2. Unter den Linden. (continued 2)
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„Befriedigt! ja, das ist das Wort! ... befriedigt, mein Ignaz — wendete sie sich zu diesem — und zwar so sehr, daß ich nicht im Stande bin, heute Abend Tanzmusik zu hören. Ich bleib’ daheim.“
Sie zog die Handschuhe aus, legte Shawl und Fächer ab, und sagte zum General:
„Ich weiß nicht ... bin ich entseelt, bin ich neubeseelt, aber genug! irgend etwas ist meiner Seele geschehen.“
„Sie ist den Launen zugänglich worden,“ sprach Ignaz lachend.
„Lachen Sie immerhin, beau neveu!“ entgegnete sie sehr gleichmüthig und dann zu Sigismund: „Nicht wahr, er warf auch Sie in ganz überwältigende Emotionen? Sie sehen noch ganz angegriffen aus.“
„Haben Sie so schwache Nerven, Herr Regierungsrath?“ fragte Ignaz immer noch lachend.
„Die Nerven sind gut, Herr Graf,“ erwiederte Sigismund eben so gleichgültig als Tosca; „aber die Emotionen gehen bei mir tiefer, als bis zur Erschütterung der Nerven.“
„Lieber Onkel,“ sagte Ignaz, „wie ein schlichter Mensch, der ich bin, habe ich Liszt’s Spiel in jeder Beziehung meisterhaft gefunden; allein so erschüttert, wie diese Herrschaften, bin ich nicht davon, und darum werde ich auch tout bonnement auf den Ball gehen.“
„Wo Sie, als ein eleganter Tänzer, der Sie schlichter Mensch sind — auch viel nothwendiger sind, als ich,“ sagte Tosca freundlich, und nickte ihm ihren Abschiedsgruß zu.
„Sie bekommt Launen,“ dachte Ignaz, während er zum Ball fuhr: „das ist ein Zeichen von Herzensunruh. Aber durch wen? ... Der Mann? ... unmöglich! Doch wen sieht sie denn sonst noch?“ — Er durchlief die Reihe der Männer, welche sie kannte, und wiederholte bei Jedem: unmöglich! Endlich blieb er bei sich selber stehen: „mir däucht, sie antwortete mir ein paar Mal kurz und verdrießlich; das pflegt ein Zeichen von Mißfallen zu sein — allein das Mißfallen entspringt oft nur aus einer Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Moment, und nicht mit dem, gegen welchen es sich äußert.“ Dennoch brachte er es in diesem Punkt nicht bis zur Ueberzeugung; immer tauchte Sigismund wieder auf, so oft er auch sein: unmöglich! vor ihm wiederholte.
Sigismund blieb nur kurze Zeit beim General. Alles, was Tosca sagte, wie sie es sagte, ihr Blick, ihre Bewegungen, magnetisirten ihn, machten ihn kraft- und willenlos. Sie saß ihm und dem General grade gegenüber und hatte beide Arme auf den Tisch gelegt. Zuweilen hob sie den einen, stützte den Kopf in die Hand, oder strich mit der Hand über die Stirn. Die Lampe warf ihr helles Licht auf sie und ins Zimmer hinein; sie schwamm in Glanz; nach der Seite des Generals war die Lampe mit einem Schirm bedeckt, so daß die beiden Männer im Finstern saßen.
Tosca sprach viel über die Musik; Sigismund antwortete nur einsilbig, nur grade genug, um sie reden zu machen. Er konnte nicht anders. Er saß da, und blickte zu ihr hinüber, aus seiner Finsterniß in ihr Licht, wie von der Erde zu irgend einem goldnen Stern. Nichts stand zwischen ihnen als der Tisch; er meinte sich durch Welten von ihr getrennt, und dennoch war’s ein Durst, ein Drang nach der Sphäre dieses schönen Sternes, daß auch Welten den Gang zu ihm nicht hemmen würden.
„Wollen Sie schon schlafen gehen?“ fragte Tosca, als er den Hut nahm.
„Nicht schlafen — arbeiten!“ sagte er mit so besondrem Ausdruck, daß Tosca sagte:
„Ach, das wird Ihnen zu schwer werden! Sie seufzen ja, wenn Sie nur daran denken! lassen Sie die Arbeit, sie gelingt Ihnen nicht.“
„Gnädige Frau,“ erwiederte Sigismund in ganz heiterm Ton, „ich muß arbeiten, um morgen wieder ein vernünftiger Mensch zu sein.“
„Glück zu!“ sagte sie lieblich, und der General sprach:
„Geben Sie Sich nicht allzu viel Mühe, um ein vernünftiger Mensch zu werden! — es kommt eine Zeit, und früh genug, und ganz von selbst, in der wir tief bedauern, nicht mehr unsrer früheren extatischen Thorheiten und sublimen Schwärmereien fähig zu sein.“
„So ist’s!“ entgegnete Sigismund, „aufs Bedauern sind wir unser Lebelang angewiesen.“
Als er auf sein Zimmer kam, fiel er tödtlich erschöpft in den Sopha. „Lassen Sie die Arbeit, sie gelingt Ihnen nicht!“ hörte er unablässig Toscas Stimme in sein Ohr flüstern. Er verfiel in einen Zustand zwischen Wachen und Traum. Eine schwere, fieberhafte Aufregung brütete über ihm. Unbeweglich lag er da, und fühlte sich beängstigt, wie in schweren Ketten, und kraftlos, um sie abzustreifen. Plötzlich wehte ihn Erquickung an; Töne erklangen, er wußte nicht wo; sie kamen ihm bekannt vor und doch so, als ob er sie noch nie gehört. Er athmete freier, das Herz klopfte ihm ruhiger! allmälig kehrte ihm das volle Bewußtsein zurück. Er richtete sich auf und fuhr mit der Hand über Stirn und Augen, um sich zu überzeugen, daß er wache; dann horchte er. Es war Schuberts „Ave Maria,“ das Liszt gespielt hatte — und das jetzt Tosca Beiron sang! — Diese stillen innigen Töne, in tiefer Nacht von ihr gesungen, von ihm gehört, überwältigten ihn. Er warf beide Hände vors Gesicht, wie um sich zu verbergen; dann sprang er heftig auf, und sagte ganz laut: „Ja, es ist so! ich schmelze in ihre Wesenheit hinüber ... aber ich will nicht! — ich will fort! Agathe, zu Dir!“
Tosca hatte aufgehört zu singen. Es war so still im Hause und auf der Straße, daß er hörte, wie sie die Thür aus dem Salon nach ihrem Zimmer auf- und zumachte. „Nun geht sie schlafen!“ dachte er; „Gott segne Dich, unvergeßliches Geschöpf!“ — und mit einem traurigen Rückblick auf sich, fügte er den Schluß eines Liedes hinzu: „Und die Nacht, und die Nacht — Hat sie schlafend verbracht!“ —
Dann traf er geschwind einige Anordnungen, warf sich aufs Bett, und fuhr in der Frühe des nächsten Morgens nach Magdeburg auf der Eisenbahn — die, was das Zusammenkommen betrifft, eine eben so wundervolle Veranstaltung, als hinsichtlich des Reisens widerwärtig ist. Im Wagen bemächtigte sich seiner eine Art von Betäubung, die ihm sehr wohl that, ein Seelenschlaf, aus dem er gestärkt zu erwachen hoffte. Endlich griff er ungeduldig nach der Uhr, um zu sehen, wie lange er denn noch bis Magdeburg zu fahren habe. Außer der Uhr fand er in seiner Brusttasche Toscas Flacon. Es war von hellblauem Hyalith, mit goldnen chinesischen Zeichnungen, platt und flach, bequem in der Tasche zu tragen. Als Sigismund es betrachtete, die glänzende Farbe, die phantastischen Figuren, fiel ihm ein, ob es nicht ein Amulet sein möge, ein Talisman, und ob er es nicht lieber aus dem Wagen werfen solle; aber der Gedanke, daß es ihm ja nicht gehöre, hielt ihn zurück. Dies Flacon warf ihn wieder in seinen gestrigen Ideenkreis! er dachte wieder an Tosca, an den holdselig gedankenvollen Blick, womit sie „Und nun?“ gesagt, an die Musik, an ihren Sammetshawl, an den leichten Duft von vétivert. Er öffnete das Flacon; richtig! es war vétivert darin. Er goß einen Tropfen auf seinen Rock.
Zwei junge Leute saßen neben ihm. Er hatte bis daher ihr Geplauder nicht beachtet; als aber der Eine den Dom von Magdeburg erblickte, und zum Andern scherzend sagte, indem er auf die Stadt wies:
„Da wohnt Deine künftige Liebste!“
Da erschrak Sigismund fast, denn seine Liebste wohnte da, und seine Gedanken gingen nicht zu ihr — sondern zurück! zurück! — —
Er eilte zu Agathen. Er schellte; ihre Mutter öffnete ihm die Thür und empfing ihn mit herzlicher Freude. Er fragte ungeduldig nach Agathen.
„Sie plättet;“ sagte die Mutter, und rief in ein andres Zimmer hinein: „Agathe, komm einmal her, geschwind!“
Agathe kam munter hereingelaufen und stieß einen hellen Freudenschrei aus, als Sigismund ihr entgegen trat. Es war ein wunderhübsches Mädchen, groß, voll und schlank von Gestalt, mit einem prächtigen blaßgelben Teint, dessen Colorit ebenso warm und frisch als die rosigere Farbe der Blondinen ist, mit rabenschwarzem Haar, in welchem das farblose Antlitz wie eine Perle auf Sammet lag, und mit guten sanften schwarzen Augen, die das Gesicht, welches durch Züge und Farbe hätte hart sein können, ganz weich machten. Jetzt sah sie überdas sehr glücklich aus, so wie man bei zwanzig Jahren dem Geliebten gegenüber auszusehen pflegt. Dieser Ausdruck von Glück rührte Sigismund. Ist es Dankbarkeit? ist es Eigenliebe? nichts fesselt den Menschen so an einen andern, als das Bewußtsein, ihn bis ins innerste Herz zu beglücken.
„O Sigismund!“ sagte Agathe, „Du hättest doch lieber vorher schreiben sollen, denn jetzt freu’ ich mich so sehr ... daß ich gar nichts sagen kann.“
Sie setzte sich, nahm seine Hand in die ihren und sah ihn an. Er erzählte ihr, daß er nicht vorher seine Ankunft hätte bestimmen können, weil er den Entschluß gern von augenblicklicher Stimmung abhangen lasse, von einer unüberwindlichen Lust, oder von tiefer Sehnsucht, oder von der plötzlichen Ueberzeugung: jetzt sei es grade an der Zeit. Zu Allem, was er sagte, nickte Agathe freundlich mit dem Kopf; sie hörte auf seine Stimme, auf seine Worte nicht. Was er sprach, war ihr höchst gleichgültig; daß er da war, beseligte sie. Sie unterbrach ihn plötzlich:
„Sigismund!“ rief sie, „hast Du mich lieb?“
Das ist eine unselige Frage! Unter hundert Malen stimmt sie den, an welchen sie gerichtet wird, neunundneunzig Mal traurig. Liebt er aus voller Seele, mit tiefster Hingebung, so scheint ihm die Frage zu alltäglich, um nicht überflüssig zu sein. Thut er das nicht, so setzt er im Andern Mißtrauen und Zweifel voraus und fühlt sich gekränkt, wenigstens verstimmt, weil — er es verdient. Die Frauen haben eine unglückliche Leidenschaft für diese Frage, denn sie lieben Demonstrationen des Gefühls, sie sind demonstrativer als die Männer — vielleicht, weil sie mehr Zeit dazu haben, vielleicht weil es eine ihrer Grazien ist. Eine Frau weiß unter vier Augen unendlich viel mehr Liebliches zu sagen als ein Mann; darauf sollte sie sich beschränken, das hört er immer gern. Aber die Frage: „hast Du mich lieb?“ sollte sie nie an ihn richten, höchstens in den allerernstesten Momenten oder in fröhlichem Uebermuth, spottend, neckend; — nur dann wird er zu antworten wissen. — Dies rathe ich den Frauen sehr wohlmeinend.
Ueber Sigismund legte sich ein Schatten, als er sagte:
„Ja, liebe Agathe; aber warum fragst Du?“
„Weil ich dies Ja lieber hören mag, als Alles, was Du sonst sagst, mög’ es noch so gescheut und klug sein,“ erwiderte Agathe aus so vollem Herzen, daß er sie gerührt und zärtlich umfaßte und sagte:
„Bei Dir hab’ ich’s gut, meine Agathe.“
„Und wo denn nicht, Sigismund?“
„Nirgends — wo Du nicht bist.“
„Nun, das muß ja auch so sein. — Aber,“ fügte sie hinzu und sah ihn besorgt an, „mir däucht, Du siehst angegriffen aus. Bist Du krank? hat Dir Jemand was zu Leide gethan?“
Sigismund lachte. „Das ist doch keine ordentliche Antwort,“ sagte Agathe kopfschüttelnd.
„O,“ rief Sigismund, „sieh mich an, Agathe! sieh mich an mit Deinen guten lieben Augen! und freundlich, Agathe, nicht besorgt! Glaube mir, wenn ich bei Dir bin, so fehlt mir nichts, und wenn ich nicht bei Dir bin, so fehlt mir auch nichts — als Du.“
Agathe versuchte ihn anzusehen, aber ihre Augen füllten sich mit Thränen; um sie zu verbergen, schlug sie die Augen nieder. Es war ein so milder sanfter Ausdruck in ihrer ganzen Erscheinung, daß Sigismund vor dem Gedanken bebte, diesem Mädchen auf irgend eine Weise weh zu thun.
Der Abend verging gut. Die Erinnerung an den gestrigen stieg zwar ein Paarmal lebhaft in Sigismund auf, wenn er dessen extatische Emotionen mit dem Stillleben des heutigen verglich. Aber er schob sie gewaltsam zurück, und wiederholte heimlich: heute ist’s besser! — In dem Glanz des gestrigen Abends stand Tosca wie die Rose in einem persischen Gedicht; in dem Frieden des heutigen erschien ihm Agathe wie das Veilchen in irgend einem deutschen Frühlingsliede. Spät ging er fort, und zu seinem Schwager, bei dem er wohnte. Er fühlte sich recht zufrieden, und seines Entschlusses herzlich froh. Einige Tage bei Agathen, und die Arbeit ein vernünftiger Mensch zu werden war dennoch gelungen — trotz Toscas Prophezeihung, oder vielleicht wegen ihres „Glück zu!“ — Denn mächtig ist sie! dachte Sigismund; und ob sie wol an mich denkt .... an ihr Flacon, das bei mir geblieben ist? — So dachte er vor dem Einschlafen, wenn der Geist und der Wille nicht mehr im Stande sind die vagabondirenden Gedanken zu beherrschen; sie flogen zu Tosca, nicht zu Agathen.
