Abendlieder
Reading edition
I.
Die Sonne, die breite behäbige Frau, Schon rüstet sie sich zur Nacht. Die Goldsträhnen läßt durch den Himmel sie wehn, Hat’s Purpurkleid aufgemacht. Doch unten im Abend ein grauliches Tier, Ein Drache rührt sich und ruckt. Den zackigen Rücken drängt er empor – Frau Sonne, o weh, ist verschluckt. Der Lurch, was grummelt und grollt er denn? Er krümmt sich, er bäumt sich, er klafft: Frau Sonne durchstach ihn von innen her, Strahlt wieder in glühender Kraft.
Hans Böhm
II.
Der Wächter tutet in sein Horn, Und stille sind die Straßen; Vor unserm Fenster nur der Born Kann nicht vom Plaudern lassen. Wir wollen schlafen gehn. Die Lichter löschen langsam aus, Schwarz hängt die Nacht hernieder; Der Schlummer geht von Haus zu Haus Und schließt die Augenlider. Wir wollen schlafen gehn. Die Uhr schlägt zehn, die Welt schlief ein. Die Winde gehen müde. Vom Himmel glänzt der Sterne Schein. Kehr auch in unsre Herzen ein, Du stiller Sternenfriede! Wir wollen schlafen gehn.
Albert Sergel

III.
Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein! Fallen einst die müden Lider zu, Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh; Tastend streift sie ab die Wanderschuh, Legt sich auch in ihre finstre Truh. Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn, Bis sie schwanken und dann auch vergehn, Wie von eines Falters Fügelwehn. Doch noch wandl’ ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt; Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, Von dem goldnen Überfluß der Welt!
Gottfried Keller