← Table of contents
Weihnachtsabend

Front matter (continued 2)

Reading edition

Ich kann es mir denken, fiel Alfred ein.

Die Unsicherheit des Eigenthums wird so leicht nicht gehoben werden und damit ist die Unsicherheit des Erwerbs verbunden, fuhr Herzer fort. Vor Allem leidet was Kunst und Luxus angeht. Die Gesellschaft steht auf zerfressenen Füßen, Ausflickereien helfen wenig. Ich weiß, Herr von Gravenstein, unsere Meinungen darüber laufen ohne Zweifel weit von einander, aber ich zittre vor der Zukunft mehr wie die hohe Aristokratie, und eben darum mache ich jetzt einen Versuch, der so gewinnbringend aussieht wie er Sicherheit verspricht.

Sie wollen sich nach Amerika übersiedeln, sagte Alfred.

Sie haben davon gehört? fragte Herzer erstaunt.

Man hat es mir erzählt, sagte der junge Edelmann.

Ich denke zu wissen, woher das kommt, fuhr Herzer fort, aber man hat Sie falsch unterrichtet. Mein Sohn soll nach Newyork gehen. Ich habe ein Magazin dort errichtet, werde aber selbst hier bleiben und weiter arbeiten lassen, es sei denn, daß die Verhältnisse mich zum Auswandern nöthigten.

Sie meinen, wenn es nicht mehr zu ertragen ist? erwiderte Alfred.

Ja, Herr von Gravenstein, gab der Fabrikant zur Antwort. Ich meine, daß eine Zeit kommen mag, wo ein Mann meiner Art, obwohl alt und mit weißem Haar, nicht anders kann als ein Grab auf fremder Erde suchen.

Das ist Exaltation! sagte Alfred kalt lächelnd.

Es mag Ihnen wohl so scheinen, sprach Herzer, ich begreife das; denn was ein Theil der Menschen zuweilen gut, gerecht und wohlthätig nennt, verwandelt sich im Sinne der Anderen zu unerträglichem Unrecht. Doch jeder mag seiner Ueberzeugung folgen und nur dafür sorgen nicht zu hassen und zu verdammen, sondern gerecht zu bleiben.

Wir sind damit von dem eigentlichen Gegenstande meines Besuches abgekommen, fiel Alfred unruhig ein. Sie wollen unsere Angelegenheit noch heut in Ordnung bringen?

Ich will sogleich zu meinem Notar schicken, sagte der Fabrikant.

Ein Notar? Was soll der Notar?

Wenn Sie ihn nicht haben wollen, rief Herzer erfreut, und meiner Redlichkeit vertrauen, so ist er freilich nicht nöthig.

Herr Herzer! sagte Alfred, und er hielt inne, denn ein innerer Kampf preßte ihm die Lippen zusammen. Er sah den alten Mann starr an und schüttelte den Kopf.

Herr von Gravenstein, sprach Felix, ruhig näher tretend, glaubt, wenn ich nicht irre, daß Du, lieber Vater, ihm heut das Kapital zurückzahlen willst.

O! nein, wie? erwiderte der Fabrikant rasch. Was denkst Du? — Wie könnte ich — Herr von Gravenstein!

So ist es allerdings, ich brauche das Geld, sagte Alfred so bestimmt und kalt wie er es vermochte.

Eine minutenlange Pause trat ein. Herzer fuhr mit der Hand über sein Gesicht, dann richtete er sich auf und sagte mit gedämpfter Stimme: hätten Sie mir vor vier Monaten, wo ich zuletzt an Sie schrieb, erklärt: ich will und muß mein Geld haben, so würde ich darauf gefaßt gewesen sein. Ihre Antwort war jedoch eine Bewilligung. Ich kann nicht denken, daß Sie dies Wort brechen werden; in dieser letzten Stunde ist es mir unmöglich, Zahlung zu leisten.

Dann haben Sie die Folgen zu bedenken, sprach Alfred. Ich denke, Sie wissen genau was Ihre Schuldverschreibung enthält.

Ich weiß es, ja! rief der Fabrikant laut, aber Sie — Sie! — ein Zittern bewegte seine Lippen, er griff mit der Hand nach seiner Stirn und hielt sich an den Arm seines Sohnes fest, denn seine Füße schienen zu schwanken.

Alfred von Gravenstein betrachtete diese Gruppe mit finstern mißtrauischen Blicken, indem er die Arme kreuzte und fest auf der Stelle stehen blieb, die er eingenommen hatte. Er machte keine Bewegung dem jungen Herzer zu helfen und dieser rief ihn nicht darum an. Seine Augen leuchteten zornig und verächtlich, aber mit eben so viel Kraft wie Vorsicht unterstützte er den greisen Vater und sagte mit warnender Stimme: Laß Dich nicht von Deiner jähen Bestürzung übermannen. Du solltest die Menschen genugsam kennen, um zu wissen wie sie sind, am wenigsten aber denen vertrauen, die am leichtesten geneigt sind hart und selbstsüchtig zu handeln.

Ich lasse mir keine Scenen vorspielen, rief Alfred, darum sparen Sie jeden Versuch dazu.

Es steht ihnen wohl an eine Comödie daraus zu machen, erwiderte der junge Herzer, — um sich daran zu belustigen.

Mein Herr, sagte Alfred, indem er sich stolz aufrichtete, ich bin darüber hinaus mich beleidigen zu lassen; was Sie denken und meinen ist mir gleichgültig, aber ich bin hier, kraft meines guten Rechts, um nach meinem Eigenthum zu sehen, mein Geld von Ihnen zu fordern.

Das Sie heut nicht von uns erhalten können, wie mein Vater es Ihnen erklärt hat.

Sagen Sie, um aufrichtig zu sprechen, das Sie nie von uns erhalten werden, rief Gravenstein voller Hohn.

Wer wagt das von uns zu behaupten? versetzte Felix heftig. Hüten Sie sich, Herr von Gravenstein, unsere Ehre anzutasten.

Wenn es darauf ankommt, war die Antwort, so wahrt man diese am besten, wenn man pünktlich seine Verpflichtungen erfüllt.

O! wie leicht ist das von denen gesagt, die nie wissen was es heißt, mit dem Leben zu kämpfen und des Lebens Noth zu tragen, erwiderte der junge Herzer, — die sich rühmen, ein Monopol auf Ehre mit zur Welt zu bringen und, wenn es genau besehen wird, mit Wortbruch in den heiligsten und höchsten Dingen immer bei der Hand sind.

Das ist unverschämt! rief der junge Edelmann leidenschaftlich, indem er sich der Thür zuwandte. Ich habe nichts mehr hier zu thun.

Halt! sagte der Fabrikant, von der Schulter seines Sohnes sich aufrichtend. Hören Sie noch einige Worte.

Ohne darauf zu achten setzte Alfred seinen Weg fort, plötzlich aber stand er still, denn vor ihm öffnete sich die Thür und eine junge Dame trat ihm entgegen, die erstaunt über die heftigen und streitenden Stimmen an der Schwelle stehen blieb.

Es ist hier nicht der rechte Ort, sagte Herr Herzer, Alfreds Arm anfassend, um über diese Angelegenheit zu einem Beschluß zu gelangen, dennoch aber ist es nöthig, daß Sie nicht ohne einen solchen mich verlassen. Man hat, wie es mir scheint, Ihnen geflissentlich Unwahrheiten gesagt, und Sie gegen mich zu erbittern gesucht; deshalb muß ich darauf beharren, daß Sie wenigstens von mir selbst hören, was wahr, was falsch ist.

Ich fürchte, Herr Herzer, erwiderte Alfred von Gravenstein mit ungewisser Stimme, daß ich von meinem Entschlusse nicht zurückgebracht werden kann.

Oeffne die Thür, Clara, sagte der Fabrikant, und gieb mir Deinen Arm. Es ist meine Tochter, Herr von Gravenstein. Ich bin von meinem gewöhnlichen Uebel befallen worden, mein Kind. Bei heftiger Gemüthsbewegung ergreift mich zuweilen ein Schwindel; Andrang des Bluts, weiter nichts. Sorge nicht, Clärchen, es ist völlig vorüber und soll nicht wiederkehren. — Erinnerst Du Dich wohl noch des Herrn von Gravenstein? Du warst damals zwar erst vierzehn oder dreizehn Jahr alt und Herr von Gravenstein war nicht oft in unserem Hause. Wie lange ist es nun seit Sie Ihre Reise antraten?

Es sind vier Jahre, erwiderte Alfred.

Dennoch erinnere ich mich Ihrer recht gut, antwortete das junge Mädchen, die ihre Augen klar und fest auf den Fremden richtete. Ich weiß, daß Sie uns einst besuchten und freundliche Worte zu mir sprachen, als ich nach Ihrem Wunsche einige Clavierübungen spielte.

Ja wohl! ja wohl! wiederholte der Fabrikant, und ich sagte Ihnen damals, Clara ist ein Talent, sie wird einmal etwas Besseres leisten. Das ist richtig eingetroffen, sie hat wirklich so viel gelernt, daß sie zum Besten unglücklicher Menschen schon einige Male öffentlich sich hören ließ.

Ich habe davon vernommen, murmelte Alfred halblaut vor sich hin, indem er sich vor dem Fräulein verbeugte.

Wissen Sie auch, Herr von Gravenstein, fuhr Clara lächelnd und ermuthigt fort, daß ich noch ein Andenken an Sie bewahre.

In Wahrheit nein, versetzte Alfred.

Sie brachten einst einen bösen Hund mit als Sie zu uns kamen, der mein zahmes Täubchen biß und tödtete. Am nächsten Tage sandten Sie mir ein Pärchen, und dies ist noch am Leben und in meinem Besitz.

Alfred verbeugte sich abermals stumm, indem er die Tochter des Fabrikanten mit einer gewissen Scheu betrachtete und seine Blicke wieder abwandte, als fürchte er sich, in die dunklen großen Augen eines so reizenden Geschöpfes zu sehen. Es war nichts an ihr was dem Bilde entsprach, welches er sich entworfen hatte. Er hatte sich eine Art Amazone vorgestellt, groß, stark, mit kecken Blicken und herausforderndem Wesen; ein emanzipirtes Weib, wie der Geheimrath sie geschildert, eine Cigarre im Munde und ein Glas in der Hand; hier aber fand er, plötzlich enttäuscht, ein liebliches Mädchen, ein Gesicht mit feinen klaren Zügen, ein Augenpaar, dessen Blick ihn wunderbar bewegte, und diese ganze interessante Erscheinung von einem Hauche der Schwermuth und der Stille umflossen, der sie noch anziehender und edler machte.

Dennoch aber unterdrückte er seine ersten Empfindungen auf der Stelle. Er erinnerte sich, was er dem Geheimrath versprochen und mit seinem Worte bekräftigt hatte; zu gleicher Zeit aber rief die warnende Stimme wieder in sein Ohr: Auch damit wollen sie Dich betrügen. Hat dies Mädchen nicht an den öffentlichen Aufzügen Theil genommen; hat sie ihr gerühmtes Talent nicht dazu benutzt, um verbrecherischen Zwecken zu dienen? — Dieser alte schlaue Betrüger sinnt darauf, irgend ein Mittel zu finden, um mich zu erweichen, aber es soll ihm nichts helfen, ich will nicht! Was sie auch sagen mögen, ich will nicht!

Mit diesem Vorsatze folgte er in das große Wohnzimmer des Fabrikanten, das an das Comptoir stieß und nahm den angebotenen Platz auf dem Sopha ein, während Herzer sich zu ihm setzte und seine Tochter, seinem Winke nachkommend, sich entfernte.

Herr von Gravenstein, sagte der Fabrikant, ich wiederhole Ihnen zuvörderst, daß es mir ganz unmöglich ist, das Kapital von 5000 Thalern auf der Stelle zurückzuzahlen.

Mit diesem Worte, erwiderte Alfred, beendet sich unsere Unterhandlung; denn eben so bestimmt muß ich auf Rückzahlung bestehen.

Auch wenn ich Ihnen betheure, daß Sie in einem Jahre auf jeden Fall befriedigt sein sollen?

Auch dann, sagte Gravenstein. Ich muß heut noch im Besitz der Schuldsumme sein.

Sie sind reich, sprach Herzer, sollten Sie wirklich so dringend des Geldes benöthigt sein? Ich kann es nicht denken, denn Sie würden nicht bis zur letzten Stunde mich in dem Wahn gelassen haben, daß ich keine weitere Belassung des Kapitals zu gewärtigen hätte. Ich habe auf’s pünktlichste meine Zinsverpflichtung erfüllt, warum wollen Sie hart gegen mich sein? O! lebte Ihre Mutter noch, ich hätte das nicht erfahren.

Meine Mutter würde handeln wie ich, versetzte Alfred.

Das würde sie wahrlich nicht thun, rief Herzer mit Wärme. Wenn ich ihr sagen könnte: Es ist mir unmöglich, jetzt zu zahlen, bedenken Sie die Zeiten, welche wir erlebten, bedenken Sie Ihr ganzes Verfahren gegen mich, und bedenken Sie unsere alte Freundschaft, so würde sie mir Geduld schenken.

Herr von Gravenstein, fuhr er fort, als Alfred finster vor sich hin blickte, ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein, so aufrichtig, wie ich zu Ihrer Mutter sein würde. Wo Sie jetzt sitzen, hat sie oft gesessen und meinen Worten Glauben geschenkt. Meine Lage ist keineswegs die beste. Ich habe große Verluste gehabt, meine Mittel haben dagegen zu meist dadurch gelitten, daß ich fortfuhr meine Arbeiter zu beschäftigen, als alle Arbeit aufzuhören schien.

Man sollte nicht meinen, fiel Alfred ein, daß ein Fabrikant dies thun wird, wenn er nicht besondere Nebenzwecke verfolgt.

O! ich weiß, wer Ihnen dies Wort eingegeben hat, sagte Herzer. Ich erkenne daran den, der die Karten mischte. Wilkau, der einst mein Freund war, nun aber mich verderben möchte, um seine Erbärmlichkeit damit zu krönen, hat Sie in die Schule genommen.

Ich kann nicht zugeben, Herr Herzer, daß Sie den Geheimrath und mich schmähen, sagte Alfred.

Gut! rief der Fabrikant, sich die Stirn trocknend, gut! ich will darüber kein Wort verlieren; aber wenn ich arbeiten ließ, als viele Andere, weit reichere als ich, ihre Arbeiter dem Hunger Preis gaben, so war dies eine Handlung, die ich mir immer zur Ehre rechnen darf. Ich habe dreißig Familien nicht untergehen lassen, fuhr er angeregter fort, mag man eine Meinung haben, welche man will, soweit sollte jedoch die Humanität einer edleren Natur sich nicht vom Parteihasse überwältigen und als Werkzeug gebrauchen lassen, um in niedrige Beschuldigungen einzustimmen.

Genug, Herr Herzer, rief Alfred aufstehend, Sie wollen schuldlos sein, ich habe nichts dagegen. Sparen Sie sich alle Auseinandersetzungen. Ich kenne Ihre Lage vollkommen. Wollen Sie es läugnen, daß Sie so eben den ganzen Bestand Ihres Lagers in’s Ausland schicken, während Sie hier Ihre Verpflichtungen nicht zu erfüllen vermögen?

