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Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber

V. Verbesserungs-Vorschläge.

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Illustration from Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber

Soll es denn aber immer mit dem andern Geschlechte so bleiben, wie es war und ist? sollen ihm die Menschenrechte, die man ihm so schnöde entrissen hat, sollen ihm die Bürgerrechte, die ihm so ungebührlich vorenthalten werden — auf ewig verloren seyn? soll es im Staat und für den Staat nie einen absoluten Werth erhalten, und immerdar beim relativen bleiben? soll es nie an der Staatsgründung und Erhaltung einen unmittelbaren Antheil behaupten? soll es nie für sich und durch sich denken und handeln? ohne End' und Ziel nur als Scheidemünze gelten? Werden wir uns bei diesen Fragen mit einer wohlweisen Römischen Rechtsfiktion oder einem wohlhergebrachten Verjährungs- und Besitzrechte aushelfen können, um sie ab- und zur unangenehmen Ruhe zu verweisen? Werden wir selbst unser männliches Gewissen mit Bedenklichkeiten über die möglichen Folgen, mit Mißbräuchen und was dergleichen Popanze mehr sind, wodurch man Kinder schreckt, beruhigen und diese Angelegenheit der Menschheit auf die lange, ja lange Bank schieben können —? Dann ist freilich der schöne Morgen der Erlösung noch nicht nahe. — Werden wir uns aber hierbei entbrechen können, uns selbst noch Gothen und Vandalen zu heißen, was weiland unsere Väter waren, wenn wir nicht dieses Unrecht je eher je lieber zu vergüten suchen? Mißbrauch des Rechtes verwirkt nicht das Recht. Menschenrechte können niemals, Bürgerrechte nur durch Felonie verloren werden; und was ist Felonie? Dies aus dem Lehnsrecht entlehnte Wort (keine sonderliche Abkunft!) bezeichnet Alles, was man der Lehnsverbindlichkeit zuwider thut oder unterläßt, und wird aus dem Lehns-Contrakte beurtheilt. Da es sowohl für den Lehnsherrn als für den Vasallen Rechte und Pflichten giebt, die sie einander schuldig sind; so kann nicht nur der Vasall, sondern auch der Lehnsherr der Felonie schuldig werden. Und wie? geht denn wegen einer jeden Handlung oder Unterlassung, die dem Lehns-Contrakte zuwider ist, schon das Lehn verloren? Ist der Lehnsherr, da er nichts mehr und nichts weniger als ein Mensch ist, nicht vielmehr verbunden, den Vasallen zur Leistung der contraktgemäßen That, und zur Vermeidung der contraktswidrigen Unthat von Rechtswegen anzuhalten und auf Schadenersetzung anzutragen? Werden Contrakte durch zugefügte Contraventions-Strafen geschwächt, oder vielmehr verstärkt? Können die Handlungen eines Andern Jemanden zugerechnet werden? und wenn der Vasall wegen Felonie das Lehn verliert, ist der Lehnsherr nicht verpflichtet, es nach dessen Tode demjenigen wieder zu geben, dem es nach dem Ableben des der Felonie schuldig und des Lehnsbesitzes unwürdig befundenen Vasallen zufällt? Kann je durch Felonie das Lehn aufhören? — und wer machte denn den Mann zum Lehnsherrn, und das Weib zur Vasallin —? sind sie nicht beide göttliche Lehnsträger? — Die Erde könnte vielleicht eher ein Weib-, als ein Mannlehn heißen, und ist ohne Zweifel ein vermischtes Feudum. — Man lasse doch die Weiber-Felonie an seinen Ort gestellt seyn, wovon Natur und Geschichte kein lebendiges Wort wissen, und vergesse nicht, daß Gott dem Menschenpaar, welches ER (o, der Menschenwürde!) abschattete, dieses Erden-Lehn anvertrauete, und daß zwischen seinem Lehnrecht und der Stümperei des menschlichen keine Vergleichung denkbar ist. — So weit von bürgerlichen Rechten! — über Menschenrechte kann nur Gott richten; und in seine Hände zu fallen — wie wohl thut das, wenn wir die gehegten und ungehegten Banken der Menschen dagegen halten! —

Ist es etwa Furcht, oder ist es bloß eine Grimasse derselben, die wir vorgeben, um jener gegründeten und rechtmäßigen Forderung mit Anstand ausweichen zu können? Werdet wie die Kinder, ist ein wohlgemeinter Rath; denn nur die kindliche Furcht ist nicht unmännlich: sie besteht in der Sorgfalt, dem auszuweichen, was den ewigen Gesetzen des Wahren und Guten entgegen ist. Jene knechtische, wenn man aus Furcht vor der Strafe thut, was die Gesetze wollen, oder unterläßt, was sie nicht wollen, ist unmännlich, so wie ihre Verwandtin, die Befürchtung, vermittelst deren wir den Gelegenheiten zuvorkommen wollen, wodurch wir dergleichen Strafen und Strafgerichten unterworfen werden können.

Wir wollen ein Geschlecht fürchten, das zur Liebe geschaffen ist, und, wenn es zürnt, selten die Sonne über seinen Zorn untergehen läßt? das bis auf Einen Punkt (und dieser ist eine Sünde wider den heiligen Geist des Geschlechtes) dem Beleidiger zwei Drittheile des Weges entgegen kommt, um ihm Versöhnung anzubieten! Wie viel mehr Ursache haben wir, uns selbst zu fürchten, als ein Geschlecht, das, wenn man es in seine Rechte einsetzte, uns, wo nicht Erkenntlichkeit, so doch Wohlwollen schuldig wäre, und diese Schuld kraft seines Wesens und Seyns so gern abtragen würde!

Man sagt, es sey schwer zu hoffen, daß das menschliche Geschlecht, welches von der Natur sich so weit und breit zu entfernen die Ungezogenheit gehabt, das durch keine Religionsempfindung sich leiten, durch keine Staatstäuschungen sich blenden lasse, sich zu Gesetzen bequemen werde; und so liege denn die Furcht nicht so sehr aus dem Wege, als man es gemeiniglich denke. — Lieber! wie kannst du fordern, daß das Menschengeschlecht sich ewig am Gängelbande wohl befinden werde? Erregen jene Staatstäuschungen und jene Religionsempfindungen, wenn sie nicht von Grundsätzen abstammen, nicht einzig und allein Unglauben und Mißtrauen in Rücksicht der Gesetze? Sollte der Mensch nie zur Achtung für Pflicht gebracht werden? Sollte er nie zu dem Hauptprincip des Lebens gelangen: sei vernünftig? — Sollen denn Sinnlichkeiten ihm mehr als die moralische Vernunft und das Sittengesetz gelten —? Wird er sich nie so weit erheben, seiner geistigen Natur würdig zu seyn, und für das, was er nicht siehet, Ehrfurcht und Achtung zu fassen —? Soll denn bloß Weichheit des Temperaments ihn zur Neigung bringen? oder giebt es auch außer der Temperamentsneigung, die, wenn sie geläutert wird, eine Herzensneigung heißen könnte — giebt es außer ihr auch eine Geistesneigung, so wie es ein Geistesvergnügen geben kann —? Für nichts, was in die Sinne fällt, hat der stolze Mensch in die Länge Achtung — es familiarisirt sich mit ihm, und es ist wie unser einer. — Das einzige Mittel des größten Helden und des größten Gelehrten, sich bei übermenschlicher Ehre (was soll aber die?) zu erhalten, ist: sich zurück zu ziehen. Sobald wir uns näher zeigen, geben wir uns wohlfeiler. — Je höher die Spannung war, je schneller läßt sie nach. Alles, außer sterben, muß der Mensch lernen — Zu Allem, es sei gut oder böse, kann er sich gewöhnen — Ein scheues Pferd führt man zu dem Gegenstande zurück, den es fürchtete; und wie? hier, wo das höchste Ziel seiner Würde auf dem Spiele steht, sollte der Mensch auf seinen Nachdruck Verzicht thun? — Mit nichten — Wir können und werden dahin kommen, daß wir die Göttlichkeit der Gesetze in ihrem Heiligthum, in unserer Seele, verehren und unser Herz durch jene Überzeugungen des Geistes gewinnen. Noch würde sich freilich der Gesetzgeber gröblich verrechnen, wenn er seine Gesetze auf festes Zutrauen zur Vernunft und zur Weisheit seiner Bürger calculirte; allein wird die Menschheit nie die Kinderschuhe ausziehen? Ist dies — nun, so bleibe Alles Altflickerei, und der Mensch schäme sich, daß er Mensch heißt. — Ist die Menschheit indeß im Stande, zu jenem Grade der Vollständigkeit zu gedeihen, den sie sich vorstellen kann, jene Tugend zu üben, die ihr im Ideal Freude macht —; so entferne man den Nebel der Täuschung, wodurch man Menschen betrog, die über kurz oder lang zum Gebrauche der Vernunft kommen und sich betrogen finden müssen. Männer, würdet ihr die Furcht nicht barbarisch und unmenschlich finden, wenn man euch Alles und Jedes von Freiheit bloß darum entzöge, weil ihr es mißbrauchen könntet —? Wie wollet ihr denn jene Furcht nennen, die euch abhält, dem andern Geschlechte seine Ehre wiederzugeben? Die Zeiten sind nicht mehr, um das andere Geschlecht überreden zu können, daß eine Vormundschaft wie bisher für dasselbe zuträglich sei, daß sie seinen Zustand behaglicher und sorgloser mache, als eine Emancipation, wodurch es sich mit Verantwortungen, Sorgen, Unruhen und tausend Unbequemlichkeiten des bürgerlichen Lebens belasten würde, die es jetzt kaum dem Namen nach zu kennen das Glück habe. Wahrlich ein abgenutzter Kunstgriff des unmenschlichen Despoten, wodurch er seinen feigen Sklaven das Gewicht der Ketten erleichtern will! als ob die Freiheit mit allen ihren Ungemächlichkeiten nicht der gemächlichsten Sklaverei vorzuziehen wäre! Glauben Sie nicht, daß das Wirtembergische Land Ihrentwegen geschaffen ist, schrieb Friedrich II an den jetzt regierenden Herzog von Wirtemberg; sondern überzeugen Sie Sich, daß die Vorsehung Sie hat geboren werden lassen, um ihr Volk glücklich zu machen. Und Männer! ihr wollt glauben, eine halbe Welt wäre zu eurem bon plaisir, zu eurem eigentlichen Willen, das ist verdollmetschet: zu eurem Eigenwillen, da? Thiere wirken; Menschen handeln — Warum soll das Weib nicht Ich aussprechen können? Wahrlich ein sanftes Wort, denen, welche die neidlose Natur verstehen — Wer die Kunst versteht, ist neidisch und verräth den Meister nicht — Ist es nicht der größte Menschenvorzug, sich selbst zu kennen? Unser Werth ist unsere Sache; unsere Würde ist die Sache Gottes und gerechter Menschen. Hat Gott bei dem anderen Geschlecht etwas versehen? oder sind es die Männer, die sich an diesem Geschlechte wider den Willen des Schöpfers versündigen! Warum sollen die Weiber keine Person seyn? warum nicht wissen: das ist mir gut, und das ist gut, oder das ist vortheilhaft, und das ist recht? Vieles, und fast das meiste, was mit Vergnügen anhebt, leistet bei weitem nicht, was wahrhaft vortheilhaft ist — Aus ächtem Vortheile tugendhaft seyn, heißt sonst mit andern Worten: es in Reinheit seyn.

Frankreich schreckt eben jetzt mit der Freiheit diejenigen Mächte, welche die zu weit gegangenen Beschlüsse der Nationalversammlung einzuschränken drohen. Gott! zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts — wo kein Gespenst, und wär' es eins von nicht ganz kleinem Range, ein Poltergeist, mehr Wirkung thut — kann man mit Freiheit schrecken —! Dahin wär' es gekommen? Ach! auch selbst dem, der an der Kette erzogen ist, blitzt der Name Freiheit auf, dieser göttliche Funke, durch den wir sind was wir sind, und der uns so wenig schrankenlos macht, daß er uns vielmehr fester als Alles an das Allerheiligste der Gesetze bindet. Das weibliche Geschlecht kam um die Menschenrechte ohne seine Schuld, bloß durch den Schwung, den die menschlichen Angelegenheiten bei den Fortschritten zu ihrer Cultur nahmen; Bürgerrechte, die es leider! sehr zeitig und schon bei Entstehung kleinerer Familienstaaten verlor, hat es nie, weder durch Unterhandlungen noch mit Gewalt, zu erringen gesucht, und erwartet sie noch heute mit aller Selbstverleugnung von unserer Gerechtigkeit und Großmuth. Und wir wollen es vergeblich warten lassen? und das Gesuch, welches die Natur für die Weiber einreicht, zu einer Zeit da Menschenrechte laut und auf den Dächern gepredigt werden, mit einem aufrichtigen und deutlichen Nein abweisen?

Die neue Französische Constitution verdient eine Wiederholung meiner Vorwürfe, weil sie für gut fand, einer ganzen Hälfte der Nation nicht zu gedenken, ob sie gleich einem kleineren Theile derselben, der überall wo er sich befindet, auf das Duldungsrecht beschränkt ist, die Rechte aktiver Bürger zugestand. Alle Menschen haben gleiche Rechte — Alle Franzosen, Männer und Weiber, sollten frei und Bürger seyn. Jene Vorschläge zur dégradation civique, wodurch die Männer vermittelst einer feierlichen besonderen Formel der Ehre eines Französischen Bürgers für unwürdig proclamirt werden sollten, falls sie durch Verbrechen diese Strafe verdienten, sind nicht auf das andere Geschlecht ausgedehnt. Über dieses sollte bloß der Fluch ausgesprochen werden: Euer Vaterland hat euch einer infamen Handlung überführt befunden —

Mirabeau, der zur gegenwärtigen Generation von Menschen sein Zutrauen verloren haben mochte, setzt, wie alle große Thäter, sein Zutrauen auf Erziehung, und weiset in seinem Posthumus Travail sur l'éducation publique, die sein Arzt und Freund Cabanis herausgab, das Frauenzimmer zur Häuslichkeit und zu stillen, sanften Tugenden an, (ist denn nicht jede Tugend sanft und still?) worauf das Glück der Familien, und am Ende das Glück des Staates so sehr beruhe. Ohne mich in den Streit einzulassen, der über den Grafen und Nichtgrafen Mirabeau von Freunden und Feinden übertrieben worden, sei es mir erlaubt, der Behauptung zu widersprechen, daß Jemand in seinem Privatleben ein elender Mensch, dagegen doch der tugendhafteste Bürger und der höchste Grad desselben, ein geschickter Officiant, seyn könne. Ein Mensch, der gegen Alles gleichgültig zu seyn vermag, was gut oder böse, gerecht oder ungerecht ist, ein nicht rechtschaffener Mensch, kann kein rechtschaffener Bürger seyn. Horaz sagt: nur Jupiter gehe über den Weisen; der Weise sei reich, frei, gerecht, ein König aller Könige — Da das andere Geschlecht vom Menschen auf den Bürger zu schließen gewohnt ist und jene Rollenspieler, die Nichts aus Grundsätzen, Alles aber nach Zeit und Umständen sind, sehr richtig berechnet; — ist es Wunder, daß diese Glücks- und Unglücksritter das andere Geschlecht zu entfernen suchen? —

Wir irren, wenn wir uns überreden, daß Weiber für die Ehrensache der Menschheit, für den Kampf der Freiheit mit der Alleingewalt, keine Sinne besitzen. Sie haben nicht bloß durch ihren lauten Beifall bezeugt, daß sie den Werth der Freiheit zu schätzen wissen, und daß das Gefühl für dieselbe noch lichterloh aufflammen kann; selbst thätig haben sie mitgewirkt, die Fesseln zu brechen, die man der Nation anlegte, und wahrscheinlich lag es nicht an ihnen, daß sie bei diesem Schauspiele nur Rollen vom zweiten Range spielten.

