Front matter (continued 3)
Reading edition
Sie werden sich gegenseitig betrügen, sprach Herzer vor sich hin.
Wer weiß, rief Felix. Gravenstein ist ein stolzer, straffer Mann, beschränkt in seinen Vorurtheilen, dennoch ein Mann von Ehre in seiner Art, der streng hält, was er verspricht, aber von seinem Schuldner wie von seiner Frau ganz dasselbe fordert.
Sage mir doch, fragte der Vater sich an den Sohn wendend, welche Mittel waren es denn, durch welche Du ihn bewegt hast, uns Geduld zu schenken?
Mittel, Vater? erwiderte Felix, weiß es Gott! meine Mittel waren gering genug. Ich stellte ihm unsere Lage vor, bat ihn mit Offenheit daran zu glauben, daß wir pünktlich zahlen würden, und daß er sein Geld am zehnten Tage spätestens haben sollte, was ich mit meinem Worte verbürgte.
Mit weiter nichts? fragte Herzer.
Vater! rief der Sohn lebhaft betroffen. Ihre Augen begegneten sich, es entstand eine Stille. Unruhe oder Mißmuth schickten ihre Schatten über das Gesicht des jungen Mannes. Plötzlich aber erhellten sich seine Züge wieder und mit der unbesorgten Ruhe und Heiterkeit, die der Grundton seines Wesens zu sein schien, sagte er: Besorge nichts, Du hast nicht den geringsten Grund, besorgt zu sein. Gravenstein hat mir zugesichert, bis übermorgen zu warten, ich werde halten, was ich übernommen habe. Alles löst sich daher, wie es sein muß; am Weihnachtsabend aber wollen wir einen funkelnden Christbaum aufrichten, und dankbar an den denken, der geboren wurde, um von den Pharisäern gekreuzigt zu werden, dieweil wir ihnen glücklich entrannen.
Herzer schwieg zu dieser Erwiderung. Sein Auge ruhte noch eine Minute lang auf seinem Sohne, der etwas in sein Taschenbuch schrieb, dann schien er seine Gedanken mit einem Entschluß von sich abzuthun, denn seine Mienen hellten sich auf und lächelnd reichte er Felix die Hand. — Ich weiß, sagte er, daß Du verständig und tüchtig bist, daß Dein Rechtsgefühl und Deine Ehre immer an dem richtigen Platz stehen. Meine Kinder! Ihr seid ja mein einziges Gut. In dieser trüben Zeit fühle ich erst recht, was es heißt, von meinen Kindern geliebt und getröstet zu sein.
Nach einem herzlichen Familiengespräch über Mancherlei, was das häusliche Leben betraf, wurde der Abendtisch bereitet und mit wirthlicher Anstelligkeit von Clara versorgt. Man sah, wie geläufig ihr die kleinen Mühen waren, wie sich alles schickte, was sie angriff und wie sorgsam und mit ordnender Hand sie dies Hauswesen leitete. Im schwarzen Kleide, das zierliche Häubchen auf dem dunklen Haar, sah sie wie eine blühende junge Frau aus, was endlich auch der Vater in seiner Freudigkeit aussprach und weitere Scherze daran knüpfte.
Was mich zumeist freut, sagte er, ist, daß ich Dich noch habe, mein Clärchen; daß noch Keiner gekommen ist, den Du lieber hättest als mich, und um den Du den alten Vater verlassen möchtest.
Nie werde ich Dich verlassen, erwiderte sie.
O! sage das nicht, Kind, fuhr er fort, das Schicksal könnte Dich beim Wort nehmen, wie es gern zu thun pflegt. Ein Mädchen soll ja auch Vater und Mutter verlassen, um mit dem Manne zu gehen, den ihr Herz gewählt hat, und so thöricht bin ich nicht, um nicht zu wissen, daß es so sein muß.
Ich werde mit Keinem ziehen! sagte Clara lächelnd.
Ei was! rief Herzer, Du willst doch nicht sitzen bleiben? Du bist freilich nicht so, wie Andere, nicht so, wie Fräulein Elise zum Beispiel, sehnst Dich nicht danach, von jungen Herren umtänzelt zu sein und heute dem, morgen jenem zu gefallen, bis Einer an der Leimruthe fest klebt.
Nun, fiel Felix lachend ein, die Leimruthe ist doch so übel nicht. Alfred von Gravenstein ist ein Vogel, den Viele gern gefangen hätten.
Er will Dich necken, Clara, sagte der Vater, als ob der blondhaarige, finsterblickende Baron Dir Neid einflößen könnte.
Felix weiß wohl, daß es nicht der Fall ist, erwiderte Clara.
Und ich weiß es vielleicht noch besser, rief Herzer, denn eine Seele wie die Deine kennt weder den Neid, noch wird sie sich von falschem Schimmer blenden und betrügen lassen.
Auch die reinste und edelste Seele kann getäuscht und betrogen werden, sagte Felix, indem er ernsthaft auf seinen Teller blickte. Giebt es nicht viele Fälle, wo die heiligsten Schwüre gebrochen, die Neigung eines liebenden Herzens mit nichtswürdigem Verrath vergolten wurde?
Es giebt allerdings solche Fälle, sagte Herzer, aber immer sind es schwache, eitle oder leidenschaftliche Mädchen, die sich an einen Mann hängen, dem sie blind vertrauen, der ihrem Hochmuth oder ihren sinnlichen Begehren schmeichelt, und dessen Falschheit sie erliegen, weil sie es kaum besser verdienen.
Du urtheilst sehr hart, sagte Clara ruhig zu ihm hinblickend.
Das ist mein Stolz, fuhr der Vater fort, daß ich nicht so über Dich zu urtheilen habe. Du kannst nicht betrogen und verrathen werden; Du würdest mit Deiner freien, muthigen und klaren Erkenntniß der Verhältnisse und Menschen Dich nicht von einem Manne berücken lassen, der Deiner nicht werth wäre.
Mir fällt eben eine Geschichte ein, die ich vor einiger Zeit gehört habe, sprach Felix. Ein schönes und liebenswürdiges Mädchen lernt einen jungen Mann kennen, der sich viele Mühe giebt, ihr zu gefallen. Sie trifft ihn in gesellschaftlichen Kreisen. Er ist geistvoll, schwärmt für alles Schöne und Edle, aber seine Verhältnisse zwingen ihn, sich vorsichtig zu benehmen; denn sein Vater ist ein hoher Staatsbeamter, er hängt von ihm ab, und hat nur Aussicht, Unabhängigkeit und Stellung zu gewinnen, wenn er seine wahre Meinung verbirgt.
Er heuchelte also, wie es Viele thun! sagte der Fabrikant.
Das Mädchen glaubt ihm und seinen Gründen, fuhr Felix fort. Sie verbirgt dem strenggesinnten Vater ihre Neigung und ihre Zusammenkünfte. Sie hofft, daß sich bald die Verhältnisse ändern, daß die Freiheit wiederkehren und ihr Geliebter dann glänzend hervortreten werde.
Die Thörin! rief Herzer, habe ich nicht Recht?
Statt dessen aber befestigt sich die Reaktion und geht weiter. Der junge Herr ist klug genug dies zu erkennen; er hört auch, daß das Mädchen, die er für reich gehalten, es nicht ist, weil ihr Vater viel verloren hat. Von jetzt an faßt er seine Entschlüsse. Er bemüht sich der Regierung seinen Eifer und seine Ergebenheit zu bezeigen, und was die junge Dame anbelangt, so macht er die nichtswürdigsten Versuche ihre Liebe zu benutzen, um sie zu entehren und dann zu verlassen.
Was ihm natürlich auch gelungen ist, fiel Herzer ein.
Was ihm nicht gelungen ist, sagte Clara sich aufrichtend.
Ihr Gesicht hatte sich geröthet, ihre Augen glänzten vor Bewegung, sie blickte ihren Vater lange und fest an, der langsam die Hände faltete und mit Gewalt zusammenpreßte.
Du kennst diese Geschichte also auch? fragte er.
Ich kenne sie genau, erwiderte Clara. Sie verhält sich ganz so, wie Felix sie erzählte.
Eine lange Pause folgte, endlich stand Herzer vom Tische auf und trocknete sich die Stirn. — Was ich thöricht bin, sagte er lächelnd, ich könnte mich fast vor Eurer Geschichte ängstigen, weil ich mir den Gram und Zorn des Mannes vorstelle, der solche Noth an seinen Kindern erlebt. O! man kann Vieles an Kindern erleben, viel Freude und viel Leid, aber laßt uns nur an die Freude denken. Meine Sorge ist Euer Glück, mein ganzes Herz ist voll Sehnsucht, Euch glücklich zu wissen, und kein Opfer wäre mir zu groß, wenn ich wüßte, daß eine Gefahr Euch bedrohte und ich könnte sie abwenden.
Mit seiner linken Hand umfaßte er die Tochter, die Rechte reichte er seinem Sohne. Dann küßte er Clara’s Stirn und sagte mit Heiterkeit: Man muß sich oft vor seinen eigenen Gedanken hüten, die unsere ärgsten Feinde sein können. Ich habe noch Einiges zu arbeiten und bin müde, zwei Dinge, die sich schlecht vertragen. Geht also für heut, und gute Nacht. In einer Stunde denke ich auch zu schlafen; morgen aber wollen wir sogleich Dein Wechselgeschäft ordnen und je eher je lieber Gravenstein befriedigen.
Er zündete ein Licht an und ging aus dem Zimmer in das Comptoir. Felix blieb bei seiner Schwester am Tische sitzen, ihre Hand ruhte in seiner Hand. Er verfolgte mit seinen Augen ihre Blicke mit rührender Besorgniß und Zärtlichkeit. Dann streichelte er ihre Stirn, legte den Arm um sie und betrachtete sie wieder, bis er seinen eigenen Gedanken nachging, die ihn in lange Betrachtungen versenkten. Es währte geraume Zeit, ehe ein Wort gewechselt wurde. Was ahnet er? sagte der junge Mann endlich vor sich hin.
Ich glaube Alles! antwortete Clara leise.
Alles! wiederholte er auffahrend, nein! nein! Aber, bei Gott, Clara! es liegt Etwas auf meiner Brust, was ich fort wünschte. Zum erstenmale in meinem Leben habe ich die Augen nicht aufschlagen können vor meinem Vater, und doch habe ich nichts gethan, dessen ich mich schämen müßte.
Was ist es also? fragte Clara.
Still! sagte er, frage mich nicht. Ich wollte, ich schwämme auf dem blauen Wasser und Du säßest dort bei mir, ich wollte es Dir erzählen. Sagtest Du nicht heut, daß Du mir etwas mittheilen wolltest?
Clara besann sich einige Augenblicke und schüttelte dann lächelnd den Kopf. Es ist nichts, sagte sie.
So schlaf, mein Clärchen, und behüt’ dich Gott!
Gute Nacht, mein geliebter Bruder, erwiderte sie. — Die Geschwister umarmten sich zärtlich, dann entfernte sich Felix, und das junge Mädchen war allein.
Sie hörte aufmerksam auf die Schritte ihres Bruders, der den Vorsaal öffnete und die Treppe hinaufstieg, dann blieb sie an der Thür zum Comptoir stehen, klopfte endlich an und legte die Hand auf den Drücker, als sie keine Antwort erhielt. Aber sie überzeugte sich sogleich, daß ihr Vater diesen Ort der Arbeit schon mit der Ruhe seines Zimmers vertauscht habe, und schob nun die Riegel vor, indem sie zugleich den Schlüssel umdrehte.
Clara war jetzt sicher, ungestört allein zu sein, und ohne Zweifel suchte sie sich vor jeder Ueberraschung zu behüten; aber Alles, was sie vor hatte, erweckte ihr keine Unruhe. Sie schien jeden Schritt vorher überlegt zu haben, den sie ohne Zaudern jetzt ausführte.
Nachdem alle Thüren verschlossen waren, ging sie aus dem großen Zimmer in ein finsteres Nebengemach und aus diesem in ein drittes. Nach einigen Minuten kam sie zurück, einen dunkeln weiten Mantel über dem Arme und eine Kappe in der Hand. Sie legte Beides auf einen Stuhl in der Ecke, setzte sich dann an den Tisch und zog aus einem Körbchen eine Häkelarbeit hervor, deren buntes Farbengemisch, verschlungen mit blitzenden Stahl- und Goldperlen, sie eine Zeit lang beschäftigte. — Nur zuweilen hielt sie einen Augenblick ein, um nach der großen Stutzuhr hinüber zu schauen, die auf dem Pfeilertisch stand; endlich aber ließ sie die Hände sinken und neigte ihr schönes weißes Gesicht tief nieder, um es mit dem Ausdruck stolzer Entschlossenheit wieder zu erheben.
Plötzlich hob die Uhr aus und schlug zehn mal, und als der letzte Schlag verklungen war, legte Clara die Arbeit zusammen und stand geräuschlos auf. Sie trug den Stuhl an seinen Platz, stellte das Arbeitskörbchen fort, und trat an das Instrument, um es zu schließen. Aber indem sie den schweren Deckel hob, hielt sie inne und horchte nach der Straße hinaus. Es war als stände draußen Jemand still, der mit schallendem Schritt nahe heran gekommen war. Das junge Mädchen schien die festen Läden mit ihren heißen Blicken durchbohren zu wollen, dann legte sie leise den Deckel wieder nieder. Sie setzte sich und ihre feinen schmalen Finger flogen leicht über die Tasten hin, ihre Lippen zitterten den Tönen nach, sie sang mit reiner Stimme, die mit jedem Worte voller und inniger wurde, das schöne Lied: „Auf Flügeln des Gesanges;“ doch mitten darin brach sie ab, um mit ihren Händen die widerspenstigen Augen zu bedecken.
In dem Augenblick, wo die Stille zurückkehrte, wurde ganz leise an eine Fensterscheibe geklopft und sogleich stand Clara auf, schraubte die Lampe herunter bis auf ein mattes Lichtgeflimmer, warf den Mantel über, band die Kappe eilig zusammen und verließ mit leisen Schritten das Zimmer durch die große Eingangsthür, welche sie hinter sich verschloß.
Eben so leise öffnete sie die Thür des Corridors und befand sich nun auf dem dunklen Hausflur. Sie trat in den Hof hinaus, nirgend war Licht. Der Himmel hing gleichmäßig schwarz über der Erde, feine Schneenadeln flogen durch die Luft und drangen kühl in Clara’s heißes Gesicht, die schweigend das schmeichelnde Schnauben eines großen Hundes abwehrte, der sich ihr genähert hatte.