Er blickte dem Fabrikanten stolz in’s Auge, der sich zu sammeln suchte und den Kopf verneinend schüttelte, plötzlich aber das Gesicht dem Fenster zuwendete, vor welchem draußen auf der Straße ein riesenhaft großer Mann stand, der in seinen Mantel gehüllt, starr hineinschaute.

Was ist das? rief Herzer. Der Executionsdirektor! Ich kenne ihn, was will er? Was haben Sie gegen mich im Sinne, Herr von Gravenstein?

Ich werde nicht dulden, daß Sie die Gegenstände, welche mir allein Sicherheit gewähren könnten, fortführen lassen, sagte Alfred. Ihr Schuldschein verpfändet Ihre ganze bewegliche Habe. Ich bin in vollem Rechte, wenn ich diese mit Beschlag belege.

So ist es wirklich Ihr Wille, mich zu ruiniren? sagte der Fabrikant vorwurfsvoll und fragend.

Ich will es nicht, aber ich kann es nicht ändern, erwiderte Alfred. Ich verlange mein Eigenthum.

Mein Gott! mein Gott! rief Herr Herzer in ausbrechender Heftigkeit. Der hartherzigste Wucherer würde menschlicher verfahren.

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür im Hintergrunde, durch welche Clara herein trat, welche auf einem glänzenden Blech eine Flasche und mehrere Gläser trug. — Als sie ihres Vaters Ausruf hörte und ihn stehen sah, die Hände gefaltet, den Kopf niedergebeugt, sein Gesicht dunkelroth und sein weißes Haar darüber hinfliegend, die ganze Gestalt ein Bild der grausamsten Pein und Aufregung, stellte sie das Brett hastig auf einen Stuhl und schlang ihre Arme um den alten Mann, indem sie mit unbeschreiblichem Vorwurf Alfred betrachtete. — Aber fast mit ihr zugleich war aus dem anstoßenden Comtoir auch ihr Bruder in das große Zimmer getreten, und ehe sie eine Frage thun konnte, nahm Felix das Wort.

Es haben sich an unserer Thür drei oder vier Männer aufgestellt, die Ihres Winkes gewärtig sind, Herr von Gravenstein, sagte er vollkommen ruhig. Sie haben alle Vorbereitungen getroffen, eine Familie zu vernichten, die bis dahin in Ehren lebte, und mehr als je eben jetzt hoffen durfte, aus unverschuldetem Mißgeschick zu kommen. — Ehe Sie Ihr Werk vollenden, gestatten Sie mir auf einen Augenblick Gehör; vielleicht gelingt es mir, Sie zu einer kurzen Geduld zu bewegen. — Es lag etwas Unwiderstehliches in der Art dieser Aufforderung. Alfreds bedenkender Blick flog von dem ruhigen Gesicht des jungen Mannes auf Clara, die ihn bittend anschaute. — Er folgte Felix in das Comtoir, aus welchem einige Minuten lang die dumpfen Stimmen der Sprechenden herüberschallten. — Der Fabrikant saß erschöpft, die Arme gekreuzt, den Kopf tief niedergebeugt, wie Einer, der alle Hoffnungen aufgegeben hat; seine Tochter wagte kein Wort; sie legte die Hände um seine Schultern, als wollte sie ihn vor sich selbst schützen. Plötzlich aber hörten sie, daß die Thür draußen geöffnet und geschlossen wurde. — Gleich darauf trat Felix wieder herein, der auf seinen Vater zuging, ihm die Hand reichte und lächelnd sagte:

Er ist fort, beruhige Dich.

Fort, sagte Herzer, mein Gott! und was — was hast Du versprochen?

In zehn Tagen zu zahlen, erwiderte der Sohn. Meine Ehre bürgt dafür.

Und woher — woher willst Du es nehmen?

Wir werden Mittel schaffen, war die Antwort. Zeit gewonnen, Alles gewonnen. — Kam es jetzt zur Beschlagnahme, so war unsere beste Hoffnung zerstört. — Der Transport der Instrumente wird nun ungestört geschehen können, und mit Aufbietung aller Kräfte oder Verpfändung aller unserer Habe wird sich ja wohl ein Wucherer finden, der uns das Geld giebt.

Der alte Mann bedeckte seufzend sein Gesicht, aber Felix umarmte ihn und sagte mit gewaltsamer Lustigkeit: Muth, lieber Vater! weine nicht, Clärchen. Du armes Kind siehst wirklich aus, als hätte der böse Hund dieses noblen Barons diesmal Dich selbst gebissen.

Am nächsten Morgen in aller Frühe ließ sich der Kommissarius bei dem Geheimrath melden.

Nun, mein lieber Nachbar, sagte dieser freundlich, indem er den Beamten an der Hand zum Sopha führte und sich neben ihn setzte, was bringen Sie mir für Nachrichten?

Der Kommissar nahm ein Papier und erwiderte lächelnd: Zuvörderst ist Herr von Gravenstein, als er vorgestern spät von Ihnen nach Hause kam, in vieler Unruhe gewesen, denn mehrere Stunden noch hat man in seinem Zimmer Licht bemerkt und seinen Schatten beobachtet.

Sehr gut, sehr gut! sprach der Geheimrath, ebenfalls lächelnd und seinem Vertrauten zunickend.

Ohne Zweifel Unruhe im Herzen, flüsterte dieser mit einem listigen Blicke.

Gewiß, gewiß! sagte der Geheimrath, die Hände reibend. Wird sich aber schon geben. Was geschah also gestern?

Gleich früh erhielt Herr von Gravenstein Besuch von einem Herrn, der, wie sich später ergab, der Obergerichts-Assessor Stephani war.

Der Geheimrath nickte beifällig und der Kommissär fuhr fort: Später erschien auch der Exekutions-Direktor, ein uns wohlbekannter Mann. Der Assessor begleitete ihn, als er sich entfernte, und bald darauf verließ Herr von Gravenstein das Hotel, ging einige Straßen auf und ab, setzte sich dann in einen Wagen, und fuhr zu dem Magazin des Herrn Herzer.

Und was geschah dort? fragte der Geheimrath erwartungsvoll.

Er blieb sehr lange allda, sagte der Beamte, in den Bericht sehend, endlich fand sich der Exekutions-Direktor mit drei Gehülfen ein, welche am Hause warteten, bis Herr von Gravenstein heraustrat.

Die Beschlagnahme erfolgte also wirklich, rief der Geheimrath seufzend. Er ist doch sehr zu beklagen, der unglückliche Mann!

Herr von Gravenstein ging mit dem Direktor die Straße hinauf, sprach mit ihm eine Zeit lang, und entfernte sich dann.

Was sagen Sie? rief Wilkau hastig. Es geschah nichts? Sie gingen fort?

Sie gingen fort. Herr von Gravenstein speiste im Hotel, und ging dann wieder aus, wahrscheinlich um eine Wohnung zu suchen, die er auch in der Kurfürstenstraße gefunden hat. Er wurde dabei begleitet von dem Assessor Stephani, welcher vor dem Hotel ihn anrief, und zwischen den beiden Herren ging es sehr lebhaft her. Herr von Gravenstein erzählte etwas, was den Herrn Assessor sehr zu wundern schien. Unmöglich! rief dieser laut, Sie sind auf jeden Fall betrogen. Lassen Sie mich die Dinger doch näher betrachten. Herr von Gravenstein weigerte sich jedoch, ich hörte, daß er antwortete: Mag es sein, wie es will, ich habe die Bedingungen angenommen und werde sie halten.

Was halten? Was hat er angenommen? fragte der Geheimrath in lebhafter Unruhe.

Davon steht nichts weiter in dem Bericht, sagte der Kommissär achselzuckend. Die beiden Herren spazierten Arm in Arm weiter, besuchten dann das Theater und verfügten sich noch vor dem Schluß desselben in die Wohnung des Herrn Assessors, wo Herr von Gravenstein wahrscheinlich speiste, bald nach zehn Uhr aber sich entfernte.

Und in sein Hotel zurückkehrte, sprach der Geheimrath ungeduldig dazwischen. Ein ziemlich ungefährlicher erster Tag also.

Hier steht die Bemerkung, sagte der Kommissär, daß der junge Herr einen etwas weiten Umweg machte, um sein Hotel zu erreichen. — Er ging nämlich mitten durch die Stadt bei dem Hause des Herrn Herzer vorüber, wo er längere Zeit still stand, vielleicht um dem Klavierspiel zuzuhören, was drinnen noch getrieben wurde.

Das ist eine seltsame Laune, rief der Geheimrath lachend. Wer spielte denn? Es wurde auch gesungen, nicht wahr?

Davon steht nichts hier, erwiderte der Beamte; aber man bemerkte einen Mann, der im Schatten der Häuser dem Herrn von Gravenstein langsam folgte und ihn genau zu beobachten schien.

Ein Mann, der ihn verfolgte? flüsterte der Geheimrath, seine Hand auf den Arm des Kommissärs legend. — War es einer der beiden Taugenichtse? Einer der Mörder? Hat man ihn ergriffen?

Nein, sagte der Kommissär lächelnd, es war nicht nöthig. Er ging bis in die Mitte des Hotels mit, dann wurde er seinerseits beobachtet und verfolgt, und es ergab sich —

Was? Was?! fragte der Geheimrath.

Daß es der Herr Assessor Stephani war.

Stephani? — Sonderbar.

Sehr sonderbar, sagte der Beamte.

Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, junge Herren treiben Scherz, beobachten sich, oder es mag Fürsorge gewesen sein; genug, mein lieber Nachbar, ich sage Ihnen den besten Dank und bitte Sie, die genaue Ueberwachung fortzusetzen. — Den Eifer der Wächter und ihre großen Mühen kann ich freilich nicht belohnen, aber die buona mano, wie die Italiener sagen, kann ich mir nicht versagen.

Er reichte dem Beamten lächelnd die Hand, und drückte ein Zettelchen hinein, das wie eine Banknote aussah, welche der würdige Mann jedoch vorläufig gar nicht zu bemerken schien. — Er empfahl sich mit einer devoten Verbeugung, und als er fort war, setzte sich der Geheimrath nachdenkend in seinen Arbeitsstuhl, rieb sich die Nase und murmelte allerlei Worte dumpf vor sich hin, bis er plötzlich nachdrücklich sagte: Jedenfalls ist Alfred auf schlechten Wegen. Was soll das Alles heißen? Die Beschlagnahme erfolgt nicht. Abends spät läuft er an dem Hause vorbei, hört das Geklimper und bleibt lange Zeit dort stehen. — Ich kann es nicht denken, daß er von diesen Menschen sich angezogen fühlt. Aber was haben sie ihm angethan, wie haben sie ihn gekirrt? Ich bin auf’s Aeußerste begierig. Der Assessor, ja, der Assessor, der muß uns helfen, das ist der Mann dazu.

Während der Geheimrath in seinem Zimmer nun weiter grübelte und über Alfreds Sentimentalität und Thorheit sich ärgerte, war auf der anderen Seite der glänzenden Wohnung die Geheimräthin auch nicht ohne Besuch. Sie saß vor ihrem Arbeitstische wie auf einem Throne, eine Feder als Zepter in der Hand, und vor ihr standen zwei arme Sünder um Gnade flehend, von denen der Eine wenigstens sehr verlegen und niedergeschlagen aussah.

Es war das Ehepaar aus dem Keller des fünfstöckigen Hauses, Anton Mertens und seine rüstige Gattin. — Er hielt den Hut zwischen seinen Händen und drehte daran umher, während sein Kopf gar nicht in die Höhe wollte und sein sonst blasses Gesicht einen röthlichen Schimmer der Freude oder Schaam trug. — Guste stand neben ihm und schien nicht wenig über das linkische Benehmen ihres Mannes erzürnt zu sein. Ihre Augen flogen wie Richtschwerter über ihn hin; es war deutlich zu sehen, was ihr auf den Lippen saß, aber sie wagte doch nicht einen Vorwurf oder eine Klage auszusprechen.

Ihr habt also endlich Einsehen gehabt und wollt vernünftig werden, sagte die Geheimräthin mit einem gütigen Kopfnicken. Nun, der liebe Gott weist auch die nicht zurück, welche zuletzt kommen, also werden wir es nicht anders machen wollen; aber das muß ich dennoch sagen, von Anton hat mich die Halsstarrigkeit tief betrübt. Ein Mensch, der uns so viel zu danken hat, hätte niemals mit solchem Trotze gegen uns sich auflehnen müssen.

Der Schuhmacher zuckte die Achseln und stieß einige brummende Töne hervor, die unter seinem Hute sich verloren.

Ach! liebe, gnädige Frau, bat Guste, ängstlich die Hände faltend, es steht ja in der heiligen Schrift: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet!

Ja wohl, Auguste, das steht da, sagte die Geheimräthin, und eben deswegen, eben weil wir alle Christen sind und jeder Christ seinen Mitmenschen liebend aufheben soll, wenn er fällt, darum will ich auch Alles vergessen, wenn Anton jetzt ernstlich und eifrig vom Bösen sich zu dem Guten wendet und Beweise giebt, daß er bereut.

So rede doch, sagte Guste, indem sie ihren unbeholfenen Mann mit dem Ellenbogen ziemlich lebhaft anstieß. Er ist ganz niedergeschlagen über Ihren Zorn, liebe gnädige Frau, fuhr sie dann eifrig fort; mehr als einmal hat er schon bitterlich darüber geweint, daß Sie ihn für undankbar halten können, während er für seinen Wohlthäter durch’s Feuer gehen möchte. Ist es nicht wahr, Anton.

Bei diesen Worten hob Mertens das Gesicht auf. Er legte die Hand auf seine Brust und sagte treuherzig: Das war gescheut, daß Guste das sagt. Durch’s Feuer möcht’ ich gehen für meine Wohlthäter und Sie haben viel Gutes an uns gethan.

Ich will Ihnen gern die Feuerprobe erlassen, Anton, erwiderte die Dame gütiger gestimmt, aber das bitte ich mir aus, daß Sie sich in den Verein aufnehmen lassen.

Er soll gleich hingehen und sich melden, rief Guste eifrig.

Und dann versäumen Sie keine Versammlung, fuhr die Geheimräthin fort. Sie haben es nöthig, im Guten gestärkt zu werden; nicht einen Vortrag dürfen Sie auslassen.

Sorgen Sie nicht, gnädige Frau, ich werde schon darauf halten, fiel Guste mit einem gewissen entschlossenen und drohenden Tone ein.

Ich setze voraus, Anton, sagte die gnädige Beschützerin den bekehrten Sünder betrachtend, daß Sie freiwillig und aus wahrer innerer Ueberzeugung diesen Schritt thun, also mit frohem Herzen und jubelnder Lippe in unsere Reihen treten.