Die berühmte Verfasserin der Geschichte der Königin Elisabeth, Mad. Keraglio, vertheidigt seit der Revolution in ihrem Journal d'État et du Citoyen die Rechte der Menschheit mit Freimuth, Wahrheit und Stärke. Weiber fühlten jene Zurücksetzung, jenes tiefe Stillschweigen bei einem so schönen Anlaß, jene Verstoßung, wenn es Staatsdienst gilt — Eins unter ihnen wagte es, ihren Unwillen laut werden zu laßen. In einem an die Nationalversammlung abgelassenen Briefe bemerkt es, daß kein Wort in der Constitution von den Weibern vorkomme, obgleich die Mütter Bürgerinnen des Staates seyn müßten. Es schmeichelt sich mit dem Befehle, kraft dessen den Müttern erlaubt seyn werde, in Gegenwart der Bürgerbeamten diesen feierlichen Eid abzulegen. Diese ehrwürdige Ceremonie würde es wünschenswerth gemacht haben, Mutter zu seyn. Die Geschichte sagt nicht, was von den Repräsentanten der Nation auf diese Adresse einer edlen Französin beschlossen worden ist. Betrübt feire ich heute ihr Andenken, heute den 18ten März 1792, da ich in öffentlichen Blättern lese, daß die Franzosen, ungerührt durch diesen Wink, es dahin kommen lassen, daß das andere Geschlecht dringender um diese Rechte angehalten. Schöner würde es gewesen seyn, wenn man dem Geschlechte mit der Bürgerehre zuvorgekommen wäre, und bei dieser ernsthaften Sache kein Ärgerniß des Lachens gegeben hätte. Wehe dem Menschen, durch welchen dergleichen Ärgerniß kommt! Würden wohl alle jene Laternenscenen sich ereignet haben, wenn Weiber Aktivvotantinnen in Frankreich gewesen wären? Durch geheimen Einfluß wird in jedem Staate, besonders in freien, Alles verdorben — Doch ist es die Frage, ob die Pariser Damen schon die Selbstüberwindung gehabt haben, so weit zur Natur zurückzukehren, daß sie die gute Sache menschlich und bürgerlich beherzigen können — — Wahrlich! zu Deutschen Weibern ist größeres Vertrauen zu fassen — Wem Gott Kraft gab, gab er dem nicht auch das Recht sie anzuwenden? sollen denn die Weiber ihr Pfund im Schweißtuche vergraben, ohne es auf Wucher anzulegen, der dem Staate tausendfältige Früchte bringen würde?

Auf Vernunft und auf ihr Meisterstück, die Gesellschaft, kommt es an, ob jener Kraftsanwendung freier Lauf zu lassen oder ob sie einzuschränken sei; nie aber kann der Staat sich herausnehmen, sie ganz unterdrücken zu wollen. Und wie? er wollte ein Räuber der Freiheit seyn, welche zu befördern die Hauptabsicht seiner Existenz ist?

Wenn Stände nur durch ihres Gleichen repräsentirt werden können; wenn so gar unsere Vorfahren durch Ebenbürtige sich die Gesetze zumessen und Recht sprechen ließen: wie kann man Weiber vom Staatsdienste ausschließen, in so weit er sich mit der Gesetzgebung oder Gesetzausübung beschäftiget? Will man etwa den Weibern die Weihe zu diesen Mysterien abschlagen, um sie nicht unsere Schwäche da sehen zu lassen, wo wir den höchsten Grad unserer Stärke hieroglyphisch vorgeben? Man kann dreißig Jahre dienen und nur Ein Jahr leben, wie weiland M. Plantius, welcher nur von der Zeit an sein Leben zählte, als er aufhörte für das Öffentliche, und anfing für sich zu leben — Ein lehrreiches Zeugniß auf Kosten des Staatsdienstes! Ist das Leben für den Staat des Ehrennamens: Leben, werth, wenn es uns für unsere eigene Person sterben läßt, uns vom selbsteigenen Leben entfernt —? Nur als uns selbst können wir den Staat, unsern Nächsten lieben; Alles darüber ist vom Übel. Wenn man nicht durch den Staatsdienst vervielfältigt lebt, so liegt es entweder an uns oder am Staate; in beiden Fällen bleibt die Krankheit gefährlich — Ist es nicht der gewöhnliche Fall, daß wir vor lauter Räderwerk nichts ausrichten, vor lauter Eingängen das Thema vergessen? Kommt nicht vor lauter kluger Vorsichtigkeit gemeiniglich Kleinheit zum Vorschein —? Die meisten Staatsbeamten sind Accoucheurs eines Berges, der eine Maus zur Welt bringt, die indeß bei der Taufe die prachtvollsten Namen erhält, und fast mit noch mehr Paukenhall ins Publicum gebracht wird, als wenn ein Schriftsteller sich selbst recensirt. Wer in großen Residenzen zu leben die Gnade gehabt hat, wird mich am leichtesten verstehen — Welcher Schweiß des Angesichts! — Collegia und Ausschüsse, das Plenum und Committés, Gerichte und Commissionen! was für eine Menge Papier wird getragen, geschrieben, gelesen! — Agioteurs von einer andern Art — Papierhändler von höherer Würde! Scheint es doch, als wäre Alles gegen Alle, weil Alle gegen Alle sind (bellum omnium contra omnes); und doch bezwecken jene herkulischen Beschäftigungen, jene Versammlungen, Richterstühle und Aktenberge das allgemeine Beste, dessen Flor in den Kirchen bebetet und in Schauspielhäusern beklatscht wird, (beides ex officio, von Amtswegen.) Ist es klug oder nöthig, daß man so viele Holzhauer und Wasserträger, Virtuosen und Zünftler in Athem setzt, um eine einzige Staats-Manège anzulegen? so viele Meister politischer Art und Kunst, um ein Staatsregierungs-Exercitium, ja Exercitium, zusammen zu stümpern? Nur Einen Hebel verlangte jener Weise, um die Welt zu heben; und wenn das allgemeine Wohl solch eine Anstrengung braucht, so liegt es gewiß, oder mich trügt Alles, an dem politischen Oberrechenmeister — Wahrlich diese so beschäftigten Herren dienen nicht dem Staate, sondern der Staat dient ihnen — Der Weise, der diesem Staatspiele näher tritt und dessen joujou bis auf sein Schach kennt, überzeugt sich, daß Ein Kopf hinreichend ist, dies Alles zu lenken. Waren nicht schon Petrus und Paulus streitig? Ist nicht Ein Kopf vermögender, das Ganze zusammen zu halten und zu übersehen? Man verlangt sonach nicht ohne Grund Einen Principalmeister; wo aber Einer zu finden? Wer wird die Selbstverleugnung haben, die vielen Künste zu verlassen und der Natur zu huldigen? wer den Wortsturm aufgeben, das brausende Meer bedräuen, und zur Stille des Denkens und Handelns eingehen? Wer, ohne zu befürchten, daß er beim Fürsten und beim Volke verliere —? Das Volk wird durch den Schein dieser fast übermenschlichen Anstrengung hintergangen, und der Fürst desgleichen, der, wenn es nicht so viel Schweiß kostete, sich gewiß näher mit diesen Staatsarbeiten bekannt machen würde — und da möchten denn die hohen und nächsten Staatsgehülfen sehr leicht auf eine kleine Rolle zurückgesetzt werden und aus Staatsräthen in Schreiber zusammen schrumpfen! — Ich setze wenig oder nichts von Menschenübeln auf Rechnung der Fürsten; gewiß das Meiste gehört auf das Conto der Minister, die nicht schwach nicht stark, nicht kalt nicht warm, sondern unentschlossen und lau sind, sich von jedem Winde hin und her treiben lassen, Jeden um seine Meinung befragen und, wenn sie deren unzählige gesammelt haben, nicht wissen, wozu sie sich entschließen sollen. — Wer selbst keine Meinung hat — wie kann der aus so vielen die beste finden? Hierzu kommt, daß Gemächlichkeit und ewiger Hang zum Vergnügen sie noch stumpfer machen — Sie kommen nicht aus den Beten heraus, die sie abzuspielen haben! — Noch ärger sind die, welche nicht über ihren theoretischen Leisten gehen, immer Schuster bleiben, die sie sind, und in armseliger Pedanterie Trost suchen und finden, wenn ihnen nichts einschlägt — Was können wir dafür, daß der Staat, den wir zu regieren haben, sich nicht nach unserem Orbis pictus und einem Compendio schmiegen will, das uns zum Pharos demüthigst empfohlen worden? — Allerdings! und welche Greuel, wenn die Minister gar Genies zu seyn sich einbilden und zu Dero Haupt ein so unumstößliches Zutrauen gefaßt haben, daß das große Wort: Er hat es gesagt, ihren Commis hinreichend scheint, die einleuchtendsten Vorstellungen abzuweisen und zu entkräften! — Das Recht des Vernünftigern ist ihnen, nach ihrer, zwar etwas freien, indeß wie sie glauben nicht unverständlichen, Übersetzung, das Recht des Stärkeren; und freilich — wer darf es wagen, der Gewalt, so lange sie am Ruder ist, den Verstand abzusprechen? Jene gewaltigen Genies berechnen Alles an den Fingern — Newton könnte von ihnen rechnen lernen; und freilich, wenn die Data zu ihren Berechnungen richtig wären — wer würde ihnen gleich kommen? Zur Calculatur geboren, sind sie im göttlichen Zorn Minister und Staats-Administratoren geworden —

Stumpfe Köpfe, ihrer eigenen Schwäche bewußt, sind für Collegia. Das Sprichwort: vier Augen sehen mehr als zwei; bringt sie zur Multiplication der Augen — die blinden Leiter! In der Oper hilft Jeder, der Schriftsteller, Spieler und Sänger, zum Ganzen — und da fallen Coloraturen, Läufe, schmelzende, verzweiflungsvolle, schmachtende, fürchterliche Gänge vor, die der Verfasser den Spielern und Sängern in Mund und Kehle legt — Hier aber verläßt sich entweder Einer auf den Andern, und sieht die Stunden, die er wohl bezahlt absitzen muß, als eine ihm angewiesene Schlafzeit an, worin er sich stärkt, um desto geistreicher am Spieltische zu glänzen; oder er hauet die Kreuz und Quer ein, so daß nach vielstündigem Zank die Sache am Ende weit übler als am Anfange steht, und der kleinere Theil die schrecklichste Mühe von der Welt hat, nicht die Angelegenheit ins Reine zu bringen, sondern das per plurima herausgebrachte Schluß-Votum von den Ungereimtheiten so vieler disparaten Meinungen zu säubern und zu läutern, und es W. R. I., oder — wenn es hoch kommt — verständlich zu machen. Der so witzige als einsichtsvolle Vorschlag, daß die Minorität der Stimmen gelten sollte, ist der auffallendste Beweis, was man sich zu diesen vierzig Perücken oder ihren Stöcken zu versehen habe — Viele Köche versalzen den Brei, und Ein Kopf ist mehr werth, als ein ganzes Synedrium von — — Kinnbacken. —

Wenn die Staats-Officianten auf die Pflicht angenommen wurden, nichts zu verderben und sich leidend zu verhalten — wie viel weiter wäre die Welt! - Sind das die hohen Collegia und hohen Stühle, von denen man das schöne Geschlecht ausschließt —? Man sollte sie aufnehmen, wie in freien Reichsstädten politische Kannengießer und Aufwiegler zu Rathsgliedern, damit sie schweigen — Vielleicht hätte man dies Stratagen auch wirklich schon segensreich in Anwendung gebracht, wenn man zu der Verschwiegenheit des schönen Geschlechtes mehr Zutrauen fassen könnte. Johnson sagt: man kann so sehr ein Mann nach der Welt seyn, daß man nichts mehr in der Welt ist. Sollte man nicht weit eher so sehr ein Staats-Officiant seyn können, daß man bei weitem zu der Ehre ein Staatsbürger zu seyn, unfähig ist? — Wahrlich, um sich wieder zu orientiren, sollte man die Weiber zum Staatsdienste vociren — wozu sie unstreitig einen göttlichen Ruf haben, an dem es den meisten Taugenichten von hohen Staatsbeamten ermangelt.

Ist es zu leugnen, daß man in jedem Gesetz-Codex von den Grundsätzen der natürlichen Gleichheit ausgehen, und mit dem Paradiese anfangen kann und muß, wenn nur der Sündenfall nicht vergessen wird? Jene Grundsätze der Gleichheit werden und müssen so gar bei ihrer Anwendung auf den Staat das Resultat politischer Ungleichheit unter den Bürgern herausbringen. Bei jener natürlichen Gleichheit gewinnt das andere Geschlecht allerdings; allein auch die politische Ungleichheit kann nie ein ganzes Geschlecht unwürdig proclamiren, in welchem es in der Regel mehr Mündige, als in dem unsrigen giebt, und wozu vielleicht kein anderer Grund vorhanden ist, als daß die Gesetzgebung bloß aus Männern besteht. Soll ich bemerken, daß ich hier nicht bloß vom Gebrauche des Mundes und der Zunge, sondern der Seele und des Herzens rede? So bald Stärke, Obermacht und Verjährung nicht Gesetze abnöthigen; — und wehe der Staatsgrundlegung, die solche Ecksteine in Anwendung bringt! — so bald jede regelmäßige Gesellschaft so gar eben dazu entsteht, um jene natürlichen Hervorstechungen in's Gleichgewicht zu bringen: so hat das andere Geschlecht ein Recht, vom Staate zu fordern, daß er ihm Gerechtigkeit erweise, daß er über die Schwächlichkeit des Körpers, welche zum größten Theil durch Vorurtheil entstanden ist, die Stärke der Seelen der Weiber nicht vergesse. Macht denn nicht die Seele den Hauptbestandtheil der Menschen? Die natürliche Gleichheit erfordert eine politische Ungleichheit, weil die Erhöhung des natürlichen Werthes des Menschen nur durch eine gegenseitige politische Verbindung derselben unter einander möglich ist, und hervorragende Menschen durch Gesetze, so wie Genies durch Regeln, in Ordnung gehalten werden müssen. Kann aber dieser an sich nicht unrichtige Grundsatz auf ein ganzes Geschlecht gedeutet werden? Ist es gerecht, billig, rathsam und nur menschlich, daß unser ganzes Geschlecht zu einer Standeserhöhung gebracht und als der Mittelpunkt angesehen wird, um dessenwillen das andere Geschlecht existirt? — Es giebt nur zweierlei Thatsachen, von denen wir Begriffe haben: Natur und Freiheit; und sowohl zur Physik als zur Moral, haben Weiber unverkennbare Anlagen. Will man Natur und Freiheit sinnlich abbilden, so müssen beide in Gestalt eines Weibes dargestellt werden. Und was ist ihnen denn im Wege? das positive Gesetz? Kein Gesetzbuch, und würde es mit Engelzungen reden, kann Formula concordiae und eine Augspurgische Confession werden. Gesetze erziehen Menschen, und müssen sich, wenn Menschen mündig werden, von Menschen erziehen lassen. — Angenommen, Weiber wären körperlich schwach — angenommen! und was wäre da die Pflicht der Gesetze? in den Schwachen mächtig zu seyn. Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Schwachen.

