Ein Jahr in Central-Amerika. (continued 2)
Reading edition
Auf der Durchreise ward mir das Glück zu Theil, diese tapferen Spartaner manövriren und exerciren zu sehen. In Erwartung nämlich, daß der Feind kommen werde, laufen die Helden einstweilen täglich einige Stunden, einer hinter dem andern, rings um den geräumigen Marktplatz herum, wozu abwechselnd auf einer faßartigen, von zwei Mann getragenen großen Trommel, oder auf zwei kleinen übereinandergebundenen, Tambourins gleichenden Trömmelchen tapfer darauf losgepaukt wird. Auch Festungswerke hat man errichtet, wenn man nämlich einige, 4 Fuß hohe, einen Fuß dicke Mäuerchen aus Luftziegeln und von Holzklötzen und Balken gestützt, mit diesem Titel beehren will. Auf der Gegenpartei mag es wohl auch nicht viel besser aussehen, und so stehen sich denn die Löwen kampfgerüstet einander gegenüber.
Der Hauptkern dieser ewig wiederkehrenden Katzbalgereien, die das arme Land nur aussaugen und keinen gedeihlichen Zustand zur Blüthe kommen lassen, beruht auf einem individuellen Streite der Machthaber von Leon und Granada, und diesmal scheint mir die Granadiner Partei insofern im Rechte zu sein, als sie einen, meiner Ansicht nach, ganz vernünftigen Zusammentritt zu einer größeren Föderativrepublik zum Feldgeschrei haben, während die Leoneser eine Art von Sonderbündelei im Schilde führen, aus der natürlich immer wieder neuer Same der Zwietracht erwachsen muß. Das Seltsamste dabei ist aber, daß die ganze Sache sich eigentlich nur um das Privatinteresse von etwa einem Dutzend tonangebender Personen dreht, die Hauptmasse der Bevölkerung derselben ziemlich fremd bleibt und nur insofern Interesse daran hat, als sie immer wieder das blutende Opfer dieser Kämpfe werden muß; von wahrem Patriotismus, freudiger Hingebung an das allgemeine Wohl des Vaterlandes habe ich aber verwünscht wenig bemerkt, trotzdem die Leute derlei pomphafte Reden ewig im Munde führen.
Solche Wahrnehmungen, so viel sie auch zur Erweiterung meiner Welt- und Menschenkenntniß beitragen, betrüben doch recht herzlich in einem Alter, das noch für allerhand schöne und ideale Illusionen empfänglich ist. Hat man auch endlich hier und da noch einige edle Züge entdeckt, so schrumpfen bei näherer Prüfung auch davon noch die meisten zu einer gedörrten Frucht zusammen, die sich nur das Ansehen einer frischen zu geben strebt. So jung ich auch noch bin und so wenig Welterfahrung ich auch in dieser Hinsicht noch gesammelt, ist mir doch der Appetit nach mehren schon ziemlich vergangen.
VIII. Der geendigte Krieg in Nicaragua. – Aufregung in Granada. – Unangenehme Conflicte. – Meeting in Massaga. – Hauptquartier in Managua. – Don Fruto Chamorro. – Gefecht von Nagarote. – Erkrankung. – Gefecht von Chinandega. – Mißverhältniß der Streitkräfte. – Vertrag von Posolteja. – Treubruch des Generals Lopez. – Ehrenhaftes Benehmen des amerikanischen Gesandten. – Traurige Aussichten.
Leon, d. 1. December 1851.
So widerlich und betrübend für den Menschenfreund auch das seit meinem letzten Berichte hier zu Ende geführte Drama ist, kann ich mich doch nicht enthalten Euch das schmachvolle Ende dieses neuesten zahmen Revolutionskampfes von Nicaragua zu schildern. Ich will eine möglichst ausführliche und getreue Darstellung der letzten Ereignisse versuchen, einmal, weil, soviel ich weiß, keine der bisherigen Correspondenzen in amerikanischen Blättern frei von Irrthümern war, was seinen natürlichen Grund darin hat, daß keine dieser Correspondenzen von Leon aus erfolgte, wo die Haupttragödie – oder Comödie, wie man es nehmen will – gespielt hat und hier zu Lande, wie anderwärts, jede Meile ein wenig an der Nachricht verändert, so daß eine Mosquitofliege, welche in den Straßen von Leon ausfliegt, schon in Granada als ein zweiköpfiger Drache anlangt und bis St. Juan zu einem Monstrum mit hundert Köpfen und tausend Armen anschwillt.
Nebstdem vermag aber auch nichts einen deutlicheren Begriff der hiesigen unglückseligen Landesverhältnisse zu geben, als eine schlichte Darstellung solcher Ereignisse, die sich schon so oft in gleicher Weise wiederholt haben und noch wiederholen werden, mit dem einzigen Unterschiede, daß dann immer andere Hauptacteurs figuriren; die Hauptsache bleibt aber dieselbe.
Meine letzte (dritte) Reise von hier nach Granada und zurück, um einen meiner Creditbriefe in klingende Münze zu verwandeln, so wie eine zufällige Unterhaltung mit dem eben zurückgekehrten Präsidenten Pineta, der mir aber zu jener Zeit noch unbekannt war, in Massaga, erlauben mir die genaueste Auskunft über das zu geben, was sich auf Seite der Granadiner zutrug. In Betreff der Leoneser Partei setzen mich die detaillirsten Mittheilungen eines, zur Zeit hier noch residirenden, höchst achtbaren Amerikaners, dessen verantwortliche Stellung mir jedoch die Nennung seines Namens verbietet, der aber von allen Vorfällen auf das Genaueste unterrichtet ist, in den Stand auch dasjenige zu berichten was sich zutrug, als ein hitziges Fieber mich ans Bett fesselte und somit verhinderte, Augenzeuge der Vorfälle zwischen dem General Lopez von Honduras und dem Leoneser General Munoz zu werden. Endlich aber überzeugten mich mehre Unterhaltungen mit dem Minister Chicodilla, welcher fast täglich das Haus meines gütigen Wirthes und Pflegers, des Dr. Livingston besuchte, von der vollkommenen Richtigkeit aller jener Mittheilungen.
Ich übergehe meine letzte Hinreise nach Granada, die den früher schon beschriebenen gleich war, bis auf den Umstand, daß ich diesmal meinen Weg über Tamarinta-Bay nahm, welche ich jedoch nur in der Entfernung einer (engl.) Meile zu Gesicht bekam, da der Sumpfboden, in welchem mein armes Pferd bis an den Sattelgurt versank, mir nicht verstattete, näher hinan zu gelangen. Dieser Abstecher brachte mir nebenbei auch noch das Vergnügen einer schlaflosen und höchst qualvollen Nacht ein, in der ich von Mosquitos und Sandfliegen, – das allerlästigste Insect von der Welt – beinahe aufgefressen worden wäre.
Am Tage, oder richtiger am Abend, wo ich Granada wieder verließ, war die Stadt aus zweierlei Anlaß in lebhafter Aufregung. Zuerst war früh 9 Uhr die Nachricht eingetroffen, daß der vertriebene Präsident Pineta aus seiner Verbannung über Segovia und Tipitapa eintreffen werde, infolge dessen jedermänniglich und weibiglich sein Haus aufs Beste mit Fahnen, Teppichen und Blumen zu schmücken bemüht gewesen war. Diese Freude der Granadiner ward jedoch unangenehm durch den blinden Lärm gestört, Colonel Mac-Claen sei mit einer großen Anzahl Amerikaner in St. Juan del Sur den Leonesern zu Hülfe gekommen und rücke mit Heeresmacht heran, um Granada zu bedrohen. Daß diese letzte Nachricht völlig unwahr, wußte ich sehr wohl, denn noch bevor ich Leon verließ war besagter Colonel mit nicht mehr als 14 Mann amerikanische Freiwillige dort eingetroffen, welche Heeresmacht noch durch etliche Zuläufer bis zu einer sehr schwachen Compagnie angewachsen war, die Mac-Claen eben noch möglichst einzuexerziren sich abmühete.
Es hatte sich in Granada, Gott weiß aus welchem Grunde und auf welchem Wege, das Gerücht verbreitet, ich sei Träger einer bedeutenden Geldsumme für Munoz, welche seine Freunde in Granada ihm zusendeten. – Du lieber Himmel! als ob ein armer reisender Maler überhaupt jemals Träger einer bedeutenden Geldsumme sein könnte? – und als ich die Plaza passirte, ward ich vom Pfeifen und Schreien der Menge begleitet, während ein junger, ziemlich anständig gekleideter Mensch sogar unverschämt genug war, mich auf englisch zu insultiren und mich als Parteigänger Munoz bezeichnete, den man anhalten, das Pferd wegnehmen müsse und endlich gar das Wort Scoundrel (Schurke) gebrauchte. Wer ein gut Gewissen hat, braucht sich nicht schimpfen zu lassen, dachte ich, wendete augenblicklich mein Pferd und zog, auf den Laffen losgaloppirend, den Ladestock meiner Büchse, um ihm die verdiente Züchtigung angedeihen zu lassen; er flüchtete sich aber in ein Haus, durch dessen verschlossene Thür ich ihm freilich nicht folgen konnte, was mir für den Moment um so lieber war, als die späte Tagesstunde, so wie ein heraufziehendes schweres Gewitter mich zur Eile antrieb; treffe ich aber den Burschen jemals wieder, so dürfte unsere Begegnung zur Folge haben, daß ich mir einen neuen Ladestock anschaffen müßte.
Ich wünschte noch vor später Nacht Massaga zu erreichen und legte die 5 Leguas, durch den unaufhörlichen Regen bodenlos gewordenen Weges bis dahin so schnell wie möglich und mit all der Vorsicht zurück, die eine Vedette in Feindesland anwendet, denn nach den gemachten Erfahrungen mußte ich jeden Augenblick gewärtig sein, den Pfeil eines Meuchelmörders aus dem Dickicht schwirren zu hören. Nichts der Art trug sich indessen zu und gegen 10 Uhr Abends ritt ich in das Gehöft einer bekannten Familie ein, bei der ich schon zweimal übernachtet hatte.
Ich fand in diesem Hause, wo ich sonst nie einen Mann, außer dem Besitzer, getroffen hatte, eine Versammlung von zehn bis zwölf Männern vor, von denen einer, ein hochgewachsener helläugiger Mann mit blondem oder grauem Haare, – wegen mangelhafter Beleuchtung konnte ich den Zweifel nicht lösen – der gutmüthig in die Welt hinausblickte, el Sennor Directore genannt wurde. Ich war zu sehr mit dem Gedanken an meine Weiterreise mitten durch die, einander feindlich gegenüberstehenden Heere, so wie mit der Befriedigung meines Appetits beschäftigt, um der Unterhaltung dieser Gesellschaft absonderliche Aufmerksamkeit zu schenken; allein auf einige an mich gerichtete Fragen über Zweck und Endpunkt meiner Reise, so wie um meine Meinung über das Land, die Revolution und die Stimmung der Fremden, antwortete ich frank und frei, ohne mir ein Blättchen vor den Mund zu nehmen, so daß ich sicher war, verstanden zu werden. Zudem sorgte auch noch ein junger Mann, Namens Rivas, dafür, aus einer der angesehensten Familien Massagas, der geläufig englisch und französisch sprach und meinen Dollmetscher machte. Auf meine Aeußerungen der Entrüstung: daß in einem kleinen Lande wie Nicaragua, das man selbst auf der größten Specialkarte bequem mit der Hand bedecken könne und dennoch zwanzigmal mehr Flächenraum habe als zum Unterhalte seiner Bewohner nöthig, die Menschen nicht einmal in Ruhe und Frieden mit einander leben könnten, lachte jener blondgraue Herr recht aus vollem Herzen und schnitt dazu ein Gesicht wie mein Schimmel, wenn ich ihm die Schüssel voll süßen Mais vorhalte.
Ohne weitere Abenteuer langte ich andern Tages bei guter Zeit in Managua an, wo man mich nach meinem Paß vom Präfecten von Granada fragte und mich auf meine verneinende Antwort an den commandirenden General Don Fruto Chamorro verwies. Ich war vortrefflich mit doppelten Pässen versehen, einen vom Ministerium in Washington und einen zweiten von Sennor Don Marcoleta, spanischer Gesandter bei der Regierung der Vereinsstaaten und den Staaten von Central-Amerika, dachte mithin nicht im mindesten daran, umzukehren.
Nachdem ich mich und mein Roß erst mit einigem Imbiß gestärkt, ritt ich straks vor Don Fruto's Hauptquartier. Es wimmelte von Officieren, Ordonnanzen und Soldaten aller Waffen, wohl ihrer hundert, kurz einem Generalstabe, mit dem sich eine Armee von 50,000 Mann allenfalls hätte begnügen können. Das erste Beginnen dieser Helden war, mich zu entwaffnen, ja einer schnallte mir sogar die Sporen ab, während zwei Andere mein Pferd hielten. Ein Officier bezeigte sogar Lust, Hand an mein Toledoschwert zu legen, was ich jedoch fest entschlossen war nicht auf-, sondern dem dreisten Menschen eines damit über den Kopf zu geben, als Don Fruto's Dazwischenkunft noch bei Zeiten alle weiteren Gewaltthätigkeiten verhinderte, bei denen meine Wenigkeit am Ende doch wohl den Kürzeren gezogen haben dürfte. Da ich aber nun einmal auf hohem Pferde saß, ließ ich ihm einige sehr scharfe Redensarten verschmecken, worauf er, wie ich nicht anders erwartet hatte, sein Visa ohne weiteres Zögern unter meine Pässe setzte.
Auf halbem Wege zur nächsten Station (Mitiares) begegnete mir ein Officier in großer Hast und Eile und von äußerst mürrischem Ansehen; im Dorfe selbst angelangt, welches der letzte befestigte Posten der Granadiner war, fand ich etwa 200 bis 250 Mann, ganz entkräftet, mit bei Seite geworfenen Waffen überall schlafend umherliegen, während von Zeit zu Zeit immer noch Andere vereinzelt und eben so erschöpft anlangten. Am Ausgange des Dorfes erfuhr ich die Ursache hiervon. In vergangener Nacht war ein vorgeschobenes Corps von 350 Mann im Dorfe Nagarote von den Leonesern plötzlich mit großem Ungestüm angegriffen und in die Flucht geschlagen worden. Genauere Details konnte ich zur Zeit nicht erfahren, außer daß ein Colonel Silaga – auch Cachirullo genannt – durch einen Lanzenstich getödtet worden sei, was mich aufrichtig betrübte, denn ich war schon bei meiner ersten Anwesenheit in Leon mit diesem Colonel persönlich bekannt und befreundet worden und hatte ihn als braven, gebildeten Officier und auch sonst um Vieles höher schätzen lernen, als einen großen Theil seiner Landsleute.
Bis Abends 7 Uhr begegnete ich noch Nachzüglern, theils einzeln, theils in kleinen Trupps, theils mit, theils ohne Waffen, theils auf der Heerstraße einherschwankend, theils aus dem Walde kommend, wohin sie sich in ihrem Schrecken geflüchtet hatten.
Tief in der Nacht und triefend von Regen langte ich in Nagarote an; am Eingange des Dorfes lagen einige getödtete Pferde und die Bewohner waren noch so voller Schrecken über die letzte Affaire, daß ich nur erst, nachdem man meine von früherher noch bekannte Stimme wieder erkannt hatte, Einlaß ins Wirthshaus erhielt.