Am andern Morgen, nachdem Sigismund eine Weile bei Agathen gewesen war, sagte sie:
„Aber, lieber Sigismund, warum parfümirst Du Dich so stark? ich bin das gar nicht an Dir gewohnt.“
Er griff unwillkürlich nach der Brusttasche, um sich zu überzeugen, ob das Flacon sich nicht geöffnet habe; denn er hatte sich schon so an den Geruch gewöhnt, daß er ihn nicht mehr bemerkte. Agathens Blick folgte seiner Hand.
„Bitte, zeige mir, was es ist,“ sagte sie.
Er gab ihr das Flacon, aber ein wenig widerwillig. Sie rief:
„O das ist allerliebst! doch die Essenz wollen wir ausgießen; die mag ich nicht.“
„Gnade für die Essenz, liebe Agathe! sie wird Dir gewiß gefallen, wenn ich Dir sage, daß es die alten Narden sind, die Narden, welche die heiligen drei Könige samt Gold und Spezereien dem Christuskinde darbrachten. Jetzt heißen sie vétivert.“
„O, im vétivert ist gewiß nichts mehr von den alten Narden enthalten! ich kann wirklich nicht ertragen, daß Du Dich damit parfümirst“ ... —
„Ich will es weglegen, liebe Agathe,“ sagte Sigismund und streckte die Hand danach aus.
Aber Agathe behielt es in der ihren, die sie zurückzog, und sagte:
„Bitte, Sigismund, o bitte, schenke mir das Flacon! es ist gar niedlich.“
„Ich werde Dir ein andres geben, liebe Agathe, ein größeres, eleganteres, mit irgend einer Essenz, die Du gern magst.“
„Nein, ich danke Dir! ein eleganteres will ich nicht ... und es giebt auch keines! und die größeren sind nur unbequem.“
„Du kannst ein größeres auf Deine Toilette stellen.“
„Ich hab keine Toilette, zu welcher ein elegantes Flacon paßt, Sigismund. Ich mögte nur dies ... um es immer bei mir zu tragen .... so wie Du es getragen hast.“
„Aber Du magst nicht den Parfüm, Agathe.“
„Nein gar nicht! drum will ich ihn Dir nehmen.“
„Ich könnte ihn mir ja wieder bei jedem Parfümeur kaufen.“
„O das thust Du nicht, wenn es mir unangenehm ist. Bitte, Sigismund, schenke mir das Flacon.“
Er hätte einfach sagen können, es gehöre ihm nicht; aber ihm graute vor den Erörterungen, wie, wann, von wem er es bekommen habe, und er fühlte, daß er nicht im Stande sei, irgend eine kleine erklärende Geschichte, wie die Männer sie sonst immer bereit zu haben pflegen, in diesem Augenblick zu erfinden. Wie man das denn immer höchst ungeschickt macht: um aus der Verlegenheit zu kommen wird man heftig.
„Ich bitte sehr um Verzeihung,“ sagte er kurz, „allein das Flacon ist mir lieb.“
„Eben darum!“ sagte sie bittend.
„Mein Gott!“ rief er heftig, „wenn Du eine so große Liebhaberei für Flacons hast, will ich Dir ein Dutzend kaufen!“
Kaum hatte er’s gesagt, so that es ihm leid, denn Agathe sagte sehr traurig:
„Du willst es mir also nicht geben?“
„Laß es mir, liebe Agathe!“ bat er sanft.
„Da!“ sprach sie. Doch noch ehe er es nehmen konnte, machte sie ihre Hand auf und ließ es fallen, zu absichtlich um den Zufall anklagen zu dürfen. Sigismund wurde blaß, stand auf und nahm seinen Hut. Als Agathe das gewahrte, sprang sie ihm in den Weg, faltete die Hände, und sagte zitternd:
„Sigismund!“
„Es thut nichts, liebe Agathe,“ erwiderte Sigismund mit etwas gezwungenem Lächeln. „Ich bin ungeschickt gewesen — nicht Du.“
„O Du bist erzürnt!“ rief sie mit tiefem Schmerz.
„Gar nicht! mein Wort darauf! ein Flacon ist ja etwas sehr Zerbrechliches! In einer halben Stunde bin ich wieder hier, Agathe — jetzt muß ich einen Gang durch die Stadt machen.“
„O nicht jetzt ... nicht so im Zorn!“ bat sie. „Geh nicht fort, ohne mir einen Kuß zu geben — das ist noch nie geschehen, Sigismund!“ — Sie sagte das aus tiefer, trauriger Liebe, doch es berührte ihn unangenehm.
„Laß mich gehen, gute Agathe, ich bitte Dich!“ sprach er im halb gereizten, halb befehlenden Ton.
„O Himmel!“ sagte Agathe und trat zurück. Sie bebte vom Scheitel bis zur Sohle, schloß die Augen, und lehnte sich an die Wand neben der Thür. Das ging ihm durchs Herz. Agathe hatte ja nicht Unrecht; sie hatte nur den unbegreiflich feinen und richtigen Instinkt der Liebe. Er! er hatte Unrecht gegen sie, und fügte jetzt noch die herbste Kränkung dazu! Er warf den Hut fort, er umfaßte Agathe, ließ sie niedersitzen, kniete vor ihr, gab ihr tausend süße Namen und liebe Worte. Sie hielt unablässig beide Hände vor dem Gesicht. Er bat sie ihn nur anzusehen, wenn auch nicht freundlich.
„Nein!“ sagte sie, „ich bin beschämt, ich kann nicht.“
„Du strafst mich hart, Agathe,“ sagte er, wieder etwas heftig.
„Es sollte nicht Strafe sein, Sigismund,“ sprach sie und ließ die Hände sinken. „Aber höre! wenn ich zu Dir spreche: Gieb mir einen Kuß! so mußt Du es thun — denn Du kannst Dir vorstellen, daß mir so viel daran liegt ... so viel ... wie vorhin. Versprich mir das.“
„Ja, liebe Agathe.“
„Dafür versprech’ ich Dir, daß ich es nie wieder thun will — nie wieder.“
„Aber wenn ich Dich um einen Kuß bitte — was wirst Du thun?“
„Ich werde immer thun, was Du wünschest,“ entgegnete sie, und die Trauer auf ihrem Gesicht machte einer wunderholden Freundlichkeit Platz. „Und jetzt bleibst Du hier? nicht wahr?“ fragte sie.
„Ich habe meiner Schwester versprochen bei ihr zu Mittag zu essen,“ antwortete er.
„O nicht bei Deiner Schwester!“ rief Agathe ängstlich; „iß bei uns, Sigismund.“
„So muß ich ihr doch sagen, daß ich nicht komme.“
„Ja, thue das! aber komm’ bald wieder; denn Deine Schwester mag mich nicht.“
„Sie mag Dich nicht?“ rief er befremdet.
„O, sie mag nicht, daß Du mich heirathest! ich bin ihr für Dich nicht reich und vornehm genug. Sie meint, Du könntest eine ganz andre Partie machen — was ich freilich auch sehr gern glaube.“
„Eine Partie machen!“ rief Sigismund; „aber ich will gar keine Partie machen! Heirathen will ich! ... und zwar Dich, Agathe!“
Er umarmte sie und ging. Sie sprang an das Fenster und blickte ihm nach, wie er dahin ging, fest, rasch, mit wenigen Bewegungen. Ihr schien, als habe sie nie Jemand so sicher und ruhig gehen sehen. So lange sie ihn sah, fühlte sie sich froh und leicht; als er verschwand, als sie ins Zimmer zurücktrat, als sie die himmelblauen und goldnen Scherben des Flacons gewahrte, fiel ihr Herz gleichsam in namenlose Beklommenheit zurück. Sie grämte sich, daß Sigismund ihr nicht das Flacon hatte geben wollen, daß sein Wunsch, es zu behalten, größer war, als sein Wunsch, ihr eine Freude zu machen. „O wenn er es mir gegeben hätte,“ sagte sie halblaut, „so hätte ich es ihm ja auf der Stelle zurückgegeben! behalten wollte ich es gar nicht, nur wissen, ob das, was sein ist, auch mein ist.“
Als die Mutter eintrat, fand sie Agathe am Boden kniend, und weinend die Scherben in ihrer Schürze sammelnd. Sie fragte, was ihr widerfahren sei? Agathe sagte nur, es thue ihr so leid, daß sie Sigismunds allerliebstes Flacon habe zu Boden fallen lassen, und dabei weinte sie, als wolle sie mit ihren Thränen die Erinnerung daran überfluthen. Das sind unsre bittersten Schmerzen, die, welche wir Keinem anvertrauen mögen, weil wir sie in uns selbst nicht zum Bewußtsein kommen lassen mögten.
Sigismund fühlte sich mißgestimmt. „Es liegt doch etwas Krittliches, Kleinliches, Eifersüchtelndes im Frauencharacter,“ sprach er zu sich selbst. Sein Besuch bei seiner Schwester erhöhte diese Mißstimmung; sie machte ihm Vorwürfe, daß er sie um seiner Braut willen vernachlässige; — sehr zärtlich, sehr freundlich that sie das; die Intimität eines halben Menschenlebens, ihre lange vertrauliche, durch die Kindheit und erste Jugend fortgesetzte Freundschaft rechnete sie ihm vor, welche jetzt durch eine Bekanntschaft von sechs Monaten in Schatten gestellt werde. Sie war eine sehr hübsche und elegante Frau, durch die günstigen Verhältnisse ihres Mannes in eine glänzende Lage versetzt. Wie das zuweilen geht zwischen Geschwistern, so ging es auch hier: eins von ihnen ist der Liebling der übrigen — bald ist es das älteste, bald das jüngste, bald der einzige Bruder oder die einzige Schwester, bald nichts von dem Allen, sondern eben nur der allgemeine Familienliebling; für den ersinnen sich die übrigen ganz besondre Schicksale voll Glück und Segen und Glanz, und malen seine Wege mit so idealischen Farben aus, wie sie ihn selbst in eine Glorie der Vollkommenheit stellen. Sucht er dann auf ganz gewöhnlichen Pfaden und zwischen gewöhnlichen Verhältnissen sein Glück, so liegen die unter der Erwartung der Geschwister, und sie fühlen sich ein wenig gedemüthigt in ihren hochfliegenden Hoffnungen. Wirft er sich aufs Ungewöhnliche, so liegt das, wenn nicht über — doch außerhalb der Kreise ihrer Wünsche, und es verletzt sie, daß er etwas ergriffen hat, was sie nicht für ihn ausgedacht. Und dies Alles aus lauter Liebe! — Sigismunds Schwester fand, daß Agathe durch ihre Heirath ein namenloses Glück mache, zu welchem sie durch nichts berechtigt sei. „Es ist ein hübsches gutes Kind,“ sagte sie oft zu ihrem Mann, „doch ich dächte, mein Bruder dürfte wol andre Ansprüche machen.“ — Und jetzt fand sie sich in ihrer schwesterlichen Zärtlichkeit beeinträchtigt um Agathens willen! Geschwisterliebe ist ein geliehenes Gut; sie kann so lange genügend, ja, exclusiv sein, bis das Herz zur Erkenntniß gekommen. Ist das geschehen, weiß es, was es fordern — oder besser, was es geben kann: so tritt die geschwisterliche Liebe in ihre Schranken zurück, kann Trost, Freude, Beruhigung gewähren, aber nicht das unermeßliche Glück, nach welchem das Herz durstig worden ist, ach! oft ohne Befriedigung zu finden. Um Familien- und überhaupt alle intimen Verhältnisse in einer Sphäre zu erhalten, wo sie nicht allzu sehr vom dicken Staube der Alltäglichkeit zu leiden haben, ist nichts so nothwendig, als gewisse Fühlfaden an der Seele, welche auf manchen Punkten vor der lindesten Berührung sich zusammenziehen, und vor dem Vorwärtsdringen warnen. Wir haben auch solche Fühlfaden; wir empfinden auch ihre Einwirkung; dennoch übertäuben wir oft ihre Warnung, weil übertriebene Eigenliebe uns zuflüstert, daß wir mehr geben, als empfangen, daß Kälte und Mangel an Vertrauen uns gegenüber stehen. Das kann wol sein! aber der Bruder ist Mann, aber die Schwester ist Weib; tausend und aber tausend feine, unsichtbare und dennoch unzerreißbare Rücksichten weben eine leicht verletzliche Schranke. Ich glaube, daß die Menschen, um sich nur als Geschwister zu fühlen, immer in der Kinderstube bleiben müßten.
Sigismund hatte für die zärtlichen Vorwürfe seiner Schwester keine Antwort. Er versuchte mit ihr darüber zu scherzen, aber sie nahm die Sache tragisch, als sie sah, daß er sie lustig nehmen wollte — so, aus bloßem Widerspruchsgeist, der sich bisweilen wie eine nervose Irritation der Frauen bemeistert, und sie fast gegen ihren Willen Dinge thun und sagen läßt, welche sie hinterdrein herzlich bereuen. Ich habe sehr nachgedacht, woher das kommen möge; ich glaube, es ist, weil die Frauen sich nothgedrungen so sehr fügen und schicken, der fremden Meinung unterordnen, der fremden Ansicht folgen, das Gegentheil von dem thun und lassen müssen, wie es ihnen ums Herz ist. All die heimlichen Protestationen, welche sie einreichen, und welche vom Schicksal nicht angenommen werden, sammeln sich in ihrer Seele auf, und bilden darin eine Opposition, welche nur darum bei erbärmlichen Kleinigkeiten hervortritt, weil sie es bei wichtigen Dingen nicht immer darf.
Um Vieles verstimmter, als er gekommen war, verließ Sigismund seine Schwester. Vor der Thür begegnete ihm sein Schwager, und hielt ihn am Arm fest.
„Was Teufel fehlt Dir, daß Du mich fast über den Haufen rennst?“ fragte er.
„Frag’ mich nur nicht!“ rief Sigismund; „denn Deine Frau hat mich geärgert!“
„Meine Frau ist Deine Schwester,“ entgegnete Friedrich äußerst gelassen; „und wie kannst Du Dich überhaupt ärgern lassen? so lange Du das noch thust, bist Du nicht reif für die Ehe. Ich ärgere mich nie über meine Patienten; sie sind eben krank.“
„Seelenunarten kann ich nicht Krankheit nennen,“ erwiederte Sigismund.
„Ich thue es, und ich befinde mich sehr wohl dabei,“ entgegnete Friedrich. „Deine Schwester ist eine so gute Frau, wie eine! das hindert aber nicht, daß ich häufig Gelegenheit hätte, mich über sie zu ärgern. Oben hinaus will sie, immer oben hinaus .... und das hat denn doch seine Grenzen! da setz’ ich ihr eine unerschütterliche, eiserne Ruhe entgegen“ .... —
„Und reizest sie dadurch immer heftiger auf,“ unterbrach Sigismund; „nein, Freund! von solcher Ruhe kann eine Frau ganz desperat werden.“
„Ich werde mich doch nicht mit ihr zanken sollen? Das ist ganz gegen meine Grundsätze.“
Sigismund machte eine ungeduldige Bewegung.
