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Von der Hexe die eine Heilige war

Wie Gisela mit Leiden stritt

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Gisela: Leiden, das Käuzchen soll aufhören! Wie es schreit! Hörst dus denn nicht! Es geht mir durch Mark und Bein, wie es schreit. Leiden, kannst dus denn mit anhören! Kannst du es denn mit ansehen, wie ich mich winde!

Warum holst du mir den Schlaf nicht? Wie viel Nächte schon ist er nicht mehr zu dem Fenster hereingestiegen? Leiden, du willst ein Engel sein und da stehst du Nacht für Nacht, Stunde für Stunde und siehst mich daliegen.

Hast dus gehört, was die Försterin heute gesagt hat? Als das Fenster offen war, mußt dus gehört haben. Sie sagte: Ists denn noch immer nicht zu End da droben? Einem Stücklein Vieh gibt man eins vor den Kopf, das wäre auch das Beste, was man der tun könnte ...

Hörst du, Leiden, so muß ich daliegen wie ein armer, zertretener Schmetterling im Staub am Weg ... So bin ich geschändet ... das sagen sie von mir ...

Wars das Käuzlein, das so schrie, war ichs? Wars ein armes Tier, das an einem Pflock angekettet wimmert ... Das bin ich ... ich schrei ... ich ... Du, Leiden, schämst du dich nicht?

Leiden: Du mußt mich nicht an deinem Bette haben, wenn du nicht willst ...

Gisela: Du sagtest, du werdest mich nie verlassen.

Leiden: Ich bleibe auch bei dir, wenn du mich willst — doch du kannst zu mir sagen: Geh!

Gisela: Wie?

Leiden: Siehst du das kleine Scherlein dort? Es ist fein, schlank und spitzig ... auf dem Tischchen, sie habens da liegen lassen ... das Scherchen nimmst du in deine Hand, — dein Herz, es pocht, laut genug, du findest es, stoß zu, stoß fest zu. — Heut hast du noch die Kraft, morgen hast du sie vielleicht nicht mehr.

Gisela: Leiden?

Leiden: Du fürchtest den Schmerz nicht. — Was ist der kalte Stahl gegen die glühenden Dolche, die dich zerstechen, jede Minute. — Ich bleibe bei dir und halte dir den Kopf, bis es vorüber ist ... So streck dich aus, ich streiche dir dein wirres Haar aus der Stirne ... Nimm das Tuch zwischen deine Hände, daß keine Flecken kommen auf die seidene Decke, die Er dir geschickt hat. Hast du das Scherlein?

Gisela: Ich habs. —

Leiden: Es kommt ein Zucken, es kommt eine große Kühle, dein Kissen weicht unter dir — weg flieht der Schmerz — noch ein Schauder ... Nacht ...

Morgen früh finden sie dich. Sie jammern ein wenig. Die ist nun erlöst, sagen sie ... Sie muß es im Fieber getan haben. Die grobe Magd, die du fürchtest, sagt: Sie hatte so wilde Augen gestern Nacht ...

Dann ziehen sie dir dein silbernes Kleid an. Sie kämmen dir die goldenen Haare um deine schmalen Wangen, sie legen dir die blassen Hände unter die Brust — da wo der kleine Flecken ist.

Keine lauten Worte mehr um dich, leise Worte ..

Das Kind bringt Blumen, weiße Rosen auf deine Kniee, weiße Rosen für dein Haupt. Du bist noch sehr schön, Gisela, jetzt bist du noch sehr schön.

Es kommt der alte Mann, dessen Geheimnis es ist, daß er dich liebt wie die Tochter und das einzige Weib der Welt zugleich. Er sagt: Sie hat nicht gewußt, was sie tat. — Laßt sie in Frieden, das Kind Gottes.

Dann ists still um dich. Durch die offenen Fenster weht ein Windlein und hebt dir die Haare von der Stirne. Dann kommt noch die Abendsonne und fällt auf dein silbernes Kleid, und dein Haar glänzt wie gesponnenes Gold. Es kommt die Nacht, stärker rauscht die Linde. Eine Nachtigall singt ihr süßes Lied ...

Da kommt ein leiser Schritt die Treppe herauf ... Er.

Da steht Er und sieht dich daliegen in deinem silbernen Kleid. Vielleicht küßt er deine Stirne, vielleicht fällt eine Träne auf deine Hand — da wo der rote Streifen ist. — Vielleicht sagt er, wie in der Nacht der Schrecken: Holdseligste!

Dann tragen sie dich hinaus, nicht in den Garten, in dem die vielen Kreuze stehen, wo die Orgeltöne über die Fliederbüsche hinstreifen ... Du mußt verborgen sein, auch im Tod. Sie tragen dich in den Wald, in den Eichenhain. Sie graben dir dort dein Grab. Der alte Mann spricht: Wir übergeben deinen Leib der Erde. Er steht da und sieht, wie der dunkle Waldboden auf deinen schmalen Sarg fällt. Dann lassen sie dich allein.

Ueber den Eichen rauscht der Sturm, rollt der Donner, es fällt der weiße Schnee.

Es kommen die silbernen Glöckchen wieder hervor. Er kommt manches Mal. Er sitzt an dem kleinen Rain, der schon übersponnen ist mit weichem Grün, er streicht über die schwanken Gräser mit seiner Hand. Ich habe dir Nichts, keinen Stein, der den Tannen und Buchen da sagen könnte: Hier ruht die Holdseligste.

Dann geht er fort und kommt wieder mit dem Kinde und sie stecken die weißen Knollen in den Boden, und im nächsten Jahr stehen die Lilien da — viele, viele. Ihr süßer Duft umstreicht den Hain, die Schmetterlinge umschlagen sie mit den Flügeln ... der Wanderer, der vorüber geht, er sieht sie stehen im einsamen Wald, in weiße Seide und Gold gekleidet — herrliche Lieder Gottes. Er bricht sie nicht, er schauert — er wendet sich. Rings um dich her sind heilige, grüne Hallen, da fällt kein Schuß, da weidet das scheue Reh, da flüchtet es sich hin vor dem Gebell der Meute. Wenn der Schnee kommt, stecken da Kornbüschel für die hungernden Vöglein und Heu für das Wild.

Gisela: Leiden, das ist deine schönste Geschichte.

Leiden: Es ist auch meine letzte. Du schickst mich fort. —

Gisela: Wohin gehst du, wenn du von mir fort gehst ...

Leiden: Zu Gott.

Gisela: Und ich?

Leiden: Du doch auch.

Gisela: Ich auch: Darf ich denn so kommen — mit meinem Scherlein?

Leiden: Du wolltest mit Dorotheas Kränzchen kommen, das hast du nun nicht. Aber wenn du auch mit deinem Scherlein kommen mußt — dort bist du doch. — Du bist sehr stolz, Gisela — es läuft dir eine Träne über deine Wangen. Denk, wie groß der himmlische Garten ist — du willst ja ein stilles Eckchen nur und die himmlischen Töne von ferne. Da kannst du doch sein, mit deinem Scherlein. Weißt du, die Dorothea lag doch nur kurz auf den glühenden Stäben — wie lange liegst du schon darauf — alle Nacht! Streich dir die Haare aus der Stirne, ich eile, tue es jetzt, schnell ... ich muß zu Gott, ich muß wieder herunter ... ich muß suchen ...

Gisela: Was suchst du —

Leiden: Eine Seele für den starken Freudenwein der Ewigkeit. Ich wollte ihn dir geben, nur den allerkleinsten Tropfen daraus, aber du kannst es nicht ertragen. —

Gisela: Sag mir von dem starken Freudenwein der Ewigkeit.

Leiden: Du kennst mich nicht, Gisela, so viele Nächte ich auch schon an deinem Bette gestanden habe. — Meinen Namen habe ich dir noch nicht gesagt. Ich habe viele Brüder — überall gehen sie durch die Welt — ich heiße nicht nur Leiden.

Gisela: Sag mir deinen Namen.

Leiden: Du mußt ihn selbst finden. — Ich sage dir jetzt Geheimnisse. Ich flüstere sie dir ins Ohr, es sind nur Mädchenohren. Nur was die fassen können, hörst du. Ich bin der Engel, der den Kelch hat, aus dem Jesus trank. Er trank ihn bis zum Grunde. Ein ganz kleiner, kleiner Tropfen nur, ein winziges Tröpflein hing am Rande. Den wollte ich dir geben. Aber deine Seele trägt es doch nicht. Du erschauerst davon, ein halbes Kind noch ...

Gisela: Gib mir den Tropfen! ich werf es hinweg, das Scherlein. —

Leiden: Ich sage dir Geheimnisse. Ich tränke dich, dich, mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit. Weißt du, wer Ihn aufhielt, in der Nacht der Schrecken, daß er zu spät kam, eine halbe Stunde zu spät? Ich wars. Ich habe dir deinen Fuß auf das Kohlenbecken gedrückt, ich stieß dir deinen verbrannten Rücken auf das harte Holz. — Du zitterst, deine Lippen sind weiß, er ist dir zu stark, der Tropfen.

Gisela: Warum, warum tatest du das?

Leiden: Weil ich deine Seele suchte, ich suchte sie für meinen Tropfen. Gisela, dich hab ich als Kind spielen sehen, du gingst so leicht über das Gras mit deinen kleinen, frohen Füßen, dir liefen die Tierlein zu, dir erblühten die holdesten Blumen von selbst. Ich hielt dich in der Einsamkeit. Ich stand schon neben dir, wie du noch ein Kind warst. Nicht viel Erdenstaub kam auf deine Seele. Den haben die Tränen, die du im roten Turm geweint hast, fast schon abgewischt. Warum denn für dich, du zarte Blume, alle Schrecken der Hölle? Alle Finsternisse? Das Riesenweib mit den erstorbenen Augen, die starren und nicht sehen, die Angst! der fürchterlichste von allen Dämonen, der das Blut in den Adern erstarren macht und das Herz klopfen macht wie einen Hammer ... Den wilden Riesen Schmerz für deinen armen holden Leib ... Warum denn das für dich — du Kind Gottes? du Gedanke Gottes! Sag nicht, ich bin schwarz, wenn du weißt, daß du lieblich bist.

Dich tränke ich mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit. Du bist von der Auserwählten Schaar, die es tragen, das Leiden der Welt — das Leiden Gottes. — An ihren Schmerzen zieht Gott durch die Dunkelheiten die Menschen zu sich. Du darfst sie tragen helfen, die Ketten der Welt — durch dich kommt sie vorwärts, aus ihrem Jammer heraus, aus ihrem Sumpf heraus — von ihrem Tränenmeer hinweg. Ich habe nur einen ganz kleinen Tropfen für dich. Nur ein klein wenig darfst du sie heben, die Kette. Für die Andern, für Alle, du. Schon der eine Tropfen, er erfüllt deine Seele. Schrei mit dem Käuzchen um die Wette oder schweig und preß die Lippen zusammen ...

Unten geht Er am Lindenbaum hin und her und ringt die Hände. Er hat ihn gehört den Schrei. Er ging ihm durch die Seele wie ein Schwert. Er hat ihn schon drüben am Walde gehört. Ist das das Käuzchen? Ist das die süßeste Stimme der Welt? Die Stimme, die ein Ton ist aus der himmlischen Harmonie? Nun ist sie nur noch ein Hauch von Weh. — Nun ist sie ein schrilles Zerreißen der Saiten ... Aber immer ist es die süßeste Stimme der Welt. — Ja, wird Er denn noch einen Ort in seinem Hause dulden, wo das Stöhnen um die Säulen fährt? Wenn man ihm die armen Weiber und Mägdlein bringt, wird er nicht ihre Stricke lösen und ihre Tränen trocknen und sagen: Auch sie war eine Hexe ... Und die liebe Frau Trost, erfindet sie nicht tausend Dinge, um deine armen Glieder dem Schmerz abzulisten? Die sagt sie Andern, die vererben sich ... Der weise Mann, der an deinem Lager stand, wälzt er nicht Folianten, sinnt und grübelt und forscht, ob er nicht Kräfte fände, in Blume oder Stein oder Erz, daß er ihn dir daraus brauen könnte, den Trank Vergessenheit? Brauchst du den Trank Vergessenheit? Du hast mich, daß ich dir Nachts die Seele fülle mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit.

Gisela: Bleib bei mir, Leiden!

Leiden: Du bist kein armer zertretener Schmetterling, im Staub am Weg. Du bist ein Schauspiel für Götter und Menschen ... Ich hole dir den Schlaf und wenn ich bis zum Thron Gottes hinauf müßte.

Illustration from Von der Hexe die eine Heilige war
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