Dies waren die einzigen persönlichen Rencontres, die ich mit den Heeren der kriegführenden Mächte von Central-Amerika zu bestehen hatte, und aller Wahrscheinlichkeit nach waren es diese Vorfälle, aus denen der Correspondent eines New-Yorker Blattes die grausenhafte Geschichte meiner Gefangennehmung und tödtlichen Verwundung zusammengeschmiedet hatte, die Euch, Ihr Lieben, leider in so große Sorge und Angst um mich versetzte. Die Münchhausiade sei ihm in Gnaden verziehen.
In Leon, das ich am andern Morgen ohne weitere Fährlichkeiten erreichte, erfuhr ich erst die genaueren Details über jenes Gefecht von Nagarote. Dreißig Mann Infanterie, ungefähr eben so viele Cavalleristen und etwa ein Dutzend amerikanischer Scharfschützen waren unter Befehl des Colonel Silaga auf eine Recognoscirung detachirt worden und stießen unvermuthet auf den Feind. Als die Vorposten feuerten, ging's gleich mit Hurrah und Halloh drauf los, und da die Dunkelheit die geringe Anzahl der Leoneser verbarg, so brachte der erste entschiedene Angriff eine eben so entschiedene Niederlage hervor und die Granadiner liefen nach allen Seiten davon, wie ich noch selbst hatte sehen können, und so wild war die Flucht gewesen, daß mehre Armee-Papiere, Geld, Effecten und die ganze Bagage der Officiere, insoweit dieselben dergleichen hatten, in die Hände der Leoneser fielen. Noch am Morgen nach dem Gefechte wurden von den Dorfbewohnern fünf Granadiner aus einem flachen Brunnen gezogen, wohinein sie in der Todesangst gesprungen waren.
Doch genug der Thaten der zerlumpten Helden. Ich war, wie gesagt, glücklich und wohlbehalten in Leon angekommen, mußte aber gleich nach meiner Ankunft den nur aufgeschobenen Tribut der Acclimatisation zahlen, indem ich in ein hitziges Fieber verfiel, das mich über vierzehn Tage ans Bett fesselte und mich sehr von Kräften brachte; nur durch die größte Schonung, treffliche Pflege in Dr. Livingston's gastfreiem Hause, gute Nahrung, Porter u. s. w. kam ich nach und nach wieder auf. Während dieser Zeit war die Entwickelung des traurigen Possenspiels in folgender Weise vor sich gegangen:
Am 4. November war eine Escolta von fünfundzwanzig Infanteristen und fünfundzwanzig Cavalleristen nach Chinandega, einer kleinen Stadt von circa 10,000 Einwohnern, halbwegs zwischen hier und der Küste des Pacific gelegen, entsendet worden, um eine Geldcontribution zu erheben. Commandant des kleinen Trupps war Major Silaga II., Bruder jenes erstgenannten Colonel Silaga, der übrigens nicht in jenem Gefechte von Nagarote geblieben war, sondern nur drei leichte Wunden davon getragen hatte. Dieser Leoneser Trupp war bereits bis auf die Plaza von Chinandega vorgerückt, mit Befremden nur durch leere Straßen marschirend, als er plötzlich von allen Seiten mit einem mörderischen Feuer begrüßt ward. Es waren dies Hondurenser Truppen, welchen Staat Granada für sich zu gewinnen gewußt hatte, unter Commando des Generals Lopez, begleitet von dem Minister Chicodilla von Nicaragua, welcher mit dem Präsidenten Pineta die Verbannung getheilt hatte. Schon einige Zeit vorher hatte das Gerücht vom Abfall Honduras und vom Eintreffen dieser Truppen in Leon circulirt, Niemand hatte aber recht daran glauben wollen.
Ein kurz zuvor eingetretener Regensturm hatte zum Unglücke der Leoneser Truppen auf dem Marsche den größten Theil ihrer Munition durchnäßt; die Uebermacht nicht beachtend commandirte Major Silaga dennoch muthig zum Angriff und warf den Feind auch wirklich fünf Straßen weit zurück, über einen kleinen Fluß. Hier aber ward er mit solcher Heftigkeit von drei Seiten angegriffen, daß er nicht länger Stand zu halten vermochte; nachdem jeder seiner Leute die wenigen etwa noch trocken gebliebenen Patronen bis auf die letzte verschossen hatte, zerstreuten sie sich und suchten einzeln, so gut sie konnten, sich einen Ausweg zu bahnen. Der Major Silaga und sein Adjutant, denen beiden die Pferde unter dem Leibe getödtet worden waren, mußten zu Fuß den Weg bis Chichigalpa suchen, an welchem Orte sie so glücklich waren frische Pferde zu erlangen. Von der ganzen Escolta trafen im Laufe der nächsten Tage noch 26 Mann, ohne ihre Officiere, ein; etwa 12 Todte waren auf dem Platze geblieben, worunter die Mrs. Bradburry und Lane. Das Häuflein erreichte glücklich Leon auf weitem Umwege über Realejo. Feindlicher Seits waren bedeutend mehr geblieben. Im Ganzen sollen sich jedoch die Hondurenser, obschon ihnen ihre große Ueberzahl zu statten kam, immer noch besser geschlagen haben, als die Granadiner Helden.
Der General Munoz sah nach diesem Gefechte ein, daß die neuesten zuverlässigen Nachrichten über die nummerische Stärke des Feindes ihm ein sehr zweifelhaftes Resultat in Aussicht stellten. Die Granadiner zählten, die allerdings nur schwachen Garnisonen von Granada, Rivas, St. Juan del Sur, Matagalpa nicht mit eingerechnet, über 1100 Mann, wovon ein großer Theil zuletzt noch in aller Eil ganz gut mit Uncle Sams Musqueten bewaffnet worden war, die Mr. White als Preis seines nichtswürdigen Monopols erschachert hatte; dazu die Hondurenser, zwischen 300 und 400 Mann stark, also zusammen über 1500 Mann disponible Truppen. Diesen hatte Munoz Alles in Allem nicht ganz 700 Mann entgegenzustellen, allerdings besser disciplinirte und exerzirte Leute, mit einer halben Batterie leichter Artillerie unter Commando eines französischen Officiers. Auch sein kleines Häuflein Cavallerie war nicht ganz übel beritten und einexerzirt. Bei solchem nummerischen Mißverhältniß und geringem Vertrauen auf die kriegerische Ausdauer der Eingeborenen, war es daher das Klügste was man thun konnte, mit der Gegenpartei in Unterhandlungen zu treten, um die Stadt doch wenigstens unter möglichst guten Bedingungen zu übergeben.
Munoz sendete daher am 9. November einen Parlamentair ab, der eine Zusammenkunft in Posolteja mit General Lopez stipulirte. Bei Munoz Annäherung mit der gegenseitig accordirten Escolta (die Munozsche bestand aus 2 Officieren, 2 Amerikanern und 6 Lanziers), lief die Granadiner Escolta über eine Legua zurück, bis Chichigalpa, und war erst dort zu überzeugen, daß von dieser, in friedlicher Absicht gekommenen, handvoll Leute nichts zu befürchten sei.
Die Capitulation kam denn auch wirklich zu Stande, und einige ihrer Hauptbedingungen waren: gänzliche Amnestie für alle an dem Revolutionskriege Betheiligten, Entlassung der beiderseitigen Kriegsheere, Freiheit für die amerikanischen Freiwilligen, zu gehen, oder sich friedlich im Lande niederzulassen u. s. w.
Am 12. November ward in Folge dieser Capitulation Leon übergeben; die Amerikaner feuerten den üblichen Salutschuß, während die eingeborenen Artilleristen in den stehenden Batterien postirt waren. Wie groß war aber das Erstaunen des Generals Munoz, als er sich, nachdem er seinerseits pünktlich alle Artikel erfüllt, die Waffen gestreckt und alle seine Truppen entlassen hatte, plötzlich von der eingerückten Abtheilung Leoneser, die er mit einem Handgriff hätte erdrücken können, so lange er seine Truppen noch unter Waffen hatte, überfallen und mit eilf der vornehmsten Officiere gefangen sieht. Der Traktat war dem Präsidenten Abaonza (von Leon) übergeben, dann aber diesem wieder heimlich entwendet worden, und jetzt leugnete General Lopez sogar dessen Existenz ganz ab.
Auf wessen Seite von Anfang her das Unrecht lag, sei hier ganz dahingestellt, und eben so die Erörterung der Frage, ob ein Sieg der Leoneser Partei dem unglücklichen Lande eine bessere Zukunft in Aussicht gestellt haben würde; aber jeder Unbefangene wird sich nach Obigem einen Begriff machen können, was man in Central-Amerika auf die Heiligkeit der Verträge, auf Soldaten- und Mannesehre zu geben hat.
Die Gefangenen hatten sich noch am selben Nachmittage an den sehr ehrenwerthen Mr. Kerr, bevollmächtigten Gesandten der Vereins-Staaten in Nicaragua gewandt und dieser stand keinen Augenblick an sich dieses Vertrauens, so wie der Regierung, die er repräsentirte, vollkommen würdig zu beweisen. Trotzdem er früher laut und unverhohlen kund gegeben, wie weit entfernt er sei, mit der Revolutionspartei und dieser steten Erneuerung der Mißhelligkeiten zu harmoniren, eilte er jetzt bei so grober Rechtsverletzung nichtsdestoweniger, obschon es schon spät in der Nacht war, zum feindlichen General, um unter dem Schutze der Sterne und Streifen auf der Stelle eine energische Protestation gegen solch nichtswürdiges und wortbrüchiges Verfahren, so wie gegen jede etwaige militairische Verurtheilung und Tödtung der Gefangenen, diese geradezu als niedrigen Meuchelmord bezeichnend, niederzulegen. Dieser Akt war keineswegs so leicht und gefahrlos, wie er daheim unter civilisirten Nationen erscheinen mag; denn hier, wo durchschnittlich immer die Hälfte der Soldaten betrunken, und die andere noch nicht völlig nüchtern ist und demnach fortwährend Excesse aller Art vorkommen, war es gar nicht unmöglich, daß einige Soldaten, statt ihren patriotischen Heldenmuth durch Freudenschüsse in die Luft kund zu geben, wie man es hier sehr liebt, aus Versehen dem verhaßten amerikanischen Gesandten, der ihrem General so starke Sachen zu riechen gab, eine Kugel durch den Hirnschädel jagte.
Erst zwei Tage darauf wagte es endlich Don Fruto Chamorro mit seiner gesammten Heldenarmee in die Stadt zu rücken, nachdem er sich vorher sorgfältig überzeugt hatte, daß ihm keinerlei Gefahr mehr drohe. Ich hörte von meinem Krankenbette aus die Freudensalven der Soldaten, konnte aber leider den Anblick des mit Lorbeern und Lumpen bedeckten Siegesheeres nicht genießen.
Am 18. brachte eine Escolta Hondurenser 10 Amerikaner, die sich laut Vertrag im Hafen von Realejo hatten einschiffen wollen und im Augenblicke ihrer Einschiffung von den nachgeschickten Truppen gefangen genommen worden waren, in die Stadt. Dr. Livingston und ich, da ich wieder so weit Reconvalescent war, um ausgehen zu dürfen, gingen sogleich um die Gefangenen zu sehen, wurden aber zurückgewiesen. Wir kehrten sogleich um, ich um zu Mr. Kerr zu gehen und ihm den Vorfall anzuzeigen, während Dr. Livingston schriftlich von Don Fruto Chamorro eine Erklärung über diese neue Vertragsverletzung verlangte.
Nach einigem Hinundherverhandeln ward uns endlich allen Dreien der Zutritt verstattet, und traurig genug war der Anblick der armen Leute; in einem wahren Hundeloche, voller Schmutz und Ungeziefer, ohne Essen, Trinken, noch irgend eine Spur von Versorgung. Es wurden indeß vier, welche infolge der Mißhandlungen bedeutend erkrankt waren, sogleich auf Dr. Livingstons Bürgschaft an diesen ausgeliefert, während der Rest, Dank den energischen Schritten des Mr. Kerr, später gegen Handgelöbniß entlassen, und seit gestern in völlige Freiheit gesetzt wurden, bis zu welchem Tage sie alle im gastfreien Hause des Dr. Livingston eine Zufluchtsstätte gefunden hatten.
Die Lage der eingeborenen Gefangenen blieb jedoch nach wie vor dieselbe, und ohne Mr. Kerr's unermüdliche Wachsamkeit, der sich überhaupt während dieser ganzen Zeit kein geringes Verdienst um die Ruhe und Sicherheit der Stadt erworben, wären sie vielleicht schon längst ihres Lebens beraubt worden. Man hatte mehrfach beabsichtigt, dieselben aus dem bischöflichen Palaste, wo sie gefangen gehalten wurden, an einen anderen Ort zu bringen, und es entspräche ganz dem niedrigen Charakter der jetzt herrschenden Partei, bei der sich, wie dies so häufig der Fall ist, Feigheit mit Grausamkeit paart, während des Transportes unter möglichst schwacher Bedeckung, die Gefangenen von einem Haufen gedungener Mörder überfallen und abschlachten zu lassen. Das Gouvernement kann ja dann mit Leichtigkeit alle Schuld von sich abwälzen und öffentlich mit größtem Eifer nach den Dolchen suchen, die es in der eigenen Schärpe trägt.
Das politische Wetter ist übrigens noch entsetzlich schwül und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht binnen ganz kurzer Zeit ein neues Ungewitter losbräche. Durch den, vor einigen Tagen erfolgten Abmarsch der Hondurenser, so wie massenhafte Desertionen unter den Granadinern ist die Stärke der Besatzung, welche Chamorro noch unter seinen Händen hat, auf circa 260 Mann zusammengeschmolzen, und schon tauchen hin und wieder Gerüchte von einem vorbereiteten neuen Aufstande auf. Dazu hat Chamorro in seinem kindischen Unverstande die von Munoz sehr zweckmäßig angelegten Batterien um die Kathedrale, welche dieselbe zu einer, nach hiesigen Verhältnissen, fast uneinnehmbaren Stellung machten und mit deren Hülfe er die ganze Stadt leicht in Schach halten konnte, rasiren und die Geschütze demontiren lassen, während er in seiner ganzen Armee nicht einen Officier besitzt, der fähig wäre sie wieder in Stand zu setzen. Bricht nun früher oder später eine neue Revolution aus, so wird sie jedenfalls grausamer und verderblicher wie die vorhergegangene, und wahrscheinlich würde es dann wiederum den Granadiner Grundbesitzern und Handelsherren ebenso scharf an die Börsen und Waarenlager gehen, wie jetzt den Leonesischen.
Noch muß ich hinzufügen, daß auch Don Fruto Chamorro, auf die offizielle Anfrage seiner Regierung, die Existenz der mit Munoz abgeschlossenen Capitulation gänzlich ableugnete, trotzdem Mr. Kerr die schriftlichen Beweise dafür in Händen hat und dieselben präsentirte, ein Verfahren, für welches in jedem nur halb civilisirtem Lande einem solchen Officier der Degen zerbrochen worden wäre.
