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Unter Palmen und Buchen. Dritter Band

Eine Mesalliance. (continued 2)

Reading edition

»Aber mein bester Herr von Benner,« sagte Hedwig, »glauben Sie nicht, daß wir die Erzählung irgend eines haarsträubenden Abenteuers erwartet haben; im Gegentheil, die schenk' ich einem Jeden, denn es ist das eine Aufreizung der Nerven, die viel mehr angreift, als erquickt, – nein, irgend ein friedliches ethnographisches Bild jenes wilden Landes, die Beschreibung irgend einer dortigen Häuslichkeit, am liebsten Ihrer eigenen, würde für mich von weit größerem Interesse sein.«

»Mein gnädiges Fräulein –«

»Aber Kinder,« kam der alte Comthur hier dem jungen Mann zu Hülfe, »wie könnt Ihr nur erwarten, daß Benner sich hier zu Euch zum ersten Mal zum Frühstück niedersetzen und dann augenblicklich anfangen soll, zu erzählen. Das geht ja doch auf keinen Fall und ist gegen Menschennatur. Wollt Ihr von Jemandem etwas erzählt haben, so erzählt ihm selber erst etwas, nachher thaut er auf und Ihr bringt ihn in Gang. So vom Platz weg geht das nicht, wie bei einer Spieluhr, die man nur aufzuziehen braucht. Benner bleibt jetzt jedenfalls in unserer Nachbarschaft und wird uns, wie ich sicher hoffe, öfter besuchen. Dann benutzt Eure Zeit, und wenn Ihr es geschickt anfangt, zweifle ich keinen Augenblick, Ihr werdet Alles aus ihm herausbekommen.«

»Wenn ich nicht fürchten muß den Damen lästig zu fallen, mach' ich gewiß von dieser freundlichen Einladung Gebrauch,« sagte Eduard.

»Lästig fallen,« rief aber der Comthur – »man sollte wahrhaftig glauben, er hätte Deutschland keinen Augenblick verlassen, so geläufig sind ihm noch die faden, nichts meinenden Höflichkeitsformeln – lästig fallen, junger Freund – ein Australier und lästig fallen – da sehen Sie sich einmal die Gesichter der Damen an.«

Das Gespräch wurde jetzt allgemein, aber Eduard fand überall so viel Herzlichkeit, so viel freundliches und unbefangenes Entgegenkommen, daß er auch selber mehr aus sich herausging. Im Anfang war ihm das Gefühl gekommen, als ob er nicht in diesen Kreis gehöre, als ob er ein Eindringling sei in diese Cirkel, wenn ihn auch seine Geburt zu dem Verkehr mit ihnen berechtigte – aber das verschwand. Die dunkle Wolke, die auf seinem Leben lag, lichtete sich mehr und mehr in dem auf ihn einwirkenden Sonnenschein dieses geselligen Kreises; er plauderte und erzählte, und als er endlich, um seinen Weg mit dem Schwager fortzusetzen, Abschied von dem alten Herrn und den Damen nahm, gelobte er ihnen mit Hand und Mund, seinen Besuch recht bald zu wiederholen.

Sechstes Capitel. In der Heimath.

Eduard von Benner befand sich, so lange er in dem Kreis dieser liebenswürdigen Familie weilte, in einer Art von künstlich hervorgerufener Erregung, die ihn der Vergangenheit wie Zukunft entrückte und seine Augen nur an der erfreulichen Gegenwart schwelgen ließ. Er hatte mit Hedwig und den anderen jungen Mädchen gelacht und ihnen eine Menge Dinge von den australischen Wunderlichkeiten erzählt, von den sonderbaren Eingeborenen, von dem fremdartigen Baum- und Pflanzenwuchs, von den ganzen Eigenthümlichkeiten des Landes, dem die kleine Gesellschaft mit der gespanntesten Aufmerksamkeit lauschte.

Jetzt war der Zauber von ihm genommen. Er ritt wieder mit seinem Schwager den breiten, sonngebrannten Weg hinab, der nach dem nächsten Dorf und Rittergut hinüberführte; aber all die alten peinigenden Gedanken stürmten auf ihn ein und plagten sein Herz mit ihren Zweifeln und Vorwürfen, denn das Geheimniß seiner Ehe lag wie ein Alp auf seiner Seele.

Und weshalb hatte er überhaupt ein Geheimniß daraus gemacht? Weshalb seiner Schwester nicht gleich bei seiner Ankunft die unumwundene, doch nicht mehr zu umgehende Wahrheit gesagt? – Wieder und wieder legte er sich die Frage vor, und immer fehlte ihm die Antwort, weil er sich scheute, sie sich selber zu gestehen – er habe sich seines braven Weibes geschämt. Und mußte es Alexandrine denn nicht erfahren? Mußte er denn nicht einmal das doch thun, gegen das er sich jetzt noch sträubte: ein volles Geständniß seines bisherigen Lebens abzulegen, und verschlimmerte er nicht seine Schuld noch durch Verzögerung? –

Wenn er es nun jetzt gleich that, seinem Schwager Alles mittheilte, was ihn bedrückte, sein Herz frei und leicht machte? Aber er wagte es nicht. So oft ihm das Wort auch schon auf den Lippen lag, er vermochte nicht, es auszusprechen, denn er fürchtete die Vorwürfe des strengen Mannes. – Aber seine Schwester wollte er zur Vertrauten machen, sobald er zurück nach Galaz kam; sie sollte, sie mußte Alles wissen, und ihm dann rathen, was er zu thun habe. Sie war ja auch so gut und lieb und hing an ihm mit ganzer Seele, ihr durfte er sagen was ihn bedrängte, und ihrem Ausspruch wollte er sich dann fügen.

»Bist Du ein wunderlicher Mensch,« sagte da Galaz, der an seiner Seite ritt, »eben noch da drin bei Deinen schönen Zuhörerinnen Feuer und Flamme und gar nicht wegzubringen, daß wir jetzt in der heißen Mittagssonne den Weg reiten müssen, den wir hätten in der Morgenkühle zurücklegen können, und nun auf einmal bleich und in Dich gekehrt, Deinem Pferd die Sporen einsetzend, daß ich kaum Schritt mit Dir halten kann, und auf keine meiner Fragen und Zurufe achtend. Deine Erinnerungen haben Dich wohl so lebhaft in Deine »»Malley- und Salzbusch-Scrubs«« zurückversetzt, daß Du ganz in Gedanken hinter einem eingebildeten Dingoe oder Känguruh hersetzest?«

»Sei mir nicht böse, Rudolph,« sagte Eduard, rasch dabei sein Pferd einzügelnd; »Du hast Recht, ich war wirklich mit meinen Gedanken fern, aber nicht in Australien, wie Du zu glauben scheinst, sondern hier bei Euch. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie wunderbar für mich der rasche Uebergang von jenem trostlos wilden Leben zu diesem mit Genüssen gesättigten ist, und es giebt noch Stunden, wo es mir vorkommt, als ob ich von einem Zauber befangen sei, der nicht wahr und wirklich sein könne und – ich fürchte mich dann ordentlich vor dem Erwachen.«

»Ich glaube Dir's,« sagte Graf Galaz gutmüthig, »ich glaube Dir's – Dein langes einsames Leben dort, dann die fünfmonatliche Seereise auf einem Schiff, wo Du, wie Du uns erzählt, der einzige Passagier gewesen, das Alles mußte dazu dienen Dich von der Welt abzuschließen, Dich ihr zu entfremden; aber davon werden wir Dich hier bald kuriren, das sei versichert. Es wird nicht lange dauern, und Du fühlst Dich wieder so heimisch bei uns, wie bis jetzt unter Deinen ewigen Gumbäumen – Aber da sind wir an Ort und Stelle,« – unterbrach er sich selber – »das hier ist das Vorwerk, das ich Dir zeigen wollte, und nun laß uns Schritt reiten, damit sich die Thiere wieder ein wenig abkühlen; wir sind fast ein wenig zu rasch hierher gejagt.«

Von jetzt an nahm die Gegenwart und die aufgesuchte Oertlichkeit ihre ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, als daß Eduard noch länger hätte seinen trüben Gedanken nachhängen können; und wahrlich, er suchte ein solches Grübeln nicht, das ihm, je länger es dauerte, je peinlicher wurde. Er wollte vergessen – wenigstens für jetzt. – Was später kommen mußte, kam ja doch.

Erst gegen Dunkelwerden kehrten sie nach Haus zurück, aber auch hier fand sich keine Gelegenheit ungestört mit der Schwester sprechen zu können, denn es war Besuch angekommen, der einige Tage blieb und ein ruhiges Beisammensein unmöglich machte. Er konnte nicht einmal die Abreise desselben erwarten, denn er mußte jetzt selber wieder auf einige Zeit in die Residenz, um seine Geldangelegenheiten mit dem dortigen Banquier zu ordnen und ihm seine Namensunterschrift zu geben.

Von der Residenz aus aber schrieb er einen langen Brief nach Hause an sein Weib – schrieb ihr, daß er noch aufgehalten werde und nicht so rasch zurückkehren könne, als er geglaubt, und schickte ihr in Wechseln auf Adelaide eine nicht unbedeutende Summe Geld, damit sie sich indessen dort jede Bequemlichkeit verschaffen könne, die ihr bis dahin gefehlt. Auch für Becher wies er das ihm zur Reise geborgte Geld an, und fühlte dadurch sein Herz erleichtert – war er doch vor der Hand, soweit er dies vermochte – seinen Verpflichtungen nachgekommen.

In der Residenz wurde er länger aufgehalten, als er gedacht – so viele alte Freunde fand er ja dort, und mit ein oder dem Anderen erst zufällig zusammengetroffen, konnte und durfte er doch auch die Uebrigen nicht vernachlässigen – man hätte es ihm mit Recht übel genommen. Außerdem mußte er sich auch vollkommen neu equipiren. Mit seiner Toilette war es noch immer ziemlich schlecht bestellt, denn nach seiner Ankunft hatte er sich doch nur eben das Nothwendigste angeschafft. Das Alles nahm Zeit weg, und die Zeit flog hier in Europa so entsetzlich rasch; er wußte oft selber nicht, wo so ein Tag geblieben.

Endlich kehrte er nach Galaz zurück, aber die Gastlichkeit der Insassen schien kein ruhiges Leben, wenigstens in der Sommerzeit, zu gestatten. Er fand den alten Comthur mit Hedwig und zweien ihrer jüngeren Schwestern zum Besuch dort, und wurde mit Jubel von der kleinen Gesellschaft empfangen.

Und wie lieb und gut war Hedwig gegen ihn – wie lernte er hier in diesen wenigen Tagen ihr stilles Wirken kennen und schätzen. – Und wie talentvoll war sie dabei – was für reizende Skizzen hatte sie in der kurzen Zeit gemalt, und welche zum Herzen sprechenden Melodieen entlockte sie den Tasten, wie seelenvoll klang ihre Stimme, wenn sie dazu sang. Eduard saß dann stumm und regungslos in einer Ecke des Zimmers, und lauschte wie fernem Orgelklang den lieben Tönen – so weich – so weh war ihm dabei ums Herz, und ankämpfen mußte er gegen sich, um die aufsteigenden Thränen zu bezwingen.

Was es war, das ihn so bewegte? er mochte sich selber keine Rechenschaft darüber geben – er wußte es nicht, aber während es sein Herz mit süßer Wehmuth füllte, überkam ihn eine Angst dabei – eine Angst vor sich selber, die ihm die kalten Tropfen auf die Stirn preßte. Er mußte endlich aufstehen und das Zimmer verlassen, weil er sich zu verrathen fürchtete, und Alexandrine nur, die ihn schweigend beobachtet hatte, folgte ihm mit ihrem Blick.

Liebte er Hedwig? – Sie wünschte und hoffte es, denn erst dann durfte sie fest darauf rechnen, den ruhelosen Geist für immer in ihre Nähe zu bannen. – Aber weshalb dann diese Unruhe, dieser augenscheinliche Schmerz in seinen Zügen. Sie wußte, daß er nicht verzagt war – nie im Leben! Nagte ein anderer Gram an seinem Herzen?

Hedwig hatte den Kopf gewandt, als er das Zimmer verließ und ihm nachgesehen. Und mitten im Gesang ging er fort. Sie endete ihr Lied und sagte lachend:

»Deinen Bruder, Alexandrine, habe ich hinausgesungen.«

»Aber ich glaube,« sagte die Gräfin, »es kann nur schmeichelhaft für Dich sein, denn er schien mir tief ergriffen.«

»Du brave Schwester Du,« lachte das junge Mädchen, »wie wacker Du seine Parthie nimmst – aber ich werde nachher ein Kreuzverhör anstellen und sehen, ob er die nämlichen Entlastungsgründe – wie Großpapa sagt – vorbringen wird, die seine Vertheidigerin aufgestellt hat.«

Alexandrine bat sie jetzt, ein munteres Lied zu singen, und das junge Mädchen willfahrte gern, neigte ihr ganzes Wesen doch auch viel mehr dem Heiteren, als Ernsten und Schwermüthigen zu. Sie sang einige reizende österreichische Lieder, deren Dialekt sie vollständig mächtig war, und lächelte dabei still vor sich hin, als sich die Thür wieder leise öffnete und Eduard zu seinem verlassenen Sitz zurückglitt. Er hatte sich unbemerkt geglaubt und dabei nicht beachtet, daß ein großer, unfern von dem Instrument stehender Spiegel, jede seiner Bewegungen der nur zu aufmerksamen Sängerin verrieth.

Als sie endlich schloß und von ihrem Sitz aufstand, kam auch Eduard mit den übrigen herbei, um ihr seinen Dank auszusprechen.

»Nun, Herr von Benner,« sagte sie und bemühte sich vergebens dabei ernsthaft zu bleiben, – »was hat Ihnen nun besser gefallen, mein schwermüthiges elegisches Lied vorher oder die heiteren Melodieen jetzt?«

»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Eduard, dem nicht entgehen konnte, daß Muthwillen hinter der Frage lauerte – »glauben Sie mir auf mein Wort, daß ich noch nicht lange genug wieder im Vaterlande bin, um mich einem solchen Genuß unbefangen hinzugeben. Alte wehmüthige Erinnerungen tauchen mit den lange – o so ewig lange nicht gehörten lieben Klängen zugleich in meinem Herzen auf – Reminiscenzen aus einer vergangenen – verlorenen Zeit und ich weiß dann selber nicht, ob ich aufjubeln – ob ich trauern soll.«

»Und siehst Du, Hedwig, daß ich Recht gehabt?« rief Alexandrine, indem sie mit Herzlichkeit des Bruders Hand ergriff.

