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Sämmtliche Werke 6

Arabesken Zweiter Teil (continued 3)

Charlotte König translation

Überhaupt kann man sagen, je mehr man sich dem Süden oder dem Südwesten näherte, um so mehr Ackerbau treibende Stämme traf man an; oder Ackerbau und Viehzucht traten zusammen auf; je mehr man sich dagegen dem Osten, Ungarn, Dacien und Polen näherte, um so mehr überwog das Hirtenleben, und je tiefer man endlich in die Wälder des Harzes eindrang, um so finsterer und kräftiger wurden die germanischen Stämme. Aber die allergefährlichsten unter ihnen, die selbst die Römer fast gar nicht kannten, und die dennoch die eigentlichen Zerstörer ihrer Herrschaft wurden — das waren alle die Stämme, die die Küsten des Meeres und die an der Ostsee gelegenen Länder bevölkerten. Bis hierher waren die Römer nie vorgedrungen. Hier wohnten Seeräuber, die unternehmungslustigsten unter den Germanen, die schon die Lage des Landes und des Meeres dazu zwang, sich in die kühnsten Unternehmungen zu stürzen.

So ein Leben führten die Friesen und Chauken am Ufer der Nordsee, dann ein wenig weiter die gewaltigsten unter den Korsaren des Nordens, die Sachsen, ferner in Holstein die Cimbern, an der Ostsee die Goten, die Wariner, die Rugier und Burgunder und in Preußen die Longobarden, die Vandalen und die Heruler. Außerdem gab es in Mitteldeutschland noch eine ganze Reihe von Abkömmlingen dieser Stämme, die ganz verborgen in Wäldern und Sümpfen lebten; während der häufigen Schlachten und Kämpfe zwischen den einzelnen Stämmen wurden sie aus ihren Verstecken hinausgedrängt und sahen sich nun gezwungen, Plätze aufzusuchen, bis zu denen kein Mensch vordringen konnte. Auch die Berge der Alpen und der Karpathen bargen eine Menge von Fetzen oder Überresten verschiedener Stämme in sich: gallische, germanische und wendische Völker, die in dem wilden Europa herumvagabundierten. Der Nordwesten des Erdteils konnte infolge seiner ungeheuren Unfruchtbarkeit und Armut und seiner langen, öden und ungeheueren Strecken keine starken Völker hervorbringen und großziehen. In seinen weit verstreuten, obdachlosen, verwaisten Bewohnern — den Finnen, und den Abkömmlingen estnischer Stämme erstarb alles Leben, ebenso wie in der Natur jener Gegenden.

