V. Verbesserungs-Vorschläge. (continued 2)
Reading edition
Es ist dem andern Geschlecht eine schonende Gutmüthigkeit im historischen Urtheil eigen; doch verstehen es Weiber, ein Faktum, so wie einen Menschen, (immerhin so verwickelt als möglich) aufzulösen, und zu concentriren. Auch können sie jenen Totaleindruck, den Faktum und Mensch auf sie machen, Andern mittheilen, welches uns schwerer wird. — Glückseligkeit ist, so wie Wahrheit und Gottheit, eine Einheit; diese Einheit in Allem herauszubringen, ist eine hohe Weisheit, und, wir wollen gerecht seyn — sie ist den Weibern eigen. Bei uns wird oft eine Sache, die auch anders scheinen kann, die diesem oder jenem Sonderlinge wirklich anders vorkam, gleich zum Gegenstände eines gelehrten Streites. Da haben wir denn eine extrafeine Geschicklichkeit, die Zweifelsgründe bald zu verstecken, bald wieder sichtbar zu machen, ihrer Größe eine Elle zuzugeben oder abzunehmen, und die Entscheidungsgründe mit denselben so abzuwägen, daß, wenn gleich, besonders bei dem Faktum, die beiderseitigen Wahrscheinlichkeiten einander ziemlich gleich sind, doch die Schale, je nachdem wir wollen, steigen oder sinken muß. — Das andere Geschlecht liebt keine Spielgefechte mit einer langen Linie aufgestellter und überwundener Argumente — Eins ist ihm Noth. Nie wird es das Publicum mit Sophismen äffen: es verliebt sich bei weitem so leicht nicht wie wir in eine Idee, die im Grunde keinen Gegenstand hat; allein es fürchtet auch dergleichen Gespensterideen weniger als wir — Gelehrte und witzige Leute, (Gelehrte in dem Sinne der gelernten Gelehrsamkeit genommen) blind verliebt in den Gegenstand, dem sie nachjagen, verargen sich auf diesem Wege kleine Unrichtigkeiten nicht — Alle Menschen sind Lügner, heißt es in der Schrift; Weiber sind hier wachsamer und peinlicher. — Man sagt: starke Wahrheiten wären nur für gute Köpfe, (so wie starke Getränke nur für ächt nervige Menschen sind;) schwache würden schwindelig — Man mache mit Weibern den Versuch, und wir werden finden, daß es keine Wahrheit giebt, die ihr Kopf nicht ertragen könnte; sie wollen so weit wie möglich — Wir glauben zu leicht, daß unser Plan regelmäßig organisirt sey; die Weiber sind leichtgläubiger bei der Ausführung — Sie fürchten nichts Hohes, nichts Niedriges, nichts was Unwissenheit oder Gelehrsamkeit, Witz und Unwitz, Verstand und Unverstand vermögen; wäre ihnen die ausübende Gewalt anvertrauet — sie würden sicher mehr leisten als wir, und, wenn sie sänken, es wie der sterbende Sokrates machen, der, als er seine Füße durch Gift schon in Leichnam verwandelt fühlte, sie streichelte und mit lachender Stirne sagte: so nahe gränzen Vergnügen und Schmerz an einander; — oder wie Seneca, der Wasser mit seinem Blute vermischt, Jupiter dem Befreier weihete. Ach, wie oft, wenn mich so mancher Dienst-Nero bis aufs Blut verfolgte und die Wuth blödsinniger Tyrannen mir zwar nicht die Ader öffnen ließ, wohl aber mir weit härter fiel, stärkte mich dieses Weihwasser, und das Elogium Jupiter dem Befreier! — Beweis von der Freudigkeit im Tode der Weiber? Beweis! Seht Männer und Weiber sterben. Ist Philosophiren sich zum Tode vorbereiten, so sind die Weiber große Philosophen; und in Wahrheit, sie sind es unendlich praktischer als wir. Zwar sagt man: studieren sei sterben lernen, weil man seinen Geist dem Körper entzieht, ihn über den Körper erhebt; allein Weiber haben diese Kunstgriffe nicht nöthig, um den Tod zu hintergehen und ihm das Schwert aus der Hand zu schlagen — Warum Fechterkünste? Den Tod so ganz wie er da ist verachten, ist Weisheit; ihn durch Stratageme hintergehen, scheint Weisheit zu seyn. Kein einziger zieht ein anderes Loos; wir sind Alle zum Tode verurtheilt — nicht aber als Kriminalverbrecher, sondern als Menschen. — Käme es auf Weiber an, sie würden selten den Ärzten ihr Lebens- und Todesurtheil anvertrauen, und sich von ihnen das Leben absprechen lassen — Mißtrauisch gegen die Kunst Galens, haben sie Alle eine Neigung, sich, wenn ja noch etwas seyn soll, einem Unzünftigen anzuvertrauen. Ich muß und ich will, ist ihnen fast einerlei; — und soll es auch nicht also seyn? Jene Grundsätze einer bekannten Sekte: entweder Vernunft oder Strick — entweder sich ins Leben schicken oder es verlassen, sind den Weibern wie angeboren. Nur der kann frei leben, sagte ein Weiser des Alterthums, der den Tod zu verachten weiß. Wie viele Freiheitsanlagen sind den Weibern bei ihrer Todesgleichgültigkeit eigen! Sollte man sie etwa eben dieser Anlagen halben so sorgfältig von der Freiheit entfernen? Nur der, welcher mehr auf sich selbst als auf die Freiheit hält, besitzt eine Sklavenseele, und ist unwerth der Freiheit. Sind die Weiber in diesem Falle? — Wenn die Weisheit verdrießlich macht, wer wird Lust und Liebe zu ihr haben? Dies Leben ist ein Geschenk; laßt uns jeden Tag als eine Zugabe ansehen, auf die man nicht zu rechnen im Stande war — »Was heute geschehen kann, muß man nicht auf morgen aussetzen;« so denken Weiber; und allerdings tragen ihre körperliche Schwächlichkeit, die Einschränkung ihrer Freiheit diesseits des Grabes, und das Verhältniß, das ihnen nicht das Schicksal sondern die Männer zumaßen, zu ihrer Lebensgleichgültigkeit bei. Vorzüglich aber bewirken sie jene größeren Leiden, welche die Natur ihnen als Menschen auferlegte, wogegen die Mannspersonen, zu einiger Entschädigung, sich größere bürgerliche Lasten aufgebürdet zu haben scheinen — »Viel Glück, Diogenes!« sagte der Philosoph Speusippus, der wassersüchtig war und sich tragen ließ. »Wenig Glück!« antwortete Diogenes, »da du das Leben in einem solchen Zustande ertragen kannst.« — So selten indeß weibliche Thränen Murren und Unwillen anzeigen, und so oft sie ein leise gewagtes sanftes Sehnen nach mehr bürgerlicher Freiheit sind; so hilft allerdings auch der Überdruß eines Lebens, das kaum diesen Namen verdiente, ihren freudigen Weg zum Grabe ebnen. Daß es in der andern Welt gewiß nicht schlechter für sie seyn könne, ist die Nativität, die sie sich bei ihrem Ausgange aus dieser Welt (wahrlich für sie einem Jammerthale) mit vieler Gewißheit stellen — Der Tod ist ihr Jupiter der Befreier — Sie schaffen sich eine andere Welt, wo Gerechtigkeit wohnt — wo sie auf Rosen unter einem heiteren Himmel wandeln — ein elisisches Idyllenleben —! Sanfte rührende Schwermuth und leise Schwärmerei helfen ihnen die Welt und sich überwinden — und des Lebens und des Todes Bitterkeit verschmelzen — Seht Weiber sterben! wie ruhig! sie sterben in der Regel alle philosophisch. Wenn dieser Fall sich bei unserm Geschlecht ereignet, welch ein Geschrei wird über diese Resignation erhoben! Der Natur, der die Weiber leben, sterben sie auch; sie scheint ihnen die Hand zu bieten, um ihnen überzuhelfen — Die Weiber wollen nicht täglich sterben, sie wollen nicht Augenzeugen von den zu merklichen Verlusten seyn, die man, je länger man lebt, je mehr in Hinsicht des Lebens macht; haben sie ein hohes Alter erreicht, so kennen sie die Beschwerden des Lebens noch genauer, und der Tod hat keine Gelegenheit, ihnen hart zu fallen, wenn er auch wollte. Sokrates erwiederte denen, die ihm die Nachricht brachten, daß man ihm zum Tode verurtheilt habe: die Natur hat dieses Urtheil auch über meine Richter publicirt — Das Leben giebt den Tod, der Tod giebt das Leben — Nicht nur wer im Schweiße seines Angesichts, sondern auch wer im vollen Maße des Vergnügens seinen Lebenstag vollbracht hat, ist gern schläfrig — Wäre der Schlaf nicht der ältere Bruder des Todes, es würde sich nicht so leicht sterben lassen; jetzt aber schlafen wir nur auf länger ein, als gewöhnlich — Warum etwas fürchten, was Allen bevorsteht, etwas dem Niemand entgeht, und nähm' er Flügel der Morgenröthe, um an das äußerste Ende der Erde und des Meeres zu fliehen! — Wenn Männer die Kunst zu sterben lernen; so lernen Weiber die Natur des Todes: ihr Herz erschrickt nicht, und fürchtet sich nicht — Will man mit dem Tode zu seinem Troste bekannt werden, so muß man Weiber und nicht Männer im Sterben beobachten — Gewiß stirbt man im Kriege leichter, als auf seinem gewöhnlichen Lager; allein der Tod in der Schlacht hat bei weitem nicht so viel Lehrreiches, wie der Tod einer Wöchnerin in dem Feldzuge, den die Natur ihr anwies — Wie schön ist hier der Tod, der Tod fürs Vaterland! Ich muß abbrechen; sonst würde ich zu sehr verrathen, daß ich in Hinsicht des Todes nur ein Mann bin. Zwei Freundinnen, mit denen mich die Natur so nahe verband, starben diesen Muttertod — »Es kommt auf die Kleider an, die man dem Tode anzieht,« sagte * * * — Du hattest recht, Liebe — Dein Tod war leicht, froh, muthig angezogen — — — So sterben Weiber; und wie leben sie? Männer thun, was sie thun, mehr aus Temperament, als aus Grundsätzen: von Umständen hangen sie ab, und lassen sich von ihnen, wie Schiffe die Mast und Ruder verloren vom Winde, hin und her treiben — Aus Noth, aus Trägheit, aus Bedürfniß handeln sie. Sie sind im Grunde weit furchtsamer als die Weiber; — es scheint nur anders. Immer verbinden sie sich mit andern Männern, und nennen oft (o der Entheiligung des Namens!) Freundschaft, was Furchtsamkeit heißen sollte. Freundschaft! wo ist eine reine? wie selten gewinnt man, ohne daß ein Anderer verliert! — Handlungen leiden keine Freundschaft, und nur mit Worten scheint sie sich behelfen zu sollen — Durch Mißwachs gewinnt der Landmann; durch Verschwendung und Üppigkeit der Kaufmann; durch Zank, Hader und Streit der Richter; durch Neid und Haß der Geistliche. — »Ein jeder Mensch hat seinen Preis, für den er sich weggiebt,« ist die Behauptung eines Engländers, eines Mannes aus einem Volke, das noch einen Werth auf sich zu legen versteht — Und wenn es wahr ist, was einer der Alten behauptet, »daß ein Arzt es ungern sieht, wenn seine Freunde gesund sind, und ein Soldat, wenn sein Vaterland Frieden hat;« wenn der Untergang des Einen Dinges die Schöpfung des andern ist: wo wird reine Freundschaft seyn? Freundschaft, die allen Graden der Versuchung gewachsen, die auch gegen eine Welt nicht feil ist —! Von einem Freunde muß es, wie von Voltaire'n, heißen: Sein Geist ist überall, sein Herz ist hier (im Hause des Herrn von Villette, dessen Gemahlin Voltaire'ns Pflegetochter war). Freundschaft ist ein geschliffener Stahl, dem schon ein feuchter Hauch den Rost zuzieht. — Nie kann ich auf die großen Worte Tod und Freundschaft stoßen, ohne daß mein Herz sich ausschüttet — und sollte mir diese Wiederholungen nicht jedes in meiner Lesewelt verzeihen, das auch ein Herz für Freundschaft hat, und das — sterblich ist? — Freundschaft ist Leben; denn ohne sie hat die menschliche Existenz keinen Werth. Ich habe meine Schrift überhaupt durch die Bemerkung vorgeleitet, daß, da ich für die Freiheit schreibe, ich mich nicht selbst binden werde. Lehre und Leben müssen sich in die Hand arbeiten; und darf ich wohl im Münzverstande meine Schrift legiren —? genug, wenn ich mich geleitlich halte — und darüber wird hoffentlich kein geierlicher Zoll- und Accisebedienter, kein Freund und Feind, mit Grunde Rechtens Beschwerde erheben können. — Freundschaft war die Losung, und dieses herrliche Wort verdient, daß wir Platz nehmen. — Die Frage: wie leben Weiber? kann bei dieser Abschweifung nichts verlieren. Laßt Könige licitiren: die Freundschaft ist nicht verkäuflich; — und eine solche Freundschaft, die, wenn sie gleich nicht zu den sieben Wunderwerken, so doch zu den Seltenheiten der moralischen Welt gehört, würde sich häufiger ereignen, wenn auch das andere Geschlecht bei ihren Altären zu Ablegung der Gelübde zugelassen würde, die gemeiniglich mit der Grundregel anfangen, seinen Freund so behutsam zu behandeln, daß er, uns unbeschadet, auch unser Feind werden kann. Jene Einschränkung des Zutrauens und der wechselseitigen Herzensergießung, jene Mäßigung in Entdeckung unserer geheimen Beschwerden, hebt das, was Freundschaft ist, auf, und macht dagegen einen gewissen Schein gäng und gebe, der immer als Weltklugheitsmaxime Dienste leisten mag, der aber den Altar der Freundschaft entheiligt. Unsere gegenwärtigen Freundschaften sind gemeiniglich nichts mehr und nichts weniger, als gemeinschaftlich geschlossene Connivenz, wo beide Theile im Gewinn sind; und so wie die Bescheidenheit das Verlangen ist, feiner gelobt werden zu wollen: so ist die Freundschaft ein Bund, desto reiner zu gewinnen. Heißt nicht schon der unser Freund, welcher nicht unser erklärter Feind ist? Die Kaufleute nennen die: Freunde, mit denen sie in Handlungsverkehr stehen, wo es also Provision zu berechnen giebt; und so wie der schon für gut gilt, der ein böser Mensch von der allgemeinen Art ist: so gilt der schon für unsren Freund, der ein Menschenfreund, ein Mensch von keinem schlechten Herzen ist, der uns nicht verräth und verkauft, oder der uns zu verrathen oder zu verkaufen keine Gelegenheit gefunden hat. Unser Geschlecht ist zu glücklich, als daß wir ächte Freunde der Weiber seyn sollten; und zu unserer Freundschaft gegen einander, auf die wir so stolz thun, haben die Weiber nicht das mindeste Zutrauen — Können wir (wie kann es nach der Weiberlogik füglich anders lauten?) wohl mit Freundschaften aus der Tasche spielen und mit Aufopferungen prahlen, da wir uns nicht einmal herabzulassen vermögen, den Weibern Gerechtigkeit zu erweisen? Überhaupt ist selbst unser Leben nur halb, da wir die Weiber nicht zu leben berechtigen; und wie leben sie denn?
