Augen und sein noch verkehrteres ... ... seine verkehrten Augen und sein noch verkehrteres ...

... Ich weiß nicht, sagte sie, was sie meinen ... ... Ich weiß nicht, sagte sie, was Sie meinen ...

... und davor hat unsere Bosorgniß Sie zu bewahren ... ... und davor hat unsere Besorgniß Sie zu bewahren ...

... über Felix Schulter fort sah sie in Klaras Gesicht, ... ... über Felix Schulter fort sah sie in Claras Gesicht, ...

... flog durch seine Züge und plößlich war er hinaus, ... ... flog durch seine Züge und plötzlich war er hinaus, ...

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