Ein Jahr in Central-Amerika. (continued 3)
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Es wurde aber wirklich recht frisch in der Nacht, und das Gefühl der Kälte war mir ganz wunderlich, denn seit Jahr und Tag hatte ich es fast verlernt; ich lief hin und her im klaren Mondschein, rieb mir die Hände und schüttelte mich, suchte mehr Wurzeln für's Feuer und lief wieder umher – und plötzlich ward mir's recht seltsam zu Muthe, ich kam mir vor wie einer jener armen Jungen am Weihnachtsmarkte meiner Vaterstadt, die auch frierend hinter ihren kleinen Verkaufstischchen mit den winzigen papiernen Pyramiden und Christbäumchen hin- und hertrippeln, und sich ebenso, wie ich jetzt, die Hände reiben; ich gedachte der heiligen Christabende meiner Jugend und es überfiel mich ein seltsames Gefühl – mit einem Worte: ich bekam das Heimweh.
Der Morgen kam und mit ihm der Mozo, und die Maulthiere, und der Kaffee und Tortillas, nota bene nicht auf einmal, sondern Eins nach dem Andern, und als nichts mehr kommen wollte, machten wir uns auf die Socken, oder richtiger, auf die Hufe unserer Maulthiere.
Der höchste Punkt meiner ganzen Tour war nun überschritten, und bald sollte ich aus der Tierra fria, wie das ganze Hochland benannt wird, in die Tierra caliente am Pacific, das heißt aus dem kalten Striche in den warmen kommen.
Zuvörderst suchte ich dem Golf von Fonseca näher zu kommen, um eine malerische Ansicht zu erlangen; die vom Cerro di Ule war zu ausgedehnt für ein Bild, und als solche war mir der Portilla (soviel wie Engpaß) de la Victoria gerühmt worden. Zunächst erreichte ich das freundliche Indianerdorf Coyolar, wo mir in einem freundlichen steinernen Hause von einem noch freundlichern Wirthe die allerfreundlichste Aufnahme ward. Der Eigenthümer war auch einer jener sich arm nennenden Besitzer von circa 20,000 Acker Landes und 6000 bis 7000 Stück Rindvieh, eine Armuth, bei der es sich indeß allenfalls leben läßt. Sehr in Erstaunen setzte mich hier die Größe des Rindviehs, das von hier durch die ganze Gegend bis Choluteca dem größten Schweizervieh nichts nachgiebt.
Der folgende Tagemarsch sollte mich bei Zeiten Nachmittags an besagten Portillo bringen, allein just am entscheidenden Punkte ließ mich, oder ließ ich den Weg im Stiche, wenn man nämlich einen einfachen Rindviehpfad so nennen kann; statt rechts wandte ich mich links, und nach dreistündigem mühe- und gefahrvollem Hinabklettern befand ich mich plötzlich auf einem stark abschüssigen Terrain, einige Hundert Fuß über einem kleinen Flusse, und gegenüber, aber hoch, hoch über mir lag der fragliche Punkt.
Zurückzugehen war so schlimm als vorwärts, ersteres aber zu zeitraubend, und so blieb mir denn nichts übrig, als, bald rutschend, bald kletternd, bald fallend, einen Pfad zum Fluß hinab zu suchen, was besonders für die armen Thiere sehr beschwerlich war, endlich aber doch trotz mehrmaligem störrischen Protestes ihrerseits ohne Hals- oder Beinbruch bewerkstelligt ward; die Passage des Flusses ergab gleichfalls ein beträchtliches Risico für die Gebeine von Menschen und Vieh von wegen des schlüpfrigen, ungleichen Terrains zwischen scharfkantigen Felsbrocken, nach dessen glücklicher Ueberwindung zu allgemeiner Erholung ein fünfstündiges Klimmen begann, bergauf durch pfadloses Gerüll, und bei einer Sonnengluth! – ohne Schatten, ohne erfrischenden Trunk, – das Wasser im Calabash (Kürbisflasche) hatte so ziemlich eine Temperatur, um Eier weich darin zu sieden.
Alles aber erreicht sein Ende, so auch das Klettern; Dank dem Umstande, daß ich glücklicherweise so ungewöhnlich starke Maulthiere erwischt hatte.