»Und haben Sie sich das erst draußen überlegt?« lächelte aber diese, nicht gewillt ihn so leicht durchschlüpfen zu lassen.

»Zürnen Sie mir nicht, mein gnädiges Fräulein,« bat da der junge Mann, »wollte ich Ihnen die Ursache meiner Bewegung sagen, Sie würden mich vielleicht nicht einmal verstehen.«

»Sie können auch grob werden,« neckte das junge Mädchen.

»Danken Sie Gott, daß Sie es nicht verstehen können,« lautete aber die ernste Antwort. »Das Verständniß ist mit schwerem Leid erkauft und theuer – entsetzlich theuer, denn wir zahlen es gewöhnlich mit den besten Jahren unseres Lebens.«

Hedwig erschrak ordentlich vor dem düstern Ausdruck in seinen Zügen und lenkte freundlich ein.

»Aber Herr von Benner, ich habe Sie ja nicht böse machen wollen; zürnen Sie nicht meinem tollen Muthwillen, der Sie vielleicht verletzte, wo – er nur ein wenig necken sollte –«

»Mein liebes gnädiges Fräulein,« erwiederte Benner, »glauben Sie um Gottes Willen nicht, daß Jemand Ihnen zürnen könnte –«

»Also auch zu schmeicheln verstehen Sie? – Sie sind vielseitig.«

»Nein,« sagte Eduard treuherzig, »das habe ich glücklicherweise, mit mancher anderen unnützen Eigenschaft, da draußen in der Welt abgeschliffen – ich kann nicht heucheln und wie ich mich gebe bin ich.«

»Wollte Gott, alle Menschen könnten das von sich sagen,« seufzte Hedwig – »es wäre besser auf der Welt.«

Alexandrine hatte ihren Bruder, während er sprach, still und schweigend beobachtet, jetzt da die Unterhaltung eine zu ernste Wendung zu nehmen schien, trat sie an's Instrument und fiel rasch in eine muntere Weise ein, die bald alle trüben und schwermüthigen Gedanken zerstreuen mußte. Hedwig jubelte auch gleich wieder auf, und in wenigen Minuten hatte sie den bösen Geist beschworen, der die Fröhlichkeit des kleinen Kreises stören wollte. – Aber im eigenen Herzen war es der Schwester trotzdem nicht so leicht zu Muthe, denn Eduards ganzes Benehmen verrieth, daß ihm irgend etwas – was es auch sei, die Seele drücke – und weshalb gestand er ihr das nicht? War es wirklich erwachende Liebe für das junge, reizende Mädchen – aber weshalb da dieser kummervolle, schmerzliche Zug um den Mund? War das eine Quelle der Sorge und hätte es nicht eher das Gegentheil, eine Quelle der Freude und des erwachenden Glückes sein müssen?

Die jungen Damen blieben noch bis spät in die Nacht bei ihnen, und Alexandrine beschloß ihren Bruder an diesem Abend scharf und heimlich zu beobachten, ob sie etwas weiteres an ihm entdecken könne, wo nicht aber, ihn morgen direct zu fragen, was ihm fehle, denn fehlen mußte ihm etwas, und ihm ihre Hülfe anzubieten. Sie war ja so glücklich ihn wieder zu haben, und konnte ihn da nicht traurig sehen, wo gerade Alles zusammentraf, um ihn mit dem früher verlorenen Leben wieder auszusöhnen.

Durch die heiteren Weisen angeregt, schien er auch wirklich seinen trüben Gedanken entzogen zu sein, und als sich nach Tisch die kleine Gesellschaft noch auf der Terrasse versammelte, wurde er sogar heiter und gesprächig.

Es war auch ein lauschiges Plätzchen zum Erzählen, diese Terrasse in der Blüthenzeit des Jahres. Breit und geräumig, mit feinem Kies bestreut, umzog sie eine niedere steinerne Balustrade, auf den Pfeilern mit Vasen bestellt, in denen breitblättrige stachliche Aloepflanzen üppig wucherten. In der Mitte derselben war ein Bassin von weißem Marmor angebracht, aus dem ein kleiner Springbrunnen emporstieg, gerade hoch genug, um durch sein leises melodisches Plätschern die Stille zu unterbrechen, und doch das Gespräch nicht zu stören. Auf den Marmortischen brannten Windlichter in hohen geschliffenen Gläsern und warfen ihren matten Schein auf die umhergepflanzten Blüthenbüsche, während von dem mit eisernen Stäben umzogenen Portal des Gartensalons blühendes Jelängerjelieber niederhing, die Luft mit seinem Wohlgeruch erfüllte und zahlreiche große, prächtig farbige Nachtfalter anzog, die darum her und oft über die Lichter surrten.

Und weit da draußen lag der Park mit seinen duftenden Wiesen und seinem breiten Wasserspiegel des Teichs, in den der Mond sein Licht niederstrahlte, und auf dem noch silberblitzende Schwäne herüber und hinüber zogen, während ein leiser Luftzug über die paradiesisch schöne Gegend strich.

Unten im Park schlug eine Nachtigall und die kleine Gesellschaft war aufgestanden und an die Terrasse getreten, um den lieben Tönen zu lauschen – jetzt schwieg sie, und lautlos schauten sie Alle in die stille herrliche Nacht hinaus.

»Und ist es auch so schön bei Ihnen in Australien, Herr von Benner?« sagte da Hedwig, die an seiner Seite stand – mit leiser Stimme – »haben Sie auch dort solche Nächte, einen solchen Himmel, solche Scenerie?«

»Nein, mein Fräulein,« erwiederte Benner bewegt – »für den Australier vielleicht, aber nicht für uns, deren Seele noch am deutschen Boden hängt. – Es giebt doch nur eine Heimath, und wo die ein solches Paradies umschließt, wer kann es dem Menschenherzen da verdenken, wenn es an ihr mit allen Fasern hängt.«

»So sehnen Sie sich nicht dorthin zurück?«

Eduard schwieg – die Frage traf ihn tief ins Mark, denn Alles was den Menschen an dies Leben bindet: Weib und Kind lag ihm dort, und hätte ihn mit allen Banden der Seele zurückziehen müssen.

»Es ist eine merkwürdige Thatsache mit uns armen Sterblichen,« sagte er endlich, »daß wir einen Platz, auf dem wir lange gelebt – ob es uns dort gut gegangen – ob wir Leid oder Weh erfahren – lieb gewinnen, und mit Wehmuth von ihm scheiden. Ja den Gefangenen sogar soll ein solches Gefühl ergreifen, wenn er aus seiner Zelle scheidet, aus der er sich lange, lange Jahre mit blutendem Herzen herausgesehnt. Wird ihm aber die Freiheit endlich, und darf er den Schauplatz seines Jammers verlassen, so erfüllt ihn ein Gefühl der Wehmuth, von den Mauern jetzt für immer Abschied zu nehmen, die so oft seine Seufzer und Thränen gesehen.«

»So war Ihnen Australien ein Gefängniß?« sagte das junge Mädchen mit tiefem Gefühl – »o bitte, erzählen Sie uns einmal, wie Sie die letzte Zeit dort gelebt, was Sie gethan und getrieben, wer mit Ihnen verkehrt und was Sie ertragen. Für uns, die wir Sie jetzt kennen, ist das ja Alles, selbst die größte Kleinigkeit von Interesse.«

»Auch uns hast Du eigentlich noch Nichts von Deinem dortigen Leben erzählt,« bat jetzt auch Alexandrine – »von den Menschen dort wohl, den wilden und zahmen, von den Pflanzen und Thieren – aber nie von Dir selber. Du bist hier unter lauter Freunden, lege einmal eine offene Beichte ab.«

Alles drang jetzt in ihn, seine Schicksale zu erzählen – aber so heiter und unbefangen Eduard auch vorher wieder geplaudert hatte, jetzt zog er sich scheu in sich selbst zurück. Er gab ausweichende Antworten – er sei dazu nicht in der rechten Stimmung – es wäre auch zu einförmig, um die Gesellschaft zu unterhalten – kurz er wich aus, und da man fühlte, daß er es nicht gern that, hatte man Takt genug, nicht weiter in ihn zu dringen.

Das Gespräch drehte sich jetzt um alltägliche Gegenstände, und erst gegen elf Uhr fuhr der Wagen des alten Herrn vor, der die Familie zurück auf ihr Schloß brachte.

Siebentes Capitel. Das Geständniß.

Eduard von Benner hatte eine schlaflose Nacht; er fühlte, daß er so nicht länger fortleben, daß er nicht länger das Geheimniß seiner Ehe gegen seine Schwester, gegen seinen Schwager wahren könne und dürfe. Ihnen wenigstens mußte er gestehen, was ihm auf der Seele lastete, was ihm die Heimath, das Glück, das ihn hier umgab, zu einem täglichen Vorwurf machte, und ihn zuletzt doch noch zwingen würde, nach jenem entsetzlichen Land zurückzukehren. Oder hätte er wagen dürfen seine Frau, seine Schwiegereltern, die Schuhmachersleute in diese Kreise einzuführen? – Es war nicht möglich, das sah er vollkommen ein, und was anders blieb ihm übrig als sein verfehltes Leben nun auch durchzuführen, wie er es selber sich gestaltet hatte – was konnte er thun, um diesem Zwitterdasein entzogen, von ihm befreit zu werden?

Oh, wohl fielen ihm jetzt die Warnungen seines früheren Freundes Krowsky ein, der ihn so oft und dringend abgemahnt, den Schritt zu thun – wohl bereute er jetzt bitter, ihm damals nicht gefolgt zu sein und hartköpfig auf seiner tollköpfigen Idee beharrt zu haben – es war zu spät – der Würfel gefallen und er mußte das Unvermeidliche jetzt tragen und – elend sein.

Elend? er wagte nicht dem Gedanken zu folgen, wenn er an sein liebes, braves Weib da draußen dachte – wie treu sie an ihm hing, wie ihre ganze reine, unschuldige Seele nur ihm gehörte, nur für ihn sorgte und mühte, und er? worüber grübelte – worüber sann er? Er barg das Antlitz in den Händen, so erfaßte ihn ein Gefühl von Scham und Reue und dennoch – dennoch fehlte ihm die Kraft sich aufzuraffen, und das zu thun, was ihm sein Gefühl für Recht gebot – was er thun mußte, wenn er sich nicht selbst verachten sollte.

Ermüdet vom vielen Denken schlief er endlich ein, aber der nächste Morgen brachte ihm keine Linderung, ja vermehrte nur das Qualvolle seines Zustandes, weil es ihn der Entscheidung näher brachte. Er fühlte aber auch – heute Morgen mit kaltem Blute sowohl, wie gestern Abend in der Aufregung, in welche ihn Hedwigs Gegenwart versetzt, – daß er mit seiner Schwester offen sprechen müsse. In welchem Licht wäre er ihr sonst später erschienen, wenn sie – was auf die Länge der Zeit unvermeidlich blieb – das Verhältniß doch erfuhr, in dem er stand.

Es wurde ihm entsetzlich schwer zu dem Entschluß zu gelangen, aber er sah auch keine Möglichkeit, ihm länger auszuweichen, und mit dem fast ebenso unbehaglichen Gefühl des Zwangs, zog er sich endlich an und ging zum Frühstückstisch hinüber.

Sein Schwager und seine Schwester erwarteten ihn schon; die Kinder frühstückten immer mit ihrer Bonne zeitiger im Garten – und Alexandrine sah dem Bruder auf den ersten Blick an, daß ihn etwas bedrücke oder daß er sich vielleicht leidend fühle. Seine Züge hatten einen überwachten Ausdruck – die Augen lagen ihm tief in den Höhlen, auch seine Wangen waren auffallend bleich. Bei dem Frühstück blieb er ziemlich einsilbig; auf die Frage, ob ihm etwas fehle, gab er eine ausweichende Antwort – etwas Kopfschmerzen, Nichts weiter. Die Schwester ließ es dabei bewenden. Graf Galaz erzählte ihm von einem Paar prächtigen Pferden, die ihm heute Morgen zugeschickt worden und die sie nachher probiren wollten. Eduard hatte den Wunsch geäußert, ein Gespann zu kaufen – er ging ziemlich theilnahmlos darauf ein.

Die Diener kamen herein, und trugen das Frühstücksgeschirr hinaus. Die Drei waren allein.

»Nun, hast Du jetzt Lust, Eduard,« sagte der Graf, »so will ich anspannen lassen. Der Himmel ist heute umzogen und ein prächtiger Tag zum Fahren.«

»Eduard,« sagte da Alexandrine herzlich und ergriff seinen Arm – »Dir liegt etwas auf der Seele – was es auch sei – Wende Dich nicht ab, und denke daß Du keine treueren Freunde auf der Welt hast, als uns – Schütte Dein Herz aus; sag uns, was Dich drückt, und sei versichert, daß Du von uns die innigste, aufrichtigste Theilnahme, und wenn nöthig auch Hülfe und Beistand zu gewärtigen hast.«

»Es ist wahr, Eduard,« bestätigte auch der Graf, »etwas muß in Dir nicht richtig sein. Entweder liegt Dir irgend eine Krankheit in den Knochen – Du hast Dich vielleicht noch nicht wieder genug acclimatisirt, und dafür habe ich es bis jetzt gehalten, oder – Alexandrine hat Recht und irgend eine Sorge, ein Kummer nagt Dir am Herzen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie gern ich Dir helfen möchte – wenn Du überhaupt Hülfe brauchst. Aber drückt Dir wirklich etwas die Seele, dann auch herunter damit, daß Du uns wieder ein freundliches, unbekümmertes Gesicht zeigst. Es thut mir weh, Dich so zu sehen.«

Benner saß, den Arm auf den Tisch gestützt, mit niedergeschlagenen Augen da. Er hatte ja zu ihnen reden, ihnen Alles gestehen wollen was ihn quälte, jetzt aber, da der Augenblick nahte, fehlte ihm wieder der Muth, denn er wußte ja nur zu gut wie der Theil der Gesellschaft, zu welchem die Seinigen gehörten, in dem sie lebten und wirkten, seine Stellung beurtheilen würde. Aber er konnte auch nicht mehr zurück – schon durch sein halbverlegenes Schweigen hatte er eingestanden, daß wirklich nicht Alles mit ihm sei wie es solle, daß ihn irgend etwas peinige –; Schweigen hieß jetzt den ihm liebsten Menschen das Vertrauen weigern, und sich plötzlich gewaltsam emporraffend, sagte er scheu:

»Ja, Alexandrine – ja, Rudolph, Ihr habt Recht – ich hatte in der That bis jetzt vor Euch ein Geheimniß – und daß ich es hielt mag Euch beweisen, wie ich selber das Drückende meiner Lage fühle. Aber es soll nicht länger so zwischen uns sein, und dann rathet mir was ich thun – wie ich handeln soll.«

»Mein guter Eduard!«

»Hört mich. – In Australien, abgeschnitten von Allem an dem bis jetzt mein Herz hing, freundlos, freudlos, allein und verlassen und auf meiner Hände Arbeit angewiesen, mit meinem Vater entzweit, also auch jede Rückkehr nach Europa verlegt und unmöglich gemacht, trieben mich Trotz und Verzweiflung zu einem Schritt, der mich für immer an Australien fesseln sollte – ich heirathete.«

»Du bist vermählt?« rief Alexandrine erstaunt, fast erschreckt aus.

