§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker.
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Wenn die Annahme einer minderen Lebensfähigkeit ganzer Völker richtig wäre, so müsste doch bei allen diesen Völkern sich jenes Hinschwinden gleichmässig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der eine Zweig abstirbt, der andere ungefährdet weiter lebt? Und auch das findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevölkerung, die Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge gedrängte Stämme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die Kamtschadalen sterben aus, die übrigen Nordasiaten, ihre nahen Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen Gründe des Aussterbens nicht in Thätigkeit? Allein während die übrigen Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis, trotz des europäischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer, kräftig und bei voller Zahl. Noch ärger fast als alle anderen Völker sind die Neger bedrückt von einheimischen und fremden Tyrannen; und während sie für einen der fruchtbarsten Stämme gelten, der gar nicht zu vermindern ist, sterben die Neuholländer, nach dem Kärtchen bei Carus Nachtmenschen wie sie, aus — welchem Fall freilich der ethnologische Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Raçe zu vereinigen, der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt. Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die Ansicht ist, dass die hinschwindenden Völker in Folge der Inferiorität ihrer Raçe ausstürben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen, dass da, wo die Gründe, aus denen wir das Aussterben der Naturvölker erklären, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Völker gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die so gefährliche Kultur überwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr allmählich, emporheben können. Und der Nachweis ist leicht.
In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit seinen 200 Häusern, seinen Gärten, seinen geraden Strassen ganz einem deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tüchtig im Feld- und Hausbau und zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als höchste Belohnung für Thätigkeit, Rechtschaffenheit und Frömmigkeit und allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter bemühten, sie »erst zu Menschen und dann zu Christen« zu machen (eb. 253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828 der Bericht lautet: »Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr für die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch künstliche Bewässerung verbessert, Mässigkeit und Sittlichkeit, die Zahl der regelmässigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern für die Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu keiner Unterstützung von aussen« (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare Menschen (vergl. W. 2, 341).
In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere Völker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und Kultivirung fähig sind. Die Irokesen sind seit 1820 »bedeutend fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Künsten überhaupt; sie besuchten die Kirche regelmässig, viele von ihnen waren im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche« (Waitz 3, 291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht für 1845 war ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie sehr eifrig und tüchtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294).
Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und 1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tüchtige Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Städte und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60); seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet, Luxusgegenstände traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht unbedeutendes Privatvermögen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre Kinder zeigten sich »sehr lenksam, anhänglich und bildungsfähig« (Waitz 3, 295). 1820 führten sie geschriebene Gesetze und eine Repräsentativverfassung ein. Der oberste Häuptling, dem nebst einem hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von Friedensrichtern ausgeübt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind eingeführt, die Richter nur durch den Willen beider Häuser absetzbar. Es herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem künftigen Leben glaubt« (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen 1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufblühende Kultur hat man nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen Widerstrebens, über den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur dadurch im hohen Grade gefährdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie früher (296). Ebenso verhält es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Völkern, über die Waitz (296-99) ausführlichere Nachrichten gibt.
Ebenso in Südamerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach Dobrizhofer bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu fürchten anfingen (eb. 163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast die Hälfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die Indianer überall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden (eb. 3, 8); die einheimische Bevölkerung ist im Steigen (derselbe a 1, 83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden Zuwachses (eb. 105) und diese »für die Menschheit sehr tröstliche« Zunahme der indianischen Bevölkerung beweist Humboldt durch speciellere Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4, 195).
Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstört im Anfang; nachher wirkt sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvölkerung unter Tamehameha I. und Liholiho grösser als in späterer Zeit. »In dem Verhältniss, in welchem Christenthum und Civilisation wächst, vermindert sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen, dass, wenn die bösen Einflüsse aufhören und anderen Platz machen, gute Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Fürsten ist völlig abgeschafft und Gesetze wirken für das Anwachsen der Bevölkerung. Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben, obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und für das Volk erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen gegründet, regelmässige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, fängt an sich zu entwickeln; medizinische Kenntnisse und ärztliche Hülfe verbreitet sich; Kleidung, Wohnung bessern sich allmählich. Freilich ist dies nur die Morgenröthe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug, dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren Leitung der Missionäre stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europäischer Familien stehen.« Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme der Bevölkerung stärker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch möglichstes Hinwegräumen der bösen Ursachen, welche sie veranlassen. Auch Waitz 1, 177 erwähnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo die Bevölkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz unbedeutendem Anwachsen begriffen ist.
Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach dem ersten Zusammenstoss mit den Europäern sehr abgenommen, von 16,000 (Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000 ist eine übertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie für 1852 auf 10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevölkerung stark zu (Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830) sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesfälle und Geburten einander gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag Ellis auch, der so eifrig für das Wohl der Insel thätig war, seine Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen: bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so zuverlässigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der französische Commandant der Insel, de la Roncière, in seinem Bericht vom Dezember 1866 (Globus 12, 60-61) über die Trägheit, Indolenz und Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgänge während und nach der französischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie nicht eben gefördert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch für sie zu guten Hoffnungen berechtigt.
Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist noch merkwürdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah ständen als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische Rechte verlangten. 1857 erwählten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten ausgehend, einen König, den als Krieger und Redner berühmten Potatau, der sich den zweiten Friedenskönig nach Melchisedek nannte, sich thatkräftige Häuptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem Stamm der Ngatihua, als Minister auswählte, und seinen Herrschersitz zu Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des Königthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte sich bitter über die englische Regierung, welche sich gar nicht um die Maoris kümmere, die Häuptlinge nicht standesgemäß behandele, zwar Protokolle über ihr Aussterben führe, aber nichts dagegen thue; man habe die eingeführten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrückt, indem z.B. wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert würden; Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber Spirituosen. Und zu dem Allen benähmen sich die Europäer so hochmüthig und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande umherschickte, fand überall rasch Anhänger; auch die Weiber und Mädchen theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben für den König flössen regelmässig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden Europäern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt vorbeipassirenden europäischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross, dass sich auch die Missionäre, wenn sie etwas gegen einen Maori vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die Landligue, eine Vereinigung der Maorifürsten, um den Landverkauf zu verhüten, welchen die einheimische Regierung äusserst ungern sah. Es war klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbständige Entwickelung, namentlich aber durch die Beschränkung der Landkäufe, welche, um gültig zu sein, erst die Bestätigung des Maorikönigs nach der Auffassung der Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher erkannte denn England diese Beschränkung des Landverkaufs durch die Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17. März 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie den Engländern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die früher lässigen, an; es ist besser, hiess es, fürs Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen für sie, so vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war alleiniger Anführer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen; denn der Kampf, der von den Maoris hauptsächlich als Guerillakrieg geführt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische Uebermacht (1861 hatten die Engländer 12,000 Mann zusammen) mehr und mehr zu Gunsten der Engländer gewendet werden. Indess kam es durch Einfluss der Missionäre und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfänge, bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gründe, auf welchen wir das Aussterben der neuseeländischen Eingeborenen beruhend fanden, zu beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist: doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen Stoss überwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss äusserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern sie werden sich, da sie stets sich sehr fähig gezeigt haben, an ihr emporheben und ein neues Leben zu führen im Stande sein. Zu dieser Hoffnung berechtigt auch die innige Religiosität, welche die meisten der neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle später nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhören als Nationalität zu existiren? Ein solches Aufgehen würde indess nur erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Engländer der Kolonie von ihrem starren Raçenhochmuth nachgelassen hätten.
In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie diese Lüderlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten so gefährlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und schon seit längerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche die Einführung des Christenthums und die Befestigung der Königsherrschaft mit sich brachte, die Bevölkerung, die sich im Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine 160-61).
Die Bevölkerung von Samoa schätzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen, doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwähnt die grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thörichte Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird. Seitdem aber jetzt die Missionäre günstig wirken, die Polygamie abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung sehr erschwert ist, nimmt die Bevölkerung wieder zu (Turner 176). Doch waren die Samoaner überhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die übrigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens höher geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschütterung in der Wohlfahrt des Volkes, ein Zurückgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald diese ersten Folgen überwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.)
Zu den bestbevölkerten Gegenden Polynesiens gehören die kleinen Inseln nördlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia, Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevölkerung in bester Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von dem gleichfalls hierher gehörigen Sikayana wird eine Abnahme der Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441).
Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser Völker aus mangelnder Lebenskraft, »weil sie von Natur dem Untergange bestimmt seien«, nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur durch die besprochenen Gründe veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht feindselig, sondern friedfertig naht und diese Völker zu sich emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvölkern keins, das nicht für sie gewonnen werden könnte, ja einzelne haben sich trotz der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu guten Anfängen, emporgeschwungen: eine That, deren Grösse man aus dem Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem neuholländischen Stamm nicht sofort ein europäisch civilisirter Staat, aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke thut, die Neuholländer seien überhaupt der Kultur unfähig. Denn wo sich wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass sie sich und so noch manche andere Naturvölker jetzt so viel als möglich von der Kultur zurückziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren Trägern zugefügt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche Nordindianer auch das Christenthum nur für eine neue Art, sie zu betrügen (Waitz 3, 289) »und, sagten sie, was sollen wir Christen werden, da diese ärgere Lügner, Diebe und Trinker sind, als die Indianer« (eb. 287). »Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind Spieler, Bösewichter und Gotteslästerer,« sagte ein Indianer von Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte er: »wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte« (Waitz 4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvölker so schwer die Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren Gewöhnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unstätes Umherschweifen u. dergl. gewöhnt, wird es ihnen sehr schwer, so plötzlich die althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen eingewachsene Lebensart zu ändern.