Ob sie gleich heut zu Tage noch zu sehr der Sinnlichkeit fröhnen, woran sie weniger Schuld sind, als unsere Härte; obgleich noch bei weitem nicht an ihnen erschienen ist, was sie seyn können und seyn werden: so zeigen sie doch bei so vieler Gelegenheit eine Selbstbeständigkeit, eine Fassung, die uns so oft beschämt. — Ihre Ausschweifungen, die wir so schrecklich vergrößern, entstehen mehr aus Befriedigung der Eitelkeit als der Begierde. Sie haben keine andere Olympische Bahn, als Männer zu fahen; man öffne ihnen andere, und sie werden Wunder thun. Das Promemoria, welches jener Kaufmann in sein Denkbuch trug: »Ja nicht zu vergessen, mich in Hamburg zu verheirathen!« ist ins Herz der Frauenzimmer verzeichnet — Darum das Werben ihrer Augen — Gemeiniglich haben sie hierbei keine Absicht; sie treiben das Mienenspiel der Mode halben, und weil keine kluge Mannsperson daraus etwas zu schließen wagt. Montagne sagt: jungen Gelehrten geht es wie den Kornähren; so lange sie leer sind, richten sie ihre Spitzen gerad' und keck empor: kommen aber ihre Körner zur Reife, so lassen sie ihr Haupt sinken. — Warum wollen wir die Weiber wegen ihrer Mienen so scharf richten, und Eitelkeit, Koketterie und Wollust für einerlei halten? Man lacht über jene Dame, in deren Gegenwart man die schwarzen Augen ihrer Nachbarin lobte, und die sehr schnell erwiederte: »jetzt trägt man keine schwarzen Augen mehr;« sind wir aber nicht die, welche das andere Geschlecht zu solchen Antworten verleiten? befördern wir nicht unserer Eitelkeit halben die ihrige? Laßt die Weiber zu Kräften kommen, und ihr werdet sehen, daß sie im lauten Geheul der Stürme, wo Männer sich nur selten ein geneigtes Gehör zu verschaffen wissen, bei den schrecklichen Wogen des empörten Meeres, sich finden, und dem Meere und dem Winde Silentium gebieten werden. Wenn man zur Zeit der sanften Ruhe erlernt und überdenkt, was man zur Zeit der Schiffbruchsgefahr anwenden will, so bleibt es zwar nicht unrühmlich, in der Zeit zu sammeln, um in der Noth zu haben; wenn aber Weiber selbst in diesem Ungewitter Entschlüsse zu fassen verständen; wenn sie kein Lexicon zusammengetragener Regeln aufschlagen dürften, die ohnehin nie ganz auf einen einzelnen Fall passen? — wenn —? Doch, laßt uns erwägen, nicht was dieser Wallfisch des menschlichen Geschlechtes werden wird, wenn ihm nicht mehr Tönnchen zum Spielen zugeworfen werden, sondern was er selbst in seiner jetzigen so traurigen Lage war und ist! Als Sokrates von der Gottheit zum Weisen erhoben und ihm das Diplom hierüber wegen seines Wohlverhaltens ertheilt ward, maß er sich mit vielen seiner Zeitgenossen, und fand, daß Andere diese Würde, wo nicht mehr, so doch eben so gut verdienten, wie Seine Wohlweisheit — Endlich überzeugte er sich, daß diese Würde, bloß weil er sich nicht für weise hielte, ihm auf Allerhöchsten Göttlichen Special-Befehl wäre zuerkannt worden — Kann der, welcher Aufsehen macht, weise seyn? hat der, bei der rastlosen Bemühung sein Ansehen zu schützen und den Neid zu entkräften, Zeit und Raum zur Weisheit? Ob den Weibern wirklich die Bescheidenheit bei ihren Handlungen eigen ist? Die Erfahrung überhebt mich der Antwort. Ob Weiber wirklich gehandelt haben? O, der beleidigenden Frage! — —
Ohne eine Isabelle wäre America vielleicht noch nicht entdeckt worden, vielleicht nicht durch Columbus, oder doch erst spät, und auf einem entgegengesetzten Wege. Ferdinand hatte nicht Muth und Entschlossenheit, einem so kühnen Unternehmen seinen Nahmen zu leihen, und seinen Schatz zu öffnen. Würde Cicero ohne die Fulvia die Verschwörung des Catilina entdeckt, und den Namen eines Erhalters des Römischen Staates gewonnen haben? Karl V verdankte es bloß dem Einfluß eines Weibes, daß seine Donquixotterien einen besseren Ausgang hatten, als sie verdienten. Und warum eine größere Aufzählung solcher Begebenheiten, an denen Weiber nicht bloß Antheil nahmen, sondern die durch sie entstanden, durch sie geleitet und ausgeführt wurden, wo sie nicht bloß untergeordnete Dienste leisteten, sondern der Geist waren, der über den Wassern schwebte, die Seele, die den Gang der Begebenheiten ordnete und lenkte! —
Frankreich ist seit zweihundert Jahren durch Weiber regiert worden; ob gut oder schlecht, ist ein Umstand, auf den es hier nicht ankommt. Daß es schlecht regiert ward, ist nicht die Schuld der Weiber überhaupt, sondern jener Weiber, die listig, verwegen und ehrsüchtig genug waren, die Zügel des Staates den schwachen Händen zu entwinden, denen das blinde Glück sie anvertrauet hatte, oder die in anderen Rücksichten aufgestellt wurden, und die dann, neben dem schwereren Geschäfte die lange Weile von einem müßigen Monarchen zu verscheuchen, auf den Einfall kamen, das ungleich leichtere Geschäft der Staatsverwaltung zu übernehmen.
Seitdem Semiramis mit rascher entschlossener Hand das Zepter ergriff, und es mit so vieler Würde als Weisheit führte, haben viele Weiber, und unter diesen mehrere welche die Geburt nicht für ein Diadem bestimmte, den Herrschertitel mit Ehren getragen. Giebt es nicht Länder, die in ihren Regentenlisten eben so viele berühmte Namen des einen als des anderen Geschlechtes aufführen? Wenn das Cabinet außer der Ritterin d'Eon keinen weiblichen Geschäftsträger aufzuweisen hat; sollte dies wohl die Unfähigkeit des anderen Geschlechtes beweisen? Bei Allem, was durch Vernunft erklügelt, durch Dreistigkeit errungen, durch Witz erhascht, durch Gutmüthigkeit erreicht werden kann, wird die schöne Welt nicht zurückbleiben; — und wenn feile Seelen allen Triebfedern dienstbar sind, werden Weiber nie vergessen, was anständig ist — welches da, wo der Anstand sich das Ansehen giebt am höchsten getrieben zu seyn, oft schnöde vergessen wird. Lord Chesterfield soll bei einer Assemblee auf Voltaire'ns Frage: halten Sie die Englischen oder die französischen Damen für schöner? geantwortet haben: ich verstehe mich nicht auf Gemälde; und doch wüßt' ich keinen Hofmann, der sich so zu schminken verstanden hätte, wie dieser Mann, der unter den Lords den Gelehrten, und unter den Gelehrten den Lord machte. Wer le fin du fin in dem diplomatischen Fache kennt und übt, richtet auf diesem Wege oft am wenigsten aus — Adler fangen nicht Fliegen, und der Prätor setzt sich über kleinfügige Subtilitäten hinweg — Der weibliche Vortrag ist gemeiniglich mit dem was vorgetragen wird, aus Einem Hause; diese Zwei sind Eins, und nie oder selten findet hier eine Mésalliance Statt, welches aber zwischen dem männlichen Vortrage und der vorzutragenden Sache sehr oft der Fall ist — Wüßten wir, was in Cabinetten durch Weiber geschehen ist: wir würden über die interessantesten aller Spiele, die Täuschung der Imagination, erstaunen, wodurch Weiber zu ihrem Zwecke kamen; wir würden die Kunst bewundern, mit welcher ein Weib oft den Faden einer Begebenheit anspann, den sie durch alle Schleichwege der Intrigue glücklich bis zum Ziel hinausführte. Eigentlich scheinen sie jener Künste, worauf die Politik heut zu Tage stolz thut, sich bloß darum zu bedienen, daß die Männer mit gleicher Münze bezahlen können; im Grunde sind sie von Natur aus, weniger, als wir mit jenen Schlangenwindungen der Zweideutigkeit, mit jener politischen Falschheit ausgerüstet, die nach den Regeln der jetzigen Kunst im Finstern schleicht; und es ist von ihrem Verstande und von ihrem Herzen zu erwarten, daß sie die Politik säubern, und ihr zum Besten der Menschheit mehr Natur und Wahrheit beiordnen werden. Mit dem Talent, die heimlichsten Gedanken eines Andern auszuspähen, und sie in den verborgensten Winkeln zu ertappen, werden sie den schlauesten Diplomatiker überlisten, ohne daß es Sr. Excellenz gelingt, ihnen ihr Geheimniß zu entwenden; und obgleich der Wille der Principal-Excellenz, wie ein Taglöhner, oft dem liederlichsten Weibe verkauft wird: so wird doch auch der Feinste von den Feinen vergebens sie verleiten, ihren Fuß an einen Stein zu stoßen — Nicht bloß die verliebte Schäferin, sondern auch der Hofmann verbirgt sich im Gesträuch; allein beide lassen sich zuvor sehen — Die Kunst vermehrt oft die Schmerzen des Kranken, und es giebt eine verkünstelte Kunst die in's Abderitische fällt, wodurch unser Geschlecht in der Diplomatik Glück machen will — Wir verfehlen nicht, dem Erzengel Michael und dem Drachen eine Kerze zu widmen — Warum doch so viele Künste! — Werden Weiber aber bei diesem Geschäfte den ihnen eigenen Edelmuth aufgeben? jene aus Menschenliebe abstammende Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung? werden sie je bei der ihnen eigenen Kunst Menschen zu vernehmen und zu erforschen, aufhören, großmüthig zu seyn und sich selbst zu besiegen? Nimmermehr! Schwache Männer pflegen gern boshaften Menschen ihr Zutrauen zu schenken, schwache Weiber dagegen sich edlen Menschen zu überlassen: Weiber hassen Verrätherei und den Verräther; wir nur, wenn's köstlich ist, den Verräther: wir sehen es gern, wenn dergleichen Leute viel bringen, und geben uns nur Mühe, daß sie wenig oder nichts mitnehmen — Weiber, weit hinweg über jene politischen Tiraden, über jene politischen Metaphern und jenen politischen Salto mortale, wählen die Natur zu ihrer Lehrerin, und richten mehr aus, als Excellenzen durch abgenutzte, verrathene und verkaufte Kniffe, die den beschrieenen Namen Künste bei weitem noch nicht einmal verdienen —! Können Weiber nicht zeigen und verbergen, was sie wollen? Haben sie nicht eine Offenheit, durch die sie mehr, als durch Zurückhaltung, ausrichten? eine unvergleichliche Biegsamkeit der Gedanken, eine Helle im Ausdruck, eine Geschmeidigkeit im Urtheil —? Ihr Mienenspiel, ihr Glück und ihr Verdienst, mit geringen Hülfsmitteln die größten Wirkungen zu bewerkstelligen — ihre Kunst, jedem einen Spiegel vorzuhalten, worin er sieht, was sie wollen; ihre gelenkige Zunge, wodurch sie ihren Ideen eine Macht beilegen, die Alles überwindet: — dies sind Eigenschaften, wodurch sie alles ausrichten. Man nimmt nur die Wirkung an sich wahr, und sieht sich vergebens nach den Ursachen um, welche die Weiber sehr künstlich zu verstecken wissen. Schon im gemeinen Leben verwickeln sie mit ihrem Witze alle Charaktere der Gesellschaft auf eine so angenehme Art, daß man diese ihre Leichtigkeit bewundern muß. Indem sie der Ausdruck zu verlassen scheint, indem sie ihn aufgeben, finden sie eine überschwengliche Sprache: sie belauschen kleine Ideen, die der, den sie gewinnen wollen, fallen läßt; — sie wissen auf ein Haar seine Leibgerichte, seine Neigungen, seine Stärke, seine Schwäche; und besitzen die große Gabe, von Glück und Unglück Gebrauch zu machen — wie bewunderungswürdig! — Unser Geschlecht verstehet es selten, aus dem Glück, und fast nie, aus dem Unglück Vortheil zu ziehen und glücklich durch Unglück zu seyn. —
Der Mangel der Verschwiegenheit, den man dem andern Geschlechte so oft zur Last legt, ist nur eine Unart des weiblichen Pöbels; und der männliche Pöbel macht in dieser Hinsicht so wenig eine Ausnahme, daß er fast schwatzhafter zu seyn scheinet. Weil die Weiber viel reden, hat man sie der Unverschwiegenheit beschuldiget; allein unser Geschlecht verdient diesen Vorwurf unendlich mehr; — wenn es voll süßen Weins oder verliebt ist, fast immer, und auch oft dann, wenn es sich weder durch Liebe noch durch Wein erhitzt hat — Nichts kann Manchen zurückhalten, sogar seine selbsteigene Schande zu entdecken — Kein Soldat kann so begeistert von seinen Siegen erzählen, wie ein Zierling (Élégant) von den seinigen. Hat man nicht Mirabeau, dem goldenen Munde neuester Zeit, den Vorwurf gemacht, daß er nichts verschweigen können? Jene Weigerung guter Menschen, Alles hören zu wollen, nur keine Geheimnisse, beweiset, daß wenige Menschen zu solchen Depositis sich Treue genug zutrauen. Viele unseres Geschlechtes haben so viel selbsteigene Geheimnisse zu bewahren, daß sie sich mit fremden Depositis nicht füglich befassen können; viele sind niedrig genug, Depositen-Gebühren auf eine unverschämte Weise zu verlangen — Wer sich selbst nicht treu ist, und seine eigenen Unthaten unter die Leute zu bringen für unbedenklich hält, glaubt sich, wo nicht rechtfertigen, so doch entschuldigen zu können, wenn er seinen Herrn oder seinen Freund verräth! — Männer sind so fein sich zu überreden, daß sie zum Heil und Frommen eines besseren Menschen das Beichtsiegel brechen können, das auf die Geständnisse eines minder guten schon gedrückt war! — Mancher Richter macht sich kein Gewissen, unter Versicherung des Nichtgebrauchs, Bekenntnisse herauszulocken. »Hat denn,« fragt er, »der Staat nicht mehr Recht auf mich, als meine Verbindlichkeit?« Du irrest, Verräther! der Tugend stehet das größere Recht zu. Die Pflichten gegen das Vaterland heben bei weitem nicht alle anderen Pflichten auf, und ein Bürger muß nie aufhören ein Mensch zu bleiben. Im Kriege selbst darf man den Vorzug nicht aufgeben, ein Freund seines Freundes zu seyn! Auch haben die Männer ein verrätherisches Schweigen, ein Achselziehen im Gebrauch, die Weise ein halbes Wort zu sagen, den ersten Buchstaben anzugeben — Diese Judas-Verrätherei durch einen Kuß, dieses plauderhafte Stillschweigen, läßt das andere Geschlecht sich gar nicht zu Schulden kommen — Man rede nicht von der Unverschwiegenheit der Weiber! — —
Noch weniger aber sollte den Weibern untersagt seyn, an der inneren Staatsverwaltung und Staatshaushaltung Theil zu nehmen, da ihnen gegenwärtig schon im Ganzen die Verwaltung ihres eigenen Hauswesens anvertrauet ist, und sie bei diesem, ihnen zugefallenen Pflichtteile, selbst nach dem Zeugnisse der Männer, sich rühmlichst verhalten. Gewiß hätten wir alsdann weniger Tyrannen, die auf festem Grund und Boden Schiffbrüchige mit Lust arbeiten sehen, oder die des Spaßes wegen solchen, die mit den Fluthen ringen, unter Pauken- und Trompeten-Schall vermittelst einer heilsamen Verordnung Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die hier jeden Bissen finanzmäßig zuschneiden, und dort den Schweiß und das Blut der Unterthanen ohne Maß und Ziel verschwenden; — die sich Mühe geben, dem gemeinen Manne das Huhn aus dem Topfe herauszurechnen, welches Heinrich IV ihm alle Sonntage in den Topf hineinzurechnen Königliche Sorge trug; — die ihre Administration, wie elende Feldherren ihre Einnahmen, mit Plünderungen anfangen, und, um sich aus dem Gerede über neue Plackerei zu bringen, Redouten und Bälle, Diners und Soupers geben, und es wie weiland Alcibiades machen, der seinem schönen Hunde Ohren und Schwanz abschnitt — — Wir hätten alsdann weniger Großprahler und Meister, die gleich vom Himmel fallen, ob sie schon entweder Colporteurs von alten abgetragenen Meinungen sind, welche sie wie ein Bettelkleid mit einem Flick von Sammet bereichern, oder aber (trotz jenem Ober-Chirurgus, der sich dienst- und kunsteifrig dahin ausließ: hinter die Krankheit muß ich kommen, wenn auch das ganze Regiment darauf ginge!) eine neue verzweifelte Kur nach der andern probiren — und das Alles? um reiche Arme und arme Reiche zu machen — O, wie viele hochgepriesene Schwachköpfe giebt es, die Einen Stand auf Rechnung des andern in verhältnißwidrigen Cours bringen, damit der eine durch Übermuth, und der andere durch Hungersnoth verderbe! wie viele, die nichts im Ganzen übersehen können, und denen es ein leichtes dünkt, aus Deutschen Franzosen, und aus Pohlen Holländer zu fabriciren —! wie viele Finanzblitzer, deren Aufblitz nur dazu dient, daß man das Schreckliche der Verderbensnacht mit Schauder erblicke! — Diese Herren sollten die Ermahnung jenes Weisen an einen Frevler beherzigen, der bei einem gefährlichen Ungewitter die Götter bestürmte: — sich still zu halten, damit die Götter nicht wüßten, daß er hier wäre. — Nehmt das Triumvirat unserer außerordentlichen Minister, des Grafen Struensee, Pombals, Neckers; — und das sollte kein Weib thun, was diese Excellenzen thaten?
