Der Herrgottsnarr
Reading edition
Gisela: Ich bedank mich schön für das Tragen.
Förster: Wenn es nur der rechte Griff war, Gräfin Gisela.
Gisela: Gewiß, es war der rechte Griff ...
Förster: Hat lang genug gedauert, bis ich den gelernt hab.
Gisela: Habt Ihr noch ein wenig Zeit, Förster, oder müßt Ihr in den Löwen? Ich möchte Euch Etwas fragen.
Förster: Hab wohl Zeit, muß auch nicht in den Löwen, wenngleich der Löwe auch sein Gutes hat. Man raucht so seine Pfeif, die Wirtin hat nichts dawider, wenn der Feldmann mit hereinkommt, das Mühlwerk, das mein Weib mit sich herum trägt, hör ich nimmer klappern.
Gisela: Den Feldmann könnt Ihr wohl mit herauf bringen. Setzt Euch doch.
Förster: Ich weiß, was gegen die schuldige Achtung geht. Ob zwar der Feldmann ein Ausbund von Hund ist, der sich da nichts zu Schulden kommen ließ ...
Gisela: Ich möchte den Ausbund von Hund gern einmal sehen. Das muß einer sein! Wie der Herr, so sein Hund!
Förster: Ach halt so Wörtlein. Wenn mein Weib wollt einmal so ein Wörtlein in den Mund nehmen! Das wär ein Leben! Wüßte nicht, was ich auf der Herrgottswelt noch wünschen möcht! Seit Ihr da seid, Gräfin Gisela.
Gisela: Förster, einen Kavalier hat der Junggraf an Euch.
Förster: An mir! An so einem groben Waldmenschen! Ich hätt eben auch gern Kinder gehabt, wie andere Leut, so Flachsköpf umeinander, sieben wären mir noch zu wenig gewesen, alleweil hätt sollen eins in der Wiegen liegen!
Gisela: Darum habt Ihr mich auch so sanft getragen, wie eins von den Kleinen, die noch in der Wiegen liegen. Die sind die Liebsten, die Kleinen, mit den Augen so blau, so frisch noch vom Kinderbrünnlein. Förster, das gehört auch zu meinem Hexenjammer, daß mir Niemand so ein liebes Kind in den Arm geben will! Wie ich noch klein war, riefen die Mütter ihre Kindlein von mir hinweg — und gar in eine Wiege sehen! Nur die nicht hineingucken lassen mit ihren blauen Hexenaugen, sonst wird das Kind krank, hört ich die Weiber hinter mir sagen.
Förster: Ach zu Eurem Hexenjammer gehört Viel! Wenn Ihr davon anfangen wollt, so müßt ich eben doch einmal nach dem Löwen sehen.
Gisela: Ich rede nicht davon, nein. Wenn es mir möglich ist. Ach ich wollte Euch ja Etwas fragen. —
Förster: Ists ein langer Jammer oder ein kurzer? Ein kurzer, wenn es einen gäb, wär mir schier lieber, als so der Gang nach dem Löwen — durch den Regen, die schwätzen dort immer das Gleiche.
Gisela: Es wird ein ganz kurzer Jammer nur. Mir träumte, ich sei wieder ... Gräfin.
Förster: Das seid Ihr doch immer noch?
Gisela: Förster, Ihr vergeßt, von wo ich hieher gekommen bin. Von dem Gewölb, unter dem Schloß Brauneck.
Förster: Eine halbe Nacht seid Ihr dort gewesen!
Gisela: Wer dort hineingegangen ist und hätt auch vorher ein Grafenkrönlein auf dem Kopfe gehabt, wenn er herauskommt, hat er es wohl nicht mehr. Es fiel in den Schmutz ... ich möchte mich nicht mehr darnach bücken.
Förster: Seid Ihr aber stolz, Gräfin Gisela.
Gisela: Ach ich bin wohl stolz und hab gar keinen Grund dazu! Worauf könnten so Hexen mit Brandwunden denn stolz sein. — Nein, Förster, noch nicht in den Löwen ... ist gleich vorbei ... Mir wars, ich sei Gräfin und nun wollte ich gern den Armen etwas geben und sie wollten es doch nicht von der Hexe nehmen. Da gab mir ein Engel einen Laib Brot und sagte: Gib es denen, es ist das ewige Brot. Da stand ich an der Schloßpforte und viele arme und gebückte Weiblein gingen vorbei, ich bot ihnen mein Brot an, ach sie schüttelten den Kopf, ich bat: Ach nehmt es doch, ich geb es euch so gerne. Da kam ein Weib vorbei, so hungrig, wie die aussah, die griff mit einem scheuen Blick nach meinem Laib und verbarg ihn unter ihrem Schurz.
