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Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers

Ein Jahr in Central-Amerika.

Reading edition

I. Vorwort. – Zweck der Reise. – Allgemeine Bemerkungen über Central-Amerika – Canalproject zur Verbindung des atlantischen und des stillen Oceans.

Am Bord der Brigg Rogelin, im atlantischen Ocean, Junius 1851.

Ehe ich angelangt bin in jenen Tropenländern, welche für die nächste Zukunft mein Aufenthalt sein sollen, halte ich es für angemessen, einige erläuternde Worte, sowohl in Bezug auf den Zweck meiner Reise, als in Bezug auf mich selbst vorauszuschicken.

Glückliche Zufälligkeiten hatten mich in New-York in Verbindung mit Herrn Squier gebracht, einem Mann, welcher sich bereits durch seine Verdienste um archäologische Forschungen in Nord- und Central-Amerika, so wie durch seine ehrenhafte Thätigkeit in einer Angelegenheit, die tief eingreift in die Handelsinteressen fast des ganzen Erdenrundes, einen bedeutenden Ruf erworben.

Herr Squier war mehre Jahre Gesandter der Vereinigten Staaten von Nordamerika bei den verschiedenen Republiken von Central-Amerika, und hatte während dem die beste Gelegenheit, einen großen Theil dieser Länderstriche genau zu erforschen. Das Ergebniß dieser Forschungen ist ein Werk, mit dessen Beendigung Herr Squier jetzt eben beschäftigt ist, während ich, nach getroffener Uebereinkunft mit ihm, vorausgegangen bin, um mich einstweilen mit dem tropischen Klima und der Lebensweise jener Länder vertraut zu machen, bis Herr Squier sofort nach Beendigung und Publikation jenes Werkes mir nachfolgen wird, um seine Forschungen in Gemeinschaft mit mir in den bis jetzt fast noch gar nicht bekannten Strichen Central-Amerikas fortzusetzen. Gestalten sich die Umstände diesem Unternehmen günstig, so soll dessen Resultat ein zweites Werk Squier's sein, an welchem ich mich nur in Bezug auf dessen artistische Ausstattung mit landschaftlichen Ansichten betheiligen werde.

Was nun mich betrifft und dasjenige von meinen persönlichen Reiseerlebnissen, was vielleicht vorher und ganz unabhängig von dem projektirten Werke zur Oeffentlichkeit gelangt, so nöthigt mich die tadelnde Aufnahme, welche Herrn Fröbel's Nachrichten über Central-Amerika zu Theil wurden, zu folgenden Bemerkungen.

Ich bin Künstler, und habe nur als solcher die Reise unternommen, aus Liebe zur Kunst und aus Freude an wissenschaftlichen Forschungen. Es kann nicht in meiner Absicht liegen Reiseberichte zu schreiben, welche diesen oder jenen Strich Landes in zu günstigen Farben schildern und welche vielleicht Veranlassung werden könnten, einen größeren oder kleineren Theil der Auswanderung nach irgend einem bestimmten Punkt der neuen Welt zu lenken. Der Widerspruch, den oberwähnte Berichte mehrseitig erweckt, beweist klar genug, wie überaus schwer es ist, eine feste Meinung über irgend ein Land als unbedingt maßgebend aufzustellen. Das Schicksal des Auswanderers hängt überall von zu vielen Nebenumständen ab, und durchschnittlich gehen an jedem Platze eben so viele zu Grunde, als andere wiederum den Grund zu ihrer Existenz, zu Wohlhabenheit oder gar zu Reichthum legen, wenn nicht gar der ersteren Zahl die überwiegende ist. Jedenfalls sind stets Personen genug vorhanden, welche triftigen Grund haben, Lob oder Tadel eines Landes, je nach individuellen Umständen, übertrieben zu finden.

Ich werde meine Zeit während meines Aufenthaltes in Central-Amerika wohl anderweit bedürfen, als dieselbe mit Entgegnungen von derlei Einwürfen hinzubringen, wenn überhaupt solche mir zu Gesicht kommen sollten, bemerke also im voraus, daß das, was ich etwa in dieser Beziehung zu sagen haben könnte, eben nur individuelle Ansichten und Wahrnehmungen sind, die ich unbefangen und wie sie sich meiner unmittelbaren Anschauung darstellen wiedergebe. Sollte ich wichtige Thatsachen zu berühren haben, so werde ich mich bemühen, stets die Quellen anzugeben, aus denen ich geschöpft.

Bin ich übrigens etwa irgendwo im Irrthume, soll mir's lieb sein, wenn sich Jemand findet, der es besser weiß und seine Ansicht ausspricht.

Was die etwaigen naturhistorischen und archäologischen Entdeckungen betrifft, welche während der vereinigten Expedition von Herrn Squier und mir gemacht werden sollten, so bemerke ich, daß das hier von mir zu Sagende nicht als wissenschaftliche Doctrine anzusehen ist. Dieses Feld bleibt einer geschickteren Feder überlassen als der meinigen, der meines Freundes Herrn Squier. Ich selbst sehe ab von allem und jedem System, wünsche nichts als die Eindrücke wiederzugeben, welche Natur, Menschen und Kunstwerke, als in engster Verbindung mit einander stehend, auf mich als Mensch und Künstler hervorrufen, und fühle mich hierzu veranlaßt durch die Ansicht, daß es Pflicht eines Reisenden in wenig bekannten Länderstrichen ist, seine Beobachtungen zur Kenntniß des Publikums zu bringen, um so, wenn auch nur in einem Minimum, seinen Tribut zum Schatz des menschlichen Wissens beizusteuern.

Nebenbei fühle ich mich gegenwärtig hierzu noch besonders durch den Umstand veranlaßt, daß die Schaubühne von Herrn Squier's und meinen Forschungen sich auf einem Theil des amerikanischen Continents befindet, welcher für diesen Welttheil eine ähnliche Bedeutung hat wie Aegypten und Assyrien für die alte Welt, und ich fühle mich freudig erhoben in dem Gedanken, einen wenn auch noch so kleinen Theil zur Entwicklungs- und Kunstgeschichte des Landes beizutragen, das den Fremden gastlich auf seinem Boden aufgenommen.

Weder Hr. Squier noch ich sind die ersten, welche diesen Gedanken erfaßt: der vorzüglichste Pionier der Neuzeit, im erhabenen Sinne des Worts, der große Humboldt ist es! Viele namhafte Gelehrte und Künstler haben seitdem mannichfaches Licht über jene Gegenden verbreitet, und die letzten Veröffentlichungen Herrn Squier's haben dasselbe vermehrt. Doch noch viel, sehr viel bleibt zu thun übrig, und speciell in den Staaten Nicaragua, Honduras, St. Salvador und Guatemala hemmen unendliche Schwierigkeiten die Fortschritte des wißbegierigen Sammlers. Wie weit unser Unternehmen dieselben überwinden kann, bleibt Gott anheimgestellt; mögen die Resultate indeß sein wie sie wollen, ich werde mich stets dem Schicksal dankbar verpflichtet fühlen, das mir gestattet, meine Thätigkeit mit der eines gleichgesinnten Mannes zu einer so schönen und edlen Unternehmung zu vereinigen.

Es scheint mir zuvörderst dienlich einige topographische Mittheilungen in Bezug auf den zukünftigen Schauplatz unseres Unternehmens und seine Verhältnisse zu machen, zu denen ich die Mittheilungen benutze, welche mein würdiger Freund, Hr. Squier, bereits früher dem amerikanischen Publikum übergeben.

Geographisch ist Nicaragua der größte und bedeutendste Theil von Central-Amerika. Es dehnt sich aus von einem Ocean zum andern, und umfaßt in seinen Gränzen die großen Seen von Nicaragua und Managua, durch welche, wie jetzt einstimmig festgestellt ist, die einzig mögliche Linie für einen Schifffahrtscanal über diesen Theil des amerikanischen Continents (Isthmus) führt. Die Nordgränze ist eine unregelmäßige Linie vom Golf di Fonseca am stillen Ocean zum Cap Gracias a Dios am atlantischen, die Südgränze hingegen eine gerade Linie von der Spitze des Golfs von Nicoga zu einem Punkt inmitten der Mündung des San Juan und dem Hafen von Matina in Costarica am atlantischen Ocean.

Der Grund und Boden hat ein mannichfaltiges Aeußere und eine unbegränzte Fruchtbarkeit. Das große Becken der Seen besteht aus Ebenen und sanft ansteigendem Hügelland, abwechselnd begränzt und unterbrochen durch hohe steile Vulcane, und bietet alle Produkte der Tropenländer im reichsten Maße dar. Die nördlichen Departements Segovia und Choutales sind höher gelegen, gebirgiger, besitzen einen Ueberfluß an Metallen und bringen eine Menge Früchte der gemäßigten Zone hervor; die Temperatur ist vergleichsweise kühl und frisch.

Die atlantische oder, wie sie zumeist genannt wird, Mosquito-Küste ist im ganzen flach, der fast das ganze Jahr sich ergießende Regen höchst beschwerlich, die Atmosphäre drückend heiß und weniger zuträglich als in andern Theilen des Staates. Die ziemlich dünne Bevölkerung besteht aus Indianern vom Stamm der Charibs, entlaufenen Negern von den westindischen Inseln und einer Mischlingsrace zwischen beiden. Der größte Theil der Bevölkerung von Nicaragua jedoch bewohnt den Abhang gegen den stillen Ocean hin. Hier ist der Boden nicht nur überaus fruchtbar und leicht zu bearbeiten, sondern auch das Klima unendlich gesünder und angenehmer. Es giebt hier nur zwei Jahreszeiten: die Regenzeit, von Mitte Mai's bis Mitte Novembers, und die trockene, während welcher sehr selten Regen fällt. Die Temperatur ist ziemlich gleichmäßig, etwa zwischen 70 und 82° Fahrenheit, und schwerlich dürfte sich eines der Tropenländer eines angenehmeren Klima's, einer günstigeren Lage zu erfreuen haben.

Der Staat Nicaragua ist in fünf Departements eingetheilt und hat, trotz seiner großen Ausdehnung, eine Bevölkerung von nur 250,000 Einwohnern, die jedoch hauptsächlich die Städte bewohnen. Die Hauptstadt und der Sitz der Regierung ist Leon, mit 25 bis 30,000 Seelen; die zweite Masaya, eine fast durchaus indianische Stadt, bemerkenswerth durch ihre Manufacturen, die dritte Granada, am See von Nicaragua, durch welche ein großer Theil des Verkehrs des Landes über den See und den Fluß St. Juan geht, mit 12 bis 14,000 Einwohnern. Außerdem sind Managua, Sitz der gesetzgebenden Versammlung, und Rivas schon ziemlich bedeutende Plätze.

Der nichtindianische Theil der Bevölkerung stammt von den ersten spanischen Eroberern her, und ist an Sitte und Charakter seinem Stammblut ziemlich treu geblieben. Ein näheres Eingehen hierauf behalte ich mir noch einer persönlichen Bekanntschaft mit den edlen Dons und Sennores vor.

Der bedeutendste Hafen am stillen Ocean ist der von Realejo, zwischen welchem und St. Francisco sich bereits ein lebhafter Verkehr entwickelt. Zweifelsohne wird Central-Amerika binnen Kurzem für Californien und das Oregon-Gebiet was die westindischen Inseln für die Union waren. Zucker, Tabak, Reis, Cacao, Baumwolle, Indigo, Mais und fast alle tropischen Früchte sind in Nicaragua in bester Art wie im größten Ueberfluß zu finden, und bieten Millionen fleißiger Menschen noch reichliche Quellen des Lebensunterhaltes dar. Eine ungeheure Anzahl von Hornvieh ist vorhanden, und Häute, Indigo, Kaffee und kostbare Nutzhölzer bilden den Haupt-Export.

Die Verfassung von Nicaragua ist entschieden liberal, und die freundschaftlichsten Gesinnungen für die Vereinigten Staaten überall und durch alle Classen der Bevölkerung vorherrschend; überall sprechen sich Güte und Gastfreundlichkeit aus. Die Regierung besteht aus einem obersten Director, alljährlich wählbar, einem Haus der Repräsentanten und einem Senat, letzterer für zwei Jahre, ersteres für ein Jahr wählbar. Die ersten Staatsbeamten in San Salvador und Honduras sind Präsidenten benannt.

Seit der Eroberung von Californien ist der Plan für Eröffnung einer directen Canalverbindung zwischen dem atlantischen und stillen Ocean, über San Juan und den See von Nicaragua, nicht nur erneuert worden, sondern man hat sich auch ernstlich mit seiner praktischen Ausführbarkeit beschäftigt; eine große Menge Contracte sind bereits darüber aufgesetzt worden, leider aber noch keine Resultate erfolgt.

General Taylor war sofort nach seiner Präsidentenwahl auf das Lebhafteste mit diesem wichtigen Unternehmen beschäftigt, und eine der ersten Handlungen seiner Verwaltungsperiode war die Absendung einer Spezial-Gesandtschaft in der Person des Hrn. Squier nach Nicaragua, mit Vollmacht in Unterhandlung mit diesem Staat zu treten. Eine Compagnie bildete sich in New-York unter dem Namen: The American Antlantic and Pacific Canal Company im August 1849, und im folgenden September unterzeichneten Hr. Squier und die Bevollmächtigten von Nicaragua den (am 27. d. M. auch von der Regierung dieses Staates ratificirten) Vertrag, welcher die Neutralität dieses Canals, freien Durchgang jedes amerikanischen Bürgers und seines Eigenthums durch denselben für ewige Zeiten garantirt, ingleichen die unbeschränkte Freiheit aller Häfen des Landes, und selbige Bestimmungen sollten auf alle Nationen, welche später dem Vertrag beitreten wollten, ausgedehnt werden.

Dieser Vertrag wurde vom General Taylor geprüft und dem Senat der Vereinigten Staaten zur Ratificirung übersendet; es ist jedoch bis jetzt nichts weiter in dieser Sache gethan worden. Ebenso erfolglos ist ein später zwischen Hrn. Clayton, Staatssecretär der Vereinigten Staaten, und Sir Henry Bulwer, Gesandten Ihrer großbritannischen Majestät, entworfener Vertrag zum Zweck der Zusicherung gegenseitigen Schutzes beider Nationen für jeden Communicationsweg, welcher je über diesen Continent eröffnet werden wird, geblieben, und hier mag wohl das Haupthinderniß in den Territorial-Ansprüchen liegen, welche England unter dem Namen eines Protectorats auf das Reich des ziemlich imaginären Mosquito-Königs, und mithin auf die in dessen Gränzen gelegenen Mündung des San Juan, erhebt.

Was nun aber die Hauptsache, d. h. den projectirten Canal selbst betrifft, so würde nach der Schätzung des Hn. Squier, laut officiellem Bericht an das Staatsdepartement, die ganze Länge der vorgeschlagenen Wasserlinie betragen:

a) Länge des San Juan-River 90 Miles,

b) Länge des zu passirenden Theils des Sees von Nicaragua 110 "

c) Länge des Tipitapa-River 18 "

d) Länge des Sees von Managua 50 "

e) Vom See nach Realejo 45 "

313 Miles,

oder nach Wegfall der 160 Miles sub b und d – 153 Miles eigentlicher Fluß- und Canalfahrt. Aber auch von dieser Summe würden noch 25 Miles wegfallen, wenn man die Canalmündung nach Tamarinda verlegte. Einige andere Projecte lasse ich unerwähnt.