Wann wird doch dieses herrliche, von der Natur in jeder Hinsicht so sehr begünstigte Land aufhören, durch die niedrigen Leidenschaften seiner erbärmlichen Bewohner, durch die Schwäche und Hinterlist seiner Machthaber in immer tiefere Degradation zu sinken? Wahrscheinlich nicht eher, als bis die Sterne und Streifen über dem ganzen Isthmus wehen, und zum Heile der Civilisation muß man wünschen, daß dies recht bald geschehen möge.
Quien sabe! – wie die Leute hier zu Lande immer zu sagen pflegen.
Wenig bleibt mir noch hinzuzufügen. Betrachtet man diese letzte Revolution im Ganzen, so ist es allerdings in keiner Weise zu rechtfertigen, den Präsidenten so ohne Weiteres bei Nacht und Nebel über die Grenze zu werfen, so wenig befähigt dieser sich auch für seine Amtsführung zeigen, oder dieselben mißbrauchen mochte; andrerseits dient aber auch das Benehmen eben dieser Schützer der Gesetze den ewigen Revolutionen, wenn auch nicht zur Rechtfertigung, so doch zu einiger Entschuldigung. Ich kenne bis jetzt wenigstens noch kein Volk, das weniger befähigt ist sich selbst zu regieren, und eine Art von russischem Gouvernement würde ihm eine wahre Wohlthat sein.
Die Geschichte bietet Beispiele, wie durch lang anhaltende Tyrannei civilisirte Nationen gänzlich demoralisirt worden sind; dies Volk aber ist ein Beispiel des umgekehrten Falls, der Demoralisation durch Unabhängigkeit, denn von da an datirt sich dieselbe, wenn schon die Ursachen vielleicht noch viel weiter zurückliegen mögen.
Von mir habe ich nur noch zu sagen, daß die Folgen des Fiebers allgemach schwinden und ich dessen quitt zu sein hoffe. Es drängt und treibt mich wieder hinauszukommen, an die Fortsetzung meiner Studien und Arbeiten. Zunächst nach der Küste des Pacific, um mich durch die Seeluft zu stärken, dann nach dem Dorfe Felica, etwa 7 Meilen von hier, wo ich kurz vor der Erkrankung einen altindischen Begräbnißplatz und beim Nachgraben mehre höchst interessante Alterthümer aufstöberte, die ehemöglichst ausgebeutet werden müssen. – – –
IX. Neue Erkrankung. – Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte. – Reiseanstalten. – Aufbruch von Leon. – Nachtlager. – Räubergerüchte. – Nächtlicher Ueberfall. – Eintritt ins Gebirge. – Trockenheit. – Zuckererbauung. – Aztekische Sage. – Beschwerlicher Marsch. – Heimathliche Erinnerung.
Leon, Ende Mai 1852.
Die in meinem letzten Briefe ausgesprochene Hoffnung, durch ein mehrwöchentliches hitziges Fieber den Tribut der Acclimatisation vollständig entrichtet zu haben, sollte leider nicht in Erfüllung gehen und das schlimmste Ende noch nachkommen. Das allzukühne Vertrauen auf meine Jugendkraft und feste Constitution, die Nichtbeachtung gutgemeinter Warnungen, in Bezug auf die schädlichen Wirkungen des Klimas, habe ich, wie Euch mein Brief vom Ende Januar d. J. gezeigt haben wird[2], durch einen sehr bösen Rückfall, der mich nahe an den Rand des Grabes brachte, und mehre Monate an's Krankenlager fesselte, gebüßt. Gottes väterlicher Schutz und die liebevolle Pflege wackerer Menschen haben mich aber die herbe Leidensperiode glücklich überstehen lassen und mich dem Leben, der Gesundheit, der Thätigkeit zurückgegeben.
Laßt mich die traurige Zeit der Krankheit und langsamen Reconvalescens mit Stillschweigen, und sofort zum letzten und angenehmsten Theile meiner Fahrten und Erlebnisse in der Tropenwelt Central-Amerikas übergehen, nämlich zu meiner:
Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte von Nicaragua und Honduras.
Während meiner Krankheit hatte ich endlich bestimmte Nachricht von Mr. Squier erhalten, daß er sein Unternehmen hierher aus wichtigen Gründen leider aufgeben müsse, wenigstens vor der Hand, und somit die eigentliche Absicht meines hiesigen Aufenthalts vereitelt sei. Theils um denselben nun doch wenigstens zu möglichst reicher Ausbeute für mein Malerportefeuille und mein Tagebuch zu benutzen, theils aber auch, um die vom Fieber hinterlassene Schwäche vollends aus meinen Gebeinen zu verjagen, beschloß ich, die noch übrige Dauer der heißen Jahreszeit in dem gesunden Gebirgsklima zu verbringen, womit mein freundlicher Arzt und ärztlicher Freund, Dr. Livingston, vollkommen einverstanden war.
Für eine Reise durch jene noch sehr wenig bevölkerten Gegenden ist es nöthig, sich gleich anfangs mit einem Paar kräftiger Segovier Maulthieren zu versehen, für sich und seinen Diener, da die aus der Plaine nicht zu so beschwerlicher Gebirgskletterei geeignet sind; dabei möglichst wenig Gepäck und einigen Proviant, denn in diesen Gegenden ist der Reisende meist auf sich selbst verwiesen; Gasthöfe kennt man daselbst nicht einmal dem Namen nach. Auf der andern Seite herrscht freilich eine fast unbegrenzte Gastfreundschaft; ein bloßer Empfehlungsbrief sichert einem fast überall die freundlichste Aufnahme und man kann bleiben, so lange man nur immer Lust hat; allein unterwegs ist es oft unmöglich bewohnte Orte zu erreichen, man bleibt, wo man Wasser und Futter für die Thiere findet, den Hammock zwischen zwei Bäumen aufgehangen, wenn nämlich solche da sind, die nackte Erde, auf welcher, der blaue Himmel das Dach, unter welchem man schläft. Ein wenig an der Sonne gedörrtes Fleisch, etwas Totoposke (doppelt gebackene Maiskuchen) bilden Frühstück, Mittag- und Abendessen und ein kleiner blecherner Feldkessel, den man mit sich führt, dient um Kaffee zu kochen, bei welchem die Sahne natürlich meist der Phantasie überlassen bleibt. Die Thiere werden »gehobbelt«, d. h. die Vorderfüße zusammengebunden, und lassen sich während der Nacht die Weide schmecken, wenn nämlich welche da ist.
Gerade zur Zeit, als ich meine Reise antreten wollte, waren Maulthiere beinahe gar nicht zu bekommen und ich gerieth dadurch in einige Verlegenheit, bis ich an das »Maison« gewiesen wurde, dort Abhülfe derselben zu finden. Das Maison ist nämlich ein großes, den orientalischen Caravanserais ähnliches Gebäude, bestehend aus Höfen und Säulengängen, wo jeder ankommende Maulthiertransport seine Ladung deponirt, die Zölle entrichtet und dort gleich verkauft oder einzeln an ihre Bestimmung abliefert. – Dort miethete ich nun von einem Caravanos aus St. Rafael (nahe Matagalpa) ein großes starkes Segovier Pferd (groß im Vergleich mit der kleinen Race des Landes) und ein dito Maulthier für das Gepäck, denn mein eigenes Pferd und Maulthier waren durch Futtermangel während und nach der Revolution zu wahren Skeletten herabgekommen und bedurften erst der längeren Ruhe im Protero (Weideplatz), um sich wieder zu kräftigen.
Am 3. März gegen Abend, als eben die Glocken zur Oration geläutet, kletterte ich, wegen meiner Schwäche nicht ohne Schwierigkeit, in den Sattel, und unsere ganze Streitmacht, aus 7 Mann und 13 Maulthieren bestehend, setzte sich in Bewegung. Die Cavallerie bestand, außer mir selbst, aus Don Eusebio, dem Eigenthümer der Maulthiere wie der Ladung, und Don Cesario, seinem Major domo; die Infanterie aber aus zwei Mozos (Dienern), Basilio und Apolinario, und zwei Jungen von 12-15 Jahren, Innocente und Candelario, zu deutsch: Leuchter – und so »mit Licht und Unschuld im Geleite – zog frohen Muthes ich ins Weite.« Jeder war auf seine Weise so gut wie möglich bewaffnet, denn man sprach viel von einer, aus Ausreißern beider Revolutionsarmeen gebildeten Spitzbubenbande in der Gegend des Monte-Rota, die einige Reisende angehalten und sogar mehre Haciendas ausgeraubt hatte. Ich führte die deutsche Spitzkugelbüchse und die amerikanischen Revolvers, die Dons Pistolen, sämmtliche Cavallerie aber unendlich lange Toledo-Schwerter; die Infanterie hatte ihre Machetas (lange Messer), Basilio und Apolinario aber Bogen und einige Dutzend Pfeile. Don Eusebio und ich bildeten die Avantgarde, dann folgte das Gros der Armee sammt Bagage und als Nachhut Don Cesario, dem dieser Posten zugleich die große Annehmlichkeit gewährte, den ganzen Tag inmitten einer großen Staubwolke zu reiten.
So ging denn der Zug vorwärts in stiller, klarer Mondnacht, lieblich und wollüstig wie nur eine tropische Nacht sein kann. Wir befanden uns zwar noch mitten in der heißen Jahreszeit, seit November hatte kein Wölkchen den tiefblauen Azur des Himmels getrübt; allein obschon die Tage glühend heiß waren, so schien doch in der Nacht die ganze Natur, von einem kühlen Südost erfrischt, der nur leise in den Blättern der majestätischen Palmen spielte, neues Leben zu athmen. Die große Ebene von Leon erstreckt sich auf der einen Seite hinaus bis an den Pacific (stillen Ocean), auf der andern bis zum See von Managua, und wird im Norden von der prachtvollen Kette von Vulkanen begrenzt, als deren Endpfeiler der Viejo und der ehrwürdige, über 6000 Fuß hohe Monotombo sich in überaus zarten, grauen Tinten vom Horizonte absetzen. Feierliche Ruhe schien über die ganze Natur verbreitet, nur hier und da unterbrochen vom Hufschlage eines Maulthieres oder der kurzen, melancholischen Melodie einer spanischen Romanze. Wäre ich Dichter, so hätte ich hier die passendste Gelegenheit zu poetischen Ergüssen gehabt.
Wir blieben jedoch nicht lange in Marsch; schon nachdem wir etwa 2 Leguas zurückgelegt, wurde Halt gemacht, die Thiere abgeladen und gehobbelt, Feuer angezündet, die Hammocks an einzelne Bäume aufgehangen und bald schlief Jeder, in seinen Poncho gewickelt, sanft und süß, während einer der Mozos über Menschen und Vieh Wache hielt; letzteres delectirte sich an dem dürren, schlechten Grase, als ob es das süßeste Heu wäre. Meine Ruhe ward leider sehr unangenehm von den Garralatos, zu deutsch Holzböcken, gestört, ein höchst lästiges Insect, mit dem man während der heißen Jahreszeit ganz bedeckt ist, sobald man durch ein Gebüsch geht oder reitet, und dessen Biß wie Feuer brennt. Zuletzt schlief ich aber denn doch recht tapfer bis zum nächsten Morgen, wo bei guter Zeit das Frühstück genossen, die Maulthiere beladen, was stets mit größter Sorgfalt geschieht, damit die Thiere nicht aufgerieben oder gedrückt werden, und dann der Marsch wieder angetreten ward.
Ziemlich früh kamen wir an einem kleinen Vulkan vorüber, der sich erst vor ungefähr zwei Jahren gebildet hat und sich noch immer fleißig in Eruptionen übt; der Patron soll überaus reizbaren Temperaments sein, denn wenn ein Stein in den Krater geworfen, heftig auf den Boden gestampft, ja nur besonders laut gesprochen wird, soll er seinen Verdruß alsogleich durch höchst unmanierliche Expectorationen kundgeben, weshalb wir auch in mäuschenstiller Ehrerbietung an ihm vorbeizogen. Mr. Squier giebt in seinem neuesten Werke über Nicaragua eine genaue Beschreibung davon.
Gegen Mittag überschritten wir die Vulkankette am Monte-Rota und stiegen dann nach kurzer Rast, um die Thiere zu tränken, in die nördlich von den Vulkanen gelegene Thalebene hinab, wo wir die Nacht auf einer kleinen Waldwiese, das Caimito genannt, zubrachten. Diese zweite Ebene erstreckt sich vom nordwestlichen Ende des Sees von Managua gegen den Golf von Fonseca hin. Es ist dies einer der fünf Punkte, welche schon der große Humboldt als geeignet für eine künstliche Verbindung zwischen den beiden Oceanen bezeichnete. Capitain Sir Edward Belcher, H. B. M. N., welcher diesen Theil des Landes vom Golf von Fonseca aus untersuchte, bezeichnet diese Ebene sogar als den vielleicht einzigen Punkt, wo ein Kanal, brauchbar für Schiffe erster Größe, angelegt werden kann. Auch Squier spricht in seinem Werke eine ähnliche Meinung aus; da ich aber auf meinem Rückwege Gelegenheit hatte, noch einen andern, größeren Theil dieser Ebene zu untersuchen, so werde ich mir später erlauben, meine Bemerkungen über diesen Gegenstand mitzutheilen.
Die beiden nächsten Tage verfolgten wir eine mehr östliche Richtung, in nicht allzu großer Entfernung vom See von Managua. Die flache, meist bewaldete und nur hier und da ein Stück Wiesen- oder Ackerland zeigende Ebene glich im Charakter ziemlich den Flächen im südlichen Frankreich, und sah in seinem ganzen Habitus, Häusern, der Art und Weise zu leben und zu reisen, so zu sagen mittelalterlich aus. Wenn da oder dort der Klang einer Holzaxt durch den Wald schallte, meinte ich immer, Moliere's Scagnarelle erscheinen zu sehen, und ein Paar Reiter glichen bald Don Juan und Leporello auf der Flucht vor den Dienern der heiligen Hermandad, bald wieder Don Quixote mit seinem getreuen Sancho Pansa, auf Abenteuer ausziehend. – Jeder Reisende hier zu Lande hat übrigens, wie ich schon früher bemerkte, etwas mit dem berühmten Ritter von der traurigen Gestalt gemein, theils des imposanten Kriegsapparates halber, den man hier mit sich schleppen muß, theils der mehr als spanischen Diät wegen, zu der man hier gezwungen ist. Hier erst ging mir ein Licht auf, wie wahr und getreu der gefräßige Charakter jener Bedienten der alten Komödien aufgefaßt ist, denn man lugt selbst begierig aus, wo man etwas Leidliches zu schnappen bekommt. Uebrigens ist der Haupterwerbszweig durch diese Ebene die Rindviehzucht.
Gegen Abend des dritten Tages näherten wir uns endlich dem Hochgebirge, das rauh genug aussah und strapazenreiche Märsche versprach. Die Berichte über Spitzbuben mehrten sich hier in bedenklicher Weise; erst zwei Tage vorher hatten dieselben eine Hacienda geplündert und ein reisender Leoneser war seines Pferdes, Gepäckes, selbst seiner Kleider bis auf die Unter-inexpressibles beraubt worden, und noch dazu von seinem eigenen, leiblichen Bruder, der sich im Lande aufhielt. Süße, heilige Bande der Natur! – Ich hatte ordentliche Sehnsucht, mit solch' lieben Burschen eine handgreifliche Bekanntschaft zu machen. – Don Eusebio wurde nachdenklich und hatte allerdings Ursache dazu, denn nicht nur, daß Maulthiere und Ladung, so wie der Erlös aus seiner Reise nach Leon einen beträchtlichen Theil seines Vermögens ausmachten, sondern er hatte auch eine ziemliche Geldsumme für einen der Bergwerksbesitzer in Matagalpa unter seine Verantwortung genommen. Meine Befürchtungen waren in dieser Beziehung nicht so bedeutend, dem alten Sprichworte gemäß: »Wo nichts ist u. s. w.« Indeß hielten wir doch für gut, unsere bisherige Marschordnung etwas mehr zu concentriren, um nöthigenfalls einander schnellen Beistand zu leisten.