Ohne Zögern ging sie an dem Fabrikgebäude hin und blieb einen Augenblick an der Mauer stehen. Es war ihr, als hätte ein Fenster geklirrt. Als jedoch nichts sich weiter regte, zog sie einen Schlüssel hervor und schloß die Thür auf, welche durch die Grenzmauer auf ein Seitengäßchen führte.
Mit eiligen leisen Schritten ging sie das Gäßchen hinauf und blieb an der Ecke eines freien Platzes stehen.
Es war der Kirchplatz, in dessen Nähe das Grundstück des Fabrikanten lag. Der alterthümliche, mächtige Bau löste seine düstre Masse in ungewissen Linien von der Finsterniß der Nacht ab. Die kleinen Häuser, welche ihn umringten, waren meist finster, nur da und dort fiel ein einzelner Lichtstrahl aus einem Fenster und schlüpfte über zwei oder drei alte Leichensteine, deren graue verwitterte Platten in den Boden gesenkt, die einzigen noch übrigen Spuren eines ehemaligen Kirchhofs waren. Ein paar hohe Bäume klapperten in ihren Gittern und Ecken mit nackten Zweigen und leise klingend fielen dann und wann von den ungeheuren Bogenfenstern der alten Kirche kleine Glasstückchen herunter, die der Wind mit hohlem Rauschen abbrach und der Vernichtung zuschleuderte.
Eine Minute stand Clara wankend an jener Stelle, dann ging sie mit langsamen Schritten über den dreieckigen kleinen Platz fort, an dessen entgegengesetzter Seite die Kirche dicht an die Häuser trat. Als sie bis in die Mitte gekommen war, hörte sie den Schritt eines Mannes, der ihr entgegen kam und wartend still stand, als er die dunkle Gestalt entdeckte.
Du bist es, Clara, sagte er leise, ich habe meine Sehnsucht kaum beherrschen können.
Ich bin es, mein Herr, ja, ich bin es, erwiderte sie gefaßt und ruhig, dicht an ihn herantretend. Ich habe Ihren Wunsch erfüllt, weil ich wissen will, wie viel Wahrheit oder Lüge in Ihrem räthselhaften Briefe enthalten ist.
Und darum nur, darum allein bist Du gekommen? fragte er mit sanft und traurig klingender Stimme.
Ich wüßte nicht, gab sie zur Antwort, welchen Grund ich sonst haben könnte.
Es ist noch nicht lange her, wo Du nicht so gesprochen haben würdest, fuhr er fort. Ich habe oftmals in der Laube dort hinter der Mauer in nächtigen Stunden Dich erwartet; in meinen Armen hast Du nie gefragt, ob meine Briefe Lügen sagten, und was darin stand nie bezweifelt, denn Du wußtest, wie sehr ich Dich liebe.
Er streckte die Hände nach ihr aus und wollte sie umfassen, aber sie wich einen großen Schritt zurück. — Wir kennen uns beide genau genug, wie ich denke, sagte sie mit sanfter, aber fester Stimme. Leider muß ich in Demuth zugeben, daß es eine Zeit gab, wo ich so thöricht war, Alles zu glauben. Sie können nicht erwarten, daß dies jetzt noch der Fall sein soll; im Gegentheil, selbst die Wahrheit in Ihrem Munde wird an meinem Unglauben zur Lüge werden.
Sie fürchten oder verabscheuen mich also? fragte er, oder Beides zugleich ist mein Loos.
Weder das Eine noch das Andere, erwiderte Clara, zu Beidem gehört eine Reizbarkeit, die ich überwunden habe.
So geben Sie mir die Hand zur Versöhnung, sagte er lauter. — Wie verdammt dunkel ist diese Nacht, daß ich Dein reizendes, zürnendes Gesicht nicht sehen kann.
War es sein rasches Nähertreten, oder die lebhafte Sprache, oder die Hast, mit der sie noch weiter zurückwich, sie schien vom heftigen Schrecken gefaßt zu sein, als er ihren Mantel festhielt und lachend fragte: Was fürchtest Du denn, Clara? Mein Wort darauf, Du hast nichts zu fürchten!
Sie haben einen Brief an mich gerichtet, erwiderte sie, in welchem Sie mir sagen, daß über meines Vaters Haupt eine große Gefahr schwebe, die Sie abwenden können und wollen, wenn ich mich zu einer Unterredung einfinde. Ich bin gekommen, trotz meines Widerwillens. So reden Sie denn, welche Gefahr droht meinem Vater, und was wissen Sie von Handlungen, die meinen Bruder verderben können?
Laß uns unter den Schutz der Kirchenmauer treten, erwiderte der Herr. Der Wind pfeift über den Platz, es ist ziemlich unangenehm hier zu stehen. Du zitterst, Clara.
Antworten Sie mir, sagte sie, indem sie ihm folgte.
Wir wollen uns unter das Eingangsportal stellen, fuhr er fort, auf den gothischen Schwiebbogen deutend, der einige Schritte von ihnen tief und schwarz in das Gemäuer lief. Es könnte Jemand vorübergehen, der uns störte.
Nein, nicht weiter, gab sie zur Antwort. Sprechen Sie kurz und bestimmt, wenn ich nicht glauben soll, daß Sie zu vielen Lügen eine neue ersonnen haben.
Du bist eine kleine Thörin! rief der Herr, und seine Stimme schwankte zwischen Aerger und Spott, aber wie Du willst, ich kann Dein Mißtrauen nicht verdammen. Du zürnst auf mich, Clara, weil ich Dich vernachläßigte. Du hältst mich für treulos, weil die Verhältnisse mächtiger sind, als unsere Vorsätze und mein vernünftiger Wille sich ihnen beugen muß. Wo sollte ich noch eine Erfüllung für möglich halten, wie Du sie forderst? Meine Liebe, die unwandelbar ist, mein Herz, das Dir gehört und immer gehören wird, hast Du zurückgewiesen; meine Leidenschaft, die zu Deinen Füßen die Menschen und ihre Satzungen verachtete, hat Dich kalt und bedächtig gemacht. Du liebst mich nicht, wie ich Dich liebe.
Genug, genug! fiel sie ein. Ich habe keine Antwort dafür.
So habe ich denn alle Hoffnung verloren, sagte er. Keine Stimme in Dir spricht für mich?
Nein! ich hoffe zu Gott, nein! erwiderte sie mit Anstrengung.
Also Haß wo Liebe war, unversöhnlicher, bitterer Haß!
Auch der nicht, sagte sie leise bebend. Wir wollen Beide unsern Weg gehen, Beide glauben, daß wir uns täuschten und daß es nicht anders sein sollte.
Fromm und schön! rief der Herr lauter, aber mir genügt es nicht. Ein Anderer hat meinen Platz eingenommen. Antworte auf meine Frage. Ist es nicht so? Ich weiß mehr, wie Du meinst.
Ich habe keine Antwort darauf, sagte sie kaum hörbar.
Gravenstein! flüsterte er, indem er ihren Arm hart anfaßte. Wie Du zitterst! Ja, Gravenstein!
Es ist Wahnsinn! rief sie verächtlich.
Du lügst es Dir vor, fuhr er hastig fort. Er weiß es, er hat es in Deinen Augen gelesen; oder glaubst Du, der ehrenfeste Baron nachtwandelte umsonst an Deinen Fenstern vorüber? stände umsonst dort und hörte Deine Lieder? Und wenn er Abends spät von Deiner beglückten Nebenbuhlerin, von seiner Braut kommt, von Elisens Küssen noch warm ist, was treibt ihn dann hierher, um an Deiner Thür zu seufzen? — Es ist möglich, rief er höhnisch lachend, daß Du selbst nicht weißt, welchen Schaden Deine zärtlichen Blicke angestiftet haben; aber die Wirkung ist da, es kommt darauf an, wie man sie benutzt.
Und dies Gewebe von Verläumdung und Gemeinheit soll ich hier erfahren? sagte sie stolz. Ist es fertig oder fehlt noch etwas daran?
Nicht ganz, erwiderte er. Gravenstein war entschlossen, Euch auspfänden zu lassen, er sah Dich und seine Entschlüsse wankten; er suchte einen Ausweg, den Dein Bruder ihm bot. Du kennst diesen Ausweg?
Herr von Gravenstein handelte edelmüthig, als er den Vorstellungen meines Bruders nachgab und meinem armen hart geprüften Vater eine Frist bewilligte.
Edelmüthig allerdings, aber Dein Bruder that mehr als er nöthig hatte. Er wußte nicht, wie lammweich das Tigerherz des Barons geworden war. Er gab ihm Wechsel.
Wechsel! wiederholte Clara und plötzlich lief es wie ein Blitz durch ihren Kopf, sie dachte an die Fragen und Antworten ihres Vaters und Bruders.
Wechsel! erwiderte der Herr, indem er sich zu ihr neigte und mit höhnischem Ausdruck hinzufügte: Papiere besondrer Art, die keines Menschen Auge sehen darf.
Warum nicht? Was sagen Sie da? fragte sie fast unhörbar.
Weil sie falsch sind! flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie legte die Hand an die eisige Mauer, als suche sie eine Stütze, plötzlich aber richtete sie sich auf und sagte mit großer Festigkeit: Wem Sie diese Nachricht auch verdanken mögen, sie ist nichtswürdige Verleumdung. — Herr von Gravenstein wird pünktlich wie mein Bruder es ihm zugesagt, sein Geld empfangen.
Es ist möglich, erwiderte der Herr gleichgültig lachend, aber das ändert nichts. Ich bin es nicht allein, der von dem Verbrechen weiß, auch Andre wissen es, die Deines Vaters und Bruders Todfeinde sind. Jeden Augenblick kann das Beil auf Euch niederfallen.
Mein Gott! mein Gott! seufzte das junge Mädchen.
Darum habe ich geschrieben, fuhr er fort, jetzt weißt Du es, aber ich habe die Mittel in meiner Hand, alles Uebel von Euch abzuwenden. Versöhne Dich mit mir, mein süßes Clärchen, flüsterte er bittend, indem er den Arm um sie legte, schenke mir Dein Herz und Deine Liebe wieder und ich schwöre Dir mit tausend Eiden, Alles soll sich fügen, wie Du es wünschest. Nicht allein die Fälschung soll auf immer begraben bleiben, ich will, wenn ich Dein Beichtvater sein darf, Dich so glücklich machen, wie Du es nicht ahnen kannst, und wenn etwa wirklich der steife, ehrenfeste Gravenstein Dir behagt, nun, so giebt es Wege genug, um ihn aus Elisens Armen zu reißen, wenn uns Beiden damit gedient ist und wir als Freunde verfahren.
Er hielt einen Augenblick inne, denn die Uhr im hohen Thurme über ihren Köpfen hob aus und schmetterte elf dumpfe Schläge durch die Luft, die in dem Werk der Mauern langsam verhallten.
Die Mitternachtsstunde beginnt und die Geister wachen auf, fuhr er dann schmeichelnd fort. Laß uns gehen, mein armes, erschrockenes Clärchen, ich begleite Dich. Die Nacht verschweigt alle Geheimnisse der Liebenden. Hier heult der Wind, in Deinem Stübchen ist es warm. Bei Allem, was heilig ist, ich will Dein treuester Freund und Diener sein.
Mit einer plötzlichen Anstrengung machte sie sich frei; aber er faßte sie fester in seinen Mantel. Du willst nicht? fragte er lachend, Du mußt wollen. Du bist zu verständig; ich habe Dich in meiner Macht; bedenke Alles, ich liebe Dich ja.
O! wäre mein Bruder hier, sagte sie mit stolzer Heftigkeit. Laß meinen Arm los, erbärmlicher Mensch!
Und wenn ich nicht will, Clärchen?
Ich befehle es, rief eine tiefe Stimme aus dem Dunkel des Portals und drinnen regte es sich. Eine mächtige Gestalt löste sich aus dem Schatten los; es klirrte und rauschte auf den Steinplatten. Die Ueberraschung war so groß, daß der Unbekannte, von Furcht ergriffen, eilig zurücksprang und über den Platz fortlaufend entfloh.
Nach einigen Augenblicken sah Clara die Gestalt hervortreten und sich ihr nähern. Ein lähmender Schrecken hatte sie erfaßt; an die Wand der Kirche gelehnt schien sie in diese versinken zu wollen, keines Wortes mächtig und des Gebrauchs ihrer Glieder beraubt. — Sie fühlte endlich, daß sie unterstützt und fortgeführt wurde bis zu der Thür in der Mauer, die unverschlossen geblieben war.
Eine Hand streckte sich aus und öffnete diese Thür, dann trat die dunkle Gestalt zurück und ohne ein Wort zu sagen, wandte sie sich um und ging mit festen raschen Schritten das Gäßchen hinauf. — Wo die Straße mündete, flimmerte ein Lichtstrahl aus einem gegenüber liegenden Hause herein, Clara’s Augen starrten dorthin. Sie sah einen hohen Mann, der ohne umzublicken schnell um die Ecke bog, und von Fieberschauer ergriffen, glühend und zitternd, eilte sie über den Hof, wankte unbemerkt ins Haus und sank erschöpft auf ihr Bett.
„Du kannst es mir aber doch sagen, wer der Mensch gewesen ist!“ mit diesen Worten war Frau Mertens am Abend endlich eingeschlafen, als Anton das Licht ausgepustet hatte und gar nicht mehr antwortete, und mit denselben Worten erwachte sie am nächsten Morgen.
Anton schien Anfangs keine Lust zu haben einen Laut von sich zu geben. Er unterhielt sich mit seinem Kinde, das er aus der Wiege nahm, hob es zu dem Zeisig empor, der in dem kleinen Bauer am Ofen saß, und ließ es in die Lampe schauen, nach der es jauchzend seine Händchen ausstreckte.
Was er mich ärgert! rief die Frau von Zeit zu Zeit dazwischen. Ich will es wissen; ich sage, es ist schlecht von Dir, mich so zu quälen. Antonchen? willst Du mich denn wirklich so kränken? Gut kannst Du mir nicht sein, magst Du sagen was Du willst, Du kannst mir nicht gut sein, sonst wär’s unmöglich, daß Du mich so verachten könntest.
Liebste Guste, sagte er endlich, bist alleweil aufgebracht über Nichts. Deine Tücher hast Du wieder und in jedem ein blankes Zweithalerstück eingeknüpft. Hätte ichs gewußt, ich hätt’s nicht genommen, doch weils kleine Zettelchen sagte, es sollte für das Püppchen hier sein, so mag’s darum hingehen, aber Gutthaten soll kein Mensch sich abkaufen lassen, und obenein — nun ja, ich hab’ Dir’s gesagt — obenein weil ich weiß, wer unsere Christenpflicht erfahren hat.
