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Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln

A. Die Wortarten. (continued 2)

Reading edition

„Es kann nicht lange mehr dauern.“

„Woher weißt Du denn das?“

„Weil der Februar bald zu Ende geht und Anfang März kehren sie gewöhnlich zurück.“

„Aber, sage mir, Papa, weshalb bauen denn die Staare ihre Nester nicht zwischen die Aeste, wie andere Vögel?“

„Ganz einfach. Weil sie die geschützten Räume lieben.“

„Und warum hängt man denn nicht auch für die Finken und Zeisige solche Mästen auf?“

„Weil diese Vögel es vorziehen, ihre Nester frei zwischen die Zweige zu bauen.“

„Wieviel Eier legt denn ein Staar?“

„Vier bis sechs Stück und das jährlich zwei- bis dreimal.“

„Papa, da fällt mir eben ein, daß einmal unsere Köchin sagte, man könne die jungen Staare essen, aber man dürfe es nicht. Weswegen denn?“

„Weil die Staare sehr viel Ungeziefer vertilgen und deshalb sehr nützlich werden.“

„Papa, sieh, sieh! Dort setzte sich eben ein schwarzer Vogel auf den Baum. Nicht wahr, das ist ein Staar?“

„I bewahre, Gustav.“

„Wofür hältst Du ihn denn?“

„Es ist eine Amsel.“

62. Eine Wanderschaft.

(Wiederholung der Umstandswörter.)

Hans, der noch sehr jung, aber schon ziemlich leichtsinnig war, ging eines Tages gänzlich unerwartet auf die Wanderschaft. Wo er eigentlich hin wollte, wußte er nicht. Ob ihn sein Wanderstab hierhin oder dorthin führen werde, war ihm ganz gleich. Er meinte immer, es sei überall viel zu sehen und man dürfe sich deshalb auch nirgends zu lange aufhalten. Trotzdem aber saß er zuweilen stundenlang auf einem Berge und stierte träumerisch in die Welt hinein. Bald sah er links, bald rechts, bald vorwärts, bald rückwärts.

Nur selten nahm er Arbeit an. Hatte er einmal kein Geld mehr, schrieb er schleunigst heim an seine Mutter und flugs kamen wieder einige Kassenscheine angewandert. „Heisa!“ jubelte er nun da gewöhnlich, „jetzt habe ich wieder Geld! Jetzt frisch und fröhlich weiter!“

So durchwanderte er sorgenlos, aber eigentlich auch zwecklos Städte und Länder und war jederzeit wohlgemuth. An den wirklichen Zweck des Wanderns dachte er selten und nie ernstlich. „Heute hier, morgen dort und immer lustig und gut leben“ war sein Wahlspruch.

Fünf Jahre war er jetzt bereits auf Reisen. Sein Aeußeres hatte sich in dieser Zeit merklich verändert. Ein starker Bart bedeckte über und über sein Gesicht. Das blühende, zarte Roth war längst von den Wangen gewichen. Sie hatten sich tief gebräunt. Sein Körper war hoch aufgeschossen und hatte sich kräftig entwickelt. Seine früher dünne Stimme klang jetzt tief, voll und männlich.

Da beschloß Hans endlich, wieder heimzukehren. Und mit der Ausführung dieses Entschlusses zögerte er auch keineswegs lange. Als ihn wenige Tage darauf einmal der Regen tüchtig durchpeitschte, kehrte er plötzlich um und nahm seinen Weg schnurstracks nach Hause.

„Ob man mich denn daheim wiedererkennen wird, oder nicht?“ dachte er still für sich.

Er reiste jetzt außerordentlich schnell. Nirgends rastete er lange. Er gönnte sich kaum Zeit, gehörig auszuschlafen. Bald war die Heimat erreicht. Langsam schritt er jetzt sein Vaterdorf entlang. Die Leute gingen stumm und gleichgiltig an ihm vorüber. Niemand erkannte ihn, sogar seine Schwester nicht. Kaum aber erblickte ihn seine Mutter, die zufällig unter der Hausthür stand, rief sie ihn sogleich bei seinem Namen und fiel ihm gerührt und weinend um den Hals.

Was aber hatte dem Hans die lange Wanderschaft wirklich genützt? Nichts, wenigstens nicht viel. Er hatte nur gesehen, hatte blos gut gegessen und getrunken, aber blutwenig gelernt.

Das Verhältnißwort.

63. Das Vaterhaus.

(Verhältnißwörter des Ortes.)

Ach wie gern, schrieb ein siebzigjähriger Greis, denke ich noch heute an mein liebes Vaterhaus zurück! Es war eigentlich nur eine Hütte und stand dicht an einem Felsen in dem schönen Lande Tyrol. Auf ihrem niederen Moosdache blühten niedliche Waldblümchen. Ach, unter ihnen habe ich manch schönen Knabentraum geträumt! Hinter den schmalen Fenstern standen im Sommer stets Sträußchen Alpenrosen und Edelweiß. Neben der Hausthür kletterte wilder Epheu an der Wand empor. Ueber der Thür war ein Muttergottesbild gemalt. Noch sehe ich, wie lieb die fromme Maria auf uns Kinder herniederschaute!

Vor der Hütte rann ein frischer Waldbach murmelnd dahin. Zwischen ihm und dem Häuschen lag ein kleines Gärtchen, das uns Salat, Möhren und Rüben in die Küche lieferte. Oberhalb des Gärtchens führte ein schmaler Steg über das Wässerchen. Jenseits desselben beschattete niederes Gebüsch die Silberwellen und diesseits desselben zog sich eine blumenreiche Wiese hin.

Wie oft habe ich an diesem Bächlein gesessen, wenn über ihm die Mücken spielten und innerhalb seiner Tümpel die Schmerlen hin- und herhuschten.

Unterhalb unserer kleinen Besitzung hatte mein Vater ein kleines Wehr erbaut. Vor demselben staute natürlich das Wasser und so hatten wir zur heißen Sommerzeit ein kühlendes Bad. Welche Lust in dem frischen Wasser! Wie Frösche hüpften wir in die klare Tiefe, wie Fische tauchten wir unter das Wasser, wie kleine Wassernixe tanzten wir dann wieder längs des Ufers hin. Kein Wunder, daß wir des Tages mehr als einmal zu dem erquickenden Plätzchen eilten.

Aber auch außerhalb des engen Kreises unserer Häuslichkeit gab es für uns Kinder viel Lust. Wie herrlich war es, wenn wir unsere zwei Geisen hinter die Felsen an den stillen Schwummersee führen konnten! Während sie nach den saftigen Kräutern gingen, legten wir uns zwischen schattiges Gebüsch oder hinter einen Felsblock. Hatten sich die Geisen gesättigt, streckten auch sie sich zuweilen neben uns hin.

Läutete dann das Abendglöcklein von der Dorfkapelle, ertönte kein Laut mehr aus den Zweigen, zogen wir heimwärts, singend und jodelnd bis vor unsere Hütte.

O schöne, süße, goldene Jugendzeit im geliebten Vaterhause!

64. Vor Paris.

(Verhältnißwörter der Zeit.)

Während der Belagerung stand ein deutscher Soldat auf Vorposten. Er war erst vor zwei Tagen aus dem Lazarethe entlassen worden und noch etwas schwach. Seit dem frühen Morgen schon quälte ihn der Hunger. Aber unter zwei Stunden durfte er den Brodbeutel noch nicht öffnen. Binnen dieser Zeit mußte er seine Augen streng auf die feindlichen Wälle gerichtet halten.

Da trat eine arme Mutter mit drei todtenblassen Kindern an ihn heran und flehte um einen Bissen Brod. Sie habe, erzählte sie, schon vor dem letzten Ausfalle Paris verlassen und irre bereits seit drei Tagen umher. Während dieser Zeit aber hätten sie und ihre Kinder noch keinen Bissen zu essen gehabt.

Nach kurzem Besinnen griff der brave Soldat in seinen Beutel und reichte den Aermsten all sein Brod. „Hier, eßt“, sagte er. „Habe ich auch bereits bei acht Stunden Hunger gelitten, ich halte es noch aus, Ihr aber würdet binnen vierundzwanzig Stunden dem Hungertode erlegen sein.“

65. Die Rückkehr der Helden.

(Verhältnißwörter der Weise.)

Unter dem Geläute der Glocken zogen die rückkehrenden Krieger in die Residenz ein. Mit Sang und Klang marschirten sie die reichgeschmückten Straßen dahin. Die Reihenfolge der verschiedenen Truppen war nach dem Befehle des Feldmarschalls bestimmt worden.

Ohne Heuchelei wurden die Helden von allen Seiten aufs herzlichste begrüßt. Sie sahen, wider alles Erwarten, frisch und munter aus, obgleich viele von ihnen heute schon mehrere Stunden bei heißem Sonnenbrande marschirt waren. Selbst dem Feldmarschall, der sammt seinem Stabe die Spitze bildete, schien dieser wahrhaft begeisterte Empfang gegen alle Voraussetzung zu sein.

Mit Blumen reich geschmückt langten endlich die Soldaten in ihren Quartieren an, wo sie unter warmen Händedrücken empfangen wurden und sich nun meist bei einer Flasche Wein gütlich thun konnten. Da trank denn auch mancher alte Papa heute fast wider seinen Willen und gegen seine Gewohnheit ein Gläschen mehr mit dem glücklich heimgekehrten Sohne.

Freilich verlief das schöne Fest auch in mancher Familie nicht ohne bittere Thränen. Zuweilen den einzigen Sohn, ein Kind nach aller Herzen, hatte die feindliche Kugel durchbohrt. Er kehrte sammt vielen Tausenden nie mehr heim!

66. Joachim.

(Verhältnißwörter des Grundes.)

Der erst zwanzigjährige Joachim stand wegen eines Raubanfalls vor Gericht. Laut Aussage seines Vaters hatte er sich als Knabe sehr naschhaft gezeigt. Der Ordnung gemäß wurde auch sein ehemaliger Lehrer über seine Aufführung als Schüler befragt. Zufolge dieses Schulzeugnisses hatte es Joachim im Bezug auf Ehrlichkeit nie recht genau genommen. Um eines lumpigen Schiefers willen, den er doch für einen Pfennig haben konnte, war er sogar einmal vermittelst eines Nagels in seines Nachbars Schränkchen eingebrochen.

„Vermöge seiner Geistesanlagen“, schloß des Lehrers Zeugniß, „hätte Joachim etwas Tüchtiges lernen können. Aus purem Leichtsinn aber blieb er hinter allen seinen Mitschülern zurück. Kraft eines Lehrerconferenz-Beschlusses mußte er deshalb einmal vier Wochen lang auf der Strafbank sitzen.“

Den Raubanfall hatte Joachim mehr aus Rache, als um des Raubes willen ausgeführt. Laut seiner Auslassungen sollte ihn der Angefallene einmal infolge eines Kirschendiebstahls grausam durchgeprügelt haben. Auch habe er ihn wegen eines kleinen Schimpfwortes einmal tüchtig an den Haaren gezaust. Daß er ihn mittels eines dicken Stockes auf den Kopf geschlagen habe, zufolge dessen der Mann niedergestürzt sei, leugnete Joachim. Er habe, sagte er, ihm blos mit der Hand einen Stoß versetzt und es wäre wohl möglich, daß er infolge dieses Stoßes hingefallen sei.

Dem Urtheile der Richter gemäß wurde Joachim für schuldig erkannt und erhielt für seine That, kraft des Strafgesetzbuches, fünf Jahre Zuchthaus.

67. Die Mühle.

(Wiederholung aller Arten Verhältnißwörter.)

In einem düsteren Waldgrunde stand seit langer Zeit eine Mühle. Sie lehnte mit ihrer Rückseite an einem kleinen Hügel. Eine alte Linde breitete ihre schattigen Aeste über sie hin. Vor der Mühle lag ein kleines Blumengärtchen. Oberhalb derselben, mehr nach einem Felsen zu, erblickte man zwischen Gebüsch einen Teich, aus dem sich ein Bächlein unter dumpfem Gemurmel hervorschlängelte. Es eilte in raschem Laufe auf die Mühle zu. Dort stürzte sich sein Wasser mit ziemlichem Geräusche über das Mühlrad und setzte dieses, vermöge seiner Schwere, in Bewegung.

Das Mühlrad klapperte ohne Ruh und Rast bei Tag und Nacht. Nur am Sonntage, um der Sabbathfeier willen, stand es still. Laut einer Verordnung hätte sonst der Müller vor Gericht Strafe zahlen müssen.

Viele Stunden im Umkreise gab es kein Haus. Des Müllers Kinder waren ohne alle Kameraden. Selten traten sie aus dem Thale hinaus. Die Blumen am Bachrande waren ihre Bilder, die Fischlein im Wasser und die Käfer auf und unter den Blumen ihre Gespielen, die Vöglein innerhalb des Thales ihre Singlehrer.

Im Winter kamen sie selten aus der Stube. Sie nähten dann Säcke aus grober Leinwand für ihren Vater. So führten sie während des Sommers und Winters ein einsames Leben. Und doch hingen sie mit ganzem Herzen an ihrem Vaterhause und hätten um keinen Preis dasselbe mit einem andern vertauscht.

Als der Müller eines Tages von dem Nachbardorfe kam und sagte, er könne jetzt die Mühle für ein gutes Geld verkaufen, stellten sich alle Kinder um ihn her, faßten ihn an der Hand und baten unter Thränen, er solle doch das nicht thun. Sie würden, wenn sie aus der Mühle fortmüßten und außerhalb des stillen Thales leben sollten, unglücklich sein.

Diesen dringenden Bitten zufolge versprach auch der Müller, die Mühle zu behalten. „Nein“, sagte er nach kurzem Besinnen, „ich will nicht gegen Eure Wünsche handeln, aus purer Liebe zu Euch. Wegen eines irdischen Gewinnes soll Euer Glück nicht gestört werden.“

Das Bindewort.

68. Ungleiche Brüder.

(Zusammenstellende Bindewörter.)

Melchior und Sebastian waren Brüder. Melchior beschäftigte sich mit Allerhand, was ihm gut lohnte. Er besserte Körbe aus, auch flocht er zuweilen neue. Zudem strich er Fenster- und Thürstöcke, außerdem auch Möbel an. Ueberdies half er im Sommer nicht selten in der Ernte. Schließlich schämte er sich auch nicht, einmal sogar den Dreschflegel in die Hand zu nehmen. Wo er arbeitete, war man sowohl mit seinem Fleiße als auch mit seiner Geschicklichkeit zufrieden. Weder Wind noch Wetter konnten ihn abhalten, einmal übernommene Dienste auszuführen.

Melchior war aber nicht blos fleißig und geschickt, sondern auch sparsam. Als er etwa vierzig Jahre zählte, kaufte er sich erstens ein kleines Haus, zweitens etwas Feld, drittens eine Ziege und endlich gar eine Kuh. Hierauf heirathete er ein sehr braves Mädchen aus seinem Orte, mit dem er alsdann seine kleine Oekonomie bewirthschaftete, ferner ein Gemüsegeschäft anlegte und auch noch nebenbei Federviehhandel trieb.

Ganz anders verhielt und zeigte sich sein Bruder Sebastian. Er dachte weder an das Sparen, noch an das Arbeiten. Er trieb sich tagediebisch umher, zudem liebte er das Kartenspiel und trank überdies oft über den Durst. Auch in Bezug auf die Ehrlichkeit wollte ihm Niemand so recht trauen.

Kein Wunder, daß Sebastian nicht nur alle Achtung verlor, sondern auch oft kein Brod hatte. Sowohl seine Nachbarn als auch sein Bruder warnten ihn. Außerdem bemühte sich sogar die Ortsgemeinde, ihn zu bessern. Man trug ihm zunächst lohnende Beschäftigung, sodann eine Hausknechtsstelle in einem Gasthofe an, ferner einen Posten auf dem Bahnhofe; schließlich wollte man ihm sogar Geld zu einem kleinen Kohlenhandel vorschießen. Sebastian mochte von alledem nichts wissen und nichts hören. Natürlich blieben die Folgen davon nicht aus. Bald versetzte er sein letztes Hemde, führte dann allerlei Betrügereien aus, vergriff sich hierauf an fremdem Eigenthume, trieb sich alsdann mit einer Zigeunerbande in den Wäldern umher und wurde endlich als Räuber eingefangen.

Er wurde verhört, alsdann verurtheilt und hierauf auf viele Jahre in einer Strafanstalt untergebracht. Schließlich, nach langen Jahren, klopfte er eines Tages an Melchior’s Thür als bettelnder Greis.

69. Die goldene Freiheit.

(Entgegenstellende Bindewörter.)

An einem Fenster hing ein großes, geräumiges Gebauer, in welchem ein Rothkelchen auf und nieder hüpfte. Es sang zwar fleißig, aber keineswegs so hell, wie einst draußen im grünen Walde. Es hatte das beste Futter, dennoch dachte es immer und immer an die fetten Würmchen draußen unter dem Moose. Es bekam jeden Tag zweimal frisches Wasser, gleichwohl konnte es die frischen, klaren Waldbächlein nicht vergessen. Wol grüßte die liebe Sonne freundlich zum Fenster herein, allein diese wohlthuenden Strahlen schienen das Rothkelchen nur immer noch düsterer zu stimmen.

Hermann bemerkte nur zu wohl die trübe Stimmung des Thierchens, doch ihn rührte es nicht. Zwar liebte er selbst die goldene Freiheit außerordentlich, gleichwohl konnte er sie hartherzig dem Rothkelchen versagen.

Als er im Herbste das Vöglein nach Hause brachte, hatte ihm sein Vater gesagt: „Gut, Du magst es den Winter über behalten, aber zum nächsten Frühjahre mußt Du es wieder fliegen lassen. Nun thue, was Du willst. Entweder sperre es gar nicht erst ein, oder versprich, ihm dann die Freiheit wieder zu schenken.“

Hermann hatte Letzteres zugesagt. Allein jetzt, als der Frühling da war, dachte er nicht mehr daran. Er kannte nicht nur kein Mitleid, sondern meinte sogar, das Thierchen könne es nirgends besser haben, als bei ihm. „Ein Vögelchen im Käfige zu halten“, sagte er einmal, „kann kein Unrecht sein, nur muß man es gut pflegen.“

Sein Vater indessen dachte anders. „Gut essen und trinken“, sagte er, „ist viel werth, nichtsdestoweniger möchte ich dabei in einem Kerker stecken. Fesseln und schmale Kost drücken den Verbrecher sehr, der Verlust der Freiheit dagegen drückt ihn am empfindlichsten.“

Der Frühling schritt inzwischen immer tiefer in das Land, Hermann jedoch machte keine Anstalt, seinem Gefangenen den Kerker zu öffnen. Er fürchtete auch keineswegs den Unwillen seines Vaters, sondern glaubte, derselbe wolle jetzt selbst, daß das Vöglein im Käfige bleiben solle. Wie sehr aber erschrak er, als er denselben eines Tages leer fand. Hermann weinte, das Vöglein indessen jubelte bereits längst draußen im Walde ob der neugeschenkten goldenen Freiheit.

70. Amerika.

(Begründende Bindewörter.)

„Warum wandern denn eigentlich so viele Menschen nach Amerika aus?“ fragte Ludwig seinen Vater.

„Ganz einfach“, erwiderte dieser, „weil Viele glauben, dort ihr Glück zu machen. Viele täuschen sich freilich auch, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Amerika bezahlt zum Beispiel die Arbeit weit besser als Deutschland, deshalb aber wird noch lange nicht jeder Arbeiter reich. Er muß dafür auch seinen Lebensunterhalt theuer erkaufen, und sonach gleichen sich Einnahme und Ausgabe wieder aus. Amerika gestattet dem Volke in mancher Hinsicht mehr Freiheit als Europa, daher aber erlauben sich dort auch Einzelne aus dem Volke manche Gewaltthaten. Amerika ist der Zufluchtsort von unzähligen Taugenichtsen, Betrügern und Dieben, deswegen kommen dort verhältnißmäßig mehr Verbrecher vor, als bei uns. Amerika besitzt unermeßliche Ländereien, demnach ist für wenig Geld ein bedeutender Grundbesitz zu erwerben. Diese Länderstrecken aber sind mit Urwald bedeckt und müssen mithin erst urbar gemacht werden. Dergleichen Arbeit ist indeß äußerst mühsam und anstrengend und darum verlieren Viele die Lust, lassen die Hände sinken und gerathen somit in Noth und Elend.

Es sei damit nicht gesagt, lieber Ludwig, daß in der neuen Welt Niemand auf einen grünen Zweig kommen könne, denn eine große Zahl Eingewanderter hat ihr Glück gefunden. Falsch aber ist es, zu denken: Diese sind reich und glücklich geworden, folglich muß ich es auch werden und also gehe ich hinüber.“

„Du würdest sonach Niemandem rathen, nach Amerika auszuwandern?“ sagte Ludwig hierauf.

„Das habe ich deshalb noch nicht gesagt“, erwiderte der Vater. „Wer nach Amerika geht, muß arbeiten wollen, weil der Faule dort in der Regel zu Grunde geht. Folglich würde ich allerdings zu einem Arbeitsscheuen sagen: Bleibe Du hier, da Du den Schweiß des Angesichts nicht gut vertragen kannst. Ebenso würde ich zu einem, der hier in guten Verhältnissen lebt, sagen: Du hast, was Dein Herz wünscht, darum bleibe im Lande und nähre Dich redlich. Einem jungen Manne aber, der brav und strebsam ist, es aber hier zu nichts bringen kann, werde ich stets sagen: Gut, Du wirst drüben die Hände nicht müßig in den Schooß legen und somit vorwärts kommen, mithin gehe!

Verstehe mich also nicht falsch, lieber Ludwig. Ich meine durchaus nicht, weil Viele dort drüben ein trauriges Loos ziehen, daher dürfe Niemand mehr nach Amerika auswandern. Wohl aber bin ich, wie schon gesagt, gegen den Glauben, der da spricht: Hinz und Kunz sind da drüben Millionäre geworden, demnach kann mir es auch nicht fehlen.

Die neue Welt jenseits des Oceans ist eine gar eigene und deswegen muß die Uebersiedelung dahin wohl überlegt werden.“

71. Treue Freundschaft.

(Wiederholung der Bindewörter.)

Paul und Robert waren zwei gute Freunde. Beide jedoch besaßen eine sehr verschiedene Bildung. Das konnte aber auch nicht anders sein, denn jeder hatte eine andere Erziehung genossen.

Paul gehörte reichen, Robert dagegen armen Eltern an. Paul genoß daher viel Schulunterricht. Er sprach nicht nur französisch, sondern auch englisch. Er lernte reiten, auch fechten und schwimmen. Er bewegte sich überdies stets unter vornehmen Leuten und besaß ferner eine gute Bibliothek. Zudem ging er auch mit seinen Eltern öfters auf Reisen. Somit war ihm Alles geboten, was Bildung schafft.

Robert dagegen besuchte nur eine einfache Dorfschule. Hier gab es wohl einen guten Lehrer, allein nicht viel Schulzeit. Zwar strengte sich Robert sehr an, aber seine Kenntnisse blieben doch sehr dürftig. Gleichwohl gehörte er zu den besten Schülern des Ortes. Deswegen wurde er auch von seinem Lehrer, sowie von seinen Mitschülern sehr geachtet. Und deshalb verging kein Examen, an welchem er nicht entweder eine Prämie oder sonst eine Auszeichnung erhielt.

Paul blieb das nicht unbekannt und daher erwählte er Robert zu seinem Freunde. Weder Robert’s Armuth, noch seine geringe Bildung waren ihm ein Anstoß. Paul liebte ihn, weil er ein ebenso fleißiger als gesitteter Knabe war. Und Paul hat diese Wahl nie bereut, denn Robert hing so treu an ihm, daß er sein Leben hätte für ihn lassen können.

Paul kam zwar später aus dem Elternhause fort, aber die Entfernung trennt ja wahre Freundschaft nicht, da diese im Herzen wohnt. Paul und Robert schrieben sich oft; infolge dessen konnte keine Entfremdung eintreten. Ja, sie blieben treue Freunde bis zum Tode.

Das Empfindungswort.

72. Ein Spaziergang.

Arthur und Emilie gingen an einem Waldrande spazieren. „Ei!“ rief Arthur plötzlich aus, indem er sich bückte, „ein Graspferd! ein Graspferd!“

„Pfui!“ erwiderte Emilie, „das häßliche Thier!“

„Ei, ei! Emilie“, tadelte Arthur, „so darf man nicht sagen. O, auch die Graspferde sind schön in ihrer Art. Hopp! hopp! Sieh nur, was es für große Sätze machen kann! O weh! Jetzt hüpfte es in einen Wassergraben! Ach, das arme Thier! Es wird ertrinken müssen! Ist es mir doch, als riefe es mir zu Hilfe! Hilfe! — Ha! ich muß sein Retter werden!“

Arthur langte in den Graben hinab und packte das Thier an. In demselben Augenblicke aber schrie er auch: „Au! au!“ und ließ es auf die Erde fallen.

„Was schreist Du denn so?“ fragte Emilie schnell.

„Abscheulich!“ versetzte Arthur. „Das Heupferd hat mich in den Finger gezwickt.“

„Hahaha!“ lachte da Emilie hell auf. „Aetsch! Nun hast Du doch etwas von Deinem allerliebsten Thierchen!“

„Ssssst! Schwesterchen“, entgegnete Arthur, mit dem Finger drohend, „nicht schadenfroh sein!“

Beide Geschwister gingen jetzt weiter. Bald darauf vernahmen sie hinter sich her die Rufe: „Heda! Bst! Bst!“ Als sie sich umsahen, erblickten sie vier bekannte Knaben, die an dem Spaziergange theilnehmen wollten.

„Hurrah!“ rief Arthur begeistert aus, „nun wird es hübsch! Jetzt können wir Soldaten spielen.“

„Und ich?“ fragte Emilie bedeutungsvoll.

„Hm!“ erwiderte Arthur nachdenklich. „Nun ja, das hatte ich mir freilich nicht überlegt, daß Du Dich auf das Exerciren nicht verstehst. Also rrrr! ein anderes Spiel!“

Nachdem die Kinderschaar Haschekater, Blindekuh u. dergl. m. gespielt hatte, trat sie den Heimweg an. Eben überschritten die Kinder eine Stoppel. Da auf einmal ging’s „brrr!“ und ein Volk Rebhühner flog vor ihnen auf.

„Hoho! Bin ich doch erschrocken!“ versetzte einer der Knaben. Arthur aber sagte: „Ei, hätten wir doch jetzt Flinten! Da sollte es aber gehen: Piff, paff! puff! und kein einziges Rebhuhn dürfte davonkommen. Heisa! wie würden sich unsere Mütter freuen, wenn wir solche Braten mit nach Hause brächten!“

Arthur wollte noch weiter reden, da aber kam ein Graben und — pardauz! lag er darin, so lang er war. Natürlich gab das ein gewaltiges Gelächter.

Unter dem Gesang des Liedes: „Tra ri ra! sind die Jäger da“ etc. kehrten endlich die Knaben fröhlich heim.

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