Zur Nacht campirten wir dicht am Fuße des Gebirges auf einer Savannah mit einigen zerstreuten Bäumen und einer kleinen Waldspitze, welche in die Wiese auslief. Ein scharfer Nordost blies von den Bergen herab, und um mich ein wenig dagegen zu schützen, baute ich mir aus drei Packsätteln und einer Pferdedecke eine Art von Zelt. Die gewöhnliche Wache ward ausgestellt, und wir Uebrigen legten uns im schönen klaren Mondlichte zum Schlafen nieder. Es mochte etwa gegen 2 Uhr Morgens sein, als mich Don Eusebio plötzlich weckte, mit ganz verstörtem Aussehen rief: »Sennor, Sennor, los ladrones vienen!« und fast zu gleicher Zeit plafften einige Flintenschüsse von oberwähnter kleinen Waldspitze herüber. – Sie mögen in Gottes Namen kommen! dachte ich und blieb still liegen, wo ich war, denn die Sättel bildeten eine ganz hübsche Art von Brustwehr, sah aber doch für den Nothfall nach meinen Revolvers und machte die Büchse schußfertig. Die Mozos liefen hin und her, um die Thiere zusammenzutreiben, und ließen ihre Machetas gar fürchterlich im Mondlichte blitzen, wozu sie schrieen wie vom bösen Geiste besessen. Die Dons Eusebio und Cesario schossen ihre Pistolen gegen das Gehölz ab, was mit einigen Flintenschüssen erwiedert ward. Wenn die Spitzbuben wirklich die Absicht hatten, uns Eins auszuwischen, so müssen es mordschlechte Schützen gewesen sein, denn ich kann versichern, auch nicht eine einzige Kugel pfeifen gehört zu haben.
Während dieser Scene der Verwirrung sah ich deutlich eine weiße Jacke nebst dazu gehörigen Modesten gleich einer Schlange auf dem Bauche nach jener Stelle hinkriechen, wo mein Pferd graste, augenscheinlich in der Absicht, dasselbe zu stehlen. Da ich nun durchaus nicht gewillt war, die beschwerliche Reise zu Fuß fortzusetzen, auch der Mond noch hell genug schien, um Korn und Visir zu erkennen, so ließ ich eine meiner Spitzpillen hinübersausen. Sobald der Schuß knallte, sprang die weiße Jacke wie electrisirt in die Höhe und die Modesten tanzten mit bewundernswürdiger Gelenkigkeit und Eile nach der Waldspitze zurück. Mit Gewißheit kann ich allerdings nicht behaupten, den Eigenthümer dieser Kleidungsstücke verwundet zu haben, wenn aber, so muß es unzweifelhaft an derselben Stelle gewesen sein, wo Cooper's Natty Bumpo seinem verhaßten Gegner, dem Zimmermann Hiram, eine Kugel applicirte, denn ich bemerkte, wie der eine Aermel der Jacke während des Schnelllaufes höchst verdächtige Bewegungen nach einer gewissen, nicht wohl anständig zu bezeichnenden Gegend besagter Modesten machte. Hiermit endete die Scene und Alles ward wieder ruhig, wie vorher, nur daß Jeder noch für einige Zeit seinen bewiesenen Heldenmuth bedeutend pries. Dies war der einzige Schuß, den ich je in Central-Amerika zu meiner Vertheidigung abgefeuert; vielleicht wäre er nicht einmal nöthig gewesen: allein man hatte bisher so viel Lärmen und Aufhebens von solchen Räubergeschichten gemacht, daß man mir vergeben wird, wenn ich vielleicht zu voreilig meinen kleinen Beitrag zu denselben lieferte.
Jetzt endlich traten wir in das Gebirge ein, durch ein Thal, rechts und links von bewaldeten Bergen eingeschlossen, die sich allmälig zu beträchtlicher Höhe erheben und deren Gipfel eine Art Tafelland, mit Savannahs, steinigtem Terrain und einigen armseligen Bäumen bedeckt, bildet. Durch das Thal herab fließt ein ziemlich breiter Fluß, der sich in den See von Managua ergießt, jetzt aber freilich nur einige Wasserlachen enthielt, an deren Rändern die wunderschönen alten Bäume ihr frisches Grün behalten hatten, ein Herz und Augen erlabender Anblick in dieser Jahreszeit, wo die ganze Natur bis ins innerste Mark verbrannt aussieht, und die großen Besen gleichenden Bäume ihre nackten, blätterlosen Arme wie hülfeflehend gen Himmel emporstrecken. Die Flüsse, welche wir bisher passirt, und wo an manchen Stellen während der Regenzeit schon Menschen und Thiere ertranken, waren jetzt so trocken, daß wir tiefe Löcher in den Sand graben mußten, um nur etwas schmutziges Wasser für die Thiere zu erlangen.
Ungefähr 9 bis 10 Miles wand sich der Weg in der Schlucht fort, bis zu dem Dörfchen Hykaral, und dann begann ein mühseliges Bergsteigen über einen heißen, mit Felsbrocken bestreuten Boden, den nur eben ein Segovia-Maulthier passiren kann, ohne die Beine zu brechen. Rechts und links sendeten nackte weiße Sandsteinfelsen die Strahlen der tropischen Sonne mit verdoppelter Stärke zurück und mein Reisethermometer zeigte ziemlich 110° Fahrenheit im Schatten, nota bene wo etwa Schatten war. Von jetzt an war die Reise nichts mehr als ein beständiges Auf- und Niederklettern, bei Gelegenheit eine kleine Strecke im Thale bleibend oder für einige Miles auf hohem Tafellande, bedeckt mit Wiesen und einigen Hykarobäumen, aus deren kürbisartigen Früchten man hier Trinkgefäße macht. Elend aussehende kleine Rohrhütten, in die man von allen Richtungen hinein- und auf der andern Seite wieder hinausschauen kann, waren die einzigen Zeichen, daß hier noch Menschen wohnten. Die Nächte wurden allmälig kühler und jeden Morgen gegen 2, 3 Uhr stellte sich ein dichter Nebel und starker Thau ein, der, indem er meine Kleider bis auf die Haut durchnäßte, sehr lästig fiel, denn in diesen Klimaten wird die Haut sehr empfindlich gegen Feuchtigkeit und Kälte.
In den Thälern und in der Nähe fließenden Wassers wurde viel Zuckerrohr gebaut, doch meist nur in kleinen Abtheilungen von einzelnen Indianerfamilien; die oben erwähnten Hochebenen dagegen werden großentheils für Rindviehzucht benutzt, doch ist das Vieh hier klein und nur von geringer Qualität. Da gerade die Zeit der Zuckerernte war, so brodelte in allen Kesseln über starkem Feuer der Zuckersaft, und so oft wir eine Pflanzung passirten und Appetit verspürten, bekamen wir zum Geschenk ein Bündel köstlichen Zuckerrohres, bei dessen Verspeisung wir so ziemlich einer Bande ambulanter Flötenspieler glichen, und durch welche Nahrung man nach einiger Zeit so fett wird, wie ein Bär im Herbste.
Eine erwähnenswerthe Unterbrechung der Einförmigkeit meiner Reise war bei dem Dorfe Guaximala, seitwärts am Wege, eine große Höhle, an deren Eingang einige Felsen mit Sculpturen bedeckt waren, im Charakter den alten Bildwerken an den beiden Seen von Nicaragua und ihren nächsten Umgebungen gleichend. Eine kleine indische Legende knüpft sich an diese Höhle, nach welcher eine aztekische Prinzessin, von den Spaniern verfolgt, sich in dieselbe flüchtete und durch einen dichten giftigen Nebel, den sie erscheinen ließ, die Verfolger am weiteren Vordringen hinderte. Hier soll sie noch weilen, umgeben von fremden, geheimnißvollen Wesen, jeden Neumond oben auf dem Gipfel des Berges erscheinend, um zu sehen, ob nicht ein Adler einen Geier bekämpft und tödtet, denn geschieht dies, so ist der Augenblick der Befreiung des Landes gekommen; die weißen Fremdlinge werden ausgerottet und der alte indische Fürstenstamm wird wieder in erneuter Glorie das Land beherrschen. – Der neueste Lauf der Begebenheiten wird, wie mir scheint, diesen Augenblick noch bedeutend hinausschieben, denn die rothhemdigen, tabackkauenden Männer des Nordens, welche sich neuerdings im Lande niedergelassen haben, scheinen mir eine schwer auszurottende Race. –
Ich hätte sehr gewünscht, diese geheimnißvolle Höhle näher zu untersuchen, von deren großer Ausdehnung, zahlreichen labyrinthischen Gemächern mit Sculpturen und theilweiser Vergoldung die Leute viel zu erzählen wußten; aber nicht eine bedeutende Summe hätte einen Indianer vermocht, mir als Führer zu dienen, und allein das Unternehmen zu wagen, nahm ich denn doch Anstand, denn in dieser Art von Höhlen entwickeln sich häufig Schwefelwasserstoffgase, und schwach, wie ich noch war, war mehr als Wahrscheinlichkeit vorhanden, dem Unternehmen zu erliegen; da ich zudem in diesen Theil des Landes zurückzukehren dachte, so verschob ich die Untersuchung dieses interessanten Monuments für später, leider, wie ich jetzt sehe, vielleicht für immer.
Am achten Tage meiner Reise stiegen wir in ein Thal hinab, so steil und so tief, daß es wirklich schien, als solle es direct bis ins Centrum der Erde gehen; unten erreichten wir endlich ein niedliches Dörfchen, »la Concordia«, inmitten zahlreicher Zuckerrohrfelder und Gruppen schöner alter Bäume, am Ufer eines kleinen Bergflusses gelegen, der rasch und lustig über Felsen und Gestein dahin hüpfte. Um so theuerer mußte ich aber den lieblichen Anblick durch das Erklettern des jenseitigen, noch viel steilern Bergpfades erkaufen, noch erschwert durch den Umstand, daß ich Basilio, der am Tage vorher von einem Maulthiere geschlagen worden war und gar nicht gehen konnte, mein Pferd geliehen hatte, und so, theilweise auf Don Eusebio's Thier, theilweise aber auch zu Fuß, in meinen schweren Reitstiefeln den Weg zurücklegen mußte. Ein bitter Stück Arbeit!
Gegen Abend indeß erreichten wir den nördlichen Saum eines Tafellandes und befanden uns plötzlich im Angesichte von St. Rafael, dem Orte unserer Bestimmung.
Hier bot sich dem Auge ein wunderliches Spiel der Natur: gegen Süden erstreckte sich eine großartige Gebirgslandschaft in den so ernsten und doch so graziösen Conturen, ganz ähnlich den Gebirgen Griechenlands und Kleinasiens; nordwärts dagegen war auch nicht mehr ein Schatten tropischer Natur zu sehen. Das Thal von St. Rafael, von kleineren vulkanischen Hügeln umgeben, glich frappant dem Thale von Teplitz in Böhmen und war bewaldet mit Massen von Rotheichen, dazwischen Wiesen und Zuckerrohrfelder, die aus solcher Entfernung für das Auge die Getreidefelder ersetzten; die Gipfel der Hügel mit einer Menge der schönsten Kiefern bedeckt. Selbst die Hütten des Dorfes glichen in Form und Größe von weitem den Häuserchen des sächsischen und böhmischen Erzgebirges – mit einem Worte: es sah beinahe aus wie daheim im lieben Sachsenlande.
X. Aufenthalt in San Rafael. – Viehzucht. – Versuch mit dem Lasso. – Weiterreise. – Nächtliches Concert. – Totogalpa. – Der gastfreundliche Cura. – Eine Hochzeit. – Ocotal. – General Guardiola. – Hahnenkämpfe. – Spielwuth der Bewohner.
Ich ward genöthigt, einige Tage hier zu bleiben, theils weil Don Eusebio Geschmack an mir gefunden hatte und mich durchaus in seinem Hause beherbergen wollte, was mir sehr angenehm war, um etwas auszuruhen, und dann, weil zwei der Maulthiere am vorigen Tage ganz erschöpft zurückgelassen werden mußten, und ich so meine Bagage zu erwarten hatte, bis Apolinario sie auf anderen Thieren nachgeholt haben würde. Die kurze Rast bekam mir aber vortrefflich und mein Gesundheitszustand besserte sich schnell und merklich.
Don Eusebio zeigte mir seine Besitzung, meist Weideland und an Umfang beinahe so groß, als manches kleine Fürstenthum, mit ungefähr 4000 Stück Rindvieh, nannte sich selbst aber dabei einen armen Mann; er hatte insofern nicht ganz Unrecht, als er von all' seinem Eigenthume kaum 600 bis 700 Piaster jährlich realisiren kann. (Das Stück Rindvieh im Preise von 3, 4, höchstens 5 Piaster.)
Da Don Eusebio eine kleine Ladung Rohzucker nach Ocotal zu senden hatte, so contrahirte ich mit ihm für Thiere nach dem nicht weit von Ocotal gelegenen Dipilto, einem der bedeutendsten Minenplätze des Landes. Es mußten dazu noch einige von den in den Savannahs grasenden Maulthieren eingefangen werden, und auf Don Eusebio's Einladung beschloß ich, auch einen Versuch mit dem Lasso zu machen.
Eines Morgens ritten wir in Begleitung von zwei Mozos, jeder mit seinem Lasso am Sattelknopfe, zur Jagd aus, nachdem ich von Don Eusebio noch einige Lectionen, wie zu verfahren sei, erhalten hatte, denn es ist ein verwünschter Unterschied, einen Lasso zu Pferd oder zu Fuß zu werfen. Nachdem die Mozos in Zeit einer halben Stunde den geschäftlichen Theil erledigt, d. h. die nöthigen Maulthiere eingefangen, kam an mich die Reihe, meine Künste zu produciren. Ein starker Bulle ward ausersehen und ich ritt langsam auf denselben los. Der Stier, Schlimmes ahnend, fing an zu laufen, ich galoppirte hinterdrein, das Pferd scharf in der Faust. In angemessener Entfernung erhob ich mich ein wenig in den Bügeln, wirbelte den Lasso um den Kopf, lehnte mich vorwärts, um ihn zu werfen, als – schnapp! der Steigbügel mir entschlüpfte, und ich kopfüber zu Boden schoß. – Ungeheuere Heiterkeit von allen Seiten! – Das gut abgerichtete Pferd stand im Augenblicke still, und nachdem ich mich überall befühlt und entdeckt hatte, daß alle meine Knochen noch ganz waren, stieg ich wieder auf, mein Glück auf's Neue zu versuchen; diesmal ging's besser, der Lasso fiel, den halben Cirkel beschreibend, dem Thiere kunstgerecht über die Hörner; das Pferd, als ob es die Länge des am Sattel befestigten Lasso genau berechnet hätte, wendete augenblicklich um und brachte durch einen heftigen Ruck den Bullen zu Boden. Nur ist noch eine gewisse Geschicklichkeit erforderlich, sich des Thieres auch ganz zu bemeistern, was meiner Unerfahrenheit doch wahrscheinlich etwas schwer geworden sein dürfte, hätte Don Eusebio nicht, seinen Lasso von der andern Seite werfend, alle weiteren Schwierigkeiten beseitigt, und so endete denn dieser erste Versuch mehr zu meinem Ruhme, als ich in der That verdient hatte. – Ungeheuere Zufriedenheit!
