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Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln

A. Die Wortarten.

Reading edition

Hauptwörter.

1. Auf der Dresdner Brücke.

(Menschen.)

Otto war zum ersten Male in der Residenzstadt Dresden gewesen. Als er wieder nach Hause kam, saßen Vater und Mutter und seine Geschwister, Emil, Bertha und Louise, eben beim Abendbrode. Da mußte denn nun der kleine Reisende sogleich erzählen, was er alles gesehen habe.

„Ganz besondere Freude“, erzählte Otto unter Anderem, „hat mir ein Gang über die große, alte Elbbrücke gemacht. Nein, was man da doch binnen weniger Minuten für eine Menge Menschen sieht! Hier rasselt ein schöner, herrschaftlicher Wagen dahin, einen Kutscher und einen Bedienten auf dem Bocke. Darin sitzt ein feiner Herr oder auch eine vornehme Dame, zuweilen auch nur eine Kinderfrau oder eine Amme mit den Kindern eines Grafen oder eines Barons. Dort zieht eine Bauerfrau mit ihrer Tochter oder Magd einen Milchwagen. Hier knallt ein Droschkenkutscher auf seinen müden Gaul; dort bläst ein Postillon in sein Horn. Botenfrauen, Köchinnen, Dienstmänner und Dienstmädchen schleppen schwere Körbe und Paquete auf ihren Schultern dahin. Briefboten und Polizeidiener eilen hinüber und herüber. Greise und Kinder, Männer und Frauen, Fremde und Einheimische, reiche Leute und Bettler ziehen in buntem Gemisch dahin. Besonders viel Soldaten sind mir begegnet. Ich sah Generäle, Hauptleute, Feldwebel, Tamboure, Signalisten und Fahnenträger. Auch Schützen, Jäger, Grenadiere, Gardisten, Ulanen und Dragoner gingen an mir vorüber. Sogar der König mit der ältesten Prinzessin kam gefahren. Ein Vorreiter bahnte ihm den Weg und zwei Lakaien standen hinten auf seinem Wagen. Natürlich zogen alle Leute, vom reichsten Kaufmanne bis zum ärmsten Schusterjungen herab, die Hüte und Mützen, als der Landesvater vorüberfuhr.

Gewiß waren es an fünfhundert Personen, die ich auf diesem einzigen Gange über die Brücke gesehen habe.“

2. Beim Onkel auf dem Lande.

(Thiere.)

Robert war einen Tag auf dem Lande gewesen. Er hatte seinen Onkel besucht, der eine große Oekonomie besaß.

Als Robert am Abende nach Hause kam, sagte er zu seinen Geschwistern: „Heute habe ich aber so viel verschiedene Thiere gesehen, wie noch nie.“

„Nun, so erzähle uns doch“, baten die Geschwister, „was Du für Thiere gesehen hast.“

„Als ich an des Onkels Haus kam“, begann hierauf Robert, „bellten mich ein schwarzer Pudel und ein Affenpinscher an. In dem Hausflur kauerte eine graue Katze und verzehrte eben eine Maus, die fast so groß war, wie eine Ratte. Ich trat in die Stube ein. Hier saß ein Rothkehlchen auf dem Spiegelrahmen und verspeiste eine Fliege. Am Fenster hing ein großer Käfig, in welchem ein Zeisig, ein Stieglitz und ein Canarienvogel auf- und abhüpften. Unter dem Ofen spielte ein Meerschweinchen mit einem jungen Hunde.

Aber nun erst auf dem Hofe! Hier führte ein Hahn seine Hühner spazieren. Dort lockte eine alte Henne ihre Küchlein herbei, weil sie ein Würmchen gefunden hatte. Vor der Scheune stolzirte ein Pfau auf und ab. Ein schwarzer Truthahn zankte sich mit einem alten Gänseriche um ein Stückchen Brodrinde. Ein ganzes Heer Enten und Gänse watschelte zum Thore hinaus, dem nahen Teiche zu, wahrscheinlich, um dort Frösche, Eidechsen und kleine Fische zu fangen. Auf den Dächern zwitscherten Schwalben und Sperlinge um das Nest eines Storches. Nicht weit davon saßen eine Menge Tauben und spähten ängstlich in die Luft hinaus, ob sich etwa ein Falke oder Stößer oder ein andrer Raubvogel sehen lasse. Vor der Elster, die im Hofe umherhüpfte, schienen sie sich nicht zu fürchten.

Sogar im Wassertroge gab es Thiere. Hier schwammen Karpfen, Hechte, Aale und Schleien und auf dem Grunde krochen Krebse.

Im Pferdestalle standen zwei Schimmel, ein Fuchs und ein Rappe. Unter ihnen herum hüpften weiße und schwarze Kaninchen. Der Esel war nicht zu Hause, sondern in der Mühle.

Besondere Freude machte mir der Kuhstall. Hier brummte mich ein großer Ochse ganz mürrisch an. Gegen zwanzig Kühe fraßen eben ihr Heu. Zwischen ihnen lagen einige Kälber. Neben der Thür meckerten zwei Ziegenböcke und aus einem Winkel hervor grunzte ein altes Schwein mit sieben Ferkeln.

Alle diese Thiere sah ich an einem Tage und sie haben mir sehr viel Vergnügen bereitet.“

3. Im Walde.

(Thiere des Waldes.)

Welch ein fröhliches Leben ist doch im Frühlinge unter den Thieren des Waldes! Tausende von Würmern und Käfern kriechen unter dem Moose hervor. Große und kleine Ameisen laufen an den Baumstämmen hinauf. Bunte Schmetterlinge flattern von einem Haideblümchen zum andern. Die Eidechsen, Blindschleichen und Ottern erwachen und schlüpfen auf dem Boden dahin. In dem Gebüsche ertönen die Lieder der Nachtigall, Grasmücke, Meise und des Rothkehlchens. Auf den Gipfeln der Fichten und Tannen schlägt der Finke, pfeifen Amsel und Drossel, girrt die wilde Taube. Mitten hindurch ruft der Kukuk seinen Namen in die Welt hinein.

Hier hüpft ein Häslein schnell vorüber, weil es einen Fuchs wittert. Dort nagt ein Reh an einer jungen Birke. Zuweilen tritt auch wol ein Hirsch aus dem Dickicht hervor.

Ueber dem Waldbächlein spielen die Mücken und schweben die glänzenden Libellen. Blickt man in die klaren Wellen hinein, sieht man Schmerlen und Forellen in lustigem Tanze. An dem feuchten Ufer kriecht hier und da eine Schnecke und an dem Erlengebüsche blitzen goldene Laubkäfer im Sonnenscheine.

Was für ein Leben mag nun erst in den Wäldern der heißen Länder sein, wo die Löwen, Tiger, Panther und Leoparden brüllen, die Elephanten auf den Lichtungen grasen, Paviane, Schimpansen, Brüllaffen, Uistitis und Meerkatzen auf den schlanken Palmen sich wiegen, Papageien und Kakadus kreischen und riesige Schlangen auf Beute lauern.

4. Der Jahrmarkt.

(Sachen.)

Welch ein buntes Leben ist doch auf einem Jahrmarkte! Man hat nicht Augen genug, um all die Dinge, die hier zum Verkaufe ausgestellt sind, zu sehen. Links und rechts auf den Straßen und Plätzen stehen lange Reihen von Buden und Tischen. In der einen dieser kleinen Kaufhallen erblickt man z. B. Blechwaaren. Da gibt es Löffel, Reibeisen, Gießkannen, Lampen, Kohlenkästen und Leuchter. In einer andern sind Glasgegenstände ausgestellt. Da sieht man Gläser, Flaschen, Teller, Tintenfäßchen, Leuchter, Vasen und Perlen.

Hier steht eine Bude mit Drechslerarbeiten, als: Spazierstöcke, Tabakspfeifen, Zwirnweifen, Ellen, Zollstäbe, Dosen, Knöpfe u. dergl. An einem langen Tische verkauft ein Mann Streichhölzchen, Schwamm, Räucherkerzchen, Fleckseife, Putzpulver und Wetzsteine. In einem Hausflur hängen fertige Röcke mit Sammetkragen und blanken Knöpfen, Westen mit Schnüren, Hosen mit Borte, Ueberzieher, Hüte und Mützen.

Dort an der Straßenecke ruft ein Mann: „Kauft Tücher, Bänder, Spitzen, Cravatten und Handschuhe!“ Dicht neben dem Brunnen auf dem Markte befindet sich eine große Bude mit Galanteriewaaren. Da gibt es Geldbörsen, Broschen, Uhrketten, Tuchnadeln, Puppen, Porzellanköpfe, Taschenspiegel, Fingerhüte, Nadelbüchsen, Bleistifte, Schiefertafeln, Gummibälle u. s. w.

Und welche Menge von Gegenständen hat nun erst die Spielwaarenhandlung dort drüben an ihr Fenster gestellt: Zappelmänner, Baukästen, Armbrüste, Reifen, Drachen, Springseile, Trommeln, Flinten, Kanonen, Säbel, sogar eine Festung und ein Theater sind daselbst zu sehen.

Wie gern möchte man sich dies und jenes Spielzeug kaufen, wenn man nur Geld dazu hätte!

5. Der Wißbegierige.

(Stoffnamen.)

Arthur war zwar noch ein kleiner, aber schon sehr lernbegieriger Knabe. So oft er mit seinem Vater spazieren ging, mußte ihm dieser fortwährend Fragen beantworten. Da wollte Arthur wissen, wie die Dinge, die er sah, hießen; woraus und von wem sie gefertigt und wozu sie da wären.

Eines Tages gingen Vater und Sohn auch spazieren. Unterwegs fragte Arthur: „Vater, woraus sind denn die Häuser gebaut?“

„Die Mauern“, erwiderte der Vater, „sind aus Stein, Sand, Lehm, Kalk und Mörtel erbaut; das Dach, die Thüren, die Dielen und Fensterrahmen sind aus Holz, die Schlösser aus Eisen, die Dachrinnen aus Blech und die Fensterscheiben aus Glas gefertigt.“

Bald darauf kamen sie an dem Fenster eines Geldwechslers vorüber. Hier standen eine Menge Münzen zu Schau ausgestellt. „Woraus wird denn das Geld gemacht?“ fragte Arthur schnell.

„Die Pfennige, Dreier und Fünfpfenniger“, sagte der Vater, „werden aus Kupfer, die Groschen und Thaler aus Silber, die Dukaten aus Gold und die Kassenbillets aus Papier gefertigt.“

Später wollte Arthur wissen, woraus denn eigentlich die verschiedenen Kleidungsstücke gearbeitet würden. „O“, belehrte der Vater, „da gibt es der Stoffe eine große Zahl. Deine Mütze z. B. ist aus Tuch gefertigt, das Tuch aber wird aus Schafwolle gearbeitet. Dein Halstuch ist aus Seide gewebt. Deine Jacke besteht aus Leinwand, diese aber wird aus Flachs gewonnen. Die Knöpfe auf Deiner Jacke sind aus Horn, die an der Weste aus Perlmutter und die an den Hosen aus Zinn hergestellt. Die Schnalle an Deinem Gürtel ist aus Stahl geformt. Deine Stiefel hat der Schuhmacher aus Leder gefertigt; natürlich brauchte er noch Pech, Schwärze, Wachs, Wichse und Hanf zum Schuhdraht dazu. Deine Strümpfe wurden aus Garn gestrickt; das Garn aber besteht aus Baumwolle.“

Zuletzt fragte Arthur auch noch, woraus denn der Mensch bestehe und woraus er geworden sei. „Der menschliche Körper“, erwiderte der Vater, „besteht aus Fleisch und Blut, aus Fett und Schleim, aus Knochen, Knorpel und Mark; geschaffen aber hat ihn der liebe Gott aus Erde, wie Du in der Bibel lesen kannst.“

6. Eine Festung im Kriege.

(Mengenamen.)

Mitten in einem großen Flußgebiete lag eine ziemlich starke Festung. An ihrer nördlichen Seite zog sich ein bedeutendes Gebirge hin, sodaß die Besatzung von hier aus keinen Angriff zu befürchten hatte. Die Festung war in Vertheidigungsstand gesetzt worden. Der Wald ringsum lag gefällt, selbst das kleinste Gestrüpp hatte weichen müssen. Das Gemäuer, auf dem früher Gras wuchs, erblickte man ausgebessert und verstärkt. Das Gebälk der Festungsbrücke hatte man in die Luft gesprengt.

Da sich in der Stadt selbst viel Reichthum vorfand, konnte sich die Einwohnerschaft reichlich mit Vorräthen versehen. Es fehlte nirgends an Brod, Mehl, Salz und Gemüse. Sogar Wild, Geflügel und gesalzenes Fleisch war im Ueberflusse vorhanden. Auch an gutem Wasser konnte nicht leicht Mangel eintreten. Ebenso gut hatte sich das Heer, welches die Besatzung der Festung bildete, versehen. Für die Mannschaft lagen Lebensmittel und für das Vieh Heu, Hafer und Stroh in Menge aufgespeichert.

So glaubte man nun ruhig dem Feinde ins Auge sehen zu können. Ja, die Soldaten konnten den feindlichen Angriff kaum erwarten, denn sie waren von heißem Geblüt.

Endlich rückte die Schaar der Gegner an und die Beschießung begann. Die Nationen von fast ganz Europa richteten ihre Blicke auf diesen Kampf, während dessen die Bevölkerung der Festungsstadt sehr viele Verluste zu erleiden hatte.

Nach mehrwöchentlicher Belagerung entschied sich das Schicksal der Festung. Die feindlichen Geschosse legten ihre Wälle, Mauern und andere Befestigungen in Trümmer. Darauf folgte ein Sturmangriff und die Festung war verloren. Das Blut floß in Strömen. Durch das furchtbare Getöse des Kampfes drang das Gewimmer und das Gestöhne der Verwundeten.

Einen schrecklichen Anblick boten die Verwüstungen in der Stadt. Die schöne, große Bibliothek und die herrliche Bildergallerie waren verbrannt und die Heiligthümer der Kirchen durch die Geschosse zerstört. Mit Thränen in den Augen stand das Volk an den Trümmern seiner Habe, die zu einem großen Theile in Asche lag.

7. Schulexamen.

(Eigennamen.)

„Ei, Emilie“, rief Bernhard seiner Schwester zu, als er aus der Schule kam, „heute hieß es aber aufpassen. Unser Lehrer, Herr Schmelzer, wollte nämlich einmal sehen, ob wir von dem, was er uns gelehrt und erzählt habe, noch recht viel wüßten. Und so richtete er denn an einen jeden von uns eine Frage.“

Franz Dunker mußte die Geschichte von dem Moses, Hans Weinlich die vom Goliath und Emil Heinz die vom Daniel erzählen. Julius Bär mußte sagen, wann Luther, August der Starke und Napoleon I. geboren wären.

Heinrich Tümmler mußte angeben, wo Sachsen, Baiern, Würtemberg, Preußen und China lägen.

Wilhelm Borisch mußte die Einwohnerzahl von Paris, Wien, London, Berlin und Dresden nennen.

Alexander Miersch sollte sagen, wo man die Schlösser Wesenstein und Scharfenstein und die Dörfer Machern, Kesselsdorf und Hochkirch zu suchen habe. Er wußte es aber nicht.

Julius Neubert bekam die Frage, wie hoch der Brenner, der Simplon, der Schafberg, die Lausche und der Borsberg seien.

Theodor Wenzel hatte anzugeben, wo der Rhein, die Donau, die Weser und die Spree entspringen.