Wer dem weiblichen Geschlechte die Fähigkeit abspricht, das Ganze zu übersehen, Anordnungen für Königreiche zu treffen, sie im Großen auszuführen, weit aussehende Plane zu umfassen, und kurz, ihre Begriffe bis zum Allgemeinen zu erheben, der verräth wenig Weltkenntniß, und schließt von den Geschäftendes Detail — denn größtentheils werden bloß diese den Weibern jetzt anvertrauet — auf ihre Fähigkeit. Und wie? soll es denn bei diesen Geschäften nicht auch subalterne Köpfe geben, da Arbeiten dieser Art bei unsern jetzigen Einrichtungen überall existiren? Wo es Feste oder Erhöhungen gewisser Tage des gemeinen Lebens giebt, da müssen auch Werktage seyn — Nur alle sieben Tage ist ein Sonntag — Weihungen gewisser Lebens-Momente zu einem vorzüglichen Lebensgenusse setzen auch gewöhnliche Tage voraus. Und sind wir denn lauter Sonntagskinder? — Bewunderungswürdig ist das Talent zu rechnen selbst bei gemeinen Weibern, ob sie gleich sich über unsere Rechnungsmethode wegsetzen, und oft ihre eigene Arithmetik auch alsdann noch beibehalten, wenn sie nach der gewöhnlichen Schulmethode zu den Geheimnissen der Zahlen zugelassen worden sind. Ihre Kanzelei ist mir, bei aller ihrer Unregelmäßigkeit, schätzbar, wenn gleich Keuschheits-Procuratoren noch nicht einig sind, ob und in wie weit das Schreiben dem weiblichen Geschlechte nützlich oder schädlich sei. Giebt es nicht Männer genug, die ihre Töchter nicht anders zu bewachen wissen, als daß sie ihnen Tinte und Federn untersagen?
Storch, ein neuer Reisender, fand, nach seinen Bemerkungen über Frankreich, in der Schule des berühmten Tachygraphen Coulon de Thévenot zu Paris Mädchen, unter denen es einige in der Kunst geschwind zu schreiben, zu einer erstaunenswürdigen Fertigkeit gebracht hatten. Heißt das nicht mehr als Orthographie und Kalligraphie?
Vieles in der Stadt- und Landwirthschaft hat man bis jetzt als unbedeutend behandelt; viele Hausthiere sind lange nicht in dem gehörigen Maße genutzt und im Ertrage in Anschlag gekommen, und überhaupt ist das anzubauende Feld nicht klein, welches auf Weiberköpfe und Hände wartet, um urbar zu werden — Fast möcht' ich sagen, die Ökonomie sei weiblichen Geschlechtes, und vorzüglich die, welche ins Große geht — Wie wir doch Alles so meisterhaft — wie soll ich sagen? — umzukehren oder zu verkehren gewußt haben!
Und du, heilige Justiz! unübersteiglich dem, der dich, wie der Pilger die Alpen, ohne Alpenschuhe, Stab und Führer ersteigen will! mystische Aristokratie, die du dich oft zwischen Fürsten und Volk stellest — angeblich um Mittler- oder Mäkler-Dienste zwischen beiden zu üben, eigentlich aber um beide zu beherrschen — darf ich es wagen, dich um Audienz zu bitten? Zwar weiß ich, wie edel dir deine Zeit ist, um dich nach einem dreistündigen Sessionsschlaf zu erholen, und zu einer abermaligen Sessionsruhe neue Kräfte zu sammeln; doch will ich dich gewiß weniger aufhalten, als du alle deine Partheien aufhältst — Die Beobachtung der Natur hat den größten Meistern in den schönen Künsten die Regel zugeführt: daß wenige und einfache Zeichen, wenn sie mit Weisheit gewählet werden, eine kräftigere Wirkung thun, als durch eine verschwenderische Häufung zwecklos gewählter Zeichen möglich ist. Darf ich so frei seyn, diesen Umstand der gesetzgebenden und gesetzübenden Justiz zur Erwägung zu empfehlen? Hume ging von seinem Freunde Jortin, einem Geistlichen, mit dem er über natürliche und geoffenbarte Religion einen Wortwechsel gehabt hatte; und da der Philosoph nicht zugeben wollte, daß der Geistliche ihn begleitete, fiel er. Der Geistliche, der ihn fallen hörte, kam ihm mit seinem Lichte zu Hülfe, und machte ihn mit den Worten verdrießlich: »Habe ich Ihnen nicht oft gesagt, lieber Freund, daß Sie Sich nicht zu viel auf eigene Kräfte verlassen sollen, und daß das natürliche Licht nicht hinreicht?« Die natürliche Religion verlor durch diesen Fall Hume'ns nur eben so viel, wie die geoffenbarte durch das Licht Jortin's gewann; allein die Justiz verliert durch den Umstand, daß auch die ersten ihrer Officianten sehr oft nicht wissen, wie sie mit ihr daran sind — Sie fallen mit und ohne Licht, mit und ohne Begleitung; und ich weiß nicht, woran es liegt, daß Niemand recht weiß, was Rechtens ist. Ihre Sentenzen, welche die Sache lösen wollen und sollen, sind gemeiniglich neue Räthsel, die sie aufgeben; und doch gehören viele Sächsische Fristen und viele doppelte Sächsische Fristen dazu, ehe man die hochlöblichen Herren zum Stehen bringt; und wie viele Fristen verlaufen nicht, ehe sie zum Sitzen kommen! Die Justiz war zu jeder Frist eine dürftige Krücke, an welcher der Staat hinkte, und noch obendrein von so schadenfroher und bösartiger Natur, daß sie auch selbst dem, der sich zutrauensvoll auf sie stützte, die Hand durchbohrte. Wie oft sind ihre Urtheile vergiftete Hostien, die man bei großem Pomp des Hochamts empfängt. — — In ihrer goldenen Zeit ist die Justiz ein Guckkasten, worin schöne Raritäten und schöne Spielwerke zu schauen sind — Es gab von jeher unter den Juristen Élégants; und wer hat nicht von der eleganten Jurisprudenz reden gehört? Auch der einsichtsvollste Jurist wird in eigenen Angelegenheiten nicht wissen, was er zu thun und zu lassen habe, um etwas Rechtbeständiges zu unternehmen; und so scheint die gar zu große Kunst der Justiz dem Menschen, den Gott aufrichtig gemacht, völlig unangemessen zu seyn.
Sollte sich einst die bürgerliche Verbesserung der Weiber bis auf die Rechtspflege erstrecken, und das Recht aufhören, ein Monopol einer besondern besoldeten Männer-Klasse zu seyn; nur alsdann wird man anfangen einzusehen, daß Rechtspflege nicht heißt, im Orakelton unverständliche Formeln hersagen, die nur wirksam sind, weil neben der Wagschale auch das Schwert liegt, sondern daß sie sich bemühen muß, die Partheien über Recht und Unrecht zu belehren und zu überzeugen, wenn sie einen Theil der Ehre verdienen will, die sie sich jetzt so gränzenlos und machtvollkommen beilegt. Man sagt: Necker sei tugendhaft, um damit prahlen zu können; la Fayette sei es, um es zu seyn und nicht zu scheinen. Würde dies nicht der Fall mit Richtern aus der weiblichen und männlichen Klasse seyn?
Schon fängt der Gedanke an sich je länger je mehr zu regen, daß nur Gleiche zwischen Gleichen entscheiden können, wenn Recht nicht ein todter Buchstabe bleiben, sondern ein lebendiger werden soll. Würde es indeß nicht schreiendes Unrecht seyn, bis dahin, und ehe jener glühende Funke in der Asche zum Feuer ausschlägt, den Weibern die Richter- und Schöppenstühle zu verschließen? Man behauptet in England: unbesoldete, dem Beklagten gleiche, von ihm anerkannte, nur auf eine kurze Zeit zum Wohl der Mitmenschen und nicht schnöden Gewinnstes oder eitler Ehre halben berufene, einstimmige Richter, oder Geschworne (Juries), wären eine Schutzwehr der bürgerlichen Freiheit, und eine unüberwindliche Festung, wenn gleich die Künstelei der politischen Maschine bisweilen zu gesucht seyn sollte, wenn gleich in ihrem Räderwerke zu viel oder zu wenig Zusammensetzung Statt fände, wenn gleich in der Vertheilung der Gewalt, in der Repräsentation des Volkes, und in der Abtheilung der Stände Organisations-, Schwachheits- und Bosheitsfehler wären — Jene Justiz-Verwaltung allein würde schon, was schwächlich ist, beim Leben erhalten, und nichts erschöpfen lassen, was zum Vortheile und zum Glanze der Nation einen Beitrag liefern kann. In der That, auch im monarchischen Staate könnte durch eine ähnliche Justizverwaltung Alles einen andern Schwung bekommen, und so Manches belebt werden, was jetzt gelähmt ist — Monarch und Volk würden gewinnen. Wie aber, wenn sogar das andere Geschlecht an dieser Rechtspflege Antheil nähme, wenn nicht bloß durch gute Männer (arbitros), sondern auch durch gute Weiber, Zank und Streit beigelegt oder entschieden würde? müßte da die Justizverwaltung nicht noch vollkommener werden? Menschen, die bloß gesetzlich sind, haben keine Haltung; — es sind im eigentlichen Sinne bloß unnütze Knechte, die zwar thun, was ihnen geboten ist, allein damit nichts Gutes stiften — Die Gesetze und die Leidenschaften sind oft so verwandt, daß der, welcher der Vernunft und dem Gewissen (der praktischen Vernunft) nicht folgt, bei aller positiven Gesetzlichkeit nicht selten ein verdorbener Mensch ist — Wer kann hierauf genauere Rücksicht nehmen als das andere Geschlecht? wer es mehr empfinden als Weiber, daß der Zwang, durch den Andere eben so frei werden, die Probe der wahren Freiheit sei? — Trockne und ungekünstelte Wahrheit gilt in der Geschichte und überall mehr, als eine noch so glänzend scheinende Falschheit. Jener medicinische Pfuscher, der einen König von einem Quartanfieber befreiete, welchem alle kunstverständige Ärzte, ihrer hohen und tiefen Gelehrsamkeit ungeachtet, nicht gewachsen waren, antwortete, als er par ordre du Roi den Doktor-Hut erhalten sollte, und der Form halben examinirt ward, auf die Frage: »was ist das Fieber?« eine Krankheit, die Sie, meine Herren, sehr geschickt zu definiren, und nicht zu curiren verstehen, und die ich nicht definiren, wohl aber curiren kann — Die evidente Vernunft ist eine Mitgift, welche die Natur allen Menschen in gleichem Maße bewilligt hat. Der allergemeinste Grundsatz des Naturrechtes, mit dessen Ausübung Zwang unwidersprechlich verbunden werden kann, ist das Gesetz:
verhindere, daß die Vollkommenheit aller Menschen nicht gemindert werde;
und liegt in dem höchsten Material-Gesetze der Sittlichkeit:
vervollkommne alle Menschen.