Siehst Du wohl, fiel Guste heftig ein, Du weißt es, warum also soll ich es denn nicht wissen? Ich bin Deine angetraute Ehefrau, und seiner Frau muß ein ordentlicher, rechtlicher Mann Alles sagen, gar nichts darf er ihr verschweigen. Willst es mir sagen, Antönchen? fuhr sie schmeichelnd fort, ich habe Dir auch den Kaffee recht süß gemacht. Du lieber Gott! wenn wir uns nicht einmal Alles anvertrauen sollten! Ich könnte Dir nichts verheimlichen, und wenns mein Leben kosten müßte. Also, jetzt sage es mir, wer ist es gewesen? Einen Bart hatte das Gesicht, ich will es beschwören. Es ist eine Schande, Anton, daß Du sehen kannst, wie es mir das Herz abdrückt. Das ist also der Lohn für alle meine Liebe und Treue. Als ob er keine Ohren hätte, als ob ich ein hergelaufenes Weib wäre, als ob ich — hier stieß Guste mit der Kaffeekanne wüthend an die Tasse, die sie umwarf und zerbrach, daß die braune Fluth weit über den Tisch floß.
Ist es denn möglich! schrie sie im höchsten Zorn, so weit kann er es treiben, dahin bringt er es mit seiner Schlechtigkeit, daß ich die Tasse zerbrechen muß. Willst Du es nun sagen, Anton, willst Du es auf der Stelle sagen. — Sieh her, wie ich zittre; ich muß krank werden, es ist nicht anders, und wenn ich da liegen werde aus Aerger und Gram über Deine Behandlung, so sieh zu, was Dein Gewissen sagt.
Anton legte schweigend das Kind in die Wiege und schüttelte den Kopf.
Du hast kein Gewissen, rief Guste, Thränen in den Augen, wenn Du ein Gewissen hättest, würdest Du ein anderer Mensch sein, ein Mann der seine Frau achtet. Keiner würde es so machen wie Du, Keiner der seine Frau liebt. Und heut haben wir Weihnachtsabend. Du lieber Gott! jeder Mensch freut sich heut und ist einig und vergnügt. Ich habe gemeint heute Freudenthränen zu vergießen, wenn das Christbäumchen brennt und unser Kind vor Glück springt und seine kleinen Händchen ausstreckt und — nun — nun — sie hielt sich die Augen mit der Schürze zu.
Die Thränen einer Frau, und wären sie noch so thöricht, verfehlen selten ihr Ziel bei einem Manne, der Mitleid und Liebe in seinem Herzen hegt. — Anton hatte längst alle Vernunftsgründe erschöpft, er wußte recht gut, daß damit nichts mehr zu erreichen war; jetzt, als er die Aufregung seiner Frau sah, wurde ihm bange, sie könnte wirklich krank werden und großes Leid über ihn bringen.
Bist gut, liebste Guste, sagte er, noch sanfter wie gewöhnlich und voller Theilnahme. Ich wollte es Dir gerne sagen, aber ich habe es versprochen, stille zu schweigen, und ein ehrlicher Kerl muß doch sein Wort halten, wenn’s ihm auch schwer werden mag.
Wenn Du verständig wärest, antwortete sie eifrig, so würde es Dir gar nicht einfallen, daß der Herr Deine Frau auch damit gemeint haben könnte, nachdem ich es doch gewesen bin, die das Meiste damals für das junge Frauenzimmer gethan hat.
Dies Samenkorn fiel auf keinen schlechten Boden, denn Anton nickte leise dazu, aber im nächsten Augenblick sagte er dennoch: Ich weiß nicht, Guste, aber es ist mir doch alleweil noch immer so, als ob es besser wäre, Du wüßtest es nicht; wenn es Dir aber keine Ruhe läßt, nun in Gottes Namen denn, so sollst Du es erfahren.
Als ob er sich jedoch in diesem stillen Raume noch scheute, was er wußte laut herauszusagen, so flüsterte er seiner Frau einige rasche Sätze und Namen ins Ohr, die diese mit Verwunderung anhörte, dann in die Hand schlug und alle Zeichen halb gesättigter Neugier, die überall auf Zweifel stößt und weitere Aufklärung fordert, in ihren Mienen und Augen zur Schau trug.
Ich kann es noch gar nicht recht glauben! rief sie; aber jetzt fällt mir das Gesicht wieder ein und die Aehnlichkeit.
Aber kein Wort, Guste, zu keinem Menschen, sagte Anton warnend. Wenn sie es herauskriegten, daß der es war, das vergäßen sie uns nicht.
Was machen wir denn aber mit dem Professor, der es durchaus wissen will, fragte sie.
Das wäre der Rechte, erwiderte Anton trotzig. Ich wollte, wir wären den überhaupt los; ich wollte, ich hätte den Nußknacker nie gesehen. Element! Guste, ich habe ihn satt; und es läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich an den Verein denke. Gehe mir weg, es brennt mir Innen wie Feuer und die Finger zucken mir, daß ich da wieder hin soll und mein Gewissen will’s nicht leiden.
Du bist ein Narr, sagte die Frau lachend, als ob Einem das Gewissen satt machte. Fang’ nicht die alten Geschichten an, Anton, aber mit dem Professor will ich schon fertig werden. Da kommt er über die Straße, rief sie zum Fenster aufblickend und erschrocken in die Hände schlagend. Er kommt, meiner Seele, in aller Frühe schon, und hat ein großes Pack Schriften unter dem Arm.
Anton zog rasch seinen Rock an, stülpte den Hut auf und fuhr in die Stiefeln.
Wo willst Du denn hin? schrie Guste, ihn am Kragen festhaltend.
Fort, sagte er hastig, ich will ihn nicht sehen. Mach, was Du willst, ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich lügen soll, ohne die Wahrheit zu sagen. Brings in’s Geschick, liebste Guste, es soll nicht lange dauern, so bin ich wieder da.
Er lief durch die Hinterthür in die Küche hinaus, als der Professor bedächtig eben die Treppe hinabstieg. Die Frau packte die Tassen zusammen in den Spülnapf und warf einen listigen Blick durch das Glasfenster, als der Besuch draußen klopfte.
Ach, mein Gott! rief sie, die nassen Hände an der Schürze trocknend, der Herr Professor, und wie sieht es hier aus.
Häuslich und wirthschaftlich, erwiderte Viereck. Ohne alle Störung, Frau Mertens, guten Morgen. Ich habe Sie wohl überrascht? Und wo ist der Mann?
Ich bin ganz allein, sagte sie mit koketter Verlegenheit ein wenig verschämt und doch mit gehöriger Dreistigkeit lachend.
Und so hübsch, so zierlich, so allerliebst! rief der gelehrte Herr, indem er mit der Hand an ihr schwarzes Polkajäckchen hinabstrich.
Blos wie es sich gehört, erwiderte Guste ausbeugend. Aber der Herr Professor sind schon so früh auf der Straße.
Aus Theilnahme für Sie, kleine Frau, sagte er mit seinem freundlichsten Grinsen; aus einem Zuge meines Herzens, der mich zu Ihnen reißt.
Na, wer das glauben wollte! Wenn’s eine Brücke wäre, ich ginge nicht drüber! rief die hübsche Frau, ihre großen blauen Augen schelmisch aufschlagend.
Der Professor griff in seine Halsbinde und deutete mit drei Fingern auf sein Herz. Zweifeln Sie nie, sprach er mit Würde. Wenn ich sage: Es ist so! so steht es fest, es ist so! Meine Freundschaft ist treu, und eben weil ich ein treuer Freund bin, geben Sie mir Ihre Hand.
Er streckte die Hand aus und blinzelte einladend unter seiner Brille, indem er ihr zunickte.
Guste zuckte rechts und links mit den Schultern und fuhr mit den Händen bald vor, bald zurück. Ach, nicht doch, Herr Professor, sagte sie sich sträubend; ich darf es gar nicht wagen; meine Hände sind nicht darnach, die müssen arbeiten was vorkommt, und sehen Sie einmal hier, wie zerstochen Daumen und Zeigefinger sind von allem Nähen.
Köstlich! rief der Professor, seine braunen runden Augen weit aufmachend, indem er bald die Hände betrachtete, welche er beide endlich festhielt, bald von seinem Stuhle nach oben sah in das kräftige blühende Gesicht, das sich mit schalkhafter Sprödigkeit zur Seite wandte, als wollte es seinen Blicken ausweichen.
Diese Naivität! dieser Humor! er ist unerreichbar, flüsterte Viereck, und diese appetitlichen Händchen! fügte er mit einer begeisterten Anstrengung hinzu. Gerade wie Gretchen im Faust von ihren Händchen sagt: Wie mögt ihr sie nur küssen und dennoch — hier drückte er einen Kuß auf Gustens Finger, die sie rasch fortzog und lachend drohte: Wenn Anton das wüßte! Warten Sie, Herr Professor, der ist eifersüchtig wie ein Türke; ich darf es ihm gar nicht sagen.
Der Professor war entzückt, daß Jemand auf ihn eifersüchtig sein könnte. Er schlug übermäßig lachend mit der Hand auf sein Knie und schleuderte ein Paar triumphirende Blicke auf den Gegenstand seiner Hingebung.
Lassen Sie ihn eifersüchtig sein, wir wollen es ihm schon abgewöhnen, sagte er. Ich denke ihn zu erziehen, zu bilden und zu uns zu erheben. Kommen Sie her, kleine Frau, kommen Sie her, wir wollen Frieden schließen; ich denke, Sie fürchten sich nicht vor mir.
Guste machte ein listiges Gesicht. Sie war eine Hand breit größer, als der Professor, und offenbar zu Vergleichen aufgefordert. Ich fürchte mich gar nicht, erwiderte sie, wovor sollte ich mich denn auch fürchten?
Allerliebst! lachte der Professor, die Hände mit ungeheurer Schnelle reibend, allerliebst, und doch so natürlich. Nein, Furcht dürfen Sie nicht haben, haha! Furcht ist ganz überflüssig, ich will Ihnen ja nur Liebes und Gutes erzeigen. Er grinste sie entzückt an, und Guste stimmte vergnügt in sein Gelächter ein, während etwas sich um ihre Brust zusammenzog, was bis in ihre Fingerspitzen ärgerlich zuckte. Nun sehen Sie her, fuhr Viereck fort, ich will Ihnen auch sogleich den Beweis dafür geben. Heut ist Weihnachtsabend und gestern spät haben wir noch über die Vertheilung der gesammelten Geschenke und Geldspenden beschlossen. Aepfel und allerlei Süßigkeiten, sammt Spielzeug für den kleinen Burschen da, sollen heut Abend noch folgen, aber das Beste bringe ich gleich mit, heda! Er schlug an seine Tasche, faßte hinein, zog eine Hand voll Thaler heraus und zählte langsam und laut funfzehn Stück auf den Tisch.
Streichen Sie ein, rief er, streichen Sie Alles ein, und keinen Dank jetzt, ich werde ihn mir später einfordern. Mertens soll mir morgen den Empfang bescheinigen, aber ich denke, kleine Frau, Sie sollen öfter blanke Thaler einstecken. Ich habe die Mittel, um Anhänglichkeit zu belohnen; nun, was meinen Sie — bin ich Ihr Freund oder nicht? He, Gustchen? Ist ein treuer Freund nicht eine gute Sache in aller Noth?
Ums Himmels Willen! rief Guste seinen annähernden Bewegungen ausweichend, wenn Jemand käme! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, lieber Herr Professor. Ach Gott! wie wird Anton sich freuen!
Wo steckt er denn eigentlich? fragte er.
Er ist zu Kunden gegangen, sagte sie, und will wohl auch ein Christbäumchen mitbringen.
Da fällt mir ein, rief der Professor plötzlich ernsthaft werdend, daß ich von gestern noch ein paar Fragen zu thun habe.
Guste nahm rasch die Thaler fort, legte sie in den Tischkasten und stellte sich davor. Was war es denn, gütiger Herr Professor, was war es doch gleich? sagte sie während dieser Arbeit. Ach! richtig, Sie wollten wissen, wie es mit den beiden blutigen Tüchern war, die wir der armen Dame geliehen hatten und mit dem bärtigen Herrn, der sie gestern Abend wiedergebracht hat.
Mit diesem Anfange erzählte sie weitläuftig und ziemlich geläufig eine lange Geschichte von einer jungen Dame, die einen harten Fall gethan und ein tüchtiges Loch am Kopfe davon getragen hätte. Anton habe sie herunter gebracht, weil sie ganz ohnmächtig gewesen sei, und lange Zeit sei nöthig gewesen, ehe sie mit den Tüchern um den Kopf hätte nach Haus gehen können.
Hm! sagte der Professor, der aufmerksam zugehört hatte, und Sie haben wirklich nicht nach dem Namen gefragt?
In der Verwirrung und Aufregung dachten wir erst daran, als sie fort war.
Die ganze Geschichte ist etwas seltsam, fuhr Viereck fort, ich bin jedoch überzeugt, daß meine kleine Freundin mir die Wahrheit sagt.
Ich kann es Wort für Wort beschwören, sagte Guste mit dem ehrlichsten Gesicht, daß ich nicht gewußt habe, wer sie war, und daß sie fortgegangen ist ohne ein Wort davon zu sagen.
Wie lange ist es her? fragte der Professor.
Wie lange? O! es können drei, nein es werden vier Wochen sein.
War die Dame groß?
Guste besann sich. Ich denke sie war groß, sagte sie.
Schlank, mit dunklen Augen und hohen auffallend gewölbten Augenbrauen.
I Gott bewahre! rief die junge Frau lachend, so schön war sie nicht.
Sehr starkes, glänzend schwarzes Haar.
Ich möchte einen Eid darauf nehmen, sie waren braun oder blond vielmehr, fiel Guste ein.
Dann kann sie es nicht sein, sagte der Professor vor sich hin. Wo war denn das Loch? Auf dem Hinterkopf?
Das war es ja eben, rief Guste. Auf der Stirn war es, grade mitten hier auf der Stirn, kreuz und quer durchgefallen. Es muß eine Narbe bleiben so lange sie lebt.
So ist es unmöglich, fiel der gelehrte Herr ein, denn ich habe sie, die ich meine, vor einigen Tagen zufällig gesehen und keine Spur von Pflaster oder Narbe entdeckt.
Sie glauben also, daß Sie sie kennen? fragte Guste.
Der Professor nickte würdevoll. Wenn es die wäre, sagte er, so hätte eine gelinde Kopföffnung ihr nicht schaden können. Aber sie ist es nicht.