Spät gegen Abend langte ich am Portillo in einem Trupp indischer Hütten an, in deren bester ich mein Standquartier nahm, und sogleich Erkundigungen wegen des mir empfohlenen Punktes einzog. Ich erfuhr, daß ich ihn auf dem Gipfel einer südlich emporsteigenden steilen Felswand finden würde, auf welcher aber zuvörderst eine Anzahl Bäume niedergehauen werden müßten, um eine volle Fernsicht zu gewinnen. –
Hätte ich Geld geboten, um Führer und Arbeiter zu dingen, so würde ich manche Schwierigkeiten gehabt haben, deshalb griff ich zu einem andern Mittel. Ich ernannte den Mozo zu meinem Herold, und befahl ihm, laut dem Volke zu verkünden: ich sei in Gnaden gewillt, eine pompöse »Fiesta« zu geben, und jedermänniglich sei dazu geladen, der mich morgen begleiten und mir helfen wolle, Bäume umzuhauen. Ein lautes E viva! von der einige Dutzend Kehlen starken Bevölkerung war die Antwort.
Als Zeit des Aufbruches ward früh 3 Uhr festgesetzt, allein schon vor der bestimmten Zeit fanden sich dienstfertige Geister ein, und als ihre Zahl bis zwölf angewachsen war, ging die Kletterei über Stock und Stein im Mondschein los; meinen Sancho hatte ich mit einer kleinen Geldsumme versehen, um aus einem tiefer gelegenen größern Dorfe den bei einem indischen Feste unerläßlichen Vorrath von Agua ardiente zu requiriren, meiner Wirthin hatte ich ein junges Schwein abgekauft und Vollmacht ertheilt, Bohnen, Tortillas und Kaffee en masse bereit zu halten; ich war gewillt, etwas Großes loszulassen, denn heute war ja der 15. Mai, der Tag, an dem Du, mein guter Vater, das Licht der Welt erblickt!
Wie ich mit meinen kupferfarbigen Gefährten die Wand hinaufkam, wie die Machetas, deren Anzahl sich nach und nach verdoppelt, lustig zu arbeiten begannen, die Stämmchen rechts und links krachten und fielen, und wie sich, da eben die Sonne hervorlugte, neugierig das frevle Treiben der Menschlein zu beschauen, vor meinen vor Entzücken trunkenen Blicken ein wahres Prachtstück aus der großen Gemäldegallerie der Natur entrollte, das erlaßt mir, Euch zu schildern. Landschaften lassen sich nicht beschreiben; denkt Euch aber Robert Kummer's Bild: der Fernblick vom Gipfel des Montenegrinergebirges nach dem See von Scutary hinab, ins Tropische übersetzt, und Ihr habt einen schwachen Begriff des wundervollen Landschaftmotives, das ich glücklicher Sterblicher am Abend des fleißig benutzten Tages mit gutem Gewissen als mein Eigenthum in der Malermappe davontrug.
Genug, der Abend war da, meine Gäste gleichfalls, der Schnaps und anderweite Festrequisiten dito; ein freier Platz vor dem Hause, zur höchstgewölbten Festhalle bestimmt, war reingefegt – »und die Schmauserei ging los, und der Spaß war himmlisch groß!« u. s. w.
Messer, Gabel, Löffel, Teller, Gläser, Tische, Stühle, Servietten und all' dergleichen Ueberflüssigkeiten waren freilich nicht vorhanden. Die Tortillas, kleine runde Maiskuchen (welche hier die Stelle der Teller und Servietten vertreten und vor diesen noch den großen Vortheil haben, selbst verzehrt werden zu können), mit Bohnen und Fleisch bedeckt, hielt Jeder vor sich auf den Knieen, statt des Stuhles auf den eigenen Fersen kauernd. Für den Kaffee hatte Jeder seinen eigenen Gualqual oder Hykaro mitgebracht, Flaschenkürbisse, deren erstere einer flachen Trinkschale, letztere unten abgerundeten Bechern gleichen; ich aber saß inmitten der vielen, auf meine Veranlassung wackelnden Mäuler auf meinem Feldstuhle, und kam mir wie recht was Großes vor, selbst tüchtig mitschmausend, denn der lange Fasttag hatte meinen Appetit in ungewöhnlicher Weise rege gemacht, wobei ein Hofstaat von Muchachas (indische Mädchen) mir die Ehre erwiesen, mich immer wieder mit neuem Stoff an Fleisch und Bohnen zu versehen, welches erstere mein Sancho Pansa mit mehr Schnelligkeit als Grazie zerlegte, und dabei sich selbst nicht vergaß, ganz wie weiland sein europäischer Ahnherr.
Die Muchachos (junge Burschen) hatten ringsum an den Bäumen lange Kienspäne befestigt, deren Feuer weithin ein rothes Licht verbreitete; es hätte ein allerliebstes Bild abgegeben, wenn Hunger und Müdigkeit nicht so heftig gegen das Malen protestirten.