„Es ist kalt hier draußen, nicht wahr?“ sagte Friedrich; „komm zu mir, wir wollen schwatzen.“
„Nein!“ rief Sigismund, „heut komm’ ich nicht zu Dir! heut hab’ ich Unglück! es giebt solche verwünschte Tage, die im Kalender eines schadenfrohen Dämons übel angestrichen sein müssen — und ein solcher ist der heutige.“
„Was hast Du denn mit der Auguste gehabt?“ fragte Friedrich bedächtig.
„Sie ist eifersüchtig auf Agathe! ich bitte Dich, bringe ihr doch bei, daß die Eifersucht nicht in geschwisterliche und freundschaftliche Verhältnisse gehört, sondern zur Liebe, zur Ehe“ .... —
„Den Teufel auch!“ rief Friedrich; „Eifersucht zur Ehe! ein horrender Gedanke, der! besonders in meinen Verhältnissen. Nein! wenn meine Frau eifersüchtige Launen haben will, so gönne ich sie Dir von ganzem Herzen, lieber als mir — Denn ein Bruder fragt doch weniger danach, als ein Mann. Adieu, mein Alter.“
Er ging ins Haus, und Sigismund zu Agathen.
Agathe hatte so heftig geweint, daß ihre Augenlieder noch ganz roth und geschwollen waren, und daß ihre Stimme noch das leise Zittern hatte, das nach starkem Weinen eine Zeitlang währt. Davon wissen die Männer nichts — schon darum nicht, weil sie nicht zu weinen pflegen. Thränen sind ihnen nun einmal verhaßt. Bei sich selbst schämen sie sich ihrer, weil sie als weibische Schwäche sie betrachten; bei den Frauen sind sie ihnen unerträglich, theils weil sie allzu gerührt durch deren Thränen werden — was ihnen wieder weibisch vorkommt — theils weil sie der Aufrichtigkeit dieser Thränen mißtrauen. Das Aeußerste, was ein Mann in dieser Beziehung für eine Frau thut, ist, daß er sie weinen läßt, ohne ihr darüber Vorwürfe zu machen. Hat er ihr das gestattet, wie man einem verzogenen Kinde stillschweigend eine Unart nachsieht, so soll sie dafür, wenn sie sich kaum die Augen abgetrocknet hat, flugs fröhlich und freundlich sein. Könnte sie das sein, so wären ihre Thränen wirklich nur aus einer Unart, nicht aus einem Schmerz entsprungen, und die Männer begreifen nun einmal nicht, daß man aus Schmerz weint. Begriffe es einer, so würde er mild gegen die Thränen sein. Aber es giebt Punkte, in denen der Mann und das Weib sich gegenseitig durch und durch unverständlich sind, und aller Mühe ungeachtet auch bleiben werden. Das rührt nicht von der Erziehung, von den Gesetzen der Welt und der Gesellschaft her; es liegt an der geistigen und körperlichen Organisation: von seinem Geschlecht kann keiner sich losreißen, und das Geschlecht ist an gewisse Bedingungen geknüpft, die sich ewig gelten machen. Je größer die Liebe, um desto tiefer wird das gegenseitige Verständniß sein; doch auf ein vollständiges rechne nur Niemand. Es giebt gute Momente; da kann man sagen: „Siehst Du! so und so und so bin ich, denk’ ich, fühl’ ich; hast Du das begriffen?“ — Und der Andre wird mit Ueberzeugung Ja! sagen, und dennoch nach fünf Minuten handeln, als ob er Nein! gesagt hätte. Das ist um sich todt zu grämen! Kämen wir gleich beim ersten Schritt ins Leben zu dieser Erkenntniß, so würden wir vielleicht wirklich durch sie überwältigt und zerknickt werden; aber die Schule der Enttäuschung ist so lang, und wir sind so ungemein wißbegierige Schüler, daß wir selbst nicht auf der Schwelle zusammensinken mögen.
Agathe hatte eine sanfte Seele und ein liebendes Herz; sie empfing also Sigismund sehr freundlich, nur aber fröhlich, so wie sie sonst zu sein pflegte, und wie er sie immer gesehen, fröhlich war sie nicht. Bisher war zwischen ihr und Sigismund die vollkommenste Einigkeit gewesen; die Ueberzeugung, daß zwei Wünsche, zwei Willen bei ihnen existiren, und von jedem bis zur letzten Consequenz durchgeführt werden könnten, drängte sich wie ein Stachel in ihre Brust. Sie dachte nicht daran, ob er Unrecht habe, oder sie; auch nicht, worin es bestehe; sie dachte nur: O Gott, wie ist es möglich, daß ich nicht ganz glückselig bin, wenn Er da ist! — Durch nichts wird eine Frau so traurig, als wenn sie sich das zum ersten Mal eingesteht. Was für Schmerz und Weh und Leid ihr auch widerfahren möge: damit ist nichts zu vergleichen! es ist doch Alles höchstens nur der Verlust einer Welt; aber jenes Gefühl ist der Untergang der ganzen goldnen, seligen, unerschütterlich gewähnten Liebeswelt. In der Ehe — da sind denn die Kinder dazu da, um den Stachel minder fühlbar zu machen, so heißt es; so spricht der Mensch, der sich nun einmal entschlossen hat, mit seinen Schmerzen fertig zu werden. Aber vor der Ehe, wenn man das Herz in die Liebe getaucht hat, wie in das Weltmeer, dessen Küsten man nicht kennt — wenn man jung und stark genug ist, um nicht an Ersatz zu glauben und um Trost zu verschmähen — welche wohlklingende, halbwahre, oberflächliche Redensart spricht da der Mensch? Am Besten ist’s noch, wenn er die Achseln zuckt und schweigt.
Die Rückwirkung von Agathens Niedergeschlagenheit auf Sigismund war heftig. Sonst neben ihr wie unter dem lichten blauen Himmel, fühlte er sich jetzt wie unter einer Wolke, und der Gedanke, daß seine Anwesenheit sie nicht mehr durch und durch erfreue, daß sie sich gegenseitig weh gethan, daß er sie verletzt, daß sie um ihn geweint habe — lag lähmend auf seinem Herzen. Indessen, er verstand mehr, sich zu beherrschen, als die junge unerfahrne Agathe. Er wollte nicht die Nebel, die zwischen ihnen aufdämmerten, sich verdichten lassen. Er gab sich die größte Mühe, Agathe heiter zu stimmen, indem er mit ihr Plane für die Zukunft machte, und sie so rosenroth ausmalte, wie seine Liebe für sie es ihm gestattete. Er war sehr gesprächig, sehr herzlich, sehr theilnehmend, sehr munter — und dadurch sehr liebenswürdig, weil sein gewohnter Ernst dabei zerschmolz und in den Hintergrund trat, wie die Gletscher in einem Alpenthal. Und Agathe widerstand dieser Liebenswürdigkeit nicht. Die unruhigen Wellen ihres Herzens legten sich. Sigismund war der Zauberer, der sie zur Ruhe sprach. Sigismund war der Stern, der das Gewölk in ihrem Innern lichtete.
„Sigismund!“ rief sie; „o, ich liebe Dich.“
Sie warf die Arme um seinen Hals; sie sah ihn an, so fest, so lang, so tief, als ob sie mit dem Blick in seine Seele hinein gleiten wollte.
„Wohl mir!“ sagte Sigismund. Aber er sagte es nicht triumphirend, sondern erschöpft; es klang wie ein Seufzer, nicht wie ein Jubelruf.
Agathe strich leise mit der Hand über seine Stirn. Er fragte:
„Was ist da?“
„Ich weiß nicht,“ entgegnete sie, „aber Etwas ist da, was ich wegschaffen mögte.“
„Falten, Agathe?“
„O nein! ich weiß nicht, was es ist! sag’ es mir, Sigismund.“
„Kind! Kind!“ sagte er lächelnd, „grabe doch nicht so in die Tiefe! da giebt’s ja Särge und Leichen.“
„Ja,“ rief sie lebhaft, „und deren Gespenster kommen auf die Oberwelt, und ich mögte sie verscheuchen.“
„Was meinst Du eigentlich?“ fragte er und sah sie ein wenig befremdet an.
„O! daß ich Dich liebe, Sigismund!“ sagte sie sanft.
Als er Agathe in ihrer Liebe bestärkt und beruhigt sah, that er einen langen innerlichen Athemzug, als fühle er sich von einer Sorge befreit.
Später kam seine Schwester mit ihrem Mann. Sie sagte freundlich:
„Wenn Du mich nicht aufsuchst, lieber Sigismund, so such’ ich Dich auf — verwöhnter Mensch, der Du bist. Wir können nun einmal Alle nicht von Dir lassen.“
Das rührte und erfreute ihn. Sein Herz hob sich wieder, um aus der Beklommenheit herauszutreten, die ihn den ganzen Tag umspannt gehalten. Diese Frauen, Auguste und Agathe, beide so verschieden, und einander so fremd im innersten Wesen, schienen sich nur in der Liebe zu ihm zu begegnen und zu verstehen. Die Schwester freute sich an der Adoration, mit der die Braut zu ihm emporsah; und die Braut an der huldigenden Zärtlichkeit der Schwester. Ihm wurde wohl, er fing an, sich heimisch zu fühlen. Plötzlich fragte ihn sein Schwager:
„Bist Du denn nicht in Berlin der Tosca Beiron begegnet? sie soll ja da sein — hört’ ich heute.“
Sigismund war zu Muth wie Jemand, der dem Ufer nah in den Strudel der Wellen sich zurückgerissen fühlt. Er sagte entschlossen:
„Ich wohne mit ihr in demselben Hause und habe sie öfter gesehen.“
„Und das sagst Du mir nicht!“ rief Friedrich; „aber nun erzähle! wie sieht sie aus, wie geht’s ihr, wie lebt sie? hat sie wirklich einen alten kränklichen Mann? Tosca Beiron mußt Du wissen, Gustchen — wandte er sich an seine Frau — war in Bonn meine Göttin, und Sigismunds erste Liebe, Fräulein Agathe“ — sagte er zu dieser.
„Ich kann mir keine Person vorstellen,“ entgegnete Auguste, „die auf Euch Beide einen gleich tiefen Eindruck machen könnte.“
„Das war er auch mit nichten!“ sagte Friedrich; „ich behielt immer den Kopf oben; aber Sigismund war weg — rein weg. Sigismund bei einundzwanzig Jahren, als Student zu Bonn, Fräulein Agathe, war nicht der ernsthafte Regierungsrath zu Magdeburg, der Ihnen jetzt zur Seite sitzt, und ich war damals auch ein ganz Andrer.“
„Ich glaube gar, Du seufzest,“ rief Auguste. „Wenn ich mit Dir zufrieden bin, so wie Du jetzt bist, so seh’ ich nicht ein, was Du zu seufzen hast.“
„Es ist eine ganz schlechte Gewohnheit,“ sagte Sigismund, „bei der Erinnerung an die Jugendzeit zu seufzen. Wir sollten lieber lachen, daß wir ihre Freuden gehabt haben, und daß ihre Thorheiten hinter uns liegen.“
„Aber Sigismund — wer ist Tosca Beiron?“ fragte Agathe.
„Erlauben Sie mir Ihre Frage zu beantworten!“ nahm Friedrich schnell und neckend das Wort; „den armen Sigismund dürfte es verlegen machen.“
„O!“ rief Sigismund, „es wäre übel mit mir bestellt, wenn ich um jedes Frauenzimmer verlegen werden sollte, das mir gefallen hat.“
„Gefallen hat!“ rief Friedrich lachend; „das nennt er gefallen hat! Fräulein Agathe, die Zeiten sind längst vorüber, und ein Student hat ein andres Herz als ein Mann, aber glauben Sie mir: Ihr Sigismund war dermaßen ernsthaft verliebt in Tosca Beiron, wie zu seiner Zeit von den sechshundert Studenten zu Bonn nicht ein einziger verliebt war.“
„Das gefällt mir von meinem Bruder!“ sagte Auguste.
„Würd’ es Dir auch von Deinem Mann gefallen?“ fragte Friedrich.
„Gewiß!“ entgegnete sie, „lieber tüchtig, als matt verliebt sein.“
„Gustel! so spricht eine alte Ehefrau aus der temperirten Zone des ehelichen Lebens heraus,“ sagte ihr Mann. „Eine Braut wird immer wünschen, daß ihr Herzliebster wo möglich gar nicht — oder doch nur so matt wie möglich verliebt gewesen sei, bis er ihr gegenüber in Flammen steht. Gelt, Fräulein Agathe?“
„O Himmel, Sigismund! wer ist Tosca Beiron?“ sagte Agathe und faltete bittend ihre Hände gegen ihn zusammen. Es war ihr unmöglich auf Friedrichs Scherze einzugehen. Sie konnte das sonst, zuweilen, wenn sie grade recht fröhlicher Laune war. Die gehört dazu, um solchen Neckereien zu begegnen, welche manche Menschen die Gewohnheit haben gegen ein Brautpaar, und vorzugsweise gegen die Braut zu richten. Eine gräßliche Gewohnheit! ganz genügend, wenn man glücklich ist, einem die neckenden Leute — und wenn mans nicht ist, einem den Bräutigam unerträglich zu machen.
„Sie ist die Frau des General Beiron,“ antwortete Sigismund, „lebt diesen Winter in Berlin, und ich habe unsre durch zwölf Jahre unterbrochene Bekanntschaft wieder angeknüpft, weil wir in demselben Hause wohnen, und weil ich ihr — oder eigentlich ihrem Mann — eine kleine Gefälligkeit erzeigen durfte.“ — Er erzählte darauf den Wechsel seiner Wohnung, und Agathe hörte ihm mit gespannter Theilnahme zu.
„Und ist sie denn noch schön?“ fragte Auguste.
„O wunderschön!“ entgegnete Sigismund; „es ist vielleicht zu viel Licht in dem Antlitz; die Augen, die Farben, die Zähne, die Lippen, das Haar — Alles ist Glanz, nirgends Schatten! aber es ist der Glanz des Diamants. Und so ist auch ihr Wesen, ihr Blick, ihr Lächeln, ihre Stimme — nichts Dunkles in der ganzen Erscheinung.“
„So war sie schon damals!“ rief Friedrich; „ganz genau so! mirakulös, daß sie sich so gut conservirt hat! die Blondinen verblühen meistens mit fünfundzwanzig Jahren, und sie muß wol dreißig sein.“
„Ah, sie ist schon dreißig Jahr alt?“ rief Agathe mit einem freudigen Seufzer.
„Ich schmeichle mir,“ sagte Auguste, „daß ich mit meinen dreißig Jahren nicht blos gut conservirt aussehe, was beiläufig eine ganz unerträgliche Redeweise ist, lieber Friedrich, sondern sehr bezaubernd.“
„Es ist eine alte Erfahrung,“ sprach Sigismund lächelnd, „daß die Bezauberung völlig unabhängig von Jugend und Schönheit sein kann. Cleopatra war eine kleine magre schwarze Frau; Prinzessin Eboli hatte nur ein Auge; Diane de Poitiers hätte bequem die Mutter ihres königlichen Geliebten sein können. Die Bezauberung fängt eben da an, wo die gewöhnlichen Mittel um zu gefallen aufhören.“
„Das ist recht trostreich für uns!“ rief Auguste.