Schon vor dem Jahr 1838 hatte Herr Bailey, englischer Officier in Halbsold, im Auftrag der central-amerikanischen Regierung einen ähnlichen Plan ausgearbeitet, und dessen Kosten auf 20 bis 25 Millionen Dollars veranschlagt – eine Summe, welche, der Wichtigkeit und Großartigkeit dieses Unternehmens gegenüber, nur gering erscheint, und deren Aufbringen, wenn nur erst obige Hindernisse beseitigt wären, gewiß keine so große Mühe erheischen würde. Geschieht dies aber, so verwirklichen sich nach drei und einem halben Jahrhundert die Plane, welche unausgesetzt den Geist eines der größten Männer seines Jahrhunderts, Christoph Columbus, beschäftigen, deren Ausführung sein Leben geweiht war, und an deren Verwirklichung er noch in seinen letzten Jahren gearbeitet.

II. Abreise von New-York. – Die Brig Rogelin. – Ansicht von Haiti. – Eintritt in die Wendekreise. – Unbewohnte Insel. – Mosquitoküste. – San Juan di Nicaragua. – Deutsches Gasthaus. – Lebensweise.

San Juan de Nicaragua, 19. Jun. 1851.

Am 28. Mai 1851 früh 9 Uhr lichtete die Brig Rogelin die Anker, und mit einer leichten Südsüdwest-Brise glitten wir den Hudson hinab über die Bay von New-York. Das Land, das bei seinem ersten Anblick solch angenehmen Eindruck auf mich gemacht, dünkte mir jetzt, beim Scheiden auf unbestimmte Zeit, noch einmal so lieblich. Die freundlichen Ufer von New-Jersey, der Castle-Garden, dessen Bäume sich eben mit dem frischen Frühjahrsgrün geschmückt hatten, Staten-Island mit seinen reizenden Landhäusern, wo ich noch den letzten Tag in Gesellschaft von Freund Schmidt und seiner lieben Familie verlebt – alles schien mir ein freundliches Lebewohl zuzurufen, und als das schöne Glockenspiel von Trinity-Church aus der Ferne herüber klang in wohlbekannter Weise, war mir's als ob »der Freund des Freundes Hand noch wärmer drückt, wenn er sie lassen soll.«

Unsere Brig war just nicht größer als nöthig um auf der See nicht zu sehr beengt zu sein; Passagiere waren außer mir nur einer, Hr. D., welcher nach Segovia zurückkehrte, wo er mit einem Compagnon eine Silbermine betreibt, unser Capitain, ein gemüthlicher Neu-Engländer, beides Leute mit denen es sich gut einige Wochen aushalten ließ, mithin keine schlimmen Aussichten. Das einzige Ungemach das ich zu leiden hatte, war eine sehr kurze bewegte See, die mich während 36 Stunden recht unangenehm seekrank machte, nachdem ich aber recht weidlich H. Ulrich um Hülfe angeschrieen, kehrte mein Wohlbefinden zurück, und hat mich bis zur Landung nicht verlassen.

Am 1. Junius durchschnitten wir den Golfstrom mit Nordost, und befanden uns schon am 4. südlich vom Cap Henry, doch hielten uns von da widrige Winde und Windstille auf bis zum 11. Morgens, wo uns ein heftiger Südost-Sturm bei Turks-Island, bekannt durch seine Salzfabrication, in den Handkerchief-Paß der westindischen Inseln trieb. Um Mitternacht war östlich abermals Land sichtbar, und bei Sonnenaufgang waren wir in Sicht der Nordwestspitze von Haiti – eine Ansicht von langgestreckten Berglinien, unterbrochen von einigen Spitzen, ähnlich den Bergen am Lake Champlain und in Böhmen. So weit durch das Glas erkennbar, waren die Berge mit kurzem Gesträuch bedeckt, hie und da Gruppen von großen Bäumen, stellenweise felsiges Gestein, am Fuß der Berge ein langer flacher Landstrich, theils Sand, theils mit Gebüsch bedeckt, bewohnte Plätze nirgend sichtbar.

Am 12. Jun. waren wir westlich vom Cap Donna Maria, welches mit hohen schönen Gebirgen bedeckt ist, deren höchste Spitze, gegen 6000 Fuß, ganz in Gewitter eingehüllt war.

Mit dem Eintritt in die Wendekreise eröffnet sich dem beobachtenden Freund der Natur eine neue Welt. Die bekannten Sternbilder des heimathlichen nordischen Himmels verschwinden allgemach, und neue fremde Sterne strahlen herab aus dem tiefblauen Aether. Die senkrecht herabfallenden Sonnenstrahlen brennen heiß auf den Scheitel, während der Schatten des Haupthaares sich auf den Füßen zeichnet, und die so beleuchteten Gegenstände mit ihren scharfen Reflexen ein seltsames fremdartiges Ansehen erhalten. Das Meer bedeckt sich des Morgens und Abends mit einem schweren Dunst, und die Sonne sinkt als ein dunkelglühender Feuerball hinab. Fremdartig gestaltete Seevögel lugen neugierig nach dem einsamen Segler, und lassen sich oft auf den Raaen des Schiffes nieder. Schlafende Riesenschildkröten sonnen sich träg in der Mittagshitze, bis Schaaren fliegender Fische, verfolgt von ihrem grimmen Feind, dem Delphin, sich mit großem Geräusch über das Wasser erheben und bald wieder in dasselbe zurückfallen, während des Menschen Feind, der gefräßige Hai, dem Lauf des Schiffes folgt, sein Opfer zu erspähen. Die dunstige Atmosphäre giebt den fernen Gebirgen eine zarte violettgraue Farbe, ist aber auch Ursache, daß diese Küstenstriche fieberisch und ungesund sind.

Ich hatte hier wiederum Gelegenheit zu bedauern, daß mir noch so vieles Wissen mangelt. Eine genauere Kenntniß der Astronomie würde mich in den Stand gesetzt haben in den schönen klaren Nächten nützliche Beobachtungen zu machen, und alles was ich thun konnte war, die astronomischen Berechnungen der Längen- und Breitengrade mitzumachen.

Südwestlich von Haiti liegt eine kleine unbewohnte Insel, ungefähr zwei Miles im Durchmesser. Windstille die uns in unmittelbarer Nähe davon überfiel, machte eine Landung auf einer Düne an der Westseite der Insel möglich; der andere Theil besteht aus Felsen, ungefähr in der Höhe von 100 bis 120 Fuß, bedeckt mit kurzem Gestrüpp. Möven, Seeraben, Boobees, Seeschwalben und Strandläufer verdunkeln die Luft und erfüllen sie mit ihrem Geschrei. Die Menge dieser Vögel ist annähernd nur mit den ungeheuern Taubenzügen zu vergleichen, welche im Herbst die canadischen Seen kreuzen, und sie umschwärmen den Menschen, dessen fremdartige Erscheinung ihnen nicht Furcht, sondern Neugierde einflößt, gleich Mückenschwärmen. Ich beabsichtigte einige Specimen zu schießen, fand dies aber unnöthig, da unsere Matrosen die Vögel mit Knüppeln und Steinen aus der Luft herabwarfen, und ich selbst einen lebendig mit meinem Schnupftuch und darein gebundenen Stein fing. Der Boden besteht aus Sand und rundlichen Kieseln, zwischen denen spärliche Gräser sproßten, stellenweise deckte aber eine dicke Kruste der Excremente der Vögel den Boden. Das Wasser wimmelt buchstäblich von Fischen.

Leider war es nicht möglich den felsigen Theil der Insel zu untersuchen, denn ein schnell heraufziehendes Gewitter machte unsere schleunige Rückkehr nöthig, und in der That hatten wir auch nur Zeit das Schiff zu erreichen, als der losbrechende Sturm und die hohl gehende See es schon für unser Boot unmöglich machten länger See zu halten. Die eingesammelten Eier, sowie einige frische Fische mundeten uns köstlich. Der Sturm, welcher unsere Untersuchung so unangenehm unterbrochen hatte, förderte unsere Reise trefflich, so daß wir schon am 14. Morgens weit südwestlich von Jamaica waren.

Von jetzt an war unsere Reise wiederum unausgesetzt von Stürmen begleitet, und ich lernte hier zuerst die Macht eines tropischen Gewitters kennen. Oft scheint der ganze Horizont in Feuer zu stehen, und der Donner kracht, als ob hundert Kanonen zugleich abgefeuert würden. Dazu peitscht ein mächtiger Wind die Wogen, daß sich die Masten, trotz der wenigen Leinwand, gleich dünnen Gerten biegen, und eine neue Sündfluth scheint alles Lebendige von der Welt wegwaschen zu wollen. Wegen der großen Nähe der Küste und der vielen kleinen Inseln und Riffe war unsere Lage nicht ganz gefahrlos, doch stieß uns kein weiterer Unglücksfall zu, als daß durch das von der großen Hitze leck gewordene Deck eine Menge Wasser hereinströmte, das uns unsere Cojen und einen Theil unseres Gepäcks jämmerlich durchweichte. Mir ward durch diesen Umstand ein unangenehmer Verlust verursacht, da mehrere für das Daguerreotyp nöthige Chemikalien mir verdarben – ein Verlust den ich jedoch dadurch auszugleichen hoffe, daß ich umgehend Nachricht an Hrn. Squier sende, der, augenblicklich noch durch Geschäfte in New-York zurückgehalten, in der Mitte nächsten Monats gleichfalls hieher abreisen wird.

Die kleinen Inseln, welche wir passirten, gewährten einen überaus lieblichen Anblick, so z. B. Little und Great Corn Island, mit in frischem Grün prangenden Hügeln und kleinen Gehölzen mit Cocospalmen durchstreut. Endlich am 18. Morgens zeigte sich die ersehnte Küste unsern Augen. Langgedehntes Hügelland, nach der See das Ufer ganz flach, überall jedoch in der üppigsten Vegetation prangend. Eine kleine Pirogue aus Mahogany mit zwei Indianern bemannt, brachte einen Piloten an Bord, und wir liefen in der Rhede ein als just der Steamer Mexico dieselbe verließ. Ich mußte lächeln als auf unsere aufgehißten Sterne und Streifen von der Küste die Flagge des imaginären Mosquitoreiches uns Antwort gab, blau und weißgestreift, in der Ecke ein rothes Doppelkreuz auf weißem Grunde. Bald brachte uns ein Boot, gleichfalls unter der Mosquitoflagge, den Hafencapitain und den Hafenarzt an Bord, und als nach wenigen Minuten uns beide verließen, machte ich von ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch und benutzte das Boot, um an Land zu gehen.

San Juan de Nicaragua oder Greytown, wie es die Engländer in der Neuzeit getauft haben, ist eine abenteuerlich aussehende Niederlassung von 4 bis 500 Einwohnern, von denen drei Fünftel Indianer oder Neger sind. Es liegt an der Mündung des St. Juan Flusses an einem ungesunden Platz, und ist ringsum von undurchdringlichem Wald eingeschlossen, von dem eben nicht mehr niedergehauen ist als nöthig um den jämmerlichen Schilfhütten, an die sich in der Neuzeit einige Bretterhäuser der neueren Ansiedler angeschlossen, Raum zu schaffen. Die Einwohner leben lediglich vom Umsatz der importirten Produkte gegen die Roherzeugnisse des Binnenlandes. Cultur ist gar keine da; Korn, Kartoffeln etc. beziehen sie von oberhalb der Seen oder von Bluefield, 30 bis 40 Miles weiter hin an der Küste; einige Pferde, weniges Vieh und einige Bungos (Flußboote) bilden den ganzen Reichthum. In der ziemlich geräumigen Bay liegt ein englischer Kriegsschooner vor Anker, und in einer Baracke zunächst der des Königs der Mosquitos, die zugleich Posthaus und Gouvernementshaus ist, eine Besatzung von 15 bis 20 blaubejackten Negersoldaten.

Ich nahm ein kleines Zimmer in einem neuerbauten Gasthaus des Hn. Wiener für 1½ Doll. täglich, und vertreibe mir nun, bis ich meinen Bungo bekommen kann um den Fluß hinaufzureisen, nach besten Kräften die Zeit mit Zeichnen, Sammeln von Pflanzen, Vogelbälgen und Reptilien und der Alligatorjagd, damit ich die Rückfahrt unseres Schiffes nach New-York benützen kann, um eine kleine Sendung gleich von hier zurückzuschicken. Hoffentlich wird mein Aufenthalt möglichst kurz sein, denn einestheils wünsche ich aus diesem Land des Fiebers hinwegzukommen, anderntheils brenne ich vor Begierde mich recht gründlich mit dem Studium der tropischen Natur, von der die Küste nur einen schwachen Abglanz bietet, in Granada zu beschäftigen, wo ich einen angenehmeren Aufenthalt habe, und Herrn Squiers Ankunft abwarten werde. Der amerikanische Steamer Prometheus, der in diesen Tagen ankommen muß, mag diesen Brief, den ersten aus so großer Entfernung, mitnehmen, der nächste wird aus Granada datirt sein, und euch Näheres über meine Flußreise berichten, die jedenfalls sehr beschwerlich sein und 9 bis 10 Tage dauern wird. Mein Befinden ist bis jetzt außerordentlich gut, und soll's, so Gott will, bleiben, da ich eine sehr strenge Diät beobachte, auch in Hinsicht der Strapazen, sowie in Bezug auf das Aussetzen der Sonnenhitze die Regeln der Vorsicht befolge.

III. Vorbereitungen zur Flußfahrt. – Das Bungo. – Abreise von San Juan. – San-Juan-River. – Clima. – Fruchtbarkeit. – Die Machuca-Rapids. – Verunglückte Tigerjagd. – Unwetter. –Aerztliche Hülfe. – Castillo Viego. – Prophezeihung. – Der Wundarzt wider Willen. – San Carlos. – Douane. – See von Granada. – Ankunft in Granada. – Gastfreundlichkeit. – Jahresfeier des 4. Juli.

Granada de Nicaragua, 6. Juli 1851.

Ich habe euch, meine Lieben, jetzt schon über 14 Tage in St. Juan, wo ich am Schluß meines letzten Briefes von euch Abschied nahm, sitzen lassen, und erlöse euch jetzt mit um so größerem Vergnügen, als der dortige Aufenthalt keineswegs ein angenehmer war.

St. Juan liegt an der Mosquitoküste im wahren Sinne des Worts, urtheilt darnach. Gegenüber der Mündung des San Juan und einer ziemlich guten und geräumigen Rhede, von der indeß ein Theil versandet, streckt sich eine Reihe jämmerlicher Rohrhütten hin, mit den früher erwähnten Bretterhäusern neueingewanderter Handelsleute dazwischen. Mit Ausnahme eines kaum einen Büchsenschuß breiten Sandstriches an der Küste, ist dem Urwald kaum so viel Raum abgewonnen als für die Häuser nöthig; daher giebt es keine mannichfachen Spaziergänge, da der ringsum dicht verwachsene Wald keinen andern Pfad erlaubt als den man sich selbst mit der Macheta (Messer) durch die Schlingpflanzen haut. Hinter dem Ort liegen einige kleine Teiche (lagunas), welche am obern Ende leicht mit dem Fluß, am untern mit der See eine gute Abkürzung der Canallinie bilden könnten, da sie hinreichende Wassertiefe besitzen sollen.

