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Seeteufel

Erster Teil. (continued 2)

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Also, ich hatte mir auf dem kanadischen Schoner das Bein gebrochen und man brachte mich in Jamaika ins Lazarett, wo ein Gipsverband angelegt wurde. Ich kam nur mit Beinkleid, Jacke und einem Stiefel an, alles übrige war auf dem Schiff geblieben. Nach vierzehn Tagen fragte mich der Lazarettinspektor, ob ich auch ein Guthaben auf dem Schiff hätte. »Ja,« sagte ich, »sechs Pfund.« »Na, dann ist es ja gut.« Eine Woche später schickte er nach dem Konsulat, um das Guthaben holen zu lassen. Da hieß es denn: »Sie haben ja nur drei Pfund Guthaben.« Das Schiff war weg, der Kapitän hatte nicht nur mein Zeug mitgenommen, sondern auch das halbe Geld einbehalten. Ich besaß außer dem, was ich auf dem Leibe trug, nichts mehr. Deshalb warf man mich einfach aus dem Hospital hinaus.

So lag ich mit meinem gebrochenen Bein im Gipsverband auf der Straße. Ich verschaffte mir einen Stock und ging dann an den Strand. Dort schlug ich mein Quartier auf und deckte mich mit Sand zu.

Mit dem Quartier war ich soweit zufrieden, aber am nächsten Tag erhob sich die Frage: wo etwas zu essen zu bekommen wäre.

Zunächst nährte ich mich von Kokosnüssen, aber das halte der Teufel aus, wenn er davon leben soll. Ich habe zwei, drei Tage so durchgebracht. Endlich kam ein Dampfer. Jamaika ist kein Endhafen wie Hamburg, London oder Rotterdam, wo die Schiffe ihre Reise beendigen und neue Mannschaft anheuern. So konnte man nicht damit rechnen, ohne weiteres ein Schiff zu bekommen. Die Erfahrung hatte ich noch gar nicht gemacht.

Da kommt also der Dampfer herein. Ich bemühte mich gleich, an Bord zu kommen mit meinem Knüppel und Gipsverband. Ich besaß keine Mütze, war unrasiert und ungewaschen, mein Gesicht so verbrannt, daß die Hautfetzen herunterhingen; dazu das lange ungeschnittene Haar, ich sah ziemlich verboten aus.

Das Schiff war dabei, Kohlen zu löschen, und zwar in Säcken. Da gehe ich an Bord und will den Steuermann sprechen. Der weist mich mit einem derben englischen Schimpfwort ab. »Wie siehst du Schwein aus? Was willst du hier auf diesem Dampfer?«

Herrgott, ging mir das nahe. Dabei war es nur ein Kohlenschiff.

Wie ich wieder am Kai bin, nehme ich mir einen leeren Kohlensack mit, ohne genau zu wissen, was ich damit wollte.

Ich gehe wieder an Land und habe wahnsinnigen Hunger. Ein Neger schneidet mir auf meine Bitte den Gipsverband los. Bald macht sich aber der Nachteil fühlbar, denn die Strahlen der Tropensonne brannten das Bein und verursachten tüchtige Schmerzen. Da hat mir der Kohlensack brave Dienste geleistet, indem ich ihn ums Bein nähte. Nachts diente er als Kopfkissen.

So verbrachte ich drei weitere Tage mit Kokosnüssen und Bananen. Wie ich da längs eines kleinen Flusses humple, der auf der andern Seite der Stadt floß, komme ich in ein Bambusrohrgebiet. Dort sitzt ein alter Westindienneger und schneidet Bambus. Da ich mein Schiffsmesser noch habe, bin ich ihm behilflich. Am Abend gibt er mir sechs Pence für Essen. Wie ich ihm erzähle, was mit mir los ist, scheint er es nicht recht zu glauben und betrachtet mich sehr mißtrauisch. Schließlich frage ich ihn nach Quartier, ich wünschte gern weiter mitzuarbeiten, aber er wollte nicht recht darauf eingehen. Er murmelte allerlei von »erst mal sehen« und dergleichen, bot mir aber endlich seinen Wagenschuppen zum Übernachten an, nicht etwa seine eigene Hütte, wenn diese auch nur im Negerstil war.

Ich machte keine Ansprüche und bettete mich mit ein paar Matten zwischen die Negerkarren. Man glaubt nicht, wie es anstrengt, dauernd unter diesem feuchten Tropennachthimmel zu schlafen, ganz klamm vor Nässe. In meiner Schilfrohrbude liefen die Riesenkakerlaken zu Hunderten umher; das knisterte ununterbrochen. Danach jagten die Ratten. Kein Tier ist mir widerlicher als die Ratte. Dennoch schlief ich, denn ich war hundemüde.

Am Morgen gab mir der Neger etwas Maisfutter und dann ging es wieder an die Arbeit. Wie ich nun da Bambus schneide, sehe ich ein weißes Schiff sich dem Hafen nähern. Aus war es mit dem Bambusschneiden und stracks zum Hafen. Jedes Schiff, das hereinkam, war ja eine Hoffnung für mich.

Als ich nun auf die lange Pier[8] hinauskomme, ist es mir wie ein Schlag ins Gesicht. Ein schimmernd weißes Schiff, wie eine Jacht, zwei Schornsteine ... und zum allerersten Male im Leben sehe ich ein deutsches Kriegsschiff! Es war der »Panther«, wunderbar kraftvoll und strahlend wie ein geharnischter Bote des Vaterlandes durchschnitt er die See und hielt auf die Pier zu.

In solchem Aufzug, in solcher Verfassung soll ich die deutsche Kriegsflagge zum erstenmal sehen?! Ich hatte mich noch nie von Scham so niedergedrückt gefühlt. Das war ein deutsches Kriegsschiff, so sauber und blank; Mensch, wie siehst du dagegen aus.

Mein Aufenthalt hier kam mir jetzt wie eine Verdammnis vor. Aber ich konnte mich doch nicht enthalten, mich ans Ende der Pier zu setzen, um Landsleute sprechen zu hören.

Da kommen vier Herren an, weißes Zeug, weiße Mütze, weiße Schuhe; Offiziere! Sie gehen vorbei, keiner hat einen Blick für mich. Da sag ich mir: »Mensch, Phylax, solch feiner Kerl wolltest du in deinen Träumen auch einmal werden, was hast du da für eine Phantasie gehabt.« Ich heulte los. Kann ich etwas dafür? Ja, wenn der Engländer mich so vom Schiff heruntergejagt hat und auch meine Landsleute verachtend vorbeigehen, das muß wohl die Strafe sein für mein Weglaufen von der Schule. Ich kam mir ordentlich schuldbewußt vor, der ich sonst so stolz war auf meinen Beruf. Ich ging langsam fort von der Pier.

S. M. S. »Panther«
S. M. S. »Panther«

S. M. S. »Panther«.

Nachmittags sehe ich mehrere Matrosen an Land; einen riesigen Kerl darunter höre ich stark sächseln. Da machte ich mich an ihn heran: »Halloh, Landsmann!«

Ich habe mich nie so zusammengenommen, zu sächseln, als da, wo ich von dem guten Mann Rettung erwartete.

Es war ein Heizer vom »Panther« und stammte aus Zwickau. Ich erzählte ihm mein Erlebnis und bat, ob er ein bißchen Brot für mich hätte.

»Ei freilich, sei nur heute abend um sechs am Ende der Pier, jetzt habe ich nicht mehr Zeit, ich muß an Bord.«

Ich stelle mich schon eine Viertelstunde früher ein, damit der Mann nicht umsonst dahin läuft, falls es eine Uhrdifferenz gibt. Er kommt und drückt mir ein deutsches Schwarzbrot in die Hand; wie wunderbar das tat! Ich biß ohne anzuschneiden hinein und dankte dem Mann. Er sagte gleich, ich sollte jeden Abend um sechs da sein, und ich sagte: »Was bist du für ein feiner Kerl!« Mehr konnte ich nicht sagen, aber da lag auch alles drin.

Ich ging wieder auf meinen Schlafplatz und arbeitete mein Schwarzbrot hinunter, Bissen für Bissen. Heimatshoffnung lag in dem Geschmack.

Am nächsten Tag gehe ich wieder hin: »Mensch, kannst du mir nicht eine Mütze besorgen, oder wenigstens ein paar Schuhe?« Er antwortete: »Morgen ist Sonntag, da kommst du an Bord.« Ich mochte nicht recht, aber er redete zu, und ich schleiche mich am Sonntag nachmittag um 3 Uhr wie ein Verbrecher hin. Da sitzen sie auf der Back und trinken Kaffee mit Kuchen! Da steht eine Kanone unter Segel. Ich versuche immer darunter zu schielen, um einmal eine Kanone zu sehen. Wie ich da so saß und recht befangen war, kam es mir vor, ich armer linkischer Kerl wäre in einem feinen Haus bei wohlhabenden Leuten.

Da geht der junge wachhabende Offizier über Deck, sieht mich sitzen. Die Leute springen auf und nehmen militärische Haltung ein. Auch ich stehe auf und versuche meinen Kohlenfußsack zu verdecken. Da ruft der Offizier: »Bootsmaat der Wache!«

»Herr Leutnant!«

»Schmeißen Sie mir das Individuum da von Bord und passen Sie ein andermal besser auf, daß solch Gesindel nicht an Bord kommt.«

Der Mann von der Wache kommt auf mich zu. »Machen Sie, daß Sie runter kommen!«

Die Leute, die mich schon etwas kannten, murmeln allerlei und einer raunt mir zu: »Filax, paß auf, du hast morgen feines Zeug!... Dem Leutnant klau ich seine Büx und seine Mütze, die hast du morgen.«

»Schmeißen Sie das Gesindel von Bord!« Das Wort klang in mir nach. Wie war mir zumute! Das hat mir Wunden gefressen! Wo ich Muttersprache hörte, wo ich unter deutscher Flagge war, nach der ich mich immer gesehnt hatte, und nun werde ich von dem Offizier, der mich sieht, da heruntergeworfen. Verbittert schlich ich mich nach der Pier, um von keinem mehr gesehen zu werden, und immer wieder klingt’s in meinem Ohr: »Schmeißen Sie das Gesindel von Bord!«

Meine Freunde auf dem »Panther« hatten mir noch Biskuits in die Tasche gesteckt. »Du bist morgen um sechs wieder da,« hatte der Heizer gesagt. Ich war natürlich wieder da, bekam mein Schwarzbrot und sollte um 10 Uhr noch einmal kommen. Um diese Zeit schleichen zwei Gestalten die Pier herunter; was tragen sie? Segeltuchschuhe, eine blaue Hose, eine Marinemütze, Strümpfe, Hemden usw. »Nun mach dich fein, Filax!«

Solche Freude habe ich in meinem Leben noch nicht wieder empfunden. Jetzt besaß ich etwas, womit ich weiter vorwärts kommen konnte. Jetzt durfte ich mich auf jedem Schiff vorstellen ...

Als ich das viele Jahre später dem Kaiser auf seinen Wunsch erzählte, da guckte er mich so merkwürdig an und bemerkte zu den Anwesenden: »Was würde für eine Poesie für ihn darin liegen, wenn er jetzt wieder auf den ›Panther‹ käme!«

Keine paar Monate vergingen, und ich erhielt das Kommando auf »Panther«.

Das erste, als ich an Bord des »Panthers« kam, war, auf die Back zu gehen, auf das Vorschiff, dorthin, wo man damals gesessen hatte als dankbarer Gast liebevoller Matrosen und Heizer. Wie deutlich überkam mich die Erinnerung, wie ich damals als Gesindel heruntergewiesen wurde. Jetzt stand das Individuum hier als Offizier kommandiert. Wenn ich an Land ging, trug ich weiße Schuhe und weiße Mütze — der Traum hatte sich verwirklicht —, und wenn ich an das Ende einer Pier kam, so sah ich mich unwillkürlich nach rechts und links um, ob da nicht einer säße, der unschuldig heimatlos geworden war. Wie manche Stunde habe ich mich hingesetzt, ganz allein, und mir aus der Ferne den »Panther« betrachtet, oft so vertieft, daß einem die Vergangenheit deutlicher vor Augen stand als die Gegenwart. Welch ein weltenferner Abstand ist doch zwischen Mensch und Mensch, zwischen den weißen Schuhen und dem Kohlensack; nie mehr im Leben hätte ich damals geglaubt, in jene Sphären zu passen. —

Mein dem Leutnant geklauter guter Anzug verschaffte mir indes nun zunächst eine vierwöchige Anstellung beim Kaiinspektor. Ich durfte behilflich sein, bei den ankommenden Schiffen die Leine festzumachen. Ich wurde gut bezahlt, hatte mein regelrechtes Essen und stärkte mich auch moralisch, wurde wieder ein ganzer Kerl. Ich war gar nicht mehr besorgt, ein Schiff zu bekommen, denn ich hatte nun gewissermaßen die Empfehlung des Kaiinspektors.

So kam ich auch bald auf den Schoner »Nova Scotica«, der zwischen den westindischen Inseln fuhr.

Der Leser hat sich vielleicht schon gewundert, daß ich so lange ohne Unterbrechung im Matrosenleben stand, ohne mir eine kleine Abschweifung zu gönnen. Ich will deshalb ruhig gestehen, daß ich zwischendurch einmal ein paar Tage lang mexikanischer Soldat gewesen bin und das Hinterportal am Schloß des großen Porfirio Diaz, des Diktators, unter welchem Mexiko seine goldenen Tage gehabt hat, bewachen half. Am Vorderportal standen allerdings nur eingeborene Truppen. Diese erste Betätigung im kriegerischen Handwerk entstand aus einem Ausflug. Unser Schiff lag nämlich einige Zeit untätig in Tampico. Da bat ich mit einem Schiffskameraden den Kapitän um Urlaub. Das wildromantische Leben der Gauchos mit ihren fabelhaften Viehherden, Lassos, schönen Pferden und noch schönerem silberstrotzenden Zaum- und Sattelzeug hatte es uns angetan. Ein Deutscher stellte uns zwei Pferde zur Verfügung, und so tummelten wir uns eine Zeitlang allen Verleumdungen, daß der Seemann nicht reiten könne, zum Trotz.

Der Ausflug dauerte ein paar Tage über den Urlaub hinaus, und als wir zum Hafen zurückkamen, war unser Schiff abgefahren. Es wird einem nun in jenem von der Natur so begünstigten Land nicht schwer gemacht, sein Leben zu fristen. Man braucht sich nur auf den Markt zu stellen und einige Handreichungen zu tun, so hat man schon sein Essen verdient und noch ein Stück Silbergeld für die Spielhölle übrig. Nachdem wir das Marktkorbtragen über hatten, ließen wir uns, wie gesagt, beim Militär anwerben. In Mexiko kann jeder Soldat werden, Ausbildung gibt es nicht, allerdings auch nur dürftiges Quartier. Die Dienstauffassung ist gemütlich. Nach ein paar Wochen nahmen wir unsern Abschied aus der Armee und halfen einige Zeit bei einem Bahnbau im Innern Sand und Erde nach der Baustelle fahren und Schwellen auf den leeren Wagen zurücktransportieren. Italiener, Polen, Deutsche und Engländer waren dort unsere Kameraden. Dann lebten wir eine Zeitlang bei einem Deutschen namens Fede Lüder auf der Farm, züchteten Geflügel und handelten mit Früchten.