»Vermählt – ja,« sagte Eduard bitter und leise vor sich hin, »mit der Tochter eines Schuhmachers, die, als ich sie kennen lernte, bei einem deutschen Apotheker – in Diensten stand –«

Alexandrine erwiederte kein Wort – sie war todtenbleich geworden, und ihre Gestalt zitterte – sie mußte sich auf den Stuhl niedersetzen, neben dem sie stand.

»Jetzt wißt Ihr Alles,« fuhr er dann leise fort – »mein Weib ist gegenwärtig mit unserem Kind bei ihren Eltern in Tanunda und erwartet mit Sehnsucht meine Rückkehr nach Australien. – Meine dort übernommene Pflicht zwingt mich, dahin zurückzukehren, denn – ich darf Euch hier keine Schande machen.«

»Oh Eduard, Eduard, hast Du denn gar nicht mehr an uns gedacht?« klagte da seine Schwester; »mußtest Du Dich denn mit Gewalt von Allem losreißen, was Dir noch lieb und theuer war auf der Welt – hatten wir das um Dich verdient?«

»Es ist zu spät darüber jetzt zu klagen,« sagte ihr Bruder finster – »was ich mir aufgebürdet, muß ich tragen, und wie es mein Herz auch hier nach Deutschland ziehen und hier halten mag, mein selbstgeschaffenes Schicksal zwingt mich in jenen fernen Welttheil zurück.«

Graf Galaz hatte in der ganzen Zeit kein Wort gesprochen. Er stand mit der Schulter an den Pfeiler der Gartenthür gelehnt, die Arme untergeschlagen, die Augen, so lange Eduard sprach, fest und forschend auf diesen geheftet. Jetzt schaute er still und überlegend vor sich nieder.

»Und ist das Dein fester Wille?« sagte er endlich leise.

»Was Anderes soll ich – kann ich thun?«

»Laß uns Zeit zum Ueberlegen Eduard,« erwiederte da der Graf ruhig, »denn die Sache ist in der That zu wichtig, um über's Knie gebrochen zu werden. – Ich will es mir indessen überdenken – ich will mit Deiner Schwester darüber reden, ich – muß mir selber erst klar darüber werden, denn ich kann Dir gestehen, Du hast uns überrascht – ich war auf etwas Derartiges nicht vorbereitet.«

Eduard wollte etwas erwiedern, aber er vermochte es nicht. Er ging auf Graf Galaz zu und drückte ihm die Hand, küßte seine Schwester und verließ dann rasch das Zimmer. Draußen befahl er sein Pferd zu satteln, und ritt gleich darauf hinaus in den Wald.

Auch Galaz blieb nicht daheim – er ließ sich die neu gebrachten Pferde einschirren, und ging indessen, während Alexandrine auf dem Sopha saß und still weinte, mit raschen Schritten im Saale auf und ab – aber keins von ihnen sprach ein Wort. Erst als der Diener meldete es sei vorgefahren, und dann wieder die Thür schloß, trat er zu seiner Gattin und sagte herzlich:

»Sorge Dich nicht, Alexandrine; es kann noch Alles gut werden – lasse mir nur Zeit zum überlegen – Dein Bruder ist in treuen Händen, sei versichert.«

»Mein guter Rudolph, oh, der arme, arme Eduard!«

»Banne die trüben Gedanken, Schatz, ich bin bis um 12 Uhr wieder zurück; bis dahin wird auch Eduard vielleicht da sein, und wir halten dann Familienrath.«

»Und was denkst Du, daß er möglicher Weise thun kann?«

»Noch weiß ich Nichts, Kind – gar Nichts. Der Kopf wirbelt mir nur von dem Gehörten; das muß erst klar werden und sich sichten; alles Andere findet sich ja dann leicht. Leb wohl indessen, und laß mich wieder ein freundliches Gesicht sehen, wenn ich zurück komme.«

Ein freundliches Gesicht – Du großer Gott, der armen Frau war das Herz recht voll und schwer, als sie ihr Gatte verlassen hatte, denn wohl sorgte sie sich um den Bruder, den sie so – wenigstens für sie in Deutschland – verloren glaubte. – Und was konnte ihr Gatte dabei thun? – Das Band lösen, das ihn dort fesselte? – Scheidung? – aber was hatte das arme Weib verbrochen, die vielleicht mit aller Liebe an ihm hing. – Der Kopf schmerzte sie vom vielen Sinnen, und sie mußte sich gewaltsam aufraffen. Sie wollte sich beschäftigen – sie wollte lesen – es ging Alles nicht – an was konnte sie anders denken, als an das, was jetzt ihr ganzes Herz erfüllte. Erst in der Musik fand sie zuletzt eine Erleichterung, um die langen, langen Stunden hinzuweilen, die noch zwischen jetzt und der Entscheidung lagen.

Um ein Uhr kehrte Graf Galaz zurück, gleich nach ihm, fast mit ihm zugleich, Eduard. Er sah bleich und angegriffen aus und drückte, als er in's Zimmer trat, seiner Schwester bewegt die Hand.

»Eduard,« sagte da der Graf, »es bedarf keiner weiteren Vorrede, denn daß uns Beide Dein künftiges Schicksal, seit dem Augenblick wo Du uns Dein Geheimniß entdecktest, ausschließlich beschäftigt hat, versteht sich von selbst. Es bleiben Dir aber nur zwei Wege, das seh' ich ein, und wenn es Dir irgend möglich wäre, würde ich Dir rathen, den einen einzuschlagen, denn natürlich möchten wir Dich doch gern in unserer Nähe behalten.«

»Und der ist?« fragte Eduard leise und scheu.

»Scheidung,« erwiederte ruhig der Graf, »und zwar nicht allein Scheidung Deiner selbst, sondern auch Deiner Frau wegen.«

»Meiner Frau?«

»Allerdings. Du kannst nicht daran denken nach Australien zurück zu gehen. Wie ich Dich jetzt hier kenne, nach Allem was ich von Dir gesehen, würdest Du Dich dort namenlos elend fühlen. Auch die Verbindung selber läge Dir jetzt wie eine Last auf, und hinderte Dich an all Deinen Bewegungen. Früher ja, in Deinem tollköpfigen Sinn, mit dem Vaterland vollständig zu brechen, hast Du das nicht so gefühlt – ja im Gegentheil erweckte vielleicht gerade die Gründung eines eigenen Heerdes, mit einer Frau, die Deine Arbeit theilen mußte – Dein Selbstgefühl, und Du fandest darin einen Ersatz für das Aufgegebene. Jetzt ist das anders. Kehrtest Du jetzt in jene Verhältnisse zurück, so würdest Du Dich elend fühlen und damit Dein armes Weib auch elend machen – und wolltest Du sie herüber kommen lassen – sage Dir selbst, ob Du mit der Verwandtschaft hier bei all unseren Freunden einen Verkehr halten könntest. Jetzt empfängt Dich Alles mit offenen Armen, aber dann – der Stand, die geringe Bildung Deiner Frau würde sich augenblicklich verrathen, und hat sie nur ein klein wenig Gefühl, so müßte sie sich selber unglücklich fühlen, wenn sie sieht, daß sie Dich durch das Zusammenleben mit Dir unglücklich macht.«

»Und der andere Weg?« frug Eduard mit einem tiefen Seufzer.

»Der andere,« sagte der Graf, »ist der, daß Du Deine Frau herüber kommen läßt und mit ihr auf Dein Gut in Schlesien ziehst, um dort, abgeschlossen von der Welt, zu leben. – Dann freilich bist Du für uns verloren, und, einen gelegentlich kurzen Besuch abgerechnet, würden wir wenig von einander zu sehen bekommen. Aber selbst dort bleibst Du dem ausgesetzt, daß sich die benachbarten Gutsherren von Dir zurückziehen – die Männer weniger als die Frauen, denn jeder Stand, mein Freund – wir ändern nun einmal die Welt nicht – hat seinen Stolz, und hält auf seine Rechte.«

»Und sind solche Vorurtheile nicht thöricht? – schlecht?« rief Eduard bewegt aus.

»Sie haben ihre Berechtigung,« erwiederte ruhig der Graf. »Ich selbst halte die Menschenrechte des gemeinen Arbeiters so hoch, als meine eigenen, aber – ich verkehre trotzdem nicht gesellschaftlich mit ihm, weil sein Bildungsgrad dem meinen nicht behagt, weil seine Angewohnheiten und Sitten mir nicht in meinem gewöhnten Leben zusagen – nicht etwa aus dem Grund, weil ich ihn geringer achtete. Erstlich kann ich mich nicht mit ihm über das unterhalten, was mich interessirt, dann raucht er einen sehr schlechten Tabak und spukt in die Stube – lauter Dinge, die mir fatal sind und mir Ekel verursachen. Er gebraucht auch kein Eau de Cologne – obgleich er es manchmal nöthig hätte; kurz, ich fühle mich nicht in seiner Gesellschaft behaglich und ihm geht es mit mir genau so. Glaube auch um Gottes Willen nicht, daß unser Stand allein dieses Vorurtheil hat; bis zu den untersten Schichten der menschlichen Gesellschaft triffst Du das nämliche – »Gleich und gleich gesellt sich gern« ist ein altes vortreffliches Sprichwort und wir müssen dafür büßen, wenn wir es vernachlässigen. Folgst Du also meinem Rath, so setzt Du Dich in Güte mit der Familie auseinander. Du hast die Mittel, sie vollständig und reichlich zu entschädigen, ja ihnen für Sorgen und Noth, die sie vielleicht bis jetzt gehabt, einen Wohlstand zu schaffen. Das bist Du ihnen auch schuldig und wirst nicht knausern.«

»Und sein Kind?« rief da Alexandrine, die bis jetzt mit ängstlich erregten Zügen den Worten des Gatten gelauscht hatte – »oh, wie hart, wie grausam Ihr Männer seid! Und das arme Wesen, das ihm ihre Liebe gegeben, ihm ihr ganzes Leben geweiht hat, gilt Euch nichts weiter, als daß man ihr Schmerz und Sehnsucht mit Geld – mit einem »Wohlstand« abkaufen könne?«

»Und weißt Du einen anderen Ausweg, Alexandrine?«

»Wäre es denn nicht möglich die Frau zu uns herauf zu ziehen?« rief bittend die Gräfin, »sollte Eduard so tief gegriffen haben, seine Gattin aus dem rohsten, unformbarsten Material zu wählen?«

Eduard schwieg und sah seufzend vor sich nieder.

»Also wirklich,« stöhnte die Schwester, »aber so beschreib' uns Deine Frau,« rief sie plötzlich, von einer neuen Hoffnung belebt – »Du hast uns noch kein Wort über sie gesagt – beschreib' sie, wie sie ist – wie Du sie lieben lerntest – wie sie Dein Herz gewann. Sie mag von niederem Stande sein,« fuhr sie lebendig fort, »und doch hat man Beispiele, daß sich gerade Frauen in selbst ungewohnte Verhältnisse leicht und ungeahnt rasch hinein fanden. – Sie hat doch ein hübsches, freundliches Gesicht?«

»Lieb und gut,« sagte Eduard bewegt, »ihre Züge sind nicht grob oder bäuerisch, eher fein, ja fast edel – ihre Hände, trotz der harten Arbeit, die sie gethan, weiß und zart. Sie hat blondes Haar und treue blaue Augen und ist schlank und hoch von Wuchs.«

»Wo stammt sie her?«

»Ihr Geburtsort ist Landau. Aber täusche Dich nicht, Alexandrine,« setzte er hinzu, »aus einem Kinde läßt sich ein ander Wesen formen, nicht aus einer erwachsenen Frau. Sie kennt Nichts von der Welt, als daß sie zur Arbeit von Jugend auf bestimmt war; sie hat Schreiben und Lesen gelernt, und ein klein wenig Rechnen: dies, mit ihrem Katechismus, bildete ihre einzige Erziehung. Sie singt wie eine Lerche, aber lachte laut auf, als ich ihr die ersten Noten zeigte und ihr erklären wollte, daß das Töne wären. – Auch in anderer Weise hab' ich es versucht – es that mir im Herzen weh, sie so in Unwissenheit hinleben zu sehen; ich verschaffte mir Bücher und wollte sie zum Lesen bringen – aber umsonst. Ja, kleine fade Geschichten und Schnurren las sie wohl einmal und lachte herzlich darüber, aber sie bekam es rasch wieder satt, warf das Buch fort, sagte das sei Faullenzen, und sprang singend an ihre Arbeit.«

Alexandrine hatte ihm schweigend zugehört, und während er sprach, haftete ihr Auge ernst und wehmüthig an seinen Zügen.

