Das himmlische Gloria
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Gisela: Die liebe Frau Trost, die beste Frau Trost ... ich will ihr eine Geschichte erzählen, wie es einmal sein wird ... Wenn ich droben bin im himmlischen Garten, — der ist sehr groß, — so such ich mir am liebsten einen stillen Ort unter den Frühlingsbuchen ... Ganz maiengrün sind sie und es geht ein Weg hindurch, auf dem die Sommerfalter fliegen. Anemonen in Tausenden stehen da, und der Wind bringt zuweilen ein Klingen mit von den seligen Chören, sonst ists ganz still — und ein Bächlein mit schnellen silbernen Wellchen ist auch da, daß ich meine Füße hineinhängen kann ... Da sitz ich dann und wind mir ein Anemonenkränzchen und denk: Vielleicht kommt heute der Herr Jesus vorbei. Dann leg ich ihm mein Kränzchen auf den Weg. Es ist so still, daß mir beinah die Augen zufallen, und ich denk noch so halb im Traum: die müssen heute ein großes Fest da drüben haben, ich hör ja schon die Morgensterne. Die haben nämlich die Orgelpfeifen, jeder einen Ton. Auf einmal flattert was herbei .. es ist ein Himmelsbübchen, so zehn Jahr alt wars, wies kam. Lang ists noch nicht da, drum ists auch noch recht wild. Das sind mir immer die Liebsten, die erst gekommen sind. Gisela, ruft das Bübchen — wo steckst du denn ... hörst du denn nicht, daß sie drüben den großen Willkomm üben ... Und die heiligen Jungfrauen gehen alle schon hinaus .. die Dorothea fragt nach dir ... du sollst neben dem Herrn Jesus stehen. Nun nehm ich aber mein Anemonenkränzchen und schnell hinunter zur Pforte ... Die winken mir schon. Ich sage: Ja wer kommt denn, Dorothea? Denn so festlich ist es nicht immer .. Es sind richtig die Morgensterne da, für das große Gloria ... Die himmlischen Knaben — seit wir einen neuen Meister droben haben, singen die immer das: Ehre sei Gott in der Höhe. Und da stehen die Scharen von Stimmen, für den großen Willkomm. Und der Herr Jesus sagt: Gisela, stell dich daher, es kommt die Frau Trost. Und da kommt sie, die Frau Trost in ihrem grauwerkenen Kleid und dem frischen weißen Sonntagstüchlein — klein, grau, gebückt ... Da fangen sie den großen Willkomm an: Kommet her, ihr Gesegneten des Herrn, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt .... Dann kommt das Gloria. Und ehe der ganze Chor mit den Harfenisten, den Violinen, dem Diskant der heiligen Jungfrauen, — die Patriarchen singen den Baß — anhebt .. muß ich die Frau Trost bei der Hand nehmen, daß es ihr nicht zu viel wird. Das braust und tönt, das jauchzt und jubiliert, daß ein Menschenherz vor Wonne zerspränge. Es haltens auch nur die starken Seelen aus, besonders das Forte von den Morgensternen. Die kleinen, die engen Seelen, die vergingen davor, die läßt man so still hinauswischen.
Frau Trost: Was du für Reden tust ... Wird doch kein solcher Lebtag sein wegen einem alten Weib ...
Gisela: Ein altes Weib! Frau Trost, es ist auch ein Jungbrunnen da, du kannst dich drin baden, wenn du willst. Tu’s aber nicht so schnell — das mögen wir so gerne — wir, die Dorothea und ich, wenn wir mit sanften Händen über den müden Rücken streichen dürfen, der sich in so viel Nachtwachen gebückt hat. Und die hagern Hände wollen wir küssen, die sich bis auf die Knochen abgearbeitet haben in dem langen treuen Leben, so viel Kindlein gewickelt, so viel Sterbenden den letzten Schweiß von der Stirne gewischt ....