Den ganzen Morgen hat er gesungen, wie eine Frühlingslerche, rief Guste. Lache doch, Anton, zeige doch, wie Dir zu Muthe ist. Er freut sich inwendig, sagte sie mit wachsendem Eifer, er kann es nur nicht so von sich geben, wie er gern möchte, das ist immer meine Plage mit ihm. Sonst aber ist er von Herzen gut, ich kann nicht klagen. — Zur Bekräftigung ihres Lobes fuhr sie mit der Hand über Antons Stirn und zog ihm bei dieser Gelegenheit den Kopf in die Höhe. Sehen Sie wohl, wie er sich freut, gnädige Frau, sehen Sie wohl, wie er lacht, fuhr sie fort. Er hat mir ja das feste Versprechen gegeben, Alles zu thun, was ich haben will. Ist es nicht wahr, Anton?

Der Schuhmacher machte ungefähr ein Gesicht wie Einer, der heimlich Ungarwein trinken wollte, doch unglücklicher Weise an die Essigflasche gekommen ist, sich aber den Irrthum auf keinen Fall merken lassen darf. Er zeigte seine weißen Zähne und verzerrte sein Gesicht in wunderlicher Weise, indem er mit dem Kopf schüttelte oder nickte, was nicht zu unterscheiden war.

Aber nicht allein ein treues und eifriges Mitglied sollen Sie sein, fuhr die Geheimräthin fort; der ganze alte Adam muß ausgezogen werden. Von dem bisherigen schlechten Umgange darf keine Spur übrig bleiben.

So ist es, sagte Guste, indem sie ihren langen Arm mit vieler Beweglichkeit ausstreckte. Der schlechte Umgang, die bösen Beispiele, das Zureden und die Verführung, die haben auf Anton gewirkt. Aber über meine Schwelle soll keiner mehr kommen; ich will mir schon Luft machen, wenn es so sein soll. Sage es noch einmal der gnädigen Frau zu, daß Du mit keinem von der ganzen Rotte mehr zu schaffen haben willst.

Nein, nein! murmelte der Schuhmacher, ich will mit gar nichts mehr zu schaffen haben. Alleweil aber laß es gut sein, ich denke Du kennst mich ja und die gnädige Frau auch.

Ah, lieber Professor! rief die Geheimräthin umblickend, weil sie die Thür knarren hörte. Kommen Sie näher, Sie kommen zur rechten Zeit.

Professor Viereck hatte sein rothes Gesicht durch den Thürspalt gesteckt, und schob jetzt seinen runden Körper hinterher. Wenn ich nicht störe, sagte er mit seiner gewöhnlichen Würde, aber ich muß durchaus nicht stören, sonst ziehe ich mich sogleich zurück. Einer meiner Freunde, Graf Buchwald, erwartet mich eigentlich zu einem Spaziergange.

Ich habe eine Bitte an Sie, sagte die Dame, ihm die Hand reichend. Hier ist ein Mann, den ich Ihnen empfehle, der Schuhmacher Mertens. Er ist zeither auf üblen Wegen gewandelt, hat jedoch sein Unrecht eingesehen und wünscht in unsern Verein aufgenommen zu werden. Ich kenne ihn genau und glaube, daß ich sein Gesuch befürworten darf. Nehmen Sie sich seiner an, lieber Professor, und bewirken Sie, als Vorstand, das Nöthige, damit er bei der nächsten Versammlung schon Ihren lehrreichen und stärkenden Vortrag nicht versäumt.

Der Professor hatte, während die Geheimräthin sprach, unverwandt den verlegenen Anton angeblickt, der sich mit größter Anstrengung zwang, einige scheue Blicke auf die großen funkelnden Brillengläser und die stolze Gestalt seines neuen Beschützers zu werfen. Einige Male nickte der Professor gravitätisch und mit hohem Ernst, dann wurden seine Züge gütiger; er faßte sich in die Halsbinde, rückte diese zurecht und sagte zuletzt mit liebreicher Stimme: Es macht mir in Wahrheit viel Vergnügen, daß ich, ehe ich meinen Freund, den Grafen Buchholz, besuchte, bei Ihnen eingetreten bin, um die Bekanntschaft dieses wackeren Mannes zu machen. Ich biete Ihnen meine Rechte dar, rief er vortretend mit großer Wärme, indem er seine Hand ausstreckte, es ist die Rechte eines Deutschen. Händedruck bedeutet deutsche Treue; Biederkeit ist das Erbtheil unseres Volks. Stehen Sie fest, theurer Freund! Wie heißen Sie?

Anton Mertens, stammelte der Schuhmacher verwirrt, denn seine Hand wurde tüchtig gequetscht.

Stehen Sie fest, Anton Mertens! rief der Professor, die Zeit ist darnach, daß wer Beine hat, fest stehen muß; aber lehnen Sie sich an Ihre Brüder, lehnen Sie sich an mich an, wenn Sie wanken. Ich stehe wie eine Säule unerschütterlich und werde Sie halten.

Sie sind immer gütig, sagte die Geheimräthin, und Anton kann gewiß nichts Besseres thun, als sich Ihnen ganz anvertrauen.

Kommen Sie zu mir, sprach der Professor, Sie müssen eingeschrieben werden und Ihre Karte erhalten. Was ich thun kann, soll geschehen. Für einen Menschen, für einen Bruder, für einen Freund sind meine Arme immer offen.

Edler Mann! sagte die Geheimräthin gerührt. Sehen Sie jetzt ein, Anton, was es heißt patriotische Grundsätze haben und zu Männern zu gehören, die ihre Mitmenschen mehr lieben wie sich selbst?

Eine Antwort wurde dem armen Anton erspart, denn bei den letzten Worten der Geheimräthin trat Elise rasch in das Zimmer, gefolgt von Alfred von Gravenstein, der lächelnd sagte: verurtheilen Sie mich nicht ohne Gehör, Elise, Niemand hat mehr dabei verloren als ich selbst.

So geht denn jetzt, sprach die Geheimräthin zu ihren Schützlingen, aber vergessen Sie nicht, Anton, Nachmittag die Karte zu holen und allen Ihren Pflichten nachzukommen. Mit einigen verlegenen Verbeugungen und nachdem sie an verschiedene Stühle und Tische gestoßen, entkamen Mertens und seine Frau glücklich aus dem Zimmer.

Ich sage zu Alfred, es sei kein gutes Zeichen für uns, daß wir gestern den ganzen Tag vergebens auf ihn hofften, rief Elise, sich zu ihrer Mutter wendend. Wir hatten darauf gerechnet, weil wir glaubten, ein Gravenstein hält stets sein Wort. Ein nöthiger Besuch wurde aufgeschoben, um mit unserem theuren Vetter eine kleine Spazierfahrt zu machen und Weiteres zu verabreden. Es ist freilich Thorheit in dieser ungläubigen Zeit noch zu den Gläubigen gehören zu wollen; ja selbst unser Vertrauen zu der deutschen Treue wird von nun an wankend, obwohl unser Freund, der gelehrte Professor, drauf schwört, daß diese eigentlich noch immer so hehr und rein dastehe, wie zu den Zeiten Heinrich des Voglers.

Aber Du leichtfertiges Mädchen, sagte die Mutter, es wird Alfred unmöglich gewesen sein, sein Versprechen zu erfüllen.

Mama, sagte Elise, ich lasse mich mit Unmöglichkeiten oder Möglichkeiten durchaus nicht ein. Es ist sehr bequem heut zu Tage diplomatisch die Achseln zu zucken, und wo die Erfüllung gegebener Versprechungen gefordert wird, zu sagen: Die Möglichkeit dazu ist nicht vorhanden. Ich verlange, daß ein Versprechen kein leeres Wort bleibt, sondern daß es gehalten werde.

Das klingt ganz rebellisch! lachte die Geheimräthin.

Hochverrätherisch! sagte der Professor, die Augenbrauen emporziehend.

Ich finde, es klingt ganz allerliebst, fiel Alfred ein, und von der allgemeinen Wahrheit darin ist obenein nichts abzuläugnen; aber ich hatte nur bedingungsweise versprochen, wenn ich es irgend vermöchte mich einzufinden. Zu meinem Bedauern habe ich davon abstehen müssen.

So beichten Sie wenigstens was Sie hinderte, sagte Elise.

Verdrießliche Geschäfte hatten mich so verstimmt, daß ich unbrauchbar für alle Gesellschaft war, sagte Alfred. Zudem suchte ich eine Wohnung, was Mühe machte, endlich aber war Herr Stephani so gütig mich aufzusuchen und den Abend mit mir zu verleben. Ich habe wenigstens von Ihnen viel gesprochen, liebe Elise, da ich nicht das Glück haben konnte Sie zu sehen.

Ueber Elisens Stirn flog ein hellerer Schein, der ihr blasses Gesicht überhauchte. Gut, sagte sie, wir wollen christlich alle Schuld ausstreichen, dagegen aber bekennen, daß, nachdem wir vergebens gewartet, uns der Abend sehr interessant vergangen ist. Herr Professor Viereck leistete uns Gesellschaft, und wenn irgend Etwas vollen Ersatz für den Verlust bieten konnte, so war es seine geistreiche Unterhaltung.

Ich habe die Ehre zu bemerken, rief der Professor, wonnevoll grinsend, daß Niemand geistreich sein kann, der nicht dazu angeregt wird; gerade so wie die Nachtigall nur schlägt in der süßen Frühlingsnacht, oder die Lerche sich in die Lüfte schwingt, wenn die lichte Morgensonne sie dazu reizt.

Ach! theuerster Professor, sagte Elise, wie beneide ich Sie um diese Fülle von wundervollen Einfällen, Bildern und Gedanken. Mit welcher Leichtigkeit vermögen Sie den größten Kreis zu fesseln und über alle Gegenstände mit derselben Begeisterung zu sprechen.

Bitte recht sehr! erwiderte der Professor, selbstgefällig lächelnd, meine geringe Gaben werden wirklich zu hoch angeschlagen.

Sie würden gewiß kommen, wenn Sie zu kommen versprochen hätten.

Wenn ich es versprochen hätte, würde mich nichts abhalten, rief der Professor energisch, indem er einen triumphirenden Blick auf Alfred warf.

Eben so ritterlich wie zartsinnig! sagte Elise, ihm die Hand reichend.

Der Professor führte diese feine schmale Hand mit ungemeiner Zierlichkeit an seine Lippen, indem er seinen linken Fuß nach hinten schob, als sei er bereit sein Knie zu beugen, und seinen Hals gewaltsam zurückdrückte, um einen süßschmachtenden Blick auf die schöne junge Dame zu werfen. Sein Lächeln war dabei so holdselig und seine linke Hand ruhte so fest auf seinem Herzen, als schwebe er im seligsten Himmel eines entzückenden Traumes. Mit deutscher Treue! sprach er, mit patriotischer Hingebung, mit dem Hochgefühl der Freiheit eines loyalen Unterthans, wie mein Freund, der Baron Hellwitz, sagt. Machen Sie die Probe, Fräulein Elise. Bestimmen Sie über mich, ich werde niemals fehlen. Niemals! verlassen Sie sich darauf, niemals!

Bei dem dritten und letzten Niemals war der Professor feierlich ernsthaft geworden, wobei er die Hand wie zum Schwure erhob und seinen Körper gebieterisch ausdehnte. Eben so ernsthaft nickte ihm das Fräulein zu. Dann aber wendete sie sich zu Alfred und brach in ein lautes, unauslöschliches Gelächter aus, als sie in sein anmuthiges Gesicht sah. Folgen Sie mir, mein mißgerathener Vetter, rief sie, ich muß weitere Aufschlüsse von Ihnen haben, auf der Stelle mich von Ihren bösen Gedanken überzeugen, und ohne Zögern ergriff sie Alfreds Hand und öffnete die Thür des anstoßenden Kabinets.

Ich kann es nicht länger ertragen, ohne zu ersticken, flüsterte sie. Leben Sie wohl, theurer Professor, ich glaube an Ihr Niemals, es klingt in meinem Herzen wieder und macht mich höchst glücklich und traurig. Hier drückte Sie die Thür zu, warf sich auf einen Stuhl und sagte mit krampfhaftem Lachen: Es giebt nichts Närrischeres wie diesen aufgeblasenen Pinsel. Lachen Sie, Alfred, aus Erbarmen! Lassen Sie mich nicht allein lachen.

Der Professor hörte mit gespitzten Ohren das schallende Gelächter, wie es durch die Thüre drang. Es fiel ihm nicht im geringsten ein, daß er ausgelacht werden könnte, aber er ärgerte sich über den schweigsamen Vetter, und dachte dabei mit Selbstgefühl an den letzten Blick, den Elise von der Thür aus ihm zugesandt hatte. Es scheint eine lustige Beichte und ein recht vergnügliches Examen zu sein, sagte er endlich. Herr von Gravenstein kann also auch lachen, er sieht gewöhnlich sehr ernsthaft aus.

Er ist wirklich fast zu ernsthaft für seine Jahre, erwiderte die Geheimräthin, aber Sie, lieber Professor, mit so vielem Talent zur Geselligkeit und Fröhlichkeit begabt, bei Ihnen ist es doch seltsam, und gar nicht recht, daß Sie — ja wie soll ich doch sagen — daß Sie nicht irgend ein Wesen dauernd beglücken.

Beglücken! rief der Professor mit einem Seufzer, indem er den Kopf in seine Hand stützte. Es ist dies ein inhaltschweres Wort.

Allerdings ja, fuhr die Dame fort, aber Ihnen kann die Auflösung nicht schwer werden.

Sagen Sie das nicht, gnädigste Frau, fiel er ein, indem er bedenklich den Kopf schüttelte und starr vor sich hinsah. Ich bin schwer zu befriedigen.

Das muß so sein, erwiderte sie lächelnd, aber auch für den verwöhntesten Gaumen wird ja die Speise gefunden.

Halten Sie mich für keinen Gourmand, rief er betheuernd. Um Himmels Willen! nein, ich bin durch und durch Natur und Gesundheit. Ich würde gern heirathen. Warum sollte ich nicht heirathen? Jeder gute Staatsbürger muß heirathen. Jeder Christ und Mensch hat zarte Triebe empfangen.

Also warum thun Sie es nicht? fragte die Geheimräthin.

Oh! sagte der Professor, mit der Hand in die Binde fahrend und herablassend lächelnd, Sie können wohl denken, gnädige Frau, daß ich bei meinen zahlreichen Bekanntschaften in höheren Kreisen mancherlei Gelegenheit habe, Parthien zu machen.

Ich wundere mich auch nur, daß es noch nicht geschehen ist, sagte die Dame schalkhaft.

Ich fand nie vereint, was ich suchte, rief der Professor mit einer abweisenden Handbewegung. Hier war Reichthum, dort Geist, hier Schönheit, dort Liebenswürdigkeit, Talent, Name, Familie, aber die schöne Verschlingung zum Ganzen fehlte.

Und Sie wollen nicht verwöhnt heißen! lachte die Geheimräthin.