Abschied aus der Armee
Abschied aus der Armee

»... nahmen wir unsern Abschied aus der Armee und halfen bei einem Bahnbau im Innern Mexikos Sand fahren.«

Die Bummelei durch Mexiko endete zuletzt damit, daß wir uns in Veracruz auf einem Petroleumdampfer anheuern ließen. In Havanna musterte ich ab und kam auf einen Norweger. Da ging es wieder die alte »Trip« Neuyork-Australien. Mein Leben hat mich immer wieder nach Australien geführt. Dann fuhren wir weiter nach Honolulu, Vancouver und von dort mit Holz nach Liverpool. Auf dieser Reise habe ich gut Norwegisch gelernt, ohne zu ahnen, wozu ich es später einmal nötig gebrauchen würde. Auf meinem ersten Schiff, der »Niobe«, hatte ich außer Russisch und Finnisch erst etwas Schwedisch gelernt.

Von Liverpool kam ich nach Hamburg. Dort verkehrte ich bei Mutter Schroth, in einer alten Stammwirtschaft. Es gab darin nur drei, vier Tische, sonst wurde das Bier stehend an der Bar getrunken. Die Schroth, eine richtige alte Seemannsmutter, sorgte in ihrer Art rührend für uns, klagte aber viel über Asthma, denn sie war etwas umfänglich geworden. Sie wollte gern einmal in ein Bad fahren. Da machte ich ihr mit meinem besten Schiffsmaaten Uhlhorn den Vorschlag, sie sollte ruhig fortgehen, wir würden die Wirtschaft schon übernehmen.

»Könnt ihr das denn auch?« fragte sie.

»Ja, aber gewiß, Mutter Schroth.«

Das Geschäft war auch ganz einfach zu handhaben, denn es gab ja nur Bier aus Flaschen. Das Essen wurde aus einer Speiseanstalt gebracht, gleich warm in Eimern, zwei Portionen für eine Mark zwanzig. Man hatte nur um die Gäste zu sein und zu sorgen, daß sie Bier tranken, indem man ihnen dabei Gesellschaft leistete. Abends kam ein blinder Handharmonikaspieler und brachte Stimmung in die Gäste. Hinten war ein kleiner Verschlag mit einem Sofa und einem Petroleumofen, auf dem man Grog brauen konnte. Dort schlief Mutter Schroth.

»Uhlhorn & Phylax« hieß die Wirtschaft, »in Vertretung von Mutter Schroth.«

Uhlhorn & Phylax
Uhlhorn & Phylax

(Mit Genehmigung der Firma Wilh. Junge, Altona.)

»... Uhlhorn & Phylax hieß die Bierwirtschaft.«

Der Betrieb geriet auch gleich in vollen Schwung, die Seeleute kamen, und die, welche eintraten, wurden ordentlich verankert. Denn jeder konnte ja Geschichten vertellen. »Voll Haus wurde« und viele Kasten Bier mußten heran. Am nächsten Tag war der Fuhrmann erstaunt, daß er das Doppelte an Bier abladen mußte. Die Firma blühte also auf, und Mutter Schroth konnte ihre Entfettungskur in Karlsbad ordentlich vornehmen. Aber nur mit der Abrechnung wollte es nicht stimmen, wir hatten am nächsten Morgen Unterbilanz.

Wir malten nämlich jede Flasche Bier, die getrunken wurde, mit Kreide an die Wandtafel. Das ging auch ganz gut, solange wir selber nüchtern waren. Aber wenn die allgemeine Stimmung auf die Höhe kam, betätigte sich in der Stille irgendein guter Maat, indem er ein paar Striche einfach wieder weglöschte. Vier Wochen hatten wir die Wirtschaft, die Einnahmen waren gleich Null. Die zehn Prozent, die wir Mutter Schroth, wie vereinbart, abgeben mußten (was darüber war, durften wir behalten), gaben wir aus unserer Tasche und zogen uns aus der Branche wieder zurück.

Wenn Jan Maat an Land etwas unternimmt, so fehlt ihm meistenteils die Ausdauer. Er verliert, wenn er das Festland verläßt, auch den Zusammenhang mit dem meisten, was dort wichtig genommen wird. Kommt er nach Monaten in einen fremden Erdteil, so begehrt er Nachrichten aus der Heimat, die schon alt sind, wenn er sie erhält, aber die Neuigkeiten des betreffenden Landes interessieren ihn gar nicht. Er lernt philosophisch denken über den Wert der jeweiligen Gegenwart, ihrer Moden und ihrer Geschäfte, und empfindet, daß die See ihm als besondere Gunst immer wieder die Kraft gibt, von dem nichtigen Tagestreiben sich zu den einfachen, großen Stimmungen des Lebens emportragen zu lassen.

Kommt der Seemann nach langer Reise in die Heimat zurück, so sind inzwischen viele Begebenheiten, die die andern bewegten und von denen er nichts erfuhr, bereits wieder in Vergessenheit geraten. Blättert er einmal alte Zeitschriften durch, so findet er vieles, was ihm unbekannt ist, und er fragt: »Was habt ihr denn hier gemacht?«, worauf er die erstaunte Antwort erhält: »Das wißt ihr nicht?«, und jeder schüttelt den Kopf.

Auf der langen Fahrt sehnt sich der Seemann aber doch nach der Heimat und malt sich aus, was er alles tun will, wenn er an Land kommt. Das Unangenehmste, was ihm, besonders aber dem Kapitän, geschehen kann, ist Windstille, wenn das Schiff nach Hause fährt. Auch wenn sie nur ein bis zwei Tage anhält, werden alle Hilfsmittel in Bewegung gesetzt, denn, wie der Mensch ist, bildet sich der Kapitän in solchen Tagen ein, daß nun überhaupt nie mehr Wind kommen werde. Zunächst sieht er seine Ladungsprozente schwinden. Er hatte, solange es gut ging, angenommen, daß der vorige Wind überhaupt nicht aufhören und er mit der augenblicklichen Geschwindigkeit in der Heimat ankommen werde. Nun diese Stille! Er fängt an, zuerst den »Jonas«, den Unglücksraben an Bord zu suchen. Der nächste, an dem er seine Laune ausläßt, ist der Mann am Ruder. Er hat alles mögliche an ihm auszusetzen, ist innerlich überzeugt, daß, wenn der am Ruder steht, nie Wind kommen wird, weil er den Wind vertreibt. Schließlich nimmt er seine Mütze ab, tritt darauf vor Ungeduld und fängt an zu pfeifen, was an Bord eines Segelschiffes verpönt ist, weil es bedeutet, daß man den Sturm heranpfeife. Dann ruft er einen Schiffsjungen, der an dem Mast kratzen soll, weil dies auch Wind bedeutet, und wenn das nichts hilft, jagt er den Kajütenjungen aus der Kajüte, drückt ihm einen Besen in den Arm mit dem Befehl, sich auf den obersten Topp des Mastes zu setzen und den Himmel zu fegen. Schließlich nimmt er selbst eine alte Büx oder einen alten Stiefel und wirft ihn über Bord, um auch mit diesen Mitteln Wind heranzulocken. Dann geht er wieder runter, setzt sich einen Augenblick in seine Kajüte in der Hoffnung, daß mittlerweile Wind im Anzug ist. Wenn er wieder herauskommt und noch dieselbe Stille herrscht, macht er Krach mit dem Rudersmann, ärgert sich über das grinsende Gesicht dieses Jonas und ruft einen andern Mann ans Ruder: »Na, Jan, du büst doch ’n Keerl, süh du mal to, dat Wind kümmt, du steihst di doch sonst god mit Petrus.« Bestimmt erwartend, daß dies nun etwas genützt hat, geht er auf und ab. Tatsächlich: Da kommt ein leichter Luftzug. Man erkennt fern am Horizont ein Kräuseln des leicht dünenden Meeres. Einer atmet auf, der Kapitän. »Jan, du büst ’n fixen Keerl! hev ik dat nich seggt? Du salst ook en half Pund Tobak hebben.«

Monatelang sieht Jan Maat kein Geld und findet keine Gelegenheit, etwas auszugeben. So denkt er häufig an die Zukunft, da er an Land plötzlich eine große Summe in Händen haben wird. Schon an Bord beschäftigt sich die müßige Phantasie mit dem großen Augenblick, da er mit seinem Büdel voll Geld als Kapitalist die Schätze des Landes mustern wird. An Bord wird keine noch so veraltete Zeitschrift weggeworfen. Alte Modeblätter gehen von Hand zu Hand. »Du, Tedje, dat is en Anzug, do sühst du no wat ut.« Möglichst weiter Westenausschnitt, aus dem das sonntägliche weiße Vorhemd breit hervorquillt, wird bevorzugt. Die Kataloge der Warenhäuser werden sorgfältig gewälzt. »Wat, so ’n Grammophon blot vertig Mark, dat mut ik hem, mit all die feinsten Platten und Leeder.« Eine »Binnenreis’« wird geplant. »Na München mut ik mal hen, do sall dat ja grotartig sin.«

Wenn er dann an seinem vollgerundeten, tropenverbrannten Gesicht für jedermann kenntlich als einer der von »de lange Reis’« kommt, an Land gestiegen ist, zerrinnen die ganzen Pläne. Vieles Hin- und Herkreuzen an Land und insbesondere in Sankt Pauli nimmt ihn in Anspruch, und die Fata morgana, die ihm an Bord vorgegaukelt war, wird bald vergessen.

Wenn Hein und Tedje, welche auf einem andern Schiff angemustert haben und klar zur zweiten Reise sind, sich wieder begegnen, fragt Hein: »Na Tedje, wie süht dat in München ut?« Tedje, der überhaupt nicht auf die Eisenbahn und von der Wasserkante weggekommen ist, fragt nur dagegen: »Hest du din Grammophon?«

Nicht nur die Pläne, die der Seemann abends auf der Wache geschmiedet hat, zerflattern ihm jetzt. Er hält es auch selbst nicht lange an Land aus. Von seinen Maaten hat er Abschied genommen, die Menschen, mit denen er zusammenkommt, sind ihm fremd. Was sie ihm erzählen, interessiert ihn nicht, denn er ist ein Jahr weggewesen und versteht den Zusammenhang nicht. Das Telephonieren, das Hasten auf der Untergrundbahn, das ganze Hinundher des Stadtlebens mit seinen fortwährenden Unterbrechungen und unübersichtlichem Getriebe ist ihm zuwider. Der Städter ist auf Hetzprobe eingestellt, der Seemann auf Geduldsprobe. Ihm scheint es, daß der Städter das Warten nicht gelernt hat und daß es ihm schwer fällt, eine Sache ausreifen zu lassen. Auch auf See hat ja jeder sein Ziel, aber mit Drängen ist dort nichts gedient. So erscheint es dem Seemann bald einsamer an Land als auf See. Es fehlt ihm die gewohnte Plauderstunde abends an Deck, während das Schiff langsam dahin zieht. Dort wird die Unterhaltung nicht unterbrochen durch neu Hinzukommende, es bleibt immer gemütlich, Abend für Abend dasselbe, man kann plaudern, solange die Wache dauert.

Dazu kommt noch ein anderes: der Seemann ist harmlos, er kennt nicht die Schliche, womit man den andern betrügt. An Bord würde das die Kameradschaft nicht dulden, Diebstahl ist zwischen Maaten das größte Verbrechen, keine Seekiste darf abgeschlossen werden. An Bord herrscht die Selbsterziehung und das Vertrauen zu den Kameraden. So hat der Seemann wenig Menschenerfahrung, wenn sich die »Landhaie« an ihn heranschleichen. Sie benutzen es, daß er nicht viel Alkohol vertragen kann, und nehmen ihm heimlich sein Geld ab, welches er sich in monatelangem Kampf draußen mit den Elementen erworben hat. Was werden doch arglose Seeleute auf dem Lande geneppt! Ich kann auch ein Liedchen davon singen.

Nach 1½ jähriger Seereise geht man in Hamburg an Land. Mit vollen Segeln sucht man nach St. Pauli zu kommen. Halloh, was ist denn hier los? Warum stehen hier so viele Menschen? Man tritt dazwischen und sieht, daß hier ein Pferd gestürzt ist, welches sich ein Bein gebrochen hat. Während man sich den Neugierigen angliedert, hört man plötzlich hinter sich jemand stöhnen. Ich drehe mich rum und nun sagt einer: »Guten Tag, junger Herr, können Sie mir nicht sagen, wie ich am schnellsten hier nach dem Leihhaus komme?«

»Nach dem Leihhaus, nein, ich bin noch nicht in die Verlegenheit gekommen.«

»Sie können Gott danken.«

»Was haben Sie denn?«

»Ich bin gezwungen, das letzte Erbteil meiner seligen Mama zu versetzen. Ich will es deshalb versetzen, weil einem immer Gelegenheit geboten wird, es wiederzubekommen.«

»Was ist es denn?« frage ich.

»Ein Diamantring.«

Er zieht den Ring vom Finger, denselben noch einmal küssend, reicht er ihn mir. Während ich ihn betrachte, tritt plötzlich ein gut gekleideter Herr auf mich zu mit den Worten: »Verzeihen Sie, daß ich so indiskret war, Ihr Gespräch zu belauschen. Es gehört aber wohl zu den Seltenheiten, daß ein Juwelier gerade da ist, wo jemand betrogen werden soll. Echte Brillantringe bietet man nicht auf der Straße an.«

Darauf sagt der erstere: »Sie können ganz unbesorgt sein, mit Gegenständen meiner Mutter treibe ich keinen Betrug.«

»Ich habe nichts mit Ihnen zu tun, ich unterstütze den jungen Mann.«

Ich reiche dem Juwelier den Ring, der ihn von allen Seiten betrachtet und bemerkt: »Das Gold ist echt« und mir leise zuflüstert: »Fragen Sie mal, was er dafür haben will.«

»Was wollen Sie dafür haben?«

»Ach, 10 Mark.«

Der Juwelier erwidert mir flüsternd: »Der Kerl hat den Ring gestohlen.« Mit einer Lupe betrachtet er den Brillant und sagt: »Der Stein ist echt. Geben Sie dem Kerl ruhig das Doppelte und kommen Sie nach meinem Geschäft, ich gebe Ihnen das Zehnfache.«

Erfreut über das glänzende Geschäft greife ich schnell in die Tasche und reiche ihm 20 Mark. Dann entferne ich mich schnell aus der Menge in dem Glauben, mein Juwelier folgt mir. Erstaunt sehe ich mich um, als ich ihn nicht finde. Überall suche ich nach ihm, zuletzt auch nach dem, der mir den Ring verkauft hat. Keiner ist zu finden. Mißtrauisch betrachte ich nun meinen Ring. Um schließlich doch ganz sicher zu sein, da ich noch immer nicht verstehen kann, daß ich wirklich einem solchen Schwindel zum Opfer gefallen sein soll, gehe ich zu einem wirklichen Juwelier nach St. Pauli, der mir lächelnd sagt: »Echt ist der Ring nicht, aber für’n Taler ist er ganz gut gemacht.«

Tedje und ich schlendern weiter über den Hamburger Dom. Dutzendweise ertönen von beiden Seiten der Budenstraße her Verheißungen von noch nie dagewesenen Jahrmarktsfreuden. Plötzlich hören wir von einer Bude eine besonders klare, kräftige Stimme: »Kommen Se rinn, kommen Se rinn, hier ist zu sehen, was noch kein Mensch gesehen und gefressen hat.« Tedje fragt: »Wat hest du denn?« — »Hier ist zu sehen ein Kanarienvogel, der plattdütsch snakt.« — »Hast du gehört, Tedje, de möt ’n bannigen Baß hebben.« »500 Mark Belohnung, wenn der Vogel nicht plattdütsch snakt.« »Nu ward’ ja rieten« (nun wird’s ja reißen); den Vogel müssen wir doch sehen. Ein Haufen Menschen hat sich vor dem Eingang aufgestellt. Ein großer Teil zögert einzutreten, weil sie nicht recht wissen, ob es dummer Scherz ist, und lassen zunächst den Dummen den Vortritt. Wir gehen ’rein; die Vorstellung beginnt. Der Kanarienvogel im Bauer wird auf die Bühne gebracht mit der Bemerkung: »Gestatten Sie, meine Herren, daß ich Ihnen den Vogel vorstelle. Hans heet he.« »Ach wat,« schreit eine Stimme aus dem Hintergrund, »wi will nich weeten, wie he heet, wi will em snaken hören.« »Einen Augenblick, meine Herren! — Hans segg mol, wat sall ik smöken, ’ne Zigarre oder ’ne Pip?« Worauf der Vogel prompt antwortet: »Piiip.« »Meine Herren, he snakt platt.« Ein helles Gelächter rauscht durch das Zelt und die neugierige Menge derer draußen, welche die Klugen sein wollten, fragt die Heraustretenden: »Snakt he plattdütsch?« — »Ja, dat deit he, aber grotartig.« (Warum sollten wir die Dummen gewesen sein? Dieser famose Scherz sollte auch die andern überzeugen.) So ging es den ganzen Tag, wobei der Mann ein Bombengeschäft machte.

Der nächste Budeninhaber versprach, ein großes Rätsel zu zeigen und denen, die es rieten, das Eintrittsgeld zurückzuzahlen. Und wirklich, aus dem Innern der Bude läßt sich durch das Zelttuch immer wieder die laute Stimme eines Mannes hören, der anscheinend unter den Zuschauern herumgeht: »Richtig geraten, dreißig Pfennig zurück.« Hier scheint also nicht allzuviel gewagt. Die Heraustretenden, die wiederum nicht die Miene von Hereingefallenen aufsetzen, bestätigen, daß sie ihr Geld wiederkriegten. Die Bude wird getürmt voll. Wir bezahlen unsere dreißig Pfennig und treten ein. Vor jedem Platz steht ein Waschbecken, weiter nichts. Die Augen werden allen verbunden, dann kommt ein Mann, der einen Eimer trägt, in dem das Rätsel ist, und verlangt, daß man hineingreift. Flüsternd fragt er: »Was ist das?« »Pfui Teufel, Pech!« Worauf er laut ruft: »Richtig geraten, dreißig Pfennig zurück,« und dann mit leiser Stimme hinzufügt: »Händewaschen kostet fünfzig Pfennig.« Einer alten Dorffrau, die es absolut nicht raten konnte, hat der Spaß also achtzig Pfennig gekostet.

Nicht alle Betrügereien aber waren so harmlos wie die der kleinen Schiffer- und Bauernfänger auf dem Dom.

Hat der Fahrensmann das Landleben so eine Zeitlang genossen und vielleicht auch eine trügerische Verlobung mit der »Tochter« des Heuerbas erlitten, ergreift ihn die Verbitterung, und er ist froh, wenn er wieder die Anker lichten und hinaus zu seinem Meere gehen kann[9]. Mag auch die Nordsee nicht der Freund des Seemanns sein, er freut sich doch, wenn wieder der Passat, die Sterne und der Mond ihn grüßen, er weiß, daß sie ihm mehr sind wie die Menschen an Land. Er atmet wieder die Meeresluft, die den ganzen Menschen durchdringt und ihn in ganz anderer Weise schützt als auf Land. Sie trägt keine Infektionen; wenn die ersten Tage der Fahrt vorüber sind, bleiben Krankheiten fern, solange nicht etwa durch Entbehrung frischen Proviants der Seemann an Skorbut erkrankt. Es gibt keine Erkältungen auf dem Meere, Wind und Nässe sind ohne Einfluß auf das Befinden — der Rheumatismus kommt erst später heraus — und Staub ist auf dem Segelschiff etwas Unbekanntes. Das Waschen hat nur die Bedeutung, die salzige Schicht von der Haut zu entfernen.

»... Er freut sich doch, wenn wieder der Passat, die Sterne und der Mond ihn grüßen.«
»... Er freut sich doch, wenn wieder der Passat, die Sterne und der Mond ihn grüßen.«

»... Er freut sich doch, wenn wieder der Passat, die Sterne und der Mond ihn grüßen.«

Man hat auf dem neuen Schiff wieder andere Maaten, mit denen man sich anfreundet. Die erste Frage ist immer, wie es auf dem letzten Schiff war. Es war immer das beste, und man schwärmt von dem damaligen Kapitän. Erinnerungen werden ausgetauscht, der eine kennt den, der andere jenen; es gibt viel zu plaudern, wenn man mit neuen Schiffsmaaten zusammen ist.

Des Seemanns Gesellschaft sind aber nicht nur die Kameraden an Bord; in einem besonderen Vertrauensverhältnis steht er zu der Natur, mit der er zusammen lebt. Er kennt alle Fische, die ihm begegnen. Es gibt nur wenige Arten, die mit der Angel von Bord aus zu fangen sind. Kommen Delphine oder, wie der Seemann sie nennt, Tümmler (Schweinsfische), so heißt es: »Klar an die Harpune!« Es gehört ein erfahrener Harpunenwerfer dazu, die Delphine sicher zu treffen, denn oft geht das schwere Tier in voller Fahrt in entgegengesetzter Richtung des Schiffes. Große Freude herrscht an Bord, wenn ein Delphin gefangen ist, denn jetzt gibt es frisches Fleisch.

Bei Kap der Guten Hoffnung, Kap Horn und in der Nähe von Inseln fliegen die Vögel, die treuen Begleiter heran, Albatrosse, Kaptauben, Mulehogs und viele Arten von Möwen. Sie begleiten den Kapfahrer bis halb nach Australien und nähren sich von den Abfällen, die über Bord geworfen werden. Es tut wohl, wenn man lange auf See ist, andere Lebewesen um sich zu sehen. Man begrüßt sie als alte Freunde und Kameraden, die man vor einem Jahr gesehen hat und jetzt wieder trifft. Besonders die Möwe ist dem Seemann heilig, weil er glaubt, später in Gestalt einer Möwe fortzuleben; man sieht eine Seemannsseele in jeder Möwe, die weißen Möwen sind die guten Seeleute, die schwarzen die bösen, die Seedüwels. Man schießt keinen dieser Vögel, denn es sind ja die einzigen Freunde, die einen besuchen und mit einem fliegen. Wenn südlich vom Äquator nach dem Passat der erste Albatros kommt, wird das ereignislose Einerlei freudig unterbrochen. Majestätisch wogt er hin und her; bald dicht über den Wellen, bald höher, bald vor dem Bug umkreist er das Schiff. Der Albatros ist der größte fliegende Vogel, den wir haben, der Beherrscher der südlichen Meere. Auf dem Schiff ist er seekrank und kann nicht mehr fortfliegen, da er keine Luft unter den Flügeln hat. Es ist übrigens, wie die Seeleute glauben, noch niemandem gelungen, einen Albatros lebend in unsere nördliche Erdhälfte zu bringen.

Teckel Schnäuzchen
Teckel Schnäuzchen

Teckel Schnäuzchen soll sich auf »Seeadler« mit einem Albatros anfreunden, der zu Besuch gekommen ist.

An der afrikanischen Küste lassen sich zuweilen Hunderte von Schwalben, die sich im Nebel verflogen haben, erschöpft auf dem Schiff nieder. Auch Dutzende von Störchen verirren sich manchmal auf das Schiff. Die Tiere kommen nie wieder hoch, und es ist traurig, ihren Untergang mit anzusehen, da an Bord kein für sie eßbares Futter ist. Man kann ihnen nicht helfen; sie sterben den Seemannstod wie der Schiffer, dem mitten in der Wasserwüste der Proviant oder das Trinkwasser ausgeht.

So lebt der Seemann mit der Natur, die ihm Kamerad und Gegner ist. Wer die freie See kennt, mag ihren Hauch nicht mehr entbehren.

Viertes Kapitel. Wieder auf der Schulbank.

In Hamburg erzählte man mir, wenn ich mal das Steuermannsexamen machen wollte, müßte ich auf einem Dampfer gefahren haben. So musterte ich also mit meinem alten Schiffsmaaten Uhlhorn auf einem Sloman-Dampfer an, auf der »Lissabon«. Damit ging es nach dem Mittelmeer. Nach dieser Reise, die etwa zwei Monate dauerte, ging es auf einem Küstendampfer, der »Cordelia« nach Rotterdam und Amsterdam, und dann glaubte ich, die Seefahrt so weit hinter mir zu haben, daß ich auf Schule gehen konnte.

Ich begab mich nach der Seemannsmission, um mir mein erspartes Geld zu holen. Ich wußte genau, daß ich 3200 Mark eingezahlt hatte, und da hieß es nun zu meinem Staunen, daß ich 3600 Mark bekommen sollte. Ich wußte doch nichts von Zinsen! Zuerst glaubte ich, es wäre reine Gutmütigkeit von den Leuten. Nahm also mein Geld und ging auf Schule. Ich hatte mir die Navigationsschule in Lübeck ausgesucht.

Zuerst schaffte ich mir nettes Zeug an. Man mußte jetzt ja weiße Wäsche tragen und Schlipse, nicht mehr den ewigen Gummikragen, den man an Bord immer mit dem Freunde teilt, der gerade an Land geht, sowie den amerikanischen Blechschlips mit einem Revolver als Schlipsnadel daraufgelötet.

Ich war schon erklecklich über zwanzig Jahre alt, als ich auf Schule kam. Alle unsere alten Kapitäne sind diesen Weg gelaufen. Er ist das »Musloch« für jeden Matrosen, der sich hoch arbeiten will. Die neueren Seeleute wollen dies Musloch ja gern dicht stoppen; sie wollten die Bildung auf See verbreiten und heben. Nur »Kadetten«, nicht mehr Matrosen sollen auf der Handelsmarine Offiziere werden dürfen. Ich bin immer gegen diese Tendenz angegangen. Die Kadettenerziehung als solche ist gut, und was die seefahrende Jugend Männern wie meinem lieben Professor Schulze verdankt, weiß niemand besser zu schätzen als ich. Die Gefahr ist nur, daß der höhergebildete junge Mensch sein Wissen mit praktischem Können verwechselt, und für noch gefährlicher halte ich es, wenn allen nicht mit höherer Schulbildung versehenen strebsamen Matrosen der Zutritt zur höheren Laufbahn versperrt wird. Man erwartet doch keine Bildung auf See. Es ist doch besser, auf der Kommandobrücke einen kräftigen Menschen zu sehen, als einen feinen Kerl mit hohem Kragen. Stehen die großen Kapitäne, die echten, alten, nicht würdiger da? Gewiß, ich habe unter den modern gebildeten Schiffsoffizieren viele Seeleute ersten Ranges kennen gelernt. Aber wenn ich erst einmal Kapitän bin, habe ich immer noch Muße genug, mich für die Wissenschaften zu interessieren. »Vor dem Mast«, d. h. als einfacher Matrose gefahren zu haben, kann keinem schaden. Auf einen tüchtigen Seemann verläßt sich der Passagier lieber, als wenn da einer mit Lackbotten als Gigerl einhergeht. Was heißt überhaupt Bildung auf See? Man hat genug damit zu tun, die Seewissenschaft zu pflegen und sich das praktische Können zu erkämpfen, wie man am besten Herr der Elemente wird. Bei der Frage, was man tut, wenn einem die Takelage von oben kommt, nützt einem kein Schopenhauer.

Ich kam also mit meinem Gelde in Lübeck angefahren und suchte mir eine angenehme Wohnung, die ich bei einer freundlichen alten Dame fand. Dann bewegte ich mich zur Navigationsschule und wurde vorstellig beim Professor Dr. Schulze, einem ganz hervorragenden Manne, der auf mich einen selten vertrauenswürdigen Eindruck machte, obwohl mein Herz mir ziemlich beschwert wurde, als ich Schulluft roch. Als Seemann war ich ja recht großspurig; hier aber wurde ich wieder ein ganz kleiner Matz. Ich zog den Professor ins Vertrauen, erklärte ihm meinen Namen und meine Vergangenheit, da doch meine Papiere auf den Namen Luckner genannt Lüdicke lauteten. Da streckte er mir eine warme Rechte entgegen und sagte, ich möchte unbesorgt sein, denn viele Volksschüler mit noch mangelhafterer Bildung hätten die Prüfung mit Glanz bestanden.

»Ja,« erwiderte ich, »die können auch rechnen und sind in Wirklichkeit weniger zurückgeblieben als ich.«

Ich erzählte ihm, wie weit ich in der Schule gekommen war, und er fragte mich ein bißchen nach der Bruchrechnung. Als ich die aber ableugnete, da stutzte er doch.

Ich wußte ja nicht, was ein Fünftel ist.

Ein halb, ein viertel, das wußte man ja nach der Uhr, aber ein Fünftel, das hatte ich nie gebraucht.

»Na,« sagte er, »macht nichts. Ich sollte nur nicht befangen sein, nur ein bißchen Fleiß ...«

Professor Dr. Schulze
Professor Dr. Schulze

Professor Dr. Schulze, Leiter der Seefahrtsschule zu Lübeck.

Herrgott, kam es mir durch den Sinn, da ist wieder der alte »Fleiß«, es ist doch immer dasselbe. Ich habe mich aber in diesem prächtigen Mann nicht getäuscht, er stärkte meine Hoffnung und gab selbst Nachhilfeunterricht, wo es fehlte. Nach einem Monat taute ich auf. Ich fühlte, daß ich die Hoffnung hegen durfte, mein Examen zu machen. Die Zukunft lag rosiger vor mir.

