2. Unter den Linden.
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Eine lange Reihe von Jahren lag dazwischen. — Es giebt Momente, in denen wir Jahre verschwenden; es giebt Jahre, die uns in der Erinnerung zu Momenten zusammenschrumpfen. Wie wir sie durchleben — ob arm, ob reich: das nimmt oder giebt ihnen Gewicht. Als ein Krösus sich zu fühlen, im königlichen Pomp des Daseins, überschüttet mit allen Kronen des Lebens, seien sie von Damen, oder von Rosen, oder von Diamanten, oder von Lichtstralen — das preßt die Essenz des Lebens in flüchtige Augenblicke zusammen, die durch ihren Inhalt unermeßlich werden. Oder als ein Arbeiter sich zu fühlen, der pünktlich seine Aufgabe erfüllt und dafür seinen Lohn empfängt, von einem Tage zum andern, heute wie morgen, und der sich etwa nur Sonntags ein kleines Vergnügen bereitet, recht blaß, recht steril, ohne lange Vorfreude, ohne längeren Nachhall — das dehnt das Leben aus, ohne es zu erfüllen, und verwandelt lange inhaltlose Epochen in schnellvergessene Augenblicke. Hier ist das Dasein wie ein Goldfädchen, das dünn, dünn und immer dünner, bis zur Unscheinbarkeit und Unhaltbarkeit fortgezogen wird; dort ein Goldbarren .... so prächtig, so schwer, häufig zu schwer. So ist das Leben eingerichtet: am Ueberfluß oder am Mangel leidet der Mensch.
Es war in Berlin am Neujahrstage. Im ersten Stockwerk eines hellgrauen Hauses unter den Linden an der Ecke der Kirchgasse, saß ein noch junger Mann am Schreibtisch und schrieb. Vor ihm lag ein Brief von Frauenhand; er blickte zuweilen hinein, lächelte und schrieb weiter. Zuweilen legte er die Feder hin, lehnte sich zurück und verfiel in Nachsinnen. Die Mittagssonne glänzte hell ins Zimmer hinein. Es sah sehr freundlich, sehr wohlgeordnet aus, ebenso entfernt von Confusion, als von übertriebener Zierlichkeit. Kissen in Tapisserie genäht, lagen auf dem Sopha; an den Wänden hingen einige hübsche Lithographien, Blumen standen in den Fenstern.
Ein Wagen hielt vor dem Hause, und eine Dame stieg aus, begehrte mit der Besitzerin desselben zu sprechen, und hatte eine lange Unterhaltung mit ihr. Der Schluß davon war, daß die Dame ein wenig ungeduldig sagte:
„Nun, so werde ich selbst den Herrn darum bitten müssen! Sein Sie so gut, mich bei ihm zu melden.“
Die Hauswirthin ging voran, die Dame folgte ihr auf dem Fuß, und während sie die Treppe heraufstieg, fragte sie ein wenig besorgt:
„Der Herr raucht wol sehr stark?“
„Gar nicht, gnädige Frau,“ lautete die beruhigende Antwort der Hauswirthin, welche eben das Zimmer nach raschem Anpochen hastig öffnete, und hineinsprach:
„Herr Regierungsrath, die Frau Generalin von Beiron wünscht Sie zu sprechen.“
Der Mann machte eine lebhafte Bewegung, griff mechanisch nach der Brille, die neben ihm auf dem Schreibtisch lag, und setzte sie auf, indem er sich erhob.
Heutzutag hat ein Mann über dreißig Jahr entweder eine kahle Platte, oder er trägt eine Brille. An diesen Wahrzeichen sind die Söhne unsers Jahrhunderts zu erkennen. Wem sie fehlen, der gehört, mit seltnen Ausnahmen, den letzten Tagen des vergangenen an.
„Da ist der Herr Regierungsrath Forster,“ sagte die Hauswirthin zu der Dame.
Tosca Beiron und Sigismund Forster standen sich gegenüber. Er erkannte sie auf der Stelle. Er wunderte sich, daß sie den Namen trug, den einst ihre Mutter getragen, aber er war nicht einen Augenblick in Zweifel. Sie hatte die ganze Eigenthümlichkeit ihrer Physiognomie behalten: ihre beherrschenden Augen, ihr reizendes Lächeln, ihre unbefangene stolze Haltung; auch ihre Züge waren dieselben, nur ausgeprägter, schärfer, der Mund vielleicht etwas zu groß und die Stirn an den Schläfen nicht mehr ganz frisch. Mit einem Blick übersah es Sigismund. Von Kopf zu Fuß war sie in violetten Sammet gekleidet, und in der Hand hielt sie einen großen Strauß der allerschönsten Frühlingsblumen. Sie sah magnifik aus, als sie so mitten in dem sonnenerleuchteten Zimmer stand. Sie erkannte ihn nicht; oder vielmehr — sie dachte nicht daran, ihn zu erkennen. Sie hatte jetzt andere Gedanken, als ihn. Und überdies war Sigismund auch nicht mehr der schöne heitere Jüngling aus Bonn. Heutzutag ist das Leben eines Mannes, der seinen Weg auf ganz gewöhnlichem Wege machen muß, und darin durch keine allmächtige Protektionen und Connexionen unterstützt, oder durch keine ganz überwältigende Talente gehoben wird — anstrengend und mühselig. Und Anstrengung zerstört die Schönheit — die Schönheit der Züge, die des Ausdrucks nicht. Sigismund hatte scharfe Züge, und sah ernst und kalt aus, kalt sogar, wenn er verbindlich sprach und lächelte. Die Schmarre, welche ihm einst Hohenberg auf der linken Wange beigebracht, war durch einen starken dunkeln Bart bedeckt. Seine Augen hätten vielleicht die Strenge des Gesichts mildern können; aber die Brille verdarb sie, wie zu starker Firniß den Eindruck des schönsten Oelgemäldes schwächt. Bei dem Allen war etwas Festes und Klares in dem Gesicht, etwas, das Vertrauen weckte, und als er mit fester und tönender Stimme, und sich verbeugend, zu Tosca sagte:
„Was verschafft mir die Ehre, Sie hier zu sehen, gnädigste Frau?“
Da entgegnete sie zuversichtlich:
„Die Hoffnung, daß Sie mir eine große, eine übergroße Bitte nicht abschlagen werden.“
Sie setzte sich und fuhr fort, als er sie schweigend und erwartungsvoll ansah:
„Mit zwei Worten: ich wünschte, daß Sie mir diese Ihre Wohnung abtreten und dafür die im zweiten Stockwerk, welche ihr ganz ähnlich ist, nehmen mögten. Meinethalben würde ich weder Sie noch irgend Jemand mit dieser Bitte belästigen; ob ich eine Treppe oder drei steige, ist mir einerlei, und eben so, ob mein Zimmer nach Süden oder nach Norden liegt. Aber mein Mann ist krank, sehr krank; jeder Schritt wird ihm schwer, und mit der, den meisten Kranken eigenen Laune behauptet er, grade diese Wohnung, eine Treppe hoch, Südseite, und in der wir schon vor einigen Jahren gewohnt haben, sei ihm die bequemste, ja mehr! die heilsamste in ganz Berlin. Wir wohnen in British Hotel; es hat dieselbe Lage, allein das Geräusch des Gasthofs ist ihm unerträglich. Da drüben ist ein Haus ganz zu unsrer Disposition; er behauptet, durch die Lage nach Norden wären die Zimmer in Keller verwandelt. Auf der ganzen Südseite der Linden ist in keinem Privathause eine Miethwohnung frei, außer hier im zweiten Stockwerk — und die Linden .... verlassen Fremde so ungern“ .... —
„Gnädige Frau,“ sagte Sigismund, „diese Wohnung steht Ihnen sofort zu Befehl.“
„O Sie sind gütig!“ rief sie lebhaft.
„Es ist mir, wie Ihnen, vollkommen einerlei, gnädige Frau, wie viel Stufen ich zu meinem Zimmer zu steigen habe,“ sagte er ruhig.
„So freut es mich doppelt, daß Sie kein Opfer zu bringen haben, indem Sie den Wunsch eines beklagenswerthen Kranken erfüllen,“ entgegnete sie sanft. „Und wann würden Sie, ohne allzu unbequeme Uebereilung, diese Wohnung verlassen können?“
„Das Zelt eines einzelnen Mannes ist eben so leicht abgebrochen als wieder aufgeschlagen, gnädige Frau, und ich werde es heute und sogleich thun .... denn Ihr Herr Gemahl mag schon ungeduldig sein.“
Tosca stand auf und machte eine Bewegung, als wolle sie ihm die Hand geben; aber, sich besinnend, drückte sie beide Hände gefalten vor die Brust und sagte mit großer Herzlichkeit:
„Ach, daß Sie es thun würden, wußt’ ich wohl, aber wie — das konnt’ ich freilich nicht ahnen.“
„Und dürfte ich fragen,“ entgegnete Sigismund lächelnd, „was Ihnen im Voraus die Gewißheit meines Gehorsams gab?“
„O mein Herr!“ rief Tosca lebhaft, „die Außergewöhnlichkeit meiner Bitte! eine so extraordinäre Insolenz von meiner Seite muß durch einen sehr gewichtigen Grund motivirt und entschuldigt werden — und das wird der begreifen, dem ich meinen Wunsch ausspreche, und ihm willfahren; — so dacht’ ich. Allein, das Wie liebenswürdig zu finden .... darauf durft’ ich nicht rechnen.“
Sie ging der Thür zu, stand still, sah sich rings im Zimmer um und sagte:
„Ach, es ist freundlich hier! Sie haben hier gewiß manche angenehme Stunde, manchen lieben Augenblick verlebt, und wir verjagen Sie unbarmherzig, und machen Ihnen gar heute den Festtag zu einem recht unbequemen Werktag. Nun, ich danke Ihnen aus voller Seele! Ein warmer aufrichtiger Dank bringt mehr Segen, als alle Neujahrsglückwünsche.“
„Das glaub’ ich gern, gnädige Frau,“ entgegnete Sigismund und begleitete Tosca bis zur Treppe. Dann kehrte er ins Zimmer zurück, trat ans Fenster und sah sie in den Wagen steigen, der die Linden herauf fuhr. Ihm war leicht ums Herz, so, als habe er die knabenhafte Ungezogenheit von Bonn gut gemacht. Und wie sie schön ist, wie beherrschend durch Blick und Haltung! dachte er, als er ihr nachblickte; eine prächtige Erscheinung — ganz, wie sie zu werden versprach. — Neben dem Stuhl, auf welchem Tosca gesessen, lag eine Tazettenblüthe, wie ein kleiner goldener, aus dem Himmel auf die Erde gefallener Stern. Sigismund hob sie auf und legte sie in sein Portefeuille. Dann begann er seine Uebersiedelung. Damit verging der Tag. Am Abend saß Sigismund im Zimmer des zweiten Stockwerks am Schreibtisch, um den Brief zu beenden, bei dem er durch Toscas Eintritt gestört worden war. Drei Seiten waren beschrieben. Auf die vierte schrieb er:
„Ich bin unterbrochen worden, liebe Agathe. Aber es thut nichts, denn ich hoffe nächstens auf ein Paar Tage nach Magdeburg kommen zu können, und da holen wir mit Plaudern nach, was ich heut mit Schreiben versäumen mußte. Diese Aussicht macht Deine lieben freundlichen Augen noch freundlicher — nicht wahr? Gott segne diese lieben Augen, meine Agathe, damit sie nichts als Freude, Glück und Liebe auf der Welt sehen, und mir ins Herz blicken mögen.“
S. F.
Dreiviertel des letzten Blatts blieb unbeschrieben. Sigismund couvertirte den Brief und trug ihn selbst auf die Post. Er ging an British Hotel vorüber und sah zu einigen hellerleuchteten Fenstern im ersten Stockwerk empor. Da wohnt sie gewiß, dachte er, und mit einem kranken Mann! — Ihm fiel ein, daß es grade zwölf Jahre waren seit jenem Tage in Bonn, wo er sie so muthwillig gekränkt, und zum letzten Mal ihr schönes Gesichtchen, aber erbleichend und traurig, zwischen den Blumen im Fenster gesehen hatte. Am Abend spät war er wieder vorbei gegangen, und mehrmals auf und ab; seine Ungezogenheit that ihm gar so leid! Er wünschte glühend, sie gut zu machen, Tosca um Verzeihung zu bitten .... aber er sah sie nicht mehr, nie wieder. Ihre Mutter starb, sie erkrankte, sie reiste; er trauerte mit ihr, um sie. Wie ein Meteor, das man ein Mal sieht und nimmer wieder, so war sie aus seinem Horizont verschwunden. Jahre lang dachte er an sie. Wenn er eine schöne Blondine sah, so flüsterte eine Stimme ganz heimlich in ihm: „Fast so schön wie Tosca Beiron.“ Großer Schmerz kam über ihn, sein Vater starb und hinterließ seine Familie unbemittelt. Es folgten eiserne Zeiten voll Sorge und Anstrengung. Durch Schmerzen und durch Mühen mußte er sich kämpfen, und er that es. Die Seinen blickten mit Hoffnung und Liebe auf ihn. Er war ihr Trost, ihre Zuversicht, ihre Freude. Und so ging es ihm denn allmälig besser, und zuletzt gut. Jetzt hatte er im Hause seiner Schwester, die in Magdeburg mit seinem Universitätsfreund Friedrich verheirathet war, ein junges Mädchen kennen gelernt, das er herzlich lieb hatte. Er war mit ihr verlobt, im Frühling wollte er sie heirathen. Toscas Bild war erst blaß und nebelhaft in ihm geworden, dann verschwunden, wie eine Todte im Grabe. Das Leben rauscht darüber hin, und deckt es zu, und nimmt uns so in Anspruch, daß wir nicht Zeit haben, an unsre Todten zu denken. Ständen sie aber auf aus ihrem Grabe, in ihrer alten Schönheit, mit ihrer alten Macht, so würden sie uns wieder beherrschen, wenn sie uns je beherrscht haben; denn begraben können wir viel, aber tödten nichts.
Solche Bilder glitten an Sigismund vorüber, als er durch die Straßen ging. Er versuchte an die Zukunft zu denken, aber magnetisch zogen ihn die Gedanken in die Vergangenheit zurück. „Agathe, zu Dir!“ sagte er halblaut. — —
Am andern Morgen gegen zehn Uhr nahm der General Beiron die Wohnung in Besitz, welche Sigismund verlassen hatte. Zwei Diener trugen ihn aus dem Wagen die Treppe hinauf; er hatte die Brustwassersucht. Ein junger Mann, der schon zwei Stunden früher in Begleitung von Handwerkern und Trägern mit vielen Meublen und Geräthschaften gekommen war, empfing ihn und Tosca, und sagte:
„Ich hoffe, lieber Onkel, daß Sie ziemlich zufrieden mit meinen Anordnungen sein werden, und daß meine schöne Tante ein andres Wort, als ein spöttisches für mich hat.“
„Mein guter Ignaz, ich danke Dir!“ sagte der General freundlich, und gab ihm die Hand.