Gnädige Frau, sprach der Professor sich stolz aufrichtend, indem er sie durch seine Brillengläser starr ansah, ich habe die Ehre, Ihnen zu bemerken, daß es Wesen giebt, deren Herz, obwohl voller Natur und Gefühl, doch niemals im Staube das Ebenbürtige suchen kann. Wie der Adler sich aufschwingt und alles kleine Gewürm unter sich verachtet, so sind auch die süßen Empfindungen dieser geläuterten Wesen nur erregbar, wenn sie von den Kreisen und Schwingungen einer höheren Harmonie berührt werden. Sie kennen die Chladnischen Klangfiguren, gnädige Frau. Jeder rauhe, grobe Ton verwandelt die Masse und verschlingt sich darin zu eckigen, rohen Gestalten, während die zarten Töne wunderbar schöne Sterne und Strahlen bilden, die in sanften Wellenlinien und Kreisen sich vereinigen. — Es giebt eine Aristokratie schöner Seelen! seufzte er, seine Stirn reibend, und was zu ihr gehört muß nach Idealen streben oder entsagen.

Nun ich hoffe doch, lieber Professor, sagte die Geheimräthin, der etwas bange wurde bei seinen starren Blicken und seltsamen Geberden, daß Sie so leicht nicht entsagen, sondern Ihr Ideal finden werden oder vielleicht sogar gefunden haben.

Nie! rief er mit Energie, aber doch, wer weiß! Das Glück ergreift den Sterblichen oft in der dunkelsten Minute seines Lebens und wenn ich wüßte — hier öffneten sich seine runden Augen so weit als möglich, sein breites rothes Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an und seine Blicke ruhten abermals mit so stierem Entzücken auf der Geheimräthin, daß diese sehr unruhig zu werden begann und einen Versuch zum Aufstehen machte.

Bleiben Sie, theuerste Frau, bleiben Sie, rief der Professor, seine Hand ausstreckend. Es ist eine große erhabene Minute.

Sie erinnern mich daran, sagte die Dame mit einem verzweifelten Entschluß, daß ich mir vorgenommen habe, Ihnen eine vertraute Mittheilung zu machen.

Vertrauen gegen Vertrauen, erwiderte er. Tauschen wir unsere Seelen aus.

Sie sind unser treuer, bewährter Freund, fuhr die Geheimräthin fort, ich weiß, daß wir auf Ihre Hingebung und Verschwiegenheit wie auf Ihren Rath und Ihre thätige Hülfe rechnen können.

Mit deutscher Treue und patriotischer Standhaftigkeit! erwiderte der Professor, feierlich seine Rechte auf die Brust legend.

Es handelt sich um Elisen, flüsterte sie, nach der Thür blickend.

Handelt sich um Elisen! widerholte er. Ich konnte es denken.

Um ihre Verheirathung. Wir glauben bemerkt zu haben, daß Elise von einer Neigung ergriffen ist, der wir keinen Zwang anthun wollen, da es sich um das Glück unseres einzigen Kindes handelt.

Ein stummes Kopfnicken und Lächeln war die Antwort des Professors.

Sie wissen, daß wir frei von Vorurtheilen sind, sagte Frau von Wilkau, nur verlangen wir, daß Elisens Wahl auf einen edlen, würdigen Mann falle, dessen patriotische Gesinnung ihm die Achtung der Welt sichert. Zu unserer großen Freude ist der Gewählte ein Stern am Himmel des Vaterlandes, auf den wir mit Stolz blicken können.

Das ist zu viel, vielleicht viel zu viel! sprach der Professor, demüthig sein Haupt neigend. — Nein, gnädige Frau, man darf kein Verdienst überschätzen; jeder menschliche Wille, auch der stärkste findet sein Ziel.

Wie dem auch sein mag, fuhr die Geheimräthin fort, so ist es gewiß, daß wir gern unsere Einwilligung geben. Wir erwarten nur die Erklärung, welche, wie wir hoffen dürfen, heut morgen erfolgen kann.

Theuerste, geehrteste Frau, sagte der Professor, zum Himmel aufblickend, zweifeln Sie nicht, diese Erklärung wird erfolgen.

Es wird Aufsehen erregen, Hoffnungen niederschlagen, durch die Plötzlichkeit zu allerlei Vermuthungen Anlaß geben, aber stehen Sie uns bei, lieber Freund, und schlagen Sie böswillige Gerüchte nieder. Es ist kein weltlicher Vortheil, keine verlockende Aussicht, es ist die Liebe zu unserm Kinde und die Trefflichkeit des ehrenwerthen Mannes allein, die uns bestimmte.

Wenn ich nie stolz war, rief der Professor, indem er hastig aufstand und mit der einen Hand die Hand der Geheimräthin festhielt, mit der andern seine Halsbinde ergriff, so muß ich es jetzt werden. Alle Zweifel geben sich gefangen, alle Pulse klopfen; schamhaft muß ich eingestehen, daß ich rebellisches Blut besitze. Meine Ruhe verläßt mich; ich sehe ein, es giebt Minuten, in denen man nicht objectiv sein kann, wo, wie Hegel sagt, die höchste menschliche Durchbildung, welche in Beherrschung der Stimmungen liegt, gänzlich verloren geht und Freiheit — Betrachtung — Talent — Offenbarung — hier verlor sich seine Stimme und langsam ließ er die Hand der Geheimräthin los, denn plötzlich war die Thür des Cabinets aufgestoßen worden, und mitten auf der Schwelle stand Elise, den Arm um Alfred geschlungen, hinter ihnen aber der Geheimrath, der mit herzlichem Lachen sie beide festhielt.

Da haben Sie die Offenbarung! schrie er herein. — Es wird nichts so fein gesponnen, Alles kommt ans Licht der Sonnen! Vorwärts, Kinder, in die Arme der Mutter. Ja, Professor, so ist es, erschrecken Sie nicht davor. Segnen Sie dies junge Paar mit uns vereint, geben Sie ihm irgend einen Segen des Pythagoras, der uns die Hühner gebraten zur Hochzeit liefert, oder einen patriotischen Segen, auf daß er ein Simson sei, erbarmungslos gegen alle Wühler und Verderber.

Er umarmte in seiner Herzensfreude den Professor, während Elise mit Alfred in die Arme der Geheimräthin eilten. Meine Mutter hat es gewünscht, sagte dieser, aber mein Herz hat es mir geboten. Nehmen Sie mich auf als Ihren Sohn und vertrauen Sie mir Elisen an.

Die Geheimräthin fand in ihrer tiefen Rührung keine Worte der Erwiderung. Sie hielt die Tochter an sich gepreßt, während sie Alfred mit nassen Blicken betrachtete. Der Professor gab keinen Laut von sich; er schien den Rest seines verworrenen Denkvermögens vollends eingebüßt zu haben.

Drei Tage waren im Hause des Geheimraths in ungetrübter Freudigkeit vorübergegangen. Die Verlobung Alfreds und Elisens wurde in einem gewählten Kreise, nach einem glänzenden Diner, veröffentlicht, bei welchem die Verwandten beider Familien die Ehrensitze einnahmen. Auch der Minister, Gravensteins besonderer Gönner und entfernter Vetter, war anwesend und brachte das Hoch aus auf das junge Paar, mit einigen Anspielungen auf Alfreds Treue und Beständigkeit für alles Rechte und Schöne, welche, auf die Zukunft seines ehelichen Glückes angewandt, allgemeinen Beifall fanden. Mehrere Generale, Präsidenten und hohe Staatsdiener allerlei Art, endlich ein Schwarm von jungen Damen und Herren, sammt andern Freunden des Hauses, vervollständigten die Gesellschaft. Herr Zippelmann fehlte so wenig wie der Assessor Stephani, Professor Viereck aber führte in stolzer Würde eine Deputation des konservativen Vereins zur Tafel und brachte im Namen desselben einen Toast aus, in welchem Römer, Griechen, Demokraten, der alte Fritz, die chinesische Mauer, Nero, Hegel und die glücklichen Eltern vorkamen, bis zuletzt Niemand mehr wußte, was eigentlich geschehen sollte. Doch löste sich Alles prächtig auf, als der Professor endlich in seine Binde faßte, den Hals reckte und mit schönem Pathos rief: Nach allen diesen Beweisen habe ich die Ehre zu bemerken, daß Jeder sein Glas erhebe und den patriotischen feststehenden Eltern der holden Braut ein donnerndes Hoch aus freier deutscher Brust bringe!

Der Geheimrath hatte diesen Tag des Glückes übrigens klug benutzt, um seine Verbindungen mit einigen besonders einflußreichen Personen zu erneuern. Er wußte, wen er einzuladen und Besuche zu machen hatte. Gravenstein’s Name, die Stellung dieser Familie, die Freundschaft des Ministers und die Zukunft seines Schwiegersohnes wirkten zusammen. Es war keiner der Geladenen ausgeblieben, und voll süßen Triumphes legte sich der Geheimrath am Abend dieses Freudenfestes nieder.

Am nächsten Tage jedoch, als er in seinem Zimmer beim Frühstück saß, schlug er plötzlich mit solcher Gewalt auf den Tisch, daß Tassen und Gläser wild durcheinander klirrten. Seine Stirn wurde roth, das eckige, spitzige Gesicht zuckte krampfhaft zusammen und aus seinen Augen strahlte ein Grimm, der das Zeitungsblatt zu verbrennen schien, das vor ihm lag.

In diesem Augenblick meldete der Bediente den Assessor Stephani.

Der ist willkommen, sagte der Geheimrath aufathmend. Führe ihn herein, Friedrich, und ehe der Assessor nicht geht, nimm keine weitere Meldung an.

Nach einer Minute war Stephani im Zimmer. Der Geheimrath drückte ihm zärtlich die Hände, richtete scherzende Fragen an ihn und nöthigte ihn zum Sopha, indem er einen Sessel für sich selbst herbeizog.

Nur ein ganz kurzes Weilchen, Herr Geheimrath, sagte Stephani in seiner zuvorkommend höflichen Weise, will ich Ihre kostbare Zeit beanspruchen. Ich kann mir jedoch die Freude nicht versagen, Ihnen mitzutheilen, was ich so eben von meinem Vater vernommen habe.

So lassen Sie hören, lächelte Wilkau.

Es steht Ihnen nahe bevor, ein Zeichen zu empfangen, wie sehr Ihre großen Verdienste geschätzt und anerkannt werden. Sie sind nicht allein bei der so eben höchsten Orts vorgelegten neuen Organisation zum Abtheilungs-Dirigenten mit dem Titel Präsident vorgeschlagen, sondern es ist damit auch der Antrag einer Ordensverleihung höherer Klasse verbunden.

Ich danke Ihnen von Herzen für diese gütige Mittheilung, erwiderte der Geheimrath mit ruhiger Freundlichkeit. Der Herr Minister hat gestern gegen mich eine Andeutung über das Bevorstehende fallen lassen, aber es freut mich wahr und innig dies Zeichen Ihres Antheils. Ich bin für meine Person über die Lockungen des Ehrgeizes oder der Eitelkeit hinaus; es giebt Würdigere als ich, ich mag Niemanden in den Weg treten, und habe Widerwärtigkeiten genug erlebt, allein dankbar und freudig werde ich alle Zeichen einer gnädigen Anerkennung entgegennehmen.

Um auf etwas Anderes zu kommen, fuhr er fort, indem er die Antwort des Assessors abschnitt, so habe ich an Sie schon öfter die Frage richten wollen: wie war es denn eigentlich mit der Beschlagnahme bei Herzer? Was ist dort vorgegangen, daß Gravenstein dem Menschen eine, wie er mir sagt, acht oder zehntägige Zahlungsfrist geschenkt hat?

Es ist ziemlich unbegreiflich, sagte Stephani, doch Herr von Gravenstein behauptet, ein sicheres Unterpfand in acceptirten Wechseln erhalten zu haben.

Das hat er mir auch gesagt, fiel Wilkau lebhaft ein. Aber haben Sie die Wechsel gesehen?

Herr von Gravenstein wollte sie mir nicht zeigen. Er behauptet, und ich zweifle durchaus nicht daran, daß er Gründe habe, Alles auf sich beruhen zu lassen, bis die bewilligte Frist verstrichen sei.

Fast dieselben Worte hat er mir zum Besten gegeben, als ich ihm Vorstellungen machte.

Es hat allerdings den Anschein, als wäre ein Geheimniß im Spiele, lachte der Assessor.

Haben Sie irgend eine Ahnung, was es sein kann? fragte der Geheimrath, indem er den Ellenbogen des rechten Armes in seine linke Hand stützte, mit seiner Rechten sich an’s Kinn faßte, die Füße kreuzte und einen aufmunternden, verheißenden Blick auf das schlaue Gesicht des jungen Mannes warf.

Was Ahnungen betrifft, sagte dieser, so kömmt mir wohl mehr als eine, allein, was soll man damit anfangen?

Der Bediente mit der rothen Nase machte bei den letzten Worten die Thür auf und brachte, auf den Zehen tretend, ein Schreiben herein, das so eben angelangt war. Der Geheimrath warf einen Blick auf das Siegel und eine freudige Bewegung belebte sein Gesicht. Als der Diener hinaus war, sagte er lächelnd: Es kommt von dem Minister, möglich, daß es die bewußte Angelegenheit betrifft.

Mit diesen Worten riß er das Schreiben auf, allein schon nach einigen Augenblicken drückte er es rasch zusammen und warf es auf den Tisch. Seine Stirn hatte sich geröthet, er schien in großer Aufregung zu sein, die er mühsam zu beherrschen suchte, und seine Stimme zitterte, als er sich wieder zum Assessor wandte, der anscheinend seine Aufmerksamkeit ganz einem Blumentische gewidmet hatte, welcher in der Nähe stand.

Was haben Sie da für köstliche Gummibäume, rief Stephani ihm entgegen. Es sind Seltenheiten, einzig in ihrer Art.

Ich habe sie vor Jahren von demselben Manne erhalten, der jetzt Gravenstein zu betrügen sucht, wie er mich betrogen hat, erwiderte der Geheimrath.

Es ist Pflicht, es zu hindern, wenn man es kann, fuhr er fort. Was denken Sie also von diesem Geheimniß? Welche Ahnungen haben Sie, lieber Stephani.

Ich wage es in der That nicht auszusprechen, sagte dieser bedenklich.

Ohne Rückhalt! Ganz ohne Rückhalt! rief Wilkau. Mein Ehrenwort zum Pfande, daß es unter uns bleibt.

So viel ich aus verschiedenen Aeußerungen des Herrn von Gravenstein entnommen habe, begann der Assessor, hat eine sehr erschütternde Scene Statt gefunden.

Eine Komödie! fiel der Geheimrath ein.

Aber es ist nicht ganz klar, welche Rolle darin Fräulein Clara Herzer gespielt hat, sagte Stephani lächelnd.

Welche Rolle? Was meinen Sie? Welche Rolle?

Nichts Böses, fuhr jener fort, allein ein schönes junges Mädchen in Thränen, bittend für ihren Vater, ewige Dankbarkeit gelobend, wäre im Stande, selbst einen Kanibalen zu erweichen.

Ah! nickte der Geheimrath. Sie haben Recht!

So mag es denn nicht allzuschwer gewesen sein, dem gerührten Herrn von Gravenstein unter jenem Eindrucke selbst ein ziemlich werthloses Stück Papier aufzudrängen.

Glauben Sie das? fragte Wilkau lebhaft, indem er seine Hand auf Stephani’s Arm legte. Ein plötzlicher Gedanke schien durch seinen Kopf zu fliegen. Er hielt einige Augenblicke inne, seine Augen erhielten einen schillernden Glanz, sein ganzes Gesicht drückte triumphirende Freude aus.