An jenem Tag, an welchem ich mich beim Direktor angemeldet hatte, ging ich nachher zum Café Niederegger, das wegen seines Marzipans berühmt ist, weil ich das Bedürfnis empfand, nun in besseren Lokalen zu verkehren. Dort sah ich einen dänischen Grafenkalender liegen. Ich denke: »Minsch, du büst doch ook ’n Grof,« blättere nach und wirklich: ich stehe drin, als verschollen. Das ist ja großartig, denke ich. »Herr Ober, noch ein Pilsner.« So wußte ich doch wenigstens, wie es in der Heimat war. »Dort jammern sie also längst nicht mehr um dich.«

Geschrieben hatte ich nie nach Hause, denn wer war denn stolzer als ich als Matrose, wenn ich hoch oben im Mast saß und mich fühlte: was bin ich, was kann ich, und was kann ich noch werden. Doch schämte ich mich, diesen Stolz zu zeigen. Denn in der Heimat wären die ollen Klostertanten doch entsetzt gewesen, wenn sie gehört hätten, einen Matrosen zum Neffen zu haben.

Einmal, es war nach dem Sieg über Lipstulian, hatte ich einen Anlauf genommen, mich meinen Eltern wieder zu nähern. Unter meinen alten Photographien finde ich ein verblichenes und abgegriffenes Bildchen, das ich damals auf dem Spielbudenplatz hatte anfertigen lassen als Meisterschaftsringer von St. Pauli. Auf der Rückseite steht mit meiner ungelenken Schrift: »Meinem lieben Vater zur freundlichen Erinnerung an seinen treuen Sohn Felix. Hamburg, den 1. 4. 1902.« Das Bild wollte ich als erstes Lebenszeichen nach der Flucht meinem alten Herrn schicken; er sollte sich seines stattlichen Jungen freuen, aber kaum hatte ich die Widmung geschrieben, entsank mir der Mut, der Abstand zu den Familienbildern daheim war doch zu groß. In späteren Jahren, als ich mich meinen Eltern wieder entdeckt hatte, trug mein Vater freilich gerade dieses Bild mit seiner Widmung bis an sein Lebensende in der Brusttasche.

In Lübeck hielt ich mich als einfacher Seemann zurück und verkehrte fast mit niemand. Außer dem Professor, dem ich es gesagt hatte, wußte also niemand, wer ich war. Der Grafentitel hinderte ja nur. Was nützt es, wenn man einen Namen hat und nichts ist? Aber man sah in jenen Tagen schon mehr auf sich selbst, auf reine Hände. Die teerigen Runzeln und Schwielen verschwanden allmählich. Man wurde richtig ein »fürnehmen Kirl«, die braunverbrannten Backen wurden schmäler, von Monat zu Monat mußte ich eine Kragennummer enger nehmen.

Die Hauptfächer waren für mich privatim vorerst einmal das große Einmaleins und grammatisch richtig Deutsch schreiben, dann Bruchrechnen. Die ganze liebe Familie Schulze half und sorgte mit. Den »Nenner des Ganzen« suchen, eine verfluchte Sache. Wie ich das mit eisernem Fleiß intus hatte, kam die Mathematik, der pythagoräische Lehrsatz, den ich von der Schule her zwar noch kannte, aber nicht beweisen konnte. Dann kam die höhere Mathematik, die sphärische Trigonometrie, von Sonne und Sternen, nautische Astronomie: Chronometerlängen, Monddistanzen ... Waren doch allein 21 astronomische Aufgaben beim Examen zu lösen! Die Seepraxis wurde ja vorausgesetzt, wenn man die Bescheinigung als Matrose hatte.

Ich habe nie geglaubt, daß ich so fleißig sein könnte, wie ich es in Lübeck war. Ich war stolz darauf, daß ich etwas verstand, das Zutrauen zu mir selbst wuchs bedeutend. Während der neun Monate, die bis zum Examen vergingen, habe ich etwa achthundert Mark verbraucht, einschließlich der Kosten für das Examen.

Ich ging ins Examen, nicht um es als erster zu machen, sondern um als letzter fertig zu werden! Denn ich wollte ganz sorgfältig alle Aufgaben durchrechnen. Wenn sich einer über meine Fortschritte freute, so war es der Direktor Schulze, der sich alle Mühe mit mir gegeben hatte. Ich fing damals an, etwas zu dichten und gestand ihm das. »Sie dichten auch, Phylax?« sagte er, »das ist ja wundervoll, dann können Sie Sonntag nachmittag mal zu mir kommen und mit mir dichten.« Ich ging hin und bildete mir auf mein Talent etwas ein. Da ging er mit mir hinunter zum Travekanal und sagte: »Nun kommen Sie mal, nun wollen wir mein Boot dichten, das ist leck.«

Als der Examenstag da war und alle die Herren prüfend im Frack bereit saßen, bekam ich doch etwas Angst. Ich hatte mir, um guten Eindruck zu machen, rote Tinte mitgenommen, um die Hauptresultate zu unterstreichen. Denn bei der Anfertigung einer Aufgabe ist ja die gute Übersicht die Hauptsache. Glücklicherweise gab es damals noch ordentliches Papier! Das heutige Kriegspapier hätte ich mit meiner schweren, ungeübten Hand ganz durchgeschrieben beim festen Aufdrücken. Ich gebrauchte den dicksten Federhalter, den ich erstehen konnte, fast so stark wie ein Spazierstock, der sich so in die Hand legte, daß ich sie nicht zuzudrücken brauchte. Nur konnte man ihn nirgends recht hinlegen, da er wie eine Birne war und überall herunterrollte. Es war ein Federhalter für Leute mit einem Schlaganfall, die mit zwei Händen schreiben.

Seemanns Traum vor dem Examen
Seemanns Traum vor dem Examen

»... Das Examen dauerte sechs Tage.« (Original im Besitz von Prof. Dr. Schulze.)

Das schriftliche Examen dauerte sechs Tage, und danach kam mit dem mündlichen erst die Hauptaufregung. Aber es ging vorbei, und nachher zwinkerte der Direktor mir zu, drückte mir die Hand und sagte, was er eigentlich nicht durfte: »Phylax, das Examen hast du in der Tasch’.« Da war ich aber froh! Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen. Wir haben derartig gefeiert, daß ich mich eines Morgens in einer Gartenlaube wiederfinde. Da ist ein Mann, der will seinen Garten sprengen und ist erstaunt, da einen verschwiemelten Steuermannsschüler liegen zu sehen. »Was liegen Sie denn hier?« Ich wußte nicht, was los war und vermochte nur zu antworten: »Was sprengen Sie denn hier?«

Donnerwetter, das war also das erste Examen! Am liebsten wäre ich gleich zu meinen Eltern hingelaufen. Mein Professor hatte ja heimlich nachgeforscht und festgestellt, daß meine Eltern lebten, und mein Bruder Fähnrich war. Alles das erfuhr ich unter der Hand. Aber ich verbiß mir noch einmal den Wunsch, heimzukehren, denn ich hatte seinerzeit gelobt, Kaisers Rock mit Ehren zu tragen. Nun setzte ich mir in den Kopf, erst wieder aufzutauchen, wenn ich sagen konnte, ich wäre Offizier.

Fünftes Kapitel. Kaisers Rock.

Nach dem Examen suchte ich Stellung bei den größten Hamburger Reedereien und wurde von der Hamburg-Südamerika-Linie als Wachoffizier angenommen. So kam ich an Bord der »Petropolis«. Ich hatte mir jetzt an Stelle der Seekiste einen Koffer angeschafft und kam mir damit vor wie ein Kapitän. Ich hatte mir Glacéhandschuhe besorgt und weiße Schuhe und sehe mich noch, wie ich mir die ersten Manschettenknöpfe kaufe. Auch eine Extrauniform hatte ich neben der Freiuniform bestellt. Als ich in Uniform auf der »Petropolis« spazieren ging, fühlte ich mich wie ein junger Gott. Als ich zum letztenmal ein Schiff verlassen hatte, da war ich noch ein Matrose, mußte Rost schrapen und alles dergleichen. Jetzt kam mir der Unterschied so sonderbar vor. Ich ging an Deck auf und ab und hatte nirgends mehr Hand anzulegen.

Der Kapitän, Feldmann, war ein famoser Kerl, der sich meiner sehr annahm. Ich blickte öfters in den Spiegel und dachte: »Jetzt siehst du ihm schon ähnlicher.« Ich gab viel auf mein Äußeres, pflegte meine Hände, was höllisch schwer wurde, denn die alten Taudrücker waren doch recht vierkant geworden. Ich überlegte lange hin und her, ob es besser wäre, einen kurzen oder langen Schnurrbart stehenzulassen. »Mensch, Phylax,« dachte ich, »jetzt hast du es geschafft. Wie hast du dich verändert!«

Nachdem ich drei Wochen Wachoffizier gewesen war, ging die Reise los. Es kam nun darauf an, auf der Brücke Offiziersdienste zu leisten. Der Kapitän belehrte mich herzlich. Es würde mir wohl vieles neu vorkommen, aber jeder Anfänger, der vorher Matrose war, käme sich furchtbar dumm und ungeschickt vor; ich sollte darüber nicht untröstlich sein, sondern es als Erfahrung hinnehmen, die er bei allen jungen Offizieren gemacht hätte. Ich dachte: das ist ein vernünftiger Mann.

Die Fahrt ging elbabwärts. Ich sprach mit den Lotsen über dies und jenes. Die Manschetten rutschten mir noch, das Handanlegen an die Mütze kam mir komisch vor.

Dann kam die erste Navigation in der Praxis. Ich rechnete also los, mit dem Schulsystem, und brauchte dreiviertel Stunden. Da war ich schön überrascht, als die andern schon fertig waren, während ich noch rechnete und es überdies 50 Seemeilen verkehrt herausbekam! Man fragte aber merkwürdigerweise gar nicht nach meinem Ergebnis. So ging es Tage und Wochen; niemals wurde nach meiner Navigation gefragt. Endlich lernte ich mich aber ein und ging stolz meine eigene Wache. Ich fühlte mich auch nirgends wohler, als wenn ich allein auf der Brücke war und an frühere Zeiten denken konnte. Immer wieder tauchte die Sehnsucht nach den Eltern auf. Wenn die jetzt wüßten, wo du bist! Nie habe ich mehr die Elternliebe empfunden. Wie brutal kam ich mir vor, daß ich nicht zu meinen Eltern ging. Aber noch blieb ich dickköpfig.

Auf der »Petropolis« fuhr ich dreiviertel Jahr. Jetzt konnte ich als Einjähriger zur Kriegsmarine gehen. Als am 1. Oktober Einstellung war, meldete ich mich. Auf der »Petropolis« hatte ich mich in manches gute Buch vertieft, wenn ich auch nicht viel davon verstand. Jetzt fuhr ich also mit einem Kameraden von der Navigationsschule zusammen nach Kiel. Zum erstenmal in meinem Leben leistete ich mir eine Fahrkarte zweiter Klasse. Wir kamen uns vornehm vor; uns gegenüber saß ein Herr mit einem Spitzbart, das mußte unserer Meinung nach unbedingt ein Marineoffizier sein. Deshalb benahmen wir uns angestrengt reserviert.

Dann kam die Einstellung. Die ersten Tage wurden wir tüchtig auf dem Kasernenhof umhergehetzt. Als wir so eines Tages langsamen Schritt übten, was mir meines gebrochenen Beines wegen saure Schmerzen bereitete, kam eine Ordonnanz von der Station und fragte den Oberleutnant, ob hier ein Einjähriger Graf Luckner wäre? Großes Aufsehen. Der Oberleutnant fragte mich, ob ich einen Verwandten auf der Station hätte? Ich meldete: Nein. Dann wurden mir zwei Unteroffiziere mitgegeben, die sollten mich erst einkleiden, denn wir hatten ja bisher nur Drillichzeug getragen.

Während ich schön gemacht wurde, ging mir die »Station« im Kopfe herum. Was ist das, Polizeistation, Wachstation? Was mochte jetzt von meinem Sündenregister herausgekommen sein, die Marine kriegt ja alles heraus.

Schließlich kamen wir zu einem roten Gebäude. Ich lese in meiner Beklemmung die Aufschrift: Ackermann, Adjutant. Der eine Unteroffizier trat ein und meldete. Dann mußte ich eintreten. Ich soll zum Admiral Graf Baudissin kommen. Ja, wie wird denn solch ein hoher Herr angeredet? dachte ich bei mir; die Hauptsache ist wohl: immer stramm stehen. Drinnen sitzt der Admiral mit großen goldenen Streifen. Ich stehe da, die Ellenbogen und die Hände fest angelegt.

»Sagen Sie mal, was sind Sie für ein Luckner?«

»Der Sohn von Heinrich Luckner.«

»Wie heißen Sie mit Vornamen?«

»Felix.«

»Aber der ist doch verschollen.«

»Nein, das bin ich.«

»Wie kommen Sie denn hierher?«

»Ich bin in der Schule nicht versetzt ... Hatte meinen Eltern versprochen, durchs Einjährige zu kommen ... habe ich versucht, mit eigenen Kräften mein Versprechen in Erfüllung zu bringen.«

»So, und was soll nun hier werden?«

»Ich habe mein Steuermannsexamen gemacht, was zum einjährigen Dienst berechtigt; ich wollte Reserveoffizier werden durch gute Führung.«

»Warum haben Sie Ihren Eltern nicht geschrieben?«

»Ich wollte nicht vorher kommen, weil ich da nicht für voll angesehen worden wäre und wollte auch nicht vorher schreiben, weil es dann geheißen hätte: Matrose, weiter ist aus dir nichts geworden? Ich glaubte meinen Eltern ein größeres Vergnügen bereiten zu können, wenn ich als gemachter Mann käme.«

»Wovon wollen Sie denn das bestreiten?«

»Ich habe mit allen Auslagen und Wiederzuverdientem imganzen noch 3400 Mark.«

»Soviel haben Sie verdient?«

»Ja.«

Da sagte der Admiral: »Ich bin Onkel Fritz.«

»Wat,« denk ich, »einen so vornehmen Onkel?«

Ich hatte von dieser Verwandtschaft vorher nie gehört, gucke rechts und links und denke fast, ich soll ihn gleich Onkel nennen, weil ich einen so guten Eindruck auf ihn gemacht habe. Ich sagte: »Exzellenz« — in Wirklichkeit war er noch gar nicht Exzellenz — »ich möchte gern vermeiden, daß meine Eltern vor der Qualifikation etwas von meinem Hiersein erfahren.«

Da antwortete er: »Vorausgesetzt, daß ich dir, was Diensttüchtigkeit anbelangt, nicht behilflich zu sein brauche, will ich dir gern zu Gefallen sein. Aber in dienstlicher Hinsicht hast du keinen Freund an mir.«

Ich konnte doch nicht sagen »Onkel«, ich beteuerte also nur: »Nein.«

»Und dann, Felix, kannst du zweimal die Woche zu mir kommen. Meine Tochter soll dir etwas Aufsatz beibringen, denn Junge, Junge, du sprichst ja ein fürchterliches Deutsch.«

Ich hatte mich schon für einen ganz gebildeten Menschen gehalten, aber mein »mir« und »mich« muß doch anderen noch auf die Nerven gefallen sein, und bei den Aufsätzen war die Kritik immer: Deutsch mangelhaft. Jetzt fing ich aber an zu lernen: »Mit, nach, nächst, nebst, samt, bei, seit« usw., und legte es mir zurecht, wann »mir«, wann »mich« zu setzen wäre. Einen Lebenslauf sollte ich jetzt verfassen, obwohl ich in meinem Leben noch nie einen Brief geschrieben hatte. In dem »Lebenslauf« habe ich sie aber tüchtig verkohlt, denn ich konnte doch nicht schreiben, daß ich bei der Heilsarmee war oder Leuchtturmwärter. Meine ganze Laufbahn hätte ich mir damit verdorben.

Ich lebte mich schnell bei der Marine ein und die Sache ging gut als Rekrut zuerst, dann auf dem »Mars« zum Artilleriekursus. Als ich von dort in die Flotte kam, stieß mir bald ein schwerer Unfall zu. Ein Boot mit Beurlaubten, das zum »Kaiser Wilhelm dem Großen« zurückfuhr, war im Begriff, in das unglücklicherweise ungeheißte Fallreep des Kriegsschiffes hineinzufahren, als ich gerade auf diesem die Wache ging. Ich versuchte, das Boot mit Hilfe seiner Vorleine zu stoppen, und verließ mich dabei zu sehr auf meine eigene Kraft. Ich erreichte auch, daß der Zusammenstoß stark gebremst wurde, aber das Fahrtmoment war doch viel zu schwer, und das Boot zog mich gegen das Kettengeländer, wo eine eiserne Stütze war. Diese ging mir durch den Leib und durchriß den Darm zweimal. Die Operation durch Professor Helfferich gelang vorzüglich; als ich aber nach acht Tagen aus dem Zimmer der Schwerkranken in das Leichtkrankenzimmer überführt worden war, habe ich eine große Dummheit begangen. Ich ahnte gar nicht, wie zerrissen mein Darm war, und fühlte mich durch das lange Fasten so ausgehungert, daß ich mir eines Sonntags, als mein Bettnachbar von Besuchern Pflaumen bekam, auch davon ausbat. Als Einjähriger hätte ich mich ja mehr beherrschen sollen, aber die Pflaumen taten mir wohl. Als aber der Verband am nächsten Tag erneuert wird, schlägt der Stabsarzt die Hände überm Kopf zusammen, denn da lag die ganze Pflaumengeschichte im Verband. Ich hatte nicht gewußt, daß der Darm abgebunden war; der war nun gerissen. Ich sollte sofort in Arrest kommen, wenn ich gesund wäre, und bekam zunächst mal eine Wache, damit ich nicht wieder »in die Plum« ginge.

Die im Lazarett verlorene Zeit wurde mir infolge meiner zufriedenstellenden Leistungen an Bord geschenkt. Ich wurde Unteroffizier; dann kam der Tag, wo ich die Übung als Vizesteuermann machen durfte, und nun wurde ich als Leutnant zur See der Reserve entlassen. Da mußte ich nochmals bei Onkel Fritz antreten, der mir Anweisung gab, wie ich es machen sollte, wenn ich nach Hause käme.

S. M. S. »Kronprinz«
S. M. S. »Kronprinz«

Auf der Reichskriegsmarine (an Bord S. M. S. »Kronprinz«, im Jahre 1915).

Ich zog mir kleine Uniform an, kaufte mir einen Dreimaster, Epauletten, Säbelschärpe und Visitenkarten und ging nach so viel Jahren zum erstenmal »to hus«.

In Halle a. Saale angelangt, stellte ich mein Zeug in einem Gasthof unter und zog mich sorgfältig an. Ich gehe zu dem stillen Haus auf der »Alten Promenade«; es hat sich in all den Jahren nichts verändert. Ich steige die Treppe hinauf und gebe die Karte ab.

Da höre ich die wohlbekannte Stimme des alten Herrn: »Leutnant zur See Felix Luckner? Gibt’s ja gar nicht, aber ich lasse den Grafen bitten.«

Nun trete ich ein und sage ganz kurz: »Tag, lieber Vater! Glaube meine Äußerung verwirklicht zu haben, Kaisers Rock in Ehren zu tragen.«

Der alte Herr weiß nicht, wie ihm ist und was er machen soll. Marineoffizier? Der Bengel ist nicht versetzt, man wäre froh, wenn er Armeeleutnant geworden wäre und jetzt im kaiserlichen Rock?! Alles das saust ihm durch den Kopf, und ich höre nur, wie er mit erstickter Stimme ruft: »Alte!«

Die Mutter kommt, sieht mich, setzt sich vor Schreck auf die Treppe und fällt mir dann in die Arme, und wenn ich in der Erinnerung nachsuchen soll, so ist es mir, als ob sie eine halbe Stunde darin gelegen hätte.

Dem alten Herrn laufen jetzt auch die Tränen herunter. Nun mußte ich erzählen: Wie hast du gelebt? Was hast du getan? Das waren so viele, viele Fragen, ehe ich überhaupt geantwortet hatte. Aber nachdem sich der alte Herr etwas gefaßt hatte, fing er gleich sich zu brüsten an: »Siehst du, Alte, ich hab’ es doch immer gesagt! Ist es ein Luckner, so wird etwas aus ihm, da braucht man keine Bange zu haben. Und geht er verloren, dann ist es auch kein Luckner. Dann ist es kein Schade. Und was ist er? Ein Luckner.«

Überall wurde nun hintelegraphiert zu den Geschwistern, Vettern, Onkeln, Klostertanten. Ich wurde von den Lehrern in den Schulen als gutes Beispiel hingestellt! Man hatte überall nach mir geforscht, hatte sich den Kopf zerbrochen, auf welche Weise das Kind wohl untergegangen wäre. Leben konnte es ja nicht mehr, denn sonst hätte es ein Lebenszeichen gegeben. Und jetzt stand ich vor ihnen, der ewige Tertianer, der, ohne Kadett geworden zu sein oder das Einjährigenexamen gemacht zu haben, auf den Schiffsplanken Offizier geworden war.

Seit dieser Zeit war ich nicht mehr das Sorgenkind, sondern der Verzug. Keine Mutter hat je ihr Kind so umsorgt, wie die meinige.

Das war der Abschluß meiner Wanderjahre. Jetzt kamen die Jahre, die normal verliefen.

Graf Nikolaus von Luckner
Graf Nikolaus von Luckner

Graf Nikolaus von Luckner, geb. 11. Januar 1722 als Sohn des Hopfenhändlers und Stadtkämmerers Samuel Luckner in Cham, gest. 3. Januar 1794 als Marschall von Frankreich auf dem Schafott.

In den Schoß der Familie aufgenommen, wurde ich auch in die Familiengeschichte eingeweiht. Dabei entdeckte man einiges, was auf die eigene Entwicklung Licht warf. Man war doch nicht so aus der Art geschlagen, wie man gedacht hatte. Unser Stammvater Nikolaus Luckner, 1722 in Bayern geboren, erhielt als Schüler im Passauer Jesuitenkollegium »wegen einigen Leichtsinns und Wildheit« den Beinamen Libertinus. Er entlief aus nicht näher bekannten, aber sicher zwingenden Gründen mit fünfzehn Jahren der Schule, trat in ein bayrisches Infanterie-Regiment und kämpfte gegen die Türken. Dann wurde er, da ihm das Zufußgehen zu langsam ging, Leutnant in einem Husarenregiment, das aus dem bayrischen Dienst 1745 als gemietete Truppe in den holländischen übertrat. Der Deutsche hatte damals ja leider noch kein Vaterland, bestenfalls Vaterländer. Als aber der alte Fritz gegen die Franzosen kämpfen mußte, übernahm Major von Luckner 1757 die selbständige Bildung eines hannöverschen Husarenkorps, das unter preußischem Oberbefehl focht. Die Lucknerhusaren, die der Ahnherr Mann für Mann nach Ablegung einer Mutsprobe persönlich anwarb, waren bald in ganz Norddeutschland durch unzählige Waffenstreiche berühmt, und ihr Führer wurde der Ziethen des westlichen Kriegsschauplatzes. Als aber nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges das Regiment durch seinen Landesherrn, den englischen König, aufgelöst wurde, entgegen den Versprechungen, die man ihm gegeben hatte, nahm General v. Luckner gekränkt seinen Abschied aus hannöverschen Diensten. Der Feind wußte seinen Degen besser zu schätzen: der König von Frankreich bot dem sagenumwobenen Kämpfer ein neues Wirkungsfeld. Sein Herz schlug deutsch wie das eines Johann von Weerth oder Derfflinger; aber Deutschland hatte für sein Soldatenblut keine Verwendung. So wurde Herr Nikolaus, der einmal in der Schlacht inmitten eines französischen Regiments einen Überläufer erkennend, in die enggeschlossenen Glieder hineingesprengt war, um dem Ausreißer den Kopf zu spalten, selber ein Söldner des Auslandes, nicht der erste und leider auch nicht der letzte deutsche Haudegen, der diesen Weg gegangen ist. Er, der kaum französisch konnte, als er übertrat, mußte nun zuletzt als Marschall von Frankreich und Führer der französischen Nordarmee 1792 gegen Österreicher und Preußen kämpfen. Er hatte aber als »Franzose« ebensoviel Unglück, wie er früher als preußischer Parteigänger Glück entwickelt hatte, und als der Greis 1794 nach Paris fuhr, um seine Pension abzuholen, die ihm die Republik nebst vielen Vorschüssen an seine Armee schuldig geblieben war, legte man seinen Kopf unter die Guillotine, ungeachtet dessen, daß der Dichter der Marseillaise sie ihm gewidmet hatte.

Er selbst war willens gewesen, sein Leben in Holstein zu beschließen, wo er durch Heirat Gutsherr geworden war. Schiffskapitäne und Husarenoffiziere, die leichtbeweglich sind und viel durch die Welt streifen, siedeln sich auf ihre alten Tage gern dort an, wo auf ihren Wanderzügen ihr Herz hängen geblieben ist. So kamen die Luckners nach Holstein und wurden dänische Grafen. In Holstein ist mein Vater geboren. Als er das kritische fünfzehnte Jahr erreicht hatte — es war gerade im Jahre 1848 — lief auch er von der Schule weg. Er wollte gegen die Dänen fechten, nahm jahrelang an allen Kämpfen teil und kehrte 1850 als Dragonerleutnant nach Hause zurück. Den Geschmack an den Studien hatte er verloren. Er wurde Landwirt und war bald in ganz Holstein durch Gastfreundschaft und allerhand lustige Streiche bekannt. In Bramstedt wird noch das Denkmal gezeigt, dessen Sockel der »tolle Luckner« auf dem selbstgezüchteten, edlen Hengst im Sprunge nahm. So oft der König rief, 1864, 1866, 1870, trat mein Vater in die Armee ein. Aber nach beendetem Kriege kehrte er jedesmal nach Hause zurück. Er wollte im Frieden nicht Soldat sein, nur Schütze und Jäger. Gute Freunde nutzten den liebenswürdigen Herrn und seine Sportleidenschaft aus; er verlor schließlich seine Besitzung und siedelte nach Dresden über, wo sein Vetter lebte, der gleichfalls nur der »tolle Luckner« hieß. Dieser fuhr gern mit knallroter Equipage sechsspännig durch Dresden — auch hinderten ihn dabei nicht die Stufen der Brühlschen Terrasse —, und als ihm der König das Sechsspännigfahren verbot, nahm er fünf Pferde und einen Maulesel. Eines Tages saß er mit einem Freund im Gasthof bei Tisch, als eine schöne junge Dame, Gräfin X, den Saal betrat. Mein Onkel, der ihr noch nicht vorgestellt war, fing Feuer und wettete sofort mit seinem Freund um ein Rittergut, daß er sich die Hand der Dame erringen werde. Wenige Wochen darauf war das Paar aufgeboten; er hatte aber inzwischen bei näherer Bekanntschaft die Lust verloren und zog es vor, anstatt zur Trauung auf die Festung Königstein zu wandern, um wegen Pistolenzweikampfs mit einem Verwandten der Dame in Haft zu büßen. Auf Königstein war es langweilig, und so vertrieb er sich die Zeit, indem er in die vorbeifließende Elbe mit Talern warf, um herauszubekommen, ob sie »rikochierten«.

Kavalleristisch galoppiert es durch die Lucknersche Familiengeschichte. Einsetzen der Person und ein fröhliches Lachen ist vom Ahnherrn erblich; irdische Güter sind gekommen und gegangen, das Herz ist auf dem alten Fleck geblieben. Viel deutsche Geschichte drängt sich schon auf den wenigen Blättern unserer Familienchronik durcheinander. Aber sollte Deutschland noch einmal ums Dasein kämpfen müssen, sind hoffentlich auch die Luckners wieder zur Stelle.

Sechstes Kapitel. Offizier und immer mal wieder Matrose.

Ich fuhr nun zwei Jahre bei der Hamburg-Amerika-Linie. Während dieser Fahrten bereitete ich mich aufs Kapitänsexamen vor. Ich bin nicht mehr auf eine Schule gegangen, sondern habe mich privat vorbereitet. In Hamburg nahm ich einige Zeit Privatstunden zu diesem Zweck. Nachmittags pflegte ich dann auf der Unterelbe hinter Altona bei Neumühlen mit einigen Kameraden zu segeln. Es ereignete sich einmal, daß in einem vor uns segelnden Boot ein Mann, der weder ordentlich segeln, noch schwimmen konnte, ein Kölner Kaufmann, durch den Besanbaum von Bord geschlagen wurde. Ich schwamm nach der Stelle, wo er hineingefallen war. Wie ich hinkomme, ist er untergegangen, so daß ich tauche und ihn in ziemlicher Tiefe fasse. Ich schiebe ihn hoch, und er gelangt dadurch früher an die Oberfläche als ich. Wie ich nun nachkomme und Luft hole, umkrallt er mit Armen und Beinen meinen Körper. So werde ich mit ihm hinuntergezogen. Endlich werden durch Zufall meine Beine frei, ich stoße mich von ihm ab und komme dadurch los und gelange wieder hoch. Es wurde mir schon schwarz vor den Augen, aber ich erholte mich und tauchte nochmals. Lange blieb ich mit dem Unglücklichen auf der gleichen Höhe des Flusses, da der Strom uns mit gleicher Geschwindigkeit fortriß. Endlich bekam ich den schon Bewußtlosen zu fassen und arbeitete mich gut 500 Meter über die breite Elbe ans Ufer. Als ich drüben ankomme, hat sich eine große Menschenmenge gesammelt. Ich bin ganz erschöpft und will meinen Mann abgeben, als ich Grund spüre. Da brach ich infolge der Kraftanstrengung bewußtlos zusammen. Ein alter Herr will mich da mit dem Regenschirm herangestakert und herausgeholt haben. Der Verunglückte wurde wieder belebt und nach einer halben Stunde kam ich auch wieder zum Bewußtsein und fuhr nach Hause.

Lebensrettungen sind verhältnismäßig langweilig zu erzählen. Ich muß sie nur erwähnen, weil sie in meiner Laufbahn eine gewisse Rolle gespielt haben. Im übrigen lernt man nie einen Menschen richtig retten, da man ja nicht wie ein Bademeister immer auf der Hut steht, sondern zufällig dazu kommt, dann ist man selber so aufgeregt, daß man die Örtlichkeit und die Besonderheiten des Falles nicht lange überlegen kann. Im Reglement »Wie man Ertrinkende retten soll«, ist das alles so rosig und einfach dargestellt. Zum Beispiel: man soll den Ertrinkenden von hinten her bei den Haaren fassen. Aber abgesehen davon, daß man oft nicht weiß, ob der Betreffende Haare hat, ist in den Vorschriften der Fall nicht vorgesehen, wenn ein Ertrinkender in trübem, undurchsichtigem Wasser untergetaucht ist, wobei es leicht vorkommt, daß er einen unter Wasser schneller anfaßt, wie man ihn selbst packen kann, und das sind die häufigsten Fälle, denen man bei Rettung Ertrinkender begegnet.

Acht Tage später lud mich das Bezirkskommando vor; sie hatten die Geschichte aus den Zeitungen erfahren, und ich sollte nun Zeugen angeben, damit ich die Rettungsmedaille bekäme. Ich erwiderte, daß ich nicht nach Zeugen suchen möchte. Es hieß aber, daß die Bestimmung Zeugen verlangte. So konnten wir uns nicht einigen.

Inzwischen hatte ich mich zum Examen vorbereitet und meldete mich bei Professor Bolte in Hamburg. Er fragte: »Wo sind Sie auf der Schule gewesen?« Ich erzählte ihm, daß ich privat gearbeitet hätte. Das war ihm sichtlich unangenehm. »Wozu haben wir unsere Schulen?«, fragte er, »wir müssen Sie zum Examen annehmen, aber daß wir Ihnen auf den Zahn fühlen, kann uns nicht verwehrt sein.«

»Daß Sie mehr wissen als ich, Herr Professor, davon bin ich überzeugt,« erwiderte ich und ging nach Altona. Dort war meine Hoffnung der alte Direktor Jansen. Augenscheinlich war er aber schon durch Fernsprecher unterrichtet.

»Wo waren Sie auf der Schule?«, fragte er mich.

»Ich habe mich privat vorbereitet.«

»Sie sind Abiturient, nicht wahr, mit guten Grundkenntnissen?«

»Nein, ich bin Tertianer.«

»So,« sagte er, »ich bin bis zur Prima gekommen, habe es aber doch für nötig gehalten, sieben Monate noch zur Schule zu gehen. Nun, kommen Sie in drei Wochen zum Examen.«

Ich äußerte die Befürchtung, man wünschte wohl diejenigen auszumerzen, welche die Schule umgingen.

Er meinte zwar, das hätte er nicht gerade gesagt, aber er interessierte sich natürlich in besonderem Maße dafür, was dabei herausgekommen wäre. Meine Selbstsicherheit war doch so sehr erschüttert, daß ich wiederum weiterzog nach Flensburg, zum Oberlehrer Pfeifer. Der wollte mich gleich annehmen, aber ich müßte mich erst in Altona bei Direktor Jansen vorstellen. Das wäre ein so gemütlicher Mensch!

»Nein,« sagte ich, »da komme ich ja gerade her. Der Herr interessiert sich so sehr für hohle Zähne. Können Sie mir nicht sagen, wo noch eine Schule ist, an die ich mich wenden kann?« In Lübeck paßten mir nämlich die Termine damals nicht.

Da riet er mir, nach Timmel bei Papenburg in Ostfriesland zu gehen, da würden so schwerfällige Menschen unterrichtet. Papenburg ist ein kleines Nest mitten in Ostfriesland, wo es nur Torf gibt. Es ist eigentlich die größte Stadt der Welt, nämlich die längste, denn man braucht 2½ Stunden, um hindurchzulaufen. Sie hat drei Postämter. In früheren Zeiten war es eine Torfkolonie. Ein Kanal läuft hindurch und die Kolonisten haben sich rechts und links angebaut.

Ich gehe also dorthin zur Schule. Da war ein alter, würdiger Herr mit einem weißen, fusseligen Bart. Ich war schon gewitzigt und erzählte ihm, ich hätte aus Gesundheitsrücksichten keine Schule besuchen können, daher die Zeit auf meinem Krankenlager benutzt, um mich privat vorzubereiten. Ich wäre pekuniär nicht in der Lage gewesen, die Schule noch nach meiner Krankheit zu besuchen, wäre aber sehr fleißig gewesen usw. Ich verstand es schon besser, mich auszudrücken.

Er meinte, das wäre ja sehr nett, es wäre ihm auch ganz angenehm, denn sie hätten augenblicklich nur einen Schüler. Ich dachte, das hast du ja gut getroffen. Der Schüler wäre auch recht schwach. Ach, dachte ich, das konnte sich ja gar nicht besser treffen. Dann fragte er mich nach meinen Personalien.

»Das ist ja eine große Freude und Ehre für uns; wie sind Sie denn gerade auf Papenburg gekommen?«

»Hm ja! Ich hatte einen guten Freund, der hat die Schule hier besucht und mir davon vorgeschwärmt.«

»Wie hieß er denn?«

(Du lieber Himmel) ... »Meier!«

»Von welchem Jahrgang war er denn?«

»Das weiß ich nicht mehr.«

»Hat er schon das Kapitänsexamen?«

»... Nein.«

»Na, das muß er aber auch bald machen.«

Ich erhielt einen Brief mit zu dem Direktor in Geestemünde, dort mußte ich mich erst vorstellen. Das war ein reizender Herr, der sich sehr freute, daß ich mein Examen machen wollte. Er könne mir das nachfühlen, nach meiner Krankheit, daß ich schnell in die Prüfung wolle; es werde auch schon gehen, das Examen sei in drei Wochen, ich solle da und dort noch etwas Nachhilfeunterricht nehmen.

Dieser Nachhilfeunterricht förderte mich gut; es wurde dabei gern zusammen eine gemütliche Pulle Rotspon getrunken. Ich war der einzige Trost der Schule, denn der andere war immer in Schweiß gebadet vor lauter vergeblichem Fleiß.

Das Examen nahte. Direktor Prahm und Oberlehrer Neptun, wie wir ihn nannten, hatten die Aufsicht, und ich war wirklich als der erste fertig, und der andere brütete da herum und schmorte. Bei mir stimmte alles, ihm wurde noch ein bißchen unter die Arme gegriffen. Einer mußte durchkommen, das war für die Schule ja nötig, aber schließlich kam der andere auch noch durch. Zuletzt kam das Maschinenexamen. Das war wenig verwickelt und beschränkte sich auf solche Fragen: Womit Dampf erzeugt wird? Durch Hitze. Wie die beiden Rauchkammern vorn und hinten heißen? »Vordere Rauchkammer und hintere Rauchkammer.« »Richtig.« So wurde die Prüfung bestanden, kraftvoll mit dem Lehrer gefeiert, und dann reiste ich stolz nach Hamburg.

Dann fuhr ich bei der Hamburg-Amerika-Linie weiter bis zum Spätjahr 1911. Dann bin ich aktiver Seeoffizier in der Kaiserlichen Marine geworden. Der Anlaß dazu war meine fünfte Lebensrettung, die am Weihnachtsabend dieses Jahres passierte. Ich war bei einer Feier in Hamburg gewesen und komme nachts zurück und will an Bord meines Schiffes, des »Meteor«. Ich stehe auf dem Fährponton und warte auf den Fährdampfer. Neben mir steht ein Zollbeamter. Da sehe ich im trüben Lampenscheine der Hafenbeleuchtung im Wasser einen Kerl treiben und will mich in das Wasser stürzen. Da hält mich der Beamte zurück: »Ist es denn nicht genug, wenn da einer ersäuft?« »Aber ich kann den Menschen doch nicht ertrinken lassen!« »Sie sind wohl ganz verrückt, in das eiskalte Wasser gehen zu wollen. Er hält mich am Überzieher fest, aber ich reiße mich heraus aus dem Überzieher und springe hinunter. Donnerwetter, wie ich in das Wasser komme — es waren 13½ Grad Kälte in der Nacht — war es mir, als wenn mir einer einen glühenden Draht in den Nacken hielte. Ich mußte noch etwa 25 Meter schwimmen, bis ich den Ertrinkenden faßte. Die Kälte und sein Weihnachtsrausch waren sein Glück gewesen, denn er war steif, und wer ruhig im Wasser liegt, der geht nicht so leicht unter. Ich bringe ihn zurück zum Ponton. Das ist aber etwa einen Meter über Wasser, und ich hätte nicht mehr die Kraft gehabt, dort hinaufzukommen, wenn der Zollbeamte mich nicht zu fassen gekriegt und mir herausgeholfen hätte.

»Solch oll dösiger verrückter Kerl,« sagte er, »wenn ich nich west wär, denn wärt ji all beid’ versopen.«

Man brachte mich und meinen Mann (es war der englische Matrose Pearson) in eine Grogstube; da roch es fürchterlich nach Tabak und allem möglichen: es waren nämlich die alten Hoppenmarkt-Löwen gemütlich beim Weihnachtsfeiern. (Hoppenmarkt-Löwen nennt man die Männer, die den Fischweibern die Körbe auf den Markt tragen.) Sie wickelten uns in wollene Decken und pumpten uns einen Grog nach dem andern ein. Ich erholte mich auch wieder und überwand den Schrecken von dem kalten Wasser, desgleichen auch mein Mann, der nun seine zweite Ladung bekam.

Eigentümlich ist es, daß ich beim Retten Ertrinkender beinahe mehr Angst habe als der Ertrinkende selbst. Mein Körper fliegt und zittert, wenn ich jemandem nachspringe. Das Baden im freien Wasser ist mir deshalb förmlich zuwider, weil mir dabei stets die Eindrücke wieder wach werden, die ich beim Retten habe. Es ist mir beim Schwimmen, wie wenn sich einer an einem Leibgericht einmal ordentlich überpräpelt hat; man mag es schließlich nicht mehr. Wenn ich erst einmal im Wasser drin bin, ist mir wieder wohler. Stoße ich aber im Wasser an irgend etwas, so geht es mir durch und durch, und ich denke dabei stets an einen Toten.

Überall stand seit der Weihnachtsgeschichte in den Zeitungen: Hoch klingt das Lied vom braven Mann usw. Es hieß, ich hätte fünf Menschen das Leben gerettet und noch immer nicht die Medaille. Einer von den fünfen war zudem eine bekannte Persönlichkeit. Aber das Bezirkskommando beharrte immer noch bei seinen Zeugen und ich weigerte mich aus reiner Dickköpfigkeit, sie zu beschaffen. Dem »Hamburger Fremdenblatt« verdanke ich es in diesem Zusammenhang, daß ich aktiver Offizier geworden bin. Denn als ich kurz nachher in Kiel eine dreimonatige Reserveoffiziersübung mitmachte, bekam Prinz Heinrich von Preußen von mir zu hören.

Eines Tages erhalte ich eine Order und werde gefragt, ob ich Lust hätte, aktiv zu werden. Ich erwiderte, daß dies mein sehnlichster Wunsch wäre, ich glaubte nur, dafür zu alt zu sein. Darauf wurde mir geantwortet, das sollte ich nicht meine Sache sein lassen. Am 3. Februar 1910 erhielt ich ein Telegramm des Inhalts: Graf Luckner kommandiert zur Marine zwecks späterer Aktivierung. Was war ich glücklich; Welt, was bist du schön!

Jetzt galt es zu arbeiten: Ich mußte ja nachholen, was Seekadetten und Fähnriche sonst in 3½ Jahren lernen.

Nach dem Infanteriekursus ging es zum Torpedokursus. Diese enorme Technik! Die Vollkommenheit des Apparates, der ganz allein arbeitet, mit dem Tiefensteller, der erhitzten Luft, und allem, was damit zusammenhing: nun hörte ich noch, daß es sogar vier verschiedene Torpedos gab, die wir alle durchnehmen mußten.

Es sind hundertfünfzig Schrauben an solch einem Ding. Die Namen aller Teile muß man behalten und den Apparat so kennen, daß man ihn selbst zusammensetzen könnte. Ich dachte bei mir: Das lernst du nie, jetzt bist du wieder der Dumme wie damals in Tertia.

Kapitänleutnant Kirchner interessierte sich für mich und half mir nach Kräften. Ferner war da als Lehrer Kapitänleutnant Pochhammer, dessen Vater zu gleicher Zeit Vorträge über Dante hielt. So ging ich fleißig auch zu diesen Vorträgen und studierte Dante. Was wußte ich vorher davon! Ich verstand ja auch jetzt nicht viel, aber die Beatrice hat mir doch gefallen, das eigentümliche Mädel. Meine Danteinteressen machten einen guten Eindruck, man drückte darauf hie und da ein Auge zu. Ich bekam die nötige Sicherheit und bestand wieder einmal ein Examen.

Auf »Kronprinz«
Auf »Kronprinz«

Auf »Kronprinz«.

Auch die Schießübungen gingen gut. Auf der Schiffsartillerieschule in Sonderburg gab es viel Neues zu lernen, leichte, mittlere und schwere Artillerie, die hydraulischen und die elektrischen Funktionen usw. Junge, wat wirst du för’n kloken Keerl! Ich bekam eine wilde Begeisterung für allen technischen Kram, so daß ich mich da wie in einen Pott voll Erbsen hineinschmuddelte. Ich wollte immer noch mehr lernen und dachte: Wenn du Hasen schießen kannst, dann kannst du doch auch mit der Artillerie schießen. So habe ich auch diesen Kursus bestanden.

Mit meinen Kameraden und den Lehrern bin ich gut Freund geworden, obwohl ich viele Neider hatte. Ich gehörte ja nie zu denen, welchen das Begreifen leicht fiel, und nun entwickelte ich nach so viel Hindernissen auf einmal so viel unglaubliches Glück. Ein Korvettenkapitän hat es damals fertig gebracht zu äußern, die Marine hielte sich jetzt gut genug als Aufnahmestätte für solche Elemente, die aus dem Elternhaus hinausgeworfen wären. Das war seit den sechziger Jahren auch nicht mehr vorgekommen, daß einer so wie ich in die Marine kam.

Die Kurse machte ich aus kaiserlicher Schatulle, da an sich kein Reserveoffizier nach den Bestimmungen aktiv werden konnte. Als Offizier beteiligte ich mich an den Fähnrichskursen und erhielt obendrein 300 Mark monatliche Kommandozulage auf private Kosten Seiner Majestät.

Auf »Kronprinz«
Auf »Kronprinz«

Auf »Kronprinz«.

Mein erstes Schiff war die »Preußen«, da war ein wirklich bedeutender Mann erster Offizier, der Korvettenkapitän v. Bülow, der sich meiner annahm. Durch sein erweckendes Interesse arbeitete ich mich wunderbar ein. Ich lernte alle die »Rollen« aufbauen, die es gab, Reinschiff, Bootsrolle, Klar Schiff zum Gefecht usw., die Flut- und Lenzeinrichtung: kurz alles, was dazu gehört, holte ich in Bälde nach. Die Hauptsache ist der resolute Entschluß, der bei vielen Menschen fehlt. Die Kritik macht es nicht. Man muß nur die Richtung haben, wohin man will, den freien Willen darauf lenken und nicht fragen, ob es so oder anders kommen könnte. Das habe ich immer empfunden, auch als ich später auf meinem »Seeadler« war.

Mein Jahr Probedienstleistung war um, und vom Kabinett wurde Bericht eingefordert. Darauf teilte man mir mit, daß ich drei Jahre vorpatentiert wäre, und so lauteten die gnädigen kaiserlichen Worte: »Bei weiterer günstiger Berichterstattung über den genannten Offizier behalte Ich Mir vor, sein Dienstalter abermals zu erhöhen.«

Auf »Kronprinz«
Auf »Kronprinz«

Auf »Kronprinz«.

Als die endgültige Aktivierung gekommen war, hatte ich doch das Gefühl: jetzt bist du nicht mehr abhängig von der Reederei, vom Inspektor, der einen einfach an die Luft setzen kann. Der »olle Seemann« war abgetan. Jetzt durfte man nicht mehr mit dem Löffel einhauen. Die »Gesellschaft« lag nicht mehr in unerreichbarer Ferne. Man fühlte, wie man gewandter wurde und fand sich in die neue Rolle. Die Kieler Woche ward mitgemacht und mancher sportliche Preis dabei geholt. Je mehr ich aber so hineinkam, um so mehr sproßte auch die Sehnsucht nach dem Vergangenen wieder im Stillen. Nachdem ich mein Steuermannsexamen gemacht hatte, war mein Fuß ja auf kein Segelschiff mehr gekommen. Aber die heimliche Liebe verließ mich nicht. Auf der »Preußen« habe ich meinen ersten Rückfall gehabt und in meiner freien Zeit das Modell eines Segelschiffes geschnitzt.

Jetzt wurde ich Wachoffizier. Das ist der wichtigste Posten für einen jungen Marineoffizier, wo er selbständig Wache gehen, das Schiff im Verbande führen muß usw. Ich hatte anfangs einige Schwierigkeiten mit den Leuten, die mir den Aufstieg nicht gönnten und äußerst mißtrauisch aufpaßten, wie ich meine Sache machte. Endlich kam meine Beförderung zum Oberleutnant heraus, und ich trat meinen ersten Urlaub an.

Ich fuhr wie üblich nach Hamburg.

Dort sitze ich mit einem Bekannten zusammen, der eine Reederei hatte, und sage zu ihm: »Ich möchte doch einmal wieder an Bord eines Segelschiffes. Wie ich heute durch den Hafen fuhr, merkte ich, wie man an den Schiffen hängt. Ich denke an den Feierabend an Bord, wo man die Handharmonika hörte, wenn die Sonne unterging, und hatte Heimweh nach meinen schönsten Stunden.«

Er sagte: »Du bist wohl verrückt. Jeder strebt doch vorwärts. Man denkt wohl gern an die Zeiten, die man erlebt hat. Aber das habe ich doch nie gesehen, daß ein Diplomingenieur wieder Sehnsucht hat, am Amboß zu stehen.«

Dann war er aber einverstanden, mich wieder auf ein Segelschiff zu bringen.

Wenn ein Segelschiff in den Hafen kommt, wird es gelöscht, die Leute mustern ab. Wird es neu beladen, so mustert man die Mannschaft allmählich wieder an. Die einzelnen werden zunächst vorgemustert, und erst wenn eine ganze Mannschaft beisammen ist, werden sie alle auf einmal vom Seeamt angemustert. Ich ließ mir also von meinem Bekannten einen Vormusterungsschein geben für das Schiff »Hannah«, ging in ein Ausrüstungsgeschäft für Seeleute und kaufte mir Arbeitshose und Hemd, Matratze und Decke. Letzteres lasse ich an Bord schicken. Das Zeug und eine blauweiße Bluse, wie die Seeleute sie tragen, ferner eine Mütze nehme ich persönlich mit, packe alles in meinem Hotel in die Handtasche um und lasse mir eine Droschke kommen. Ich sage dem Kutscher, er solle mich nach der Rosenbrücke fahren, nach dem Baumwall. Während der Fahrt ziehe ich meine Uniform aus, die Arbeitshose an, binde den Riemen um den Leib und packe die Uniform in die Handtasche und schließe sie ab.

Wir kommen am Ziel an, ich steige aus.

Der Kutscher macht große Augen: »Wat is denn dat? Sind Se de Seeoffizier, de mit mi von Hotel Atlantic kamen is?«

»Jawohl.«

»Se, Se! Wat wüllt Se don? Se wüllt sik afsupen (ertränken) hier! So’n junges Leben! Don Se mi dat nich an! Warom hewwt Se sik anner Tüg antrokken? Se wüllt sik unkenntlich moken.«

Ich versuche ihn zu beruhigen und sage, ich hätte hier etwas zu besorgen. Aber er ließ sich nicht begütigen: »Ne, Se wüllt sik afsupen. Seggn Se mi doch, wat Se hebben, Se bruk sik doch nich glik Ehr junges Leben to nehmen!«

Ich sagte ihm, er sollte ruhig meine Tasche nach dem Hotel zurückfahren, ich gäbe ihm das Doppelte, was die Fahrt kosten sollte.

»Un Se komm’ nich wedder?«

»Doch ich komme wieder.«

Schließlich mußte ich ihm im Vertrauen sagen, ich hätte hier eine Sache aufzuklären und müßte da als Matrose auftreten, könnte nicht in Uniform hinkommen. Er fragt, ob er denn das auch glauben dürfte? Ich versicherte es ihm. Da, wie er losfährt, dreht er sich noch einmal um und sagt: »He deit doch dat nich?«

Ich gehe also auf einen Jollenführer los, mache mir unterwegs die Hände schmutzig, reibe mir Staub in die Poren, wiege mich beim Gehen, wie ein Seemann, mache mir das feine Benehmen ordentlich aus, versuche, ob ich noch spucken könne, und rauche meine Piep an. So trollte ich an Bord, die Hände in den Hosentaschen. »Gu’n Tag« segg ick zum Steuermann und zeige ihm meinen Vormusterungsschein. Er fragte mich, wo ich gefahren hätte, wie lange ich zur See wäre, und alle solche Fragen.

»Wie lange seid Ihr an Land?«

»Drei Wochen.«

»Na, Filax Lüdicke denn komm man un mak di an de Arbeit.«

»Ne, ik hev doch min Tüg noch nich hier. Do sind doch blot ok drei Mann an Bord.«

»Ja, dat deit doch nix.«

»Un wenn ik nu nich kamen wär?«

»Denn wär eben ’n annern kamen.«

»Ne, vormittags törn ich nich to.«

Dabei blieb es. Ich gehe noch nicht an die Arbeit, sondern schlendre nach vorn, da sehe ich auch schon den Smutje stehen, einen breiten Kerl mit rotem Bart. Er fragt mich: »Wat war din letztes Schip?« und meinte dann: »N’ feinen Kaptein, n’ fein Schip. Ik mak schon de tweete Reis’ hier.«

Da seh ich auch so einen lütjen Nauke beim Tellerabwaschen und denke bei mir: »Der ist genau wie du damals so ungeschickt.«

Ich komme nach vorn ins Logis, da sitzen ein Hein und ein Jan auf einer Kiste mit ihrer Piep. Beide haben sich von der Arbeit gedrückt. Ich wollte sehen, ob sie was merken, und fange an, mich mit ihnen zu unterhalten. Hein fragt: »Wie heest du?«

»Filax.«

»Du büst woll lang an Land west?«

»Wo so?«

»Du sühst so fein ut. Du hest de Hoor so fein sneden und büst so fein rasiert. Wo hest du fohrt?«

»Op de Persimon.« Das Schiff hatte ich gerade da liegen sehen.

»Da fahr ik nich mehr. Bei Laeisz, da gibt et nix to freeten. Hast du nich ’n Olsch (Alte)?«

»Ne.«

»Ik hev ’n Olsch, de wär all dreimal verheirat, un hett nie den Richtigen kriegen können, awwer jetzt, seggt sie selbst, hett se ’n ganzen Kerl.«

»Wat is se denn?«

»Plätterolsch. Die kann plätten! Und hett mi all in Stand sett, und nu is se so glücklich. Dat kann ik di seggn, abends, da bringt se mi warm Eten. Dat is ne feine Deern, de hett Sneid.«

»Ik freu mi ja bannig, dat se an Bord kümmt,« sag ich.

Wir unterhalten uns so, da kommt der Steuermann: »Mokt dat Ji rut kümmt, de Filax kann sin Tüg utpacken un an de Arbeit gohn.«

»Ne,« sag ich, »ik hebbt seggt, erst Nachmittag.« Ich dachte, du mußt ordentlich großspurig sein; das ist nämlich beim Seemann ein Zeichen, daß er was kann.

Dann kommt der Kapitän von Land und fragt den Steuermann: »Wat hevt wi för Lüd kregen?«

»Een Mann is hüt kamen, de lang na See to fohrt, awwer he is höll’sch altbacksch.«

»He soll mal rut komm’.«

Nauke wird geschickt: der Filax soll mal achtern rut komm’n taun Kaptein.

Ich komme nach achtern rut: »Tag, Kaptein!«

»Tag. Wann sind Se an Bord kamen?«

»Klock tein hüt Morgen.«

»Wie lang fohrt Se no See to?«

»Föftein Johr.«

»Ik will Ju man seggen; wi hevt vel to dohn mit de Seils, könnt Se Seils neihn?«

»Jo, dat kann ik.«

»Wir haben nicht Zeit genug, die Segel an Land auszubessern, das muß auf See geschehen.«

»Jo, dat doh ik.«

»Hevt Se Ehr Tüg an Bord?«

»Ne, noch nich mal min Matratz.«

»Na, denn gehn Se man nachher an de Arbeit.«

Ich esse ordentlich wieder mal Bohnen in Bouillon, richtig wieder im Logis, über meinen großen Emailletopf, den Mock, über den Tisch gelehnt. (Bloß nicht zeigen, daß du Offizier bist. Ich habe ja fünfzehn Jahre zur See gefahren.) Ich lege mich nach dem Essen in die Koje und frage: »Ist denn keine Handharmonika da?«

»Jo, Hein hett een’.«

»Geihst du von Bord hüt abend, Hein?«

»Ne, ik hev keen Geld.«

»Denn spel man! Ik giw ok ’n Kasten Beer ut.«

... Richtig, abends wird Feierabend gemacht, Handharmonika gespielt, die Motorbarkasse kommt heran, wo Bier in Kisten verkauft wird, und ein Kasten wird heraufgeholt. Um halb sieben kommt die Plätterin. Sie war ein ganz nettes Mädchen, hatte so ein bißchen die Blattern gehabt, hatte so eine hochsitzende Fladuse, einen gewissen »flying jib«, aber sonst war sie ganz nett. Ihren Hein, den mochte sie ganz gern; sie hatte einen tüchtigen Pott mit Essen mitgebracht. »Dat magst du wohl, Jung.«

Wir sitzen so, da sehe ich, wie er einen Tuschkasten herausholt. Und während wir draußen sitzen und das Abendlicht auf dem Wasser glitzert, malt er ihr eine Tätowierung auf den Arm. Ein tüchtig großes Herz mit einer großen Flamme daraus; dann mußte der Name rein. Er machte mal eine kleine Pause, denn sie konnte es nicht ganz aushalten. »Dat is ne feine Deern, de löt sik alles gefallen, de is so treu wie Gold.« (Nur sah der Vogel nicht so treu aus.) Er hatte ihr schon viel vorgeredet, Pläne gemacht. Sie wollten nach Australien, Gold suchen.

Ich bin ganz vergnügt, absolut in meinem Fett. So geht es den einen wie den andern Tag. Mit dem Steuermann konnte ich nicht gut umgehen, ich war ihm zu altbacksch. Er verpetzte mich immer. Ich wollte aber auch kein Freund vom Steuermann sein, sondern ein richtiger Matrose. Mit dem Kapitän unterhielt ich mich auch dann und wann einen Augenblick. Den dritten Tag kommt mein Freund, der Reeder, und will mich mit dem Motorboot abholen. Er will nach vorn kommen. Ich rufe: »Bloß mich nicht verraten.« »Wann kommst du an Land?« »Um sieben Uhr. Wir treffen uns im Commercial Room.«

Der Steuermann und der Kapitän hatten schon gemerkt, wie der Reeder ankam, aber nicht, daß er mit mir sprach.

»Tag, Herr Direktor.«

»Tag, Kapitän, na, was gibt es Neues? Geht das Laden gut vorweg? Wieviel Leute haben Sie schon?«

»Wir haben fünf Mann mit dem Steuermann.«

So gingen sie auf und ab. »Kapitän, ich lade Sie zu heute abend ein, seien Sie um acht Uhr im Englischen Hotel.«

»Jawohl, Herr Direktor.« — —

Wie ich den Reeder treffe, bitte ich ihn, den Kapitän zum Atlantic mitzubringen, aber nichts zu verraten. Ich komme in meiner Seemannskluft ins Atlantic, da gucken die Leute mich von oben herab an, und ich witsche in mein Zimmer. Der Geschäftsführer erkennt mich und zwinkert mit den Augen. Ich ziehe meine Uniform an, gehe noch ein wenig spazieren, und allmählich wird es halb neun. Im Hotel ist eine prächtige große Halle mit blumengeschmückten runden Tischchen. Wie ich zurückkomme, sitzt der Kapitän schon da. Er ist ein wenig befangen. Der Reeder stellt vor: »Kapitän Erdmann von der Hannah.« — »Graf Luckner.« Dann sitzen wir bei einer Pulle Wein.

Erdmann guckt mich immer so an und dreht mit dem Weinglas hin und her und entdeckt wohl eine gewisse Ähnlichkeit. Man sieht es ordentlich seinem Gesicht an, daß ich nach seiner Meinung einem Matrosen ähnlich sehe, aber er kämpft es offenbar nieder, denkt wohl, daß es gerade keine Schmeichelei für einen Seeoffizier sei, wenn er das sage.

Wie ich einmal hinausgegangen bin, fragt er den Reeder: »Wie rede ich ihn eigentlich an, er ist doch Oberleutnant und Graf?«

»Ja,« sagt der Reeder, »man nennt ihn nur Graf.«

»Sie müssen denken, ich bin beinahe herausgeplatzt mit der Sprache, denn er sieht einem Matrosen so ähnlich, ich dachte, es wäre sein Bruder, denn so was von Ähnlichkeit habe ich noch nie gesehen.«

Wir sitzen da, essen und trinken, er guckt mich immer so an, der olle Kaptein, kommt aber nicht aus sich heraus.

Wie ich nun in gute Stimmung komme, frage ich: »Kennen Sie mich wieder?«

»Wat? Wat is los??«

Wie auf dem Sprunge war er.

Ich sage: »So, ich dachte, Sie kennen mich wieder.«

»Was meinen Sie damit, daß wir uns schon mal gesehen haben?«

»Ja, wir haben uns doch mal gesehen.«

Er rang noch einmal mit sich selbst und zwang es nieder.

»Ja, Herr Graf, Sie kommen mir auch so bekannt vor, aber wo haben wir uns gesehen?«

»Kennen Sie mich nicht?«

Nun saß er da, drückte hin und herüber, der Direktor hatte gesagt, er dürfte das mit der Ähnlichkeit nicht herausreden. Er saß, wie man zu sagen pflegt, mit de Vorbeen’ im Trog. Ich sage:

»Kennen Sie Filax?«

»Mensch ... Mensch. Sind Sie Filax??«

»Aber Herr Kapitän,« sagt der Direktor.

»Ach, Herr Direktor, dat is mi man blot so rutlopen.«

Ich bestätigte, daß ich es wäre.

»Nein, Sie sind das gewesen? Sie sind bei mir an Bord gewesen? Sie sind doch ein Marineoffizier, wie kommen Sie an Bord?«

Ich erzähle ihm meine Laufbahn, und da sind dem Mann die Tränen heruntergelaufen: »Jetzt gebe ich eine Pulle aus, das freut mich so, das kann ich gar nicht verstehen. Ich war doch immer nett zu Ihnen, nicht wahr?« Der Steuermann hätte aber gesagt, ich wäre altbacksch. »Ach was, der Steuermann, das ist ja aber gar nicht wahr, daß Sie altbacksch sind.«

Da kam der gute Kerl so in Schwung, daß er uns einlud nach Sankt Pauli. Ich müßte doch noch einmal an Bord kommen, das sollte ich ihm versprechen.

Dann sind wir mit vollem Winde nach Sankt Pauli gezogen. Da ging es hoch her! Er war so stolz: »Mi glöwt dat ja keen, wenn ik dat min Matrosen un Stürlüt vertell. So einen ulkigen Graf, den hab ich mir doch nicht vorgestellt.« Der Kaptein hat sich an diesem Abend tüchtig beschnobbert. Ich konnte leider nicht mehr an Bord kommen, und so habe ich ihm wenigstens ein Bild von mir zugeschickt zum Dank für die drei Tage an Bord, die mich so aufgefrischt hatten.

In Hamburg ist ein Heim, wo die armen Seefahreralten auf Staatskosten untergebracht werden. Unten am Eingang hängt ein Gemälde mit der Aufschrift: »Helft den Seefahrern um Gotteswillen!« Oft bin ich hineingegangen zu den Alten, von denen manche 50 Jahre auf See gefahren waren. Es sind knochige Gestalten mit verwetterten Gesichtern und Kranzbärten. Jeder hat einen kleinen Raum, eine Kajüte und Koje, die Wände mit Erinnerungszeichen geschmückt. In der Messe versammeln sie sich um einen großen Tisch. Wenn man hinkommt, um sie zu besuchen, tritt einer nach dem andern aus seiner Kajüte, die Pfeife im zahnlosen Munde, brennt sich die Pip an und hört zu, was man als junger Seemann erzählt. Meistens nahm ich ihnen ein wenig Plattentabak mit, wenn ich hinging, und dann hieß es: »Na Filax, wat giwwt dat Ni’es?« Die alten Leute klagten besonders, daß man ihnen die Hochbahn vor die Nase gebaut hätte. Sie hatten nun keinen freien Ausblick mehr und konnten nicht wie früher sehen, wenn ein Segelschiff raus ging. Mit der neuen Zeit sind die alten Leutchen gar nicht recht einverstanden, es gibt nichts mehr, was sie interessiert. Eigenartig ist es, wie sie ihre Strümpfe stopfen. Sie stecken eine Flasche in den Strumpf und stopfen dann. Der Seemann legt bekanntlich großen Wert auf das Stopfen und stopft genau nach den Maschen, so daß es nachher nicht zu sehen ist.

Ein anderer malt Schiffe auf Ölsegeltuch. Ein ganz blauer Himmel oder ein ganz schwarzer.

Die alten Seeleute haben nichts weiter als ihre Seekiste, die ihr einziger treuer Begleiter ist, mit dem sie die See befahren haben, die Außenwelt kümmert sich nicht mehr um sie. Ab und zu, alle halben Jahre einmal, bekommen sie einen Brief von einem Maaten, der vielleicht zehn Jahre jünger ist als sie. Ein solcher Brief wird erst allgemein vorgelesen und dann liest ihn jeder für sich allein. Und dann geht es los:

»Minsch, weetst du noch, as wi in Buenos Aires wären, wo wi uns do dropen däh’n?« Viele Erinnerungen tauchen auf, »un weetst du noch, da un da, wo du so besoopen wärst?«

Einmal habe ich ein Boot genommen und die alten Leutchen eingeladen zu einer Spazierfahrt im Hafen. Ach Gott, wie waren sie begeistert! Erst eine Hafenrundfahrt. Wie sie so alle langsam ins Boot klettern. Und dann geht es los. »Nu, man nicht so gau (jäh), dat Schip möt wi uns erst mal ansehn. Minsch, wo ward dat hengahn? Jung, kiek, de hätt noch ne ornlich stramme Takelag’.« So wird jedes Schiff bewundert oder kritisiert. Schließlich kommen wir an einen alten Segler, der auch seine Pflicht getan hat. »Dat oll Schip, mit de ik in Rio tosom’ leggen hev. Künn’ ik doch noch mal mit so ’n Schip rut!« Die neuen Schiffe waren ihnen zu modern, da konnten sie keinen rechten Gefallen daran finden.

Einen Veteranen meines Berufes aber habe ich nie wieder gesehen, meinen lieben Oll Pedder. Als ich nach meiner Flucht zum erstenmal wieder Hamburger Boden betrat, hatte es mich vor allen Dingen natürlich zum Haus am Brauerknechtsgraben hingezogen. »Peter Brümmer« stand noch an der Tür. Ich klopfe an und trete ein, aber nur seine alte gebrochene Schwester kommt mir in gebückter Haltung entgegen. Ich frage: »Wo is Pedder?«

»Pedder, de is dod.« Und dann: »Bist du dat, bist du sin Jong?, den he no See to bröcht hett? Wie manchmal hett he an di dacht, wie oftmal hett he seggt: Wo is wohl de Jong? Pedder is nich meh, he is nu all drei Johr dod.«

»Wo liggt he denn begraben?«

»In Ohlsdorp.«

So konnte ich meinen alten lieben Pedder nur auf dem Friedhof besuchen, und da das Grab doch zu karg gepflegt war und ich ihm so viel zu verdanken hatte, habe ich ihm in einem Altwarengeschäft einen eisernen Anker gekauft mit einer Messingtafel. Darauf steht eingegraben: »Ik hev di nich vergeten. Din Jong.«

Als ich nun zuletzt nach Hamburg kam, nach der Unterzeichnung des Friedens, der auch die deutsche Elbe ihrer Schiffe beraubt hat, fand ich meine alten Fahrensleute niedergedrückter als jemals. »Jetzt, wo wi keen Scheepen meh hevt, denkt keen Minsch meh an uns. Wenn wi man blot noch ’n Strämel to smöken han!« Man hat ihnen, als man dies hörte, einen Zentner Tabak hingeschickt, und meine Freunde blieben auch nicht müßig. Es wäre ein schlechtes Zeichen für die deutsche Jugend, wenn sie die Alten vergäße, die mitgeholfen haben, daß unsere Schiffahrt die größte der Welt nach der englischen wurde. Wie ein Märchen ist es uns heute, daß diese stolze Zeit, die eben noch da war, verschwunden sein soll! Aber für Deutschland zur See zu arbeiten, ist auch heute eine Ehre, und ich hoffe es noch zu erleben, daß der höchste Traum deutscher Jungens wieder der sein wird, unter unserer Flagge zur See zu gehen als Matrose oder Offizier auf Handels- oder Reichskriegsmarine. Darum möchte ich bitten: »Vergeßt auch die Alten nicht, und denkt in der Armut, die über uns alle hereingebrochen ist, an die Ärmsten, die sich keine neue Zukunft mehr zimmern können!« Ihnen Liebes zu erweisen, findet dankbare Herzen. Denn die Seeleute, die diesen rauhen Beruf haben, sind in ihrem Innern zumeist weiche Menschen. Die See hat in ihnen ein Stück Kindlichkeit gehütet.

Siebentes Kapitel. In Kamerun.

Im Jahr 1913 war ich auf »Braunschweig« und auf »Kaiser«, dem Flaggschiff Seiner Majestät, das ganz neu als erstes in einer Klasse der Großkampfschiffe in Dienst gestellt war. Darauf habe ich an wundervollen Reisen nach Norwegen teilgenommen und auch die Einweihung des Frithjof-Denkmals mitgemacht, welches der Kaiser den Norwegern geschenkt hat.

Danach kam ich, wie bereits erzählt, auf den »Panther«, der zur westafrikanischen Station gehörte. Da habe ich unsere herrliche deutsche Kolonie kennen gelernt mit ihren unerschöpflichen Reichtümern für naturfrohe, junge Gemüter. Mit einigen gleichgestimmten Kameraden ging ich auf Elefanten- und Büffeljagd. Das war nicht so einfach, da unser Kommandant dagegen war und es nicht gerne sah, wenn seine Herren ihr Leben, wie er meinte, unnötig riskierten. Wir mußten also unter einem Vorwand an Land gehen und unsre Gewehre heimlich mitnehmen.

Mit einem 35 Meter langen Kanu fuhren wir hinauf, von 12 bis 15 Schwarzen gerudert. Mit sieben bis acht Meilen Fahrt jagten sie dahin, den Hauptfluß Kameruns, den Mungo, aufwärts. Der Wasserweg ist die einzige Straße, den Urwald zu durchqueren, der sich links und rechts des Flusses wie Mauern erhebt. Darin ist dunkle Nacht. Baumriesen, mehr als hundert Meter hoch, sperren mit ihren gewaltigen Kronen jedes Licht ab. Und alles strebt nach dem Licht, es herrscht nur der Kampf um das Licht. Die Liane schlingt sich an den Urwaldriesen hoch, verwächst mit ihnen so eng, daß dem Baum die Lebenskraft ausgesogen wird; und wenn sie endlich das Licht erreicht hat, stürzt sie mit dem morschen, säftelosen Stamm zusammen. Die freie Stelle der Baumkrone wird sofort wieder ausgefüllt. Die Liane macht einen neuen Versuch, an einem andern Baum wieder hochzukriechen, bis auch der zusammenbricht. Die Stämme liegen in dem feuchten Dunkel, vermodern in kurzer Zeit, geben der Urwalderde Kraft und neuen Schlinggewächsen Nahrung. Kein Mensch kann auch nur einen Meter in solchen Urwald eindringen. Farrenkräuter und Lianen, die sich nach beiden Seiten ausdehnen, hindern jeden Schritt. Auch das Leben schweigt im dumpfen Innern des Urwaldes, abgesehen von niederen Tieren, Schnecken, Würmern und Insekten, die sich allein dort halten können. Nur wo das Licht ist, kennt der Urwald höheres Leben. In den Kronen der gigantischen Bäume nisten die Vögel in unendlicher Zahl, und längs den Flußläufen turnen die Affen kreischend von Baum zu Baum.

S. M. S. »Kaiser«
S. M. S. »Kaiser«

S. M. S. »Kaiser«.

Nach achtzehnstündiger Fahrt kamen wir nach Mondame. Die Jagdbeute bestand aus einem einzigen Krokodil — sie sind schwer zu schießen, da sie gewandt tauchen —, Geiern, Seeadlern und Affen. Das leckere Affenfleisch, das die Neger lieben, haben wir nicht recht zu essen gewagt, obwohl der Affe, wenn er abgezogen ist, gar nicht mehr dem Menschen ähnelt, sondern eher einem Hund oder anderen kleinem Tier.

In Mondame, wo wir angesagt waren, riefen uns die Farbigen schon entgegen: »Massa, Massa, plenty Elefant.« Da haben mein Freund Breyer und ich uns alles andere als weidmännisch benommen, denn die Elefantenjagd ist anders, als man sie sich vorstellt.

Auf Morgenschuhen, um leise pirschen zu können, zogen wir einzeln los, jeder mit einem Neger als Führer. Da hören wir ganz dicht bei uns die Elefanten, die in die Negerpflanzung eingebrochen waren. Sehen konnte ich noch nichts. Mein Schwarzer sagte immerzu: »Massa, Elefant, Look, Massa, Elefant.« Aber wenn man das noch nie gesehen hat, kann einem zehnmal gesagt werden, da sei ein Elefant, man sieht das Stückchen graue Wand nicht, das durch die Plantage durchschimmert. Man hält es für alles eher, als für einen Elefanten. Endlich wie sich das Tier, keine zwanzig Schritt von mir entfernt, in Bewegung setzt, erkenne ich es durch das Gebüsch hindurch. Ich schwitze vor Aufregung, daß das Wasser den Gewehrkolben entlangläuft, ziehe mit meinem Mohren durch zwei Reihen gepflanzter Bananen, aber komme dem Tier nicht näher, da es weiter vorausging.

Nun kam ich an einen Termitenhügel und nahm ihn im Sprung. Von dort konnte ich eine ganze Strecke überblicken, und denke, das sind ja Strauße. Die Elefanten pflücken nämlich die Bananen Stück für Stück, und wie sie da mit den Rüsseln hinauflangten, dachte ich, es wären Straußenköpfe. Wie ich mich umsehe, schiebt sich ein Riesenkoloß vor mir aus dem Gebüsch, andere hinter ihm her. Ich lege an, im letzten Augenblick kommt mir die Erinnerung, daß man auf den Rüsselansatz schießen soll, etwas tiefer als die Lichter. Ich lege an, drücke ab, im selben Augenblick dreht sich der Riese im Kreise, man hört ein fürchterliches Trompeten. Rechts und links bricht eine Kavalkade los und saust an mir vorüber. Wie schnell, gewandt und wuchtig solche Kolosse von vier Meter Höhe laufen, kann man sich nicht vorstellen. Ich konnte nur zusehen, daß ich von meinem Hügel nicht herunterfiel, und dabei beging ich das unglaublich Unweidmännische, daß ich meinen angeschossenen Elefanten aus den Augen verlor. Glücklicherweise ließen sich die Neger durch die vielen Fährten aufgescheuchter Herden nicht irre machen und spürten das Tier wieder auf, das gestürzt war und die Stoßzähne beim Fall tief in die Erde gerammt hatte. Wir haben ihm noch mehrere Schuß in den Kopf gejagt, bis es tot war. In einer Stunde hatten sich dort viele hundert Neger angesammelt, die auf den Ruf der Palavertrommel von allen Seiten wie Gazellen angerannt kamen, um Fleisch zu holen. Ein Häuptling bezahlt ohne weiteres für einen Elefanten achthundert Mark und verkauft ihn weiter an seine Leute.

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