„Das wollen wir sehen, Ignaz,“ sagte Tosca und ging durch die Zimmer. Nach zwei Minuten kam sie wieder und sagte lachend:
„Ich muß Sie loben, mein Ignaz! in allen Zimmern ist etwas ganz Wesentliches vergessen. Hier im Salon ein Schachbrett-Tisch, im Zimmer meines Mannes Sophapolster, und in meinem Zimmer Blumen.“
„Sie sehen, lieber Onkel, daß ich wirklich Recht habe, mich ein wenig über die eiserne Unnachsichtigkeit meiner schönen Tante zu grämen. Gestern waren alle Magazine geschlossen; heute war’s bis früh acht Uhr Nacht. Ich schmeichelte mir, in zwei Stunden geleistet zu haben, was in menschlicher Kraft steht .... aber nein!“ ....
„Und abermals nein!“ unterbrach ihn Tosca; „denn Sie haben mich bis daher immer glauben machen, daß Ihnen zu meinem Dienst mehr als menschliche Kräfte zu Gebot ständen.“
„Ist sie liebenswürdig?“ sagte der General lächelnd zu seinem Neffen.
„Ach, ich bin unglückselig!“ rief Ignaz. „Eine solche Aeußerung müßte mir ja wenigstens Flügel und Zauberstab verleihen, und statt dem Allen steht mir nichts zu Gebot, als ein Miethwagen .... und mein guter Wille.“
„Mit dem guten Willen macht man hübsche Phrasen und weiter nichts!“ sagte Tosca lachend.
„Ich gehe schon, ich gehe!“ rief Ignaz; „aber gestehen Sie, daß es hart ist, nie ein Wort der Zufriedenheit zu hören .... wenigstens kein directes.“
Er verließ das Zimmer. Tosca blickte ihm seltsam nach, und der General sagte:
„Welch ein Mensch! welch ein goldnes Herz an Treue und Ergebenheit. Wahrlich, er gehört nicht unsrer Zeit und unsrer Welt an.“
„Das denk’ ich auch .... zuweilen,“ sagte Tosca. Ihr Mann sah sie fragend an. „Ja,“ fuhr sie fort, „mit dem Alter, glaub’ ich, kommt uns der Zweifel, und ich werde älter und immer älter, und da mein’ ich zuweilen, der Ignaz spiele Komödie.“
„Wenn er das thut,“ entgegnete der General, „so hat er sich wenigstens eine schöne und schwere Rolle gewählt.“
„O, nicht schwer!“ rief Tosca. Sie setzte sich zu ihrem Mann, sie nahm seine abgemagerte Hand in ihre weichen feinen Hände, sie sah ihm mit tiefer Innigkeit in das blasse, greisenhafte Gesicht.
„Doch! doch! mein guter Engel,“ antwortete er traurig. „Welch ein Leben führt Ihr Beide, Du und er, seit drei Jahren. Es ist hart in Eurem Alter Krankenpfleger sein zu müssen.“
„Für ihn vielleicht, nicht für mich, denn ich thue ja nichts weiter für Dich, als daß ich bei Dir bin .... und auch das erlaubst Du mir ja nicht immer.“
„Gewiß nicht!“ sagte der General eifrig; „Du mußt ausgehen, mußt mit Menschen verkehren, mußt Dir die Welt ansehen und ihre Huldigung und Bewunderung hinnehmen. Ja, das mußt Du! dazu bist Du geboren, und ich bestehe vielleicht aus Egoismus darauf. Nicht als ob es mir schmeichelte, Dich gefeiert zu wissen — wie das so oft alten Männern von schönen jungen Frauen geschieht — sondern weil es Deiner Eigenthümlichkeit zusagt, sich in bunten Kreisen zu bewegen, weil es Dich anregt, Dich heiter stimmt, Dir Gelegenheit giebt, Deine Liebenswürdigkeit zu entfalten; und weil der Mensch, wenn er sich auf seinem rechten Platz fühlt, zufrieden mit sich und mit Andern ist und Muth und Laune nicht verliert, die Du doch so sehr nöthig hast bei Deinem alten kranken Mann. Du siehst, wie egoistisch ich bin.“
„Wie gut Du bist,“ sagte Tosca sanft. Sie weinte nicht, aber die Thränen fielen ihr langsam und fest aus den diamantnen Augen. Der General machte eine leise verneinende Bewegung mit dem Kopfe.
„Ich kann besser Blut sehen als Thränen,“ sprach er.
Tosca schloß einen Moment die Augen, und that sie frisch und stralend auf. Er nickte ihr freundlich zu.
„Sag mir,“ hub er wieder an, nachdem er sich im Zimmer umgesehen, „wie heißt der Mann, den wir aus dieser freundlichen Wohnung vertrieben haben?“
„Regierungsrath ist er,“ antwortete sie; „die Hauswirthin nannte auch seinen Namen, aber, wie das bei Präsentationen immer geht, ich verstand ihn nicht.“
„Gleichviel! ich mögte doch sehr gern seine Bekanntschaft machen. Solche Bereitwilligkeit gegen wild-fremde Menschen ist erstaunenswerth.“
„Das dächt’ ich doch nicht,“ sagte sie gelassen.
„Lieber Engel, die meisten Leute scheuen weniger ein großes Opfer, als eine große Unbequemlichkeit, und eine solche haben wir ihm doch verursacht.“
„Das ist wahr!“ rief sie, „ich werd’ ihm zwei Worte schreiben.“
Sie schrieb:
„Sie müssen jetzt die Consequenzen Ihrer wundervollen Güte hinnehmen, und meinem Mann die Gelegenheit gönnen, Ihnen seinen herzlichen Dank auszusprechen. Es würde ihn betrüben, wenn er Ihre Freundlichkeit nur wie ein Almosen betrachten müßte — und mich auch
Tosca Beiron.“
Das Billet wurde herauf geschickt, und die mündliche Antwort lautete, der Herr werde später die Ehre haben, seinen Besuch zu machen.
Ignaz kam zurück; Blumen, Schachbretttisch, Sophapolster langten auch an. Es wurde Alles geordnet, eingerichtet, so viel wie möglich behaglich gemacht. Der General sagte endlich:
„Jetzt glaube ich, daß wir den Winter hier ganz leidlich verbringen werden.“
Da gab Tosca ihre Hand an Ignaz, und sagte mit ihrem holdseligsten Lächeln:
„Das ist hauptsächlich Ihr Werk! ich danke Ihnen.“
Ignaz küßte diese Hand, aber er drückte sie heftiger, als man bei einem Handkuß zu thun pflegt. Der General ging in sein Zimmer; er war angegriffen, der unruhevolle Morgen hatte ihn ermüdet. Seine Nächte waren ohnehin fast immer schlecht; Tags schlief er zuweilen im Lehnstuhl ein. Ignaz kniete auf Toscas Fußkissen vor ihr nieder, als sie allein waren, und sagte:
„Sie wissen, wie ein freundliches Wort, ein holder Blick von Ihnen mich beseligt: weshalb denn geizen Sie so unbarmherzig damit?“
„Ich geize nicht, Ignaz, ich verschwende nur nicht,“ antwortete sie ruhig, lehnte sich im Sopha zurück und ließ ihn knien.
„Tosca!“ sagte er und schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf, „Sie sind schön, Sie sind geistreich, Sie sind edel, Sie sind liebenswürdig...“
„Ja, ja, ja! ich bin vollkommen!“ unterbrach sie ihn.
„Nein,“ entgegnete er, „vollkommen sind Sie nicht.“
„Gott sei Dank!“ rief sie, „Gott sei Dank! denn vollkommne Menschen, hab ich mir sagen lassen, würden nicht geliebt — nur bewundert.“
„Aber warum wollen Sie geliebt werden? was liegt Ihnen an Liebe? — Sie lieben ja nicht wieder! Das ist Ihr einziger Fehler, Tosca, Sie haben ein eiskaltes, ein marmornes Herz: Sie können nicht lieben.“
„O doch!“ sagte sie höchst gelassen; „ich liebe meinen Mann, und nächst ihm — Sie.“
Ignaz sprang auf und rief heftig: „O entweihen Sie nicht die Liebe, indem Sie jenes dürftige Gefühlchen so nennen.“
„Dürftig wie es ist, füllt es mein Herz aus. Ich kann nicht dafür, daß Gott es so eng und klein gemacht hat,“ entgegnete sie spöttisch.
„Tosca!“ rief Ignaz ganz außer sich, „Du lästerst! Dein Herz“ .... —
„Ich bitte mir aus, Ignaz, daß Sie mich Sie nennen,“ unterbrach ihn Tosca, — „nun also: mein Herz“ .... —
„O Sie haben kein Herz! ich sagte vorhin, es sei von Marmor, aber es ist nicht wahr! Sie haben keins. Gott hat Ihnen den Stempel der Vollendung nicht aufgedrückt, Ihnen fehlt die Glorie des Weibes.“
„So sagen alle Männer, wenn wir ihnen nicht überwunden in die Arme — oder noch besser, zu Füßen sinken.“
„Ich zweifle nicht, gnädige Frau, daß Sie manche Erfahrungen der Art gemacht haben!“ rief er bitter.
„Ach Ignaz,“ sagte Tosca freundlich, „ergrimmen Sie Sich doch nicht so unnütz gegen mich, Sie wissen ja, wie ich gegen Sie gesinnt, daß ich Ihnen von Herzen gut bin. Wir haben ja längst mit einander ausgemacht, ich sei keiner leidenschaftlichen Liebe fähig, Sie meinen: weil ich zu kalt und stolz sei; ich sage: weil ich zu schüchtern bin...“
„Aber Schüchternheit hindert die Liebe nicht, steigert sie wol gar! Das schüchternste Mädchen liebt“ .... —
„Und wird dafür gekränkt und verletzt, Ignaz; dadurch verlernt man zu lieben.“
„Sie wollen nicht lieben, Tosca!“
„Ich hab’ oft gehört und gelesen, die Liebe sei ganz unabhängig vom Willen, und stärker als er .... und ich glaub’ es.“
„Warum?“ fragte Ignaz mißtrauisch.
„Inquisitor!“ warf sie hin. „Weil ich es mit dem Liebenwollen nie bis zum Lieben gebracht habe,“ setzte sie hinzu.
Ignaz stand mit untergeschlagenen Armen vor ihr, fixirte sie scharf und sagte: „Das ist mein Trost.“ Er sah recht schön aus. Schwarze Locken legten sich dick und schwer um seine Stirn, von der sich die Nase zart und grade herabsenkte. Die Augen traten tief unter den Augenknochen zurück; schwarze Brauen und lange schwarze Wimpern verschatteten sie dermaßen, daß sie wie unterirdisches Licht glänzten, wozu freilich auch ihre Farbe beitrug; sie waren gelb und der äußerste Rand der Iris war orangefarben. Scharf wie die Augen war auch der Mund, ganz klein, ganz festgeschlossen, mit schmalen purpurrothen Lippen. Im Ganzen war das Gesicht vielleicht noch frappanter, als es schön war, weil es den Antinous und den Vampyr verschmolz. Auf Tosca schien er übrigens weder den einen noch den andern Eindruck zu machen. Sie fing an in einem großen Korb von indischem Rohr, zwischen Wolle, Seide, Chenille und Stickmuster umher zu suchen, und sagte während der Zeit:
„Was wir ganz nothwendig haben müssen, das sind Reitpferde, lieber Ignaz. Gelt, die besorgen Sie?“
„Ich wundre mich, gnädige Frau, daß Sie nicht müde werden, Ihre Befehle einem so gleichgültigen Menschen, wie ich es Ihnen bin, zu ertheilen,“ sagte er gereizt.
„Wenn’s Ihnen zu viel wird, so lassen Sie sie unausgeführt! ich finde wol einen andern Vollstrecker nicht meines letzten — sondern überhaupt meines Willens.“
Diese Worte schienen Ignaz zur Besinnung zu bringen. Sein Ausdruck wurde sanfter, die leidenschaftliche Aufregung schien sich zu legen.
„Vergebung!“ sprach er mit schmeichelndem Ton.
„Gern, mein guter Ignaz!“ sagte sie ohne ihre arbeitsame Laune unterbrechen zu lassen.
Er ging. Auf dem Vorsaal begegnete ihm Sigismund, der eben die Treppe herabkam. Beide fixirten sich im Vorüberstreifen. Ignaz eilte fort. Sigismund ließ sich bei Tosca melden. Als er dem Diener, der seinen Namen nannte, auf dem Fuß folgte, und ohne Brille eintrat, erkannte Tosca ihn plötzlich, erröthete heftig und sagte sehr überrascht, fast verlegen:
„Sind Sie es?... mein Gott!“
„Ich glaube, wir sind alte Bekannte,“ entgegnete er, „und ich war schon gestern nicht im Zweifel, wen ich die Ehre hatte zu sehen.“
„Ich erkannte Sie nicht, und wahrscheinlich deshalb nicht, weil Ihr Auge wie ein Bild hinter Glas und Rahmen lag. Jetzt gut — sehr gut!“
„Doch wol kaum, gnädigste Frau; ein halbes Leben liegt zwischen heut und damals. Da verändert man sich, oft, durch und durch! Ernst tritt an die Stelle der Heiterkeit, Zweifel an die des Vertrauens, Ueberlegung an die der Unbesonnenheit.“
„Vielleicht ist das mehr bei Männern der Fall als bei Frauen,“ entgegnete Tosca. „Jene müssen ihre Stellung oder ihre Existenz der Welt abringen; diesen wird sie gemacht und dargeboten. Unser Leben ist von der Wiege bis zum Grabe recht sorglos und leicht, und daher verändern wir uns auch wenig.“
„Es freut mich von ganzem Herzen, daß Sie Ihr Leben leicht und sorglos nennen, gnädige Frau — und nicht blos darum, weil es für Ihre Zufriedenheit spricht, sondern ebensosehr, weil Sie es anerkennen.“
„Ja ja, ich weiß wol,“ sagte Tosca, „daß einige kleine Klagen über verschwundene Illusionen und unerfüllte Wünsche und zerknickte Hoffnungen uns sehr gut stehen; aber ich liebe es wahr zu sein, und da mir nichts zerknickt noch untergegangen ist, so versteh ich auch nicht graziös darüber zu lamentiren. Jetzt bin ich aber doch traurig,“ setzte sie ernst hinzu; „mein Mann ist leidend, und rettungslos. So spricht er selbst, so geben die Aerzte es zu verstehen. Es ist entsetzlich, keine andre Erlösung von so großen Qualen erwarten zu dürfen, als den Tod. Wissen Sie, was es heißt, Jemand leiden, hinsterben und sterben zu sehen, den man liebt?“
„Ich weiß es! ich habe meinen Vater an jammervoller Krankheit verloren.“
„Ihren Vater? ... o ja, das ist beklagenswerth. Aber sehen Sie, es ist doch noch ein andrer Schmerz. Ich habe auch meinen guten Vater verloren, und meine geliebte angebetete Mutter...“
„Damals war ich in Bonn.“
„Ich erinnre mich,“ sagte Tosca erröthend. „Nun, ich beweinte, ich betrauerte die Eltern, ich denke noch jetzt nie ohne Dankbarkeit für ihr Leben und Wehmuth um ihren Tod an sie; aber wenn der Mann uns stirbt, da fehlt uns die Erde unter den Füßen, da ist uns die Gegenwart und die Zukunft ruinirt; die Eltern gehören nur unsrer Vergangenheit an.“
„Die Natur hat Kräfte und Hülfsquellen, gnädige Frau, welche oft die Aerzte selbst überraschen“ ... —
Tosca schüttelte traurig den Kopf: „Seit drei Jahren leidet er an der Brustwassersucht; davon erholt man sich nicht! Er nicht! er ist nicht jung mehr, er ist im sechszigsten Jahr.“
Während Tosca gesprochen, hatte Sigismund sich unwillkürlich von dem General das Bild eines noch jungen Mannes entworfen, ihrem Alter angemessen, leidend an irgend einem Uebel, das durch eine starke Natur zu heben sein werde; — aber die Brustwassersucht, aber sechszig Jahr, aber ein kranker Greis! und für ihn solche Zärtlichkeit! das überraschte ihn so, daß er Mißtrauen gegen sie faßte, und in diesem Sinn sagte er:
„Tröstungen sind immer unstatthaft. Indessen gnädige Frau, sollte die bedeutende Altersverschiedenheit zwischen Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl Sie doch von Anfang an auf die Möglichkeit vorbereitet haben, ihn zu verlieren.“
„Ach!“ rief sie ein wenig ungeduldig, „wer denkt an so triste Möglichkeiten, wenn man glücklich ist? Es ist wahr! ich war 18 Jahr, als ich ihn heirathete, und er war 48. Allein der Unterschied der Jahre machte mir keinen andern Eindruck, als daß ich mich zuweilen zu jung für ihn fand; er kam mir nie zu alt für mich vor. Und dann .... daß man jung ist, ist ja kein Grund um lange zu leben.“
„Doch ist er gültiger für die Jugend als fürs Alter,“ erwiderte Sigismund lächelnd.