Ist Vollkommenheit nicht die höchste Stufe der Ausbildung aller Kräfte zu einem Ganzen? Ich will es hier mit keiner Schule verderben; denn meine Absicht ist nicht, nach väterlicher Weise der Richter- und Philosophenstühle, durch Zank und Streit die edle Zeit des Handelns zu versäumen. Darf ich indeß, um die Justiz zu überzeugen, daß sie mit sich selbst uneins ist, noch beiläufig bemerken, daß die Vollkommenheit aller Menschen mir der Zweck der sittlichen Gesetze zu seyn scheint? Und was will man mehr als diese höchste Ausbildung? Sollten indeß Gesetze nicht auf alle Menschen ausgedehnt werden? Kann man ein vernünftiges Wesen bloß als Mittel zu höheren Zwecken ansehen? Jener allgemeine materielle Grundsatz ist und bleibt ein Kennzeichen der Form aller Sittlichkeit, gemäß der allgemein geltenden Gesetzmäßigkeit und ihrem obersten Grundsatze: die Vorschriften, nach denen du handelst, müssen so beschaffen seyn, daß sie allgemeine Gesetze werden können. Verschlag' ich zu weit, oder kann unsere neue Philosophie nicht ein Tribunalsausspruch meiner Vorschläge werden? Eine gute Gesetzgebung ist sicher das Meisterstück des menschlichen Geistes; und wer aus Kenntniß unserer Natur weiß, daß die Sitten der Nationen ihre Bildung größtentheils der Wirkung der Gesetze zuschreiben müssen, wird es mir nicht verdenken, daß ich unsere Juristen etwas weiter zurückführe, als diese Herren vom gewöhnlichen Schlage zu gehen gewohnt sind. Schon da, wo die Weiber jetzt das Richteramt führen, in gewissen causis privilegiatis, zeigen sie sich als Meisterinnen in ihrer Art, und beschämen ihre Männer, die gemeiniglich Alles verderben, sobald sie es sich herausnehmen, Stellvertreter ihrer Weiber seyn zu wollen —
Man sagt: Weiber wären hart; allein läßt sich die Justiz in Gefühle auflösen? sie wären zu peinlich bei ihrer Nachforschung; allein kann man es zu sehr seyn, wenn es Schuld und Unschuld der Menschen gilt? Es fehlt den Weibern selbst nicht an Gedächtnis, um eine Legion Gesetze zu behalten, noch an Geduld, die ewigen Klagen und Schutzreden der Partheien anzuhören, und in einem feinen guten Herzen zu bewahren; nicht an Beredsamkeit, um den Sturm der Partheien zu besänftigen und die Fluth der Rede in ihr Ufer zurück zu weisen — Wie geschickt würden sie zu Versuchen der Sühne seyn! — Überraschung ist der natürliche Ersatz für alle unangenehme Verwirrung, ohne die sie nicht zu erhalten war; allein ist dies der Fall bei unsern richterlichen Sentenzen? sind sie nicht gemeiniglich ein neues verwickeltes Knäuel? wechselt nicht Verwirrung, bis endlich die dritte Instanz, gemeiniglich durch einen Machtspruch (so sehr auch dies Wort bei den Herren Juristen gehaßt und verfolgt wird) aller Fehd' ein Ende macht? —
Bis jetzt hatten die Weiber kein anderes ernsthaftes Geschäft als Liebesangelegenheiten. Freilich, wenn sie auf einmal, wie vom Himmel gefallen, ohne Vorbereitung, ohne ihnen bewilligte bürgerliche Rechte, und ohne daß man ihnen auf politische Köpfe und Füße hilft, sich in Staatssachen werfen — ist es Wunder, wenn sie, nach einem Französischen Viso reperto, zwar die hysterischen Zufälle verlieren, indeß in noch ärgere fallen? Ernsthafte Sachen sind ihnen zu schön und zu erhaben, als daß sie nicht Alles dieser köstlichen Perle halben veräußern sollten. Zarte Fasern, die man pflegen und warten soll, muß der Gärtner nicht zerreißen; bei einer scheinbaren Ermattung, oder bei einem zu starken Auswuchs, kann er nicht, ohne ein Miethling zu seyn, jene sich hervordrängenden Zweige abschneiden, die so leicht zu besseren Zwecken zu leiten gewesen wären — Er läßt sie in die Höhe schießen oder zur beschützenden Krone gedeihen — Man mäßige bei dem andern Geschlechte die zu starke Neuheit; man bringe Weiber mit mehr ernsthaften Sachen, und zwar allmählich, in Verbindung: und hysterische und andere angeblich ärgere Übel, Leibes und der Seele, Gutes und Ehre, sind gehoben. Die Pfeifer und Geiger wurden auf der Stelle verabschiedet, als Jairi Töchterlein von den Todten erweckt werden sollte — Selbst die Bevölkerung müßte hierbei zunehmen; »es verlohne zu leben,« würden die Weiber denken. Und wie ging es in aller Welt zu, daß man bis jetzt den Vortheil der Menschheit so sehr verkannte? daß man die Weiber als abgeschiedene Seelen in einem Psychodocheum hielt, und sie nie zum wirklichen, sondern bloß zu einer Art von Leben berechtigte? — zu einer Art von Ritterleben von trauriger Gestalt! — Viele Züge würden mehr gehoben, andere sanfter gemischt werden; man würde uns nicht so oft statt eines Nachtstückes die Nacht mit schwarzen Farben verkaufen; nicht so oft aus bloßer Angst und Furcht ein Held seyn; nicht so viele Rechtsglücksgreifer und Marionettenspieler in den Gerichten finden, nicht so viele flache, mit groben Farben überladene Richter und Anwälde und wie die Herren weiter heißen — wenn Weiber an der Rechtsverwaltung Theil hätten. Sind unsere praktischen Rechtsgelehrten nicht gemeiniglich Feinde des Warum? Ist das Verdienst des größten Theils von ihnen nicht, Urtheile in Umlauf zu bringen, die man ein Spielzeug des Gewissens nennen könnte —? Urtheile, die oft das gerade Gegentheil von jener inneren Gerechtigkeit sind, bei der Jeder, wenn er auch gleich durch alle drei Instanzen verloren hätte, sicher seyn kann, daß er nach Gefühl und Einsicht der gesitteten unparteiischen Welt gewinnen und das Feld behalten werde! — Sind die meisten Dikasteria nicht Säulenreihen, die nichts Wichtiges zu tragen haben, und wo man unbedeutende Gegenstände mit Verzierungen überladen hat? Der sichere Ehrgeitz ist weit unausstehlicher, als der, welcher sich vor List und Nachstellung fürchten muß — Die Römer waren, als Staat genommen, keine sonderlichen Financiers; und oft hat mich der sündliche Gedanke angewandelt, ob nicht mit darum Juristen und Financiers einander so spinnenfeind wären, bis auf den heutigen Tag. Würden Weiber an der Finanz- und Rechtsverwaltung Antheil nehmen — ich wette, dieser Haß zwischen Herodes und Pilatus müßte aufhören, und beide Theile mehr zu Gesinnungen der Menschheit kommen, da jetzt die Herren Financiers oft ins Recht pfuschen, und die Justiz es so wenig bedenklich findet, eine Art von Finanz-Operation zu werden — daß die Juristen oft genug die Furierschützen des Finanz-Departements sind. —
Themis! weibliche Gottheit, öffne deine Heiligthümer deinem Geschlechte, und du wirst Wunder sehen, ohne daß du dich bemühen darfst, sie zu thun —!
Während daß wir unsere Hände nach Allem ausstrecken, nicht zufrieden über die Seelen der Weiber à la Padischah zu gebieten, sondern auch an ihren Körpern zu Helden zu werden, zwingen wir das andere Geschlecht, auch auf die Heilkunde Verzicht zu thun, zu der es einen unwiderstehlichen Hang behauptet. Und warum ist die Heilkunde in ihrem weitesten Umfange nicht eine freie Kunst der Männer und Weiber? Fühlen die Weiber nicht so lebhaft, daß die Natur sie ganz eigentlich zu diesem Geschäfte berufen hat? treiben sie nicht, trotz allen Anordnungen, aller Aufsicht und allen Strafen, dieses ihnen so strenge verbotene Handwerk? und haben sie sich nicht — was noch sonderbarer ist — dabei so gar einen Nahmen zu erwerben Gelegenheit gehabt? Frau * * auf * * curirt ihr Haus und ihre Unterthanen, aller Recepte von Scheltworten und Drohungen der kunsterfahrnen Facultisten ungeachtet, und kann sich nicht mit der gestrengen Rechtsgläubigkeit dieser Herren einverstehen, wenn gleich diese Eiferer für des Herrn Haus sich viele gelehrte Mühe geben, in Rücksicht anderer unbedeutender Ärztinnen, ihre Orthodoxie inquisitorisch zu beurkunden — Hüten Sie Sich, gnädige Frau, daß Sie nicht über Hals und Kopf in ähnliche Anfechtung fallen, und wegen ihrer kunstlosen Arzeneien verantwortlich werden! — In einigen Spanischen Provinzen barbieren die Weiber, und Marquis de Langle setzt hinzu: so sollt' es eigentlich und überall seyn, denn ihre weichen sanften und fleischigen Hände taugen weit besser als unsere, das Kinn einzuseifen und das Messer zu handhaben. — In den Entscheidungsgründen kann ich diesem Weiberschutzpatron nicht beistimmen; wohl aber in der Behauptung selbst — Jene nicht ungerechte Befürchtung des Meuchelmordes würde, wo nicht aufhören, so doch außerordentlich geschwächt werden, wenn das andere Geschlecht diese gefährliche Kunst triebe. Die Anlage des andern Geschlechtes zur Arzeneikunst und Chirurgie beweiset unwiderlegbar seine vorzügliche Beobachtungsgabe. Nicht leicht entgehet seiner Aufmerksamkeit auch nur die kleinste vorübergehendste Veränderung der Farbe, der Mienen, des Auges — Jede, auch die unbeträchtlichste, krampfhafte Bewegung der Muskeln weiß sein Blick zu erreichen. Sein Takt ist zarter und feiner, und auch da noch fühlt es Pulsschläge, wo der Arzt, wegen seines gröberen Gefühls, nichts mehr bemerkt. Der leiseste Hauch entgeht den Weibern nicht; sie vernehmen noch das Wort, das auf der Lippe zitterte und starb, und oft verstehen sie die Gedanken — Am praktischen Urtheil, von ihren gesammelten Beobachtungen Gebrauch zu machen, fehlt es ihnen sicher nicht — Schon jetzt bei dem kargen Vorrath von Kenntnissen, und ohne allen Beistand der Kunst, übernehmen sie Kuren, die dem erfahrensten Arzte, wo nicht lauten, so doch stillschweigenden Beifall abzwingen. Wie viel weiter würden sie seyn, wenn ihnen der Zugang nachgelassen wäre, den ihnen ein neidischer Zunftgeist bis jetzt vorenthielt! Würden ihnen das Heiligthum des Epidaurischen Gottes, und die unermeßlichen Schätze der Natur aufgethan und sie in die Geheimnisse der Kunst als Priesterinnen eingeweihet; wie viel wäre für das menschliche Geschlecht gewonnen! da hingegen jetzt die große Angelegenheit, die Gesundheit des Menschen, sich immer in sehr mißlicher Lage befindet, indem viele von unseren Ärzten sich nicht begnügen, Diener der Natur zu seyn, sondern sich zu gestrengen Herren derselben aufwerfen — Wo wir doch überall Herren seyn wollen! Die Arzeneikunst aller, der Natur nahe kommenden Menschen ist so einfach und so stark, daß sie mit wenigen Mitteln alle Krankheiten heilt, so wie Brot die tägliche Schüssel auf allen Eßtischen ist. Die Natur ist so gutmüthig, daß sie uns durch Krankheiten gesund machen will — Unpäßlichkeit ist ein Glockenschlag, wodurch wir zum Bußtage aufgefordert werden — Die Natur macht uns aufmerksam auf uns selbst — und will uns damit locken, daß wir glauben sollen, sie sei unsere liebe gute, unsere rechte Mutter. Und ist sie das nicht? — Der Schmerz? Ach, dagegen ließe sich noch viel sagen. In der That, die Natur scheint mit dem Schmerz ihr Spiel zu treiben. Es giebt Fälle, wo der Schmerz mit der Gefahr in keinem Verhältnisse steht — Zahnschmerzvorfälle, in welchen das Leiden weit größer ist, als die Gefahr; und so auch umgekehrt — Vielleicht wollte die Natur uns lehren, uns aus dem Schmerze überhaupt nichts zu machen und ihn nie auf einen ernsten Fuß zu nehmen. Mache was du willst, sagte ein Stoiker zum Schmerz, (ob er sich gleich nicht entbrechen konnte, mit den Zähnen zu knirschen) ich werde doch nicht sagen, daß du ein Übel bist! und man sage was man will, es liegt in unserm Reden mehr als Ein Linderungsmittel. Wenn wir dem Schmerze freundlich zureden, scheint er Mitleiden mit uns zu haben; und wenn wir ihm trotzen, scheint er sich zu fürchten. Wer den Schmerz in Schimpf oder Ernst übersieht, und sein unverwandtes Seelenauge mit strenger Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet, spielt dem Schmerz einen Streich, daß er nicht weiß, wie er daran ist. In allen diesen Rücksichten ist vom andern Geschlechte mehr, unendlich mehr, als vom unsrigen zu erwarten — Ein gewisses Segensprechen, ein gewisses Hohnsprechen, ist ihm eigen — Man seh' es leiden, man seh' es mitleiden, und Beileid bezeigen — man hör' es Trost und Muth zureden —
Wie viel eine vernünftige Lebensordnung zur Erhaltung der Gesundheit beiträgt, und welch ein bedeutendes Hauptstück hier Speise und Trank ausmachen; wie vieles dabei auf wahre Zubereitung ankommt: das sind Umstände, von denen jeder überzeugt ist; und doch wird dieser wichtigste und eigentlichste Theil der Arzeneikunst ganz dem weiblichen Geschlecht überlassen, ohne ihm die geringste Kenntniß von dem zu lehren, was es zubereitet, noch wie es dasselbe zubereiten muß, wenn die thierische Maschine unterhalten und nicht zerstöret werden soll — Vielleicht würde es durch Vermittelung der Weiber dahin kommen, daß Speise und Trank zu unserer Medicin würden, daß wir Medicin nicht mehr einnehmen dürften — Wird nicht die Hälfte ihrer Wirkung durch den Ekel eingebüßt, den das Einnehmen veranlaßt? Kurz und gut, das zahllose Heer von Processen und Krankheiten würde vermindert werden, wenn Weiber Richter und Ärzte wären. Ist es nicht leichter, manchen Krankheiten auszuweichen, als sie zu heilen? ist es nicht heilsamer für den Staat, wenn weniger seiner Bürger von Krankheiten heimgesucht werden, als wenn ihnen durch die Kunst der Ärzte die Gesundheit wiedergegeben wird? Ist das auch wirklich Gesundheit, was diese Herren den Kranken dafür verkaufen? Wahrlich, eben so wenig, wie das Gerechtigkeit ist, was wir in unsern Gerichtshöfen sehr theuer bezahlen —
Väter des Staats, errichtet, statt klinischer Institute, Schulen für die Weiber, wo das, was zum Unterhalt und zur Nahrung des Menschen dienen soll, näher geprüft und untersucht wird; wo sie gelehrt werden, Speise und Trank auf eine unschädliche und schmackhafte Weise zu bereiten, und das Leben und die Gesundheit der Staatsbürger zu sichern. Aber auch selbst in moralischer Rücksicht wäre es den Sitten, und dem Staate, dem die Sitten seiner Bürger vorzüglich zu Herzen gehen müssen, vortheilhaft, wenn den Weibern gestattet würde, Arzeneikunde zu üben.