Der kleine Felix Brendel erhielt die leichteste Aufgabe. Er mußte Eigennamen von Hunden, Katzen, Pferden und Kühen angeben. Da sagte er denn, daß die Hunde Karo, Ammi, Schnacksel, Bello, Leo, Waldmann u. dergl. hießen; daß manche Katzen den Namen Peter, Schnurr oder Michel führten; daß man Pferde mit Rosa, Pollux, Hektor u. dergl. bename und einzelne Kühe Musel, Schecke, Brummkatharine, Mummel, „Stallmeister u. s. w. gerufen würden.“

8. Zweierlei Schüler.

(Gedankendinge.)

Emil war ein sehr braver Schüler. Er liebte die Pünktlichkeit und Reinlichkeit. Während des Unterrichts zeigte er die größte Aufmerksamkeit, um alles Gehörte im Gedächtnisse zu behalten. Wurde er gefragt, so gab er seine Antworten mit Ueberlegung und Anstand. Seine Schularbeiten fertigte er zu jeder Zeit mit Fleiß, Sorgfalt und der möglichsten Sauberkeit. Ueber jeden seiner Fortschritte bezeigte er Freude. Der leiseste Tadel bereitete ihm Schmerz.

Was aber trieb ihn zur Erfüllung seiner Pflichten? Die Liebe zu seinem Lehrer, die Dankbarkeit gegen seine Eltern und der Gedanke, daß Kindheit und Jugend schnell vergehen und daß man daher jede Gelegenheit benutzen müsse, sich Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen.

Ganz anders dagegen zeigte sich Bernhard. Er ging mit Unwillen und Verdruß in die Schule. Auf dem Schulwege trieb er allerhand Unarten und Dummheiten, ja sogar Rohheiten. Obgleich er sich dadurch oft Verweise, Züchtigungen, Schimpf und Schande zuzog, zeigte er doch keine Besserung.

Auch in der Schule selbst ließ er sich viele Fehler und Vergehungen zu Schulden kommen. Plaudereien, Neckereien und Kaupeleien waren seine Lieblingsbeschäftigung. In seinen Gesichtszügen lagen List, Verschmitztheit und Tücke. Kam eine Bestrafung vor, so leuchteten aus seinen Augen Schadenfreude, Hohn und Spott.

Das Lesen, Schreiben und Rechnen war ihm eine Last. Ueberhaupt betrieb er alles Lernen mit Nachlässigkeit und Flüchtigkeit. So konnte es denn auch nicht fehlen, daß er wegen Faulheit und Liederlichkeit heruntergesetzt und endlich der Letzte in der Klasse wurde. Aber auch das bereitete ihm weder Kummer, noch weckte es Reue in ihm. Er blieb für den Lehrer eine Plage und seinen Eltern ein Kind der Sorge und des Herzeleids.

9. Freund Apfelbaum.

(Ein- und Mehrzahl.)

Im Garten stand ein Apfelbaum. Er war der stärkste und höchste unter allen Bäumen in den Gärten ringsumher. Seine Aeste und Zweige breiteten sich weit aus und an jedem Aste hingen große, süße Aepfel. Sie waren so groß, daß sich ein Kind an einem einzigen solchen Apfel satt essen konnte. Deshalb waren denn auch die Kinder oft um ihn herum. Zuweilen legten sie sogar Hand an seinen Stamm, um ihn zu rütteln, damit eine Frucht herabfallen solle. Solche starke Stämme aber lassen sich nicht von so schwachen Händen bewegen.

Eines Tages saß Hermine auch unter dem schattigen Dache des alten Freundes und hatte einen großen Korb mit verschiedenem Spielzeuge vor sich. In einem kleinen Kasten lagen bunte Papierstreifen. Aus diesen flocht sie niedliche Körbchen. Da nun jeder Streif eine andere Farbe hatte, gaben diese verschiedenen Farben dem Körbchen ein schönes Aussehen. In andern Kästen befanden sich Perlen, Würfel, Buntstifte u. dergl.

Jetzt nahm Hermine einen Faden und reihte Perle um Perle daran. Als zwei Fäden gefüllt waren, band sie dieselben um ihren Hals. Darauf ergriff sie einen Buntstift und zeichnete einen Würfel mit seinen Kanten, Flächen und Punkten.

Nachdem sie eine Stunde gespielt hatte, zog sie Bücher aus dem Korbe hervor und las. In dem einen Buche standen mehrere Geschichten mit bunten Bildern, das andere enthielt blos eine Geschichte mit einem Bilde. Indem aber Hermine las, fiel ein großer Apfel herab und gerade auf das Buch, sodaß zwei Blätter beschädigt wurden. Das eine Blatt war mittendurch gerissen. Hermine erschrak, lachte aber bald darauf und sagte: „Ei, ei, alter Freund! Wie kannst du mich so erschrecken? Das sind mir schöne Freunde, die Einen mit Aepfeln bewerfen.“

10. Getäuschte Hoffnungen.

(Ohne Mehrzahl.)

Mitten in einem Urwalde Amerikas stand eine dürftige Hütte, aus brauner Erde, Lehm und Kalk erbaut. Das Gebälk war grob gezimmert. Da durch die kleinen Fenster wenig Licht eindrang, lag in dem niedern Wohnzimmer ein tiefes Dunkel, das bei trübem Wetter sogar zur Finsterniß wurde. Auf den Dielen erblickte man etwas Heu und Stroh, auf welchem die Bewohner, welche deutsche Einwanderer waren, ihre Nachtruhe hielten. Die Beschaffenheit der Nahrung der armen Leute grenzte an Dürftigkeit. Wasser war ihr einziger Trunk, wenn sie der Durst quälte. Milch und Kaffee bekamen sie nie zu Gesicht. Im Sommer litten sie viel durch die große Wärme, die sich bis zur fürchterlichsten Hitze steigerte. Im Winter trat die Kälte mit großer Strenge und Ausdauer auf, führte viel Schnee und Eis herbei und fügte ihnen viel Leid zu.

Die guten Leute hatten Deutschland, ihre Heimat, verlassen, um in Amerika ihr Glück zu machen. Sie hofften hier Gold und Silber zu finden, fanden aber nicht einmal Zinn und Blei. Das Eigenthum, das sie an baarem Gelde mitgebracht hatten, war bereits zu ihrem Unterhalte verbraucht. So trat zuletzt Hunger und Kummer, Noth und Elend an sie heran.

Mit Reue dachten sie an ihre Vergangenheit und an ihr einstiges Vaterland zurück, wo sie ein Leben in Wohlsein und ohne alle Trübsal geführt hatten. Die Sehnsucht nach dem alten Daheim ergriff sie, aber es fehlte ihnen am Besten, die Rückreise anzutreten. So sanken die armen Deutschen immer tiefer ins Unglück. Nirgends fanden sie Trost und Beistand. Sie mußten in ihrem kümmerlichen Dasein ausharren, bis sie der Tod von allem Jammer erlöste.

11. Gastfreundschaft.

(Doppelhauptwörter.)

An einem einsamen Waldrande lag eine Köhlerhütte. Das niedere Strohdach war vom Sturmwinde zerzaust und bedurfte der Ausbesserung. Wo aber sollte der arme Waldarbeiter Dachstroh hernehmen? Sein Tagelohn langte kaum zur Morgensuppe, zur Mittagsmahlzeit und zum Abendbrode für sich und seine Kinderschaar. Auch die dünnen Lehmwände der Köhlerwohnung zeigten Zerstörungsspuren. Regengüsse und Hagelwetter hatten sie gepeitscht, den Kalkbewurf abgespült und das Lehmwerk durchlöchert, sodaß zur Winterszeit die rauhen Nordweststürme ungehindert hindurchpfeifen konnten. Ein Hausthürverschluß war nicht mehr möglich, denn die Thürschloßfeder war zersprungen. Die Fensterscheiben vertrat hier und da ein Streifen von Kaffeedütenpapier oder ein Volkskalenderblatt.

An einem Herbstabende saß die Köhlerfamilie um den schmalen Holztisch und verzehrte ihre Abendmahlzeit. Da trat plötzlich ein vornehmer Jägersmann, einen schmucken Filzhut mit einer Birkhuhnfeder auf dem Kopfe, einen Hirschfänger mit Perlmuttergriff, ein Pulverhorn mit Silberquaste an der Seite und eine Schrotflinte auf dem Rücken, ein. Er erklärte, daß er von seinem Jagdgefolge abgekommen, auf verschiedene Kreuzwege gerathen sei und so sammt seinem Dachshunde und Windspiele den Hauptwaldpfad verloren habe. Schließlich bat der Waidmann um ein Nachtquartier und sei es auch nur ein Dachkammerraum mit einem Strohlager.

Die braven Köhlereheleute erklärten sich zu diesem Liebesdienste gern bereit und luden den vornehmen Stadtherrn ein, wenn er Hunger habe, mit ihnen Kartoffelsuppe und Butterbrodschnitte nebst Quarkkäse zu essen. Der Jägersmann dankte, da er kein Magenbedürfniß verspüre.

Während ihm nun das Nachtlager auf der breiten Ofenbank bereitet wurde, unterhielt er sich in scherzhafter Weise mit dem Kinderkreise. Er gab den Knaben Buchstabenräthsel und recht lange Hauptwörter zum Nachsprechen auf, um ihre Zungenfertigkeit und Sprachgewandtheit auf die Probe zu stellen. So mußten sie z. B. die Riesenhauptwörter nachsprechen: Dudelsackpfeifenmachergeselle, Schornsteinfegerknabenwassersuppentellerrand, Pulvermühlennachtwächterseitengewehrscheidenspitzenknopf.

Den Kindern machte diese Zungenarbeit viel Spaß. Als das Ofenbanklager fertig war, begaben sich der Fremde und auch die Köhlerfamilie zur Ruhe. Wie sehr aber erschrak und erstaunte der alte Hausvater am andern Morgen, als ihm der Nachtgast mit Sonnenaufgang fünf Kronenthaler in die harte Arbeitshand drückte und ihm beim Abschiedsgruße sagte, daß er dem Kronprinzen Gastfreundschaft gewährt habe.

12. Eine musterhafte Schülerin.

(Nichthauptwörter zu Hauptwörtern erhoben.)

Die reiche Kaufmannstochter Mathilde war ein Muster einer Schülerin. Das Aufmerken und Lernen gewährte ihr einen Genuß. Das Lesen hatte sie in drei Monaten erlernt. Auch das Schreiben hatte sie leicht begriffen, nur das kleine Err und das Eszett machten ihr Schwierigkeiten. Im Rechnen erwarb sie sich stets die erste Censur. Ebenso geschickt stellte sich Mathilde zum Zeichnen, Singen, Clavierspielen, Häkeln, Stricken, Sticken und Turnen an. Sie liebte alles Gute, Schöne und Nützliche und ihr Streben und Ringen darnach trug die schönsten Früchte.

Auch das Wunderbare und Erhabene der Natur beobachtete sie gern und oft. Das Großartige und Erhebende des Sternenhimmels erfüllte sie mit frommem Staunen. Nicht minder freute sie sich über das Niedliche und Zierliche der kleinen Blumen. Deshalb liebte sie auch das Freie, namentlich in seiner Morgenfrische. Das liebliche Grün und die traute Stille des Waldes machten ihr denselben zu einem Lieblingsaufenthalte.

So blieb ihr ganzes Denken und Fühlen auf das Edle gerichtet und deshalb schlug das Fromme und Gottesfürchtige immer tiefere Wurzel in ihrem Gemüthe.

Dieses fromme Empfinden erkannte man auch aus allen ihren stilistischen Arbeiten, in denen sie ebenfalls Vorzügliches leistete. Darin standen kein Und und kein Aber am falschen Platze und kein Satz enthielt irgend etwas Unrichtiges oder Ueberflüssiges.

Kurz, Mathilde war und blieb die Beste und Ausgezeichnetste ihrer Schule und dieses Brave und Gediegene bewahrte sie sich zu ihrem Glücke ihr Lebelang.

13. Belohnter Gehorsam.

(Wiederholung der Hauptwörter.)

Im lieben Sachsenlande liegt dicht an der Grenze von Böhmen ein Dörfchen mit Namen Wernsgrün. Am Ende desselben stand ein Hüttlein mit Strohdach und winzig kleinen Fenstern. Durch die schmalen, bleichen Scheiben konnte kaum ein Sonnenstrahl hindurchdringen.

In dieser Hütte wohnte der alte Kilian mit seinen beiden Kindern. Die Kinder hießen August und Ernst. August zählte sieben Lebensjahre, Ernst dagegen hatte zehn Sommer hinter sich. Ihre Kleidung bestand in Kitteln aus grober Leinwand.

Eines Tages saßen beide Brüder vor der Thür und spielten mit Sand, einigen Stäbchen Holz und drei Soldaten aus Zinn. Bald aber hatte Ernst das Spielen satt und sagte zu seinem Bruder: „Komm, laß uns ins Grüne gehen. Dort werden wir mehr Vergnügen finden.“

Der Jüngere gab seine Zustimmung. Kaum aber hatten sie am grünen Ufer des Wiesenbaches ihren Zeitvertreib begonnen, rief sie der Vater in das Haus zurück. Sie sollten jetzt wieder an ihre Arbeit gehen und Stroh flechten.

Die Knaben machten wahre Essiggesichter, denn das Haschen und Verstecken war ihnen natürlich lieber als das Stillsitzen und Arbeiten. Aber sie zeigten ohne Murren Gehorsam. Und ihre Folgsamkeit sollte noch dieselbe Stunde Belohnung finden.

Nach etwa zehn Minuten fiel draußen, in ziemlicher Nähe, ein Schuß. Vor Schreck fuhren die Kinder zusammen. Sie und ihr Vater und ihre Mutter eilten zur Hausthür. Und was erblickten ihre Augen? An der Stelle, wo die Knaben vor kurzer Zeit noch — kaum vor Ablauf von zehn Minuten — ohne alle Besorgniß allerlei Spiele gespielt hatten, hatte soeben ein Jäger, dicht an einem Erlenbaume, einen tollen Hund erschossen.

Wie freute sich nun das Geschwisterpaar ob seiner Folgsamkeit!

Eigenschaftswörter.

14. Formen der Pflanzenwelt.

Welch verschiedene Formen und Farben gibt es doch in der Pflanzenwelt! Da steht die Pappel, hoch und schlank; nicht weit davon ein tausendjähriger Eichbaum, niedrig zwar, aber stark und knorrig. Seine Aeste sind vielfach gekrümmt und gebogen, seine Wurzeln dick und runzlig. Seine Rinde ist fest, aber zerklüftet und zerrissen. Hier steigt eine Tanne schlank in die Luft empor. Ihr Stamm ist schnurgerade und ebenmäßig, unten stark, nach oben zu dünn und zuletzt ganz spitz.

An ihrem Fuße wuchert eine Birke empor. Sie ist jung und kräftig, ihre Krone dicht belaubt, ihre Schale blendend weiß, wie Silber.

Wie unterschiedlich sind selbst die Stengel der kleinsten Pflanzen! Der eine ist rund, der andere drei- oder vierkantig; der eine glatt, der andere behaart oder klebrig; der eine markig, ein anderer fleischig oder holzig. Einige sind hohl, andere voll; einige gegliedert, andere gedreht oder geschlängelt. Der eine Stengel ist steif, unbiegsam und spröde, ein anderer beweglich, weich und elastisch.

Betrachten wir nun erst die verschiedenen Blattformen. Da gibt es ovale, runde, herzförmige, schmale, breite, glattrandige, gezahnte, gezackte, getheilte, gefiederte u. s. w. Noch weit mehr verschiedene Formen aber zeigen uns die Blätter der Blumenkronen. Unter ihnen finden sich röhren-, trichter-, lippen-, rachen-, keilförmige u. dergl. Und wie überaus zart und reizend sind diese buntfarbigen Blumentheile! Wer auf alle diese Abwechselungen in der Pflanzenwelt genau achtet, muß eitel Lust haben an den Werken des Herrn.

15. Der Frühling.

(Abstrakte Eigenschaftswörter.)

Fröhlich ist das Herz, wenn der liebliche Frühling naht! Der Winter war kalt und rauh, jetzt wird die Luft lau und angenehm, zuweilen gar schon warm. Im Winter war es still und öde auf den Fluren; die Wälder erschienen todt, die Bächlein erstarrt. Jetzt werden die Haine lebendig, die Bächlein wieder wach und munter. Die Felder lagen kahl, jetzt sehen wir sie grün. Die Wiesen stehen geschmückt, wie mit einem bunten Blumenteppiche. Die eine Blume sieht roth, die andere weiß, die dritte gelb oder blau aus. Die Vögel zeigen sich eifrig im Gesange und emsig im Bau ihrer Nester. Wie ist der Schlag des Finken so lustig, das Lied der Nachtigall so süß, der Morgenpsalm des Staares so erhebend! Ein Herz, das fromm und rein, stimmt mit ein in die Lobgesänge und preist den allmächtigen Schöpfer, der im Frühlinge recht deutlich zeigt, wie weise und gütig er ist.

16. Der Geizhals.

(Zusammengesetzte Eigenschaftswörter.)

Andreas war ein steinreicher Bauer, aber dabei erzgeizig. Für ihn gab es in der wunderreichen Gotteswelt kein zaubervolleres Bild, als ein blitzblanker Thaler. Hielt er ein solches Geldstück in der sonnverbrannten, hufbesetzten Hand, erschien sein Auge überglücklich, ja glückselig. An ein Wiederausgeben eines solch werthvollen Kopfstückes war bei ihm nicht zu denken. Es wanderte in einen alten, aschgrauen, baumwollenen Strumpf, der im fast heckerklaren Strohe seines baufälligen Bettes stak. War ein solcher Strumpf gefüllt, versenkte er ihn in einen eisenbeschlagenen, diebesfest sein sollenden Koffer, vor dem ein riesenhaftes Schloß lag. Dieser centnerschwere Koffer stand unter seiner armseligen Lagerstatt. Ein doppelläufiges, scharfgeladenes Gewehr bildete seine Sicherheitswache, sowohl am sonnenhellen Tage, wie in tiefdunkler, grabesstiller Nacht.

Kein hilfsbedürftiger Freund erhielt von dem Geizhalse auch nur die allerkleinste Unterstützung. Keinem Wanderburschen, und war er noch so blutarm, reichte er einen Zehrpfennig. Das bleichwangige Bettelkind, das kleinlaut an seine dickeichene Thür klopfte, rührte nicht im mindesten sein liebeleeres Herz.

Er selbst führte ein wahrhaft jammervolles Leben. Sein Mittagsessen bestand meist in graubraunem, fast steinharten Brode und dickschaligen Kartoffeln, die er in wasserdünnen Schmalz tauchte. Ein Stück wohlschmeckendes Fleisch war ihm zu theuer. Nie kam ein Glas wenn auch nur dünngebrautes Bier oder gar ein Glas magenstärkender Wein auf seinen Tisch. Thür und Thor seines alterthümlichen Gehöftes schloß er regelmäßig mit Sonnenuntergang zu und ließ dann den alten, graubärtigen Kettenhund los.

Von jetzt an durfte kein Mensch mehr eingelassen werden. Aus übergroßer Besorgniß fürchtete er, es könne sich ein langfingeriger Fremdling einschleichen und seinem herzinniglieben Hausgotte mit den erzgespickten Strümpfen einen unliebsamen Besuch abstatten.

Trotz aller wohlberechneten Vorsicht aber hatte sich in einer rabenschwarzen Nacht doch Einer eingefunden, der kaltblütig und erbarmungslos den bedauernswerthen Geizhals von all seinen mühselig errungenen Schätzen trennte. Dieser Unbarmherzige war der — unerbittliche Tod.

17. Der wohlthätige Bettler.

(Das Eigenschaftswort vor dem Hauptworte.)

An einer belebten Straßenecke saß ein alter, blinder Bettelmann. Er hielt seinen durchlöcherten Hut in der welken, zitternden Hand und bat um eine kleine Gabe. Viele reiche Leute gingen an einem einzigen lieben langen Tage vorüber und gewiß trugen die meisten wohlgefüllte Börsen bei sich. Zeugte doch oft ihr kostbarer Anzug von großer Wohlhabenheit. Man sah da Damen mit langen Schleppen, seidenen Schärpen, sammtenen Mänteln, theuren Spitzen, beblumten Hüten und feinen Handschuhen. Herren stolzirten dahin mit goldenen Uhrketten, blitzenden Tuchnadeln, funkelnden Ringen und elfenbeinernen Spazierstöckchen.

Nicht alle freilich trugen zu diesem äußern auch einen innern Schmuck, ein theilnehmendes, mitleidiges Herz. Das bewiesen sie dem hülfsbedürftigten Alten gegenüber. Mit kalten Blicken und gleichgültigen Mienen gingen sie an ihm vorüber. Nur einzelne zeigten aufrichtige Theilnahme, sprachen einzelne freundliche Worte mit dem bedauernswerthen Bettler und legten dabei eine klingende Gabe in seinen abgeschabten Hut.

Eines heitern Sommertages hörte der gutmüthige Alte eine weinerliche Stimme in seiner nächsten Nähe. Die klagenden Töne kamen von einem sechsjährigen, blassen Mädchen. „Was fehlt Dir, liebes Kind?“ fragte der lauschende Bettler mit besorgter Stimme.

„Ach, mich hungert so sehr“, erwiderte das dürftig gekleidete Mädchen mit wehmüthigem Ausdrucke. „Meine gute Mutter ist krank und hat kein Brod mehr für mich.“

Diese Worte rührten den weichherzigen Greis. Schnell griff er in seinen schwarzgrauen Hut, befühlte mit der dürren Hand die verschiedenen Geldstücke und gab der hülfsbedürftigen Kleinen einen kupfernen Fünfpfenniger. „Hier, armes Kind“, sagte er mit bewegten Lippen, „hast Du eine kleine Gabe. Geh und kaufe Dir bei dem neuen Bäcker hier links in der engen Gasse etwas für Deinen hungrigen Magen.“

Das überglückliche Mädchen dankte mit aufrichtigem Herzen, eilte die schmale Gasse dahin und kaufte sich ein neugebackenes Dreierbrod. Die übrigen zwei Pfennige aber nahm es seiner kranken Mutter mit nach Hause.

18. Ein Gewitter.

(Steigerung des Eigenschaftswortes.)

Es war ein heißer Julitag. Schon der Vormittag war schwül. Gegen den Mittag hin wurde es immer schwüler. Am schwülsten aber erschien die Luft etwa um drei Uhr. Schon den Spaziergängern wurde es heiß; noch heißer mußte es den Arbeitern auf den Bauen, am heißesten aber den Landleuten auf dem Erntefelde werden. Das Thermometer, das schon immer hohe Hitzegrade gezeigt hatte, stieg höher, bis es endlich nach Tische den höchsten Grad erreicht hatte.

Da zeigte sich am Himmel eine schwarze Wolke, die sich aber mit jeder Minute schwärzer färbte. Am schwärzesten erblickte man sie nach Osten hin. Zu gleicher Zeit erhob sich auch ein ziemlich starker Wind. Auch er wurde von Sekunde zu Sekunde stärker, bis er endlich, als er am stärksten wüthete, die gewaltige Wolkenmasse in Bewegung setzte. Schnell erhob sie sich. Zusehends schneller und schneller stieg sie empor und überzog in ihrem schnellsten Fluge ein breites Thal, das nach Süden hin immer breiter wurde und mit seinem letzten, breitesten Theile an ein waldiges Gebirge stieß.

Düster lagen Berg und Thal. Noch düsterer erschien der riesige Nadelwald. Am düstersten aber sah es in den menschlichen Wohnungen aus. Feurige Blitze zuckten durch das Dunkel hindurch. Noch feuriger erschienen dieselben, wenn sie die dunkelsten Wolkenschichten zum Hintergrunde hatten. Am feurigsten jedoch kam ein solcher Blitz den Landleuten vor, wenn er in einen nahen Teich oder einen noch nähern Baum oder wohl gar in die nächste Hütte fuhr.

Heftig strömte jetzt auch der Regen herab. Immer heftiger schlugen die gewaltigen Tropfen an die Fenster. Am heftigsten brauste gegen vier Uhr die Wassermasse hernieder. Bald schossen kleine Bäche wild durch die Felder dahin. Wilder noch stürzten die Waldgewässer die Abhänge herab; am wildesten aber donnerte der angeschwollene Fluß das Thal entlang, die stärksten Bäume entwurzelnd und die festesten Mauern durchbrechend, ja sogar die kleineren Hütten mit fortreißend.

Da endlich hatte das Unwetter ausgetobt. Blitz und Donner wurden schwach, der Regen noch schwächer. Endlich glichen die schwächsten Blitze nur noch einem fernen Wetterleuchten. Entsetzlich sahen die zerrissenen Felder aus. Noch entsetzlicher aber waren die Verheerungen in den Dörfern jenes fruchtbarsten aller Thäler des Landes. Den entsetzlichsten Eindruck indeß machte das Jammern und Wehklagen der ärmeren Bewohner, von denen viele den größten Theil ihrer Habe verloren hatten.

Gut waren die Leute weggekommen, deren Häuser weit vom Flusse lagen, noch besser die, deren Hütten an den Berglehnen standen, und am besten diejenigen, die auf dem Kamme des Höhenzuges wohnten. Sie hatten zwar auch viel Schaden gehabt, die an den Berglehnen aber weit mehr und die Thalbewohner den meisten.

19. Ein Begräbniß.

(Eigenschaftswörter ohne Steigerung.)

Die ehernen Zungen der Kirchenglocken schwiegen. Der Leichenzug war auf dem umfriedigten Gottesacker, wo alle die ewige Ruhe finden, angekommen.

Der hölzerne Sarg wurde von der umkränzten Bahre abgesetzt. Acht Träger trugen ihn stumm einem offenen Grabe zu. Auf dem schwarzsammtenen Leichentuche standen mit goldenen Buchstaben die Worte in einem silbernen Kranze: „Er ist erlöst und geht in seine wahre Heimat zurück.“

Der Sargdeckel mit kupfernen Handhaben und zinnernen Verzierungen wurde jetzt noch einmal abgehoben. Da lag nun der Todte, bleich und regungslos, in der starren Hand einen frischgrünen Palmenzweig. Ein seidenes Gewand umhüllte den todten Leib. Ein damastenes Käppchen begrenzte die gefurchte Stirn.

Die Angehörigen standen um den Sarg her, aber nicht in der üblichen Trauerkleidung. Der Entschlafene hatte schriftlich die Bitte hinterlassen, daß man um seinetwillen nicht die tiefschwarzen Gewänder anlegen solle.

Jetzt trat der greise Geistliche herzu, die Weinenden zu trösten. „Unzählbar“, sagte er unter Anderem, „wie die Sterne des nächtlichen Himmels, sind die seligen Wohnungen, die der allmächtige Himmelsvater den erblichenen Erdenpilgern dort oben bereitet hat. Mag auch der irdische Leib zerfallen, mag der unüberwindliche Tod den Lebensfaden zerreißen, wir weinen nicht trostlos. Wir sind nicht blind für den auferstandenen Heiland, nicht taub für seine ewig wahren Verheißungen, sondern blicken glaubensvoll hinauf in das unvergängliche Reich, da es ein Wiedersehen gibt. Auch dieser Entschlummerte wird einst wieder wach und verklärt eingehen zur endlosen Himmelswonne.“

Die Sonne stand mit ihrer purpurnen Scheibe schon halb hinter den fernen, blauen Bergen, als der Sarg in die stockfinstere Gruft hinabgesenkt wurde. Noch ein lautloses Gebet, eine Hand voll Erde auf den Sarg und die Begräbnißfeierlichkeit war beendet.

20. Die beste Apotheke.

(Declination des Eigenschaftswortes ohne Artikel.)

Julius, der Sohn armer Eltern, war lange krank. Feuchtes Stroh diente ihm als Lager. Alte Röcke und zerfetzte Tücher waren seine Decke. Keine heilende Arznei und kein stärkender Thee konnte ihm gereicht werden, lebten doch seine Eltern in großer Armuth, in schrecklichem Elende. Mit bangen Sorgen erwachten sie des Morgens, unter schwerem Kummer gingen sie des Abends zur Ruhe. Mit beklommenem Herzen vernahm die Mutter oft in dunkler Nacht das leise Wimmern des ruhelosen Kranken. Er litt besonders an heftigen Kopfschmerzen, an krampfhaftem Zucken in den Gliedern und an fieberhaftem Frösteln.

Vier lange Wochen waren bereits dem Kranken unter unsäglichen Schmerzen vergangen. Mit abgezehrten, todtenblassen Wangen, trüben, hohlen Augen und mageren Gliedern lag er da als ein Bild gräßlichen Elends.

„Barmherziger Gott!“ flehte die Mutter oft in stillem, inbrünstigen Gebete, „schicke doch meinem Kinde einen gnädigen Retter oder, wenn es Dein unerforschlicher Rath ist, einen endlichen Erlöser!“

Eines Tages klopfte ein Wanderbursch an die Thür und bat um ein Stück Brod. Trüben Auges reichte ihm die Mutter eine kleine Gabe.

„Was fehlt Euch?“ fragte theilnehmenden Herzens der Wanderbursch. Mit stummer Handbewegung deutete die Mutter auf das Krankenlager. „O weh!“ versetzte der Wanderbursch, als er den Knaben mit schon halbgebrochenem Auge und erdfahlem Antlitze erblickte. „Wie und womit behandelt ihn der Arzt?“ — „Der Arzt?“ erwiderte die Mutter mit bewegter Stimme. „Womit sollten wir armen Leute einen Arzt bezahlen können?“ — „O“, versetzte der Wanderbursch mit tröstlichem Tone, „Ihr habt einen sehr billigen Arzt und eine noch billigere Apotheke in nächster Nähe. Es ist der Brunnen dort im Hofe. Keine bessere Arznei für Euer Kind als frisches Wasser. In ihm liegt wunderbare Heilkraft. Mein seliger Onkel war Arzt, daher weiß ich es. Nehmt also frisches Wasser, reicht es dem Kranken als kühlen Trank, veranstaltet kalte Abreibungen, dann schlagt ihn in kaltfeuchte Tücher ein und wickelt ihn darauf in warme Decken. Es wird hierauf sehr bald heftiges Schwitzen erfolgen. Nach Verlauf von zwei solch heißen Stunden wascht Ihr den Körper mit lauem Wasser ab und wiederholt diese Behandlung täglich vor- und nachmittags. Gewiß wird sich der Kranke bald ruhiger Nächte, gesegneten Schlafes und überhaupt sichtlicher Besserung erfreuen.“

Aufmerksamen Ohres hatte die Mutter zugehört. „O, wärest Du uns als rettender Engel gesandt“, sagte sie zu dem Wanderburschen, „dankbaren Herzens würden wir ewig Dein gedenken! Was Du gerathen hast, werde ich befolgen, noch heutigen Tages. Schütze Dich Gottes gnädige Hand auf fernerer Wanderung!“

Einige Monate später war Julius genesen. Mit dicken Backen und kräftigem Fuße schritt er wieder einher. Des Wassers wunderbarer Kraft dankte er das Glück neuer, dauernder Gesundheit.

21. Ehrlichkeit.

(Wiederholung der Eigenschaftswörter.)

Ein armer Köhlerknabe saß unter einer hohen Tanne, deren schwarzgrüne Aeste weit umher das frische Moos beschatteten. Aus den dunklen Augen des blassen Knaben rannen helle Thränen.

Da kam ein alter Herr den holprigen Waldweg daher. Er trug eine grüne Uniform und einen kurzen Hirschfänger an der Seite. Sein faltiges, aber noch frisches Gesicht umgrenzte ein schneeweißer Backenbart. Der jugendliche Alte war der bejahrte Oberförster.