Förster: Das Traumweib da ist aus dem Fränkischen gewesen, die stecken alles unter ihren Schurz.
Gisela: Und dann war es seltsam! Ich hatte wieder einen Laib in der Hand und so oft ich auch hergab, immer wieder wuchs mir das Brot in der Hand. Und wie Viele zogen da an mir vorbei! Alle nahmen, keine dankte, wie war ich so glücklich! Könnt es denn Etwas geben, wie das ewige Brot, Förster?
Förster: Ja was könnt das wohl sein? — das ewige Brot? Könnts so etwas geben? Vielleicht. Will doch den Junggrafen fragen ... Wird wohl heute Nacht herüber reiten.
Gisela: Es regnet so, so schön regnet es! Hört Ihrs, wie die Tropfen auf den Lindenblättern aufschlagen, als gingen Kinderfüßchen darüber. Und die Rinne da, man sollte sie kaum kennen, die hat ein Bächlein, so plätschert sie! Nun kommt auch ein Bächlein zu mir. Ich liebe sie so, die Bächlein. Förster, mit der Rinne habe ich beinah gestritten.
Förster: Mit der Rinne?
Gisela: Die tropfte. Und da fallen wohl die Tropfen auf ein Vordach. Und das hört ich und konnte nicht schlafen. Dann manchmal tropfte sie nicht und beinah schlief ich ein und dann fing sie wieder an. Förster, Ihr geht im Wald herum und kommt Abends müde heim, da wißt Ihr nicht wie das ist — so auf Rinnen hören. Und Schloß Schweigen ist ja das herrlichste Schloß der Welt, ich möchte gar nirgends lieber sein, eine Linde rauscht mir, von den Waldbergen kommt süße Regenluft, eine Rinne tropft mir ...
Förster: Mit der hattet Ihr ja Streit.
Gisela: Ja, ich dachte, es wäre wirklich das liebste Schloß der Welt. Nur die Rinne wäre ein Fehler ... es könnt eben nichts vollkommen sein ...
Förster: Wüßt noch einen ...
Gisela: Da horchte ich auf die Rinne, ob die mich wohl nur weckte, weil sie mir Etwas sagen wollte. Da erzählte die mir eine Geschichte von Tropfen, Tropfen, einem Schifflein, einem Rinnsal, Strom und Meer.
Förster: Kenn sie auch, will aber doch nach der Rinne sehen ... Ja und sonst hätts keinen Fehler mehr, das Gespensterschloß? Fräulein Gisela, das mit den Gespenstern, da ist auch ein Vorteil dabei. Ihr fürchtet Euch nicht, ich fürcht mich nicht, das Kind hats Fürchten auch schon bald verlernt. Aber mein Weib traut sich nicht im Finstern all die Gäng herauf. Tät sonst schon lang horchen da außen und nachher Redensarten machen ... das Schlarrmaul!
Gisela: Förster!
Förster: Weiß wohl, Gräfin Gisela, sollt nicht so Sachen sagen. Kommt davon, wenn man einen Waldmenschen in die Stube zum Fräulein hereinläßt. Wird ihm zu wohl dem Esel, geht aufs Eis und bricht das Bein.
Gisela: Das nächste Mal müßt Ihr den Feldmann mit bringen.
Förster: Wär dem auch zu wohl, dem alten Vieh! Wollt Euch angucken, der sieht gleich, wo was zu sehen ist. Und Vorderpfoten herauf, Maulaufreißen und lachen! Und ein Flecken wär auf der gelben Decke.
Gisela: Der Feldmann! Ich muß den sehen; und lachen kann er auch! Dort auf der Matte kann er liegen, oder lacht er da nicht?
Förster: Lächern kanns ihn schon. Wißt Ihr, so die Lefzen über die hinteren Zähne hinauf ziehen. Zum Lachen reißt er gleich das ganze Maul auf.
Gisela: Dann wollen wir ihn einmal lächeln lassen, den Feldmann. Gibt es da Dinge in dem Schloß Schweigen! Erzählt das doch dem Junggrafen.
Förster: Weiß der schon lang, sagt jedesmal: Komm, lach auch, Feldmann ... nicht wie die im Löwen. Und der Feldmann tuts.
Gisela: Im Löwen, da verstehen sie wohl den Feldmann nicht so, aber der Junggraf, der versteht ihn.
Förster: Dem hängt eben auch so Narrenwerk herunter! Hat der alt Graf mit dem schon Nöten gehabt, mit dem seinem Narrenwerk. Von Kind auf hat ers getrieben. Schläg soll er bekommen haben, mehr als genug. Der Herr Hofprediger soll ihn einmal aus der Kinderlehre gejagt haben. In Straßburg hätten die gelehrten Herren gesagt, der Junggraf könnt seinem Kopf nach zu allen Ehren kommen, die sie zu vergeben hätten, wenn er nicht so viel Allotria, sagten sie, betreiben wollte. Wie sie auch sagten, Narrenwerk haben sie gemeint.
Gisela: Ich kenn sein Narrenwerk! Fremde Hexen, die er nie gesehen hat und die sich an ihn kletten könnten und ihm sein ganzes Leben verderben, aus Gewölben tragen.
Förster (schlägt sich auf den Schenkel): Von seines Vaters Gericht hinweg! Nach vier Stunden schon, durch den Erdboden durch! War sein feinster Streich! Kaum seid Ihr in dem Gewölb, so reitet er herüber. Mich hat er schwören lassen, daß ich Nichts verrate, ist mir nicht leicht angekommen! Hinter meines Herren Rücken! Dreht mir mit drei Worten und Eurem Hexenjammer das Herz im Leib herum ... die Stuben angesehen, Alles befohlen, wies gemacht würd, Nichts vergessen — nicht daß das Bett gleich aufgeschichtet würd, daß ein Rosenstrauß aufs Tischlein käme, ein Imbiß bereit, fort hinüber die zwei Stund, sein Pferd strauchelt unter ihm, lahmt, daß er eine halbe Stunde verlieren muß und wieder hier mit Euch in derselben Nacht und vor Morgen wieder zurück. Wundert mich nur eins, stark wundert michs, daß der alte Graf es nicht gleich gewußt hat, wer Euch fortgebracht.
Gisela: Eine halbe Stunde kam er zu spät. Es geht viel in eine halbe Stunde.
Förster: Da geht Viel hinein! Was da Jammer hineingeht, und ein Leiden hineingeht, das hat man in den Wochen jetzt gesehen.
Gisela: Es war auch gut so. Er kam doch.
Förster: Das konnt er nicht wissen, was Ihr da ausgestanden habt, in seinem festen Arm.
Gisela: Darf es auch nicht wissen, nie, Förster — nie. Er sah es ja nicht. Ich schlug seinen Mantel um mich, die Laterne fiel um, er sah nur die roten Streifen —. Er soll auch noch nicht herein kommen. Gebt mir das Spieglein — Ach da ist noch eine Schrift ...
Förster: So an den Schläfen —. Das schöne Lächeln.
Gisela: Ich werde doch auch können, was Euer Feldmann kann ...
Förster: Aber lachen! Das brächt der Jung Herr fertig! Und wenn Ihr an einem Hexenjammer wäret, er brächt es fertig.
Gisela: Glaubt Ihr das, Förster! Ich möcht ihn wohl sehr gerne sehen. Ach so gerne!
Förster: Kann nicht sein, Gräfin Gisela. Kommt schon noch! Kommt alles mit der Zeit, wenn man weiß, wohin der Weg mit Euch geht ...
Gisela: Frau Trost meint, leben würd ich wieder —.
Förster: Das wär! Das wär!
Gisela: Ihr glaubt es noch nicht? Von Gehen, daß ich wieder gehen könnte, sagt sie aber Nichts.
Förster: Von Gehen Nichts. Ist das ein Jammer, ein Hexenjammer!
Gisela: Nein das ist keiner, noch lange keiner, es gehen viel arme Menschen an Krücken —.
Förster: Ihr an Krücken?
Gisela: Gefällt mir auch nicht, Förster, ich wüßte Nichts, was mich schwerer ankäm! So wie ich eben bin, stolz, wißt Ihr, stolz. Aber man könnte doch selbst zu einem Glase Wasser kommen, nicht Andere um Alles plagen müssen. Vielleicht auch im Schloßhof herumklappern. Kommt man Treppen herunter mit Krücken?
Förster: Ich trag Euch die Treppen.
Gisela: Ich dank Euch! Macht das Viel aus, wenn Ihr mich bis zur Brustwehr tragt?
Förster: Ich trüg Euch bis nach Rom, wenns sein müßt und meine Alte mir nicht nachkäm! Warum denn nicht!
Gisela: Nur bis zur Brustwehr. Da könnte ich mit der Hand in Lindenzweige greifen, da wüchse ein feines Gräslein zwischen den Ritzen des grauen Steinwerks, da säh ich hinüber zu den Waldbergen. Vielleicht könnte ich ein rotes Felsennelklein erhaschen; wenn nicht, so freute ich mich doch daran. Ich brauche keine klappernden Krücken, so glücklich wär ich, bin ich. Das Schloß Schweigen, altes graues Geisterschloß ... Oder brauch ich doch Krücken! Könnt ich damit zur Nachbarin und ihrem kranken Kind kommen?
Förster: Nein, Fräulein Gisela, das ist gegen die Instruktion, die ich von dem Jung Herren empfangen hab: Niemand sehen lassen, was er da für ...
Gisela: Eine arme Hexe hat. Also brauch ich keine Krücken. Ich betrübe mich nicht mehr damit. Ach wißt Ihr nicht noch eine Geschichte von so Narrenwerk und dem Junggrafen? Einmal habe ich es ja gehört. In der Nacht der Schrecken!
Förster: Auch da noch Narrenwerk! Das macht ihm keiner nach. Er wußte eben nicht, in welchen Leiden Ihr waret.
Gisela: O doch. Zuerst nicht. Da preßte ich noch die Lippen zusammen ... Nichts merken lassen ... ich schämte mich so. An dem verbrannten Fuß, an dem Gewölbe, an den Streifen an meinen Händen. Nur die hat er gesehen. Ach und da fing das Narrenwerk an. Wie die Gespenster flogen wir dahin. Und er immer seine Lippen an meinem Kopf und so Worte, so Narrenworte. Wie die Streifen wieder heil würden, daß man sie gar nicht sähe und wie es Perlenarmbänder gäbe und wie die Damen an des Kaisers Hof in Wien sich rote Streifen an die Hände malen ließen, weil es so Mode würde, wenn sie mich sähen. Und ich müßte keine Angst haben, es gehe jetzt nicht gleich nach Wien, nur nach einem Schloß Schweigen, wo kein Mensch hinkomme, oder je hingekommen wäre, weil es hundert Geister dort gäbe. Mir täten sie aber Nichts, denn es sei ein älterer Kavalier dort, der sich als Förster verkleide, und der würde mich vor allen Geistern beschützen.
Förster: So! hat er das gesagt: Kavalier! Ja, der weiß Narrenwort!
Gisela: Dann wurde er still, dachte vielleicht, er dürfte nicht mehr mit mir reden, weil ich keine Antwort gab. Ach! Dann habe ich ihn betrübt ... Wie ich die Stimme nicht mehr hörte und nur den festen Arm um meinen verbrannten Rücken fühlte, und das Dahinrasen und das Stoßen von den Hufen des Pferdes durch meinen Leib hindurch ..., Förster, wenn man an Schmerz sterben könnte, so wär ich gestorben.
Förster: Um ein Haar wärs so gegangen.
Gisela: Und ich hörte die Stimme nicht mehr, da wirbelte mir der Kopf von dem Dahinfliegen, da meint ich, ich sei wieder in dem Gewölb und da sei diesmal kein Weib, sondern ein Mann an mir und stieße mich auf eine Leiter, solche Dinge, die sie in der schrecklichen Kammer dort haben.
Förster: O du Hexenjammer!
Gisela: Schon vorbei. Ach sagte ich, bist du nicht der schöne Jüngling Tod? Der wollte mich unter die Sterne bringen, warum stößt mich der Henker denn immer wieder auf die Leiter? Da hielt er das Pferd an, da fiel der Mond in sein Gesicht —, da war es wieder der schöne Jüngling Tod, und Mond, und süße Waldeslüfte. Da sah ich auch, daß ich ihn betrübt hatte: Ach verzeih, schöner Jüngling Tod; rede doch mit mir, nur ein Wörtlein! Daß ich dich kenne und dich nicht mehr betrübe. Da war mirs, als weinte irgendwo ein Kind ... ein Knabe, ganz hell weinte der ... Jemand sprach von krähenden Hähnen. Jemand sollte mir Wasser holen. Das ist eine Pein! Um einen Tropfen Wasser ... Man gibt den Hexen nicht gern Wasser ... Lieber verschütten ... Laßt sie jetzt noch liegen ... Der, dem sie gehört, wird sie sich schon holen — das war wohl der Knappe, der das sagte. Wer war es denn, der so weinte!
Förster: Der Junggraf wars. So hat der geweint da unter dem Lindenbaum, wie er Euch hat schreien hören.
Gisela: Ich schreie nie mehr. Warum war ich so ungeduldig! Dann gab mir der Knappe doch das Wasser ...
Förster: Und Ihr hättet gesagt: Das hast du dem Herrn Jesus getan. Der ritt jetzt um die Welt für Euch, in Stücke hauen ließ er sich für Euch. Und wenn die eine Hexe ist, will ich mit der in die Hölle fahren, wo die hinkommt, dorthin! Wär aber ein viel zu guter Platz für ihn, meint er.
Gisela: Und dann ritten wir wieder, und wieder die Lippen an meinem Kopf und leise Worte ... Narrenworte. Er sei nicht der schöne Jüngling Tod, aber der ritte hinter ihm, ich solle nur keine Angst haben. Wenn es durchaus der Jüngling Tod sein müsse — der ritte hinten ... er höre die Hufe seines Pferdes hinten aufschlagen. Und wie leid es ihm wäre, daß er nur ein närrischer Grafensohn sei, denn mit dem Jüngling Tod wäre ein feineres Reiten. Der hätte keinen harten Arm, einen weichen Flügel hätte der, und keinen immer heruntergleitenden Mantel, einen dunkeln weichen Schleier, da hüllte er mich darin ein und flöge mit mir über alle Feldwege und stolprige Baumwurzeln hinweg, hinauf durch die weißen Nachtnebel zu goldenen Sternen, in Christi Garten hinein, mitten hinein, wo es am schönsten ist, und legte mich in ein Bett von roten Rosenblättern und meinen armen Kopf auf ein Kissen von weißen Rosen, und in jeder Rose sei immer ein Perlentröpfchen. Und darüber neigten sich Hollunderzweige voll mit Blüten und da säßen Nachtigallen darauf und sängen die schönsten Lieder der Welt. Und in allen Liedern käme Etwas vor von Mägdlein mit goldenen Haaren, die noch lächeln könnten und Verzeih! sagen, wenn sie wilde Männer auf Leitern stießen. Und von Mägdlein, die auf hartem Schragen lägen, schneeweiß und so vertrauende Hände ausstrecken nach Söhnen von Mördern, die da herein kämen. Und nicht einen Augenblick denken, die kämen, um sich an ihrem Jammer zu weiden. Gleich wüßten die Paradiesesmägdlein, daß der Sohn des Mörders komme, um sie zu retten. Und nicht weinen würden die Mägdlein und nicht jammern und sich fürchten, und das sängen Alles die Nachtigallen ...
Ach und noch viel mehr! Kein Wort hab ich vergessen, keines. Förster, versprecht mir, wenn ich tot bin, so sagt ihm, ich hätte keines vergessen. Und jedes Wort hielte ich in meinem Herzen wie seine Paradiesesrosen die Perlentröpfchen. Und dann ging es weiter von Mördern und Kinderquälern und die müßten nicht in die Hölle hinunter. O nein! Auf wilden Pferden müßten die reiten, auf Feldwegen, über Baumwurzeln reiten bis zum jüngsten Tag. Aber nicht so stolz wie wir, ein ganz Schlimmer hielte die in einem feurigen Arm. Und wenn es vergessen würde, daß da Steine wären, worauf die Hufe auch einmal ausgleiten könnten, so wolle er es dem ganz Schlimmen schon sagen ... Nein, es geschähe auch denen Nichts! Vielleicht habe ich gerufen: Nicht weh tun: keinen feurigen Arm denen — denn so ein feuriger Arm, ach das wußte ich, wie das sei. Nein ... auch die nicht, weil ich für sie gebeten hätte, so kämen sie los und kämen alle in ein frisches Bett. Zwar nicht auf Rosenblättern, denn Christi Garten wäre Nichts für die, aber doch ein weißes Bett. Und der Jüngling Tod sei nicht nachgekommen, so schnell seien wir geritten; der sitze gewiß bald auf der Linde dort und singe mir Lieder ... wieder von Mägdlein, und wenn er am allerschönsten Lied sei, so schlafe ich darüber ein. Niemand könne einen so schön in Schlaf singen wie der Jüngling Tod. Und mir sänge er die schönsten Lieder, alle von Christi Garten!
Da hatte er mich schon auf dies Bett gelegt hier. Und nun müsse er gehen, weil ich schlafen sollte und ganz still liegen und auf die schönen Lieder horchen, und wenn ich noch mit Christi Garten — der sei mir doch sicher — warten wolle, bis er wieder käme, so wäre es das Schönste, was ich tun könnte — weil es das Schwerste sei. Und die schweren Dinge, da sei immer am meisten Ehr dabei; und das wäre, was sich für eine Hohenstaufenenkelin geziemte. Und es gehöre mir das Schloß mit Allem, was darin sei, dem Kavalier, der sich als Förster verkleide und in einer Friesjacke herumlaufe, mit den Geistern, und mit Allem könnte ich tun, was ich wollte. Ach und nun warte ich immer noch! Und wenn ich zu krank war, ihn zu sehen, nun bin ichs nicht mehr.
Förster: Kann nicht sein ... Bin dem alten Grafen auch Etwas schuldig ...
Gisela: Was würd ich dem Grafen damit antun?
Förster: Gräfin Gisela, ich erzähl Euch noch eine Geschichte von so Narrenwerk.
Gisela: Förster, ich dank Euch, ist das schön, schier so schön wie im Löwen, wenn jetzt noch der Feldmann dabei wär!
Förster: Kommt morgen mit ... soll Euch auch sehen! Der Leibjäger hat mir die Geschichte erzählt, da bei der Treibjagd, wo der Herzog dabei war. Da habe der Junggraf in Straßburg Schulden gemacht — so gar viel sei es gerade nicht gewesen, aber es habe den alten Herrn gewurmt, daß es nicht Kavaliersschulden waren, sondern wieder Narrenschulden. So sei denn der Graf nach Straßburg geritten, mit dem Leibjäger und noch zwei Andern, denn sie hätten Geld bei sich gehabt. Und in Straßburg habe der alt Herr dem Jungen den Kopf gewaschen, man hätt nicht zu horchen brauchen, man hätts auch so gehört. Der junge Herr habe nicht einmal viel gesagt — recht degenmäßig sei er gewesen. Zuletzt habe es schier Krach gegeben ... nur der alte Herr! Da habe der junge Herr auf einmal wieder angefangen und gesagt ... Du brauchst mich gar nicht zu verhalten, ich bringe mich schon selber durch. Der alt Herr: Mit was denn? Mit was! Mit Narrenwerk! Das kannst du, und sonst nichts ... Du mit deinem ewig hungrigen Leib, keinen Tag bringst du dich durch! — Ich kann singen, Vater. — Dann geh und sing vor der Leute Häuser und sieh, ob die dir ein Stüberlein hinauswerfen.
Der Jung Herr fliegt zur Kammer hinaus — halb mit Willen — halb hat der alt Herr geholfen und geht fort. Und der alt Herr im höchsten Zorn zu den Professores und will hören, was die über seinen Sohn sagen. Der Jung Herr zu einem Freund, der ein armer Gottesgelehrter gewesen sei und ein altes, verschlissenes, graues Habit gehabt habe, — das angezogen, eine alte Pudelmütze über den Kopf, das Gesicht mit Ruß verschmiert, die eine Schulter hoch mit Werg verstopft wie einen Buckel, und über sein eines Auge ein schwarzes Flecklein gehängt an einem Bändlein, als ob er einäugig sei. Dann nimmt er seine Laute und geht fort, kein Mensch hätt ihn mehr gekannt. Sein Freund hinter ihm drein, trägt er ein Beutelein und der Jung Herr singt. Und wenn der singt, dem gäb mein Weib etwas, wenn er ihr singen wollt.
Gisela: Ich kann auch singen, Förster, schön kann ich singen ... ich sing auch noch einmal ein Lied ...
Förster: Zuletzt seien sie an das große Gasthaus gekommen, wo die vornehmen Herren und auch der alte Graf gerade bei Tisch saßen. Da habe der junge Herr unten angefangen — der Leibjäger stand hinter des Grafen Stuhl — zu singen: Es steht ein Baum im Odenwald, ... da sei dem alten Herren eine Lohe übers Gesicht geschlagen, daß es dem Leibjäger Angst geworden sei —. Und einer der andern Herren aufgestanden und gesagt ... Da singt aber einer — so hab ich noch nichts gehört. Da fragen die Andern: Wer ists denn? Der alt Herr rührt sich nicht. Da ruft der: Ein einäugiger Bettelmann, ein gar so schreckhafter Mensch, die edlen Frauen sollten nicht hinausschauen! — Darauf alle Damen ans Fenster und die Herren und der alt Herr auch, denn der war wieder vergnügt. Und unten so ein Gesang und sonst Stille. Und wie es zuletzt kommt — „da fällt der Schnee so kalt, so kalt, das Herz es mir zerreißt“ — da laufen dem alten Herren die Tränen herunter, er langt in seinen Beutel und wirft dem Bettler eine Golddublon hinunter. Der macht einen Diener, bückt sich nach dem Goldstück und drückt es sich ans Herz und will davon gehen. Da werfen auch die Andern Geld hinunter und die Frauen und die Fräulein wollen auch ein Lied. Da sang er denen das Lied von den zwei gefangenen Soldaten —. Sie wurden gefangen geführet ... keine Trommel ward um sie gerühret ... im ganzen römischen Reich ... Und wie er zu dem Vers kam — wo es heißt ... du liebster Herzgefangener mein! da haben die Frauen ihre Ringe losgemacht und Haarpfeile heraus und haben sie heruntergeworfen. Der Einaug bückt sich nach Nichts, läßt Alles liegen, nur das Goldstück von unserem Herrn hat er genommen. Der arme Freund hat Alles zusammengelesen. Der Einaug macht noch eine Reverenz, daß wieder dem Grafen eine Lohe übers Gesicht schlägt und geht hinaus zum Hofe, der Andere mit dem dicken Beutel hintendrein. Da ging der Graf in seine Stube und bald kommt auch der Junge die Treppe heraufgeflogen. Wie er das so macht — so in drei Sätzen — wieder schön angetan.
Gisela: Ach kein Mensch kann so Treppen herauf kommen, daß man es gleich weiß: Nun kommt das Leben, die Freude kommt, das schöne Lachen kommt. Man kann auch anders die Treppen herauf kommen.
Förster: Der Jungherr sagt: Vater, du hast Recht gehabt ... ich hab Hunger, ich habe mich nicht durchbringen können, laß schnell Essen kommen. So, sagt der alt Herr, hast dich nicht durchbringen können? Mit Musik nicht? Auch mit schönen Liedern nicht? Nein, sagt der Jungherr, nur das hab ich wiedergebracht und legt eine Golddublon auf den Tisch. Du hast heute gesagt: die letzte Rechnung, die war ein Golddublon, die schlüge dem Faß den Boden aus. Tat sie auch! „Vor Kurkosten vor des Barbiers Enkelkind, wegen einem krummen Fuß.“ Könnt nicht der Barbier auch eine Schwiegermutter haben und die einen Leibschaden oder eine Bas mit einem Kropf? und muß ich der Straßburger Spittelvogt sein, mit meinem schmalen Braunecker Geldbeutel? Das sähe er auch ein, meint der Jungherr, und deshalb hab er auch die Dublon wieder gebracht. Und das Andere! schreit der alte Graf ... Der Jungherr: Habs einstweilen versorgt ... auch die Ringlein, von den viel holden Frauen. Von denen studiert der Magister Renner noch ein Semester aufs Geistliche, und die Stüber, und was so Sach war, die habe ich bei dem Manne liegen lassen, dessen Haus gestern Nacht abgebrannt ist. Du kannst sie dort holen lassen, Vater. Den Teufel will ich sie dort holen lassen, die Bettelgroschen, schreit der alt Herr, du Herrgottsnarr, du!
Gisela (leise): Du Herrgottsnarr, du!