Weibliche Ärzte müßten sich weit eher das Zutrauen bei den Kranken ihres Geschlechtes erwerben. Diese würden ihre Gebrechen leichter und mit weniger Zwang entdecken, und jene, aus Erfahrung mit der Natur und Beschaffenheit des weiblichen Körpers, mit seiner periodischen Ausleerung bekannt, sicherer dem Übel nachspüren, rathen und helfen können. Dann würden weibliche Krankheiten nicht mehr die Schande der Ärzte seyn, und vielmehr eine Vollkommenheit in der Kunst erreichet werden, in so fern Vollkommenheit zu erreichen ist —.
Schamhaftigkeit, diese Tugend, die das andere Geschlecht so herrlich kleidet, mit der, wenn sie verloren ginge, alle Grazien und Reitze ihre Kraft verlieren würden; sie, die durch nichts ersetzt wird — ist sie nicht oft die Ursache, daß Mädchen Gebrechen so lange verheimlichen, bis dieselben nicht mehr zu heben sind? oder daß sie lieber mit Gefahr ihres Lebens auf die Hülfe der Kunst Verzicht thun? Wie manche hat eine Entzündung in's Grab gebracht, die, wenn sie weniger schamhaft gewesen wäre, im Augenblick hätte gerettet werden können —! Wie viele büßen nicht durch schwere Geburten ihr Leben ein, die es erhalten und dem Staate noch viele Bürger geschenkt haben würden, wenn Geburtshülfe eine weibliche Kunst wäre, wenn man den Hebammen nicht bloß das Mechanische dieser Kunst überließe, das Wissenschaftliche derselben aber sehr weislich den Männern vorbehalten hätte! Ist es bei diesen Umständen ein Wunder, daß in London und Dublin von Frauen, die sich durch Hebammen entbinden lassen, Eine unter 70, und von denen, die sich der Aufsicht männlicher Geburtshelfer bedienen, nur Eine unter 140 im Wochenbette stirbt? In der That, es bleibt unsittlich, daß ein Eheweib ihren Körper vor irgend einem Manne, den ihrigen ausgenommen, entblößt! Verscheucht dergleichen Überwindung der Schamhaftigkeit nicht Alles, was man Ehrbarkeit nennen kann? Wie viele Villacerfsche Fälle mögen, ohne daß sie verzeichnet sind, sich ereignet haben, wo ein Arzt im verliebten Taumel nicht wußte, was er that! wo er, um ein Weib zu verführen, oder ein Mädchen zu gewinnen, die Kur verlängert, sie anders lenkt, und oft bloß in dieser Rücksicht einen langsamen oder schleunigen Tod, ohne daß er es dazu anlegte, befördert! Und wenn man weiß, was Eifersucht vermag, wer zittert nicht bei diesem Gedanken und bei der Einrichtung, nach welcher man dem Arzte so viel anvertrauet, ohne selbst nur den leidigen Trost zu haben, durch drei Instanzen seinen Proceß zu verlieren!
Woher kommt es, daß der so wichtige und über alles gehende Widerstreit zwischen Wohlstand, Sitten und Bedürfniß bis jetzt übersehen worden ist? Hat man ihn aber nicht übersehen, warum ist denn dieser Mißstand, dem so leicht abzuhelfen war, unabgeholfen geblieben? Man kann sich bei dergleichen Umständen des zudringlichen Gedankens nicht erwehren, das moralische und physische Wohl der Bürger sei nicht das, womit die Staats-Piloten sich zu beschäftigen scheinen. In der That, Glück und Zufall sind es gemeiniglich, welche Bahn und Fahrt bestimmen; denn es giebt der hier einschlagenden Unschicklichkeiten noch weit mehr, von welchen der Staat keine Notiz nimmt, ungeachtet sie einer ernstlichen Rüge bedürfen, und ungeachtet es federleicht seyn würde, diese Quellen so mancher unmoralischen Folgen zu verstopfen — Noch bedient man sich der Tanz- und Singemeister, um dem Frauenzimmer Tanz und Musik beizubringen, und scheint es entweder nicht zu wissen oder nicht wissen zu wollen, wie nahe die weibliche Tugend hier der Gefahr ist, wie Manche diesen Versuchungen nicht widerstanden und als Opfer fielen.
Man läßt es geschehen, daß Männer Weiberköpfe putzen, und ahndet nicht, was hier für Gedanken geweckt, was für Bilder aufgeregt und was für Begierden gereitzt werden. Man vergißt, daß die Gattin und Tochter müßig sitzen, daß das Wühlen in den Haaren einen gewissen physischen Kitzel, wo nicht bei beiden, so doch bei Einem Theile erregt; man übersieht gewisse Stellungen, die einen aufmerksamen Beobachter viel errathen lassen. Zwar hat man angefangen, diese Geschäfte weiblichen Händen zu übertragen; allein noch ist dies eine Seltenheit und eine ökonomische Veranstaltung. Ein kleinlicher Bewegungsgrund, wo es doch deren so viele und so wichtige giebt.
Auch die weibliche Kleidung sollte durch Weiber angemessen und gefertiget werden. Die Manipulation eines männlichen Schneiders und Schusters ist unschicklich. Wär' es dem Staate Ernst, die große und edle Hälfte seiner Bürger nützlich zu beschäftigen; fühlte er die große Verpflichtung, diejenigen, welche die Natur gleich machte, auch nach Gleich und Recht zu behandeln, ihnen ihre Rechte und mit diesen persönliche Freiheit und Unabhängigkeit, bürgerliches Verdienst und bürgerliche Ehre wiederzugeben; öffnete er den Weibern Cabinette, Dikasterien, Hörsäle, Comptoire und Werkstätten; ließ' er dem vermeintlich stärkeren Manne das Monopol des Schwertes, wenn der Staat sich nun einmal nicht ohne Menschenschlächter behelfen kann oder will; und machte er übrigens unter beiden Geschlechtern keinen Unterschied, so wie die Natur es wollte, und wie die bürgerliche Gesellschaft es auch wollen sollte, wenn sie sich nicht etwa ihrer natürlichen Herkunft schämt: so würden Staatswohl und Staatsglückseligkeit sich überall mehren, die Menschen wachsen wie die Weiden an den Wasserbächen, und die Menschheit ihrer großen Bestimmung mit schnellen Schritten zueilen —
Doch! ich wollte nur Winke geben, und verdiene vielleicht den Beinamen, den man Burke'n zu einer gewissen Zeit beilegte: the dinnerbell, die Eßglocke, weil die meisten Parlamentsglieder, wenn er zu peroriren anfing, das Haus verließen. Die Wahrheit bedarf keiner Schminke, und wer der Schönheit wegen schreibt, unterwirft sich dem Schicksal einiger Damen unserer verderbten Zeit, die sich weit lieber erkälten, als dem Putze das Mindeste von seinen modischen Rechten entziehen. Will man etwas in seinem ganzen Umfange, in seiner ganzen Stärke genießen, so entferne man alles Fremdartige, und mache es wie große Esser, die, außer dem Geschmack, den übrigen Sinnen in ihrem Eßsaale den Zutritt nicht verstatten. Selbst weite Aussicht, Tafelmusik, unterhaltende Gespräche entkräften ihr Vergnügen — Still essen sie, und Alles hat bei ihnen seine Zeit — Alles was kolossalisch in's Auge fällt, ist schwächlich. Wer Menschen vergöttert, macht weniger aus ihnen, als sie von Gottes- und Naturwegen seyn können. Immerhin Gott, nur kein Mensch, hieß es von Höchstseligen Tyrannen — Detail-Vorschläge geben sich von selbst, wenn nur der Total-Eindruck unauslöschlich ist. Der Text muß sich nicht in den Prediger, sondern der Prediger in den Text schicken; und was hilft wissen und wollen, wenn es nicht zum Thun kömmt! Wer nicht Nebenfolgen von eigentlichen, und Nebenursachen von Hauptursachen zu unterscheiden weiß, hat seinen Plan nur schlecht angelegt — oder hat gar keinen. —
Wie aber! es erheben sich Einwendungen an allen fünf Fingern der vorigen Kapitel. Immerhin! und wären sie auch nichts weiter als wiederholte Wiederholungen, an denen denn doch meine Wenigkeit nicht Schuld ist, sondern (Niemand übrigens zu Leide gesagt) meine gebetenen Gäste von Opponenten. — Jene Chroniques scandaleuses wider das schöne Geschlecht, von Misogynen und vielbeweibten Männern, von Kastraten und körperlichen Kraftgenies, (die, in der Voraussetzung, das sinnliche Bedürfniß sei das größte Band unter beiden Geschlechtern, des Dafürhaltens sind, die starken Männer wären auch die besten) von Thoren und Weisen, von Heiligen und Liederlichen, von Sultanen und Keuschheitswächtern, geschrieben und erzählt — werden sie vermögend seyn, uns umzuschaffen oder der Natur Gewalt zu thun —? Das Weib sei nur des Mannes wegen? Wohl, so wie der Mann des Weibes halben. Hast du nie ein Weib gesehen, Freund, das bei liebenswürdiger Einfachheit eine erhabene Größe verräth? bei voller Publicität und Offenheit eine enthaltsame, strenge Zurückhaltung? — bei edler Zutraulichkeit forschende Prüfung? — Es legt es nie auf Herzen an, und doch gewinnt es alle Herzen. Das edle Absichtlose, das die Poësie behauptet, ist seine Weise; und wie viel richtet es damit aus! Sein Blick, der durch die Kirchenschlösser der Herzen dringt und Alles für und wider entdeckt; — seine Kraft, die Alles niederdrückt und hebt was es will; gleich frei von Freude wie von Leid, von Furcht und Hoffnung unbefangen, für den heutigen Tag lebend ohne Sorgen für den andern Morgen — wie schnell und wie umfassend wirksam, zur Selbstherrscherin aller Herzen geboren, erhebt dies Weib zu seinen Freunden, die es durch die Hoheit seiner Würde zu seinen Untergebenen machte! Koketterie — sagst du —? Nun, so ist Kosmopolitismus Stoicismus — und die erhabenste Menschentugend im Leben und im Tode Koketterie! Von Natur sollte das Weib nicht den Cajus, Titius und Sempronius lieben, sondern das Geschlecht; durch die Ehe wird es Eines Mannes Weib: an jene Umfassung gewohnt, geht auch seine Denkart in's Allgemeine, in's Ganze, in's Große — Macht ein großer Mann jene Rolle des großen Weibes; sage unverhohlen: fehlt ihr nicht oft Geist und Leben? — Du zürnest, Freund? Was denkest du Arges in deinem Herzen?
»Alle Übel in der bürgerlichen Gesellschaft sind Werke der Weiber!«
Der Weiber, die doch in den politischen Gesellschaften nur Nullen sind, und ohne eine vorstehende männliche Zahl keine Bedeutung haben? Und warum ihr Werk? weil sie Männer dazu verleiteten? die Curandinnen die wohlweisen Curatoren? Wegen des Einflusses, den man den Weibern nicht versagen konnte, den auch Sklavinnen über ihre gestrengen Herren behaupteten. So sehet denn da die Rache, welche die Natur sich nicht versagen kann, wenn man ihre Majestät beleidigt —! Entzieht den Weibern keinen jener Antheile, wozu sie unleugbare Rechte haben, und ihr werdet jenen Schleichhandel von selbst heben, den jetzt die Weiber zum Nachtheile ihrer Männer und des Staates treiben. Die Vernunft ist göttliches Ebenbild, und wo ihr sie findet, da ist es Pflicht, ihre Superiorität an zuerkennen — Wo sie erscheint, ist Werth, Würde und Selbstbeständigkeit. Sie regiert im Kleinsten der Unterthanen den Größten, den Herrn der Welt — und in dem Staate, wo sie unterdrückt wird, hören die Weisen die Stimme, welche sie auf ebene Bahn leitet: Stehet auf und lasset uns von hinnen gehen! Oder wie? ist etwa der Werth des anderen Geschlechtes nicht auf Vernunft, sondern auf Sinnlichkeit gegründet? Ei, Lieber! können wir uns, so lange wir Kleider der Sterblichkeit tragen, über die Sinnlichkeit hinaussetzen? Nur ein Pedant kann die Sinne die Deutschen Klassen nennen; kommen wir nicht durch sie und durch die Empfindung der Vernunft zuvor? gründen die Sinne nicht die Vernunft? sind sie nicht — die höchsten Revisoren derselben? erheben sie die Vernunft nicht zu ihrer eigentlichen Würde? ist die Vernunft nicht generis foeminini? und der Geschmack? ist er nicht mit so schönen sittlichen Ideen ausgestattet, daß es eine Lust ist? Muß die Vernunft sich nicht vielmehr von Amtswegen versinnlichen, um über das Herz zu siegen, das ein trotziges und verzagtes Ding ist, wer kann es ergründen —? Würden wir nicht aufhören Menschen zu seyn, und übernatürlich werden, wenn wir auf das Wesen der Menschen Verzicht thäten? ist übernatürlich nicht auch unnatürlich? Das feinste Raffinement ist immer ein Verwandter der Simplicität. Das Loos dieses Lebens ist eine Menschenrolle; ist sie so subaltern wie sie scheint, und verdient der Beförderung, der im Geringeren ungetreu ist? Erst durch die Ehe wird das Weib in eben dem Grade durch den Mann vollendet, wie der Mann durch das Weib — Mann und Weib machen einen ganzen Menschen aus — Die relativen Eigenschaften, die zwischen beiden auf einander angelegt sind, setzen diese Behauptung außer Zweifel. Darf ich es noch einmal wiederholen, daß der Vorzug der physischen Größe und Stärke des Mannes in Hinsicht des Weibes sich auf keine moralische Überlegenheit unseres Geschlechtes bezieht? Kein Geschlecht hat den mindesten Werth ohne das andere; zusammen genommen machen sie die Menschheit aus. Wir spielen aus Einer Kasse, und die Natur hat Mann und Weib so zusammen gefügt, daß kein Mensch sie scheiden kann — In einander verwebt, ist Eins um des Andern willen. Eifersucht auf Ansehen ist der Hebel, wodurch nur schwache Menschen gereitzt und in Athem gesetzt werden können. Was kann sich ohne Weiber gruppiren? Gehe mit einem dir völlig gleichgültigen Weibe um, nur langer Weile halben — ehe du es merkst, wird deine Seele in die ihrige eingreifen; ihr werdet nicht von einander lassen, ohne daß Lust oder Liebe hierbei den mindesten Einfluß hat — Dieser Einklang ist Geschlechtstrieb, oder inniges geheimes Gefühl, Bestätigung der göttlichen Worte: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei — Ohne Eva ist Adam ein Thier, und Eva ohne Adam eine Klosterjungfer. Wer bemerkte nicht, daß fast alle Männergesellschaften mit dem Paradiese anfangen und mit dem jüngsten Gerichte enden! Man erstaunt über die Sprünge, welche Männergespräche nehmen — Weiber knüpfen sie zusammen und bringen Alles in das Verhältniß, wenn gleich gesellschaftliche Unterhaltungen mit Recht die Art der Englischen Gärten behalten, die genau gebahnte Wege vermeiden. — Wäre größere körperliche Stärke mit einer größeren Seelenkraft verbunden, so würde diese Schrift sehr klein geworden seyn, und es hätte nicht verlohnt, an eine bürgerliche Verbesserung der Weiber zu denken. Macht aber der Geist des Menschen sein eigentliches Wesen und Seyn, so ist die Unfähigkeit des Weibes zu Staatsgeschäften, Künsten und Wissenschaften ein Vorwand, allein kein Einwand — Selbst nicht immer sind die Weiber schwächer gebauet als die Männer — »In einzelnen Fällen —? in niederen Klassen?« Nein! auch selbst im Allgemeinen. In Champagne, wo die Einwohner ein gesunder Schlag Leute sind, sollen, nach der Bemerkung der Reisenden, die Weiber stärker seyn als die Männer; und wie viele junge Wüstlinge giebt es, die sich das Alter in der Jugend inoculiren ließen, um so wenig vor Alter, wie an den Pocken zu sterben —! Ich will für meinen Einwender Gründe auslegen, die er mir hoffentlich zu seiner Zeit erstatten wird. Zugegeben, daß das Weib im Allgemeinen und bei allen Nationen, so wie überhaupt, in der ganzen thierischen Schöpfung, schwächer, feiner und zarter gebauet ist als der Mann; zugegeben, daß die weiblichen Nerven biegsamer, reitzbarer und zärtlicher als die unsrigen sind: was folgt daraus? etwa, daß der Körper der Weiber nicht zu langen Anstrengungen des Geistes angelegt sei? daß sie wegen ihrer lebhaften Imagination nicht lange bei einem Gegenstande verweilen können? daß Anstrengung des Kopfes, Sammlung des Geistes ihre Sache nicht sei? — Giebt es nicht wissenschaftliche Gegenstände, welche Biegsamkeit und Feinheit erfordern? Läßt denn körperliche Stärke auf geistige schließen? und hat ein vierschrötiger Tagelöhner die beste Anlage zum Generalsuperintendenten? — Die vorzüglichsten Menschen hatten schon oft die schwächlichsten Körper. Eine große Seele hat selten einen handfesten Leib zu seinem Gefährten gewählt; Freund Hume und einige andere ausgenommen, waren große Geister in der Regel klein und schwächlich —. Was wohl leibet, heißt es in einem alten Sprich- und wahren Worte, seelet oft übel. Selbst Alexander und Friedrich II waren klein von Körper, so wie Helden gewöhnlich nicht auf große Statur Anspruch hatten. Oder wie? haben Physiologen ausfindig gemacht, daß die ursprüngliche weibliche Organisation die Weiber zu subalternen Geschöpfen mache, ihnen den Weg zu allem Edlen und Großen vertrete, und, wenn auch Jünglinge und Mädchen einerlei Unterricht empfingen, von einerlei Motiven zu ihrer Geistesbildung angetrieben würden — jene doch diese allemal überflügelten? Wären diese Beobachtungen wahr und richtig, so müßte man freilich glauben, auch wenn man das gerade Gegentheil sähe — Ei Lieber! wo hat man den Erfahrungsschatz gefunden? gesammelt hat man ihn doch nicht? wo sind Versuche gemacht? absichtlich gemacht? und müßte das nicht vorausgegangen seyn, wenn man über Anlagen und Fähigkeiten so absprechen wollte? Es hat nie weder an Köpfen noch an Herzen unter den Weibern gefehlt, die den Männern den Rang abgewonnen! Ich beziehe mich auf den Anfang dieses Ohrfingers von Capitel, welcher so spendivisch preiswürdige Namen genannt hat — Und warum wollen wir mit einander streiten, da jeder Blick aus der Arche der Studierstube das Vorurtheil der Weiberverachtung widerlegen kann und wird — falls ihm kein gefärbtes Glas die Kraft benimmt. Es geht meinem Gegner wie vielen andern seiner Art: er bestreitet nicht die Sache selbst, sondern die unrichtigen Begriffe, die er sich von der Sache macht; nicht mich, sondern sich —
Freilich — (ein erwünschter Anfang von einem Opponenten!) Freilich wallfahrtete die Königin aus Arabien, um bei dem Professor Salomo einen philosophischen Cursus zu hören; und wir können nach der Liebe hoffen, daß er sie nicht ohne augenscheinlichen Segen seiner Schule entlassen haben wird.