„Ueber die Jugend kommen die plötzlichen, die vernichtenden Stürme,“ sagte sie. „Im Frühling fallen im Gebirg die Lawinen — nicht im Winter.“
Sigismund sah sie an. Jung, schön, glücklich, und so ernst? dachte er heimlich; und weil er dachte, so schwieg er. Tosca sagte während der Zeit:
„Mein Mann wünscht sehr Ihre Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie diesen Wunsch ebenso freundlich erfüllen wollen wie seinen ersten, so müssen Sie ihn Abends besuchen; das ist seine gute Zeit. Er ist so gesellig, so mittheilsam, interessirt sich so lebhaft für Alles, was draußen in der Welt vorgeht, und kann jetzt nur noch durch Erzählung Anderer daran Theil nehmen. Aber das erfrischt ihn sichtlich. Zum Glück hat er hier manche Bekannte aus früherer Zeit, die ihm gern ein Stündchen schenken.... — Vergebung!“ unterbrach sie sich plötzlich und verließ rasch das Zimmer.
Sigismund blickte ihr nach. Er fand sie eine wunderherrliche Erscheinung, voll unsäglichem Adel, aber, dachte er noch immer mißtrauisch, warum spricht sie so viel von ihrem Mann? Tosca kehrte zurück.
„Vergebung,“ sagte sie, „ich hörte eine kleine Schelle, durch die mein Mann mich zu rufen pflegt.“
Sigismund stand auf.
„Ah!“ rief sie lachend, „haben Sie es übel genommen, daß ich Sie allein gelassen?“
„Ich muß mich wol sehr schlecht auf Pantomime verstehen, wenn Sie, gnädige Frau, die meine so deuten,“ antwortete er und setzte sich wieder.
Sie sprachen allerlei, über fremde Länder, Reisen, Kunst, Gesellschaft, Schicksale. Tosca hatte Vieles gesehen, Manches gedacht, Einiges empfunden, und — Nichts erlebt. Sie war an Allem vorbei geglitten, wie unter einer Taucherglocke oder wie in einem Luftballon. Erfahrung und Menschenkenntniß hatte sie gar nicht. Welch eine himmlische Unvollkommenheit! dachte Sigismund, und er konnte sich nicht enthalten, ihr diese Bemerkung auszusprechen.
„Das kann wol sein,“ erwiderte Tosca. „Ich bin mit nichts und mit Niemand in Conflict gerathen ... mein Mann denkt, sorgt, thut für mich; wie hätte ich es da wol anfangen sollen, um klug zu werden... — oder weltklug, wenn Sie lieber wollen,“ setzte sie mit heiterm Lächeln hinzu.
„Ich stelle es mir als das höchste Glück des Mannes vor,“ sagte Sigismund, „in dieser Weise neben einer Frau stehen zu können. Er kämpft für sie den ganzen Kampf mit der Wirklichkeit, und sie freut sich der Trophäen seiner Siege, ohne zu wissen, welche Anstrengungen sie ihn kosten.“
„Und dann,“ sagte Tosca mit fröhlichem Spott, „wird die Frau so prächtig bequem durch ihre Unwissenheit beherrscht.“
„Immer noch spöttisch wie sonst,“ sagte Sigismund.
Ihre Unterhaltung hätte vielleicht noch lange gewährt, wenn Ignaz nicht gekommen wäre.
„Graf Adlercron, meines Mannes Neffe, unser treuer Gefährte seit drei Jahren;“ sprach Tosca und nannte darauf Sigismund.
Ignaz machte ihm einen widerwärtigen Eindruck, obgleich er die verbindlichsten Manieren hatte; sie waren nur zu verbindlich; daher blieb auch Sigismund kalt und hoch. Er ging bald. Die Intimität zwischen Tosca und Ignaz mißfiel ihm. Er bat nicht um Erlaubniß wiederkommen zu dürfen, und da Tosca ihn schon einmal dazu aufgefodert hatte, so hielt sie die Wiederholung für überflüssig.
Einige Tage vergingen, ohne daß er sich um seine Hausgenossen bekümmerte, und nur zufällig sah er einmal Tosca und Ignaz in der Mittagstunde spazieren reiten — — wie der Engel des Lichts und der der Finsterniß! flog ihm durch den Sinn. Ein Brief, den er erhalten hatte, mogte ihn wol in dem Entschluß bestärkt haben, sich nicht mit diesen Menschen abzugeben.
„Lieber Sigismund,“ lautete der, „zum ersten Mal, seit Du mir schreibst, habe ich über Deinen Brief vom Neujahrstag und von Deinem Geburtstag keine reine Freude gehabt. Du wirst’s nicht glauben, und noch weniger glauben, wenn ich Dir die Ursache sage. Es war — weil ich nicht Deine Schrift durch das Couvert schimmern sah. Sonst, wenn ich Deine Briefe bekomme, überfluthet mich immer eine ungeheure Freude, noch ehe ich sie erbreche, weil ich durch das dünne Papier hindurch sehe, daß Du nicht ein Plätzchen leer gelassen hast, auf welchem ein liebes Wort stehen kann. Gestern erschrak ich und dachte: Jesus! er ist krank, er schreibt mir flüchtig! — Das war meine erste Empfindung bei Deinem Brief! ja, stell’ Dir vor, Sigismund, nicht Freude, sondern Bekümmerniß! — Hernach, als ich ihn las, verlor sich das; ach, wie sollte es nicht, wenn Du an mich denkst, und ich an Dich? Aber es that mir doch leid, daß der Brief so gelegt sein mußte, um mich durch sein ungewohntes weißes Blatt zu erschrecken; und dann, daß Du mir nicht erzählst, ob eine angenehme oder unangenehme Unterbrechung Dich gestört hat. Aber das Alles ging unter, als ich Dein Versprechen las, bald wieder herüber zu kommen, Sigismund meines Herzens! Es ist doch noch nicht so gar lange her, seit dem Weihnachtsfest; doch wenn ich daran denke, daß ich Dich seitdem nicht gesehen habe, so kommts mir vor wie tausend Jahr. Und wenn ichs recht bedenke, so ist mirs doch auch wieder ganz nah, denn noch jetzt leb’ und webe ich darin, und mit Dir! und ich höre Deine Stimme, und ich weiß jedes Wort, das Du gesagt hast, und ich fühle Deinen Blick, und es kommt eine große Freude über mich — weil ich Dich so sehr liebe! — Hör! was Du von meinen Augen schreibst — das machte mich glücklich, aber ganz himmlisch glücklich. Ich lief vor den Spiegel, und sah sie an. Ich sollt’s wol eigentlich nicht sagen, allein ich gesteh’ es Dir doch; ja, sie kamen mir hübsch vor, sehr hübsch, meine Augen! und wenn ich später nur erst immer und immer bei Dir sein werde, wie sollten sie da etwas Andres auf der Welt sehen, als Freude, Glück und Liebe? denn Du bist meine Freude, mein Glück und meine Liebe, Sigismund, und diese Gewißheit wird uns Beiden das Leben so verklären, daß auf der Erde unsrer Seligkeit kein Ende sein wird; — nicht wahr? und im Himmel da geht sie von Neuem an. — Ich bitte Dich, schreibe mir, wann Du kommen wirst; dann rechne ich die Stunden, Minuten und Sekunden bis zum Wiedersehen aus, und damit bild’ ich mir ein, vergeht die Zeit schneller. Geliebter Sigismund, leb’ recht wohl, und immer eingedenk Deiner Agathe.“
Er wollte Agathen und sich selbst so bald wie möglich die Freude des Wiedersehens machen, und da er sehr beschäftigt war, jeden Augenblick zur Arbeit verwenden, um früher frei zu werden.
Es war ein Uhr Nachts. Sigismund legte die Feder fort, um für heute sein Tagewerk zu beschließen. Da hörte er unten beim General Beiron, wo schon seit anderthalb Stunden Alles still gewesen war, heftig schellen, Thüren auf und zugehen, Schritte, Stimmen, große Unruh’. In einer Miethwohnung pflegt man sehr gleichgültig für seine Hausgenossen zu sein, allein der Gedanke, daß der General vielleicht im Sterben liege, erschreckte Sigismund, und noch mehr der, daß Tosca allein bei ihm sei, denn in solchem Moment zählen Dienstboten nicht und Ignaz, das wußte er, wohnte in British Hotel. Er ging herunter, wenigstens um Erkundigungen einzuziehen. Die Thür zum Salon stand auf, und Toscas Kammerfrau mitten drin, ganz verblüfft und verschlafen nach Art solcher Leute, die in ungewohnten Vorfällen vollkommen unbrauchbar zu sein pflegen, sobald sie nicht einen bestimmten Auftrag zu vollziehen haben. Dienstboten verstehen im Grunde nichts, als Befehle. Sigismund fragte nach dem Unfall. Das Mädchen antwortete im winselnden Ton. Als Tosca reden hörte, kam sie geschwind herein; sie glaubte, es sei der Arzt. Sigismund gewahrend versuchte sie zu lächeln und sagte:
„Es ist ein erstickender Anfall, Schlagfluß ... ich weiß auch nicht was! aber ich ängstige mich!... Wir haben Sie wol gestört?“ — Und ohne seine Antwort zu erwarten, ging sie zurück. Sie schien seine Gegenwart, seine Theilnahme ganz natürlich zu finden, und sie doch nicht im Geringsten auf sich selbst zu beziehen. Das Kammermädchen fuhr sehr gesprächig, aber in leiserem Ton fort, ihm von dem Befinden des Generals Bericht zu erstatten, und wie die gnädige Frau oft drei bis viermal Nachts aufstehe, um zu sehen, wie es ihm gehe, und wie der Herr General sie nie anders nenne als Engel — was sie denn auch wirklich sei, und sich den Himmel an ihm verdiene. Er hörte ihr aufmerksam zu. Ach, er kannte die Welt so lange und so tief, daß es ihm schwer ward an den Engel zu glauben, daß er das große Vermögen des Generals und seinen schönen Neffen immer im Hintergrund von Toscas Zärtlichkeit für ihren alten Gemahl gewahrte. Wenn er sie sah, verschwand dies Mißtrauen; aber wenn er nur ihre Verhältnisse überdachte, stieg es auf.
Der Arzt kam und ging zum Kranken. Sigismund blieb, um dessen Ausspruch zu erwarten. Da trat Tosca ein, sagte zur Kammerfrau:
„Machen Sie mir Thee;“ und dann hastig zu Sigismund:
„Gut! o gut, daß Sie da sind! nicht wahr, Sie sind Jurist, da können Sie ein Testament machen.“
„Mein eignes nur, gnädige Frau,“ entgegnete er fast verächtlich.
„Also nicht das meine?“ fragte sie traurig.
„Das Ihre!“ rief er überrascht; „aber dies ist ja gar nicht der Moment, um an das Ihre zu denken.“
„Sie meinen, an das meines Mannes,“ sagte sie und die Thränen rollten ihr langsam aus den Augen; „das ist längst gemacht, und ich weiß auch wie: ich bin seine alleinige Erbin. Aber eben darum will ich das meinige machen, oder vielmehr eine Donation“ .... —
„Eine Donation?“ rief er noch überraschter.
„Ja, des ganzen Vermögens, an Graf Ignaz.“
„Ah so!“ sagte Sigismund wieder abgekühlt.
„Denn sonst giebt es einen entsetzlichen Prozeß gegen mich von Seiten der Adlercronschen Familie, spricht Ignaz“ — fuhr sie fort und weinte heftiger — „und Sie sehen doch wol ein, daß ich mich nicht am Todbette und über dem Grabe meines Mannes um sein Vermögen mit seinen Verwandten zanken werde.“
„Und deshalb wollen Sie das ganze Vermögen an Graf Adlercron abtreten?“ fragte Sigismund mit dem höchsten Erstaunen.
„Ja,“ sagte sie; „er wird dann Alles arrangiren, denn er versteht es, und ich nicht.“
„Eben deshalb,“ rief Sigismund lebhaft und bewegt, „dürfen Sie nicht — verzeihen Sie das Wort! so unerhört unbedachtsam zu Werke gehen. Sie geben sich ja ganz in Graf Adlercrons Hände.“
„Nun ja! irgend Jemand muß meine Geschäfte führen; weshalb nicht er, der die Verhältnisse kennt?“
„Ich zweifle ja auf keine Weise an Graf Adlercrons Ergebenheit für Sie, noch an seiner Geschicklichkeit; — aber ist er selbständig, unabhängig genug, um nicht einen fremden Vortheil — ich sage nicht seinen eigenen — dem Ihren vorzuziehen?“
„Er ist ganz unbemittelt,“ sprach Tosca nachdenklich, „und er hat eine Mutter und eilf Geschwister.“
Sigismund taumelte fast zurück, dann sagte er dringend und ernst:
„Gnädige Frau, ich beschwöre Sie, in dieser Angelegenheit nicht mit allzu blindem Vertrauen zu Werke zu gehen. Hören Sie Rath und Vorschläge von Männern an, welche die Verhältnisse verstehen und auf keine Weise dabei betheiligt sind“ ... —
„Ich kenne Niemand als Sie,“ unterbrach sie ihn.