„Warum weinest Du?“ fragte der freundliche Alte mit liebevoller Stimme den fremden Knaben.

„Ach“, erwiderte dieser mit kläglichem Tone, „meine gute Mutter liegt krank darnieder. Ihre Augen sind fast blind. Deshalb soll ich in die nahe Stadt gehen und eine heilsame Salbe für die schwachen Augen holen. Ich aber habe das Geld dazu sammt einem ledernen Beutel verloren.“

„Ist es etwa dieser?“ sagte der graubärtige Herr, indem er ein kleines Beutelchen aus der gestickten Jagdtasche zog.

„O nein“, sagte der ehrliche Knabe, „mein Beutel war schlecht und dünn und lange nicht so voll wie dieser.“

„Dann ist es vielleicht dieser?“ erwiderte der erfreute Oberförster, indem er ein anderes graues Beutelchen aus der tiefen Seitentasche seines grünen Rockes zog.

„Ja, ja, dieser ist es“, rief der überglückliche Knabe.

Der biedere Alte war von dieser seltenen Ehrlichkeit gerührt, gab dem armen Knaben den löcherichen Beutel zurück und sprach: „Weil Du so brav und ehrlich bist, schenke ich Dir noch diesen blanken Thaler. Geh und kaufe Deiner leidenden Mutter manchmal eine stärkende Erquickung dafür.“

Der Artikel.

22. Der Abend.

(Der bestimmte.)

Der Tag ging zu Ende. Die Sonne sank. Das Abendglöcklein läutete zum Feierabende. Der Landmann kehrte vom Felde heim. Die Heerde zog in ihren Stall zurück. Das Lerchenlied verstummte. Bald glänzten die Berge und die Hütten im Abendgolde und die Gräser funkelten im herrlichsten Thauschmucke. Die Blume schloß ihr Auge. Immer stiller und stiller ward der weite Schöpfungsraum. Die Natur sehnte sich nach Ruhe. Nur das Bächlein rauschte noch weiter und die Fledermaus kreiste noch pfeifend umher.

Auch die Hütten wurden still und stumm. Der Tag war heiß und die Arbeit um das liebe Brod sauer gewesen. Der Fuß und die Hand hatten das Tagewerk treu vollbracht. Das Nachtlager sollte nun die so nöthige Erholung bieten. Als daher die Sterne am Himmel glänzten und der Mond langsam emporstieg, lag das Dörflein bereits im tiefsten Schlafe. Die Engel Gottes aber schwebten über Reich und Arm und hielten treue Wacht.

23. Der Dachs.

(Der unbestimmte Artikel.)

Ein Jäger zog durch einen Wald. Eine schöne Doppelflinte hing auf seinem Rücken und ein Hirschfänger an seiner Seite. Ein Dachshund und ein Windspiel begleiteten ihn.

Ein herrlicher Herbsttag lag auf den Gipfeln der Tannen und Fichten. Ein sonniger Hauch wehte auf den bebuschten Hügeln. Da sprang eine Rehkuh auf. Ein solches Thier ist für jeden Menschen eine angenehme Erscheinung. Ein Jägerauge aber zuckt freudig auf, wenn es ein solches Wild erblickt. Auch diesen Waidmann durchzuckte eine freudige Aufregung. Kaum war eine Minute vergangen, knallte ein Schuß und eine Ladung Schrot saß dem Thiere in einem Hinterlaufe.

Jetzt aber gab es eine ergötzliche Scene. Ein Wink und beide Hunde begannen einen wahren Wettlauf nach dem Rehe. Dabei aber war ein tiefer Graben zu überspringen. Für den Windhund war dies ein Spaß, eine ganz leichte Mühe. Nicht so für einen kurzbeinigen Dachshund. Dieser nahm zwar einen gewaltigen Anlauf, aber für ihn war ein solcher Graben eine zu weite Kluft. Er schoß einen Purzelbaum und rollte wie eine Kugel ein großes Stück den einen Rand hinab in eine Pfütze. Ein helles Gelächter begleitete seinen Fall. Eine Anzahl Waldarbeiter hatten ihn nämlich aus einer kleinen Entfernung beobachtet. Unter ihnen fand sich auch bald eine hülfreiche Hand, die mit einer Stange zur Rettung herbeieilte.

„Siehst Du“, sagte der Jäger zum ganz durchnäßten Dachse, „so geht es einem Voreiligen. Nimm Dir aus diesem Falle eine Lehre: Wer ein Dachs ist, muß es einem Windspiele nicht gleichthun wollen.“

24. Der Liederliche.

(Bestimmter und unbestimmter Artikel.)

Bernhard war ein höchst unordentlicher Knabe. Dies zeigte ein einziger Blick in die Kinderstube, in der er sich aufhielt. Der Bücherranzen, der Stiefelknecht, der Ball und der Atlas lagen gewöhnlich beisammen unter der Ofenbank. Die Botanisirtrommel, die Mütze, die Federbüchse, die Schreibmappe und die Haarbürste erblickte man nicht selten in einem Winkel der Stube. Das Bibelbuch, das Tintenfaß, das Handtuch, das Wichszeug und das Vorhemdchen erhielten oft ihren Platz in einem Schubfache einer alten Kommode.

Der Vater und die Mutter, sowie auch das Stubenmädchen hielten dem Knaben deshalb oft eine Strafpredigt, aber all die Mahnungen und Warnungen fanden bei ihm ein taubes Ohr.

Auch der Lehrer hatte die größte Noth mit ihm. Namentlich bekundeten die Schreibebücher Bernhard’s die größte Liederlichkeit und einen hohen Grad von Leichtsinn. Die Umschläge waren zerrissen. Durchschnittlich das dritte Blatt enthielt einen Klecks. Die Schrift konnte man kaum lesen. Das Löschblatt glich einem Lappen.

Auch der Tadel und die Strafe des Lehrers besserten den Knaben nicht. Er blieb ein liederlicher Mensch sein Lebelang.

25. Ein Frühlingsmorgen.

(Desgleichen.)

Der Tag brach an. Die Sonne stieg im Osten empor. Das ferne Gebirge strahlte im Purpurgolde. Ein leichter Nebel stieg aus dem Thale auf. Eine Lerche flatterte aus dem Saatfelde empor und stimmte ein jubelndes Lied an. Die Gräser, Halme und Blumen blitzten im Perlenschmucke des Morgenthaues. Der Wald erwachte. Die Wiese belebte sich mit Schmetterlingen und Bienen. Das Wild lugte munter aus dem Gebüsche hervor. Bald zeigte sich auch das neuerwachte Leben in einem nahen Dörfchen, das eine lange Obstallee umgrenzte.

Der Hahn krähte. Die Tauben flatterten auf die Dächer. Das Ziegenböcklein meckerte im Stalle. Eine Menge Rauchsäulen stiegen aus den Schornsteinen empor. Der Knecht schirrte die Pferde ein, das Feld zu bestellen. Die Magd besorgte Futter für das Vieh. Es schien bereits darauf zu warten, denn die Kuh brummte, der Ochse brüllte, das Schwein grunzte, die Gans schnatterte und die Henne gackerte.

Bald darauf begann die Arbeit auf den Feldern. Hier zog ein Ochsenpaar einen schweren Pflug. Dort schleifte ein dicker Gaul eine Egge über ein knolliges Beet. Hier streute ein Landmann Korn auf einen wohlgedüngten Acker. Dort trieb ein Hirte eine wollige Heerde auf ein grasreiches Stoppelfeld.

So entwickelte sich von einer Viertelstunde zur andern ein immer regeres Leben, bis endlich der helle Tag die Menschen und die Thiere in voller Thätigkeit sah.

26. Ehre dem Tapferen.

(Declination der Artikel.)

Der Kasernenhof des vierten Reiterregiments war der Schauplatz einer großen Festlichkeit. Der Commandant des Reiterregiments übergab nämlich dem Wachtmeister der dritten Schwadron das eiserne Kreuz erster Klasse. Dieser brave Mann hatte dem Feinde vor dem Festungswalle eine Fahne entrissen. Die vielen Wundennarben des Tapferen zeigten noch von dem harten Kampfe um den Siegespreis. Die Stirn des Wachtmeisters war von einer feindlichen Kugel gestreift; an der Hand sah man einen Bajonettstich; in dem rechten Arme saß zur Zeit noch eine Kugel, die noch einen bedeutenden Schmerz verursachte.

Der Kasernenhof des Regiments war zu dieser Festlichkeit mit dem Laubwerke der Eiche geschmückt. An den Fenstern hingen Kränze. Ueber dem Haupteingange prangten des Königs Namenszug und das Wappen des Landes. Den Namenszug umflatterten eine Menge Fahnen. Vor dem Thorwege stand eine Art Ehrenpforte, deren Säulen bunte Blumenranken umspannen. Auf einem hohen Plumpenhäuschen, dem man ebenfalls ein festliches Gewand angelegt hatte, prangte die Fahne des Korps und wehte dem Helden ihre Grüße zu.

Das Musikchor spielte vor der Uebergabe der Auszeichnung den neuesten Sturmmarsch der Infanterie und nach der Feier einen Choral. Die Rede des Commandanten rühmte an dem Wachtmeister den großen Muth, die ausgezeichnete Tapferkeit und das treue Soldatenherz.

Der weite Kreis der Kameraden gönnte dem Braven den wohlverdienten Lohn. Eine solche Auszeichnung eines solchen Braven gab sogar einem Offiziere Veranlassung, bei Tische einen Toast auf ein so echtes Soldatenherz, wie der Wachtmeister besäße, auszubringen.

27. Die Rettung.

(Desgleichen.)

An dem Ufer eines Flusses spielten die Kinder eines armen Webers aus dem nahen Städtchen D. Sie ließen zuerst den Drachen steigen, den der ältere Knabe aus den Blättern des alten Hauskalenders gefertigt hatte. An dem Kopfe des Drachen sah man ein Gesicht mit einem schwarzen Barte. An dem Schwanzende flatterte ein Büschel bunter Federn. Da der Wind dem Spiele nicht günstig war und den Drachen nicht tragen wollte, schritten die Kinder zu einer anderen Unterhaltung. Sie suchten an dem Ufer des Flusses Muschelschalen und bunte Steine. Mit den Steinen wollten sie dann nach einem Stabe werfen, auf den sie einen alten Topf gestürzt hatten. Allein bei dem Suchen der Steine und der Muscheln glitt der kleine Paul von dem Ufer aus und fiel in den Fluß.

Sicher hätte das Kind des armen Webers den Tod in den Wellen gefunden, wäre nicht in dem nächsten Augenblicke ein Retter erschienen. Den Fluß daher kam nämlich der Diener eines Barons mit dem Pudel des Herrn. „Karo, apporte!“ rief der Diener dem Pudel zu und zeigte auf die Wellen und den mit dem Tode ringenden Knaben.

Das Thier stürzte sich sogleich in das Wasser, schwamm dem Kinde nach, packte es an den Kleidern und zog es glücklich dem Ufer und den übrigen Kindern zu. Welch eine Freude unter den Geschwistern! Sie küßten dem Diener aus Dankbarkeit die Hand und hätten am liebsten auch den Pudel geküßt.

Der kleine, ganz durchnäßte Knabe wurde nun sogleich der heimathlichen Hütte zugeführt, dort entkleidet, in ein wollenes Tuch eingeschlagen und in das Bette gebracht, in dem er sich noch im Laufe des Tages von seinem Schrecken wieder ganz erholte.

28. Mißgunst.

(Wiederholung.)

Ein Spitz und eine Katze zankten sich um ein Stück Fleisch. Der Spitz hielt es mit den Pfoten und die Katze mit dem Gebiß. Das Fleisch war gebraten und roch der Katze vortrefflich. Eben so sehr stach es dem Hunde in die Augen. Des Hundes Kraft war indeß stärker als das Gebiß der Katze und darüber ärgerte sich die letztere. Sie wehrte sich mit einer wahren Verzweiflung, denn sie wollte den Hund nicht Sieger sein lassen.

Eine Viertelstunde wol mochte der Kampf gewährt haben. Ein Pudel hatte schon eine geraume Zeit von einer kleinen Entfernung aus dem Kampfe zugesehen. Ein Entschluß war längst bei ihm gefaßt. Die Beute sollte ein Frühstück für ihn werden. Das Kampfspiel aber schien ihm eine gewisse Unterhaltung zu gewähren.

Jetzt indeß, nach Ablauf von etwa einer halben Viertelstunde, harrte er nur noch eines günstigen Augenblickes.

Die Augen der Katze leuchteten immer feuriger. Der Kamm des Spitzes schwoll immer höher. Da plötzlich sprang der schlaue Pudel dazwischen. Ein Ruck, ein Schluck und das Fleisch war verschwunden.

Einen Moment standen der Spitz und die Katze wie verblüfft. Bald aber zogen beide mit einem grimmigen Blicke auf den Räuber ab. Beide sahen jetzt ein, daß, da sie nur ein Stück Fleisch gehabt hatten, sie besser gethan hätten, eine friedliche Theilung vorzunehmen.

Das Zahlwort.

29. Der Würfel.

(Bestimmte Zahlwörter.)

Der Würfel ist ein ganz regelmäßiger Körper. Er hat sechs gleichgroße Flächen und zwölf gleichlange Kanten. Die Flächen enthalten vierundzwanzig rechte Winkel und bilden acht gleiche Ecken. Und hätten wir hundert oder auch tausend, ja eine Million verschiedene Würfel vor uns, wir würden an jedem ganz dieselben Verhältnisse entdecken.

Die Würfel, welche zum Spielen bestimmt sind, hat man auf jeder Seite mit Punkten versehen. Wir erblicken da einen Punkt, zwei, drei, vier, fünf und sechs Punkte. Man spielt mit zwei, drei, sechs, acht, auch zehn Würfeln und zählt dann diejenigen Punkte zusammen, welche die obenauf liegenden Seiten zeigen. So kann man bei zwei Würfeln zwölf, bei drei achtzehn, bei fünf dreißig, bei zehn sogar sechzig Punkte oder Augen gewürfelt haben. Die niedrigste Zahl würden bei zehn Würfeln zehn Punkte sein.

Das Spiel mit Würfeln ist nicht nur unterhaltend, sondern auch nützlich, indem man dabei eine Uebung im schnellen Zusammenzählen hat.

30. Ordnung.

(Ordnungszahlen.)

Der Lehrer Weizner hatte in seiner Klasse eine musterhafte Ordnung. Vom ersten bis zum letzten Schüler wußte jeder stets, was er zu thun hatte. Jeder Bankoberste hatte sein besonderes Aemtchen. So mußte z. B. der zweite Bankoberste die Schreibebücher, der dritte die Federn, der vierte die Rechenhefte, der fünfte die Bibeln austheilen. Der achte mußte für Reinlichkeit, der elfte für Lüftung des Zimmers sorgen. Dem zwölften lag das Abwischen der schwarzen Tafel ob. Kam der fünfundzwanzigste Tag des Monats, mußte der zehnte Bankoberste alle Censurbücher gesammelt haben. Diese aber durfte er nicht anders als wohlgeordnet übergeben. Es durfte z. B. das Censurbuch des fünfunddreißigsten Schülers nicht vor dem des vierunddreißigsten liegen.

Die Schreibefedern wurden auf ein Bret gesteckt. Jede trug eine Nummer am Halter. Auch auf diesem Federbehälter mußte Ordnung herrschen. Neben der vierzehnten Feder mußte die fünfzehnte, neben der vierzigsten die einundvierzigste stecken, sodaß beim Austheilen kein Irrthum entstehen konnte und z. B. der neunzehnte Schüler auch die neunzehnte Feder bekam.

Dieselbe eiserne Ordnung herrschte auch in Bezug auf die häuslichen Arbeiten. Jeden 15. oder 16. des Monats mußten die Aufsätze, jeden 10., 20. und 28. die Rechenbücher, jeden 12. und 24. die Geographiehefte eingegeben werden. In der 2. Stunde jedes 3. Wochentages wurden die gelernten Sprüche und Verse überhört.

So wohlgeordnet ging es fort Jahr aus, Jahr ein, vom 1. bis zum 365. Tage. „Und hätte ich es Euch schon zum tausendsten Male gesagt“, begann eines Tages der Lehrer, „muß ich es Euch doch immer wieder in Erinnerung bringen, daß es Euch äußerst heilsam ist, wenn Ihr Euch schon in Eurem ersten Schuljahre an strenge Ordnung gewöhnt. Ihr könnt es darin bis zu Eurem achten, also bis zu Eurem vierzehnten Lebensjahre, weit bringen. Und ich bin gewiß, Ihr werdet es in Eurem 60., 70. oder 80. meiner Strenge in diesem Punkte noch Dank wissen.“

31. Christbescheerung.

(Das unbestimmte Zahlwort.)

Es war kurz vor Weihnachten, als sich die Schüler einer Klasse vereinigten, einer armen Familie eine kleine Festfreude zu bereiten. Alle versprachen, irgend eine Gabe dazu mitzubringen. Mehrere Knaben, und darunter der Klassenoberste, wurden beauftragt, die Gaben in Empfang zu nehmen. Schon nach wenig Tagen ging das Sammeln sehr lebhaft. Einige Schüler brachten Kartoffeln, viele ganze Brode herbei. Etliche lieferten Stollen, manche Pfefferkuchen und Nüsse. Mehrere brachten abgesetzte Kleidungsstücke, die aber größtentheils noch sehr brauchbar waren. Einzelne schenkten Bücher und Bilder. Eine Anzahl hatte es auf Bleistifte, Federn und Schiefer abgesehen. Fast jeder spendete zudem einige Aepfel und Nüsse. Gab jeder auch nur wenige, wurde doch schließlich eine Unzahl daraus. Keiner auch hatte verabsäumt, in seine Sparbüchse zu greifen, um auch etwas klingende Münze beizulegen. Die meisten dieser Geldstücke bestanden in Groschen und Fünfgroschenstücken.

Daß die Geschenke so massenhaft eingehen würden, hatte sich keiner gedacht. Sämmtliche Schüler waren daher höchst erfreut, als sie am heiligen Abende in ihrer Schulstube die fast unzähligen Geschenke ausbreiten und ordnen konnten.

Unbeschreiblich glücklich aber war die arme Familie mit ihren zahlreichen Kindern, die alle diese Geschenke bescheert erhielt. Sie hatte jetzt nur allein an Lebensmitteln mehr, als sie in geraumen Wochen verzehren konnte. Wiederholt dankten die Armen warm und herzlich und mehrmals traten ihnen die Thränen in die Augen. Die Schaar der kleinen Wohlthäter aber feierte nun das Weihnachtsfest noch einmal so vergnügt.

32. Die Feuersbrunst.

(Zahlwörter zu Hauptwörtern erhoben.)

Es war der Letzte im Monat December, als in einem Dorfe, in welchem schon den Vierundzwanzigsten vorher ein Bauergut abbrannte, abermals Feuer ausbrach. Der Nachtwächter war der Erste, der es bemerkte und Lärm machte. Ein großes Haus, das dritte westlich von der Kirche, stand in hellen Flammen. Fürchterlich klang das Geschrei der armen Thiere, die noch in dem Stalle staken und nicht herauskonnten. Von den Hunderten, die zur Hilfe herbeigeeilt waren, wagte Keiner die rettende That und wenn man ihnen Tausende geboten hätte.

Da kamen zwei Wanderburschen des Weges daher. Diese Zwei, als sie das Gestöhne der Thiere vernahmen, entschlossen sich sofort, das Möglichste zur Rettung zu versuchen. Schleunigst warf jeder sein Bündel ab und gleich darauf sah man die kühnen Zwei auf allen Vieren zur Thür des brennenden Hauses hineinkriechen. Schon nach fünf Minuten waren die Thiere gerettet. „Wer sind diese Beiden?“ fragte man links und rechts. Es erfuhr indeß Niemand, wie sie hießen und wo sie her waren. Von Allen bewundert zogen die beiden Wanderburschen bald darauf ihres Weges weiter.

33. In der Strafanstalt.

(Biegung des Zahlwortes.)

Der Hauptmann von Lothardt war Direktor einer Strafanstalt. Er aber war durchaus kein Tyrann. Keinem seiner Sträflinge machte er das Leben absichtlich schwer. Jedes einzelnen Wohl lag ihm am Herzen. Was Andere in gleicher Stellung mit unzähligen Flüchen zu erreichen suchten, erreichte er mit wenigen, aber ernst mahnenden Worten.

Jeden Sonntag nach der Frühkirche mußten sich sämmtliche Sträflinge, die unter seiner Aufsicht standen, aufstellen und dann hatte er allen und jedem etwas zu sagen. Den ersten, dritten und vierten erinnerte er vielleicht, mehr auf Reinlichkeit zu halten. Zweien, dreien oder vieren hielt er vielleicht ihr trotziges Wesen vor und dergleichen. Bei dieser Gelegenheit theilte er sämmtlichen Züchtlingen Einiges mit, was sich im Verlaufe einiger Tage oder der letzten Wochen in der Welt zugetragen habe. Manchem erzählte er, was er über dessen Familie daheim erfahren, wobei nicht selten in vieler Augen Thränen sichtbar wurden. Auch nahm er zu gleicher Zeit Wünsche und Bitten in Empfang, worunter etliche allerdings oft sehr sonderbarer Natur waren.

Die jedesmaligen Bitten etlicher, heute einen Brief nach Hause schreiben zu dürfen, gewährte er gewöhnlich, obgleich ihm das Durchlesen sämmtlicher Briefe nicht leicht wurde.

Auf diese Weise erwarb sich der Direktor Aller Herzen und den meisten Sträflingen gingen beim endlichen Abschiede von demselben die Augen über. Vieler Gemüther erfüllte aufrichtige Dankbarkeit gegen den väterlichen Freund. Und mißbrauchten auch einige diese Güte, blieb er sich um zweier oder dreier willen in seinem Verhalten gleich. Er sagte oft: „Um Weniger halber sollen nicht Alle leiden.“

34. Im Kriege.

(Wiederholung des Zahlwortes.)

Es war den 5. September 1813, des Morgens gegen sechs Uhr. Fünfhundert Mann preußische Infanterie nebst drei Kanonen und etlichen Reitern nahmen Stellung gegen ein Dorf. Das Dorf bestand aus mehreren großen Gütern, einigen kleineren Gehöften und vielen zerstreut liegenden Hütten. Der Feind darin zählte gegen achthundert Mann nebst sieben Geschützen, die aber nur wenig Leute zur Bedienung hatten.

Der Angriff erfolgte nicht blos von einer, sondern von mehreren Seiten. Kaum aber waren zwanzig Kanonenschüsse gefallen, begann auch schon der Sturm von Seiten der Preußen. Hierbei zeichneten sich einzelne Soldaten ganz besonders aus. Das war ein Laufen! Jeder wollte der Erste im Dorfe sein und Keiner für einen Feigling gelten.

Bald standen sämmtliche Gebäude in Flammen. Nach fünfzehn Minuten war der Kampf entschieden. Die meisten Feinde flohen, viele wurden gefangen und gegen einhundertundfünfzig Mann bedeckten die Kampfplätze.

Von den Preußen waren nur wenige gefallen, wohl aber hatte durchschnittlich der zehnte Mann eine Verwundung erhalten.

Das Fürwort.

35. Ein Brief.

(Persönliche Fürwörter.)

Lieber Robert!

Du wünschtest, so viel ich gehört habe, ein Kaninchen von meinem Bruder zu besitzen. Ich kann Dir nun mittheilen, daß er gern bereit ist, Dir ein solches Thierchen zu schenken. Du sollst nur kommen und Dir eins aussuchen, dann wird er Dir es schicken.

Wir würden uns freuen, wenn Du heute schon kämst und auch den Emil Kappler mitbrächtest. Wir würden dann mit Euch einen Spaziergang unternehmen und Euch in den nahen Wald führen, woselbst sehr viel Heidelbeeren stehen, die Ihr gewiß alle gern eßt. Sie schmecken dies Jahr ganz besonders süß. Wolltet Ihr das nicht, könnten wir auch mit Euch zu Pastors Kindern gehen. Sie haben sehr viel Bilderbücher und Spielzeug. Sie besitzen auch eine kleine Kegelbahn, auf der wir sehr viel Vergnügen finden würden.

In der Hoffnung, daß Du vielleicht heute noch mit Deinem Bruder und dem Emil kommen wirst, und mit dem Versprechen, daß wir Euch so gut als möglich unterhalten werden, grüßt Dich

Dein Gustav Pernitz.

36. Schönheit bringt Gefahr.

(Besitz anzeigende Fürwörter.)

In einem Walde standen ein junger Tannenbaum und eine junge Fichte dicht neben einander. Beide stritten sich um ihre gegenseitigen Vorzüge. Das Tannenbäumchen sagte: „Mein Wuchs ist viel schlanker als deiner. Meine Aeste stehen weit regelmäßiger als die deinigen. Die Farbe meiner Nadeln ist schön dunkelgrün und glänzend; die Rückseite derselben ist sogar in Silber getaucht. Dein Kleid dagegen macht gar kein Aufsehen, denn seine Farbe ist einfach und matt. Ueberhaupt hat unser Geschlecht etwas Nobles, während eure ganze Sippschaft ein gewöhnliches Aussehen bietet.“

Die junge Fichte vertheidigte sich zwar, aber ihre Worte waren nicht so bitter. „Meine Gestalt und mein Gewand“, sagte sie, „sind nicht minder schön als dein Wuchs und dein Kleid. Unsere Aeste stehen dichter als eure und deshalb sind wir bei den kleinen Singvögeln beliebter. Ihre Lieder ertönen hell aus unsern Gipfeln und manches Vögelpärchen vertraut die Wiege seiner Kinder lieber unsern Zweigen an als den eurigen. Und wäre es wirklich wahr, daß dein Aeußeres das meinige an Reizen überträfe, so sei auf deiner Hut, daß dieser Vorzug nicht dein Unglück werde. Die Menschen sind schlimm und ihre scharfen Augen trachten oft nach dem Besten. Euer Geschlecht hat das schon oft empfinden müssen.“

Das Fichtenbäumchen hatte wahr gesprochen. Als Weihnachten kam, trat ein Bauer mit seinem Knechte herbei und sprach zu letzterem: „Nimm Dein Beil und haue mir dieses Tannenbäumchen ab. Seine Gestalt gefällt mir. Es soll meinen Kindern zum Christbaume werden und auf ihrem Weihnachtstische stehen.“

So wurde das Tannenbäumchen um seines schönen Aussehens willen frühzeitig gefällt, während die junge Fichte in ihrer einfachen Erscheinung unangetastet blieb und großwachsen konnte.

37. Die Natur.

(Bezügliche Fürwörter.)

Der Mensch, welcher die Natur aufmerksam betrachtet und die Wunder, die in ihr vorgehen, beobachtet, wird viel Gewinn für sein Herz, das ja für alles Schöne gern empfänglich ist, davon haben. Nicht blos der Sturm, der Bäume entwurzelt, sondern auch das Säuseln, das lind durch die Blätter zieht; nicht blos die Gletscher, die mit ihren Silberhäuptern über die Wolken emporragen, sondern auch das Sandkorn, welches von der leichten Welle des Waldbaches dahingespült wird; nicht blos die riesige Eiche, welche mit ihren markigen Armen einen weiten Luftkreis umspannt, sondern auch das Gänseblümchen, welches in schmucker Einfachheit zu unsern Füßen blüht, predigt uns die Allmacht Gottes.

Der zarte Staubfaden, der im Innern der kleinsten Blume sitzt; das haarfeine Fühlhorn, das wir auf dem Kopfe der Mücke entdecken; die strahlende Thauperle, die des Morgens am Grashalme zittert: sie alle zeugen von der Weisheit des Schöpfers.

Sieh den Sperling, welcher selbst im strengsten Winter auf der Straße sein Futter findet; die Raupe, welche an der saftigen Wolfsmilch nagt; das Käferlein, welches aus einem Blumenkelche trinkt: und Dein Vertrauen zu dem gütigen Schöpfer, der für alle Wesen, die er geschaffen, väterlich sorgt, wird sich wunderbar stärken.

So gleicht die ganze Natur einem großen Buche, das auf jedem Blatte Nahrung für Dein Herz bietet.

38. Aberglaube.

(Hinweisende Fürwörter.)

Die Bäuerin Zuckerriedel zeigte sich ungemein abergläubisch. Sie war dieselbe, welche eines Tages ein armes Bettelweib mit dem Stallbesen forttrieb, weil sie glaubte, dasselbe sei eine Zauberin. Sie war auch diejenige, welche sich allemal bekreuzte, so oft sie über einen Kreuzweg ging. Alles dasjenige, was in ihrem Kuhstalle vor sich ging, brachte sie mit dem Einflusse guter oder böser Geister in Verbindung. Denjenigen Fremden, der über ihre Schwelle trat, beobachtete sie mit mißtrauischen Augen und bald stand Dieser und Jener, der etwa einen Blick nach der Stallthüre geworfen hatte, bei ihr in üblem Verdachte.

Ganz anders war ihr Nachbar, der Bauer Menzel. Derselbe, welcher allerdings die nöthige Schulbildung genossen hatte, erklärte frei und öffentlich: „Alles Dasjenige, was nach Aberglauben riecht, ist eine Lächerlichkeit.“

Ganz Dasselbe sagte er auch zu seiner Nachbarin. Diese aber entgegnete ihm: „Derjenige, der mir so etwas sagen kann, sollte nur meine selige Großmutter gehört haben. Diese, welche sonst nicht eben leichtgläubig war, hat mir wiederholt erzählt, wie derselbe dreibeinige Hase, welcher noch heute zuweilen unser Gut umkreist, früher nachts in der zwölften Stunde vor der Stallthür gewesen ist und dieselbe angeniest hat.“

„Nun so hört, was ich jetzt sage“, erwiderte Menzel. „Ich verspreche Demjenigen, der mir meine Ochsen, und Derjenigen, die mir meine Kühe behext, je zehn Thaler. Und dasjenige meiner Kinder, das von irgend Jemand beschrieen wird, soll diesem, bis dasselbe zwanzig Jahre alt ist, jedes Jahr einen Scheffel Weizen überbringen helfen. Das sage ich Euch und ganz Dasselbe will ich auch im ganzen Dorfe bekannt machen.“

Die Bauerfrau erschrack beinahe über diese Tollkühnheit. Aber obgleich sich Niemand fand, der sich jenen Preis verdiente, wurde sie von ihrem Aberglauben doch nicht geheilt.

39. Räthselfragen.

(Fragende Fürwörter.)

„Heute will ich einmal eine kleine schriftliche Wiederholung mit Euch vornehmen“, sagte ein Lehrer eines Tages zu seinen Schülern. „Ich werde indeß meine Fragen so stellen, daß sie wie eine Art Räthsel klingen. Schreibt also folgende Fragen auf und die Antworten dahinter:

Wer hat das höchste Lebensalter erreicht? — Welche Spinne halten viele Leute fälschlich für giftig? — Welcher Kaiser starb auf der Insel St.-Helena? — Welches Thier frißt zuweilen seine Jungen? — Welchen Menschen nennt man einen Narren? — Welchem Volke gehörte zuerst Paulus an? — Was ließ Pilatus über das Kreuz Jesu schreiben? — Was für eine Art Bienen hat keinen Stachel? — Was für ein Insekt vermehrt sich am zahlreichsten? — Wessen Beruf ist mit viel Lebensgefahr verknüpft? — Welcher Blume zollt man das Lob der Bescheidenheit? — Wem verdanken wir die Entdeckung Amerikas? — Wen schlug das deutsche Heer bei Sedan? — Welche Rose trägt keine Dornen?“

Die Schüler beantworteten diese Fragen und fast alle hatten die richtige Lösung gefunden.

40. Eine schreckliche Zeit.

(Unbestimmte Fürwörter.)

Noch im vorigen Jahrhunderte glaubte man, daß Jeder, der rothe, entzündete Augen habe, mit bösen Geistern in Verbindung stehe. Jedermann erkannte es darum auch für Recht, daß solche Menschen beseitigt würden. Man verbrannte sie daher öffentlich auf Scheiterhaufen. Niemand hatte Mitleid mit einem solchen unglücklichen Opfer. Ja, ließ irgend Jemand merken, daß er Bedauern fühle, kam er in Gefahr, für einen gehalten zu werden, der mit dem Bösen auch etwas zu thun habe. Wurde eine oder einer von diesen armen krankäugigen Menschen verbrannt, so veranlaßte dies sogar eine Art Volksfest. Man hörte wol gar, wie der und jener jubelte, wenn die Flammen über dem Unschuldigen zusammenschlugen. Schließlich wurde die Asche des Verbrannten in alle Winde zerstreut, damit nichts mehr an ihn erinnere.

Gewiß dankt ein Jeder und eine Jede unter uns Gott, daß die Zeiten, da so etwas geschehen konnte, vorüber sind.

41. Ein Brief.

(Wiederholung der Fürwörter.)

Lieber Freund!

Deinen letzten Brief habe ich drei Tage später erhalten, als Du ihn geschrieben hast. Er ist bei meiner Tante liegen geblieben. Sie hatte denselben aus Versehen mit in ihre Papiere verpackt.

Dein Portrait, welches Du mir in dem Briefe beigelegt hast, gefällt mir und meinen Geschwistern sehr. Es ist ganz Dein Ebenbild. Dieser und jener, dem wir es zeigten, meinte freilich, es läge etwas in den Zügen, was man bei Dir nicht fände. Unser Papa aber sagte, das sei der Ernst, welcher sich fast auf allen Photographien ausgeprägt finde, und es werde Niemand ein besseres Bild von Dir und insbesondere von Deinen Gesichtszügen herstellen können.

Wer hat Dich denn eigentlich photographirt und was kostet das Dutzend solche Bilder? Du würdest mich sehr verbinden, wenn Du mir das in Deinem nächsten Briefe mittheiltest. So viel ich weiß, hat, außer uns, dies und jenes in unserer Familie die Absicht, sich auch portraitiren zu lassen. Es wird überhaupt dem und jenem unserer Bekannten lieb sein, zu erfahren, wer sich bei Euch in der Stadt als der beste Photograph bewährt.

Nimm für jenes Geschenk meinen besten Dank! Ich werde dasselbe stets hoch in Ehren halten, es einrahmen lassen und über meinen Arbeitstisch hängen.

Wie schon gesagt, werden wir uns auch photographiren lassen. Sobald diese Bilder fertig sind, sollen sie in Euer Album wandern. Es wird sie Dir Jemand überbringen, der sich nennt

Deinen treuen Freund Rudolph Melzer.

Das Zeitwort.

42. Auf dem Lande.

(Bezügliche Zeitwörter.)

Theodor bewohnte mit seinen Eltern eine Villa in der Stadt. Er zählte etwa zwölf Jahre. Ihm gefiel das Leben in der Stadt außerordentlich. Das Leben auf dem Lande kannte er gar nicht, denn er hatte noch nie ein Dorf besucht.

Eines Tages aber sagte sein Vater zu ihm: „Theodor, heute werden wir eine kleine Reise unternehmen. Ziehe Deine Sonntagskleider an. Hänge Deine Botanisirtrommel um. Nimm Dein Spazierstöckchen und stecke Dein Notizbuch zu Dir. Wir werden heute unsern alten Onkel überraschen, der ein großes Bauergut besitzt. Das Leben und Treiben auf diesem Gute wird Dir gewiß Vergnügen bereiten.“

Nach etwa zwei Stunden sahen Vater und Sohn das betreffende Dorf im Thale liegen. Bald war des Onkels Besitzthum vollends erreicht. Freundlich begrüßten sie den Alten. Herzlich hieß dieser die Gäste willkommen.

Nachdem ein gutes Frühstück eingenommen war, verließ Theodor das Zimmer. Er wollte dem Hofe einen Besuch abstatten. Aber welches Leben entdeckte er hier! Welch buntes Treiben gewahrten seine Augen! Bunte Tauben pickten ihr Frühstück von der Erde auf. Eine alte Gans führte ihre Jungen dem nahen Teiche zu. Der Pfauhahn schlug ein Rad mit seinem Schweife. Schwalben bauten Nester unter das Dach. Junge Schweine durchwühlten den Düngerhaufen. Ammi, der Haushund, jagte den alten Kater über den Hof. Der Kettenhund bewachte eifrig das Thor und wollte seine Kette zersprengen, wenn er einen fremden Menschen gewahrte.

Hier schirrte ein Knecht die Pferde ein und bespannte dann den Wagen. Ein anderer führte ein schmuckes Füllen aus. Ein dritter wetzte die Sense. Dort, auf einer Tenne, drasch man Getreide. Auf einer andern reinigte man Korn. Auf einer dritten siebte man Weizen.

Auch die Kuhställe boten viel Unterhaltendes. Die Großmagd fütterte die Kühe. Die Mittelmagd streute ihnen frisches Stroh unter. Die Kleinmagd melkte die Ziege. Ein Ziegenböcklein neckte unaufhörlich seinen Nachbar, ein scheckiges Kälbchen. Eine Heerde Kaninchen knapperte frische Krautblätter. Oben im Hühnerstalle saßen zwei Hühner und legten Eier.

Theodor durchstreifte jetzt auch den Garten. Wohin er sein Auge richtete, entdeckte er auch hier immer neue Bilder. Und so gewährte ihm das Landleben außerordentlich viel Freuden. Zuletzt wußte er nicht, sollte er das Stadt- oder das Landleben mehr loben.

43. Nach der Schlacht.

(Unbezügliche Zeitwörter.)

Die Waffen ruhen. Die Kanonen schweigen. Ihre Mündungen gähnen stumm in die Nacht hinaus. Die Reiter sitzen ab. Kein Säbel blitzt mehr im Sonnenglanze. Keine Flintenkugel heult und summt und zischt mehr durch die Luft. Die Soldaten hungern und dursten. Die Müdigkeit aber ist mächtiger als Hunger und Durst, und so liegen sie umher und schlafen. Nur der Wachtposten steht und lugt aufmerksam nach dem Schlachtfelde.

Dort sitzt freilich noch Mancher und blutet. Dort liegt noch Mancher und stöhnt und jammert. Wohl lächelt der Sieg, wohl duftet schon der Siegeskranz, aber die Schmerzen der Wunden wüthen immer ärger und ärger und lassen keine Freude aufkommen. Viele der Armen wachen und wimmern die ganze Nacht, ohne daß ihnen Hilfe werden kann. Ihre Hoffnung auf Rettung schwindet endlich. Hunderte verscheiden noch. Die Zahl der Todten wächst mit jeder Stunde.

Alle Aerzte sind beschäftigt, die Verwundeten zu verbinden. Ein Wagen nach dem andern fährt vor den Lazarethen vor, die Unglücklichen herbeizubringen. Die Sanitätssoldaten schwitzen bei ihrer anstrengenden Arbeit. Ganze Reihen mit Tragen, auf denen Verwundete liegen, kommen daher. Ja, das Elend nach einer Schlacht ist groß. Millionen jubeln und Tausende bluten!

44. Arbeitsstunde.

(Bezügliche und unbezüglich gebrauchte Zeitwörter.)

Eines Morgens trat der Direktor in die Arbeitsräume seines Institutes. Er wollte sehen, ob sich alle Schüler nützlich beschäftigten. In dem einen Zimmer saßen Knaben, in dem andern Mädchen. Ein Blick über die Knaben hinweg sagte ihm, daß alle thätig waren. Walther schrieb, Günther malte, Berthold zeichnete, Thomas rechnete, Ewald pappte, Rudolph schnitzte, Just heftete und Valentin las.

Ebenso regsam ging es in der Mädchenklasse zu. Sophie nähte, Fanny strickte, Elfriede stickte, Olga häkelte, Rosalie flechtete, Susanne lernte auswendig, Ottilie studirte in einem Buche, Helene sang und Jenny wiederholte eifrig.

Von hier ging der Direktor in die Küche, denn auch hier waren Mädchen beschäftigt. Er fand alle bei ihrer Arbeit. Lottchen kochte, Anna röstete, Louise bratete und Doris wusch auf.

Eine Stunde später durchschritt der Direktor die Räume noch einmal, um sich nun genauer zu überzeugen, worauf sich denn eigentlich die verschiedenen Thätigkeiten seiner Schüler erstreckt hätten. Da fand er denn Folgendes: Walther schrieb einen Brief, Günther malte eine Landschaft, Berthold zeichnete einen Esel, Thomas rechnete ein großes Divisionsexempel, Ewald pappte sich eine Mappe, Rudolph schnitzte ein Federkästchen, Just heftete ein Schreibebuch und Valentin las ein lustiges Märchen.

In der Mädchenklasse sah er, daß Sophie eine Schürze nähte, Fanny einen Strumpf strickte, Elfriede ein Paar Schuhe stickte, Olga eine Börse häkelte, Rosalie einen Klingelzug flocht, Susanne ein Gedicht lernte, Ottilie die Pflanzenklassen studirte, Helene die Wacht am Rheine sang und Jenny die Reformationsgeschichte wiederholte.

Als der Direktor in die Küche gehen wollte, kam ihm seine Frau entgegen. „Nun“, sagte er zu dieser, „was haben denn Deine kleinen Köchinnen heute geschafft?“

„Lottchen“, erwiderte die Direktorin, „hat Suppe gekocht, Anna Kirschen geröstet, Louise ein Hühnchen gebraten und Doris Schüsseln und Teller aufgewaschen, denn das müssen die Mädchen auch lernen.“

Der Direktor war mit dem Fleiße der Schüler sehr zufrieden und sprach ihnen sein Lob aus.

45. Eine Angstnacht.

(Unpersönliche Zeitwörter.)

In einem einsamen Felsenthale stand eine kleine, ärmliche Hütte. Darin saßen an einem schwülen Sommertage die Bewohner derselben, eine arme Bergmannsfamilie, bei ihrem Abendbrode.

„Es wird wol heute Abend noch regnen“, sagte der Vater. „Es umwölkt sich nach Sonnenuntergang zu.“

„Leicht möglich“, erwiderte die Mutter, „es hat schon lange mit Regen gedroht.“

„Es wird wol gar ein Gewitter geben“, sagte einige Minuten später der älteste Knabe. „Es blitzt schon und — höre ich recht — es donnert auch bereits in der Ferne.“

Daraufhin ging der Vater hinaus, um nach dem Himmel zu sehen. „Es kann ein hartes Gewitter kommen“, meinte er bei seiner Rückkehr. „Es tost und braust gewaltig in der Ferne. Und oben in den Tannen rauscht und heult es, als ob das wüthende Heer im Anzuge wäre.“

Binnen einer Viertelstunde stand das Gewitter über dem Thale und ein furchtbarer Sturm brach los. „Hört nur“, sagte die Mutter bänglich, „wie es draußen tobt und saust und wirthschaftet! Es gießt wie mit Gießkannen! Hu! wie es den Hausgiebel peitscht und wie es an die Fenster schlägt! Still! Krachte es nicht jetzt auf dem Dache?“

Alle lauschten. „Der Sturm wird einen Balken losgelöst haben“, sagte der Vater. „Hört nur auch, wie es in den alten Schindeln rasselt und hämmert und klappert! Das Dach wird morgen gut aussehen.“

Kaum hatte der Vater diese Worte gesprochen, zuckte ein mächtiger Blitz durch die Nacht und gleich darauf folgte ein furchtbarer Schlag. „Jetzt hat es sicher eingeschlagen“, rief der zehnjährige Gotthelf entsetzt.

„Sei nur ruhig, mein Sohn“, tröstete die Mutter, „es täuscht dies auch oft.“

„Horch!“ versetzte bald darauf der ältere Knabe. „Es läutet drüben auf der Kapelle. Es muß irgendwo brennen!“

„Es schlägt vielleicht bloß zehn Uhr“, entgegnete der Vater.

„Nein, nein“, sagte jener wieder, „ich höre es ganz deutlich, daß es stürmt.“

Wieder gebot jetzt die Mutter, aufzuhorchen. „War mir’s doch“, sagte sie, „als ob es draußen unter den Fenstern wimmere! Ja, ja, ganz sicher! Es wimmert und weint und schluchzt! Horcht! Jetzt klopft es an die Thür! Wer mag das sein?“

Der Vater eilte hinaus und brachte einen Bettler mit seinem jammernden Kinde herein. Der Arme hatte sich verirrt und bat um Obdach für diese Nacht, was ihm gern gewährt wurde.

Es wetterte, schloßte und hagelte wohl noch eine Stunde fort. Erst gegen Mitternacht verzog sich das Gewitter und ließ die armen Leute zur Ruhe gehen.

46. Auf dem Spielplatze.

(Abwandlung der Zeitwörter nach den Personen.)

„Ich spiele gern Soldaten“, sagte Bruno, als eine Anzahl Knaben beriethen, womit man sich unterhalten wolle. „Aber ich weiß schon“, wendete er sich an Karl, „Du spielst lieber Jagd. Und Otto dort hat auch keine Lust dazu. Er spielt am liebsten Räuber.“

„Nun, wißt Ihr was“, sagte Otto, „damit Jeder freie Wahl hat, theilen wir uns in drei Gruppen. Wir spielen Räuber und Ihr dort spielt Soldaten.“

„Und die Uebrigen?“ fragte Bruno.

„Sie spielen Jagd“, sagte Otto.

„Was soll denn aber die kleine Marie dort spielen?“ fragte Robert.

„Sie spielt einstweilen mit ihrer Puppe“, versetzte Arno.

„Und das kleine Suschen?“ fragte Robert wieder.

„Es spielt natürlich mit der Marie“, erwiderte Arno.

„Du lachst, Otto?“ fragte plötzlich Arno.

„Ich lache“, versetzte Otto, „weil Emil dort solch schnurrige Grimassen macht. Sieh nur hin, er lacht selbst über sich.“

„Ach so“, sagte Arno, „ich glaubte, Du lachtest über mich.“

Das Spielen begann. Die Kinder hatten sich in drei Gruppen getheilt und überall ging es lustig zu. Da auf einmal entstand bei der einen Partei ein helles Gelächter.

„Ihr lacht doch nicht etwa über uns hier?“ rief Arno hinüber.

„Nein“, rief Otto zurück, „wir lachen wieder über den Emil, den kleinen Kobold.“

„Und was lachen denn die fremden Kinder dort drüben, die gar nicht zu unserer Gesellschaft gehören?“ fuhr Arno fort.

„Ach, so laß sie doch“, sagte Otto. „Sie lachen, weil wir lachen, und das kann uns durchaus nicht stören.“

Nachdem die Kinder eine Stunde gespielt hatten, fingen sie zum Schlusse auch noch an zu singen. Besonders war es ein Liedchen, das sie gern immer und immer wieder sangen. In demselben kam der Vers mit vor:

Ich singe, du singest, er singt! Wie herrlich ein Liedchen doch klingt! Was immer die Tage auch bringen, Wir singen, ihr singet, sie singen.

47. Ein Feriengespräch.

(Abwandlung des Zeitwortes nach der Zeit.)

„Was machst Du denn da?“ fragte Bernhard, als er zu Horst ins Zimmer trat.

„Ich zeichne“, erwiderte Horst.

„Womit hast Du Dich denn gestern Nachmittag beschäftigt, Horst?“ fragte Bernhard wieder.

„Ich habe auch gezeichnet“, gab Horst zur Antwort.

„Ich glaubte, Du hättest Klavier gespielt, als ich vorbeiging“, sagte Bernhard.

„Nein, da hast Du Dich getäuscht, Bernhard“, erwiderte Horst. „Ich zeichnete.“

„Sicher aber arbeitetest Du nicht mehr“, sagte Bernhard, „als es abends neun Uhr geschlagen hatte, denn um diese Zeit, sah ich kein Licht mehr in Deinem Zimmer.“

„Allerdings“, entgegnete Horst. „Als es neun Uhr schlug, erholte ich mich im Garten. Ich hatte da meine Landschaft fertig gezeichnet.“

„Was wirst Du denn morgen vornehmen?“ fragte Bernhard weiter.

„Ich werde wieder zeichnen und zwar einen Affenkampf“, antwortete Horst.

„Und wann gedenkst Du damit fertig zu sein?“ sagte Bernhard.

„Ich werde dieses Bild hoffentlich schon nächsten Sonntag fertig gezeichnet haben“, meinte Horst. „Aber, sage mir, Bernhard“, fuhr er fort, „was treibst Du denn jetzt, während der Ferien?“

„Ich schreibe, ich lese, ich turne, ich bade und so weiter“, erwiderte Bernhard.

„Womit vertriebst Du Dir denn gestern die Zeit?“ fragte Horst wieder.

„Mit Allerhand“, sagte Bernhard. „Ich habe gemalt, an meiner Festung gebaut und einen Luftballon gefertigt.“

„Und was machtest Du vorgestern“, fuhr Horst fort, „als das fürchterliche Gewitter kam?“

„Was sollte ich thun?“ erwiderte Bernhard. „Ich ging in der Stube auf und ab, ich stellte meine Soldaten auf, ich hörte auf die herrlichen Donnerschläge und sah nach den prächtigen Blitzen. Als das Gewitter vorüber war, lobte mich mein Vater, denn ich hatte nicht die geringste Furcht gezeigt; ich hatte gespielt wie immer und hatte sogar meinen kleinen Geschwistern noch Muth zugesprochen.“

„Wollte nicht Dein Vater verreisen?“ fragte Horst weiter. „Was wirst Du denn dann anfangen, wenn Du allein bist?“

„Ich werde fleißig spazieren gehen und werde auch meinen Onkel einmal besuchen“, sagte Bernhard.

„Wolltest Du nicht auch Deine Tante in Berlin einmal besuchen?“ versetzte Horst wieder.

„Dies Jahr noch nicht“, entgegnete Bernhard. „Uebers Jahr aber werde ich mir so viel Geld gespart haben, daß ich diese Reise unternehmen kann.“

48. Aus einem Tagebuche.

(Die Aussageweise.)

Ich stand um sechs Uhr auf. Ich glaubte, es regne, es war indeß blos der Wind, der an den Giebel blies. Wenn es wirklich geregnet hätte, würde ich mich auch geärgert haben. Mein Vater sagte nämlich gestern Abend noch: „Kinder! Morgen früh zeitig aus den Federn! Ja nicht verschlafen! Ihr sollt mit mir in die Heidelbeeren gehen.“

„Ach, wäre doch nur ein schöner Morgen!“ dachten wir in unserer Freude. „Schiene doch die Sonne morgen früh recht klar und freundlich hernieder!“ sagte Bruder Johannes beim Zubettgehen noch.

Der Morgen war schön. Wir alle hofften, im Walde einige frohe Stunden zu verleben. Wir hätten schon um sieben Uhr aufbrechen können, wäre Eduard nicht so saumselig mit seinem Anziehen gewesen.

„Jetzt die Botanisirtrommel auf den Rücken und vorwärts!“ befahl endlich der Vater.

Wie lustig hüpften wir dahin! Wie freuten wir uns auf das Frühstück mit blauen Beeren! „Wären wir nur schon dort!“ sagte Johannes wiederholt unterwegs.

Endlich langten wir im Walde an. Zu unsern Füßen stand der saftige Frühstückstisch. Man glaubte, einen mit schwarzen Perlen gestickten grünen Teppich zu erblicken. Wir würden sofort an die süße Arbeit gegangen sein, hätte nicht der Vater jetzt gerufen: „Halt! Erst fünf Minuten abkühlen!“ — Wie sehnsüchtig blickten wir alle nach den herrlichen Beeren hin! „Daß doch die fünf Minuten schon um wären!“ wünschten wir alle.

Endlich begann der Schmaus. Jeder aß nach Herzenslust. Ich meinte anfänglich, ich äße die meisten Beeren, aber Eduard war doch noch fleißiger. Er sagte auch scherzend: „Wenn es möglich wäre, äße ich einen ganzen Scheffel voll!“

Nach etwa einer Stunde mochte der Vater meinen, wir könnten nun genug haben. „Jetzt Schicht!“ befahl er. „Alle her zu mir! Keine Beere mehr anrühren!“

Wir gehorchten. Johannes aber sagte mit einem tiefen Seufzer: „Ach, hätte ich nur noch fünf Minuten zulangen dürfen!“ Der Vater hatte dies gehört und erwiderte: „Wollte doch Monsieur Johannes einsehen, daß allzuviel ungesund ist!“

49. Ein Sommertag.

(Mittelwort der Gegenwart.)

Es war ein reizender Julitag. Auf den weithin sich dehnenden Wiesen lag duftendes Heu. Singende Schnitter mähten mit ihren blitzenden Sensen die wogenden Kornfelder. Hier trabten wiehernde Rosse mit einem leeren, rasselnden Erntewagen daher. Dort fuhr ein anderer, die goldglänzenden Garben hochaufgethürmt, langsam und mit schwankender Bewegung der Scheune zu. Ueberall sah man eifrig arbeitende und emsig schaffende Landleute mit glühenden Gesichtern und schweißtriefenden Stirnen.

An den noch grünenden Hügeln weideten blökende Heerden mit lieblich tönenden Glocken. In dieses anheimelnde Geläute mischte sich das jodelnde Lied und die knallende Peitsche der Hirten. Aus dem unzählige Früchte bergenden Walde erklangen die jubelnden Stimmen der eifrig pflückenden Heidelbeergänger.

Um die bunt leuchtenden Blumen auf den Rainen und an dem murmelnden Bache tanzten flatternde Falter, schwirrten schillernde Käfer, summten Honig suchende Bienen.

Ueber dem Allen aber schwebte am lachenden Himmel die trillernde Lerche, den allliebenden Schöpfer preisend, dessen segnende Hand die nährenden und erquickenden Gaben alle gespendet.

50. Unter dem Kreuze.

(Mittelwort der Vergangenheit.)

An einem vielbegangenen Feldwege stand ein gezimmertes Holzkreuz mit dem gekreuzigten Heilande. Das aus Kupfer getriebene, bemalte Bild zeigte hier und da durchlöcherte Stellen. Die beschädigten Theile rührten von den Geschossen einer unlängst hier geschlagenen Schlacht her.

Vor diesem entstellten und zersplitterten Krucifixe lag ein verwundeter Krieger. Sein abgezehrtes Gesicht zeugte von entsetzlichen Qualen. Sein umflortes Auge ließ auf einen baldigen Tod schließen. Der zerfetzte und beschmutzte Waffenrock, die verbogene Säbelscheide, der eingedrückte Feldkessel und der unverschlossene Tornister mit dem geleerten Brodbeutel vollendeten das Bild des Jammers.

Die abgemagerten Hände des gänzlich entkräfteten Kriegers falteten sich zum Gebete. Er hob den halbgebrochenen Blick zum sonnenbeleuchteten Kreuze empor. Seine erblaßte, vom Schmerze umzuckte Lippe lallte nur noch abgebrochene Worte. „Meine Mutter!“ war sein letzter Ausruf. Das erloschene Auge schloß sich und der tapfere Krieger war eine Leiche.

51. Ein Stück Kriegsarbeit.

(Mittelwort der Zukunft.)

Die zu stürmende Schanze lag auf einer bedeutenden Anhöhe. Die dabei zu überwindenden Hindernisse sahen drohend aus. Das zum Angriffe zu ordnende deutsche Heer schaute nicht ohne Besorgniß nach den zu übersteigenden Wällen empor. Das zu verwendende Geschütz und die zu benutzenden Sturmleitern standen bereit. Die zu verschießenden Bomben lagen hochaufgethürmt.

Jetzt wurden die zu besetzenden Punkte bezeichnet und die Orte der zu grabenden Minen erwählt. Der commandirende General war der Ansicht, das zu eröffnende Feuer müsse gleich mit allem Nachdrucke gegeben und das zu verwendende Pulver dürfe gleich anfänglich nicht geschont werden, damit die zu besiegende Schanzenmannschaft einen heilsamen Schrecken bekäme.

Der Kampf begann. Die Kugeln durchwühlten die zu erringenden Wälle. Die zu beseitigenden Palissaden stürzten von den schweren Geschossen und füllten die zu übersteigenden Gräben.

Endlich erfolgte der Sturm. Der zu überwältigende Feind wehrte sich tapfer. Die zunächst zu erobernden Vorwälle feuerten mörderisch. Aber umsonst. Der zu vollführende Befehl der Deutschen hieß: „Siegen oder sterben!“ Binnen einer Stunde war die zu nehmende Schanze in deutschen Händen.

52. Das Brod.

(Leideform.)

Die Mittagsglocke wird geläutet. Der Tisch wird gedeckt. Wir setzen uns daran. Das Gebet wird gesprochen. Messer, Gabeln, Löffel und die Zähne werden in Bewegung gesetzt. Fleisch, Gemüse und Brod werden gegessen. Das liebe Brod! Es wird sowohl an der Tafel des Kaisers als am Tische des Bettlers genossen. Wohl des Tages dreimal wird Brod von uns gegessen. Wie selten aber denken wir daran, wie es erzeugt wird, wie viel Hände dabei in Thätigkeit gesetzt und wie viel Schweißtropfen dabei vergossen werden.

Zuerst muß der Acker gedüngt werden. Dann wird er gepflügt und geeggt. Darauf wird er von der Hand des Landmannes mit Samen bestreut. Erdklöse, die durch ein abermaliges Eggen nicht zerkleinert worden sind, werden nicht selten jetzt noch durch eine Walze zermalmt.

Durch geheimnißvolle Kräfte wird nun der Keim in dem Korn entwickelt. Die Saat geht auf. Durch Sonnenschein und Regen wird sie von Tag zu Tag größer gezogen. Die Halme werden kräftiger. Nach mehreren Wochen werden die Aehren angesetzt. Sie blühen. Durch den Blütenstaub wird das Korn befruchtet. Es entwickelt sich. Bald darauf werden die Halme von der Sonne gebleicht und die Fruchtkörnchen gehärtet.

Jetzt wird das Korn gemäht und in die Scheune gebracht. Hier werden die Garben ausgedroschen, die Körner gesiebt, gereinigt und in die Mühle gebracht. Dort werden sie gemahlen und somit in Mehl verwandelt. Das Mehl wird dem Bäcker überliefert und von diesem in einen Backtrog geschüttet. Hierauf wird es mit Wasser und Sauerteig vermengt und zu einem Teige geknetet. Dieser Teig wird nun eine Zeit lang der Gährung überlassen.

Ist die Gährung erfolgt, wird der Teig zu Kugeln geformt und diese werden in den heißen Backofen geschoben. Damit die Brode Glanz bekommen, werden sie mit Wasser überstrichen. Sind sie gebacken, werden sie endlich in die frische Luft gestellt, damit sie abkühlen. Jetzt erst ist das Brod fertig.

Daß doch kein Bissen Brod gegessen werden möchte ohne den Gedanken, daß es vom lieben Gott gegeben wird und daß unzählige Schweißtropfen vergossen werden müssen, ehe wir es auf unsern Tisch bekommen.

53. Die Berufswahl.

(Wiederholung der Formen des Zeitwortes.)

„Du mußt Dich nun ernstlich entschließen“, sagte ein Vater zu seinem Sohne, „was Du einmal werden willst. Du zählst bereits vierzehn Jahre und kannst nun wissen, welche Berufsart Dich am meisten anspricht.“

„Ich will die Gärtnerei erlernen“, erwiderte August, „da kann man doch immer im Freien arbeiten, schalten und walten.“

Der Vater erklärte sich damit einverstanden und brachte den Knaben zu einem Lehrherrn. Bald aber kam August wieder nach Hause und klagte, er müsse zu viel hacken, graben, harken und sich bücken und überhaupt zu viel arbeiten. Er wolle lieber Jäger werden, da könne er den grünen Wald durchstreifen, das muntere Wild verfolgen, auf weichem Moose ruhen; und wenn es auch einmal regne oder schneie oder stürme, das sei schon zu ertragen und solle ihn nicht verdrießen.

Der Vater ließ sich bewegen und bald studirte August in einem Forsthause.

Allein auch das Leben im Walde gefiel ihm nicht lange. Es war ihm unbequem, daß er früh zeitig aufstehen, seinem Herrn die Stiefel putzen und wichsen und die Kleider klopfen und bürsten mußte. Er beschloß jetzt, ein Fischer zu werden. „Ein Fischer“, dachte er, „kann alle Tage auf den klaren Wellen umhergondeln. Er braucht nur das Netz auszuwerfen oder die Angelschnur in das Wasser zu halten, und die Fische fangen sich von selbst.“

So wanderte August zu einem Fischer in die Lehre. Sehr bald indeß verdroß ihn auch diese Beschäftigung. Daß er rudern, steuern, Netze stricken und flicken und oft im Wasser waten müsse, hatte er sich nicht gedacht. Jetzt bat er seinen Vater, ein Koch werden zu dürfen. „Ein Koch kann Tag für Tag etwas Gutes essen und trinken“, meinte er. „Er kann nie vom Hunger geplagt werden. Er steht stets vor dem Feuer und kann nie frieren. Er braucht sich auch nicht sonderlich zu mühen und zu plagen, denn das Essen kocht ja ganz allein.“

Was aber geschah? Schon nach vier Wochen kehrte August klagend und jammernd auch aus dieser Lehre zurück. Jetzt hatte ihm wieder nicht gefallen, daß er Kartoffeln schälen, Möhren schaben, Gurken hobeln, Pfeffer stoßen, Kaffee mahlen, Geflügel rupfen mußte und dergleichen.

Da aber tadelte ihn sein Vater aufs ernstlichste und sagte: „Wenn Du so fortfährst und keine Lasten ertragen lernen willst, wirst Du es zu nichts bringen und Du wirst schließlich zu den Taugenichtsen gezählt werden. Darum gehe jetzt auf der Stelle wieder zu Deinem letzten Lehrherrn, bitte ihn um Verzeihung, lerne arbeiten und gehorchen und die kleinen Unannehmlichkeiten geduldig hinnehmen. Niemals aber vergiß, daß jeder Beruf seine Lust und seine Last mit sich führt.“

54. Ein Zwist.

(Das Hilfszeitwort.)

„Ich bin sehr böse, daß Du in meinem Schränkchen gewesen bist“, sagte Laura zu ihrem Bruder Paul, der etwas naschhaft war. „Ich hatte sechs Aepfel darin und habe nur noch drei Stück. Ich werde auch nicht eher wieder gut werden, bis ich von Dir das Versprechen habe, daß Du mir drei andere schenken werdest. Und das wirst Du doch thun? Wir Schwestern sind nie in Eure Schränke gegangen. Ihr dagegen seid schon oft in den unserigen gewesen.“

„Nun gut“, sagte Paul, „wenn der Onkel seine Obsternte gehalten haben wird und ich bei ihm gewesen sein werde, sollst Du Deine drei Aepfel wieder haben. Ich wurde durch einen plötzlichen Aepfelappetit in Deinen Schrank verleitet. Seitdem ich aber überzeugt worden bin, daß Du das übel genommen hast und böse auf mich bist, thut es mir leid! Also magst Du nur einige Tage Geduld haben und guter Hoffnung sein. Der Verlust soll Dir reichlich ersetzt werden.“

„Ich habe immer Vertrauen zu Dir gehabt“, erwiderte Laura, „und bin von Dir in Bezug auf ein Versprechen noch nie getäuscht worden. Du wirst gewiß auch diesmal ein Mann von Wort sein.“

Die Obsternte hatte stattgefunden. Paul war bei dem Onkel gewesen. Laura wurde befriedigt. Sie konnte mit dem Ausgleiche sehr zufrieden sein, denn ihr Aepfelverlust war dreifach ersetzt worden.

„Nicht wahr“, sagte Paul lachend zu ihr, „nun bist Du nicht mehr böse und wir sind wieder gute Leute?“

„Aller Grimm, den ich in mir gehabt habe“, scherzte Laura „soll für immer getödtet sein. Du hast es ja auch nur zu gut gewußt, lieber Paul, daß ich es gar nicht so böse gemeint haben konnte. Ich würde auch wieder gut gewesen sein, wenn ich die Aepfel nicht ersetzt bekommen hätte.“

Die Umstandswörter.

55. Die Verirrten.

(Umstandswörter des Ortes.)

Lorenz und Albert waren in den Wald gegangen, um dort Erdbeeren zu suchen. Der Wald lag seitswärts von ihrem Dorfe und zwar hochoben auf einem Bergrücken. Bei dem Erdbeersuchen daselbst aber hatten sich die Knaben verirrt und wußten zuletzt nicht mehr, ob sie rechts oder links, vorwärts oder rückwärts gehen sollten. Nirgends auch stießen sie auf irgend einen Pfad.

Nachdem sie etwa eine Stunde hin und her und auf und nieder geirrt waren, fingen sie an zu rufen. Sie riefen überall hin, aber von keiner Seite kam eine Antwort. Und wieder liefen sie bald hierhin, bald dorthin, nach einem Ausgange suchend.

Schon ging die Sonne unter und Dämmerung sank in den Wald herab. Da wurde den Knaben ernstlich bange. „Westlich“, sagte Lorenz, „dürfen wir unbedingt nicht weiter gehen. Wir müssen uns ostwärts halten. Auch dürfen wir nicht aufs neue aufwärts, sondern müssen abwärts steigen.“

„Weißt Du was“, erwiderte Albert, „laß uns hier, rechts von dieser Felswand, hinabklettern. Ich glaube, dort unten muß unser Thal liegen.“

Lorenz stimmte diesem Vorschlage bei und so kletterten die Knaben den Abhang hinunter. Lorenz, als der Aeltere, stieg voran, Albert dagegen hielt sich mehr hinten.

Der Weg war nicht ungefährlich, denn es rollten sehr oft Steine von oben herab, auch gab es links und rechts kleine Schluchten.

Nach einem halbstündigen Marsche gelangten sie endlich, zu ihrer großen Freude, hinab in ein breites Thal. Hier sahen sie ein Licht von drüben herüberschimmern. Auf dieses Licht steuerten sie zu. Unterwegs stießen sie indeß noch auf ein Hinderniß, auf einen ziemlich breiten Bach. „Hilft nichts“, sagte Lorenz, „hier heißt’s: Hindurch und hinüber! Wenn wir auch unten ein wenig naß werden.“

Bald war das Licht und mit ihm eine Hütte erreicht. Das Licht stand vorn an einem kleinen Fenster. Daneben saß ein alter Waldarbeiter und las in einem Kalender. Er schien mitten in einer schönen Erzählung zu sein.

Die Knaben klopften an. Augenblicklich kam der Alte heraus. Kaum hatte er das Mißgeschick der Knaben vernommen, zündete er eine Laterne an und brachte die Verirrten eine Stunde weit das Thal dahin in ihr Vaterdorf zurück.

56. Ein Brief.

(Umstandswörter der Zeit.)

Liebe Susanne!

Erst neulich hast Du mir versprochen, daß Du mich nächstens besuchen wollest. Heute aber sind nun schon fünf Tage vergangen und immer noch erwarte ich Deine Ankunft vergeblich. Viertelstundenlang habe ich gestern und auch heute früh nach Dir ausgeschaut, aber wer nicht kam, war meine liebe Susanne.

Da Du nun stets Wort gehalten hast, fange ich bereits an, zu fürchten, daß Du unwohl geworden sein könnest. Sei doch so gut und schreibe mir sofort, ob Du krank bist, oder was Dich sonst gestern und vorgestern und noch früher von Deinem Besuche abgehalten hat. Wenn Du Dich sogleich hinsetzest — und wäre es auch abends noch — und mir antwortest, kann Dein lieber Brief spätestens morgen zehn Uhr in meinen Händen sein.

Jetzt laß Dir nun noch in aller Eile erzählen, was sich, seit wir uns das letzte Mal trafen, zugetragen.

Denke Dir nur, Nachbars Lenchen, die sonst immer so gesund aussah, liegt schon seit vorvorgestern hart darnieder. Sie klagt fortwährend über Kopfschmerzen und fiebert unaufhörlich. Erst seit heute hat sich etwas Schlaf eingestellt. Die Eltern haben natürlich sehr bald einen Arzt gerufen. Dieser hat die Kranke augenblicklich untersucht und verordnet, daß sie täglich zwei Stunden ununterbrochen schwitzen muß. Leider aber hat er auch gleich sagen müssen, daß der Krankheitszustand nicht blos noch tage-, sondern noch wochenlang anhalten könne.

Das arme Lenchen! Weißt Du noch, wie wir unlängst zusammen in der Laube saßen und spielten? Damals ahnte sie noch nicht, daß sie gegenwärtig werde das Bett hüten müssen. Möge ihr der liebe Gott recht bald die verlorene Gesundheit wiederschenken!

In der Hoffnung, umgehende Antwort von Dir zu erhalten begrüßt Dich aufs herzlichste

Deine Dir ewig getreue Natalie.

57. Der tolle Reiter.

(Umstandswörter der Zeit.)

Der junge Baron von Sydlow galt als ein sehr kühner Reiter. Die armen Pferde hatten es freilich nicht zum besten bei ihm. Dasjenige, welches er eben geritten hatte, rauchte gewöhnlich, wie ein Backofen. Selten ritt er blosen Schritt. Zuweilen fegte er dermaßen die Straßen entlang, daß Kies und Funken stoben. Oft sah man dann vor Staub weder Pferd noch Reiter. Manchmal schon waren Menschen in Gefahr gekommen, von ihm überritten zu werden. Oefters auch war er schon gestürzt, ohne indeß erheblichen Schaden zu nehmen.

Der Baron wurde von seinen Freunden wiederholt vor diesem gar zu tollen Reiten gewarnt. Sie sagten, es könne doch einmal schlimm ablaufen. Darauf aber erwiderte er jedesmal: „Mir kann nichts passiren. Selbst wenn mein Pferd einmal stürzt, komme ich allemal auf meine Beine zu stehen.“

Allein der Krug geht insgemein so lange zu Wasser, bis der Henkel bricht.

Der Baron ritt regelmäßig jeden Morgen um neun Uhr aus und traf niemals später als um elf Uhr wieder in seinem Schlosse ein. Eines Morgens sprengte er auch wieder zum Thore hinaus, aber — um nimmer wiederzukommen.

Von elf Uhr an erwartete man seine Heimkehr stündlich. Er aber kam nicht. Da endlich brachte eine alte Botenfrau, die täglich auf dem Schlosse verkehrte und den jungen Herrn schon jahrelang kannte, die Nachricht, daß er sammt seinem Pferde in einem tiefen Steinbruche läge. Roß und Reiter aber seien todt.

Man eilte sogleich hin an den Ort und fand die Hiobspost vollkommen bestätigt. Wie der Baron mit seinem Pferde in den Steinbruch gerathen war, konnte nicht ermittelt werden.

An der Stelle, wo das Unglück geschehen war, wurde ein Kreuz errichtet und dieses traurige Denkmal alljährlich am Todestage des tollen Reiters frisch bekränzt.

58. Am Bache.

(Umstandswörter der Weise.)

Eines Tages ging ein Großvater mit seinem Enkel gemüthlich im Walde spazieren. Indem sie so langsam dahin gingen, kamen sie an einen Bach. Seine Wellen plätscherten lustig dahin. Die kleinen, silbernen Schaumperlen drängten unaufhaltsam vorwärts. Ebenso eilig rollten Hunderte von Sandkörnchen auf dem klaren Grunde dahin.

Vor diesem Bache blieb der Großvater plötzlich stehen. „Sieh Dir dieses Wässerchen einmal recht genau an“, sagte er hierauf bedächtig zu seinem Enkel. „Es redet gar ernst zu Dir! Es predigt Dir nachdrücklich eine wichtige Lehre.“

Der Knabe sah dem Wellenspiele eine Weile unverwandt zu und sagte dann wie verwundert: „Was meinst Du damit, Großpapa?“

„Sieh, mein Kind“, erwiderte dieser feierlich, „wie diese Wellen schnell dahinfließen, so rastlos flieht die Zeit, so eilig geht unser Leben dahin. Ist es doch, als treibe ein Tropfen den andern. Ebenso drängt mächtig eine Stunde die andere. Umsonst suchst Du hier ein Tröpfchen, das noch einmal umkehre. Vergebens flehst Du eine Stunde Deines Lebens zurück. Stracks eilt hier jeder Tropfen dem großen Oceane zu. Gerade so eilen unsere Tage in das Meer der Ewigkeit.

Ob wir fromm und weise leben, oder anders: unser Weg geht schnurgerade nach dem Grabe. Tausende kommen unerwartet dort an und blicken dann oft reuevoll auf ihre Vergangenheit zurück. Darum hüte Dich fein, mein lieber Sohn, daß es Dir nicht auch einmal also ergehe.“

59. Der Geizhals.

(Umstandswörter der Stärke.)

Der Bauer Murmel war überaus geizig. Er aß sich kaum satt. Er trank nie ein Glas Bier, wie andere Bauern, sondern nur Wasser. Ein Rock mußte bei ihm mindestens zwanzig Jahre halten. Er arbeitete von früh bis abends fast ununterbrochen. Dabei strengte er sich oft dermaßen an, daß er plötzlich entkräftet zusammensank.

Höchst selten schlief er länger als vier Stunden. Sehr oft sah man ihn sogar noch vor Sonnenaufgang wieder auf dem Felde arbeiten. Des Sonntags an eine kleine Erholung zu denken, davon war er weit entfernt. Er sah es sogar nie gern, wenn ihn an diesem Tage irgend ein Freund besuchte. In die Kirche ging er gar nie. Das kostete ihn zu viel Zeit. Von ihm auch nur eine kleine milde Gabe zu erlangen, hielt außerordentlich schwer. Selbst die gesetzlichen Steuern zu zahlen, wurde ihm unsäglich sauer.

Seine Dienstboten hatten es unerhört schlecht bei ihm. Ihre Kost war unbeschreiblich mager und kärglich. Und dabei nun Lust und Liebe zur Arbeit zu zeigen, war doch am Ende zu viel verlangt. Uebrigens behandelte er sie beinahe wie Sklaven. Kein Wunder daher, daß er wenigstens alle Vierteljahre neue Leute hatte.

Auf diese Weise scharrte Murmel freilich schrecklich viel Geld zusammen. Die ärmeren Leute des Ortes hielten ihn sogar für unmenschlich reich. Was aber half ihm all sein Reichthum? Der Tod klopfte doch eines Tages unerbittlich auch an seine Thür. Daß aber der Geizhals nun von seinen Schätzen Abschied nehmen sollte, machte ihm die Sterbestunde ungeheuer schwer. Er kämpfte entsetzlich. Der Tod aber schloß ihm endlich erbarmungslos die Augen und bald darauf theilten sich seine Erben höchlichst vergnügt in seine Güter.

60. Die Landbewohner.

(Umstandswörter der Aussageweise.)

„Es ist durchaus unrecht“, sagte eines Tages Vater Wolfram zu seinen Kindern, „daß manche Städter die gewöhnlichen Landleute mißachten. Diese haben freilich keine hohe Schule besuchen können. Sie sprechen kein regelrechtes Deutsch. Sie gehen nicht in Sammt und Seide einher. Sie kleiden sich überhaupt keineswegs stets nach der neuesten Mode. Sicher aber sind sie trotzdem ganz ehrbare Leute.

Es finden sich wohl unter den Landbewohnern zuweilen rohe Naturen. Aber sind dergleichen etwa innerhalb der Stadt vergeblich zu suchen? Vielleicht trifft man gerade in den Städten oft mehr Ungeschliffenheit unter dem niederen Volke, als auf dem Lande. Jedenfalls darf sich keine Stadt rühmen, lauter anständige Bewohner zu zählen. Wir Städter würden es sicherlich bitter empfinden, wenn die Landleute uns einmal ihre Dienste versagen wollten. Wer Vorrath an Lebensmitteln hätte, könnte es allenfalls einige Wochen mit ansehen. Die Anderen aber würden wahrscheinlich sehr bald flehentlich bitten: Kommt wieder, Ihr lieben Bauern und bringt uns Brod, wir müssen ja sonst verhungern!

Darum, Kinder, fragt Euch, ob Ihr vielleicht auch einmal verächtlich auf jene Leute hingeblickt habt. Und wäre es ja der Fall gewesen, so dürfte das schlechterdings nicht wieder vorkommen.

Möglicherweise gehe ich in nächster Zeit mit Euch einige Tage auf das Land, dann werdet Ihr Euch gewiß selbst überzeugen, daß die Landbewohner wirklich allermeist kreuzbrave Leute sind, die unbedingt unsere Achtung verdienen. Wer freilich stolz auf sie herabblickt, dem begegnen sie allerdings nicht selten mit Mißtrauen.

Werdet Ihr sie bei ihrer schweren Arbeit auf dem Felde sehen, denkt Ihr gewiß bei Euch: Nein, um dieses Loos sind sie wahrlich nicht zu beneiden! Und doch, Kinder, hört man sie fast nie klagen, daß sie so recht im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod essen müssen.“

61. Die Staare.

(Umstandswörter der Frage.)

„Was sind denn das für Kästchen, die dort auf den Bäumen hängen?“ fragte der kleine sechsjährige Gustav seinen Vater, mit dem er eben an einem Garten vorüberging.

„Das sind Staarmästen, mein Sohn“, sagte der Vater.

„Wozu sind denn diese Staarmästen da, Papa?“

„Damit die Staare ihre Nester hineinbauen können.“

„Wovon bauen denn die Staare ihre Nester?“

„Meist aus Stroh, Heu und Moos.“

„Aber womit bauen sie denn? Sie haben ja keine Werkzeuge, wie Du, Papa, wenn Du einmal etwas baust?“

„Sie bauen mit ihrem Schnabel und mit ihren Füßen.“

„Wo sind denn aber jetzt die Staare? Man sieht ja keinen?“

„Sie sind zur Zeit noch nicht von ihrer Reise zurück, lieber Gustav.“

„Wohin sind sie denn gereist?“

„Nach wärmeren Ländern, weil es ihnen bei uns zu kalt wurde.“

„Wann reisten sie denn ab?“

„Sie reisen stets mit Eintritt des Herbstes von uns fort, weil es ihnen eben bei uns zu kalt wird.“

„Wie finden sie denn aber den Weg hin und zurück?“

„Den zeigt ihnen der liebe Gott, mein Sohn.“

„Ob sie denn nun bald wiederkommen?“

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