»Und nun?« sagte sie, während sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust entrang – »was hast Du selbst beschlossen, denn Dir vor Allen gebührt die Entscheidung für Deinen künftigen Lebensweg.«

»Ich weiß es selber nicht,« stöhnte Eduard – »ich fühle, daß Rudolph Recht hat, und doch zieht mich mein Herz dorthin zurück, wo ich nie wieder glücklich werden kann. Wollte Gott, ich wäre todt.«

»Das ist der Ausruf feiger Verzweiflung,« sagte der Graf kalt, »schäme Dich, Eduard, in Deine Seele hinein. Erst im Unglück beweist sich der Mannesmuth, im Sturm der tüchtige Seemann, und wer da zaghaft das Ruder aus den Händen läßt, verdient nichts Besseres, als daß er eben zu Grunde geht.«

»Aber was soll ich thun?«

»Sei ein Mann.«

»Und mein Kind?«

»Vom achten Jahre an gehört es dem Vater. Sie wird es Dir auch nicht vorenthalten, wenn ihr des Kindes Wohl am Herzen liegt. Ist es Knabe oder Mädchen?«

»Ein lieber, herziger Knabe, der der Mutter sprechend ähnlich sieht.«

»Und von dem soll sie sich trennen?« sagte Alexandrine bewegt.

»Noch lange nicht, mein Herz,« erwiederte ihr Gatte – »noch viele Jahre soll sie es bei sich behalten, bis sie selber anfängt, sich um seine Erziehung zu sorgen. Dann erst übernimmt der Vater dieselbe, und enthebt sie dadurch einer Last und Verantwortlichkeit.«

»Einer Last,« wiederholte die Frau wehmüthig – »oh wie wenig versteht Ihr Männer doch das Herz einer Mutter. – Einer Last – als ob uns ein Kind eine Last sein könnte. Aber Eines bedenke wohl, Eduard – was Du auch thust, handle nie, daß es Dir zu einem Vorwurf für Dein späteres Leben wird.«

»Aber Alexandrine,« rief ihr Gatte.

»Gott ist mein Zeuge,« sagte die Gräfin bewegt, »wie glücklich es mich machen würde, Eduard bei uns zu behalten, aber – ich möchte dieses Glück nicht mit der Ruhe seines Gewissens erkauft haben.«

»Und soll er sein Weib unglücklich machen,« rief ihr Gatte, »indem er sie in Kreise und Verhältnisse führt, in denen sie sich elend fühlen muß? Willst Du die Verantwortung tragen, wenn sie ihn selber anklagt, sie aus ihrer Sphäre gerissen zu haben? –«

»Oh mein Gott!« stöhnte die Frau.

»Ueberlaßt mir das Ganze,« sagte der Graf freundlich, »ein Dritter ist da immer weit besser im Stande ruhig und kaltblütig zu handeln, als die dabei Betheiligten. Was ist ihr Vater für ein Mann, Eduard?«

»Ein ehrlicher braver Handwerker,« erwiderte Benner, »bieder und derb, aber auch natürlich roh und rücksichtslos, doch mit viel praktischem Verstand, soweit es eben sein Geschäft und auch den Ackerbau betrifft. Er hat in seiner Jugend hart gearbeitet, um etwas vor sich zu bringen, und da er das erreicht, scheint sich sein Fleiß, anstatt das Gewonnene zu genießen, verdoppelt zu haben.«

»Er liebt das Geld?«

»Mein Himmel, es ist für alle diese Leute das höchste Ziel – nicht etwa des Geldes selber wegen, sondern weil sie Alles damit erreichen können. Der alte Peters ist nicht schlimmer und nicht besser, als die Uebrigen, aber so herzlich ich Dir für Deine treue Liebe danke, Rudolph, in dieser Sache mußt Du mir selber das Handeln überlassen.«

»Du willst selber schreiben?«

»Lass' mir Zeit – es darf nicht übereilt werden – ich kann mein Weib nicht so bitter kränken, mich nicht so rasch, so plötzlich von ihr trennen.«

»Und was willst Du sonst thun?«

»Ihr schreiben, daß ich noch nicht hier abkommen könne, daß vielleicht noch längere Zeit vergehen würde, ehe ich im Stande wäre, zu ihr zurückzukehren, ja daß es vielleicht die Umstände nöthig machten, noch Jahr und Tag hier auszuharren.«

»Das bleibt eine Galgenfrist, denn die Zeit verfliegt.«

»Lass' sie sich erst an die Trennung gewöhnen,« bat Eduard – »laß mich selber erst klar mit mir werden. Daß es ihnen indessen da drüben an nichts fehlt, soll meine Sorge sein.«

»Du bist noch unentschlossen?«

»Ja – Du weißt nicht, mit welcher Liebe Henriette an mir hängt. Was geschehen muß, mag die Zeit bringen, aber ich bin nicht im Stand ein Band freiwillig und so rasch zu lösen, das ich selber geknüpft und in dem ich mich einst glücklich fühlte.«

»Und hast Du wirklich noch eine Idee, wieder nach Australien zurückzukehren?« fragte Graf Galaz erstaunt.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte unentschlossen der junge Mann – »jetzt nicht – nicht in nächster Zeit – ich bleibe bei Euch – ich könnte jetzt nicht einmal fort, wo mir so viel zu ordnen, einzurichten bleibt. Lass' mir Zeit, Rudolph, ich bitte Dich dringend darum.«

»Ich dränge Dich nicht,« sagte der Graf ruhig – »besser für alle Theile wäre es freilich, so rasch als möglich zu einem Verständniß zu kommen, denn Nichts ist peinlicher, als eine solche Ungewißheit, ein solches Schwanken. Aber ich bin auch damit einverstanden, daß Du Dich noch erst ein wenig mehr in unsere Verhältnisse einlebst. Was dann geschehen muß, geschieht doch. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß wir der Welt gegenüber Nichts von der Sache erwähnen; wir wollen nicht muthwillig ihre Vorurtheile herausfordern.«

Achtes Capitel. Der Besuch.

Eduard von Benner hatte sich dadurch sein Loos erleichtert, daß er sich offen gegen seine Verwandten ausgesprochen; er brauchte jetzt kein Geheimniß vor ihnen zu verbergen, aber in der Sache selber war freilich noch immer Nichts damit geändert – gebessert worden. Nur Zeit hatte er gewonnen – Zeit um zu grübeln und zu brüten und unentschlossen zwischen dem zu schwanken, wohin ihn die Pflicht zog, und dem, wozu ihn die Verhältnisse, seine ganze gesellschaftliche Stellung in der Welt trieben.

Er vergaß aber dabei nicht sein Weib und Kind, und hielt wenigstens insofern Wort, daß er für ihr materielles Wohl sorgte. Er schickte Geld hinüber und entschuldigte sein Zögern. Er erhielt auch Antwort, obgleich er noch in keinem Brief seine Adresse hinübergesandt. Der gefällige Becher vermittelte das stets durch seine »Consularverbindungen«. Der Brief kam richtig an – aber er konnte sich nicht darüber freuen. Wohl gab er ihm Kunde, daß sich Frau und Kind gesund befanden und nach ihm mit treuer Liebe sehnten, aber – er war entsetzlich unorthographisch geschrieben und auf grobem Schreibpapier, die Oblate mit einem Six pence zugedrückt – Er verbrannte den Brief, damit er nicht zufällig in andere Hände fiele.

Arme Henriette, und so viele, viele Mühe hattest Du Dir gegeben, diese Zeilen zusammen zu bringen, und so viele heiße Thränen dabei geweint, und Dich doch so sorgfältig dabei gehütet, daß keine von allen auf das Blatt fiel, um Deinem Eduard keinen Kummer zu bereiten.

Und die Zeit verging – Schon waren 18 Monate verflossen, seit er deutschen Boden wieder betreten hatte, und in seinem Verhältniß zu Australien keine andere Veränderungen eingetreten, als daß seine Geldsendungen reichlicher – seine Briefe aber dahin spärlicher und kürzer wurden.

In dieser Zeit, während er sich den geselligen Freuden der Nachbarschaft mit Leib und Seele hingab, ward ein Unterschleif entdeckt, den sein Verwalter auf dem schlesischen Gut gemacht hatte, und es war nöthig geworden, die Sache dort selber an Ort und Stelle zu untersuchen und in Ordnung zu bringen. Da zu dem Gut nicht unbedeutende Jagd gehörte, so entschloß sich Graf Galaz ihn zu begleiten, und ihre Abwesenheit wurde auf vier bis sechs Wochen festgestellt.

Gräfin Alexandrine blieb in dieser Zeit allein auf Schloß Galaz zurück und es war am zweiten Tag, nachdem sie ihr Gatte und Bruder verlassen hatten, als der Haushofmeister in ihr Zimmer trat und meldete, es sei ein Mann und eine Frau draußen, die den Herrn Baron von Benner zu sprechen wünschten.

»Ein Mann und eine Frau?«

»Ja ein alter Mann, ein wunderlicher Kauz, und eine junge nette Frau – Bauersleute jedenfalls –«

»Von Bennersberg vielleicht,« sagte die Gräfin – »es wird irgend eine Klagesache sein. Sie müssen jetzt warten bis mein Bruder zurückkehrt – wollen sie ihm aber schreiben, so werd' ich den Brief befördern.«

»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann, »sie sind nicht von Bennersberg; ich glaubte es anfangs auch und frug sie darnach; sie sehen aber fremdländisch aus, und der Alte sagte immer statt ja auf englisch yes.«

Die Gräfin erschrack. Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte sie, aber wäre es möglich gewesen? Sie mußte sich abwenden, um ihre Bewegung zu verbergen, trat an's Fenster und sah hinaus. Der alte Diener wartete ruhig bis sie wieder mit ihm sprach.

»Ich will sie doch einmal selber sprechen, Cornelius,« sagte sie endlich – »wer weiß denn was sie wollen. Führt sie zu mir herein, und daß wir, so lange sie bei mir sind – nicht gestört werden.«

»Sehr wohl, Frau Gräfin.« Die Thür schloß sich wieder hinter ihm und Alexandrine blieb in heftiger Aufregung zurück. Wenn Eduards Frau – aber war es denkbar, daß sie die weite Reise gewagt haben sollte – wie kam sie nur auf den Gedanken – und doch wieder – ein alter Bauer der englische Wörter gebrauchte – wenn nun der Vater – Draußen wurden Stimmen laut – »Also Frau Gräfin wird sie genannt?« hörte sie Jemanden sagen, dann öffnete sich geräuschlos die weite Thür und die Gemeldeten traten, während der Haushofmeister ehrfurchtsvoll auf die Gräfin zeigte, und die Thür dann wieder hinter ihnen schloß, in das hohe, durch schwerseidene Gardinen halbverhangene Gemach.

Der alte Bauer war auch wohl draußen noch ziemlich unbefangen gewesen, denn er »wollte Nichts betteln,« wie er zu dem Haushofmeister sagte, und hätte mit dem Herrn von Benner »nur ein Wort zu reden«. Anders wurde ihm aber doch zu Muthe, als er in das prachtvolle, halb dunkle Gemach auf den weichen Teppich trat, auf dem er seine eigenen Schritte nicht mehr hörte, und ihm jetzt unwillkürlich das Gefühl kam, er ginge absichtlich so leise, um Niemanden zu stören. Und dann die hohe schöne Frau, die ihm gegenüber stand, und deren großes klares Auge so forschend auf ihm und seiner Begleiterin haftete. Draußen hatte er auch genau gewußt, was er sagen wollte – hier drinnen fiel's ihm nicht gleich wieder ein. Seine Begleiterin schien aber noch viel mehr verlegen, als er selber, denn ängstlich und verstört hielt sie sich hinter ihm, und seinen Rockschooß mit der linken Hand fest, und da er selbst vollkommen still schwieg, flüsterte sie ihm scheu zu:

»Sprecht Ihr, Vater – ich bring kein Wort über die Zunge.«

»Wer seid Ihr, Freund, und was wollt Ihr von mir,« sagte da Alexandrine mit ihrer weichen und doch so volltönenden Stimme. Das gab dem Alten sich selber wieder – es war doch ein menschlicher Laut, und mit einer Art von Kratzfuß, der aber auf dem Teppich hängen blieb, erwiederte er:

»Mit Verlaub, Frau Gräfin, von Ihnen Nichts; nur den Herrn von Benner wollten wir sprechen.«

»Meinen Bruder?«

»Yes« erwiederte der Mann, »der alte Herr da draußen – wahrscheinlich Ihr Mann – sagte uns schon, daß Sie die Frau Schwester wären, er meinte aber, er wäre nicht zu Hause – der Herr von Benner nämlich, und da – da wollten wir nur fragen, wann er wieder kommt, Frau Gräfin.« –

»Und kann ich es nicht an ihn ausrichten,« sagte Alexandrine, die sich Gewalt anthun mußte ruhig zu bleiben – »er ist verreist, und es kann vier bis sechs Wochen dauern, ehe er wieder kommt –«

»Alle Teu– bitte um Entschuldigung,« sagte der Mann erschrocken, »es fuhr mir nur so heraus – das ist aber eine schöne Bescheerung. Nun sind wir den weiten schmählichen Weg hergekommen –«

»Und woher, wenn ich fragen darf,« hauchte die Gräfin, aber so leise, daß er die Worte kaum verstand.

»Woher? – ih, man blos vom anderen Ende der Welt,« sagte der Bauer – »von Australien.«

»Von Australien! – und das – das ist Euere Tochter?«

»Na, Sie wissen's ja wohl schon, Frau Gräfin,« sagte der Alte jetzt treuherzig – »wenn Sie die Schwester vom Eduard sind, so müssen wir ja verschwägert sein – s'ist seine Frau, die Jette, die's vor Jammer und Sehnsucht nicht mehr da draußen aushalten konnte.«

Alexandrinens Blick haftete fest auf den schüchternen aber jetzt todtenblassen Zügen der jungen, bildhübschen Frau.

»Und Du bist den weiten, weiten Weg gekommen, um ihn aufzusuchen?« sagte sie endlich gerührt – »Du armes, armes Kind!«

»Na nu?« rief der Alte erschreckt – »es ist – es ist ihm doch nicht etwa was passirt?«

»Nein, beruhigt Euch – er ist wohl und gesund,« sagte Alexandrine.