Wie ich bereits erwähnt, nahmen mich Capitain F., der Hafencommandant, und Capitain J., Commandant des Schooners, mit ächt britischer Gastfreundschaft auf, die mir die wenigen angenehmen Stunden bereitete, die man überhaupt in diesem Ort verleben kann. Da die amtliche Stellung dieser Herren mich nicht direct berührte, war mir's um so mehr vergönnt, mich ihrer gastfreundlichen Güte zu erfreuen. Capitain J. holte mich mehrfach mit seinem Gig ab, um in der Bay und auf dem Fluß Alligatoren zu jagen, und neben mehreren kleinen hatten wir eines Tages das Glück einen großen alten Burschen von 16½ Fuß zu erlegen, den ich im Sand vergrub, um bei der Heimkehr das Gerippe mitzunehmen.

Da keine einzelne Passage nach Granada zu bekommen war, so benutzte ich das Anerbieten des Herrn Ligaud, eines bei St. Juan ansässigen Franzosen, und miethete im Verein mit meinem früheren Reisegefährten ein ganzes Bungo (Flußboot) zum Preis von 100 Dollars, das wir mit Fracht beluden, und bestiegen mit noch zwei Amerikanern aus Granada als Passagiere das Boot. Ein solches Bungo ist von ziemlich roher Construction, oft großentheils aus einem einzigen Stamm gehöhlt, größere jedoch aus Planken gefügt, doch wegen der schwer zu passirenden Stromschnellen ziemlich fest gebaut. Der unsrige war ungefähr 50 bis 55 Fuß lang, bemannt mit 9 Bootsleuten und dem Patron. Letzterer steht auf einer Art kleinen Quarterdecks, und hält in reitender Stellung das Steuer zwischen den Füßen, da in den Stromschnellen das Boot mit Hülfe langer Stangen regiert wird. Die Bootsleute führen Ruder von etwa 15 Fuß Länge, stehen bei jedem Schlag auf und hängen sich rückwärts gelehnt mit der ganzen Schwere des Körpers an das Ruder, wobei sie jedesmal mit dem Sitztheil derb auf den Rudersitz aufstoßen. Die Passagiere befinden sich unter einem kleinen Dach im Hintertheil des Bootes, und liegen auf ihren Koffern, da der Raum unter den Ruderbänken für Frachtgüter benutzt wird. Da wir im Boot querüber liegen mußten, hatten wir viel Ungemach auszustehen, besonders ich, da das Boot nur 5 Fuß breit, ich aber thatsächlich 6 Fuß lang bin.

Am 23. Junius stießen wir vom Ufer und kreuzten die Bay nach der Flußmündung hin. Die schweren Regenwolken hatten sich etwas zertheilt, und die glühende tropische Sonne beleuchtete mit ihren letzten Strahlen den ersten Schritt meiner Reise ins Innere. Unsere Freunde winkten uns vom Ufer ein Lebewohl, und als das Kriegsschiff den Abendschuß abfeuerte, antworteten wir durch eine Salve unserer Feuerwaffen (Flinten und Pistolen waren Alles in Allem nicht mehr als 34 Läufe an Bord). Nur eine kurze Strecke fuhren wir den Fluß hinauf, dann nöthigte uns die, in den Tropen sofort nach Sonnenuntergang hereinbrechende Dunkelheit Anker zu werfen.

Die Hitze trieb mich aus der kleinen Cajüte, und ich lagerte auf dem Dach, während die Bootsleute, jeder auf seinem Rudersitz, in die Decke gewickelt schliefen. Die Nacht war hell, und mein Auge schweifte in den unbekannten neuen Sternbildern umher, bis es auf dem südlichen Kreuz, dem einzigen traditionell bekannten Sternbild, haften blieb; die Gedanken aber schweiften weit hinüber in die deutsche Heimath, an der, obschon getrennt von ihr, mein Herz mit warmer Liebe und dankbarer Rückerinnerung frohverlebter Jugendjahre hängt. Ich entschlief erst spät, doch trieben mich schon früh Moskitos und Thau, der mich trotz meiner Regendecke ganz durchnäßt hatte, auf, noch ehe die Indianer ihre Morgengebete für glückliche Reise sagen.

Giftige Nebel machen die Flußreise gefährlich, und sind Ursache, daß die Flußmündungen Fieber und Tod aushauchen. Die Ufer sind mit dichten, ewig feuchten Waldungen bedeckt, die von gefährlichem Gewürm angefüllt sind, und des Nachts tönt das klägliche Geheul des Schakals, zu dem oft das Gebrüll des Jaguars kommt, widerlich ins Ohr. Im Fluß lauert der grimme Kaiman, versteckt im Wasser oder hohem Gras auf seine Beute, und manch argloses Thier, Trank oder Kühlung suchend, wird vom Schlag seines Schuppenschwanzes niedergestreckt, während in der Höhe der Bäume selbst die Boa Constrictor manchen possierlichen Affen überfällt, oder einen brütenden Vogel in der Vertheidigung seines Nestes würgt. Die Vegetation ist so überaus üppig, daß nur an wenigen Stellen des Ufers eine Landung möglich ist; deshalb pflegt man nur einmal des Tages zu kochen, was wegen des feuchten Holzes zwei Stunden Aufenthalt verursacht. Bei jedem Schritt versperrt dichtes Gesträuch und Lianen den Weg, den man oft genug sich mühsam durchhauen muß. Der Boden jedoch ist von der fruchtbarsten Beschaffenheit, und wird, hat sich erst die Cultur Bahn gebrochen, die ergiebigsten Ernten liefern. Nur wird das Loos der ersten Ansiedler ein hartes sein, da der Nordländer das Klima erst gewohnt werden muß.

Zu trinken hatten wir nichts als das schmutzige warme Flußwasser. Die während des Tages außerordentliche große Hitze veranlaßt oft Alles über Bord zu gehen, um sich so viel als möglich im Bad zu erfrischen, und die nackten Zambos (Mischling von Indianer und Neger, ein schöner und starker Menschenschlag) springen oft ganz vom Schweiß triefend ins Wasser, ohne üble Folgen zu spüren.

Wir ankerten an der Mündung des Colorado, eines Arms des San Juan, der südlich entweicht, und hier dürfte ein Damm für den Canal nöthig werden, um durch die große Wassermasse, die hier verloren geht, die hinderlichen Triebsandbänke zu entfernen. Hier ist eine der schönsten Flußstellen: Bäume von 150 Fuß in den schönsten Formen decken die Ufer, gekleidet in saftiges Grün, geschmückt mit gelben, violetten und rothen Blüthen. Riesenhafte Schlingpflanzen, oft von der Dicke eines jungen Baumstammes, winden sich in die höchsten Gipfel, von wo sie sich wieder bis zum Wasserspiegel herabsenken; Schwärme buntgefiederter Papageien durchkreuzen die Luft nach allen Richtungen, während Massen der verschiedenartigsten Reiher (ich zählte deren dreizehn Gattungen) und mannichfache Specimen von Affen vorkommen, und von Insecten eine wahre Fülle vorhanden ist. Da es mir an Schrot fehlte, zerschnitt ich mit vieler Mühe einige Pistolenkugeln und tödtete mehrere Vögel, deren Bälge ich aufbewahrte. Gar zu gern würde ich mehr sammeln, da aber die Transportmittel sehr schwierig und mithin theuer sind, habe ich keine Hoffnung diese wissenschaftlichen Schätze mit mir nehmen zu können.

Den 26. passirten wir den Serapique-River, am 27. den San Carlos-River, beide von Süden kommend und sich mit dem San Juan verbindend. An letzteren werden die ersten Berge sichtbar, und die Moskitos waren weniger häufig, mir sehr angenehm, da ich kaum mehr einen Finger bewegen konnte, so geschwollen und zerstochen war ich. Mehrere Arten wilder Enten kamen vor, bis zur Größe einer Gans, und ich sah hier zum erstenmal Enten auf Bäume fliegen. Wir verspeisten einige, welche das große Blei meiner Büchse zu sehr zerrissen, und fanden sie höchst schmackhaft, weniger jedoch die Affen, die wir auch kosteten, jedoch den Bootsleuten überließen, zu ihrer großen Freude, da die Nahrung dieser armen Leute lediglich aus Reis und Bananen besteht. Schwalben, gelbe sowohl als ganz kleine graue, überaus niedliche, große rothe Arras (Lappes) mit blauem Schweif und Flügeln waren gleichfalls sehr häufig. Ich tödtete einen Congo (Brüllaffen) von der Dimension eines Hundes mittlerer Größe, der ein sehr lautes brüllendes Geschrei erhob, derselbe ward jedoch von den Indianern als nicht eßbar bezeichnet; sie ziehen den großen rothen langgeschwänzten Affen (Migo) vor.

Am 28. brachen wir ungewöhnlich früh auf, um die Machuca-Rapids zu passiren, aus Stromschnellen von drei Miles Länge bestehend, sehr beschwerlich und sogar gefährlich, da das Wasser sehr starken Fall hat und über große Felsstücke geht. Zwei Boote, welche uns folgten, vereinigten sich mit uns, eines der Boote nach dem andern herüber zu bringen, wozu immer 20 bis 25 Mann nöthig waren, und womit wir erst am Abend zu Stande kamen, so daß wir an diesem Tage nicht über vier Miles zurücklegten.

Während die Boote über die Fälle gebracht wurden, ging ich ans Ufer einen wilden Truthahn zu schießen; als ich in kurzer Entfernung auf einen großen Puma (Tiger) stieß, der, niedergekauert liegend, feindselig knurrte und mir mit seinen grünglänzenden Augen Liebesblicke zuwarf. Obschon man sagt, daß der centralamerikanische Tiger in der Regel Menschen nicht angreift, so wußte ich doch nicht, wann gegenwärtiger zuletzt gefrühstückt hatte, und schnell riß ich die Büchse an den Backen. Doch die Begierde, das schöne Fell zu erlangen, ließ mich zu unbedachtsam feuern, und meine Kugel zerschmetterte ihm das linke Schulterblatt. Heulend warf sich die Bestie ins Gebüsch, und ich, ein Pistol ziehend, rasch hinterdrein. Auf dem schlüpfrigen Boden strauchelnd, blieb ich mit dem Fuß in einer Liane hängen, und zu Boden stürzend entlud sich mein Pistol, während mein werthes Ich sich im Koth der jungfräulichen Wälder abdrückte. Weitere Verfolgung erwies sich als nutzlos, und ich kehrte zum Boot zurück, da dumpf rollender Donner einen Hurican verkündigte.

Kaum angelangt, brach das Wetter los, und heftige Donnerschläge, wie der Schall vieler Kanonen, schienen die Grundvesten der Erde erschüttern zu wollen, während alle Schleußen des Himmels ihre Wasserströme auf uns herabsendeten. Ein zufällig auf dem Deck stehender Blech-Eimer diente mir als Regenmesser, und zeigte in einer Viertelstunde 14 Zoll Wasser. Wir waren gerad an einer schwierigen Stelle der Fälle, und 20 Mann mußten ins Wasser das Boot weiter zu bringen, während der Rest der Mannschaft vom Boote aus mit langen Stangen nachhalf. Ein Blitz, der kurz vor dem Boot einen ungeheuern Baum zusammenschlug, vollendete die Verwirrung, die anfing gefährlich zu werden, da Alles durcheinander schrie und lärmte. Der Patron betete zu St. Antonio, die Amerikaner fluchten und suchten die Indianer mit gezogenem Pistol oder Knüppel zu neuen Anstrengungen anzutreiben, und ich brauchte das wenige Spanisch, das ich weiß, und schrie: Agua ardiente! Agua ardiente! (Schnaps), welches Alles zusammen denn auch seine Wirkung that, gleichviel nun, ob St. Antonio, die Prügel oder der versprochene Schnaps, den ich von dem für die Insecten und Reptilien mitgenommenen Alkohol austheilte, geholfen hatte.

Ich muß bemerken, daß St. Antonio, welcher für die Machuca-Rapids eine besondere Gültigkeit haben soll, jedenfalls ein unangenehmes Amt bekleidet. Ich wenigstens würde die Patronschaft ablehnen, müßte ich den ganzen Tag Boote über diese verwünschten Stromschnellen bringen.

Im letzten Rapid liegt das Wrack eines amerikanischen Dampfbootes, das, für die See bestimmt, jetzt durch ein anderes ersetzt worden ist. (Dieser Steamer war wahrscheinlich dem St. Antonio, der nur das Bungo gewöhnt ist, zu schwer, deshalb ließ er ihn sitzen.)

In der folgenden Nacht hatten wir arg zu leiden von dem vielen Regenwasser, das, in das Boot gedrungen, die Häute, mit denen die Waaren bedeckt, aufgeweicht hatte, was einen pestilenzialischen Geruch verursachte. Ueber die Cajüte hatte ich eine große Gummidecke gebreitet, die als Frachtstück mitging und uns selbst wenigstens trocken hielt.

Wir sahen hier Herrn Cropsey, Ingenieur des Canals, welcher ein auf ein Boot befestigtes Haus bewohnt und längs des Flusses die vorbereitenden Arbeiten leitet. Er war sehr erfreut in der Bootsladung für ihn bestimmtes Fleisch, Mehl, Branntwein und Kaffee zu finden, denn in einer Länge von 90 Miles ist gar nichts zu bekommen, da der ganze Fluß unbewohnt ist.

Einer der Passagiere ward heftig vom Fieber geschüttelt, alle waren unwohl, doch brachten einige meiner mitgenommenen Aloepillen eine erwünschte Aenderung bei Allen hervor, mit Ausnahme des Fieberkranken, der durch einen am Morgen hinzugetretenen Schlaganfall sich sehr übel befand. Doctor Gescheidt's Geschenk, eine Lanzette, leistete mir beim Aderlaß, den ich an ihm vornahm, gute Dienste, und er befand sich bald besser darauf.

Bis zu den Rapids Castello Viejo ist stilles Wasser von gehöriger Tiefe, ebenso oberhalb derselben bis zum See, so daß die größten Mississippi-Boote bequem gehen können, nur werden die Rapids ziemlich bedeutende Schleußenbauten erfordern. Im ganzen Fluß ist jedoch kein größeres Hinderniß als solche, die im St. Lawrence-Fluß schon mit großer Leichtigkeit überwunden worden sind, nur ist hier die große Schwierigkeit, daß die Eingebornen schlechte Arbeiter und bei jeder ihnen unbekannten Arbeit unbrauchbar sind, und Arbeiter aus dem Norden haben anfänglich viel vom Klima zu leiden.

Am 29. Junius langten wir im Castello Viejo an. Auf der Spitze eines kleinen Hügels liegen die Trümmer des alten Castells und beherrschen die kurzen, aber sehr heftigen Stromschnellen; es wurde jedoch von den Briten 1848 belagert und geschleift. Mit vieler Mühe hieb ich mir einen Weg zum Gipfel nach den Trümmern, die in schon so kurzer Zeit ganz von der Alles überwuchernden Vegetation bedeckt sind; da wo noch vor vier Jahren die Kanonen über die Geschützbettungen donnerten, stehen schon große Bäume. Die größte Sicherheit des Platzes bestand in dem Mangel an Raum zu Errichtung feindlicher Batterien, für die erst der Wald niedergehauen werden mußte. Das Fort selbst besteht theils aus Felsen, theils ist es aus einer Art Porphyr, theils aus Ziegelsteinen gemauert. Seine gegenwärtige Besatzung besteht nur aus Fledermäusen, von denen ich in den Casematten mehrere nach männlichem Kampfe erlegte, andere fing. Sie waren den nordischen Fledermäusen ähnlich, und hatten durch einen aufrecht stehenden Hautlappen über der Nase das Aussehen eines Nashorns. Farbe ganz schwarz, Körper haarig, fünf Zehen, an den Flügeln kleine Haken, Zähne außerordentlich groß, beinahe so lang wie die obere Kinnlade. Einige alte spanische Geschütze liegen im Schutte begraben.