Dies war jene besondere Welt in dem wilden Europa! Das waren die Völker, deren gewaltige Kraft die Römer vor allem an sich erfahren sollten. Und wenn das Weltreich nicht schon viel früher zusammenbrach, so liegt der Grund nur in der ungeheuren Zersplitterung der germanischen Völker, in der Bodenbeschaffenheit Europas, die sie hinderte, zu einem Ganzen zu verschmelzen, in der Einfachheit ihrer Sitten, die sie veranlaßten, sich mit den rohen Erzeugnissen ihres Landes zu begnügen, in dem für diese nur auf die Zerstörung ausgehenden Wilden so bezeichnenden Mangel an Habgier, in ihrem seßhaften Leben und in ihrer Liebe zur Freiheit, die sie immer wieder zwang, sich in die Tiefe der Wälder zurückzuziehen. Die Römer waren sich der Gefahr voll bewußt, die ihnen von der frischen Kraft dieser europäischen Völker her drohte. Und daher waren sie darauf bedacht, keine Grenze des Reiches, weder die asiatische im Osten, noch die afrikanische im Süden, so zu schützen und zu befestigen, wie die europäische im Norden. Hier, kann man wohl sagen, konzentrierte sich ihre ganze militärische Schutzmacht. Und man muß zugeben, daß die Verteidigungsmaßregeln, die während der damaligen Lage des an Erschöpfung zugrunde gehenden Reiches aufgeboten wurden, sehr vernünftig waren. Das römische Reich überließ seine gefährdeten Grenzen den frischen, kriegerischen Völkern, die sie am besten verteidigen konnten und sich anfänglich mit wenigem begnügten. Aber es muß zur Ehre der germanischen Völker gesagt werden, daß nur die äußerste Not sie zwang, dieses Geschenk Roms anzunehmen. Diese Abhängigkeit erschien ihnen wie Sklaverei, und sie eilten wieder in die Tiefe ihrer Wälder zurück — um dort ein Versteck für ihre Freiheit zu suchen. Die Anschläge der Römer zwangen sie, starke Bündnisse miteinander zu schließen, aber diese Bündnisse waren nie offensiver Natur, ihr Zweck bestand immer nur darin, die Freiheit, die den Germanen teurer als alles war, vor Gefahren zu schützen. Eins von diesen Bündnissen, das unter dem Namen des fränkischen Bundes bekannt wurde, wuchs und erstarkte dank der günstigen Lage des Landes und dem immer heftiger werdenden Ansturm seitens aller andern Stämme. Die verschiedenen Völker, die ihm beitraten, hatten einen Teil von Westfalen und Hessen besetzt und sich so eng miteinander verschmolzen, daß sie schließlich nur eine Nation unter dem Namen der Franken bildeten. Doch dieses Bündnis wäre den Römern nie so gefährlich geworden, und ganz Deutschland hätte sich auch weiter nicht geregt, wenn nicht eine fremde Kraft, d. h. Völker, die aus Asien kamen, einen Druck auf die Germanen ausgeübt hätte. Der östliche Teil Europas war äußerst gefährlich wegen seiner weiten Ebenen. Das war ein weitgeöffnetes Tor nach Westeuropa, der große Weg, auf dem die so verschieden gearteten Völker eines nach dem andern herangezogen kamen, hier waren auch die Wälder bedeutend häufiger niedergebrannt, wie in anderen Gegenden; auch die Sümpfe waren hier am frühesten ausgetrocknet und mit jedem Jahrhundert wurde dieser Weg freier und bequemer für die großen Völkerzüge. Die weiten offenen Flächen gaben den Völkern und Stämmen die Möglichkeit, sich zu großen Massen zu vereinigen, und eigneten sich ungemein für ein Nomadenleben, das seinerseits günstige Gelegenheiten zu Angriffen in großem Maßstabe bietet. Ein ganzes Volk konnte plötzlich seine fliegenden Wohnsitze verlassen und mit seiner ganzen Masse einen furchtbaren, unwiderstehlichen Überfall auf ein andres ausführen.

Eins von den germanischen Völkern ward früher denn alle übrigen dazu bestimmt, eine allgemeine Völkerbewegung hervorzurufen. Dieses Volk waren die Goten[11], ein Volk, auf dem ein furchtbarer Fluch zu lasten schien, der es zu ewigem Wanderleben verurteilte. Die Goten mußten lange herumirren, bald erschienen sie in Skandinavien, bald an den beiden Küsten der Ostsee und endlich im weiten Osten Europas. Nach dem Zeugnis des Geschichtsforschers Jornandes saßen sie ursprünglich in Skandinavien. Es ist sogar möglich, daß dies eins der Urvölker Europas war. Nachdem sie ihre schneebedeckte Heimat verlassen hatten, drangen sie bis an die Küsten Preußens und riefen eine große allgemeine Umwälzung hervor. Sie verdrängten die Vandalen, die Longobarden, die Heruler, die Burgunder und Sachsen aus jenen Landstrichen und zwangen sie gegen ihren eigenen Willen, sich am eifrigsten an der Zerstörung des weströmischen Reiches zu beteiligen. Die allgemeine Erschütterung machte sich in ganz Europa bemerkbar: diese ganze Kette der mächtigen baltischen Stämme näherte sich den Grenzen Roms, drängte viele Stämme ins Gebirge und in die Sümpfe zurück, konzentrierte ihre Kräfte noch mehr und machte so die Römer mit neuen Völkern bekannt. Von nun an konnte man Herulern, Vandalen und Longobarden in ihren Armeen begegnen.

Unterdessen hatten die Goten, nachdem sie vor sich her einen Weg gebahnt hatten, die am Ufer der Donau lebenden Völker, die Markomannen und die Quaden, teils vertrieben, teils unterworfen; nun vereinigten sie sich in großen Massen in den südlichen Ebenen Daciens und zogen zusammen mit den unterjochten Stämmen dem Schwarzen Meere entgegen. Je mehr sie nach Süden vordrangen, desto besser wurde der Weg, und um so schneller vollzog sich ihre Wanderung. Endlich erschienen sie mitten in Griechenland und in Kleinasien und brannten die Küsten des Schwarzen Meeres nieder. Chalcedon und Ephesus wurden eingeäschert. Athen wurde in furchtbarer Weise und schonungslos zerstört. Kaiser Decius erkannte die Gefahr, die den östlichen Grenzen seines gewaltigen Reiches drohte; er führte selbst seine Truppen gen Osten und fiel in der Schlacht mit der Waffe in der Hand, während sein Heer im Westen gegen die Vandalen, Heruler und Sueven kämpfte, die von den Goten aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Mit Beute beladen kehrten die Goten zurück, besetzten das heutige Rußland, erhielten auf Grund eines Vertrages mit den Römern ganz Dacien und setzten sich hier fest. Sie rissen die Herrschaft über die Völker, die an den Ufern der Donau wohnten, an sich und beunruhigten das sorglose Kaiserreich durch ihre Gegenwart. Als die Imperatoren, diese mächtigen Beherrscher der Welt, durch eigene schmerzliche Erfahrung den wilden Mut der Goten kennen gelernt hatten, beschlossen sie, sie in ihre Armee aufzunehmen und diesem unüberwindlichen Volk von Barbaren Sold zu bezahlen. Dadurch gewannen sie sich kräftige Verteidiger, zugleich aber zogen sie sich mächtige Feinde heran, denn sie enthüllten ihnen die Geheimnisse einer wohlausgebildeten Taktik, die ihnen später ein noch größeres Übergewicht verleihen mußte. Übrigens aber war die Strategie der Goten auch schon ohnedies unüberwindlich. Sie vereinigten in sich die Taktik der leichtbeweglichen Wandervölker und die der ansässigen bodenständigen Stämme. Sie formierten sich in gewaltigen, dichtgedrängten Massen und zeigten die gleiche Standhaftigkeit im Ansturm des ersten Angriffs, wie während des Höhepunktes der Schlacht oder bei ihrem Ausgang, wo ihre Kraft allmählich erlischt. Eine Schlacht mochte sich noch so lange hinziehen, es war unmöglich, die Reihen der Goten ins Wanken zu bringen. Sie begleiteten ihren Angriff, gleich anderen germanischen Stämmen, mit Gesängen. In ihren Liedern verherrlichten sie die Namen ihrer alten Helden: Fridigern, Vidicula Ethespamar und anderer. Die geistliche Obergewalt lag in den Händen eines einzelnen, dieser war zugleich König, Heerführer und Oberpriester; trotz alledem aber hing er von dem Rate der Tapferen ab.

Bei den Goten herrschte von Urzeiten an das königliche Geschlecht der Balten, und nur aus diesem Geschlecht durfte ihr König gewählt werden. Sie beteten Wotan an, der im grauen Altertum zusammen mit Odin, diesem nordischen Ulyß[12], ihr Heerführer gewesen war. Von allen germanischen Stämmen waren die Goten am meisten zur Assimilation der Kultur befähigt. Bis zur Mitte des IV. Jahrhunderts wurde die Macht der Goten von den Völkern, die an der Donau sowie von denen, die im Westen und Osten des heutigen Rußland saßen, anerkannt. Der Name ihres Königs Hermanrich stand in hohen Ehren an den Ufern des Schwarzen Meeres sowohl als auch in Livland. Allein die gotische Herrschaft wurde durch den großen Völkerzug der Hunnen, die aus Asien hereinbrachen, erschüttert.

