2. Unter den Linden. (continued 3)
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„Das ist wahr!“ rief diese gutmüthig; „wenn man in Einzelheiten übergeht und auf Kleinigkeiten kommt, so sind die Männer gleich gelangweilt. Merke Dir das, mein liebes Kind. Aber hast Du denn schon heute dem Sigismund etwas vorgespielt?“
„Ja,“ sagte Agathe trocken.
„Nicht genug,“ sagte Sigismund.
„Es ist gewiß ein hübsches Talent, das meine Agathe hat,“ fuhr die Justizräthin fort, „und das allerangenehmste fürs Haus. Musik erheitert Alle; jedes andre Talent nur den, der es treibt. Was hat der Mann davon, wenn die Frau schön malt, oder schön dichtet? nichts als Langeweile in den Stunden, die ihr sehr kurz und sehr angenehm scheinen. Musik allein verbindet die Herzen; jedes andre Talent scheidet sie.“
Zu dieser etwas einseitigen, d. h. mütterlichen Lobpreisung des Talentes ihrer Tochter lächelte Sigismund und bat Agathe, ein wenig Musik zu machen.
„Soll ich singen oder spielen?“ fragte sie und stand bereitwillig auf, ganz froh, seinen Gedanken eine andre Richtung geben zu dürfen.
„Ich bitte Dich — singe, liebe Agathe,“ sprach er.
Sie blätterte in ihren Noten; wählte und sang. Ihr erster Ton traf sein Herz wie ein elektrischer Schlag. Es war Schuberts Ave Maria. Eine Musik, die wir in gewissen Momenten gehört haben, und die uns damals durch ihre Uebereinstimmung oder durch ihren Contrast mit unsrer Stimmung frappirte, werden wir nie wieder hören, ohne in jene Stimmung zurückversetzt zu werden. Ich erinnere mich, daß ich einmal in Baden bei Wien, auf der Straße, unter meinem Fenster, von einer vorübergehenden frischen jungen Stimme ganz gedankenlos: „Freut euch des Lebens“ singen hörte. Seitdem, wenn ich das Lied höre, gar nur an die Melodie denke, geht mir ein Schauer durch die Seele, Thränen treten mir in die Augen, und ich meine, nie ein melancholischeres gehört zu haben. Doch ist es nur tout bonnement ein Gassenhauer. Was uns trifft — sei’s ein Sandkorn, sei’s eine Krone — hat keine Bedeutung für uns. Wie es uns trifft, darin liegt das Gewicht! das kann den Sandkorn zum Montblanc machen, wie es den Gassenhauer zum Grablied macht.
Sigismund wagte nicht, Agathe zu stören.
„Das ist ein überwältigendes Lied,“ sagte er nachdem sie geendet.
„Meinst Du wegen der Composition, oder weil Du es neulich gehört hast?“ fragte sie.
„Woher weißt Du, daß ich’s gehört habe?“ rief er ganz erstaunt, denn er dachte an Tosca.
„Du sagtest, nichts in dem ganzen Conzert habe Dir so hinreißend geschienen.“
„Das ist wahr,“ sprach er zerstreut; „es mag also wol sein, weil ich es gehört habe und nicht wegen der Composition.“
Agathe spielte und sang noch Einiges; der Abend ging hin. In der Frühe des nächsten Morgens wollte Sigismund wieder abreisen. Er sagte es.
„Du kommst wol fürs Erste nicht wieder?“ fragte Agathe.
„Wenn es Dir keine Freude macht, gewiß nicht,“ sagte Sigismund.
„Mein Gott, liebster Forster! wie sollt’ es der Agathe keine Freude machen!“ rief die Justizräthin ganz erstaunt über den kühlen Ton der beiden Verlobten. Sie sah erst Sigismund, dann ihre Tochter an, und fragte endlich besorgt: „Aber was ist denn zwischen Euch vorgefallen?“
Wie vorhin Agathens Frage: „Was hast Du gethan?“ — ebenso erkältend traf die der Justizräthin auf Sigismund. Er wunderte sich, daß die Frauen so positiv im Inquiriren sind, und das mißfiel ihm über alle Maßen. Eine fragende, spähende, forschende Schwiegermutter war der Schlußstein der Marterkammer, Ehe genannt, in die er heute einen andern Blick, als bisher, geworfen. Die Möglichkeit eines ungeheuern Glückes in ihr, zu deren Realisirung für ihn auch nicht die allergeringste Hoffnung da war, hatte sein Verlangen nach mittelmäßigem und alltäglichem Glück für immer ausgelöscht. Vorgefallen aber, wie die Justizräthin sagte, war nichts, gar nichts. Nur sein Herz war näher zu Tosca gedrungen — sein äußeres Leben um kein Haar breit. Er beantwortete nicht die Frage der Justizräthin; er sprach ebensowenig davon, daß und wann er wiederkommen werde. Er sprach allerlei Oberflächlichkeiten, wie man thut, um die Zeit hinzubringen. Dann nahm er Abschied mit trauriger Freundlichkeit. Er fühlte — es war aus und vorbei.
Als die Thür hinter ihm zugefallen war, sank Agathe der Justizräthin in die Arme und rief in lauter Verzweiflung:
„Mutter, o Mutter, er liebt mich nicht!“ — —
„Die Schwankungen in mir müssen aufhören,“ dachte Sigismund in dieser Nacht. „Es ist ja ganz miserabel, die Sachen um acht Uhr anders zu sehen, als um sieben, und um neun wieder anders. Ich breche mein Wort, ich thue Agathen weh, ich zerstöre ihr und mir das ruhige Leben, welches ich so friedlich für uns zu begründen hoffte, ich stelle mich vor der Welt als ein wankelmüthiger, leichtsinniger Mensch dar — und das Alles .... um mich nicht in Zwiespalt mit meinem Gefühl zu bringen. Ist das Gefühl solcher Opfer werth? werde ich nie bedauern, nie bereuen, sie gebracht zu haben? Nicht heut, nicht morgen — aber in zehn oder zwanzig Jahren? Reue thut weh, und das Leben ist lang .... lang und einsam ohne Liebe, ohne die Liebe, die Hütten bauen läßt.“
Das sagte er sich Alles, ernst, überlegt, gelassen. Er führte sich Agathe vor, wie sie war, lieb und gut, jung und schmiegsam, bereit Alles zu sein, zu werden, was er wünschte; wie sie auf keine Weise die bittere Kränkung, den tiefen Schmerz verschuldet hatte, die sie bedrohten; wie er vielleicht ihre ganze Zukunft in Grund und Boden verderbe, indem er ihre Zuversicht auf die Treue, ihren Glauben an Liebe untergrabe. Aber immer und immer kam er auf den Schluß zurück: Es ist doch unmöglich, meine Hand Agathen zu geben, während mein Blick sie sucht und, wenn nicht außer mir, doch ewig in mir sie findet. Denn in mir — da hat sie gelebt, die langen, langen Jahre hindurch, und nur zuletzt .... geschlafen, eingewiegt von dem monotonen Geschwirr des Lebens, das mich umfing. Hätte sie nicht immer in mir gelebt, wie würde sie denn urplötzlich so göttlich lebendig geworden sein? Es giebt Menschen, in denen lebt nichts; deshalb können sie für Alles leben, was außerhalb ihnen liegt. Andre fühlen sich gedrungen für das zu leben, was in ihnen lebt; die nennt man thöricht, oder egoistisch, oder ... groß, je nachdem ihre Wesenheit sich an ihrer inwohnenden Idee ausbildet. Die Größe giebt Gott seinen Begnadigten; die erwirbt man nicht, man empfängt sie nur. Aber tüchtig kann man auf seine eigene Hand werden; auch wenn man seinen Ideen nachgeht, auch wenn es thöricht aussieht. Und egoistisch? wer sich elend fühlt, und ein fremdes Wesen an dies Bewußtsein schmiedet, macht es um so elender, je zarter es empfindet, und bei zwanzig Jahren wiegen ein Paar Tage voll Schmerz nicht so schwer, als bei vierzig ein Leben voll Bitterkeit, Mißstimmung und Jammer. Und egoistisch? ich erreiche nichts, ich gewinne nichts! sie denkt nicht an mich. Aber ich, o Gott, bin frei, an sie denken zu dürfen.
Er versuchte sogleich an Agathe zu schreiben. Doch Herz und Hand zitterten ihm. Es ist ein fürchterlicher Entschluß für einen besonnenen Menschen, einem Unschuldigen weh zu thun. Auch schien es ihm gar so übereilt. Er verbrannte den Brief. Drei Tage nach seiner Rückkehr nach Berlin wollte er lieber schreiben. Es kam ihm kein Zweifel ein, daß auch dann sein Brief in demselben Sinne lauten würde, denn sein Herz war wie erfroren gegen Agathe. Er hatte sie im Schmerz gesehen: das ist ein scharfer Probirstein für die Seelen. Die Freude nicht! ihrer Natur nach verklärt sie, so wie der Schmerz seiner Natur nach verdüstert. Wie stralend muß die Seele beschaffen sein, welche mit ihrem Licht die Verdüsterung des Schmerzes besiegt. Als er im Ausbruch des tiefsten und wahrsten Gefühls sie um Vergebung bat, da fragte Agathe: „Was hast Du gethan?“ — und vergab nicht, und blieb verdrießlich. Das ist das Uebelste, was eine Frau thun kann. Die Verdrießlichkeit ist etwas so ganz Unerträgliches, daß ihr gegenüber der Mann sich selbst ganz gerechtfertigt vorkommt, auch wenn er weiß Gott was für Unthaten begangen hätte.
Tags darauf ging Sigismund Forster von der Eisenbahn kommend die Linden herauf. Er ging unter den Bäumen. Er sah sich nicht um, als auf dem Reitweg rasches Pferdegetrappel erscholl, aber als Tosca Beiron, ihr Pferd an die Barriere lenkend, ihm zurief:
„Guten Morgen! aber schönen guten Morgen!“
Da mußte er freilich aufsehen. Er that’s; er nahm den Hut ab. Es war ihm eine selige Befriedigung so, mit diesem Zeichen der Ergebenheit, und zu ihr emporschauend, vor ihr stehen zu dürfen. Sein erstes Gefühl ihr gegenüber war, wie einst, das der unermeßlichsten Bewunderung; nur aber war es nicht, wie einst, in das kleine Wort zu fassen: sie ist schön! sondern — in gar keines.
„Wie geht’s denn?“ fragte sie.
Er antwortete nicht. Er sah sie an — wer kann sagen, mit welchem Blick!
Blitzschnell berührte sie den Hals ihres Pferdes mit der Reitgerte und sprengte fort; Ignaz ihr nach.
Ignaz sagte zum General, als er mit Tosca bei ihm eintrat:
„Stellen Sie Sich vor, lieber Onkel, meine schöne Tante hat den Regierungsrath Forster entdeckt. Ja, ja, entdeckt! wir waren eben ins Brandenburger Thor hineingeritten, und er war ungefähr zwanzig Schritte von unserm Hause“ .... —
„Wie Sie übertreiben, Ignaz!“ rief sie lachend.
„Und, wohlverstanden, den Rücken uns zugewendet, als meine schöne Tante sich plötzlich, allen Polizeigesetzen zuwider, in Carriere setzt, oder, daß ich nicht übertreibe! in train du chasse, weil sie in dieser unerhörten Entfernung, unter diesen vielen Menschen, den Regierungsrath Forster erkannt hat — vermuthlich mit einem sechsten oder siebenten Sinn, denn die gewöhnlichen fünf reichen unmöglich dazu aus — und eben deshalb nannte ich diese Erkennung eine Entdeckung.“
„Ich war ganz neugierig, zu erfahren, was ihn so lange unsichtbar gemacht hat,“ — sagte Tosca unwillkürlich, ein wenig verlegen und ein wenig unwahr; denn mogte sie auch noch so neugierig gewesen sein, als sie Sigismund gewahrte, empfand sie nichts — als Freude.
„Nun? und was sagte er?“ fragte der General.
„Ich hatte nicht Zeit, ihn zu fragen,“ entgegnete sie noch etwas verlegener; „Ignaz ritt so rasch fort.“ ... —
„Ich? himmlische Tante! wie ein Lamm so ruhig verhielt ich mich neben Ihnen! Aber die Wahrheit ist, lieber Onkel, daß der Regierungsrath Forster nicht sehr bei Laune zu sein schien, und noch ernsthafter als gewöhnlich aussah. Da verlor meine schöne Tante die Geduld, und sprengte von dannen, wie sie gekommen war — da es gewiß höchst verdrießlich ist, keine Antwort auf die freundlichsten Fragen zu erhalten.“
„Ignaz! was erfinden Sie für Geschichten!“ sprach Tosca lächelnd; aber sie sah ihn mißtrauisch an, nicht wissend, ob Scherz oder Bosheit im Spiel sei.
„Aber welch ein Scharfblick! aber welch ein Adlerauge!“ fuhr er fort; „woran erkannten Sie ihn nur? nicht wahr, am schwarzen Ueberrock und an den gelben Handschuhen, welche alle Welt genau so trägt?“
„Trägt; aber vermuthlich nicht so trägt,“ entgegnete sie gelassen; „denn am Gang und an der Haltung muß ich doch wol den Regierungsrath Forster erkannt haben, da Sie selbst ja meinen, an der Allerweltslivree von schwarzem Rock und gelben Handschuhen könne es nicht sein. Uebrigens wundre ich mich auch über mein scharfes Auge. Ich habe nie diese Fähigkeit in solchem Grad bei mir bemerkt.“
„Vielleicht weil Sie kein Interesse hatten, sie zu beachten.“
Sie sah ihm scharf in die Augen; sie fand darin den kleinen lauernden Ausdruck, den sie immer hatten, und an den sie dermaßen gewöhnt war, daß sie sich wunderte, wie sie ihn bemerkte; auf seinen Lippen lag sein gewohntes Lächeln, das, obgleich in Gewohnheit ausgeartet, dennoch auf seinem schönen Munde hübsch war. Es war nichts, gar nichts in dem Gesichte, was sie plötzlich hätte frappiren können. Sie sagte scherzend:
„Mein Ignaz, Sie sind neidisch.“
Er fuhr innerlich zusammen, und sprach mit unveränderter Miene: „Und wenn ich’s wäre?“
„So würde ich Ihnen rathen, den fatalen Fehler abzulegen,“ antwortete sie halb ernst, halb schelmisch, und ging ihrem Zimmer zu.
„Bleib hier, Tosca!“ rief der General, „und hadert noch ein wenig mit einander, liebe Kinder! ich versichere euch, daß nichts in der Welt mir ergötzlicher anzuhören ist.“
„Ich werfe nur das schwere Reitkleid ab,“ sagte Tosca.
Als sie nach zehn Minuten wiederkam, fand sie Besuch vor.
Am Abend, zur gewohnten Stunde, erschien Sigismund. Der General sagte freundlich:
„Wir haben Sie recht vermißt.“
„Und sind ganz besorgt um Ihr Verschwinden gewesen,“ sagte Ignaz noch freundlicher.
„Das ist viel,“ sagte Sigismund zum General und „Zu viel“ zu Ignaz.
„Und ist Ihre Arbeit gelungen?“ fragte Tosca.
„Welche Arbeit, gnädige Frau?“ entgegnete er.
„Nun die, welche Sie am Abend nach Liszts Conzert mit schwerem Herzen unternehmen wollten, und zu der ich Ihnen Glück zu! wünschte.“
„Ah die!“ rief er, plötzlich sich auf die Unterhaltung besinnend; — „ja, gnädige Frau, ich schmeichle mir“ ...
„O wenn Schmeichelei dabei im Spiele ist, dann irrt man sich leicht!“ rief sie.
„Aber welch’ erstaunenswerthes Gedächtniß haben Sie,“ sagte Sigismund.
„Ja!“ rief Ignaz, „merkwürdige Gaben aller Art hat meine himmlische Tante, und es ist wirklich eine Gnade von Gott, daß er ihr eine versagt hat. Rathen Sie, Herr Regierungsrath, was das ist, ich bitte.“
„Sie werden es nie errathen,“ sagte Tosca und sah Sigismund vertrauend an.
„Ich bitte, rathen Sie doch!“ fuhr Ignaz fort; „was meinen Sie wol das meiner schönen Tante fehlen dürfte?“
„Ich wüßte nichts — als Menschenkenntniß etwa,“ sagte Sigismund etwas trocken.
Der General neigte mit bejahender Zustimmung den Kopf, und Tosca rief sehr vergnügt:
„Mit dieser Lösung bin ich ungemein zufrieden, um so mehr da mein Mann ganz derselben Meinung ist. Nun, beau neveu, haben Sie noch Lust mit Ihrer Behauptung hervorzutreten?“
„Hervortreten? nein! denn ich könnte Ihnen doch am Ende damit etwas zu leide thun, schöne Tante; aber behaupten — ja! in aller Demuth, versteht sich.“
Der kleine gewohnte Kreis fand sich zusammen. Ignaz ging fort. Sigismund nahm lebhaft an der Unterhaltung Theil, und es machte sich von selbst, daß er von seiner Fahrt nach Magdeburg, von seinem Besuch bei seiner Schwester erzählte, und dabei Tosca die Huldigung seines Schwagers darbrachte, welche dieser im Augenblick des Abschieds ihm dringend aufgetragen, mit der banalen Anhängselphrase: Falls sie sich noch meiner erinnert. Tosca nahm es dankbar an; sie freute sich bei der Gelegenheit erfahren zu haben, wo und bei wem er gewesen sei. Sigismund hatte gefühlt, daß sie das zu wissen wünsche. Nun ward er schweigsamer. Er versank in ein ihm ganz neues Glück: er fühlte sich innerlichst frei, frei sie anbeten zu dürfen, und er dachte mit tiefster Aufrichtigkeit, daß, wenn er sie alle Abend in seinem Leben so wie heute sehen dürfe, so fehle ihm nichts, um glücklich zu sein. Sie war gar nicht übernatürlich geistreich, sie hatte auch keine ungewöhnliche Talente, sie war schön — wie man es bei dreißig Jahren sein kann. Aber wie sie ist, so ist sie ein Lichtgeist, der nicht unsrer Zeit und unsrer Welt angehört! — dachte Sigismund — und welche himmlische Gabe könnte ihr fehlen? was Ignaz Mangel nennt, ist gewiß nur eine Herrlichkeit mehr. Zuletzt schwieg er ganz. Die Minuten, in welchen er sie hören und sehen durfte, kamen ihm wie Jahrhunderte vor, zu wichtig, zu inhaltschwer, um oberflächliche Worte in sie zu verflechten.
Es sollte eine Schachpartie organisirt werden; der General sah ihr gern zu. Sigismund wechselte seinen Platz mit einem der Anwesenden, und setzte sich zu Tosca, welche die in seinen Augen wundervolle Gewohnheit hatte, Abends niemals Tapisserie zu nähen. Sie sagte freundlich:
„Ich werde Sie bei Gelegenheit um mein kleines blaues Flacon bitten.“
„Ach Gott!“ rief er, „das ist zerbrochen.“
Er hatte ganz und gar das unglückliche Flacon vergessen, und daß Tosca daran ein Recht habe. Die Aufrichtigkeit in seinem Ton überzeugte sie.
„Nun wenn’s zerbrochen ist, so ist’s gut!“ sagte sie beruhigend.
„Sie würden es mir also nicht lassen?“
„Ich weiß, daß Sie Sich nichts aus kleinen Geschenken machen,“ erwiderte sie mit heiter spöttischem Lächeln.
„Gnädige Frau,“ entgegnete Sigismund ganz ernsthaft, „wenn man einmal huld- und gnadenreich Vergebung der Sünden ertheilt hat, so darf man nicht mehr auf sie zurückkommen. Das heißt nutzlos martern.“
„Da haben Sie wol Recht,“ antwortete sie sanft, „aber ich scherzte nur, denn glauben Sie mir, es ist kein Vorwurf mehr in meiner Seele, nur Dank.“
„Dank, weil ich Ihnen Schmerz gemacht?“ fragte er ungläubig.
„Als der Schmerz über mich kam, da nahm ich mir vor, besser zu werden als ich war, damit mich künftig kein ähnlicher treffen möge; denn in all’ unsern Schmerzen liegt eine ganz heimliche, ganz kleine, oft vor uns selbst verborgene Schuld. Je besser der Mensch, um desto weniger Schmerz hat er, weil innerer Vorwurf der Giftzahn des Schmerzes ist — und keinen Schmerz hat er, der ihn zernichtet. Ich denke doch ein wenig tüchtiger geworden zu sein, als ich damals war, und ist es da nicht sehr natürlich, demjenigen Dank zu wissen, der mir dazu geholfen hat?“
„Mit diesen Gefühlen wird man Märtyrin,“ sagte Sigismund, der es besser fand, im Scherz als im Ernst zu antworten.
„O behüte!“ rief sie, „um das zu werden, müssen sich diese Gefühle einzig und allein Gott zuwenden.“
„Wenn ich Sie reden höre, so gut, so klar, so einfach, so wünschte ich wol von Graf Adlercron zu erfahren, welche Vollkommenheit Ihnen fehlen sollte.“
„Er meint, daß ich kein Herz hätte,“ sagte sie unbefangen.
„Da ist er im großen Irrthum!“ rief er.
„Nicht wahr?“ fragte sie; und mit wundervoller Klarheit legten sich ihre Blicke auf sein Auge.
„Ich meine, daß Sie es da haben, wohin es gehört — und nirgends sonst,“ sagte Sigismund fast feierlich.
„Haben Sie zu vielen Menschen so tiefes Vertrauen?“ fragte Tosca.
„Nein, o nein!“ rief er rasch; „nur zu Ihnen ... denn ein Character, wie der Ihre, rechtfertigt jede Zuversicht dieser Art“ — setzte er gefaßter hinzu.
Seine Worte, sein Ton, sein Ausdruck fielen tief und stark in ihre Seele; sie meinte plötzlich in sich eine Schatzkammer von ungeahnten Reichthümern gewahr zu werden, und um sich eine Frühlingswelt voll duftender, glänzender, freudiger Blüten. Es überlief sie der wundersam geheimnißvolle Schauer, der über uns hinrieselt, wenn wir fühlen, ohne es zu denken, daß unserm innerlichsten Leben eine Krisis bevorsteht. Es ist, als hörten wir die Würfel fallen, die den Gang unsrer zukünftigen Schicksale bezeichnen, und wir schauern in uns selbst zusammen, wie die alten Propheten, wenn der Finger Gottes sie berührte. Ja, sie waren mächtig, die alten Propheten, mit tiefsinnigem Blick, mit weisheitvollen Lippen, sie wußten die Geschicke der Völker und die Umwandlungen der Welt; — und wir sind schwach und blind! aber wenn der Finger Gottes uns berührt, so sind wir Alle gleich klein oder gleich groß; — und er berührt Jeden von uns.
Mit bewundernswerther Kraft deckte Tosca, wie eine Nonne mit ihrem Schleier, ihre mächtige Bewegung zu, und sagte in ihrer heitern Weise, die Ignaz, nur weil er herzensunkundig war, herzlos nannte, und ohne Sigismund anzusehen:
„Ah! ich hab’ also einen Character! das ist mir lieb zu erfahren! ich gesteh’ Ihnen, ich hab’ ihn mir nicht zugetraut.“
„Das ist die Art und Weise tüchtiger Menschen: sie sind, sie haben; allein sie trauen es sich nicht zu.“
„Sagen Sie mir nicht solche Sachen!“ rief sie fast ungeduldig; „oder sagen Sie sie in einem Ton, womit man Fadaisen zu sagen pflegt! denn jetzt mit Ihrem ernsten Ton gesprochen, da machen Sie mich am Ende glauben, daß Sie aus Ueberzeugung sprechen.“
„Und das ist’s grade, was ich wünsche und was Sie, gnädige Frau .... sollt’ ich meinen, wünschen müßten. Man hört und sagt so unermeßlich viel Fadaisen, daß man ihrer, nach einer Reihe von Jahren, so überdrüssig wird, wie gewisser allzu süßer Speisen.“
„Sie sind aber wirklich nicht für die Fadaisen, das merk’ ich!“ rief Tosca lachend. „Wer in aller Welt hat je zu einer Frau, die sich einbildet noch sehr schön und sehr jung zu sein, von ‚einer Reihe von Jahren’ gesprochen?“
„Sie sind so ganz anders, als die Frauen zu sein pflegen, daß man unwillkürlich auch anders zu Ihnen redet, freier, zuversichtlicher, des Verständnisses gewisser — und daher unbefangen.“
„Und das Alles zu Ehren meines Characters?“
„Ja, denn er ist das, was ich am höchsten im Menschen schätze.“
„Ach,“ sagte Tosca mit einem leichten Seufzer, „er mag doch schwer durchzuführen sein, ein Character, sobald das Leben schwer wird. Was am Morgen leicht war, kann am Mittag mühselig sein! wie schwierig, unter allen Umständen immer Dasselbe zu thun!“
„Nicht — immer Dasselbe thun, das kann auch der urtheil- und einsichtslose Eigensinn. Aber — immer das Rechte thun, unter allen Umständen: das macht den Character.“
„Haben Sie Character?“ fragte sie mit gedankenvollem Ernst.
„Gnädige, Frau, Sie selbst wissen am Besten, daß ich keineswegs zu jeder Zeit das Rechte gethan,“ erwiderte er lächelnd.
„O ich denke nicht an die Kindergeschichten!“ rief sie ungeduldig.
„Sie bereiten doch vielleicht den Character vor,“ antwortete er gelassen. „Trotz, Eigensinn, Uebermuth können wohldurcharbeitet zum Character heraufgebildet werden, und undurcharbeitet ein wüstes Chaos bleiben.“
„Nun? und Sie?“
„Ich arbeite!“ sagte er.
Sie blickte ihn an; sein ungewöhnlich strenger Ausdruck überraschte sie. „O Verzeihung, wenn ich Ihnen weh gethan!“ sprach sie schüchtern.
„Sie thun mir nie anders als wohl,“ erwiederte er, und ein Lächeln glitt in seine Augen, ohne bis zu den Lippen herab zu steigen.
Tosca schlug die ihren zu Boden und fragte: „Reiten Sie nie spazieren?“
Es ist bedenklich, wenn so abgebrochene und unzusammenhängende Fragen plötzlich ins Gespräch hineinspringen, weil sie eben zeigen, daß es durchaus unterbrochen werden soll.
Sigismund kam und ging, und ging und kam. Er hatte in diesen Tagen keine Gelegenheit zu einer besondern Unterhaltung mit Tosca. Er fand sie immer allein mit ihrem Mann; aber grade dann kam sie ihm am allerbewundernswerthesten vor. Immer die gleiche freundliche Laune, immer das liebe herzliche Wort, und eine Geschicklichkeit ohne Gleichen, um den Gesprächen die Wendung zu geben, welche dem General die liebste war. Gottes Engel müssen so klar, so mild aussehen — dachte Sigismund — aber ist es denn möglich, daß dies zarte, schöne, tiefe Herz nichts geliebt hat, als die Pflicht?
Ihn hatte es geliebt, und nach ihm — die Pflicht; sonst nichts. Seelen wie Tosca sind aus einem Stück. Sie lieben ganz, wenn sie lieben und was sie lieben, ohne zu handeln, zu feilschen, oder Concessionen zu machen. Sie sehen stolz aus, weil sie hoch — und kalt, weil sie tief sind; wenigstens urtheilen so die oberflächlichen, an die gewöhnlichen Allüren gewohnten Menschen. „Sie ist nicht stolz, sie ist nicht kalt,“ dachte Sigismund. Aber: „Mich hat sie geliebt!“ — das wagte er nicht zu denken, denn das konnte bei einer Gesinnung, wie die ihre, wol heißen: „Und mich würde sie lieben.“
Der General befand sich so gut, wie lange nicht. Die Aerzte hatten nicht grade Hoffnung zur Genesung, aber doch zu einem bessern Zustand gegeben. Tosca sprach vom Frühling, von sommerlichen Reisen, um dem armen Kranken immer mehr Zuversicht einzuflößen, als ob es nur seines Entschlusses bedürfe, um in den Wagen zu steigen.
„Anfang April, gewiß! da werden wir abreisen können,“ sagte sie, „und nach dem Rhein — nicht wahr? — Dort ist’s am schönsten auf der ganzen Welt ... so weit ich sie kenne.“
Ein unsäglicher Schmerz legte sich wie eine Geierkralle auf Sigismunds Brust. Anfang April, da wollte sie gehen! wenn der Frühling kam, wollte sie fort, und dann sah er sie vielleicht nie wieder — wahrscheinlich sogar. Dann sank das Leben wieder in die Schatten zurück, die sie, wie die Sonne, zertheilt hatte. Aber äußerlich ruhig sprach er mit ihr vom Rhein, von Bonn und vom Professor Zeller.
Später ging er auf sein Zimmer und schrieb:
„Agathe! Du ahnest gewiß, was ich Dir zu sagen habe. Nein! Sie wissen es, Agathe, ohne daß ich es Ihnen zu sagen brauchte. Vergebung. Aber es ist so: lieber kein Herz, als ein halbes. Das Leben führt uns bisweilen zu überraschenden Wendepunkten, von wo man die Dinge anders, in anderm Licht, in andrem Zusammenhang betrachtet. Das ist mir geschehen, und Sie haben es nur zu wohl bemerkt. Ein Name ist genannt, auch in Ihrer Gegenwart; der Name ist’s. Ich sage das, weil ich nicht lügen kann, noch mag, und weil ich wünsche, daß Sie mir nun auch glauben, wenn ich ferner sage: der Name zerstört meine Gegenwart, ohne mir eine Zukunft zu verheißen, und er hat nichts für mich gethan, als daß er, wie ein Gestirn, wieder aus dem Meer der Vergangenheit aufgetaucht ist. Weiter nichts! und auch ferner wird es heißen: weiter nichts! Sie sehen, ich weise das stille, schöne Glück, das Sie mir versprachen, nicht für die Hoffnung auf ein chimärisches Glück fort, sondern — für gar keine. Es muß also wol aus Ueberzeugung sein. Aber ich fühle, daß ich Ihnen nichts Andres sagen kann und darf, als — Vergebung! —
Sigismund Forster.“
Er versiegelte und adressirte den Brief. Am andern Tage wollte er ihn nach seiner Gewohnheit selbst auf die Post bringen. Eh das geschah, empfing er einen von der Justizräthin Gertner.
„Mein lieber Forster,“ schrieb sie, „da ich keine Ahnung davon habe, was eigentlich zwischen Ihnen und meiner Tochter vorgefallen sein mag, und da Agathe mit unglaublicher Hartnäckigkeit darüber schweigt, so habe ich Ihnen nichts weiter zu sagen, als das, was Agathe mir aufträgt. Sie bittet Sie, ihr binnen drei oder vier Wochen nicht zu schreiben, keine Zeile, kein Wort, und noch viel weniger herzukommen. Sie sagt: bis dahin werde sie ruhig sein und Ihnen schreiben, und dann würde Alles gut werden; doch jetzt könne sie nichts hören, nichts denken, nichts schreiben, nichts, gar nichts; und sie hofft, daß Sie diesen Wunsch ehren werden, indem Sie ihm nachkommen. Sie sei übrigens ganz wohl und gesund, läßt sie Ihnen sagen, und ich bestätige das, weil ich meine, daß Sie diese Beruhigung brauchen.“
Eine freudige Aufregung bemächtigte sich Sigismunds. Zwar that es ihm leid, daß der Brief an Agathe nicht auf der Stelle Alles zwischen ihm und ihr klar machen solle; aber der Gedanke, daß sie wahrscheinlich selbst die Vorstellung der gelösten Verbindung in sich keimen und wachsen lassen, daß sie selbst ihr Wort zurücknehmen wolle, machte ihn fast glücklich. Auf welche Weise der Bruch geschehen solle, je weniger peinlich und schmerzlich für Agathe — desto willkommner ihm! und alle Eitelkeit, alle eigenliebige Härte, welche im Mann so mächtig sind, verstummten gänzlich vor der unsäglichen Freude — frei zu werden ohne zerknickende Härte.
Er wollte hinaus, in die frische Luft, unter den heitern blauen Himmel. Ihm war, als höre er schon die Lerche ihren kleinen jubelnden Auferstehungsgesang tiriliren. Er sprang die Treppe hinab, und traf auf dem Vorsaal des ersten Stockwerks mit Tosca zusammen.
„Da bin ich!“ sagte er mit ganz besondrer Freudigkeit. Was lag ihm jetzt daran, ob sie einst fortging. Jetzt war sie da, und er bei ihr.
„Himmel!“ rief sie, „Sie sehen aus wie vor zwölf Jahren — so gewissermaßen glückselig übermüthig.“
„Fahren Sie aus, gnädige Frau?“ fragte er, denn sie war im Pelz und ein Diener stand hinter ihr.
„Ich gehe aus, es ist so schön! ich muß in die Stadt, muß etwas kaufen für Ignaz, dessen Geburtstag morgen ist — ich weiß nur nicht, was und nicht wo.“
„Darf ich Sie zu Rey führen?“
„O ja .... aber ich schäme mich Ihrer ein wenig, denn Sie sehen wahrlich aus, als hätten Sie nicht übel Lust, unter den Linden einen Freudensprung zu machen.“
Sigismund versicherte, ganz gesetzt einher wandeln zu wollen. Sie gingen zusammen aus. Es war ein prächtiger Wintertag. Lauter Krystall, und die Sonne durchfunkelte ihn. Und die Herzen waren auch frisch und hell wie Krystall, und die Aurora der Liebe dämmerte ihren bezaubernden Prismaschein in sie hinein. Aber sie sprachen von den allergleichgültigsten Dingen, und amüsirten sich dennoch vortrefflich. Ich gestehe, nichts hat mir einen höhern Begriff von der Zaubermacht der Liebe beigebracht, als die Bemerkung, daß wenn zwei Menschen unter ihr stehen, kluge, gescheute, geistreiche Menschen, die sonst ziemlich viel Aufwand von Verstand begehren oder machen, wenn sie sich bei einem Gespräch unterhalten sollen, — daß die ganz befriedigt sind, und die Conversation vollkommen nach ihrem Geschmack zu finden scheinen, wenn der Eine spricht: „Heut ist schön Wetter!“ — und der Andre antwortet: „O wunderschön.“ — So gewiß ist’s, daß man nicht durch den Geist glücklich ist ... nur durch das Herz. Aber dennoch glaub’ ich auch, daß auf die Dauer ein wenig Geist der Liebe keinen Schaden thut. Sie hat nur so ihre kindlichen Momente, wo sie gleichsam in der Wiege liegt und lallt. Da ist sie noch nicht bis zum Geist, bis zum Bewußtsein vorgedrungen, da hat der Schmetterling erst eben seine Raupenhülle abgestreift, und die Schwingen noch nicht versucht; und da meint er noch, in dem Rosenkelch, wo er geboren sei, müsse er leben und sterben. Später wagt er denn doch den Flug, und bis zum Himmel hinauf; und dazu gehören denn freilich alle Kräfte der Psyche.
Tosca war nicht zufrieden mit den Sachen, die man ihr bei Rey zeigte. „Was soll ein Mann mit all solchen Kinkerlitzchen anfangen?“ fragte sie. „Lieben Sie dergleichen Kram?“
„Als Geschenke von lieben Händen — sehr.“
„Das ist was Anders! auf dem Fuß steh’ ich nicht mit Ignaz. Warum lachen Sie?“ rief sie, als Sigismund nicht ein Lächeln unterdrücken konnte.
„Weil ich mich wundre, daß Sie Sich zu täuschen suchen. Sie wissen sehr wohl, welchen Werth Graf Adlercron auf Ihre Huld legt.“
„Ja, in wichtigen Dingen! aber bei solchem Plunder“ ....
„Für dies Gefühl giebt es keinen Plunder! die Krone oder der Bonbon sind von gleichem Werth.“
„Wenn ich Ihnen aber sage, daß grade von diesem Gefühl nicht die Rede ist, und daß mein Neffe, so sehr er mir auch ergeben ist, und so gern er auch Bonbon speist, dennoch lieber eine Krone von mir annimmt, als ein Schreibzeug?“
„So beklag’ ich ihn.“
„Aber das wußten Sie ja längst.“
„Wie hätte ich das wissen sollen, gnädige Frau?“ fragte Sigismund unbarmherzig.
Tosca erröthete und rief: „Sie haben mich auf einen guten Einfall gebracht! ich werde Bonbon für Ignaz kaufen. Er ißt leidenschaftlich gern Bonbon. Begreifen Sie diese Liebhaberei?“
„Jede Liebhaberei ist schwer zu begreifen, wenn man sie nicht theilt; indessen scheint sie mir doch viel unschuldiger, als für den Wein z. B., oder für Cigarren, oder für Schnupftaback.“
„Ach!“ rief sie lachend, „die Unschuld ist so entsetzlich unpassend für einen Mann! Ja, ja! ich spreche ernsthaft. Es giebt allerlei kleine Dinge, die ihm nicht gut stehen, und die er den unschuldigen Kindern oder den schwachen Frauen überlassen muß.“
„Ich weiß nicht,“ rief Sigismund, „wie Ihr Geschlecht zum Prädikat des schwachen gekommen ist, gnädige Frau! da es doch unleugbar das stärkere ist. Wir haben freilich die Kraft, aber bei der Frau ist die Macht.“
„Die Leute sehen sich nur auf der Oberfläche um und nach außen: da tritt ihnen die Kraft überwältigend entgegen. Um die Macht zu erkennen, muß man tiefer gehen, muß eigene Beobachtungen und Erfahrungen gemacht haben, wozu ich, als Frau, natürlich nie Gelegenheit hatte.“
Sigismund schüttelte den Kopf und sagte: „Jede Frau ist sich ihrer Macht bewußt“ .... —
„Vielleicht in sehr glücklichen Verhältnissen,“ unterbrach ihn Tosca. „Im Allgemeinen scheitert dies Bewußtsein an der Kraft des Mannes, die oft .... Härte ist.“
Ihm schien, als ob sich eine Wolke über ihre schönen Augen legen wolle. Darum fragte er hastig und scherzend:
„Ich bitte, gnädige Frau, bin ich etwa auch mit einigen von den ‚kleinen Dingen’ behaftet, die Sie unpassend für einen Mann finden?“
„Ich kann’s nicht leiden,“ entgegnete sie, „wenn ein Mann Bonbon liebt, Parfüms braucht, helle, bunte Farben im Anzug trägt, und kleine Hände hat. Das Alles hat einen gewissen gebrechlichen Anstrich, den ich nur uns gestatte.“
Ignaz hatte heute viel zu leiden, obgleich Tosca Geburtstagsgeschenke für ihn einkaufte; denn dies Alles war gegen ihn gesagt.
„Wie Sie mich demüthigen, gnädigste Frau!“ rief Sigismund; „die einzige Schönheit, welche ich mir schmeichelte zu besitzen, eine wohlgebildete Hand — belegen Sie mit dem Anathema.“
„Ja,“ sagte Tosca lachend, „wenn Ihre Hand nicht durchgearbeitet, stark und geschmeidig aussieht — wenn sie nicht aussieht fest und bestimmt, als wisse sie zu halten, was sie ergriffen, zu stützen, was sich ihr anvertraut, durchzuführen, was sie begonnen hat: so haben Sie eine ganz unschöne Hand, zu der Niemand auf der Welt Vertrauen haben wird.“
Sie wußte sehr genau, welch eine schöne, edelgebildete Hand Sigismund hatte, und er freute sich unglaublich, daß sie es ihm in dieser Weise sagte.
„Also eine ganze Theorie über die Bildung der Hände steht Ihnen zu Gebot?“ fragte er.
„Gewiß! ich kenne Jemand, der aus dem Fuß und dem Gang der Menschen Schlüsse auf ihren Charakter macht; weshalb sollt’ ich nicht aus der Hand und ihren Bewegungen?“
„Für den Scherz ist das Alles sehr gut, für den Ernst sehr gefährlich.“
„Ach!“ rief Tosca, „mit all meinen Beobachtungen komme ich doch nicht vom Fleck! es ist mir nicht Ernst damit. Ich frage meinen Mann, was er von Diesem und von Jenem hält; und danach richt’ ich mich ein. Das ist ungleich bequemer.“
Während sie das sagte, fiel ihr ein, daß sie bei Sigismund eine Ausnahme von dieser Gewohnheit gemacht, und den General nie um seine Meinung über ihn gefragt hatte. „Denn ich kannte ihn früher,“ — sagte sie sich heimlich, wie zu ihrer Rechtfertigung.
„Und warum verschmähen Sie, durch eigene Beobachtung zu einem Urtheil zu kommen?“ fragte er.
„Weil ich ihm so gern dankbar und verpflichtet mich fühle,“ entgegnete sie ruhig.
Sigismund antwortete nichts. Er sah sie an mit einem Blick voll Ehrfurcht und Huldigung. Könnte ein demüthiges Herz je triumphiren, so würde dies Gefühl jetzt Toscas Herz bewegt haben, denn zum ersten Mal fiel es ihr ein, daß ihr Leben schön und edel sein möge. Sie hatte nie daran gedacht; sein Blick sagte es ihr. „Aber das Schöne und Edle wird geliebt“ — sprach heimlich eine Stimme in ihr — „und nur das!“
Sie fuhr zusammen und sagte fast ängstlich:
„Der Wind hebt an recht scharf zu wehen;“ und sie gingen nach Hause.
Auf dem Vorsaal trat Toscas Kammermädchen ganz verstört ihr entgegen, und sagte, der General sei plötzlich heftig erkrankt. Tosca eilte zu ihm. Ignaz war schon da; der Arzt auch. Es war derselbe Zufall, wie in jener Nacht; nur stärker, bedenklicher.
„Er stirbt!“ rief Tosca, als sie ihn ohne Bewegung und Besinnung fand.
Der Arzt sagte nicht Nein.
Es vergingen einige fürchterliche Tage. Es ist eine unermeßliche Folter, am Krankenbett nicht mehr hoffen zu dürfen! unwillkürlich taucht der Gedanke auf, der Tod sei unter diesen Umständen ein Erlöser, und doch kommt Einem solch ein Wunsch wie ein Mord vor. Tosca litt unsäglich. Sie warf sich die anderthalb Stunden ihrer Entfernung als ein Verbrechen vor, obgleich es ihre tägliche Promenade war. Sie glaubte eine Strafe des Himmels für jedes Wort zu empfangen, welches sie zu Sigismund gesagt hatte. „Mit der Liebe für einen Andern im Herzen, sitz’ ich am Sterbebett des besten und edelsten Mannes“ — sprach sie langsam und schwer zu sich selbst. Sie war erdrückt, wie von einer ungeheuern Schuld. Sie flehte zu Gott um das Leben ihres Mannes, und wenn sie der Erhörung ihres Gebets gewiß zu sein glaubte, so ergriff sie ein namenloser Schmerz, denn sie fühlte, daß ihr innerstes Leben umgewandelt sei, und daß sie in Zukunft Dornen finden werde, wo sie bisher nur Blumen gekannt.
Sie war die unermüdliche Pflegerin des Generals. Sie verließ nie freiwillig sein Zimmer. Wenn sie überwältigt vom Schlaf, oder halbohnmächtig zusammensank, so trugen Ignaz und die Krankenwärterinnen sie nach ihrem Zimmer, wo sie ein Paar bleierne Stunden verschlief. Ignaz stand ihr treu zur Seite.
„Sie sind sublim, Ignaz!“ sagte sie einmal und gab ihm die Hand.
Er schüttelte den Kopf und sagte: „Und Sie sind es wol nicht, Tosca?“
„Oh .... ich!“ rief sie, und faltete demüthig die Hände.
Sie hatte keinen andern Gedanken, als der sich auf die Pflege ihres Mannes bezog. Ignaz sprach zu sich selbst: „In der Stimmung wäre sie, um die Donation zu machen; aber! aber! der Moment ist nicht günstig! ich darf mir jetzt, am Sterbebett, nicht merken lassen, woran ich denke. Sie muß für mich in ihrer gegenwärtigen Stimmung bleiben.“ — Sie sah Sigismund nicht. Er hatte den Takt, nicht zu kommen. Er fragte die Dienstboten .... wol zwanzig Mal täglich; zuweilen den Arzt. Bei den Fragen nach dem General erfuhr er beiläufig etwas über Tosca. Er war in qualvoller Angst, daß ihre Gesundheit leiden möge, und die Sorge, welche er zuerst um sie gehabt, erwachte mit erneuter Stärke: Ignaz werde ihre Rührung und Trauer benutzen, um sie zu einem, hinsichtlich ihres Vermögens nachtheiligen Schritt zu bewegen — im Fall der General stürbe.
Im Fall der General stürbe! sein Herz schlug hoch auf. „O wenn sie mich liebte!“ dachte er unter jenem Strom des Entzückens, der wie der Tod den ganzen Menschen zugleich vernichtet und verklärt. „O wäre doch mein Brief an Agathe damals fortgegangen!“ dachte er gleich darauf. Ehe er sich ihr gegenüber nicht frei hingestellt hatte, fühlte er sich nicht frei.
Am siebenten Tage starb der General. Tosca benahm sich ernst und ruhig, eben so fern von Verzweiflung, als von Gleichgültigkeit. In seinen letzten Stunden war ihm das Dämmerlicht des Bewußtseins aufgeflackert, und er hatte ihr Worte des Dankes, der Anerkennung, der Liebe gestammelt, die sie zu hören verdiente, und die sie mit heiliger Rührung anhörte.
Er war todt und begraben. Bis dahin hatte sie Niemand gesehen, nicht Ignaz, nicht Sigismund; sie wollte nicht. Ihr war beklommen zu Muth, wenn sie an Sigismund dachte. Sie versuchte nachzudenken, wie sie sich ihm gegenüber zu benehmen, was sie zu thun habe. Der Schluß davon war: Nichts hab’ ich zu thun, denn ich liebe ihn .... und Er? — —
Am Tage nach dem Begräbniß des Generals kam sie aus ihrer Klausur hervor. Sie wollte sich nicht den Anschein einer Untröstlichkeit geben, die sie nicht wirklich empfand. Sie ließ Ignaz zu sich bitten. Sie sagte ihm, sie gedächte die ersten sechs Wochen der tiefen Trauer in Berlin zuzubringen, und dann zur Testamentseröffnung nach Trier zu gehen, wo der General das seine gemacht und niedergelegt habe. Während der Zeit wolle sie hier mit Rechtsgelehrten sprechen über die Art und Weise, wie sie sich mit seiner Familie am besten in der Erbschaftsangelegenheit auseinanderzusetzen habe. Sie hatte nicht vergessen, was Sigismund ihr in jener Nacht gerathen. Sie sprach und erschien ganz selbständig und überlegend. Sie schien zu fühlen, daß sie für die Zukunft allein auf sich selbst angewiesen sei, und für sich selbst sorgen müsse. Sie sprach so klar und bestimmt, daß Ignaz seine Hoffnungen schwinden sah. Kein Rechtsgelehrter auf der Welt, das wußte er sehr gut — würde ihr je zu der Donation rathen. Durch diese Donation allein konnte er Herr des ganzen Vermögens werden; alsdann gab er der Mutter, den Geschwistern, an Tosca selbst, nur eine Rente; die Masse blieb sein, und er konnte mit diesem Vermögen Anspruch auf eine große und reiche Heirath machen. Ohne die Donation, wenn es zu einem Vergleich kam, ja, wenn Tosca sogar die Hälfte der Erbschaft abtrat, war immer seine Mutter die Erbin, und er ging mit seinen Geschwistern dereinst nur zu gleichen Theilen aus. Das war ein ganz miserables Loos! Er dachte, da sei es doch schon besser, Tosca zu heirathen, und er freute sich unaussprechlich, daß er von jeher Worte hatte fallen lassen, welche auf eine tiefe und heimliche Liebe zu ihr deuteten. Er hatte freilich einer Andern lebhaft den Hof gemacht, und sogar in Toscas Gegenwart von der Möglichkeit einer Verbindung mit ihr gesprochen; aber das ließe sich vielleicht als eine nothwendige Zerstreuung darstellen. Auf einmal fuhr über diese geistige Rechentafel ein nasser Schwamm. Es war der Gedanke an Sigismund Forster.
„Tosca!“ rief Ignaz sehr lebhaft, „warum sprechen Sie mit mir von Hab und Gut? Haben Sie keine andre Worte für mich?“
„Ihre Zukunft liegt mir sehr am Herzen, guter Ignaz,“ erwiederte sie, „denn Sie haben die schwere Vergangenheit treu mit mir getheilt. Ich mögte jene gern sicherstellen und leicht machen. Und wir haben ja auch schon früher darüber geredet! — Uebrigens wissen Sie wol, daß mir für meinen Dank nur die Worte fehlen, und daß ich ihn in Gesinnung und That auszusprechen wünsche. Wie kann Sie das plötzlich kränken?“
„Nicht kränken — nur tief betrüben, daß Sie mich nicht verstehen wollen. Vergebung!“ rief er, als sie ihn ernst und mißbilligend ansah; „Vergebung! ich schweige .... jetzt! — Aber,“ fuhr er in seinem gewohnten Ton fort, „weshalb wollen Sie hier sechs lange Wochen verbringen? Sie haben hier keine nähern Freunde und da draußen am Rhein so viele, welche sich alle beeifern würden Sie zu zerstreuen.“
„Wozu das?“ fragte Tosca; „die Zerstreuung kommt immer früh genug.“
„Jetzt, bei dem frischen Winterwetter würde das Reisen nicht beschwerlich sein.“
„Das Hierbleiben ist es auch nicht, lieber Ignaz, und ich mag mich nicht gern ohne Noth in meinen tiefen Trauerkleidern auf der Landstraße und in Gasthöfen umhertreiben.“
Ignaz ergrimmte innerlichst. Es quoll ein bittrer Haß gegen Sigismund in ihm auf. Ist er denn nicht aus dem Wege zu schaffen? dachte er. Aber er versuchte nicht Toscas Plänen länger zu widersprechen, er wußte wol, daß nichts den Menschen so fest an seine Meinung schmiedet, als der fremde Widerspruch.
Nachdem Ignaz gegangen war, ließ Tosca an Sigismund sagen, es würde ihr lieb sein, wenn er zu ihr kommen könne. Er kam sogleich. Er war ganz schwarz gekleidet, und sah sehr blaß und sehr ernst aus. Seit jenem heitern Morgen hatten sie sich nicht gesehen. Nun standen sie einander gegenüber, die zwei edlen Gestalten, und die Herzen voll verschwiegener Liebe waren mit den Trauerkleidern zugedeckt. Ein leichtes Zittern überglitt Tosca; sie setzte sich. Da trat Sigismund zu ihr heran, kniete vor ihr nieder, und reichte ihr seine Hand. Sie legte die ihre hinein, und er hielt sie einen Augenblick, wie man ein Geschenk empfängt, ohne sie anzufassen, ohne sie zu drücken. Dann ließ er sie sanft fallen, stand auf, und setzte sich ihr gegenüber. Das Alles war ernst und langsam geschehen, fast feierlich. Kein Wort war gewechselt, nur ein Blick.
„Gnädigste Frau,“ sagte Sigismund darauf mit fester Stimme, „wenn Sie bei irgend einer Angelegenheit eines ergebenen Menschen bedürfen, so befehlen Sie nur über mich.“
Es war eine große Erquickung für Tosca, daß es ihm nicht einfiel, ihr sein Bedauern oder seine Theilnahme anders auszusprechen, als durch seine Erscheinung. Sie sprach von der großen Dankbarkeit, die sie Ignaz schuldig sei, und wie ihr so sehr daran liege, mit ihm und seiner Familie in freundlichem Vernehmen zu sein. Sie sagte in Bezug auf den General:
„Er hatte gewichtige Gründe, um zu handeln, wie er eben that, und wenn er in den letzten Jahren sein Testament nicht verändert hat, so geschah das ganz gewiß, weil er wohl wußte, daß ich der Veränderung seines Sinnes gemäß handeln würde. Ignaz hat sich wie ein Sohn für ihn benommen, und so denk’ ich, daß er auch in die Rechte eines Sohnes treten muß.“
„Thun Sie Alles, was Sie für recht und gut halten, gnädige Frau, nur begeben Sie Sich nicht in irgend eine Abhängigkeit von dem Grafen Adlercron. Dergleichen Verhältnisse sind immer peinlich, auch bei den edelsten, den reinsten Gesinnungen auf beiden Seiten, und es können Umstände eintreten, welche sie unerträglich machen. Daher beschwör’ ich Sie, den Gedanken an eine Donation, den Sie einmal flüchtig gegen mich äußerten, aufzugeben.“
„Ich hab’ es gethan,“ sagte sie erröthend; ... „aber ich mögte doch gern ohne einen Prozeß davon kommen.“
„Wer sind die nächsten Blutsverwandten des Generals?“
„Seine einzige Schwester, Gräfin Adlercron.“
„Wenn Sie die Erbschaft mit ihr theilen, so wird sie diesen friedlichen Ausgang dem unfriedlichen und unsichern eines langwierigen Prozesses vorziehen .... sollt’ ich meinen.“
„Ignaz hat mir gestanden,“ sagte Tosca ein wenig verlegen, „daß seine Mutter sehr ... ja, ganz außerordentlich an Geld und Gut hange; da würde sie vielleicht doch nicht damit zufrieden sein.“
„Es wäre doch des Versuches werth, gnädigste Frau. Ich gestehe Ihnen, ich zweifle nicht an friedlicher Ausgleichung.“
„Und das wäre vielleicht ein Mittel, um sie mit ihrem Sohn zu versöhnen!“ rief Tosca lebhaft.
„Ist sie mit ihm entzweit?“ fragte Sigismund.
„Ja,“ sagte Tosca, vertrauenvoll nacherzählend, was Ignaz ihr vorerzählt hatte; — „weil sie mit ihrem Bruder gespannt war, so mißbilligte sie es, daß Ignaz zu uns kam, und hat ihn in den ganzen drei Jahren nicht sehen wollen. Da sie aber so am irdischen Gut hangen soll, so mein’ ich, wird sie ihm seinen Ungehorsam verzeihen, wenn sie einsieht, daß sie ihm das ersehnte Vermögen verdankt. Dann, welch’ eine Freude für Ignaz!“
Sigismund dachte auf der Stelle, daß Ignaz, wenn er wirklich nicht im guten Vernehmen mit seiner Mutter lebe, wol im Stande sein könne, die Erbschaft für sich allein zu wünschen und ... zu behalten. Eingedenk der eilf Geschwister, welche ihn damals in Toscas Mund so heftig erschreckt hatten, bestärkte er Tosca in ihrer Ansicht, die Erbschaft mit Gräfin Adlercron und nicht mit ihrem Sohn zu theilen, weil sie die natürliche Erbin des Generals sei. An der Freude, welche Ignaz nach Toscas Meinung empfinden würde, zweifelte Sigismund heimlich; aber er sprach den Zweifel nicht aus. Möge sie ihn immerhin für gut und redlich halten, dachte er, sobald Ignaz dies Vertrauen nicht mißbrauchen kann, so schadet es ihr nichts.
Tosca bat Sigismund ihr einen verständigen und zuverlässigen Mann zuzuführen, dem sie diese Angelegenheit übertragen könne. Er versprach es. Dann wechselten sie noch ein Paar Worte über ihr Befinden, und Sigismund ging ernst und gelassen, wie er gekommen war, und ebenso blickte Tosca ihm nach; aber Beiden war zu Muth, als hätten sie ein neues Leben angetreten.
Tosca war ein Paar Tage hindurch nicht wohl. Der Rückschlag der heftigen Emotionen machte sich durch nervöse Abspannung fühlbar. Sie litt nichts Bestimmtes, aber sie fühlte sich durch und durch leidend, wie das zart organisirten Personen geht, welche nicht an schmerzlich aufregende Erschütterungen gewöhnt sind. Sie sah Ignaz alle Tage auf kurze Zeit, und Sigismund gar nicht. Daraus schöpfte Ignaz Hoffnung, und als sie sich eines Abends besser befand, sprach er ihr sein Entzücken darüber so lebhaft aus, daß er sich dafür einen kleinen Vorwurf von ihr zuzog.
„Wie kann ich anders!“ rief er, und kniete neben dem Sopha nieder, auf dem sie lag; „Sie wissen ja, daß mein Herz voll von Ihnen ist.“
„Ja, nebenher!“ sagte Tosca lächelnd.
„Sie haben mich nie verstehen wollen, immer den Ausbruch des Gefühls in mich zurückgedrängt,“ sprach er mit niedergeschlagenem Ton. „Früher mogten Sie Gründe haben, die ich ehrte; doch jetzt martern Sie mich nicht länger — es wäre eine ganz nutzlose Grausamkeit. Ich liebe Sie, Tosca,“ fuhr er lebhaft fort, ohne sich von ihr unterbrechen zu lassen; „ich habe Sie geliebt, drei Jahr an Ihrer Seite, täglich, stündlich Sie sehend, in Ihrer größten Intimität lebend, hab’ ich Sie schweigend geliebt, und gewiß nur in ganz überwältigenden Momenten meine Liebe verrathen. Aber nun ist’s vorbei mit der Kraft! ich kann nicht mehr schweigen! ach! zürnen Sie mir nicht; ich sehe Ihre Trauerkleider, ich kenne die kühle abwehrende Außenseite, welche Sie wie einen Schild hervorkehren; ich begehre ja auch vor der Hand keine Gewißheit, nur Hoffnung, Tosca!“
Während er sprach, sah sie ihn gelassen an. Sigismund hatte vor einigen Tagen auch vor ihr gekniet, nichts gesagt, nichts gethan, nichts erfleht; und sie hatte ihn verstanden und ihm geglaubt. Von Allem, was Ignaz ihr sagte, glaubte sie kein Wort.
„Sie täuschen sich, Ignaz!“ antwortete sie ruhig; „bis daher hab’ ich immer geglaubt, daß Sie mir gut wären; jetzt, glaub’ ich, daß Sie Sich für mich fanatisirt haben, durch die traurigen und schmerzenreichen Situationen, in denen Sie mich gesehen, durch meine tiefe Einsamkeit, welche mich ohne Eltern, ohne Kinder, ohne Brüder ins Leben gestellt hat, und mich jetzt der treusten und sichersten Stütze — des Generals beraubt. Aber lieben? ... nein, Ignaz, Sie lieben mich nicht!“
„Aber was verstehen Sie denn unter Liebe, Tosca, wenn eine so grenzenlose Ergebenheit, wie die meine, Ihnen nicht diesen Namen zu verdienen scheint!“ rief Ignaz heftig; „und wenn Sie doch eben so wenig die Ausbrüche der Leidenschaft, die in mir wohnt, dafür gelten lassen werden.“
„Die grenzenlose Ergebenheit und die Glut der Leidenschaft gehören auch zur Liebe,“ sagte sie gedankenvoll, aber ohne an Ignaz zu denken. „Allein ... wie ich sie mir vorstelle, muß sie doch noch etwas Andres sein“ .... —
„Und was muß sie sein, Tosca! wie stellst Du Dir vor, daß die Liebe sein müsse?“ fragte Ignaz, ganz bereit auf ihre Vorstellung einzugehen.
„Ignaz!“ sagte Tosca ungeduldig, „ich hab’ Ihnen schon einmal verboten mich Du zu nennen.“
Ignaz drückte die Zähne zusammen; aber er sagte nur: „Nun, Tosca?“
Sie stützte sinnend den Kopf in die Hand, legte fest und tief ihre prächtigen Augen auf die seinen und sagte langsam: „Die Liebe muß ein unvergänglicher Austausch von unerschöpflichen und magnifiken Gefühlen sein.“
Hätte sie alles Andre gesagt — auch auf die kolossalste Sentimentalität, auch auf die höchste Ueberspannung wäre Ignaz eingegangen! Er war gefaßt auf irgend eine grandiose Phrase der Art. Aber, daß sie keine leere Phrase sagte, sondern die Wahrheit; aber daß sie auf den Tausch, auf die Gegenseitigkeit, die Liebe basirte: das machte ihn stumm.
„Also lieben Sie mich nicht,“ setzte Tosca nach einer Pause hinzu, „und Sie werden früher oder später zu dieser Erkenntniß gelangen. Auf morgen, lieber Ignaz, morgen werd’ ich ganz gesund sein.“
Sie wünschte es lebhaft — um die Geschäfte zu ordnen! sprach sie heimlich. Doch weit lebhafter um Sigismund wiederzusehen. Ach, liebt er mich denn wirklich? fragte sie sich wol tausendmal in diesen Tagen. Aber das war nur nervöse Unruh. Ihr Herz zweifelte nie. Diese innere Gewißheit, welche keines Wortes, keines Zeichens bedarf, ja, zuweilen sie verschmäht, erhebt die Liebe zu einer göttlichen Eigenschaft: zur Allwissenheit; denn ihr All’ ist das geliebte fremde Herz.
Ignaz war im heftigsten Zorn. Ein Tausch von magnifiken Gefühlen! rief er; Gott! wie kommt nur solcher Unsinn in den Kopf einer sonst ziemlich verständigen Frau. Ein Tausch von Ringen — à la bonne heure! unter diesen Umständen gehörte der wesentlich zu meiner Ansicht von der Liebe. Aber ist es denn möglich, daß sie diesem widerwärtigen, langen, blassen, finstern Regierungsrath gegenüber auf jenen magnifiken Tausch verfallen kann? Wenn’s eine passende Partie wäre — oder wenn der Mann ebenso brillant und bezaubernd wäre, wie er nicht ist — dann ließ’ ichs gelten! ich könnt’ es begreifen! Jetzt ist’s unbegreiflich! Und welchen Einfluß er auf sie hat! Sie denkt nicht mehr an die Donation. O Himmel, warum ließ ich sie nicht früher machen, ehe unberufene Rathgeber sich hinein mischten! es wäre alsdann ein freundschaftliches Uebereinkommen zwischen uns gewesen! Jetzt, wenn die Gerichte dabei ins Spiel kommen, wenn sie ein Paar Dutzend Advokaten, oder Justizräthe, oder wie die Rechtsverderber heißen mögen! darum befragt: jetzt verwandelt sich die pompöse Donation in einen magern Vergleich .... der meiner eigensinnigen Mama zu gut kommt und ... dem Herrn Regierungsrath Forster! Sacristi!
Grade diesen Vergleich besprach Tosca am nächsten Morgen mit einem Rechtsgelehrten, den Sigismund ihr empfohlen hatte, und den sie zu sich bitten ließ; dann ließ sie Ignaz rufen, und sagte, indem sie ihm mit freudestralendem Gesicht entgegentrat:
„Mein lieber Ignaz, ich mache mir ein wahres Fest daraus, Ihnen etwas zu sagen, das Ihnen lieb sein wird, weil es meinen unbehaglichen Zwiespalt mit Ihrer Mutter unfehlbar beendet. Der Herr Justizrath hier hat mir gesagt, daß ihr die Hälfte der Erbschaft zukomme“ ... —
„Ich habe nicht gesagt: zukomme! gnädige Frau,“ unterbrach sie der Justizrath.
„Entschuldigen Sie meine ungeschickte Weise mich auszudrücken,“ sagte Tosca, „und Sie, lieber Ignaz, schreiben Sie das Ihrer Mutter, und bitten Sie sie in meinem Namen, die kleine Spaltung zu vergessen, welche bis daher, ohne meinen Willen, stattgefunden hat. Der edle Todte, den wir Alle betrauern, wird dann mit uns Allen zufrieden sein.“
Milde Thränen flossen über ihr schönes klares Antlitz, als sie ihre Hand an Ignaz gab und die seine herzlich drückte. Er sprach sich auch höchst gerührt und höchst dankbar aus; aber ihm war zu Muth, als müsse er seiner Mutter rathen einen Prozeß gegen Tosca zu beginnen. Wer weiß, ob er nicht zu unsern Gunsten sich entschiede! dachte er. — — —
Sigismund war durch die Ankunft seines Schwagers überrascht worden. Er erschrak förmlich, als er ihn bei sich eintreten sah; sein Kommen schien ihm in Verbindung mit Agathen zu sein. Aber keineswegs.
„Stell’ Dir vor!“ sagte Friedrich, „dies verdammt feuchte Wetter, und ein Paar nothgedrungene Fahrten längs der Elbe, während ihrer perniziösen Nebel, haben mir ein Paar Anfälle von kaltem Fieber zugezogen. Kein Chinin ist dagegen so wirksam, als Luftveränderung: drum komm’ ich her! morgen geh’ ich zurück.“
„Das ist zu schnell,“ sagte Sigismund; „Du hast ja nicht Zeit, die Wirksamkeit Deines Mittels zu erproben.“
„Nicht hier, aber in Magdeburg! — Und nun komm, mein Alter! wir wollen zu Sala Taroni Austern essen, und zu Meinhard speisen gehen. Ich habe schon Diesen und Diesen und Jenen besucht und begegnet, und ihnen gesagt ebenfalls dahin zu kommen.“
„Wie?“ sagte Sigismund lachend, „Austern essen und bei Meinhard diniren? ein Fieberkranker?“
„Wenn man reist wie ein Gesunder, muß man sich auch übrigens wie ein Gesunder geriren!“ rief Friedrich. „Und glaubst Du, daß ich nur Andern, nicht mir selbst, ein Rezept zu schreiben verstehe? und glaubst Du, daß so ein Rezept sich schwerer einnimmt gegen die Austern, als gegen das kalte Fieber? Allons! zu Sala Taroni!“
Er nahm Sigismund unter den Arm. In der Thür begegneten sie einem Diener, der Sigismund bat, gegen Abend zur Frau Generalin zu kommen; sie wünsche ihn in Geschäften zu sprechen.
„Was ist das für eine Generalin?“ fragte Friedrich ganz neugierig.
„Frau von Beiron,“ entgegnete Sigismund.
„Was Wetter! Tosca Beiron? und in Geschäften!“
„Der General ist vor vierzehn Tagen gestorben und ich habe ihr den Justizrath Kleber empfohlen,“ sagte Sigismund; „darauf werden sich vielleicht die Geschäfte beziehen.“
„Ich würde ihr für mein Leben gern meine Aufwartung machen, wenn ich nur wüßte, daß sie mich empfinge!“ rief Friedrich. „Könntest Du sie nicht fragen?“
Sigismund war tödtlich erschrocken über diesen Vorschlag. „Sie hat noch gar keine Besuche in dieser Zeit angenommen,“ sagte er ein wenig verlegen.
„So so! — Nun, mein Junge, Agathe läßt Dich vielmal grüßen!“ sagte Friedrich etwas boshaft.
Sigismund sah ihn ganz erstaunt an.
„Ja ja,“ fuhr Friedrich lachend fort, „Du magst es wol nicht um sie verdienen, aber sie läßt Dich doch grüßen — gutmüthig wie sie ist — und läßt Dir sagen, daß sie Dir sehr bald schreiben würde.“
„Gottlob!“ rief Sigismund aus tiefster Seele.
„Was Wetter? habt Ihr Euch verzankt? und schon vor der Hochzeit?“ sagte Friedrich gespannt.
„Nein, bester Friedrich,“ sagte Sigismund kurz. Ihm schwebte auf den Lippen dem Schwager zu sagen, wie er mit Agathen stehe; aber er dachte, es schicke sich nicht, daß er sich früher gegen einen Andern, als gegen sie selbst darüber ausspreche. Darum bog er ferneren Neckereien durch die abgebrochene Antwort vor.
Nachdem die Herren die Austern bei Sala Taroni excellent gefunden hatten, gingen sie zu Meinhard hinüber, wo sich ein Paar gute Freunde Friedrichs zu ihnen fanden, und wo sie sehr munter zusammen speisten.
An einem Tisch neben dem ihren saß Ignaz mit zwei andern Herren.
Um fünf Uhr verließ Sigismund die fröhliche Gesellschaft, und versprach seinem Schwager, ihn später in der italienischen Oper aufzusuchen.
Tosca sagte, als er bei ihr eintrat: „Ich freue mich recht Sie wiederzusehen, jetzt wo mir so viel besser und leichter ums Herz ist.“
„O es ist eine Seligkeit, sich leichten Herzens zu fühlen, und wenn es auch nur, wie das Ihre, von einem Sonnenstäubchen gedrückt worden ist,“ sagte Sigismund. Sein Herz war schwer. Die ungelöste Verbindung mit Agathen zermarterte ihn. Während er vor der Welt noch ihr Verlobter war, während sie ihm Grüße schickte wie einem Geliebten — hatte er sich mit Herz und Hand einer Andern anverlobt. Gern hätte er keine fernere Rücksicht auf ihre Bitte genommen, und ihr geschrieben; allein sein Brief, der noch immer versiegelt im Schreibtisch lag, und der vor drei Wochen die Wahrheit sagte — war jetzt nicht mehr wahr! Er konnte nicht mehr sagen: „weiter nichts;“, denn eine Zukunft, reich, voll, glänzend wie das Paradies, hatte sich ihm erschlossen, und Tosca stand in dessen Mitte und winkte ihn zu sich hinein. Er liebte, und Liebe macht das Herz zart und empfindlich, auch für Andre; daher fühlte er, daß jener Brief Agathe wol sehr traurig gemacht hätte; daß es aber eine unerhörte Kränkung für sie sein würde, wenn er heute die volle Wahrheit schriebe. Und so entschloß er sich denn, immer wieder auf Agathens Beschluß zu warten, und die quälende Pein, die er bis dahin leiden mußte, als eine Buße für den etwaigen Leichtsinn, den er sich bei seiner Verlobung zu Schulden hatte kommen lassen, hinzunehmen. Daß Agathe ihm nicht sein Wort zurückgeben werde, fiel ihm nicht ein: so gänzlich und durch und durch fühlte er sich von ihr abgelöst, auch wenn er nicht, wie jetzt, sich Tosca gegenüber befand.
Tosca kannte nicht die Qualen eines zerspalteten Herzens; ihr Geschick hatte sie anders geführt. Ja, sie kannte nicht einmal ein großes Leid, denn jener eine frühe Schmerz ihrer Jugend, der wie das Hyadengestirn trübe an ihrem Horizont gestanden hatte, war untergegangen, seitdem sie jetzt Sigismund kennen gelernt; — und ihre gegenwärtige Trauer um den General war kein herzbrechendes Weh, und sie suchte auch nicht es vor sich selbst als ein solches darzustellen, aufrichtig, wie sie war. Daher kannte sie im Grunde nur Aeußerlichkeiten, peinliche Verhältnisse zu Andern etwa, welche das Herz bedrücken konnten, und theilnehmend fragte sie Sigismund, ob er vielleicht in und mit seiner Familie Unannehmlichkeiten habe. Ihm war zu Muth, als müsse er vor ihr niederknien und ihr Alles sagen, seine Liebe zu ihr, sein Verhältniß zu Agathen, das doch keins mehr war. „Aber nein!“ dachte er; „wenn ich frei bin — dann will ich sprechen, von Lieb’ und Leid, von Allem! weshalb soll ich sie jetzt aus ihrem Himmel voll Frieden in meine Unruhe hinabziehen? ... und wie lange kann es dauern? zwei, drei Tage vielleicht, so bin ich frei.“ Er sagte zu Tosca:
„Nein, gnädige Frau, Unannehmlichkeiten hab’ ich nicht in meiner Familie, und auch nie gehabt. Wir sind unser fünf Geschwister und die Mutter, Alle vollkommen einig unter einander; aber Sorgen hat man doch, wo so Viele sind, an deren Wohl und Weh man Theil nimmt. Ich habe zwei Brüder; der jüngste ist ein Glückskind: der würde vom Thurm herunterfallen und wohlbehalten, wie eine Katze, auf seinen Füßen auf dem Boden anlangen; das ist ein lieber guter unbedeutender Mensch, der es aber doch einmal zu etwas ganz Tüchtigem bringen mag. Der Andere hat große Gaben, Geist, Schönheit, Charakter — aber kein Glück.“ .... —
„Und darüber wundern Sie sich?“ rief Tosca; „wo die Gaben sind, ist nie das Glück! In großen Gaben ist immer ein gewisser Stolz, der zum Glück zu sagen scheint: ‚Geh’, ich brauch’ dich nicht.’ Wo sie fehlen, da hat das Glück so recht freie Hand, und es liebt, wie alle Despoten, Alles für den Schützling zu thun. Die Menschen mit großen Gaben würden ja die ganze Welt an sich reißen, verbrauchen, beherrschen, zernichten, wenn sie auch noch Glück hätten! nein, Gott sorgt auch für seinen Mittelschlag.“
„Nennen Sie die Reichbegabten weniger sein?“ fragte Sigismund lächelnd.
„Ach,“ sagte Tosca, „sie sind es vielleicht mehr. Jede Gabe ist ja eine Gnade.“
„Mein Bruder hat nicht nur kein Glück,“ fuhr Sigismund fort, „sondern ein entschiedenes und beängstigendes Unglück. Er hatte eine große Liebe — und die Liebste starb, als nach fünf Jahren ihre Eltern endlich ihre Einwilligung gaben. Er hatte ein Duell, und sein Gegner fiel. Er flößte einem jungen Mädchen niedrigen Standes, als er in Folge dieses Duells auf der Festung saß, ohne es zu wollen, ja, ohne eine Ahnung davon zu haben, eine so heftige Leidenschaft ein, daß sie geisteskrank ward und noch ist“ ... —
„Gott behüte mich vor dem unheimlichen Menschen!“ rief Tosca. „Liest man solche Schicksale in Romanen, so meint man, der Autor habe sie sich hinter seinem Schreibtisch zusammen gedacht.“
„Es ist doch traurige Wirklichkeit bei meinem armen Bruder,“ entgegnete Sigismund.
„Nur das Eine muß ich bezweifeln,“ sagte sie, „daß Ihr Bruder keine Ahnung von jener Leidenschaft des armen Mädchens gehabt haben soll. Solche Ahnung haben Männer .... nein! ich will ehrlich sein! hat man immer.“
„Wie konnte er! er hat sie nie gesprochen .... kaum gesehen. Wenn auch das Wort überflüssig ist — der Blick ist es nicht. Das Mädchen war die Tochter des Thorschreibers. Sie sah meinen Bruder täglich. Morgens und Abends, mit hypochondrischer Pünktlichkeit, machte er einen Spaziergang um die Wälle der Festung, und ging dabei immer an ihrem Häuschen, ihrem Fenster vorüber. Er war immer allein, denn er floh dazumal die Menschen; er sah zergrämt und melancholisch aus; schön ist er, wie ich selten einen Mann gesehen. Auf welche Weise sich die Liebe in ein Herz von sechszehn Jahren schleicht, mit welchem Gefolge von Mitleid, von Theilnahme, vielleicht von Romanlectüre — wer hat das ergründet! Als mein Bruder nach einem Jahr die Festung verließ, wurde das Mädchen immer stiller und stiller, dann tiefsinnig, und jetzt halten die Aerzte sie für unheilbar, weil sie in Stupidität versunken ist.“
„O Himmel, wie ist denn Ihrem Bruder dabei zu Muth?“ rief Tosca schaudernd.
„Wie einem Manne, der, ohne es zu wollen, großes Unheil gestiftet hat: traurig und ruhig.“
„Ist es Ihrem Bruder nie eingefallen, das arme Mädchen herzustellen, indem er es heirathet?“
„Das glaub’ ich wol nicht, gnädige Frau! sie war ganz ungebildet, ganz unschön, fremd seinem Wesen, seinem Herzen.“ .... —
„Aber da sie ihn so sehr liebte!“
„Was liebte sie, gnädige Frau? seine Erscheinung! seine gesenkte Stirn, seinen melancholischen Ausdruck! ist es nicht sehr leicht möglich, daß ihr exaltirter Kopf aufgehört hätte, ihn zu lieben, sobald sie ihn hätte lachen hören oder Champagner trinken sehen? — Um ein solches Opfer sublim zu machen, muß es am rechten Ort gebracht werden.“
„Ach,“ sagte Tosca, „wird der klügelnde Verstand nicht immer behaupten, es sei nicht der rechte Ort?“
„Wohl dem, den die Verhältnisse in einfache Situationen bringen!“ sagte Sigismund schwer.
„Und was ist jetzt Ihrem Bruder widerfahren?“ fragte Tosca. Sie meinte, es müsse Sigismund erfrischen, sich ihr mittheilen zu dürfen.
„Jetzt wissen wir nichts Bestimmtes von ihm. Er spricht sich selten aus, und in gewissen Fällen nie. Wir haben nur gehört — wie sich denn das so herum zu sprechen pflegt — und wie wir das nach seinen Briefen vielleicht schließen dürfen, daß jetzt er von einer heftigen und unglücklichen Leidenschaft ergriffen ist, die ihm seine Stellung, seinen Beruf, ja seine ganze Existenz unerträglich macht.“
„Mein Gott!“ rief Tosca, „wenn ich aus meinem stillen, kühlen, friedlichen Winkel heraus in die Wirbel-Existenz solcher Kinder des Sturmes sehe, wie preise ich dann mein Schicksal, das mich nie mit ihnen zusammen geführt hat! Sie würden mich vernichten oder zerbrechen“ .... —
„Oder auch Sie würden ihnen Ihren Frieden, Ihre lichtvolle Klarheit geben, und wie ein Regenbogen in die Gewitterwelt hineintreten. Einer Seele wie der Ihren begegnet zu sein, ist ein unermeßlicher Segen, denn er wird zum Polarstern, — und solch ein Glück ist’s, das der Mensch braucht; denn Kind der Stürme oder nicht, Glückskind oder nicht, seine umdunkelten Tage und Wege hat Jeder, und da fällt es schwer, sich ohne solchen Stern zurechtzufinden.“
Er hatte mit solchem tiefen Ernst gesprochen, daß Tosca nicht daran dachte, zu erröthen oder verlegen zu werden. Aber eine Thräne trat ihr ins Auge. War es Freude? war es Wehmuth? sie wußte es nicht. Aber sie dachte, indem sie Sigismund anblickte, daß er ihrem ganzen Leben die unwandelbare Richtung gegeben habe.
Sigismund wurde ruhiger bei ihr. Seine Niedergeschlagenheit wich, die Beklommenheit ließ nach. Er fühlte sich neben ihr wie auf dem Gebirg, in einer freiern, reineren, herzstärkenderen Atmosphäre. Unablässig wollten ihm die Worte, wie glücklich er sei, welche huldigende Liebe er für sie empfinde, über die Lippen gleiten. Er drängte sie gewaltsam zurück. Ihm schien, als sei er noch nicht werth, sie auszusprechen. Aber dieser verhehlte Kampf machte ihn schwermüthig, und als er jene Thräne in Toscas Auge sah, warf er zerbrochen und überwältigt beide Hände vors Gesicht, und sank zu ihren Füßen nieder.
Sie legte sanft ihre Hand auf sein Haupt. Es war, als erlöse ihn die linde Berührung von den spröden Fesseln der Qual. Er ließ die Hände fallen, und blickte zu ihr empor, während sie zu ihm herabblickte. Magnetisch sanken ihre Lippen auf einander; es war ein schüchterner, zitternder Kuß, den das Uebermaß und nicht der Mangel an Liebe so scheu und so flüchtig machte.
„Gehen Sie,“ sagte Tosca mit einer so süßen Inflexion der Stimme, wie er sie nie gehört, und so sanft, daß es ihm unmöglich war, ihr nicht zu gehorchen. Als er sie verlassen hatte, als er sich wiederfand unter dem Himmel voll blitzender Sterne und mit einem Himmel in der Brust; da wollt’ er sich besinnen, wie das Glück über ihn gekommen sei. Er legte die Hand an die Stirn. Da tauchte es wie ein Blitz in ihm auf, das Wort, welches er einst im kindischen Uebermuth gesagt: „Meine Lippen sollen verdorren, wenn sie Tosca Beiron küßten.“ — „O Thorheit!“ sprach er zu sich selbst; „die Fülle des Lebens erschließt sich .... und jetzt erst recht!“ — — Er suchte in der Oper seinen Schwager auf und brachte den Abend mit ihm zu.
Tosca hätte sehr gewünscht, allein und ungestört bleiben zu dürfen; aber sie wollte Ignaz nicht absichtlich kränken und ihn abweisen lassen, wenn er nach seiner Gewohnheit käme, um ihr guten Abend zu wünschen.
„Mein Gott!“ rief er ihr entgegen, als er kaum ins Zimmer getreten war, „was ist Ihnen widerfahren, schöne Tante, Sie sehen stralend aus!“
„Ich habe gelesen,“ sagte sie ein wenig verlegen und legte das Buch fort, welches sie in der Hand hielt.
„Wenn Sie gelesen haben, so ist’s gewiß zwischen den Zeilen gewesen — was allerdings manchem Autor öfter widerfahren mag, als ihm lieb ist.“
„Aber Sie selbst, Ignaz, sehen ungewöhnlich heiter aus,“ sagte Tosca.
„Ich hab’ auch gelesen, meine schöne Tante.“
„Und darf man fragen, welchen Autor?“
„Einen anonymen.“
„So? anonym? ist denn das heut zu Tag noch Mode? ich meinte, in unserm vom quasi beherrschten Jahrhundert sei man lieber pseudonym.“
„Briefe erlauben sich noch zuweilen die Anonymität.“
„Ach, Ignaz! einen anonymen Brief haben Sie bekommen? was steht darin? darf ich ihn nicht sehen?“
„Es ist ein Rendez vous.“ ... —
„Und das plaudern Sie aus!“ rief sie, scherzend mit dem Finger drohend. „Es ist gewiß, daß die Männer ihr Glück gar nicht zu schätzen wissen — denn es ist Glück, mein Ignaz, in eine gewisse Spannung und Erwartung versetzt zu werden, und ein Paar Stunden der Ungeduld und Neugier zu haben.“
„Ach, ich glaube, die ganze Sache geht mich wenig oder gar nichts an,“ sagte Ignaz, und nahm einen Brief aus dem Portefeuille. „Was sagen Sie zu der Handschrift?“
Tosca sah sie an und sagte: „Das ist ein absichtliches Gekritzel und keine Handschrift.“
„Lesen Sie, wenn es Ihnen Spaß macht,“ sagte Ignaz gleichgültig.
„Sie scheinen mir sehr blasirt zu sein,“ sagte Tosca lachend, und las den Brief, der nur die Worte enthielt:
„Wenn Graf Adlercron Mittheilungen zu haben wünscht, welche ihm wichtig sein werden, weil sie eine Person interessiren, für die er sich ganz außerordentlich interessirt: so muß er morgen früh um 9 Uhr im Thiergarten bei der Statue der Venus von Milo sein.“
„O,“ sagte Tosca, „das ist nur eine Redensart! die Person, für welche er sich ganz außerordentlich interessirt, wird wol .... er selbst sein.“
„Und wenn Sie es wären, Tosca?“
„Ich!“ rief sie sehr erschrocken.
„Es ist doch ganz gewiß, daß ich mich lebhafter für Sie, als für mich selbst interessire.“
„Was wissen Ihre anonymen Correspondenten davon!“ sagte sie stolz und warf den Brief auf den Tisch.
„Die Welt weiß Alles, erfährt Alles, mischt sich in Alles“ — sprach er kalt. „Personen, die in ihr eine gewisse Stellung einnehmen, werden sehr beobachtet.“ .... —
„Jetzt wollen Sie mir erzählen, daß die Augen von ganz Berlin, vielleicht vom ganzen preußischen Staat auf meine arme Person gerichtet sind — nicht wahr? während ich doch die Ueberzeugung habe, daß höchstens ein Dutzend Menschen sich sehr oberflächlich um mich kümmern.“
„Es ist eine Schwäche der unbedeutenden Menschen, sich einzubilden, daß die Augen der ganzen Welt auf sie gerichtet sind; und es ist eine Manie gewisser ausgezeichneter Personen, sich einzubilden, daß sie unsichtbar, wie verhüllte Gottheiten, durch die Welt gehen. Hier, wie dort, ist es ein Irrthum, aber dort ist er schmeichelhaft, hier bequem.“
„Das mag fein und richtig bemerkt sein,“ entgegnete Tosca ruhig; „nur ich ... gehöre nicht zu denen, die sich durch fremde Augen geschmeichelt oder genirt fühlen, und ich bleibe bei meiner Meinung, daß der Brief Sie allein betrifft.“
„Dann lohnt’s nicht der Mühe, hinzugehen.“
„O bitte, bitte! lieber Ignaz, gehen Sie hin! erzählen Sie mir, wie man sich benimmt bei so einem geheimnißvollen Rendez vous.“
„Ob es nicht Spitzbuben sind, die mich ausplündern wollen? der Thiergarten soll nicht ganz geheuer sein.“
„Lassen Sie Uhr und Geldbeutel zu Haus und nehmen Sie ein Pistol mit.“
„Oder ob es nicht tout bonnement eine Bettelei sein wird?“
„Nun, so nehmen Sie den Geldbeutel mit.“
„Und so früh! neun Uhr! da muß ich um sieben aufstehen.“
„Wenn Sie so lange Zeit auf Ihre Toilette verwenden wollen,“ rief Tosca lachend, „so ist das ein unverkennbares Zeichen, daß Sie sich weder auf Spitzbuben, noch auf Bettler gefaßt machen.“
„Aber ich muß doch frühstücken, schöne Tante! Sie werden mir doch nicht zumuthen, diese enorme Promenade zur Venus von Milo in der Morgenkälte nüchtern zu machen?“ rief Ignaz, und begann an seinen Knöpfen zu zählen: „Soll ich — soll ich nicht.“ .... —
„Sie sollen!“ unterbrach ihn Tosca; „ich übernehme den Ausspruch des Schicksals.“
„Sie haben es gewollt ... ich werde gehorchen,“ sprach Ignaz.
Er hatte bei Meinhard ganz genau zugehört, wie Friedrich erzählte, nachdem Sigismund fortgegangen, daß und mit wem sein Schwager verlobt, und daß die Hochzeit ganz nah sei. Kein Wort war ihm entfallen. Sein Herz schlug hoch auf vor Freude. Es war nicht seine Gewohnheit, in irgend einer Angelegenheit ehrlich zu Werk zu gehen. Darum fiel es ihm nicht ein, diese Nachricht an Tosca, wie eine Neuigkeit etwa, zu erzählen. Er wollte sie ängstigen; durch die Heimlichkeit, die immer noch eine gewisse Unsicherheit zuließ, abquälen; gegen Sigismund erbittern; darum erfand er Brief und Rendez vous. Und dann war es möglich, ja wahrscheinlich, daß Sigismund die anonymen Beschuldigungen läugnen würde; und that er das: so wollte Ignaz schließlich Friedrichs Namen nennen. Dann hatte er sich an Sigismund gerächt, und Tosca gestraft; dann hoffte er die Gewalt wieder über sie zu gewinnen, die er unleugbar nur verloren hatte, seitdem Sigismund in ihrer Nähe lebte; und dann gab sie ihm vielleicht in Zorn und Schmerz ihre Hand — und somit das halbe Vermögen, welches doch immer besser war, als nichts. Jetzt war er von ganz besonders liebenswürdiger und scherzhafter Laune; denn er fühlte sich seines Triumphes gewiß.
„Gott!“ dachte Tosca, nachdem Ignaz endlich gegangen war; „er ist wirklich ein recht angenehmer und guter Mensch ... aber ich sehe wirklich nicht ein, weshalb er noch immer wie an mich geschmiedet ist! wenn er doch zu seiner Mutter ginge ... oder wohin er sonst wollte. Ich kann ja sehr gut allein nach Trier reisen.“
Wenn ein tiefes und mächtiges Interesse sich des Herzens bemeistert, so werden dadurch die Bande der gewöhnlichen freundschaftlichen Theilnahme sehr gelockert. Es müssen eben so tiefe und mächtige Freundschaften sein, welche frisch wie der Phönix aus dem Scheiterhaufen auffliegen, den das Herz aus seinen früheren Schätzen und Kleinodien erbaut, und den es von den Flammen der Liebe gleichgültig verzehren läßt.
Der Justizrath Kleber kam früh am andern Morgen zu Tosca, und brachte ihr die Acte, die er für sie nach ihrer Angabe aufgesetzt hatte. Sie war ganz damit zufrieden, und behielt sie, um sie erst an Sigismund, dann an Ignaz zu zeigen. Sie wünschte, Jenen früher als Diesen zu sprechen, für den Fall, daß er irgend eine Bemerkung oder Aenderung an der Acte zu machen habe; und dann ... hauptsächlich! ... sie wünschte ihn zu sehen. Er war seit dem Tode des Generals noch nie zu ihr gekommen, ohne daß sie ihn darum hatte bitten lassen; und so that sie es auch jetzt.
Sigismund kam sogleich. Er hatte seinen Schwager zur Eisenbahn das Geleit gegeben, und Agathe durch ihn dringend beschwören lassen, ihm morgen zu schreiben, ihn nicht länger zu quälen; er sei wie auf der Folter.
„Ich sehe Dir wohl die Aufregung an, mein Alter,“ erwiederte Friedrich. „Warte nur! ich werde es der Agathe so beweglich vorstellen, was und wie Du leidest“ .... —
„Nein, nein! um Gottes willen, sag’ ihr nichts, gar nichts, als daß sie mir zwei Zeilen schreiben soll!“ rief Sigismund heftig.
Und kopfschüttelnd versprach Friedrich den Auftrag auszurichten.
Tosca erschrak über Sigismunds Aussehen. Es giebt einen gewissen fatiguirten Zug um Mund und Wange, der deutet auf körperliche Erschöpfung, und einen fatiguirten Zug um die Augen, der auf seelische deutet. Dieser Zug in einem geliebten Antlitz ist herzzerschmelzend oder herzzerreißend — je nachdem man das Bewußtsein hat, ihn verscheuchen zu können, oder nicht. Tosca wagte nicht, sich diese Kraft zuzutrauen. Sie fragte schüchtern und traurig:
„Wie geht es?“
„Schlecht ... — schlecht!“ antwortete Sigismund langsam und gepreßt.
Tosca hätte gern weiter gefragt: Schlecht? und ich liebe dich! Aber liebst du mich denn nicht? — Allein Sigismund imponirte ihr durch seine unerschütterlich gleichmäßige Haltung, so daß sie ihm höchstens auf ähnliche Fragen geantwortet, jedoch nimmer den Muth gehabt hätte, sie an ihn zu richten. Sie nahm all’ ihre Kraft zusammen, gab ihm die Akte, und bat ihn sie durchzusehen. Sigismund that es, aber seine Hand, die das Papier hielt, zitterte.
„O Sie sind krank!“ rief Tosca, stand auf und nahm das Papier.
Sigismund sprang lebhaft auf, ergriff ihre Hand und rief überwältigt: „Aber Tosca, könnten Sie mich denn lieben?“
Indem trat Ignaz ins Zimmer. Als er Tosca und Sigismund Hand in Hand gewahrte, warf er ihnen ein hämisches Lächeln zu. Tosca zog ihre Hand langsam und unverlegen zurück, nachdem sie Sigismunds gedrückt hatte, und Sigismund setzte sich wieder, nachdem er Ignaz begrüßt hatte, und fuhr fort die Akte zu lesen. Diese große Ruhe und der Gedanke, daß Sigismund es sei, der ihn um ein Vermögen bringe, welches er als das seine betrachtet hatte, erweckte den bittersten Groll in Ignaz. Als Tosca zu ihm sagte:
„Das ist das Papier, lieber Ignaz, das Alles zwischen mir und Ihrer Familie aufs Reine bringt;“ erwiderte er höhnisch: „Wie glücklich ist der Regierungsrath Forster, daß Sie ihm in einer so wichtigen Angelegenheit Ihr unbedingtes Vertrauen schenken.“
Sigismund hob den Kopf und sah Ignaz an.
Tosca sagte ruhig: „Sie haben ganz Recht, Ignaz! der Regierungsrath Forster besitzt allerdings mein volles Vertrauen. Doch in dieser Angelegenheit hab’ ich auch noch einen Rechtsgelehrten zu Rath gezogen, und er hat jene Acte aufgesetzt.“
„Schöne Tante,“ sagte Ignaz mit seinem verbindlichsten Lächeln, „sollte volles Vertrauen nicht gegenseitig sein? und hat der Regierungsrath Forster Ihnen wol je anvertraut, daß er verlobt ist?“
Sigismund stand grade in die Höhe auf und sagte gelassen: „Herr Graf, Sie sind ein Nichtswürdiger.“
Tosca warf einen prächtigen Blick von oben herab auf Ignaz und sprach mit unsäglicher Verachtung: „Ah, Sie kommen von Ihrem Rendez vous.“
„Herr Regierungsrath,“ sagte Ignaz, „darauf werde ich Ihnen zu seiner Zeit antworten.“ Dann wandte er sich zu Tosca: „Nein, schöne Tante! die Anonymität würde Sie nicht überzeugen; aber das eigene Geständniß des Regierungsrath Forster soll es. Fragen Sie ihn doch, ich bitte, ob er sich nicht Mitte Dezember vorigen Jahres mit Fräulein Agathe, einzigen Tochter der verwittweten Justizräthin Gertner verlobt hat, und ob seine Hochzeit nicht auf die ersten Tage des April angesetzt ist, und ob sein Schwager, der Doctor Friedrich zu Magdeburg, etwa diese Geschichte nur erfunden hat. Ich würd’ es Ihnen gönnen, Herr Regierungsrath,“ sagte er mit dem bittersten Hohn zu diesem, „wenn Sie jetzt: Lügner! sprechen dürften.“
Während Ignaz sprach, hatte Tosca ihn so scharf und durchbohrend angesehen, als wolle sie in den Grund seiner Seele dringen und dort die Wahrheit lesen. Es war etwas in seinem Ausdruck, das wie vollkommne Ueberzeugung klang, daher warf sie einen fast flehenden Blick auf Sigismund, um ihn zu beschwören, Ignaz mit einem Worte zu widerlegen.
Sigismund stand da, wie in die Erde gewurzelt, wie versteint, nur lebend in dem Blick, den er auf Tosca heftete. Als sie diesem Blick begegnete, schrie sie hell auf. Sie fühlte, daß Sigismund das Wort: Lügner! das sie hoffte und ersehnte, mit einem andern Ausdruck gesagt haben würde.
„Tosca!“ rief Sigismund und fiel vor ihr auf die Knie.
Sie trat zu ihm heran; sie blickte ihn fest an, legte fest ihre beiden Hände auf seine Schultern, als ob sie ihn damit zu Boden drücken wollte, und sagte mit fester Stimme:
„Sigismund Forster! Du fragtest mich, ob ich Dich lieben könnte. Sieh! so tief, so stark, so unauslöschlich ich Dich geliebt habe — so tief, so stark, so unauslöschlich verachte ich Dich.“
Langsam ging sie in ihr Zimmer. Sigismund und Ignaz wechselten einige Worte. Dann ging Sigismund herauf. Ein Brief von Agathen lag auf seinem Schreibtisch. Er erbrach ihn mechanisch, gedankenlos; ihm war, als habe er mit der Welt und dem Leben abgethan, als sei er begraben unter Toscas Verachtung. Agathe schrieb:
„Ich habe ruhig werden wollen, um ohne Zorn und ohne Uebereilung den letzten Schritt zu thun, den, der uns trennt, und den Sie gewiß von mir erwarten. So lange ich glücklich war, habe ich mich über Ihre Gefühle für mich täuschen können; jetzt, da ich es nicht mehr bin, kann ich es nicht. Sie haben mich nie geliebt, nie mit dem ganzen Herzen, so wie Sie lieben können, geliebt. Das ist nicht Ihre Schuld, und nicht die meine, die Herzen liegen in Gottes Hand. Daß Sie sich mit mir verlobten, war Ihre Schuld, und die vergeb’ ich Ihnen aus voller Seele. Gott segne Sie — denn es ist meine feste Ueberzeugung, daß Sie seinen besten Segen verdienen.
Agathe Gertner.“
„Der Himmel hat meine Schuld an Dir gerächt, Agathe!“ sprach Sigismund zu sich selbst. „Vor 24 Stunden wär’ ich mit diesem Blatt zu ihren Füßen, frei, selig, niedergesunken; jetzt ... ist Alles, was ich ihr sagen möge, nur eine matte Entschuldigung.“
Ignaz schickte seinen Sekundanten zu ihm. Sigismund erklärte sich mit Allem zufrieden: das Duell sollte auf Pistolen sein, und in der Frühe des nächsten Morgens auf der mecklenburgischen Grenze stattfinden. Ignaz selbst wollte zu Tosca; sie ließ ihm sagen, sie könne ihn nicht sehen. Sie war zermalmt. Sigismunds unerhörte Falschheit ätzte sich in ihr Herz, wie nach einer Sage Gift den Diamanten zerfressen soll. Dazwischen tauchte, wie bei einem Fieberkranken die Besinnung, so bei ihr die Zuversicht auf, daß es sich anders verhalten könne, müsse. Aber weshalb sprach er nicht, als es Noth that! weshalb sprach er nicht! er konnte sich nicht entschuldigen! — wiederholte sie wol tausend Mal, während sie mit jener qualvollen Rastlosigkeit, welche immer das Unbehagen der Seele zu begleiten pflegt, auf und ab in ihrem Zimmer ging.
Als ihre Kammerfrau mit zwei Briefen eintrat, entsetzte sie sich dermaßen, daß sie halbohnmächtig ins Sopha fiel: sie erkannte auf dem einen Sigismunds Schrift. Sie dachte, ob es nicht besser sei, ihn uneröffnet zurückzusenden. Aber, besser oder nicht, zu diesem Grad von Heroismus hat es noch nie ein liebendes Herz gebracht. Schriftzüge der geliebten Hand sind magische Zeichen, welche zu uns in andrer Sprache reden, als die, womit man gewöhnlich zu reden pflegt. Und dann: indem unser Blick auf ihnen ruht, hat er die Wirkung, welche das Feuer auf sympathetische Dinte hat: unsichtbare Worte kommen zum Vorschein. Als Tosca ihre Adresse auf dem Brief las, kam ihr Name ihr geadelt und verklärt vor. „Ach! heiße ich denn wirklich so prächtig?“ fragte sie sich zweifelhaft. Und es war doch nur der Name, den sie ihr ganzes Leben hindurch getragen hatte. Sie vergaß Alles: Schmerz, Zorn, Kränkung. Sie erbrach den Umschlag. Zwei andre Briefe fielen heraus; der eine, von Sigismund an Agathe, den er ihr nach seiner Rückkehr von Magdeburg geschrieben und nicht gesendet hatte; der andre, den er heute von Agathen empfangen. Von ihm an sie — keine Zeile, kein Wort; weder Entschuldigung noch Bitte; nichts! Tosca las die Briefe, verglich den Datum, dachte nach, an welchem Tag Sigismund geschrieben, und das Eine, das eine Nothwendige wurde ihr klar: Sigismund liebte sie! mogte er Agathe gekränkt, mogte er unbesonnen und leichtsinnig gehandelt haben — sie durfte es ihm nicht vorwerfen, denn unter dem Einfluß seiner Liebe zu ihr, und einer damals auf jede Weise hoffnungslosen Liebe, hatte er gestanden. „O, er liebt mich ... er liebt mich doch! nur mich!“ rief sie; und die Thränen, welche bis daher vom bittern Schmerz erstarrt, wie Eis in ihrer Brust gelegen hatten, brachen hervor und erquickten sie, wie ein Frühlingsregenschauer nach einem beklemmenden Gewitter. Sie las die Briefe unzählige Mal. Abwechselnd jauchzte sie, dankte Gott, und weinte wieder. „Aber ich liebe ihn wol zu sehr?“ fragte sie sich plötzlich, und der andre Brief fiel ihr in die Augen. Er war von Ignaz. Sie erbrach ihn mit einem Gefühl, als ob eine Natter über ihre Hand gleite. „Heimtückischer Mensch!“ murmelte sie. Sie wurde starr vor Entsetzen, nachdem sie den Brief gelesen. Sie schrie nach Ignaz. In der Viertelstunde, die bis zu seiner Ankunft verging, hatte die Zeit für Tosca ihren realen Werth verloren, und Jahrhunderte rollten vernehmlich über ihrem Haupt dahin. — — —
„Ignaz!“ rief sie bebend dem Eintretenden entgegen; „aus dem Duell kann nichts werden! Sie müssen ihn um Verzeihung bitten! ... Ja, Sie müssen, Ignaz! denn es ist nicht wahr, was Sie gehört und gesagt haben! Alles, Alles, Alles ist nicht wahr!“
„Und was ist dann wahr?“ fragte er eisig.
„Das!“ rief sie und warf ihm die Briefe hin.
„Gut!“ sprach er kalt, nachdem er sie gelesen; „und was wird dadurch gehoben?“
„Die Veranlassung zum Duell.“
„Mit nichten! er — wie Sie den Regierungsrath Forster zu nennen belieben — hat mich beleidigt.“
„Aber Sie haben ihn gereizt, verleumdet“ .... —
„Nur gesagt, was damals Wahrheit war! und wer weiß denn, ob die Briefe nicht falsch sind.“
„Ignaz ... Sie sind schlecht!“ rief Tosca empört.
„Ah bah, schöne Tante!“ rief Ignaz heftig, „ich handle für Sie, zu Ihrem Heil, für Ihr Glück, ich warne Sie, ich rette Sie — und Sie machen mir die seltsamsten Vorwürfe in einem Augenblick, wo ich vielleicht für Sie sterben werde ... das ist um die Geduld zu verlieren!“
„O Ignaz!“ rief Tosca ganz außer sich, „nur nicht sterben! nicht Sie, nicht er sollen sterben. Es geht nicht, ich will’s nicht! ... O Ignaz! Gott will es nicht!“
„Einer von uns Beiden muß sterben!“ sprach eisig Ignaz.
„Nun, so hab’ ich die Hoffnung, daß er der Ueberlebende sein wird,“ sagte Tosca ruhig mit einem Blick voll unüberwindlichem Haß auf Ignaz.
„Lieben Sie ihn so sehr?“
„Ja!“ sprach sie triumphirend.
„Und Sie werden ihn heirathen?“
„Ja.“
„Und das sagen Sie — Sie in der ersten, tiefen Wittwentrauer um den kaumverstorbenen edlen General?“
„Warum fragen Sie mich?“ sagte sie stolz; „ich habe es bis zu diesem Moment mir selbst noch nicht gesagt.“
„Und kennt er Ihr Herz?“
„Ich hoffe es.“
„Gut, gut!“ sprach Ignaz gelassen; „dies Alles ist im glücklichen Fall meines Todes. Aber ich habe den ersten Schuß, meine schöne Tante, und Sie wissen, wie ich treffe.“
„Ignaz!“ schrie sie und fiel auf die Knie.
„Ein Mittel giebt’s,“ sprach er und hob Tosca gelassen auf, „und ich würde bereit zur Versöhnung, zu jeder Art von Ausgleichung auf friedlichem Wege sein. Nur meine Liebe zu Ihnen, Tosca, giebt es mir ein: versprechen Sie mir Ihre Hand“ .... —
„Ihnen?“ sagte sie gedankenlos.
„Dann retten Sie ihn und machen mich glücklich.“
„Dann rette ich seinen Leib und tödte sein Herz. Nein, nein, und abermals nein!“ sprach sie bestimmt.
„Sein Blut über Sie!“ sagte Ignaz feierlich.
„Gott wird gnädig sein,“ erwiederte sie ruhig und winkte ihm zu gehen.
Sie schrieb drei Worte an Sigismund — die uralte, ewig neue Zauberformel des Glücks: „Ich liebe Dich!“
„Es ist nun so!“ sprach sie, als er gleich darauf zu ihren Füßen lag, und sah ihn an mit himmlischer Zärtlichkeit; — „Du bist meine erste, Du bist meine letzte, Du bist meine alleinzige Liebe.“
Sie klagte nicht mehr, sie weinte nicht mehr; sie wollte ihm nicht das Herz schwach und das Auge trübe machen. In ihrer Seele war das Bewußtsein ernsten und heiligen Glückes; sie ruhte in ihrer Liebe.
Sie hatten keine Zeit, um von Tod und Gefahr und Furcht zu sprechen. Sie waren glücklich. Im Himmel weiß man nur von der Seligkeit.
Dem Justizrath Kleber schickte Tosca die Akte zu, mit dem Auftrag, sie in dieser Form zu vollziehen. Dann schrieb sie ihrem Arzt und bat ihn um den Freundschaftsdienst, heut Abend um zehn Uhr zu ihr zu kommen, und sie auf einer kurzen Reise zu begleiten.
„Wozu? wohin?“ fragte Sigismund bebend.
„Mit Dir!“ antwortete sie gelassen.
„O nimmermehr!“ rief er.
„Soll die einsame Qual mich tödten?“ fragte sie.
„Starkes Herz!“ sagte er bewundernd.
„Sprich: liebendes Herz — Sigismund.“
Um zehn Uhr Abends fuhr Ignaz mit seinem Sekundanten und seinem Arzt von British Hotel ab, und Sigismund mit seinem Sekundanten, und Tosca mit ihrem Arzt, fuhren um dieselbe Stunde von dem grauen Hause, an der Linden- und Kirchstraßenecke fort. Es war eine feuchte, kalte Märznacht. Durch die halb mit Schnee, halb mit Nebel gefüllte Luft schimmerten die Laternen der drei Wagen roth und trübe wie Trauerfackeln. Gegen Morgen kamen sie im Gehölz von Dannenwalde auf der mecklenburgischen Grenze an. Sigismund stieg zu Tosca in den Wagen, um sie zu beschwören, nach dem Gasthaus des Dorfes zu fahren.
„Nein!“ sagte sie, „ich bleibe Dir so nah ich kann.“
Sie war weiß, kalt, fest wie Marmor. Es war ein fürchterlicher Abschied zwischen ihnen.
Dann verließ er sie. Tosca ließ die Fenster ihres Wagens herauf, und die Stores herunter, und kniete nieder. Gott allein weiß, ob sie gebetet haben mag.
Es fiel ein Schuß.
„Sigismund!“ schrie Tosca.
Es fiel kein zweiter. Die Aerzte und Sekundanten brachten Sigismund getragen. Ignaz fuhr mit Courierpferden gen Hamburg; seine Kugel hatte Sigismund dicht über dem Herzen getroffen. Die geringste Bewegung und er mußte sterben.
„Unrettbar?“ fragte Tosca.
Die Aerzte schwiegen.
„Tosca“ rief Sigismund, richtete sich auf und streckte die Arme nach ihr aus.
Sie umschlang ihn und küßte ihn; — so starb er.
Drei Tage und drei Nächte wachte sie neben der geliebten Leiche; dann ließ sie auf dem Gottesacker zu Dannenwalde sie bestatten. Als Erde den Sarg bedeckte, der Alles umfing, was sie je geliebt hatte, sagte sie:
„Sigismund! bei Dir ist mein Herz erwacht und mit Dir ist’s gestorben. Was es von Schmerz und von Glück auf der Welt gekannt hat, kam von Dir .... Alles von dem Einen! Friede mit Dir ... und mit mir.“
Sie stieg in ihren Reisewagen.
„Wohin befehlen Sie zu fahren?“ fragte ihr Arzt, der mitleidig bei ihr geblieben war.
„Die Welt ist groß!“ sprach sie gleichgültig.
Druck und Papier von Phil. Reclam jun. in Leipzig.