Ich ging mit einem meiner Freunde, dem Baron Leichtwitz, dicht an ihr vorüber. Leichtwitz sagte: Süperbes Fleisch! worauf sie ihn mit ihren stolzen Augen starr ansah. — Wir hätten die Narbe sehen müssen; aber gestern, der Mensch mit dem großen Bart, der die Tücher wiederbrachte, ich bin noch jetzt beinahe überzeugt, daß es ihr Bruder gewesen sein muß.
Wessen Bruder denn, lieber Herr Professor? sagte Guste neugierig.
Liebliche Unschuld! rief der Professor ihre Arme fassend, ich will kein Gemälde entwerfen von diesem Bösewicht, der zwischen uns nicht genannt zu werden verdient. — Er lächelte anmuthig und nickte zu ihr empor, plötzlich aber läutete die Glocke an der Außenthür und mit einem hastigen Ruck befreite sich die junge Frau.
In dem Augenblicke, wo dies geschah, ließ sich draußen eine kräftige und froh angeregte Stimme hören. Nein, mein lieber Freund Mertens, lauteten die deutlichen Worte, ich will selbst Ihrer guten Frau danken, für den Beistand, den sie dem armen erschrockenen Verwundeten geleistet hat. Es war eine verteufelte Geschichte. Das Pistol ging mir in der Hand los. Ich hatte es für ganz andere Dinge bestimmt. Helfen konnte ich ihr nicht, ich rief ihr zu, davonzulaufen; aber sie hat ein muthiges Herz und verdiente ein Mann zu sein.
Eine schreckliche Verlegenheit ergriff die junge Frau, als sie diese rasch und unaufhaltsam gesprochenen Worte hörte. Ihr ganzes Gesicht färbte sich mit einer dunkelen Röthe, die bis in Hals und Nacken lief. Sie wußte nicht, was sie beginnen sollte; ihre erschrockenen Augen richteten sich auf den Professor, der ganz still saß, doch ebenfalls nicht wenig verwirrt und überrascht schien.
Das Einzige was Guste in rascher Ueberlegung that, war, daß sie die Tassen auf dem Tisch zusammenpackte und tüchtig klirren ließ, während sie so heftig und laut sprach, daß sie die Stimmen draußen überschrie. — Da ist ja mein Mann, Herr Professor, rief sie. Sehen Sie wohl, Herr Professor, ich sagte, er käme gleich wieder. Nicht wahr, lieber Herr Professor, ich habe Recht, Herr Professor. Aber wer da mit ihm kommt, weiß ich nicht, Herr Professor. Anton, da ist der Herr Professor! Komm doch herein, der Herr Professor sitzt hier; der gute Herr Professor hat Dir eine Weihnachtsfreude machen wollen.
Sie winkte dabei durch die Scheibenthür und schob den grünen Vorhang zurück, hinter welchem Anton höchst rathlos und bestürzt stand und seinen Begleiter festhielt, der ihm lebhaft zuflüsterte und ihn seitwärts schieben wollte, während der Schuhmacher ihn hinderte, die Thür aufzumachen.
Nach einigen Augenblicken aber riß Guste selbst die Thür auf und deutlich genug vernahm sie, daß der Fremde leise sagte: Es ist besser, jetzt hinein als hinaus. — Dann trat er über die Schwelle und mit einer höflichen Verbeugung wandte er sich plötzlich von der jungen Frau zu dem Professor, der aufgestanden war und seinen Mantel bedächtig umwarf.
Wie! rief der Herr überrascht, wen finde ich hier? Unseren verehrten Freund, als Arbeiter im Weinberge des Herrn. Wohin muß der Himmel seine Heiligen führen, damit sie sich begegnen?! Aber welch glücklicher Zufall, lieber Professor. Ich bin hier in der Nähe bei einem Freunde, als dieser würdige Meister dort erscheint. Auch ich brauche, trotz meiner demokratischen Verwilderung, als Kulturmensch die verwünschten aristokratischen Dinger, welche man Stiefeln nennt, um festzustehen auf meinen Beinen. Sie wissen, Feststehen ist die Hauptsache! Es bleibt mir somit nichts übrig, als ihm zu folgen, und — wie die Perle in der grauen Schale finde ich hier den Mann der so oft schon mich aufrichtete, belehrte, erbaute, tröstete, und an seiner Weisheit Brüsten säugte. Bleiben Sie, theuerster Freund, bleiben Sie, wir dürfen den schönen Augenblick unseres Wiederfindens nicht zu schnell abkürzen. Der Professor hörte unerschütterlich diesen Strom von Spöttereien an, ohne eine Miene zu verziehen. Langsam griff er nach seinem Hute und nach den Papieren, die unter diesem lagen; dann richtete er sich würdevoll auf, und betrachtete den redseligen Herrn mit Blicken voll Ueberlegenheit. Herr Felix Herzer, sagte er, ich habe die Ehre, Ihnen zu bemerken, daß es mir leider an Zeit gebricht dies zufällige Zusammentreffen zu benutzen, wie es dasselbe verdient.
O! fiel der junge Mann höflich ein, ich verstehe, mein lieber Herr Professor Viereck. Sie werden jedenfalls von einigen ihrer berühmten und vornehmen Freunde erwartet und haben Besseres zu thun, als sich mit mir zu beschäftigen, aber es ist ein Wink des Schicksals, daß ich Sie finde, theurer Herr Professor, denn ich denke von Ihnen einige Nachrichten über Personen zu erhalten, die mein besonderes Interesse erregen.
Jedermann weiß, erwiderte der Professor, in seine Halsbinde fassend, daß ich allen meinen Mitmenschen gern hülfreiche Dienste leiste, und selbst — hier betrachtete er den jungen Mann mit weit geöffneten Augen und hielt einen Augenblick inne — selbst solche, mit denen ich gern nichts zu schaffen habe, sind nicht davon ausgeschlossen.
Nun denn, sagte Felix lächelnd, darf ich wohl hoffen, daß sie mir aufrichtig bekennen, ob diese christliche Menschenliebe Sie auch geleitet hat, als Sie heut hierher kamen?
Was wollen Sie damit sagen? fragte der Professor mit einem seiner starrsten Blicke.
Lassen wir das, fuhr der junge Mann fort, Friede sei mit uns und diese Stunde eine Stunde der Versöhnung. Warum also wollen Sie mir jetzt noch nachjagen mit Rossen und mit Wagen? Ich habe früher allerdings wohl zuweilen Ihren Zorn verdient, als ich in Jugendthorheit Ihre tiefsinnigen Wahrheiten anfocht und zuweilen die Lacher auf meiner Seite hatte.
Wollen Sie mich hier von Neuem beleidigen und schmähen, rief Viereck, sein rothes Gesicht mit Würde erhebend, wie Sie dies in roher Weise oft schon gethan haben?
Ich will Sie durchaus nicht beleidigen, fiel Felix demüthig ein, ich schwöre Ihnen vielmehr, daß es meine Absicht ist, Sie zu versöhnen. In wenigen Tagen schon werde ich diese Stadt und dieses Land für immer, wie ich hoffe, verlassen, mein alter Vater und meine arme Schwester, die zurückbleiben, können Ihnen keinen Grund zu Haß und Verfolgung geben.
Ich hasse und verfolge Niemanden, sagte der Professor.
Sie sind zuletzt immer noch der Unschuldigste, und ich glaube Ihnen, sagte der junge Mann. Sie besitzen aber auch einigen Einfluß auf meinen theueren Vetter Zippelmann und auf den Geheimrath. Ich weiß, daß diese Menschen trotz Allem was sie schon über uns gebracht haben, noch immer auf Böses sinnen. Ich bitte Sie, mein lieber Herr Professor Viereck, wenden Sie Ihren Einfluß an, um Ihre Freunde von weiteren Schlechtigkeiten abzuhalten, und warnen Sie den Geheimrath besonders vor so elenden Subjekten, wie sich diese in seiner Nähe befinden.
Ich habe die Ehre, Ihnen zu bemerken, sagte der Professor in seiner pathetischen Art, daß ich nicht Lust habe, hier Männer schmähen zu hören, welche ich schätze und hochachte.
Und warum, mein theurer Herr, warum schätzen und achten Sie diese Männer?
Weil sie vor der Welt zu hoch und rein stehen, um von der Verläumdung angetastet zu werden.
Vor der Welt! ja wohl, vor der Welt! rief Felix, aber Sie kennen ja hinlänglich alles, was meinem Vater und uns widerfahren ist. Sie haben selbst daran Theil genommen, so viel Sie vermochten. Sie sind Partei, und dennoch traue ich Ihnen in diesem Augenblicke zu, daß Sie gerechter sind, wie jene da, die mit Ränken und Betrug aller Art uns zu vernichten suchen.
Betrug und Ränke! erwiderte der Professor drohend, indem er heftig mit dem Kopfe nickte und seine Halsbinde in die Höhe zog — es geht mich nichts an, ich weiß nichts davon, aber hüte sich Jeder, so schändliche Dinge auszusprechen, der nicht reines Herzens ist.
Felix verstummte; seine Augen ruhten flammend auf dem Professor, der erschrocken zurücktrat, denn das Gesicht des jungen Herzer hatte etwas Unheimliches. Ein Zucken lief darüber hin, auf seiner breiten Stirn lag eine fahle Blässe, der wilde Bart schien sich hochzusträuben und seine nervige Hand ballte sich auf dem Tisch zusammen, auf welchen er sich stützte.
Nach einigen Augenblicken aber verschwand die Aufregung aus seinen Zügen und mit seiner früheren Freundlichkeit sagte er: Was sollen wir uns streiten und erzürnen. Wenn Treue und Glauben noch in dieser Welt zu finden sind, so wird den Menschen, die so begierig lauern, um Unglück über uns zu bringen, all’ ihr Wüthen und Drohen nichts helfen.
Geben Sie mir die Hand, Professor, und lassen Sie uns als Freunde scheiden. Schlecht und verächtlich sind die, ich sage es noch einmal, welche Sie als Ehrenmänner vertheidigen, aber mag es darum sein. Ich ziehe fort und somit seid so patriotisch und tugendhaft wie Ihr wollt. Bekehrt, wer sich bekehren läßt, stiftet Vereine und haltet Reden, sammelt Geld und werbet Rekruten, frömmelt und heuchelt und streut Saaten aus, die Euch einst verzehren werden. Ihr werdet die Wahrheit doch nicht zur Lüge machen, den Gang der Menschheit und der Geschichte doch nicht aufhalten. Das grüne Reis wird ein Baum werden, aber der abgestorbene Zweig wird dürr bleiben, begießt ihn so viel Ihr wollt, beim ersten Sturm wird er zu Boden stürzen.
Wir haben nichts zusammen zu schaffen! fiel hier der Professor ein, indem er die Hand, welche Felix ergriffen hatte, rasch zurückzog. Was Sie sagen mögen, Herr Herzer, von mir sagen mögen, darüber bin ich erhaben. Von Besserung und Bekehrung ist bei Leuten Ihrer Art nicht die Rede.
Gott sei Dank! nein, lachte Felix, ich darf hoffen, daß Sie keinen Versuch mit mir machen werden.
O, gewiß nicht! rief der Professor mit Pathos. Es giebt Sümpfe, die so tief sind, daß wenn man auch Berge hineinstürzte, sie nicht ausgefüllt werden könnten; giftige Gewächse giebt es, denen kein Leben zu nahe kommen darf; reißende Thiere giebt es, deren Zähnen nichts entgeht.
Und Menschen giebt es, fiel Felix in derselben Redeweise ein, die man Narren nennt, deren Narrheit so unheilbar ist, daß alle Götter vergebens daran kuriren würden.
Mit einem vernichtenden Blicke starrte ihn der Professor an. Felix blieb vor ihm stehen und kreuzte die Arme; der Professor sah aus wie Einer, der eine verzweifelte That im Sinne hat. Alles Blut in ihm schien in sein Gesicht gedrungen zu sein; seine von Natur rothe Nase glühte wie ein Karfunkel, er zeigte seine Zähne und zitterte vor Zorn, gekränkter Eitelkeit und Schaam. Der Schuhmacher und seine Frau standen hinter dem Tisch als ängstliche Zuschauer dieses peinlichen Auftritts, von dem sie nicht wußten, wie er enden würde; plötzlich aber warf sich Felix auf den Stuhl, der neben ihm stand, und in ein höchst unehrerbietiges Gelächter ausbrechend, rief er, von dem komischen Anblick des kleinen wüthenden Mannes überwältigt: Und wenn es mein Leben kostete, ich kann nicht anders. Bringt Wasser, oder er berstet! Professor, so müssen Sie gemalt werden für alle Vereinsmitglieder zur ewigen, unvergeßlichen Erinnerung.
Gut, sagte der Professor mit einem Blicke der tiefsten Verachtung sich abwendend, wir wollen es überlegen, jedenfalls werde ich mich nicht weiter herabwürdigen. Aber das merkt Euch, schrie er, den Kopf in den Nacken werfend und Anton anstarrend, der von dem Lachen des übermüthigen jungen Mannes angesteckt war, welches selbst ein derber Ellenbogenstoß und ein empfindliches Kneipen seiner Ehehälfte in seinen rechten Arm nicht länger unterdrücken konnte — das merkt Euch, Jeder wird erhalten, was er verdient, und die Lügner, die Heuchler, die Betrüger und Verräther sollen ihrem Lohn nicht entgehen. Damit stülpte er seinen Hut auf, rückte heftig mit der Hand an der Krempe und ging zur Thür hinaus.
Bravo! Bravo! da capo! schrie ihm Felix nach. Bleiben Sie theurer Freund noch einen Augenblick, nur noch einige würdevolle patriotische Schwüre. Anton in seiner Herzensfreude klatschte in die Hände, während Guste ihm den Mund zuhielt und zwischen Aerger, Furcht, innerer Lustigkeit und eigennütziger Besorgniß schwankend ihm zurief: Willst Du wohl stille sein, willst Du Dich mäßigen, Anton. Er hat uns ja eben funfzehn Thaler ausgezahlt, der gute Herr Professor; hier liegen sie im Tischkasten. Ich dachte es wohl, wie es kommen würde und habe Sie gleich in Sicherheit gebracht. Und was ist denn das für ein Benehmen bei anständigen Leuten. Lacht man Einen aus, der Geld bringt? Ich frage gar nichts darnach, ob Du mir zuwinkst. Alles was Recht ist; aber was haben wir denn von der ganzen Geschichte? Nichts als Aerger und Verdruß von Anfang bis zu Ende und Gott steh’ uns bei! wenn es die Geheimräthin erfährt. Sie macht uns unglücklich! Aus dem Verein wirst Du mit Sang und Klang geschmissen, die zweihundert Thaler nehmen Sie uns, und Alles ist vorbei, Alles ist verloren!