„Geben Sie mir Ihr Wort, vor der Hand nichts zu thun, und Sich zu nichts drängen zu lassen“ ... —
„Aber warum soll ich nichts thun?“
„Weil Sie noch nicht an dem Zustand Ihres Herrn Gemahls verzweifeln dürfen!“ rief er.
Indem trat der Arzt ein und sprach:
„Beruhigen Sie Sich, gnädige Frau! es ist ein vorübergehender Anfall, vielleicht eine geringe Erkältung gewesen. Sie haben nichts zu fürchten.“
Tosca dankte dem Arzt. Dann warf sie ein stralendes Lächeln auf Sigismund und sagte:
„Glücksprophet!“ und ging zu ihrem Mann.
Sigismund eilte auf sein Zimmer. Er warf sich in einen Lehnstuhl und den Kopf in die Hand. Aber sie wird ja ruinirt, dachte er, wenn sie in ihrer blinden Großmuth oder großmüthigen Uneigennützigkeit solche Thorheit begeht. Jenem Menschen, mit seinem affablen Lächeln, seinen glatten Worten und seinen stechenden Augen, der unbemittelt ist, und eilf Geschwister hat — und der, das ist ganz klar, sie zu diesem Schritt zu bewegen sucht — dem traue ich nicht! — Er nahm sich vor, Tosca zu bewachen, und Graf Adlercron zu beobachten. Ihm schien, als könne er dadurch einem großen Unrecht vorbeugen, heimliche Plane zerstören, welche eine arme, unbefangene Frau wie ein geschicktes Netz umgarnten. Er bat ihr heimlich den ungerechten Verdacht ab, den er gegen sie gehegt. Es freute ihn in der Seele, daß ihre prächtig edle Wesenheit ihre prächtig edle Erscheinung bedinge, daß ihr Herz so rein sei wie ihre Stirn, so hell wie ihr Lächeln, so hoch wie ihr Auge; daß ihre Seele ihrer Schönheit Wort halte. Er war innerlichst befriedigt, als habe er ein Kleinod, das er verloren geglaubt, überraschend wiedergefunden. Die Welt ist dermaßen in egoistischen Bestrebungen begraben, daß uns nichts so rührt, als die Uneigennützigkeit, die Absichtslosigkeit, welcher Art sie auch sei — wohlverstanden, wenn sie uns rührt; denn Viele betrachten den Eigennutz als eine Schutzwaffe, um nicht düpirt zu werden, und den, der ihn verschmäht, als einen Einfaltspinsel.
Gegen vier Uhr Morgens ging Sigismund wieder herunter, und fragte einen der Bedienten, wie es gehe. Der General war besser; Tosca hatte ihn eben verlassen, um die gestörte Ruhe zu suchen, und ganz beruhigt that Sigismund es auch.
Als Ignaz am andern Morgen wie gewöhnlich kam und durch den General den nächtlichen Unfall erfuhr, gerieth er in die heftigste Aufregung, beklagte sich über Vernachlässigung, über Vorenthaltung seines Rechts, in solchem wichtigen Moment nicht gerufen worden zu sein, so daß sein Onkel gar nicht wußte, wie ihn trösten und beruhigen. Ignaz verharrte in seiner Verzweiflung, und ging tief gekränkt zu Tosca.
„Mein Gott,“ sagte sie, nachdem er bitter geklagt, „ich dachte nur an meinen Mann, bis der Doctor kam, und als der ging, war ja fernere Sorge unnütz; wozu sollt’ ich Sie da noch rufen lassen?“
„Sie wissen, Tosca, daß ich jeden Augenblick der Sorge mit Ihnen theilen, und dadurch Ihnen erleichtern mögte, und es ist grausam von Ihnen, mir diese Befriedigung zu mißgönnen,“ sagte er heftig.
„Beau cousin,“ antwortete sie gleichmüthig, „die Theilnahme der Freunde ist sehr wohlthätig, so lange sie nicht in Zwang und Zudringlichkeit ausartet.“
„Das ist die Entschuldigung der Undankbarkeit!“ rief Ignaz immer heftiger.
Sigismund kam in dem Augenblick die Treppe herab, um auszugehen. Er hörte die heftige Stimme im Salon; sein geheimer Groll gegen Ignaz, dem er sie zuschrieb, erwachte; er wünschte ihn zu stören, und fragte den im Vorsaal sitzenden Diener, ob er die Frau Generalin sprechen könne. Der öffnete sogleich die Thür, und als Sigismund eintrat, rief ihm Tosca freudig entgegen:
„Es geht gut, recht gut! aber sagen Sie mir, welcher gute Geist Sie über Nacht herführte?“
Ignaz fuhr zusammen. Er war so überrascht, daß er vergaß sein Gesicht zu beherrschen, und daß aus seiner verbindlichen Miene ein Blick, wie ein plötzlich gezückter Dolch auf Sigismund flog. Der beachtete ihn nicht, sondern gab an Tosca die begehrte Antwort, und bat um Erlaubniß, am Abend wiederkommen zu dürfen.
„Das haben wir längst gewünscht,“ sprach sie, und Sigismund ging gleich darauf.
Kaum war er fort, so brach bei Ignaz ein wahrer Sturm aus. Vorwürfe, Bitten, Warnungen, Bestürmungen jagten einander. Tosca zuckte stumm die Achseln. Endlich rief sie:
„Mit welchem Recht sagen Sie mir eigentlich all diese Impertinenzen! ich bin wahrlich recht gütig, daß ich Ihnen nicht die Thür weise, und meine Liebe für meinen Mann muß sehr groß sein, um die Insolenz seines Neffen ertragen zu lassen.“
„Insolenz!“ rief Ignaz, und fiel wie geknickt in einen Stuhl. „Sie nennen Insolenz, wenn mir das Herz bricht, weil ich sehe, daß Sie einem wildfremden Manne Bevorzugungen gestatten, die Sie mir versagen.“
Tosca lachte hell auf: „Sie werden wahrhaft ergötzlich, armer Ignaz! Wären Sie vorhin nicht in Wuth gewesen, hätten Sie dem ‚wildfremden Mann,’ wie Sie ihn nennen, zugehört, so würden Sie jetzt wissen, wie es mit diesen Bevorzugungen zusammenhängt — ein Wort,“ setzte sie sehr ernst hinzu, „das übrigens mir gegenüber in Ihrem Munde höchst unstatthaft ist.“
„Nun zürnen Sie mir wol gar?“ .... rief Ignaz.
„Nein!“ unterbrach sie ihn; „Sie verstehen nur nicht die Verhältnisse — wenigstens nicht mich. Sie scheinen immer von geheimer Angst bewegt“ .... —
„Ich? von Angst? und von geheimer?“ rief Ignaz erschrocken; „ich habe kein Geheimniß vor Ihnen! mein Herz liegt vor Ihren Blicken da. Ich liebe Sie. Mein Leben, meine Zukunft .... die Zukunft meines Herzens — hängt von Ihnen ab.“ .... —
„O Ignaz! wie können Sie so zu mir sprechen?“ rief Tosca mit stolzem Unwillen. „Der beste, edelste Mann lebt, lebt in langer herber Qual; ich stehe an seinem Krankenbett mit den Gefühlen, die ich stets für ihn gehabt habe und die Sie kennen; Sie stehen ihm zur Seite als Sohn, mir als Freund, uns Beiden als Stütze; und Sie sprechen so zu mir! O schämen Sie Sich, Ignaz! das ist nicht recht!“
Sie stand auf, um den Salon zu verlassen. Er wollte sie zurückhalten, an der Hand, am Kleide; sie machte eine abwehrende Bewegung, und ging in ihr Zimmer. Ignaz blieb zurück, und in tiefen Gedanken. Ihm wurde diese Existenz neben einem kranken alten Mann und einer schönen unbeugsamen Frau nach grade unerträglich. Er lechzte nach Erlösung, nach Freiheit; aber er mußte nun schon in seiner Stellung verharren, um zu seinem Zweck zu kommen.
Als der General Beiron zehn Jahr nach dem Tode seiner ersten Frau die achtzehnjährige Tosca heirathete, war dieser Schritt ein Todesstoß für die Hoffnung seiner Schwester, der verwittweten Gräfin Adlercron. Sie hatte sich in diesen zehn Jahren daran gewöhnt, sein glänzendes Vermögen als die Erbschaft ihrer zwölf unversorgten Kinder zu betrachten; sie war ihrem Bruder oft lästig gefallen durch die Ansprüche, die sie an seine Gegenwart und Zukunft machte; sie betrachtete es als seine Pflicht, daß er gutmache an ihren Kindern, was der verschwenderische Graf Adlercron gegen sie gefehlt. Aber solche Ansprüche sind unerträglich! Die Familien sollten es sich doch endlich merken, daß das, was ein Onkel, ein Großvater für sie thut, von ihnen nicht als eine Pflicht — sondern als großmüthiger freier Wille betrachtet werden muß, sobald ihnen daran gelegen ist, den Geber nicht zu verstimmen oder gar zu erbittern. Kein Mensch läßt es sich gern gefallen, bei seinen nächsten Anverwandten für einen Ziehbrunnen des Glücks zu gelten, aus welchem zu schöpfen jedem Neffen, jeder Nichte, jedem Enkel frei steht. In ihrer Habgier und Unersättlichkeit vergessen diese die menschliche Schwäche zu schonen, die für ihre Güte und Wohlthätigkeit Dank — oder mindestens Anerkennung, wenn nicht öffentlich begehrt, doch heimlich wünscht. General Beiron fand die Ansprüche seiner Schwester mit Recht eben so lächerlich, als unaushaltbar. Er war ein schöner stattlicher Mann; er hatte eine so glückliche Stellung in der Welt und einen solchen Ruf von Tüchtigkeit, daß er wol glaubte, mit diesen Eigenschaften noch gefallen, und in der Ehe glücklich werden zu können. Auf einer Reise in der Schweiz traf er ganz absichtslos mit seinem Namensvetter, Toscas Vater, und mit ihr selbst zusammen, und die Folge davon war seine Heirath. Gräfin Adlercron machte ihm Szenen, überhäufte ihn mit Vorwürfen; das hätte er vielleicht ihrer mütterlichen Zärtlichkeit vergeben. Allein sie vergaß sich so weit, Tosca eine raffinirte Kokette zu nennen; und das vergab er ihr nicht. Die Geschwister sahen sich von dem Augenblick an nicht mehr. Der General gab der Gräfin nach wie vor das Jahrgeld, welches sie dringend für die Erziehung ihrer Kinder bedurfte. Sie nahm es, weil sie es nicht entbehren konnte, allein sie nahm es mit Groll, und der Haß gegen ihre Schwägerin wuchs dadurch, denn sie hätte ihr gern einen bösen Einfluß hinsichtlich ihrer auf den General zugeschrieben, und sie konnte es nicht. Schuld und Fehler bei einem Feinde zu finden, erleichtert das Herz, das sich dem Haß hingegeben hat, weil es sich dadurch gleichsam in seinem Recht fühlt; das Gegentheil beschwert es.
Tosca versuchte es, ihren Mann milder gegen seine Schwester zu stimmen, um ihn allendlich mit ihr zu versöhnen. Mit wundervoller Festigkeit widerstand er ihr. Er kannte die Charaktere beider Frauen, und daher wußte er, daß eine wirkliche Annäherung zwischen ihnen unmöglich — und eine scheinbare für Tosca auf eine oder die andere Weise nachtheilig oder schmerzlich sein würde; und seiner Frau galten seine ersten, seine höchsten Rücksichten. Er liebte sie mit tiefer Zärtlichkeit, so wie in der Ehe der Mann das Weib lieben muß, mit dem stets wachen Bewußtsein, ihr Schutz und Schirm gewähren, ihr Halt und Stütze sein zu müssen. Er ließ sich nicht von ihrer Schönheit blenden, und durch ihre Anmuth gängeln. Er wußte wohl, daß das Glück einer Frau nicht darin besteht, daß der Mann zu jeder Laune, jedem Wunsch, jedem Einfall Ja spreche; sondern wie er Ja oder Nein spricht — darin liegt ihr Glück. Eine Frau, welche nie ein brutales Nein! nie ein verdrießliches Ja! gehört hat, ist selig zu preisen. Ich weiß aber nicht, ob es eine solche giebt.
Das fühlte Tosca, und mit jener tiefen Dankbarkeit, die jedes unverdorbene Frauenherz für den Mann empfindet, der ihm die Abhängigkeit leicht macht. Er hatte Alles, was das Vertrauen einer Frau weckt: Sicherheit, Erfahrung, Verstand, ernste Gesinnung. Wo inniges Vertrauen, ist Liebe nicht fern; — ich meine die beglückende Liebe, nicht die Leidenschaft mit ihren Qualen und Entzückungen. Tosca liebte ihren Mann, und nur ihn. Die kleine, flüchtige, fast noch kindische und dennoch unvergeßliche Begegnung mit Sigismund Forster hatte ihrem stolzen, zarten Herzen eine Wunde gemacht, dessen Narbe ihr kein Schmerz, aber eine beständige Erinnerung war. Sie hatte Scheu vor den Männern; nicht in der Gesellschaft, da war sie ihrer Ueberlegenheit und Herrschaft gewiß; aber mit ihren Gefühlen einem Mann gegenüber. Um nicht verletzt zu werden, hielt sie sich immer hoch und fern. Das entsprang nicht sowohl aus Räsonnement, als aus ihrer Natur, die nicht in Glut aufloderte, nicht in wehenden Flammen stand, wol aber tiefen Feuers fähig war. Sie galt für kalt, für übermüthig, für wegwerfend: es war ihr gleichgültig, denn ihr Mann liebte sie und sie fühlte sich glücklich. Durch ihre Unbefangenheit, ihre Frische, vielleicht auch durch ihre prächtige Schönheit, gefiel sie allgemein und überall; auch das war ihr gleichgültig — nämlich so, wie es einer Frau gleichgültig sein kann: sie nahm Huldigung und Bewunderung sehr gelassen hin, allein sie würde sich doch ein wenig verwundert haben, wenn sie ausgeblieben wären.
Acht Jahr vergingen ihr in den glücklichsten Verhältnissen. Daß ihre Ehe kinderlos war, störte nicht das gute Vernehmen. Durch alle Liebenswürdigkeit, die ihr zu Gebote stand, bat Tosca um Vergebung für diesen Fehler, der von manchen Männern so streng gerügt wird; und der General liebte in Tosca die Frau, die er hatte, und das Kind, das ihm fehlte. Eine heftige Erkältung bei einem Manoeuvre zog ihm da die Krankheit zu, von der er nicht wieder genas, obgleich er seinen Abschied nahm, und in Bädern, bei berühmten Aerzten, in besserem Clima die Genesung suchte.
Als Gräfin Adlercron von der Krankheit ihres Bruders hörte, durchblitzte sie dämonische Freude und dämonischer Schreck. Freude: wenn der General starb und die kinderlose Frau zurückließ, so war die Möglichkeit wieder da, durch Prozeß, oder List, oder Schmeichelei, gleichviel wie! das Vermögen an ihre Familie bringen zu können. Schreck: bis jetzt war die Ehe kinderlos gewesen; gegen die Wittwe ihres Bruders waren Machinationen zu versuchen, aber nicht gegen die Mutter seiner Kinder! wie, wenn Tosca das wüßte? Um jeden Preis mußte einem solchen Ereigniß vorgebeugt werden. Sie kannte Tosca nicht, und sie hielt sie gemeiner Gesinnung und niedriger Handlung fähig.
Ignaz, der älteste Sohn der Gräfin Adlercron, war damals dreiundzwanzig Jahr alt. Sie hatte ihren Kindern die äußere Erziehung geben lassen, welche man in der Gesellschaft in einem gewissen Stande begehrt: jene oberflächliche Politur von Kenntnissen und Talenten, welche mit der wahren Bildung so wenig Aehnlichkeit hat, als Theaterdekoration mit der Gebirgsnatur. Für die innere Erziehung hatte sie nur eine Lehre: der Name Adlercron berechtige sie zu den höchsten Ansprüchen, und um diese in der Welt geltend zu machen, sei vor Allem Glanz nothwendig, Glanz der Stellung, des Vermögens, des Ranges — und besonders des Namens, damit kein andrer dem Adlercron’schen gleichkomme. Nach diesem Prinzip verheirathete sie auch ihre Töchter, die zu sehr vom mütterlichen Einfluß beherrscht waren, um nicht gern und ganz die Ansichten der Mutter zu theilen. Sie war schlau und intrigant, die Mädchen waren sehr hübsch. So wie eine von ihnen erwachsen war, wußte sie eine Partie zu finden. Die Aelteste war mit einem Mann verheirathet, der dem Blödsinn so nahe war, wie es möglich ist, ohne unter Curatel gestellt zu werden; aber Graf und von kolossalem Vermögen. Die Zweite, mit einem Taugenichts, Spieler und Verschwender, dessen uralter gräflicher, mit fürstlichen Familien verwandter Name, der Gräfin Bürgschaft für das Glück ihres funfzehnjährigen Kindes gab. Die Dritte, mit einem gichtbrüchigen Greise von einigen sechszig Jahren, bei dem der Graf und viele Orden den Mangel an Jugend, Vermögen, Geist und Liebenswürdigkeit ersetzen sollten. Die Vierte hatte so eben nicht blos eine Partie, sondern wirklich eine gute Heirath gemacht; denn ihr Mann war nicht blos Graf, er war auch ein tüchtiger, wohlhabender, junger Mann. Gräfin Adlercron triumphirte. Doch jetzt blieben ihr noch zwei Töchter, und leider! leider! ebenso häßlich, als die vier ersten schön. Für deren Versorgung und für die Carriere ihrer sechs Söhne, von denen die meisten noch Kinder waren, zitterte sie. Sie überredete sich, daß sie ein Unrecht gegen ihre Kinder begehe, wenn sie nicht um jeden Preis das Vermögen des General Beiron ihnen zuzuwenden suche. Ignaz war ihr Liebling. Bei ihm sah sie ihre Prinzipien in Blüthe stehen; ihre Töchter hatten sie nur passiv annehmen und befolgen können; der Sohn, der schöne, gewandte, kluge Sohn, konnte freier und umsichtiger nach ihnen handeln. Eine Mutter muß es bereits zu einer so bodenlosen Verderbtheit gebracht haben, wie sie nur ausnahmsweise getroffen wird — um ihrem Kinde gradezu eine Infamie anzurathen. Das that Gräfin Adlercron auch keineswegs. Aber sie hatte ihre Kinder in dem Gefühl auferzogen, daß der Onkel ihnen bitteres Unrecht durch seine zweite Heirath zugefügt, und daß seine Frau eine kokette Intrigante sei, welche seine Schwäche benutze, um ihn unglücklich, und sich selbst reich zu machen. Sie stellte ihrem Sohn vor, jetzt sei der Augenblick gekommen, um dem bösen Einfluß dieser listigen Frau durch seinen guten das Gegengewicht zu halten. Was er thue, geschähe zum Besten seiner Familie, und daher müsse er durchaus bei dem General erst Eingang, dann Einfluß gewinnen, und ihn benutzen, um die unerhörten Ansprüche der Frau zu unterdrücken. Ignaz verstand die halben Worte. Wie sich Männer nach einer Laufbahn sehnen, welche ihrem Ehrgeiz entspricht, oder Frauen nach einem Kreise, in welchem ihr Herz Befriedigung findet: so sehnte sich Ignaz nach einem Verhältniß, um sein Talent für die Intrigue zu üben, und mittelst derselben zu seinem Ziel, dem größtmöglichen Glanz in der Welt, zu gelangen. Er hatte, wie alle Leute, die unter jeder Bedingung entschlossen sind, ihre Zwecke zu erreichen, gar keine bestimmte Ansichten, und dafür die geschmeidigste Fügsamkeit in die fremden, von denen er sich Vortheil versprach. Er suchte alle Menschen für sich zu gewinnen, weil er nicht wußte, ob er sie nicht würde benutzen können; da er aber alle Menschen, die nicht Adlercron hießen, heimlich in unermeßliche Tiefen unter sich stellte: so rächte er sich durch inneren Haß für die äußere Artigkeit und Verbindlichkeit, mit welchen er sie aus Grundsatz behandelte. Er lechzte danach, aus seiner untergeordneten Stellung, in welche ihn die Welt wegen seines Mangels an Vermögen wies, in eine andre zu kommen, die seinem Hochmuth entsprach. Er lechzte danach, seiner wahren Gesinnung gemäß mit den Menschen umgehen zu dürfen, und sich unabhängig von ihnen zu fühlen. Darum lechzte er nach Geld. Nichts konnte ihm willkommner sein, als der Vorschlag seiner Mutter; und da der Mensch vor nichts eine so hohe Achtung hat, als vor unegoistischen Handlungen, so suchte Ignaz die seine zu heben und zu adeln, indem er sich bemühte, den Blick hauptsächlich auf der Zukunft seiner Familie ruhen zu lassen. Wer mit sich selbst heuchelt, wird es auch leicht mit Andern thun. Er kannte seinen Onkel und dessen Frau nur aus den Beschreibungen seiner Mutter, und obgleich er eine hohe Meinung von deren Welt- und Menschenkenntniß hegte, so war er doch klug genug, um zu wissen, daß nichts so einseitig ist, als die Parteilichkeit einer leidenschaftlichen Frau. Er beschloß, vorsichtig und aufmerksam, mit so geringen Vorurtheilen, wie möglich, das Terrain kennen zu lernen.
Er ging nach Dresden, wo der General sich damals in ärztlicher Behandlung befand. Schüchtern betrat er dessen Haus; schüchtern wandte er sich an Tosca, mit der Bitte, seinen Onkel sehen zu dürfen. Frauen lieben es, zu protegiren — dachte er. Es fiel ihr nicht ein, ihm Protection angedeihen zu lassen, und er brauchte sie nicht bei dem General. Der empfing ihn mit offenen Armen! Der pflegte die Menschen danach zu würdigen, was sie werth waren, und nicht woher sie stammten, und daher übertrug er seine Abneigung gegen Gräfin Adlercron nicht auf deren Sohn. Im Gegentheil! es gefiel ihm ungemein, daß der junge Mann ihn grade jetzt aufsuchte, jetzt, wo er krank und außer Dienst, und folglich nicht im Stande war, ihm irgend welche Wege zu öffnen oder zu ebnen. Ignaz wußte sich ihm erst angenehm, dann nützlich, endlich unentbehrlich zu machen. Der General behandelte ihn wie einen Sohn, und übertrug ihm seine Geldgeschäfte, die Führung seines Hauses, die Anordnungen seiner Reisen — lauter Dinge, von denen Tosca nichts verstand, die der General bis daher immer in Händen gehabt hatte, und mit denen er höchst ungern seine Frau belästigt haben würde. Es war ihm eine Wonne, sie jeder Sorge und Beschwerde der materiellen Existenz zu überheben. Sie war es nicht anders gewohnt. Sie fand es natürlich, daß die Last des Lebens auf den Schultern des Mannes liege; sie betrachtete Ignaz als zu ihnen gehörig, und so war seine Stellung ganz in der Ordnung. Sie sah nur durch die Augen ihres Mannes die Menschen an, und der General, durch seine Krankheit abhängig, auf seine nächste Umgebung angewiesen, dankbar, wie eine edle Natur es immer für Theilnahme und Wohlwollen ist — der General betrachtete Ignaz nicht mit dem unbefangenen Blick, den er noch vor einem Jahr für ihn gehabt haben würde. Ignaz staunte selbst, als er sich nach einigen Wochen so leicht, so ganz mühelos auf dem Platz sah, den er so schwer zu erkämpfen gewähnt: er war der Sohn des Hauses, und mit fast unumschränkter Gewalt bekleidet. Nichts geschah ohne seinen Rath, nichts unterblieb ohne seine Genehmigung. Er war Freund und Vertrauter. Einen Augenblick fiel ihm ein, ob er nicht auch Liebhaber werden könne; ob Toscas Herz, und mit demselben Hand und Vermögen dereinst, nicht zu gewinnen sein dürften, so daß ihr beiderseitiges Interesse zu verschmelzen wäre. Aber Männer wie Ignaz lieben nicht, können nicht lieben; der Egoismus hat ihr Herz dermaßen ausgedorrt und verschrumpft, daß es der Expansion der Liebe nicht fähig ist. Ihr Interesse für Frauen ist von der allerinferiörsten Art! entweder suchen sie in einem Verhältniß zu ihnen Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder es ist eine Bedingung ihrer animalischen Existenz. Hätte Ignaz bei Tosca einen Nebenbuhler gefunden, und ihn zu überwinden gehabt: so hätte das seine Eitelkeit heftig aufgestachelt und ihr einen hohen Reiz verliehen. Jetzt aber hatte sie keinen Zauber für ihn! ihre reine hohe Natur verstand er nicht, und ihre wundervolle Schönheit ließ ihn höchst gleichgültig, weil er immer in geheime Intriguen verwickelt war. Sein einziges Bestreben bei Tosca ging dahin — von ihr geliebt zu werden, nicht um sie wieder zu lieben, oder um sich von ihr beleben und durchstralen zu lassen, nicht um sie zu besitzen, blos um sie zu beherrschen. Mit der Herrschaft gelang es ihm; mit der Liebe nicht. Frauen wie Tosca, die sich schroff und stolz den Männern gegenüber stellen, weil sie scheu und mißtrauisch, entweder von Natur oder durch Erfahrung den Contact mit ihnen fürchten, sind, sobald sie einmal Vertrauen und Zuversicht zu einem Mann gefaßt haben, leichter zu beherrschen, als Kinder. Sie sind so erfreut, so glücklich endlich! endlich einmal einer Kraft ohne Mißbrauch zu begegnen, daß sie sich ihr alsdann blindlings ergeben. Tosca fand Ignaz so bewundernswerth, opferwillig, besonnen und stark, daß sie mit einer Art von Andacht zu ihm emporsah; aber bis zur Liebe brachte sie es nicht. Sie sah ihn in der größten Intimität, zu jeder Stunde, auf Reisen; er stellte sich ihr immer mit einer glühenden Adoration dar; er wußte allmälig die Sache so herauszustellen, daß er Alles, was er für den General that, ihretwegen zu thun schien; das rührte sie zum innigsten Dank, zur Liebe nicht. Ignaz hätte jedes Opfer von ihr begehren dürfen, und sie hätte es ihm gebracht, ohne sich zu besinnen; nur aber nicht die geringste Gunst, welche die Liebe gewährt: Er hatte Anfälle von Melancholie, von Trostlosigkeit, gar von Verzweiflung — Alles, wie er glaubte es nöthig zu haben, um eine beabsichtigte Wirkung hervorzubringen — sie lächelte, oder tröstete, oder scherzte die bösen Anfälle fort. Er hatte sich nicht gescheut, sich als zerfallen mit seiner Mutter darzustellen, weil sie den Plan habe, nach des Generals Tode mit Tosca um dessen Erbschaft zu prozessiren — was er nicht billigen könne. Tosca fragte ihn, ob denn dieser Prozeß nicht durch einen Vergleich, oder durch Theilung des Vermögens vermieden werden könne. Mit unendlicher Vorsicht wußte er ihr allmälig einleuchtend zu machen, sobald er, wenn auch nur nominel, in Besitz der Erbschaft sei, so werde seine Mutter ganz natürlich gegen ihn, ihren ältesten und geliebtesten Sohn, keine Schritte thun; und Tosca dürfe wol überzeugt sein, daß und wie er in so kritischen Verhältnissen ihr Interesse wahrnehmen werde, da sie ja längst wisse und sehe, daß er ihr gegenüber ein persönliches völlig aufgegeben habe, und nichts beabsichtige, als ihre Ruhe und ihr Glück. Sie sah das auch wirklich. Weder sie noch ihr Mann brachten es in Anschlag, daß Ignaz bei ihnen so unabhängig, und in geselliger Beziehung so angenehm lebe, wie nur irgendwo. Wohin der General kam — überall hatte er Freunde oder Bekannte; überall öffnete sich für Tosca ein ihr entsprechender socialer Kreis, und da er für sie Zerstreuung und Erheiterung liebte, so trat sie in jene Kreise, und Ignaz mit ihr. Ignaz war nicht ans Krankenzimmer gefesselt, nicht einmal ans Haus des Generals; zuweilen wohnte er mit ihm zusammen, dann auch wieder nicht — wie nun eben die Localität es mit sich brachte. Der General hatte ihm mit liebenswürdiger Güte gesagt:
„Du mußt Freiheit haben, zu kommen und zu gehen, Du mußt Luft und Athem schöpfen, und Deine eignen Allüren haben dürfen, Ignaz, und die sind bei einem jungen Mann anders, als bei einem alten und kranken. Du würdest immer auf mich Rücksicht nehmen, wenn Du bei mir wohntest, also richte Dich ein, wo und wie es Dir gefällt.“
Dafür allerdings hatte Ignaz die größten Aufmerksamkeiten für den General, und war bei ihm stets von bewundernswerth heitrer Laune — was Tosca ihm als ein großes Zeichen von Selbstüberwindung anrechnete, weil er bei ihr oft schwermüthig und niedergeschlagen war — während er doch durch beide Stimmungen wie ein Schauspieler durch seine Rollen ging. Wie die Dinge jetzt standen, so war ihr künftiges Schicksal in seiner Hand — doch ihr Herz nicht.
Der Zustand des Generals währte nun schon drei Jahr. Auf eine so lange Zeit war Ignaz nicht vorbereitet gewesen; er fand, daß der Onkel entsetzlich lange lebe. Aber er durfte ihn doch nicht verlassen, weil jeder Augenblick sein letzter sein konnte. Den Aufenthalt in Berlin wollte er benutzen, um Tosca den Schritt thun zu lassen, der ihm die Erbschaft in die Hände gab. „Hab’ ich sie,“ sprach er zu sich selbst, „so geb’ ich ihr eine Pension, und mache dann mit meinem Namen und meinem Vermögen eine ganz ungeheuer reiche und glänzende Heirath.“ — Er fing an, ungeduldig zu werden, und sehnsüchtig in die Zukunft zu schauen; daher langweilte ihn die Gegenwart, und aus Langerweile dachte er: „In diesem tristen nordischen Nest würde es meine allzu einfarbigen Verhältnisse doch ein klein wenig pikant machen, wenn ich sie dahin brächte, sich in mich zu verlieben.“ An jenem Morgen, als sie ihn unwillig verließ, dachte er: „Sacristi! die Weiber! nie ist man mit ihnen sicher, nie! jahrelang kann man sich abgemüht haben, um sie auf einen Punkt hinzubringen; eine Laune kommt über sie, und siehe da! als wär’s ein Kartenhaus, so plötzlich, so leicht, werfen sie unsern kunstvollen, wohlstudirten und überlegten Bau über den Haufen. Ich hasse die Weiber, sobald sie etwas Andres sind, als mein Spielwerk! ich hasse ihre instinktmäßige Schlauheit, gegen welche wir mit unsrer feinsten List nichts ausrichten. Dumme Weiber — das sind göttliche Geschöpfe! denn für Liebesintriguen haben auch noch die dümmsten Verstand genug, und über die brauchen sie nicht hinauszugehen. Sacristi! diese hochfahrende Tosca! es ist gar kein Weib! sie hat kein Herz, keine Seele ... ah bah! Herz? Seele? bah! sie hat kein Blut, keine Sinne! Dreißig Jahr ist ihr Mann älter als sie, und nie! nie! hat sie einen Liebhaber gehabt ... nie! das ist ja eine monströse Tugend. — — Aber wie kam denn dieser Herr .... Forster, oder wie er heißt! mit einem Mal hieher! und gar in der Nacht? Es ist wohl der, der unsertwegen eine Treppe höher gestiegen ist! Nun, ich hab’ nicht Lust, seinetwegen herabzusteigen! Aufgepaßt, Ignaz!“ — —
Am Abend kam Sigismund. Der General empfing ihn mit großer Freundlichkeit.
„Ihnen danke ich es, daß ich mich hier so behaglich fühle, wie ein Kranker sich fühlen kann,“ sagte er und gab ihm die Hand.
Tosca warf ihm ihr prächtiges Lächeln zu. Sigismund fühlte sich ganz beglückt und sprach es unbefangen aus.
„Denn es kommt so selten im Leben vor, daß man noch andern Menschen, als den Freunden, durch Kleinigkeiten wohlthun darf,“ sagte er, und ein heitrer Glanz legte sich über sein ernstes, fast strenges Gesicht, und erinnerte Tosca an den Sigismund Forster, welcher sie einst so dringend um einen Walzer bat. Er sprach mit dem General. Sie saß zurückgesunken in einem Fauteuil, hatte den Ellbogen auf die Seitenlehne gestützt, und das Kinn auf die Hand gelegt; ihr Blick haftete auf Sigismund, und mit diesem Blick schob sie ihn gleichsam tief, tief in die Vergangenheit zurück. Sie sah ihn, wie er damals war, wie er ihr kindisches Herzchen überwältigt und zerknickt hatte, wie sie mehr durch ihn gelitten hatte, als je durch einen Menschen, und ohne daß er es wußte. Und nun sah sie ihn wieder, unter ganz veränderten Verhältnissen! Da saß er — ihrem Gemahl gegenüber. Das waren die Männer, welche ihrem Leben die Richtung bestimmt hatten. Es kam ihr unvollkommen vor — das Leben; sie bedauerte nichts, sie beklagte nichts, sie wünschte nichts; aber die Halbheit oder Unvollkommenheit der Zustände, welche uns doch zuweilen so befriedigend erscheinen, glitt ihr durch die Seele, und machte, daß sie in die Zukunft einen traurigen fragenden Blick warf. Ihre langen blonden Locken rieselten ihr über den Arm herab, und die breiten Augenlieder deckten halb die großen Augen zu.
„Warum so schweigsam, Tosca?“ fragte der General. Sigismund sah sie an und sein Herz bebte; denn diesen unsäglich traurigen Ausdruck hatte Tosca damals gehabt, als er sie zum letzten Mal in Bonn zwischen ihren Blumen am Fenster sah. Und langsam, auch wie damals, wendete sie den Kopf, und er würde sich nicht gewundert haben, eine Thräne aus ihrem Auge fallen zu sehen. Im Gegentheil! er wunderte sich, als sie die Locken zurückwarf und die Augen aufschlug, daß sie ganz munter sagte:
„Ich glaub’, ich bin schläfrig, denn ich habe ein wenig geträumt.“
„Ich finde, es träumt sich am Besten ohne Schläfrigkeit, mit recht wacher Seele,“ sagte Sigismund.
„Was hör’ ich!“ rief Tosca und schlug die Hände mit komischem Erstaunen zusammen; „Sie wissen von Träumen, die man mit offenen Augen träumt? Sie? ein Mann! ein Regierungsrath! — Aber sagen Sie mir, thut das Ihrer Carriere keinen Schaden?“
„Was die betrifft,“ entgegnete Sigismund, „so ist sie dermaßen miserabel, daß meine kleinen Liebhabereien oder Absurditäten ihr keinen Eintrag zu thun im Stande sind.“
„Die Klage rührt mich gar nicht!“ sagte Tosca. „Alle Frauen klagen, daß sie nicht verstanden werden, und alle Männer, daß sie eine elende Carriere machen; das ist so in der Ordnung, denn unser Herz und Ihr Ehrgeiz sind nicht zu befriedigen.“
„So sind wir zwiefach beklagenswerth, gnädigste Frau,“ antwortete Sigismund lächelnd; „denn auf diese Weise leiden wir und machen leiden.“
„O was das Leidenmachen betrifft,“ rief Tosca, „darüber trösten sich die Männer gar leicht, und durch den Ehrgeiz zu leiden, das, denk’ ich mir, muß ein recht angenehmer Stachel sein, weil er zu lebhaften Bestrebungen anregt.“
„Kein Stachel ist angenehm,“ sagte Sigismund, „denn er überreizt uns leicht.“
„So?“ rief Tosca spottend; „Sie sind also, wie ich sehe, bequem und gemächlich für Rosen ohne Dornen?“
Plötzlich fiel ihm ein, daß sein Schwager Friedrich ehedem Tosca Dornenröslein zu nennen pflegte, und daß sie wol noch jetzt ganz den lieblichen Namen verdienen möge. Er antwortete lächelnd:
„Ich würde es vielleicht sein, wenn ich das wundersame Glück hätte, eine solche Rose zu finden.“
„Dann müßte aber noch das Mirakel geschehen,“ sagte Tosca, „daß die Rose Ihnen nicht fade erschiene.“
„Mirakel gehört zu jedem Glück, gnädige Frau! oder vielleicht ist jedes Glück ein Mirakel, das uns in Sphären wirft, oder zu Zielen führt, die wir ohne sie, durch Mühsal, Anstrengung und Berechnung, nimmer erreicht hätten.“
„Ob solche Mirakel selten sind?“ fragte sie nachdenklich.
„Ich denke, wol sehr selten! man muß die Seele haben, um sie aufzufassen, und das Auge, um sie zu erkennen; ach, und im Leben wird jene so leicht matt, und dieses so früh stumpf“ ... —
„Denn wir tragen Brillen!“ rief Tosca neckend.
„Leider!“ sagte Sigismund mit Achselzucken.
„Wie kann ein ehrlicher Mann Brillen tragen!“ rief sie.
„Tosca!“ sprach der General ein wenig ermahnend.
„Ich frage: wie kann er?“ fuhr sie fort und wendete sich zu ihm; „ich sehe Dir ins Auge und Du mir, und wir lesen so das Seelenaccompagnement zu unsern Worten. Wer Brillen trägt, liest es ebenfalls im fremden Auge, während das seine versteckt hinter einem gläsernen Wall liegt. Das ist ein Kampf mit ungleichen Waffen, und ist der ehrlich?“
„Ohne diesen kleinen gläsernen Wall,“ sagte Sigismund und nahm seine Brille ab, „ist mein Gegner im entschiedenen Vortheil — denn er sieht, und ich bin blind.“
„Darum,“ sprach Tosca lieblich, „sollen Sie sie auch draußen in der Welt, wo es Gegner giebt, tragen, doch nicht zwischen Freunden. — Und schon aus Eitelkeit sollten Sie es nicht thun!“ fuhr sie fort, ohne ihm Zeit zur Antwort zu lassen; „eine solche Maschine im Gesicht entstellt ja, und es giebt nichts Anmuthigeres, als den sanften, kurzsichtigen Blick einer Frau! da ich scharf wie ein Falke sehe, so darf ich das sagen.“
„Ja, einer Frau!“ wiederholte Sigismund, der an Agathens sammetschwarzes und sammetweiches kurzsichtiges Auge erinnert ward; — „aber was bei einer Frau reizend ist, kann bei einem Mann linkisch aussehen.“
„Das ist wahr!“ rief Tosca lachend.
Ignaz trat ein. Unwillkürlich, als fühle er sich dem Gegner, von dem er gesprochen, gegenüber, setzte Sigismund seine Brille wieder auf. Die Unterhaltung nahm eine andre Wendung. Ignaz kam aus der italienischen Oper.
„Einen Act hab’ ich anhören können,“ sagte er, „mehr nicht. Eine italienische Oper, die nicht erster Ordnung ist, ist unaushaltbar. Diese Art der Musik begehrt die Perfektion des Vortrags. Sie würden nicht zufrieden sein, schöne Tante.“
„Dann geh’ ich lieber gar nicht hin,“ sagte Tosca.
„Sie sollten doch — um selbst zu hören und zu urtheilen,“ sagte Sigismund.
„Wie mühselig!“ rief sie, und legte den Kopf bequem auf die Rückenlehne des Stuhls.
„So träge?“ fragte Sigismund lächelnd.
„O ganz unglaublich träge!“ rief Ignaz, „träge wie eine Orientalin. Nur keine Mühe, d. h. nur keine Langeweile! nicht wahr, schöne Tante?“
„Wozu auch?“ fragte sie.
„Um ein eignes Urtheil zu haben,“ entgegnete Sigismund.
„Sie protegiren die italienische Oper, Herr Regierungsrath?“ fragte Ignaz.
„Nein, Herr Graf,“ erwiderte Sigismund, „ich liebe vielleicht zu exclusiv deutsche Musik, und nur im Allgemeinen sprach ich meine Ansicht aus.“
„Das Publikum war sehr entzückt,“ erzählte Ignaz weiter. „Es rief bravo! und brava! genau wo es hingehörte, und schien in dieser Darlegung tiefen Kunsturtheils große Befriedigung zu finden.“
So plauderte er weiter. Tosca lachte, der General lächelte; Sigismund mußte es auch zuweilen, fast widerwillig, thun, denn Ignaz mißfiel ihm über allen Ausdruck. Das ist ein Mensch, dachte er heimlich, dem ich mit Vergnügen eine Impertinenz sagen würde. Aber Ignaz war von der äußersten Höflichkeit. Obwol ihn das ein wenig verstimmte, fühlte er sich dennoch sehr wohl, fast glücklich. Das ist die Macht der Schönheit und Grazie. Wer ihr unbefangen gegenüber tritt, wer nichts von ihr begehrt, als sich an ihr zu erfreuen, wie an Duft und Farbenspiel einer Blume — den wird sie immer wohlthätig berühren. Durch sie hat der Himmel den Frauen einen lieblichen Zauberstab verliehen. Wie gute Feen könnten sie herrschen. Aber ach! wer hat die Herrschaft nie mißbraucht?
Als Sigismund ging, dankte ihm der General so herzlich, daß er ihn dadurch zum baldigen Wiederkommen fast verpflichtete; und das war ihm sehr lieb. Er lebte ziemlich einsam in Berlin; er war noch nicht lange da, hatte keine Anverwandten, keine näheren Freunde dort; er arbeitete sehr fleißig. Ueberdies gingen seine Interessen aus der Gegenwart heraus. Oberflächliche gesellige Verbindungen waren ihm grade jetzt gleichgültig, wo all seinen Verhältnissen durch seine Heirath ein großer Wechsel bevorstand. Dieser Umgang, mit Fremden, kam ihm höchst erwünscht. Die alte Theilnahme für Tosca mogte dann wol auch dabei im Spiele sein. Gewiß ist’s, daß wäre Tosca im ehrwürdigen Alter ihres Gemahls gewesen, Sigismund sich schwerlich der Aussicht gefreut haben würde, einige Mal wöchentlich den Thee bei ihr zu trinken. Nun that er das. Er kam um sieben Uhr Abends, und er ging um halb zehn. Das war die Stunde, in welcher Tosca in die Gesellschaft zu gehen pflegte — denn der General und Ignaz hatten nicht eher mit Bitten nachgelassen, als bis sie sich dazu entschloß. Ihr Mann entbehrte sie nicht zu so später Stunde; er suchte dann die Ruhe, wenn auch nicht den Schlaf. Für Sigismund war jeder solcher Abend ein Fest, besonders wenn Ignaz fehlte; und das kam häufig vor, denn er machte einer russischen Fürstin lebhaft den Hof, und fehlte nicht gern im Schauspiel, wenn sie es besuchte. Daß andre Personen öfter bei dem General waren, störte Sigismund nicht; nur eben Ignaz machte ihm Unbehagen, so wie es manchen Menschen unbehaglich ist, mit einer Katze im nämlichen Zimmer zu sein, oder mit einer Spinne, oder mit einer Maus. Zuweilen warf er sich diesen Widerwillen als ein Unrecht vor; sah er aber, wie sich Tosca von Ignaz beherrschen ließ, zwar nicht in Meinung und Ansichten, jedoch in all den tausend kleinen Vorkommenheiten des Lebens, welche grade dem Beherrschenden eine außerordentlich große Gewalt gaben: so erwachte er verstärkt. Tosca zog ihn grade so an, wie vor zwölf Jahren, vielleicht noch mehr. Damals war er unbewußt ihrer Magie gefolgt; jetzt sagte ihm der Verstand, welch’ eine seltene und schöne Erscheinung sie sei. Ihr diamantenes Herz war ihm gleichsam eine Beruhigung, wenn er es sich auch nicht eingestand, daß das seine derselben bedurfte.
Eines Abends kam er später als gewöhnlich herunter. Es waren mehre Personen beim General, und um Niemand zu stören, setzte sich Sigismund seitwärts hinter Tosca. Sie hatte eine Theerose in der Hand und spielte damit.
„Gnädige Frau!“ sagte er bittend.
Tosca wendete sich zu ihm.
„Ich wollte nur fragen, ob Sie ein gutes Gedächtniß haben?“ fuhr er fort und sah die Rose an.
Tosca folgte seinem Blick, verstand ihn und rief:
„O ein ganz excellentes! besonders für fremde Sünden.“
„Und ich hab’ es für die eigenen; werden Sie mich denn nicht etwas beklagen?“
„Behüte der Himmel! gerechte Strafe zu leiden ist sehr heilsam! — Sagen Sie mir,“ fuhr sie fort, indem sie sich ganz zu ihm wendete, „was hatte ich Ihnen denn eigentlich damals zu Leide gethan? ich hab Sie schon immer danach fragen wollen.“
„Gnädige Frau, es ist eine kindische Geschichte!“
„Gleichviel!“ rief Tosca; „die Kindereien liegen jetzt so weit hinter uns, daß wir uns ihrer nicht mehr zu schämen brauchen ... denn sonst müßte auch ich es thun.“
„Und werden Sie in dieser kleinen Geschichte auch das entschuldigen, was — nicht kindisch ist?“
„Gewiß! denn es ist verjährt,“ sagte sie erröthend.
Sie erröthete sehr oft. Wenn sie lebhaft sprach, wenn sie Partei für und wider etwas nahm, wenn sie sich freute oder erschrak, wenn sie gar mit eigenen stillen Gedanken beschäftigt war — all’ Augenblick zeigte ein rascher, feiner Farbenwechsel, daß die geistige Anregung ihr ans Herz klopfe. Diese reizende Gabe verlieren die Frauen fast Alle sehr früh, entweder weil sie durch so heftige Emotionen gehen, daß geringe keinen Effect auf sie machen, oder weil sie in Lagen kommen, welche ihnen die Beherrschung der Empfindung zur Pflicht und somit die des Ausdrucks zur Nothwendigkeit machen. Eine frische unangetastete Seele hat immer etwas Erquickendes; darin besteht der Zauber der jungen Mädchen; er ist doppelt groß da, wo man ihn nicht mehr voraussetzen darf.
„So müssen Sie denn gleich zuerst wissen, gnädigste Frau,“ sprach Sigismund entschlossen, „daß ich Sie anbetete, so wie ich das Glück hatte Sie zu sehen.“
„Diese Sünde vergiebt jede Frau,“ sagte Tosca lachend; „gestehen Sie aber, daß Sie mir nicht Gelegenheit gegeben haben, diese Empfindung in Ihnen zu ahnen.“
„O doch, gnädige Frau, doch!“ rief er lebhaft. „Im Anfang unsrer flüchtigen Bekanntschaft gewiß.“
Das war so wahr, daß Tosca fast verlegen sagte:
„Nun? wo bleibt die kindische Geschichte?“
„Sie hängt damit zusammen, gnädige Frau. Ihr Name verwandelte meine Anbetung in — ich weiß selbst nicht was für ein Gefühl von Haß, Entsetzen, Schmerz, gar Verzweiflung.“
Tosca sah ihn ungläubig an.
„Sie zweifeln, gnädige Frau? Sie werden es noch unbegreiflicher finden, sobald ich Ihnen den geheimen Grund, den Urgrund dieser plötzlichen Verwandlung sage; aber dennoch: ich sage Ihnen die Wahrheit. Ich war ein eitler Knabe, gnädige Frau, ein verzogenes, übermüthiges Kind; ich beherrschte meine Eltern, meine Geschwister; mein Vater konnte nicht meine Erziehung lenken; ich hielt mich für schöner, klüger, besser, als die ganze Welt. Was nicht meinen Eltern, nicht meinen Lehrern, nicht meinen Kameraden gelungen war, das gelang einem kleinen Mädchen: es demüthigte mich. Es war eine kleine Gräfin H., ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren. Ich sehe sie noch lebhaft vor mir, mit ihren funkelnden dunkelblauen Augen, ihren dicken hellbraunen Locken, die ihr bis zum Gürtel herabfielen. Sie hieß Antonie. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist; aber das Kind, gnädige Frau, war meine erste Liebe! Ich war damals funfzehn Jahr, und mein Vater hatte mich mit nach Pyrmont genommen, wo er die Kur brauchen mußte und wo er nicht ganz allein sein mogte. Dort war auch die kleine Antonie mit ihren Eltern, und wir bewohnten dasselbe Haus. Ich will Sie nicht langweilen mit der Beschreibung dieser knabenhaften Leidenschaft — doch wie in der grünen Knospe die ganze duftende stralende Rose eingewickelt liegt — und wie eine Ouvertüre alle Melodien der Oper enthält — so entwickelte sie in mir alle Gefühle, welche spätern Jahren eigen zu sein pflegen. Bedenke ich, wie früh und wie vehement das Leben meines Herzens begann, so muß ich mir unwillkürlich sagen, daß es auch früh enden müsse.“
„Nein!“ unterbrach ihn Tosca; „es giebt immerblühende Rosen, und das Herz ist mehr, ist stärker und schöner als eine Blume.“
„Und gehorcht andern Gesetzen, gnädige Frau. Ein Leben, das früh und vehement beginnt, endet fast immer früh und matt. Nur seltene und hochbegabte Naturen machen Ausnahmen. Ich darf mich nicht zu ihnen rechnen, und so ist mein glühendster Wunsch denn der: so sei es früh, nur aber nicht matt! — Jenes Kind warf mich in alle Emotionen, von der unsäglichsten Freude bis zur namenlosesten Traurigkeit; von der glühendsten Eifersucht bis zum blindesten Vertrauen. Wenn sie mich anlächelte, traten mir zuweilen die Thränen in die Augen; wenn sie fröhlich umherhüpfte, jauchzte ich vor Vergnügen. Sie spielte leidenschaftlich gern Ball und Volant; wir trieben das stundenlang. Dann liefen wir um die Wette in der großen Allee von Pyrmont, sie lief, wie ein Vogel fliegt, so leicht, so geschwind; es ward mir schwer, sie zu überholen. Zuweilen ließ ich ihr absichtlich den Spaß, früher am Ziel anzulangen, als ich. Aber das merkte sie jedes Mal, und dann schüttelte sie ärgerlich das schöne glühende Lockenköpfchen. Einmal sollte ich sie haschen, und ziemlich ungeschickt fing ich sie bei ihren flatternden Locken und that ihr weh, so daß sie einen kleinen Schrei ausstieß. „O, ich bitte um Verzeihung!“ rief ich trostlos, und küßte ihre Locken, wie um den Schmerz wieder gutzumachen. Allein sie nahm es heftig übel! sie ging stolz von dannen, und ich dachte den ganzen einsamen Abend darüber nach, ob ich nicht am Besten thun würde, auf und davon zu gehen, in die weite Welt, um ihr nie mehr vor die schönen erzürnten Augen zu kommen. Als sie mir am nächsten Morgen am Brunnen freundlich Guten Morgen sagte, war mir zu Muth, als sei ich von einem Verbrechen freigesprochen.“
„Mein Gott!“ rief Tosca, und schlug erstaunt die Hände zusammen, „welch ein bezauberndes Kind muß das gewesen sein, und welch eine interessante Frau mag sie geworden sein!“
„Sie vergessen, daß die kleine Antonie ihren Zauber an einem funfzehnjährigen Knaben übte, der sie jetzt vermuthlich selbst mit ganz andern Augen betrachten würde. Ich habe nie wieder von ihr gehört. Nun aber, um zum Ende zu kommen! Die Fürstin von Waldeck gab einen Kinderball. Antonie, mit einem frischen Rosenkranz auf ihren prächtigen Locken, und mit einem langen rosenfarbenen Gürtel, sah aus wie Psyche, so lieblich und ätherisch. Ich bat sie um den ersten Walzer; und einen Augenblick nach mir bat ein andrer Knabe sie darum, und sie schlug es mir ab, und tanzte mit ihm, mit ihm, der kaum so groß als sie, und ein blasser, unschöner Knabe war, der ein wenig stammelte, und auf den ich mit unsäglicher Geringschätzung herab sah. Eine ihrer Gespielinnen wollte ihr zu meinen Gunsten Vorwürfe machen und ihr vorstellen, daß ich doch im Grunde das erste Recht hätte. „Nein, nein!“ rief sie sehr entschieden, „er ist kein Graf!“ Hätte sie gesagt: „Der Andre ist hübscher, oder ist mir lieber“ — das hätte ich ihr vergeben, denn es wäre nun einmal ihr Geschmack gewesen, und mein Selbstgefühl hätte mir vielleicht zugeflüstert, ihr Geschmack sei nicht der richtige. Aber dies Wort demüthigte mich fürchterlich, erstens, weil ich in der That kein Graf war und nicht wußte, welch Gewicht ich dagegen in die Wagschaale werfen könnte; zweitens, weil dieser Grund mir ihrer ganz unwürdig schien. Es kränkte mich über allen Ausdruck, meine Zärtlichkeit, meine Vergötterung an ein Mädchen verschwendet zu haben, das, als es zu wählen hatte, nur nach einer ganz inhaltlosen Aeußerlichkeit seine Wahl traf. Leidenschaftlich, wie ich war, fühlte ich mir förmlich das Herz im Busen umgedreht, und ein unerhörter Widerwille setzte sich darin gegen Frauenzimmer Ihres Standes fest. Sobald ich in Bonn erfuhr, Sie seien die Tochter einer Gräfin und eines Freiherrn, wachte meine alte Abneigung um so heftiger auf, je stärker die Anziehungskraft war, und von meiner fixen Idee beherrscht, benahm ich mich wie ein Verrückter, oder wenn Sie lieber wollen, wie ein dummer Junge. Und nun beschwör’ ich Sie, gnädige Frau, lachen Sie mich tüchtig aus.“
„Also ich war ganz, aber wirklich ganz unschuldig an Ihrem Benehmen, so daß, wäre mein Vater nicht Baron gewesen, Sie mit mir getanzt und meine Blumen nicht verschenkt hätten?“
„O nimmermehr!“
„Gott! Gott! wie freut mich das!“ sagte Tosca mit stillem Jubel und legte die Hand über die Augen. Dann erzählte sie ihm, wie sie eigentlich durch Friedrichs Bericht veranlaßt worden sei, ihm eine heimliche Freude machen zu wollen, und wie sie sich später halb todt gegrämt über ihre Unbesonnenheit, und über den Vorwurf, den sein Benehmen ihr darüber gemacht. „Aber dennoch bin ich Ihnen Dank schuldig, tiefen innigen Dank,“ schloß sie, „denn diese scharfe Warnung vor jeder Unbesonnenheit habe ich nie vergessen! Ohne es zu wollen, sind Sie vielleicht ein guter Schutzgeist für mich gewesen.“
„So wie Antonie mein böser Engel,“ sprach Sigismund traurig.
„Und was halten Sie denn jetzt von uns?“ fragte sie neckend. „Ihre Strafe sei eine Beichte.“
„Ich denke, daß in jedem Stande holdselige Erscheinungen selten — aber dennoch zu finden sind.“
„Sagen Sie das nur, oder denken Sie es wirklich?“
„Ich denk’ es! mein Wort darauf!“
„Das ist gut! man muß nicht exclusiv sein, denn man thut Andern weh und sich selbst nicht wohl. Aber ist es nicht ungemein interessant, in welcher feinen, geheimnißvollen und doch so gewichtigen Verbindung Menschen zu einander stehen, welche äußerlich und flüchtig aneinander vorbei gestreift sind? Wir sollten doch wirklich mehr auf uns und unser Thun und Lassen achten, da wir gar nicht wissen können, in welcher vortheilhaften oder nachtheiligen Weise wir dadurch auf Andre einwirken.“
„Die Schicksale blitzen vom Himmel herab,“ sagte Sigismund, „unbekümmert ob wir uns so oder so beachten! Einen unbeachteten Punkt giebt’s ohnehin immer in uns, und er wird getroffen oder trifft.“
„Dann sind wir willenlose Maschinen in Ihren Augen?“
„Nein! der Wille bleibt uns, um die Schicksale zu zerbrechen, oder uns selbst. Aber um zu sagen: in dieser oder jener Weise will ich wirken — dazu, mein’ ich, ist unser Wille nicht stark genug, obgleich wir uns in der Jugend einbilden, nichts sei leichter, und wir dürften nur immer gradeaus gehen und sehen, um zu diesem Ziel zu gelangen.“
„Wie traurig, daß aus den kühnen, hochfliegenden Träumen der Jugend nichts wird, als eine lahme, matte Wirklichkeit.“
„O, sie ist nicht matt, gnädige Frau! ... wenigstens nicht immer. All unser Heil liegt in ihr, und ein tieferes, ein ächteres, als in unsern jugendlichen Träumen; denn die Wirklichkeit ist nicht die schaale und mittelmäßige Alltäglichkeit, die wie Staub und Nebel an uns vorüber weht und uns keinen bestimmten Eindruck zurückläßt; das Bleibende und Wahrhafte in ihr: das ist die Wirklichkeit, und ich gestehe Ihnen, ich habe sie schöner gefunden, als meine Träume.“
„Das freut mich sehr! dann müssen Sie Sich ungemein glücklich fühlen.“
„Zuweilen, wenn diese Ueberzeugung recht klar in mir aufwacht — ja! Zuweilen, wenn ich mir sagen muß: sie ist schöner, aber sie gehört mir nicht! dann — nein!... Und wo wäre der, der sich das nicht sehr oft sagen müßte?“
„Mit nichten!“ rief Tosca; „man sage sich doch lieber immer, daß man das Schönste und Beste erreicht habe, was auf dem eingeschlagenen Wege zu erreichen war.“
„Kann man das nicht mit Ueberzeugung sagen, so ist es Eigensinn und bleibt nutzlos.“
„Nutzlos — wie ein Wiegenlied, das von wundervollen goldnen Herrlichkeiten, die nie existirt haben, uns vorsingt und in den Schlaf lullt.“
„Ist schlafen — glücklich sein, gnädige Frau?“
„O Sie machen mich traurig,“ sagte Tosca lebhaft. Sie hatte sich bis daher so gesetzt, daß sie ihm grade ins Gesicht sah; nun wendete sie sich ab, und dem Kreise zu, der um den Tisch versammelt war. Sie mischte sich in die Unterhaltung, und sprach sehr munter und scherzend. Sigismund hörte ihr zu. Sie hatte eine reine biegsame Stimme, ein frisches Lachen, unbefangene Bewegungen, den natürlichsten Ausdruck. „Ist schlafen — glücklich sein?“ wiederholte Sigismund heimlich für sich, „schläft sie? ... aber so selbstbewußt! wacht sie? ... aber so bewußtlos!“ — Er vertiefte sich in seine Gedanken, wie einem das wol in der Gesellschaft geschehen kann, wenn man in schweigsamer Laune ist, und das Gespräch der Uebrigen, wie einen zum Nachsinnen auffordernden, murmelnden Bach, an sich vorübergleiten läßt. Es überfiel ihn eine brennende traurige Sehnsucht nach Agathen. „Denn sie liebt mich!“ dachte er. Hätte er gedacht: „denn ich liebe sie!“ so wäre die Sehnsucht wol brennender, aber nicht traurig gewesen.
„Und Sie gehen morgen auch mit, nicht wahr?“ wandte sich Tosca plötzlich zu ihm.
„Mit dem größten Vergnügen,“ sagte er fast erschreckt auffahrend; — „aber wohin, gnädige Frau?“
Tosca drohte ihm mit dem Finger: „Ist das recht, so zerstreut, so theilnahmlos zu sein? Wo waren Sie denn mit Ihren Gedanken?“
Er wollte schon antworten: „Bei meiner Braut;“ — aber sie setzte sogleich hinzu: „Und warum sehen Sie denn überhaupt so eisern ernst heute aus?“ — Da paßte die Antwort nicht mehr, und er sagte:
„Das Gespräch von vorhin hat mich so ernst gestimmt, denn die Erinnerungen sind in mir wach geworden, und die haben die melancholische Magie des Mondlichts über mich. Ich bitte, haben Sie die Gnade, mir zu sagen, wohin ich morgen gehen werde?“
„Ins Conzert, zu Liszt; ich denke, Sie thun es gern.“
Er verbeugte sich. Ignaz kam, und setzte sich zu ihm; aber das Gespräch belebte sich nie zwischen ihnen. Man findet bisweilen mit gewissen Personen durchaus keine Berührungspunkte, welche nach beiden Seiten hin eine vibrirende Saite anschlügen, und dann bleibt man bei den dürftigsten Aeußerlichkeiten haften. Ignaz hatte seine eifersüchtige Grille aufgegeben, weil Tosca nicht mehr noch weniger Interesse für Sigismund, als für jeden andern Mann ihrer Bekanntschaft an den Tag legte. Aber als Sigismund gehen wollte, ward Ignaz förmlich erschreckt durch den Ton, mit welchem Tosca zu ihm sagte:
„Ich dank’ Ihnen tausend und aber tausend Mal.“
„Wofür?“ fragte Sigismund, selbst überrascht.
„Für Ihre Erzählung,“ sagte sie.
„Schöne Tante, Sie haben mich unerhört neugierig auf jene Erzählung gemacht,“ sagte Ignaz, nachdem Sigismund fort war.
„Das kann ich mir vorstellen,“ sagte sie gleichmüthig.
„Aber Sie dürfen sie mir wol nicht wieder erzählen?“
„Dürfen ist Eines — mögen ein Anderes.“
„Und warum mögen Sie nicht?“
„Weil Sie die Geschichte gar nicht verstehen würden.“
„Ist sie so hoch in den Wolken, oder so tief unter meinem Horizont?“
„Ignaz,“ rief sie ganz ungeduldig, „Sie sind wahrlich ein Inquisitor.“
„Wenn meine Fragen Sie ärgern, schöne Tante, so war die Geschichte gewiß ausnehmend ... interessant.“
„Es ist keine Möglichkeit, von Ihnen los zu kommen,“ sagte sie lachend; „also hören Sie zu.“
Sie erzählte ihm Sigismunds Liebe zu Antonien, aber ohne die Folgen, welche sich später für ihn daraus entwickelt hatten.
„Und dafür dankten Sie dem Regierungsrath Forster so herzlich, als ob er Ihnen weiß Gott was für eine Freude gemacht hätte?“ sagte Ignaz, nachdem sie zu Ende war.
Tosca hatte keineswegs ihren Dank auf diesen Abschnitt von Sigismunds Erzählung bezogen, doch sie sagte:
„Und warum nicht? solche kleine unschuldige Herzensregung hat etwas Rührendes und Erfreuliches zwischen der Abgestorbenheit späterer Jahre.“
„Sie hatten ganz Recht,“ entgegnete er; „solche Kindereien verstehe ich nicht, und ich glaube, daß sie die Abgestorbenheit vorbereiten und beschleunigen, von der Sie sprechen, schöne Tante.“
Tosca sah ihn an. Er saß auf dem Platz, wo Sigismund gesessen. Sein schönes Gesicht mißfiel ihr, wenn Sie es mit Sigismunds ernstem Antlitz verglich. Sie sagte gleichgültig: „Das kann wol sein, und geht mich nichts an.“ Dann gingen ihre Gedanken zu Sigismund zurück. „Seltsam!“ dachte sie; „die heftigsten Emotionen meines Lebens kommen mir durch diesen Mann, und von ihm! einst — Schmerz, Beschämung, Gram; jetzt — Freude, aber unglaubliche Freude, denn der einzige Moment in meinem Leben, an den ich mit einem kleinen Gefühl von peinlicher Bitterkeit dachte — der ist jetzt hell und licht worden! und dafür hab’ ich ihm gedankt, und noch lange nicht genug.“
Sigismund kam am andern Abend und fand den General allein, der ihm sagte, seine Frau sei noch bei der Toilette, welche heute besondere Sorgfalt erheische, da sie aus dem Conzert auf einen großen Ball gehen müsse. Nach zehn Minuten etwa trat Tosca ein. Sie trug ein Kleid von blaßblauem Moor mit Fluthen von Spitzen garnirt, einen Schmuck von Türkisen und Perlen, und in den Locken einige hellrothe Camellien. Sie trat rasch ein, und sagte zu ihrem Mann, ohne Sigismund zu sehen, den sie noch nicht erwartete:
„Da bin ich! ... nun? bin ich hübsch?“
„Wie eine Email von Petitot,“ antwortete der General freundlich, „glänzend und zart.“
„O Himmel!“ rief sie, Sigismund gewahrend; „sehen Sie, so macht man’s, um sich Complimente sagen zu lassen.“
Sigismund hatte unwillkürlich einen Moment die Augen geschlossen. Ihm war als fliege ein Meteor vorüber. Sie sah ganz ungewöhnlich schön aus, das Auge noch leuchtender, die Farbe noch duftiger, die Haltung noch ätherischer als sonst. „Wo sind die Flügel, von denen sie getragen wird?“ fragte er sich heimlich; „so sieht man im gleichgültigen Zustand nicht aus!“
„O ich freue mich!“ sagte sie und ihr Lächeln glitt über ihn hin, wie der Sonnenstral.
Sigismund hätte ihr gern gesagt, daß ihre Freude ihm weh thue, denn ihm war trübe zu Sinn; er fragte nur:
„Und wozu? gnädige Frau?“
„Zum Conzert! wozu denn sonst?“
„Nicht auch zum Ball?“
„Bah! mit achtzehn Jahren freut man sich zum Ball.“
Es kamen ein Paar alte Bekannte des Generals, um ihm Gesellschaft zu leisten; Tosca empfahl ihnen ihren Mann; es war ihr ungewohnt, ihn um diese Stunde zu verlassen. Dann fuhr sie fort mit Sigismund und Ignaz.
Der Saal war gedrängt voll Menschen. Sigismund setzte sich hinter Tosca; der Platz war ihm willkommen: er brauchte ihr nun nicht in die stralenden Augen zu sehen, die ihm weh thaten. Er dachte an Agathens linde, sanfte Augen; aber ihr Blick blieb nicht in seiner Seele haften, glitt hinein, und erlosch, und war doch so lieb, so gut! Ihm war, als müsse er zu ihr, sie um Vergebung bitten, sie beschwören, sich zwischen ihn und Tosca Beiron zu stellen. Dann fragte er sich unwillig: „Aber wozu? ich werde doch nicht vor dem Lächeln einer schönen Frau zerschmelzen?“ — Dann heftete er fest den Blick auf Tosca, wie sie da vor ihm saß; auf den zierlichen Kopf mit der Lockenfülle, den der schlanke Hals so stolz und so graziös trug, auf den schönen Nacken, um den ihr dunkler Sammetshawl sich in weichen, breiten Falten legte, auf die ganze Gestalt, bei der jede Bewegung von biegsamer Elastizität war. Er that es mit einem strengen, kritischen Blick; er wollte sich überzeugen, daß er schönere Frauen gesehen, daß Agathe reizender sei. Allmälig aber vergaß er die beabsichtigte Kritik, und Alles entschwand ihm, wie zwischen Nebeln und Hochgebirg: die Frauen, die Menschen, die Welt; nur nicht Tosca Beiron, die er als Jüngling gesehen und geliebt hatte, und die er jetzt als Mann wiedersah — und nicht mehr lieben durfte! denn sie war gefesselt an einen siechen Greis, und er an ein blühendes Mädchen; denn ihre Wege gingen weit, weit auseinander, und hätten doch einst sich vereinigen können! Damals, als Tosca Beiron, um mit ihm zu tanzen, ein anderes Engagement brach; damals, als sie ihm täglich, wie aus dem Himmel, einen Guten Morgen zuwinkte; damals, als sie ihm, den sie krank und niedergeschlagen wähnte, mit süßer Theilnahme das Beste und Liebste schickte, was sie hatte — ihre Blumen .... die er mit Füßen trat; denn damals — o ja! da liebte sie ihn, mit jener aufdämmernden Empfindung, welche nur der Gewißheit der Erwiederung bedurft hätte, um in rosigen Flammen aufzuschlagen.
Liszt spielte und spielte. Sigismund wußte nicht was, und fragte auch nicht danach; ihm war, als spiele er ihm seine ganze Vergangenheit wie eine stralende Fata Morgana aus den grauen Wellen seiner Erinnerung empor. Und aus der Vergangenheit ging er in die Gegenwart über, in die des Augenblicks; es lag eine Berauschung in diesem Tonmeer, wie sie in jeder überschwenglichen Fülle liegt, und überdies giebt es wol keine feinere, zauberischere Seligkeit, als einen geistigen Genuß mit einer sehr geliebten Person zu theilen. Wie vor der Pforte des Paradieses findet man sich mit ihr zusammen, lautlos, anbetungsdurstig, bebend vor Sehnsucht, der ewigen Schönheit ins Sonnenantlitz zu schauen. Die Klänge, die sein Ohr berauschten, zogen auch in ihre Seele! die Melodien, die ihm das Herz umwogten, schaukelten auch das ihre! Es war eine unirdische, und doch wundersam süße Gemeinschaft! vielleicht ist die Liebe so auf irgend einem höheren und glückseligeren Gestirn, als unsre Erde ist. Toscas Sammetshawl war von ihrem Nacken auf die Lehne ihres Stuhles geglitten. Sigismund legte die Hand darauf, wie um sich an etwas zu halten, das im Stande sei, ihm wirklich einen Halt zu geben, denn ihm war, als könne er in die Unermeßlichkeit fortgeschleudert werden. Durch den Handschuh hindurch fühlte er den Sammet wie eine linde Berührung, wie eine Beschwichtigung. Er zog geschwind den Handschuh aus, und lehnte die Stirn auf die Hand, die auf dem Shawl lag. Ganz leise berührte er den Sammet mit seinen Lippen. Ein feiner, fast unmerklicher Duft von vétivert war darin. Sigismund schloß die Augen; er vergaß die Unermeßlichkeit der Welt und des Lebens — aber nicht die des Glücks.
Liszt spielte und spielte. Goldne Wolken legten sich um Sigismunds Seele. Was war ihm Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? es schmolz zusammen in dem seligsten Bewußtsein der Nähe der schönen Geliebten. Ja, sie gehörte einem andern Mann! Ja, sie war ihm verloren ... was man so verloren nennt! Aber sie war auf der Welt! aber sie war da! In ihrem bloßen Dasein schien ihm eine unendliche Verheißung zu liegen. Konnten sich nicht die Schicksale wenden? gab es nicht wunderbare, göttliche Fügungen? Fremde Gestalten blitzten wie Geister in seine wachen Träume: Agathe, das liebe Mädchen; der General, sterbend, todt; Ignaz, lauernd, schlangenhaft, als sinne er darauf, Tosca zu verderben. Sigismund fuhr verstört empor: Liszt hatte den Schlußakkord gemacht. Tosca kehrte sich zu ihm; sie sah beinah blaß aus.
„Nicht wahr,“ fragte sie, „das ist kaum auszuhalten? Der Mensch spielt einem die Seele fort.“
„Ob er nicht eine neue Incarnation des alten Rattenfängers von Hameln ist,“ sprach Sigismund, aber mit so beklemmter Stimme und bleichen Lippen, daß Tosca besorglich und freundlich sagte:
„Sie werden doch nicht ohnmächtig werden? wollen Sie mein Flacon? er fängt gleich wieder an zu spielen.“
Sie gab ihm das Flacon. Sigismund behielt es in der Hand, ohne es zu brauchen. Ohnmächtig wäre er nicht gern geworden — doch gestorben recht gern; nur eine Gewißheit wollte er.
„Sagen Sie mir,“ fing er an, „ich bitte, sagen Sie mir aufrichtig — haben Sie mir vergeben?“
„Rührt die Musik Ihr Gewissen?“ fragte sie.
„Also haben Sie mir nicht vergeben!“ rief er.
Sie legte den Finger an die Lippen, und sagte dann: „Ich habe Ihnen vergeben.“
„Und warum haben Sie es gethan?“
„Weil Sie gutgemacht haben.“
„Wodurch?“
„Durch Ihre Erzählung von gestern Abend.“
„Und nun?“
„Und nun?“ wiederholte sie und sah ihm mit ihren großen mächtigen Augen grad’ ins Antlitz. Es glitt ein Rosenschimmer, wie der Wiederschein einer hohen Freude, über ihre Wangen; sie sah aus wie innerlich illuminirt, und sagte endlich: „O ... nun ist’s gut.“
Die Musik begann von Neuem. „Sie hat recht!“ dachte Sigismund; „nun ist’s gut .... zwischen ihr und mir. Ihr schönes lichtes Wesen bedarf des Friedens! weil es so friedlich ist wie der Regenbogen, und so hoch wie der Regenbogen — darum ist’s auch magisch und herzstärkend, wie er. Du bist sehr göttlich, Tosca Beiron.“ — — — Das Conzert war zu Ende. — — —
„Nun? hat es Ihnen gefallen?“ sagte Ignaz zu Tosca, als sie fortgingen.
„Nein!“ antwortete sie kurz.
„Nein?“ rief Ignaz; „nun, meine schöne Tante, dann wiederhol’ ich Ihnen, was ich schon oft gesagt, Sie haben kein Herz.“
Sie schwieg. Ignaz sprach mit Sigismund weiter. Als sie in den Wagen stieg, sagte Tosca:
„Nach Hause!“
„Noch eine Ueberraschung!“ rief Ignaz verwundert; „wollen Sie nicht auf den Ball? ... oder etwa später?“
„Nein!“ sagte sie wieder.
Ignaz schüttelte den Kopf. Zu Hause angelangt, sagte Tosca zu Sigismund:
„Mein Neffe geht auf den Ball; kommen Sie zu meinem Mann, wir wollen ihm erzählen und Thee trinken.“ — Er folgte ihr stumm.
„Nun, bist Du befriedigt, liebe Tosca?“ fragte der General, als sie eintraten.
Tosca ließ sich neben ihm in einen Lehnstuhl fallen, holte tief Athem; küßte ihm dann die Hand und sagte: