§ 12. Natureinflüsse.
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Sahen wir so, was die Naturvölker durch eigene Lebensart oder Schuld zu ihrem Hinschwinden beitragen: so müssen wir, ehe wir weiter gehen, einen Blick auf die Naturumgebungen dieser Völker werfen und deren günstigen oder schädlichen Einfluss abwägen. So viel leuchtet schon dem ersten Blick ein: durch Natureinflüsse allein stirbt kein Volk aus und die menschliche Natur gewöhnt sich fast an alles. Man kann sich, nach Darwins Schilderung, kaum eine für menschliche Entwickelung ungünstigere Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w., als die Südspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller, dass ein Aussterben der elenden Stämme der Feuerländer nicht zu bemerken sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich nur sehr allmählich in langsamen Vorrücken und durch Jahrhunderte oder besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstärkung der für die einzelne Gegend speziell befähigenden Eigenschaften an jede Gegend, an jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer Natur als diese Fähigkeit der Gewöhnung. Aber freilich werden weder Feuerländer noch Eskimos sich je zu grossen mächtigen Nationen entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien Entfaltung der Menschheit denn doch unübersteigliche Hindernisse in den Weg stellt. So ist denn eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die roheren Naturvölker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zuträglich ist. Die geringe Zahl der Neuholländer ist zweifelsohne bedingt durch die erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn auch Grey (1, 239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere, dass der Nahrungsmangel in Neuholland nicht so gross ist, als er gewöhnlich gemacht wird, und allerdings gibt er für den Südwestdistrikt des Welttheils, für eine Ausdehnung von 2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an (2, 263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut, müssen gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet, elend genug. Sie zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen nicht Kultur genug, auch finden sich kaum unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die zu eigentlichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar wären; zu sammeln aber sind die Neuholländer, wie wir schon bei der Betrachtung ihres Charakters sahen, zu indolent, zu träge. Wir müssen hier die ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die jedoch nur dann erst wirklich für den Bestand eines Volkes gefährlich werden, wenn noch andere Bedrängnisse hinzukommen. Ueber viele Distrikte Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe sagen, in mancher Beziehung auch von Südafrika. Und fast noch ungünstiger gestellt ist Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so steil und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht bewohnt werden können, oder grosse unfruchtbare Strecken hinter ihren meist üppigen Uferstrecken bergen, wie die Fidschis und viele der Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch und durch bewohnbar wären, doch schon durch ihre verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und gefährlichen Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine Küstenschifffahrt ganz unmöglich. Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten Schwein und einigen Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast abgelegt haben und Mastvieh geworden sind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder geistige noch leibliche Anstrengung, ja kaum Thätigkeit nöthig ist, um hinlänglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf Neuseeland (natürlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstrengung die Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten. Und nun gar die kleineren Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, welche meist, wie im östlichen Polynesien und in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen kümmerlich nährenden Früchten und, aber noch nicht einmal überall, z.B. in der nördlichen Ratakkette nicht, die Kokospalme hervorbringen, den Brotbaum und die anderen Nahrungspflanzen der Südsee, welche feuchten Boden verlangen, wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach sehr mühevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen lassen, Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen. Dazu kommt, dass grässliche Orkane, denen nichts zu widerstehen vermag, auf Tahiti, den Paumotu- und Herveyinseln, auf Tonga, den Karolinen, den Marianen, kurz so ziemlich überall, die Vegetation gar nicht selten so vollständig vernichten, dass äusserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln südlich vom Aequator sollen Stürme der Art nach Mörenhout (2, 365) nicht öfter als alle 8-10 Jahre vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche Entwickelung der Bevölkerung unmöglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist so, dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzählt, dort und auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regulirte, um die Inseln vor Uebervölkerung zu behüten; begreiflich ferner, wie Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland durch den Hunger eingeführt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss nicht richtig, wie sich leicht aus dem was wir über den Kannibalismus schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher, dass in einzelnen Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen der Hunger zum Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika, namentlich im Norden, gibt es Völker, die durch die äussere Noth gezwungen, zum Kannibalismus gebracht sind (Waitz 3, 508; 4, 251).
Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine reiche Entwickelung ihrer Bevölkerung zulassen, ist klar; und dasselbe gilt von Kamtschatka, über dessen Natur von neuern Schriftstellern v. Kittlitz trefflich gehandelt hat.
Alle die besprochenen Länder machen eine grosse geschichtliche Entwicklung von vornherein so gut wie unmöglich. Einförmigkeit ist das Zeichen der meisten; und historische Schicksale, das wirksamste Mittel, die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht über die Natur, wie z.B. die Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen beherrscht wäre. Und nehmen wir auf der anderen Seite Völker mit den Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in ungünstiger Natur, so leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegenüber schädliche Natureinflüsse von doppelter Gefahr sein mussten.