Alleweil laß Dir sagen, liebste Guste, stotterte Anton, den bei diesen inhaltschweren Perspektiven, deren Richtigkeit er anerkennen mußte, doch nicht allzuwohl war, es ist nun einmal nicht anders, und Du hast ja auch gelacht. Ich habe es Dir angesehen, wie Dir inwendig zu Muthe war.
Mir angesehen? erwiderte sie. Du hast mir gar nichts angesehen, ich dachte beständig an den Tischkasten. Aber eine Schande ist es und dabei bleibe ich. Jetzt kannst Du zusehen, was daraus wird.
Liebe Freunde, sagte Felix, grämt Euch nicht darüber, daß Ihr den Mantel der Heuchelei nicht dicht genug über Euch ziehen könnt. Ueber lang oder kurz würde er doch abgefallen sein, oder Ihr würdet falsch und schlecht werden müssen. Ich und meine Schwester, wir sind Ihnen großen Dank schuldig, Frau Mertens, was wir helfen können, soll gewiß geschehen. Ich habe Ihrem Manne schon gesagt, was ich denke und thun will; ich habe ihm Vorschläge gemacht, die überlegt sein wollen, und wie es auch kommen mag, so übel steht es nicht mit uns, daß mein Vater, wenn ich nicht mehr hier bin, nicht in aller Noth mit Rath und That Ihnen zur Seite stehen könnte.
Siehst Du wohl, Guste, das pfeift alleweil aus einem andern Tone, rief Anton und seine Augen glänzten vor Lust, indem er seine Frau umarmte. Jetzt lache ihn aus, lache ihn den Augenblick aus. Sakerment! der Nußknacker und die alte dicke Geheimräthin und alle zusammen, ah! ich könnte an die Decke springen, daß ich nicht mehr in den Verein brauche. Die junge Frau lachte wirklich, aber es kam doch nicht recht von Herzen. Felix setzte sich zu ihr, er erzählte ihr Alles und je länger er redete, um so mehr hellte sich ihr Gesicht auf. Ein lebhaftes Mitgefühl ergriff sie, und lange ehe er geendet hatte, schüttelte sie ihre ansehnlichen Hände voll Zorn über die gemeine Schlechtigkeit derer, die ihn und seine Familie verfolgten.
Der Geheimrath empfing an diesem Morgen schon ziemlich früh seinen Vertrauten, den Kommissarius, der mit geheimnißvoller Miene zu ihm in’s Zimmer trat und seinen Backenbart streichelnd, indem er sich verbeugte, in offenbarer Verlegenheit war, wie er beginnen sollte.
Nun, ich sehe schon, wie es steht, lächelte der Geheimrath, ich sehe, mein lieber Nachbar, der Irrthum hat sich aufgeklärt, es konnte auch nicht anders sein. Herr von Gravenstein war bis gestern gegen 10 Uhr bei uns; äußerst ermüdet und von Kopfschmerzen geplagt, ging er nach Haus. Ist es nicht so? Sie müssen es bestätigen, Herr von Gravenstein ist ein Mann, dessen Wort unverbrüchlich ist, und er betheuerte uns, daß er eilen müsse, um in’s Bett zu kommen.
Der Polizeibeamte zuckte während dieser Zeit mehrmals mit den Schultern, und schlug seine großen, raschblickenden Augen in verdächtiger, bedauerlicher Weise zu dem sprechenden Herrn auf, um sie nachdenkend wieder von ihm abzuwenden. Er legte den Kopf auf seine linke Seite, um genau zu hören und schüttelte ihn dann nach der rechten Seite hinüber, indem er nochmals an seinen Bart faßte und einige dumpfe Töne von sich gab, die wie ein wiederholtes, langgedehntes Hm! Hm! klangen. Plötzlich aber hob er sein mächtiges, vollwangiges Antlitz steil in die Höhe und sagte mit Energie: Herr von Gravenstein hat Ihnen aber dennoch nicht die Wahrheit gesagt.
Oh! oh! rief der Geheimrath. Nicht die Wahrheit gesagt? Das ist eine kühne Behauptung, eine sehr gewagte Behauptung.
Ich wage nie etwas, erwiderte der Herr, was ich nicht wagen kann und weiß jedesmal was ich zu vertreten habe. Ich sage nochmals, Herr von Gravenstein hat sich getäuscht, denn er ist nicht zu Haus gegangen.
Nun und wohin ist er gegangen? fragte Wilkau unsicher.
Auf den Kirchhof, sagte der Beamte barsch.
Was sagen Sie da! fiel der Geheimrath erschrocken ein. Das ist Tollheit! Auf den Kirchhof. Wollte er die Todten tanzen sehen?
Ich habe es mit meinen eigenen Augen beobachtet, fuhr der Beamte fort, denn bei der Wichtigkeit, welche die Angelegenheit für Sie hat, unterzog ich mich selbst der Vigilirung.
So Sie? sagte Wilkau ihn anstarrend.
Ich! entgegnete der Herr mit Selbstbewußtsein. Er ging so rasch, als er aus Ihrem Hause trat, daß ich ihn fast aus dem Gesicht verlor und nur seine hohe Gestalt, sein flatternder Mantel und meine scharfen Augen ließen mich ihn wieder finden. Einige Minuten stand er dicht an der Mauer der Kirche still, dann sah ich ihn in das Portal treten und nun merkte ich die ganze Geschichte.
Kirchenmauer, Portal, Geschichte! rief der Geheimrath. Theuerster Freund, Sie befinden sich doch wohl?
O! ganz wohl, sagte der Kommissarius lächelnd. Es dauerte gar nicht lange, so kam sie.
Wer kam?
Sie, fuhr der Beamte fort. Ganz leise, wie ein Schatten, ganz schwarz, wie ein Gespenst; aber nun tritt ein seltsamer Zwischenfall ein, den ich mir nicht erklären kann. Es war noch ein Dritter da; wer er war, weiß ich nicht, was sie sprachen, blieb mir verborgen, denn ich stand in zu großer Entfernung. Zuweilen wurde gelacht, dann kam es mir vor, als sei Streit; endlich aber hörte ich deutlich, daß Herr von Gravenstein sagte: Ich befehle es! und bei diesen Worten entfernte sich der Dritte, so schnell er konnte. Er gab ihr den Arm und führte sie fort, ziemlich dicht bei mir vorüber — ich stand nämlich hinter einem Pfeiler — und konnte ganz genau sehen, wie er sie umfaßt hatte und an sich drückte, bis er mit ihr die kleine Pforte erreichte, wo er Abschied nahm.
Sagen Sie mir ein Wort, flüsterte der Geheimrath, seinen Arm fassend. Hat sich das Alles wirklich zugetragen?
So gewiß wir beide hier stehen.
Und der Mann, den Sie sahen, war Gravenstein?
Er war es ganz sicher, denn bis an seine Wohnung habe ich ihn begleitet.
Und sie — das Frauenzimmer meine ich — die in seinen Armen lag — es war — wie heißt sie?
Es war das hübsche Fräulein Herzer, auf mein Ehrenwort, Herr Geheimrath. Sie kennen doch die kleine Pforte in dem Gäßchen. Dort kam sie heraus und ging hinein.
Jetzt weiß ich Alles! stöhnte Wilkau aus tiefer Brust. — Er legte die Hände auf den Rücken, ging durch das Zimmer und kam dann zurück, indem er in gewohnter Weise lächelte. Aber so ganz Herr war er doch nicht über sich, daß sein farbloses, unter den heftigsten Empfindungen arbeitendes Gesicht die noblen Lebensanschauungen bestätigt hätte, welche er dem lieben Nachbar jetzt zum Besten gab.
Wir haben es mit einem jungen Heißsporn zu thun, mein werther Freund, sagte er, dem je eher je lieber Schloß und Kette angelegt werden muß.
Ring am Finger, lachte der Kommissär, und dann einige schreiende Kleinigkeiten, so wird Alles gut.
Der Geheimrath nickte vergnügt. Sie verstehen es, erwiderte er.
Ich kenne die Welt, rief der Herr. Wir haben Alle unsere Streiche gemacht. Leben und leben lassen.
Ein goldenes Wort, sagte Wilkau. Im Grunde ist es nichts und heißes Blut, Verlockung, gereizte Nerven thun viel. Ich werde handeln wie es nöthig ist. Von einer ernstlichen Absicht kann natürlich bei dieser nächtlichen, romantischen Pläsanterie des jungen Herrn auf dem Kirchhofe die Rede nicht sein.
I, Gott bewahre! rief der Beamte, nichts als Spaß.
Also eine Posse, versetzte der Geheimrath, doch Alles hat sein Ende. Es ist aber merkwürdig was unsere Jugend jetzt für Streiche macht.
Es liegt in der Zeit, verehrter Herr Geheimrath.
Eine schöne Zeit! ja wohl, ja wohl! sagte Wilkau. Nun, wir müssen es so hinnehmen. Jugend hat keine Tugend. Man muß die gebratenen Gänse jetzt mit der Haut essen, versetzte der Kommissär.
Die beiden Herren lachten, der Geheimrath schüttelte dem lieben Nachbar die Hand. — Guten Morgen, Herr Nachbar! Sie sind der richtige Mann. Sollte noch etwas vorfallen, so verlasse ich mich auf Sie, aber ich denke, es wird nichts vorfallen. Meine ewige Dankbarkeit bleibt Ihnen, es wird sich schon Gelegenheit finden, wo ich dienen und helfen kann. Immer wenden Sie sich an mich, dreist an mich, nur darum bitte ich — strenge Verschwiegenheit.
Der Kommissär legte den Finger auf den Mund, seine großen Augen glänzten in Ergebenheit und Eifer. Mit einer tiefen Verbeugung und hochgesträubtem Backenbarte verließ er seinen Gönner.
Als er fort war, zog der Geheimrath die Klingel. Der Bediente mit der rothen Nase schoß herein und blieb an der Thür stehen. Der Geheimrath kehrte ihm den Rücken zu und besah eine Feder.
Meine Tochter ist doch schon auf? fragte er.
Das gnädige Fräulein ist vor einer Stunde schon aufgestanden, erwiderte Friedrich vertraut und listig lächelnd. Arbeitet in ihrem Zimmer an der Börse für Herrn von Gravenstein.
So, sagte der Geheimrath, so sage der Louise, sie soll dem Fräulein melden, ich wünschte sie sogleich zu sprechen.
Der Geheimrath blieb stehen, probirte noch einige Federn, nahm dann ein Federmesser und schnitt ein paar Spitzen ab, bis er wieder die Thür öffnen hörte, worauf er sich umwandte und seiner Tochter freundlich zunickte.
Guten Morgen, Papa, sagte Elise, was giebt es denn? Ich bin ganz erstaunt über Deine Botschaft.
Der Papa warf einen forschenden Blick auf sie. — Die aufgewickelten Locken, der Morgenrock, das blasse Gesicht, die matten wasserblauen Augen kamen ihm in seinen Betrachtungen und geheimen Vergleichen nicht besonders reizend vor. — Erwartest Du Alfred nicht? fragte er.
O! freilich, Papa, erwiderte sie. Ich bin voller Neugier, was er mir heut Abend schenken wird.
Du arbeitest eine Börse für ihn?
In höchster Eile, sagte sie lachend. Man kauft dergleichen Arbeiten jetzt angefangen, das heißt beinahe fertig, und hat nur wenig noch damit zu thun.
Das ist sehr bequem, Elise.
Aber ist es zu verlangen, daß man Wochen lang sich plagt, wie in alter Zeit, Papa, wo man durchaus den Geliebten eigenhändig bestricken, besticken und umgarnen mußte? Jetzt thun das Andere für uns und der Glaube macht selig.
Nimm Dich in Acht! rief der Geheimrath lächelnd und drohend.
Wovor, Papa.
Vor dem Bestricken und Umgarnen durch Andere.
Alfred? sagte sie spottend. O! das Netz ist fest.
Es giebt kein Netz, das nicht reißen könnte, fiel er ein.
Was willst Du denn? fragte sie aufmerksam. Warum hast Du mich zu Dir befohlen?
Ich wollte Dich fragen, begann er nach einem kurzen Schweigen, ob es Dir Recht wäre, wenn sich Deine Hochzeit beschleunigte.
Beschleunigte? wiederholte Elise, indem sie in seinen Augen zu lesen schien.
Ja, beschleunigte, antwortete der Papa. Ich denke am Neujahrstage das Aufgebot, dann rasch die übrigen Formalitäten abgethan und die Hochzeit in drei Wochen.
Du willst mich ja förmlich über Hals und Kopf los werden, erwiderte sie lächelnd. Es ist unmöglich, Papa, die Einrichtungen erfordern Zeit.
Es muß möglich sein, sagte er mit der entschiedensten Bestimmtheit.
Und Deine Gründe? fragte Elise, nachdem sie ihren Vater nachdenkend betrachtet hatte; ich weiß, Du thust nichts ohne triftige Gründe.
Der Geheimrath neigte sich zu ihr und sagte mit leiserer Stimme: Dein Glück bewegt mich dazu, ich will es vor allem Wanken schützen.
Was wankt? Wer wankt? rief sie ungläubig.
Höre mich an, Elise, sagte er. Liebst Du Alfred?
Das ist die sonderbarste Frage, Papa, die je an eine Braut gerichtet werden kann, erwiderte sie spottend.
Du bist verständig, fuhr er fort; Dein Herz will ich nicht beschweren, auch keinerlei Tadel oder Makel auf Alfred werfen.
Mein Gott! Papa! rief die Braut die Farbe wechselnd, sprichst Du denn im Ernst?
Er nickte ihr langsam zu und sagte dann: Aengstige Dich nicht, Kind, erschrick auch nicht, es ist nichts, gar nichts, als eine Nichtswürdigkeit von Seiten der Familie, die uns schon so viel Verdruß verursacht hat. Du weißt, Alfred ist bei Herzer gewesen, er hat dort Clara gesehen; auf ihr Bitten hat er sein Recht aufgegeben und das haben die Elenden sich gemerkt, die sanften, menschlichen Regungen Alfreds benutzt und eine Intrigue angezettelt, an welcher Alfred durchaus unschuldig ist und keinerlei Theil hat, die aber doch nicht ganz ohne Eindruck bei ihm geblieben sein mag.
Es ist Rache, Papa, eine verächtliche Rache, bei der Felix hilft.
Rache und Eigennutz, sagte der Geheimrath; aber wir müssen ihre Plane vereiteln und es giebt einen Weg dazu, der unfehlbar ist. Du mußt dabei mitwirken, Elise.