Weiß ich denn nicht, daß manche Frau bei manchem Manne auch jetzt sich wohl befindet? Was indeß bloß auf persönlicher Gesinnung beruhet, muß seiner Natur nach wandelbar seyn; und es ist auch bei den tolerantesten Gesinnungen im Staate nothwendig, daß keine intolerante Stelle im Gesetzbuche bleibe. Wer steht für den Nachfolger im Reiche? Weiber wissen ihre Männer zu überzeugen, als hätten Weiber keinen Willen. Doch eben wenn sie auf ihren Willen in bester Form Rechtens Verzicht zu thun scheinen, werden sie Alleinherrscherinnen, ohne den starken Glauben ihrer Männer zu schwächen, als ob diese ganz allein regierten — Sie regieren nicht mit Gewalt (vi), sondern heimlich und bittweise (clam et precario).

Der Liebhaber glaubt in dem Dienst einer Göttin zu seyn, welche Apotheosen so sehr in ihrer Gewalt habe, wie Facultaten Doktorhüte. Der glückliche Geliebte dünkt sich wenigstens halb Gott, weil er so glücklich ist, einer solchen Gottheit zu dienen — Erwacht er über ein Kleines aus diesem Traume; seht! so verwandelt sich die Raupe nicht in einen Schmetterling, sondern in einen Zuchtmeister, und die entgötterte Frau wird seine Sklavin; der Bräutigam wird nicht Ehemann, sondern Ehevogt. So hörten Monarchen auf, Götter und Divi zu seyn, und hatten die Güte zu den Menschen herabzusteigen; doch würdigten sie, um über anderen Menschen zu seyn, diese anderen eine Stufe unter die Menschen hinab — Halbe Wahrheit ist gefährlicher, als eine ganze Lüge; diese ist leichter zu kennen, als jene, welche sich in Schein zu verkleiden pflegt, um doppelt zu betrügen. Männer, laßt doch Menschen seyn, die Gott zu Menschen schuf! Laßt uns Menschen machen, hieß es, ein Bild das uns gleich sei; und er schuf sie ein Männlein und ein Fräulein. Sie sind Bein von unserm Bein, und Fleisch von unserm Fleisch; und warum nicht Bürger wie wir? warum nicht, da ihnen weder Sinn noch Kraft zu Bürgertugenden gebricht, und es bloß darauf ankommt, daß sie zu Bürgerinnen erzogen werden! Jetzt freilich, wie sie da sind, zum Spielzeug, für Männer gemodelt; jetzt, wenn sie auf einmal aus dem Gynäceum auf den großen Schauplatz des gemeinen Wesens, einen für ihren Körper und ihre Seele so fremden Boden, treten und männliche Rollen spielen sollten: jetzt würden sie kaum erträglich debütiren. Wer fordert dies aber von ihrem Kopfe und von ihren Händen? Sie sollen eben den Weg gehen, den wir gingen, eben die Wüsten betreten, die uns auf der Bahn nach Kanaan beschwerlich wurden; nur durch Erziehung, Unterricht und Erfahrung sollen sie das Ziel erreichen, dessen sie so würdig sind — Das Licht braucht beinahe acht Minuten, um von der Sonne zu uns zu kommen, und wir sehen die Veränderungen, die in der Sonne vorgehen, jedesmal acht Minuten nachher. Pythagoras legte seinen Schülern zuvor Schweigen auf, ehe ihnen die philosophische Zunge gelöset ward. Dies mögen Fingerzeige für Männer und Weiber seyn: für diese, um nicht auf Meisterrechte Ansprüche zu machen, ehe sie die Lehrlingsjahre zurückgelegt haben; für jene, von einem Geschlechte, das so lange vernachlässiget ward, nicht vor der Zeit Früchte der Buße zu fordern. Der Verstand und die Natur kommen sehr leicht in richtigen Einklang; und wenn Mittel unbedeutend scheinen, wenn sie es wirklich sind — wer wird Mittel nach eigener, und nicht vielmehr nach der Größe des dadurch zu erreichenden Zweckes schätzen? Eine Eiche von einem nicht kleinen Alter kann noch sehr jung heißen, wenn ein gleichzeitiges Gesträuch und eine zu seinen Füßen blühende Blume an der Gränze ihres Lebens sind — Nicht im einzelnen Falle, in allen Fällen, nicht im einzelnen Menschen, sondern im Geschlechte, offenbaren sich die Ehre und der Zweck der Menschheit. — Woher jetzt der Unterschied in der Erziehung beider Geschlechter, der sich bei der Wiege anhebt und beim Leichenbrette endiget? warum ein so wesentlicher Unterschied, als wären beide Geschlechter nicht Eines Herkommens, nicht Eines Stoffs, und nicht zu einerlei Bestimmung geboren? — Die Scheidewand höre auf! man erziehe Bürger für den Staat, ohne Rücksicht auf den Geschlechtsunterschied, und überlasse das, was Weiber als Mütter, als Hausfrauen, wissen müssen, dem besondern Unterricht; und Alles wird zur Ordnung der Natur zurückkehren. Noch lange ist Erziehung nicht das, was sie seyn könnte und sollte. Nur sehr spät fiel man auf das, womit man hätte anfangen sollen: den Zweck der Erziehung zu bestimmen, das Ziel aufzusuchen und seinen Lauf darnach zu richten. Statt daß wir sonst, wie irrende Schafe, ohne Plan und Regel in das Weite liefen, sei es unsere erste Sorge, heimzukehren zu der Natur und nicht außer uns uns selbst zu suchen! — Was hülf es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und an sich selbst Schaden litte! — Ohne jenen Zweck der Erziehung zerreißt das Band, welches alle einzelne Theile zusammen hält — und in Kindern liegt das Reich Gottes. —

Zwar hat man in unsern Tagen angefangen, dies wichtige Staatsbedürfniß zu beherzigen; aber auch kaum nur angefangen. Die Staaten und ihre Repräsentanten selbst, deren erstes und wichtiges Interesse die Erziehung ist, scheinen dieses Bedürfniß entweder noch nicht genug zu fühlen; oder wohl gar sich für verpflichtet zu halten, den gemachten Versuchen, Bürger zu bilden, Hindernisse in den Weg zu legen. Wenn die Befehlshaber des Volkes bedächten, daß nichts als eine gute Erziehung sie auf immer in dem Besitz gesetzlicher und auf Verträge sich gründender Vorzüge sichern kann; sie würden zu dieser ihrer Zeit bedenken, was zu ihrem Frieden dienet. Lange hat man Erziehung und Unterricht, die doch ihrem Wesen, ihrer Form und ihrem Endzwecke nach so sehr unterschieden sind, für Eins gehalten. Lange muthete man Lehrern zu, die in der Regel selbst keine Erziehung hatten, sie sollten zugleich Erzieher seyn; und man wußte nicht zu begreifen, wie man gelehrt seyn und doch keine Sitten haben könnte. Fest glaubte man an das goldene Sprichwort: daß Künste und Sitten Schwestern und Brüder sind, und Niemand dachte daran zu untersuchen, ob Künste und Sitten sich wie Ursache und Wirkung verhielten.

Rechnet man zu diesen Mängeln den Umstand, daß die Hälfte des menschlichen Geschlechtes entweder ohne alle Erziehung blieb, oder verzogen ward, und daß gerade dieser Hälfte der wichtigste Theil der Erziehung überlassen war; so ist es fast noch Wunder, daß wir Menschen sind. Ohne allen Zweifel bestimmte die Natur das andere Geschlecht zu diesem großen Erziehungsgeschäfte, und versah es mit den nöthigen Anlagen und Fähigkeiten, mit den empfänglichsten Sinnen, mit den feinsten Empfindungen, in der edelsten Sprache, selbst im Kleinen und Zufälligen das Wahre vom Falschen, das Ächte vom Scheinbaren zu unterscheiden — um jene große Bestimmung zu erfüllen —. Die Sokratik, die Sokrates von seiner Mutter, einer Weisemutter (sage femme), lernte, indem er auf Seelenentbindungen ausging und ein weiser Mann (homme sage) ward, ist wahrlich dem andern Geschlecht eigen, welches nie, auch beim Heißhunger, den Magen der Wißbegierde der Kinder mit Kentnissen überstopft, sondern jeden neuen Begriff ihnen einzeln zu denken giebt und ihn so viel wie möglich in Empfindung zu verwandeln sucht. Jedem geistigen Gedanken geben Weiber einen Körper, bekleiden ihn und verleihen ihm eine sinnliche Form. Robinet meint, die Natur habe den Weibern einen Hang zur Geschwätzigkeit gegeben, damit sie die für die Kinder zu starke Wörterkost ihnen desto leichter vorkauen könnten — Heißt das nicht, einer herrlichen Naturgabe einen bösen Leumund machen? Rousseau sagte zu Grétry, der ihm seine Hand bot, um ihm über einen Haufen Steine zu helfen: Laissez moi me servir de mes propres forces; und wem ist jene Entwickelung der in den Kinder-Seelen liegenden Ideen natürlicher, als dem andern Geschlechte? — Es spinnt sie heraus, knüpft das Sinnliche an geistige Begriffe durch Bilder und Gleichnisse — Wir sind für heroische Methoden; folgt indeß nicht nach einer Bravurarie jederzeit eine Leere, da ein zu lebhafter Eindruck dem Effekte des Ganzen schadet? — — Es kommt nicht darauf an, eine gute Empfindung zu erregen, sondern die Summe der Empfindungen zu ziehen und auf sie zu wirken. Wie richtig sind hier wenn und wie! Alle Wege des Wanderers zwecken ab, an einen Ort zu kommen; alle kleine Flüsse gehen zum großen Meere — — —

Wie ist es aber möglich, daß Weiber diesem Berufe genügen können, wenn jene Anlagen und Fähigkeiten so wenig entwickelt werden! Man vernachlässiget sie nicht bloß; man unterdrückt sie absichtlich. Das Kind ist geschlechtslos; warum sind wir der weiseren Natur zuvor geeilt? warum haben wir früher die Geschlechter abzusondern angefangen, als die Natur uns dazu einen Wink gab? Das Kind ist gesellig, nicht weil es durch einen besondern Trieb dazu gereitzt wird, sondern aus Bedürfniß und um thätig zu seyn. Nicht das moralische Gefühl, welches den Menschen an seines Gleichen kettet, um sich ihnen mitzutheilen, um durch den Umgang mit Andern das Eckige seines Charakters abzuschleifen und um sich durch Andere zu vervollständigen — nicht dieses Gefühl macht das Kind gesellig. Was kennt es mehr als sein Bedürfniß? Es will genährt und vergnügt seyn: darum ist es gesellig; es ist gesellig zum Zeitvertreib — Wo es diese Absicht erreicht, befindet es sich wohl; Geschlechtsunterschiede stehen, so wie moralische und geistige Eigenschaften, mit seiner Gesellschaft in gar keiner Beziehung —

Erst um das zwölfte Jahr fangen unter dem Europäischen Himmel die Geschlechtskeime an bei dem weiblichen Theile sich zu entwickeln und nie gewohnte Unruhe, eine vorher unbemerkte Ahndung und sanfte Sehnsucht zu erwecken. So lange sollte unter Kindern Alles bis auf die Kleidung gleich bleiben, weil die Natur es so will. Erziehung, Unterricht, Zeitvertreib können für beide Geschlechter einerlei seyn, weil in diesem Zeitraume die Bildung sich mit dem Menschen beschäftigen und für die Entwickelung jener Anlagen sorgen soll, ohne alle Rücksicht auf anderweitige Bestimmungen, als auf die erste ehrwürdigste: einen Menschen nach der urkundlichen Deutung der Natur darzustellen.

Auf diesen einzigen Endzweck müssen es alle pädagogische Bemühungen anlegen, und indem sie den jungen Kindern Hebammendienste leisten, den Spielraum für die ersten Versuche der erwachenden Kräfte erweitern, und nur nach und nach mit großer Vorsicht es wagen, den üppigen Auswuchs zurückzuhalten, und dergestalt mittelbar den Trieben der Natur die eigentliche Richtung zu geben. Der Unterricht bedarf in diesem Zeitraum eben so wenig besondere Rücksichten auf Geschlechtsunterschied, als auf künftige bürgerliche Verhältnisse. Hat das Kind von diesem Allen selbst nur Ahndungen? geschweige denn Begriffe! und bleibt nicht aller Unterricht in dieser Rücksicht für dasselbe todter Buchstabe, bis nach dem Laufe der Natur Empfänglichkeit für diese Lehre sich entwickelt? Aller Unterricht muß sich in diesem Zeitraum auf das einschränken, was der Mensch glauben, wissen und thun soll.

Warum der Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Unterricht, da Mann und Weib noch nicht geboren sind? Sind Spiele für Kinder das, was sie seyn könnten und sollten? Nur in unsern Tagen, als die Erziehungskunst einen neuen Schwung erhielt, fing man an, den großen Einfluß derselben zu bemerken; allein machte man nicht, wie gewöhnlich, einen schlechten Gebrauch davon, wenn man das Spiel zu einem allgemeinen Unterrichtsmittel erhob? Spiele müssen nie zur Methodik werden; wohl aber können sie Anlässe zur Bereicherung des Gedächtnisses und zur Übung des Verstandes seyn. Wenn sie den Unterricht erleichtern, so ist und bleibt ihr Werth bloß subjektiv. Bei Spielen der Kinder muß jederzeit die Absicht zum Grunde liegen, sie auf eine ihrer Fähigkeit und ihrem Alter angemessene Art zu beschäftigen. Nur dürfen die Kinder diese Absicht nicht errathen; sonst ist das Spiel verloren. Früh indeß müssen Kinder angewöhnt werden, Spiel und Geschäfte zu unterscheiden, um diese achten und lieb gewinnen, jene aber entbehren zu lernen, wenn sie anders nicht ewig Kinder bleiben sollen. Doch warum mehr Bemerkungen über einen Gegenstand, der jetzt das dritte Wort unserer Schriftsteller ist, und auf allen Dächern gepredigt wird! Ich kehre mit dem Vorschlage zurück, daß so lange bis das Kind zum Mädchen oder zum Knaben heranreift, beide unter den Händen und der Aufsicht des weiblichen Geschlechtes bleiben sollten. Der Staat und das weibliche Geschlecht würden dabei gewinnen. Alle Kinderschulen sollten Weiber zu Aufseherinnen und Lehrerinnen haben, weil die Natur das weibliche Geschlecht dazu mit ausgezeichneter Fähigkeit hinreichend ausgestattet hat. Reinlichkeit, ein zur Erhaltung der Kinder so nöthiges und wichtiges Erforderniß, Sanftmuth, Geduld, Ausdauer bei anscheinend kleinlichen Beschäftigungen, Mittheilung, Redefertigkeit, und andere zur Kindererziehung unentbehrliche Eigenschaften, scheinen dem weiblichen Geschlechte von Natur eigen, bei dem männlichen dagegen bloß Kunstfertigkeiten zu seyn. Wie sich Natur zur Kunst verhält; so würde sich auch eine Kindererziehung durch Weiber gegen die jetzige verhalten. Schon gegenwärtig ist ihr Antheil groß; was würden wir ohne ihren Beistand vermögen? O, was für eine Schule für Mütter mittleren Standes, wenn eine Hauscapelle weinender und heulender Kleinen ihre Geduld prüft, und die Kinderfragen heranwachsender neugieriger, verschämter Mädchen und dreister Buben sie in Verlegenheit setzen! Ich begreife nicht, wie manches treffliche Weib so heterogene Angelegenheiten zu bestreiten vermag — Dort windet sie dem kleinen Feldmarschall Jakob Gabel, Messer und Scheere aus der Hand; hier reißt sie dem vielfräßigen Domherrn Peter schädliche Dinge aus dem Munde; bald verscheucht sie von der kleinen schlafenden Jette die Fliegen; und wie schwer ist der Wildfang Karl zu befriedigen, der von Einem Zeitvertreibe zum andern abspringt! Wie viele Vigilien und wie viele Tageslasten sind ihr Theil und Erbe bei den ihr obliegenden Familiensorgen! — Ist nun gleich die Dame höheren Standes, die nach Landes-Sitte und Brauch das strenge Recht für sich hat, ihre Kleinen wie Findelkinder zu behandeln, bei weitem so beschäftiget nicht; ist sie es indeß nicht immer weit mehr, als ihr geschäftiger Müßiggänger von Gemahl, der, mit großen Kleinigkeiten und vornehmen Gebrechen beladen, außer der Spinnstube seines hohen Collegiums, noch so viel anderes anzuspinnen hat, was freilich fast immer darauf hinausläuft, schlichte Dinge zu verwickeln, und den leichtesten Sachen einen Anstrich von Bedeutung zu geben! Des großen Staatsspinners! — *Doch wie? würden Weiber wegen ihrer Furchtsamkeit und aus Gefühl ihrer Schwäche die Kinder nicht noch mehr verzärteln, und das menschliche Geschlecht nicht noch weichlicher machen, als es gegenwärtig schon ist?* Ein Einwurf, der nicht ohne Grund zu seyn scheint; allein nichts mehr als ein Gespenst, welches unsere Einbildungskraft in Schrecken setzt, aber desto mehr verschwinden muß, je mehr die Weiber sich ihrem Ziele nähern. Zärtlichkeit oder eigentliche Schwächlichkeit des Körpers ist oft ein Erbtheil der Geburt, und ungleich seltener eine Folge der weichlichen Erziehung. Im letzten Falle kann die Geschicklichkeit des Erziehers im Knaben- und Jünglingsalter wieder herstellen, was übel verstandene Zärtlichkeit im Kindesalter verdarb; da aber, wo der Keim schon kränkelt, wird die pflegende Hand der Kunst, anstatt eines Baumes, immer nur ein Zwerggewächs erziehen. Völlig wird jene Furcht verschwinden, wenn die Ordnung der Natur, die wir umkehrten, wieder in den vorigen Stand gebracht wird, und wir fürs erste uns entschließen, das andere Geschlecht bei diesem Geschäfte zu leiten. Schon hat man zum Theil aufgehört, das Kind in eine Puppe zu verwandeln, es in Federn zu ersticken, und, wenn es sich des einzigen Mittels seiner Lunge bediente, um sich aus seiner peinlichen Lage zu befreien, es mit Theriak oder einer sanften Hirnerschütterung zu betäuben; und gewiß, man wird aufhören, Kinder der Luft und dem Wasser zu entziehen, so bald die Weiber sich selbst bei dem Einflusse dieser Elemente behaglicher fühlen werden. Schon hat man die bisherige Knabenkleidung verdächtig zu machen gesucht, und dem Kinderanzuge überhaupt den Zwang vorgerückt, wodurch der Einfluß der Luft auf den ganzen Körper verloren geht, die Ausdünstung gehemmt, die Brust verengt, das Herz unterdrückt, Saft und Kraft — wenn gleich (was leider nur selten der Fall ist) Alles unverdorben auf die Welt gebracht seyn sollte — frühzeitig erschlafft und die Maschine übereilt wird. Die tyrannische Mode! Selbst unsere Mahler und Bildhauer sind ihrethalben der traurigen Verlegenheit ausgesetzt, zu einem idealischen Costume ihre Zuflucht zu nehmen, da die Ungereimtheiten der Mode nicht bei dem Altare des Geschmackes bestehen — Eine feine Rache, welche die Natur an ihren Verächtern nimmt —! Bei Gelegenheit der bürgerlichen Weiberverbesserung wäre nichts leichter, als eine Kleiderordnung in physischer und moralischer Rücksicht in Gang zu bringen, sie wohlfeil, natürlich und einfach zu stellen, und diese Sache gleich fern von Übertreibung und Montirungssucht in Erwägung zu nehmen. Nur aus unverzärtelten, festen, wackern Kindern werden unverzärtelte, feste, wackere Leute! — Lasset die Weiber erst sich selbst stark fühlen, und sie werden an Leib und Seele starke Kinder leiblich gebären und geistlich wiedergebären — sie zur Welt bringen und erziehen. Warum soll denn die Haut mit der Sonne in Feindschaft leben? Fehlgeschlagene Hoffnungen, Unterdrückungen, Collisionen sind der Geschmeidigkeit des Charakters, den Grazien der Sitten ungünstiger, als jenes unbiegsame Äußere. Vom Gefühl einer edlen Freiheit, hangen Muth, Freimüthigkeit und jene umfassende Heiterkeit ab, die auch durch die finsterste Stirn bricht und auf der rauhesten Oberfläche durchschimmert — Und was gilt euch mehr: jene zweideutigen Aussprüche zu Delphi, oder eine unbiegsame Aufrichtigkeit? Aufrichtigkeit bahnt den Weg zur moralischen Allmacht — wogegen durch lebensartige Feinheit der Absicht ganz entgegengesetzte Wirkungen resultiren — Je nachdem man auf diesen oder jenen Umstand Licht fallen läßt; je nachdem thut er Wirkung — Hat die Furchtsamkeit ihren Grund nicht bloß in dem Gefühl des Mangels an körperlichen Kräften und in der Beschränktheit des Verstandes? Ein berühmter Englischer General bemerkte, daß seine Truppen nie mehr Muth hatten, als wenn ihr Magen mit Pudding und Roastbeef angefüllt war. Hunger macht feige, Mangel blöde, Unterdrückung verzagt. —

Die Weiber zu Sparta kannten weder Weichlichkeit noch Furchtsamkeit. Ich habe ihn für das Vaterland geboren, war die heroische Antwort jener Spartanerin, als man ihr die Nachricht brachte, ihr einziger Sohn sei in der Schlacht gefallen.

Entwickelt sich der Unterschied der Geschlechter im Knaben und Mädchen, so muß der Bürger auf den Menschen gepfropft, der Stand des Bürgers an den der Natur geknüpft, und die Vorbereitung zu mannigfaltigen untergeordneten Bestimmungen eröffnet werden; und nun ist es Zeit zu einem sichtbaren Merkzeichen der Absonderung der Geschlechter.

Diese Geschlechts-Einkleidung wird alle besorgliche Folgen, welche die Natur-Uniform etwa bei den Schwachen, die doch immer unter uns sind, erregen möchte, unausbleiblich vertilgen, Knaben und Mädchen, die als Kinder vertraut waren, in Fremde (wenn gleich nicht in Wildfremde — und weshalb auch das?) umschaffen, und Alles bis auf die Rückerinnerung ihrer ehemaligen Bekanntschaft vertilgen. Würde nicht diese Geschlechts-Einkleidung auf einmal den einzigen Unterschied, den die Natur beabsichtiget hat, zwischen beiden Geschlechtern festsetzen, ohne dadurch einen bürgerlichen Unterschied herauszubringen oder zu erzwingen, und ohne dadurch Sitten und Wohlstand im mindesten in Gefahr zu setzen? Dies wäre der Glockenschlag, welcher Erziehung und Unterricht der Geschlechter- und Bürgerbestimmung näher bringen würde. — War nicht schon bei den Römern eine ähnliche Einrichtung in Hinsicht auf das männliche Geschlecht? und sagt nicht die Geschichte, daß der Jüngling Vaterlandsliebe und alle große Eigenschaften eines Römers mit der toga virili (mit dem Mannskleide) anlegte? Es ist eine Schande, eine Stunde länger zu leben, als man hätte leben sollen; — allein es bleibt eine eben so große Schande, eine Stunde früher zu leben anzufangen, als man dazu fähig ist — und so wie das Ende das Werk krönt, und der letzte Tag der Richter aller seiner Vorgänger ist, so sollte man gewisse Tage aussondern, und sie zu Denkmählern machen. Jener Tag der Geschlechtsabsonderung, der bürgerlichen Einsegnung, würde zu diesen festlichen Tagen gehören. Ganz müßte das Erziehungsgeschäft in dieser neuen Epoche noch nicht den Händen der Weiber entzogen, noch weniger ein Unterschied in Erziehung und Unterricht zwischen beiden Geschlechtern veranstaltet werden, bis auf die Verpflichtungen, zu denen jedes von der Natur besonders berufen ward, welche, in so fern sie für diesen Zeitraum gehören, bei jedem Geschlechte durch Personen des seinigen gelehrt werden müßten; wogegen alles Übrige ohne Rücksicht auf diesen Unterschied, so wie die Umstände es forderten oder erlaubten, von Personen beiderlei Geschlechts gelehrt werden könnte. Da Mann und Weib eigentlich nur Ein Mensch sind; so kann auch selbst nach jener Geschlechtsabsonderung keine völlige Scheidung eintreten: Was Gott zusammen fügt, soll der Mensch nicht scheiden — In der Epoche, welche bei Mädchen etwa bis zum 16ten, und bei Knaben bis zum 18ten Jahre dauern könnte, müßten beide Geschlechter zu den bürgerlichen Bestimmungen vorbereitet und in Allem, was darauf Beziehung hat, ohne daß man auf den Geschlechtsunterschied Rücksicht nähme, unterrichtet werden. Daß hierbei die völlige Entwickelung des Menschen nicht aufzugeben oder nur bei Seite zu setzen ist, versteht sich von selbst. Würden bei dieser soliden Einrichtung nicht mit dem mannbaren Alter beide Theile ohne Unterschied unbedenklich da hingestellt werden können, wo sie, dem Staate nützlich zu seyn, Anlage zeigten? Entwöhnt dem größten aller Übel, der langen Weile, die mehr als der Tod zu fürchten ist, müßten jetzt der Jüngling und das Mädchen Geschäfte angewiesen bekommen, wozu sie mit Neigung und Geschicklichkeit versehen sind. Ehre, Rechte und Belohnungen werden alsdann nicht ein Geschlechts-Prärogativ, sondern Folgen des persönlichen Verdienstes. Weiber, die bisher ein Etwas ohne Namen und Rechte waren, würden auf diese Weise Personen und Staatsbürger werden. — Plato wollte die Vertheilung des Privatvermögens den Gesetzen in die Hände spielen. So viel Gerechtigkeit auch in dieser Idee zu liegen scheint, zu so vielen Ungerechtigkeiten würde sie verleiten. — Das Vermögen der Weiber indeß, wenn sie gleich ganz allein darüber zu verfügen glauben, scheint bloß ihrer Gewalt unterworfen zu seyn; denn eigentlich sind Männer die Eigenthümer desselben, die mit diesem Kreuz, das sie wohlbedächtig in Händen behalten, sich zu segnen nicht ermangeln. Wie viele Kassen-Defraudationen hier vorfallen, liegt am Tage. — Bloß der Entschluß der Weiber, sich dem Staate nicht entziehen zu wollen, setzt sie in das Eigenthum ihres Vermögens, und sie werden nur sich selbst nöthig haben, um zu denken und zu handeln. »Er beleidigte nicht mich, sondern den, für den er mich ansahe,« sagte König Archelaus, als man ihn auf der Straße mit Wasser begossen hatte; — und so wird das andere Geschlecht sich oft erklären müssen, und sich gern erklären, ehe jene Grundsätze, es ehren zu wollen, weil ihm Ehre gebührt, zur Gewohnheit geworden sind.

Die Physiokraten halten in ihrem System die producirende Klasse der Staatsbürger für die nützlichste, und da für den Staat der Nutzen das Einzige ist, was die Rangordnung der Bürger bestimmt; da dieser Nutzen die Bürger klassificirt: wie wollen wir denn eine ganze Hälfte des menschlichen Geschlechtes, welche an der Hervorbringung und Fortpflanzung desselben den wesentlichsten Antheil hat, von der Bürgerehre ausschließen? und da wir sie schon ohne Urtheil und Recht willkührlich aus angestammter Machtvollkommenheit ausgeschlossen haben, ihnen die Wiedereinsetzung in den Paradiesstand verweigern? Werden sie nicht, gehörig dazu vorbereitet, mit Ehren rathen, helfen, fördern in allen Staatsnöthen? Bis jener hingeworfene Umriß einer neuen Ordnung der Dinge in seinem ganzen Umfange in der bürgerlichen Gesellschaft eingeführt werden kann, öffnet, Männer! der jetzigen weiblichen Jugend je eher je lieber unsere Educations- und Lehranstalten, und erlaubt ihr, an der Erziehung und dem Unterrichte, so wie er hier gelehrt und gelernt wird, Theil zu nehmen, ohne euch von der Furcht vor nachtheiligen Folgen abwendig machen zu lassen. Prüft jene hämischen Alltagszweifel: es wird Anstoß, Aufsehen, Ärgerniß geben, es wird nachtheilige Folgen haben; — prüft, und ihr selbst werdet sie unentscheidend finden. Man kann sich vor der Furcht, und auch vor der Hülfe fürchten. Soll eine verwerfliche Einrichtung der Dinge, und wenn sie tausend mahl tausend Jahre gewährt hätte, auch bei dem unbehaglichen Gefühl des Nachtheiligen, bei der gewissen Aussicht einer besseren Zukunft, darum noch ungestört fortdauern, weil ihre Abänderung mit Schwierigkeiten, vielleicht mit anscheinend bedenklichen Folgen, verknüpft seyn kann? Wäre je in der Welt etwas Großes unternommen worden, wenn wir das Für und Wider so ängstlich abgewogen hätten? Wäre der Mensch da, wo er gegenwärtig ist, hätte er je so merkliche Fortschritte gethan, wenn er, nach der Weise des Elephanten, ehe er den Fuß weiter fortbewegt, ängstlich untersucht hätte, ob der Boden, den er betreten wolle, auch fest sey? — Anstoß! Wie man dies Wort von weitläuftigem Bedeutungsbezirk nimmt. Unsere symbolischen Vorfahren hätten gewiß den schrecklichsten Anstoß genommen, wenn in einem Erziehungshause Kinder mit und ohne Vorhaut zusammen gekommen wären, um an allerlei Unterricht Theil zu nehmen. Welchen Nachtheil für das Christenthum würde man befürchtet haben, wenn ein Abkömmling des Stammes Juda mit dem Sohne eines General-Superintendenten aus dem blinden Heiden Cicero Menschen- und Bürgerpflichten gelernt hätte! Und wer kennet nicht Staaten, wo dies ohne das leiseste Geräusch der Eiferer bewirkt wird, und ohne daß die Grundfesten des Christenthums auch nur die mindeste Erschütterung befürchten?