Der Schule der Weisheit doch wohl? sonst müßt' ich dies Freilich mit Zinsen zurückgeben. Wo der liebe Gott eine Kirche hat, da bauet sich der leidige Feind eine Kapelle — Jede Akademie der Weisheit hat ein Gymnasium der Torheit in der Nähe; in der größten Schönheit liegt der Stoff zur größten Häßlichkeit — Je glücklicher die Vernunft den blauen Dunst zu verbreiten sucht, der unser Auge verfälscht; je heftiger wird die Begierde, sie durch Besuche aus jenen Gegenden zu widerlegen, wo abgeschiedene Seelen hausen — Beweiset die königliche Wanderschaft (des Freilichs ungeachtet) nicht klärlich, wie begierig die schöne Welt — wohl zu merken nach Weisheit ist —? in Ernst, was wissen wir denn? Sind Weiber gleich zuweilen des Dafürhaltens, einer Philosophie nicht zu bedürfen, nach welcher wir uns rühmlichst den Kopf zerbrechen, um grundgelehrt sagen zu können: wir wüßten nichts; können ihnen dagegen wohl Energie der Seele und tiefgeschärfte Bemerkungen abgesprochen werden? Und so wäre denn auch dieses Spiel für die Weiber gewonnen — — — Kinder reicher Leute sind gemeiniglich so baufällig, wie die Hütten der Armen, und langer Nichtbrauch kann Kräfte schwächen; — allein auch heben?
Wer kann behaupten, daß das Eigenthümliche des Geschlechtes nichts Bestimmendes für die bürgerliche Gesellschaft habe? Das Weib hat Selbstliebe und die damit correspondirende Selbstbeständigkeit — Ist bürgerliche Gesellschaft denn etwas anderes, als eine vergrößerte häusliche? oder sind etwa auch in der häuslichen Gesellschaft die Weiber nicht an Ort und Stelle? Wo sind Privatgesellschaften, die in die Länge ohne Weiber sich halten könnten? Ihren Hauptreitz verdanken sie den Weibern, deren munterer leichter Ton Alles in's Geschick bringt, und die schwersten Gegenstände schmackhaft, anmuthig, gefällig und geläufig zu machen versteht — Sie finden zu den Gedanken des Mannes die schicklichsten Ausdrücke; und oft hab' ich zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß, umgekehrt, Männer die Gedanken des anderen Geschlechtes durch wohlgewählte Worte zu beleben suchen. Bei jeder Regel haben sie zehn Fälle bei der Hand, die jene bestärken oder widerlegen; ihre vom richtigsten Geschmack gebildete Einbildungskraft bringt in die abstraktesten Dinge eine lebendige Seele! Wir wollen viel wissen, die Weiber viel verstehen; wir wollen viel gedacht haben, die Weiber viel sagen und in Umlauf bringen. Sie protegiren gemeiniglich nicht Gelehrte, sondern die Gelehrsamkeit; weniger eitel in dieser Hinsicht als wir, legen sie es darauf an, weniger gelehrt als weise zu seyn; sie ehren den Witz, und bedienen sich seiner als der ihnen von Natur beigelegten Waffen, sich in Achtung zu setzen und darin zu erhalten. Durch Witz beleben sie ihre gesellschaftlichen Cirkel, und halten jede Ungezogenheit ab; ihre gefällige Laune tingirt Alles mit Wohlgefallen — Dem Pedanten schleifen sie den Rost ab, damit er erträglich werde; und wenn Newton ihren Finger nimmt, um seine Pfeife nachzustopfen, so wissen sie diese unverzeihliche Zerstreuung zu seinem Vortheile zu wenden; wenn er etwas über die Offenbarung Johannis schreibt, so thut es durch den Schutz, den sie ihm angedeihen lassen, ihm an dem Orte, wo er lebt, keinen Schaden. Ein großer Gewinn! Nichts wird so wenig vergeben als persönliches Verdienst, und nichts wird so gern von Damen in Schutz genommen als eben dieses. Empfindlichkeit ist innig mit Genie verbunden: in unserem Glücke liegt auch immer der Keim unseres Unglückes; und wie viel haben Damen zu thun, um hier Alles zum Besten zu kehren, zu ebenen und in's Gleichgewicht zu bringen! Ruhe und Ruhm sind selten gute Freunde; Damen versuchen die Sühne unter ihnen, und wissen sie zu vergleichen. Sie vertreiben jenen Rauch in den Schriften der schönen Geister, der Alles räucherig gemacht haben würde, wenn nicht in Zeiten frische Luft dazu gekommen wäre. Sie stellen bei kleinen Soupers witzige Turniere an, und lenken das Gefecht. Sie widersprechen nicht wie mein Gegner, sondern oft nur, damit man einsehe, daß hier ihrer Zwei sind — Wenn Gelehrte Gedanken überschlagen, so wie man Blätter überschlägt; so füllen sie die Lücken, und setzen Alles in Verbindung — Ihre Aufmunterung erhält den verdienstvollen Schriftsteller aufrecht, wenn Knaben ihn einen Kahlkopf heißen; sie decken ihn mit ihrer Ägide vor den feurigen Pfeilen des Neiders und Spötters, so daß die besten Autoren an ihrer Hand die Stufe der verdienten Würde erstiegen, die sie ohne diese Engel der Stärkung gewiß nicht erreicht haben würden — In der Blüthe wären sie verwelkt, und noch ehe sie zu männlicher Stärke gelangten, würden sie, ohne weibliche Aufmunterung, Autorlebenssatt dahin geschieden seyn — Die Prämien aller Akademien können nicht den aufgekitzelten Witz eines Spötters in unserm geselligen Kreise zügeln; — und Weiber, die so wohlthätig in kleinen Gesellschaften sind, sollten es weniger in größern und im Staate seyn —? Ein Englischer Reisender macht die Anmerkung, daß die Französinnen in den Tagen der Fröhlichkeit und des Genusses glänzten, die Engländerinnen dagegen im Schatten des eingezogen Lebens und in der häuslichen Ruhe — Man lasse sie zu Staats-Geschäften, und wir werden finden, daß sie nicht bloß zum Englischen Frühstück, zu einer Französischen Assemblee, sondern auch in Geschäfte die nämliche Milde und Güte bringen werden, die sie überall, wo sie sind, verbreiten — Sie sind das Salz der Erden, das Allem Geschmack giebt, das Licht, das überall erleuchtet, es mag als Mond des Hauswesens, oder als Sonne des Staates aufgehen. Nicht nur die angeborne Moral ihrer schönen Seelen; nicht nur ihre Herzenskunst die feinsten Winkelzüge des menschlichen Empfindens zu erreichen; nicht nur ihr durchdringender Blick, der wie die Steine Davids Goliathe tödtet; sondern auch jene Eigenschaften, die uns die Kindheit so liebenswürdig machen, ihre edle Einfalt, ihre Güte des Herzens, ihre von, aller Menschenfurcht entfernte Seele, ihr unbesorgtes Vertrauen auf den Vater im Himmel und auf eine gerechte, eine gute Sache, würden die Staatsgeschäfte wiedergebären, und wir einen neuen Himmel und eine neue Erde des Staates sehen, wo Gerechtigkeit und Milde wohnten, und in einem neuen heiligen Leben wandeln. — Es wäre eine unverzeihliche Spötterei, wenn man auf die Frage: warum die weiblichen monarchischen Regierungen besser als die männlichen sind? antworten wollte: weil alsdann Männer das Ruder in Händen haben, so wie, wenn Männer regieren, Weiber sich am Ruder befinden; allein auch selbst diese Spötterei, so wenig sie von der Geschichte gerechtfertigt wird, beweiset mindestens, daß Weiber guten Rath zu schätzen wissen: und ist dies nicht bei Männern nur selten der Fall? Doch, berufen Einwendungen zu lösen, wie komm' ich zur Apologie —?
»Eine Hauptbestimmung des Weibes ist Kindererziehung. Um desto sicherer zu glänzen, versäumt es diese Pflicht, die Miethlingen überlassen werden muß; und wenn etwa eine Mutter noch mit getheiltem Kopf und Herzen die Erziehung ihrer Tochter übernähme — ist es Wunder, daß sie, durch Gesellschaft verdorben, anfänglich mit ihr paradirt, und nicht lange nach diesen Tagen eifersüchtig auf sie wird?« —
Lieber! ist die Erziehung bloß Pflicht der Mütter, oder liegt sie nicht auch den Vätern ob? gehören die Kinder nicht beiden? Und wenn der Vater, dieser Verpflichtung ungeachtet, nicht aufhört gesellig zu seyn, warum soll es denn die Mutter? Wozu werden Kinder erzogen? nicht zur Gesellschaft im Großen und Kleinen? und diese kennen zu lernen, soll die Mutter Verzicht thun? sie soll erziehen, ohne die Erziehungskunst zu kennen? — Einer der ungerechtesten Vorwürfe ist es, die große Weichlichkeit unseres Jahrhunderts auf die Rechnung der Weiber, und des Tons, den sie in Gesellschaften angeben, zu setzen. Sind wir wohl so weichlich wie die cultivirten Völker, die ihre Weiber einsperren? Selbst zu gymnastischen Übungen giebt das andere Geschlecht unsern Jünglingen Gelegenheit, die indeß kaum noch Kraft zum Tanze haben, der ohne die Weiber völlig aufhören würde —! — Die Weichlichkeit fing von jeher bei unserem Geschlechte an, und gewiß haben wir es den Weibern zum größten Theil zu verdanken, daß sie nicht noch größere Verwüstungen macht. Jene Eitelkeit, die jetzt den Weibern anklebt, wird von selbst aufhören, wenn wir ihnen den Zutritt zu Dingen verstatten, wo sie sich von einer vortheilhafteren Seite zeigen können. Bis jetzt schränkte sich ihre ganze Bestimmung auf die Kunst ein uns zu gefallen, und ein Mädchen hat seinen Lauf vollendet, wenn es das Glück hat, einen Jüngling anzuwerben, der seiner würdig ist. Gebet den Weibern und Mädchen andere Beschäftigungen, und sie werden jene Kleinigkeiten, jene Puppen aufgeben, und die äußerlichen Vorzüge weit unbeträchtlicher finden, als ein großer Theil unserer Narcissen, die im Spiegel der Mädchen bloß ihr geziertes Selbst erblicken. Befriedigen wir überhaupt durch das, was wir dem anderen Geschlechte zugestehen, nicht weit mehr unsere Eitelkeit, als die Forderung der Natur, als die Wünsche eines denkenden Weibes? Es ist nicht zu leugnen, daß jetzt auch eine tugendhafte, ihrem Manne getreue Frau eine gewisse Koketterie für keinen Fehler hält und Männern von Verdiensten so liebreich und zuvorkommend begegnet, daß diese nicht umhin können, ihr eine vorzügliche Dankbarkeit zu erweisen — Doch sollen hierdurch Begierden nicht geweckt oder gereitzt werden; nie denkt jene liebe Frau sie zu befriedigen, und der Mann, der darauf Rechnung machen wollte, wäre ein Neuling, oder ein Prahler oder — Wenn der liebe Gott einen Menschen strafen will, so fängt er an, ihn inconsequent reden oder handeln zu lassen — — Es giebt stillschweigende Bedingungen, die, ob sie gleich nicht verabredet, sondern vorausgesetzt und angenommen sind, doch heiliger als schriftliche Contrakte, mit Notariatssiegeln verunstaltet, erfüllt werden — sie sind eine Art von Spielschuld, die auch den Königlichen Allerhöchsten Kassen vorgeht — Bei der jetzigen Lage der Dinge trägt diese Koketterie des gemeinen Lebens dazu bei, daß der Umgang anziehender wird — man macht, wenn ich so sagen darf, nicht dem Körper, sondern der Seele den Hof, und es giebt in der That Seelen-Cicisbeos, die unschuldigsten Geschöpfe unter der Sonne — Eine gewisse Art von Gleichheit unter den Menschen, welche an die Unschuld der ersten Welt erinnert, wird hierdurch zu Stande gebracht; und so lange Weiber an den Staatsgeschäften nicht Theil nehmen, und wir keine ernsthafte Dinge mit ihnen und in ihrer Gegenwart treiben können, ist diese Koketterie ein Nothübel, ohne das unsere Gesellschaften das Schalste, Unreitzendste und Langweiligste seyn würden, was je in der Welt gewesen ist und seyn kann.
Der Einwand meines Gegners, daß Weiber zu viel Zeit auf ihren Leib verwenden, spielt den Krieg in sein eignes Land — Sind wir es nicht, die ihnen die Seele bestreiten —? die sie auf den Körper einschränken? Ist denn etwa der Körper uns bloß Ballast, mit dem die arme Seele sich beschwert hat, um auf der Fahrt dieses Lebens fortzukommen? oder ist er nicht vielmehr ein ehrwürdiger Theil des Menschen? — Wer die Seele den Genius des Menschen nannte — hatte der so ganz unrecht? Man gradiere die Weiber im Staate, so wie man dem Golde eine höhere Farbe giebt; und sie werden über den Leib die Seele nicht versäumen — Ist es Ernst, lieber Einwender, oder ist deine Behauptung, daß die Weiber eine unüberwindliche Neigung zur Pracht besitzen, wodurch sie ihre Männer zur Verschwendung und zu betrügerischen Concursen verleiten, Scherz? — Ernst also! Lieber! wer brachte sie auf die Bahn zur Pracht? nicht der Stand des Mannes? müssen sie nicht diesem oft die glücklichsten Neigungen ihres Herzens aufopfern? Ist ihre natürliche Stimmung nicht für Einsamkeit und Landleben? — Landleben? — Allerdings! Nicht aber für jenes, das keine Wohnung der Weltentfernung, sondern eine Gelegenheitsmacherin zu neuen Üppigkeiten und zu einer ganz neuen Art der Übertreibung ist — An der Hand des Weibes scheint die Natur sich mit uns vertraulicher einzulassen und recht Gelegenheiten aufzusuchen, ihre Milch und ihren Honig, den ganzen Reichthum ihrer Wollüste, uns schmecken und sehen zu lassen. Die edlen Ergüsse der Zärtlichkeit, wenn sie reitzend ausgewechselt werden sollen, suchen das Land, und entfernen sich von Hof und Stadt, wo sie Fremdlinge sind — sie leiden keine Zeugen, und weit weniger Laurer und Faher — Wie oft muß sich das Land mißbrauchen lassen, die verstimmten Sinne des Hofmanns, nicht zur Tugend und zu sanften Sitten, sondern zu neuen Ausgelassenheiten aufzuheitern! — Man sucht reinere Luft, um sich zu einer neuen Art Ausschweifung aufzufrischen — Weiber suchen das Land, und warten nicht darauf, dahin verwiesen oder ausgestoßen zu werden — Freund! sie sollten die Gräfin **b* kennen! Sie darbt, wenn man an der Hand der Natur darben kann, um für ihren Schlemmer von Gemahl eine ungeheure Schuldenlast zu bezahlen, die nicht bloß Sünden der Jugend sind, sondern die er in einem Staatsposten, der seinen Mann nährt, noch immer vergrößert — Weiber schaffen sich Welten, die sie besäen und bepflanzen, durch eine wohlthätige Einbildungskraft, die ohne Mühe reich macht: in der wirklichen Welt — wie unbedeutend ist da ihre Rolle! — sie zogen Nieten aus jenem Glückstopfe; wir die Gewinner — Man kann durch Gedanken sich erhitzen und zu einer Röthe kommen, die man eine Seelenröthe nennen könnte, und die sich von allen jenen unterscheidet, welche durch körperliche Erhitzungen veranlaßt werden; und so eine Röthe innerer Zufriedenheit, mit Zuziehung einer wohlerlaubten Einbildungskraft erregt — welch eine Zierde auf der Wange eines edlen Weibes! Hast du nie die Wonne eines Familienzimmers empfunden, wo man eigentlich zu Hause ist? denn in den übrigen wohnen Gäste oder ein antisokratischer Dämon von Pracht und Stolz; und welches Zimmer ist dem andern Geschlechte das angemessenste? das erste das beste — Und wie! wenn es auch Weiber giebt, die zu meiner Beschreibung nicht passen, wurden sie nicht schon als Bräute zum unzeitigen Aufwande durch Geschenke verführt, die weit über das Vermögen des Bräutigams gingen? Schwingt sich das Weib zum Regiment, so wird es ihm schwer und unerträglich sich herabzustimmen —; und wenn es sich wirklich herabstimmt, ist es verzeihlich, solche Blößen zu geben? solche Betrüge ungestraft zu begehen? ist es nur anständig, als Bräutigam den Pastor fido zu spielen, um nachher als Ehemann den Orlando furioso zu machen? sein Weib aus dem Himmel in die Hölle, aus Eldorado in eine Schenke zu werfen, wo man es durch ein Schattenspiel an der Wand entschädigen will? — So betete man weiland in Paris die Komödianten an, denen man im Tode ein ehrliches Begräbniß versagte —.
Weiber sind auffahrend; der Zorn aber (das Vorspiel der Raserei) thut nie, am wenigsten in Staatsgeschäften, was Recht ist.
Und woher dieser Zorn? der Ohnmacht halben, und weil den Weibern keine rechtmäßige Macht zustehet? Was hilft es, mit sich selbst zu Rathe zu gehen, wenn es an ausübender Gewalt fehlt, die weise genommenen Beschlüsse zur Vollziehung zu bringen! — »Kannst du regnen, so kann ich auf Holzschuhen gehen,« heißt es in einem alten Deutschen Sprichworte; und wer leugnet es, daß man bei den Ausbrüchen des Zorns die eignen Gedanken der Seele nicht vernimmt, so wie man bei tobendem Gewitter sein eignes Wort nicht hören kann! — Als jener edle Mann des Alterthums nach seiner Rückkehr sein Hauswesen in unverzeihlicher Unordnung fand, stellte er seinen Vizdum, den ungerechten Haushalter, bloß mit den weisen, bewunderungswürdigen Worten zur Rede: wie würd' ich dir begegnen, wenn ich nicht böse wäre —! Mein guter Freund ** sah einem Diebe gelassen zu, der ihm sein Holz stahl, und nur als er zu befürchten anfing, der Holzdieb würde sich zu sehr belasten, bat er ihn dienstfreundlich, sein selbst zu schonen, und sich, den Weg zweimal zu gehen, nicht verdrießen zu lassen. Rechtsum, schön! und Linksum? Welchem Herrn dient der Knecht lieber: dem, der ihn in der ersten Hitze seine Strafhand empfinden, oder dem, der eiskalt ihn blutig stäupen läßt? »Der Teufel verliert keinen Dreier dabei, wenn ich nicht fluche,« sagte ein Bauerknabe, als ihm das zweite Gebot eingebläuet ward — So theuer bezahl' ich die Weisheit nicht — Wie Vielen kostete die Zornunterdrückung Gesundheit und Leben! — Gesetzt Weiber verständen die Kunst nicht, ihren Zorn äußerlich zu zähmen, und eine gewisse Ruhe zu schwarzkünsteln — sind nicht die unversteckten Fehler die leichtesten und gemeiniglich Schwachheitssünden, von denen sich auch fromme gottgefällige Seelen nicht lossagen können? Die Heiligen sind in dieser Rücksicht nicht ohne Fehl vor Gott; — vor Menschen es zur Scheinheiligkeit zu bringen, kann nicht schwer fallen. Jene Fehler bleiben die gefährlichsten, die in Schafskleidern zu uns kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen — Zürnet und sündiget nicht — Ist nicht der Zorn eine Art von Waffen, womit wir oft Gutes erweisen können, ohne zu schaden? Was würden Weiber ohne dies Hausmittel bei der Kindererziehung ausrichten? Giebt es nicht Unbeschnittene an Herz und Ohren, denen man nachdrücklich und gewaltiglich andeuten muß, was zu ihrem Frieden dient? — »Verziere das Nützliche,« sagte die Weisheit; die Thorheit, die alles umzukehren gewohnt ist, kehrte das Gebot um, und machte das Hauptwerk zum Nebenwerke. Giebt der Zorn nicht oft der Sache einen gewissen Schwung —? Wer kennt und schätzt nicht den Diensteifer, der das dritte Wort ist, wenn wir dem Staate unsere Dienste anbieten, wenn wir wirklich seine Officianten werden und wenn wir mit der Bitte einer Pension den Staatsdienst verlassen —!
Der unbilligste Einwand von allen ist, daß Weiber darum nicht zu Geschäften berufen sind, weil sie zu keiner Freundschaft unter sich Verstand und Willen haben. (Man übersehe nur nicht, daß nicht ich sondern mein Feind so freundschaftlich ist, an die Freundschaft zu denken —) Ich leugne nicht, daß ohne ein gewisses Band so genannter Freundschaft, eigentlich Offenheit, gutmüthiger Bekanntschaft, Staatsgeschäfte schwerlich bewirkt, und die leider zu künstlich gerathene Maschine des Staates vereinfacht werden kann, weil ohne dieses Band keine Einheit im Staate herauszubringen ist und alles in der Irre ohne Zusammenhang und Ordnung bleibt — Wer ist aber im Stande, den Weibern Überlegung hierzu, kalte Schätzung des Gegenstandes, Feinheit, zuvorkommendes Wohlwollen und Aufopferung abzusprechen —? Schon jetzt giebt es Freundschaften unter ihnen, die den unsrigen nicht weichen — Nur das Vorurtheil der Männer hat ihnen die Anlagen zur Freundschaft abgesprochen. Sind sie nicht zarter, treuer, unüberwindlicher, unbestechbarer, als viele Männer, wo Neid und Rivalität von so vieler Art die Triebe des Herzens verfälschen, und die Freundschaft zum Contrakt do ut des, facio ut facias, nicht zum Herzens-, sondern zum Sachentausche machen? — Damon- und Pythias-Freundschaften sind Fälle, die zu den seltenen gehören, und die bei dem Einerlei der Weiber, bei ihrem Alltagsleben um so weniger zu erwarten stehen, da Proben und Situationen zu dergleichen Freundschaften durchaus unentbehrlich nöthig sind — Und wie verschieden sind jene Damon- und Pythias-Freundschaften vom Dienstgleichgewichte, das durch ein gewisses Einverständniß bewirkt wird. Weiber müssen jetzt von Geschlechtswegen, wo nicht interessiren, so doch Herzen gewinnen, wo nicht angebetet, so doch geliebt werden wollen; setzt sie über die Sinnlichkeit hinaus, und ihre Eitelkeit, ihre Neugierde, ihr jetziger Hang zum Vergnügen werden sich veredeln — sie werden nicht aufhören, Weiber zu seyn; — wie unglücklich wären wir, wenn sie das könnten! — nur werden sie aufhören, die Weiber zu seyn, die sie jetzt sind — Diese Verwandlung wird uns heben, statt daß man uns jetzt, wie jenen Elephantenleiter, fragen könnte: bist du darum so trotzig, weil du Thiere commandirst? An uns ist der erste Schritt, und nur von unserm bußfertigen Entschlusse hängt es ab, diese Revolution zu bewirken. Werdet andere Männer, und Alles, vorzüglich die Weiber, ist anders als jetzt. Mit dem Maße mit dem wir sie messen, werden sie uns wieder messen. Dienstfreundschaft! Ist sie denn unserm Geschlechte eigen? Nicht nur die Kraft, auch den Schein verleugnen wir. Führen die Staatsdiener nicht unter sich den dreißigjährigen Krieg? Der Financier ist wider den Justizmann, und der Justizmann wider den Financier; das diplomatische Corps wider das Kriegs-Departement, und dieses gegen jenes — Einer will den andern übermeistern, ohne daß er seiner selbst Meister ist: Einer will dem andern die Gränze verrücken, einer stellt dem andern ein Bein — Doch, leider! ist es immer der Staat, der bei dieser Gelegenheit in die Grube fällt — Oft giebt sich sogar Richtercomplott und Höllenbund wider den Unterdrückten für Dienstfreundschaft aus; und da ist das letzte Übel ärger, als das erste; da ist guter Tag und guter Weg ein Himmel gegen jene Mörder-Bande —
Der sittliche Zustand der Weiber gründet sich sehr natürlich auf ihren gesetzlichen — Da das Mädchen sich ihren Gefährten des Lebens nicht laut und deutlich wählen kann; so sieht es sich genöthiget, dieses Geschäft zutrauensvoll seinem Auge zu übertragen, das, an diese Einladung gewöhnt, nie ganz diese Weise aufgeben kann — Man scheint dieser Manier eine Art von Dankbarkeit erweisen zu wollen, die jetzt, da Alle dies Blickspiel treiben, das Unanständige nicht hat, das es sonst haben würde. Diese Blicke, wodurch sie eine besondere Art von Beherrschung, die man Augenherrschaft nennen könnte, und eine gewisse gefällige Freundschaft üben, haben ihren besondern Contract social und so bestimmte Gesetze, daß man auf ein Haar weiß, wann die erlaubte Grenze überblickt wird — Dem Reinen ist Alles rein — Wer findet nicht einen sicheren Weg zur Wonne, in dem schönsten der Spiele, einer verstohlnen Liebe? Die Genüsse der Verstohlenheit steigen zu einer geistigen Würde, zu einer hinreißenden Delicatesse — Durch jenes Glück, das die Mädchen sich erblickten, durch jene anziehende Kraft, wodurch sie auf die Jünglinge wirkten, hat ihre Verlegenheit auch bei weitem noch nicht ihr Ende erreicht, wenn sie die Ehre haben, in die Gewalt der Männer zu kommen. Sie sinnen unaufhörlich darauf, diese Gewalt durch alle Künste einzuschränken, so daß am Ende nicht viel davon übrig zu bleiben pflegt — Da sehen sich denn Weiber zuweilen — ist es ihnen zu verargen? — nothgedrungen, vermittelst der Augen mit getreuen Nachbarn und desgleichen Allianzen zu ihrer Deckung einzugehen; und so unschuldig dieser Freundschaftsanfang gemeiniglich ist, so schuldig können oft Schutzverträge dieser Art werden. Von Personen ihres Geschlechtes können sie keine Beihülfe erwarten, und ihre Freundschaften unter sich sind von anderer und originaler Weise. Giebt es aber nicht eben so viele wahre Freundinnen, als es wahre Freunde giebt —? Von der bürgerlichen Verbesserung der Weiber wird es abhangen, daß ihre Freundschaftsanlagen berichtiget und verbessert werden — Wie unbillig sind wir, von Weibern — denen wir die Würde Personen zu seyn, versagen — mehr zu fordern, als ihnen zu leisten möglich ist! — — Fast könnte man behaupten, daß die Gesetze, die für ihr Vermögen, wie für das Vermögen eines Unmündigen, sorgen, ihre Personen darüber vernachlässigen, oder sie wenigstens vergessen zu haben scheinen. Frauenzimmer, welche Mütter werden können, sind keine Kinder mehr — Der bittere, nicht unverdiente Vorwurf, den man unserem Geschlechte macht, »daß es heut zu Tage keine Kinder mehr gebe« — stehet er nicht mit unserer Grausamkeit, die Weiber als große Kinder zu behandeln, in engerer Verbindung, als man denken sollte? — — —
Es giebt Regenten, die sich den landesväterlichen Wunsch des Caligula aus Geitz eigen machen: ach, wenn doch alle ihre Provinzen nur Einen Hals hätten! nicht um ihn zu brechen, sondern nur eine einzige Röhre zum Essen und zum Trinken in ihrer Monarchie zu haben. So tyrannisch bin ich nicht in Hinsicht meiner guten Freunde von Opponenten, die es indeß nicht viel besser als die Virtuosen machen, welche oft beschwerlich sind, wenn sie Niemand hören will, dagegen stumm und eigensinnig, wenn sie sich hören lassen sollen.