Ich glaube es allerdings, fuhr Stephani fort, denn da es Wechsel sein sollen, die Herzer als Unterpfand gegeben hat, so steht dies mit dem abgenommenen Versprechen, sie Niemanden zu zeigen — denn ein solches Versprechen hat Herr von Gravenstein gewiß geleistet — im eigenthümlichen Widerspruch. Wären es gültige Wechsel, warum verkauft Herzer sie nicht? Wäre es irgend ein Papier, was sich vor ehrlichen Augen sehen lassen könnte, warum dies abgenöthigte Wort, sie verborgen zu halten? Entweder also, es ist mit diesen Papieren nicht wie es sein soll, oder Herr von Gravenstein hat eine Nothlüge ersonnen, wozu doch eigentlich kein Grund vorhanden war.

Seien Sie sicher, erwiderte der Geheimrath, was Gravenstein sagt, ist durchaus wahr. Es giebt keinen Menschen, der die Lüge mehr verachtet.

Nun denn, sprach Stephani, indem er gleichgültig lächelnd seinen Hut aufnahm, so ist es so, wie ich mir die Sache dachte. Der Schuldner wollte Zeit gewinnen, wahrscheinlich lag ihm unter allen Umständen daran, die Beschlagnahme zu hindern. Herr von Gravenstein ließ sich erweichen, er legte die Zettel in sein Taschenbuch und während der acht oder zehn Tage wird Herzer Rath zu schaffen suchen, um den Gläubiger zu befriedigen.

Das Geld anschaffen? das Kapital? Fünftausend Thaler? haha! rief der Geheimrath. Woher nehmen, wo nichts ist? Es ist unmöglich!

Wer weiß, sagte der Assessor. Muß er das Geld schaffen, so wird er es schaffen. Ich bin überzeugt, daß er jedes Mittel ergreift; denn denken Sie den Fall, daß diese Papiere an’s Tageslicht kämen; selbst wenn es durch einen Zufall geschähe, er wäre gebrandmarkt und verloren.

Gebrandmarkt und verloren! wiederholte der Geheimrath nachsinnend.

Aber auch völlig geborgen, wenn er zur gehörigen Zeit für die Deckung sorgt, fügte Stephani hinzu. Er hat schlau operirt, man muß es zugestehen.

Und dagegen läßt sich nichts thun? fragte Wilkau mit einem starren, bösen Blick.

Von Amts wegen gewiß sehr viel, erwiderte der Assessor, sobald ein Betrug zu Grunde liegt. Ich würde zum Beispiel verpflichtet sein, wenn die Papiere mir zugingen und sich das erwiese, was, wie ich glaube, sich erweisen läßt, sogleich einzuschreiten.

Die beiden Männer schwiegen, aber ihre Blicke suchten und fanden eine Verständigung. Endlich sagte der Geheimrath: Es läßt sich Manches überlegen, vielleicht fängt sich der Schuldige in seiner eigenen Falle. Sie haben gar kein weiteres Indicium, was auf die Spur leiten könnte?

Nichts, als daß die Papiere, wie Herr von Gravenstein beiläufig bemerkte, auf 6000 Thaler lauten sollen.

Sechstausend Thaler sagen Sie? flüsterte der Geheimrath aufhorchend und sonderbar lächelnd; das ist gut und wohl zu beachten. Ich sehe Sie wohl heut Nachmittag oder morgen, lieber Stephani, und werde Ihnen dann mittheilen, was ich denke. Ich will nicht, daß Gravenstein durch eine Betrügerei sein Geld verliert, denn schaffen können die Menschen es nicht. Es ist daher Pflicht, sie zu entlarven, um zu retten, was sich retten läßt.

Der Assessor stimmte ihm bei und empfahl sich. Der Geheimrath blieb an dem Tische stehen, auf welchen er sich mit der Hand stützte; die andere Hand zwischen den Knöpfen seines Rockes, sah er vor sich hin, während nach und nach ein Lächeln der Befriedigung den Zorn, der sein Gesicht erfüllte, fortwischte.

Ja, so ist es, sprach er leise, so muß es sein! Aber ich will dazwischen fahren, ich will Euch einen Strich durch die Rechnung machen, ihr elenden Gauner.

Hier unterbrach die Geheimräthin sein Selbstgespräch; sie war in lebhafter Bewegung. Nun, rief sie freudig, Friedrich hat mir gesagt, es sei ein Brief vom Minister gekommen; was schreibt er?

Auch das noch! murmelte der Geheimrath, die Stirn faltend, indem er das Zeitungsblatt ergriff. Es ist nichts, antwortete er dann mit gewaltsamer Ruhe. Lies das. Man hat mich abermals empörend angegriffen und verläumdet und zwar an der rechten Stelle, in dem Organ der Ultraconservativen. Man warnt den Staat, keinen Menschen zu befördern, der solche Erinnerungen an sich trage. Man spottet über meine Bekehrung, spottet über meine Bestrebungen, mich durch allerlei Mittel, selbst durch Heirath und Hochzeit meines Kindes rein zu waschen. Daß ich gemeint bin, ist mit Händen zu greifen. Der Minister schreibt mir, daß er nicht glaube, jetzt den geeigneten Zeitpunkt zu treffen, um seine Absichten durchzuführen, daß er diesen Zeitpunkt vielmehr später erwarten müsse.

Schändlich! Abscheulich! rief die Geheimräthin, Thränen in den Augen. Wer aber kann so nichtswürdig sein?

Wer? sagte Wilkau und ein tödtlicher Grimm klemmte seine Zähne zusammen. Nur der erbärmliche Betrüger Herzer kann es sein. Ich weiß, daß er ähnliche Dinge zu Zippelmann gesagt hat. Gestern erst hat er noch einen neuen Versuch gemacht, Geld dort zu bekommen und in gemeinster Weise behauptet, ich habe Alfred dazu vermocht, ihn zu ruiniren, aber ich werde es bereuen.

Welche entsetzliche, unwürdige, gräßliche Familie! sagte die Geheimräthin.

Sei ruhig, mein Kind, erwiderte Wilkau tröstend. Behalte immer den nöthigen Takt. Niemand darf merken, was in uns vorgeht.

Alfred von Gravenstein war den ganzen Tag um seine Braut beschäftigt; er genoß das Glück dieser ersten beseligenden Stunde im reichsten Maße. Es war von Anfang an sein Vorsatz gewesen, den Wünschen seiner Mutter nachzukommen, und offen bekannte er es, als er den kostbaren Familienschmuck Elisen überreichte.

Nimm ihn aus meiner Hand, sagte er, er war für Dich schon seit Jahren bestimmt, und als ich jetzt meine Reise antrat fiel er mir aus seinem Behälter entgegen, wie ein Wink von Geister-Hand, ihn nicht zu vergessen.

Die prachtvollen großen Steine funkelten und glänzten Elisen entgegen. Sie konnte sich nicht enthalten, die Bracelets anzupassen, die Kette von Brillanten um ihren Hals zu legen und mit einigen breiten Perlenschnüren ihr Haar zu umwinden.

Als sie unter Scherzen damit fertig war, küßte Alfred entzückt ihre Finger. Sie sah so beglückt aus, daß sein Herz heiß wurde und seine Blicke feuriger brannten, als die kalten Steine.

Elise wußte wohl was in ihm vorging. Sie senkte ihre Augen und hob sie wieder zu ihm auf; plötzlich aber schlang sie den Arm um seinen Nacken und sagte mit ihrer stolzen, klangvollen Stimme: Ich bin sehr glücklich, Alfred, denn in dieser Minute empfinde ich, daß nicht allein Deiner Mutter Wunsch diese Steine und Perlen mir gegeben hat, nein, daß Du es bist, der sie mir giebt, Du allein, mein Alfred, Deine Neigung, Dein Vertrauen, Deine Liebe.

Meine liebe, theure Elise, wiederholte er, Du sagst das rechte Wort. Ich kam zweifelnd her, denn offen gestanden, ich dachte mir, wer weiß, welchen begünstigten Nebenbuhler Du findest, und ist Elise — Nun, ist Elise? rief das Fräulein muthwillig, als er schwieg.

Ist Elise noch der flatterhafte Geist, fuhr er lächelnd fort, so ist es besser, höflich schweigsam von ferne zu stehen und still in mein einsames, altes Vaterhaus zurückkehren, als in Täuschungen zu unterliegen.

Aber Du hast mich besser gefunden und mir freudiger vertraut, sagte sie ihm zunickend.

Es kam in meine Seele der Glaube an Dich und mit dem Glauben sah ich Deine Liebe, erwiderte er, das stärkte meine Entschlüsse und beruhigte meine Zweifel.

Also immer noch Zweifel! sagte sie drohend.

Jeder Mensch ist besonders geschaffen, erwiderte er; ich gehöre zu denen, die, wenn sie Liebe durch feurige Bewerbung erwecken sollen, scheu zurücktreten müssen. Ja, ich weiß es wohl, fuhr er fort, ich bin aus sprödem Stoff gemacht. Ich kann mich nicht messen mit feinen galanten Herrn, die zierliche Worte drechseln und lebhaft zu unterhalten wissen. Aber, theure Elise, ich sehne mich danach, geliebt zu sein, und liebe dafür treu und innig.

Bist Du eifersüchtig? fragte sie.

Ich glaube wohl, daß ich es sein kann.

Eifersucht ist Schwäche und Mißgunst, rief sie lachend.

Ich glaube kaum, daß Liebe ohne Eifersucht denkbar ist, erwiderte er. Es kommt nur darauf an, nicht eifersüchtig ohne Grund zu sein.

Aber was nennen die Eifersüchtigen nicht Gründe? sagte Elise zärtlich und spottend. Ich bitte Dich, Alfred, vertraue mir ganz; nur um des Himmelswillen keine Othellolaunen! Ich will Dich lieben, treu wie Desdemona; aber Du wirst mich doch nicht einsperren, nicht etwa aus lauter Liebe und glühender Hingebung in irgend einen alten Thurm stecken und von einem Jago bewachen lassen.

Ihre Betheuerungen und Bitten hatten so viel Schelmisches und Komisches, daß Alfred lachend sie erwiderte und dann in einem langen Gespräche ihr die schönsten Aussichten für die Zukunft öffnete. Er wollte eine glänzende Wohnung für den Winter und für alle Winter miethen. Im Frühjahr wollten sie auf seinem Gute wohnen, im Sommer eine Schweizerreise machen, im Herbst am Rhein leben, und Elise malte sich diese Panoramen ihres Glückes nach allen Seiten aus. Der reiche, vornehme Mann ließ sie vergessen, daß er nicht schön war; sein verständiges Denken und Wissen setzte sie darüber fort, daß es wohl geistvollere und angenehmere Anbeter gäbe; seine politische Laufbahn, die eine glänzende Zukunft ankündigte, reizte ihre Eitelkeit und diese war überdies angereizt genug, denn sie sah Neid und Mißgunst unter manchen Glückwünschen deutlich hervorschimmern und wußte, daß die Partie überall als eine außerordentlich gute betrachtet wurde.

Endlich kam der Geheimrath voll guter Laune und Frohsinn herein, und nach einigen lustigen Fragen forderte er beide auf, mit ihm einen Spaziergang zu machen. — Ihr müßt Euch präsentiren, Kinder, sagte er. Wir gehen ein Stündchen auf die Promenade bis an die neuen Rutschberge. Die Sonne scheint warm, die ganze gute Gesellschaft ist auf den Beinen. Alles will rutschen und Schlittschuh laufen. Wir werden gewiß viele Bekannte finden; nimm Deine Schlittschuhe mit, Elise, Alfred muß schon sehen, wie gut er selbst auf glattem Eise mit Dir fortkommt. Aber geschwind, Mädchen, die Mutter wird gleich im vollen Staat ihrer Zobelbehänge hier sein.

Alfred sah ernstlich aus; das Schlittschuhlaufen war seine Sache nicht.

Stellen Sie sich vor, sagte Wilkau, was einmal das naseweise Ding, die Clara Herzer, zu mir über die Zobelmuffen und die Palantinen meiner Frau und Elisen seufzte: Es ist mir ein trauriger Gedanke, sagte sie, wenn ich diesen theuren Pelz sehe, weil ich dabei unwillkürlich der Unglücklichen mich erinnere, die, in die sibirischen Einöden von einem Despoten verbannt, fern von Allen, die sie lieben, verschmachten müssen.

Der Geheimrath lachte; Alfred von Gravenstein aber faßte mit einer plötzlichen Handerhebung an die Brusttasche seines Kleides, als werde er an etwas erinnert. Er erwiderte jedoch nichts, und in derselben heiteren Laune fuhr der Schwiegervater fort: die Narrheit dieser zarten Seele ging sogar so weit, daß sie einen Zobelmuff ausschlug, den meine Frau ihr verehren wollte. Sie witterte an jedem Haar einen demokratischen, polnischen Zobelfänger, der nach Sibirien durch die Gnade des Kaisers versetzt, dort interessante Zobeljagden anstellen darf.

Es scheint recht üblich zu werden, daß Damen Schlittschuh laufen? fiel Alfred ein.

Sehr üblich, sagte der Geheimrath. Die Sache sieht demokratisch aus, ist es aber keineswegs. Die Damen der haute-volée haben es aufgebracht und nachmachen läßt es sich nicht ganz leicht, denn es gehört Zeit, Geschick und Ausdauer dazu. Elise läuft vortrefflich, Sie werden sich freuen.

Das werde ich wohl nicht, erwiderte Alfred trocken. Ich selbst bin kein besonderer Verehrer der Eisbahn, für Damen halte ich sie völlig ungeeignet und werde meinen Widerwillen schwerlich aufgeben. Mag es aufgebracht haben, wer Lust hat, ich nenne es Unsitte.

Der Geheimrath legte ihm lachend die Hände auf die Schulter. Es ist wirklich gerade so, als ob ich Fräulein Clara höre, sagte er. Die fand es auch unschicklich, und wenn nicht unsittlich, doch gänzlich unpaßlich in Weiberröcken etwas beginnen zu wollen, was nicht dazu gehört. — Sie werden sich bekehren, Alfred. Es ist Mode und die Mode thut Alles. Sie ist die Beherrscherin der Welt; wer sich ihr nicht fügt wird vorzeitig zu den Todten geworfen. — Das wäre aber doch übel, wenn ein Bräutigam, ein junger Mann seiner Braut ein ernsthaftes Gesicht machen und sich nicht fügen wollte, wenn sie eine allerliebste Modethorheit begeht, die ganz fashionable ist. — Also mein lieber Alfred, nehmen Sie Ihren Hut und lachen Sie, wie es sich gebührt, denn ich höre die Damen kommen.

So war es wirklich. Frau von Wilkau und ihre Tochter in prächtigen Zobelpelzen erschienen wenige Augenblicke darauf, und Alfred vergaß seinen Anflug von Unmuth, als Elise ihm gewinnende Blicke zuschickte. An seinem Arme ging sie die große Treppe hinab, die Eltern folgten; in dem Augenblick aber, wo sie den Hausflur erreichten, öffnete der Portier die Thür und herein trat eine Dame, die ihnen entgegen kam, mit einem leisen Neigen erröthend vorüberging und an dem Korridor stehen blieb, welcher zu Herrn Zippelmanns Wohnung führte, wo sie die Klingel zog.

Alle hatten sie erkannt, aber Niemand sagte ein Wort. Es war Clara Herzer, die Tochter des Fabrikanten. Der schwarze Seidenmantel hüllte sie fest ein, von dem schwarzen Sammethute fiel eine Feder herab, der Schleier war zurückgeschlagen, das ernste und zarte Gesicht sah so leidend aus, als trüge es einen schweren Kummer. Ihre großen Augen thaten sich dunkel auf und ein Lächeln, welches dem matten Sonnenscheine glich, der über eine liebliche gewitterhafte Landschaft läuft, hatte etwas unaussprechlich Reizendes.

An der Thür machte Elise eine gleichgültige Bemerkung, aber sie begleitete diese mit lautem Gelächter nach der schwarzen stillen Gestalt, die noch immer unbeweglich im dämmernden Grunde stand. Sie sah zu Alfred auf und wollte etwas sagen, verschwieg es aber wieder und nahm seinen Arm an, indem sie auf einen andern Gegenstand überging.

Bald waren sie im lebhaften Gewühl der spazierenden feinen Welt. Man flüsterte, man fragte, man erzählte sich um sie her von ihr. Es fanden sich Bekannte und Freunde. Endlich war die Eisbahn erreicht, und eine Stunde lang schwebte Elise unter lebhafter Theilnahme der Zuschauer, die ihre Gläser auf sie richteten, auf und nieder. Alfred sah verdüstert und geärgert zu; er wußte, wie ungeübt er war. Dafür fand sich der Assessor Stephani ein, der ein vollendeter Meister der Kunst, durch seine Leistungen allgemeine Bewunderung erregte, und an dessen Hand und Begleitung Elise den Ruhm theilte.

Der Geheimrath hatte seinen Wagen bestellt, in dessen behaglichem Raume endlich die Familie zurück fuhr. Alfred hatte keine Zeit mißlaunt zu sein. Seine Abneigung gegen die Eisbahn war nun zum Schweigen gebracht, der lächelnden, entzückten Braut gegenüber. Er fand gerechtfertigt was Wilkau darüber gesagt hatte, fand es nöthig, daß ein Bräutigam gefällig sein und billig überhaupt, daß man nicht Anderer Freuden störe, sondern im Beisammenleben sich schicke. Er war daher heiter und stimmte den Versicherungen der Geheimräthin bei, daß nicht eine Dame von Allen sich mit Elise messen könnte, die Kunststücke des Assessor Stephani aber wahrhaft erstaunenswürdig seien.

Nun, wenn sie für weiter nichts gut sind, sagte der Geheimrath, so haben sie uns doch jedenfalls frischen Appetit verschafft. Es wird uns, wie ich denke, erstaunungswürdig schmecken, darum so schnell als möglich an den Tisch. Ich komme sogleich nach, keine Minute sollt Ihr auf mich warten.

Er blieb bei diesen Worten stehen, um mit seinem Kutscher zu sprechen. Die Anderen stiegen die Treppe hinauf. Dann kehrte Herr von Wilkau zurück, horchte einen Augenblick auf das Zufallen der großen Glasthür an seiner Wohnung und wandte sich plötzlich, um bei Herrn Zippelmann zu klingeln.

Nach kurzer Zeit schob der würdige Rentier in eigener Person die Riegel zurück, nickte grinsend mit dem langen Kopfe, den er zur Thürspalte heraussteckte, und faßte dann schweigend die Hand des Geheimraths, den er in sein Zimmer führte.

Nur eine einzige Frage, sagte dieser, meine Familie erwartet mich. Sagen Sie mir, liebster Zippelmann, wie groß war doch die Summe, welche Herzer betrügerisch von Ihnen forderte?

Eigentlich, erwiderte Herr Zippelmann, wollte er etwas über 9000 Thaler von mir erpressen, er setzte jedoch in dem Vergleich, den er mir zuletzt anbot, die Summe auf 6000 Thaler herunter. Hehe! stellen Sie sich vor, er setzte sie herunter, nachdem ich den Prozeß gewonnen hatte. Ist es nicht ein Einfaltspinsel? Es ist gerade so wie mit der deutschen Einheit. Als Alles verloren war, boten sie die Kaiserkrone aus und wollten die durchaus noch an den Mann bringen. Es ist doch sonderbar, was ich überall für Aehnlichkeiten herausfinde. Was sagen sie dazu, Geheimrath? Hehe! ist es nicht so?

Und wann hat er Ihnen zuletzt den Vorschlag gemacht? fragte Wilkau.

Zuletzt? sagte Herr Zippelmann. I Gott alle Tage, erst heute wieder. Neulich wollte der Bengel, der Felix, mich mit Gewalt bereden, Wechsel zu unterschreiben, Alles fix und fertig gemacht, sechs Monate nach Dato, brauchte nur die Feder einzutunken. Hehe! blos einzutunken. Er hat geredet wie mit feurigen Zungen, und endlich geschimpft und geflucht — gerade so wie bei der deutschen Einheit in Frankfurt die Vaterlandsretter. Erst Redlichkeit, Ehre, Seelengröße, Glück und Eintracht bis in den Himmel erhoben, aber wie das nichts half: Fluch allen Fürsten, Diplomaten, Kabinetten, Dynastien und deren Ehrgeiz, Engherzigkeit, Kniffen und Ränken, weil sie sich nicht berauben lassen wollten. Hehe! es war eine Lust, den Burschen anzuhören.

Und heut haben Sie Besuch von seiner Schwester gehabt, fiel der Geheimrath ein. Ich habe sie gesehen; sie kam ohne Zweifel in derselben Absicht.

Genau so, rief Herr Zippelmann; immer dieselbe Mine, um mein Herz in die Luft zu sprengen. Hehe! wenn ich einige Jahre jünger wäre, stände ich für nichts.

Sie haben doch nichts zugestanden? fragte Wilkau.

Gott bewahre! betheuerte der Rentier. Was das anbelangt, bin ich so konsequent wie Schwarzenberg und Nikolaus. — Aber was haben Sie mir Neues mitzutheilen?

Warten Sie noch kurze Zeit, theuerster Freund, sagte der Geheimrath, Sie sollen merkwürdige Dinge hören. Für jetzt muß ich fort, nur darum bitte ich Sie, lassen Sie sich auf keinen Fall mit Herzer ein.

Einlassen! ich? erwiderte Herr Zippelmann, ihn zur Thüre begleitend. Hehe! ich wollte, daß ich ihn aufhängen lassen könnte.

Am Abende, als Lampen- und Lichtschein aus allen großen und kleinen Fenstern schimmerten, saß auch Anton Mertens neben seiner Frau an dem kleinen Tische hinter der Glaskugel, und Beide arbeiteten so fleißig, wie damals in der Nacht, wo sie das Abenteuer erlebten.

Sie dachten auch Beide wohl daran, aber sie sprachen kein Wort. — Der Schuhmacher sah ernsthaft auf seine Arbeit, es lag ein Aerger oder ein Kummer in seinem Gesicht. Er kniff Augen und Lippen zusammen und ließ sein langes Haar unbehindert über die Stirn fallen.

Nach geraumer Zeit fragte die Frau freundlich: Was ist Dir denn, Anton? Den ganzen Tag hast Du gebrummt und kein Wort erzählt, wie es Dir gestern im Verein gefallen hat und wie es Dir gegangen ist. Ich habe auch nicht weiter fragen wollen.

Oh! sagte er ingrimmig, gut, sehr gut ist es mir gegangen. Prächtige Musik, Concert, Gesang dazu. Geputzte Damen waren da, Herren auch, Dein Freund, der Professor obenan.

Mein Freund, der Professor! rief Guste lachend. Du kannst Gott danken, wenn der mein Freund ist.

Hättest ihn gestern reden hören können, murmelte Anton. Hat anderthalb Stunden in einem Athem gesprochen, aber ich will verdammt sein, wenn ich weiß, was er wollte.

Weil Du undankbar bist, sagte die Frau auffahrend. Er hat es mir heute geklagt, der liebe, gute Herr. Du hast den ganzen Abend gesessen wie ein Nachtwandler und hast Gesichter geschnitten, als hättest Du Wermuth genossen.

Also ist er hier gewesen? fragte Anton höhnisch. Der Kerl soll nicht hierher kommen.

Höre, Anton, erwiderte sie, sei vernünftig oder es wird nicht gut. Der Geheimrath kann uns alle Tage unglücklich machen, wenn er will, und nur weil die gnädige Frau gebeten hat, thut er es nicht. Der Herr Professor ist aber ihre rechte Hand, was der sagt geschieht; darum, mag er Dir gefallen oder nicht, so mußt Du freundlich zu ihm sein. Wer arm ist, muß sich bücken und so ein Mann hat es gern, wenn er geschmeichelt wird.

Lieber will ich in kochendes Pech fassen, rief der Schuhmacher wild.

Du bist ein Querkopf, lachte seine Frau. Pech haben wir genug, bleib davon, so weit Du kannst. Der Professor hat mir versprochen, Dir viele Arbeit zu verschaffen bei seinen vornehmen Freunden; aber Du mußt auch danach sein. Was haben wir denn von Deinen sauberen Freunden gehabt? Nichts als Aerger, nichts als Schaden und Unglück.

Aber keine Heuchler, keine Freunde, die uns streicheln und schmeicheln, so lange wir thun, was sie haben wollen; wenn wir aber irgend nicht wollen, uns wie Verbrecher behandeln.

Na, Du Narr! rief Guste, so thue doch was sie haben wollen, dann ist ja Alles gut. Was kannst Du denn überhaupt machen? Und wer hilft Dir, wenn Du im Elende bist? Die großen Herren aus dem souveränen Volke etwa? Sie lachte höhnisch auf. Nicht einmal meine beiden feinen Tücher habe ich wieder bekommen von der lumpigen schlechten Weibsperson. Und daran bist Du Schuld. Du ganz allein bist daran Schuld!

Als Anton dies Thema anschlagen hörte, schwieg er still und ließ geduldig noch ein halbes Dutzend erbitterte Zornreden über sich ergehen.

Als aber kaum die letzte ihr Ende erreicht zu haben schien, ließ die Klingel draußen an der Eingangsthür sich hören. Frau Mertens schwieg daher auch, sah durch die Glasscheiben in den kleinen Laden und sprang dann sogleich mit erheitertem Gesicht dienstfertig auf.

Da kommt der Herr Professor, flüsterte sie halblaut. Daß Du vernünftig bist, Anton, ich sage Dir, daß Du Dich wie ein anständiger Mann benimmst.

Sie öffnete die Thür und lächelte dem vornehmen Besuch entgegen, dieweil Professor Viereck mit herablassender Würde ins Zimmer trat. Huldvoll erwiderte er das Lächeln der hübschen jungen Frau, indem er langsam an seinen Hut faßte und ihn abnahm. — Guten Abend, sagte er dann, guten Abend, mein lieber Mertens.

Es ist ja der Herr Professor, Anton! rief Guste dazwischen, als ihr Mann nicht schnell genug aufstand.

Ich wollte alleweil die Arbeit fortlegen, versetzte der Schuhmacher so freundlich, als er vermochte. Sie halten es mir zu gut, Herr Professor.

Ich liebe die Arbeit und liebe die Arbeiter, erwiderte dieser in seiner pathetischen Weise. Ein fleißiger Mann, ein rechter Mann, und wo die Frau emsig die Finger rührt, wo sich das Herbe mit dem Zarten, wo Starkes sich und Mildes paarten, da giebt es einen guten Klang.

Anton hatte seine Arbeit wieder genommen und sah den Professor von der Seite an, der seinen großen grauen Mantel ablegte, und indem er den Stuhl nahm, den Frau Mertens für ihn zurecht stellte, sein rundes Gesicht ihr zuwandte.

Was das schön klingt, wenn Sie sprechen, sagte Guste, man wird ganz hingerissen.

Es sind die Worte nicht, erwiderte der Professor mit Würde, es ist der Geist, der die Worte beseelt.

Ja, wir armen Leute, seufzte Guste, so etwas kommt selten an uns.

Kennen Sie Schiller, Frau Mertens? fragte der Professor.

Schiller? erwiderte sie. Der Demokrat, der Schlosser aus der Weberstraße? Anton kannte ihn früher einmal, aber er hat nichts mehr mit ihm zu thun. Wir können es beide versichern.

Der Professor lachte laut und lange, dann faßte er in seine Binde und sagte beruhigend: Seien Sie ohne Sorge, ich glaube es. Es ist lieblich diese Naivität zu sehen, die so unschuldig und darum so reizend ist. Nein, liebe Frau Mertens, ich meine einen anderen Demokraten, der freilich auch mancherlei Schlösser und Schlüssel dazu gemacht hat.

Der Herr Professor meint den großen Dichter, Friedrich Schiller, sagte Anton von der Arbeit aufblickend.

Friedrich von Schiller, sprach der Professor belehrend. Also Sie kennen ihn?

Im Handwerkerverein habe ich oft seine Gedichte lesen hören, auch manche Lieder wurden gesungen. Zum Beispiel das schöne Lied an die Freude, fügte er mit einem leisen Seufzer hinzu.

Nun sehen Sie, sagte der Professor zu der jungen Frau, so wird es mir Vergnügen machen Ihnen diese Gedichte nächstens mitzubringen und einige davon vorzulesen.

Ah! wie gütig Sie zu uns sind, rief Guste dankbar nickend.

Ich glaube, daß ich sehr gut vorlese, fuhr Viereck herablassend fort. Ich thue es zuweilen den Damen beim Thee zu Gefallen, wenn ich darum ersucht werde. Neulich beim Baron Leichtwitz habe ich den Hamlet gelesen, und bei dem Oberst von Arnstein den Faust. Den kennen Sie wohl nicht?

Faust? erwiderte Frau Mertens, die ihre Augen bewundernd auf den Professor heftete, den kenne ich wirklich nicht persönlich.

O! Natur, himmlische Natur! rief der Professor, wie beglückst Du Deine Wesen. Sie sollen den Faust kennen lernen, ich verspreche es Ihnen, aber was ich sagen wollte und weßhalb ich eigentlich heut hereingetreten bin, das ist eine besondere Angelegenheit.

Er wandte sich zu dem Schuhmacher, der sich um Nichts zu kümmern schien, sondern, den Kopf gebeugt, emsig fortarbeitete. Mein lieber Mertens, fuhr er fort, Sie haben gestern zwar nicht ganz nach meinen Wünschen in der Vereinsversammlung Ihren Eifer bethätigt, aber dennoch sah ich zuweilen Ihre Theilnahme und Freude und Ihr inneres Wohlbehagen auf Ihrem Gesicht. Habe ich nicht Recht, wenn ich denke, daß Sie sich erwärmt fühlten in dieser Gesellschaft der würdigsten und der besten Männer.

O, ja! o, ja! antwortete Anton. Warm wurde ich, um’s ganze Herz herum warm.

Das ist die Macht der Wahrheit! rief der Professor, energisch die Hand erhebend, indem er auf den Arbeiter liebevoll niederblickte. Warm um’s ganze Herz herum! Diese Aeußerung werde ich mir notiren und nächstens vortragen im Verein, als einen überzeugenden Beweis, welche schöne Früchte unsere Bestrebungen reifen sehen. Warm um’s ganze Herz herum! Dies von einem einfachen, schlichten Manne mit Begeisterung ausgerufen, ist hinreißend. Ja, der wahre Patriotismus ist Poesie. Sie sind ein Poet, Mertens!

Sakerment, nein! rief Anton, der nicht recht wußte, sollte er lachen oder sich ärgern. Alleweil bloß ein Schuhmacher, der aber seine Sache auch versteht.

Ich werde diese Angelegenheit ordnen, fuhr der Professor fort, indem er sich in dem Stuhl ausstreckte, die Füße kreuzte und die Däume in die Achselöffnungen seiner Weste steckte. Ich werde dem Vereine einfach erzählen, welche Wirkung die erste Versammlung auf Sie gemacht hat. Dann treten Sie vor, reden was Ihr Herz spricht, wenige warme, treuherzige Worte und ich bin überzeugt, daß Ihr Geschäft die Folgen davon verspüren wird. Treue wird belohnt, Treue muß belohnt werden!

Reden! rief Anton erschrocken, eine Rede halten? O, Sakerment! lieber will ich mir die Zunge abschneiden.

Kehren Sie sich nicht daran, Herr Professor! rief Guste triumphirend dazwischen. Ich will ihn schon dahin bringen, daß er reden muß, wenn noch ein Funken Vernunft in ihm ist. Du sollst und mußt reden, Anton!

Recht so, theure Frau, sagte Viereck mit einem begeisterten Zunicken. Die sanfte Ueberredungskunst der Frauen steht als Schutzgeist neben dem widerstrebenden Mann.

Er müßte ja blind sein, wenn er nicht einsieht, daß Sie nur unser Bestes wollen, sagte sie.

Und das will ich auch, rief der Professor. Ich sehe hier eine Familie, die es verdient. Eine muthige, treffliche, entschlossene Frau, die unter mancherlei Sorgen zeigt, daß die Natur ihr ein edles, treffliches Herz gegeben hat.

Ach, nicht doch! Herr Professor, nicht doch! flüsterte Guste beschämt.

Ja, so ist es! fuhr er mit Energie fort. Die Kleider thun es nicht, Rang und Stand auch nicht, aber die Natur thut es. Noch gestern habe ich dies meinen Freunden, ich habe es Grafen und Baronen ins Gesicht gesagt.

Siehst Du wohl! sagte Guste, und da sagen sie noch, es sind Aristokraten!

Menschenliebe! rief der Professor, reine, edle Menschenliebe, das ist das große Heilmittel aller Schmerzen und Trennungen, welche diese Welt bedrücken. Wir wollen helfen denen, die mit uns sind.

Das ist unsere Aufgabe, sagte er nach einer Pause, während welcher er die Arme kreuzte und sich völlig beruhigte. Sie wissen, Frau Mertens, daß wir eine Weihnachtssammlung machen; ich habe Sie auf die Liste gesetzt, damit freudige, schöne Feiertage bei Ihnen einkehren. Sie werden es doch nicht übel nehmen, sagte er lachend, wenn das Komité, dem ich die Ehre habe anzugehören, sich dafür erklärt, daß der treugesinnten Familie Mertens zehn Thaler oder vielleicht auch zwanzig Thaler, ich werde schon sehen, was sich thun läßt, als eine brüderliche Weihnachtshülfe zugesandt werden?

Ach lieber, verehrter Herr Professor, sagte Guste voll Seligkeit die Hände faltend, wie können Sie denken; so bedanke Dich doch, Anton, und sitze nicht da wie ein Stock.

Keinen Dank, sagte der Professor mit beiden Händen winkend, keinen Dank meine Freunde. Menschenliebe ist der höchste Lohn und dieser wird mir — bei dem letzten Worte sank plötzlich seine Hand nieder, der Laut kam abgebrochen hervor, starren Blickes schaute er nach den Glasscheiben der Ladenthür, zu welcher er zufällig sich umgewendet hatte. Die dunkle Gestalt eines Mannes schien dort zu stehen und rasch zurückzuweichen. Auch der Schuhmacher hatte den Kopf aufgehoben, er warf die Arbeit fort und sprang auf. Es war mir doch so alleweil, rief er, als hörte ich die Klingel anschlagen.

Der Professor schien von einem gewaltigen Erschrecken befallen zu sein, er war sichtbar blaß geworden. Es kam mir so vor, sagte er, während Anton hinausging, als sähe ich einen Kopf dicht hinter den Glasscheiben, der mit seinen boshaften Augen mich betrachtete und wie ein Teufel aus seinem roth ausgeschlagenen Mantel heraussah.

Lieber Gott! wer kann es denn sein? redete die Frau. Anton spricht mit ihm. Es wird nichts so Schlimmes sein, guter Herr Professor.

Mag es sein, wer es will, sprach Viereck mit neuem Muth, selbst wenn es der sein sollte, der mir dabei zufällig einfiel, selbst dieser elende Taugenichts würde mich nicht erschrecken können.

Im Augenblick machte Anton die Thür auf, und draußen fiel der nacheilende Lichtstrahl auf einen weitflatternden Mantel, in welchen der Fremde sich einhüllte und schweigend die Kellertreppe hinaufstieg.

Wer ist es? was will er? fragten Beide dem Schuhmacher entgegen.

Alleweile sage nichts mehr, Guste, rief Anton ganz belebt vor Freude. Hier sind Deine beiden Tücher, so rein und weiß, als wäre nie ein Blutfleck darin gewesen, und dazu — er drehte sich auf dem Hacken um, wie Einer, der sich seiner Dummheit plötzlich bewußt wird, warf das Haar von seiner Stirn und sagte dann etwas kleinlaut: dazu vielen Dank für alle Güte und Liebe.

Blutflecken? fragte der Professor. Wer hat denn sein Blut hier vergossen?

O! erwiderte die Frau schnell gefaßt, es hatte nichts zu sagen. Eine fremde Dame, die wir nicht kennen, hatte sich an den Kopf gestoßen. Ich lieh Ihr die Tücher und meinte schon, wir würden nichts davon wiedersehen.

Und der Mann, welcher eben hier war, hat die Tücher wiedergebracht?

Ja wohl, Herr, das hat er, antwortete Anton.

Wissen Sie, wie er heißt?

Wie er heißt? Er hat es mir nicht gesagt.

Aber wie er aussieht, fuhr der unermüdliche Frager fort, indem er den Schuhmacher mißtrauisch musterte, das werden Sie doch sagen können? Er ist groß, nicht wahr? Breitschulterig, hat eine etwas dicke Nase, funkelnde große Augen und trägt einen Bart, so recht, wie er sein muß, rund ums Gesicht.

Anton hörte aufmerksam zu und sagte dann bedächtig: Ich kann’s nicht behaupten, ich habe ihn zu wenig darauf angesehen und sehen können.

Hm! sprach der Professor ärgerlich, indem er aufstand, ich werde heut nicht weiter in Sie dringen, aber gut wird es sein, wenn Sie mir morgen die Wahrheit gestehen. Mit dem Menschen dürfen Sie keinen Umgang haben, wenn Sie der guten Sache anhängen. Auf morgen also und dann erzählen Sie mir, was er von Ihnen will.

In der Frühe des nächsten Morgens verlangte der Kommissarius den Geheimrath zu sprechen, der ihn in seiner wohlwollenden Art empfing.

Nun, mein lieber Herr Nachbar, sagte er, ihm die Hände drückend, haben Sie nochmals herzlichen Dank für Ihre gütige und umsichtige Ueberwachung meines lieben Alfred. Daß seine Verlobung mit meiner Tochter stattgefunden hat, wird Ihnen bekannt sein, und da nichts Verdächtiges mehr vorgekommen ist, so möchte ich glauben, es sei keine Vorsicht weiter nöthig.

Ich bin in der That ganz derselben Meinung, erwiderte der Beamte.

Aber noch Eines, fuhr Wilkau vertraulich fort, eine Frage: Kennen Sie den Fabrikanten Herzer?

Eben deswegen, sagte der Kommissar lächelnd, möchte ich mir eine Bemerkung erlauben. Dieser Herr Herzer ist uns wohl bekannt und seiner Gesinnung wegen widmen wir ihm einige Aufmerksamkeit. Wir wissen zum Beispiel, wer bei ihm ein- und ausgeht, und halten namentlich auch seinen Sohn unter Aufsicht, der aus Amerika zurückgekommen ist.

Nun? fragte der Geheimrath erwartungsvoll.

Wir müssen sagen, daß er sich ruhig verhält, fuhr der Beamte fort. Besonders in der letzten Zeit ist nichts vorgefallen. Die Familie ist sehr häuslich, es wird viel musicirt und, fügte er mit einem fixirenden Blick auf den Geheimrath hinzu, es finden sich dazu selbst zuweilen Zuhörer unter den Fenstern ein.

Ah, Sie haben mir erzählt, sagte Wilkau, daß Herr von Gravenstein sich sogar einmal dies Vergnügen gemacht hat.

Nicht einmal, gab der Kommissär zur Antwort. Er hat es wiederholt.

Ein eigenthümlicher Geschmack, rief der Geheimrath spottend.

Auch gestern Abend ist es der Fall gewesen, fuhr jener fort.

Gestern Abend? Alfred war bis gegen 11 Uhr bei uns.

Er ging von hier aus dort hin, und dann vor dem Hause auf und ab.

Aber es war eine wilde, kalte Nacht, sagte der Geheimrath erstaunt.

Es schneite ein wenig und war ziemlich dunkel. Plötzlich wurde ein Fenster geöffnet.

Wie, ein Fenster geöffnet?

Eine Gestalt beugte sich heraus und eine leise Stimme sagte: Hier ist die Antwort, aber fort! fort! Damit flog ein Papier, das an etwas Schweres gebunden war, auf die Straße. Das Fenster wurde schnell geschlossen; Herr von Gravenstein ging langsam näher, hob das Fallende auf und entfernte sich dann.

Das ist eine Täuschung! rief der Geheimrath bestürzt. Herr von Gravenstein kann es nicht gewesen sein.

Er ging in seine Wohnung und wurde bis zur Thür begleitet, erwiderte der Kommissär mit unerschütterlicher Bestimmtheit. Wir täuschen uns so leicht nicht, gnädiger Herr.

Dennoch, erwiderte der Geheimrath im strengen Tone, muß es ein Irrthum sein; aber sei dem, wie ihm wolle, ich danke Ihnen für diese Mittheilung und bitte Sie, Ihre Beobachtungen aufs genaueste fortzusetzen. Könnten wir nur den Inhalt des Briefes erfahren.

Wahrscheinlich werden wir aus den Wirkungen sehen können, was er enthielt, sagte der Beamte. Herr von Gravenstein wird nach dem Inhalt handeln.

Was meinen Sie? Was denken Sie? fragte Wilkau.

Ich denke, versetzte der Beamte lächelnd, daß es sich sicher um ein kleines Abenteuer handelt. Die Gestalt am Fenster ist eine weibliche Gestalt gewesen; die Stimme war sanft und furchtsam, es ist keine andere junge Dame dort im Hause als Fräulein Herzer.

Sie glauben? fiel der Geheimrath ein.

Es soll ein sehr schönes junges Mädchen sein, lächelte der erfahrene Mann achselzuckend. Was kommen nicht für Dinge in der Welt vor, und junge Herren, selbst wenn sie verlobt sind, haben doch häufig noch Augen für andere Schönheiten.

Machen es doch die Verheiratheten oft noch schlimmer.

Der Geheimrath schüttelte zu dieser Beruhigung den Kopf. Nach der Hochzeit, sagte er halblaut, mag man eher Entschuldigungen dafür finden, aber vorher sind solche Thorheiten weit gefährlicher.

Er dachte noch einen Augenblick nach und sein Gesicht nahm den starrsten Ausdruck des Hasses an. Diese verworfene Familie! murmelte er vor sich hin, es ist empörend, wenn ich Alles bedenke. Mein theurer Freund, sagte er dann laut, in Ihren Händen ruht ein wichtiges Geheimniß, dessen Bekanntwerden mir sehr unangenehm sein würde.

Seien Sie ganz unbesorgt, erwiderte der Beamte.

Das bin ich nicht, aber ich rechne auf Ihre Hülfe, fuhr Wilkau lebhaft fort. Beobachten Sie ihn genau, forschen Sie aus, was das Papier enthält.

Ich wette darauf, bemerkte der Kommissär, daß es die Einwilligung zu einem Besuch oder die Erlaubniß dazu war.

Wohl möglich! — o! wohl möglich! rief der Geheimrath. Bringen Sie mir Gewißheit darüber, ich will Ihnen dankbar sein. Ich muß Beweise haben, um überlegen zu können, was weiter geschehen darf; aber mit äußerster Vorsicht, ohne alles Geräusch, die tiefste Stille und Verschwiegenheit.

Der Kommissär versprach Alles, aber als er hinaus war, faßte der Geheimrath mit beiden Händen an seinen Kopf, den er wild schüttelte. Wenn ich mir das denke! rief er, wenn ich in diesen Abgrund blicke, möchte ich rasend werden.

Er hörte die Thür öffnen und ließ die Arme sinken, indem er die Aufregung aus seinen Mienen zu entfernen suchte, aber als hätte er ein Gespenst erblickt, wich er zurück, indem er den Kopf anstarrte, der durch den Spalt herein sah.

Ich bitte um Verzeihung, sagte eine tiefe, zitternde und demüthige Stimme. Ich fand den Vorsaal offen, ein Herr, der herauskam, sagte mir, daß ich — Dich hier finden würde, und da ich Niemanden fand, da es mir lieb war, wenn ich ohne alle Zeugen wenige Worte mit Dir sprechen könnte, so trat ich ein.

Herr Herzer, erwiderte der Geheimrath mit vernichtender Kälte, indem er sich verbeugte, ich irre mich nicht, Sie sind es. Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?

Der Fabrikant schüttelte mit einem traurigen Blicke den Kopf. — Ich habe geglaubt, sprach er tief Athem holend, daß der Anblick eines alten schwergebeugten Freundes eine andre Wirkung auf Dich machen würde. Aber wie Du willst, es steht bei Dir, auch jetzt noch mich hart abzuweisen.

Da meine Zeit sehr beschränkt ist, erwiderte Wilkau, und was zwischen uns und jeder Annäherung liegt, keinem Zweifel unterworfen sein kann, so muß ich nochmals bitten, mir zu erklären, was Sie bewegen kann, mich hier heimzusuchen.

Bei diesen Worten richtete sich Herzer auf und seine Augen erhielten einen stolzen Glanz. In der nächsten Minute aber war dieser erloschen und mit sanftem Tone sagte er: Was mich bewegen konnte, den Mann aufzusuchen, der einst der Freund meiner Jugend war, ja, der mir oft betheuert hat, daß nichts unsere Freundschaft trennen könne, das ist der innere Glaube an seine Redlichkeit.