Am Fuß des Castells liegt ein Rancho (Rohrhütte). Hr. W., ein Agent der Canalcompagnie, ist mit einer Anzahl Indianer beschäftigt einen Landungsplatz für das Dampfboot zu bauen. Er klagte sehr über die Schwierigkeit, die Indianer zu guten Arbeitern zu machen. Mit Ausnahme einiger Aexte, die von der Compagnie geliefert wurden, bedienen sie sich lediglich der Macheta. Dies ist ein Messer, welches, je nach der Sitte des Landes, von der Größe eines langen Dolches bis zu einem sehr schwerfälligen Säbel anwächst, und zum mannichfachsten Gebrauch dient. Man haut damit sein Holz, baut ein Haus, was jedoch bei diesen Rohrhütten nicht viel sagen will, schneidet Fleisch und braucht es als Waffe. Die Indianer hackten damit nach Anweisung am Holz herum, und schienen sich zuletzt selbst zu wundern, wenn ein Stamm zurecht gehauen war. Es wird bald der Plankenweg fertig sein, und eben ein solcher an den Machuca gebaut werden.

Als ich von San Juan abging, war eben eines der kleinen eisernen Dampfboote angelangt, und man arbeitete an dessen Zusammensetzung; zwei andere folgen nach, und es wird in jeder der drei Hauptabtheilungen des Flusses eines gehen. Wird der Fluß angesiedelt, so werden jedenfalls an diesen Plätzen zuerst Dörfer entstehen. Bald vielleicht wird sich ein American-Eagle-Hotel oder Independence-Hotel erheben und diesem fruchtbaren Boden eine Ernte abgewonnen werden.

Zwischen beiden Bootsleuten entspann sich ein Streit, und dem einen ward mit der Macheta ein Stück aus dem Backen gehauen. In den Augen der Indianer ist jeder weiße Mann ein Doctor; durch meine Purganzen und Vomitive, sowie durch den Aderlaß war die Thatsache noch mehr festgestellt, und jetzt mußte ich nolens volens des Mannes Backen zusammenflicken. In Ermangelung chirurgischer Nadeln legte ich ihm mit einer gewöhnlichen Nähnadel Heftlöcher an. Der arme Teufel stand viel Schmerzen aus, doch flickte ich ihn übel und bös zusammen, und pappte schließlich ein Heftpflaster darüber; wenn die Backe schief heilt, ist's nicht meine Schuld. Lieb wäre mir es aber doch, wenn meine chirurgischen Kenntnisse nicht zu arg auf die Probe gestellt würden.

An diesem Platze waren wiederum Moskitos und Bremsen, deren Stich wie Feuer brennt, sehr lästig, daher setzten wir so schnell als möglich unsere Reise auf dem jetzt ruhiger fließenden Fluß mit günstigem Fahrwasser fort. Ich überraschte einen Kaiman im Gras schlafend, und schoß ihn durch das Blatt; er suchte noch das Wasser zu gewinnen, doch kam ich ihm zuvor, und stach ihn zweimal mit der Macheta in die Weichen, wobei er mich mit einem Schwanzschlag in das Wasser warf. Ehe ich wieder im Trockenen war, hämmerten schon die Indianer auf seinem Kopf herum, und ich konnte nur das Gebiß retten. Es war ein Weibchen, maß 11 Fuß und hatte im Magen ein ganzes Hirschkalb. Die Flußufer sind hier flach und wie überall der Boden höchst üppig.

Am 30. Mittags langten wir im Fort San Carlos an. Hier stand früher gleichfalls ein großes Fort, das die Mündung des Sees beherrschte, aber von den Engländern Ausgangs des verflossenen Jahrhunderts in Trümmer gelegt ward, in welcher Action der junge Nelson als Midshipman eine seiner ersten Waffenthaten verrichtete. Das jetzige Fort besteht aus einer verfallenen Schanze, auf derselben ein Haus für ein bis zwei Dutzend Soldaten, ein etwas besseres für den Commandanten. Neben der Flagge von Nicaragua steht eine alte vom Rost zerfressene Kanone (etwaige Schmugglerboote aufzuhalten) auf einer Laffette, deren Räder aus einem quer durchgeschnittenen Stamm bestehen. Beim Abfeuern dieses Geschützes sehe ich weniger Gefahr für den Feind als für den Artilleristen, der es loszubrennen hat. Einige Dutzend Kugeln rosten im Gras, doch liegen demontirt auch einige schöne bronzene 32-Pfünder mit der Jahreszahl 1618 im Sand. So günstig auch dieses Fort für die Vertheidigung liegt, so würde es doch in seinem jetzigen Zustande von zehn derben Leuten mit Leichtigkeit zu nehmen sein.

Die am Fort liegende Ortschaft war lange ganz verlassen, doch sind jetzt wieder einige Dutzend Rohrhütten erbaut, und bei eintretendem lebhaften Verkehr wird dieser Ort jedenfalls ein wichtiges Settlement werden; in seinem jetzigen Zustand jedoch kann es füglich mit San Juan gleichgestellt werden.

Hier ist die Douane der Republik Nicaragua, welche die Reisenden sehr quält, denn die kleinste Kiste muß ausgeladen und untersucht werden. Ich machte hier zuerst von meinen Papieren Gebrauch, und erlaubte nicht daß man mein Gepäck berührte. Die Douanenbeamten, sei's weil sie nicht verstanden oder verstehen wollten, gaben sich indeß nicht zufrieden und wollten selbst ausladen, da erschien der Douane-Inspector und der Commandant des Forts. In San Juan hatte eine Auction stattgefunden, in welcher unsere Schiffsgesellschaft, für den Fall, daß wir den 4. noch auf dem Fluß oder See sein sollten, einen Korb Champagner erstanden. Als die beiden Herren erschienen, nahm ich eine Flasche, legte sie an den Backen, und schoß den Pfropfen auf den Douane-Inspector ab, dem Commandanten meine Beglaubigung gebend. Durch beides zufrieden gestellt, leerten wir diese und noch eine Flasche auf unser gegenseitiges Wohl, während welcher Zeit der Hafencommandant sich entschuldigte, daß er meinen Salutschuß mit dem Champagner, wegen spärlicher Munition aus seinen Geschützen nicht erwiedern könne. Als die Fracht die Douane passirt hatte, schieden wir mit gegenseitigen Achtungsversicherungen.

Die Fahrt über den See, welche 110 Miles beträgt, begann wieder des Abends, allein ein ungleich lieblicherer Anblick bot sich mir, als beim Beginn der Reise. Die ungeheure Wasserfläche, nach vorn den Horizont bildend, wird rechts und links begränzt von schönen Gebirgen, und während links die große Gebirgskette sich nach Costarica hinabzieht, erheben sich inmitten des Sees die Gipfel der beiden großen Vulkane des Ometepa-Islands majestätisch in die Wolken. Links, südlich, sind die Mündungen des Rio Frio, umkränzt von üppigem Pflanzenreichthum, während Baumgruppen ganz übersäet von Purpurblüthen sich rechts erheben. Ein von Norden heraufziehendes Gewitter erfüllte die Luft mit imposanten Wolkenformen, während die abendliche Spiegelung derselben den See in reiche Farbenpracht kleidete.

Unser Boot gleitete unter seinem ärmlichen Segelwerk leise im Abendwind dahin; als jedoch das Gewitter in gewohnter Heftigkeit losbrach, getrauten sich die Bootsleute nicht dem Sturm Trotz zu bieten, und ankerten im See bis Anbruch des Tages. In der nächsten Nacht war kein so starker Wind, der Mann am Steuer aber schlief fortwährend, so daß wir uns selbst über das Boot erbarmten und mit Hülfe einer eben veröffentlichten (Colton) New-York-Karte und eines Taschencompasses weiter segelten bis Tagesanbruch.

Der See von Granada ist der größte in Centralamerika, giebt den großen canadischen Seen nicht viel nach und ist mit umfangreichen Inseln besäet, deren größte, Omatepa, zwei Vulkane von 5-6000 Fuß besitzt und 30,000 Einwohner hat. Ein in der nächsten Nacht losbrechendes Gewitter, das unser kleines Fahrzeug gleich einer Nußschale herumwarf, nöthigte uns in unmittelbarer Nähe des Landes zu ankern. Gegen Morgen ruderten wir vollends bis Granada, und vor Sonnenaufgang hatten wir neben dem kleinen amerikanischen Steamer, dem ersten, welcher diesen See befährt, geankert.

Es war der 4. Jul., der jedem amerikanischen Bürger theure Jahrestag der Unabhängigkeits-Erklärung der Vereinigten Staaten, der wie immer von der amerikanischen Flagge recht mit Ehren gefeiert wird. Bei Sonnenaufgang hißte der Steamer und die beiden Schooner die Flagge, und vom Bord stiegen eine Masse Raketen in den blauen Himmel, wir aber grüßten die stolzen Sterne und Streifen mit einer dreifachen Salve.

Wir suchten die Ausschiffung unserer Effecten zu beschleunigen, die einige Schwierigkeiten verursachte, da abermals ein Zollbeamter Einwendungen gegen die Einfuhr meines Alkohol, der allerdings hier Monopol ist, erhob, doch nach Erklärung des Zweckes gab er sich zufrieden, nur hatten sich während der Debatte eine Partie zerlumpte Soldaten, deren ganze Uniform in Flinte und Patrontasche bestand, und die meine Effecten bewachen sollten, in einige Forschungen über den Inhalt des Getränks vertieft. Bald war jedoch Alles auf einen großen zweirädrigen Ochsenkarren, dessen Räder wie die der Kanone aus einem Baumstamme geschnitten waren, geladen; das Deichselgespann ward von einem auf dem Wagen stehenden Mann nach antiker Art mit dem Speer gelenkt, voraus ging ein nackter Kerl, mit einer Art langer Decke drapirt, in der Hand die unvermeidliche Macheta, mit der er, dem Vordergespann auf das betreffende Horn hauend, die Richtung bezeichnete. Die Ochsen sind daran gewöhnt daß kein Lenkseil gebraucht wird, daher haben Zug-Ochsen oft ganz zerhackte Hörner, oft auch wird aus Mißverständniß ein Stück Ohr mit abgehauen.

Ich fand hier den bekannten Gelehrten Hrn. Fröbel, dessen Bekanntschaft ich voriges Jahr in New-York gemacht hatte, und nachdem die Freude des Wiedersehens vorüber war, brachte ich mich selbst und mein Gepäck im Hause eines Hrn. Dr. B. unter, der mir ein großes Zimmer freundlichst abtrat.

Es war mir endlich verstattet, nachdem ich meine Koffer und Kisten, deren Inhalt durch die viele Feuchtigkeit an einigen Stellen mit Schimmel und Moder bedeckt war, ausgepackt und gelüftet, meinen strapazirten Körper mit gründlicher Reinigung, frischer Wäsche und reinen Kleidern zu laben, und das war eine wahre Wohlthat, denn ganz bedeckt vom Schmutz des Bootes und der Wälder, kostete es mir nach jedem Bad im Fluß keine geringe Ueberwindung wieder in meine Schmutzhülle zu schlüpfen. Nach dieser nöthigen Reinigung gab ich einen Bündel Briefe ab, wobei Dr. B. (ein Deutscher) meinem mangelhaften Spanisch als Dolmetscher zu Hülfe kam. Ueberall ward mir der freundlichste Empfang zu Theil, denn sowohl Hr. Squier als Herr Marcoleta (Gesandter in Washington) waren sehr geachtete Persönlichkeiten, und überall erhielt ich Einladungen zum Besuch und Aufenthalt in Hacienden, von denen ich zuerst die Don Jose Sandovals, eines freundlichen alten Spaniers, benutzen werde, um einige Tage auf seinem schönen großen Besitzthum zuzubringen.

Ich war eben nach Hause zurückgekehrt als der Präsident, in Begleitung des Vice-Präsidenten, den hiesigen Amerikanern und meiner Wenigkeit zur Feier des 4. Jul. eine Einladung zu einem Festessen und Bankett überbrachte, welche ehrende Auszeichnung ich mit Dank annahm. Um 4 Uhr begab ich mich in Gesellschaft F's. und des Dr. B. in das Fest-Local.

Die Häuser sind nach Art der maurischen Häuser in Algier gebaut. In der Mitte ein sehr großer Hof, umgeben von Säulengängen, an welche die verschiedenen Gemächer des Hauses stoßen. Nach der Straße hin ist meist eine große Empfangs-Halle, welche hier als Fest-Local mit den Flaggen der Union und Nicaragua's und mit einer Menge ungeheurer Palmenzweige geschmückt war. Ingleichen waren die Colonnaden des Hofs durch Palmen in Baumgänge verwandelt, und da jeder Hof hier mit Pflanzen geziert ist, zwischen denen immer eine Menge zahme Papageien und andere Vögel, auch wohl zierliche Rehe herumlaufen, gewährte das Ganze einen überaus lieblichen Anblick, mehr noch als bei einbrechender Dunkelheit eine Masse von Lichtern durch das Grün schimmerten. Außer den angesehensten hier wohnhaften Bürgern der Vereinigten Staaten waren als Ehrengäste zugegen: der Präfect, der Commandant des Militärs, einige andere Beamte und einige der angesehensten Eingebornen und Franzosen.

Der Präsident, Hr. Coterell, erinnerte in kurzer Ansprache an den Zweck der Feier, und nachdem an der reichgeschmückten Tafel, auf der zwischen ganzen gebratenen Rehen und gewaltigen wilden Truthühnern nordische Leckerbissen in Gesellschaft der üppigsten Südfrüchte prangten, den gastronomischen Forschungen eine kurze Zeit gewidmet war, erhob man die Gläser, in denen rheinische Weine, Port und Madeira blinkten, und der perlende Sohn der Champagne, seiner silbernen Bande entledigt, schäumte, und brachte zuerst die bei jeder amerikanischen Feier des 4. Julius üblichen regulären Toaste, denen sich dann eine Menge anderer anschlossen.

Ein Toast aber ward durch einen sonderbaren Zufall besonders feierlich. Bei jedem Gläserklingen antwortete von der Hauptwache ein Kanonenschuß, und gegen Abend kam das unausbleibliche Gewitter wieder herauf. Es waren eben die Worte gesprochen worden: »Wir trinken in der Stille dem Andenken des großen Georg Washington!« – Jeder brachte schweigend und erhoben sein Glas an die Lippen, da übernahm der Himmel selbst den üblichen Salutschuß durch einen furchtbaren Donnerschlag, der die Erde in ihren Grundfesten erzittern machte, und ich läugne nicht, daß ich, wie gewiß alle, das Glas mit einer Art von andächtigem Grausen leerte. Eine Musikbande spielte in der Veranda während des ganzen Mahles, und bis in späte Nachtstunden blieben die Genossen in ungezwungener Heiterkeit beisammen, welche durch die anerkennungswerthen Bestrebungen des Herrn Coterell nie die üblichen Formen der Wohlanständigkeit überschritt.

Einige Veränderungen im Ministerium und der Regierung ließen es mir räthlich erscheinen, meine Depeschen andern Tags persönlich an ihre Adressen abzugeben. Ich habe meine Reisevorbereitungen getroffen, mein Pferd ist auf Don Sandovals Hacienda gehörig ausgefüttert und stark und wohl geeignet eine strapaziöse Reise zu ertragen, die zu erwarten steht, da die Regenzeit, in der wir leben, die Wege bodenlos gemacht hat. In einer Beziehung ist mir's lieb, daß noch sechs bis acht Tage hingehen, ehe ich anfange zu malen, denn die empfangenen Eindrücke sind alle so neu und bewältigend, daß ich nothwendig dieselben erst ordnen und klar machen muß. Ich habe eine Menge der mannichfaltigsten und schönsten Gegenstände für Studien gefunden, und sobald ich meine Verpflichtungen gegen die Regierung erfüllt, werde ich mit großer Freude an die Arbeit gehen, und bleibe ich von Krankheit verschont, was ich wünsche und hoffe (denn seit ich hier bin erfreue ich mich eines ganz außerordentlichen Wohlbefindens), so denke ich ein reiches Portefeuille zu sammeln. Sehr froh bin ich, daß ich statt des Daguerreotyps, wie ich erst beabsichtigte, ein Phototyp mitgenommen, denn ein Amerikaner, der ein Daguerreotyp hieher gebracht, war ganz in Verzweiflung, daß er während der trocknen Jahreszeit keine Platte poliren konnte, da der die ganze Luft erfüllende Sandstaub alle Politur zerkratzte. Ich hoffe besonders von interessanten Gruppen der Indianer, die nicht gern still stehen sich malen zu lassen, sowie von naturhistorischen Gegenständen manche gute Beute damit zu machen, und so reut mich die für meine Umstände bedeutende Ausgabe von 150 Dollars, die ich dafür gemacht, nicht. Auf der andern Seite thut mir's sehr leid, daß ich mein Sammeln von Insecten und Vögeln nur in so kleinem Maßstab betreiben kann, da die Transport- und Packmittel für dergleichen Gegenstände sehr theuer sind und meine Kräfte übersteigen. Ich werde meinen Vorsatz, eine Collection an einige deutsche naturhistorische Cabinette zu schicken, nicht ausführen können, und außer einem Geschenk an Freund M. werde ich mich lediglich auf das Institut in Washington, das mir eine Summe für diese Zwecke zur Verfügung gestellt, beschränken müssen. Hier ist einer von den wenigen Fällen, wo ich mehr bemittelt zu sein wünschte, denn es hindert mich diese Mittellosigkeit an der Erreichung eines schönen Zwecks.

Nach meiner Rückkehr von Leon halte ich mich hier auf, um Hrn. Squiers Ankunft abzuwarten und Stadt und Umgegend auszubeuten. Sobald es die Jahreszeit erlaubt, will ich eine Besteigung des Mombatch, der über der Stadt sein Haupt erhebt und jetzt beständig in Wolken gehüllt ist, unternehmen. Mein nächster Brief wird entweder eine Beschreibung meiner Reise nach Leon, oder eine genauere Beschreibung Granada's enthalten, welches wohl derselben werth ist, denn es ist an dem schönen See mit seinen zierlichen Ufern höchst pittoresk gelegen, und bietet im Innern eine Menge malerischer Ansichten. Das Leben selbst ist ebenso reichhaltig, daß es, sowie die Verhältnisse der ganzen Stadt, vielfach malerischen Stoff bietet.

Man erwartet jetzt die Ankunft des Gesandten der Vereinigten Staaten Hrn. Kerr, den aus St. Carlos abzuholen der Dampfer gestern abgegangen ist, und zu dessen Empfang die Amerikaner für heute eine Festlichkeit bereitet haben, an welche Dr. B., F. und ich uns anschließen werden.

IV. Die Stadt Granada. – Bauart. – Einwohner. – Lebensweise in Central-Amerika. – Festtage. – Reisezurüstungen. – Unsicherheit der Straßen. – Art zu reisen. – Fleiß der Indianer. – Massaga. – Indisches Begräbniß.

Granada, 4. Aug. 1851.

Seit ziemlich drei Wochen bin ich von meiner Excursion nach Leon wieder zurückgekehrt nach Granada und habe seitdem ungestört meine künstlerischen und wissenschaftlichen Studien beginnen können.

Granada ist, wie ich schon früher erwähnt, die bedeutendste Stadt am See gleiches Namens, mit 12-15000 Einwohner, und unter den jetzigen Umständen wohl überhaupt die wichtigste Stadt dieses Landes zu nennen. Die Zeit ihrer Gründung fällt mit der zweiten Periode der Entdeckung von Amerika zusammen. Ihre Erbauer waren jene kühnen Freibeuter, welche ein seltsames Gemisch von soldatisch roher Ritterlichkeit, gepaart mit blindem Glaubenseifer waren, mit welchen Eigenschaften sie aber doch auch eine gewisse kaufmännische Verschmitztheit verbanden.

Die Häuser, meist nur aus einem Geschoße bestehend, dessen Höhe zwischen 12 und 15 Fuß beträgt, haben durch ihre 6-8 Fuß breiten Thüren und hohen vergitterten Balconfenstern ein festungsähnliches Aussehen. Die innere Einrichtung beschrieb ich Euch bereits früher. Die Haupträume bleiben überall der mit Zierpflanzen geschmückte erste Arcadenhof und die an der Vorderfront liegende Empfangshalle, an welche gewöhnlich das Frauengemach stößt; oft auch befindet sich über letzterem noch ein Balconzimmer. Ein solches ist gegenwärtig meine Wohnung, mit wundervoller Aussicht über den See und die Gebirge. Einen zweiten oder Hinterhof, umgeben die Ställe, die Küche (in der nur auf offenem Herde gekocht wird, Bratöfen, Kochmaschinen, wie in Europa und den Verein.-Staaten, kennt man hier nicht), welche letztere zugleich dem Geflügel und sonstigem kleinen Gethier, das für jede Mahlzeit frisch geschlachtet wird, zum Aufenthalt dient. In vielen dieser Hinterhöfe befindet sich auch ein Ziehbrunnen, doch wird das Wasser mehrentheils aus dem See geholt, da die Quellen fast alle mineralischer Natur sind.

Sehr belebt ist das Seeufer bei Sonnenaufgang: Frauen und Mädchen erscheinen, mit großen irdenen Gefäßen, ähnlich den antiken Amphoren, nur etwas bauchiger, auf dem Kopf und schöpfen Wasser; Reiter und Fußgänger lustwandeln in der Morgenkühle, fast alle Besucher aber erfrischen sich mit einem Bade. Später räumen sie den Waschwannen das Feld, sowie den Schiffsleuten, welche die Waaren aus den Booten auf große, zweirädrige, von 4-6 Ochsen gezogene Karren umladen. Dann füllen sich die Straßen mit Indianern der benachbarten Dörfer und Haciendas, welche ihre Produkte zum Kaufe ausbieten. Bei geringen Entfernungen tragen sie ihre Last auf dem Kopfe, in großen hölzernen Schüsseln, von denen man auch sagen kann, sie haben ungeheure hölzerne Hüte auf, die sie umgekehrt auch zum Tragen benützen. Kleine nackte Jungen bringen auf Pferden und Maulthieren Ladungen von jungen Mais (Zakate) als Futter für die Pferde zu Markt, während die Stadtbewohner theils in ihren Läden den Verkauf betreiben, die Frauen weibliche Arbeiten oder Cigarren verfertigen; noch öfter aber liegen alle in den Hammocks, rauchend und sich schaukelnd, wozu sie von Zeit zu Zeit einen Schluck Teste, ein gar nicht übles Getränk aus Maismehl, Zucker, Cacao und Wasser nehmen. Geraucht wird aber von Mann und Weib, Jung und Alt, und oft schickt ein Vater sein kaum vierjähriges Söhnlein oder Töchterlein in die Küche, um Feuer zu holen, welche dann gravitätisch mit der brennenden Cigarre im Munde und qualmend wie Dampfessen zurückkommen.

Das Costüm der Frauen besteht in einem Unterrock von Mousselin, um die nackten Hüften gebunden und am unteren Saume mit Flittern besetzt; über dem Oberkörper tragen die besseren Classen ein kurzes, weitfaltiges Uebergewand, ähnlich dem griechischen Peplum, die niederen Classen aber den Oberkörper ganz bloß; oft auch, zumal bei Kindern, ist vollkommener Mangel an Kleidung vorhanden, was die Frauen hier anwesender Amerikaner oft veranlaßt, die Augen niederzuschlagen oder mit der Hand zu bedecken. Alle Stände aber schmücken sich die schönen, größtentheils ebenholzschwarzen Haare mit Jasminblüthen und Blumen von lebhaften Farben, was die ausdrucksvollen und oft classisch regelmäßigen Gesichter mit phantastischer Schönheit ziert. Der Gang hat, wahrscheinlich durch die Gewohnheit alle Lasten auf dem Kopfe zu tragen, etwas überaus Elastisches, was den ganzen Gestalten einen erhöhten Reiz verleiht.

Mehre schöne Kirchen, in einem seltsamen Gemisch von maurischem Charakter, spanischer Renaissance, oft mit sehr bemerkbarem Anklang von byzantinischem Style erbaut, zeugen von der früheren Macht und dem Reichthume des Clerus (bei Errichtung der Städte ward bekanntlich der zehnte Theil aller Beute auf Errichtung von Kirchen und Klöstern verwandt). Durch die häufigen Revolutionen hat sich denn freilich in dieser und anderer Hinsicht vieles geändert, da die großen Capitalisten entweder auswanderten oder durch bedeutende Contributionen sehr in Anspruch genommen wurden. Wenn auch noch hier und da ein wohlbeleibter, behäbiger Prälat auf seinem Ochsenkarren und von zwei Soldaten begleitet durch die Straßen zieht, so reitet dafür manch armer, abgemagerter Dorf-Cura (Pfarrer), nach dem Beispiele des Heilandes, als wahrhafter Apostel auf einem armseligen Eselein durch das Land, um mit christlicher Demuth auf irgend einer entfernten Hacienda dem Sterbenden eine geistliche Wegzehrung zu spenden.

An Festtagen, deren es hier, nach dem was ich bis jetzt gesehen, fast so viele als Tage im Jahr zu geben scheint, durchziehen zahlreiche Prozessionen mit Geigen und Flöten die Straßen, wobei an Weihrauch unendliche Wolken verdampfen, und an Schießpulver, knallenden und prasselnden Schwärmern, Raketen, französischen Schlägen, letztere oft zu Dutzenden auf einmal, ein Erkleckliches verpufft wird. Abends wird dann die Prozession mit Hunderten bunter Laternen fortgesetzt, was mit den Gruppen, die allabendlich plaudernd die Räume vor den Hausthüren füllen, und den erleuchteten Balconen, von denen transparente, mit Blumen geschmückte und umgebene Heiligenbilder schimmern, einen malerischen und poetischen Anblick gewährt. Oefters habe ich, spät am Abend von meinen Excursionen heimkehrend, mein Pferd angehalten, um auf die eigenen schwermüthigen kirchlichen Melodien zu horchen, oder Gruppen mit ihren Liebhabern schäkernder Mädchen zu belauschen.

Doch indem ich mich so in Schilderungen des Lebens in Granada vertiefe, vergesse ich ganz, euch von meiner Reise nach Leon zu berichten.

Nachdem ich einige Ruhetage benutzt hatte, um aus dem Mr. Squier gehörigen und hier zurückgelassenen Eigenthume für mich ein starkes und rasches Pferd mit Sattel und Packtaschen, für einen Diener ein kräftiges Maulthier zu wählen, die Büchse und meine herrlichen Revolvers[1], ein Reisegeschenk meines ehrenwerthen Gönners de Rhame in New-York, vom Schmutze der Reise zu reinigen, frisch zu laden und einige Munition nebst Wäsche einzupacken, während ich von meinem freundlichen Wirthe, Don Narciso Espinosa, eine leichte Vogelflinte nebst einer unbändig langen Doppelpistole für meinen tapfern Sancho Pansa geliehen hatte, trat ich am 9. Juli meine Reise in nomine domini an. Es circulirten eine Menge Gerüchte über Unsicherheit der Straßen, und ein Halbdutzend Morde, welche im Laufe der letzten Monate vorgefallen waren, bestätigten dieselben allerdings in nicht erfreulicher Weise. In Berücksichtigung der Regierungsdepeschen aus Washington, die ich nach Leon zu überbringen hatte, wurde mir vom Commandanten eine Escorte von zwei Lanciers angeboten; ich gestehe aber, daß ihr Ajustement und ihr ganzes Aeußere mich denn doch mehr Vertrauen in die Vorzüglichkeit meiner Waffen, meines Pferdes und meine geringe Person selbst setzen ließen. Ich dankte demnach höflichst für die Ehre, und zog es vor die Reise allein zu machen.

Durch die hier zu Lande übliche Art zu reisen wird man noch lebhaft an die Zeit der fahrenden Ritter erinnert. Jeder Reisende, der sich auf irgend eine Weise Säbel und Pistolen verschaffen kann, rüstet sich damit, und in Ermangelung letzterer baumeln doch wenigstens ein paar leere Pistolenhalfter am Sattelknopfe; wenn möglich, nimmt man auch eine mit Rehposten geladene Flinte mit, die entweder quer über den Sattelknopf gelegt, oder vom Schildknappen, wie weiland dem edlen Ritter Don Quixote die Lanze, hinterdrein getragen wird. Das Gepäck hat man theils selbst in Satteltaschen bei sich, theils trägt es der Diener vor sich auf dem Maulthiere. Gewöhnlich trottirt dieser voraus, den Weg zeigend; trifft man jedoch unterwegs mit anderen Reisenden zusammen, so reiten die Caballeros voraus, während die hinterfolgenden Diener sich gegenseitig von der Tapferkeit ihrer Gebieter, der unvergleichlichen Güte ihrer Waffen und Pferde u. s. w. tüchtig etwas vorrenommiren, was mit unvermindertem Eifer in jedem Nachtquartiere fortgesetzt wird, wo dann gewöhnlich der Wirth noch die allerabsonderlich grausenhaften Geschichten von Mordthaten zu erzählen weiß, die sich kürzlich erst ganz in der Nähe zugetragen haben sollen, natürlich in der menschenfreundlichen Absicht, den oder die Reisenden wo möglich noch den nächsten Tag dazubehalten.

Beim Mahle, meist aus gekochtem Reis, Huhn, Eiern und Fisch, nebst einigen steinharten rothen Bohnen und der unvermeidlichen Tortilla (einem aus Mais gebackenen flachen Kuchen, der die Stelle des Brodes hier vertritt) bestehend, wartet der Mozo (Diener) hinter dem Stuhle seines Caballero stehend, auf, lauert aber gierig auf den Augenblick, wo dieser sich erhebend, ihm die Reste der Speisen überläßt.

Früh, wo ich meist um 3 Uhr aufbrach, um die Morgenkühle zu benutzen, kostete es stets mannichfache Mühe und Arbeit, Diener und Wirth aus dem Schlafe zu rütteln, und bis die Thiere gefüttert waren, verging dann immer noch mehr als eine Stunde, weshalb ich in der Regel das Geschäft des Wecken schon um 2 Uhr begann, nichts destoweniger aber mit einer Strohcigarre vorlieb nehmen mußte, während der Magen erst im nächsten Dorfe, oft 14-16 Miles entfernt, bedacht werden konnte. Genug, man übersetze die Abenteuer und Irrfahrten des obgenannten unsterblichen Ritters ins Moderne, und man hat das leibhafte Conterfei eines Reisenden in Central-Amerika.

Der erste Theil des Weges nach Massaga, dem ersten Haltpunkte, war durch den vielen Regen grundlos geworden, und mein armes Pferd mußte immer aus einem Sumpfloche ins andere tappen. Die Maulthiere, durch welche fast der ganze Verkehr des Landes betrieben wird, treten immer wieder in die Fußstapfen des vorangehenden Thieres, an dessen Schweif ihr Zaum gebunden ist, so daß manchmal dadurch Reihen von 16-20 hintereinander entstehen; hierdurch wird aber bei Regenwetter die Straße zu einer Reihe nebeneinander und quer darüber hinlaufender Gräben, die, mit Wasser und Schlamm gefüllt, das Reiten ungemein erschweren, und da die hiesigen Pferde sehr kleinen Schlages sind, kaum 14 Hand hoch, so werden die Füße des Reiters mit den 4 bis 5 Zoll langen großgeräderten Sporen weidlich in den Koth getaucht. Ich zumal hatte oft Gelegenheit Betrachtungen darüber anzustellen, warum der liebe Himmel gerade mich mit so unziemlich langem Pedal ausstatten mußte. Bei besserem Wege ist die Gangart der hiesigen Pferde eine sehr angenehme Art von Paß, paso picarro hier zu Lande genannt. Ueberhaupt ist die Race ganz vortrefflich für hiesige Gegend, obschon man auf Broadway, in Hydepark oder dem Bois de Boulogne, im Berliner Thiergarten oder im Wiener Prater eben nicht sonderliche Bewunderung damit erregen würde.

Da es noch früh am Tage war, begegnete ich langen Zügen von Indianern, welche ihre Produkte, als: Mais, Bohnen, Cacao und Taback, zu Markte trugen, die, theils auf Pferden, theils in Netzen auf dem Rücken hängend, an einem breiten Gurt über die Stirn getragen wurden, wie man dies auch zuweilen in den Schweizerbergen sieht, eine abscheuliche Mode, die den Leuten das Aussehen von Zugochsen giebt. Mir erschien diese Art von Kopfarbeit eine höchst anstrengende, wie auch als der Grund der vielen Kröpfe, die ich hier herum wahrnahm.

Der Weg schlängelt sich theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald, bemerkenswerth durch die mächtigen und häufigen Gummibäume, theils führt er hin zwischen Bananen- und Indigofelder, umgeben von 5 bis 6 Fuß hohen wilden Ananas-Hecken. Hier und da bietet sich von der Höhe eines Hügels eine entzückende Aussicht nach den Seen von Granada und Managua und dem Tipitapa-River, begränzt von den lachendsten, fruchtbarsten Ebenen und majestätischen Gebirgszügen mit sanft ansteigenden Vorhügeln in den schönsten Formen und geschmückt mit aller Pracht und Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Beim großen Gott! dies Land ist ein wahres Paradies und könnte Wunder wirken, Millionen fleißiger Hände ernähren, wäre es nicht von solch träger, kurzsichtiger und geistig beschränkter Bevölkerung bewohnet, welche es nicht versteht, oder nicht verstehen will, diesem gottgesegneten Boden einen auch nur einigermaßen erheblichen Tribut aufzuerlegen.

Massaga, wo ein kräftiges Frühstück mich und meinen Diener, süßer junger Mais die Thiere erquickte, ist ein niedliches Städtchen, oder großer Flecken, mit nicht unbeträchtlichem Markt für einheimische Produkte. Ein großer Theil der Ortsbevölkerung wohnt freilich nur in indianischen Rohrhütten, allein der Fleiß derselben sticht vortheilhaft gegen andere Ortschaften ab, die ich später sah. Selbst Frauen, welche Früchte zu Markte trugen, flochten im Gehen Strohhüte und Matten von recht zierlicher Arbeit, und weniger als anderswo sah ich hier die Leute in ihren Hammocks faullenzen. Trotzdem waltet aber auch hier immer noch dieselbe indianische Halsstarrigkeit gegen alle und jede Verbesserung vor, die ihre Arbeit nutzbringender machen könnte.

In dem kleinen, jenseits Massaga gelegenen Dörfchen Indiery sah ich zufällig das Begräbniß eines jungen indianischen Mädchens mit an, während unsere Thiere gefüttert wurden.

Die Leiche ward auf einer Bahre, ohne Sarg, blos der Körper mit einem Leinentuche bedeckt, das Gesicht, dessen schöne unschuldvolle Züge selbst der Tod nicht zu verunstalten vermocht hatte, jedoch offen getragen. Vorauf zogen sechs Musikanten mit zwei Geigen, zwei Flöten, einem Waldhorne und einem Violoncello, hinter ihnen der arme Dorfpfarrer, Gebete sprechend. Die Musik war eigentlich mehr ein sonderbarer Wirrwarr von Tönen zu nennen, die nur bei einigen öfters wiederkehrenden Gebetformeln sich zu einer Art von Accord einigten.

Beim Grabe, einer kleinen, kaum einige Fuß tiefen Grube, auf dem Platze vor der Kirche angelangt, ward nach kurzem Ceremoniel die Leiche in die Grube gelegt, jeder der wenigen Leidtragenden warf seine Hand voll Erde darauf und ein paar Leute mit Schaufeln thaten in kaum drei, vier Minuten den Rest. Ein Bündelchen Raketen zischte in die Luft empor, das Aufschwingen der Seele gen Himmel andeutend, wie mir einer der Anwesenden erklärte, und jetzt zum erstenmale einte sich das bisherige Tongewirre der Musikanten zu einer wirklichen Melodie, in der ich zu meiner großen Ueberraschung das liebliche Lied der Brautjungfern in unseres herrlichen Webers Freischütz, wenn auch etwas naturalistisch verstümmelt, wieder erkannte. Wie dies Lied den Weg bis hierher in die Tropenwelt gefunden, mag der Himmel wissen.

Ich kann nicht sagen ob es die Erinnerung war, welche diese aus holder Kinderzeit herüberklingenden heimischen Töne in mir erweckte, oder was sonst, so viel aber ist gewiß, daß weder das pomphafteste Trauergepränge, noch die vollstimmigsten und kunstvollsten Trauerhymnen, noch die schönsten Grabreden jemals einen rührenderen Eindruck auf mich hervorgebracht haben, als diese kindlich naiven Töne und die noch naivere Raketensymbolik neben diesem frischen Grabe einer kaum im Entfalten schon dahingerafften Blüthe. Der Zufall ist oft poetischer, als das poetischste Raffinement!

Als eine Viertelstunde später die Thiere getränkt und gefüttert waren und ich wieder da vorbeiritt, spielten die Kinder schon wieder harmlos und fröhlich auf der Stelle, die eine kaum merkliche Erhöhung als ein Grab andeutete, da ja der jugendliche Körper nur wenig Raum einnahm.

V. Lavafelder. – Managua. – Reisebekanntschaft. – Landschaftliches. – Puebla nuova. – Ein Raubmord. – Nächtliche Störung. – Ankunft in Leon.

Fünf Miles von Massaga erreichte ich, nachdem ich noch einige allerliebst zwischen Cocospalmen gelegene indianische Dörfchen passirt, die Lavafelder des Vulcans von Massaga. Seine Thätigkeit beschränkt sich nur noch auf zeitweilige Entwickelung von Schwefelwasserstoff und starke Erhitzung des Schlammbodens in dem erloschenen Krater; ein kleiner Salzsee auf der Südseite, welcher einen andern Krater ausfüllt, so wie ungeheure, sich wohl 6 bis 7 Miles gegen Norden hin erstreckende Lavafelder, geben Zeugniß seiner früheren Verheerungen. Ueberhaupt ist das ganze Land mit trachitischen Gebilden, Osidien und todten Lavaströmen bedeckt, welche die alles überwuchernde üppige Vegetation später mit neuem Leben bekleidet hat. Ein großer Theil der Quellen ist gleichfalls voller mineralischer Substanzen, und viele haben einen beträchtlichen Hitzegrad. In den Lavafeldern von Massaga fielen mir besonders eine Menge seltsamer Höhlen auf, ähnlich ungeheuren Backöfen, wahrscheinlich herrührend von den durch sich entwickelnde Gase gebildeten Blasen.

Am Nachmittage brach wieder ein Gewitter mit gewohnter tropischer Heftigkeit los. »Donnere du bis du es satt hast!« dachte ich, und wickelte mich zum Schutze gegen die herabströmende Sündfluth in meinen Poncho, eine dicke Wolldecke, mit einem Loch in der Mitte, zum Durchstecken des Kopfes, welche als Mantel den ganzen Menschen einhüllt, während der Kopf durch einen breitkrämpigen Hut geschützt wird; mein armes Pferd aber schritt schwermüthig auf der, in einen Gießbach verwandelten Straße einher und mein Sancho Pansa hinterdrein, höchst kleinlaut und verdrüßlich auf seinem Maulthiere hockend.

Menschen und Thiere waren froh, als wir am Abend Managua erreichten, eine ziemlich ansehnliche Stadt am See gleiches Namens gelegen und Sitz der gesetzgebenden Versammlung, übrigens durch nichts bemerkbar als durch eine nicht unschöne Hauptkirche von ziemlich reicher Architektur, in dem oben erwähnten Mischlingsstyl.

Ein wilder Truthahn, den ich unterwegs geschossen, bildete unser Abendessen, welches ich mit einem Italiener theilte, der, gleichfalls auf der Reise nach Leon begriffen, in Verzweiflung war, daß sein Reisegefährte, ein Spanier des Landes, ihm durch seine permanente Trunkenheit die Reise äußerst beschwerlich und unangenehm machte. Die regelmäßig schönen Gesichtszüge dieses Mannes, von antiker Strenge, aber durch die freundlichen blauen Augen, aus denen herzliches Wohlwollen blickte, sehr gemildert, so wie seine stramme soldatische Haltung, gepaart mit ritterlicher Anmuth, zogen mich wider Willen an und in stillschweigender Uebereinkunft brachen wir am anderen Morgen um 3 Uhr gemeinschaftlich auf, den lästigen Trunkenbold zurücklassend, der noch seinen gestrigen Rausch ausschlief.

Mein neuer Bekannter hatte, nachdem er die letzten Kriege seines Vaterlandes mit durchgekämpft und sein geliebtes Weib, das alle Gefahren und Beschwerden treu mit ihm getheilt, auf schreckliche Weise verloren, die friedliche Beschäftigung des Landmannes erwählt, und war jetzt auf dem Wege nach Californien, wo er beschlossen hatte, im Vereine mit mehren seiner Schicksalsgenossen sich lediglich auf die Agricultur zu verlegen und so, wenn auch langsamer, die wahren Schätze dieses Landes auszubeuten, das in nicht gar zu langer Zeit vielleicht noch einer der blühendsten Staaten der nordischen Union werden wird. In Leon, wo ich mehrere Mitglieder dieser projectirten Colonie, meist Genueser, kennen lernte, die einen sehr erfreulichen Gegensatz zu den Fehlern bildeten, die man meist den Italienern vorwirft, vernahm ich erst zufällig den Namen dieses, in der neuesten Periode seines Vaterlandes berühmt gewordenen Mannes, aber das strenge Incognito achtend, das er angenommen um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen, war und blieb er für mich nur Signor Giuseppe, oder auch Monsieur Joseph.

Hinter Managua führt der Weg über eine steile, mit großen Felsbrocken bedeckte Anhöhe, welche, da wir sie noch im Morgendunkel passiren mußten, unsere armen Thiere weidlich zum straucheln brachten. Wir erreichten jedoch ohne erheblichen Unfall mit Tagesanbruch den Gipfel, wo die aufgehende Sonne ein wahres Paradies vor unsern entzückten Blicken entrollte. Südöstlich sahen wir noch den See von Granada, nordwestlich aber, jenseits des See's von Managua, dessen Brandung dumpf zu uns herauf tönte, dehnte sich langhin das schöne Thal von Leon, über welches der hohe Viejo sein rauchendes Haupt über die Wolken erhob.

Der Weg gleicht von hier an dem prachtvollsten Park, der Wald ist fortwährend durchbrochen von üppigen Wiesenflächen, in deren hohem Grase schöne Rinder, größer als ich sie bis jetzt hier zu Lande gesehen, und muntere Stuten mit ihren Füllen weideten. Die einzige Calamität dieses gesegneten Landes ist der Mangel an fließendem Wasser, denn während der trockenen Jahreszeit, wo die kleinen Teiche und Tümpel meist austrocknen, der Wald, seines grünen Blätterschmuckes beraubt, nur noch in brillantem rothen und gelben Blätterkleide erscheint, irrt das geängstete Rindvieh, durstend, geplagt von Schwärmen von Insecten, dumpf brüllend umher, nach vereinzelten Quellen suchend, um seinen Durst gemeinsam mit dem schüchternen Reh und dem possirlichen Affen zu stillen. Zahlreich umherliegende Gerippe geben Zeugniß, wie viele schon als Opfer des Durstes, oder auch des grimmen Jaguars gefallen waren.

In Pueblo nuevo, unserm Nachtquartier, fanden wir im Gasthause einen kleinen englischen Schiffsjungen und erfuhren von ihm die genauen Details eines nur vor wenig Tagen erst verübten Raubmordes, den ich, als ich im letzten Nachtquartier und unterwegs davon reden hörte, für eine der gewöhnlichen Aufschneidereien gehalten hatte. Ein englischer Capitain, dessen Schiff in Realejo gestrandet war, hatte den Erlös der geretteten Waaren nebst einigen anderen Gegenständen mit sich auf einem Ochsenkarren geführt. Dieser Umstand war, wie man vermuthet, durch den Karrenführer, von dessen Mitgenossenschaft an der Gräuelthat man sogar ziemlich stark munkelt, bekannt geworden und eine kurze Strecke hinter Pueblo nuevo überfielen sechs Strauchdiebe den Capitain, der in Gesellschaft des kleinen Schiffsjungen ein Stück Wegs hinter dem Fuhrwerke herging, auf welchem er seine Waffen gelassen hatte und von denen er auf diese Weise abgeschnitten war. Ein Mann von Entschlossenheit und großer Körperkraft, leistete er waffenlos nichtsdestoweniger tapferen Widerstand, warf einen der Strolche zu Boden und verwundete ihn mit dessen eigener Macheta. Von den übrigen hinterrücks zu Boden geworfen, ward auf ihn losgehauen wie auf ein Bündel Brennholz, und als der arme Junge, den ein Schlag über den Kopf besinnungslos niedergestreckt hatte, wieder zu sich kam, war der todtähnliche Capitain in ein nahes Gebüsch geschleppt, der Karren des Geldes, des Schiffschronometers und einiger anderen leicht transportablen Gegenstände beraubt, die Banditen aber verschwunden. Einige Amerikaner, – die ich später in Leon kennen lernte – des Weges kommend und gut bewaffnet, setzten zwar den Räubern eine Strecke nach, aber ohne Erfolg. Sie mußten sich damit begnügen den Verwundeten, der noch einige Lebenszeichen von sich gab, zu verbinden und nach Pueblo nuevo zu schaffen, wo man ihn unter der Pflege der Wirthsleute, ein paar gutmüthiger alter Jungfern, noch zu retten hoffte. Zwei Aerzte aus Leon, Dr. Livingston und Dr. Seidel, ein Sachse, die man schnell von dorther zu Hülfe geholt hatte, fanden nicht weniger als fünfzehn Hieb- und Stichwunden und zwei Knochenbrüche an dem Unglücklichen, der trotz aller angewandten ärztlichen Sorgfalt am dritten Tage, in Folge des vielen Blutverlustes den Geist aufgab. Große Erbitterung herrscht hier über diesen Mord, dem in nicht langen Zwischenräumen bereits mehre vorangegangen, und sobald sich nur erst Gelegenheit dazu findet, wird Judge Lynch, glaube ich, auf tüchtige Beschäftigung rechnen können.

Der arme Schiffsjunge war noch sehr niedergeschlagen und fühlte sich bang unter all den fremden Menschen hier, von denen keiner seine Sprache kannte. Ein gutes Abendessen, das wir mit ihm theilten, ein Glas alten Portwein aus unserm Reisekeller, so wie einige kleine Geldgeschenke heiterten ihn indeß ein wenig auf. Am andern Tage ward er nach Leon abgeholt, um von dort über Realejo auf einem englischen Schiffe in seine Heimath befördert zu werden.

Im Hause fanden sich nur zwei Gastbetten und davon war eines das Todesbett des unglücklichen Capitains gewesen; die Strohmatte, aus der hier einzig die Betten bestanden, starrte noch von den dunklen Blutflecken des Ermordeten. Obschon ein solcher Umstand nicht eben die Annehmlichkeiten eines Nachtlagers erhöhet, sind doch 45 Miles zu Pferd ein probates Mittel um alle etwaigen Bedenklichkeiten niederzuschlagen und ich entschlummerte sanft, während Mr. Joseph ein Gleiches auf der anderen Strohmatte that.

Gegen Morgen weckte mich ein Luftzug und ein seltsames Geräusch; die Thüre ins Freie stand auf, ich hörte an meinem Gepäck zerren und ein unbekanntes Etwas dumpf brummen. »En garde!« rief ich, und das Knacken eines Pistolenhahnes gab mir vom Nachtlager meines Reisegefährten herüber Antwort, wobei mir dieser zugleich zurief, ich möge schnell Licht machen, er wolle die Thüre vertheidigen. Die eintretende Helle überzeugte uns jedoch, daß der vermeintliche Spitzbube nur ein friedliches Schwein war, welches, angelockt vom Geruche einiger schönen Vogelbälge, an meinen Satteltaschen herumzupfte, in welchen ich sie verwahrt hatte. Ich war so grausam seinen Drang nach ornithologischen Studien durch einige Hiebe zu dämpfen. Die dadurch erregte Heiterkeit hatte allen Schlaf verscheucht; wir sattelten und machten uns auf den Weg, um Leon wo möglich noch bei guter Zeit am Vormittage zu erreichen.

Ein seltsames Concert bildet noch in jedem Dorfe das fortwährende Geschrei der Hähne und das Bellen einer zahllosen Menge von Hunden, das die ganze Nacht ununterbrochen fortdauert, als wollten letztere damit gegen das alte Mährchen, daß die Hunde in diesen Tropenländern stumm wären, recht eindringlich protestiren. – Eine höchst praktische Schutzwehr der Höfe bilden hier die Cactushecken, welche sich pallisadenartig, mit scharfen harten Stacheln besetzt, oft in einer Höhe von 8 bis 10 Fuß ringsherumziehen, und vorzüglich zum Abhalten der Jaguare geeignet sind, die sich häufig des Nachts zu ihrem Schmause Hunde aus den Dörfern holen.

Um 7 Uhr Morgens stiegen wir hinab in das herrliche Thal von Leon, das an Schönheit wie an Fruchtbarkeit wohl kaum von irgend einem Lande der Welt übertroffen werden kann. Ueberall wo nur der mindeste Fleiß angewandt ist, lohnt sich derselbe im reichsten Maße. Dabei habe ich bis jetzt noch nirgend gesehen, daß die Cultur wirklich so zur Verschönerung der Natur beitragen kann, wie eben hier, denn da die Felder meist 50-60 Acres betragen und sich dazwischen immer Gebüsche und schöngezeichnete reiche Baumgruppen hinziehen, während dichte Waldung da und dort einen, bald bunten, bald dunklen Hintergrund bildet, so wird dadurch die angenehmste und zugleich malerischeste Abwechselung hervorgebracht. Inmitten dieser großen Thalebene liegt Leon, mit seinen vielen Kirchen, lieblich auf Hügelhängen an einem kleinen Fluße, zwischen majestätischen Baumparthien. Hier und da wiegen Cocospalmen, einzeln oder in Gruppen ihre vom Morgenwinde bewegten Häupter auf zierlichen Stämmen; jenseits der Stadt aber zieht sich die imposante Gebirgskette hin, auf welcher fünf Vulkane fortwährend Rauchsäulen gleich gigantischen Stoßseufzern, gen Himmel senden, Kunde gebend von ihrer geheimnißvollen Thätigkeit tief im Schooße der Erde. Im Osten steht der Monotombo, über 6000 Fuß hoch, im Westen der Viejo, 5500 Fuß hoch, als die gewaltigen Strebefeiler dieser Riesenmauer, während der stille Ocean sich am fernen Horizont als dunkelblaue Linie hinzieht.

Um 10 Uhr ritten wir in Leon ein und mit einem Händedruck schied ich von meinem liebenswürdigen Reisegefährten, der seine Fahrt nach Realejo fortsetzte. Ob wir uns je wiedersehen, weiß Gott allein.

VI. Freundliche Aufnahme in Leon. – General Munnoz. – Ein demüthiger Apostel Christi. – Rückkehr nach Granada.

Ich fand für mich, für Diener und Thiere eine gastliche Aufnahme im Hause des Dr. Livingston, eines sehr geachteten Arztes, dem ich meine Depeschen, gleich einer Art von Empfehlungsbrief vom Pferde herab überreichte. Ehe ich mir jedoch Ruhe vergönnte, machte ich mich auf, gestiefelt, bespornt und staubbedeckt, wie ich war, vor allen Dingen diese Depeschen abzugeben, die mir dringend ans Herz gelegt waren und wozu ich noch besondere Veranlassung in den kriegerischen Gerüchten fand, welche überall laut wurden. Später habe ich mich jedoch überzeugt, daß dergleichen hier eben nicht viel zu bedeuten hat. Man schreit und zankt sich eine Weile herum, feuert, wenns hoch kommt, ein paar Dutzend Flintenschüsse ab, sperrt auch vielleicht hinterher einige Hauptschreier auf kürzere oder längere Zeit ins Loch, dann ist alles vorbei, um in einigen Monaten wieder von vorn anzufangen.

Von meinem Empfange bei der Regierung ist nicht viel zu sagen. Schon vielfach ist das Lächerliche eines kleinen Staates, gleichviel ob Republik oder Monarchie, ohne inneren Gehalt, ohne Macht und äußern Einfluß, der sich aber gleichwohl das Ansehen und Gewicht eines größeren geben möchte, besprochen worden. Der Unterschied zwischen Washington und Leon ist ungefähr dem eines Empfanges am Hofe von St. Petersburg und eines in Bernburg zu vergleichen. General Munnoz, der eine Art von Dictatorrolle spielt, war noch in Unter-Inexpressibles, warf aber schnell ein kleines gelbes spanisches Mäntelchen um, das wahrscheinlich eine Art von Interimsuniform vorstellen sollte. Ich ward übrigens äußerst freundlich und zuvorkommend aufgenommen und in mehren Häusern ward mir Wohnung und Unterhalt angeboten. Ich zog es jedoch vor da zu bleiben, wo ich war, d. h. bei Dr. Livingston, wo ich mich einer trefflichen Verpflegung und wahrhaft liebenswürdigen Umganges zu erfreuen hatte.

Mein Zeichnen- und Maler-Material hatte ich in Granada zurückgelassen und es drängte mich endlich an die Arbeit zu kommen, deshalb dachte ich auf meine baldige Rückkehr dahin, auf welcher Rückreise Dr. Livingston und Mr. Lane, ein zeitweilig hier lebender Amerikaner, mich begleiten wollten.

Am Tage vor der Abreise saß ich mit letzterem eben vor der Thüre, als ein wohlbeleibter Prälat, in Begleitung seiner gewöhnlichen Sauvegarde von zwei Soldaten, auf seinem Ochsenkarren angeklingelt kam. Wir nahmen ganz höflich die Hüte ab, allein dies schien dem frommen Manne noch keineswegs zu genügen, denn er sendete einen seiner Soldaten ab, der uns zum Niederknieen nöthigen sollte. Das kam uns denn doch ein wenig allzuspanisch vor, zumal er ja nicht das Venerabile mit sich führte. Als wir nicht schleunigst gehorchten, holte der Soldat aus, um Mr. Lane einen Kolbenstoß zu versetzen. Ein ächter Yankee versteht in diesem Punkte nicht viel Spaß und mein Gefährte zog rasch eine jener sechsschüssigen New-Yorker Pistolen hervor, was auch mich veranlaßte mein Bowiemesser ein wenig zu lüften; beim Anblick unseres guten Vertheidigungszustandes retirirte der Kriegsheld über Hals und Kopf hinter den Karren des Prälaten, der die Faust ballte und die schrecklichsten Maledictionen auf uns herabdonnerte. Die ganze Gesellschaft entfernte sich aber so eiligen Schrittes, als ein Ochsengespann vermittelst Hieben fortzubringen ist. Mein Gefährte forderte mich auf sogleich mit ihm zum Präfekten zu gehen, wo wir den zornentbrannten Prälaten bereits vorfanden. Der Mann des Gesetzes gerieth durch unsere Gegendeposition so in Verlegenheit, daß er die ganze Sache, als nicht vor seinen Richterstuhl gehörig, von sich wies. Der Amerikaner wandte sich nun mit seiner Beschwerde an den Militaircommandanten, der den allzueifrigen Soldaten auf 24 Stunden ins Loch sperren ließ. Der arme Bursche dauerte mich, da er ja gar nicht wußte, wem er es eigentlich recht machen sollte, und erinnerte mich lebhaft an jenen Rekruten in den fliegenden Blättern, der auf die Frage: »Was ist ein Soldat?« die Antwort giebt: »A armer geplagter Mensch!«

Der Rückweg nach Granada bot nur den Unterschied, daß ich einige prachtvolle Arten von Vögeln sammelte, und einen recht einfältigen Mord an einem armen Affen beging, der ein Kleines auf dem Rücken trug, was ich leider vorher nicht bemerkt hatte. Ich nahm mich der hinterlassenen Waise pflichtschuldigst an und päppele sie bis diesen Tag mit Milch und Wasser weiter, bis sie im Stande sein wird, sich durch eigenes Ingenium ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Eine ganz neue Erscheinung waren für mich die Quadusen, im Baue ähnlich dem Hasen, doch mit kürzeren Ohren und Springfüßen und trippelnd wie der Dachshund.

Auch machte ich von Massaga aus dem Vulkane gleiches Namens einen Besuch, um vorläufig einige Zeichnenstudien dieser eigenthümlichen Naturbildungen zu nehmen. Ich hätte sehr gewünscht ins Innere des Hauptkraters hinabsteigen zu können, der mehre höchst interessante und groteske Schwefelformationen enthalten soll; dies allein zu unternehmen ward mir jedoch als eine absolute Unmöglichkeit dringend widerrathen, da ebensowohl die während der Regenzeit sehr häufigen und plötzlich eintretenden Nebel den Weg ungemein erschweren, als auch die noch fortwährenden Entwickelungen von Schwefelwasserstoffdämpfen den einsamen Wanderer leicht der Gefahr des Erstickens aussetzen. Auch hätte ich mein armes Pferd um keinen Preis über die verglaste Schlackenmasse hinweggeschunden und eben so unmöglich war es, trotz aller Nachfragen und Geldanerbietungen einen Führer und ein Maulthier zu erlangen. Nichtsdestoweniger habe ich die Lavafelder so viel als möglich kreuz und quer durchstrichen und auch einen kleineren Nebenkrater erklettert, bis mich körperliche Erschöpfung und meine total zerrissenen Schuhe zur Rückkehr nöthigten, habe auch, trotz der erschwerenden Umstände einige höchst interessante Studien zustandegebracht.

Das Durchwandern dieser öden, und doch dabei an malerischen Schönheiten so reichen Landschaft, gewährte mir einen eigenthümlichen Reiz, dem ich nicht Worte zu geben vermag.

VII. Indigobereitung. – Verfall des Landbaues. – Schlimme Aussichten für Ansiedler. – Gefährliche Galanterie. – Zunahme der ärztlichen Praxis. – Einfluß des Mondes. – Selbsthülfe zu rechter Zeit. – Die Schwefelquellen von Tipitapa. – Gefährliche Begegnung. – Kriegsanstalten. – Militairische Exercitien.

Ihr habt mich zuletzt Anfang August 1851 auf der Rückreise von Leon nach Granada verlassen, woselbst ich mein Malergeräth und sonstige Effecten in Verwahrung gelassen und nun endlich meinen Reisegefährten, Mr. Squier, selbst, oder doch wenigstens gewisse Nachricht über die Zeit seines Eintreffens vorzufinden hoffte. Da beides nicht der Fall war, beschloß ich wenigstens, die Zeit zu fleißigen Arbeiten für mein Portefeuille und kleinern Ausflügen in der Umgegend zu benutzen.

Mein erster ging über den Bergrücken, welcher Granada von Rivas trennt, nach einer Hacienda des Don Emanuel B.........., die mir als eine der vorzüglichsten geschildert worden war, sowohl für den Kaffee- und Cacaobau, wie für Erzeugung des Indigo, mir also die beste Gelegenheit bot, mich über den Betrieb des hiesigen Landbaues zu unterrichten. Ich war in Begleitung eines so gebildeten wie liebenswürdigen jungen Mannes aus Granada, Don Jose S.... Unser Weg führte theils durch herrliche Wälder, theils durch angebautes Land, dessen Hauptproducte Indigo, Mais und Bananen sind.

Ziemlich auf der Höhe eines kleinen Gebirgsrückens, etwa 8 Miles von Granada, hatte ich die Freude, die Ueberreste eines wahrscheinlich aztekischen Idols aufzufinden; obgleich nur aus geringem und weichem Material gearbeitet und arg mitgenommen von der Witterung, wie von der Zerstörungslust der Maulthiertreiber, die im Vorbeiziehen gern einen Streich mit der Macheta (lange, schwertartige Messer, die zugleich als Waffe und als einziges Hau- und Schneidewerkzeug dienen) gleich einem alten Sündenbocke danach führen, zeigte es doch noch deutlich die nicht unschönen Proportionen und auffallende Aehnlichkeit mit den flachstirnigen Physiognomien mexicanischer Monumente.

Mehrfach bemerkte ich unterwegs einen merkwürdig lauten Hall des Hufschlages unserer Pferde, entweder von den Lavafeldern herrührend, über die sich die wunderbar üppige Vegetation dieses Himmelsstriches gebreitet, oder vielleicht auch von vulkanischen Höhlungen, die der Erdoberfläche ziemlich nahe liegen. Ich habe bis jetzt noch nirgends eine so bedeutende Verstärkung und Weitertragung des Schalles vernommen wie hier, am auffallendsten aber bei Besteigung eines etwa 10 Miles von Granada liegenden Berges, der eine entzückende Fernsicht von den Gebirgen von Leon bis hinab nach St. Carlos bietet und wo ich, zufällig am Boden liegend, ganz deutlich Trommeln und Musik aus Granada vernahm, während man stehend nichts davon hören konnte.

Rings um den Mombatch, den Hauptstock des Gebirges von Granada, dessen eingestürzter, gewaltiger Krater von allen Seiten die malerischesten Umrisse bietet, erheben sich eine Menge größerer und kleinerer Hügel, theils noch jetzt fortwachsend, getrieben von der Gewalt des unterirdischen Feuers, das einen derselben in den letzten vier Jahren über 30' gehoben hat, vielleicht aber doch nicht mehr Kraft genug besitzt, um noch kleinere Nebenkrater zu bilden, wie sie sonst bei Vulkanen mehr oder minder vorkommen.

Auf der erwähnten Hacienda, die wir gegen Abend auf den jetzt überall durch den Regen grundlos gewordenen Wegen erreichten, ward uns eine überaus gastliche und freundliche Aufnahme zu Theil, wie denn überhaupt Gastfreundschaft die hervorragendste Tugend der Einwohner dieses Landes ist.

Die Hacienda enthält nebst einem ziemlich bedeutenden Viehstande eine Pflanzung von etwa 12,000 Cacaobäumen und eben so viel Kaffeebäumen; sehr große Strecken waren mit den für den Wirthschaftsbedarf nöthigen Mais und Bananen, hauptsächlich aber mit Indigo bebaut, dessen Fabrication mich am meisten interessirte. Bekanntlich ist der Indigo nur ein Oxyd des durch Gährung aus der Pflanze gezogenen und ursprünglich grünen Saftes. Die Pflanze wird zu diesem Zwecke kurz über der Wurzel abgeschnitten, in großen gemauerten Bassins dicht aufgespeichert und das Ganze unter Wasser gesetzt. Die darauf wirkende heiße Sonne färbt das mit dem Pflanzensafte geschwängerte Wasser bald grün, worauf es in andere, tiefer liegende Behälter abgelassen, dort durch fortwährendes Rühren und Peitschen mit der Atmosphäre in Contact gebracht wird und so allmälig erst jene schöne tiefblaue Farbe bekömmt. Das Umrühren wird anderwärts gewöhnlich durch einen Ochsengöpel oder durch Wasserkraft bewerkstelligt, hier aber durch eine Procedur, die einen wirklich höchst possirlichen Anblick gewährte, nämlich durch eine quer durch den Behälter gehende, mit kurzen Stangen gespickte Holzwelle, in welcher in der Mitte eine Art Schaukelbret angebracht ist, an dessen Enden zwei Männer sitzen, die durch abwechselndes Aufstehen und Niederkauern die ganze Maschine, nach Art der Nürnberger Sägemännchen, in Bewegung setzen. Man kann kaum etwas Komischeres sehen, als diese hockenden, schreienden, schwitzenden, oben kupferfarbigen und unten echt indigogefärbten Indianer.

Die ganze Plantage war in früherer spanischer Zeit, aus welcher überhaupt alle umfassenden Anlagen und bessern Einrichtungen herstammen, mit großer Umsicht angelegt; weit ausgedehnte gemauerte Kanäle brachten das Wasser nach allen Theilen der in geordneten Reihen stehenden Pflanzung. Fortwährende Revolutionen, deren ungefähr aller drei bis vier Jahre eine ist und durch welche jedesmal die Reichern durch Contributionen arg geschröpft werden, haben das Vermögen der Besitzer sehr heruntergebracht; die Kanäle sind verschlammt, die Indigofelder voller Unkraut, in traurigem, wüstem Zustande, der nur eben so weit bewältigt wird, um nicht Alles ganz einschlafen zu lassen.

Traurige Zustände, denen allein durch eine recht gesunde, kräftige Einwanderung abgeholfen werden könnte, wozu aber wiederum nur eben solche Leute tauglich wären, welche sich zuvor in den Vereinigten Staaten die Hörner ein wenig abgelaufen und dort erst gelernt hätten, wie man sich in fremdem Lande am besten organisirt und seine Kräfte anwenden muß, um die mehrsten Körner aus seinem Weizen zu dreschen. Solche aber, welche direct aus Deutschland herüberkommen und etwa meinen, es würden ihnen bei nur geringer Mühe die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, werden hier wahrlich schlechte Rechnung finden. Doch hierüber werde ich mir am Schlusse meiner Reiseberichte noch einige besondere Gesammtbemerkungen erlauben.

Einige landesübliche Galanterien sind hier doch solcher Art, daß der nicht eingewohnte Europäer sich dagegen bei Zeiten verwahren muß, wenn er nicht, wie ich, die üblen Folgen verschmecken will. Die jungen Damen vom Hause hatten die Artigkeit gehabt, mir zur Nacht eine mächtige Schale voll Jasmin unters Bett zu stellen. So gut gemeint dies auch war und vermuthlich eine landesübliche Sitte gegen Gäste, hatte es doch zur Folge, daß mein armer Kopf mir andern Tages noch viermal so dick und schwer, als gewöhnlich vorkam. Ich empfehle meinen Nachfolgern also nicht blos Vor-, sondern auch Untersicht beim Zubettgehen!

Aber nicht nur in Bezug auf Land und Leute, sondern auch an mir selbst habe ich Entdeckungen gemacht, die Euch in Erstaunen setzen werden. Wie Ihr wißt, hatte mein trefflicher Freund, Dr. Gescheidt in New-York, mich beim Antritte meiner Reise mit einem kleinen chirurgischen Besteck, Anleitung zum Aderlassen, sowie einigen allgemeinen medicinischen Regeln ausstaffirt. Schon während der Fahrt auf dem St. Juan-River hatte ich Gelegenheit gehabt, von ersterm verdienstliche Anwendung zu machen. Hier aber sollte ich in noch ganz andere Versuchung geführt werden.

Der alte Herr, dessen Gastfreundschaft ich genoß, von Umfang des Leibes ziemlich einem Falstaff gleich, befand sich am Abend sehr übel und wollte guten Rath von mir. Solchen nicht geben, heißt hier sehr unhöflich sein, denn selbst Demosthenes würde diese braven Leutchen nicht überzeugt haben, daß ein Europäer (zumal ein Deutscher) und ein Doctor nicht ganz identisch seien. Zum Glück war der Fall ziemlich einfach, da der Hauptgrund der Krankheit augenscheinlich in täglich fünfzehn- bis achtzehnstündigem Schlaf im Hammock und etlichen Tagesmahlzeiten à proportion seines Leibesumfanges lag. Nach Pulsfühlen und gewichtigem Fingerandienaselegen verabreichte ich ihm eine gehörige Dosis meiner prächtigen Aloëpillen, die, wenn sie nichts nützten, doch auch nicht schaden konnten, machte ihn aber aufmerksam, ja nicht zu Nacht zu speisen, was jedoch eine unmöglich zu befolgende Vorschrift war, weil der gute alte Papa eine mörderliche Angst hatte, in diesem Falle über Nacht Hungers zu sterben. Zwei Becher gewürzter Chocolade mußte ich also nolens volens concediren. Trotzdem war der Zustand des Patienten am andern Morgen bedeutend besser, da die Pillen ihre bekannte Eigenschaft kräftigst bethätigt hatten, und ich empfing von der gesammten Familie die feierliche Versicherung, daß ich ein großer Doctor sei – was denn doch in der That eine nagelneue Entdeckung genannt werden kann!

Am Tage darauf kam jedoch ein bedenklicherer Fall: ein Knecht war von einem Maulthiere an den Schlaf geschlagen worden und lag für todt da. Natürlich sollte und mußte der Sennor e'strangero da wieder Rath schaffen. Ich spürte noch einige Lebenszeichen an ihm und verfuhr nun flugs wie der gute Dr. de Montegre mit mir vor vier Jahren in Paris verfahren, als ich jenen unfreiwilligen Purzelbaum von 44' Höhe vom Gerüste herab gemacht hatte, d. h. ich ließ dem Scheintodten von mehrern Personen zugleich die Hände und Füße mit ganz heißem Wasser waschen, bis ich wieder Pulsschläge fühlte, worauf ich ihm eine Ader öffnete, und hatte die Freude, ihn bald wieder bei voller Besinnung zu sehen. Die Moral der Sache ist, daß etwa hierher pilgernde Landschaftsmaler sich darauf gefaßt machen müssen, nebst ihrer Kunst auch noch ganz andere Künste zu üben. Dergleichen Kopfstöße scheinen übrigens hier etwas sehr Gewöhnliches zu sein, denn besagtes Individuum ward wenigstens, außer jener kurzen Gefahr, eine Reise in den Himmel zu machen, weiter nicht sehr von den Nachwehen belästigt, und hülste schon am Nachmittage ganz gemüthlich und zu meiner großen Freude Cacao aus, denn ich habe eine wahre Heidenangst, daß meine wider Willen ausgeübte Doctorpraxis mich einmal recht ordentlich in die Klemme bringt, wo die gute Absicht einen kaum ausreichenden Trostgrund für angerichtetes Uebel gewähren dürfte.

Auch die in der tropischen Zone so heftigen Einflüsse des Mondes wie der Sonne habe ich einige Zeit darauf an mir selbst erfahren. Von ersterem, als ich eine Nacht so lag, daß die Strahlen des Mondes eine Zeitlang auf mein Gesicht schienen. Nach lebhaften, ängstigenden Träumen, von denen mich doch sonst mein gesunder Schlaf nach körperlicher Ermüdung immer frei läßt, erwachte ich mit überaus heftigem, nervösem Kopfschmerz, der den ganzen folgenden Tag anhielt und meine ganze, vom Monde beschienene Gesichtshälfte dick aufschwellte.

Schlimmer bekam mir die andere Erfahrung in Bezug auf die Sonne, die möglicherweise sogar den Grund zu der bösen Krankheit gelegt haben kann, die mich bald darauf befiel. Ich hatte Dr. Livingston wieder ein Stück nach Leon zurückbegleitet, um später von dieser himmlisch gelegenen Stadt aus meine Malerexcursionen vorzunehmen; vorher aber wollte ich trotz des Abmahnens allein den heißen Schwefelquellen von Tipi-Tapa und dem Vulkane von Massaga einen Besuch abstatten. Von Managua aus führt der Weg über die große Ebene, welche die Seen von Granada und Managua trennt, theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald, theils durch baumloses Sumpfland. Die Sonne brannte heiß hernieder auf den einsamen Wanderer, das 5 bis 6 Fuß hohe Schilf gewährte keinen Schutz gegen die senkrechten Strahlen, und die Sumpfluft lag bleiern über der lautlosen Landschaft. Roß und Reiter trieften von Schweiß und suchten vergebens nach erquickendem Schatten und Wasser. Mir ward plötzlich so schwindlich und unwohl, daß ich mich nicht mehr im Sattel zu halten vermochte und, da ich die Ursache meines Uebelbefindens errieth und allenfalls noch Bewußtsein genug hatte, um meinen Rock abzustreifen und meine Lanzette hervorzuholen, so versuchte ich hier zum ersten Male meine Kunst an mir selbst und öffnete mir eine Ader. Nach einiger Zeit erwachte ich wieder aus der Ohnmacht, in die ich verfallen war, hatte starken Blutverlust gehabt, fühlte mich aber auch sehr erleichtert dadurch. Mein Schimmel dachte nicht ans Fortlaufen, sondern beschnoperte neugierig bald mich, bald die Blutpfütze. Ich band mir das Taschentuch so fest ich konnte, um den Arm und kletterte mühsam auf's Pferd, konnte aber diesen Tag vor Mattigkeit Tipi-Tapa nicht mehr erreichen, sondern mußte in einer kleinen Hacienda übernachten, wo mein armes Pferd, da kein Futter vorhanden war, sich das seinige selbst im Protero (Weideplatz) suchen mußte, der noch dazu über eine englische Meile entlegen war. Dieser letztere Uebelstand tritt sehr oft ein und deshalb bringt jede Reise die Thiere sehr herunter, besonders wenn man schwer laden muß, wie ich es genöthigt war, da ich bei solchen kleineren Excursionen aus öconomischen Gründen weder Diener noch Packthier bei mir habe.

Nachdem ich mich bei dem gutmüthigen Besitzer der Hacienda einen Tag ausgeruht, riskirte ich, trotz der erhaltenen Witzigung, noch einen Besuch der Schwefelquellen von Tipi-Tapa, welche ungefähr eine Meile vom genannten Flecken, an der Stelle liegen, wo der Rio di Tipi-Tapa (ein Ausfluß des Sees von Managua) sich zwischen großen Felsbrocken verliert.

Die stärkste dieser Quellen erhebt sich inmitten eines, theils sumpfigen, theils mit Steingerölle gefüllten flachen Kessels aus einem, durch Niederschlag der das Wasser sättigenden Mineralien gebildeten Hügelchen von acht bis zehn Fuß Höhe. Das Wasser quillt ganz siedend hervor und entwickelt eine Menge von Schwefelwasserstoffdämpfen, die mich, als ich beim Losbrechen und Sammeln einzelner Stücken des Niederschlages etwas zu lange verweilte, ganz schwindlich machten. Ich befürchtete eine Rückkehr des vorerwähnten Ohnmachtanfalles und entfernte mich so schnell als ich vermochte. Es ging auch bald vorüber, als ich nach einiger Zeit in freiere Luft kam, und ein Fußbad in dem etwas weiter entfernten abgekühlten Wasser wirkte besonders wohlthätig auf mich.

Eine zweite heiße Schwefelquelle entspringt inmitten eines kleinen Teiches von ganz kaltem Wasser, wie dies auch bei den Liparischen Inseln an der Küste Siciliens gefunden wird, und noch mehre andere, von minderer Bedeutung, nicht weit davon. Alle diese Quellen enthalten augenscheinlich eine große Menge Schwefel, Kochsalz, sowie einige andere kräftige Substanzen, und werden dereinst einmal, wenn erst eine zahlreichere und betriebsamere Bevölkerung das Land etwas empor gebracht haben werden, gewiß eine sehr besuchte Heilquelle bilden, und einen nicht weniger bedeutenden Exportartikel liefern.

In Folge dieser beiden eigenen Erlebnisse kann ich alle, mir etwa nachfolgenden Reisenden, zumal so lange sie sich noch nicht völlig an das hiesige Klima gewöhnt haben, nicht dringend genug warnen, selbst kleinere derartige Ausflüge niemals allein zu unternehmen.

Als ich Tags darauf auf meinem Rückwege durch einen Wald über eine Art von Kreuzweg kam, riefen mir von der Seite drei Berittene, mit Lanzen bewaffnet, ein grimmiges »Halt!« zu; ich verspürte jedoch nicht sonderlich viel Lust mich mit ihnen in nähere Expectorationen einzulassen, und als einer davon mit erneutem Rufe ein Pistol aus der Halfter zog, nahm ich, so miserabel und unkriegerisch mir auch noch zu Muthe war, meine getreue Büchse herauf, was die drei Helden, zu meiner großen Befriedigung, bewog, Kehrt zu machen und sich nicht weiter um mich zu bekümmern. Ich erfuhr bald darauf, daß es der Vorposten eines, in Managua garnisonirenden, etwa 300 Mann starken Corps der Granadiner Reichsarmee war, welche zum bevorstehenden Kampfe mit den Leonesern zusammengezogen wird.

Ihr müßt nämlich wissen, daß seit etwa zwei Wochen wiederum eine neue Revolution sammt allen Gräueln des Bürgerkrieges im Anzuge ist, ohne daß ich selbst bis jetzt viel davon bemerkt hatte. Die respectiven Regierungen von Granada und Leon haben einen Aufruf an alle waffenfähige Bürger erlassen, zur Rettung des Vaterlandes herbeizueilen, welcher Aufruf jedoch, wenigstens auf Seite der Granadiner, eben keinen absonderlichen Enthusiasmus erregt zu haben scheint. Eine Abtheilung dieser barfüßigen Prätorianer liegt, wie gesagt, in Managua, größtentheils mit Flinten bewaffnet, von denen die eine keinen Ladestock, die andere kein Bajonett, die dritte sogar kein Schloß hat, sehr viele davon aber wohl beim ersten Schuß springen werden. Dieses Corps steht unter dem Commando eines Generals, der sich in besseren friedlichen Zeiten damit beschäftigt, verdorbene Uhren noch mehr zu verderben.

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