Die Unbeständigkeit soll ein so charakteristischer Zug des weiblichen Verstandes seyn, daß Weiber bei keinem Gegenstande der Untersuchung und des ernsten Nachdenkens mit gleicher Anstrengung lange zu verweilen im Stande wären.
Der größte Theil des andern Geschlechtes, der Mittelstand, hat nur eine einzige Art von Beschäftigung, kommt nie aus dem Takt, und weiß nur vom Hörensagen, was lange Weile ist. Diese entsteht aus einer Art von Luxus der Beschäftigungen, und gehört in der Regel zu den Eigenschaften der Männer, obgleich auch Damen höherer Region an diesem Übel Theil nehmen, und an demselben schwach und krank danieder liegen, wenn das Vergnügen länger dauert, als sie es auszuhalten gewohnt sind. Die Frau Gräfin hatte lange Weile in der Komödie, weil heute noch Redoute ist; allein auch auf der Redoute wird ihr die Zeit lang werden; weil sie keine Partie findet; und auch wenn sie diese gefunden hat, würde die Zeit von ihrem Blei kein Gran verlieren, da ihr Cicisbeo bei dem fürstlichen Souper lange Weile hat, und sie mit ihrem Verehrer nicht minnespielen kann. Bei einem einzigen Spiel findet die schöne Welt zu wenig Beschäftigung. Konnte doch Julius Cäsar lesen, schreiben, und sieben Cabinetssekretarien sieben besondere Briefe diktieren! — — Und lebt die schöne Welt wirklich? — Nein doch! sie spielt das Leben — Unbeständig überhaupt find' ich das andere Geschlecht nicht mehr nicht weniger, als das unsrige; vielmehr ist ihm eine gewisse Weltüberwindung eigen. Es verstehet sich darauf in's Dunkle zu werfen, und glänzt eben darum desto besser — Stilles Verdienst ist sein Eigenthum; und sind dies Anzeigen des Unbestandes? — Zeitiger und fester nimmt es seine Partie als wir — Zwanzig exemplarische alte Jungfern gehen auf einen Hagestolzen gleicher Art.
Die große Lebhaftigkeit weiblicher Empfindungen und weiblicher Einbildungskraft, das zu reitzbare Nervensystem soll indeß Schuld an der Unbeständigkeit und dem bloß flüchtigen Feuer bei Gegenständen des Nachdenkens in Hinsicht der Weiber seyn; auch sollen sie für große Gegenstände des menschlichen Wissens nur selten ein wahres Interesse fühlen —
Und giebt es denn in unserm Geschlechte Viele, bei denen jene Ausdauer ist? die ein, dem ersten neuen und frappanten Eindruck gleiches, Feuer bei scientifischen Gegenständen behaupten, die dem Spiele schnell auf einander folgender angenehmer Empfindungen widerstehen, und einem Gegenstande getreu bleiben bis in den Tod? Hat nicht fast jeder, außer seinem Haupt-, noch einen Neben-Beruf, den er Erholung nennt, und an dem er weit mehr hängt, als an seiner Hauptsache? Die eigentliche Strebsamkeit ist dieser Nebensache gewidmet: und hierbei pflegt man es auch, durch Gottes Segen, in kurzer Zeit weiter zu bringen, als bei der eigentlichen Hauptsache. Friedensschlüsse verbinden jeden, nur nicht die, welche sie schlossen; und angewiesene Officianten haben überall Kraft und Macht und Glauben in ihrem Amtsbezirk, wenn sie gleich — (während sie eine Aktenrelation fertigen, ein Paar über Nichts und wider Nichts uneins gewordene Nachbarn ausgleichen, dem jungen Greise von Vormunde, bei dem sein Mündel das erloschene Feuer anfachen soll, dies unschuldige Geschöpf entreißen, ein Domainen-Stück taxiren, den verfallenen Nahrungsstand eines Fleckens untersuchen, die Klagen von hundert unterdrückten Bauern hören, und einer Wittwe zu dem ihr vertheuerten Rechte verhelfen, und ihre Rechtssache verkürzen sollen) — ein Lied auf den Frühling zusammenstümpern, einer Wildenschweinsjagd beiwohnen, ein Pikenik abwarten, eine Strohkranzrede halten, oder in Liebelei versinken — Haben doch Könige und Fürsten Kühe gemolken, Netze gestrickt, Knöpfe gedrechselt, gemahlt u. s. w. Leibnitz war so wenig Professor Philosophiae, als Wieland Professor Poëseos; und was giebt es denn für große Gegenstände des menschlichen Wissens, für die nicht Jemand aus dem andern Geschlechte eine Neigung gezeigt hätte? Die Geduld, das Ausdauern der Weiber ist zum Bewundern; und legen sie nicht täglich davon ein Zeugniß ab, indem sie die Formen nicht zerbrechen, in welche Gewalt und List sie goß? indem sie Kinder erziehen und in's Geleise bringen, die ihre Väter oft durch blinde Liebe und eben so oft durch blinde Strenge verderben —? indem sie mit ihren Männern (leider! nur zu oft alten Kindern) gelinde umgehen, wie mit jedem Übel, das nicht zu ändern ist, und sie heben und tragen und leiten, um sie nur wenigstens leidlich zu erhalten? — Aristoteles ging spazieren, wenn er lehrte und lernte, und hieß der Spazierer (Peripatetiker) — Oder ist es nöthig, daß Alles im ersten Feuer gearbeitet wird? daß die Phantasie uns Alles mit Flammen mahlt? und daß Alles, was wir denken und sagen, ein immerwährendes Feuerwerk, ist? — Außer dem Feuer giebt es noch andere wohlthätige Elemente — Ungezügelte Bilder, funkelnde Sprüche, tiefgeschöpfte, schwer herausgezogene Sätze mögen immer bleiben, was sie sind; es giebt Gedanken, die ihren stillen Werth haben — die, gerechtfertigt werden durch That —! — Wenn den gelehrten Arbeiten der Weiber eine gewisse Furchtsamkeit anklebt — ist es Wunder, da sie sich in die gelehrte Republik bloß hineinstehlen müssen? Von Natur sind sie dreister als wir; das Gefühl des Unvermögens, den Vorzügen Anderer gemäß zu reden und zu handeln, das Allem eine gewisse Ängstlichkeit giebt, ist ihre Sache nicht — Die Gabe ihrer leichten ungezwungenen Unterhaltung wird ihren Vortrag nie mit üblen Angewohnheiten und Einschiebseln verunstalten, die sich nicht viel besser ausnehmen, als wenn verlegene mit der Welt noch unbekannte Jünglinge von ihren Händen und Füßen geärgert werden — oder wenn Fliegen in ein reitzendes Gericht fallen. Müßige Phrases in's Gespräch einschalten, heißt ihnen: die Zeit tödten; und durch schöne Redensarten einnehmen: das Vergnügen als Zweck des Lebens behandeln. Seht Prinzen — und seht regierende Herren selbst, wie furchtsam sie sind! — Das Hof-Ceremoniel scheint nur erfunden zu seyn, ihrer Blödigkeit auszuhelfen. Auch giebt es eine edle Freiheit, welche die Folge eines guten Gewissens ist, — so wie es ein Wohlbefinden giebt, ein Gut- und Übelaussehen, das vom Gewissen kommt; und dies ist dem andern Geschlecht eigen — Warum sollten Weiber denn wohl als Schriftstellerinnen furchtsam und verlegen thun und seyn, da die aufgehaltene Sprache sich durchbrechender Empfindungen eine Gewalt und Stärke besitzt, gegen die schwerlich sonst etwas zu wirken vermag, als unser kritischer Übermuth, der die Weiber durchaus nicht aufkommen lassen will? Weiber wissen Wahrnehmungen zu Beobachtungen zu erhöhen; und da Männer Sätze zu Grundsätzen zu erheben wissen, (die, wohl zu merken! der Philosoph sogar dem Mathematiker vorschreibt) und mit ihnen Tausend schlagen: so schlügen Weiber mit ihrem Witze gewiß Zehntausend, wenn Männer ihn nicht durch eine Art von Gründlichkeit (die genau genommen wenig oder nichts bedeutet) zu lähmen und in Verlegenheit zu setzen suchten. Weiber besitzen die Geschicklichkeit, alle Seelenkräfte auf Witz zurückzubringen — Gelingt ihnen nicht Umfassung der Sache auf eine bewunderungswürdige Weise? Wissen sie nicht das ewige Einerlei, wozu sie verurtheilt sind, unübertrefflich schön zu modificiren? und Aufmerksamkeit in hohem Grade, oder Scharfsinn zu zeigen? Wie können sie aber einem Schwalle von Kunstwörtern widerstehen, womit wir Sturm laufen! wie eine schwerfällige Gelehrsamkeit widerlegen, wodurch wir sie aus dem Tempel der Wissenschaften hinauskritteln, dessen Allerheiligstes doch so leicht und einfach ist —! Warum soll es ihnen an Gedankenfülle, großen erhabenen Darstellungen von Charakteren, an hohem Schwunge gebrechen, oder an Schöpfungskraft und hohem Grad des Enthusiasmus, da sie von dem allen ungesuchte und anspruchlose Proben im gemeinen Leben äußern? — Feine originelle und der Natur abgelauschte Züge sind ihnen eigener als uns; was ihnen am scharfen Umriß bei ihren Charakteren (richtig ist er fast immer) abgeht, ersetzen sie durch ihr lebendiges Colorit — So wie sie ihren Körper zu kleiden verstehen, so kleiden sie auch ihre Gedanken — Die Angemessenheit ihrer Worte und die große Einfachheit in der Wortfügung, geben ihrem Styl eine Deutlichkeit, die nichts übertrifft. Die besten Denkzettel, die ein Autor seiner Schrift anhängen kann, sind, wenn er durch seine Darstellungen uns an uns selbst erinnert; wenn seine Schrift dem Menschen durch das Herz geht; wenn die Leser sich einbilden: es fehle wenig oder nichts, so hätten sie diese Schrift selbst stellen können; sie wären im Stande gewesen, sie dem Autor in die Feder zu sagen; aus ihrem Herzen hätt' er es genommen und ihnen verkündiget — Solch ein Widerschein erleuchtet und frommt!— Wir lassen uns von Ideen, wie Sokrates von seinem Dämon, verfolgen, wir versetzen uns, wie Plato, in eine Republik; und so wie der, welcher ein unverwandtes Auge auf Einen Punkt heftet, zuletzt sieht, was er sehen will: so sehen auch wir mit dem Auge der Seele Windmühlen für Riesen, Wirthshäuser für Schlösser, Teiche für Weltmeere, eine Abderitische Posse für einen wohlüberdachten Finanz-Kniff oder Operation an — Nicht genug; auch Worte spielen den Meister nur zu oft über uns — Wir veruntreuen ihre Bedeutung, werfen eine willkührliche Markscheidung derselben auf, und fallen, wie Leute, die reich werden wollen, in Versuchung und mancherlei Stricke, wenn wir nach der leichtesten Art reich zu werden, zu sparen, oder nach der schwersten, zu speculiren, suchen — Wir arbeiten Alles zum Druck aus, in der bestimmten Absicht, es dem gelehrten Publico zu überantworten, oder es in einem privilegirten oder unprivilegirten Cirkel vorlesen zu lassen — Und ob es gleich freilich correkter ausfällt, wenn der Inhalt lehrreicher ist, oder so aussieht, wie ein hingeworfener weiblicher Aufsatz; so wird die Arbeit des anderen Geschlechtes doch mehr Individualität zeigen, und eine Intuition behaupten, die wir, im Namen und von wegen unserer stupenden Gelehrsamkeit, fast keinem unserer Werke in gleichem Grade verleihen können. Leichter und flüchtiger sind weibliche Arbeiten; allein darum oft treffender, richtiger, eindrücklicher. Weiber lieben schon nicht lange Worte, weil hier eine Hauptsylbe sich die anderen unterordnet und sich die Herrschaft über diese anmaßt — Lange Perioden sind ihnen nicht angenehm, weil sie die Alten nicht genug kennen, weil dieselben schwerer zu lesen und zu fassen sind, und weil der Witz ein Todfeind dieser Potsdammer ist — von denen ein plumper Holländer behauptete, daß nur ein kleines Herz in einer dergleichen gewaltig großen Maschine gefunden werde — Selten lassen Weiber einen üppigen Sprößling des Ausdruckes aufschießen — und ereignet sich der Fall, so ist es eine Feldblume, die sich nicht aus den Grenzen der Bescheidenheit wagt — Bei uns gewinnt Nachdenken, bei Weibern Empfindung die Oberhand — Die Oberhand, sag' ich; denn auch Nachdenken leistet der weiblichen Empfindung hülfliche Hand: und sind in ihren Aufsätzen nicht alle Ungleichheiten geebnet, so bleibt ihnen dagegen mehr Eigenthümliches — Man rücke das Ziel ihres geschäftigen Lebens über die Küche und Stricknadel hinaus; man führe sie nur an: und sie werden uns sehr bald an Scharf- und Tiefsinn übertreffen, ohne sich kraft ihres gesunden Menschenverstandes zu versteigen. Ach! wer kann sich entbrechen, wenn vom Vorzuge unseres Geschlechtes die Rede ist, mit Daniel auszurufen: Seht, das sind eure Götzen!