»Na und sonst?« frug der alte Schuhmacher mißtrauisch. »Die Jette hat's nicht mehr daheim gelitten – vor Spott und Neid konnt' sie es nicht mehr aushalten, und wenn ich hier,« fuhr er sich in dem Zimmer umschauend fort, »die vornehme Wirthschaft sehe, so, so kommts mir beinah auch so vor, als ob die Nachbarn da draußen doch am Ende –«

Alexandrine hörte gar nicht was er sprach. Ihre Blicke hingen an der lieben, herzigen Gestalt der jungen Frau, und auf sie zugehend und ihr die Hand entgegenstreckend, sagte sie mit tiefem Gefühl:

»Und so lieb hast Du den bösen Menschen, daß Du das weite Meer nach ihm durchschifftest?«

»Den bösen Menschen?« rief Henriette erschreckt, aber doch auch wieder von dem freundlichen Ausdruck in den Zügen der so stattlichen Dame angezogen. »Glaubt es nicht, Frau Gräfin, er ist wirklich gut, und wer weiß denn, was ihn abgehalten hat, daß er nicht heim zu seinem Weib und Kind kommen konnte.«

»Und wo ist Dein Kind? – lebt es?«

»Lebt es? großer Gott!« rief die Frau erschreckt, »wird's nicht leben, der liebe kleine Bursch, der so gewachsen ist, daß ihn sein Vater kaum mehr kennen mag.«

»Und wo ist er jetzt? hast Du ihn daheim gelassen?«

»Meinen kleinen Bursch?« sagte die Frau, indem sie lächelnd den Kopf schüttelte – »glaubt Ihr Frau Gräfin, daß ich von Australien fortgegangen wär' und den zurück gelassen hätt'? Im Leben nicht.«

»Aber wo hast Du ihn jetzt?«

»Im Wirthshaus drunten im Dorf ist er,« sagte die Frau, die bei der Erinnerung an ihr Kind die bisherige Scheu vergaß – »die Wirthin scheint eine gar liebe, gute Frau, und die versprach mir, auf den kleinen Kerl Acht zu geben, bis wir wieder vom Schloß herunter kämen.«

»Yes, Frau Gräfin, so ist's,« bestätigte aber auch der Vater – »wußten's ja nicht, wie uns Ihr Bruder empfangen würde, da er von der Jette doch wohl Nichts mehr wissen will, denn wie ich sehe, ist er jetzt wieder ein vornehmer Herr geworden. Ich wollt' auch nicht her, aber das Kind ließ eben keine Ruh. Tag und Nacht weinte sie und jammerte, und – da that ich ihr endlich den Willen, und jetzt wird sie wohl wieder mit gebrochenem Herzen zurückgehen können – nach Australien.«

»Und glaubst Du das auch, Henriette?« sagte die Gräfin, die bis dahin kein Auge von der Frau verwandt, so daß diese, durch das scharfe Anschauen beschämt und furchtsam den Blick vor ihr zu Boden schlug.

»Gott weiß es,« seufzte aber die junge Frau recht aus tiefster Brust, »seine Briefe sind freilich kürzer geworden mit jedem Mal – gut und lieb wie immer, aber so kurz. Er hatte mir nicht viel mehr zu schreiben und schickte mir nur Geld – viel Geld – viel mehr als ich brauchte und haben wollte. Da litt mich's nicht länger – da quält' ich den Vater bis auf's Blut, bis er mit mir ging, und jetzt –«

»Und jetzt, Henriette?«

»Jetzt will ich den Eduard fragen,« sagte die Frau leise, »ob er noch was von mir und dem Kinde wissen will, oder – ob er sich unser schämt, wie mir's der Apotheker in Tanunda prophezeiht hat, daß es so kommen würde und müsse, und nachher –«

»Und nachher, Henriette?«

»Dann geh ich mit dem Vater und dem Kind wieder heim,« sagte die junge Frau leise »und – Gott wird weiter helfen.«

»Ist das Dein Ernst, Henriette?«

»Ja Frau Gräfin.«

»Und weshalb nennst Du mich Frau Gräfin?«

»Sind Sie denn das nicht?«

»Aber wenn ein Mädchen einen Mann geheirathet hat,« sagte Alexandrine, ihr ruhig in's Auge sehend, »und der Mann hat eine Schwester, so nennt sie die Schwester doch wohl gewöhnlich nicht bei ihrem Titel, sondern bei ihrem Vornamen – und ich heiße eigentlich Alexandrine.«

»Ja – aber Frau Gräfin,« sagte Henriette bestürzt, denn sie verstand nicht, was die Dame damit meinte, »das – das ist wohl so bei unsern Leuten Gebrauch, aber –«

»Und bin ich nicht Eduards Schwester, Henriette?«

»Ja – ja,« sagte die junge Frau bewegt und ein paar große helle Thränen glänzten in ihren Augen – »Sie sind schon Eduards Schwester, aber ich – ich – ich weiß ja nicht, ob ich Eduards Frau mehr bin.«

Da hielt sich die Gräfin nicht länger.

»Henriette,« rief sie, »mein liebes, liebes Kind,« und die bestürzte Frau umfassend und an sich pressend, drückte sie ihr heiße Küsse auf Stirn, Mund und Augen.

»Ja, was wär denn das?« sagte der alte Schuhmacher, auf's Aeußerste erstaunt – »Sie küssen das Mädel, und der eigene Mann –«

»Ueberlaßt das mir, Alter,« lächelte die Gräfin unter Thränen, indem sie ihm die Hand hinüberreichte – »wollt Ihr Euer Kind glücklich sehen?«

»Das ist eine kuriose Frage für einen Vater,« sagte der alte Schuhmacher, »aber – nehmen Sie mir's nicht übel, Frau Gräfin, bis jetzt sah ich noch Nichts, was darauf hinzeigt. Ist der Herr Eduard wirklich verreist?«

»Seit vorgestern; er hatte keine Ahnung, daß Sie kommen könnten.«

»Das glaub' ich wohl,« lächelte der alte Mann, »denn geschrieben haben wir Nichts davon; aber wie er das viele Geld schickte, meinte die Jette, das könne man nicht besser anwenden, als zu einer Reise hierher. Ob sie recht gehabt hat? – wer kann's wissen. Wenn er aber wirklich noch was von ihr wollte, hätte er ihr da nicht selber geschrieben, sie solle herüber kommen, er hielt's nicht länger ohne sie aus? Gott bewahre; kein Wort davon. Ja, geschickt hat er reichlich, fehlen sollt' es ihr an Nichts – aber daß ihr dadurch gerade Alles fehlte, daran scheint er nicht gedacht zu haben. Jetzt macht er nun auch noch so lange Reisen, und wie soll's da werden? Ich kann nicht so lange von daheim wegbleiben und mich noch Monate lang hier hersetzen – das kost' auch ein schmähliches Geld.«

Alexandrine hielt die junge schüchterne Frau noch immer in ihrem Arm, und ihr in das gute treue Auge sehend, sagte sie herzlich:

»Und wollt Ihr uns Euer Kind hier zurück – wollt Ihr es mir überlassen, wenn Ihr wieder von uns geht?«

»Ihnen, Frau Gräfin?« sagte der alte Mann erstaunt, »und nicht Ihrem Mann? – Aber ich sehe freilich schon wie es ist,« setzte er, langsam mit dem Kopf nickend hinzu – »so vornehm habe ich mir den Eduard nicht gedacht, ich hätte ihm auch sonst im Leben das Mädel nicht gegeben, und in solche Zimmer paßt sie nicht hinein – würde sich auch nie wohl und glücklich darin fühlen. Jetzt bleibt nur noch die Frage, ob der Eduard wieder mit uns hinauswollte auf's Dorf, aber wenn er dazu Lust hätte, wär' er schon lang gekommen. Es gefällt ihm hier besser, und wie's da werden soll, das weiß ich selber nicht.«

»Und glaubst auch Du nicht, Henriette,« sagte die Gräfin jetzt zu der jungen Frau, »daß Du Dich wohl und glücklich in solchen Räumen fühlen könntest?«

»Fremd ist's schon,« sagte die Frau schüchtern – »und Alles viel zu schön und reich – Unsereins ist nicht daran gewöhnt. Ich fürcht', ich paß nicht hinein, und der Eduard wird keine Freud' an mir erleben. – O wär er doch nie so reich geworden und arm geblieben wie er war, wie gern, wie gern hätt' ich hart und schwer arbeiten wollen, mein ganzes Leben lang.«

»Aber der Eduard,« sagte da die Gräfin, während sie das junge Weib zu sich auf das Sopha niederzog, und immer noch ihre Hand in der ihren hielt, »hat doch auch Anfangs nicht in Euer Leben gepaßt. Er war nur gewohnt so zu leben, wie wir es hier thun, und hat sich doch später in die schwere Arbeit hineingefunden, nicht wahr, Henriette?«

»Ei gewiß,« rief die Frau lebendig – »wacker hat er geschafft, wie der beste Knecht, von Morgens bis Nachts –«

»Und weshalb?«

»Weshalb? ei,« meinte die Frau erröthend – »der Vater konnte uns auch grad nicht so viel mitgeben, und da wir doch was vor uns bringen wollten, mußten wir schon zugreifen.«

»Also Dir zu Lieb, Herz, hat er ein ganz ungewohntes Leben angegriffen und wacker durchgeführt, nicht wahr?«

»Gern hat er mich schon gehabt,« sagte die junge Frau verschämt, »und ich ihn auch,« setzte sie herzlich hinzu, »denn er war brav und gut, und rechtschaffen fleißig.«

»Und würdest Du nun nicht –« fuhr Alexandrine fort, »auch aus Liebe zu ihm, dasselbe für ihn thun wollen, was er für Dich gethan?«

»Ich versteh' Euch nicht,« sagte Henriette, die Redende groß ansehend, »aber so viel weiß ich, daß es Nichts auf der Welt giebt, was ich nicht aus Liebe zu ihm thun würde – selbst wieder heimkehren,« setzte sie leise und kaum hörbar hinzu – »wenn das das Einzige ist, was er von mir verlangt.«

»Ich glaube Dir's,« sagte die Gräfin gerührt, »aber so Schweres soll Dir hoffentlich nicht vorbehalten bleiben – doch weshalb setzt Ihr Euch nicht, Freund,« wandte sie sich an den Alten – »wir haben noch viel mitsammen zu reden und bleiben noch länger bei einander.« Damit drückte sie auf die neben ihr stehende Klingel und gleich nachher betrat der Haushofmeister wieder das Zimmer.

»Ist keiner von den Dienern da?«

»Zu Befehl, Frau Gräfin,« sagte der alte Cornelius, »aber da Sie ungestört sein wollten, blieb ich selber im Vorzimmer.«

»Ich danke Euch – schickt mir aber jetzt einmal Einen von ihnen hinunter in das Wirthshaus – die Babette mag mitgehen und das Kind heraufbringen, das unten bei der Wirthin gelassen ist – den Knaben, und sorgt zugleich dafür daß das Gepäck dieser Leute hier ins Schloß heraufkommt – die Rechnung unten soll gleich abgemacht werden.«

»Unser Gepäck hier in's Schloß?« sagte der alte Schuhmacher erstaunt – »ja was wär denn das?«

Die Gräfin winkte dem Haushofmeister zu und dieser verschwand geräuschlos durch die Thür. Der alte Schuhmacher kam aber aus seinem Erstaunen gar nicht heraus, denn bis jetzt hatte er mit der größten Verwunderung den ehrfurchtsvoll an der Thür stehenden alten Herrn betrachtet, den er Anfangs sogar für den Herrn vom Hause gehalten, weil er gar so ehrwürdig und vornehm aussah, und doch konnte das nur ein Diener sein, und dann überraschte ihn der eben gegebene Befehl – bei dem sie nicht einmal gefragt wurden – auf das Vollständigste.

»Es kann Nichts helfen,« lächelte Gräfin Alexandrine aber, sobald der Haushofmeister die Thür wieder in's Schloß gedrückt hatte, »Ihr müßt es Euch schon gefallen lassen, eine kleine Weile bei mir auszuhalten, bis wir Alles gehörig besprochen und verabredet haben, und Henriette geht dann hoffentlich gar nicht wieder nach Australien zurück.«

»Und was soll ich hier?« sagte die junge Frau wehmüthig, »was kann ich hier thun und schaffen?«

»Und was thu ich?« lächelte Alexandrine.

»Ja Sie,« sagte die junge Frau kopfschüttelnd – »Sie sind vornehm und haben viel gelernt, was aber weiß ich, ich armes dummes Ding. Eduard fühlte das auch wohl, und hat sich früher schon oft Mühe mit mir gegeben – aber es ging nicht – ich hatte andere Dinge im Kopf und er mußte es zuletzt aufgeben.«

»Und wenn Eduard Dir zu Liebe nun in dem fremden Lande hart gearbeitet hat,« sagte die Gräfin, ihr voll ins Auge sehend – »wenn er ein Bauer wurde Deinetwegen und Axt und Pflug führen lernte, würdest Du nicht ihm zu Liebe auch das hier in seiner Heimath lernen wollen, was ihn, in den Verhältnissen in denen er sich jetzt befindet, allein glücklich mit Dir machen kann.«

»Ach wie gern – wie gern,« rief Henriette – »aber wer wird sich jetzt noch mit mir armen Wesen die Mühe nehmen, es mir zu zeigen, und hab' ich überhaupt Verstand genug dafür?«

»Das laß meine Sorge sein, Henriette,« sagte Alexandrine mit tiefem Gefühl. »Als ich Dich noch nicht kannte, hat der Gedanke an Dich mir vielen, vielen Kummer bereitet – ich dachte Dich mir anders, als Du bist. Jetzt, da ich Dich vor mir sehe, da ich Dich bei mir habe, zieht auf's Neue die Hoffnung in meine Seele ein.«

»Aber ich verstehe Sie noch immer nicht.«

»Du wirst Alles verstehen lernen,« lächelte die Gräfin, »Alles, denn an Deinen Augen, an Deinem ganzen Wesen sehe ich, daß Du gelehrig bist; was Dir aber dabei schwer fallen sollte, das wird die Liebe trotzdem leicht überwinden – aber da kommt Dein Kind!« rief sie, vom Sopha aufspringend, als sie draußen die Stimmen hörte, und gleich darauf auch das Zimmer geöffnet wurde, in dem Babette mit dem Kind erschien; »oh, was für ein lieber, kleiner, herziger Bursch ist das. Es ist gut, Babette – ich werde klingeln, wenn ich Sie wieder brauche, für jetzt wollen wir den kleinen Herrn schon allein versorgen.«

Alexandrine war glücklich in dem Gedanken an das Glück, das sie andern bereiten wollte, und hatte jetzt so viel zu sorgen und anzuordnen, daß ihr der Tag wie im Flug dahin ging.

Vor allen Dingen wurde dem alten Schuhmacher Schweigen aufgelegt – er war überhaupt nicht gesprächiger Natur, aber er besaß doch, wenn auch keine wirkliche Bildung, den, diesen Leuten sehr oft im hohen Grade eigenen Mutterwitz und gesunden Menschenverstand. Alexandrine hatte ihn auch bald durchschaut, und rasch entschlossen den Weg mit ihm einzuschlagen, der sie am sichersten mit ihm zum Ziel führen konnte: die reine unverfälschte Wahrheit. Sie schilderte ihm mit kurzen Worten die Verhältnisse wie sie wirklich standen – sie theilte ihm ihren Plan mit, der Tochter eine Stellung in der Gesellschaft zu erringen, und dadurch dem Bruder sein Glück zu wahren, und der alte Mann hatte Menschenkenntniß genug, um rasch zu sehen, daß er hier sein Kind wenigstens in treuen und guten Händen wußte.

Er selber wurde jetzt für kurze Zeit in einem kleinen Gartenpavillon – allerdings etwas zum Erstaunen der Dienerschaft – einquartiert, während Henriette mit ihrem Kind ein paar Zimmer in der unmittelbaren Nachbarschaft der Gräfin selber angewiesen bekam.

So vergingen vierzehn Tage, dann bestellte die Gräfin ihren Reisewagen und fuhr mit ihren Gästen nach der Residenz, wo sie acht Tage blieb – aber sie kehrte allein wieder zurück und erwartete jetzt, ihrem gewöhnlichen Leben folgend, ruhig die Rückkunft ihres Gatten und Bruders.

Neuntes Capitel. Eine Wendung.

Die Jagd in Schlesien hatte sich so ergiebig gezeigt, und die gesellschaftlichen Verhältnisse dort schienen so angenehm gewesen zu sein, daß die beiden Herren, noch etwas später als erwartet, zurückkehrten, und dann wieder beide – Graf Galaz daheim und Eduard auf Bennersberg (wo er sich häuslich niedergelassen) von ihren indeß aufgehäuften Arbeiten lebhaft in Anspruch genommen wurden.

Alexandrine war indeß in Ungewißheit gewesen, ob sie ihren Gatten in ihr Geheimniß einweihen solle oder nicht. Sie scheute sich zwar ihm irgend etwas zu verschweigen und hatte es in Wirklichkeit noch nie gethan, aber sie wußte auch daß gerade er mit dem, was sie gethan, nicht einverstanden sein würde, weil er von vornherein die Möglichkeit eines günstigen Erfolgs bestritt. »Es war,« wie er sich oft geäußert, wenn sie ihm früher von einem solchen Plan sprach »nur ein Experiment, das zu unangenehmen Conflicten führen mußte, und deshalb lieber unterblieb.«

Außerdem hatte er andere Pläne mit Eduard, denn allein in aristokratischen Kreisen erzogen, wenn auch von weichem und selbst tiefem Gemüth – hielt er es für völlig undenkbar, daß sich eine gewöhnliche Magd je aus der Sphäre erheben könne, in die sie das Schicksal geworfen. Nicht die Mesalliance fürchtete er dabei, die Mischung altadligen und bürgerlichen Blutes – guter Gott, die neuere Zeit brachte nur zu viele derartige Beispiele, wo sich selbst Prinzen nicht scheuten, einer braven Bürgerstochter oder einer gefeierten Künstlerin ihre Hand zu reichen – aber das Plebejische verletzte ihn, das Gemeine im Umgang, und das hielt er sich fern, soviel das immer möglich war.

Um so schwieriger war es jetzt für sie, mit ihrem Plan hervorzutreten, da sie selber noch nicht den geringsten Beweis für einen auch nur möglichen Erfolg hatte. Noch blieb Alles Vermuthung – Hoffnung eines günstigen Gelingens, und Jahre lang hätte sie dann gegen seine Zweifel ankämpfen müssen. – Sie entschloß sich endlich, das allein Begonnene auch auf eigene Hand durchzuführen und ihren Gatten erst in das Geheimniß zu ziehen, wenn sie sich ihres Erfolges sicher fühlte – ja vielleicht selbst dann noch nicht einmal.

Uebrigens wäre dasselbe fast ohne sie verrathen worden, denn der Graf erfuhr bald nach seiner Rückkunft durch seinen Kammerdiener von der Bewirthung des Bauernpaares durch seine Gattin. Mit keiner Ahnung übrigens, wer es gewesen sein könne, frug er sie selbst darum, und Frauen – wenn sie nicht sprechen wollen – sind selten um eine Ausrede verlegen.

»Der Bruder meiner Amme, mit seiner Tochter,« sagte sie ruhig – »er war vor fünf Jahren nach Amerika ausgewandert, hatte es aber draußen nicht aushalten können und kehrte jetzt in die Heimath zurück. Er war sehr niedergeschlagen über seine getäuschten Hoffnungen und das arme Kind dauerte mich besonders.«

»Und wo sind sie jetzt?«

»Wieder in ihrer Heimath.«

Es wurde nicht wieder davon gesprochen; den Grafen interessirten die Leute auch wirklich zu wenig, um sich mit ihnen noch länger zu beschäftigen, und da man nichts weiter von ihnen hörte, waren sie auch bald in Galaz selber vergessen.

So verging ein Jahr und Alexandrine bekam indessen die Nachricht, daß Henriettens Vater wieder in Süd-Australien angelangt sei, um dort sein kleines Gut nicht ganz vernachlässigt zu sehen. Sie hatte aber mit ihm schon die Abrede getroffen, daß er das, für Henriette hinausgesandte Geld nur regelmäßig in Empfang nehmen und darüber quittiren solle. Auch in anderer Weise war dafür gesorgt, Eduard fortwährend in dem Glauben zu erhalten, daß Henriette selber noch in Australien sei, denn sie schickte die Briefe für ihren Gatten zuerst an ihren Vater, wonach sie dann Bechers Gewissenhaftigkeit empfohlen und pünktlich zurück nach Deutschland befördert wurden.

Graf Galaz drang in der Zeit mehrmals in den Schwager, seine Scheidung in Australien zu betreiben und sich mit dem alten Schuhmacher auseinander zu setzen. Es war das um so mehr nöthig geworden, da er seine Besuche in dem Hause des Comthurs häufiger wiederholte, und Galaz behauptete fest, Hedwig sei ihm so zugethan, daß es nur seiner Werbung bedürfe, um ihr freudiges Ja zu erlangen.

Eduard verbrachte eine trübe, sorgenvolle Zeit, aber er weigerte sich dem Verlangen zu willfahren. Er malte sich den Schmerz Henriettens aus, wenn ein solcher Brief dort eintreffen sollte, und überhaupt unentschlossen in seinem ganzen Character, verzögerte er einen so entschiedenen Schritt von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Aber auch das gesellige Leben der Heimath wob immer fester seinen Reiz um ihn. Schon konnte er es nicht mehr entbehren, und den Gedanken nach Australien zurückzukehren, verwarf er immer, so rasch er nur in ihm aufstieg.

Und wie lieb und gut lauteten dabei fortwährend die Briefe seiner Frau, die aber jetzt viel spärlicher als früher kamen und ihn auch ihrem Inhalt nach in Staunen setzten. Sie enthielten allerdings noch ebenso viele orthographische Fehler als früher, ja vielleicht noch mehr, denn er wußte bestimmt, daß sie früher einzelne Worte richtig geschrieben hatte, die jetzt sonderbare Fehler zeigten. Aber die Handschrift war eine ganz andere, festere geworden, obgleich es auch jetzt an Kleksen im Brief nicht fehlte – ein Zeichen, daß die Schreiberin noch immer mit der Feder nicht umzugehen wußte – und manche Buchstaben und Worte bös verschoben waren. Auch die Gedanken, die sie verriethen, zeigten oft von tiefem innigen Gefühl, das er ihr wohl immer zugetraut, aber von dem er doch nie geglaubt hatte, sie würde es so aussprechen können. – Und dann wieder ihre naiven, fast kindlichen Wendungen dazwischen.

Früher hatte ihm außerdem der Schmerz weh gethan, der aus jeder ihrer Zeilen sprach; der Schmerz der Trennung von ihm, die Trauer um seine Abwesenheit. Alle ihre Briefe waren fast nur Klagen gewesen. Das hatte sich ganz geändert; sie bat ihn wohl, doch bald, recht bald zu ihr und dem Kind zurück zu kehren, aber dann wieder schrieb sie ganz heiter, erzählte ihm Anecdoten von Bekannten und beklagte sich nur darüber, daß er ihr fehle, nicht über ihre Einsamkeit. – Und wie viel wußte sie über das Kind zu sagen, über den kleinen prächtigen Kerl, der jetzt anfange, dem Vater so ähnlich zu sehen, und auch schon immer nach ihm verlange und frage, ob denn der »böse Papa« noch nicht zurückkehren und mit ihm spielen wolle.

Nach solchen Briefen wurde es ihm zu eng im Haus – er mochte sich nicht selber gestehen, was ihn quäle, er mochte sich über die Vorwürfe, die ihm sein Gewissen machte, nicht klar werden und ritt dann immer weit hinaus in die Nachbarschaft, um sich zu zerstreuen.

Heute war wieder ein Brief eingetroffen und wie er ihn gelesen und in sein geheimes Fach eingeschlossen, ließ er sich sein Pferd satteln und beschloß, nach Galaz hinüber zu reiten.

Auf dem Wege dahin passirte er des Comthurs Schloß – die »Enkelburg« wie es scherzhafter Weise von den Bekannten und bald auch überhaupt in der Umgegend genannt wurde. Er fühlte das Bedürfniß freundliche Gesichter zu sehen – Musik zu hören – mit einem Wort, eine Zerstreuung zu haben, die ihn von seinen eigenen Gedanken abzog und lauter Jubel hatte ihn bis jetzt immer empfangen, wenn er in den Park des gastlichen Hauses einritt.

Auch heute gab er seinem Pferd die Sporen, als er, den Kiesweg hinabreitend, schon von Weitem die lichten Kleider der Damen auf der Terrasse erkannte. Er glaubte auch den alten Herrn selber gar nicht daheim zu finden, da dieser vor einigen Tagen nach der Residenz gefahren war und erst morgen oder übermorgen zurückerwartet wurde. – Als er aber – auf dem breiteren Weg war er völlig in Sicht des Hauses gewesen und mußte auch von dort aus gesehen sein – um ein dichtes Bosquet herumritt und nun gerade auf die steinerne Treppe zu hielt, sah er, daß die Damen von der Terrasse verschwunden waren, und nur der Comthur stand dort und schien ihn zu erwarten.

Das fiel ihm allerdings schon auf, aber wer wußte denn, was die Gesellschaft plötzlich konnte in den Saal gelockt haben; er überlegte wenigstens nicht lange, sprang aus dem Sattel, warf seinem Reitknecht die Zügel zu, und stieg die breiten niederen Granitstufen hinauf.

»Schon wieder aus der Residenz zurück?« rief er dem alten Herrn freundlich zu, indem er ihm die Hand entgegenstreckte – »das ist brav von Ihnen. Wo finden Sie auch dort ein Plätzchen, so lieb und heimlich wie die Enkelburg.«

Der alte Herr nahm die dargebotene Hand, aber er schien befangen. Es war etwas vorgefallen, von Benner sah das auf den ersten Blick, aber konnte er selber damit in Verbindung stehen? – unmöglich.

»Allerdings,« sagte der Comthur, aber einsylbig – »es ist sehr freundlich hier.«

»Und wo sind die Damen? ich dächte doch, ich hätte sie vorhin auf der Terrasse gesehen. –«

»Die Damen – Sie müssen sie entschuldigen – es war gerade Besuch da – eine Schneiderin – sie haben mit ihrer Toilette zu thun –«

»So hab' ich hier gestört?«

»Nicht im Mindesten –«

Eduard versuchte, ein oder das andere Gespräch anzuknüpfen, der Comthur antwortete sehr höflich, aber einsylbig. Er blieb noch eine Zeitlang neben ihm sitzen, in der Hoffnung, die Damen zurückkommen zu sehn – aber Niemand kam und es war augenscheinlich, daß sich der alte Herr ebenfalls nicht behaglich dabei fühlte. Benner empfahl sich deshalb bald wieder und ritt langsam und ganz in seine Gedanken vertieft, nach Galaz hinüber.

Was in aller Welt konnte da nur vorgefallen sein? Er begriff es nicht, aber der alte sonst so freundliche und joviale Mann zeigte sich so merkwürdig verändert, daß es ihm auffallen mußte. In Galaz angekommen, erzählte er es seinem Schwager, und dieser sah, während er mit ihm sprach, sinnend und ernst vor sich nieder; erwiederte auch kein Wort darauf. Endlich sagte er:

»Kennst Du einen Herrn von Krowsky?«

»Krowsky? – gewiß,« rief Eduard rasch – »wir waren zusammen in Australien.«

»Hm – und er weiß um – Deine Verhältnisse?«

»Allerdings,« nickte Eduard bestürzt, denn ein Verdacht stieg in ihm auf.

»Er ist jetzt zurückgekehrt,« sagte Galaz; »mit seinen Verwandten ausgesöhnt, hält er sich seit etwa vierzehn Tagen in der Residenz auf – der Comthur hat ihn dort kennen gelernt.«

Eduard war aufgesprungen und ging mit verschränkten Armen im Zimmer auf und ab.

»Und deshalb hätten die Damen mich gemieden?« murmelte er endlich bitter vor sich hin – »nur auf das Gerücht einer Mesalliance hin?«

»Mein lieber Eduard,« sagte Galaz, »erinnere Dich, was ich Dir schon früher über diesen Gegenstand gesagt habe. Du kennst unsere Verhältnisse und willst sie ignoriren – wozu? Hedwig hat Dich wirklich gern, und daß ihr diese Nachricht keine Freude machen konnte, ist doch wohl natürlich.«

»Und Du glaubst in der That, daß er durch Krowsky Alles erfahren hat?«

»Nicht allein das, sondern daß es auch schon in der ganzen Nachbarschaft bekannt ist. Kannst Du Dich wirklich nicht zu einem entscheidenden Schritt entschließen, so bleibt Dir nichts übrig, als wieder auf einige Zeit zu verreisen. Andere Interessen nehmen dann die Aufmerksamkeit der Leute in Anspruch und bis Du zurückkehrst, denkt man nicht mehr daran oder urtheilt milder darüber. Jedenfalls hat es den Reiz der Neuheit verloren. Du selber kommst auch vielleicht indessen auf andere Gedanken.«

Eduard sträubte sich gegen den Gedanken, dem Urtheil der Welt so gewissermaßen zu entfliehen, aber Alexandrine selber redete ihm zu, und er entschloß sich endlich, dem Rath zu folgen.

Er reiste ab und zwar zuerst wieder auf sein schlesisches Gut, dann nach Italien und Aegypten – aber er entfloh dem Wurme nicht, der in ihm nagte – seinem Gewissen, und wieder und wieder stand Henriettens Bild vor seinen Augen, sah er sein liebes herziges Kind, wie es am letzten Abend die Aermchen um seinen Nacken schlang. Und sollte er wieder zurück nach Australien? Er besaß jetzt Geld genug, um sich das Leben auch dort angenehm zu machen; seine kühnsten je gehegten Pläne waren noch weit übertroffen und er hätte zahlreiche Stationen anlegen und ein angesehener Mann in jenem Welttheil werden können.

Und sollte er jetzt fort, wo die »hochadlige Sippschaft« dann vielleicht höhnisch gesagt hätte, er sei der öffentlichen Meinung gewichen, sobald er gemerkt, daß sein Geheimniß verrathen worden? Nein, wahrlich nicht, jetzt durfte er Europa nicht verlassen, und erst mußte er ihnen beweisen, daß er ihre Meinung nicht achtete und sein Leben nie darnach regeln würde. Was er dann später that, sollte wenigstens nicht von dem Urtheil der Gesellschaft abhängig sein.

Er fühlte sich ruhiger, als er diesen Entschluß gefaßt, weil er sich einredete, er habe ihn seiner Charakterstärke zu verdanken – und doch war es nur seine Charakterschwäche, die so lange nach einer Ausrede suchte, um ihn nicht seine Pflicht thun zu lassen, bis er endlich eine leidlich glaubbare gefunden hatte. Dann war er zufrieden, er konnte wieder eine Weile in dem alten Gleis fortleben, ohne von seinem Gewissen außergewöhnlich belästigt zu werden – alles Spätere fand sich von selbst.

Aber die Zeit fliegt. Was Du thun willst und mußt, thue bald, denn nur zu rasch verstreicht die erbettelte Frist, und immer schwerer kommt es Dir dann an.

Es war das Nämliche mit Eduard von Benner; über acht Monate hatte er sich wieder in der Welt herumgetrieben – zwecklos – freude- und ruhelos, jetzt kehrte er nach Bennersberg zurück, und weil er die Ursache vergessen oder vielmehr den Sinn dafür betäubt hatte, die ihn hinaus in die Fremde gejagt, glaubte er thörichter Weise, daß das Nämliche mit den Anderen geschehen war.

So lange er fort gewesen, hatte man allerdings wenig mehr von ihm und der bekannt gewordenen »Heirath mit einer Dienstmagd« gesprochen – denn Krowsky schien das Schlimmste erzählt zu haben, kaum aber kehrte er zurück, so suchte die Gesellschaft den noch nicht halb verbrauchten Stoff wieder auf das Eifrigste hervor, und Eduard von Benner fand bald, wie er mit seinen früheren »Freunden« stand.

Die Herren schienen nicht so sehr davon berührt zu sein, und ihn häufiger zu entschuldigen. Lieber Gott, in Australien, wie sie meinten, wen heirathete man denn da nicht, um die Langeweile zu tödten. Entschieden anders aber dachten die Damen darüber, und wo er sich wieder blicken ließ, konnte ihm nicht entgehen, wie kalt höflich und förmlich man gerade da gegen ihn geworden war, wo man ihm früher die meiste Herzlichkeit bewiesen.

Früher überall ausgezeichnet, sah er sich jetzt zurückgesetzt, und auf ihn selber konnte das nicht verfehlen, seinen ertödtenden Einfluß auszuüben. So lebendig und liebenswürdig er sich sonst in der freundlichen Umgebung gezeigt, so kalt und gemessen wurde er jetzt, wo er sich aller Orten zurückgestoßen oder doch vernachlässigt sah. Es konnte ihm nicht entgehen, daß er nirgends mehr ein willkommener Gast war, und die Folge blieb nicht aus – er fühlte sich unglücklich.

Selbst Graf Galaz war nicht mehr so warm und herzlich gegen ihn wie früher, denn er ärgerte sich über die »Unentschlossenheit« seines Schwagers, die das nicht abschütteln wollte, was seiner Meinung nach allein sein ganzes Lebensglück zerstörte – die unwürdige Verbindung in dem fremden Land.

Nur Alexandrine, seine Schwester, blieb sich immer gleich, immer lieb und gut gegen ihn, immer freundlich. Sie tröstete ihn, wenn seine Stirn von Sorge und Mißmuth gefurcht war, sie spielte ihm seine Lieblingslieder von Mendelssohn und Schubert und brachte es bald dahin, daß er sich nur in ihrer Nähe wohl und glücklich fühlte. – Aber auch das währte nicht lange, selbst sie konnte nicht mehr die Wolken von seiner Stirn halten, und eine finstere Schwermuth schien sich seiner bemächtigt zu haben.

Dieser Zustand hatte seinen Gipfelpunkt erreicht, als wieder ein Brief aus Australien von seiner Frau eintraf. Er trug aber diesmal keinen englischen Stempel, sondern kam aus der Residenz und die auf der Adresse befindlichen Worte »Durch Güte« zeigten an, daß er wohl durch Einlage gekommen, vielleicht mit Depeschen des eifrigen Consuls Becher.

Und wie gut, wie herzlich lautete der Brief; keine Klage fand er darin, kein Wort der Trauer – nur Dank für die vielen Beweise von Liebe, die er ihr gesandt, und die Sehnsucht nach dem fernen Gatten, aber durch eine Engels-Geduld gemildert.

Eduard empfing den Brief auf Galaz, und mit dem offenen Schreiben in der Hand, betrat er seiner Schwester Zimmer. Sein Auge strahlte aber dabei von Freude, seine ganze Gestalt schien gehoben, und mit leuchtenden Augen schritt er auf die Schwester zu, reichte ihr den Brief und rief:

»Da lies – und bin ich nicht ein Thor, daß ich hier Freundschaft und Liebe suchen will, wo mich dort offene Arme und treue Herzen erwarten – ersehnen? Die Worte sind unorthographisch geschrieben, ja, aber eine treue Hand hat sie gestellt – der Styl ist schlecht, aber jeder Satz macht die Fibern meines Herzens beben.«

Alexandrine las schweigend den Brief und ihn dann ihrem Bruder zurückgebend, sagte sie leise:

»Wie lieb und gut – die arme, arme Frau. Wie lange ist es jetzt her, Eduard, daß Du von Australien fort bist – Zwei Jahre, nicht wahr?«

»Zwei Jahre?« rief ihr Bruder leidenschaftlich, »vier Jahre sind es, daß ich die Meinen nicht gesehen, und zu einer Ewigkeit ist mir die Zeit geworden.«

»Vier Jahre – es ist eine lange Zeit – und wie wird sich Henriette indeß nach Dir gesehnt haben. Dir freilich mag sie rasch genug verflossen sein, denn das gesellige Leben, das Du dort ganz entbehren mußtest, hat Dich doch sehr in Anspruch genommen. Ich sehe jetzt auch wohl selber ein, daß es zu viel von Dir verlangt gewesen wäre, ihm für immer zu entsagen. Wozu der Mensch einmal von Jugend auf erzogen ist, das verwächst mit seinem inneren Selbst, und er kann es nicht so leicht abschütteln ohne sich unglücklich – wenigstens außer seiner Sphäre zu fühlen.«

»Und glaubst Du wirklich, daß ich an diesem Leben hänge?« rief Eduard erregt aus, »glaubst Du wirklich, daß mich dies schale Treiben, das Ihr die »Gesellschaft« nennt, auf die Länge der Zeit fesseln und halten könnte?«

»Das schale Treiben?« sagte Alexandrine lächelnd, »in dem Du Dich so lange wohl gefühlt?«

»Wohl gefühlt? ja, weil ich taub und blind gegen mein eigenes Herz war,« rief ihr Bruder – »aber weiß Deine Welt den inneren Werth eines Menschen zu schätzen, und urtheilt sie etwa nach einem anderen Maaßstab, als der äußeren Form?«

»Du denkst jetzt anders über die Gesellschaft, als vor kurzer Zeit.«

»Oh, daß ich immer so gedacht hätte,« sagte Eduard leise, »viel, viel Schmerz wäre meinem braven Weib erspart geblieben. Aber es ist noch nicht zu spät,« setzte er rasch hinzu, »noch kann ich gut machen, was ich gefehlt, und beim ewigen Gott, ich werde es.«

»Was willst Du thun, Eduard?«

»Das, was ich schon lange hätte thun sollen,« sagte der Mann entschlossen – »nach Australien zurückkehren und dort von nun an meiner Familie leben. Noch heute fahre ich in die Residenz, um meine Geldangelegenheiten in Ordnung zu bringen, Deinem Bruder übergebe ich den Verkauf meiner Güter, und dann bindet mich Nichts mehr an Deutschland.«

»Nichts mehr?« sagte Alexandrine herzlich.

»Und hast Du selber mir nicht zugeredet, so zu handeln?«

»Du hast Recht, Eduard,« sagte die Schwester freundlich. »Gott sei Dank, daß Du endlich in die Bahn eingelenkt bist. Aber verfalle auch jetzt nicht in das Extreme und übereile in diesem Augenblick nicht, was Du bis dahin – vielleicht zu lang – verzögert hast.«

»Und kann ich da übereilen?«

»Ja,« erwiderte ruhig die Schwester – »Du magst allerdings so rasch Du willst in die Residenz fahren und dort Rücksprache mit Deinem Banquier nehmen; je eher das geschieht, desto besser; dann aber kehre hierher zurück und ordne selber, gemeinschaftlich mit Rudolph, Deine Angelegenheiten. Rudolph ist überhaupt nicht Geschäftsmann genug, um ihm das Alles so vollständig zu überlassen und würde sich auch nur unbehaglich unter einer solchen Verantwortung fühlen. Wann geht das nächste Schiff?«

»Ich weiß es nicht, aber ich werde heute Morgen noch deshalb nach England schreiben und die Antwort – da ich nicht sagen kann wo ich sein werde, wenn sie eintrifft, – hierher adressiren lassen.«

»Thue das nur,« nickte die Schwester befriedigt vor sich hin – »und wann willst Du in die Residenz?«

»Gleich auf der Stelle.«

»Galaz kann Mittag zurück sein.«

»Ich kann ihn nicht mehr erwarten. Ich weiß auch, daß er mit meinem Plan nicht ganz einverstanden sein wird, und möchte seinen Einwürfen ausweichen.«

»Fürchtest Du sie?«

»Nein – ich bin fest entschlossen. Die Gesellschaft hier hat mich wie einen Verfehmten ausgestoßen – überall habe ich Anspielungen und spöttische Bemerkungen hören müssen, und war doch nie im Stande dieser ver – dammten Höflichkeit gegenüber irgend eine wirkliche Beleidigung zu constatiren. Dem will ich ein Ende machen. Ob ich glücklich werde – ob ich mich dort glücklich fühlen kann, Gott weiß es, aber ich will mir wenigstens nicht neben den geheimen und versteckten Vorwürfen der Welt, auch noch selber sagen müssen, sie verdient zu haben. – Leb wohl, Alexandrine.«

»Und auf ein recht baldiges, frohes Wiedersehen.«

Zehntes Capitel. Schluß.

Vierzehn Tage waren nach Eduard's Abreise verflossen und in Schloß Galaz blieb es in der Zeit ziemlich einsam, da der Graf selber viel mit der Expropriation einiger Grundstücke zu thun hatte, durch welche ein Schienenweg gelegt werden sollte. Die Bahn hatte hier gerade sein bestes Jagdterrain durchschnitten, und er gab sich die größte Mühe, ihr eine andere Richtung anzuweisen, ja erbot sich sogar, eine andere Strecke weit unter dem Taxationspreis herzugeben – aber vergebens. Die Techniker der Bahn erklärten, daß ihre angegebene Linie beibehalten werden müsse, aus den und den Gründen, und deshalb auf den Wildpark keine Rücksicht genommen werden könne. Der Graf fuhr selber nach der Residenz, um an höchster Stelle seinen Einfluß geltend zu machen; es blieb Alles umsonst. Das practische Leben bohrt sich nach und nach überall in die alten Vorrechte hinein; das Geld gewinnt einen immer höheren Rang über Adelsbriefe und Stammbäume, und Graf Galaz mußte zu seinem nicht geringen Verdruß erleben, daß ein Gutachten von bürgerlichen Leuten über den speciellen Fall ausgestellt, mehr galt und berücksichtigt wurde, als sein ganzer Einfluß werth war.

Eben nicht in bester Laune kehrte er nach Galaz zurück, und das konnte nicht dazu beitragen sie zu verbessern, daß er eine Equipage mit Extrapost fand, die auf seinem Hof vorgefahren war. Also Besuch.

»Wer ist angekommen?« frug er den Diener, der hinaus sprang um seinen Wagenschlag zu öffnen.

»Frau Baronin von Fermont mit einer anderen Dame.«

»Mit wem?«

»Kenne sie nicht, Herr Graf. Sie sprechen nur Französisch.«

Graf Galaz stieg in sein eigenes Zimmer hinauf und schien nicht übel Lust zu haben, sich dort abzuschließen. Frau von Fermont war aber eine so liebenswürdige Frau und so befreundet mit ihnen, daß es sich nicht gut umgehen ließ sie zu sehen. Außerdem erzählte ihm auch sein Kammerdiener, daß die Damen ein paar Koffer mitgebracht hätten, also aller Wahrscheinlichkeit einige Tage hier verweilen würden. Es ließ sich nicht ändern, er mußte ihnen seine Aufwartung machen. Außerdem wurde auch das Diner sehr bald servirt und da noch Besuch aus der Nachbarschaft dazu kam, ein alter Obrist von Berdow mit Frau und Tochter, so blieb die kleine Gesellschaft dort den Abend zusammen und es wurde geplaudert und musicirt bis spät in die Nacht hinein.

»Und wie gefällt Dir Frau von Ostenburg?« sagte Alexandrine zu ihrem Gatten, als die von Berdow's das Gut verlassen und Frau von Fermont mit ihrer Begleiterin sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten.

»Das ist ein reizendes Frauchen,« sagte der Graf, »eine wunderhübsche Erscheinung und dabei so liebenswürdig, daß man ihr auf den ersten Blick gut sein muß. Stammt sie denn aus Frankreich?«

»Allerdings – weshalb?«

»Sie spricht das Französische so sonderbar.«

»Sie spricht vortrefflich.«

»Ja; doch mit einem so eigenthümlichen Accent, der ihr aber reizend steht.«

»Und singt wie eine Nachtigall.«

»Sie hat eine magnifique Stimme, und würde auf jeder Bühne Furore machen. Ist sie mit Fermonts verwandt?«

»Ich glaube; ihr Gatte stand in der österreichischen Armee und ist bei Solferino geblieben – ein Rittmeister von Ostenburg.«

»Arme Frau – so jung und schön und schon einen solchen Verlust erlitten. Uebrigens wird sie wohl nicht lange Wittwe bleiben, denn an Bewerbern kann es ihr bei den jungen Leuten gewiß nicht fehlen. Der alte Obrist selbst war schon ganz entzückt von ihr – Apropos, ich habe vorhin auch einen Brief von Eduard auf meinem Zimmer gefunden – er wird morgen herüber kommen.«

»Das freut mich.«

»Wenn er nur die unglückselige Idee aufgäbe, nach Australien zurück zu gehen. Er kann sich ja dort nicht glücklich fühlen. Der hat sich auch seine Carrière recht muthwillig selbst verdorben.«

»Und wenn er nun seine Frau zu uns herüber brächte, glaubst Du nicht, daß sie sich in unser Leben, in unsere Verhältnisse finden würde?«

»Nie,« sagte Graf Galaz kopfschüttelnd – »glaube mir, mein Kind, derartige Frauen mögen gut und brav und häuslich sein und das Glück eines Mannes in ihrem eigenen Kreis begründen können, aber sie sind wie Hauslauch, der nur auf Mauerwerk und Dächern wächst; sie verlangen einen ganz bestimmten und engbegrenzten Boden für ihre Existenz. Man soll um Gotteswillen nicht versuchen, sie zu veredeln – es würde nie eine Rose daraus werden.«

Am nächsten Tag traf Eduard ein und suchte den Schwager auf dessen Zimmer auf. Er hatte ebenfalls gehört, daß fremde Damen zum Besuch da wären, und fühlte sich nicht in der Stimmung, ihnen zu begegnen. Der Graf war aber gerade zu den Damen hinüber gegangen, und zwar hatte ihn Alexandrine, als sie den Bruder in den Hof einfahren sah, herüber rufen lassen. Es wurde musicirt und Frau von Ostenburg hatte zugesagt, ihm einige Lieder zu singen.

Eduard schickte einen Diener hinüber, um dem Grafen seine Ankunft wissen zu lassen. Alexandrine ließ ihrem Bruder aber sagen, Graf Galaz könne jetzt nicht fort, und er selber sei den Damen schon angemeldet, er möge also rasch Toilette machen und in den Salon kommen.

Es war ihm nicht recht; eine Weigerung wäre aber unartig gewesen; Frau von Fermont kannte er überdieß selber recht gut und seufzend fügte er sich in das Unvermeidliche.

Als er den Salon betrat, saß Frau von Ostenburg gerade am Instrument und sang eine spanische Romanze, die sie sich selber begleitete – Graf Galaz stand neben ihr und wandte die Notenblätter um, und Frau von Fermont saß mit Alexandrine rechts auf dem Sopha. Alexandrine stand auf, ging dem Bruder leise entgegen und gab ihm die Hand, auch Frau von Fermont reichte ihm die ihrige und nickte ihm freundlich zu; aber es wurde kein Wort gesprochen, um den Gesang nicht zu stören und die Schritte selber blieben auf dem weichen Teppich überhaupt unhörbar.

Die Romanze war die Klage eines andalusischen Mädchens, das um den Geliebten trauerte, der gegen die Mauren zu Felde gezogen und sie allein gelassen hatte, und die Stimme der Sängerin zitterte, als sie leise, nur von gedämpften Accorden begleitet, das Gebet zur Jungfrau Maria um Schutz für den Fernen, sang. So ergreifend waren die Töne dabei, daß der überhaupt leicht empfänglichen Alexandrine die hellen Thränen in die Augen stiegen und selbst Eduard sich von dem wehmüthigen Lied ergriffen fühlte.

»Singt sie nicht reizend?« flüsterte ihm Frau von Fermont zu, neben der er saß.

»In der That,« erwiderte er, »ich weiß mich der Zeit nicht zu erinnern, daß ich eine so klangvolle und so zum Herzen dringende Stimme gehört hätte – und mit so tiefem Gefühl.«

Aber der Sinn des Liedes änderte sich – die Mauren waren geschlagen, der Geliebte kehrte siegreich zurück und laut jubelten jetzt die Töne und quollen aus voller, jauchzender Brust, während in der kunstvollen Begleitung der Siegesmarsch der heimziehenden Krieger immer wieder dazwischen tönte.

Jetzt endete plötzlich das Lied und die Sängerin erhob sich von ihrem Stuhl, indeß Graf Galaz ihr mit wahrhaft begeisterten Worten und voller Entzücken für den Genuß dankte. – Ihr Blick streifte durch den Saal und eine Purpurröthe legte sich über ihre Wangen und ergoß sich bis tief in den schneeigen Nacken hinab. – Ihr Blick streifte Eduard.

»Sie sind zu gütig, Herr Graf,« lächelte sie dabei, »und werden mich noch verwöhnen.«

Alexandrine aber war aufgesprungen, schlang ihre Arme um sie und küßte sie herzlich.

»Ah, Eduard,« rief der Graf, der ihn jetzt erst erblickte, »das ist schön; bist Du noch zur rechten Zeit gekommen?«

»Ich hatte das Glück, dem seelenvollen Vortrag zu lauschen,« sagte der junge Mann, während sein Blick starr an den Zügen der fremden Dame hing.

»Nicht wahr, das ist ein Genuß? – aber ich habe Dich noch nicht einmal vorgestellt. Gnädige Frau, mein Schwager, Eduard von Benner – Frau von Ostenburg, die uns die Freude gemacht hat, unsere Einsamkeit ein paar Tage mit uns zu theilen.«

»Gnädige Frau,« sagte Eduard, aber so verlegen, daß er die Worte kaum über die Lippen brachte – »ich – ich freue mich – freue mich wirklich herzlich der Ehre dieser Bekanntschaft.«

Graf Galaz sah ihn an und lächelte. So befangen und ungeschickt hatte er seinen Schwager noch gar nicht gesehen.

»Und heute quäle ich Sie recht meine liebe, liebe Ostenburg,« rief Alexandrine dazwischen, »doch jetzt singen Sie uns noch einmal das kleine reizende französische Lied.«

»Aber Alexandrine,« sagte der Graf, »Du belästigst wirklich unsern lieben Gast.«

»Gern, gern,« rief aber die junge Frau und wandte sich rasch wieder dem Instrument zu.

Eduard starrte sie noch immer an, und bemerkte gar nicht, daß ihn Frau von Fermont lächelnd beobachtete. Die junge Künstlerin aber ließ sich nicht lange nöthigen, und rasch wieder ihren Platz am Clavier nehmend, begann sie ein reizendes französisches Lied, voll muthwilliger Neckerei und mit einer so silberhell klingenden Stimme, daß es den kleinen Kreis zu lautem und stürmischem Beifall hinriß.

Nur Eduard war still und nachdenkend geworden; den Kopf in die Hand gestützt, saß er in seinem Fauteuil und sein Blick haftete am Boden. Alexandrine hatte sich neben ihn gesetzt und flüsterte ihm zu, wie reizend die kleine Frau die Lieder vortrage. Er nickte still vor sich hin, erwiderte ihr aber kein Wort, bis sie geendet hatte und sich wieder erhob.

»Wunderbar – wunderbar,« murmelte er dabei vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf – »fabelhaft wunderbar.«

»Nicht wahr, die Stimme,« sagte Alexandrine, welche den Worten gehorcht hatte – »ich habe nie etwas Aehnliches gehört.«

Eduard erwiderte noch immer Nichts und starrte nur die Sängerin an, so daß es selbst seinem Schwager zuletzt auffallen mußte. Gräfin Alexandrine und Frau von Fermont waren aufgestanden und zu der jungen Frau getreten und plauderten jetzt, durch das französische Lied angeregt, mit ihr in dieser Sprache und Eduard konnte indessen den Blick nicht von der lieblichen Erscheinung wenden.

»Nun, Eduard, Du bist ja ganz wie in einer Verzückung,« lachte Galaz, indem er ihm die Hand auf die Achsel legte, »aber ich muß selber gestehen, daß ich etwas Aehnliches noch nicht gehört.«

»Ich sage Dir, Rudolph,« rief aber Eduard seine Hand ergreifend, »mir schwindelt der Kopf ordentlich – ich werde noch verrückt –«

»Oho,« lachte der Graf – »so hat Dich der Gesang ergriffen.«

»Ich habe gar nicht gehört, was sie sang.«

»Was? – nicht gehört? – aber was hast Du nur, Du bist ja in einer merkwürdigen Aufregung.«

»Diese Aehnlichkeit.«

»Welche Aehnlichkeit?«

»Der Dame mit – mit einer anderen Dame, die ich – die ich vor längerer Zeit gesehen. Wo um Gottes Willen stammt sie her?«

»Meine Frau sagt aus Frankreich, aber ich wüßte nicht, wo Du sie schon gesehen haben könntest, denn wie ich gehört, so ist sie erst vor wenigen Wochen nach Deutschland gekommen, und Du selber warst doch nie in Frankreich, wie?«

»Nein, nie,« sagte Eduard, während seine Blicke noch immer fest auf der Dame hafteten, die ihm aber jetzt, im Gespräch mit Gräfin Alexandrine und Frau von Fermont, den Rücken zudrehte.

»Ich habe eine solche Aehnlichkeit bei zwei verschiedenen Personen nicht für möglich gehalten,« sagte Eduard, noch ganz verstört. –

»Das kommt ja vor,« lachte Galaz, »und vor vierzehn Tagen ist es mir genau so in der Residenz mit einer vollkommen fremden Dame gegangen, die ich geradezu wie eine alte Bekannte ansprach, und die mich dann furchtbar kalt und stolz ablaufen ließ. Ich war nur froh, als ich mich mit einer verlegenen Entschuldigung zurückziehen konnte.«

»Aber hier –« sagte Eduard – »das Gesicht hat etwas Fremdes, ja, aber ich kann nicht sagen, worin es liegt, und diese Augen, dieser Mund, das Haar, der ganze Wuchs – nur etwas voller und eleganter. Ich weiß, es ist nicht möglich und doch glaub' ich, könnt' ich den Verstand verlieren, wenn ich lange in ihrer Nähe sein müßte.«

»Das wird wohl verschiedenen Leuten so gehen,« lachte Graf Galaz, »denn sie hat wirklich etwas Bezauberndes, diese reizende Sirene. Aber komm, wir dürfen uns hier nicht so lange flüsternd unterhalten. Alexandrine hat schon ein paar Mal herüber gesehen.«

Sie schlossen sich jetzt den Damen an und Frau von Ostenburg erröthete tief, als Eduard sie anredete, antwortete ihm aber unbefangen und frug ihn, da sie gehört, daß er schon so weite Reisen gemacht, ob er sich denn jetzt recht wohl und glücklich in der Heimath fühle, oder ob – wie das so oft der Fall sei – die Unruhe ihn wieder hinaus in das wilde Leben dränge.

Und diese Stimme – Eduard war so befangen, daß er nur ganz verworrene, kaum verständliche Antworten gab, und endlich, ärgerlich über sich selber, gerade diesem liebenswürdigen Wesen gegenüber eine so unglückliche Rolle zu spielen, all seine Sinne zusammen nahm, und fest entschlossen war, sich nicht mehr von einem so wirren Wahn befangen zu lassen.

Die Unterhaltung kam dadurch besser in Gang, wurde aber immer noch in französischer Sprache geführt, die auch der jungen Frau von Fermont geläufiger, als die deutsche schien.

Indessen wurden Erfrischungen herumgereicht und Eduard benutzte den Moment. Seiner Schwester Arm ergreifend flüsterte er ihr leise zu:

»Du hast immer gewünscht meine Frau kennen zu lernen. Sieh sie denn, wie sie leibt und lebt.«

»Wen?« frug Alexandrine erstaunt, »Frau von Ostenburg?«

»Denke Dir sie in Bauerkleidern – einfach und schüchtern.«

»Und die Frau hättest Du verlassen?« sagte die Schwester kopfschüttelnd – »Deine Phantasie führt Dich jetzt irre.«

»Ich gebe Dir mein Wort!« rief der Bruder erregt – »jeder Zug ihres lieben Gesichts ist derselbe, und doch auch wieder anders – schöner vielleicht, charaktervoller, aber das Liebe und Gute in ihren Zügen, die Grübchen – die Lippen – die Stimme selbst – ich habe ihr wie ein Schulknabe gegenüber gestanden –«

»Und auch ihre Stimme?«

»Wenn sie spricht, genau; nur der Gesang ist viel klangvoller, und diese französischen und italienischen Romanzen sind meinem Ohr fremd. Wenn sie nur einmal ein deutsches Lied singen wollte.«

»Ich werde sie bitten,« sagte Alexandrine rasch von ihm fort und zu der jungen Dame tretend – »Ach, liebe Frau von Ostenburg,« wandte sie sich an diese – »mein Bruder dort, ein entsetzlich schüchterner Mensch, wie sie sehen, aber leidenschaftlich für Musik eingenommen, hat noch eine große Bitte an Sie!«

»Und womit kann ich ihm dienen?« lächelte die junge Frau.

»Er bittet um ein ganz kleines, kleines – aber deutsches Lied – Sie dürfen ihm aber nicht böse deshalb sein.«

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