Nachdem Don Eusebio mich während meines Aufenthalts bei ihm so gastfrei behandelt, als seine Mittel es nur irgend erlaubten, begleitete er mich noch einige Meilen auf meiner Weiterreise.
Ich änderte nun meine Richtung, die bisher eine nordöstliche gewesen war, in eine nordwestliche und, obschon weit im Binnenlande, eine mit der rechtwinkligen Form der Meeresküste parallel laufende Linie beschreibend, setzte ich meine Reise in alleiniger Begleitung eines Mozo fort. Der Weg glich so ziemlich dem vorigen, nur daß in so beträchtlicher Höhe, wie ich mich befand (3000 bis 4000 Fuß auf den tiefsten Punkten), die Nachtluft, zumal auf den Gipfeln der Hügel, recht empfindlich kühl ward, mein Poncho und ein tüchtiges Feuer mir äußerst angenehm waren, desto mehr aber die Thiere zu leiden hatten, denen die Kühle häufig eine Art von Darmgicht oder Kolik zuzieht, die zwar nur einige Stunden anhält, sie aber doch für diese Zeit ganz unfähig macht, zu gehen.
Wasser ist hier häufiger und von vorzüglicher Qualität. Die Zuckerrohrfelder, obwohl nur klein, sind ergiebig, der übrige Boden, wie bisher, Wald und Weideland. Die Landschaft war hier unter dem Einflusse der Morgennebel und des reichlichen Thaues schön grün geblieben. Bergauf- und bergabsteigend bot die Pflanzenwelt eine höchst überraschende Abwechselung dar, denn in der bedeutenden Wärme der Thäler sproßte die tropische Vegetation in vollster Ueppigkeit, während auf den höchsten Höhepunkten, die ich berührte, oft selbst die Kiefer als verkrüppeltes Knieholz hinter mir blieb, und ich so manchmal im Zeitraume eines Tages die Vegetation von 30 bis 40 Breitegraden beobachten konnte.
Ich passirte eine Menge von Dörfern, von bald christlichen, bald heidnischen Namen, unter denen ich mich besonders eines lieblichen Blickes in das Thal Santa Rosa, von der Borda di Santa Rosa herab, mit Vergnügen erinnere. Die Nächte freilich wurden des täglich heftigern Thaues wegen auch im nämlichen Grade unangenehmer und mein Schlummer ward oft gestört vom nächtlichen Geheul der Cayotas oder südamerikanischen Wölfe, welches ganz so klingt, als ob eine Bande ungezogener Gassenbuben im höchsten Discant schrie, und in das sich manchmal das tiefe, langgezogene Geheul eines Jaguars mischt. Obschon man allgemein und, wie ich glaube, mit Recht behauptet, daß diese Bestien, außer vielleicht im furchtbarsten Hunger, den Menschen nie angreifen, so kann man sich doch, wenn das schändliche Concert zu arg wird und gar nicht aufhören will, eines gewissen Büchsenfertigmachungs- und Messerzurechtlegungsgefühles nicht erwehren, und manch' liebes Mal trieb mich die Sorge um die Thiere aus dem Hammock, um mit der Büchse im Arme die Wachtrunde zu machen.
Am dritten Tage gegen Abend gelangte ich nach Totogalpa, einem mit Ausnahme des Cura (Pfarrers), der ein Weißer ist, nur von Indianern bewohnten Dorfe, die sich immer wieder nur unter einander verheirathen und so ihren Stamm rein und unvermischt erhalten. – Der Cura war ein compadre (auf gut deutsch Herr Gevatter) Don Eusebio's, weshalb der Mozo Ordre hatte, mich nach seinem Hause zu bringen. Der Cura, ein respectabel aussehender Vierziger, war die Herzensgüte und Freundlichkeit selbst. Da ich immer noch ein wenig zu schlank im Verhältniß meiner Körperlänge war und blaß aussah, so litt er nicht, daß ich im Hammock schlief, sondern ich mußte durchaus ein Bett annehmen, wie ich erst später zu meinem großen Leidwesen erfuhr, des würdigen Mannes eigenes Bett, da er in dem Artikel nicht eben reichlich versehen war.
Mr. Stevens rühmt in seinem Werke über Central-Amerika mit allem Rechte die Güte der Curas, und ich muß dieses Lob in vollster Ausdehnung bestätigen; mit vielleicht nur wenigen Ausnahmen in den größern Städten ist das Haus des Cura stets die Zufluchtsstätte aller Obdach- oder sonst Hülfebedürftigen, und so auch in Totogalpa. Es blieben in derselben Nacht wenigstens zehn bis zwölf Personen, darunter auch drei Damen, welche auf dem Wege nach Leon begriffen waren, in der Pfarrei, und vielleicht dreißig Maulthiere und Pferde ließen sich die Weide auf des guten Pfarrers Protero trefflich schmecken.
Die bessern Häuser haben hier alle einen Patio oder Veranda, den jeder Reisende ebenso als sein Eigenthum betrachten kann wie die Landstraße; zwischen den Säulen schlingt er seinen Hammock auf, in einer Ecke oder auf dem freien Platze vor dem Hause zündet er sein Feuer an, kocht seine mitgebrachten Vorräthe und zahlt nur dann etwas, wenn er irgend etwas von den Vorräthen des Hauses consumirt, – nota bene wenn Vorräthe da sind. –
Der Cura theilte mir beim Schlafengehen mit, daß am andern Morgen drei junge Paare den ledigen mit dem Ehestande vertauschen wollten, und lange vor Tagesanbruch folgte ich ihm in die Kirche, der Ceremonie beizuwohnen, denn es ist hier Sitte, jede Trauung noch vor Sonnenaufgang zu vollziehen, eine Sitte, die wahrscheinlich noch indianisch-heidnischen Ursprungs ist.
Die jungen Paare erschienen, gefolgt von ihren Verwandten, im Geleite der Brautführer und Brautjungfern; der Cura vollzog die Trauung nach dem Ritus der katholischen Kirche und im Zwielichte des anbrechenden Tages begab sich der ganze Hochzeitszug nach dem Hause des Bräutigams, um dort den Tag bis zur späten Nacht mit Essen, Trinken und Tanzen zuzubringen.
Der Cura führte mich in eins der Häuser, um die Festlichkeiten mit anzusehen. Inmitten der dichtgedrängten Menge ward getanzt, doch stets nur ein Paar auf einmal, beim Klange zweier Guitarren und einer Geige. Das Mädchen stand auf einer Seite des kleinen Tanzraumes und der junge Bursche bewegte sich hüpfend und tänzelnd auf sie zu, bald vorwärts, bald rückwärts, und drehte sich in verschiedenen Bewegungen um sie herum; dann that das Mädchen desgleichen, dann beide zusammen, worauf beide abtraten, um einem neuen Paare den Raum zu überlassen, sich selbst aber mit Tortillas und Bohnen zu erlaben. Aus besonderer Rücksicht auf mich als Fremden und die würdige Begleitung, in der ich mich befand, näherte sich mir eine Art von Ceremonienmeister und forderte mich zum Tanze auf; da aber mittlerweile der Tag angebrochen war und die Thiere gesattelt vor der Thür standen, entschuldigte ich mich mit meinen bestiefelten und pfundbespornten Gemüthszuständen, schüttelte dem wackern Diener Gottes herzlich die Hand und galoppirte lustig dahin in der frischen Morgenluft.
Bald bot sich mir von der Höhe der Borda de Ocotal eine wunderliebliche Aussicht in das Thal, wo sich der Riococo hinab nach der Ostküste schlängelt, an seinen Ufern das reizend gelegene Dörfchen Ocotal und drüben auf der andern Seite die grandiosen Berge von Dipilto. Noch ein steiles Hinabklettern, bei dem die Thiere manchmal eine ganze Strecke auf dem Hintertheile rutschend zurücklegten, dann die Passage des Riococo, jetzt ziemlich leicht, doch in der Regenzeit sehr schwierig und gefahrvoll, und ich ritt nach kurzer Zeit über die Plaza von Ocotal nach dem Hause der Sennora, Donna Chepa (Josephine) G., einer großen corpulenten Dame, an die ich eine Empfehlung hatte. Aufnahme wie überall.
Als ich beim Frühstück saß, kam der Militärcommandant des Departements, Don Gabriel Y., in Gesellschaft eines kurzen, dickbeleibten Sennors mit ungeheuerm militärischen Schnurrbart und blauem Oberrock, um der Sennora einen Besuch abzustatten. An mich wurden nun viele Fragen: Leon, die Revolution, Munoz etc. betreffend, gerichtet, die ich ungenirt und so gut ich es vermochte beantwortete. Mir fiel dabei auf, daß der dicke Herr im blauen Oberrock mit dem gewaltigen Schnurrbarte seine übrigens recht hübschen und sanften blauen Augen immer schüchtern wie ein verlegenes Mädchen niederschlug, wenn ich ihn ansah, eine Gewohnheit, die mir an Männern nie recht gefallen will. – Später in Dipilto, wo ich denselben nochmals antraf, erfuhr ich erst, daß es der General Guardiola sei, auch »der Tiger von Honduras« benannt. – Dieser Mann hatte sich im Jahre 1844, wo er die Regierung von Honduras unterstützte, eine traurige Berühmtheit erworben durch seine blutige, grausame Verfolgung der Gegenpartei. Im Jahre 1849 conspirirte er dann selbst gegen die Regierung, hatte aber schlechten Succes und hielt sich seit jener Zeit als Verbannter in Costa-Rica auf. Dann ward er von der Regierung von Nicaragua herbeigerufen, um ein Commando gegen Munoz zu übernehmen, konnte sich jedoch nicht mit dem commandirenden General, Don Fruto Chammorro, vertragen und nahm deshalb sehr schnell wieder seine Entlassung.
Ocotal ist die von Manchen als Nuevo Segovia bezeichnete Stadt; die eigentliche Stadt dieses Namens ist jedoch 4 Miles tiefer hinab, am Riococo gelegen, ward im Anfange des vorigen Jahrhunderts aber von Flibustiern, die den Fluß heraufkamen, zerstört und die geflüchteten Bewohner bauten das heutige Ocotal.
Ich wünschte noch vor Nacht Dipilto zu erreichen und brach also auf, sobald Menschen und Thiere sich ein wenig erholt hatten. Als ich über die Plaza kam, bemerkte ich eine Menge Menschen und aus ihrer Aufregung und der allgemein auf einen Punkt gerichteten Aufmerksamkeit schloß ich, daß da etwas Absonderliches los sein müsse. Als ich an die Stelle kam, sah ich, daß ein Paar Kampfhähne die Helden der Scene waren, und der heutige Tag, wie man mir sagte, der eines weitberühmten Hahnengefechts. Jetzt erst ward mir plötzlich klar, warum ich unterwegs so viele Leute mit Bretern auf dem Rücken gesehen hatte, auf deren jedem fünf bis sechs Hähne festgebunden waren. Ein Mann zu Pferde kam sogar mehr als 30 Miles weit her, die vier Ecken seines Sattels nach den vier Himmelsgegenden zu mit ebenso vielen Hähnen garnirt, zwei an Stelle der Holftern, zwei an Stelle der Satteltaschen. Die Hähne fechten hier nicht mit den gewöhnlichen Sporen, sondern mit sichelartigen Messerchen, deren haarscharfe Klinge manche so geschickt an das rechte Bein des Hahnes zu befestigen verstehen, daß oft schon beim ersten Anlauf der Gegner ein Bein einbüßt. Eben als ich anlangte, fiel einer der armen Kämpen, von seinem Gegner in die Seite gestochen und schändlich hinterlistig umgebracht, zu Boden und maß den Wahlplatz mit seinem Heldenleibe. Gleich war jedoch ein neues Paar zur Stelle, und ein barfüßiger, ziemlich lumpenhaft toilettirter Sennor frug mich, ob ich nicht mit ihm auf einen der Duellanten wetten wollte. Wie viel? – Zehn! – Was zehn, Piaster? (Etwas hoch, dachte ich.) – Nein, zehn Mark Silber (ziemlich 80 Dollars). Bagatelle! meinte ich und machte, daß ich weiter kam, denn ein so niedriges und grausames Vergnügen schien mir nicht werth, Zeit und noch weniger Geld daran zu setzen. Es ist übrigens eine gewöhnliche Sache, hier anscheinend arme Leute recht hohe Summen bei Hahnen- und Stiergefechten verwetten zu sehen. Das Spiel ist hier die vorherrschendste Leidenschaft und, wie man mich versicherte, sollen am selben Tage auf zwei Hähne von besonderer Kriegsreputation in mehrern Wetten die Summen von 2000 Dollars im Ganzen auf dem Spiele gestanden haben. So fand ich auch, was ich vorher nicht beachtet hatte, in jedem Hause einen oder mehrere Kampfhähne, jeden mit einem Bindfaden am Fuße, auf einer Art von Papageienstock sitzend, die lediglich zu jenem barbarischen Vergnügen aufgefüttert werden.
Bald hinter Ocotal tritt man wieder in eine tiefe Schlucht ein, und gleich im Anfange hören alle bewohnten Plätze auf. Ein zwar enger, aber doch nicht zu beschwerlicher Weg führte bald auf dem einen, bald auf dem andern Ufer des Rio di Dipilto hin, der hell, klar und lustig über die Steine dahinhüpft, hier und da von einem kleinen Salto (Wasserfall) unterbrochen, mühsam an manchen Stellen sich durch das Thal zwängend, dessen vielfache Windungen ihm manchmal das Aussehen geben, als hätte hier die Welt ein Ende. Mein Mozo, für den das Hahnengefecht mehr Anziehungskraft hatte, als für mich die Reize dieser malerischen Natur, war etwas zurückgeblieben, und so verfolgte ich denn meinen Pfad in einer angenehmen Einsamkeit. Die steilen Höhen rechts und links, bedeckt mit majestätischen Kiefern, wie ich sie noch kaum so hoch gesehen, ließen die Sonne nicht so eindringen, und die tiefe Ruhe, durch das sanfte Gemurmel des dahineilenden Flüßchens noch traulicher gemacht, ward nur dann und wann vom leisen Gesange eines Vögelchens unterbrochen. Viele Nordländer sind der Meinung, daß die Vögel der Tropen nicht singen; dem ist aber nicht so, nur muß sich das Ohr an ihren Gesang gewöhnt haben, der so zart ist, daß sie fast leichter zu sehen als zu hören sind. Ich aber fühlte mich so froh gestimmt, daß ich die schweigsamen Wälder lustig vom Gesange deutscher Lieder wiederhallen ließ, was ihnen wohl nicht häufig passiren mag.
Endlich und endlich öffnete sich das Thal ein wenig und auf einem kleinen Plateau, just nur groß genug, um den Gebäuden nothdürftig Raum zu geben, erschienen die Dächer von Dipilto, vergoldet vom letzten Strahle der untergehenden Sonne.