Nachdem die Arbeit des Essens vorüber, fingen die Guitarren an zu klimpern. Der mühsam herbeigeschaffte Schnaps stand in weitbauchigen Korbflaschen da, Kaffee brodelte im Kessel und der Majordomo des Festes hatte aus eigenem Antriebe eine mächtige Battea (hölzerne Waschschüssel von 4 Fuß im Durchmesser) voll Chicha brauen lassen, ein Getränk von Ananas, Wasser und Zucker, das eben so angenehm schmeckt als kühlend ist; daneben noch ein ansehnlicher Vorrath von Pinolia, d. i. geröstetes Maismehl, Cacao, Zucker und Wasser, das gleichfalls eine wesentliche und gar nicht unangenehm schmeckende Erfrischung bildet; endlich Zuckerrohr a discretion – kurz, es war ein Leben wie im Schlaraffenlande!
Diesmal war mir's nicht möglich, wie in Totogalpa, mich vom Tanze abzudrücken, denn das wäre als große Beleidigung aufgenommen worden. Zum Glück führte man zuerst den sogenannten spanischen Tanz auf, der ziemlich einfach in seinen Bewegungen ist und darin besteht, daß die tanzenden Paare in einer langen Reihe, je zwei und zwei mit dem Gesichte gegen einander gekehrt, stehen, einigemale die Runde machen, dann changiren, wodurch sie gegen ein neues Paar zu stehen kommen, und so weiter bis ans Ende der Reihe, wo sie sich wenden und wieder zurücktanzen. Das war mir leicht, denn ich hatte ja etwas dem Aehnliches schon in New-York gelernt und verübt, auf Kosten der Fußzehen einiger tanzenden jungen Damen. So nahm ich denn die ganz niedliche Muchacha, die man mir als Partnerin präsentirte, bei der Hand und entledigte mich meiner Obliegenheiten mit möglichstem Anstand und ohne weiteren Unfall; dann aber ließ ich meinen Hammock etwas weiter hinauf am Berge an Bäumen aufbinden und zog mich in meine inneren Gemächer zurück.
Einen allerliebsten Anblick hatte ich von oben hinab auf den Tanzplatz, da sowohl am Berghange als das ganze Thal herauf eine Menge rothe Kienfackeln schimmerten, denn der Ruf der Fiesta, die der Sennor estrangero gab, hatte im Laufe des Tages weithin verbreitet und von nah und fern Gäste herbeigelockt, deren Fackeln wie Leuchtkäfer durch die Nacht schimmerten.
Auffällig war mir die ungewöhnliche Menge von Kröpfen, deren ich in solchem Umfange selbst in Central-Amerika noch nicht gesehen und von denen manche wie ein Kürbis von leidlicher Größe ihren Eigenthümern am Halse baumelten. Ich griff voll Schrecken selbst mehrmals an meine eigene Gurgelgegend, um mich zu vergewissern, ob sich nicht auch da im Laufe des Tages ein solches Gewächs eingefunden hätte.
Wie lange das Fest dauerte, weiß ich nicht, denn nach so anstrengendem Tagewerke schlief ich natürlich hart und fest, nur erinnere ich mich, daß noch eine geraume Zeit Guitarrengeklimper und Jauchzen sich in meine Träume mischten und am andern Morgen Sancho kaum aus dem Schlafe zu rütteln war, was Zeugniß gab, wie fleißig er in der Nacht Beine und Gurgel in Bewegung gesetzt; von agua ardiente und allen anderen Festgenüssen war aber auch nicht ein Atom mehr vorhanden.
Mein nächstes Ziel waren nun die Minen von St. Martin, in kurzer Entfernung vom Golf von Fonseca gelegen, die man mir als die reichsten rühmte. Gegenwärtig werden dieselben vom Capitain M.... H. B. M. N. und Herrn R......., der eine der vielen Schwägerinnen des Herrn George C.... geheirathet, betrieben.
Es war wieder die alte Strapaze, durch steile, kahle Felsenthäler ohne Schatten hinab, wozu noch die liebe Sonne ihre Strahlen in allzu freigebiger Hitze spendete und die Atmosphäre auch nicht vom leisesten Lufthauche gekühlt ward. Der berühmte russische Reisende Krusenstern, wenn ich nicht irre, berichtet von einem südsibirischen See, in welchem eine Fischart existirt, die nur aus Gräten und Haut und dazwischen einer öligen Substanz statt des Fleisches bestünde. Mir war zu Muthe, als sei ich solch' ein armer Fisch und all' mein Fleisch sei geschmolzen wie Butter von der Sonne. Diese übergroße Hitze hatte ihren Grund darin, daß man in diesen Tagen den ersten Regen erwartete, wo immer die Hitze den höchsten Grad erreicht, und in der That begannen sich auch schon mächtige Wolkenmassen am fernen Horizont zusammenzuballen.
Am Nachmittag war ich endlich hinab in die Ebene gelangt, das Gewitter aber war heraufgezogen. Da der Boden eben war, ließ ich meinen Macho ausgreifen, was er nur konnte, um St. Martin möglichst noch vor Ausbruch des Gewitters zu erreichen. Zwei Reiter, die wir überholten, riefen mir zu, nicht so zu eilen, wir hätten noch Zeit; besser ist besser! dachte ich aber, winkte dem Mozo und trottirte frisch weiter. Es dauerte auch gar nicht lange, so schlugen schon einzelne mächtige Tropfen mit dem Knalle einer Peitsche auf die harttrockene Erde nieder, während weiße Staubwolken, emporgewirbelt vom daherbrausenden Sturme, grell gegen den rabenschwarzen Horizont abstachen, hie und da ein zischender Blitz durch die Luft züngelte und dumpfer Donner das Herannahen des Unwetters verkündete.
Vorwärts jagten die keuchenden Thiere, als wüßten sie besser wie Menschen was da kommen würde, und die Bagage auf dem Lastthiere rasselte, als ob Alles in zehn Millionen Stücken gehen sollte, bis ich endlich, Gott sei Dank! die ersten Häuser von St. Martin erreichte, in deren ersten einem Mr. R...... eben unter seiner Veranda stand; dessen »Good day Sir, glad to see you, expected you since two days!« ward dabei von einem furchtbaren Donnerschlage unterbrochen, zugleich war's, als ob alle Schleusen des Himmels geöffnet würden, und hernieder strömte die Wasserfluth, als wollte es alles Fleisch, das nicht in der Hitze verschmort, vollends ersäufen. Mr. R....... war hoch erfreut mich unter seinem Dache zu sehen, ich aber sicherlich noch viel mehr, denn in solchem Wetter war es wahrlich kein Spaß, auf offener Haide zu sein. Schlag auf Schlag sauste hernieder und dazu brüllte der Donner in einer Weise, gegen die alle Proben tropischer Gewitter, die ich nur je erlebt, als ein wahres Erbsengerolle erschienen.
Es waren zwei Gewitter, eins von der Küste, das andere vom Gebirge herziehend, die sich gegenseitig bekämpften; letzteres schien das schwächere, denn nach kurzem Kampfe ward es von seinem Gegner in die Schluchten zurückgedrängt, der noch lange Zeit ein dumpfes Knurren hören ließ, wie ein Bulldogge nach der Beißerei, sich dann endlich auch zur Ruhe begab und der erfrischten Natur noch einen schönen Abend zu genießen verstattete.
Am andern Morgen sah die ganze Landschaft aus wie eine Fata morgana; die graue Pergamentfarbe vom vorigen Tage war wie durch einen Zauberschwamm weggewaschen und liebliches, sanftes Grün erlabte ringsum das Auge. So etwas war mir noch in meinem Leben nicht vorgekommen: dem Boden, der noch gestern für ewige Zeiten der Vegetation erstorben schien, waren über Nacht zwei Zoll lange Grashalme entsprossen, und Blätter von beträchtlicher Größe hatten sich in Zeit von kaum zwölf Stunden vollkommen entwickelt.
Ich machte mit Herrn R....... einen Spaziergang durch seine Werke, die wohl ergiebiger sein mögen als die von Dipilto und Yuscaran, deren Betrieb sich aber in nichts von jenen unterscheidet.
Von einem Burschen, der des Weges daher kam, hörten wir, daß die beiden Reiter, die ich am Tage vorher überholt, vom Blitze getroffen worden waren, der eine nebst dem Pferde getödtet, der andere schwer beschädigt. Wie froh war ich, ihren Worten kein Gehör gegeben zu haben! Mit dem vielen Metallgeräthe, das ich an mir trug, Büchse, Pistolen, Schwert u. s. w., hätte ich, gleich einem alten Ritter in der Rüstung, einen ganz herrlichen Blitzableiter abgegeben!
Die Minen von St. Martin rechtfertigen ihren Ruf allerdings in hohem Grade; ich sammelte hier die reichsten Stufen; allein wie alle Bergwerksbesitzer klagte auch Mr. R. sehr über Mangel an hinreichenden und sachverständigen Arbeitern und die daraus erwachsende Unmöglichkeit eines ausgedehnteren Betriebes. Eine Compagnie, die während einiger Jahre 5000 bis 10,000 Dollars für Einführung des verbesserten Bergbaues verausgaben könnte, würde ohne allen Zweifel sehr brillante Geschäfte machen.
Ein Ruhetag, ein Abschied und weiter ging's dann, denn von jetzt an stellten sich jeden Nachmittag Gewitter ein, weshalb ich nur kurze Tagemärsche zurücklegen konnte. Die erste Nacht kam ich bis Choluteca, 3 bis 4 Miles von den Ufern des Golfs von Fonseca gelegen, am Flusse gleiches Namens, der hier in der Ebene ziemlich eine halbe (englische) Meile breit, aber nicht sehr tief ist und sich leicht zu Pferde passiren läßt. Der Ort selbst ist traurig und todt und bietet jetzt keinerlei Vortheil, als in seiner Umgebung gutes Acker- und Weideland, auf dem schönes Rindvieh graset. Einwohner mögen höchstens 2000 da sein. Am Abend warf ich vom Thurme der kleinen Kirche noch einen letzten Blick auf den schönen, lieblichen Golf und die wilden, zackigen Gebirge, die mich so weidlich in Schweiß gebracht hatten. Ich schlief im Hause des Mayor, eines jovialen Kauzes, mit dem ich ein Glas trefflichen Burgunders leerte, das ich hier wahrlich nicht zu finden erwartet hätte.
Am andern Morgen, als ich mich eben in den Sattel schwingen wollte, kaufte ein Indianer in seinem Laden 1 Vara (etwa 2 Ellen) Baumwollenstoff; der würdige Magistrat machte mich darauf aufmerksam und meinte lachend, wenn ich ein Buch über Central-Amerika schreiben wollte, möchte ich ja nicht vergessen, Choluteca als bedeutenden Handelsplatz mit anzuführen. Je nun, was nicht ist, könnte wohl noch werden, wenn erst die große Welthandelsbahn rings um den Erdball Central-Amerika durchschneidet und dessen reichen Bodenschatz der Mühe des Ausbeutens werth macht.
Von Choluteca aus geht der Weg durch fettes, herrliches Weideland, meist flach und nur an den ersten zwei Tagen hier und da von niedrigen Hügeln unterbrochen. In vielen der kleinen Flüßchen, die bis dahin trocken gelegen, fing schon an Wasser zu rieseln, und trotzdem nur erst wenig Regen gefallen, mußten sich die armen Thiere doch an einigen sumpfigen Stellen schon arg quälen.
Der erste bedeutendere Fluß, über den ich kam, war der Rio negro, welcher in den Estero real fällt. Von da an ist das Land so eben wie ein Tisch. Den Estero real überschritt ich am andern Morgen ungefähr 10 Meilen höher, als Mr. Belcher, der englische Ingenieur, mit seinem Schiff gekommen war. Selbst da noch hat der Fluß 200 bis 250 Fuß Breite; das Wasser war jetzt freilich noch spärlich, kaum 3 Fuß tief, allein die Ufer sind sehr hoch und von sehr starken, gerad nach dem Wasser sich absenkenden Wurzeln, gleich einem festen Pfahlwerke, geschützt, so daß die Natur die Anlegung und Vertiefung eines schiffbaren Kanals zum großen Theil selbst vorgearbeitet hat.
Nachdem ich das fragliche Terrain in mannichfachen Richtungen durchstreift und untersucht, steht auch bei mir die Ueberzeugung fest, daß der Atlantic-Pacific-Ship-Kanal entweder an dieser Stelle nach dem Golf von Fonseca zu führen, oder überhaupt in eine ganz andere Richtung zu verlegen ist. Erlaubt es meine Zeit, so werde ich späterhin eine genauere technische Erörterung dieser Frage versuchen.
Das Ende dieses Gebirgsausfluges ist kurz beschrieben. Ich zog am Fuße des Viejo hin, bis zu einem Engpaß zwischen diesem Vulkane und dem Teliva, und stieg von da endlich in die Ebene von Leon hinab, wo ich gegen Ende Mai anlangte, mit leichtem Herzen, noch viel leichterem Beutel, als ich es verlassen, und mit schauderhaft zerfetzter Garderobe, übrigens aber mich einer so trefflichen Gesundheit erfreuend, wie seit lange nicht, fett wie ein Bär im Herbste und geistig im besten Humor. Meinen Mozo hatte ich die letzte Tagereise zu Fuß machen lassen, denn auf sein Maulthier hatte ich einen starken Hirsch und ein halbes Dutzend Pavon real geladen, ein herrlicher Vogel, bedeutend größer als der Truthahn, von schönem Gefieder und noch köstlicherem Geschmack, deren der Viejo und die Ufer des Estero real in ungeheuerer Menge beherbergen, und welches Wildpret ich zum Geschenk für meine Freunde bestimmte, die mich nach fast dreimonatlicher Abwesenheit mit alter Herzlichkeit willkommen hießen.
XIV. Glücklicher Zufall. – Abschied von Leon. – Ein Jahr Unterschied. – Stars and Stripes! – Verändertes Aussehen von St. Juan di Nicaragua. – Abschied von Central-Amerika. – Allgemeine Bemerkungen und Warnungen für Auswanderer.
Am Bord des Steamers Illinois auf der Höhe von Cuba, Juli, 1852.
So war denn, für jetzt wenigstens, die mir gestellte Aufgabe in Central-Amerika erledigt, da manche unvermuthete Zwischenfälle die von Squier und mir projectirte Exploration der noch unbekannten Striche desselben auf eine entferntere Zeit zu verschieben nöthig machen. Meine Bestimmung rief mich wieder nach New-York zurück, aber in meiner jetzigen Lage war eine Reise von mehr als 3000 Miles ein Kunststückchen, über dessen Lösung ich mir wohl vergebens hätte den Kopf zerbrechen können, wenn nicht der liebe Gott und mein sehr geehrter Freund und Gönner, Mr. Kerr, Gesandter der Vereinigten Staaten in Central-Amerika, mir eine gute Gelegenheit geboten hätten, dies zu bewerkstelligen, und Letzterm zugleich einen Dienst zu erweisen: zwei wichtige ratificirte Traktate waren nach Washington zu überbringen, welche Mission Mr. Kerr mir anvertraute.
Meine Sachen waren bald gepackt, mein alter Schimmel hatte sich in der Zwischenzeit auf guter Weide von den Entbehrungen der trockenen Jahreszeit recht wacker wieder erholt und ward mir von seinem jetzigen Besitzer freundlichst zu diesem letzten Ritt geliehen; das Maulthier eines neuen Sancho Pansa trug mein ziemlich umfängliches Gepäck, und nach kurzem, herzlichem Abschiede von Land und Leuten befand ich mich bald in Gesellschaft meines gütigen Arztes und Gastfreundes Dr. L., den ebenfalls Geschäfte nach den Vereinigten Staaten riefen, auf dem Wege nach Granada. Während wir durch die klare tropische Mondnacht dahintrabten, sandten uns noch die Glocken der ehrwürdigen Kathedrale, das morgende Frohnleichnamsfest einläutend, den letzten Scheidegruß nach, und in dem leisen Wellengemurmel, mit dem der stille Ocean einstimmte, verklang der Schlußaccord meines Lebens in den Tropen.
Nach scharfem zweiundzwanzigstündigen Ritt (für 110 Miles) langten wir in Granada an, wo Dr. S., einer meiner früheren Bekannten, sofort einen seiner kleinen Schooner segelfertig machen ließ; bald waren wir mit meinen Skizzen und Sammlungen an Bord, und eine günstige Brise trieb uns in 36 Stunden über den See. In St. Carlos war uns der Duanendirector, der sich lachend meines Champagnerschusses vom vorigen Jahre erinnerte, behilflich, schnell ein Boot für den Fluß fertig zu machen, und nach abermals 36 Stunden waren wir in St. Juan.
Daß meine vor einem Jahre ausgesprochenen Prophezeiungen in Bezug auf den St. Juan River und den Platz gleiches Namens so schnell in Erfüllung gehen würden, hätte ich wahrlich nicht gedacht. Die Veränderung war fast wunderbar; da, wo noch vor'm Jahre (ich passirte die Stelle am selben Tage und fast zur selben Stunde) die Ruinen von Castillo Viejo einsam im Walde vergraben lagen, flatterten jetzt lustig die Stars and Stripes (Sterne und Streifen, die Flagge der Vereinigten Staaten) über einem entstehenden Wohnplatz; die alte Festung und die sie beschattenden Bäume waren verschwunden, ein großes Hotel und eine Anzahl hölzerner Wohnhäuser lugten wundersam neugierig hinüber in die jungfräulichen Wälder; über den Rapids lag ein kleiner Steamer, unterhalb noch einer, am Serapique River wieder einer, und zwei kleine Schlepp-Steamer gingen eben letztern Fluß hinauf, um Ladungen von Kaffee aus Costa Rica zu holen. Das kleine Dampfboot, das voriges Jahr, kurz vor meiner Ankunft, an dem Machucha-Rapids gestrandet war, hing zwar immer noch an derselben Stelle, seiner völligen Zertrümmerung entgegenharrend, aber eine Menge Treibholz war an dasselbe angeschwemmt, und hatte schon angefangen, eine kleine Insel zu bilden, auf der Büsche lustig grünten. In St. Juan hatte der größte Theil der Schilfhütten hübschen hölzernen Wohnhäusern Platz gemacht, was dem pittoresken Aussehen zwar Abbruch that, das Leben aber denn doch bedeutend angenehmer machte. Manche der alten Bekannten waren noch da und freuten sich meines Wiedersehens, und wie in Leon die Glocken der Kathedrale, so ward mir hier beim frohen Mahle im Klange der Gläser das Abschiedsgeläute von Central-Amerika.
Die große Bedeutung, welche diese Länderstriche gewiß binnen Kurzem für den Welthandel erhalten müssen, versprechen ihnen eine reiche, gedeihliche Zukunft, werden aber auch viele Ansiedler aus europäischen Ländern hierherlocken, zumal Deutsche, und zu ihrem Nutz und Frommen sei es mir hier noch verstattet, einige auf eigene Erlebnisse und Anschauungen gegründete allgemeine Bemerkungen anzuschließen.
Wer es irgend vermag, der vermeide hier, zumal im Innern, das Alleinreisen, das tausend Beschwerlichkeiten und Verlegenheiten bereitet, und versorge sich mit einem Mozo, einem Packthiere und wo möglich mit einem Hammock, sowie auch mit Lebensmitteln, denn nicht nur, daß man alle Sorge für Satteln, Packen und Füttern des Pferdes übernehmen muß, bieten selbst viele der sogenannten Gasthäuser, außer einer Bettstelle mit roher Ochsenhaut überzogen, nur höchst spärliche Mahlzeiten, ja jenseits Leon hören sie sogar ganz auf. Besonders lästig dabei ist die Verpflegung des Pferdes, da das nöthige Futter meist schwierig aufzutreiben ist, und man, selbst bis zum Tode ermattet, das müde Thier oft noch eine Stunde weit nach dem Protero bringen muß.
Was die Preise der Lebensmittel anlangt, so sind diese durchgängig billig, ausgenommen wenn eben ein starker Durchzug nach Californien die große Heerstraße etwas theuer macht, und nur aus dem Umstande, daß Herr Thiele, derselbe, welcher so heftig gegen Fröbel's Berichte auftrat, nie weiter als nach dem Hafen von St. Juan di Nicaragua gekommen, wohin allerdings die Lebensmittel theils von Granada, theils von Bluefield, über 30 Meilen die Küste entlang, gebracht werden müssen, lassen sich dessen übertriebene Preisangaben der Lebensmittel erklären, wie z. B. ein Ei 1 Media (etwa 2 Silbergroschen), ein Pfund Rindfleisch 1 Real, u. s. w. Ich kann versichern, daß ich selbst an Plätzen, wie Massaya und Managua, wo nach den Landesbegriffen höchst luxuriöse Gasthäuser sind, sogar in Begleitung eines Dieners nie mehr als 1 Dollar für Nachtessen (bestehend aus gebratenem Huhn, Fisch, Eiern, Käse und Chocolade), Nachtlager und Frühstück, incl. des Futters für zwei Pferde, bezahlt habe. Auch die schädlichen Einflüsse des Klimas werden diejenigen nicht zu befürchten haben, welche sich meine Erfahrungen in dieser Beziehung zu Herzen nehmen und dergleichen Extravaganzen vermeiden, wie ich sie mir unvorsichtigerweise zu Schulden kommen ließ.
Die Hauptschwierigkeiten, welche sich, meines Erachtens, dem Einwanderer entgegenstellen, sind: Erstens die wenig consolidirte Stellung, welche der Fremde hier noch einnimmt, theils infolge der politischen Zerrüttungen des Landes, theils infolge der Kurzsichtigkeit der Einwohner, deren ganzes Bestreben nur dahin gerichtet ist, vollauf Bananen und Tortillas essen zu können, und welche sich gewissermaßen fürchten, zu einer angestrengtern Thätigkeit genöthigt zu werden, sobald kräftige, arbeitsame Einwanderer ihnen als Concurrenten gegenüberstehen. Aus diesem Grunde allein werden sie, statt, wie in der Union, durch eine zweckmäßige Gesetzgebung dem neuen Ankömmlinge Erleichterungen zu verschaffen, und durch günstige Bedingungen fleißige Hände herbeizuziehen, welche sich bemühen, dieser in jeder Beziehung fast unerschöpflichen Natur einen stärkern Tribut aufzuerlegen, als ihre jetzigen Gebieter es thun, im Gegentheil noch durch allerhand Einschränkungen und Schwierigkeiten dem Ansiedler sein saures Geschäft noch saurer zu machen sich bestreben.
Die oben erwähnten politischen Zerrüttungen leisten natürlich dieser, theils indolenten, theils böswilligen Opposition der kurzsichtigen Landesbevölkerung noch bedeutenden Vorschub, und so lange es nicht einer ebenso verständigen, humanen, wie energischen Regierung gelingt, eine stabilere Ordnung einzuführen und kräftig aufrecht zu erhalten, dürfte es auch einer fremden Colonisation kaum möglich werden, mit glücklichem Erfolge gegen alle jene Hemmnisse anzukämpfen.
Ebenso kann man endlich auch noch als den schlimmsten Feind, den der europäische Einwanderer, und vor Allem der Deutsche, zu begegnen hat, ihn selbst und seine Landsleute bezeichnen. Auswandern ist an und für sich selbst keine Kleinigkeit, das nehme sich Jeder zu Herzen, der seine Heimath verläßt, er möge sich wenden, wohin er wolle, zumal aber hierher. Dazu kommt aber noch, daß in Deutschland der Unterthan fast in Bezug auf jede staatliche und communliche Einrichtung fortwährend unter Leitung zahlreicher Regierungsbehörden steht, die, so lästig und einengend sie ihm auf der einen Seite auch erscheinen mag, auf der andern Seite aber auch ebenso viele Anlehnungspunkte und Bequemlichkeiten bietet. Im neuen Lande fällt dies nun plötzlich weg, der Auswanderer hüpft wie ein Springteufelchen aus der Dose, alle die Institutionen, Verordnungen und Gesetze, an welche er gewöhnt ist und zu denen er bei jeder vorkommenden Gelegenheit seine Zuflucht nahm, fehlen ihm nun hier plötzlich. Unwissend und ohne Erfahrung, wie eine neue Gesellschaft in einem neuen Lande zu bilden sei, und statt sein Bestes für das Gemeinwohl, auf dem ja das Wohl des Einzelnen mit beruht, zu thun, verharrt der Einwanderer, bei aller körperlichen Uebermühung und einer Menge unnützer Anstrengungen, geistig in einer gewissen Trägheit, und überläßt aus alter Gewohnheit die Organisation des Ganzen denjenigen, welche Selbstaufopferung oder Ehrgeiz genug besitzen, es zu übernehmen, oder auch von Sonderinteressen dazu getrieben werden. Sind nun alle jene getroffenen Anordnungen nicht nach Wunsch, oder entspricht der neue Zustand nicht vollkommen dem Bilde, welches sich der Ansiedler zuvor davon entworfen, so bricht er, statt den Grund in sich selbst zu suchen und sein Möglichstes zur Abhilfe des Uebels beizutragen, in maßloses Schimpfen über das elende Land und die Schurken aus, die ihn ins Verderben gelockt. Dies sind meines Erachtens die Ursachen, warum so viele Pläne von deutschen Colonien, in der Union sowohl als anderwärts, gescheitert sind, dies und die unglückliche Theorienreiterei, welche schon daheim einen vollständigen Plan ausarbeitet, bis auf die Gartenbeete womöglich, ob sie Zwiebeln oder Spargel tragen sollen, gleichviel, ob der Plan ausführbar ist oder nicht.
Haben sich diese Betrachtungen schon in der Union als richtig und begründet erwiesen, wo doch so Manches zur Erleichterung des Einwanderns gethan wird, so wird dies hier um so mehr der Fall sein, wo dem Fremdlinge im Gegentheil eine Menge Erschwernisse in den Weg kommen, und so sehe ich denn auch in dem neuerlichen Versuche der Gründung einer deutschen Colonie in Central-Amerika, so aufrichtig ich demselben auch den besten Erfolg wünsche, kein sonderliches Heil erblühen. Ich setze voraus, daß die Principien dieser Gesellschaft liberaler und praktischer sein werden, als die des Mainzer Schutzvereins in Texas; es kann dieselbe auch schon aus andern Gründen wohl nicht so ganz scheitern wie jene Colonie; dennoch kann ich kaum glauben, daß eine größere Anzahl von Leuten so viel Thatkraft und Resignation besitzt, die namenlosen Mühseligkeiten einer Ansiedelung hier im Lande gemeinsam zu bewältigen, nur um ihren Kindern ein besseres Loos zu bereiten, als sie selbst dabei erwartet. Solche Gesinnung gehört aber unbedingt dazu, soll der Ansiedler frohen Muthes über das Ungemach hinwegkommen, das überall sein Beginnen begleitet. Geschieht dies jedoch und kommt die junge Colonie nur erst glücklich über die Kinderjahre hinaus, so wird ganz gewiß diese herrliche, üppige Natur dem gut angewandten, redlichen Fleiße einen reichen Lohn nicht versagen.
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" 25 " 12 v. o. " Schusse st. Schlusse.
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" 112 " 8 " " Giuseppe st. Giuseppa.
" 133 " 7 " " Becher st. Beche.
" 137 " 6 v. o. " Protero st. pastura.
" 141 " 12 " " Granadiner st. Leoneser.
" 141 " 15 " " Leoneser st. Granadiner.
" 150 " 4 " " Chamorro st. Chamorra.
" 152 " 7 v. u. " Heeren st. Herren.
" 157 " 6 " " Chichigalpa st. Chidrigalpa.
" 196 " 11 v. o. " Holftern st. Halftern.
Druck von Ferber & Seydel in Leipzig.