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Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln

E. Satzgefüge.

Reading edition

I. Subjectivsätze.

1. Vollständige Subjectivsätze.

51. Natur.

(Der Subjectivsatz steht voran.)

Wer keine Freude an der herrlichen Gottesnatur hat, ist ein gefühlloser Mensch. Wen ein Sonnenaufgang nicht entzücken kann, verdient nicht der Sonne Segen. Wessen Herz nicht beim Anblick des Sternenhimmels die Größe des Schöpfers empfindet, muß keinen Funken Glauben in sich tragen. Wem der wunderbare Blumenbau nicht die Weisheit Gottes verkündet, der wird auch durch die Bibel diese Eigenschaft nicht zu erkennen vermögen.

Wem der Sinn für Natur abgeht, dem entgehen überhaupt unzählige Freuden. Was die Vöglein singen, ist ihm leerer Schall. Wovon die murmelnden Bächlein erzählen, kümmert ihn nicht. Wie zauberisch sich ein Schmetterling aus der Raupe entwickelt, dünkt ihm nicht der Beachtung werth. Daß der herbstlich gefärbte Laubwald ein reizendes Bild ist, bleibt seinen Augen verborgen. Worin die Reize einer schönen Winterlandschaft bestehen, ist seinen blöden Augen ein Räthsel. Worüber Tausende inmitten des schönen Gottestempels entzückt aufjauchzen, dünkt ihm vielleicht gar lächerlich.

Wer darum sein Leben mit edlen Freuden würzen will, mache die Natur zu seiner Freundin.

52. Gottvertrauen.

(Desgleichen.)

Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut. Ob dies Wort von Allen verstanden wird, ist wol zu bezweifeln. Daß aber vielen Menschen jene Ergebung in den Willen des Höchsten mangelt, ist dagegen gewiß.

Wozu dieser Mangel oft führt, zeigt uns die Erfahrung.

Dem Gottvertrauen innewohnt, der hat eine mächtige Stütze im Leben.

Was den Gottvertrauenden hinieden auch betrifft, bringt ihn niemals außer Fassung. Womit ihn der Herr erfreut, veranlaßt ihn zum Danke. Was das Schicksal ihm auferlegt, wird von ihm geduldig hingenommen. Warum Gott gerade ihm Leiden sendet, wird in ihm nie ein Gegenstand kleinmüthiger Frage. Was sein Himmelsvater thut, dünkt ihm wohlgethan.

Der so zum Herrn steht, ist ein echtes Kind Gottes. Den solcher Glaube beseelt, ist ein wahrer Christ. Wessen Herz von solcher Zuversicht durchdrungen ist, der steuert sicher auf dem bewegten Strome des Lebens.

53. Der Hund.

(Der Subjectivsatz zuletzt.)

Es ist längst erwiesen, daß schlechte Verpflegung den Hund schließlich toll macht. Es ist hinlänglich bekannt, daß ein toller Hund unsägliches Unheil anrichten kann. Es ist oft genug geschildert worden, wie gräßlich das Ende eines in Tollwuth verfallenen Menschen ist. Trotzdem ist es aber die große Frage, ob alle Hundebesitzer ihre Pflichten gegen ihre Thiere gewissenhaft erfüllen.

Der pflegt seinen Hund nicht, der ihm zu geringe Kost reicht. Der bekümmert sich wenig um die Gesundheit des treuen Thieres, den sein Bedürfniß zu saufen nicht rührt. Der liebt den lieben Hausfreund kaum, dem dessen Winseln vor Kälte kein Erbarmen einflößt.

Gib darum Deinem Hunde, was ihm gehört. Reiche ihm, was ihn wirklich nährt. Wende von ihm ab, was ihm schädlich ist. Muthe ihm nicht zu, was über seine Kräfte geht. Vergiß nie, wie ihn die Natur gebaut hat.

Der ist ein Thierquäler, der das Alles nicht beachtet. Derjenige sollte darum auch keinen Hund halten, der seine Bedürfnisse nicht kennt.

54. Die Erde.

(Der Subjectivsatz vorn und zuletzt.)

Daß die Erde große Schätze birgt, steht in jeder Naturgeschichte. Es ist aber sehr fraglich, ob alle schon entdeckt sind.

Wen Diamanten umstrahlen, der dankt sie der Erde. Wem sein Mittagsbrod auf goldenen Gefäßen gereicht wird, der gedenke des Fundortes dieses edlen Metalles. Es wäre möglich, daß ihn dieser Gedanke vor Stolz bewahrte.

Was nur irgend aus Metall gefertigt ist, hat seinen Ursprung im Schooße der Erde. Einleuchten muß es daher, daß auch die Stecknadel ein Geschenk der Mutter Erde ist.

Wovon wir unsere Wohnungen bauen, liefert sie uns ebenfalls. Womit wir uns kleiden, wächst zu einem großen Theile aus ihrem Schooße empor. Was uns nährt, entsteigt ihrem geheimnißvollen Grunde. Unleugbar ist es daher, daß sie die Erhalterin alles Lebens ist.

Es ist längst kein Geheimniß mehr, wie der Erdball entstanden. Wol aber bleibt es eine offene Frage, wie lange er fortbestehen wird. Wo sein Ziel gesetzt ist, weiß nur sein Schöpfer. Es steht indeß zu hoffen, daß die Erde während unseres Lebens nicht untergehen wird.

2. Abgekürzte Subjectivsätze.

55. Selbsterkenntniß.

Es ist eine große Weisheit, sich selbst zu kennen. Wenigen aber nur fällt es ein, sich selbst zu beobachten. Nur Einzelnen ist es bequem, über sich selbst nachzudenken. Es ziemt indeß besonders dem Christen, sich stets zu prüfen. Seine eigenen Fehler zu gestehen, schändet niemals. Sich schuldig zu bekennen, ehrt oft gar.

Es ist ja doch menschlich, sich einmal vergessen zu haben. Ebenso menschlich ist es, sich zu irren.

Sehr leicht ist es dagegen, Andere zu richten. Manchen scheint es ein wahres Vergnügen zu sein, fremde Mängel zu enthüllen. Gar Viele finden eine Freude darin, Anderer Fehler aufzudecken. Ein Splitterrichter zu sein, ist indeß kein Lob.

Es bleibt stets gefährlich, sich über Andere zu erheben. Sich selbst zu bekämpfen, ist der allerschwerste Krieg. Sich selbst zu besiegen, ist der allerschönste Sieg.

Wiederholung.

(Vollständige und abgekürzte Subjectivsätze.)

56. Die Todten.

Daß man die Todten ehrt, ist eine löbliche Sitte. Ihr letztes Ruhebette zu schmücken, ist nichts Tadelnswerthes. Ihr Begräbniß feierlich zu gestalten, ist den Angehörigen ein Bedürfniß.

Wer aber hierbei die rechte Grenze überschreitet, dessen Verfahren verdient Mißbilligung. Es ziemt auch hierbei Maß zu halten.

Wirkliche Kleinode mit ins Grab zu geben, ist eine Verschwendung. Was der Sarg umschließt, ist ja für immer verloren. Der ruht deshalb nicht sanfter in der Erde, an dessen Fingern Diamanten funkeln. Was an dem Geschiedenen auf dem Paradebette blitzt, das erlischt im Grabesdunkel.

Todte zu ehren, ist löblich. Mit Todten Luxus zu treiben, ist verwerflich. Es wäre rühmlicher, „die Salbe“ zu verkaufen und den Armen zu geben.

Hauptwiederholungen.

(Zusammengesetzte Sätze und Satzgefüge.)

57. Im Winter.

Bruno setzte sich an das Fenster, Heinrich dagegen nahm am Tische Platz. Was sie zeither gespielt hatten, war ihnen langweilig geworden. Es ist ja bekannt, daß selbst das schönste Spiel endlich ermüdet.

Bruno ergötzte sich jetzt an dem wirbelnden Schneefalle, denn der alte Winterkönig schüttelte die silbernen Flocken mit vollen Händen herab. Heinrich baute aus Kartenblättern Häuser und Brücken, sogar eine Festung versuchte er zu errichten.

Ob sie heute noch Erlaubniß zum Schlittenfahren erhalten würden, war beiden Brüdern zweifelhaft. Sich draußen im frischen Schnee herumtummeln zu dürfen, wäre ihnen freilich sehr erwünscht gewesen. Wer je einmal diese Winterlust genossen hat, wird ihnen diesen Wunsch nicht verdenken.

Endlich trat der Vater ein, und sein heiteres Gesicht ließ die Knaben Hoffnung schöpfen. Was sie hofften, ging in Erfüllung.

Wen das Schlittenfahren reizte, der konnte gehen. Wem eine Schneebataille erwünscht schien, der hatte die Erlaubniß dazu. Wie sich überhaupt die beiden Brüder draußen vergnügen wollten, blieb ihnen überlassen.

So viel Freiheit hatten sie nicht erwartet, denn sie kannten die gewöhnliche Strenge des Vaters. Das aber ist die größte Freude, die uns unerwartet kommt.

Bruno und Heinrich eilten hinaus. Wo der Schnee am tiefsten lag, wußten sie schon. Wozu die Schneewehen für die Kinder da sind, war ihnen ebenfalls gar wohl bekannt. Daß sie auf der Pfarrwiese zahlreiche Gesellschaft treffen würden, ließ sich vermuthen.

Wol an zwei Stunden tummelten sich beide Brüder nach Herzenslust in der freien Winterflur umher, und bei dieser Belustigung gab es keine Langeweile.

II. Prädikatsätze.

58. Gott und der Mensch.

Gott ist, der er war. Gott ist auch, der er sein wird. Er bleibt, der er stets gewesen.

Der Mensch dagegen bleibt nicht, der er war. Wol aber wird er einst, was er war.

Auch ich werde wieder, was ich einst gewesen. Der Leib verwandelt sich in Erde. Somit wird so manches Menschen höchster Stolz im Grabe, was er im Leben gleichgiltig mit Füßen trat. Eine große Thorheit ist es, daß man dies zu oft vergißt.

Die Gräber sind es, woran des Lebens ernsteste Gedanken geschrieben stehen. Die größte Weisheit ist, daß man diese Schrift zu lesen versteht. Sie ist übrigens derartig, daß sie Jeder lesen kann. Demuth sei es daher, wonach wir stets trachten wollen.

Hauptwiederholung.

(Subjectiv- und Prädikatsätze.)

59. Ein trauriger Pfad.

Gefährlich ist es, des Lasters Bahn zu gehen. Was anfänglich genußreich erschien, wird gar zu oft die Ursache bitterer Schmerzen. Worüber der Sinnenmensch früher jubelte, erscheint ihm später nicht selten als Gegenstand der Reue.

Der Lasterhafte wird endlich, was der Sklave an der Kette ist. Er ist somit, was er um Alles in der Welt nicht sein will. Sein Bestes zu bedenken, kommt ihm nicht in den Sinn. Das Ende seiner Lebensweise zu erwägen, vermeidet er absichtlich.

Sich selbst zu beherrschen, mangelt ihm die Kraft. Wozu ihn sein Gelüste treibt, wird seine nächste Aufgabe. Wohin der Rausch führen könne, kümmert ihn nicht.

Aber der anfangs blumenreiche Lasterpfad bleibt nicht, wie er war. Was anfänglich Rosen waren, sind zuletzt nur noch Dornen. Was den Körper zu oft erquickt, richtet ihn zu Grunde. Was den Geist rauschartig aufregt, stumpft ihn ab.

Der Schwelger wird als Jüngling, was der Greis in späteren Tagen ist. Der Fluch der Sünde ist es, worin er seinen Untergang findet.

III. Beifügesätze.

1. Vollständige Beifügesätze.

60. Ein Schulkreuz.

(Der Beifügesatz zuletzt.)

Theodor gehörte zu den Schülern, die dem Lehrer Noth machen. Er zeigte ein Betragen, das keineswegs löblich war. In seinem ganzen Wesen lag ein Stumpfsinn, der ihn für jeden Tadel gleichgiltig machte. Aus seinem Auge aber sprach dabei eine gewisse Tücke, die ihn als einen gefährlichen Nachbar erscheinen ließ.

Seine Arbeiten waren oft von einer Beschaffenheit, die den Lehrer in Aufregung versetzte. Oft brachte er Exempel, die er nicht selbst gerechnet hatte. Zuweilen lieferte er einen Aufsatz ab, der durchaus nicht aus seiner Feder geflossen war. Nicht selten legte er Zeichnungen als die seinigen vor, die fremde Hände ausgeführt hatten.

Er war demnach ein Schüler, der log. Er war ein Mensch, der betrog.

Natürlich erhielt Theodor Strafen, die sehr empfindlich waren. Er bekam Censuren, die fast nicht schlechter sein konnten.

Der Lehrer wies ihm endlich einen Platz an, der ihm zur großen Schande gereichen mußte. Theodor’s Hände mußten zuletzt sogar Bekanntschaft mit dem Dinge machen, das man gewöhnlich nur zum Linienziehen verwendet. Trotzdem aber blieb er ein Schüler, der für die Schule ein Kreuz war.

61. Ein muthiger Knabe.

(Der Beifügesatz in der Mitte.)

Ein Knabe, der im Walde Beeren suchte, fühlte Hunger. Er setzte sich deshalb unter einer Eiche, die mit ihren riesigen Aesten viel Schatten bot, nieder. Ein Stück trockenes Brod, das er aus der Tasche zog, diente ihm als Mahl. Die Beeren, die er bereits gepflückt hatte, rührte er indeß nicht an.

Bald war die höchst einfache Mahlzeit, die ihm jedoch vortrefflich gemundet, beendet. Da fühlte er plötzlich an dem einen Fuße, den er an einen Stein gestemmt hielt, einen stechenden Schmerz. Fast zu gleicher Zeit huschte eine Otter, die er sofort für die Kreuzotter erkannte, unter den Stein.

Der Knabe, der sich sofort von der Natter gebissen hielt, erschrak über die Maßen. Ihm war die Gefahr, die aus einem solchen Bisse entsteht, aus der Naturgeschichte bekannt. Ihm war aber auch das Mittel, das hier allein retten konnte, nicht verborgen.

Er führte den Fuß, der bereits zu schwellen begann, an den Mund. Hierauf nahm er die verwundete Stelle, die nur unbedeutend blutete, zwischen die Lippen. Nun fing er mit aller Kraft, die seine Lungen gestatteten, zu saugen an. Das Blut, das er auf diese Weise in ziemlichen Massen aussog, spuckte er natürlich aus.