Der Geheimrath unterdrückte die Antwort, welche er geben wollte. Ich würde bitten, sagte er, zur Sache zu kommen.

Wohlan denn, erwiderte Herzer, so möge was Freundschaft heißt schweigen und nur die Gerechtigkeit sprechen. Ich schulde dem Herrn von Gravenstein ein Kapital, das er plötzlich von mir zurückgefordert hat. Doch das Alles ist hier bekannt genug, fuhr er stockend fort, ich will nicht eindringen in die Beweggründe derjenigen, die ihm die übelste Meinung von mir beigebracht haben.

Das ist nicht meine Sache, rief Wilkau, die Stirn faltend.

Lassen wir es, sagte Herzer sanft. Ich soll dies Kapital zahlen, ich muß es schaffen. Ich habe einen Prozeß verloren, den ein gewissenloser Verwandter durch einen Eid gewonnen hat, welchen er niemals hätte leisten sollen.

Was geht das mich an, fiel der Geheimrath unruhig ein.

Ich habe Alles versucht ein verhärtetes Gewissen zu rühren, erwiderte der Fabrikant, und vielleicht würde es mir gelungen sein, wenn nicht auch dabei ein Einfluß sich geltend gemacht hätte, der in erbitterter Leidenschaft mich zu verderben sucht.

Das heißt ich — ich bin damit gemeint! unterbrach ihn der Geheimrath mit Heftigkeit.

Wilkau! rief Herzer, beide Hände erhebend, wie weit ist es mit uns gekommen, daß ich so Dir gegenüber stehen muß.

Ich trage keine Schuld daran — ich nicht! versetzte der große, hartblickende Mann. Ich weise jede perfide Andeutung von mir.

Ich läugne meinen Antheil an der Schuld nicht ab, erwiderte Herzer. Ich bin wohl zu heftig gewesen — habe die Verhältnisse nicht richtig beurtheilt — habe Dir zu strenge Vorwürfe gemacht, statt zu bedenken, daß wir Alle Nachsicht nöthig haben und Niemand ein Ketzerrichter sein soll über Glauben und Meinung seiner Brüder.

Ein leises Lächeln lief über Wilkau’s Gesicht. Was kann oder soll ich denn thun? fragte er ruhiger.

Ich will Deine Verwendung in doppelter Art in Anspruch nehmen, sagte Herzer, und bitte Dich inständig darum. Herr von Gravenstein steht Dir so nahe, daß es nicht schwer für Dich sein kann, ihn zu bewegen, mir das Kapital nur auf ein Jahr noch zu lassen, oder doch auf ein halbes Jahr. Ich bin nicht ruinirt, aber bedrängt und verstrickt. Bei meinem Worte! dem Worte eines ehrlichen Mannes, er soll keinen Pfennig an mir verlieren.

Ich glaube kaum, erwiderte Wilkau, daß meine Verwendung etwas nützen kann.

Alfred hat mir erklärt, daß er einen letzten Termin gesetzt hat.

So ist es, in drei Tagen, am Weihnachtsabend, soll ich zahlen.

Was man nicht kann, sagte Wilkau, kann man eben nicht.

Ich muß es, wenn Gravenstein es fordert.

Du mußt? fragte der Geheimrath. Nachdem Du Deine kostbaren Vorräthe glücklich nach Hamburg geschafft hast, sollte ich meinen, eine Beschlagnahme, selbst wenn diese erfolgte, könnte Dich nicht so sehr beunruhigen.

Meine Ehre, die Ehre meines Sohnes bürgt dafür, erwiderte der Fabrikant, dessen Gesicht sich röthete.

Hat Gravenstein keine weitere Bürgschaft? fragte der Geheimrath.

Herzer hielt mühsam an sich, es kostete ihm sichtlich große Ueberwindung. — Ich glaube, sagte er, daß Herr von Gravenstein nichts Besseres haben kann, als was er besitzt. Ich werde zahlen und muß zahlen, und wenn ich Alles hergeben soll, was noch mein ist; aber ich bitte Dich dringend, mir zu helfen.

Wenn Herr von Gravenstein wirklich so hart sein sollte, selbst gegen Deine Fürsprache, fuhr er dann fort, als Wilkau schwieg, — aber nein! es ist nicht möglich — doch wenn es so wäre, nun so giebt es vielleicht noch einen andern Weg. — Daß ich betrogen worden bin von Zippelmann, hast Du früher oft mir selbst gesagt; daß er falsch geschworen hat, ist mir wenigstens so gewiß, wie die Sonne am Himmel steht. Du hast große Macht über ihn. Mein Gott! ich verlange nichts, als diese fünftausend Thaler, oder wenn es nicht anders sein kann, will ich sie als Darlehn betrachten, verzinsen, wieder bezahlen.

Er legte seine heiße Hand auf die kalten Hände des großen Mannes, und sah ihm bittend in das undurchdringliche Gesicht. — Laß Dich bewegen, Wilkau, fuhr er mit bebender Stimme fort. Es wird mir schwer, unendlich schwer, aber vergieb und vergiß, was uns trennte. Um unsrer alten Freundschaft, um Recht und Gewissens willen weise mich nicht ab.

Hat nicht Dein Sohn Felix, Deine Tochter und Du selbst, habt Ihr nicht Alle schon jede Mine springen lassen, um Zippelmann dazu zu vermögen? fragte Wilkau grollend. Dein Sohn hat ihm Wechsel vorgelegt.

Er suchte einen Vergleich zu schließen.

Aber er hat zuletzt den alten Herrn auf’s äußerste beleidigt, fuhr Wilkau fort.

Er hat ihm einen Wahrheitsspiegel vorgehalten, erwiderte Herzer.

Und wo sind die Wechsel geblieben? fragte der Geheimrath mit einem eigenthümlichen, scharfen Ausdruck, indem er dem Fabrikanten durchbohrend in’s Gesicht sah.

Eine dunkle Röthe loderte darin auf und verwandelte sich dann plötzlich in ein fahles Grau. Ich verstehe Deine Frage nicht, antwortete er mühsam.

Es war eigentlich nur damit gefragt, ob Zippelmann die Wechsel nicht von Dir angenommen, ob er sich auf nichts eingelassen hat?

Auf nichts! wiederholte Herzer vor sich niederblickend.

Eine kleine Pause entstand. Es regte sich unter der Stirn des Geheimraths ein Gedanke, der siegreich aus seinen Augen glänzte. Er betrachtete den gebeugten Mann mit stolzer Genugthuung; dann wandte er sich um, durchschritt das Zimmer, lächelte vor sich hin und kehrte zurück, indem er dicht vor Herzer stehen blieb.

Ja, so weit ist es mit Dir gekommen, sagte er. Du, so stolz und unbiegsam, auch Du hast Dich endlich bekehrt und lernst einsehen, was es heißt, das Gute und Vernünftige verachten.

Ich bitte Dich, Wilkau, ich bitte Dich, sage mir, ob Du mir helfen willst, erwiderte Herzer, mühsam athmend.

Ich will allerdings, sprach der Angeredete, aber ich kann nicht anders als unter einer Bedingung.

Welche Bedingung? Du willst — nenne sie! sagte der Fabrikant.

Du kennst meine Ueberzeugung, meine Stellung, meine Verhältnisse; Du weißt auch, wie Gravenstein denkt. Es ist Gewissenssache für uns, dem Gesinnungsgenossen zu helfen; für den Mann, der immer noch im Geruch steht, einer der thätigsten Förderer fortgesetzter Wühlereien zu sein, darf ich nichts thun.

Du meinst — stammelte Herzer und fieberhafte Röthe lief über seine Stirn.

Ich meine, sagte Wilkau, Du sollst öffentlich Dich lossagen, Dich öffentlich zu uns bekennen.

Ich verstehe, murmelte der Fabrikant; o, ich verstehe!

Entschließe Dich, fuhr der Geheimrath fort. In diesem Falle will ich Gravenstein zu bestimmen suchen, will selbst versuchen, Zippelmann zu dem Vergleiche zu bewegen. Die Wechsel, ich sage die Wechsel, sollen acceptirt werden, und wenn Alles fehlschlagen sollte, will ich selbst mich verbürgen.

Schande und Schmach über mich; sprach Herzer mit erdrückter Stimme.

Schande so wenig als Schmach ist es, rief Wilkau, da zu stehen, wo ich stehe und so viele Ehrenmänner.

Mit einer heftigen Bewegung ergriff Herzer seinen Hut. Er richtete sich stolz auf, sah den Geheimrath durchdringend an und sagte ruhig: Du hast gewußt, was ich antworten muß. Du hättest nichts Besseres ersinnen können. Ich gehe und werde Dich nie mehr belästigen.

So geh! rief Wilkau ihm nach. Ich wußte es wohl, ein Mensch, wie Du, ist unverbesserlich und wird niemals klug werden!

Es mochte um die neunte Stunde sein, als Herzer in dem großen Wohnzimmer gedankenvoll auf dem Sopha saß, den Kopf auf seinen Arm gestützt. Er sah unverwandt in die Flamme der Lampe, welche auf dem Tisch brannte, und schien nicht auf die Klänge zu hören, die aus einer dämmernden Ecke des Zimmers kamen. Seine Tochter saß dort am Flügel und ließ ihre Empfindungen zu Tönen werden, welche bald in einzelnen klagenden Accorden, bald in einer Reihe melodischer Verbindungen sich bewegten.

Lange Zeit war zwischen den beiden Personen kein Wort gewechselt worden, bis Clara nach ihrem Vater umblickte, der aufgestanden war und die Hände auf den Rücken gelegt, mit großen Schritten hin und her ging.

Sein würdiges, ernstes Gesicht war sorgenvoll und unruhig. Zuweilen schüttelte er seinen ergrauten Kopf, und hob ihn lebhaft auf, als sei er unmuthig über seine Gedanken, wenn er aber in die Nähe des jungen Mädchens kam, nickte er ihr zu und betrachtete sie mit freundlichen Blicken.

Wo ist denn Felix? fragte er endlich, als er bemerkte, daß seine Tochter ihr Spiel eingestellt hatte.

Seit Nachmittag schon ist er fort und noch nicht wieder heimgekehrt, gab sie zur Antwort. Du bist betrübt, Vater?

Nicht über Dich, mein liebes Clärchen, erwiderte er, ihr die Hand auf die Stirn legend, indem er an dem Instrument stehen blieb.

Sie sah zu ihm auf und schlang die Arme um seinen Hals. Mein armer Vater, flüsterte sie zärtlich, Du bist so gut und wahr, und doch so verfolgt vom Mißgeschick.

Das ist der Lauf der Welt, mein Kind, sagte Herzer. Kein wilderes Thier als der Mensch; kein grausameres, wenn es gilt, den Nebenmenschen zu hassen, zu höhnen und zu quälen.

Du bist bei Wilkau gewesen, fuhr sie fort. Ich habe Dich nicht gefragt. Felix hat es auch nicht gethan, wir wußten Beide, daß es ein unglücklicher Versuch war.

Vergessen wir es, rief der Fabrikant. Vergessen wir ihn, ich will alle diese Versuche aufgeben.

Und Alfred von Gravenstein hast Du auch gesprochen?

Nein, sagte Herzer, was kann es nützen. Er ist verlobt mit der eitlen leichtsinnigen Elise, er ist ihr willenloses Geschöpf.

Schmähe ihn nicht, Vater, fiel Clara lächelnd ein, dieser Gravenstein hat wenigstens doch ein menschliches Rühren gezeigt.

Ah, Felix! rief Herzer, indem er sich zur Thür umwandte, durch welche sein Sohn hereintrat, wo bist Du gewesen?

Auf der Jagd nach armen Seelen, lachte der junge Mann, oder was diesmal Eines und dasselbe ist, auf der Königsjagd.

Clara faßte ihren übermüthigen Bruder am Arm und sagte im tiefsten Tone: Sie begleiten mich auf der Stelle; Ihre verbrecherischen Aeußerungen müssen näher untersucht werden. Königsjagd! arme Seelen! Hochverrath, Aufruhr, Mord! Fort mit ihm!

Wie, mein Schwesterchen, sind das Reminiscenzen? rief Felix. Aber thue, was Du willst, ich werde mich glänzend vertheidigen. Wer kann mir Mangel an Patriotismus vorwerfen, wenn ich mir die erdenklichste Mühe gebe um fünftausend Mal das Bildniß des geliebten Landesvaters zu besitzen.

Und wenn ich nicht irre, sagte Clara, so beweist Deine übermüthige Laune, daß Du begründete Hoffnungen hast, diese patriotische Liebhaberei belohnt zu sehen.

Gott sei Dank, ja! erwiderte Felix vergnügt, indem er sich in einen Stuhl warf, es ist mir gelungen. Ich habe die Zusicherung eines achtbaren Mannes erhalten, der mein Freund und Agent für ein großes Haus ist. Er sah ein, daß unsere Lage keinesweges gefährlich sei; ich vertraute mich ihm an, erzählte ihm den ganzen Handel von Schufterei und Erbärmlichkeit und erhielt die Zusicherung, daß er auf ihn gezogene Wechsel auf vier Monate laufend, im Belang von 5000 Thalern annehmen werde.

Wir sind also glücklich aus der Klemme, fuhr er fort. Diese Papiere lassen sich leicht verkaufen, und Gravenstein soll übermorgen sein Geld haben. Ein hübscher Weihnachtsabend wird es für den jungen Herrn sein, wenn er damit der reizenden Braut alle Gelüste ihres Herzens erfüllen kann. — O! sie wird ihn mit den zärtlichsten Blicken belohnen, sie wird so geistreich und liebenswürdig sein — bah! fort damit, unterbrach er sich dann, genug wir werden von der ganzen Plage befreit werden und haben nur zu sorgen, daß wir in vier Monaten unsere Pflicht erfüllen, was so schwer nicht sein wird.

Armer Felix, sagte Clara, ganz vergessen hast Du noch nicht, was einst ein schöner Traum Deines Lebens war.

Man vergißt nie den Schmerz um Täuschungen, erwiderte er, und es ist so leicht, getäuscht zu werden. — Siehst Du, Clara, es gab eine Zeit, wo ich Elisen gläubig verehrte und beinahe so lieb hatte, wie ich Dich habe. Ohne ausgesprochene Worte war ich mir meines Glückes bewußt. Aber diese schönen Tage währten nicht lange. Auch ohne die Zerwürfnisse der Väter wäre der letzte gekommen, denn ich sah bald ein, daß ich der Rechte nicht sei. Meine Einfachheit trat ihren Wünschen und Neigungen zu grell entgegen, ich wurde mit jedem Tage unmöglicher; ich war ein formloser, roher, ungehobelter Bursch, der überall mit der Thür ins Haus fiel, und nun gar, als der Sturm losbrach und mein Bart wuchs! Er lachte auf, indem er die Fülle seines Haares zerzauste. Nein, sagte er dann, das Gleiche zum Gleichen, das ist das richtige Rechenexempel des Lebens. Der Junker paßt zum Fräulein, mögen sie glücklich sein, ich wünsche es ihnen von Herzen.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings