Eine Mesalliance. (continued 3)
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Frau von Ostenburgs Blick haftete fest, fast wehmüthig einen Moment auf Eduards Zügen – »Gern,« flüsterte sie dann, wandte sich ab und trat wieder zum Instrument. Aber eine ganz eigene Bewegung schien sich auch ihrer jetzt bemächtigt zu haben. Ihr Busen hob sich stürmisch – ihre Finger berührten in weichen, klagenden Akkorden die Tasten und zwei Mal war es, als ob sie ansetzen wolle, und immer noch kam kein Ton über ihre Lippen.
Eduard stand am Tisch. Der Blick der Fremden war ihm durch Mark und Seele gedrungen, das Herz schlug ihm fast hörbar in der Brust.
Jetzt hatte sich die schöne Spielende gefaßt. Ihre Finger berührten leicht die Tasten in einem kurzen, schwermüthigen Vorspiel, mit den Anklängen eines bekannten Volksliedes, und jetzt sang sie mit leiser, oh wie zum Herzen sprechender Stimme:
»Muß i denn, muß i denn, zum Städtle naus, Städtle naus – Und Du mein Schatz bleibst hier – Wann i komm, wann i komm, wann i wiedrum komm, wiedrum komm, Kehr i ein mein Schatz bei Dir –«
So sang sie den zweiten Vers: »Wie Du weinst, wie Du weinst, daß ich wandern muß« – leise, leise, kaum hörbar und erst anwachsend, als sie zur dritten Strophe kam:
»Ueber's Jahr, über's Jahr wenn mer Träuble schneidt, Träuble schneidt, Stell ich hier mich wiederum ein – Bin i dann, bin i dann Dein Schätzle noch –«
Die Sängerin schwieg plötzlich – kein Laut regte sich im Saal, aber Eduard seiner Sinne kaum mehr mächtig und seiner fast unbewußt, rief flüsternd:
»Henriette!«
Die Sängerin stand auf – sie sah leichenblaß aus.
»Gnädige Frau, Ihnen ist unwohl!« rief Graf Galaz bestürzt.
Sie schüttelte langsam den Kopf und wandte sich der Thüre zu – noch einmal suchte ihr Blick Eduard, der – wild zu ihr hinüberstarrend, mitten in der Stube stand – aber da hielt sie sich nicht länger.
»Eduard! Eduard!« rief sie, flog auf ihn zu, umschlang seinen Nacken mit wilder Leidenschaftlichkeit und preßte heiße, brennende Küsse auf seine Lippen.
»Henriette, mein Weib! mein Weib!« – mehr vermochte er nicht zu rufen. Er wußte nicht ob er wache, oder von einem wilden, fabelhaften Traume befangen sei – und selbst die Möglichkeit konnte er sich nicht denken, daß er jetzt lebe, daß er athme.
Graf Galaz – während die kleine lebendige Frau von Fermont vor lauter Freude und Rührung laut schluchzte – war kaum weniger erstaunt über diese Scene, als Eduard selber; aber Alexandrine löste ihm mit wenigen raschen Worten das Räthsel, und während er jetzt nur, überrascht und doch voller Bewunderung, das reizende junge Weib betrachtete, das sich mit solcher Energie und Ausdauer aus ihrer Sphäre herausgearbeitet, um jetzt eine Zierde der höchsten geworden zu sein, verließ seine Gattin leise das Zimmer.
»Und bist Du es denn wirklich, Henriette? Ist es denn möglich, daß Wunder noch auf dieser Welt geschehen?«
»Mein Eduard, Du böser, lieber Mann, und so lange – so lange hast Du mich verlassen können, bis ich selber kommen mußte, um Dich aufzusuchen!«
»Meine Henriette, und kannst Du mir vergeben? Aber schon sind meine Sachen gepackt, damit ich wieder in Deine Arme eile.«
»Still, still, ich weiß Alles,« sagte die herzige junge Frau, ihre Hand auf des Gatten Lippen legend, – »fürchte keinen Vorwurf von mir – ich weiß ja recht gut, daß ich nicht so zu Dir paßte, wie ich war. Erst jener Engel, Deine Schwester, hat mich Dir werth gemacht.«
»Alexandrine?«
»Nachher Alles –«
»Und wo ist unser Kind?«
»Ou est donc Mama!« rief in diesem Augenblick ein prächtiger kleiner, etwa fünfjähriger Bursch, der vor Alexandrinen in das Zimmer sprang und sich überall umsah.
Aber es ist nicht möglich, die Freude dieses Wiedersehens, den Jubel zu beschreiben, der die Herzen dieser guten Menschen erfüllte. Und was war jetzt Alles zu erzählen, und Eduard, seinen Knaben fest an sich gepreßt auf dem Knie, lauschte mit Thränen der höchsten Seligkeit in den Augen der fast wunderbar klingenden Mähr von Henriettens Reise nach Deutschland, ihrer Aufnahme bei seiner Schwester und dem Plan, den diese mit Frau von Fermont entworfen, die junge Frau heran- und auszubilden.
Und Alexandrine lehnte dabei das Haupt an ihres Gatten Schulter und flüsterte leise und lächelnd:
»Wer redete mir denn neulich einmal von Hauslauch, der auf Dächern und Mauerwerk wächst, und den man nie versuchen sollte zu veredeln – es würde nie eine Rose daraus werden? – Nun, mein Herr Gärtner?«
»Wenn Du Zauberkünste treibst, mein liebes Kind,« sagte der Graf, sie an sich pressend, »dann freilich muß ich mich besiegt erkennen.«
»Keine Zauberkünste,« lächelte aber freundlich die Gräfin, »glaube mir Rudolph, jedes Mädchen, jede Frau hat das Zeug zu einer Dame in sich, wenn ihr Gelegenheit geboten wird sich auszubilden – mit Deinem starken Geschlecht aber geb' ich Dir Recht, aus einem Bauern wird sich nie ein Graf machen lassen.«
Eduard dachte jetzt natürlich nicht mehr daran, Deutschland wieder zu verlassen, ja, Graf Galaz selber war Feuer und Flamme dafür, die junge Frau in die Gesellschaft einzuführen. Anfangs zwar hatte das junge Paar noch hie und da ein durch das frühere Gerücht gewecktes Vorurtheil zu besiegen, aber die junge Frau eroberte sich die Herzen im Sturm. Selbst die Enkelburg konnte nicht lange diesem liebenswürdigen Wesen widerstehen. Der alte Comthur war allerdings leicht und bald gewonnen; Hedwig aber, vielleicht gerade aus dem Grund, weil sie keinen Grund angeben konnte, hielt sich noch am längsten scheu von ihnen zurück. Henriettens natürliche und herzliche Einfachheit, mit dem bescheidensten Auftreten gepaart, trug jedoch zuletzt auch über sie den Sieg davon, und jetzt ist in der kleinen Colonie von Rittergütern kein Fest, kein fröhliches Beisammensein irgendwo denkbar, wenn Henriette nicht dabei erscheinen kann.
Allerdings wollte Eduard, als er nur erst einmal festen Boden gefaßt, auch die Eltern seiner Frau herüber nach Deutschland ziehen, und dem Vater, der ein tüchtiger Landwirth war, eines von seinen Gütern übergeben. Die Mutter wäre auch wahrscheinlich gern gekommen, aber der alte Schuhmacher schlug jede solche Aufforderung hartnäckig ab. Er behauptete zwar immer nur, er hätte sich so an die Kakadusuppe gewöhnt, daß er nicht ohne dieselbe leben könne: er meinte aber mit derselben nur das freie unabhängige australische Leben, das er nicht mehr entbehren konnte und wollte. Er flickt allerdings für die australischen Bauern keine Schuhe mehr, aber er hat sich, von Benner dabei unterstützt, noch ein paar Sectionen Land zu seinem eigenen gekauft und ist jetzt einer der größten Weizenbauern im ganzen Tanundadistrict.