Dieses Aussaugen der Wunde, das er mit allem Eifer betrieb, setzte er wol eine halbe Stunde fort. Darauf hielt er den Fuß, der nicht weiter angeschwollen zu sein schien, in den nahen Waldbach.

Jetzt erst ging der Knabe, der sich indeß ziemlich ermattet fühlte, nach Hause. Die Eltern, welche über das Geschehene in große Aufregung versetzt wurden, riefen sofort einen Arzt herbei. Der betreffende Arzt, der in seiner Kunst wohl erfahren war, erklärte alle Gefahr für beseitigt.

Der Knabe, dessen Geistesgegenwart man allgemein bewunderte, hatte sich selbst von den schrecklichen Folgen eines Otternbisses gerettet.

62. Flora.

(Die Beifügesätze umschreiben ein Eigenschaftswort.)

Flora, welche sehr strebsam war, liebte besonders die Musik. Ihr Ohr, das für die Harmonien sehr viel Empfänglichkeit besaß, lauschte jedem Tone. Kein Genuß ging ihr über das Anhören eines Concertes, das sich einer guten Ausführung erfreute.

Flora besaß einen musikalischen Nachahmungstrieb, der oft Staunen erregte. Melodien, die zum Gemüthe sprachen, spielte sie sofort auf dem Piano nach. Arien, die einen gediegenen Charakter offenbarten, sang sie mit Leichtigkeit nach dem Gehör.

Dieses Talent Flora’s bemerkte ihr Onkel, der ein reicher Mann war. Er ließ ihr sofort musikalischen Unterricht ertheilen, wie er besser wol kaum gefunden werden konnte. Durch seine Verwendung genoß sie überhaupt eine musikalische Ausbildung, die nach jeder Richtung hin ausgezeichnet genannt werden mußte.

Flora machte in kurzer Zeit Fortschritte, die abermals der Bewunderung werth waren. Schon nach zwei Jahren trat sie in dem Theater, welches das größte der Stadt war, als Sängerin auf. Ihr Gesang, dessen Reinheit nichts zu wünschen übrig ließ, fand außerordentlichen Beifall.

Flora, die bei aller Auszeichnung ihre Bescheidenheit bewahrte, ward eine berühmte Sängerin. So hatte jener Onkel, der bei allem Reichthum ein gutes Herz besaß, ihr Glück begründet.

63. Eine Bergpartie.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Mittelwort.)

Der Fuß des Berges, den wir besteigen wollten, war erreicht. Unser Führer, der im Reisen wohlerfahren zu sein schien, rieth zu einer kurzen Rast.

Diesem Rathe, der uns sehr wohlgemeint dünkte, folgten wir gern. Schnell warfen wir die Reisebündel, die uns nicht wenig drückten, ab. Ein jeder suchte sich sofort ein Ruheplätzchen, das Schatten gewährte. Bald machte ein Trunk, der uns schier erquickte, die Runde. Auch ein Imbiß, der uns Stärke verleihen sollte, wurde genommen.

Nach einer halben Stunde, die wir traulich verplaudert hatten, setzten wir unsere Reise fort. Langsam stiegen wir den Abhang, welcher indeß bald sehr steil wurde, hinan. Namentlich wurde der Marsch durch das Steingeröll, welches den Pfad bedeckte, ungemein erschwert. Die Alpenstöcke, die wohl mit Eisen beschlagen waren, fanden bei jedem Schritte Verwendung.

Nach einem einstündigen Marsche erreichten wir eine Matte, welche viel Reize bot. Dicht vor einem Felsen stand eine Sennhütte, welche zahlreiche Geisen umlagerten. Freundlich grüßte ihr Geläute, das sanft in die Luft hallte, uns entgegen. Der Anblick der Alpenwiese, die üppig grünte, war für das Auge ein Genuß. In vollen Zügen schlürften wir den Alpenkräuterduft, der uns wahrhaft stärkte.

Mit einem Marschliede, das aufs neue erheiterte, schritten wir über die liebliche Bergeinsamkeit hinweg. Der Punkt, den wir erreichen wollten, lag noch etwa 2000 Fuß hoch. Von jetzt an gab es mitunter Weghindernisse, die nur höchst mühsam zu überwinden waren. Wir gelangten außerdem wiederholt auf Felsenvorsprünge, welche Schwindel verursachten. Unter des Führers Zusprache, die uns ermuthigte, strebten wir indeß vorwärts.

Ohne Kampf, der allerdings ermüdet, kein Sieg. Nach einer Stunde, die uns noch fürchterlich anstrengte, standen wir endlich auf dem Gipfel des Berges. Hier aber lohnte auch der Umblick, der uns förmlich bezauberte, reichlich unsere Mühe.

64. Verschiedene Besitzungen.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Besitz anzeigendes Fürwort.)

Das Haus, das mir gehört, steht an einem Bache. Der Freund, welchen ich mein nenne, besitzt auch ein Grundstück. Das Grundstück, das ihm zu eigen gehört, liegt nahe am Walde.

Die beiden Besitzungen, die unser Eigenthum sind, haben beide ihre Vorzüge. Die Lagen, deren sie sich erfreuen, bieten mancherlei Reize. Ziemlich öde ist dagegen die Lage der Villa, die Du angekauft hast. Ein Gleiches gilt von dem Rittergute, das Dein Bruder inne hat. Die Asyle, die Ihr Euch da zu eigen gemacht habt, könnten mir nicht gefallen.

Der Geschmack, den ich in dieser Beziehung besitze, weicht eben von dem Eurigen ab. Die Wünsche, die ich in dieser Hinsicht hege, erstrecken sich auf eine romantische Umgebung. Die Ansprüche dagegen, die Ihr macht, beziehen sich mehr auf eine schöne Einrichtung im Innern der Gebäude.

65. Ein Todtenbette.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Ortsbestimmung.)

Das Schloß, das inmitten eines wundervollen Parkes lag, war heute eine Stätte unendlichen Schmerzes. Der große Saal, durch den sonst heitere Musik rauschte, hatte müssen in eine stille Todtenhalle verwandelt werden. Das kostbare Fußgetäfel, über welches oft die geflügelten Füße fröhlicher Ballgäste glitten, trug heute einen Sarg. Dieser Sarg, um den herum unzählige Kerzen brannten, barg einen Jüngling.

Der Todte, auf dem Aller Augen mit tiefer Wehmuth ruhten, war der einzige Sohn des reichen Schloßbesitzers. Theilnehmende Verwandte hatten kostbaren Blumenschmuck gesendet, der vor dem Sarge in sinniger Ordnung aufgestellt war. Riesige Fächerpalmen, die man oberhalb des Hauptes angebracht hatte, bildeten eine Art Himmelbette.

An dem Betstuhle, der dicht neben dem Sarge stand, kniete ein betender Priester. Das Crucifix, das zu Füßen des Paradebettes lehnte, war umflort.

Des Jünglings Vater, der an einer nahen Marmorsäule lehnte, sah in stummem Schmerze vor sich nieder. Die Mutter, welche dicht hinter ihm stand, barg ihr thränenzerflossenes Antlitz in ihr weißes Taschentuch. Sogar des Todten Lieblingshund, der nicht von der Seite des Sarges wich, schien seinen Herrn zu betrauern.

Dieser Todesfall, der bei Alt und Jung die größte Theilnahme hervorrief, zeigte so recht die Ohnmacht des Reichthums. Dieser Schicksalsschlag, der ja doch von oben kam, machte all das irdische Glück der Schloßfamilie zu nichte. Er führte sie aber auch zur Demuth vor dem, der jenseits der Sterne wohnt.

66. Deutschland.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Zeitbestimmung.)

Der deutsch-französische Krieg, der nach verhältnißmäßig kurzer Zeit beendet war, ist für die deutschen Länder von großem Segen gewesen. Das Blut, das damals floß, ist nicht umsonst geflossen. Die verschiedenen deutschen Staaten, die es vorher gab, haben sich zu einem großen Ganzen vereinigt. Die vielen deutschen Heerkörper, die sonst unter ebenso vielen obersten Befelshabern standen, stehen nun unter einem einzigen Kriegsherrn.

Die mancherlei deutschen Stämme, die sich vor kurzem noch mehr oder weniger von einander absonderten, reichen sich jetzt die Bruderhand. Aus den einzelnen Gebieten, welche vordem zerstückelt umherlagen, ist ein einziges großes Reich erstanden. Das Deutschthum, das zeither von gewissen Nationen über die Achsel angesehen wurde, hat sich eine außerordentliche Geltung erobert. Selbst der gewöhnliche Mann, der sonst auf seine Angehörigkeit wenig Gewicht legte, fühlt sich jetzt als Deutscher.

Aber die Sonne, die nach jenem glücklichen Kriege über unser Vaterland aufgegangen ist, hat auch sonst noch große Veränderungen bewirkt. Die Milliarden, die noch heute als Kriegsentschädigung nach Deutschland einwandern, haben in der Verkehrswelt einen großen Umschwung hervorgebracht. Der Unternehmungsgeist, der allerdings den Deutschen stets innewohnte, hat gegenwärtig einen ungeheuren Anlauf angenommen.

Dadurch sind freilich die Arbeitskräfte, welche bisher in ziemlich genügender Zahl vorhanden waren, rar geworden. Infolge dessen haben sich die Arbeitslöhne, die vor dem Kriege mäßige waren, fast um das Doppelte gesteigert. In gleichem Maße sind die Lebensmittelpreise, wie wir sie im Jahre 1870 kannten, in die Höhe gegangen.

Doch das, was einst war, müssen wir vergessen lernen. Halten wir trotzdem unser liebes Deutschland, wie es jetzt ist, hoch und hehr.

67. Der Lebensmüde.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Art und Weise.)

Ein Greis, welcher unter vielen Lebensstürmen ergraut war, wollte sich in die Einsamkeit zurückziehen. Zu diesem Zwecke ließ er sich am Ende seines Vaterdorfes, dessen Häuser ziemlich zerstreut in einem Thale lagen, eine Hütte bauen. Diese Hütte, die er sich ganz nach seiner Weise einrichten ließ, sollte sein letztes Asyl im Leben sein.

Die Wände, die kaum die Dicke eines Mauerziegels hielten, wurden aus Lehm errichtet. Die Fenster, die beinahe wie Kerkerfenster aussahen, waren durchaus nicht auf viel Stubenhelle berechnet. Das Dach, welches man in einfachster Weise mit Stroh gedeckt hatte, reichte an der Hinterseite fast bis auf die Erde. Auch die innere Einrichtung der Wohnstube, in der man vergeblich nach dem kleinsten Luxus suchte, trug das Gepräge der größten Einfachheit.

Endlich zog der lebensmüde Greis, der längst auf die Vollendung der Hütte gewartet hatte, ein. Er, der lange genug im Schweiße seines Angesichts sein Brod gegessen hatte, pflegte hier nun der Ruhe. Um die Welt, der er unverdrossenen Sinnes seine Kräfte gewidmet hatte, kümmerte er sich wenig mehr.

Seine Welt war jetzt ein kleines Gärtchen, das er ohne alle Anstrengung mit Blumen bepflanzte. Sein treuester Freund war der alte Mops, der ihm beständig auf Schritt und Tritt folgte.

So floß sein Lebensabend, der bei aller Entbehrung doch noch manche stille Freude bot, ruhig dahin. Der stille Rückblick auf die Vergangenheit, die wie ein sturmbewegter See heute vor ihn lag, kürzte ihm die Zeit.

Endlich nahte seine Sterbestunde, der er schon längst ergebenen Sinnes entgegengesehen hatte. Sein Ende, das unter einem gläubigen Gebete erfolgte, war ein sanftes Entschlummern. Die Hütte aber, aus der man den Entschlafenen ohne Sang und Klang zur Ruhe trug, hieß von Stund an das Friedenshäuschen.

68. Vaterlandsliebe.

(Der Beifügesatz umschreibt einen Grund oder Zweck.)

Ein Bauer, der durch eine Erbschaft sehr reich geworden war, hatte einen einzigen Sohn. Diesen Sohn, für dessen Zukunft sich nun eine glänzende Aussicht eröffnete, liebte er mit rührender Herzlichkeit. Sein Gotthold, der wegen seiner guten Aufführung auch im ganzen Dorfe geliebt wurde, war sein größter Stolz. Uebrigens gehörte Gotthold, seines schlanken Wuchses halber, zu den schönsten Burschen der Umgegend.

Da brach ein Krieg herein, der zur Rettung des Vaterlandes geführt werden mußte. Der König, welcher kraft seiner Macht das Kriegsheer verstärken konnte, ließ sofort Rekruten ausheben. Einzelne junge Männer, die aus Furcht vor den Kriegsgefahren entflohen, wurden gewaltsam zurückgebracht. Viele Jünglinge indeß, die um des Vaterlandes willen gern ihr Leben einsetzen wollten, stellten sich freiwillig. Auch Gotthold, der überhaupt für den Soldatenstand schwärmte, eilte aus freiem Entschlusse zu den Waffen.

Wenige Wochen darauf wurde er dem Regimente, das zum Schutze der Hauptstadt bestimmt war, einverleibt. Sein schon betagter Vater, der vor Besorgniß um den einzigen Sohn keine Nacht ruhig schlafen konnte, holte täglich Nachricht über den Stand der Dinge ein.

Da endlich langte gerade an dem Sonntage, der der Erinnerung an die Heimgegangenen geweiht ist, die Kunde von einem blutigen Kampfe um den Besitz der Hauptstadt an. Glücklicherweise ließ die Botschaft von der gänzlichen Niederlage des Feindes, die durch den Telegraphen vermittelt wurde, nicht lange auf sich warten.

Leider hatte Gotthold diesen Sieg, der für die Rettung des Landes den Ausschlag gab, mit seinem Leben bezahlen müssen. Sein Vater, der zwar für den Augenblick von diesem Schicksalsschlage wie zerschmettert schien, brach indeß keineswegs in ein verzweifeltes Wehklagen aus. Er ertrug den Schmerz über den herben Verlust, den er um des Vaterlandes willen erlitten, mit stiller Ergebung. Von seinem Sohne aber, der durch seinen Tod den Sieg erkaufen half, sprach er sein Lebelang mit sichtlichem Stolze.

69. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Hauptwort im zweiten Falle.)

Das Gesetz, wonach in Deutschland jetzt jeder gesunde junge Mann zum Militärdienste verpflichtet ist, ist gewiß ein gerechtes. Die frühere Einrichtung, welcher zufolge sich die Söhne der Reichen vom Militär freikaufen konnten, hatte große Schattenseiten. Warum sollte blos der Arme die Pflicht, den Fürstenthron zu schützen, zu erfüllen haben? Warum sollten blos die Söhne unbemittelter Eltern den schweren Eid, nach welchem der Soldat das Vaterland mit Blut und Leben zu vertheidigen hat, auf sich nehmen?

Die Zusicherung, daß Jedermann vom Staate gleichen Schutz genießt, legt auch Allen gleiche Pflichten gegen den Staat auf. Wollen wir also die weise Verfügung, kraft deren jetzt der Millionär neben dem ärmsten Nachtwächterssohne unter der deutschen Fahne steht, freudig begrüßen. Möge jeder junge Soldat den Schwur, vermöge dessen er unverbrüchliche Treue gelobt, in Ehren halten!

70. Das kindliche Spiel.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Zeitwort in reiner Form.)

Der Trieb, demzufolge das Kind gern spielt, ist ein sehr natürlicher. Es darf darüber natürlich die Pflicht, die es für die Schule arbeiten heißt, nicht vergessen.

Sehr verschieden ist die Art, in der manche Kinder ein Spiel treiben. Kleinen Kindern muß oft die Weise, nach welcher ein Spiel zu handhaben ist, erst gelehrt werden. Sie zeigen in der Regel anfänglich das Bestreben, daß sie die Spielgegenstände am liebsten zerstören möchten.

Bei geselligen Spielen tritt leider oft die Sucht, daß der Einzelne über die Andern gern herrschen möchte, recht deutlich hervor. Man muß aber diesen Hang, demzufolge ein Einzelner allen Andern befehlen will, unbedingt tadeln. Jedem Mitspielenden muß das Recht, wonach er sich für ein gewisses Spiel entscheiden kann, freistehen.

Ebenso darf auch bei sogenannten Glücksspielen der Wunsch der Kinder, daß sie gewinnen möchten, nie zur Leidenschaft werden. Die Möglichkeit, daß man im Glücksspiele auch verlieren kann, muß jedem Spieler vorweg einleuchten.

71. Räthsel.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Doppelhauptwort.)

Alfred und Heino gaben sich gegenseitig Räthsel auf. Alfred brachte folgende zum Vorschein:

Wie heißt das Stroh, womit das Dach man deckt, Wie nennst du das, drauf man im Bett sich streckt, Wie heißt das Dach, das man aus Stroh gewinnt, Und wie der Mann, deß Glieder Stroh nur sind? Nenn’ mir das Bier, das gleich vom Faß man trinkt, Und wieder das, das aus der Flasche blinkt. Wie heißt das Faß, dem frisch das Bier entfließt, Und wie das Glas, aus dem man Bier genießt? Wie heißen Maler, die die Stube schmücken, Und die, die uns durch Landschaftsbilder oft entzücken? Wie nennst die Stube Du, da still ein Maler schafft, Und die, drin uns der Schlaf gibt neue Kraft?

72. Die Bienen.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Zahlbestimmung.)

Die Bienen eines Stockes, deren Zahl oft 15000 beträgt, bilden eine Art Königreich. Die Honigbienen, die ziemlich stark vertreten sind, erscheinen als die eigentlichen Arbeiter. Die Drohnen, deren Zahl geringer ist, machen den Hofstaat aus.

Neben den Honigzellen bauen die Bienen auch Brutzellen, die man ebenfalls nach Tausenden zählen kann. Die Eier, welche eine gleich große Menge bilden, legt einzig und allein die Königin.

An einem günstigen Tage kann von den Bienen eines reich bevölkerten Bienenstockes eine Honigmenge, die das Gewicht von zehn Pfund erreichte, eingeheimst werden.

73. Biblische Beinamen.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Apposition.)

Die Sitte, in irgend einer Weise sich auszeichnenden Menschen einen besonderen Beinamen zu geben, ist uralt. Den ersten erhielt Adam, den man den Stammvater des Menschengeschlechts nannte. Einer gleichen Ehre hatte sich Abraham, der als der Erzvater bezeichnet wurde, zu erfreuen.

Zu diesen bevorzugten biblischen Personen gehört auch der König Salomo, dem man bekanntlich den Ehrentitel „der Weise“ beilegte. Unbestritten aber führt Christus, der als der Sohn Gottes bezeichnet wird, den erhabensten Beinamen.

Die biblischen Beinamen sind indeß nicht immer solcher Natur, daß die betreffende Person dadurch geehrt wird. Wir denken dabei an Herodes, welcher der Grausame benannt worden ist. Auch an Judas, der den Namen „Verräther“ führt, müssen wir uns hierbei erinnern. Ebenso ist Thomas, den man als den Ungläubigen bezeichnet hat, hierher zu rechnen. Nicht minder gehört Antiochus, den man zu den Tyrannen zählt, in diese Klasse.

Wiederholung.

(Alle Arten Beifügungen.)

74. Der sterbende Löwe.

Ein Löwe, der ein hohes Alter auf seinem Rücken trug, lag vor seiner Höhle. Die Mähne, die einst in üppiger Fülle seinen Leib schmückte, hing nur noch in dünnen Büscheln über die Schultern. Das Auge, das sonst feurig durch die Wüste spähte, stierte matt vor sich hin. Aus den früher so mächtigen Tatzen, die sich jetzt auf dem heißen Sande hinstreckten, war alle Kraft gewichen.

Das Mahl, das sich der Löwe gestern herbeigeholt hatte, war von ihm unberührt geblieben. Der gute Appetit, dessen er sich stets erfreute, schien gänzlich verschwunden. Auch an ihm behauptete das Naturgesetz, demzufolge selbst der Stärkste dem Tode verfällt, seine Rechte.

Der Wunsch, daß man den Beherrscher der Wüste gern noch einmal sehen möchte, führte eine Menge Thiere herzu. Darunter befanden sich freilich auch solche, welche die Schadenfreude herbeitrieb. Man sah sogar einige, die nun ihren Haß an dem hinfällig Gewordenen auslassen wollten.

Der Fuchs, der zu den ärgsten Feinden des Löwen gehörte, kränkte ihn mit allerlei beißenden Reden. Der Wolf, dem der Wüstenkönig einmal ein feistes Lamm abgejagt hatte, schimpfte den Sterbenden einen schändlichen Räuber. Ein Büffel, der seit Jahren in Furcht vor dem Löwen lebte, stieß ihn mit seinen Hörnern. Sogar ein träger Esel, der aus bloser Laune den König der Thiere nie leiden konnte, versetzte ihm noch einen Schlag mit seinen Hufen.

Da trat endlich ein Roß, dem der Löwe nur unlängst noch sein Junges zerrissen hatte, herzu. Es richtete sein Auge, dessen Ausdruck von Mitleid zeugte, schweigend auf den Sterbenden. Dieses edle Thier konnte die gemeine Gesinnung, derzufolge man sich an einem unschädlich gewordenen Feinde rächt, nur verabscheuen. Es hielt eine solche Handlungsweise, die nur aus Niederträchtigkeit hervorgehen kann, für die größte Schande.

Der Löwe, dem dieser Edelmuth nicht entging, warf dem Pferde einen dankbar gerührten Blick zu. Bald darauf aber machte der Tod, mit dem er schon geraume Zeit kämpfte, seinem Leben ein Ende.

75. Das Wasser.

(Desgleichen.)

Das Wasser, welches ein tropfbar-flüssiger Körper ist, bedeckt zu zwei Drittheilen die Erdoberfläche. Seine Farbe, die durch die darin aufgelösten Stoffe bedingt wird, tritt verschieden auf.

Fast himmelblau leuchten uns die Spiegel derjenigen Seen, welche sich zwischen den Alpen ausbreiten, entgegen. Im schillernden Dunkelgrün wälzt die Woge, die der Sturm auf dem Weltmeere vor sich her treibt, dem Ufer zu. Fast farblos dagegen erscheint der Strahl, der sich aus dem Röhrbrunnen ergießt.

Außerordentlich mannichfaltig sind die Formen, in denen uns das Wasser begegnet. Als Dunstbläschen, in welche es durch Wärme verwandelt worden ist, steigt es in die Luft. In Tropfen fällt es aus den Wolken, die langsam über unsern Häuptern dahinziehen, herab. Im Frühlinge überzieht es zuweilen die Flur mit Reif, der uns dann als eine Art Feenschleier erscheint. Auch in Gestalt von Graupeln, die in den höhern Luftschichten gebildet werden, bekommen wir es nicht selten zu sehen.

Grausig klingt bei mächtigem Gewitter das Herniederdonnern der Schloßen, die durch ihren Niederschlag oft große Verheerungen anrichten. Alle Eisdecken, welche im Winter die Gewässer tragen, sind Gebilde aus Wasser. Und wem wäre nicht die Entstehung des Schnees, der das Schlummergewand der Erde bildet, bekannt?

Unendlich groß ist der Segen, den das Wasser gewährt. Es erhält alles Leben, das die weite Erde trägt. Selbst das kleinste Pflänzchen, das auf dem dürrsten Sandboden gedeiht, kann ohne Wasser nicht fortbestehen.

Das Wasser trägt auf seinem Rücken Lasten, deren Gewicht Staunen erregen muß. Es setzt gewaltige Räder, durch welche wieder große Maschinen in Thätigkeit gebracht werden, in Bewegung. Durch die Eigenschaft, vermöge deren es sich durch Hitze in Dämpfe verwandelt, wird es für die riesigsten Fahrzeuge zum treibenden Elemente.

Freilich kann auch das Wasser, wenn es zur Flut wird, unsagliches Unheil anrichten. Wer zählt die unglücklichen Opfer, die schon das sturmdurchtobte Meer verschlungen?

2. Abgekürzte Beifügesätze.

76. Bete und arbeite.

Wendler, ein schlesischer Leineweber, hatte vom Leben sehr verkehrte Ansichten. Die Pflicht, sein Daheim zu erhalten, legte er lediglich in Gottes Hand. Die Annahme, Gott erhöre jedes Gebet, verleitete ihn zum Müßiggange. Der Gedanke, einen Tag verfaulenzt zu haben, störte ihn nicht.

Dagegen befriedigte ihn das Bewußtsein, heute wieder ein recht fleißiger Beter gewesen zu sein. Die Hoffnung aber, durch Gebet Alles erreichen zu können, ist eine Thorheit.

Gott, unser wahres Wohl im Auge habend, fordert auch den Gebrauch unserer eigenen Kraft. Er, obgleich von unendlicher Güte, gibt nichts im Schlafe.

Wendler, einst gar nicht unbemittelt, versank mit der Zeit in Armuth. Der Arbeit, dieser Würze des Lebens, hatte er sich gänzlich entwöhnt. Und so wurde er, alle Mahnungen unbeachtet lassend, auch noch ein vollendeter Taugenichts. Endlich mußte Wendler, unter dem Namen Betbruder bekannt, sein Brod sogar vor den Thüren suchen.

Dein Bedürfniß, täglich mit Deinem Gott reden zu müssen, verdränge daher nie den Trieb zur Arbeit. Bei dem Triebe, durch rührige Thätigkeit Dein Auskommen zu sichern, vergiß aber auch nie das Gebet.

Wiederholung.

3. Vollständige und abgekürzte Beifügesätze.

77. Napoleon I.

Napoleon, der Große genannt, war seiner Zeit der Gefürchtete von ganz Europa. Sein Eroberungsgelüste, welches keine Grenzen kannte, erfüllte manchen andern Herrscher mit Zittern. Seine Siege, für ihn selbst freilich oft recht opferschwer, wurden in den deutschen Staaten mit Entsetzen vernommen.

Ein Fürst nach dem andern mußte sich unter sein Scepter, das einer blutigen Geißel glich, beugen. Ein Land nach dem andern fiel seinem Kriegsglücke, das allerdings durch sein großes Feldherrntalent bedingt wurde, zum Opfer.

Somit schien er sein Ziel, Weltherrscher zu werden, wirklich erreichen zu sollen. Der König aller Könige aber, der allmächtige Weltenlenker, gebot endlich den stolzen Wellen. Der Stern, der zeither über dem Haupte des großen Kaisers glänzte, verdüsterte sich.

In der deutschen Nation, durch die Noth geeinigt, zog sich ein schweres Gewitter über ihm zusammen. Seine Macht, die jetzt in höchster Blüthe stand, wurde gebrochen. Auf Leipzigs Ebenen, den ewig denkwürdigen, erlitt er eine seiner furchtbarsten Niederlagen. Eine kleine Insel, welche mitten im Meere liegt, wurde dem Ueberwundenen von seinen Siegern zum Asyl angewiesen. Auf St. Helena beschloß endlich Napoleon, der gefangene Kaiser, sein sturmbewegtes Leben.

Hauptwiederholung.

4. Subjectiv-, Prädikat- und Beifügesätze.

78. Die Sklaven.

Daß es noch immer Sklaven gibt, ist eine beklagenswerthe Thatsache. Auch der Neger ist, was wir sind. Er gehört zu den Menschen, den Ebenbildern Gottes.

Furchtbar schrecklich ist das Loos, das den armen Sklaven beschieden ist. Was des Menschen höchstes Glück ausmacht, ist ihnen für das ganze Leben genommen. Die Freiheit, die goldene, kennen sie nicht. Unter einer Arbeitslast, die oft ihre Kräfte übersteigt, müssen sie ihre Tage verbringen. Die Pflicht, derzufolge sie sich dem Willen ihres Herrn bedingungslos zu unterwerfen haben, wird ihnen meist mit der Knute gelehrt.

Die allerscheußlichsten Scenen, die ein Menschenauge nur sehen kann, bietet ein Sklavenmarkt. Da stehen die armen Schwarzen, mit teuflischer List eingefangen, gleich Opferthieren. Was in ihrem Innern vorgeht, prägt sich in ihren Mienen aus. Ihren Ohren kann nicht entgehen, wie um sie gefeilscht wird.

Ihre allergrößte Besorgniß ist, daß sie von ihren Angehörigen getrennt werden könnten. Auch das Herz, das der Allvater in die Negermutter gelegt, umfängt ja ihr Kind mit zärtlicher Liebe. Auch das Negerkind, obgleich in der Wildniß aufgewachsen, erkennt seine Eltern als die besten Freunde.

Dank sei denjenigen Staaten, welche innerhalb ihrer Grenzen das Unwesen der Sklaverei abgeschafft haben. Ob dies noch in diesem Jahrhunderte allenthalben geschehen wird, ist sehr die Frage. O laßt doch die armen Sklaven wieder werden, was sie einst waren! Erhebt sie wieder zu freien Menschen, die gleiche Rechte mit uns allen haben.

IV. Ergänzungssätze.

1. Vollständige Ergänzungssätze.

79. Saat und Ernte.

(Im 4. Falle.)

Was der Mensch säet, das wird er ernten. Möchte ein Jeder beachten, daß in diesem Satze ein sehr ernster Fingerzeig für das Leben liegt.

Jeder vernünftige Mensch muß darum stets reiflich erwägen, was er thut. Er muß jederzeit bedenken, wie sich die Folgen seiner Handlungen gestalten können. Er muß mit Ruhe überlegen, wohin seine Schritte möglicherweise führen.

Der ist kein Weiser, den das Alles nicht kümmert. Diejenigen sind darum auch nicht zu bedauern, die jenen Fingerzeig nicht beachten.

Der Müßiggänger muß wissen, wohin die Faulheit endlich bringt. Der Verschwender muß einsehen, daß durch unsinnige Ausgaben auch der größte Reichthum vernichtet werden kann. Dem Schwelger muß die Erfahrung gelehrt haben, daß durch ein wüstes Leben die leibliche Gesundheit untergraben wird. Der Spieler darf sich nie verhehlen, daß die Spielwuth die Brücke zu vielen andern Lastern ist.

Von den toll in den Tag Hineinlebenden weiß man nie, wo die Fahrt zu Ende geht. Wie Mancher hat es schon am Ende seiner Tage bitter bereut, bösen Samen auf seine Lebensbahn gestreut zu haben.

Bedenke darum in frühester Jugend schon, was Dir einmal frommen kann. Träume Dir nie, Du seist vor all jenen Thorheiten sicher. Was Dich in Versuchungsstunden schützen kann, findest Du in der Religion.

Vergiß nie, was Du in diesem Artikel gelesen hast.

80. Die kranke Freundin.

(Desgleichen.)

Johanna erfuhr eines Tages, daß ihre Freundin krank sei. Sie vernahm auch, worin die Krankheit bestand. Daß der Zustand der Freundin keineswegs ungefährlich erscheine, hatte ihr deren Arzt gesagt.

Da überlegte denn nun Johanna, womit sie der Kranken eine Freude bereiten könne. Das freilich konnte sie der am Magen Leidenden nicht anbieten, was diese in gesunden Tagen gern aß.

Endlich fiel ihr ein, daß die Freundin die Feldblumen sehr liebe. Johanna wußte, wo die schönsten zu suchen seien. Sie fand daher sehr bald, was sie suchte. Das gute Mädchen verstand es ausgezeichnet, aus diesen einfachen Kindern der Flur einen reizenden Strauß zu binden.

Die Kranke errieth sogleich, woher die sinnige Gabe komme. Die Freude über dieselbe bewirkte, daß sich jene auf einige Zeit wohler fühlte.

Einige Tage später erfuhr Johanna, daß ihre Freundin auf dem Wege der Genesung sei. Wieder einige Tage darauf schrieb diese ihr sogar eigenhändig, daß sie nächsten Sonntag wieder ausgehen werde. Zugleich versprach sie, daß ihr erster Besuch Johanna gelten solle.

81. Lebensregeln.

(Im 3. Falle.)

Wer sich Dir anvertraut, dem leihe Dein Ohr. Wen Du dagegen nicht kennst, dem vertraue kein Geheimniß. Wer einer Gabe bedürftig ist, dem verschließe Deine Hand nicht. Der Dir dafür nicht dankt, dem gib noch einmal.

Wer Dich haßt, dem reiche kein Messer. Dem aber weiche nicht aus, der Dir die Hand zur Versöhnung bieten will. Danke dem, der Dich grüßt. Der Dich indeß nicht grüßt, dem zürne nicht.

Wer seine Ehre lieb hat, dem muß auch der böse Schein verhaßt sein. Wer aber von der Welt falsch beurtheilt wird, dem muß sein unbeflecktes Gewissen zum Troste dienen.

82. Mütterliche Lehren.

(Desgleichen.)

Mutter Regine mußte heute dem die Hand zum Abschiede reichen, der bisher ihr Liebling gewesen war. Wer ihre Liebe zu ihrem ältesten Sohn kannte, dem sind ihre heißen Thränen gewiß erklärlich vorgekommen. Wer auf die Wanderschaft geht, dem kann ja Mancherlei zustoßen.

Regine befahl in dieser Trennungsstunde den noch unerfahrenen Sohn dem, der jedes Menschen Geschick mit Weisheit lenkt. Darauf legte sie dem Scheidenden noch Folgendes ans Herz: „Wandere allezeit mit dem im Herzen, der auch im finstern Thale unser Stab ist. Wer das Gottvertrauen nicht fahren läßt, dem ist des Himmels Beistand immer nahe.

Traue dagegen nicht Jedem, der sich Dir als Freund anbietet. Der Weise mißtraut dem am meisten, der ihm am meisten schmeichelt. Gib jederzeit Ehre, dem Ehre gebührt. Wer Dich vor einer Thorheit warnt, dem küsse die Hand. Vergib dem, der Dich einmal beleidigen sollte.

Der Dich zum Zorne reizt, dem gehe aus dem Wege. Wem Du in irgend einer Weise helfen kannst, dem versage Deine Dienste nie. Wer Dir selbst dient, dem bleibe den Dank nicht schuldig.

Entfliehe denen, die verbotene Wege gehen wollen. Wer sich unter die Wölfe begibt, dem ist bald das Heulen gelehrt. Wem das Diebeshandwerk gefällt, dem kann ein Strick zum Halsband werden. Wer dagegen immer auf Gottes Wegen wandelt, dem wird es allezeit wohlgehen.“

83. Kindespflicht.

(Im 2. Falle.)

Der alte Vater Erasmus bedurfte, daß ihn eine liebende Hand pflegte. Zudem war er es auch würdig, daß ihm von seinen Kindern dieser Liebesdienst erwiesen werde. Niemand vermochte ihn zu beschuldigen, daß er gegen dieselben je eine Pflicht versäumt habe.

Trotz alledem aber wurde sein ältester Sohn dessen überführt, daß er den guten Alten ungebührlich behandelt habe. Der Undankbare versicherte dessenungeachtet ganz trotzig, daß er unschuldig sei.

Eines Tages ließ ihn der Geistliche des Ortes zu sich kommen und ermahnte ihn mit folgenden Worten: „Erinnere Dich dessen, der einst als der beste Sohn auf der Erde wandelte. Sei doch eingedenk alles dessen, was Dein Vater an Dir gethan hat. Werde Dir überhaupt bewußt, wie treulich Dich Deine Eltern einst gepflegt haben. Vergiß es nie, was sie für unzählige Opfer um Deinetwillen brachten.

Befleißige Dich daher, daß Du Deinem Vater all seine Liebe vergeltest. Freue Dich, daß Du ihn überhaupt noch besitzest. Zudem bedenke, daß auch Du einmal älter wirst.“

Diese Rede ging dem Sohne zu Herzen. Er klagte sich jetzt selbst an, daß er der Pflichten gegen seinen Vater vergessen habe. Er zieh sich selbst, daß er bisher ein höchst undankbares Kind gewesen sei. Und von dieser Stunde an blieb er eingedenk dessen, was das vierte Gebot von jedem Kinde fordert.

84. Ein edler Fürst.

(Der Ergänzungssatz umschreibt ein Hauptwort mit Verhältnißwort.)

Ein edler Fürst lebt nur dafür, daß es seinem Volke wohlgehe. Er trachtet zunächst darnach, daß die Landesgesetze immer vollkommener werden. Er hält aber auch darauf, daß man sie allenthalben erfülle. Er forscht, worin ein Nothstand seine Ursache haben könne. Darauf trachtet er, daß die Quelle des Uebels verstopft werde.

Ein edler Fürst kümmert sich, daß ein Jeder vor dem Gesetze gleiche Rechte habe. Er erkundigt sich angelegentlich, wie der Stand der Volksbildung sei. Er freut sich, wenn die Schulen immer größere Fortschritte erzielen. Er verwendet sich auch dafür, daß die Kunst zu immer größerer Blüthe gelange.

Ein edler Fürst sorgt getreulich für die, welche im Dienste des Vaterlandes zu Schaden gekommen sind. Er übt Gnade an denjenigen, die in Verblendung am Gesetze sündigten.

Er glaubt, daß über ihn noch ein Höherer waltet. Diesen König aller Könige aber bittet er, daß er ihm Weisheit schenke.

85. Der alte Räuberhauptmann.

(Der Ergänzungssatz umschreibt eine Zeitwort in abhängiger Form.)

Ein alter Räuberhauptmann fürchtete, daß er sein Leben noch auf dem Schaffote enden werde. Er wünschte daher, daß er bald sterben möge. Er verlangte sogar, daß man ihm Gift beibringe.

Seine Leute verneinten indeß, daß sie ihm in diesem Falle gehorchen müßten. Der alte Sünder hoffte nun von Tag zu Tag, daß er erkranken möchte.

Eines Abends glaubte er auch wirklich, daß sein Körper fiebere. Er bildete sich sogar ein, daß er bereits phantasire. Er wähnte, daß er merklich ermatte. Aber er begehrte nicht, daß man ihm etwas Stärkendes zu trinken gebe. Er vermied sogar mit allem Ernste, daß er in einen Schlaf verfalle. Die Krankheit war indeß nicht zum Tode. Seine Natur nöthigte ihn, daß er genesen mußte. Der Himmel zwang ihn, daß er noch am Leben bleibe.

86. An der Indianergrenze.

(Der Ergänzungssatz in unbestimmter Redeweise.)

Ein Farmer erfuhr, daß ein Haufen räuberischer Indianer im Anzuge sei. Sein Nachbar versicherte, daß er schon einige in der Nähe gesehen habe. Ein Kuhhirte wollte sogar wissen, daß die Räuber gegen fünfzig Mann stark wären. Ein zufällig dazukommender Reisender behauptete wieder, daß es die Indianer auf eine ganz andere Gegend abgesehen hätten.

Man einigte sich indeß, daß man in jedem Falle Vertheidigungsmaßregeln ergreifen müsse. Es wurde daher beschlossen, daß sich jeder Anwohner bewaffne. Zu gleicher Zeit aber wurde auch befohlen, daß keiner unnöthiger Weise von der Waffe Gebrauch machen solle. Ebenso wurde angeordnet, daß Niemand vorläufig seine Behausung verlassen dürfe. Namentlich empfahl der Fremde, daß ein Angriff erst abgewartet werde.

Zum Glück konnte bald darauf ein Abgesandter berichten, daß der Indianerschwarm jedenfalls vorüberziehe. Er wollte sich überzeugt haben, daß die Horde auf das nächste kleine Städtchen zusteuere. Man glaubte indeß, daß man trotzdem immer noch auf der Hut sein müsse.

Erst den nächsten Morgen nahm man an, daß nun alle Gefahren vorüber seien. Der Farmer gebot, daß Jeder seine Waffe wieder aus der Hand lege. Damit solle indeß nicht gesagt sein, daß die Räuberhorde nicht später wiederkehren könne.

1. Abgekürzte Ergänzungssätze.

87. Der Tollkühne.

Joseph bildete sich ein, ein vorzüglicher Schwimmer zu sein. Er wünschte deshalb, einmal seine Bravour zeigen zu können.

Eines Tages kündete er seinen Kameraden an, über den nahen, breiten Strom schwimmen zu wollen. Sie riethen ihm indeß, davon abzusehen. Sie beschlossen sogar, seinem Wagestücke gar nicht zuzusehen.

Joseph aber blieb dabei, seine Kraftprobe auszuführen. Er versicherte, keine Furcht zu kennen. Er bat deshalb die Kameraden, ihn zu begleiten.

Diese kamen endlich überein, ihm zum Flusse zu folgen. Der Tollkühne berechnete nicht, dem reißenden Strome nicht gewachsen zu sein. Das Schicksal verurtheilte ihn, seine Verwegenheit mit dem Leben zu büßen.

Wiederholung.

(Verschiedene Arten der Ergänzungssätze.)

88. Der feuerspeiende Berg.

Des Försters zehnjähriger Wilibald wußte recht gut, daß das Pulver ein gefährliches Ding ist. Sein Vater hatte ihm wiederholt gesagt, was für großes Unglück schon durch unvorsichtigen Umgang mit diesem Schießmaterial herbeigeführt worden sei.

Wilibald aber folgte dem nicht, der ihn schon oft gewarnt hatte. Er blieb dessen nicht eingedenk, was ihm sein Vater sagte.

Einmal nahm er sich vor, einen Sandhaufen in einen feuerspeienden Berg zu verwandeln. Er vermeinte, daß dies mit Schießpulver leicht ausführbar sei.

Wilibald war dessen gewiß, daß sein Vater heute erst spät heimkehren werde. Er hoffte deshalb, sein Werk ganz ungestört vollbringen zu können.

Das Unglück wollte, daß der Förster gerade an diesem Tage sein Pulverhorn hatte an der Wand hängen lassen. Wer die Sorgsamkeit des Försters kannte, mußte diese Unvorsichtigkeit fast unerklärlich finden. Man konnte aber auch wieder dem eine solche einmalige Vergeßlichkeit verzeihen, dem es im Kopfe oft vor Amtssorgen schwirrte.

Wilibald erinnerte sich, das Pulverhorn gesehen zu haben. Er fand daher sehr bald, was er suchte.

Den Sandhaufen hatte er bereits mit einer röhrenartigen Oeffnung versehen. Dahinein schüttete er, was sich im Pulverhorne vorfand. Schon freute er sich darauf, wie der Berg Feuer speien werde. Er erwartete, daß die Feuergarbe einen Meter hoch steigen würde.

Der kleine Vesuv bedurfte jetzt nur noch, daß ein Stück brennender Schwamm darauf gelegt werde. Bald hatte Wilibald beschafft, was eben noch fehlte. Ungeduldig sah er dem entgegen, was nun eintreten sollte. Er harrte indeß vergebens, daß das Schauspiel seinen Anfang nehme.

Endlich hielt er es für angezeigt, einmal nachzusehen. Er glaubte sich versichern zu müssen, daß der Schwamm verlöscht sei.

Wer aber unvorsichtig ist, dem kann gar Schlimmes begegnen. Wilibald bemühte sich, sich genau von der Ursache des Nichtentzündens zu überzeugen. In diesem Augenblicke aber erfolgte, was erfolgen sollte.

Das Schicksal fügte es leider, daß ihm die Pulverflamme gerade in die Augen schlug. Er verlor auf der Stelle sein Augenlicht.

Wem nicht zu rathen ist, dem ist freilich auch nicht zu helfen.

Hauptwiederholung.

(Subjectiv-, Prädikat-, Beifüge- und Ergänzungssätze.)

89. Das Reisen.

Wem Gott will eine Gunst erweisen, der wird von ihm in die weite Welt geschickt.

Das Reisen gewährt zunächst eins der größten Vergnügen, die für Geld zu haben sind. Es verleiht Vielen eine Bildung, die selbst das Studium der gelehrtesten Bücher nicht geben kann. So Mancher ist durch vieles Reisen erst geworden, was er werden sollte.

In der weiten Welt lernt der Mensch erst kennen, was für Wunder der Herr geschaffen hat. In der Fremde überzeugen ihn tausend Dinge, daß auch der Mensch in seinen Thaten groß sein kann.

Wer reist, muß freilich seine Augen hübsch offen behalten. Wer Gewinn vom Reisen haben will, muß auch die Ohren fein spitzen. Er muß sich befleißigen, mit Verstand zu reisen. Ein Wandern, dem kein bestimmter Plan zu Grunde liegt, hat wenig Zweck.

Auch die Kunst, mit rechtem Nutzen zu reisen, will freilich erst erlernt sein. Die ersten Ausflüge in die Welt kosten deshalb, was man Lehrgeld zu nennen pflegt. Man muß lernen, sich den gegebenen Verhältnissen zu fügen. Man muß auszurechnen verstehen, wie man überall am billigsten wegkommen kann. Man darf aber auch wieder gewisse Opfer, ohne welche zu besondern Sehenswürdigkeiten kein Zutritt gewährt wird, nicht scheuen.

Außerordentlich mannichfaltig sind die Verkehrsmittel, welche das Reisen ungemein erleichtern. Wer will, der kann jetzt binnen wenig Tagen in weit entlegene Länder versetzt werden. Es bedarf nur, daß er den Dampfwagen besteigt.

Das Verlangen, die weite Welt zu sehen, verallgemeint sich von Jahr zu Jahr. Wahrhaft erfreulich ist es, auf den Bahnhöfen täglich die große Menge Reisender zu sehen.

Trotzdem aber gibt es noch Leute genug, die lieber in behaglicher Ruhe auf ihrer Ofenbank sitzen bleiben. Sie ziehen den Glanz der blitzenden Thaler im Geldkasten, ihrem Abgotte, dem Anblicke der reizendsten Alpenlandschaft vor. Manche wieder sind geradezu zu faul dazu, ihren Gesichtskreis durch Aufsuchen von noch nie Gesehenem zu erweitern. Sie wollen lieber bleiben, wie sie sind. Wir aber sagen, daß dies eine Schande für sie ist.

Reise also, wer reisen kann. Das Reisen ist eine Lust, die kaum durch eine andere zu ersetzen ist.

V. Anführungssätze.

1. Wörtlich.

90. Die Bibel der Natur.

(Der Hauptsatz voran.)

Gleich der heiligen Schrift ruft uns auch die Natur zu: „Merke auf meine Rede!“ Der zuckende Blitz verkündet uns: „Alles Leben stehet in Gottes Hand!“ Die Lilie des Feldes tröstet: „Gott sorgt auch für dich!“

Das welkende Blatt legt uns die Worte an’s Herz: „Alles Irdische vergeht!“ Ernst murmelt uns das Bächlein entgegen: „Mein unaufhaltsames Dahinrollen ist ein Bild von Deiner Lebenstage Lauf.“

Das Würmchen im Staube spricht: „Groß sind die Werke des Herrn!“ Die Lerche in blauer Höhe jubelt: „Preise mit mir die Güte des Schöpfers!“ Der der Puppe sich entwindende Falter versichert uns: „Auch Du wirst auferstehen!“ Der majestätische Sternenhimmel predigt uns: „Hier sind noch viele Wohnungen!“

91. Beim Brande.

(Der Haupts. zuletzt.)

„Feuer!“ erscholl es mitten in der Nacht. „Eilt zu retten!“ mahnte die Feuerglocke.

„Wo brennt es?“ rief ich zum Fenster hinaus.

„Das Pfarrhaus muß in hellen Flammen stehen“, antwortete mir eine Stimme.

„Es kann auch die Schule sein!“ sagte eine andere.

„Keins von beiden“, versichert der zufällig vorübereilende Nachtwächter.

„Ich muß zu Hilfe eilen“, sagte ich zu den Meinigen.

„Das Erbgericht brennt!“ rief mir beim Austritt aus meinem Hause ein Vorübergehender zu.

„Dieser hat Recht!“ dachte ich beim Anblicke der auflodernden Flammen für mich.

Ich eilte dem Brande zu. Die Feuerwehr war bereits in voller Thätigkeit. Aber welch ein Lärm!

„Zuerst das Vieh retten!“ schrie der Eine.

„Drei Mann aufs Dach des Nachbarhauses!“ befahl ein Anderer.

„Eine Leiter hierher!“ kreischte eine heisere Stimme.

„Richtet den Spritzenstrahl mehr nach der Giebelmauer!“ commandirte der Feuerlöschdirector.

„Mehr Wasser herbeischaffen!“ riefen die Spritzenleute.

Das Hauptgebäude des Erbgerichts brannte nieder.

„Die Verhütung größeren Unglücks ist hauptsächlich der Windstille zu verdanken“, hörte man allgemein aussprechen.

92. Zwiespalt.

(Der Hauptsatz in der Mitte.)

„Womit“, fragte Kunz seine Kameraden auf dem Spielplatze, „werden wir uns denn heute die Zeit vertreiben?“

„Laßt uns“, sagte Hilmar, „Ball werfen.“

„Ball“, fiel Lambert schnell ein, „spiele ich nicht mit!“

„Nun, so wollen wir“, versetzte Hilmar wieder, „den Drachen steigen lassen.“

„Zum Drachensteigenlassen“, bemerkte Ewald, „habe ich wieder keine Lust.“

„Vielleicht“, schlug Hilmar aufs neue vor, „holen wir dann heute einmal alle unsere Reifen herbei?“

„Das Reifenspiel“, fiel Feodor spöttisch ein, „ist ja hauptsächlich eine Beschäftigung für Mädchen!“

„So laßt uns“, nahm hier Kunz wieder das Wort, „Soldaten spielen!“

„Das“, entgegnete Lambert, „wäre mein allerletzter Zeitvertreib!“

„Auf diese Weise“, sagte jetzt Günther, „kommen wir freilich heute zu keinem Zeitvertreibe. Lieber“, fügte er noch hinzu, „mag da jeder für sich spielen!“

Und so wurde es auch zuletzt.

Wiederholung.

(Alle drei Fälle abwechselnd.)

93. Die Weidenraupe.

„Wo kommst Du her?“ fragte Alban den ihm begegnenden Alexander.

„Ich komme“, gab dieser zum Bescheid, „von der Raupenjagd.“

„Und wie steht es mit der Ausbeute?“ fragte Alban weiter.

Darauf erwiderte der Gefragte mit einem gewissen Stolze: „Einen sehr interessanten Fund habe ich gemacht!“

„Wie so?“ versetzte Alban neugierig.

„Ich habe“, sagte Alexander hocherfreut, „eine Weidenraupe gefunden.“

„O Du Glücklicher!“ rief Alban fast etwas neidisch. Gleich darauf aber fügte er hinzu: „Wo wirst Du denn diese Raupe sich verpuppen lassen?“

„Die Weidenraupe“, belehrte jener, „muß man in ein Glas mit Sägespänen aus Weidenholz setzen!“

„Wozu das?“ fragte Alban.

Darauf erwiderte Alexander: „Weil diese Raupe meist vom Weidenholze lebt! Zu dem“, setzte er noch hinzu, „verpuppt sie sich auch stets in Holzspänen.“

„Wie lange liegt sie denn als Puppe?“ fragte Alban wieder.

Mit etwas verwunderter Miene erwiderte Alexander: „Weißt Du denn das nicht selbst aus der Naturgeschichte?“

„Das habe ich wirklich wieder vergessen“, war die Antwort.

„Sie braucht“, fuhr Alexander fort, „volle drei Jahre zu ihrer Entwickelung zum Falter.“

„Entsetzlich lange“, staunte Alban. „Den Schmetterling aber“, bat er, „laß mich dann ja gleich sehen!“

„Das soll geschehen“, versicherte Alexander.

2. Nicht wörtlich.

94. Das Wetter.

(Der Hauptsatz zuletzt.)

Eines Tages trafen sich vier Bauern auf dem Felde. Mit dem Wetter könne man dies Frühjahr doch eigentlich gar nicht zufrieden sein, äußerte Melchior.

Das sei auch seine Ansicht, sagte Samuel. — Er müsse für seine sandigen Fluren etwas mehr Regen wünschen, setzte Wenzel hinzu. — Ihm wären einige Tage Sonnenschein jetzt lieb, meinte Weinrich.

Die Wärme lasse diesmal außerordentlich lange auf sich warten, bemerkte Melchior wieder. — Für seine Saaten aber komme das kühle Wetter gerade recht gelegen, hielt Samuel entgegen.

Ihm sei ein Gedanke beigekommen, bemerkte jetzt Wenzel.

Wenzel möge reden, meinten alle.

Der liebe Gott werde es wol nie allen recht machen können, lautete Wenzel’s Gedanke.

95. Am Krankenbette.

(Der Hauptsatz voran.)

Zwei Aerzte wurden an das Krankenbette eines Kindes gerufen.

Der jüngere Arzt meinte, die argen Kopfschmerzen des Kindes könnten von schlechter Verdauung herrühren. Dem hielt die Mutter des Kindes entgegen, von einem Magenübel ihrer Marie habe sie noch nie auch nur die leiseste Spur entdeckt.

Der ältere Arzt war der Ansicht, es läge hier eine Erkältung zu Grunde. Dazu bemerkte der Vater, das Kind sei seit länger als acht Tagen nicht aus der Stube gekommen.

Beide Aerzte einigten endlich ihre Ansichten dahin, der Kopfschmerz habe seine Ursache in einem bedeutenden Blutandrange nach dem Gehirn. Der junge Arzt schlug nun vor, die Patientin solle in naßkalte Tücher eingepackt werden. Der ältere dagegen äußerte, hier sei ein niederschlagendes Pülverchen ganz am Platze.

Um des lieben Friedens willen beschlossen endlich die zwei Herren, man wolle von beiden Mitteln Gebrauch machen.

96. Der Fund.

(Der Hauptsatz in der Mitte.)

Ein armer Dienstmann fand auf der Straße einen Brillantring. Endlich, murmelte er für sich, habe er doch einmal Glück gehabt. Der Ring, meinte er, sei wenigstens seine zwanzig Thaler werth. Der Verkauf desselben, dachte er weiter, könne keine großen Schwierigkeiten bieten. Er brauche ja nur damit, überlegte er kurz, zum nächsten Goldarbeiter zu gehen.

Da aber mischte sich sein Gewissen darein. Ein unehrlicher Finder, hielt es ihm vor, sei einem Diebe gleich zu achten. Einen Dieb aber, setzte es hinzu, nenne die Bibel ein schändlich Ding. Unrecht Gut, warnte es weiter, habe noch niemals Segen gebracht. Und der Allwissende, mahnte es noch, wisse dergleichen Schlechtigkeiten ans Licht zu bringen.

Dieser innern Warnung, äußerte der Dienstmann nach einiger Erwägung ganz laut, wolle er aber auch folgen. Somit ging er auf die Polizei und meldete den Fund an.

Wiederholung.

(Alle drei Fälle.)

97. Ochs und Esel.

Ein Ochse und ein Esel stritten sich um den Ruhm der größten Klugheit.

Der Ochse meinte, er sei unter allen Umständen der Klügste. Ihm sei die Weisheit gleich angeboren, behauptete der Esel. Schon seine breite Stirn, brummte der Ochs, müsse doch seine Gelehrsamkeit beweisen. Der Esel behauptete dagegen, er würde jedenfalls seiner Zeit das Pulver auch erfunden haben. Gerade diese Eingebildetheit müsse er für einen Beweis großer Dummheit erklären, höhnte der Hornträger.

Diesen unangenehmen Streit, meinten endlich beide, werde der Löwe am besten entscheiden.

Sie gingen zu ihm.

Der Löwe eröffnete ihnen nach kurzer Ueberlegung, sie gehörten beide zu den Narren. Keiner habe in der Dummheit etwas vor dem andern voraus, versicherte er. Das hätten sie, fügte er hinzu, gerade durch ihren Streit bewiesen.

Ochs und Esel wurden auch wirklich jetzt der Meinung, der Löwe habe Recht.

98. Das Gespenst.

(Wörtlich und nicht wörtlich.)

„Hörst Du das Poltern?“ sagte der abergläubische Johann um die Mitternachtsstunde zu seinem Bruder Gottlieb.

„Freilich“, erwiderte dieser, „höre ich es.“

Ob dies nicht gar ein Gespenst sein könne, meinte Johann.

Ihm wolle es, flüsterte Gottlieb, auch ganz so scheinen.

Gleich darauf rief Johann dem neben ihm schlafenden Großknechte zu: „Es sind Gespenster im Hause!“

Im Erwachen äußerte Töffel, er habe das bereits auch verspürt.

„Leuchte nur einmal mit einer Laterne auf den Oberboden“, gebot Gottlieb dem Großknechte.

Da muthe man ihm freilich viel zu, entgegnete dieser.

Johann aber tröstete ihn mit den Worten: „Vor Deinen Fäusten werden schon die Gespenster Respekt haben.“

Töffel stand auf und ging. Bald kehrte er zurück. Fast wie aus einem Munde fragten beide Brüder, was es denn gewesen sei?

Wie man doch aber auch, murmelte der Großknecht verdrossen, gleich eine Mücke für einen Elephanten ansehen könne.

„Aber“, fiel Gottlieb schnell ein, „so gib uns doch nur Bescheid!“

„Das ganze Gespenst war unsere alte Hausmietze“, berichtete jetzt Töffel.

„Wie so denn?“ fragte Johann.

„Sie stak mit dem Kopfe in einem Topfe und konnte nicht wieder heraus“, war die Antwort.

Hauptwiederholung.

(Subjectiv-, Prädikat-, Beifügungs-, Ergänzungs- und Anführungssätze.)

99. Ehre das Alter.

Der alte Römhild, ein achtzigjähriger Greis, saß eines Tages vor der Thür seiner Hütte. Wer ihn kannte, hielt ihn hoch in Ehren.

Ueber seinem Haupte, das die Silberkrone des Alters schmückte, war mancher Sturm hinweggezogen. Er war sich aber bewußt, daß ihn keiner vom Wege der Glaubenstreue abgebracht habe. Er durfte sich sagen, stets rechtschaffen gehandelt zu haben.

Daß er ein höchst ehrwürdiger Greis sei, war in der ganzen Umgegend bekannt. „Vor Vater Römhild,“ hörte man oft sagen, „sollte Jeder die Mütze abnehmen.“

Nicht so dachten zwei gottlose Knaben, deren Vater Frohnvogt im Orte war. Sie spotteten, daß der alte Römhild gar so gebückt dort saß. Sie wollten sich todtlachen, daß die zitternden Hände des Greises kaum das thönerne Tabackspfeifchen zu halten vermochten.

Was die beiden Buben thaten, schmerzte den Alten tief. Sein Grundsatz aber, demzufolge er auch alles Unrecht geduldig ertragen wollte, ließ in seinem Herzen keinen Groll aufkommen.

Ganz freundlich sprach er zu den Knaben: „Tretet doch einmal zu mir heran!“

Sie würden sich hüten, äußerte höhnisch der eine. Und der andere meinte, sie hätten nichts mit ihm zu schaffen.

Darauf nahm Vater Römhild, dem es um die Besserung der beiden Knaben zu thun war, zwei ganz neue Groschenstücke aus der Tasche. „Diese blitzenden Groschen sollt Ihr Euch bei mir holen“, sagte er.

Dieses Angebot reizte die Knaben, den Schritt zu wagen. Sie traten also hinzu.

Vater Römhild faßte, ohne seine freundlichen Züge zu verändern, jeden Knaben bei der Hand. „Ihr habt meiner gespottet“, begann er darauf. „Damit“, setzte er hinzu, „habt Ihr mir sehr weh gethan.“

Bei diesen Worten, die seiner Brust mit einem tiefen Seufzer entstiegen, zitterte eine Thräne von seinen grauen Wimpern. Darauf fuhr er fort: „Werdet Ihr nicht selbst auch einmal alt werden?“ Und weiter fragte er: „Würde Euch denn in Euren alten Tagen der Spott der Jugend gefallen?“

In ähnlicher Weise redete der Alte, der dabei einen wahrhaft väterlichen Ton annahm, noch längere Zeit zu den Herzen der beiden Knaben.

Beide sahen jetzt ein, daß sie sich an dem Alten versündigt hatten. Beide gelobten auch endlich, daß sie sich ein solches Vergehen nie wieder wollten zu Schulden kommen lassen.

Daß ihnen dieses Versprechen wirklich aus dem Herzen kam, sah der Alte an ihren Mienen. Ob sie der Zusage für immer eingedenk sein würden, konnte Vater Römhild freilich nicht wissen. Zur Ehre gereicht ihnen aber noch, daß sie die neuen Groschen durchaus nicht nehmen wollten.

Hoffentlich blieben sie solcher Gesinnung, wie sie jetzt waren.

VI. Umstandssätze.

1. Umstandsnebensätze des Ortes.

100. Unschuldig Verfolgte.

Wo man die Sperlinge vertilgt, da züchtet man schädliche Insekten. Wo man die Maulwürfe erwürgt, da hegt man ein dem Graswuchse nachtheiliges Gewürm. Wo man den Eulen nachstellt, liebäugelt man mit den Feldmäusen.

Dort steht es nicht gut mit der Oekonomie, wo jene drei Unschuldigen verfolgt werden. Ein solcher Unverstand kommt eben daher, woher aller Unverstand kommt. Und er führt dahin, wohin alle Unwissenheit führt. Er führt zu Nachtheilen.

Der Landbebauer möge daher sein Ohr dahin halten, wo die Ordnung der Natur gelehrt wird. Er möge da hineingucken, wo von den wirklichen Feinden der Landwirthschaft geschrieben steht. Gewiß wird er dann jene drei unschuldig Verfolgten dahin zählen, wohin sie gehören.

101. Reichthum.

(Desgleichen.)

Wo der Reichthum thront, da wohnt nicht immer auch das Glück. Das wahre Glück ist weit öfter dort zu finden, wo die Armuth um den Tisch sitzt.

Wo der Hausherr stolz zu Rosse dahinfegt, hinkt sehr oft die Sorge hinterdrein. Wo die Hausfrau dreimal täglich das Gewand wechseln kann, kann leicht auch dreimal die gute Laune wechseln.

Da, wo die Tafel die fetten Bissen kaum zu tragen vermag, stellen sich in der Regel viel ungeladene Gäste ein. Und dort hat man den Grünspan am meisten zu fürchten, wo sich viel Silber anhäuft.

Dahin, wohin der Reichthum zuweilen führt, möchte mancher Arme wol um keinen Preis gelangen. Wohin der Ueberfluß an Mammon den Weg erschwert, dahin deutet auch Christus in einer Unterredung mit seinen Jüngern.

Woher sich daher Mancher in dieser Beziehung ein beneidenswerthes Loos träumt, daher kann gerade sein Verderben kommen. Trachte doch ein Jeder zunächst dahin, woher ein zufriedener Sinn das Gemüth durchdringt.

2. Umstandsnebensätze der Zeit.

a. Gleichzeitigkeit.

102. Peter der Große.

Eines Tages fuhr Peter der Große, als er zu Mittag gespeist, in seiner Schaluppe nach Sesterbank. Während seine Matrosen die Ruder schlugen, mußten sie zur Ergötzlichkeit des Kaisers ihre Lieder anstimmen. Dieses Concert unterhielten sie stets so lange, bis er winkte.

Indem die Schiffsleute noch sangen, erhob sich von Westen her etwas Wind. Kaum aber waren zehn Minuten vergangen, entwickelte sich aus diesem Winde ein arger Sturm.

Indeß sich des Kaisers Fahrzeug seinem Ziele nähert, bemerkt er in der Ferne einen mit den Wogen kämpfenden Kahn. Sowie Peter die große Gefahr für das kleine Fahrzeug erkennt, schickt er sofort seine Matrosen zur Rettung aus. Noch aber haben diese kaum die Schaluppe verlassen, entdeckt er mitten in der Flut eine Frau mit ihrem Kinde.

Schon drohen die Wogen die Unglückliche zu begraben, als Peter selbst zu ihrer Rettung in die schäumende Flut stürzt. Sobald es Menschenleben zu retten gilt, denkt er nicht an seine Kaiserwürde.

Indem ihn eine Welle hoch emporhebt, erfaßt er die Unglückliche. Mit starker Hand hält er sie fest, bis der Schiffsjunge die Schaluppe herbeigeführt hat.

Während seine ausgesendeten Matrosen jenen Kahn in Sicherheit bringen helfen, führt er die beiden Geretteten dem Ufer zu. Für diese aber war nun gesorgt, solange sie lebten.

103. Aus dem Tagebuche eines Kriegers.

(Desgleichen.)

Als die Sonne zu sinken begann, rückten wir in N. ein. Sobald die nöthigen Befehle für die nächste Nacht verlesen waren, ging das Bataillon auseinander.

Kaum war ich zwei Minuten weit gegangen, stand ich vor meinem Quartier. Ich klopfte so lange an, bis sich mir die Thür des einfachen Dorfhauses öffnete.

Während ich mein Gepäck ablegte, brummten meine Wirthsleute einige unwillige Worte. Ihr Widerwille steigerte sich noch, als ich endlich zu essen begehrte.

Indeß endlich die Wirthin einige karge Lebensmittel herbeibrachte, trat ihr vierjähriges Töchterchen zu mir. Seitdem wir die französische Grenze überschritten hatten, war mir noch kein so hübsches Kind vorgekommen.

Ich nahm das Kind auf meinen Schooß und liebkoste es in der väterlichsten Weise. Sowie die Wirthin dies sah, veränderten sich auf einmal ihre zeither so mürrischen Gesichtszüge. Währenddem ich nun vollends dem lieben Kinde die Stirn küßte, verklärte sich ihr Gesicht in ein glückliches Lächeln.

Wie staunte ich indeß, als sie plötzlich das dürftige Abendbrod wieder entfernte. Indem ich aber noch über dieses seltsame Gebaren nachdachte, trat sie auch schon mit einem großen Teller höchst appetitlicher Speisen an den Tisch.

Schon wollte ich zulangen, als die Wirthin mir Einhalt gebot. Noch aber hatte ich meine Gabel kaum wieder hingelegt, brachte der Wirth eine Flasche köstlichen Wein herbei. Jetzt erst sollte ich mir es wohlschmecken lassen.

Die beiden Wirthsleute blieben meine freundlichen Nachbarn, solange ich aß. Als ich sie den nächsten Morgen verließ, erhielt ich von ihnen noch einen halben Schinken auf den weiten Marsch.

Seit ich dieses einfache Dorfhaus verließ, habe ich nie wieder ein so gutes Quartier gefunden.

b. Ungleichzeitigkeit.

104. Gewissenhaftigkeit.

Bevor ein guter Schüler die Feder zu irgend einer schriftlichen Arbeit ansetzt, sammelt er in seinem Kopfe erst den Stoff dazu. Nachdem dies geschehen ist, ordnet er denselben. Ehe er aber dann die fertige Arbeit dem Lehrer übergiebt, sieht er sie noch einmal gewissenhaft durch.

So oft ein Schüler dies thut, so oft wird er mit seinem Schaffen auch Ehre einlegen.

So gewissenhaft sollte der Mensch überhaupt in allen seinen Unternehmungen sein. Er muß stets ein bestimmtes Ziel ins Auge fassen, bevor er handelt. Er muß auch stets die möglichen Folgen seiner Thaten erwägen, ehe er die Hand an irgend ein Werk legt.

Gar Viele sehen ihre Thorheiten erst dann ein, nachdem sie vollbracht sind. Halte daher weisen Rath, so oft Du etwas Neues unternehmen willst.

Wiederholung.

(Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit.)

105. Das Wüstenungeheuer.

Bevor wir die mühsame Wanderung durch die Wüste ganz beendet hatten, sollten wir noch deren schrecklichstes Ungeheuer kennen lernen. Als die Sonne ihre Strahlen gegen Mittag sengendheiß herabschoß, bemerkten wir an unsern Kameelen eine gewisse Unruhe. Kaum hatten wir wieder eine Meile hinter uns, fühlten wir selbst eine eigenthümliche Schwere in der Luft.

Während wir noch darüber sprachen, schien sich in der Ferne der Himmel zu verdunkeln. Noch waren wieder nicht zehn Minuten vergangen, vernahmen wir auch ein fernes Brausen. Wenn aber dieses Zeichen auftritt, dann kann sich der Wüstenreisende auf Schlimmes gefaßt machen.

In der Regel schickt der Samum erst einzelne leichte Sandwolken vor sich her, ehe er selbst in seiner ganzen Macht losbricht. Sowie die erste dieser Staubwellen auf uns zugewälzt kam, warfen sich sämmtliche Kameele im Nu platt auf die Erde nieder. Sobald dies geschehen, streckten auch wir uns lang neben ihnen hin. Indem wir uns aber auf diese Weise in Sicherheit zu bringen suchten, tobte auch schon das Ungeheuer in seiner wilden Macht daher.

Die ganze Welt schien verwüstet werden zu sollen, indeß der furchtbare Sturm über uns dahinwüthete. Die Gluthitze drohte uns zu ersticken, während der feine Sand unsere zarten Hautstellen wie mit Nadeln ritzte.

Solange der entsetzliche Samum wüthete, sahen wir uns in schauerliche Nacht gehüllt. Erst nachdem wir etwa zwei Stunden diese fürchterlichen Qualen erduldet, lichtete sich das grausige Dunkel allmälig.

Wie dankten wir Gott, da der erste Sonnenstrahl wieder durch die immer schwächer werdenden Sandwirbel drang. Noch immer rieselt mir es kalt durch die Adern, so oft ich jener Schreckensstunde gedenke.

(Umstandssätze des Ortes und der Zeit.)

106. Die Missionäre.

Die Heidenboten haben einen sehr schweren Beruf. Wohin sie gesendet werden, dahin ist in der Regel noch kein Wort vom Christenthume gedrungen. Wo sie ihre Arbeit beginnen sollen, da kniet das Volk noch vor todten Götzen.

Häufig erfahren sie das schnödeste Mißtrauen, sobald sie sich nur unter einem solchen wilden Stamme blicken lassen. Dieses Mißtrauen verwandelt sich nicht selten in Haß, wenn sie dann die ersten Bekehrungsversuche wagen. Sowie der Wilde seine angestammte Religion durch ihn gefährdet sieht, betrachtet er den Heidenboten gewöhnlich als einen ärgsten Feind. Gerade da aber, wo dieser den härtesten Widerstand findet, ist auch sein Werk am verdienstvollsten.

Es kostet oft große Anstrengung, ehe nur ein Einziger für den christlichen Glauben gewonnen wird. Noch viel größere Opfer aber erfordert es, bevor sich ein ganzer Stamm unter das Kreuz des Erlösers beugt.

Woher aber der Missionär die Neigung zu seinem so gefahrvollen Berufe erhält, daher erhält er auch die Kraft dazu. Indem er nur die geringste Frucht seiner Saat aufgehen sieht, wächst sein Muth. Die glücklichen Erfolge mehren sich indeß auch in der Regel auffällig, nachdem einmal erst eine Seele gerettet ist.

Möge das Licht des Christenthums überall aufgehen, wo jetzt noch Finsterniß herrscht. Möge es so lange Missionäre geben, solange es noch Heiden gibt. So oft uns Gelegenheit geboten ist, so oft wollen wir aber auch unsern Theil zu dem heiligen Werke der Heidenbekehrung beitragen.

3. Umstandsnebensätze der Art und Weise.

a) Unverkürzt.

aa) Ohne Vergleichung.

107. Roderich.

Indem der kleine Roderich mit seinen Eltern oft Concerte besuchte, entwickelte sich in ihm der Sinn für Musik. Ohne daß er es eigentlich wollte, prägten sich seinem Gedächtnisse einzelne schöne Melodien ein. Diese sang er dann wol auch, indem er vielleicht gerade ein Kartenhaus baute, vor sich hin.

Bald bat er seine Eltern so dringend um Musikunterricht, daß sie ihm nicht widerstehen konnten. Er machte glänzende Fortschritte, ohne daß er sich etwa besonders angestrengt hätte. Schon nach einem Jahre spielte er ziemlich schwere Klavierstücke so, daß man staunen mußte. So trug er z. B. eine ziemlich schwere Sonate von Mozart vor, ohne daß ihm auch nur ein falscher Ton entschlüpfte. Dabei bearbeitete er an gewissen Stellen das Instrument dermaßen, daß die Saiten hätten springen mögen.

Indem er Klavier spielte, bildete sich sein Gehör auch für den Gesang. Seine kleinen Lieder ertönten so rein, daß man seine Freude daran haben mußte.

So reifte Roderich zu einem Künstler heran, ohne daß er es eigentlich wußte. Indem er aber auch als Künstler ein harmloser Charakter blieb, lohnte er am besten die von seinen Eltern ihm gebrachten Opfer.

bb) Mit Vergleichung.

108. Ein Sprichwort.

Wie es in den Wald hineinschallt, schallt es wieder heraus. Dieses alte Sprichwort ist so verständlich, daß sein Sinn schon von einem Kinde erfaßt werden kann. Es ist aber auch so beherzigenswerth, daß man es auf die Zifferblätter der Uhren schreiben sollte.

Je gewissenhafter ein Mensch seinen Verkehr mit andern nach dieser Erfahrung regelt, desto weniger wird er über fremde Unbill zu klagen haben. Wie wir Andern begegnen, so pflegen diese uns entgegen zu kommen. Je freundlicher wir sind, desto mehr schützen wir uns vor Beleidigungen. Je theilnehmender wir uns erweisen, desto sicherer können wir auf fremdes Mitleid rechnen.

Muß sich ja doch der Christ vor allen Dingen zu seinen Mitmenschen stellen, wie sich ein Bruder zum Bruder stellt. Erscheint er doch überhaupt nie so edel, als wenn er im Sinne seines himmlischen Vorbildes handelt.

Manche Menschen treten freilich so rücksichtslos gegen andere auf, wie wenn sich die ganze Welt vor ihnen beugen müßte. Dadurch aber machen sie sich dermaßen verhaßt, daß sie endlich selbst verachtet werden. Ihr Schicksal verhält sich dann zu ihrem Gebaren, wie sich Ursache und Folgen verhalten.

Behandle also Deinen Nächsten, gleichwie Du von ihm behandelt zu sein wünschest.

b) Abgekürzt.

109. Auf der Wolfsjagd.

Mit allem Jagdgeräthe wohl ausgestattet, verließen wir unsere Behausungen. Einige Diener, reichlich mit Lebensmitteln versehen, folgten. Eine Wolfsjagd kann sich ja, wie alle Jagden auf wilde Thiere, sehr in die Länge ziehen.

Uns über den Jagdplan besprechend, erreichten wir den Wald. Berathen ist freilich leichter, als handeln.

Einander gegenseitig Glück wünschend, gingen wir an der Waldesgrenze bis auf gewisse Entfernungen auseinander. Wir schritten langsam vorwärts, ohne uns jedoch aus dem Auge zu verlieren. Jeder freute sich auf den ersten Schuß, wie auf irgend ein frohes Ereigniß.

Die Flinte zur Seite, schritt ich fürbaß. Mich an einer Felsenwand hindrückend, gelangte ich vor den Eingang einer kleinen Höhle. Alsobald meine Schritte hemmend, spähte ich nach dem dunklen Hintergrunde derselben. Hier leuchteten mir, wie grünfeurige Flammen, zwei Augen unheimlich entgegen. Diese sprühenden Punkte sogleich als Wolfsaugen erkennend, lege ich mein Gewehr an. Nicht ohne vorher die beiden Feuersterne gehörig aufs Korn zu nehmen, drücke ich endlich ab.

Ein kurzes Geheul ausstoßend, stürzt der Wolf dem Eingange der Höhle zu. Hier aber bricht er, noch einen tiefen Seufzer ausstoßend, zusammen. Ich aber schleppte meine Beute, nicht ohne einen gewissen Stolz, an den Rand des Waldes zurück.

Wiederholung.

(Unverkürzte und abgekürzte Nebensätze der Art und Weise.)

110. Die Rettung.

Den hellen Tag in düstere Nacht verwandelnd, zog ein Gewitter über ein Thal hinweg. Die Blitze folgten so schnell auf einander, daß man dazwischen kaum bis zehn zählen konnte. Der Donner rollte so mächtig durch den Himmel hin, daß die nahen Berge zu erzittern schienen. Zudem strömte der Regen vom Himmel herab, wie zur Zeit der Sündflut.

Von allen Seiten Zufluß erhaltend, trat der sonst so unbedeutende Thalbach über seine Ufer. In wenig Minuten gestaltete er sich, das ganze Thalbecken überflutend, zum reißenden Strome. Er nahm ebenso zu an Tiefe, als er in der Breite wuchs. Seine schmuziggelben Wogen brausten dahin, daß es Jedermann mit Entsetzen erfüllte.

Mitten in dem Thale stand eine alte Mühle, von den Wogen jetzt auf das entsetzlichste bedroht. Die armen Bewohner derselben schrieen, auf dem Dache sitzend, mit herzzerreißender Stimme um Hilfe. Niemand freilich konnte sie ihnen bringen, ohne selbst das Leben auf das Spiel zu setzen. Die eigene Gefahr war zu groß, als daß sich sogleich rettende Hände gefunden hätten.

Je höher indeß das Wasser stieg, desto entsetzlicher ertönte der Hilferuf der Unglücklichen. Ihr Angstgeschrei erscholl so verzweifelt, daß es hätte Steine erweichen können.

Je größer aber die Noth, desto näher oft die Hilfe. Plötzlich brachten zwei wackere Männer, vor Anstrengung keuchend, einen kleinen Nachen herbei. Ohne daß sie weiter viel redeten, ließen sie denselben ins Wasser. Indem jeder ein Ruder zur Hand nahm, stiegen sie in das dürftige Fahrzeug ein.

Der Mensch erscheint nie so groß, als wenn er sein eigenes Leben für die Rettung eines anderen einsetzt.

Mit kräftigen Armen den Nachen lenkend, erreichten die beiden Männer glücklich die Mühle. Nicht ohne daß es große Vorsicht gegolten hätte, wurde die Müllerfamilie in den Nachen gebracht.

Schon die nächste Minute darauf versank das ganze Gebäude, sich noch einige Male im Kreise drehend, in den Fluten. Die edlen Männer aber gelangten, dem lieben Gott für seinen Beistand innig dankend, mit der armen Familie glücklich ans Land.

Hauptwiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit und der Weise.)

111. Eine Lebensgeschichte.

Wehmüthig auf einem Stäbchen seines Gebauers sitzend, erzählte ein Rothkehlchen einem Kanarienvogel seine Lebensgeschichte:

Wo die jungen Kiefern mit Birkenbüschen im bunten Wechsel standen, da war mein liebster Aufenthalt. Hier lebte ich, mein treues Weibchen meist zur Seite, in ungestörtem Glücke.

Sobald der erste Morgenstrahl durch die Zweige drang, stimmte ich mein Lied an. Ein Tag nach dem andern floß dahin, ohne daß uns irgend ein Leid bewegte. Je höher die Sonne stieg, desto lustiger wurde mein Gesang.

Sowie der Frühling einzog, bauten wir uns ein Nest. Wohin wir es bauten, dahin konnte sich kaum ein Raubthier finden.

An einem schönen Herbsttage nun fliege ich, einigen Hunger verspürend, an einem Waldbache hin. Indem ich mich auf ein Tannenbäumchen niederlasse, bemerke ich am Stamme desselben rothe Beeren. Während ich mir dieselben noch betrachte, erblicke ich sogar dicht dabei einen fetten Mehlwurm.

Ueber meine Entdeckung höchst erfreut, fliege ich hinab. Zu meiner noch größeren Freude bemerke ich da, wo die Beeren hingen, ein bequemes Hölzchen. Nichts Schlimmes ahnend, setze ich mich darauf. Kaum aber berühre ich dasselbe, werde ich an den Füßen von einer Schlinge festgehalten.

Ich ringe natürlich mit allen Kräften, gleich einem Löwen im Netze, nach meiner Freiheit. Die Schlinge aber zieht sich dadurch so zusammen, daß sie mir die Beine zu durchschneiden droht.

Währenddem ich nun um Hilfe rufe, kommt ein Bube herbeigesprungen. Er rieb sich vor Freude die Hände, als er mich erblickte. Woher er kam, daher sah ich sonst selten einen Menschen kommen.

Dieser Bube steckte mich, ohne daß er nur das geringste Mitleid empfunden hätte, in ein Leinwandsäckchen. Wo er mich hinbrachte, da waren hartherzige Menschen. Sie kauften mich so gleichgiltig, wie wenn sie eine Schuhbürste gekauft hätten.

Nachdem ich jetzt in einen Käfig gesperrt war, übersah ich erst mein trauriges Loos!

Seitdem ich ein armer Gefangner bin, ist mein ganzes Lebensglück vernichtet. Woher ich gekommen, dahin darf ich nie zurückkehren. Die Freiheit aber ist ein zu edles Gut, als daß man sie ganz vergessen könnte. Vielleicht erlöst mich mein Schöpfer, von meinem Elende gerührt, bald durch den Tod aus dieser Qual.

4. Umstandssätze des Grundes.

a) Wirkliche Gründe.

aa) Stoff, Ursache, Erkenntnißgrund.

112. Die Fledermaus.

Die Fledermaus erkennt man daran als Säugethier, daß sie lebendige Junge erzeugt. Da sie aber fliegen kann, rechnet sie mancher Unwissende zu den Vögeln. Indem ihre Füße mit den Flügeln verbunden sind, kann sie nicht gut sitzen. Auf das Laufen muß sie fast ganz verzichten, weil sie eigentlich gar keine Gehwerkzeuge besitzt.

Da sie sich meist von nächtlich schwärmenden Insekten nährt, beginnt sie zur Dämmerzeit ihre Jagd. Woraus ihre Nahrung besteht, daraus besteht auch das Mahl der Nachtschwalbe.

Die Fledermaus gewinnt dadurch etwas Unheimliches, daß sie fast stets in einem Kreise umherfliegt. Besonders häufig zeigt sie sich in den Gehöften, weil sie dort jedenfalls reiche Beute findet. Wenn sie gefangen wird, stößt sie kläglich pfiepende Töne aus.

Mancher Landmann will danach das Wetter bestimmen, ob sie hoch fliegt oder nicht.

Da sie im Winter keine Nahrung finden würde, verschläft sie denselben. Zu diesem Zwecke sucht sie oft die Gemäuer der Thürme auf, weil sie hier Schutz vor den Winterstürmen findet.

bb) Beweggrund, Zweck, Ziel.

113. Mutterliebe.

Um ihr Kindlein groß zu ziehen, bringt eine Mutter unzählige Opfer. Damit es körperlich gedeihe, reicht sie ihm wohlgewählte Nahrung. Ihr Auge wacht mit ängstlicher Sorgfalt, daß ihm kein Unfall zustoße. Um es vor Gefahren zu behüten, warnt sie es bei jeder Gelegenheit.

Wie treubesorgt ist nun erst eine Mutter um ein krankes Kind, damit es bald wieder genese. Sie entsagt nächtelang dem Schlafe, um keine Veränderung in dem Zustande ihres Lieblings unbeobachtet vorübergehen zu lassen.

Eine treue Mutter ist aber auch darauf bedacht, daß ihr Kind geistig gedeihe. Sie hütet es vor schlechtem Umgange, weil dieser sein Herz verderben könnte. Sie bewahrt es vor widerwärtigen Eindrücken, da diese ein zartes Gemüth leicht abstumpfen. Sie leuchtet ihm in jeder Hinsicht stets mit einem guten Beispiele voran, indem ein gutes Vorbild auf des Kindes Veredlung jedenfalls am segensreichsten wirkt. Sie ermahnt ihr Kind tagtäglich zu allem Guten, weil sie ihm ein reines Herz erhalten will. Sie straft aber auch ihr Kind zur rechten Zeit, weil sie es eben lieb hat.

Wiederholung.

(Alle Arten Umstandssätze des Grundes.)

114. Der Mensch.

Woraus die Erde besteht, daraus besteht auch der thierische Körper. Und woraus sich der thierische Körper aufgebaut hat, daraus hat sich auch unser Leib entwickelt.

Die Wahrheit dieser Behauptung erkennt man deutlich daran, daß sich jeder Leichnam schließlich wieder in Erde verwandelt. Da nun überhaupt der Mensch in körperlicher Hinsicht ganz dem Thierwesen entspricht, so gehört er auch dem Körper nach zu den Thieren. Natürlich nimmt er unter diesen die höchste Stellung ein, weil sein Körper der vollkommenste ist.

Um aber den Menschen zu seinem Ebenbilde zu erheben, verlieh ihm der Schöpfer einen Geist. Er stattete ihn, damit er einst als Himmelsbürger in die andere Welt eingehen könne, mit einer unsterblichen Seele aus.

So wurde der Mensch dadurch auch zum Herrn der Welt, daß er eben in seinem Körper einen Geist birgt. Unser Leib wird deshalb wol auch ein Tempel Gottes genannt, weil jener göttliche Funke in ihm wohnt.

Beide Bestandtheile des Menschen stehen in Wechselwirkung zu einander, da sie eng mit einander verbunden sind. Wenn der Leib kränkelt, leidet der Geist mit. Wenn der Geist leidet, verkümmert nicht selten der Leib. Halte darum Deinen Leib in Ehren, weil Deine geistige Gesundheit davon abhängt. Veredle Deinen Geist, denn dadurch begründest Du Dein Glück. In jeder dieser Hinsichten hat uns Christus ein Vorbild gelassen, daß wir sollen nachfolgen seinen Fußtapfen.

Hauptwiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit, der Weise und des wirklichen Grundes.)

115. Der Apfelbaum.

Wo der Garten ziemlich zu Ende ging, stand ein Apfelbaum. Er hing so voll Früchte, daß sich seine Zweige weit herabbogen. Dieses reichen Segens hatte er sich deshalb zu erfreuen, weil er auf einem fetten Boden stand. Seine Aepfel glänzten, wie wenn sie in Gold getaucht wären.

Kaum waren sie völlig gereift, erhielt der Apfelbaum viel Besuch. Bevor der Kutscher in den Stall ging, holte er sich von ihm einige Aepfel. Sobald die Köchin früh aufstand, war ihr erster Gang zu diesem Apfelbaume. Sogar das Kindermädchen holte sich, während die Herrschaft speiste, einige der goldenen Aepfel.

Weil sich nun so viel Gäste einfanden, wurde der Apfelbaum stolz auf sich. Je mehr man an seinen Zweigen schüttelte, desto mehr wuchs sein Hochmuth. Mit aufgeblasenem Wesen richtete er jeden neuen Tag seine Blicke dahin, woher seine vielen Freunde kommen mußten. Dabei sah er auf andere Bäume um sich her so verachtend herab, als wären diese nichtsnutziges Gesindel.

Da sich indeß so viel Gäste fanden, schmolz sein Reichthum zusehends zusammen. Kaum waren zwei Wochen ins Land gegangen, hatte er nur noch drei Aepfel auf seinen Zweigen. Um dieser habhaft zu werden, warf ein Knabe mit einem Steine danach.

Da der Apfelbaum nun keine Früchte mehr hatte, kam ihm kein Mensch mehr zu nahe. Er stand da, wie ein von aller Welt Verlassener. Ohne daß er es natürlich gestand, schämte er sich jetzt seines ehemaligen Hochmuthes.

Wahre Freunde erkennt man daran, daß sie uns ohne Eigennutz lieben.

b) Mögliche Gründe.

aa) Bedingungssätze.

116. Der sterbende Vater.

Als Vater Aminth sein Ende nahen fühlte, ließ er seinen Sohn noch einmal an sein Bett kommen. Unter Anderem legte er ihm Folgendes ans Herz: Wenn es Dir nur irgend möglich ist, so sei dem Bedrängten ein Helfer. Hast Du viel, so gib reichlich. Wofern Du nicht mit einer That einstehen kannst, gib wenigstens einen guten Rath. Wäre auch dieser nicht möglich, so zeige Deine Theilnahme in einem tröstenden Worte.

Hast Du irgend ein Werk vor, so fange es mit Gott an. Wo der Herr nicht das Haus behütet, wachen ja doch die Wächter umsonst. Wenn Du stets deine Hauptstütze in dem Herrn suchst, wirst Du wohlfahren. Wolltest Du Dich aber zu sehr auf Menschenhilfe verlassen, würdest Du Dich oft getäuscht sehen.

Suche Dir vor allen Dingen selbst zu helfen, so wird Dir in vielen Dingen geholfen sein. Schicke Dich in alle Verhältnisse, dafern Deine Rechtschaffenheit nicht darunter leidet.

Falls Du gehorchen mußt, thue es mit Lust. Beuge sogar einmal Deinen Nacken, wenn es die Klugheit gebietet. Hast Du selbst zu gebieten, thue es mit Freundlichkeit. Müßtest Du auch einmal darben, bewahre Dir die Zufriedenheit. Fiele Dir Reichthum zu, so verfalle nicht in Hochmuth.

Würdest Du einmal verkannt, laß den Muth nicht sinken. Stießest Du je auf persönliche Feinde, gib nie dem Zorne Raum. Willst Du Dich an Deinen Beleidigern rächen, so vergib ihnen.

bb) Einräumungssätze.

117. Die Zunge.

Trotzdem die Zunge ein kleines Glied ist, kann sie doch großen Schaden anrichten. Obgleich dies eine allbekannte Sache ist, wird sie doch nicht immer beachtet. Ein einziges Wort kann ja sogar einen Weltkrieg heraufbeschwören, wiewohl ein Wort doch eigentlich nur ein flüchtiges Luftwellengebild ist.

Wie verletzend wirkte nicht schon oft ein einziger Ausspruch, wenngleich er ohne allen Vorbedacht hingeworfen wurde. Gar nicht selten zerriß ein einziges winziges Wörtchen, ungeachtet es durchaus nicht böse gemeint war, die heiligsten Bande der Liebe auf immer. Und wurde nicht zuweilen durch einen einzigen ausgesprochenen Verdacht, obwohl man ihn vielleicht gar im Scherze zum Vorschein brachte, Jemand gar arg an seiner Ehre gekränkt?

Auch ein Scherzwort, wie unschuldig es an sich immer scheinen mag, kann zum zündenden Funken für ein großes Feuer werden. Hat doch unter besonderen Umständen selbst das Schweigen, obschon die Zunge hierbei eben gar nichts thut, viel Unheil gestiftet.

Halte darum Deine Zunge stets im Zaume, wenn Du Dich auch in den vertrautesten Kreisen bewegtest. Wäge stets Deine Worte ab, ob Du auch keine Ursache dazu zu haben vermeinst. Das einmal gesprochene Wort läßt sich nie wieder vernichten, trotzdem es eben nur ein Erzeugniß einer Luftbewegung ist.

Wiederholung.

(Bedingungs- und Einräumungssätze.)

118. Bildung.

Obwohl Du in der Schule viel lernen kannst, bleibt Dir doch nach der Schulzeit noch viel zu lernen übrig. Wenn ein Schüler auch noch so fleißig wäre, kann er doch in der Schule immer erst den Grund zu seiner weitern Ausbildung legen. Hast Du aber in der Schule einen guten Grund gelegt, wird Dir das spätere Lernen sicher leicht werden.

Bildung ist ein großer Schatz, obschon er sich nicht in Zahlen bezeichnen läßt. Hast Du also Gelegenheit zur Fortbildung, benutze sie. Dem kenntnißreichen Manne steht die Welt offen, wenngleich seine Tasche keinen Kreuzer beherbergte. Hätte Mancher in seiner Jugend mehr gelernt, er brauchte jetzt nicht Steine zu klopfen.

Wie sehr auch heutzutage das Geld die Welt regiert, die Bildung wird doch endlich den Sieg davontragen. Falls Du also auch gleich nach Deiner Confirmation nach Brod arbeiten müßtest, ein nützliches Buch wirst Du nebenbei doch lesen können. Und müßtest Du Dir auch einige Vergnügungen darob versagen, suche Dir vor allen Dingen bildende Schriften zu erwerben.

Falls Du in Deinem Berufe auch nicht viel zu schreiben hättest, laß die Feder nicht liegen. Wenn Du nur ernstlich willst, etwas Zeit zur Fortbildung läßt sich schon gewinnen.

Obgleich man sich für Geld große Genüsse verschaffen kann, Bildung bleibt doch der Schlüssel zu den edelsten.

Wiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit, der Art und Weise, des wirklichen und möglichen Grundes.)

119. Die Raubritter.

Als das Ritterthum in voller Blüthe stand, gab es leider auch Raubritter. Wo ihre Burgen emporragten, dort war besonders für die Kaufleute ein gefährliches Reisen.

Ohne daß es sich der Reisende oft versah, wurde er von einer Schaar solcher Wegelagerer überfallen. Sie kamen, um ihn seiner Schätze zu berauben. Zuweilen verlegten sie ihm auch blos den Weg, damit sich der Reisende zu Opfern für seine Freiheit verstehen solle. Falls der so Gehemmte sich zu keiner Zahlung verstehen wollte, wurde er nicht selten als Gefangener abgeführt.

Wo diese Raubritter ihre Burgen erbauten, führten gewöhnlich wichtige Verkehrswege vorüber. Damit kein Mensch ungesehen diese Straßen ziehe, stellten sie Wachen aus. Kaum graute der Morgen, standen diese schon auf ihren Posten.

Mit diesen Verhältnissen vertraut, reiste darum auch selten ein Handelsmann mit seiner Waare allein. Damit man nöthigenfalls Widerstand leisten könne, verband man sich zu Karavanen. Obgleich aber diese Gesellschaften oft ziemlich stark waren, entgingen sie doch selten ihrem Schicksale.

Sobald es zu irgend einem Kampfe kam, trugen die wohlbewaffneten Reisigen in der Regel den Sieg davon. Je mehr diese dann dabei Verluste erlitten hatten, desto größeren Tribut mußten die Besiegten zollen.

Da nun ein Raubritter neidisch auf das Glück des andern sah, entstanden nicht selten unter diesen selbst blutige Fehden. Ehe es sich der eine versah, umzingelten mißgünstige Nachbarn seine Burg. So kurze Zeit eine solche Fehde auch dauerte, so blutig war sie doch oft. Nicht selten schleifte man den Rittersitz des Besiegten, weil dieser sonst doch wieder hätte zu Macht gelangen können.

Wiewohl es auch heute noch Straßenräuber gibt, ist doch die Gefährlichkeit des jetzigen Reisens mit der jener Tage gar nicht zu vergleichen. Niemand wird, ohne ein gewisses Grauen zu empfinden, an jene Zeit zurückdenken.

Während damals die überlegene Gewalt regierte, regiert jetzt das Recht. Die Zeit wollen wir ja nicht die goldene nennen, während welcher das Faustrecht galt.

5. Einschaltsätze.

120. Ein Dieb.

Vergangenen Montag — es konnte wol nachmittags gegen drei Uhr sein — entstand auf der Straße ein gewaltiger Menschenauflauf. Zwei Polizeidiener ergriffen einen Menschen, welcher — man sollte es kaum glauben — am hellen Tage einen Herrenrock von einem Schaufenster gestohlen hatte.

Dieser freche Dieb — er schien übrigens der Polizei als solcher bekannt zu sein — wehrte sich dermaßen, daß man ihn binden mußte. Jetzt aber — welch eine Frechheit! — stellte er sich, als ob er nicht laufen könne. Und so mußte er — den Polizeiern blieb nichts Anderes übrig — auf einen Schubkarren geladen werden.

Im ersten Verhöre soll er sich — wie sich nicht anders erwarten ließ — auch äußerst widerspenstig benommen haben. Hoffentlich wird ihn aber die Strafe für seine Vergehungen — und diese wird wahrscheinlich eine ziemlich strenge sein — mürbe machen.

Hauptwiederholung.

(Subject-, Präd.-, Beif.-, Ergänz.-, Umstands-, Anführ.- und Einschaltsätze.)

121. Der Mäusethurm.

Gegen Ende des zehnten Jahrhunderts lebte ein berüchtigter Kirchenfürst, mit Namen Hatto. Nachdem er mehrere Jahre Abt zu Fulda gewesen war, wurde er zum Erzbischof von Mainz erhoben. Diese Stadt liegt bekanntlich da, wo sich der Main in den Rhein ergießt.

Wer jenem hohen Herrn untergeben sein mußte, konnte nicht ohne Furcht zu ihm aufblicken. Hatto war — man sollte dies von einem Bischofe kaum glauben — vom Geize besessen. Nehmen erschien ihm jederzeit angenehmer als das Geben. Daran, daß sein Herr und Heiland in Armuth dahinwandelte, wollte er sich wahrscheinlich ganz absichtlich nicht erinnern.

Da ihn nun die Habsucht gefangen genommen hatte, kannte sein Herz natürlich kein Mitleid. Ohne daß es ihn rührte, konnte er an den Hilfsbedürftigsten vorübergehen. Die Geschichte berichtet sogar, daß er sich ganz unmenschliche Grausamkeit habe zu Schulden kommen lassen:

Als er schon lange Jahre Bischof zu Mainz war, entstand einmal eine furchtbare Hungersnoth. Die Rheingegend war es, wo das Uebel am ärgsten auftrat. Hunderte von Familien hatten nicht, womit sie auch nur eine Mahlzeit ihren Hunger stillen konnten. Von den entsetzlichsten Qualen langsam aufgerieben, erlagen eine große Anzahl Menschen endlich dem Tode.

Daß die Noth groß war, konnte dem Erzbischof nicht unbekannt bleiben. Wessen Herz freilich der schändlichste Eigennutz beherrscht, der mag fremdes Elend nicht sehen. So blieb Hatto angesichts alles Jammers, der er war.

Nachdem die Hungersnoth den höchsten Grad erreicht hatte, versammelten sich eines Tages mehrere Hundert Halbverhungerter vor der Burg des Erzbischofs. Obgleich man seine Härte kannte, wollte man doch einen Bittversuch wagen. Der Trieb, das Leben zu erhalten, läßt ja kein Mittel unbenutzt.

„Hab’ Erbarmen!“ flehte eine Anzahl solcher Unglücklichen zu den Burgfenstern hinauf. Und Andere riefen mit herzzerreißender Stimme: „Nur ein einziges Stück Brod laß uns werden.“

Obwohl nun Hatto’s Speicher überreich gefüllt waren, hatte er doch kein Ohr für das Hungergeschrei. Er äußerte sogar, das Volk da unten sei nur liederliches Gesindel.

Da nun aber die armen Menschen ihr Flehen fortsetzten, gerieth er endlich in Zorn. In diesem Zorne befahl er seinen Knechten, daß sie das lästige Bettelvolk in eine große Scheune sperren sollten. Die Knechte, weil es ihr Herr befohlen, führten die Schändlichkeit augenblicklich aus.

Was aber that Hatto, der Wütherich, nun? — Er ließ — fast sträubt sich die Feder vor diesem Berichte — die betreffende Scheune an allen vier Ecken anzünden. Ohne daß es ihn nur im geringsten rührte, sah er der auflodernden Flamme zu. Während des entsetzlichen Geschreies der Verbrennenden rief er sogar seiner Umgebung, teuflisch spottend, zu: „Hört Ihr das Piepen der Brodmäuse?“

Hören wir nun, was die Sage über das Lebensende dieses Grausamen berichtet: Kurz nach dieser fluchwürdigen That zogen in die Burg, die Hatto bewohnte, eine unerhörte Menge Mäuse ein. Wo man nur hinsah, wimmelte es von diesen Thieren.

Wie entsetzlich dies dem Erzbischof sein mußte, läßt sich leicht denken. Je mehr er aber das Ungeziefer verfolgen ließ, desto zahlreicher wurde es.

Um sich diesen Feinden zu entziehen, siedelte er in die Stadt Bingen über. Aber auch hier wurde es wieder, wie es gewesen war. Die Mäuse, die sich einmal gegen ihn verschworen zu haben schienen, folgten ihm auch hierher. Von ihnen aufs neue gequält, sann er abermals auf Rettung.

Endlich hatte er einen Plan, wie er sich vor der Höllenschaar unzweifelhaft sichern könnte, entworfen. Da, wo sich der Ruppertsberg im Rheine spiegelt, ließ er sich einen kleinen Thurm mitten in dem Strome erbauen. „Dort muß ich doch endlich vor den Bestien Ruhe haben“, dachte er bei sich.

Als der Thurm vollendet war, segelte Hatto auf einem Nachen hinüber. Daß freilich die Mäuse auch schwimmen können, hatte er nicht bedacht.

Ihr Rächeramt zu vollenden, ruderten sie in zahlloser Menge dem Thurme zu. Bald war derselbe, der an sich nicht viel Räumlichkeiten bot, von ihnen überschwemmt.

In diesem Thurme aber wurde Hatto — so berichtet eben die Sage — von den Mäusen endlich aufgefressen. Der Thurm, in dem dies geschehen sein soll, steht übrigens heute noch. Man nennt ihn, eingedenk der Sage, den Mäusethurm.

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