„Ach nein!“ sagte Agathe; — „man müßte denn das Bewußtsein eines Zaubermittels in sich tragen.“
„Ich weiß etwas,“ sagte Friedrich, „worauf solch’ ein Zauber sich wesentlich stützt. Aber Ihr werdet mich Alle dermaßen anschreien, daß ich es Euch nicht zum Besten gebe.“
„O ich errathe schon, was das ist!“ entgegnete Auguste; „Geist, Güte, Grazie — dies Kleeblatt, welches Ihr uns immer in vollen Sträußen anwünschet, und an welchem Ihr doch häufig so gleichgültig vorüberstreift.“
„Sehr natürlich!“ erwiderte Friedrich neckend. „Geist? — unbequem! Güte? — langweilig! Grazie? — überflüssig! am Heerd und in der Kinderstube total überflüssig! — Nein, Gustel, das war schlecht gerathen! denk Dir was Andres aus!“
„Ich verstehe gar nicht zu rathen,“ sprach Agathe bittend; „sein Sie gut! sagen Sie mir das Mittel.“
„Gut denn! ich werd’ es sagen! Paßt auf und glaubt mir,“ sprach Friedrich. „Die Gesundheit ist’s.“
„Das nenn’ ich wie ein Arzt gesprochen!“ rief Auguste.
„Wie ein Menschenkenner, liebes Kind,“ entgegnete ihr Mann gelassen, „was freilich synonym mit Arzt ist. Ich sage Euch: ohne Gesundheit, ohne die Frische, die Kräftigkeit, die Unverwüstlichkeit der leiblichen Organisation ist gar keine Verzauberung möglich. Ja, die schöne Eboli hatte nur ein Auge! ja, die schöne Diana war vierzig Jahr alt! und geweint, und gesorgt, und sich gegrämt haben Beide gewiß in reichlichem Maß — denn umsonst ist Niemand bezaubernd! das merkt Euch, und man muß dafür zahlen mit Schmerzen und Thränen! — aber was schadet das? die schönste Gabe des Himmels, eine unzerstörbare Gesundheit, machte, daß sie durch Sorgen, Unruh und Aengste nicht häßlich wurden. Eine Frau kann ein halbes Jahr in Thränen zerschmelzen, und es wird ihrer Schönheit bei Weitem weniger Eintrag thun, als wenn sie drei Tage den Magenkrampf hat. Gesund muß sie sein! in einem welken und gebrechlichen Körper ist der Seele schlecht zu Muth, hat sie nicht ihre Fähigkeiten, ihre Gaben rund und klar und frisch beisammen! weder die leiblichen noch die geistigen Grazien können hervortreten. Der Geist ist ohne Spannkraft, ohne Energie; in lahmen, mürrischen oder sentimentalen Launen schleicht er dahin — matt wie der Puls, der das Blut nur nothdürftig durch die Adern treibt, so daß das Auge nicht stralen, die Wange nicht glühen kann. Wenn ich von einer ungewöhnlich schönen und liebenswürdigen Frau höre, so schreib’ ich flugs sieben Achtel ihrer Herrlichkeit ihrer guten Gesundheit zu, und freue mich einen Beruf gewählt zu haben, der dies Fundament aller Vortrefflichkeit im Menschengeschlecht herzustellen oder zu begründen strebt. Gewiß hat Tosca Beiron eine wundervolle Gesundheit.“
Sigismund lachte hell auf, klopfte seinen Schwager auf die Achsel und sagte zu seiner Schwester:
„Straf’ ihn Lügen, liebe Auguste, weil er vorhin gesagt hat: ein Mann hat ein andres Herz als ein Student. Glaube Du mir: er hat noch ganz dasselbe wie vor zwölf Jahren! da fing er auch seine Reden mit Galenus, Boerhaave und Paracelsus an, und endete sie unfehlbar mit Tosca Beiron.“
„Ich mögte sie wol sehen,“ sprach Agathe.
„Uns würde sie nicht verzaubern, liebe Agathe,“ rief Auguste. „Frauen, die allen Männern gefallen, gefallen uns nicht.“
„Sehr natürlich!“ sprach Friedrich; „Ihr beneidet sie.“
„Neid? weil sie Euch gefallen?“ sagte Auguste spöttisch. „Ach nein! das gelingt Jeder, die es darauf anlegt; und eben diese Koketterie ist’s, welche uns Andere abstößt.“
„Euch Andere, die Ihr nicht kokett seid; nicht wahr, Gustel, das willst Du sagen?“ sprach Friedrich. „Liebes Kind, wenn Dirs nur einer glaubte! Koketterie ist Euer Fach, Eure Bestimmung, Eure Neigung, Eure Glorie. Ihr sollt und wollt gefallen — dazu seid Ihr von der Natur bestimmt. Eine Frau, die keinem Mann gefällt, ist ein unglückseliges Geschöpf, eine mißrathene Creatur, ein Monstrum“ .... —
„Welche Uebertreibung!“ unterbrach Auguste ihn verdrießlich. „Was Du eine mißrathene Creatur nennst, ist oft ein liebes bescheidenes Wesen, das sich nicht vordrängt, nicht breit macht, nicht ihre kleinen Vortrefflichkeiten herausstellt, dafür von Euch übersehen, aber von uns mit den allerfreundlichsten Augen angesehen wird.“
„Das glaub’ ich gern!“ rief Sigismund lachend.
„Und was hat das liebe bescheidene Wesen davon, daß Ihr sie freundlich anseht?“ fragte Friedrich.
„Du bist allzu impertinent, Friedrich!“ sagte Auguste geärgert.
„Ich würde mich und jeden Mann heftig bedauern,“ sagte Sigismund, „der nur seinem Geschlecht gefiele. Das läßt eine überwiegend plumpe, bärenhafte, brutale Natur voraussetzen, die Euch durch und durch zuwider ist; aber es schließt freilich nicht gewisse Verdienste und eine gewisse Tüchtigkeit aus, die wir zu schätzen wissen. Wenn ich von Jemand sagen höre: Er ist ein prächtiger Junge! oder auch: Er ist ein guter Kerl! — so weiß ich schon, daß ihm die Bärentatzen zu schaffen machen, wenn er auch zwölf Paar gelbe Handschuh über einander zöge, und daß er den Frauen ein Greuel sein wird. Nun sag mir, liebe Auguste, was hat der arme Teufel davon, daß ein Paar von uns sagen: Er ist aber doch ein guter Kerl! — Ihr müßt ein lobendes und beifälliges Wort über uns sagen; das erquickt, das erfreut, das giebt Sicherheit, Feinheit, Takt, endlich gar — Glück! — Und das sollte bei Euch anders sein?“
„Lieber Sigismund,“ erwiderte Auguste, „gefallen wollen und kokettiren hat mit dem Glück nichts zu schaffen.“
„Wer weiß!“ entgegnete er; „man muß der Koketterie nur keine böswillige Bedeutung beilegen, ihr keine heuchlerische Absicht unterschieben; was ist sie dann anders, als eine graziöse Geschicklichkeit, liebliche und einnehmende Gaben herauszustellen, und das am rechten Ort thun — kann tiefes Glück begründen.“
„Aber welch’ ein Studium, welche Absichtlichkeit und Berechnung läßt das voraussetzen!“ rief sie.
„Nichts von dem Allen!“ sagte Sigismund; „dafür habt Ihr Euern wundervoll feinen Instinkt! Nämlich die Begabten unter Euch haben ihn! die gemeinen und schwerfälligen Naturen machen aus dem reizenden Scherz der Koketterie eine plumpe abstoßende Berechnung, die oberflächlichen ein ödes gedankenloses Spiel, die eiteln ein leichtsinniges“ ... —
„Und was sollen wir denn eigentlich daraus machen, Sigismund?“ fragte Agathe ganz ernstlich.
„Bravo, Agathe!“ rief Auguste schadenfroh.
„Eure schöne, liebenswürdige Natur sollt Ihr zeigen,“ entgegnete Sigismund; „sollt nicht prüde thun, wie vorhin mein Schwesterchen gegen die Frauen, welche uns gefallen; sollt nicht die prächtigen unter Euch beneiden, und die alltäglichen herausstreichen, was beiläufig gesagt, ein ganz abgebrauchtes Mittel ist; kurz, lieblich sollt Ihr sein.“
„O,“ rief Auguste, „wie kannst Du das Sein Koketterie nennen!“
„Nicht das Sein — das Zeigen!“ sagte Sigismund.
„Ich nenne nur das Scheinen so,“ entgegnete sie.
„Es ist umsonst, Sigismund!“ sprach Friedrich; „gegen manche Dinge, Worte, Personen, haben die Frauen Vorurtheile, und es ist leichter, eine Welt von Männern zu bekehren, als das Vorurtheil einer einzigen Frau zu besiegen. Auguste hat sich nun einmal entschlossen, der Koketterie ihren Platz im tiefsten Höllenpfuhl anzuweisen. Da könnte unser Herrgott sie des Paradieses würdig erachten; Auguste würde sprechen: Unser Herrgott thut sehr übel daran. Und das geschieht, um mir einen Beweis ihrer Aufrichtigkeit zu geben, ihrer himmelklaren Gesinnung, welche jede Schminke verachtet, jeden Um- und Nebenweg verschmäht, jede Huldigung abweist. Und das soll ich glauben! O Ihr Frauen! wenn’s Euch möglich wäre, aufrichtig zu sein, so wärt Ihr göttlich“ .... —
„Und folglich viel zu gut für Euch!“ unterbrach ihn Auguste. „Ihr könnt so wenig unsre Aufrichtigkeit vertragen, daß wir sehr gescheut daran thun, Euch nicht zu tief in unsre Gefühle, sogar für Euch selbst, einzuweihen. Das macht Euch auf der Stelle gleichgültig. Eigenliebig, wie Ihr nun einmal im erschreckendsten Grade seid, denkt Ihr alsbald: ‚So hoch liebt sie mich nur? so tief liebt sie mich nur? Aber da sind ja Schranken und Grenzen! Nein, ich muß ganz anders geliebt werden! Wollen es mal mit einer Andern versuchen.’ Was Euch fesseln sollte, stößt Euch ab, Euch verkehrte Leute! und wenn wir Takt genug haben, unsre Seele vor Euch zu verschleiern, um Euch Euer Glück zu bewahren, so klagt Ihr, wir wären nicht göttlich genug für Euch. Das ist zum Todtlachen!“
„Ach! zum Todtweinen eher!“ rief Agathe.
„Nun grämt sich dies arme unschuldige Kind,“ sagte Auguste lachend. „Tröste sie doch, Sigismund. Sag’ ihr doch, das, was ich gesagt habe, sei nicht wahr. Sie wartet ja nur auf ein halbes Wort von Dir, um auf dessen Wahrheit zu schwören, und um meine Wahrheiten Blasphemie zu nennen.“
„Es ist doch etwas Traurig-Wahres in ihnen!“ entgegnete Sigismund; „es paßt auf die allgemeinen Fälle, aber Jeder behauptet, für seinen besondern Fall sei eine Ausnahme zu machen.“
„Und glaubst Du nicht an solche Ausnahme, Sigismund?“ fragte Agathe dringend.
„Ich hoffe auf sie, liebe Agathe,“ sprach er freundlich.
„Ich wüßte aber doch gern noch mehr von Tosca Beiron,“ hub Friedrich wieder an; „erzähle mir von ihr, von ihrem Mann, ihren Verhältnissen“ ... —
„Ach!“ rief Auguste, „Du wirst langweilig! wie kannst Du Dich so lebhaft für eine Frau interessiren, die Du in zwölf Jahren nicht gesehen hast?“
„Ich dächte, Gustel, das müßte Dir angenehmer sein, als wenn ich sie in zwölf Tagen nicht gesehen hätte,“ antwortete Friedrich.
„Nein!“ entgegnete sie; „diesmal will ich aufrichtig sein und Dir sagen, daß solche unvergeßliche Personen mich geniren. Gegen eine so lange Erinnerung kann nichts — nichts in die Schranken treten, und die Gegenwart am wenigsten, weil grade deren Mangelhaftigkeit uns den Erinnerungen gegenüber doppelt fühlbar wird.“
Bei jedem Wort seiner Schwester fühlte Sigismund sein Herz schwerer und immer schwerer werden. Er dankte ihr und dem Himmel, als sie sich sofort mit einer Frage nach Liszt an ihn wendete, und ihn aufforderte von ihm zu erzählen, wie er gespielt habe, und was.
„Schuberts Ave Maria hat er gespielt,“ antwortete Sigismund.
„Weshalb ist Dir das besonders im Gedächtniß geblieben? war es vorzugsweise schön?“ fragte Agathe.
„Es war Alles schön!“ entgegnete Sigismund ausweichend; „ich hab’ Euch den Conzertzettel mitgebracht — da könnt Ihr sehen, was er gespielt hat.“
Er zog sein kleines Portefeuille aus der Tasche und nahm den Zettel heraus.
„O wie verbraucht sieht Dein Schreibtäfelchen aus!“ rief Agathe. „Ich werde Dir ein anderes arbeiten. Zeig’ her! ich will genau das Maß nehmen.“
Sigismund gab es ihr.
„Darf ich wol ein wenig darin blättern?“ setzte sie neugierig hinzu.
„O sehr gern,“ erwiederte er; „es ist nur gar nichts drin, was Dich unterhalten könnte. Auf der einen Seite ein Paar Visitenbillets, auf der andern ein Paar Thalerscheine.“
Agathe hatte mit der äußersten Geschwindigkeit die Papiere durch ihre Finger gleiten lassen.
„Und das?“ fragte sie plötzlich, „was ist das für eine getrocknete Blume?“ Sie nahm aus der Tiefe des einen Seitentäschchens die Tazette heraus, welche am Neujahrstag aus Toscas Blumenstrauß gefallen war, und welche Sigismund wirklich ganz und gar vergessen hatte — nicht aus Vergeßlichkeit, sondern weil er des dürren Erinnerungszeichens an Tosca nicht bedurfte.
„Was ist das für eine Blume?“ wiederholte sie.
„Eine Tazette!“ sagte er gedankenlos.
Agathe sah ihn rasch mit tief fragendem Blick an; darauf schlug sie eben so rasch die Augen nieder. Sie wollte nicht in Sigismunds Augen lesen, daß seine Gedanken nicht bei ihr waren. Sie hielt die arme Tazette krampfhaft zwischen ihren Fingern. Sie hatte Lust, sie in Staub zu zerreiben und unter ihre Füße zu werfen. Da fiel ihr das Flacon ein, und die Szene, welche darauf gefolgt war, und auf einmal fühlte sich das arme Mädchen in ihre Bestimmung eingeweiht: zu schweigen und zu leiden. Sie ließ die Tazette zwischen die Visitenbillets zurückgleiten, schloß das Portefeuille, gab es sanft an Sigismund zurück und sagte:
„Ich werde Dir eins von violettem Maroquin mit goldnen Schnürchen machen; das trägt sich sehr bequem, und dann wirst Du es brauchen — nicht!“
Er nahm ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Er fühlte sich innerlichst zerknirscht durch diese Selbstverleugnung, und durch seine Undankbarkeit; denn Freude darüber, daß sie nicht weiter fragte, hatte großen Theil an seinem innigen Dank: das verhehlte er sich nicht. „Aber ich bin ein Ungeheuer!“ sprach er immerfort heimlich zu sich selbst, während er laut eine muntere Unterhaltung mit seiner Schwester und ihrem Mann fortsetzte. Die Zeit wurde ihm lang, unermeßlich lang. Ihm war, als sei er bereits Wochen in Magdeburg gewesen. Die Gegenwart drückte ihn, und doch graute ihn vor der Rückkehr nach Berlin.
Erschöpft, wie von der mühseligsten Arbeit, verließ er Agathe am späten Abend, und so wie der gestrige ihn beruhigt hatte, eben so aufgeregt hatte ihn der heutige. Der ganze Tag war qualvoll gewesen .... qualvoll durch die unendliche Erinnerung an Tosca, die sich zwischen ihn und die arme Agathe wie eine Wolke drängte ... qualvoll durch die Sorge, Agathen weh gethan zu haben in Allem, was er gesagt, und nicht gesagt ... qualvoll durch die Vorwürfe, die er sich selbst nicht sparte über seine Kälte gegen die Liebe eines so jungen, frischen, zärtlichen Herzens. Er hatte nie eine leidenschaftliche Neigung für Agathe gehabt; aber er hatte sich auch sonst noch nie darüber entsetzt, daß er sie nicht habe. Jung, schön, intelligent, von tiefem Gefühl, einfach und anspruchlos erzogen, wie Agathe war, konnte er unmöglich an einem häuslichen Glück, an einer zufriedenen Ehe mit ihr zweifeln. In dieser tiefen Zuversicht hatte er ihr seine Hand geboten .... und durch die Begegnung mit einer Frau, welche die Gattin eines Andern war, und von der er gar nicht wußte, ob sie andre, als gleichgültige Gesinnungen gegen ihn hege — war diese Zuversicht im Fundament erschüttert. Er stellte die beiden Frauen neben einander; er führte sich Alles vor die Seele, was zu Agathens Gunsten sprach. Ja, Tosca war zehn Jahr älter! war verwöhnt durch die Welt und die Menschen! machte Ansprüche, hatte Wünsche, welche Agathen vielleicht ewig fern bleiben würden! — Aber wenn er sich die Möglichkeit dachte, sie die Seine nennen zu dürfen, wie Agathe es werden sollte: so kam ihm auf einmal das Leben durchstralt und verklärt vor, und zu einer Sphäre emporgehoben, die sich zu seinem gewohnten Zustand verhielt, wie der volle Mittsommertag zu einem stillfreundlichen Herbsttag; — so fluteten ihm namenlose Freudigkeiten durch die Seele, wie Naphthaquellen, unauslöschlich, flammend; — so erschien ihm sein ganzes Dasein klar, abgerundet, ein Weg zu ihr, ein Streben nach ihr, befriedigt und beseligt durch sie, die ihm die Krone des Lebens reichen würde. Für sie würde die Anstrengung ein Reiz und der Ehrgeiz ein Genuß sein. Weil sie fliegende Wünsche und große Ansprüche hatte, weil sie vom materiellen Leben nichts kannte, als Sammt und Atlas, so wär’ es ihm eine Wonne gewesen, sie wie eine Königin unter einen sammtnen Baldachin zu stellen. „Denn ich liebe sie!“ sprach er ganz laut in der stillen Nacht, und fuhr zusammen bei dem Schall seiner Stimme, bei dem Wort, durch welches er von sicherm Glück sich schied, um ungewissen Qualen entgegen zu gehen. Die Arme fielen ihm schlaff herab. „Nein!“ rief er dann plötzlich ermannt, „es soll und darf nicht sein! ist bei ihr die Macht, so sei bei mir die Kraft. Ich gehöre Agathen an; ich habe kein Recht mehr auf mich selbst.“
Kaum war es Tag, so eilte er zu Agathen. Freudig überrascht fiel sie in seine Arme. Er drückte sie heftig an sich und sagte beklommen:
„Agathe, liebe einzige Agathe! ich hab’ eine Bitte, eine glühende, dringende Bitte. Heirathe mich heute, gleich, auf der Stelle.“
„Um Gottes willen, Sigismund, was ist Dir widerfahren!“ rief Agathe und blickte mit Angst in sein bleiches Antlitz, in sein tiefliegendes Auge, das von der schlaflosen Nacht und der bittern Seelenpein zugleich müde und fieberhaft aussah.
„Nichts! ich schwör’ Dir — nichts!“ sagte er. „Es sind mir nur Gedanken gekommen von der Nutzlosigkeit unsrer ferneren Trennung. Wo ist Deine Mutter, liebe Agathe? hilf mir bitten, bis sie Ja sagt! ... Denn Du sagst Ja! nicht wahr?“
„Ich weiß nicht, Sigismund,“ entgegnete sie schüchtern; „aber ich werde die Mutter rufen.“ Sie ging.
„Gott lenke ihr Herz!“ dachte Sigismund. „In dem Bewußtsein, mein Wort nicht gebrochen und Agathens Glück begründet zu haben, werd’ ich all’ meine Kraft und Besonnenheit wiederfinden.“ — Agathe kam mit ihrer Mutter, und weniger stürmisch, doch ebenso dringend, legte Sigismund ihr seine Bitte ans Herz.
„Das ist ganz unmöglich,“ entgegnete die Justizräthin Gertner höchst gelassen, „denn Agathens Aussteuer ist nicht fertig.“
„Ums Himmels willen!“ rief Sigismund; „lassen Sie doch nicht von ein Paar unfertigen Kleidern das Glück meines Lebens abhängen.“
„Aber was soll denn diese unstatthafte Eile vorstellen?“ sagte die Justizräthin mißvergnügt. „In die ersten Tage des April war Ihre Hochzeit gesetzt; darauf hab’ ich mich eingerichtet, und dabei muß es bleiben. Sie haben ja weder Dach noch Fach für eine Frau.“
„Ich hab’ meine Wohnung!“ rief Sigismund; „drei freundliche Zimmer! was braucht Agathe mehr?“
„Küche, Keller, Kammern,“ erwiederte die Justizräthin. „Und was zahlen Sie für Ihre Wohnung?“
„Monatlich sieben Louisd’or,“ sagte Sigismund ein wenig ungeduldig.
„Da das jährlich vierundachtzig Louisd’or sein würden, und da man das Sechsfache von dem was die Wohnung kostet, als ganz nothwendig zur Bestreitung des Hauswesens annimmt — die ungewöhnlichen und unvorhergesehenen Ausgaben abgerechnet — so ist Ihre jetzige Wohnung ganz gewiß zu kostbar für Ihre Verhältnisse, mein lieber Forster,“ sagte die Justizräthin.
„So können wir eine andre nehmen,“ rief er.
„Aber so warten Sie doch bis zum April,“ sagte sie ermahnend. „Das ist die Zeit, wo man Wohnungen fürs Jahr zu nehmen pflegt. Sie haben dann eine größere Auswahl, und bekommen sie obenein viel billiger, als wenn Sie nur monatweise sie nehmen. Gönnen Sie doch Agathen die Annehmlichkeit, in eine ruhige, geordnete Wohnung einzuziehen, in der es an nichts fehlt, und die ihr den Eindruck eines Hauses und ihres Eigenthums macht. So wie Sie jetzt eingerichtet sind, mit lauter fremden Sachen, ohne Wirthschaft, ohne Hauswesen — da hinein findet sich kein verständiges, ordnungsliebendes Frauenzimmer. Das ist eine Art von Gasthofsleben, welches sich nicht für die Ehe schickt.“
„Es würde ja nur auf kurze Zeit sein, liebe Mutter;“ wandte Agathe schüchtern ein, da sie sah, daß die mütterliche Predigt keineswegs nach Sigismunds Geschmack war; „und ich würde mich recht gut darein finden, wenn er es wünscht.“
„Dieser Wunsch ist wirklich nicht zu begreifen, mein bester Forster“ .... — sagte die Justizräthin.
„Ich find’ es in der That noch unbegreiflicher,“ unterbrach Sigismund sie lebhaft, „daß Sie Sich so sehr darüber verwundern. Wir sind jetzt sechs Wochen verlobt, und die Zeit ist mir lang genug geworden, um zu wünschen, daß sie aufhören möge. Agathe lebt hier, ich lebe in Berlin; ich kann nicht so oft herüber kommen, als es uns Beiden lieb wäre; — die Heirath bringt das in Ordnung.“
„Ich bin nicht für solche eilfertige Heirath, ohne vorhergegangenen Brautstand,“ sagte die Justizräthin sehr trocken, und fügte die hergebrachte Phrase hinzu: „Ihr müßt Euch doch Beide ein wenig kennen lernen, ehe Ihr Euch heirathet.“
„Das geschieht viel gründlicher in der Ehe,“ versicherte Sigismund.
„Aber lassen Sie mir meine Tochter doch noch die zwei armseligen Monate!“ rief die Justizräthin. Sie hatte nun einmal ihre Einrichtungen für die ersten Apriltage gemacht; pünktlich und bedächtig, wie sie war, schien es ihr Frevel, an dieser wohlüberlegten Veranstaltung zu rütteln. Da sie durch ihre Gründe Sigismund nicht überzeugte, so nahm sie zur mütterlichen Zärtlichkeit ihre Zuflucht, wohl wissend, daß dies die letzte Epoche sei, in welcher der künftige Schwiegersohn auf dieselbe Rücksicht nehmen würde.
„Auf diesen Ausspruch darf ich freilich keine Bitte mehr folgen lassen,“ sagte Sigismund sehr niedergeschlagen; „aber Sie wissen nicht, Frau Justizräthin, wie weh Sie mir thun.“
„Mein bester Forster,“ erwiederte sie begütigend und froh, weil sie den Sieg davon getragen, „wie kommen Sie, ein verständiger Mann, zu solcher kindischen Ungeduld? Das Gute trifft ja immer früh genug ein, sobald wir nur sicher wissen, daß es eintrifft, und wir haben das Glück um desto lieber, je länger wir uns danach gesehnt haben.“
Sigismund konnte ihr nicht antworten, daß diese Sehnsucht aber zuweilen verschwinde, und daß es das höchste Glück des Glückes sei, wenn es grade im rechten Moment eintreffe; denn heute kann dasjenige Wonne bereiten, was morgen Angst bereitet, und das Ereigniß, das uns jetzt als ein Segen trifft, hätte ein Jahr früher ein Fluch sein können. Die Justizräthin erzählte ihm weitläuftig, wie die Wohnung beschaffen sein müsse, die er zu wählen habe: nicht unten im Hause, da sei es leicht kellerhaft und feucht; und auch nicht zu viel Treppen hoch, das sei beschwerlich für die Wirthschaft; nicht unter den Linden, wo es wenigstens um ein Drittel theurer sei, aber auch nicht zu tief in der Stadt, weil die Abgelegenheit auch ihre großen Unbequemlichkeiten mit sich bringe. Dann ging sie auf die Meubles über, auf Tische und Stühle; ob von Mahagoni, ob von weniger kostbarem Holz. Zuletzt auf das Küchendepartement! Sigismund wurde immer einsylbiger und einsylbiger. Vorgestern noch, vielleicht noch gestern, hätte er lebhaften Antheil an diesen kleinen Verhandlungen genommen, die allen Personen interessant sind, welche sich ihr Haus begründen wollen, weil sich dabei viel Eigenthümlichkeit des Geschmacks und der Neigungen offenbart. Je enger die Verhältnisse sind, um desto mehr nehmen sie den Character der Wichtigkeit an, denn es gehören Studium und Combinationen dazu, um mit beschränkten Mitteln auszulangen. In leichter Stimmung fühlt man diese Beschränkung nicht wie einen Druck; im Gegentheil! nur wie einen Reiz, um ihn zu besiegen. In trüber Stimmung wird ein unerträglicher Druck daraus! Ein schweres Herz ist gleichgültig gegen die materiellen Aeußerlichkeiten des Lebens, die ihm nicht anders als nebensächlich erscheinen können, und durch diesen höchst natürlichen Mangel an Theilnahme, den Andre sich freilich nicht erklären können, kommt er ihnen, und wol gar sich selbst, lieblos vor. Was lag Sigismund in diesem Augenblick daran, ob ein Tisch von Polixandre- oder von Tannenholz sei?
Agathe nahm seine Verstimmung wahr, und sie grämte sich darum. Sie hatte ihre alte Zuversicht zu Sigismund verloren. Der gestrige Tag, voll Unbehagen und Schmerzlichkeit; dann seine heutige übereilte Bitte, auf welche eine so große Abspannung, wie eben jetzt folgte — brachte sie ganz aus ihrem Gleichgewicht. Sie hätte ihm gern etwas Herzliches gesagt; aber sie fürchtete, zu viel zu sagen. Sie hätte auch eben so gern geschwiegen; aber dann erfuhr sie noch weniger Sigismunds Gedanken, der gar nicht in mittheilender Laune zu sein schien. Am liebsten unzweifelhaft hätte sie geweint; aber sie schämte sich so zu weinen ohne bestimmten Grund.
Endlich ging die Justizräthin, um einen Blick in die Küche zu werfen, und Sigismund sprach ganz erschöpft:
„Liebe Agathe, spiele mir etwas auf dem Piano vor, das wird mir gut thun.“
„Ach Sigismund,“ sagte sie, „kannst Du mir denn wirklich nicht sagen, was Dir eigentlich geschehen ist? Schon vorgestern kamst Du mir vor, als habe man Dir etwas zu Leid gethan .... und heute noch mehr! und dazu Deine seltsame Bitte!“ ... —
„Agathe!“ unterbrach er sie, „sprich nicht wie Deine Mutter! Dir kann die Bitte unmöglich seltsam vorkommen, wenn Du mich lieb hast.“
„Ich meinte nur die heftige, fast angstvolle Art und Weise,“ entgegnete sie erröthend.
„Ich bin sehr heftig, Agathe, wenn ich’s einmal bin,“ sagte er. „Und daher thut es mir bitter leid, daß Deine Mutter keine Rücksicht auf meinen glühenden Wunsch genommen hat. Es giebt Wünsche von so unerhörter Gewalt, daß sie vielleicht Fingerzeige des Schicksals sind, und daß an ihrer Erfüllung Leben und Tod hängen mag.“
„Sigismund!“ sagte Agathe mit bebenden Lippen, „Du ängstigst mich todt.“
Er nahm ihre Hände und drückte sie vor seine heiße Stirn. „Das thut gut!“ sagte er; „was hast Du für prächtig kalte Hände! O ängstige Dich nicht, Agathe! mir wird besser. Der plötzlich zurückgedrängte Wunsch machte mir ein flüchtiges Fieber.“
„Aber wie ist er nur so plötzlich in Dir aufgewacht?“ fragte sie.
„Ich dachte daran, wie das glücklich wäre, wenn ich Dich morgen mit mir nach Berlin nehmen dürfte. Dann wäre Alles abgethan, sicher und fest. Nun bin ich in ewiger Spannung; ich möchte zu Dir, und kann nicht; nichts ist mir recht, weil ich weiß, daß es bald so ganz anders sein wird. Das einsame Leben ist mir zur Last, macht mich unruhig, und die Menschen ... geben mir auch nicht die Ruhe, nach der mich so tief verlangt. Es ist eine zernagende Sehnsucht in mir, die sich zuweilen ins Unglaubliche, und immer ins Unsägliche steigert; — und der Gedanke, daß sie mich noch ganze Tage, Wochen, Monate, zernagen soll, macht mich unglückselig. In mir, vor mir, um mich, muß Alles klar und bestimmt sein: dann bin ich in meinem Element! dann kann ich ertragen, thun, handeln, auch leiden — wenn’s sein muß! — nur aber die Schwankungen vernichten mich.“
„O Sigismund, wie ist das traurig, daß eine süße Erwartung Dir zur Qual wird. Aber ich sehe doch wirklich keinen Grund zu Schwankungen um uns herum! was Du für heute gewünscht hast, wird in zwei Monaten statt finden: das ist ja ganz fest bestimmt.“
„Du hast Recht! ich bin ein Thor, Agathe! ob heut, ob in zwei Monaten — darauf kommt im Grunde nichts an.“ Er richtete den Kopf auf, und hielt ihre Hände fest, während er das sagte.
„Ich werde Dich auszanken, Sigismund,“ rief Agathe ganz fröhlich, „daß Du Dich so nutzlos in einen Anfall von Spleen, und mich dadurch in tiefe Bekümmerniß versenkst. Bist Du denn oft in solcher Stimmung, sag’ mir? Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich dabei benehmen werde, wenn ich Deine Frau bin! muß ich dann schweigen, oder reden, oder fortgehen, oder Dich zerstreuen, oder was sonst? — sprich!“
Während sie plauderte, war sein Blick auf ihre Hände gefallen. Agathe, wie die meisten jungen Mädchen, hatte rothe Hände. Darüber gräme sich doch Keine! sie werden mit der Zeit schon weiß werden, aber freilich schön, so daß das Innere der Hand und die Fingerspitzen rosenfarben bleiben — schön werden nicht alle. Nun, rothe Hände machen unnützer Weise manchen jungen Mädchen Sorge, und auf manche Männer einen schlechten Eindruck. Sigismund würde sie dennoch nicht mißfällig bei Agathen bemerkt haben, wenn ihm nicht zum Unglück ein Wort von Ignaz an Tosca eingefallen wäre. Als sie einmal die Theemaschine aufheben wollte, und damit nicht zu Stande kam, rief er mit scheinbarer Ungeduld, indem er ihr Hülfe leistete: „Aber muthen Sie doch diesen Händen von weißem Musselin mit rosenfarbenem Tafft gefüttert, keine solche Anstrengung zu!“ Der Gedanke an diese Hände von weißem Musselin machte ihn ganz, aber ganz zerstreut.
„Sprich!“ wiederholte Agathe; „was muß ich thun?“
„Ein wenig das Piano spielen,“ sagte Sigismund der nicht auf ihre Worte geachtet hatte, und dem seine frühere Bitte einfiel.
„O das ist leicht! das thue ich gern!“ rief sie und ging zum Flügel. Sie spielte ungewöhnlich gut. Sie hatte noch immer einen Lehrmeister, der seine höchste Ehre darin setzte, daß sie mit Geschmack und Gewandtheit die krausen wirbelnden Compositionen der neusten Zeit zu spielen verstehe, welche mehr Auge und Finger, als den musikalischen Sinn ausbilden. Sie studirte und übte die Musik, auch gern, auch mit innerem Genuß; aber noch nie hat ein junges Mädchen, sobald nicht der Genius der Kunst sie beseelt, an ein Talent ihre ganze Seele verschwendet. Sie kann Anmuthiges leisten, sie kann zu schönen Hoffnungen berechtigen; allein ihre Productionen werden dämmerig und unvollständig sein, und nie einen befriedigenden Eindruck machen. Was kannst du werden? ist die Frage, die man in jeder Beziehung an ein junges Mädchen richten muß; und nie: Was bist du? Da liegt das Räthsel, und daneben — der Irrthum.
Agathe setzte sich an den Flügel und spielte mit bewundernswerther Fertigkeit höchst schwierige Variationen von Chopin, bei denen Sigismund alle Gedanken an Musik vergingen. Es war ihm ein wirres Getön, das ihn weder erfreute noch beruhigte. Keine Melodie umschmiegte ihn! keine Harmonie trug ihn! Er dachte an Tosca, wie ihr Ave Maria in stiller Nacht ihn erquickt hatte. Agathe erschien ihm oberflächlich. Er verfiel in namenlose Traurigkeit. „Es geht nicht!“ sprach er dumpf zu sich selbst. Trotz ihres Spiels hatte Agathe sein halblautes Wort gehört, und es auf eine schwierige Variation beziehend rief sie eifrig:
„Aber es soll gehen!“ und spielte sie noch einmal. Dann sprang sie fröhlich auf und sagte:
„Nun lobe mich, Sigismund! hab’ ich meine Sache nicht sehr gut gemacht?“
„Unbegreiflich gut!“ sprach er zerstreut.
Sein kühler Ton that ihr weh; weher noch die Vorstellung, daß sie nicht das Rechte getroffen, um ihn zu zerstreuen, und daß sie doch nichts Andres habe auffinden können. Sie setzte sich und nahm eine Arbeit zur Hand, schweigend, niedergeschlagen. Auch Sigismund schwieg. In solchem Moment ist das Schweigen höchst bedenklich. Ist man ganz vertraut mit einander — ich meine seelenvertraut — so ist es nicht lästig; ja, in Momenten tiefen Glückes kann es sehr süß sein. Aber in einem vertraulichen Verhältniß wie zwischen Sigismund und Agathen, wenn da das Schweigen aus Befangenheit, aus Mangel an Hingebung eintritt: so ist’s ein böses Zeichen. Jeder hat dann Zeit, sich in seine einsamen störenden Gedanken wie in Nebel einzuhüllen, welche ihn dem Andern unerkennbar und unerreichbar machen. Zuweilen fällt ein günstiger Sonnenstral auf die Nebel, und verjagt sie, wenn es grade noch Zeit ist. Aber das ist ein hohes Glück.
Sigismund fühlte wol, daß er Agathen irgend etwas sagen müsse. Sie nähte emsig; sie mogte in ihre Arbeit vertieft sein! aber er! er saß auf dem Sopha, den Kopf in die Hand gestützt, und that nichts! er hatte gar keinen Vorwand um schweigen zu dürfen. O Gott! dachte er heimlich, was das für ein unschätzbares Glück ist — nähen zu können, und was für Vortheile die Stellung der Frauen ihnen bringt! hinter solchem Stückchen Leinwand oder Tapisserie sind sie wohlverschanzt und kümmern sich um nichts, während wir uns abängstigen müssen! — Während er so dachte, bekämpfte Agathe mühsam ihre Thränen; aber freilich! so eine Handarbeit ist ein Ableiter für die innere Aufregung. Die mechanische Regelmäßigkeit, die mit ihr verbunden ist, übt eine beschwichtigende Gewalt über Manche. Ueber Andere übt das Gehen eine solche, und die ist vielleicht noch kräftiger, weil sie zugleich den Leib müde macht. Gewiß aber bleibt es, daß eine mechanische Bewegung Beschwichtigung auf die leidende Seele ausübt.
Endlich fiel Sigismund auf das unglücklichste Thema, welches er zum Gespräch mit Agathen hätte wählen können. Er sagte:
„Was war denn das, was Du mir gestern sagtest, Agathe? meine Schwester wäre Dir nicht freundlich gesinnt — oder dergleichen. Davon hab’ ich doch wirklich nichts bemerkt.“
„O nein!“ sagte Agathe unbefangen, „wenn Du da bist, so ist sie freundlich .... Deinetwegen.“
Diese Antwort verdroß ihn, weil er die Ueberzeugung hatte, daß sie ganz wahr sei. Auguste hatte ihm seit mehren Jahren verschiedene Partien vorgeschlagen, die sie glänzend und daher wünschenswerth nannte. Als seine Wahl überraschend auf Agathe fiel, hatte sie in prima furia schwesterlicher Theilnahme für Agathe passionirt, und ihr eine Menge von Vortrefflichkeiten angedichtet, welche Sigismunds Neigung motiviren sollten. Aber von solcher excentrischen Vorliebe kommt man ebenso schnell zurück, als man sie heftig gefaßt hat, und dann erscheint einem die Person doppelt insipid mit dem illusorischen Bilde verglichen, das wir uns von ihr ausgemalt haben. So ging es Augusten, und Sigismund kannte sie zu gut, um an Agathens Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Doch wenn er auch innerlich einstimmte — es schien ihm Pflicht, äußerlich die Schwester zu vertheidigen, und er sagte:
„Ich habe doch niemals Auguste so falsch gefunden.“
„Ach!“ rief Agathe, „sie ist nicht falsch! sie zeigt sich jedes Mal, wie ihr eben ums Herz ist.“
„Dann wäre sie doch sehr launenhaft!“
Agathe schwieg; sie mogte nicht Ja — und konnte nicht Nein sagen.
„Bist Du nicht etwa ein wenig mißtrauisch, liebe Agathe?“ fragte Sigismund.
„Wie käm’ ich dazu?“ entgegnete sie unbefangen.
„Du bist das einzige Kind Deiner Mutter, ein wenig verzogen als solches, durch Liebe verwöhnt, das kann gar nicht anders sein. Aber wenn Dir Andere nicht mit ähnlicher Liebe entgegen kommen, so setzest Du sofort einer Mißstimmung gegen Dich bei ihnen voraus. Ist das wol recht? und besonders gegen meine Schwester, die eine so ganz brave und angenehme Frau ist, und mich so zärtlich liebt, daß Du ihr schon deshalb gut sein müßtest!“ Er hatte ganz freundlich und sanft gesprochen, nicht ermahnend, viel weniger erzürnet; aber Agathe war in schmerzlich gereizter Stimmung! die Thränen, welche sie den ganzen Morgen mühsam verhalten hatte, brachen hervor, und sie sagte weinend:
„Ich bitte Dich, Sigismund, mache mir keine Vorwürfe .... ich verdiene sie nicht.“
„Es fällt mir nicht ein, Dir Vorwürfe zu machen,“ sagte er gelassen; „aber Du siehst, daß ich Recht habe, Dich ein wenig verwöhnt zu nennen: der bloße Gedanke an einen möglichen Tadel kränkt Dich.“
Die arme Agathe suchte nicht sich zu entschuldigen; sie nahm den Vorwurf hin, aber sie fragte:
„O Sigismund! warum bist Du denn so sehr unzufrieden mit mir?“ — und weinte, als ob sie sich in ihren Thränen auflösen wolle.
„Wenn Du bei der geringsten Diskussion sofort anfängst zu weinen, Agathe, so ist es ganz unmöglich, mit Dir vernünftig zu sprechen.“
„Vernünftig wol! ... aber nicht hart.“
Er war sich bewußt, weder in Ton, noch Worte, noch Ausdruck, die geringste Härte gelegt zu haben. Er stand auf und sagte:
„Einer so übertriebenen Empfindlichkeit gegenüber kann ich nur schweigen, denn was ich sagen mögte, würde Dich in Deiner gegenwärtigen Stimmung kränken oder betrüben.“
Er nahm den Hut und ging. Gestern, bei einer ähnlichen Szene, hatte Agathe ihm den Weg vertreten und ihn nicht fortgehen lassen; heute hatte sie nicht mehr den Muth dazu, weil sie nicht die Zuversicht zu sich selbst hatte, ihn festhalten zu können. Sie ließ ihn gehen; aber es war ihr, als ob er über ihr Herz wegginge. Sigismund dachte traurig: Ach! warum hält sie mich denn nicht bei sich zurück? — —
Er ging zu seiner Schwester. Er wollte mit ihr plaudern, von der Heimat, der Mutter, den Geschwistern, den alten gemeinschaftlichen Jugendfreunden. Er wollte sich recht ausruhen, recht still werden, um ganz gelassen wieder vor Agathe zu treten. O Himmel! welch’ einen Tumult fand er bei seiner Schwester! Die Köchin und die Kinderwärterin hatten sich aufs Heftigste mit einander verzankt, und schrien zu der Frau Doctorin um Recht und Gerechtigkeit, indem Jede begehrte, daß die Gegnerin auf der Stelle das Haus verlasse, und im entgegengesetzten Fall es zu verlassen drohte. Die Doctorin suchte die Megären, die übrigens höchst schätzbare Eigenschaften hatten, zu beschwichtigen, weil sie keine von ihnen verlieren wollte. Ihr Töchterchen weinte bitterlich, weil sie die zärtlichgeliebte Wärterin weinen sah; ihre Knaben benutzten den Zustand allgemeiner Verwirrung, um sich einmal recht gründlich und ungestört gegenseitig durchzuprügeln. Es war eine häusliche Szene, die auf den glühendsten Enthusiasten für die Freuden der Häuslichkeit abkühlend wie ein Sturzbad gewirkt hätte. Hilf Himmel! dachte Sigismund, können denn auch solche widerwärtige Ereignisse dereinst unter meinem Dach vorfallen? eine empfindliche, weinende Frau, und zänkische Dienstboten, und schreiende Kinder — das ist mehr, als ein Mann billiger Weise ertragen kann! — Er betrat nicht das Zimmer seiner Schwester, in welchem sie ihren Gerichtshof hielt. Er begnügte sich aus dem Vorzimmer einen Blick hineinzuwerfen, und zog sich dann schleunig in das seine zurück. Nach fünf Minuten lockte ihn ein heftiges Gepolter, durchdringendes Geschrei, und die Donnerstimme seines Schwagers wieder heraus. Die Schlacht der beiden Knaben hatte sich bis zur Treppe gezogen, und der älteste hatte den jüngsten hinabgestoßen, so daß der die Stufen hinab dem eben heimkehrenden Vater vor die Füße kollerte. Auguste ließ die keifenden Mägde im Stich, um zu den schreienden Kindern zu eilen. Ihr Mann trat ihr heftig erzürnt entgegen. Der Kleinste war sein Liebling, weil er ihm am ähnlichsten war; der Aelteste war Liebling der Mutter. Der Kleine blutete aus Nas’ und Mund, und schrie, daß er ganz blau im Gesicht war, und ohne Weiteres gab der Vater dem Großen einen tüchtigen Schlag und sagte:
„Auguste, Du verziehst den Heinrich so unmenschlich, daß er Deinetwegen ungestraft den Theophil umbringen dürfte.“
„Aber der Theophil kann ja von selbst die Treppe herabgefallen sein!“ sagte sie ärgerlich.
„Ei was!“ rief ihr Mann erzürnt, „wenn ein Bube von fünf Jahren sich über einen dreijährigen hermacht, so fällt der nicht von selbst die Treppe herunter! Und es ist überhaupt unverantwortlich, daß Du den Buben solche Streiche gestattest, bei denen sie ums Leben kommen können.“
„Wie soll ich’s anfangen!“ rief sie heftig; „sie sind so unbändig, daß sie mir nicht gehorchen.“
„Ja, das kommt von Deiner verkehrten Erziehungsweise her! es ist doch wirklich miserabel, ein Paar Würmern, hoch wie der Tisch, keinen Respect beibringen zu können.“
Die häusliche Szene hatte sich in eine eheliche verwandelt. Auguste schien auf der Stelle der Ermahnung ihres Mannes Folge leisten zu wollen. Sie nahm den Theophil heftig von seinem Arm, und sagte zu dem schreienden Kinde sehr zornig:
„Schweig’ auf der Stelle, Junge! sonst giebt es die Ruthe.“
Mit großen Schritten trug sie ihn ins Zimmer zurück, während ihr Mann den widerstrebenden Heinrich beim Arm nahm, und ihn fortführend ebenso zornig sagte:
„Warte! ich werde Dich lehren, Deinen kleinen Bruder von der Treppe zu schleudern!“
Sigismund, über die Schicksale der Kinder beruhigt, hatte sich sogleich wieder zurückgezogen. In einer andern Stimmung hätten all diese kleinen Ungewitter ihn vielleicht höchlichst belustigt. Wenn die Verhältnisse uns vor ihnen sicher stellen, so sieht man ihnen aus der Ferne oder als Beobachter mit demselben Behagen zu, welches man im warmen Zimmer empfindet, wenn es draußen regnet und stürmt. Das warme Zimmer kommt einem paradiesisch vor gegen das Unwetter; und so auch die einsamen stillen Verhältnisse paradiesisch gegen die gemeinschaftlichen geräuschvollen. Steht man in diesen mitten drin, so hat man sie dennoch lieb, trotz des Verdrusses und der Widerwärtigkeiten, die sie mit sich bringen, so treibt man doch Abgötterei mit den schreienden Kindern, so fühlt man sich doch dem heftigen Mann oder der empfindlichen Frau ans Herz gekettet. Aber Sigismunds Herz war wund: dann erscheint das Alltägliche schwer, und das Schwere unaushaltbar. Wie ein Rosenknöspchen hatte ihm die Neigung zu Agathen vor Augen gestanden; wie eine Rose mit all’ ihren Reizen und all’ ihren Dornen, drang ihm die Liebe zu Tosca in die Seele. Bei ruhigen und mäßigen Ansprüchen an Glück, wenn man sich in der Welt umgesehen und erkannt hat, daß die positiven Verhältnisse sich selten über die Mittelmäßigkeit erheben — da kann man sich in ihr und ihren Beschränkungen zurechtfinden, ohne sich verletzt zu fühlen. Man kommt nicht auf den Gedanken, eine Ausnahme vom allgemeinen Gesetz für sich zu begehren, was eine höchst günstige Stimmung ist, um eine Ehe zu schließen. Je geringer die Erwartung, desto geringer die Enttäuschung; und das ist in einem Verhältniß, welches lang und fest und dauernd sein soll, und welches ganz positive Zwecke hat, die Hauptsache. Alles, was man von der Ehe hoffen darf, ist: daß man sich gegenseitig achte und ertrage. Die Leute werden sprechen, wie sie das denn auch schon thun: ich sei gemüthlos, ich sei in Vorurtheil befangen, es gebe unendlich viel Glück in der Ehe. Gott hat den Wurm so eingerichtet, daß er in einem Regentropfen ertrinken kann, als ob es das Weltmeer sei; Gott hat den Menschen so eingerichtet, daß er aus und in den engsten Verhältnissen, den trübsten und dürftigsten Lagen, etwas Erfreuliches und Erleichterndes finde; daß er sich stets bereit zeige mit Ersatz vorlieb zu nehmen; daß er schmiegsam genug sei, seine eigenen Wünsche zu vergessen. So mag er denn in der Ehe manche Freude, manchen Genuß, ja sogar große Zufriedenheit — mehr noch! er mag Glück finden; aber das Glück, was er geträumt hat, das hohe, selige, unermeßliche — das hat er nicht gefunden. Vielleicht ist es nirgends; das ist möglich! Aber eben darum frag’ ich: weshalb soll es denn in der Ehe sein? Da ist Keiner, aber nicht ein Einziger, der sich mit einem Jubelruf in sie hineingeworfen, und dem sich nicht der Freudengesang in einen Schmerzensschrei verwandelt hätte. Er mag ihn erstickt haben, er mag ihn sich selbst nicht eingestehen wollen — und daher ist es auch ganz begreiflich, daß er ihn mir nicht eingestehen will; — allein die Prahlerei, die sollte er denn auch dafür bei Seite lassen und, wenn nicht offenherzig, doch wenigstens ehrlich sein.
Die Ehe ist eine ernsthafte Veranstaltung, zu der zwei Menschen sich entschließen, um mit Anstand Kinder zu haben, und um ein mühsames, sorgenvolles Leben gemeinschaftlich zu führen, und durch die Gemeinschaft zu erleichtern und zu erheitern. Dies Leben fördert ihre innere Entwickelung und entspricht ihrer Bestimmung, die da auf Erden heißt: viel Arbeit und wenig Genuß; und ich denke, es wäre recht gut, wenn die Menschen mit diesen seriösen Ansichten die Ehen eingingen. Statt aber an die ungeheuren und schweren Verpflichtungen zu denken, die sie über sich nehmen, denken sie an ein ungeheures Glück, in das sie geradesweges ohne sonderliche Mühe hineinschweben werden; denn sie sind nun einmal so beschaffen, daß sie in den Zustand, den sie nicht kennen, die Seligkeit verlegen.
Bis zu dem Augenblick, wo Sigismund Tosca Beiron wiedersah, war ihm die Ehe in einem ernsten und wohlthätigen Licht erschienen, das den Ansprüchen des Verstandes, und mäßigen Forderungen des Herzens genügte, und Agathe als eine Frau, welche in solcher Ehe vollkommene Befriedigung finden und geben müßte. Jetzt auf einmal war das anders. Aspirationen nach einem namenlosen Glück, nach endlosen Freuden, nach ungeahnten Verständnissen, nach extatischen Offenbarungen, gingen wie Götterbilder leuchtend durch seine allerinnerste Seele, wohin der Gedanke Agathe! nie gedrungen war, und jetzt erschien ihm die Ehe — bald in einem Licht, das aus dem Himmel stralte, und für das es keine irdische Verfinsterungen gab, und bald in so grauen, matten Farben, daß kein Sonnenstral im Stande war, sie zu verklären. Die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltaglebens, unvermeidliche Momente, wie die, deren Zeuge er so eben gewesen war, wälzten sich ihm wie unüberwindliche Lasten auf die Brust, und beklemmten ihm den Athem. Ihm fiel ein Wort ein, welches ihm einst eine liebenswürdige Frau gesagt hatte: „Eine glückliche Ehe besteht darin, daß man sich alle Tage zankt und alle Abend wieder versöhnt.“ Er war ein feingebildeter und nervenzarter Mensch; er litt geistig und körperlich durch die kleinen Szenen dieser Tage mit Agathen. Er suchte nicht vor sich selbst zu verleugnen, daß er Veranlassung dazu gegeben; aber die Art, wie Agathe sich dabei benommen, war ihm peinlich. Wie sie listig das Flacon fallen ließ, das ihm lieb war! wie sie weinte nur bei dem Gedanken, daß er sie tadeln könne! Das ist so recht der Frauencharacter nach kleinem Zuschnitt — dachte er. Ich denke, er hätte sagen müssen: nach allgemeinem Zuschnitt. Sein Unbehagen wuchs von einer Minute zur andern. Ihm war zu Muth, als müsse er schnurstracks nach Berlin zurückfahren, und nie wiederkommen. „Aber einer Frau das gegebene Wort brechen, das ist ehrlos!“ sagte er plötzlich ganz laut. — Wenn zwischen Verlobten das Frauenzimmer ihr Wort zurücknimmt, so sieht es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal nur launenhaft und leichtsinnig, und höchstens ein Mal gehässig aus; thut’s der Mann, so ist’s grade umgekehrt! Das ist das einzige Verhältniß auf der Welt, bei dem man die Frau leichter entschuldigt, als den Mann, wahrscheinlich deshalb, weil ihre Zukunft mehr dadurch gefährdet wird, als die seine. Er wird über einer solchen Kränkung nimmermehr am gebrochenen Herzen sterben; aber bei Frauen ist das geschehen. Er soll überlegt und besonnen zu Werk gegangen sein, während sie oftmals nur gehorcht hat. Das Alles stürmte ihm durch die Gedanken, und jagte sich wild, wie Wolken vom Sturm getrieben. Kein bestimmtes Bild, keine klare Gestalt tauchte empor; nicht einmal Tosca. Er wußte gar nicht, ob Tosca ihn lieben könne, lieben werde; er glaubte es nicht; er wagte nicht es zu hoffen; aber er — er liebte sie! ihn schwindelte bei der Vorstellung, der Gatte einer Andern werden zu müssen, denn er fühlte, neben seiner eigenen Verzweiflung darüber, das Unheil, welches nothwendig für Agathe daraus erwachsen müsse, sobald sie früher oder später in der Ehe zur Erkenntniß seiner Gesinnung kommen werde. „Aber so weit kann es nicht kommen!“ sagte er ganz gefaßt; „denn es ist mir schlechterdings unmöglich, sie zu heirathen! sterben will ich, wenn sie’s verlangt; heirathen kann ich sie nicht.“
Er hörte den Schritt seines Schwagers sich seiner Thür nähern. Er hatte große Lust, den Riegel vorzuschieben, um ungestört allein zu sein; doch bevor er es thun konnte, trat Friedrich ein, die Cigarre im Munde, die Cigarrentasche in der Hand, welche er sogleich Sigismund anbot. Der dankte. Friedrich setzte sich bequem im Sopha zurecht, nahm mit einer gewissen nachlässigen Leichtigkeit, welche nur eingefleischten Rauchern eigen ist, die Cigarre zwischen Vor- und Mittelfinger aus dem Munde, ließ ebenso nachlässig den Rauch zwischen seinen Lippen hervorgehen, und sagte:
„Die Wohlthat einer Cigarre wirst Du erst schätzen lernen, mein lieber Sigismund, wenn Du Ehemann bist. Als Student raucht man aus jener unwiderstehlichen Liebhaberei der Studenten, alles Andre lieber zu thun, als zu studiren. Ist jene Oppositionszeit vorüber, so sinken Pfeife und Cigarre häufig in die Vergessenheit hinab, bis die Ehe ihnen wieder ihren Ehrenplatz anweist. Sokrates ohne Cigarre seiner holdseligen Gemahlin gegenüber, scheint mir ein bewundernswerther Kauz; mit der Cigarre ein ganz alltäglicher, so wie ich selber es bin. Sie giebt eine gewisse hausherrliche Würde, die von ganz vortrefflichem Effect auf die Frauen ist. Mit der Cigarre zwischen den Lippen ist es nicht gut möglich, anders als in kurzen Sätzen zu reden — das klingt so majestätisch. Nimmt man sie zwischen die Finger, so darf man auch so gar viel Worte nicht machen, sonst erlischt sie, und man muß sie wieder anrauchen, was unbequem ist, sobald nicht beständig ein Licht im Zimmer brennt — was beiläufig gesagt, meiner Frau aus angeborner Sparsamkeit ein Greuel ist. Sie behauptet zwar, sie lösche es nur aus, weil das Kerzenlicht im Tageslicht fahl und widerwärtig aussehe, aber da sie sehr gelassen rohes blutiges Fleisch und geschundenen Fisch ohne sonderliche Beleidigung ihres Schönheitssinnes anschaut, so weiß ich sehr gut, woran ich bin; allein ich thue ihr den Gefallen, denn ich finde es zweckmäßig für unsern häuslichen Frieden, daß kein Licht bei Tage brenne. Je weniger Worte der Mann bei gewissen Diskussionen der Frau gegenüber macht, um desto mehr imponirt er ihr. Und dann! welch ein niederdonnernder Moment der, wo meine Geduld dermaßen erschöpft und meine Langmuth so ganz aufgezehrt ist, daß ich meine Cigarre bei Seite werfe, mich gar nicht um ihre ferneren Schicksale kümmere, nicht hinsehe, ob sie ein Loch in die Tischdecke brennt, oder uns das Haus über dem Kopf anzündet, — und nun meine Meinung sage. So wie meine Frau gewahr wird, daß ich Miene mache, meine Cigarre fortzuwerfen, so sucht sie fast immer einzulenken, denn sie erkennt daran, daß sie zu weit gegangen. Die Bewegungen meiner Cigarre sind das Quecksilber im Barometer unsers häuslichen Lebens. Fällt sie, so giebts Unwetter.“
Sigismund sagte fast traurig: „Ich muß Dir gestehen, lieber Friedrich, daß ich bis daher Eure Ehe immer für eine recht glückliche gehalten habe, und daß es mich betrübt, mehr als ich’s sagen kann, daß sie es nicht so ganz ist.“
„Aber, zum Teufel! wo nimmst Du das her?“ fragte Friedrich mit ungeheuchelter Verwunderung. „Meine Ehe ist nicht blos eine recht glückliche — wie Du bis daher gemeint hast; sondern eine ganz außerordentlich glückliche. Was? weil man verschiedener Meinung ist, weil man Fehler und Schwächen hat, weil man gegenseitiger Nachsicht bedarf, weil hie und da ein heftiges Wort fällt — darum müßte man sofort eine unglückliche Ehe führen? Aber was für extravagante Foderungen stellst Du denn überhaupt an die Ehe? welch ein idealisches Glück soll sie Dir gewähren, wenn Dir die simpelste Schattenseite jedes intimen Verhältnisses: zwei Köpfe, die bisweilen ein wenig Mühe und Arbeit haben, um sich unter einen Hut zu bringen, — wie ein gramwerthes Unglück erscheint? Da beklag’ ich Dich, mein Alter! und noch mehr beklag’ ich die Agathe. Sei doch nicht so ungerecht, von ihr zu begehren, daß sie zu Allem, was Du thust, denkst, sprichst, wünschest, ein willenloses Ja sage.“
„Das begehre ich keinesweges!“ rief Sigismund erstaunt; „wie kannst Du das von mir glauben! Aber ich will nur keinen Zank, keinen Streit, keine Heftigkeit, keine Vorwürfe, keinen Hader“ .... —
„Dann laß Dir eine Wachsfigur antrauen, denn eine solche Frau existirt nicht.“
„Aber ich verlange ja von meiner Seite ganz dasselbe! ich begehre ja nichts von ihr, was ich nicht bereit wäre für sie zu thun!“
„Ach Du willst urplötzlich in die Vollkommenheit hineinspringen!“ sagte Friedrich gleichmüthig. „Das ist so eine ächte Bräutigamslaune, die Du drei Wochen nach der Hochzeit total vergessen hast.“
„So wiederhol’ ich Dir, daß mich das sehr betrübt,“ sagte Sigismund ernst.
„Du mißverstehst mich absichtlich!“ rief Friedrich ungeduldig. „Niemand ist mehr als ich der Meinung, daß man sich in jedem Verhältniß bemühen müsse, brav und tüchtig zu sein; nur muß man dabei die menschliche Natur, die bürgerlichen Einrichtungen im Auge behalten, und sich nicht einbilden, urplötzlich, durch den Zauberspruch des gewechselten Ringes, das Kleid des Alltagmenschen, das wir vielleicht dreißig Jahr getragen haben, mit dem idealen Gewande eines Halbgotts vertauschen zu können. Das werden wir eben so wenig, als das arme junge Mädchen, das wir heirathen, ein Engel wird. Aber eine brave und treue Frau und eine sorgsame Mutter kann sie werden, und uns dadurch so glücklich machen, wie der Mensch es nur sein kann, und wie ich es mit Deiner Schwester bin.“
Indem kratzte etwas an der Thür. Sigismund öffnete. Es waren die beiden Knaben, welche Auguste schickte, um die Männer zum Speisen rufen zu lassen.
„Nun, Ihr Buben,“ sagte der Vater freundlich, „habt Ihr Euch denn auch mit einander vertragen?“
In Kinderseelen wechseln die Affecte mit solcher Blitzesschnelle, wie Erwachsene es sich gar nicht vorstellen können. Die Knaben hatten nicht daran gedacht, sich wieder zu vertragen, weil sie vergessen, daß sie sich verzankt hatten. Als aber der Vater sie daran erinnerte, umarmten und küßten sie sich mit jener unnachahmlichen Lieblichkeit der Bewegungen und des Ausdrucks, welche fast allen Menschen als Kind, und später höchstens einer oder der andern Frau eigen ist.
„So macht man’s, um sich zu versöhnen, wenn man sich gezankt hat,“ sprach Friedrich und nahm seinen Schwager lachend unter den Arm, während Sigismund nicht umhin konnte, bei dieser Erklärung an die Definition einer glücklichen Ehe zu denken, die ihm vorhin schon in den Sinn gekommen war.
Es wäre nicht freundlich gewesen, wenn er nicht bei seiner Schwester zu Mittag gegessen hätte; aber es that ihm doch leid, Agathe in Thränen verlassen zu haben, und sie jetzt mehre Stunden nicht zu sehen. Wenn der Nachtfrost den Abendthau auf den Blumen in Eistropfen verwandelt, so erfrieren die armen Blumen. Es geht auch zuweilen mit Thränen so. Während sie bei Tische waren, bekam Auguste einen Brief von der Mutter mit Beilagen von den Geschwistern. Die Schwester war im ersten Wochenbett, und schrieb glückselig über ihr Kind. Der jüngste Bruder hatte sein erstes Duell auf der Universität gehabt, war im kleinen Finger verwundet, und schrieb ebenso glückselig über diese Wunde. Der andere Bruder schrieb traurig, niedergeschlagen, man wußte nicht warum; die Mutter wußte es auch nicht; das machte solchen Contrast mit den zwei Jubelbriefen — Contraste, an denen das Leben so reich ist. Sigismund und Auguste vertieften sich ganz in die Briefe, und in Plaudereien und Muthmaßungen über deren verschiedenen Inhalt. Wenn das Gespräch innig und lebhaft ist, vergeht die Zeit gar schnell. Dem Doctor wurde sein Wagen gemeldet, um die gewohnte Abendrundfahrt bei den Kranken zu machen. Sigismund erschrak, daß es schon so spät sei. Er lief zu Agathen. Er kam an einem Blumenladen vorüber; er trat hinein, um irgend eine recht schöne Blume für sie zu kaufen. Das Prachtstück des Magazins, worauf sein Auge sogleich fiel und haften blieb, war ein Topf voll wunderschöner blaßrother Camellien. Keine Blume auf der Welt kam ihm so schön vor, als die blaßrothe Camellie, seit er sie in Toscas Locken gesehen. Er kaufte den Topf und ließ ihn sich nachtragen, und ganz heiter kam er zu Agathen.
Sie empfing ihn eiskalt. Sein Benehmen, sein steter Wechsel von Freundlichkeit und Gleichgültigkeit, heut früh die dringende Hast, darauf die Apathie, und dann gewisse Räthsel oder Falten in seiner Seele, die sie nicht zu ergründen vermogte — das Alles schien ihr so unbehaglich, so launenhaft, so ganz unähnlich dem ernst ruhigen Sigismund, den sie bis dahin gekannt, daß sie zu sich selbst sprach: „Es ist etwas Fremdes in ihn hineingedrungen, und das Fremde, mir Unverständliche, ist mir feindlich; so lange also das in ihm ist, muß er mir fern bleiben.“ — Aber der Schmerz, den sie über diese Erkenntniß oder über ihren Entschluß empfand, machte sie herb und streng. Nur schmerzgeprüfte Seelen, nur solche, die den Schmerz wie einen Segen empfangen, ganz still, ganz klagelos, aber die sich dennoch von ihm weder beugen noch brechen lassen, nur die macht er mild. Und wie kann man von dem unerfahrnen, auf Glück rechnenden jungen Gemüth erwarten, daß der erste Schmerz es schon so reif mache?
„Da bin ich, liebe Agathe,“ sprach Sigismund freundlich, „und bringe Dir eine Blume mit, die Deinen Platz dort im Fenster in die prächtigste Laube verwandeln wird.“
Er ließ die Camellie hinstellen, und rückte sie sorgsam zurecht, um sie schön zu präsentiren.
„Ich danke Dir,“ sagte Agathe.
Er erzählte ihr darauf von den Briefen der Seinigen und Agathe war froh, daß er sprach, und von einem Gegenstand, der ihm lieb war, und daß sie schweigen, oder höchstens eine Frage thun durfte, um die Unterhaltung nicht fallen zu lassen. Sie sah so heftig verweint aus, daß Sigismund erschrak, als Licht in das dämmerige Zimmer gebracht wurde. „Aber sie wird sich grämen, vielleicht krank werden, vielleicht sterben .... Gott, mein Gott! sie wird sich fürchterlich grämen, wenn es zum Bruch zwischen uns kommt!“ dachte er heimlich, indem er sie unsäglich traurig ansah. Vor wenig Stunden hatte er es für eine Unmöglichkeit gehalten, sie zu heirathen; jetzt, dieser lieben, stillen Gestalt gegenüber, schien es ihm noch unmöglicher. Sie gefiel ihm, er hatte sie lieb, so wie am Ende jeder Mann ein wunderhübsches, anmuthiges, junges Mädchen, das ihn von ganzer Seele liebt, lieb hat; aber weder in ihrem Wesen, noch in ihrer Erscheinung lag etwas Hinreißendes für ihn. Agathe war keine Macht für Sigismund. Er konnte mit ihr gehen, ihr entgegenkommen; doch niemals — ihr folgen! niemals in dem Drang, in der Nothwendigkeit ihr folgen zu müssen, und nicht zu sollen, nicht zu dürfen, Qual und Befriedigung finden. Er fühlte sich nicht ihr unterworfen, sondern seinem Wort, und durch nichts an sie gefesselt, als durch die Pflicht. „Aber Wort und Pflicht einer Frau, einem jungen Mädchen gegenüber — sind hochheilig!“ sprach er leise.
Wie das manchen Personen geht: wenn sie traurig sind, sehen sie statt dessen verdrießlich aus, so ging es auch Agathen. Es kommt darauf an, wohin der Ausdruck der Trauer sich flüchtet. Ist es in die Augen — ich meine nicht blos in den Blick — sondern in die ganze Umgebung, in die Augenhöhle, Braunen, Lieder: so kann er von unbeschreiblich schöner Melancholie sein; ist es auf die Stirn, so wird er meistens streng und finster sein, wie die Knochen, die Falten das mit sich bringen; ist es um Mund und Wangen, so herrscht die Verdrießlichkeit vor, und das macht sehr unschön. Agathe stellte sich so unvortheilhaft als möglich dar; und grade das rührte Sigismund, denn er stellte sich vor, wie schwer und bitter das arme junge Herz zerwühlt sein müsse, um zu diesem ihm so fremden Ausdruck zu kommen.
„Agathe,“ sagte er plötzlich, „vergieb mir.“
Manchen Menschen ist nichts in der Welt geläufiger, als zu sagen: „Vergieb mir!“ Ob sie Jemand auf den Fuß, oder aufs Herz treten — sie sagen ganz unbefangen: „Vergebung! es thut mir sehr leid! es soll nicht wieder geschehen!“ etc. und damit haben sie Alles gut gemacht nach ihrer Meinung, und nach drei Tagen beginnt dieselbe Geschichte von Neuem. Ich bin für die Menschen, die nicht um Vergebung bitten, und sich dafür in Acht nehmen, nicht wieder Andern weh zu thun. Aber es giebt doch Momente und Menschen, wo es sehr schön und sehr stark ist, wenn man die Bitte um Vergebung ausspricht, und eine solche muß man immer erhören.
Freilich muß man tiefe Erkenntniß seiner selbst sowol als des Andern haben, um zu wissen, ob sie am rechten Ort ist, um zu erwägen, welche Selbstüberwindung, welch Opfer sie kostet. Die arme Agathe hatte nie Gelegenheit gehabt, das zu ermessen. Sie hatte wol tausend Mal im Leben die Mutter um Vergebung gebeten, die Lehrer, die Gespielinnen, um kleiner armseliger Vergehen willen; und unter dem Einfluß dieser Erinnerungen, des Flacons gedenkend, der getrockneten Blume, des Namens Tosca Beiron, der Fieberhast des heutigen Morgens, rief sie ganz trostlos:
„O Sigismund, was hast Du denn gethan?“
„Gethan!“ sagte Sigismund fürchterlich verletzt; „o ganz und gar nichts, liebe Agathe.“
„Weshalb bittest Du mich denn um Verzeihung?“
„Du hast geweint, Agathe, und siehst betrübt aus — da denk’ ich, daß das meine Schuld sein muß.“
Das hätte Agathe annehmen sollen. So etwas sagt ein Mann selten, und sagt es nie zum zweiten Mal. Aber Agathe hätte begehrt die ganze Geschichte von dem Flacon, von der getrockneten Blume, von Tosca Beiron, von Allem, was ihr seit zwei Tagen verwirrend durch den Kopf ging. Als sie hörte, daß nur von ihrer Betrübniß die Rede war, sagte sie kalt:
„Ich verstehe Dich nicht, Sigismund!“ — und setzte dann abbrechend hinzu, indem sie zur Camellie trat: „Eine prächtige Blume, aber recht stolz, recht kalt ... findest Du nicht?“
„Die Rose ist allerdings lieblicher,“ sagte er sanft; aber seine gerührte Stimmung war dahin.
Die Justizräthin kam herein und sagte froh und neckend:
„Ah, da sind Sie, mein lieber Forster, das ist gut! ich dachte schon, Sie wären in Ihrem Raptus von heute früh auf und davon gefahren. Mit den Dampfwagen ist das jetzt so, daß man im Nu verschwinden und hundert Meilen von einander sein kann, ohne daß der Andre eine Ahnung davon hat. Jetzt wollen wir ein wenig von Ihrer künftigen Einrichtung reden. Heute morgen waren Sie gar nicht dazu aufgelegt, und ich versichere Sie, daß es noch ganz entsetzlich viel zu bedenken und zu besprechen, zu beschaffen und zu thun gibt bis zur Hochzeit.“
„Sie haben ganz recht, Frau Justizräthin, und nichts kann wichtiger für mich sein,“ entgegnete Sigismund geduldig und freundlich, und setzte sich zu ihr, um mit ihr Berathungen zu pflegen. Agathe setzte sich auch an den Tisch, aber mit ihrer Arbeit, obwol sie wußte, daß Sigismund es unerträglich fand. Er meinte, Abends, wenn man traulich beisammen sitzt, um zu plaudern, da dürften die Hände ruhen und das Tagewerk sei vollbracht. Stricken — das ließ er noch gelten; das beschäftigt nicht die Gedanken, läßt das Auge, das Gesicht frei, verkrümmt nicht die Haltung; stricken ist ebenso mechanisch, als mit dem Fächer oder der Lorgnette spielen; aber zu nähenden Frauen zu reden, die gesenkten Hauptes dasitzen, und mit Nähnadel und Faden in den Lüften herumfahren, — das war ihm ein Greuel. Agathe wollte ihn aber nicht ansehen, ein wenig um ihn zu strafen, ein wenig — weil sie eben verdrießlich war. Sie umbaute sich mit Arbeitskästchen und Körben, und nähte. Zuweilen blickte sie beobachtend auf ihn, und horchte genau auf die Inflexionen seiner Stimme. Zuweilen, wenn er gradezu das Wort an sie richtete, sah sie ihn an, aber gleichsam nur gezwungen durch seine Auffoderung. Ganz unwillkürlich stellte sich für Sigismund Toscas Bild, wie er sie am letzten Abend gesehen, neben Agathe, und wurde immer heller und heller. Wie hatte er einst sie verletzt, sie, die Schöne, die Gefeierte, und in ihrem zartesten, ihr selbst fast unbewußten Gefühl, und welch einen stillen Mater dolorosa-Blick hatte sie ihm dafür zugeworfen! und welch einen heiligen und heiligenden damals, als er sie fragte: „Und nun?“ Und welche Seele wohnte überhaupt in dieser Frau, um in so schwierigen Verhältnissen, wie die ihrigen unleugbar waren, zwischen den Verlockungen der Welt und den Vorspiegelungen der Eitelkeit, in dieser wundervollen, unangetasteten Klarheit zu bleiben. Bei zwanzig Jahren ein Engel zu sein — das ist sehr leicht; bei dreißig — sehr schwer. Allmälig gingen all’ seine Gedanken zu ihr. Er schob Ja und Nein, ganz gewiß! und: meinen Sie? mit mechanischer Geläufigkeit zwischen die Auseinandersetzungen der Justizräthin, aber seine ganze Seele war bei ihr, der Frühgeliebten, der Verlornen, der Wiedergefundenen, der Einzig- und Ewiggeliebten. Und jetzt, grade jetzt, wo sie nicht da war, wo ihr Blick sich nicht wie eine Sonne über ihn legte, wo ihr Lächeln ihm nicht Morgenröthe und Gestirne vors Auge und in die Seele zauberte — jetzt, mit dem ungestörten klaren Gedanken an sie, jetzt war’s erst recht, als ob die Liebe ihre stillen und unlöschbaren Naphthaquellen in ihm erschließe.
„Liebe Mutter, Du ermüdest Sigismund,“ sagte Agathe plötzlich zur Justizräthin.