Die Sittlichkeit würde Gefahr laufen!

Wie denn das? Werden nicht schon jetzt Mädchen und Jünglinge von einem und demselben Geistlichen, zu einer und derselben Zeit, auf eine und dieselbe Art in der Religion unterrichtet? Die Anstalt ist schon da; sie darf nur ausgedehnt werden. Und was kann uns behindern, die, denen wir in der Kirche gleiche Rechte mit uns einräumen, in die Bürgergemeinschaft aufzunehmen? Werden Mädchen und Knaben durch gemeinschaftlichen Unterricht zu Christen vorbereitet, warum sollen wir sie nicht gemeinschaftlich zu Bürgern erziehen? Sollte denen, welchen die erforderliche Anlage zu Himmelsbürgern zugestanden wird, der Beruf zur Staatsbürgerschaft abgesprochen worden? Warum leiden in dieser Gemeinschule die Sitten nicht, obgleich der Religionsunterricht in Jahren ertheilt wird, wo der Geschlechtstrieb äußerst reitzbar ist? Sind die Schüler und Schülerinnen dort nicht eben so wie hier unter Aufsicht? wird ein kluger Lehrer und Erzieher den Veranlassungen zur Erweckung des Geschlechtstriebes nicht überall geschickt auszuweichen wissen, und jede Belehrung über die künftige Bestimmung seiner Zöglinge so einzulenken verstehen, daß die Folgen nicht schädlich, sondern segensreich ausfallen?

Wird das andere Geschlecht unseren Erwartungen entsprechen? wird es unsere Bemühung lohnen?

Wir wollen also erndten und uns der Mühe überheben, zu pflanzen? Auf welche Art werden wir uns von der Tragbarkeit des Bodens versichern, wenn wir ihn nicht anbauen? Hat denn nicht bis itzt jeder Boden dieser Art den auf ihn verwendeten Fleiß gelohnt? und dürfen wir hier einen andern Erfolg befürchten, wenn wir es unserer Trägheit nur abgewinnen können, einen ernstlichen Versuch anzustellen? In Alles was die Natur hervorbrachte, legte sie Keime, die nur einer Veranlassung bedürfen, um entwickelt zu werden. Würden nicht die Weiber jedem bürgerlichen Stande, zu welchem man ihnen Zutritt vergönnte, Ehre machen? Und welches bürgerliche Geschäft könnte, so lange sie durch ihre besondere Geschlechtsbestimmung nicht daran behindert würden, unter ihren wohlwollenden Händen sich schlechter befinden? Müßte das Ganze wegen des Wetteifers, der zwischen beiden Geschlechtern entstehen würde, nicht unendlich gewinnen? Nicht die Nymphe Egeria, welche Numa selbst, nicht Pythia, welche die Helden des Alterthums um Rath fragten, wenn sie Gesetze geben, wenn sie Länder erobern wollten, nicht die Aspasien und Phrynen, zu denen ein Perikles, ein Sokrates in die Schule ging, um Weisheit und Regierungskunst zu lernen — sollen sich hier der Beispiellehrstühle bemächtigen. Jene hat die Fabel in ein ätherisches Gewand gehüllt und sie unserm Auge zu weit entrückt, als daß wir sie noch ferner dem Geschlechte zum Vortheil anrechnen könnten, ob sie gleich seinen Namen führen und keine Fabel ohne Wahrheits-Ingredienz anfängt und vorhanden ist — So hieß der Grosoncle eines von den weltberühmten Lügnern neuerer Zeit, Josephs Balsamo, der sich Graf Cagliostro nannte: Cagliostro — Lauter Lügen halten so wenig zusammen, daß nie etwas Vernünftiges, etwas Ganzes herausgebracht werden kann — Will man den poëtischen Tugenden jener weiblichen Heldennamen keine Glorie und keinen Ehrenschein einräumen — immerhin! wir haben auch prosaische Beispiele, um außer Zweifel zu setzen, daß, ungeachtet das weibliche Geschlecht (wenn gleich nicht durch ein förmliches Gesetz, so doch durch ein stillschweigendes Übereinkommen, welches oft noch grausamer und drückender ist) von der Stoa, der Akademie und dem Prytaneum entfernt gehalten wurde; ungeachtet man den Weibern die Schulen des Unterrichtes und der Weisheit verschloß, sie dennoch Gelehrte und Weise unter sich aufweisen können, die ihre Namen durch Thaten und Schriften unsterblich gemacht haben. Es würde nicht schwer fallen, in vielen Fächern des weitläuftigen Gebiets menschlichen Wissens und menschlicher Kunst weibliche Namen aufzufinden, die sich einen Anspruch auf Achtung und Ruhm erwarben. Schon erwies ich einigen in so weit Gerechtigkeit, als sie sich durch große Eigenschaften auszeichneten. Wohlan! die Geschichte mag auftreten, und uns bezeugen, welchen wichtigen Antheil das weibliche Geschlecht an der Ausbreitung der christlichen Religion nahm, und wie groß in dieser Rücksicht sein Verdienst um Sittlichkeit und Aufklärung ist! Der Stifter dieser wohlthätigen, die Rechte der Menschheit vertretenden und menschenfreundlichen Religion (die sich so himmelweit von jenen heidnischen Culten unterscheidet, welche über die Götter die Menschen vergaßen, und eben so von den Jüdischen, die den Menschen durch äußeren Zwang allmählich zum Geiste der Tugend gewöhnen wollten, aber das Volk, bei der besten Absicht seines Heerführers Moses, in der Wüste der Heuchelei und der Äußerlichkeit ließen, ohne daß es je das moralische Kleinod erreichte, wozu diese Umwege es anlegten) unterrichtete die Schwester seines Freundes Lazarus, und gab der Maria vor der bloß häuslichen Martha den Vorzug: Maria hat das beste Theil erwählt, das nicht von ihr genommen werden soll. Die Geschichte der Apostel gedenkt einer frommen Tabea, die sich nicht nur durch ihren Wandel unter den Neubekehrten auszeichnete, sondern auch thätigen Antheil an der Ausbreitung der Lehre nahm, die sie angenommen hatte. Nennet die Kirchengeschichte nicht eine Menge von Weibern, die mit Heldenmuth ihren Glauben bekannten, und sich weder durch Martern noch Verheißungen in ihrem Bekenntnisse wankend machen ließen? die bei dem Verzicht auf alle Hoheit, auf Ehre und Überfluß, unter Verachtung, Hohn, Mangel und Verfolgung ihrer Überzeugung mit unerschütterlicher Standhaftigkeit anhingen? Der Stifter der christlichen Religion bewundert so oft das gläubige Zutrauen des andern Geschlechtes zu seiner Lehre, und hat dasselbe so wenig von der Theilnahme an den Vorzügen der vernünftigen lauteren Milch seines Unterrichtes ausgeschlossen, daß er es vielmehr mit auf die Erhebung desselben und auf Befreiung von den Ketten, die es trug, angelegt zu haben scheint. Und in der That, wenn diese Religion in ihrer reitzenden kindlichen Gestalt erscheinen will — zeigt sie sich nicht in Kindern und ihren Pflegerinnen, den Weibern? Weibliche Herzen sind, wenn ich so reden darf, mit den Lehren dieser Religion gleichsam amalgamirt; denn in Wahrheit, die höchste Stufe der Menschheit ist nicht speculirende Vernunft, nicht Philosophie allein, sondern ein gewisses Etwas, das, wenn es Regierungskunst heißt, eine Kunst ist, der die Natur selbst sich unbedenklich unterwirft — Ein kühler Trunk kann Lebensgeister zu der Wohnung, die sie fast schon verlassen hatten, zurückrufen, kann aber auch ein Gift für den erhitzten Wanderer werden: Das Schwert, das uns beschützt, wird leicht unser Mordgewehr. Die gebildete Freiheit, die sich so sehr von der unregelmäßigen und von dem höchsten Grade derselben, der Zügellosigkeit, unterscheidet, könnte christliche Freiheit heißen. Und ihre Schule? — ist die Schule der Weiber. — Wenn Männer mit Verzichtleistung auf ihre Stärke, die so leicht in Leidenschaft ausartet, eigentliche Christen werden, und Selbstrache, Blutvergießen, alle Machtsprüche und Machtbeweise aufopfern sollen; so wähnen sie, daß sie bei diesen christlichen Tugenden ihr Geschlecht einbüßen — Es ist schwer Gutes zu wollen und zu thun, wenn das so leicht auszuführende Böse noch obendrein Ehre bringt — Ich mag diesem Gegenstande wohlbedächtig nicht näher treten — — —

Überall wo Genieflug und Kunstfleiß der Menschen hinreicht, treffen wir Weibernamen an, die um den Preis ringen. Es sind nicht Weiber, die auf einem ganz entgegen gesetzten Wege ihre Eitelkeit zu befriedigen suchten, weil sie auf dem geschlechtsüblichen nicht fortkamen; sondern solche, die, von ihrem Geiste getrieben, jene Kräfte anlegten, welche die Natur ihrem Geschlechte so reichlich und täglich gespendet hat. Welch eine ehrenvolle Stelle nimmt Anna Comnena unter den Byzantinischen Geschichtschreibern ein! Die große Tochter Heinrichs des Achten, die England nicht durch das Parlament regierte, sondern deren Wink für dieses, Staatsgesetz war, vor der es die Knie beugte, die, wenn sie gleich nicht den stolzen Philipp so doch seine unüberwindliche Flotte überwand, hat eine ihr würdige Geschichtschreiberin an der Keraglio gefunden. In den Jahrhunderten der Unwissenheit, wo tiefe Mitternacht die Völker Europens von einem Ende bis zum andern bedeckte, wo alle Sehnen des Geistes völlig abgespannt waren, versuchte es die Nonne Roswitha, das heilige Feuer der Gelehrsamkeit wieder anzuzünden. Die Dacier und die Reiske thaten sich durch Sprachkenntnisse hervor; und wie viele machten sich nicht in England, Frankreich und Deutschland durch Schriftstellertalente berühmt? Wem sind die Namen einer Macaulay, einer Genlis, einer Sevigné, einer la Roche unbekannt?

Weiber entdeckten nichts, erfanden nichts. Es gab unter ihnen keinen Newton — keinen — — —

Und warum? war es nicht ein Ungefähr, das von Anbeginn unter Menschen Erfindungen zu Stande brachte? Schien nicht die Natur bei allen menschlichen Erfindungen sich den Haupttheil zu reserviren? legte sie nicht dies beste Brot vor das Fenster? Wurden jene Entdeckungen und Erfindungen nicht den Erfindern und Entdeckern in die Hand gespielt? Lag es an Weibern oder an der ihnen verweigerten Gelegenheit, wenn sie hier zurückblieben? — Man räume ihnen Kanzeln und Lehrstühle ein, und es wird sich zeigen, ob sie (der schuldigen Achtung für Paulus unbeschadet, welcher nicht will, daß die Weiber in der Gemeine sich sollen hören lassen) nicht eben so gut unsere Überzeugung zu gewinnen wissen. Ohne allen Zweifel werden sie sich einen noch leichteren Zugang zu unserm Herzen bahnen. Schon sind uns hier die Quäker mit ihrem Beispiele vorgegangen. Die Predigten der Weiber würden sich zu den Predigten vieler unserer Seelenwächter sehr oft verhalten, wie die von Bourdaloue zu denen von einem Stümper seiner Zeit: Wenn dieser predigte, ward gestohlen; wenn jener auftrat, ward wiedergegeben. So wie es bei Körpern eine Ansteckung giebt, so auch bei Gemüthern und Seelen; und wenn es allgemein nicht unrichtig ist, daß schon in den Augen Tod und Leben liegt, und daß gewisse Leute vermittelst derselben beides, tödten und lebendig machen, können: so ist dies besonders der Vorzug der Weiber — Die ganze Zauberei scheint sich aus den Augen herzuschreiben — Auge und Athem sind die Seelenvocale der Liebe und des Hasses; und wer versteht die Augensprache besser als die Weiber? Sie können vermittelst derselben lange Reden im Zusammenhange halten; und wer ist, der von dieser Beredsamkeit nicht ein Zeugniß abzulegen im Stande wäre? — Sind es aber bloß die Augen, die bei den Weibern reden? Das ganze Leben der Weiber bestehet mehr im Reden als im Handeln: ihre Reden sind gemeiniglich Handlungen; und wenn wir einen Mann verachten, dessen Leben eher ein Lexikon als eine Geschichte vorstellt, so ist dies nicht der Fall bei dem schönen Geschlechte, das gewaltiglich spricht — Das Leben eines Weibes würde ein Conversations-Gemählde seyn — wie bewunderungswerth ist es, selbst in anscheinend unwichtigen, oder so genannten Nebenfällen! Was Weiber sagen, fließt oft weit mehr aus ihrem Herzen, als das, was Männer thun; und so haben ihre Reden für den denkenden und empfindenden Menschen auch oft mehr Interesse, als viele Handlungen der Männer. Durch Reden kann man, wenn ich mich so ausdrücken darf, seinem Gedankengemählde ein gewisses Colorit mittheilen; und wie viele Nüancen giebt es hier, wenn man bloß bei seinem Herzen Unterricht nimmt! Man sollte fürchten, daß Weiber, an Toiletten gewöhnt, ihre Gedanken und Empfindungen an diesem Altar durch Putz verderben würden. Nein! diese Seelen-Toiletten überlassen sie gern unserm Geschlechte — Selbst wenn viele unter ihnen von Amts- und Geschlechtswegen Musterkarten des modischen Putzes und der gäng' und geben Hofeitelkeit werden müssen, verändert ihr Ausdruck nicht seine Natur; Milch und Honig bleibt ihre Rede. — — Heißt Genie Weisheit? Wörterkram und Sophisterei Vernunft? Alles was nicht auf gesunden Menschenverstand und moralische Religion berechnet werden kann, ist nicht wahre Weisheit und ächte Vernunft. Falsche Perlen und Glanzgold, womit Weiber ihren Körper schmücken, überlassen sie in Hinsicht des Geistes den Männern — Die tiefste Wahrheit kann in eine Volks-Idee gekleidet werden, und eine Wahrheit, die kein Sokrates in das gemeine Leben bringen kann, ist nicht viel mehr als Sophisterei, womit man seinen Kopf nicht verderben und sein Herz nicht verfälschen sollte — Weiber sind geborne Protestantinnen, und haben die Religion der Freiheit, die Anweisung Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Bei dem systematischen Gerüste der Religionslehren finden sie kein Interesse, und schwerlich werden sie je durch Doktorhüte in der Gottesgelahrtheit gereitzt werden. Sie legen es nicht darauf an, Gottes Existenz zu erweisen; vielmehr sind sie dem Neumonde von Philosophie anverwandt und zugethan, der den unerweislichen Gott für ein Postulatum der Vernunft erklärt, weil er zu unserer Glückseligkeit nothwendig ist. »Wer gewisse Dinge erweisen will,« sagte Frau v. **, »zweifelt entweder selbst, oder will den Zweifeln Anderer mit Höflichkeit zuvorkommen.« Ein theures wahres Wort —! Das Minimum von Glauben, ein Glaubens-Senfkorn, und die Vorstellung von der Möglichkeit der Existenz Gottes, ist hinreichend, um Alles aus uns zu machen, was aus uns gemacht werden kann, und unsere Tugend menschenmöglichst untadelhaft und rein darzustellen in der Liebe — Der Zweifel anderer, besonders in gutem Geruch stehender, kluger Männer verwickelt oft wider Denken und Vermuthen (könnte man nicht sagen: wider Verstand und Willen?) in Zweifel — Weiber haben Gott im Herzen; und da sie wohl wissen, daß wegen der zweckvollen Einrichtungen der Natur die Grundursache als verständig gedacht werden muß: so kümmert es sie nicht, wie viel oder wie wenig die speculative Vernunft zu diesem Glauben beitrage. Der moralische Beweisgrund (er verdiene den Ehrennamen Beweis oder nicht) wirkt in ihnen einen lebendigen Glauben. Wie viele haben Gottes Existenz tapfer demonstrirt und durch ihr Leben diese Demonstration noch tapferer widerlegt! — Seinen Willen thun, bleibt der beste Beweis, daß er sey. Das größte Problem ist, den Menschen den Willen beizulegen; an Einsicht fehlt es ihnen weniger. Franklin, ein Mann, deßgleichen weder das Griechische noch das Römische Alterthum aufzuweisen hat, sagte: »Gäbe es einen Gottesleugner, er würde sich beim Anblick, von Philadelphia, einer so wohleingerichteten Stadt, bekehren;« und die Erde, diese große Stadt Philadelphia, sollte so viel nicht über den Gottesleugner vermögen, so bald er aufhört, Alles nach seiner, eigenen kleinen Elle zu messen? Nicht auf unsere Meinungen, sondern auf das kommt es am Ende an, was diese Meinungen aus uns machten. — — Das Glück der Unschuld, die Würde der Natur, der Drang nach Freiheit, die Freude eines stillen Lebens, der hohe Werth der Kunst sich in sein Schicksal zu finden, sind Hauptgegenstände der Weiber. Wie man aus dem Umgange den Menschen kennt, so bestimmen seine Lieblingsgegenstände seinen Verstand und seinen Willen — Jene Verschiedenheiten des Ausdrucks, jenes Zurückhalten, ist bei Weibern nicht wie bei uns Heuchelei; um Alles würden sie gewisse Dinge nicht sagen, einer gewissen sittlichen Reinheit der Sprache nicht ungetreu werden, und in plumpe Zweideutigkeiten und Zoten fallen, wenn auch diese Sittsamkeit und Enthaltung weniger Reitze hätte. Die Keuschheit des Körpers ist mit der Keuschheit der Seele und der Sprache in genauer Verbindung — Weiber kennen so wenig die Regeln als die Gränzen der Sprache, überschreiten die ersteren, und erweitern die letzteren — Wie manche glückliche Bereicherung hat die Sprache ihnen mittelbar und unmittelbar zu danken! Das Mittelmäßige kann im Geschlechte gar nicht aufkommen; was sich unterscheidet, ist vorzüglich — Sie reden zwar noch, wenn sie schweigen; keiner ihrer Blicke ist sprachlos; ihre unarticulirten Ausdrücke der Leidenschaften, wodurch Menschen tief in das Herz der Menschen dringen, sind unüberwindlich —: allein, wer ist beredter als sie, wenn sie wirklich sprechen! — Jene sprachlose Beredsamkeit kann weiter Niemand als sie auf Worte bringen und übersetzen. Männer sagen oft nichts, wenn sie zu viel sagen, so wie man nichts beweiset, wenn man zu viel bewiesen hat. In den Worten der Weiber, auch wenn sie überfließen, liegt Absicht, Gewicht und Nachdruck. Auge und Sprache sind Ein Herz und Eine Seele, und Weiber haben nicht nur in ihrem Blick, in ihrem Auge und auf ihrer Zunge Hölle und Himmel, Leben und Tod, Wohl und Wehe; sondern selbst ihr Hören ist von der äußersten Bedeutung — Sie hören anders als wir; und wer kann den Einfluß leugnen, den das Gehör auf unsere Rede behauptet? — Ich kenne einen schwer beamteten vornehmen Mann, der in dem Rufe steht, daß er alle Menschen höre; auch hört er wirklich Alles, was sich in seinem Vorzimmer hören lassen will: und doch klagt alle Welt, daß er nicht höre; — entweder ist er zerstreuet oder unfähig zu verstehen. Es giebt eine moralische Taubheit bei dem besten physischen Gehör — Man kann gütig und gerecht, unfreundlich und zuvorkommend hören — Der schüchterne bescheidene Jüngling zieht aus dem geneigten Gehör seines Beschützers Muth und Leben, und man kann abhören, anhören, aufhören, aushören und beim Hören in eine Art von Horchen fallen, welches durch das Ohrenspitzen in Verlegenheit, wo nicht gar in Verwirrung, setzt — Weiber sind Meisterinnen in der Kunst zu hören, Original-Hörerinnen, und ich weiß nicht, ob sie im Hören oder im Sprechen stärker sind. Es ist leichter, mit dem Publico, als mit dem Cirkel fertig zu werden, worin man lebt, wenn dieser Cirkel aus witzigen Weibern besteht; und nicht der Männer, sondern der Weiber halben bleib' ich anonymisch, so sehr auch meine Schrift den Weibern das Wort zu reden scheint. —

Die Weiber sind viel zu sehr Kenner des menschlichen Herzens, als daß sie nicht wissen sollten, auch die verborgensten Falten desselben auszuspähen, Leidenschaften zu erregen oder dem Ausbruche derselben zuvorzukommen. Wer weiß mehr als sie, ihre Wuth zu besänftigen, je nachdem es ihre Absichten erfordern! und gewiß würde es ihnen auf dieser Bahn besser glücken, als den berühmtesten Demagogen. Rom würde vielleicht bald nach seiner Entstehung wieder in sein voriges Nichts zurückgefallen seyn, wenn die neuen Römerinnen sich nicht ihrer Räuber angenommen, und die entrüsteten Sabiner beruhigt hätten. Was wär' aus Coriolan's Vaterstadt geworden, wenn die Mutter den Sohn nicht besänftigte? Ohne den Römischen Stolz und die edle Aufforderung eines Weibes (Margarethe Herlobig) wäre der Schweizerbund vielleicht nie zu Stande gekommen — Die Überredungsgabe eines Weibes übertrifft Alles, was Kunst je geleistet hat. Und ihre Lehrmethode? In Wahrheit, Weiber sind äußerst lehrreich: sie sind so große Lehrerinnen, als Erzieherinnen. Wer Weiber bloß auf Gefühle und Empfindungen reducirt, kennt weder Gefühle, noch Empfindungen, noch die Weiber. Oder wie? lehrt das Herz etwa den Kopf? verleihet das Gefühlsvermögen dem Erkenntnißvermögen evidente Gefühle zum Vergleichen und zum Entscheiden? Stammt das moralische Gefühl, wenn es anders ein wirkliches Etwas seyn soll, nicht aus der Vernunft? Muß nicht der Kopf dem Herzen Grundsätze so eigen machen, daß es die Achtung für das Gesetz als Gewohnheit, als Gefühl ansieht? — Das Herz, unbelehrt von der Vernunft, kann wenig oder nichts ausrichten; es muß geistisch gerichtet seyn — Wenn der Philosoph, der Wortführer der Vernunft, nicht wäre; was würde der Dichter, der sich nach dem Haufen richten und selbst zu Volksunarten sich herablassen muß, Gutes stiften? Der Dichter muß seine Weihe im Tempel der Vernunft erhalten und die süßesten Gefühle an Grundsätze knüpfen, wenn er unsterblich seyn will. Weiber verstehen jene Chemie, die man die höhere nennen könnte, Grundsätze in Gefühle aufzulösen, und das, was der theoretische Hexenmeister der Philosophie in schweren Worten ausdrückt, zur Leichtigkeit einer Gewohnheit zu bringen — Weiber haben Sitten, Männer Manieren: diese werden durch Erziehung erworben, durch Nachahmung erlernt, durch Umgang mitgetheilt; jene hangen von Herz und Vernunft ab. Man sagt: Weiber wären kärglicher in ihren Wohlthaten, und an sich und von Natur geitzig. Nicht also; ihre Neigungen des Wohlwollens entstehen aus Grundsätzen, nicht aber aus dem vorübergehenden Rausche des Mitleidens, wie es sehr oft bei uns der Fall ist. Seht! wie schön wissen sie selbst bei angestammter Etiquette, bei den patentisirten Manieren noch zu modificiren! Auch sogar bei der Liebe halten sie sich nicht an das Formular und an die Agende.— Wir haben unsern Kubach, und alles ist in bekannter Melodie — Von Weibern könnte man sogar sagen: sie lieben insgesammt, doch jede liebet anders. — Zur Hoffnung haben sie eine außerordentliche Anlage; überall wollen sie Aussicht: ein Garten, der sie ihnen raubt, ist ihnen ein Gefängniß — Die gnädige Frau ist in guter Hoffnung, heißt: sie wird bald Mutter werden —. Wir wollen alles fröhlich um uns haben, wenn wir es sind, und legen diese Fröhlichkeit unserm Cirkel so nahe, daß, er mag wollen oder nicht, er einstimmen muß — Weiber machen Alles fröhlich, wenn sie es sind. Alle ihre Feste sind Erndtefeste, Laubhüttentage, welche die Natur geheiligt hat; bei den unsrigen werden Kanonen gelös't — sie können sich ohne Tafelmusik behelfen. (Der leibliche, geistliche und ewige Tod aller Unterhaltung.) An Gott denken, heißt ihnen Andacht; — an sich denken, heißt ihnen sterben lernen, und philosophiren sich verlieben; und wer so denkt der denkt wohl! — wer so handelt, ist nicht auf unrichtiger Bahn —

Sprachen sieht man nicht ohne Grund als den Schlüssel zu dem Magazin aller Kenntnisse und alles Wissens an, und eine jede Sprache, die wir erlernen, ist ein Schatz des Wissens, den wir fanden. Sprachen zu lehren, wird ein besonderes Talent erfordert, welches seltener das Theil und Erbe der Männer, als der Weiber, ist. Unsere zeitherige Schulmethode Sprachen zu lehren, ist gewiß nicht von Weibern erfunden; denn kaum würden diese mit der Grammatik den Anfang gemacht haben. Seht da den Lehrer, der es sich Lastträgermühe kosten läßt, Kindern begreiflich zu machen, warum der Römer die Wörter in seiner Sprache so und nicht anders auf einander folgen ließ! seht da den Schüler, der etwas begreifen soll, das schlechterdings unbegreiflich ist, so lange er nicht weiß, wie die Römer ihre Sprache redeten oder schrieben. Bleibt die Kunst eine Sprache sprechen zu lehren, nicht vorzüglich den Weibern eigen? und sollte ihnen nicht der Sprachunterricht ausschließlich überlassen werden? Gedächtniß, Einbildungskraft, und ein gewisser Geist für das Detail scheinen, wenigstens so lange sie wie jetzt sind, vorzüglich ihr Eigenthum zu seyn. Giebt es viele Beispiele, daß man bei einem Sprachmeister die Französische Sprache mit Fertigkeit sprechen lernte? Wer nicht ihretwegen eine Reise nach Frankreich that, lernte sie von Mutter oder Gouvernantin. Kaum hat der Mann angefangen, Materialien zu begreifen und anzufassen, so will er schon zusammen setzen, generalisiren, Capitalien machen; — allmählich zu sammeln, dauert ihm zu lange. —

Wer kann den Weibern ein gewisses Kunstgefühl absprechen? und scheint nicht weniger der Mangel an Anlagen, als ihre zeitherige Lage, Schuld zu seyn, daß sie so wenig Vorzügliches in den schönen Künsten und Wissenschaften leisteten? An dem reitzenden Schauspiele ringender, wenn gleich oft auch unterliegender, Kräfte ist uns zuweilen mehr, als an der Entscheidung und an prahlenden Siegen gelegen; und schlummert nicht zuweilen auch selbst der große Homer? Werden nicht selbst sehr wache Augen vom Schlaf überwunden? schläft nicht zuweilen Brutus? Schöne Künste und schöne Wissenschaften erfordern einen weiten Spielraum, leiden keinen drückenden Zwang, und gedeihen nur da, wo der Geist, sich keiner Fesseln bewußt, das Gebiet der Einbildungskraft, jenes Reich der Unsichtbarkeit, durchkreuzen kann. Auch bei der größten Empfänglichkeit für schöne Formen und Gefühle, auch bei der glücklichsten Organisation, wird, so lange der jetzige Druck dauert, nichts Großes, nichts Vollendetes das Theil der Weiber seyn; eben so wenig wie der Griechen, die bei den nämlichen Anlagen, bei dem nämlichen milden Himmel, nie etwas, den unerreichbaren Meisterstücken ihrer Vorfahren Ähnliches hervorbringen werden, so lange ihr Nacken noch in das eiserne Joch der Türken eingezwängt bleibt. Wie wär' es möglich, daß das weibliche Geschlecht, so lang' es im Käficht eingeschlossen ist, und ein schnödes Vorurtheil seine Flügel lähmt, sich in die höheren Regionen aufschwingen sollte? Die Seele pflegt schwach zu seyn, wenn der Leib es ist, und Sklaverei erlaubt ihren Gefesselten keinen Flug eine Spanne hoch über die Erde. Doch zeigten Einige, daß sie Eines Geistes Kinder mit Männern wären; und irre ich mich, oder ist es gewiß, daß sie weniger nach jedem Fünkchen eines fremden Lichtes haschten, um es aufzufangen, als wir? Mit geübterem Verstande, mit geschärfterer Empfindung, mit reicherer Phantasie, mit festerem Charakter, werden sie reifere Früchte bringen, und in dem Felde des Schönen, auf das sie ohnehin schon unleugbare Ansprüche haben, Thaten thun — werth der Unsterblichkeit. Man klagt nicht ohne Grund: alle Oberideale wären mit dem Heidenthume verloren gegangen; und da die ins Große gehende Kunst ohne Ideale nicht bestehen könne, so schiene es, als ob unsere Dichter und Künstler sich nicht über die gemeine und wirkliche Natur zu erheben im Stande wären. — Vielleicht ist es dem schönen Geschlechte vorbehalten, sich hier neue Bahnen zu brechen, und mit neuer verjüngter Einbildungskraft zu schaffen was verloren ging, ohne dem Segen der größeren und heilsameren Wahrheit der christlichen Religion, welche für alle jene Ideale durch ihren weisen und beglückenden Einfluß entschädiget, zu nahe treten zu dürfen.

Unser Geschlecht hat Gelegenheit, so viel von der Prosa der wirklichen Welt kennen zu lernen, und dünkt sich, die Wahrheit zu gestehen, in derselben so gewaltig viel, daß es nicht umhin kann, der wirklichen Welt, so herrlich und schön sie auch ist, keinen poëtischen Stoff zuzutrauen. Unzufrieden mit Menschen, spricht es: »Laßt uns Götter schaffen, ein Bild, das uns gleich und doch Gott sei!« — Und da wird? Seht doch, seht! ein Himmel voll Ganz- und Halbgötter, alle zusammen nicht werth einen einzigen wackern Kerl abzugeben. An den himmlischen Harem mag ich gar nicht denken, der gewiß noch weit weniger ein einziges braves Weib aufwiegt — Wozu der Götterunrath? — Mährchen, sie mögen nun Volks- oder Helden- und Staatsmährchen seyn, gehören, sagt man, für das Kinder- und Greisenalter; wer wird indeß diesen Spielen der Einbildung nicht gern Gerechtigkeit erweisen, wenn sie zum Ernste der Wahrheit leiten, und von der Vernunft die vollzähligen Weihen erhalten haben? wer die Imagination nicht ehren, wenn sie bei allen ihren Avantürier-Eigenschaften ein Sprößling der Vernunft ist? — Nur thut unser Geschlecht zu oft so äußerst nothgedrungen, eine Abschweifung in das Reich der Möglichkeit machen zu müssen, obgleich von der lieben Wirklichkeit noch so viel in Rückstand ist; — nur will es zuweilen höchst unzeitig die Einfälle aus dem Reiche der Einbildung zu Gesetzen in der Sinnenwelt, die vor uns liegt, tausendkünsteln; nur macht es sich kein Gewissen daraus, die hehre und mächtige Religion der Vernunft, welche sich bescheidene Flügel beilegt, mit aller Gewalt zu überflügeln und, ohne sich mit ihr und der Volksreligion zu berechnen, bloß auf Vergnügen auszugehen, wo sich doch die Vernunft ihren Aufsehersitz und ihre Stimme nicht nehmen läßt. Hier ist Stoff zum neuen Himmel und zur neuen Erde. Und sag' ich zu viel, wenn ich behaupte, daß dem andern Geschlechte hier noch ein Richtsteig vorbehalten ist und Palmen, die nicht etwa im dritten Himmel zu brechen sind, wo man zu unaussprechlichen Worten entzückt ist — sondern nicht fern von einem Jeglichen unter uns. — Genug, wenn seine Dichtkunst das Herz nicht verfehlt, wenn sie von Herzen kommt und wieder zu Herzen geht. — Was soll ein wildes Feuer? Ein heiliges ist sein Ziel. Nie wird es sich erlauben mehr anzulegen, und wär' es Cedernholz, als nöthig ist, und um die Wette wird seine Dichtkunst mit der Cultur, Leidenschaften zu lenken und zu zähmen sich bemühen — der edelste Beruf der Vernunft und der Dichtkunst! Grundsätze, welche die Vernunft im Allgemeinen lehrt, macht Dichtkunst durch treffende Beispiele anschaulich. Wovon die Vernunft innerlich überzeugt ist, das stellt die Dichtkunst in Lebensgröße unsern sittlichen Augen dar, und bringt ein unaussprechliches Vergnügen zu Stande, das einzige, das wir durch kein Opfer erringen dürfen — und das immer mit in den Kauf geht! — Wie? dieser heilige Geist sollte nicht über das andere Geschlecht ausgegossen seyn? diese Gaben hätt' es nicht empfangen? O, ihr Kleingläubigen! — als ob der Pegasus bloß für Männer wäre! Dies so überaus gute Thier, das sich so viel gefallen läßt, sollte keinen Quersattel vertragen? Sollte dieses Vorurtheil nicht zu übersiebnen seyn? Allerdings. Wie herrlich sind jene weiblichen Explosionen, die Lieder der Liebe der Sappho, die selbst auch in Deutschland mehr als neun Schwestern hatte, von denen eine der vorzüglichsten (Karschin), nachdem ihr der Dichter Friedrich II vier Gulden verehrt, und Friedrich Wilhelm II, der kein Poët ist, ein Haus hatte bauen lassen, unlängst zu ihrer älteren Schwester heimging. — Darf ich mehr als Elisen nennen, um ihrem Kopf und ihrem Herzen den Rang beizulegen, der beiden gebührt — und der durch eine exemplarische Bescheidenheit noch mehr gewinnt? — Angelika Kaufmann, die Schöpferin schöner Formen, und mehr ihres Gleichen waren und sind Mahlerinnen. Der Vorwurf, den man der Angelika macht, daß sie männliche Gesichter zu weibisch mahle, ist nicht ohne Grund; vielleicht nimmt sie hierdurch an unserm Geschlecht eine heimliche Rache. Man sagt: Weiber würden nie Meisterinnen im Portraitiren. — Daß ich nicht wüßte; *ra** trifft zum Sprechen — zum Hören —. Wär' es in der Regel der Fall, so würd' ich es mir aus dem Umstande erklären, daß sie immer Züge aus ihrer trefflichen Seele hineinzeichnen, so wie Mahler der Venus Züge von ihren Weibern und Töchtern verehren. — Mahlerinnen würden in dem Grade die Seelen der Männer in ihren Portraiten verschönern oder verklären, wie Mahler die Gesichter des andern Geschlechtes schminken — Ist es, weil die Männer von der Natur entfremdeter sind, als die Weiber; oder hat die Natur wirklich zu dem andern Geschlechte mehr Vorliebe und Zutrauen; oder macht es die Seltenheit, daß die Männer, weil sie zu wenig in die Heiligthümer der Natur kommen, nicht recht wissen, wie sie mit ihr daran sind? — ich weiß es nicht. Wer kann indeß unter den Männern, er sei Dichter oder Mahler, im Wonnegefühl der Natur, in der Fülle ihres Genusses, darstellen, was er empfindet? — wer erliegt nicht unter der Gewalt alles Erhabenen und Schönen, das ihm zuströmt und ihn entweder in einen Schlummer einwiegt, oder ihn so angreift, daß er den zu großen Eindruck nicht umfassen und entwickeln kann. Der Schlummer ist ein Beweis der Schwäche; und auch aus zu großer Spannung wird man ohnmächtig. Diese Lagen (sowohl die Schlummer- als die Spannungslage) darzustellen, ist Manchem unter den Männern so vortreflich geglückt, daß, da alle geneigte Leser sich getroffen fanden, diese Darstellungen als Meisterstücke bewundert wurden. Man erstaunte, daß die Kraft der Kunst in dieser Schwachheit so mächtig war! Hat sich das Feuer des Eindrucks gelegt, ist man aus einem entzückenden Schlaf erwacht, so mahlen wir aus dem Spiegel der Zurückerinnerung, und die Natur hat nicht Ursache, diese Copien für viel weniger als Originale zu halten — Es sieht wie aus der ersten Hand aus, ob es gleich eigentlich aus der zweiten ist. Weiber können im vollen Genusse der Natur diesen Genuß beschreiben; auf das innigste in sie verwebt, verlieren sie den Ausdruck nie; sie scheinen Ein Herz und Eine Seele mit der Natur zu seyn, und da sie weder zu hoch gespannt sind, noch in süßen Schlummer versinken, so gebricht es ihnen bloß an Dreistigkeit, um ihren Naturgenuß auch Andere durch Darstellung geniessen zu lassen. — Sie können im ersten Feuer arbeiten, wenn wir uns zuvor abkühlen müssen. Gewiß hatten wir manche weibliche Ossiane, wenn wir es wollten; und was wäre unsere Karschin geworden, wenn man ihr nicht die Flügel der Morgenröthe durch den Unterricht in der Mythologie beschnitten hätte! Die Originalität gedeihet nur im Schooße der Freiheit; und kann wohl die Natur durch Weiber vernehmbar seyn, ehe Männer aufhören, die Weiber (diese Gefäße zu Ehren) zu bevormündern, und ehe Geist, Herz und Zunge dem andern Geschlechte gelöset werden? — Wozu dies Alles führen soll? Männer, wo nicht aus Pflicht, so doch aus Kunstneugierde zu reitzen, daß sie den Schooßkindern der Natur die Geistesfreiheit nicht länger vorenthalten, ihre Kräfte nicht weiter unterdrücken, und ihre Vernunft durch unzeitige Blödigkeit nicht vor wie nach zurückhalten. Die Dichter, die Helden, die Weisen der Vorzeit sahen keine andere Sonne, erblickten keine andere Natur, als wir: Jene göttlichen Natureingebungen, welche die Uralten hatten, können wir noch neutestamentlich aus Hand und Mund der Weiber mit Danksagung empfahen. —

»Musik?«So unbestritten die weiblichen Talente für die Musik sind; so wird ihnen doch der Vorwurf gemacht, daß sie noch keine Obermeisterin in der Composition aufweisen können. Es fehlt ihnen ohne Zweifel auch hier an Muth, um zu dieser Obermeisterschaft zu gelangen; schon befriedigt, wenn sie Compositionen der Großmeister unseres Geschlechtes mit Empfindung ausdrücken, begnügen sie sich mit dem zweiten Range. Das Lied indeß kann wörtlich so im Dichter stehen; die Noten können genau getroffen seyn: und doch wird oft weder Dichter noch Componist sein Werk wieder kennen, wenn es ein Weib singt oder spielt — dies haucht ihm eine lebendige Seele ein. Schaffen ist gut; erhalten nicht minder. — Möchten Weiber immer beim zweiten Range bleiben, wenn nur nicht ein neuerer Reisebeschreiber auch von Kastraten bemerkt hätte, daß nie Jemand unter ihnen ein großer Componist gewesen sei. Sollte diese Bemerkung Kastraten und Weiber mit Recht treffen, so ist die Ursache bei beiden unendlich verschieden. Kastraten können nichts schaffen; Weiber dagegen sind die eigentlichen Erhalter und Mitschöpfer. — — Bei dem gegenwärtigen Druck, worin die Weiber sich befinden, legen sie es bloß darauf an, Alles was sie verstehen, faßlich und begreiflich zu machen, und das, was wir schwer ausdrückten, zu erleichtern und in Umlauf au bringen. Sie ebenen die Wege, verstehen den Strahl der schwersten Ideen zu reflektiren und zu vervielfachen, das Abstrakteste verständlich und deutlich darzustellen, und dem Verachteten aufzuhelfen, so daß sie allen Wissenschaften einen unleugbaren Vortheil gebracht haben könnten, wenn man sie zum Meister- und Bürgerrecht ohne männliche Geburtsbriefe zugelassen hätte. Die Behauptung, daß es keine Synonime in der Sprache gebe, beweisen sie meisterlich, wenn gleich das Buchstabiren (eine wirklich männliche Sache) sie wenig bekümmert. Das negative Un wird von ihnen, so wie die Null im Rechnen, oft so geschickt zum Verstärken des Ausdruckes gebraucht, daß man über ihre Feinheit und Geschicklichkeit, womit sie bei Ohr und Verstand alles ins Reine bringen, erstaunen muß! Von Weibern muß man reden, von Männern schreiben lernen. — Sind Weiber schon jetzt, da sie bloß geduldet werden, und vermittelst Concessionen und Begünstigungen arbeiten, von dieser Seite so schätzbar; was könnten sie leisten, wenn sie nicht länger so unwürdig von dem edlen Wettkampfe ausgeschlossen würden! Es ist eine nicht unrichtige Bemerkung, daß verdorbene Beredsamkeit verdorbene Sitten verräth. Da man aber in dem schönen Geschlechte tausend Lippen findet, die vom Honigseim einer überzeugenden Beredsamkeit überfließen; so kann es mit Recht von ihnen heißen: wessen das Herz voll ist, geht der Mund über. Der Unterricht legt es nicht geradezu darauf an, und kann es nicht darauf anlegen, aus allen Schülern Meister zu bilden. Auch bedarf es in der Erziehungsfabrik nicht lauter Meister. Sie bildet Gefäße zu Ehren und zum Haus- und Kammergebrauch; sie beschäftigt Meister, auch die es secundum quid sind, an der Drehscheibe. So ist der Lehrer schon geschickt, wenn er das Mechanische der Kunst und die Methode weiß, jenes dem Lehrlinge hinzubringen. Hat man nicht Meister gehabt, denen es nie gelang, geschickte Schüler ihrer Kunst zu ziehen? Fehlt es nicht vielen an der Gabe der Deutlichkeit und, um ein Kunstwort anzubringen, an der Lehrgabe? und ohne Zweifel noch mehreren an der unentbehrlichen Lehrtugend, der Geduld, die das männliche Geschlecht zwar in seiner Tugendliste rühmlichst mit aufzuführen nicht unterläßt, die indeß unserem Geschlechte nur sehr selten eigen ist. Wir zeigen, daß in unserer Garderobe auch unmodische Anzüge sind, nicht um sie zu gebrauchen, sondern um sie zu haben; statt daß bei dem weiblichen Geschlechte Geduld das schönste Hauskleid ist, das ihm am besten steht. — Ist die Weibergeduld nicht im Stande, auch aus dem unfruchtbarsten Boden Keime herauszulocken? Kann der beharrliche Fleiß der Weiber nicht selbst dem Verkrüppelten, wo nicht eine schöne, so doch eine erträgliche Form geben, und, wenn nicht Künstler, so doch Kunstverwandte bilden? Der Vorwurf, den man den Weibern macht, daß sie Neuheit und Wechsel lieben, ist nicht ungerecht; aber nicht im Geschlechte, sondern im Druck, den wir veranlassen, liegt die Ursache davon. Das Ausdauern und Beharren ist gewiß weniger unsere als ihre Sache, wenn der Gegenstand es verdient. Wer kann Weibern jetzt ihre Flüchtigkeit übel deuten, wer ihrem Leben es verdenken, wenn es von ihm heißt: sie leben als flögen sie davon? — Wer? — In der That, es wären der moralischen Karrikaturen weit weniger, wenn wir uns entschließen könnten, dem weiblichen Geschlechte einen größeren Antheil an dem Unterricht und der Erziehung einzuräumen. Und wie? haben Weiber bloß den Grazien, ihren Freundinnen, geopfert? oder sind sie wirklich auch zum Allerheiligsten der Wissenschaften eingedrungen? In der That, sie wußten sich auch hier Eingänge zu eröffnen, Ehrenstellen zu erringen und sie mit Würde zu behaupten, ungeachtet aller Hindernisse, welche Vorurtheile, Herkommen und niedere Mißgunst ihren Talenten und ihrem Eifer in den Weg legten. Es wird nicht viele Wissenschaften geben, die unter ihren Eingeweiheten nicht einige Namen von Weibern zählen, welche sich mit ihnen beschäftigten, und zwar nicht bloß solche, die von der Oberfläche schöpften und zum Zeitvertreibe; nein solche, die ins Innere derselben mit Eifer und Anstrengung eindrangen, die von dieser Ambrosia der Wissenschaften nicht bloß kosteten, sondern mit dieser Seelenspeise sich sättigten bis zum Wohlgefallen. Freilich können Weiber jener inneren Freiheit des Geistes genießen, nach welcher sie ihren Kopf eigenbeliebig anzuwenden im Stande sind — Wir haben ihn indeß dem andern Geschlechte abgesprochen, und statuiren nur sein Herz, auf das wir Rechnung machen — als ob Eins ohne das andere etwas gölte! Und wenn Weiber sich auch über unser Criminalurtheil wegsetzen wollten und könnten; ist ihre selbstgewählte ruhige Geistesthätigkeit vermögend, reifere und schmackhaftere Früchte zu bringen, da wir die Barbarei haben, uns an ihren Blüthen zu vergreifen? — Was die Geistesfreiheit, die keine Geschäftsstörung verdirbt, bei den Weibern ausrichten könnte, wird durch den Schwall von Kunstwörtern und Kunstregeln erstickt, womit man von Männer-Seite sich wohlbedächtige Mühe giebt, die Weiber zu verwirren und verzagt zu machen, so daß sie ohne Noth ermatten und sich aufgeben — Jammer und Schade! Doch gab es einige, die den Faden nicht abrissen, die mit Standhaftigkeit sich entschlossen, zu beharren bis ans Ende; und unter diesen, welche die letzten Gelübde ablegten, fanden sich sogar solche, die sich zu Vorstehern und Lehrern im Tempel der Musen weihen ließen. — In dem bekannten Institut von Bologna lehret Laura Bassi die Physik, und hält ihre Vorlesungen in Lateinischer Sprache; und wie lange ist es, daß Signora Agnes von Mayland hier die Mathematik mit Beifall lehrte? Eben hier bilden Lilli und seine geschickte Gattin die Muskeln und Blutgefäße des Körpers, der Natur mit so vieltäuschender Wahrheit nach. Italien, dieses Land, das wechselsweise so viel Licht und Finsterniß über die Völker der Erde verbreitete, trägt kein Bedenken, Frauenzimmern Lehrstühle zu öffnen. Unlängst ward in Deutschland ein weiblicher Doktor kreirt (der Doktor Schlözerin); und würden wir wohl so zuverlässige und beträchtliche Neuigkeiten vom Firmament erhalten, wenn der unsterbliche Herschel von seiner ihm ähnlichen Schwester nicht so unermüdet in seinen Beobachtungen und Arbeiten unterstützt würde? Ärzte werden eben so krank wie Nichtärzte, und die größten Philosophen sind nicht nur oft unweise, sondern verlieren sich auch zuweilen so in Speculationen, daß sie nicht aus noch ein wissen —. Weiber sind sehr für innere Wahrheit; und wenn sie gleich jenes berühmte Ministerphlegma nicht besitzen, so wissen sie doch mit Kälte zu unterscheiden, was bloß trockne und was brauchbare Kenntniß ist. Wenn Salz und Laune fehlen, sind ihnen die reichstbesetzten Tische ein Greuel, und auf die Schauessen der Philosophen nehmen sie keine Einladung an. — Freund Montagne geht indeß zu weit, wenn ihn gelüstet zu behaupten: er habe zu seiner Zeit hundert Handwerker und hundert Bauern gesehen, die vernünftiger und glücklicher gelebt (auch gedacht?) hätten, als mancher Rektor auf einer Universität (Rektor! als wenn dieser das non plus ultra der Gelehrsamkeit wäre! Kästner, Kant und andere unserer ersten Köpfe sind Rektores, weil die Reihe sie trifft), und habe lieber jenen als diesem ähnlich seyn wollen. (Immerhin! verliert die Gelehrsamkeit dadurch, wenn einige ihrer Meister nicht Weisheitsbeflissene sind?) Hat der Rektor der großen Römischen Universität, Cicero, so ganz Unrecht, wenn er dem Studieren den Preis über Alles zuerkennt, was sonst beschäftigen kann und mag? Wie kann man mit größerem und bleibenderem Gewinne seine Zeit benutzen? Der Handarbeiter, sagt man, wendet sie an; der Gelehrte vertreibt sie. Ei, Lieber! müssen denn nicht Feldherren seyn, wo es Krieger giebt? müssen nicht Officiere überlegen, was gemeine Soldaten ausführen? — Durch tiefes Denken gewöhnen wir unsere Seele zu einer Art von Existenz außerhalb des Körpers; sie bereitet sich durch eine kleine Reise nach Rekahn zu einer Cookschen vor, durch einen Weg über Feld zu einem andern — der uns Allen bevorsteht. Wenn Cicero es nicht ungeneigt nehmen wollte, daß ich seinen guten Geist bei dieser Gelegenheit schon wieder citire; so sollt' es seinen Ausspruch gelten, daß das ganze Leben des denkenden Mannes eine Todesbetrachtung sei. — Darf bei diesen Umständen das schöne Geschlecht Bedenken tragen, mitunter gelehrt zu seyn —? Ist es aber im Stande Wissenschaften sich eigen zu machen, sie leicht und mit sichtbarem Nutzen Anderen beizubringen; wie könnt' es ihm denn wohl an den Talenten gebrechen, seine erworbenen Kenntnisse auf andere Weise dem Staate zum Besten in Anwendung zu bringen, sobald der Staat geruhete, den Bann allergnädigst aufzuheben, mit welchem ein barbarisches Vorurtheil es seit Jahrtausenden belegt hat! Hätten jene Ritter, die unter ihren Gelübden die Verpflichtung hatten, Damen zu schützen, ihre Grenzen weiter gesteckt; wie unendlich würdiger wär' ihr Beruf gewesen! Schade, daß diese treflichen Männer, welche, mit Ausschluß der irren unter den irrenden, die edelsten und klügsten ihres Zeitalters waren, nicht, anstatt Weiber zu schützen, sie über diesen Schutz erhoben! — Ist der Schleichhandel zu verkennen, der, aller jener Verbote ungeachtet, vom andern Geschlechte getrieben wird? oder ist nicht vielmehr der große Einfluß sichtbar, den das weibliche Geschlecht zu allen Zeiten auf alle bürgerliche und Staatsangelegenheiten behauptet hat? Wenn es auf große Plane ankam, die ausgeführt oder rückgängig gemacht werden sollten, waren es Weiber, welche die Hauptrolle übernahmen. Bei Weisen und Thoren, Regenten und Priestern, Staatsmännern und Mönchen waren sie wirklich geheime Räthe; sie gehörten jederzeit zum geheimen Ausschusse des Staatsrathes, dessen Dekrete das Plenum blos mit Curialien versah — und dem es Sekretariendienste erwies. — Und wem ist hier ein dirigirendes Weib, wär' es selbst eine Maitresse, nicht lieber als Leithämmel von Kammerdienern, Hofzwergen, Heiducken u. s. w., die ohnehin nur Substistuten ihrer Weiber oder ihrer Liebchen sind? Nicht bloß mit dem klingenden Spiel und den fliegenden Fahnen ihres Witzes, nicht bloß durch den vermittelst der Ideen-Association verstärkten Vortrag wissen Weiber sich Eingang zu verschaffen; ihr zur Beurtheilung geschmeidiger Verstand vermag Alles — Wie manchem Tyrannen von Minister, der mit den Thränen des Volkes sein Spiel, und mit Glück und Unglück der Menschen Handel trieb, der Alles drüber und drunter warf, wußten sie auf eine bessere Bahn zu lenken! Weiber halten den Faden, an dem die Cabinette geleitet werden: sie mischen die Karten, mit denen die Excellenzen spielen; und so wie neue Hindernisse neue unberechnete Kräfte erzeugen, so gelangten sie oft vermittelst ihrer Schwachheit zum höheren Grade der Stärke — Ein sanfter gemäßigter Charakter ist dem andern Geschlecht eigen — Die Natur verlieh ihm dazu große unverkennbare Anlagen, und nur bei wenig mehr philosophischem Nachdenken und Ausweichung der Verführung, würde das schöne Geschlecht uns eine gewisse edle unempfindliche Gleichgültigkeit gegen so Manches lehren, was uns jetzt so leicht außer uns setzt; und diese Gleichgültigkeit ist ohne allen Zweifel die Krone des diesseitigen Lebens. Hat die Natur nicht oft den Correggio an der Schönheit und Sittsamkeit übertroffen, womit er seine Frauenzimmer ausstattete? Woher nehmen Mahler ihre Engelgesichter? und was ist der Sanftmuth unmöglich — ob sie gleich sich zuweilen, auch rückwärts zum Ziele zu kommen, verbunden sieht? Welche scharfe Umrisse, welches lebendige Colorit geben die Weiber ihren Vorstellungen und den Charakteren, die sie darin verflechten! Gleich ihr erster Blick trifft das Ungewöhnliche bei jeder Sache, und da dies Ähnlichkeit mit dem Wunderbaren hat, an welchem die meisten Menschen so gern hangen bleiben — ist es Wunder, wenn sie oft selbst auf das tägliche Brot ein solches Licht fallen lassen, daß es feierlich wird? ist es Wunder, wenn sie das ländliche Mahl zur Würde eines hohen Festes erheben? Höhere Deutlichkeit und stärkendes Licht mit mehr Vergrößerung zu vereinigen, ist das Ziel, das sie mit so wenig Mühe und Aufwand erreichen, ob es gleich so überschwenglich wirkt — Das andere Geschlecht nimmt in der Regel für, das unsrige wider sich ein. Jenes ist gut, bis das Gegentheil bewiesen ist; — von uns heißt es: wir sind böse, bis man unser Gutes außer Zweifel gesetzt hat. Weiber haben einen Vor-, wir einen Nach- Geschmack — Jene Runzeln, die das Alter von der Weisheit, oder die Weisheit von dem Alter hat, schrecken weder ihren Witz noch ihren Verstand ab — und nichts, weder Verstand, noch Schönheit, noch Vermögen, macht sie schüchtern — Dem Verstande lauern sie sehr auf den Dienst, und finden bald zu ihrem Troste etwas an Lehr' und Leben der Herren Philosophen auszusetzen, worüber schwerlich etwas einzuwenden ist; und da sie geborne Naturalisten (im natürlichen Sinne) sind — wie leicht wird es ihnen, von Artisten ein Federchen abzulesen! Weit eher als wir, haben sie Anlage, zu dem von Vorurtheilen und Aberglauben befreieten Gebrauche der Vernunft zu gelangen — auf ein Haar wissen sie den gelahrten Weizen von der gelahrten Spreu zu unterscheiden — und den Shakespearschen Ausdruck zu deuten: »er redet eine Menge Nichts — zwei Weizenkörnlein versteckt er in zwei Bündlein Spreu.« Weiber sind dazu gemacht, den Philosophen, wenn er sich in den Spinneweben des Systems verlor, (wie ein bekannter Gelehrter sich in seinem eigenen Hause, das wohl gar ein Familienhaus und vom Großvater und Vater auf ihn gekommen war, verirrte) an Stell' und Ort zu bringen und zu orientiren; sie geben ihm, wie Ariadne, einen Faden in die Hand, und rufen Jedem zu, der Länge und Breite nicht unterscheidet, der das Ruder seiner selbst eingebüßt hat: Vous êtes orfèvre, Monsieur Josse! — Der Geist jener Philosophie, die der Übermenschlichkeit nicht wohl will, hat schon lange auf ihnen geruhet — Wer wußte es besser als sie, daß weder praktische noch theoretische Vernunft Überzeugungen, vom Daseyn intelligibler, unsinnlicher Gegenstände zu verschaffen im Stande ist, und daß wir uns in unvermeidliche Widersprüche verirren, wenn uns beide Vernunftarten unsinnliche Gegenstände feil halten. Weiber fühlen das Halbwahre von allem jenem, was so gern im Allgemeinen gesagt wird, und bestehen durchaus darauf, daß dergleichen Behauptungen individueller gemacht werden — Sie handeln nach nahe liegenden Motiven — Spieler, Schiffsleute und alle die durch Glücksfälle regiert werden, die Avantüriers nicht ausgenommen, sind zum Aberglauben geneigt — ist es Wunder, daß die Weiber es weniger als wir sind? — Die Schönheit bei einer Mannsperson gilt ihnen durchaus nichts; und wenn man den reichen Mann in Ehren hält, weil er, wenn er wollte, helfen könnte, so wissen sie wohl, daß er es nie wollen wird — Ihre unbefangene Seele findet überall Weg und Steg; und wer nur ein fleischern Herz hat — kann der ihrer Herzlichkeit widerstehen? Die Frau eines Lichthökers hatte kein Bedenken, an der armen Seele des David Hume ihr Heil zu versuchen. Hume konnte die Seelsorge, die sie für ihn hatte, nicht anders vom inneren Lichte abbringen, als daß er ihr versprach, sein äußeres Licht von ihr kaufen zu wollen. — Vom Philosophen Terraston sagte Madame de Lassay: nur ein Mann von Witz könne ein solcher Thor seyn; — und wär' es historisch richtig, daß Karl XII an den Senat geschrieben hätte: »ich will euch meinen Stiefel schicken, dem ihr gehorchen sollt;« so würden die Weiber der Herren Senatoren laut gelacht haben. — Was doch kluge Weiber von dem weltberühmten Processe des Ehrenmannes Hastings denken mögen, der für die Papiermüller allein schon so viele Sporteln abwirft! Nie konnten sie sich des Lachens oder des Weinens über die jetzt sanft und selig entschlafende Pariser Policei enthalten, welche weiland Farcen und unmenschliche Trauerspiele unter den Scheine der Wachsamkeit und Obhut aufführte — Wie war es möglich, in, mit, und unter dieser elenden Policei sich Ausnahmen von der Wahrscheinlichkeit der menschlichen Wachsamkeit zu denken! »Hier sind wir alle entweder Fürsten oder Dichter,« sagte Voltaire, als er sich bei einem Fürsten zu Tische setzte; und das ist der eigentliche Ton eines Weibes — Sie sind nicht für Gemähldeausstellungen, wo denn doch auch gegen Einen Kenner zehn Schuster sich einfinden, die über den Leisten gehen; sie wirken zwar im Stillen, doch wirken sie am liebsten ins Allgemeine, wie die Natur, ihre Schutzgöttin — Oder kann man dies etwa nicht anders, als wenn man Kanzeln und Rednerstühle ersteigt? In der allgemeinen und sichtbaren Kirche giebt es Lehrerinnen, so wie Lehrer, ohne daß beide examinirt und ordinirt sind —

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