Ich? rief das Fräulein, was soll ich thun?
Nichts als eine kleine List ausüben, erwiderte der Papa. Alfred wird kommen, verschaffe Dir auf irgend eine Weise sein Taschenbuch. Du wirst schon ein Mittel finden, ihr Weiber seid erfinderisch, wenn es dergleichen gilt.
Aber wenn es Alfred merkt, sagte Elise bedenklich.
Du sollst das Taschenbuch nicht behalten, fiel Wilkau ein. Gott bewahre! Nur ein Papier sollst Du rasch herausnehmen, oder ich will es herausnehmen, ich selbst, womit Herzer ihn betrogen hat. Ich will ihm den Betrug beweisen. Ist er dahin gebracht, so wird er uns unsere liebevolle Sorgfalt vergeben und — Herzer ist in meiner Gewalt, flüsterte er mit dem Ausdruck des ingrimmigsten Hasses, es ist gar nicht mehr daran zu denken, daß Alfred sich diesen Menschen jemals wieder nähern könnte.
So hat er sich Ihnen also jetzt genähert? fragte das Fräulein erregt.
Aus Mitleid, Elise; aus einem edlen Gefühl für ein, wie er meint, schuldloses, schönes Mädchen. Denn schön ist sie, und in ihren Augen liegt etwas, was einen Mann bezaubern kann. Du willst also?
Ich will, ja wohl, ich will! rief Elise heftig. Laß mich nur machen, doch sei bei der Hand. Wer klopft da? O Himmel, ich darf mich nicht sehen lassen. Mit diesen Worten schlüpfte sie durch die Seitenthür in demselben Augenblick, wo der Professor von der Korridorseite hereintrat und eine tiefe Verbeugung machte.
Lieber Professor, sagte der Geheimrath eilig, ich denke wir sehen Sie heut Abend bei uns. Nicht wahr, heut Abend? Oder wollen Sie mit meiner Frau über den Aufbau der Weihnachtsbescheerung in Vereinssachen sprechen? Oder was giebt es denn? Sie sehen über die Maßen erhitzt und feierlich aus.
Ich habe eine Entdeckung gemacht! erwiderte Viereck, indem er seine Halsbinde ungeheuer hoch zog und eine Anstrengung machte, als wollte er seinen ganzen Körper daran in die Luft heben.
Quadratur des Zirkels, Perpetuum mobile, oder was ist es? fragte Wilkau.
Falsch! falsch! es ist ungeheuerlich! murmelte der Professor, seinen Zeigefinger an die Nase legend.
Lieber, guter Viereck, rief Wilkau, es greift meine Nerven an, Sie in dieser Kolumbuslaune zu erblicken.
Sagen Sie mir, fragte der Professor würdevoll näher tretend, haben Sie keine Ahnung, wer an jenem Abende die verbrecherische Pistole vor ihrem Hause abfeuerte?
Die Pistole? Ahnung? Nicht die geringste. Ist das Ihre Entdeckung?
Meine Entdeckung, sagte Viereck stolz, so ist es. Ich kenne die beiden Vagabonden; er und sie oder sie und er, gleichmäßig schuldig, obwohl der ganze Zusammenhang mir noch nicht ganz klar geworden ist.
Wie? rief Wilkau; er und sie oder sie und er?
Es ist wunderbar wie mein Scharfsinn das herausgebracht hat, fiel der Professor ein, indem er staunend in den Spiegel sah. Wenigen würde es geglückt sein, denn es gehört Menschenkenntniß dazu, Kaltblütigkeit, Combinationsvermögen, ein tiefer Blick in die Natur.
Ich bitte Sie, Freund, schrie der Geheimrath, es ist nur möglich mit Ihren Gaben, ich gebe es zu, aber nun sagen Sie mir schnell, wer es war?
Wer anders, versetzte der Professor, als der schändliche Bube, Felix Herzer, und seine tugendhafte Schwester.
Der Geheimrath ließ die Hand, welche er auf des Professors Schulter gelegt hatte, sinken und sah ihn starr an, dann lief ein eigenthümliches, verklärtes Lächeln durch sein Gesicht. Er drückte den Professor auf das Sopha, setzte sich zu ihm und sagte schmeichelnd: Jetzt müssen Sie mir Alles erzählen, Ihre ganze Entdeckung bis auf’s Kleinste, dann wollen wir gemeinsam weiter berathen.
Alfred von Gravenstein trat etwa eine Stunde später in das Familienzimmer und Elise flog ihm entgegen, legte ihre schmale Hand auf seine Stirn und sagte mit der Miene eines Arztes: Das Fieber ist fort, mein verehrter Herr, alle Hitze hat sich in das Herz zurückgezogen, wohin sie gehört, aber ich finde noch einige Trockenheit, einige düstere Schatten in den Augen. Wir müssen an wirksame Mittel denken, um Symptome zu bewältigen, die wiederum zur Krankheit werden können, wenn wir nicht zeitig vorbeugen. Ich verordne Ihnen daher heut am Weihnachtsmorgen drei Küsse, am Abend aber werde ich sehen, wie weit wir die Dosis verstärken können.
Alfreds Gesicht war in der That ernsthafter und selbst düsterer, als es gewöhnlich war. Seine Augen sahen röthlich aus, wie von einer schlaflosen Nacht und seine muskelkräftigen Züge hatten etwas Verzerrtes, als sei er heftig aufgeregt oder erzürnt.
Nach und nach aber verlor sich diese Starrheit des Ausdrucks unter Elisens Scherzen und Neckereien. Er lachte mit ihr und ließ sich ausschelten, indem er die Medizin in Empfang nahm und, deren gute Wirkung belobend, um einen neuen Löffel voll bat, den sie standhaft verweigerte.
Du wirst viele Geduld mit mir haben müssen, rief er endlich, indem er mit einem innigen Blick ihre beiden Hände ergriff. Mein reizbares Gemüth ist leicht verstimmt, verdüstert durch Menschen und Dinge, die mir gleichgültig sein könnten, erregt durch jeden Antheil an Verhältnissen, die mir näher treten, selbst empfindlich gegen den grauen Himmel, der über uns hängt.
In Wahrheit, Alfred, sagte Elise, Du siehst verstört aus und machst mich besorgt.
Druck im Kopf, erwiderte er, erfreut über ihre Sorge, die ihm wohlzuthun schien.
Du sollst aber wohl sein, ich will es haben, rief die Braut. Heut, lieber theurer Alfred, ist ja Weihnachtsabend, wo mein Christbäumchen herrlich und freudig Dir brennen muß. Da meine erste Medizin nichts geholfen hat, so muß ich eine andere versuchen, die mir selbst oft wohlthut.
Sie eilte zu einem Eckschrank, nahm ein Fläschchen und einen Löffel heraus, schüttelte das Fläschchen um und begann die Flüssigkeit in den Löffel zu gießen.
Um Gottes Willen! sagte Alfred lachend, ich soll doch nicht etwa das Zeug verschlucken?
Das sollst Du; ganz gewiß, das sollst Du! erwiderte sie näher tretend.
Ich hasse alles, was Medizin heißt, auf’s äußerste.
Schadet nichts, Du mußt! sagte sie entschlossen.
Liebe Elise, rief er sich sträubend; — aber ein übermüthiges Lachen, in welches Alfred einstimmte, unterbrach seine Worte. Nimm Dich in Acht! schrie er in dem Augenblick, wo der Löffel umkippte und der ganze Inhalt über ihn hinfloß.
Zu spät sprang er zurück; es war geschehen. Elise warf den Löffel fort, ihre Ausgelassenheit verdoppelte sich, als sie den verlegenen Blick sah, mit welchem er seinen Rock betrachtete.
O Uebermuth! was hast Du angerichtet, rief er. Es riecht abscheulich nach Wermuth und Kampfer. Was soll ich nun anfangen?
Sie klatschte in die Hände, sprang aber dann von dem Stuhl auf und sagte noch immer lachend: Wie unbehülflich sind doch diese gebietenden Herren der Schöpfung. Gieb den Rock her, schnell, schnell! Eine Braut kann auch wohl einmal Kammerdienerdienste verrichten. Eins, zwei, drei, soll mit einigen Wassertropfen der Schaden geheilt werden.
Alfred fügte sich willig, er war belustigt von dem Vorschlage. Nun, immerhin, sagte er, es soll Deine Strafe sein; dann streifte er den Frack ab, mit dem Elise rasch davoneilte.
Es ist eine häusliche Scene, murmelte er, als sie hinaus war. Sonderbar, in welche Lage hat sie mich mit diesen Possen gebracht. Aber wie gutherzig und gleich bereit zur entschiedenen That. Voller Liebenswürdigkeit, voll heitrer Laune, und über die ängstlichen Schranken steifer Prüderie hinaus.
Bei diesen Worten wandte er sich lebhaft um, der Thür entgegen, durch welche der Assessor Stephani so eben hereintrat. Alfred blieb stehen, sein Gesicht wurde plötzlich ernsthaft.
Wie, Herr Baron, rief Stephani in vertrauter Weise, ist der Frühling Ihres Herzens zum Ausbruch gekommen?
Ich begreife nicht, erwiderte Alfred kalt. —
Wie ich Sie überraschen konnte, unterbrach ihn der junge Herr. Man ließ mich draußen passiren und, wie konnte ich vermuthen, Sie in Sommernachtsträumen allein zu finden.
Mein Herr, sagte Alfred von Gravenstein stolz und finster, was nächtliche Träume anbelangt, so habe ich diese Nacht einen gehabt. Es war ein Winternachtstraum, den ich so leicht nicht vergessen werde. Da ich aber etwas auf Träume halte und auf die Warnungen, welche sie uns geben, so bitte ich, daß Sie dies in allem ferneren Verkehr zwischen uns berücksichtigen wollen.
Ach so, lächelte Stephani, ich bin davon keinesweges überrascht. Ich habe ebenfalls geträumt. Wir sahen uns beide, ich Sie, Sie mich; allein ich nehme an, daß wir uns gegenseitig nicht damit belästigen wollen, uns unsere Träume vorzuerzählen.
Ich wenigstens, erwiderte Alfred, bin weit davon entfernt. Nur in dem Falle, fuhr er fort, indem er einen durchbohrenden Blick auf das lächelnde Auge des Anderen warf und dann schwieg.
Nun, in welchem Falle, lieber Baron? fragte jener unbesorgt. — In dem Falle, daß ich wieder träumen sollte. Dann, Herr Stephani, dann werde ich Ihnen meinen Traum erzählen und eine deutliche Auslegung hinzufügen.
Mein Gott! was Sie eifrig werden, rief Stephani spottend. Ich habe mich erkältet bei dem Besuch der Königin Mab und fühle nicht die geringste Lust nach weiterer Bekanntschaft. Indeß zwingen Sie sich nicht, theurer Baron, vielleicht könnten wir uns gegenseitige Auslegungen machen, und Fräulein Elise oder Herr von Wilkau würden nicht wenig über Eines oder das Andere erstaunt sein.
Eine Röthe, die er nicht unterdrücken konnte, lief über Alfreds Stirn. Sein Blick wurde unsicher, er senkte ihn nieder; eine Reihe plötzlicher Gedanken und Vorstellungen schien ihn zu überkommen. Ich habe Ihnen schon einmal erklärt, sagte er dann, was ich darüber beschlossen habe.
Also Frieden zwischen uns, Herr von Gravenstein, rief der Assessor im Gefühle seines Uebergewichts. Lassen Sie uns einträchtig neben einander wandeln und alle Träumerei vergessen.
Alfred sah einen Augenblick über die Hand hin, welche Stephani ihm entgegenhielt und trat dann zurück, indem er sich umwandte und schweigend nach dem Fenster ging.
Nun, wie Sie wollen, lieber Baron, ganz wie Sie wollen, lachte Stephani, wir haben Zeit uns gelegentlich zu verständigen. Vor der Hand will ich den Geheimrath aufsuchen. Es bleibt also bei unserer Abrede, wir schweigen beide und träumen nicht wieder.
Während diese Scene in dem Familienzimmer vorging, war Elise hastig durch einige Thüren geeilt, bis ihr der Geheimrath entgegenkam, der sie erwartet zu haben schien.
Als er den Rock in seiner Tochter Hand erblickte, spannte sich die Erwartung in seinem Gesicht bis zum äußersten Grade. Seine Muskeln zuckten, seine Augen erhielten einen eigenthümlichen Glanz; er faßte mit katzenartigem Griff, wie ein Geizhals, der einen Schatz festhalten will, welcher ihm entrissen werden könnte, nach dem Kleidungsstück und sagte leise: Hast Du ihn wirklich, Kind? Du bist ein Engel! — Gieb her, geschwind her, wo ist die Tasche? Kehre ihn um, kehre ihn um!
Halt! Papa, halt! rief Elise. Nimm das Taschenbuch, da steckt es, den Rock muß ich waschen und reiben lassen. Es wäre zu viel für meine Nerven. — Louise soll ihn in die Kur nehmen, bald kehre ich zurück und während dessen thue was Du willst.
Mit triumphirendem Lächeln hob der Geheimrath das Taschenbuch in die Höhe und nickte seiner Tochter zu. Dann lief er auf den Zehen zu der Flügelthür, und drehte dort den Metallriegel um, und nun trat er an den Tisch und öffnete rasch den leichten Verschluß seiner Beute. Ich thue es ja nur zu unserem allseitigen wahrhaften Wohle, murmelte er vor sich hin, zur Entlarvung des Verbrechens, zur Sicherung der Ehre und des Glücks meiner Familie, und Alfred selbst muß es mir danken, wenn ich ihn zwinge, von seinem Verderben abzustehen. Mit diesen Worten durchwühlte er hastig die Seitentaschen und Doppeltaschen, in welchen verschiedene werthvolle Bank- und Kassenscheine steckten, dann zog er ein Billet heraus, das er mit einem spöttischen und haßerfüllten Blick aufschlug. Flüchtig las er den Inhalt vor sich hin: Sie wollen mir eine wichtige Mittheilung machen, ich überwinde allen Widerstand und werde gleich nach zehn Uhr auf dem Kirchplatze hinter unserem Hause mich einstellen, wie Sie es vorgeschlagen, Clara. — Da haben wir ja den Beweis, den fürchterlichen Beweis, wie weit das Einverständniß schon gekommen ist, rief er drohend. Davon darf Elise niemals ein Wort wissen, aber in der Stille will ich den leichtsinnigen Patron doch vornehmen und ihm die Leviten lesen. Er besann sich einen Augenblick, steckte das Billet aber wieder an seinen Ort und öffnete rasch die letzte Tasche, aus der ihm mehre zusammengeschlagene dünne Papiere entgegen fielen, die er sogleich erkannte.
Da sind sie, flüsterte er. Eins, zwei, drei — drei Wechsel, jeder zu zweitausend Thaler. Ha, die Unterschrift! Die steilen, zittrigen Buchstaben nachgemacht, aber schlecht, miserabel schlecht. Alfred hätte es auf den ersten Blick merken müssen, daß es dieselbe Hand ist. Er ist verloren! sagte er mit dumpfem, hohlem Ton in sich hinein. Jetzt habe ich sie, und kein Gott soll sie retten.
Nun, Papa? rief Elise, indem sie mit dem Rocke zurückkehrte.
Der Geheimrath zog die Hand aus seiner Weste, steckte mit der andern rasch die Brieftasche in den Frack und lächelte seiner Tochter zu.
Alles in Ordnung, Du Schelm, erwiderte er. Was so ein kleiner Kopf nicht alles ausgrübeln kann! Rasch hinein, der arme Alfred muß frieren. Ich komme in einem halben Stündchen, er muß bei uns bleiben. Macht zusammen einen Spaziergang oder eine Spazierfahrt, was Ihr wollt und rufe die Mutter, die mit dem Professor drüben sitzt und noch immer Weihnachtsgeschenke vertheilt.
Du bist also mit mir zufrieden? fragte Elise.
So zufrieden, schmeichelte der Papa, daß ich Dich zum Geheimrath machen möchte, wenn ich nicht selbst einer wäre. Aber sei liebenswürdig, Elise, und befestige Deine Herrschaft, im Fall Alfred das übel nehmen wollte, was wir zu seinem Wohle thun mußten.
Sei ohne Sorge, rief sie zurück. Die ganze Geschichte ist ja ein Scherz. Ich darf ihn und mich nicht betrügen lassen.
Als sie hinaus war, stieg der Geheimrath die Hintertreppe seiner Wohnung hinab und erschien plötzlich ganz unerwartet bei Herrn Zippelmann, der in seinem schottisch roth und grün karirten Schlafrock, eine violette, etwas abgetragene Sammtmütze auf dem Haupte, auf dem Sopha saß und eine fürchterliche Tabackswolke verbreitete, aus welcher seitwärts der Kopf des Assessors auftauchte.
Na, da kommt ja der Geheimrath, rief Herr Zippelmann. Hehe! wie steht es mit der Weihnachtsbescheerung? Alfredchen lief vorher bei mir vorüber, wie ein wilder Eber, ohne mich anzusehen. Wissen Sie was, Geheimrath, so ein politischer Schwiegersohn hat doch immer seine Mucken. Es kommt aber alles von der deutschen Einheit; das ist der dummste Gedanke im ganzen Jahrhundert, der eine Verrücktheit über uns gebracht hat, die uns nie wieder verlassen wird. Stellen Sie sich vor, jetzt wollen Sie ein Parlament berufen! Hehe! wahrhaftig ein Parlament, als wenn noch nicht genug geredet wäre. Schicken Sie Alfredchen hin, der redet nicht viel, hehe! Aber wie sehen Sie denn aus, liebster Geheimrath? Ganz seelenslustig wie damals, wo wir uns die schwarz-roth-goldene Kokarde annähten.
Der Assessor war aufgestanden und ohne auf Herrn Zippelmanns Reden zu achten, hatte der Geheimrath sich ihm genähert und einige Schritte weit zum Fenster geführt, wo er rasch und leise mit ihm sprach und eben so leise Antworten erhielt. Jetzt wendete er sich um und plötzlich hielt Zippelmann mehre Papiere hin, indem er im bestimmten Tone sagte: Haben Sie das geschrieben, lieber Zippelmann? Ist das Ihre Unterschrift?
Den Teufel! schrie Herr Zippelmann zurückprallend, als sei er von einer Wespe gestochen worden. Nichts habe ich geschrieben. Ich kann einen Eid leisten! Es ist auch gar nicht meine Hand, es ist ein Betrug, so wahr ich lebe! oder ein Witz oder ein Weihnachtsspaß. Hehe! wie kommen Sie denn dazu, liebster Geheimrath? Es sind ja wahrhaftig die drei Wechsel, die der Bengel, der Felix, mir vorlegte, wie er mich rühren wollte. Aber ich, rühren! Eher wird eine deutsche Einheit zusammengerührt oder eben so unmöglich. Hehe! was wollen Sie also, Geheimrath? Von mir kriegt keiner einen Pfennig und wenn es das ganze Parlament auch unterschrieben hätte.
Sie erkennen diese Wechsel also als diejenigen an, welche der junge Herzer Ihnen damals vorlegte? fragte Stephani.
Freilich erkenne ich sie an, schrie Herr Zippelmann. Da ist der dreieckige Tintenklex, den ich machte, als der Vagabond mir mit Gewalt die Feder aufdringen wollte. Ich leistete aber Widerstand, passiven Widerstand, und machte die Hand fest zu. Ich sage Ihnen, liebster Geheimrath! ich war unerschütterlich. Keine Miene verzogen, kein Glied gerührt, höchstens gelächelt; gerade so wie unser verehrter Minister, wenn die ganze Meute ihn anblafft, was ich auch von ihm in Betreff der deutschen Einheit gewiß bin. Hehe! der wird sie machen, geben Sie Acht, Geheimrath, der macht sie!
Was meinen Sie also, lieber Assessor? fragte Wilkau inzwischen.
Die Absicht eines Betruges liegt jedenfalls vor, sagte Stephani, und unfehlbar könnte Seitens des Staatsanwalts schon jetzt eingeschritten werden. Wenn wir dem würdigen Zippelmann diese Wechsel in die Hand geben, er sie als falsch, seine Unterschrift als nachgemacht erkennt, und wenn der ganze Zusammenhang der Umstände damit verbunden wird, so dürfte Herr von Gravenstein wohl gezwungen werden können, Zeugniß abzulegen, unter welchen thatsächlichen Verhältnissen sie ihm als Unterpfand gegeben wurden. Geben Sie mir die Papiere, in einer Stunde soll die Sache im Gange sein.
Der Geheimrath zog jedoch die Hand mit den Wechseln zurück und steckte diese ein. Wir wollen nichts übereilen, sprach er lächelnd. Die Papiere habe ich, morgen früh läuft der Termin ab, das Geld können sie nicht schaffen, wir können also immer noch sehen, was Gravenstein thut, mit dem ich morgen gleich reden will. Ich habe aber noch einen Grund, fuhr er fort, der mich zurückhält; hätte ich früher gewußt, was ich jetzt weiß, so hätten wir diese Dinge vielleicht gar nicht gebraucht.
Herr Zippelmann und der Assessor sahen ihn neugierig an. Ja wohl, fuhr er fort, ich denke, Herr Felix und seine saubere Schwester sollen dem strafenden Arme der Gerechtigkeit nicht entgehen. Beide sind es gewesen, sie in Mannskleidern, die vor dem Hause hier die Frevel verübten. Er hat das Pistol abgefeuert. Ich erwarte nur noch Zugeständnisse eines sicheren Zeugen, der sich dazu bequemen wird, wie er muß, um vollständig im Klaren zu sein.
Der Assessor sah starr vor sich hin. Was, was! schrie Herr Zippelmann, seine Troddelmütze rund um den Kopf drehend. Der heillose Galgenstrick! das ist er auch gewesen? — Sie sollen Alles hören, sagte der Geheimrath, Sie sollen Genugthuung haben.
Jetzt, Guste, alleweil, liebste Guste, jetzt komm! rief Anton Mertens mit dem freudigsten Gesicht zu der kleinen Thür hinaus, die nach der Küche führt.
Bist Du schon so weit? antwortete die junge Frau, erwartungsvoll lachend, indem sie mit dem Kinde auf dem Arme seinem Rufe folgte.
Siehst, wie’s glänzt und flimmert? schrie Anton. Ein propres Christbäumchen mit zehn Lichten. Gieb ihn her, den kleinen Kerl, gieb ihn her, und nun schau Dir’s an, ob ich’s recht gemacht habe.
Er zog sie an der Hand fort, während er ihr das Bübchen abnahm. Sein Gesicht glänzte vor Freude; er warf sein Haar heftig zurück und tanzte rund um den Tisch vor Seligkeit, als das Kind jauchzend seine Händchen dem Lichtglanze entgegenstreckte.
Anton hatte in der That gethan, was er vermochte. Ein Tannenbaum mit Goldschaum und bunten Schleifen verziert stand mitten auf dem weißgedeckten Tische; Mandeln, Nüsse und Pfefferkuchenreiter und Könige hingen von allen Zweigen herunter, eine große Schüssel voll Aepfel und ein Kuchen obenauf war vor dem Baum aufgepflanzt, aber die eine Seite des Tisches gehörte vorzugsweise seiner Frau, die andere dem Kinde an; denn hier lagen Handschuh, ein Winterhut, ein großes Umschlagetuch und in einem geöffneten großen Papier ein schönes dunkelgrünes Wollenkleid; dort gab es ein paar kleine Schachteln mit Bäumen und Häusern, sammt Peitschen, Trompeten und Thieren allerlei Art.
Schau hin, liebste Guste, schau hin! rief Anton, das ist alles Dein, was Du da siehst! So faß’ es doch an, Frau; faß’ es an, ob es Dir gefällt.
Du bist ein Verschwender, Anton, erwiderte sie, während ihre Augen vor Vergnügen blitzten. Es ist zu viel, viel zu viel! und bei diesen Zeiten und in unserer Lage. Ach! ein neues Kleid, wohl gar ein Tibetkleid? Bist nicht gescheut, Anton! Gott! was sind die Männer leichtsinnig. Ich hätte es ja nicht nöthig gehabt, es wäre so auch gegangen.
Aber es war lange schon Dein Wunsch, liebste Guste, rief Anton, den Arm um sie schlingend.
Als ob man sich nicht Allerlei wünschen könnte, fiel sie roth vor Freude ein. Du bist ein Narr! ja gewiß, ich habe es immer gesagt, Du mußt Jemand neben Dir haben, der Dir aufpaßt, sonst machst Du dumme Streiche.
Ach, Guste! lachte er, sie an sich drückend, verstell’ Dich doch nicht. Sakerment! ich sehe Dir’s ja an, wie lieb es Dir ist. Es ist grün, dunkelgrün, wie Du es gern haben wolltest.
O, es ist wunderschön, lieber guter Anton! sagte sie mit hervorbrechender zärtlicher Dankbarkeit, und der schwarze Hut dazu und hier ein Umschlagetuch, ein weißes gewirktes. — Mein Gott! es ist ja Wolle, kein Faden Baumwolle, die reine Wolle und ganz groß mit Palmen. — Anton! Du bist um den Verstand gekommen, reinweg um den Verstand, und woher hast Du das Geld — das schwere Geld Anton?!
Alleweil sei nur stille, rief er herzlich lachend, mein Verstand sitzt noch fest da oben, nämlich so viel ich davon bekommen habe; aber den Tuch da hatte Herr Felix in seiner Manteltasche und als er heut fort ging, gab er es mir draußen, und sagte, ich sollte es Dir aufbauen heut Abend, und dann gab er mir noch ein kleines Papier, das käme von seiner Schwester, das sollte ich darauf legen. Ich wollt’s nicht nehmen, Guste, Sakerment! ich wollte absolut nicht; aber er sah mich mit seinen großen, guten Augen an und sagte: Hören Sie, Mertens, wenn ich mehr hätte, würde es mehr sein, aber weil’s eine Gabe ist von Freunden, die eben auch nicht zu den glücklich Situirten gehören, darum müssen Sie es nehmen als eine Liebesgabe, und wäre ich an Ihrer Stelle, ich würde mich nicht weigern. Weil er das sagte, habe ich es genommen, und in dem Papier war ein Friedrichsd’or eingewickelt. Da habe ich denn noch etwas zugelegt und das Kleid gekauft, denn ich wußte wohl, Du hättest es alleweil nimmermehr gethan, sondern hättest ihn auf die hohe Kante gestellt. Sollst aber absolut auch eine Freude haben in der Welt für alle Deine Qual und Sorge, liebe Guste.
Ach, Du guter Anton! Du guter Anton! rief Guste, so gerührt über seine Güte, daß die Thränen ihr in die Augen traten, und ich habe nichts für Dich, als da ein Seidentuch, das ich heimlich gesäumt habe, wie Du schliefst, und endlich noch die kleine Bürste hier, damit Du Deine Haare in Ordnung hältst und wie ein anständiger Mensch aussiehst. — Aber Unrecht ist es doch immer von Dir Anton, sehr Unrecht ist es.
Während sie ihre Schätze und Herrlichkeiten hervorbrachte, jubelte Anton beglückt mit dem Kinde umher, voll Dankbarkeit und Seligkeit.
Was bist Du gut zu mir, liebste Guste, rief er. Ach Sakerment! komm mir Einer und zucke die Achseln. Da hab’ ich meine Frau, die ist eine treue Seele, wie es so leicht keine giebt auf Erden. Da hab’ ich mein Kind, das ist ein so feines Bübchen, wie es mancher Graf oder Prinz nicht aufweisen kann, und gäbe alle sein Gold dafür, wenn er’s hätte. Laß es gehen, liebstes Gustel, laß es gehen, wie’s Gott gefällt, wir wollen schon fest auf den Beinen sein, wie der verdammte Professor sagt. Ich lief vorhin durch die Straßen nach dem Weihnachtsmarkt und kaufte ein für das liebe Kind, Stück für Stück einen ganzen Groschen. Der liebe alte Weihnachtsmarkt! Die feinen Herrschaften wollen nichts mehr von ihm wissen, die laufen in die glänzenden Läden mit himmelhohen Spiegelscheiben und Glassonnen; denn Seide, Sammet und Pelz passen nicht zu der Nässe und Kälte in den offenen Buden. Aber das Volk, das arme Volk, das hat den alten Weihnachtsmarkt lieb, wie einen kranken heruntergekommenen Freund, mit dem es seinen letzten Groschen theilt. Puh! was brannten da in den Straßen schon die Kronen und Christbäume und Pyramiden. Bei Geheimraths sah ich hinauf, da glänzte es herunter wie ein Palast; da werden die Tische brechen von Geschenken und doch möcht’ ich nicht dabei sein, Guste; und doch möcht’ ich nichts von denen geschenkt nehmen. Und was ich sagen wollte alleweil, liebste Guste: es frägt sich noch, wer glücklicher ist, die da drüben oder wir? Es frägt sich noch, ob ich mit ihnen tauschen möchte?!
Die junge Frau lachte laut auf, aber Anton schlug sich funkelnden Auges mit der Hand auf die Brust, und wenn in diesem Augenblicke ein König gekommen wäre und hätte ihm seine Krone aufsetzen wollen, er hätte sie ohne Besinnen abgerissen und aus dem kleinen Kellerfenster auf die Straße geworfen.
Aus seiner begeisterten Glücksstimmung wurde er erst von der Klingel im Laden aufgeweckt und mit einem raschen Umschwunge in die übelste Laune versetzt, als er auf den ersten Blick den Professor erkannte, der ganz bedächtig die Thür zumachte und seinen Mantel dann wieder malerisch über die Schulter warf.
Ich möchte ihn gar nicht herein lassen, rief er grimmig auf den Tisch schlagend mit unterdrückter Stimme.
Pst! Anton, flüsterte die Frau, denk an den Geheimrath, und wenn Du ein richtiger Mann bist, wirst Du Einsehen haben von wegen, weil wir eben nicht anders können.
Inzwischen hatte der Professor langsam den Raum durchschritten und stand mitten auf der Schwelle. Die warme Luft des Wohnzimmers beschlug die Gläser seiner Brille, welche er jedoch deswegen nicht abnahm, sondern blos auf die Spitze seiner Nase rückte, welche heut noch mehr wie sonst dunkel röthlich schimmerte. In dieser Stellung blieb Viereck einige Augenblicke. Dann aber wich der Ernst in seinem Gesichte dem freundlichen Grinsen, mit welchem er häufig abzuwechseln pflegte. Er nickte dem Ehepaare zu, grüßte mit einer Handbewegung und sagte lebhaft:
Das ist meine wahrhaft innige, herzliche Freude, eben jetzt hierher zu kommen, wo der Christbaum brennt, und den Jubel mit anzusehen, den ich vermehren will durch allerlei frohe Nachrichten. Es ist ein Freudentag, lieber Mertens, ein wahrer Glücks- und Wonnetag, ich hoffe, Sie werden zufrieden sein. Habe ich nicht Recht, sind Sie nicht zufrieden? Haha! Sie sind zufrieden. Ich sehe es Ihnen an, Sie sind sehr zufrieden.
Ja wohl, Herr, ich bin so recht aus dem Grunde zufrieden, erwiderte Anton. Da sehen Sie einmal, was die Guste mir aufgebaut hat, und hier ist mein Junge, der jauchzt und zappelt vor Lust.
Und was ich Alles bekommen habe! fiel die junge Frau ein. Wir müssen uns auch nochmals bei Ihnen schön bedanken, guter Herr Professor.
Liebliche Natur! rief Viereck, seine Arme ausbreitend und wonniglich um sich blickend. Wahrheit, Einfachheit und Stille wohnen noch immer in der Hütte. Ihr guten Menschen, fuhr er mit einem Seufzer fort, ihr wißt nicht, was man auf der Höhe des Lebens leidet. Ihr wißt nicht, was es heißt, denken und an Gedankenschmerz leiden. Ist es nicht so, Mertens, was sagen Sie?
Ich sage, erwiderte Anton, daß ich den Hunger für den größten Schmerz halte, Herr. Wenn man so Weib und Kind hat und sieht in ihre blassen Gesichter, und wenn sie die Hände ausstrecken nach Brod, und wenn sich ihre Augen bittend auf den Vater richten, der nicht weiß woher er’s nehmen soll. Ah, Sakerment! wir wollen heut nicht daran denken, rief er, in seinem schwarzen Haar wühlend, aber es wird mir ganz weh, wenn ich mir vorstelle, daß auch heut, wo es so viele glückliche Menschen giebt, noch mehr unglückliche vorhanden sind, die im dunklen Kämmerchen oder in Ketten und Banden sitzen oder umherirren ohne Dach und Decke, und kein Stück Brod haben. Guter Gott! ist das ein Weihnachten.
Sie denken materiell subjektiv, Mertens, erwiderte der Professor lächelnd, weil Sie die Höhe des Gedankens nicht begreifen. Aber das ist nichts. Sie sind sehr glücklich! Das ist gar nichts gegen den tiefliegenden objektiven Gedankenschmerz großer und unglücklicher Seelen. Ich machte heut einen Spaziergang mit meinem Freunde dem Baron Leichtwitz, darum bin ich so spät gekommen, denn eigentlich war es meine Absicht, Sie schon Nachmittag aufzusuchen. Baron Leichtwitz ist reich, außerordentlich reich, dabei jung, er hat Alles was ein Mensch wünschen kann um glücklich zu sein, aber er ist sehr unglücklich. Leichtwitz, sagte ich zu ihm, bei Gott! Leichtwitz, richten Sie sich auf, ich bin Ihr Freund, ich stehe fest. Diese Welt hat Mängel, aber ein Mann, der sich fühlt und kennt, weiß was er soll.
Mein lieber Herr Professor, sagte er den Kopf schüttelnd, ich sehe nichts als Gräuel und Untergang, Barbarei und Verwilderung. Es ist nichts mehr zu hoffen, die Gesellschaft geht ihrem Verderben entgegen. Die Menschen sehen mich an wie reißende Thiere; ich bin so herunter, daß mir nichts mehr schmeckt, ich kann das Zarteste nicht mehr vertragen. Glauben Sie mir, mein lieber Herr Professor, das ganze Band der menschlichen Organisation ist zerrissen. Ich schaudre Tag und Nacht. Ueberall Gestalten, überall wilde fürchterliche Gesichter, Bärte, Nasen, Beile! — Es schmeckt mir nichts mehr, ich trinke Alles ohne Geschmack. — Sehen Sie, Mertens, das ist der Gedankenschmerz einer schönen Seele.
Na, sagte Anton, die schöne Seele wollt’ ich wohl kuriren.
Sie, kuriren! rief Viereck mitleidig, wo ich umsonst kurire!
Tüchtig arbeiten, lachte der Schuhmacher, und etwas hungern, das würde ihm schon auf die Beine helfen. — Es giebt viele Solche, die blos arbeiten müßten, so würden sie vernünftige Menschen werden.
Schweigen Sie von solchen gefährlichen Kriterien, rief der Professor, ihn streng betrachtend, die offenbare Reminiscenzen der Lehren Ihrer anarchischen Verderber sind. Die Algebra des Lebens rechnet mit unbekannten Größen. A ist nicht immer gleich A, es kann A auch gleich B oder C sein. Ungleiches aber wird nie aufgelöst in Gleiches; die Wurzeln bleiben, was sie sind; Primzahlen sind Primzahlen, und das X, was gesucht wird, ja, das ist die Lösung einer unendlichen Reihe. Verstehen Sie mich?
Nicht eine Sylbe, sagte Anton ihn anstierend.
Ich glaube es! rief der Professor stolz lächelnd und äußerst befriedigt. Wenige fassen mich, noch Wenigere begreifen mich, die Wenigsten verstehen mich. Mit diesem Klimax setzte er seinen Hut auf und sagte gelassen: Ziehen Sie sich an, Mertens, und folgen Sie mir.
Folgen? fragte Anton verwundert, wie so folgen? Warum denn folgen?
Zu Ihrem Glück, sagte der Professor mit Würde. Zu dem Herrn Geheimrath.
Geheimrath! Ich zum Geheimrath? murmelte der Schuhmacher erschrocken zurückweichend.
Mein lieber, theurer Freund, so sagte Wilkau zu mir, fuhr Viereck fort, bringen Sie mir den Mertens, ich will ihn selbst sprechen.
Ach, mein Gott! seufzte Guste, da haben wir’s!
Gut, lieber Wilkau, sagte ich, ich werde Mertens bringen, und wenn er sich benimmt wie ein Mann von Ehre, wie ein Patriot, der Wahrheit und Recht achtet?
Dann soll er sehen, daß ich ihn zu belohnen weiß, erwiderte mein edler Wilkau. Er soll reich beschenkt werden.
Ich danke! ich danke! rief Anton dazwischen. Ich bin so reich beschenkt, daß ich nichts mehr gebrauche.
Von den zweihundert Thalern, die er mir schuldet, soll nicht weiter die Rede sein, ich will sie ihm schenken! Sagen Sie ihm das im Voraus, mein lieber Herr Professor Viereck. Sie wissen, wie man die Herzen rührt; Sie sehen in die geheimen Falten der Seelen — so sprach mein Freund Wilkau.
Was geht denn vor? fragte Anton, indem er scheu zu seiner Frau hinüber blickte. Schenken — zweihundert Thaler — was will er denn von mir?
Stehen Sie fest, Mertens! sagte der Professor, energisch sich an seiner Binde in die Höhe ziehend; fest, wie es sich in schwierigen Augenblicken für den deutschen Mann ziemt. Man will nichts von Ihnen, als Ihr redliches, wahrhaftes Zeugniß zur Entlarvung der Bosheit und des Verbrechens. Sie wollen doch? Wie? Sie sind doch bereit für die gute Sache Ihr Leben zu lassen?
Allemal, Herr! allemal! erwiderte Anton, dem das Blut ins Gesicht stieg. Sagen Sie rasch was ich thun soll.
Der Professor näherte sich ihm, legte die Hand auf seine Schulter und sah ihm stier ins Gesicht. Es ist ein großer Augenblick, sagte er, wo das Vaterland volle Hingebung von Ihnen verlangt. Sie wissen, daß der junge Herzer und seine Schwester Greuelthaten verübt haben gegen die Diener der Obrigkeit. Sie haben genaue Kenntniß von diesen Vorgängen, man fordert von Ihnen ein offenes Bekenntniß.
Von mir? rief Anton lachend, ich weiß nichts! Nicht ein Wort weiß ich. Ist es nicht wahr, wir wissen alle Beide nichts?!
Gott soll uns behüten, mit der Polizei wollen wir nichts zu schaffen haben, fiel die Frau ärgerlich ein. Alles muß sein Ende erreichen, und alles was Recht ist, Herr Professor, aber — Ihr Benehmen ist anstößig.
Sie sind immer naiv! sagte der Professor lächelnd. Ich liebe die Naturwahrheit, aber ziehen Sie sich an, Mertens, wir wollen es weiter überlegen.
Alleweil, erwiderte Anton mit vieler Bedächtigkeit, wird nichts daraus.
Sie wollen nicht? fragte Viereck ganz erstaunt. Sie wollen nicht, wenn ich Sie darum ersuche?!
Diesmal haben Sie es getroffen, antwortete der Schuhmacher. Nein, ich will nicht. Sakerment! daß ich nicht wild werde. Seh’ ich aus wie Einer, der seinen Mitmenschen verrathen könnte? Nicht um ein Faß voll Gold, nicht um ein Königreich — nicht — nicht! — und, Herr Professor, alleweil möcht’ ich allein sein. Verstehen Sie wohl, ich möchte allein sein!
Und ich desgleichen, schrie Guste, den Arm in die Seite stemmend, besonders wenn Anton nicht zu Haus ist. Meine Natur kann dergleichen nicht vertragen; ich denke, Sie wissen nun, woran Sie sind.
Seid Ihr denn toll! rief der Professor, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte. Ihr widersetzt Euch! Ihr wollt den Bösewicht schützen, aber es ist aus mit ihm. Die Wechsel sind entdeckt, er ist verloren! — Wollen Sie mir jetzt folgen oder nicht?
Nicht folgen, nicht einen Schritt folgen! sagte Anton unerschütterlich; aber das Christbäumchen brennt noch immer hell genug, um Ihnen zu zeigen, wo die Thür ist.
Da ist sie, Herr, groß und breit, und alleweil guten Abend oder gute Nacht.
Der Professor wickelte sich in seinen Mantel und wendete sich stolz um. Mit einem Lächeln des Mitleids blickte er von der Thür zurück. Sie verstehen mich nicht, sagte er; wie könnten Sie es auch?! Aber Ihr werdet es empfinden. Meine Hand ziehe ich ab von Euch.
Ist er fort? fragte Anton in großer Aufregung, als er die Klingel draußen hörte. Jetzt nimm das Kind und die Stiefeln her, Guste. Ich muß fort, ich muß hin zu ihm. Es ist etwas im Werke. Was sagte er? Er ist verloren, sagte er?
Die Wechsel sind entdeckt, sagte Guste, indem sie ihm half. Lauf, Anton, lauf; er machte ein Paar schreckliche Augen dazu.
Mertens riß den Hut vom Schranke weg und eilte davon.
Auch in dem Hause des Fabrikanten brannte in einem großen Saale des Fabrikhauses ein Christbaum mit zahlreichen Lichtern. Eine lange Tafel war stattlich aufgeputzt und mancherlei nützliche und schöne Geschenke lagen neben den Schüsseln mit Aepfeln, Nüssen und den gewöhnlichen Weihnachtsgaben. Jeder der Arbeiter hatte seinen Theil bekommen und voll dankbarer Freude drückten sie dem guten Herrn die Hände, der sammt Sohn und Tochter unter ihnen war, und freudiger gestimmt schien, als sie ihn seit längerer Zeit gesehen hatten. Die Verheiratheten hatten Frauen und Kinder mitgebracht, welche in ihrer Glückseligkeit schreiend, blasend und pfeifend umher zogen, und mitten unter dem Kinderschwarm ging Clara auf und ab, um die Freude durch ihre Liebkosungen zu vermehren.
Endlich aber wurde der Saal leer, nachdem zum letztenmale auf das Wohl des Herrn Herzer und seiner ganzen Familie getrunken war. Die drei Personen, aus welchen diese bestand, blieben allein an dem leeren Tische; der große Baum schickte sein strahlendes Licht aus, aber Niemand antwortete darauf, als ein tiefer Seufzer, der aus der Brust des alten Mannes kam.
Nein Vater, sagte Felix, ihm die Hände reichend, das laß ich heut nicht gelten. Alles war, wie es sein sollte, und nach der großen Freude, die auch in Dir das trübe Buch der Vergangenheit zumachte, darf wenigstens heute kein Rückfall eintreten.
Es war, wie es sein sollte, sagte Herzer melancholisch lächelnd. Ja, wir haben gethan, was wir immer thaten; denn auch in solchen Zeiten und in unserem Stande, sorgt der einfache Bürger so lange er es irgend vermag dafür, daß diejenigen nicht den Druck und die Noth merken, welche für ihn arbeiten und zu ihm gehören. Das ist, fuhr er mit einem Gefühl des Stolzes fort, eine schöne, alte und gerechte Sitte und ein wohl zu merkender Unterschied zwischen uns und vielen vornehmen Leuten, die sich selbst nichts entziehen mögen, aber es Andern knapp zumessen. O! sie werden auch darum wieder Steine auf mich werfen, wenn sie hören, daß ich in gewohnter Weise meine Arbeiter beschenkte.