XI. Dipilto. – Mangelhafter Zustand des Bergbaues. – Wiederkehrende Gesundheit. – Taminos Feuer- und Wasserprobe zu Pferd. – Erlegter Tiger. – Der Staat Honduras.
Dipilto, jetzt vielleicht der bedeutendste Minenort in Nicaragua, war, obschon seine Minen schon seit sehr langer Zeit betrieben werden sollen, vor zwanzig Jahren noch nur ein einziges Haus, und ward das Almuercadero (Frühstücksplatz) genannt, weil die Reisenden von Honduras meist hier am Ufer des Flusses im Schatten einiger Bäume, die jetzt noch dastehen, ihr Frühstück einnahmen.
Ich stieg im Hause der Madame L. ab, hier nur glattweg die Madama genannt, an welche ich eine Empfehlung von ihrem Manne aus Massaga hatte. Sie war Französin und hatte sich, obschon bereits 22 Jahre in Central-Amerika, noch ihre echt französische Lebendigkeit und Liebenswürdigkeit vollkommen bewahrt, in Bezug auf Gastfreundschaft aber mit den Sitten des Landes ganz acclimatisirt. Ich fand hier drei Amerikaner und einen amerikanisirten Deutschen, Mr. Sch....., welcher, sowie ein Engländer in Matagalpa, Mr. P., die einzigen ausländischen Minenbesitzer in Honduras sind. Einer der drei Amerikaner ist jener Mr. Dickson, der im vorigen Jahre mein Schiffsgenosse auf der Reise von New-York nach Central-Amerika war, augenblicklich aber nicht in Dipilto anwesend.
Der Bergbau liegt hier freilich noch sehr in den Urzuständen, und von einem wissenschaftlichen Betrieb ist noch kaum die Rede. Zwei junge deutsche Bergleute, Herr Schmidt, ehemaliger Bergstudent in Freiberg, und Herr Witting aus Hessen, beide im Interesse einer Compagnie arbeitend, waren ganz in Verzweiflung über die vielen Hindernisse, die einem geregelten Betriebe des Bergbaues hier noch im Wege stehen. An einen kunstgemäßen Schachtbau ist noch nicht zu denken; wo sich eine Ader findet, schlägt man ein und folgt ihr in jeder beliebigen Richtung, aufwärts oder abwärts, rechts oder links, nach Art der Maulwürfe. Manche Minen haben allerdings eine Art von Schacht mit Ruheplätzen (Posas) von ungefähr 15 Varas (20 Ellen) Umfang, sowie auch Leitern, die aber nichts weiter sind, als unbehauene Stämme mit rechts und links in dieselben angebrachten Kerben, Papageienstangen nicht unähnlich, auf welchen die Indianer wie die Affen hinauf- und hinunterklettern, auf dem Rücken einen ledernen Sack, der an einem Riemen über die Stirn getragen wird, um das Erz und die Steine zu transportiren. Von regelrechten Fahrten mit Sprossen, Schachten mit Göpeln zum Ausbringen der Erze und des todten Gesteines hat Niemand eine Idee, und ebenso wenig vom Bau eines Stollens, um die unterirdischen Gewässer abzuleiten. Daher werden die meisten Minen schon in einer Tiefe von 200 bis 300 Fuß verlassen, und erst in neuester Zeit hat Herr Sch...... Versuche gemacht, eine aufgegebene Grube auszupumpen und wieder gangbar zu machen. Das größte Hinderniß sind die üblen Straßen, auf denen Alles nur durch Maulesel und Menschen fortgetragen werden muß, und die es natürlich unmöglich machen, zweckmäßige Maschinen zum Auspumpen ersoffener Schachte herbeizuschaffen. Von einer bergmännischen Berechnung, wo man sich unter der Erde befinde, hat hier gleichfalls Niemand eine Ahnung. Trotz des bedeutenden Mineralreichthums (manche Minen geben 18 bis 20, ja sogar 25 Procent Silber) wird es immer noch geraume Zeit dauern, bis Dipilto den Aufschwung bekommt, den es haben könnte, denn Jeder wird einsehen, daß unter so erschwerenden Umständen viel Arbeit nöthig ist, um nur ein leidliches Resultat zu erzielen. –
Die localen Verhältnisse sind übrigens in vieler Hinsicht günstig; der Fluß mit bedeutendem Fall ist während aller Jahreszeiten im Stande, eine hinreichende Wasserkraft zu produciren; als Brennmaterial dient das vortrefflichste Kiefernholz, zum bloßen Preis des Umhauens, und die Arbeiter erhalten die niedrige Bezahlung von 2 Dimes (etwa 8 Silbergroschen) den Tag; die größte Schwierigkeit ist aber eben, diese zu bekommen. Sobald der Indianer nur noch einen Cent in der Tasche hat, kann ihn keine Macht zum Arbeiten bewegen, statt Montag kommt er oft Mittwoch oder Donnerstag zur Arbeit; von einer regelmäßigen Eintheilung in Schichten für Tag- und Nachtarbeit ist gar keine Rede. Was nun daraus für eine Art von Bergbau entsteht, mag Jeder beurtheilen, der nur die oberflächlichste Sachkenntniß hat. Das sicherste Mittel, was noch der Arbeitgebende hat, die Leute zur Arbeit zu zwingen, ist, ihnen einige Dollars vorzustrecken, dann kann er die Leute durch den Alcalden zwingen, das Geld abzuarbeiten, und sollte der Mann vom Sterbebett des Kindes weggeholt werden müssen. Da nun die Indianer in ihrem sorglosen Wesen sehr leicht verschuldet werden, so bringen die Leute meistens ihr Leben in einem Zustande zu, noch schlimmer als Sklaverei. Es ist dies eins der vielen Uebel, die spanische Gesetze nach Amerika gebracht haben.
Da viele der Minen 5 bis 6 Miles von Dipilto liegen, so werden die Erze durch Maulthiere dahin geschafft. Auch das Verfahren beim Ausbringen des Silbergehaltes liegt hier noch in derselben Kindheit, wie vor etwa drei, vier Jahrhunderten in Freiberg und Goslar, und geschieht meistentheils in kleinen Oefen durch Feuer, so daß jede Operation 7 bis 8 Stunden erfordert und ein sehr unvollkommenes Resultat giebt.
Einige Besitzer bedienen sich auch noch einer amerikanischen Originalerfindung auf dem Patio, d. i. ein großer gedielter Platz, auf dem das gemahlene Erz in Haufen (Montones) von 15 bis 20 Centner gebracht, mit etwas Kochsalz und Quecksilber gemischt, mit Wasser durchgetreten und dann etwa 14 Tage der Sonne ausgesetzt wird, welcher Proceß sich oft drei- bis viermal wiederholt; dann wird der Sand ausgewaschen, das gewonnene Amalgama unter Kupferglocken verdampft, die Quecksilberdämpfe in dem darunter befindlichen Wasser condensirt und später das Silber in kleinen Oefen von der geringen darin noch enthaltenen Quantität Kupfer gereinigt. Ein höchst langwieriges Verfahren, welches wegen des dabei unvermeidlichen Verlustes an Quecksilber (hier im Preise von 140 Dollars der Centner) immer mehr in Abnahme kommt.
Das Mahlen des Erzes geschieht im sogenannten Ingenio (vielleicht sogenannt, weil in der Erfindung eben durchaus nichts Ingeniöses ist); diese Maschine besteht aus einem horizontalen Rade, meist 30 Fuß im Durchmesser und ebenso hoch vom Boden entfernt, auf dessen Zähne oder Kästen eine im Winkel von wenigstens 45° herabstürzende Wasserkraft wirkt. An der verticalen Axe, etwa 5 Fuß über dem Boden, durchkreuzen zwei Hölzer, jedes von ungefähr 20 bis 25 Fuß, dieselbe, an deren Enden Steine von 12 bis 15 Centnern, durch das Rad gedreht, einen Kreis beschreiben und so die Erze zerquetschen. Eine sehr schwerfällige Maschine, deren Resultat sich durch viel einfachere Mittel weit vollkommener erreichen läßt.
Die letzte Methode des Ausbringens, die erst in neuerer Zeit in Aufnahme zu kommen beginnt, ist die bekannte Amalgamatiere in drehbaren Fässern, nachdem das Erz vorher im Ofen geröstet worden ist. Herr Schmidt stellte eben auch Versuche der sogenannten Augustin'schen Methode vermittelst Kochsalz an, mit welchem Erfolge ist mir zur Zeit jedoch nicht bekannt geworden.
Die vier Wochen, welche ich in Dipilto zubrachte, waren vom allerbesten Erfolg für mein Befinden und werden unter meinen Erinnerungen aus Central-Amerika stets eine liebe Stelle einnehmen. Ich ging mit erneueter Lust an die Arbeit, bereicherte meine Zeichnenmappe beträchtlich mit höchst pittoresken Studienblättern und meine Naturaliensammlung mit Specimen der verschiedensten Art. Der klare Fluß bot mir ein kräftigendes Bad am Morgen, die bewaldeten Berge angenehme Spaziergänge in der Kühle des Abends, mit einem Worte, ich lebte wieder neu auf. Selbst die kleinen Unannehmlichkeiten, die ein Aufenthalt an so entlegenen, von aller Communication abgeschnittenen Orten mit sich bringt, fühlte ich im Hause meiner gütigen Wirthin und durch den so lieben freundlichen Umgang weniger. Sogar für literarische Unterhaltung auf einsamen Spaziergängen war gesorgt, denn ihr Büchervorrath enthielt allerhand Literaturerzeugnisse in buntester Mischung, von Rousseau und Voltaire bis Frederic Soulié und Alexander Dumas.
Lebensmittel sind, da dieselben erst aus den tiefer gelegenen Bezirken auf Maulthieren herbeigeschafft werden müssen, wohl zu Zeiten etwas sparsam; allein da Herr und Madame L. selbst Handel mit Silber nach Granada und mit allerhand Gütern für den Verbrauch am Orte von dort hierher betreiben, so geht beinahe monatlich ein Transport hinab und einer herauf, wodurch denn auch Keller und Speisekammer wohl versorgt ward. Zur Regenzeit mögen freilich manchmal magere Tage auf fette folgen.
Gesellschaft fand ich, außer den beiden jungen deutschen Bergleuten, in Herrn Sch., meinem Doppellandsmann, geborenen Deutschen und naturalisirten Amerikaner, Don Felix S., ein unternehmender, thätiger Mann, dem Dipilto die Einführung der neuesten Verbesserungen verdankt, Don Chico F. u. s. w. Die meisten dieser Leute waren früher durch Guardiolo aus Besitz und Heimath vertrieben worden und jetzt irrte ihr früherer Verfolger in denselben Gegenden heimathlos umher, wo die Vertriebenen sich eine neue Heimath gegründet. »Nehmt euch ein Exempel dran!«
Selbst die frohesten Stunden müssen aber ein Ende haben und so auch mein Aufenthalt in Dipilto. Wenn ich noch andere Punkte für meine Studien ausbeuten wollte, hatte ich, der bevorstehenden Regenzeit wegen, nicht sehr viel Zeit zu verlieren.
Ich fand hier noch größere Schwierigkeit, mir Thiere zu verschaffen, denn die meinigen waren gleich nach meiner Ankunft nach St. Rafael zurück gekehrt, weil der Mangel an Futter dort die meisten unfähig zur Arbeit machte. Da ein Packthier, welches ich mit Mühe und Noth auftrieb, erst in einigen Tagen disponibel ward, mir aber mittlerweile ein ziemlich gutes Reitpferd verschafft worden war, so beschloß ich, mich einstweilen allein auf den Weg zu machen, um in der Zwischenzeit Mr. Dickson, meinen vorjährigen Reisegefährten von der Brigg Rogelin, zu besuchen, der in Maquelizo eine Zweigmine bearbeitete.
So belud ich denn – es war jetzt schon Mitte April – den kleinen munteren Braunen mit den nöthigsten Lebensmitteln, da ich wenig Aussicht hatte, die nächsten zwei Tagereisen bis Yuscaran welche zu bekommen, und begab mich frisch und fröhlich wieder auf die Wanderschaft.
Es ging nun von Neuem an ein Steigen und Klettern durch ödes steriles Gebirg, weit und breit keine Spur menschlicher Wesen, denn ich befand mich hier so ziemlich zwischen den letzten Außenposten der Civilisation. Ich mochte etwa drei Stunden geritten sein und hatte von fern schon mehrmals einzelne Savannen hinter mir in Feuer gesehen, als ich, in einem engen Felsthal eingeschlossen, auf einem kleinen abschüssigen Terrain, bei einer Biegung das Thal vor mir in Flammen sah. Wäre das Gras hier so hoch und dicht wie in den Prairien von Texas, so würde ich jetzt wahrscheinlich nicht im Stande sein, gegenwärtige Zeilen zu schreiben. Die Sache erscheint aber weit gefährlicher als sie wirklich ist, denn das Gras ist hier nur dünn und kurz, brennt schnell wie Pulver ab, und dann bieten auch einzelne ganz nackte Stellen Plätze, wo das Feuer nicht hinreicht, ja bisweilen hält nur ein kleines Bächlein den Gang der Flammen auf. Es geschieht dies Abbrennen absichtlich gegen Ende der heißen Jahreszeit, um dem neuen Grase Platz zu machen.
Zurückzugehen fand ich nicht für rathsam, denn bergauf wäre ich von den Flammen sicherlich eingeholt und vom Feuer und Rauch noch mehr belästigt worden, darum hielt ich auf der etwas hoch gelegenen Stelle an, stieg ab und sattelte mein Pferd etwas mehr zurück, um ihm das Athmen zu erleichtern.
Das kluge Thierchen wieherte leise, als hätte es mich verstanden und wollte mir sagen: Sei nur ruhig und verlaß dich auf mich.
In der That sind auch die Thiere durch das alljährliche Abbrennen der Savannen so ans Feuer gewöhnt, daß selbst Kühe sich ganz gemächlich an gesicherte Punkte zurückziehen, wobei sie freilich die feinere Witterung vor dem stolzen und doch oft so hülflosen Herrn der Erde voraus haben.
Ich hielt nun still, bis die Flammen einen Punkt erreicht hatten der mir günstig schien, gab dem Braunen scharf die Sporen und im raschen Galopp, das Gesicht in des Pferdes Mähne geborgen, tauchte ich gegen den Wind in den dichten Qualm und war in nicht einer halben Minute wieder auf der anderen Seite aus dem Feuer heraus. Zwar war der Boden noch heiß, die Luft schwer und raucherfüllt, allein bald verlor sich auch dies, und als ich nach einiger Zeit an einen Quell kam, wusch ich mein Pferd, das an den Beinen ziemlich versengt war, so wie mein eigenes rauchgeschwärztes Gesicht im kühlenden Naß. Das Fatalste war, daß ich durch die Hatze den Weg verloren hatte und erst eine Weile herumirren mußte, ehe ich ihn wieder fand.
Ich konnte nun freilich Maquelizo diese Nacht nicht mehr erreichen, wie ich gewollt, allein da ich gegen Abend einen Rehbock schoß und auch so glücklich war, ein Bächlein mit noch grünem Ufer zu finden, das Wasser und Futter für's Pferd bot, blieb ich liegen, hobbelte das Pferd, briet mir etwas Fleisch und ließ das andere am Morgen den Coyotas, welche die ganze Nacht darum serenadirt hatten.
Ich kam nach Maquelizo, das etwas kleiner als Dipilto, übrigens aber demselben sehr gleicht, schüttelte Freund Dickson die Hand, und nachdem wir einen Tag mit gegenseitiger Erzählung unserer Erlebnisse verbracht, ritt ich weiter gen Honduras. Ich war jetzt auf der Höhe des Gebirges, welches die Wasserscheide zwischen den beiden Oceanen bildet; in einer Entfernung von nur einigen hundert Schritten entsendeten Quellen ihre Wässer nach Osten und Westen.
Bis Yuscaran kam ich nur zweimal an elende Indianerhütten, in deren einer ich übernachtete. Mein Bett war ein hölzerner Trog, in welchem die Thiere, »die Moses Kinder scheuen«, nach ihrem Tode abgebrüht und ihrer Borsten beraubt werden, und mein Schlummer ward sehr gestört, nicht sowohl von den blutigen Gestalten jener unschuldig Gemordeten, sondern von einer Legion Flöhe und anderer Insecten. Ich hatte am nächsten Morgen auch noch das Vergnügen, einen Tiger zu schießen, der mich von einem kleinen Felsblocke aus neugierig betrachtete, als ich eben mein Pferd einen steilen Hohlweg am Zügel heraufführte. Die Kugel drang ihm ins linke Auge und er verschied ohne weitere Protestationen, das Pferd aber hatte beim Knall Reißaus genommen, und ich hatte Mühe, es wieder zu erhaschen. Das schöne Fell brachte ich als Trophäe mit nach New-York.
Am Mittag erreichte ich den Rio di Choluteca, den Grenzfluß zwischen Honduras und Nicaragua. Von Zollbeamten und Gensdarmen zur Visitation der Pässe war hier freilich keine Spur, und doch wäre es mir höchst erfreulich gewesen, dergleichen Leutchen hier zu finden, da sie mir doch die Furth zum Passiren des Flusses hätten zeigen können, zu der ich den Weg im steinigten Terrain verloren hatte; denn da der an und für sich schon große Fluß noch von steilen Felsen eingeklemmt wird, so ist er selbst in der trockenen Jahreszeit nur an einigen Stellen passirbar.
Ich suchte eine Zeitlang, bald auf-, bald abwärts, nach einer Furth, da ich aber keine fand, nahm ich Waffen und Packtaschen auf den Kopf und durchkreuzte auf gut Glück den Fluß an der Stelle, die mir am tauglichsten dazu schien. Bald hatte das Pferd Grund, bald ging es schwimmend weiter, so daß manchmal nur noch unsere beiderseitigen Köpfe zu sehen waren, doch langte ich ohne weiteren Unfall am anderen Ufer an, natürlich so naß, als ein Geschöpf Gottes möglicherweise nur sein kann, setzte meinen Weg fort und langte am Abend im Hause des Herrn George C..... an, eines Engländers, der seit mehr als 20 Jahren hier ist, sich mit einer Tochter des Landes verheirathet hat und nun mit seiner liebenswürdigen Gattin und seinen Kindern ein zwar einsames, aber ruhiges und augenscheinlich glückliches Leben führt.
Sein Ingenio liegt nur etwa 3 Miles von Yuscaran entfernt; ich leistete daher seiner, schon in Dipilto an mich ergangenen Einladung, in seinem Hause zu ruhen, um so lieber Folge, als sowohl das Pferd wie ich vom dreitägigen Klettern gehörig erschöpft waren. Das arme Thier war von dem schweren Reiter und den ausgestandenen Strapazen so mitgenommen, daß es sich durch mehre Tage nicht erholen konnte.
Mit wahrem Wonnegefühl legte ich mich am Abend, nach einer Tasse stärkendem Kaffees, in einem guten Hause unter freundlichen Menschen zur Ruhe und schlief mit dem seligen Bewußtsein ein, morgen nicht gleich wieder in den Sattel klettern zu müssen.
Der Staat Honduras, dessen Grenze ich im Rio di Choluteca überschwommen, ist von den fünf Staaten Central-Amerikas nächst Nicaragua an Flächenraum der größte, an Bevölkerung der kleinste, an Mineralien der reichste, an Productenausfuhr der ärmste. Er erstreckt sich vom 13. bis 16. Grade nördlicher Breite, vom 83. bis 89. westlicher von Greenwich, vom 6. bis 12. westlicher von Washington, ist im Norden und Nordwesten von den carribischen Seen, östlich vom sogenannten Mosquito-Königreiche, südlich vom Staate Nicaragua, südwestlich von St. Salvador, nordwestlich von Guatemala begrenzt.
Die Verfassung ist mit geringen Abweichungen der von Nicaragua gleich.
Der Staat ist in sechs Departements getheilt: Gracias, St. Barba mit dem Hafen von Omoir an dem Carribien-See, Comayagua mit der Hauptstadt gleiches Namens, Yoco, nächst dem Cap Honduras, Choluteca, welches zugleich einen großen Theil des Golfes di Fonseca umfaßt, und in letzterem die wichtigen Inseln Islo de Tigre und Sacate Grande, die, sollte der Atlantic-Pacific-Kanal zu Stande kommen, eine außerordentliche Bedeutung erlangen müssen. Die Stadt Tegucigalpa liegt gleichfalls in diesem Bezirke und ist meist der Aufenthaltsort der Regierung, da die ungesunde Lage von Comayagua diese Stadt nicht recht zur Bedeutung kommen lassen will. Der sechste District endlich, Olancho, ist einer jener unter dem Namen des Mosquito-Königreiches streitig gemachten Landstriche und größtentheils, gleich Yoco und St. Barba, von den Indianerstämmen der Ikakes und Carribes bewohnt; der weiße Theil der Bevölkerung lebt meist zerstreut auf Rindvieh-Haciendas, unter denen sehr ausgedehnte Besitzungen sind. So starb während meines Aufenthalts in Yuscaran einer der reichsten Grundbesitzer, der an 24,000 – sage 24,000 – Stück Rindvieh hinterließ, und deren Weideplätze einen Flächenraum einnahmen, größer als so manches deutsche Fürstenthum.
Zur selben Zeit fand auch einer der öfter vorkommenden Raubüberfälle der Carribes statt, als deren Grund ich aber mehr jene kleinlichen Hetzereien wegen der Gebietsstreitigkeiten ansehe, als wirkliche Feindseligkeiten und Haß; denn so oft ich auch Indianer antraf, fand ich sie doch nur stets von friedfertigem, freundlichem Charakter und sanften Sitten.
XII. Yuscaran. – Don Pedro Xatrerha. – Indianerstämme. – Gefahren eines Besuches bei ihnen. – Gewaltsame Requisition. – Tegucigalpa. – Sennora L... – General Cabannas.
Yuscaran, wo ich einen Halt von zwei Wochen machte, ist einer der bedeutendsten Bergbauplätze mit einer großen Anzahl Minen, deren viele schon seit mehren Jahrhunderten betrieben werden. In der Neuzeit ist die Ausbeute allerdings bedeutend geringer geworden, was auch hier seinen Grund in dem höchst unvollkommenen Betriebe hat, so wie in der Schwierigkeit, sich die nöthigen Maschinen und tüchtige Bergleute zu verschaffen, denn Alles, was ich über Dipilto gesagt, hat auch auf hier Bezug. Keine der Minen hat mehr als 500 bis 600 Fuß Tiefe, und doch liegen viele derselben schon lange todt, die bei gehörigem Betriebe noch sehr reiche Ausbeute geben würden. Ich habe auf meinen Touren die verschiedenartigsten Stufen gesammelt, deren reicher Gehalt gewiß die Aufmerksamkeit der Mineralogen fesseln würde, und dennoch tragen viele der Minen, aus denen ich sie gesammelt, kaum die Kosten des Betriebs.
Der Ackerbau ist von keiner großen Bedeutung und genügt kaum, die dünne Bevölkerung zu ernähren; Reis, Bohnen, ja selbst Mais muß nicht selten aus den Niederungen am Pacific herbeigeführt werden, und sogar während meines kurzen Aufenthaltes war wegen geringer Stockung im Transport für einige Zeit eine Art von Hungersnoth eingetreten.
Die weiße Bevölkerung ist auch hier verhältnißmäßig noch schwach, da das Land erst später unter spanische Botmäßigkeit kam. Cortez, auf seinem berühmten, beschwerdereichen Marsche nach Cap Gracias, berührte nur Nord-Honduras.
In den blutigen Revolutionen, die Central-Amerika bis auf unsere Tage erschüttern, hatte auch Honduras seine Rolle; in dem Kriege, den Morozan für die Föderation führte, war Tegucigalpa der Schauplatz einer heldenmüthigen Vertheidigung des Generals Cabannas, desselben, der sich auf Morozan's Rückzug von Guatemala so großen Ruhm erwarb und der heute den Präsidentenstuhl von Honduras einnimmt.
Eine traurige Epoche war die, wo Guardiolas' fanatische Verfolgung der Gegenpartei stattfand und das Land mit Blut überschwemmte. Wenige Familien existiren, die aus jener traurigen Zeit nicht den Verlust eines ihrer Glieder zu betrauern haben. In jener Zeit erwarb sich der damalige Commandant von Yuscaran, Don Pedro Xatrerha, großes Verdienst: als nämlich Guardiolas sich der Stadt bis auf einen Tagemarsch genähert, öffnete Don Pedro auf eigene Gefahr der Verantwortung die Gefängnisse und entzog so Hunderte von unglücklichen Gefangenen einem grausenvollen Tode, eine menschenfreundliche Handlung, die der wackere Mann beinahe mit dem eigenen Leben bezahlt hätte, denn Guardiolas, wüthend, daß seine Opfer ihm entgangen waren, ließ ihren Befreier verhaften, und nur seine anerkannte Bravour als Soldat entzog Don Pedro dem Tode. Derselbe lebt noch heute geehrt und geliebt auf demselben Posten, und ich genoß drei Tage, die ich in der Stadt selbst blieb, seine Gastfreundschaft, die, wie hier überall, gern gegeben und darum dankbar angenommen ward. Für mein Portefeuille fand ich auf meinen Streifereien in der Umgegend besonders reiche Ausbeute und bereue die darauf verwendete Zeit keineswegs.
Großes Verlangen trug ich danach, meine Excursionen bis in das Gebiet der Ikakes und Carribes auszudehnen, unter günstigen Umständen mich sogar länger unter ihnen aufzuhalten und vielleicht manche nicht unwichtigen Beiträge zu Nutz und Frommen der Wissenschaft zu sammeln; allein einige Berichte competenter Männer über die Eigenthümlichkeiten dieser Indianerstämme hielten mich ab, dies Wagniß allein zu unternehmen, und ein Begleiter wollte sich nicht finden.
Es herrscht nämlich bei allen diesen Stämmen, neben der Scheu, die sie überhaupt vor Umgang mit Fremden tragen, eine außerordentliche abergläubische Furcht vor Bezauberung und Ansteckung durch Krankheit. Allein unter ihnen krank werden, heißt seinem gewissen Tode entgegengehen. Man läßt dem fremden Kranken einige nothdürftige Lebensmittel und Wasser, worauf Alles aus seiner verderbenbringenden Nähe flüchtet und erst nach seinem Tode oder, was äußerst selten vorkommt, nach seiner Genesung zurückkehrt; stirbt er, so wird das Haus sammt Allem, was darin ist, niedergebrannt. Dasselbe geschieht ihm aber auch, jedoch bei lebendigem Leibe, wenn er nur zufällig auf die Erde spuckt, so groß ist ihre Furcht vor Bezauberung.
Es möge dies den tabackkauenden Yankees zur Lehre dienen, wenn anders einige von ihnen diese Länderstriche besuchen und, wie überall, einen magischen Kreis braungefärbten Speichels um sich ziehen sollten.
Ich selbst huldige zwar keineswegs der edlen Gewohnheit des Tabackkauens und hatte also von dieser Seite nichts zu befürchten; allein mein viermonatliches Fieber hatte mir denn doch einigen Schrecken in die Glieder gejagt, und wenngleich ich den Tod nicht scheue, wenn's einmal gestorben sein muß, so hat der Gedanke, von aller Welt verlassen gleich einem Paria zu verenden, doch zu wenig Anziehendes für mich. Sollte sich also ein anderer Reisender zur Nachholung des von mir Versäumten verlockt fühlen, so rathe ich ihm wohlmeinend, sich wenigstens mit einer zu Schutz und Krankenpflege geeigneten Begleitung zu versehen, besonders aber sich des Ausspuckens gänzlich zu enthalten.
Nachdem mir die Güte des wackern Mr. George C......, eines der angesehensten Minenbesitzer hiesiger Gegend, ein paar leidliche Maulthiere verschafft, machte ich mich in Begleitung eines Mozo nach Tegucigalpa auf den Weg. Die einzelnen Individuen vom Stamme der Ikaken, die, schon als Kinder geraubt, hier und da zerstreut als Diener leben, sind wesentlich von den Nachkommen der Aztekes und Toltekes verschieden, weniger gut gebaut, mit kleinen geschlitzten Augen, verschwollenen Augenliedern, dicken Lippen und unverhältnißmäßig großen Untertheilen des Kopfes, augenscheinlich von viel geringerer Intelligenz und Capacität als jene. Die Haare, welche die Nicaragua-Indier bis auf einen kleinen Theil über der Stirn abscheren, tragen diese Ikaken lang, auch waren dieselben nicht kraus, sondern schlicht herabhängend.
Um nach Tegucigalpa zu gelangen, hatte ich zuvörderst einen mächtigen Gebirgsstock zu erklettern, was viel leichter gesagt als gethan ist; die trockene Jahreszeit hatte ihren höchsten Gipfel erreicht, die ganze Natur schien mir bis ins innerste Mark verbrannt; die armen Maulthiere waren durch die Spärlichkeit des Futters zu wahren Skeletten herabgekommen, konnten statt der 250 bis 300 Pfund der gewöhnlichen Ladung kaum 150 Pfund tragen, und mein armes Sattelthier machte mein Mitleid so rege, daß ich es vorzog, einen großen Theil der Kletterei zu Fuß abzumachen. Auf der Höhe des Gebirges fanden wir einen Quell, kalt wie Eis, für Menschen und Vieh eine willkommene Erquickung. Meine Tortillas gab ich meinem armen verhungerten Thiere, begnügte mich mit einigen gekochten Bohnen und einem halben Dutzend Strohcigarren zum Nachtisch, worauf es wieder an ein eben so halsbrecherisches Hinabklettern ging, das uns am Abend zu einem mit grünen Ufern kokettirenden Flüßchen als geeigneten Lagerplatz brachte. Die größte Wohlthat war den armen Thieren hier unten die Befreiung von den abscheulichen Stechfliegen, die hier die Größe von einem Zoll haben und eine wahre Höllenmarter für das Vieh sind; ich vergrößerte ihr Wohlbehagen noch dadurch, daß ich ihnen meinen Salzvorrath zu lecken gab.
Aber bei all' meiner Thierfreundlichkeit blieb ich doch selbst ohne Nahrungsmittel und schickte daher Salvador, meinen zeitweiligen Sancho Pansa, auf Requisition von Eiern und Hühnern aus, während ich selbst Feuer machte; der Bursche kehrte aber mit der gewöhnlichen Redensart »No hai« (es ist nichts da) zurück. Das wurmte mich und meinen Magen gar sehr, deshalb beschloß ich, selbst eine Recognoscirung anzustellen, gürtete meine Hüften, schulterte die Büchse und schlug den Pfad nach einigen zerstreuten Indianerhütten ein, die das Dörfchen Jove bilden.
Wie gewöhnlich war auch hier Alles, wonach ich fragte, nicht vorhanden. Da führte sein Unstern mir ein halbwüchsiges Schweinchen in den Weg, und ich that, wie ich schon früher bei gleicher Gelegenheit einmal gethan, d. h. nachdem ich die anwesenden Indianer gefragt, ob einer von ihnen der Eigenthümer sei und ein »No Sennor« zum Bescheid erhalten, schnitt meine Kugel den Lebensfaden des jugendlichen Geschöpfes zugleich mit allen Einwendungen des Mannes kurz ab, eröffnete aber dagegen die Schleusen seines Jammers ob des ungeheueren Verlustes; 10 Pesos Kupfer, ungefähr 2 Thaler und gut der dreifache Werth des Schlachtopfers, stillten jedoch den Jammer und verwandelten ihn in solche Freude, daß der Mann mir ein Geschenk von einem Dutzend Eiern machte und seiner Frau befahl, mir so viele Tortillas zu backen, als mein Herz nur immer verlangen würde.
Da ging es nun an ein Kochen, Braten und Backen, das Feuer ward rundum mit Cochonnerien aller Art besteckt, Wirth und Wirthin wurden meine Gäste, aus meinem kleinen Feldkessel sendete ein köstlicher Kaffee seine aromatischen Düfte empor, und um dem Mahle den größten Reiz zu verleihen, zog ich eine Flasche Agua ardiente, zu deutsch Schnaps, aus meiner Satteltasche hervor. Ueberwältigt vom lucullischen Mahle und der Müdigkeit, sank ich dahin und schlief den Schlaf des Gerechten.
Wer wissen will, wie ich den nächsten Tag verlebt, der lese das Obige noch einmal, nur mit dem Unterschiede, daß der reichlichere Vorrath von Tortillas und Schweinefleisch neue Requisitionen unnöthig machte, und daß auf der Höhe des Gebirges der Minenort St. Antonio, zwischen todten, sterilen Sandsteinfelsen gelegen, die Oede etwas unterbrach; nachdem ich aber den zweiten Gebirgskamm überschritten, sah ich das Ziel meiner diesmaligen Reise, Tegucigalpa, in der Ferne liegen, bei welchem Anblicke mein Herr Maulesel, in der Hoffnung auf Erlösung von seinen Leiden, die Lüfte von einer mißtönigen Freudenhymne wiederhallen ließ. Noch ein mühevolles Hinabklimmen, und ich hielt meinen Einzug in besagter Stadt, deren reinlich gehaltene, gepflasterte Straßen, wohnliche Häuser und behäbig aussehende Einwohner einen sehr angenehmen Eindruck auf mich machten.
Im Hause der Schwiegermutter des Herrn C....., Sennora Donna L....., erwartete, wie überall, Menschen und Thiere die freundlichste Aufnahme; mein Gepäck traf aber erst spät am Abend ein, denn das arme verhungerte Thier war zweimal gestürzt; nebenbei hatte Salvador große Aengsten ausgestanden, daß ich mich verirrt haben könne, und war höchlich erstaunt, mich gesund und wohlbehalten beim Schmause zu finden.
Die Stadt Tegucigalpa, inmitten der Gebirge in einer schönen Thalebene am Rio di Choluteca und nicht weit von seinem Ursprunge gelegen, soll eine Bevölkerung von 25,000 bis 30,000 Einwohnern haben, woran ich jedoch billig zweifeln muß, obschon man den über einen großen Theil der Ebene zerstreuten Stadtbezirk hierbei mit einrechnet. Wenn überhaupt alle die hier gewöhnlich erfolgenden Angaben der Einwohnerzahl richtig wären, wie z. B. Granada 40,000, Leon 35,000, Matagalpa 30,000 u. s. w., so müßte Central-Amerika mindestens 10 Millionen Einwohner haben, während es thatsächlich deren kaum 2 Millionen besitzt. Meiner Berechnung nach kann die eigentliche Stadt Tegucigalpa etwa 5000 bis 6000 Einwohner haben.
Alles trägt aber hier den Charakter der Wohnlichkeit und Nettigkeit. Die Plaza ist mit hübschen Häusern umgeben, worunter mehrere zweistöckige, eine Seltenheit in diesem Lande, welche beweist, daß die Erdbeben in diesem Theile weder so häufig, noch sehr stark sind. Ein erfreuliches Zeichen waren die vielen im Bau begriffenen Häuser und die gänzliche Abwesenheit von Ruinen, jener traurigen Denkmale vergangener Bürgerkriege. Die Kathedrale ist ein großes, stattliches Gebäude mit nicht unschönen Verhältnissen, nicht ganz so imposant wie die von Leon, aber immerhin ein schönes Bauwerk und seinen Umgebungen angemessen. Sie besitzt einen überaus reichen Altar von vergoldeter Holzschnitzerei im spanischen Roccoco, einige Bilder alter spanischer Meister zweiten Ranges und mehrere neuere von geringer Bedeutung. In der Sakristei lag auf einem Tische eine neungeschwänzte Geißel; ich frug den freundlichen alten Priester, der mich herumführte, ob dies Instrument hier etwa zu frommen Bußübungen angewendet würde? »No, Sennor,« entgegnete er lächelnd und kopfschüttelnd, »es ist für die Hunde, die einst, vom Hunger getrieben, das Hostienkästchen ausgefressen haben.«
Im Hause der Sennora L.... war ein ganzes Heer allerliebster Mädchen, sammt und sonders Schwägerinnen des Herrn George C...... Ich war meist den ganzen Tag abwesend, wenn ich aber am Abende zurückkehrte, so hatten immer zwei der jungen Damen die Aufmerksamkeit, ihr Diner bis zu meiner Essenszeit zu verschieben, um mir Gesellschaft zu leisten, was mir im höchsten Grade angenehm war. Gern hätte ich mich für so viele Güte durch doppelte Liebenswürdigkeit dankbar erzeigt, allein mein vom Weltschmerz zusammengeworfenes Schicksal trieb mich unerbittlich weiter und weiter über Stein und Dorn, und verstattete mir keine Frist, meine Galanterie zur vollen Blüthe zu entfalten.
Ein freundlicher alter Herr, Don Liberato X......, stellte mich dem Präsidenten, General Cabannas, vor, einem kleinen Manne, der mir kaum bis an die Herzgrube reichte, mit einem Kopfe, der sich zum Körper wie 1 zu 6 verhält, einem Gesichte voller Narben, aber einem Paar biederer, kluger Augen, aus denen Muth und Energie blitzt, und der felsenfeste Geist eines redlichen Patrioten und tüchtigen Feldherrn.
Bei Morozan's Rückzug von Guatemala hatte der damalige Colonel Cabannas die Kathedrale mit einem Häuflein besetzt und gehalten, bis das ganze Patriotenheer sich zurückgezogen, und schlug sich dann mit 100 Mann durch ihrer 3000, wobei freilich kaum ein Viertheil seiner Tapfern mit dem Leben davonkam. Als Guardiolas im Jahre 1849 die Regierung umstürzen wollte, genügte der bloße Name Cabannas', um ein Heer auf die Beine zu bringen, und schnell, wie Spreu vom Winde, waren die Empörer auseinandergejagt.
Der Mann war mir trotz seines unschönen Aeußern wirklich lieb geworden, und ich fand den Enthusiasmus für ihn ganz begreiflich. Er bewohnt jetzt das Haus, das ehemals Morozan gehörte, ein pittoreskes, altspanisches Gebäude, dicht am Flusse gelegen, über den hier eine breite steinerne Brücke von 17 Pfeilern führt, die erste, die ich in Central-Amerika gesehen, denn die von Leon ist nie vollendet worden.
Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich das erste Malerexemplar, das sich in diese Himmelsstriche verirrt hat, denn es ist unglaublich, was ich von der Neugierde der Leute auszustehen hatte; bei der Arbeit umstanden sie mich so dicht, mir nur gerade ein Stück Aussicht offen lassend, daß kein Lüftchen mir Kühlung bringen konnte, hier unter der tropischen Sonne eine höchst unerquickliche Probe von Kunstliebe.
Ich sah im Hause des Präsidenten mehrere sehr schöne Opale, deren im Gebirge von ungeheuerer Menge, wenn auch nicht alle von gleichem Werthe, vorhanden sind; einen davon verehrte er mir, sowie auch einige schöne Gold- und Silbererze.
Nach alle diesen Kreuz- und Querzügen nahte sich der Monat Mai heran, und mit dessen Ende das Ende der trockenen Jahreszeit. Wie schmerzlich fühlte ich hier den durch meine Krankheit verursachten Zeitverlust, der es mir unmöglich machte, noch einen Abstecher nach Copan vorzunehmen, obschon ich mich hier bereits auf ziemlich zwei Drittel des Weges von Leon dahin befand; allein jetzt war es die höchste Zeit, den Rückmarsch nach Leon anzutreten, wollte ich anders zu Land dorthin gelangen; denn gleich nach den ersten Regengüssen, die meist auch die stärksten der ganzen Regenzeit sind, verwandelt sich das Land nördlich vom Viejo in einen wahren Sumpf.
Ich hatte mich jetzt nach und nach bis ziemlich zum 15. Breitengrade hinaufgearbeitet und sollte mich nun aus diesem kalten nördlichen Klima, wo man sich im Schatten bei 95° Fahrenheit erlaben durfte, wieder einem südlichern, wärmern, d. h. noch brühheißern, zuwenden. O welch' heitere Aussicht!
XIII. Süßer Abschied. – Cerro di Ule. – Prachtvolles Panorama. – Heimweh. – Portillo de la Victoria. – Künstlerische Ausbeute. – Indianische Fiesta. – Große Hitze. – Ein tropisches Gewitter. – Ankunft zu rechter Zeit. – Fata morgana. – San Martin. – Choluteca. – Esteroreal. – Noch etwas über das Canalproject. – Ankunft in Leon.
Das alte Lied vom Maulthiermiethen, satteln, packen ging wieder los; diesmal aber hatte mich die Güte der Sennora L.... mit einem vorzüglichen Vorrath von Proviant aller Art versehen, worunter sich sogar ein außerordentlicher Luxusartikel befand: Brod, wirkliches ordentliches Brod! Gegen Mitte des Mai rückte ich mit dem Frühesten aus, denn ein harter, langer Tag stand mir bevor.
Der Abschied war mir weniger schmerzlich, als vielmehr sehr wonniglich, denn ich hatte ein ganzes Pelotonfeuer von Umarmungen und rosigen Lippen zu passiren – honni soit qui mal y pense! das ist hier Landessitte, und Landessitte muß man ehren! Ganz nach der Regel fing ich mit der ältesten Dame an und endigte mit der jüngsten, gleichwie man erst Tischwein trinkt und dann Cabinetswein nippt, und »als das Spiel ein Ende nahm, da fing ich wieder von vorne an« – dann aber machte ich, daß ich in den Sattel kam, sonst wäre ich wohl gar ganz kleben geblieben.
Und bergauf, bergab ging's wieder, und immer mehr bergauf, und immer pittoresker und schöner ward die Landschaft – o hätte ich den Genuß mit so manchem meiner Kunstgenossen theilen können! Zuerst ließ ich hinter mir die herrliche, luftige Palme, dann die majestätische Buche, dann die knorrige Eiche, zuletzt selbst die Kiefer, bis ich ein hohes Tafelland erreichte, wo nur noch niedrige Sträucher und endlich eine Art mir noch gänzlich unbekannter Bäume wuchsen. Zwischen Steinen und Felsgerüll schafften sich riesige Aloës von 30 bis 35 Fuß, wohl auch noch höher, Raum, jene fremdartigen Bäume aber waren mit langen Streifen hellen Mooses behangen, das in dicken Fasern bis hernieder zur Erde hing und, vom leisesten Winde lautlos hin- und hergewiegt, der ganzen Natur das Ansehen eines ehrwürdigen, nachdenklichen Greises gab.
Wie so fremd, so heimathlos fremd und einsam fühlte ich mich da plötzlich in solch' lautloser Beweglichkeit, daß mir graute wie im Reiche der Schatten, und ich ordentlich froh war, wenn der Hufschlag meines Thieres die unheimliche Stille unterbrach.
Bald hörte auch die letzte Vegetation auf und allmälig dröhnte der Tritt der Thiere hell auf der gefrorenen Erde; die seltsamsten Empfindungen regte der Contrast des fremdartigen Anblicks mit diesem eigenthümlich heimischen Schall in mir auf. Die Sonne sank tiefer und tiefer, und als sie ungefähr noch zwei Hände hoch über dem Horizonte stand, hatte ich die letzte Höhe des Cerro di Ule erreicht.
Wen solche Naturscenen nicht zur Andacht stimmen, der, meine ich, ist überhaupt keiner Herzenserhebung zum Herrn und Schöpfer fähig! Da draußen, in weiter, unermeßlicher Ferne, lag der stille Ocean, in welchen bald die herrliche, glühende Sonne hinabtauchen sollte, wie in ein ersehntes Land der Verheißung; da lag, in grauvioletten, unendlich zarten Duft gehüllt, der schöne Golf von Fonseca mit seinem gebirgigen Archipelagus; da lag gen Süden die Ebene von Nicaragua, begränzt von der imposanten Kette von Vulkanen, deren letzter und höchster, der alte Monotombo, sein graues Haupt über die Spitze eines näher liegenden Gebirges noch erhebt, während der Viejo, als anderer riesiger Endpfeiler dieser Kette, seinen Fuß von den Wellen des unendlichen Meeres bespülen läßt; da lag die Tierra caliente von Choluteca, durchschnitten von vielen in der Abendsonne blinkenden Flüssen und Flüßchen, und weiterhin eine zweite Vulkankette, la Consequina, la Union, St. Miguel, St. Vicente, St. Salvador, Itzalko, bis sich weit, weithin nach Nordwesten Alles in grauen Nebel verlor; ringsum aber in größerer Nähe streckten starre, steile Felsgebirge die nackten Häupter aus der Tiefe empor, und hier und da brannte das Gras und erhöhte durch die leichthinziehenden weißen Rauchwolken noch den Reiz der großartigen Landschaft. Gott ist groß und die Natur der erhabenste Prophet seiner Größe!
Aber wie so häßlich störend rüttelten mich die Lamentionen meines klappernden, frierenden Mozo auf, der mich endlich einholte und mir vordemonstrirte, daß die Thiere noch weit mehr frören als er, daß sie krank werden würden, wenn sie die Nacht hier blieben, wo keine Weide, kein Wasser und nur wenig Holz sei, und dies und das, bis ich fuchswild ward und Alle zum Kuckkuk wünschte, was von hier aus wohl ziemlich ebenso weit sein mag, als das Pfefferland von Europa; er nahm sich den Wunsch zu Herzen und zog ab – nach einer der tiefer liegenden Hütten, ich aber behielt mein Poncho, meine Büchse, meinen Feldkessel und etwas Wasser, machte Feuer an, kochte mir Kaffee, wickelte mich in den Poncho und überließ mich meinen Gedanken, die schneller noch als alle elektromagnetischen Telegraphen dahinflogen in weite Ferne.