Die Hunnen oder Hjongnu waren nach de Guignes ein mächtiger Volksstamm, der die großen Steppen der Tatarei und der Mandschurei bewohnte und China in Unruhe versetzte; da sie jedoch der verschlagenen chinesischen Politik nicht gewachsen waren, wurden sie allmählich den chinesischen Kaisern tributpflichtig. Allein ein großer Teil der Hunnen erhob sich mit seinen Wagen und Roßherden und zog nach Westen, besetzte die Länder jenseits des Kaspischen Meeres und entzog sich so den Blicken Chinas. Ihre Ansiedelung an den Ufern des Kaspischen Meeres verlegen die römischen Historiker in die Zeit Domitians. Es ist hier vielleicht am Platz, darauf hinzuweisen, daß die gebildete griechisch-römische Welt jener Zeit bis zur Regierungszeit des Kaisers Valens gar nicht einmal wußte, daß dieses Volk existiert, bis plötzlich die aus den Gebirgen Asiens hervorbrechenden Hunnen und mit ihnen die Avaren, Unnuguren, Usenguren (Uturguren, Cuturguren) und alle die anderen Völker vor ihnen auftauchten, deren Namen für das feine und zugleich korrumpierte Gehör der Griechen und Römer einen so rohen Klang hatten. Der verheerende, unabwendbare Andrang dieser Bewohner Asiens, ihre Gewohnheit, rohes Fleisch zu essen, die Schädel der Feinde als Becher zu benutzen und die ersten besten unter ihren Gefangenen den Schatten ihrer Ahnen auf blutigen Scheiterhaufen zum Opfer zu bringen, ihre kalmückischen Züge, die flachen, plumpen, braunen Gesichter, die einem schon durch ihren wilden Ausdruck Angst einjagen konnten, ihre kleine Gestalt, die nur aus Muskeln zu bestehen schien — dies alles versetzte die asiatisch-römischen Provinzen in solchen Schrecken, daß deren Bewohner daran zweifelten, ob sie sie wirklich zur menschlichen Gattung rechnen sollten. Sie waren der Ansicht, die Magier und Zauberer, die in den ungeheuren Wüsten am Kaspischen Meer hausten, wären in unreinen Verkehr mit Teufeln getreten, und diesem Bunde seien die Hunnen entsprossen.

War es nur ein seltsamer Instinkt, der die Hunnen zurücktrieb, oder erschreckten sie die allzu bunten mit Gärten und Städten übersäten Flächen des römischen Asiens, die die Nomadenvölker für Gefängnisse halten und daher fliehen, oder fanden sie keine öden, freien Steppen, deren sie für ihre zahllosen Herden unbedingt bedurften — genug, sie zogen, statt die Richtung nach Süden einzuschlagen, — nach Nordwesten, berührten auf ihrem Wege den Kaukasus, scheuchten ein paar Volksstämme, die an seinem Fuße wohnten, auf und nahmen sie auf ihrer Wanderung mit sich, und diese große Masse von Nomaden ergoß sich über Europa. Auf dem vorgeschobensten Posten Europas standen damals, wie wir gesehen haben, die Goten. Ihre zahlreichen Stämme und die von ihnen unterjochten Völker waren die ersten Wachtposten Europas und standen in dichten Scharen vor seinem mächtigen Tore, ein Tor, das leider viel zu gewaltig für den kleinen Erdteil — Europa — war. Und die Goten, dieselben Goten, die bis dahin für das unüberwindliche Bollwerk Europas und für eine unbesiegbare Macht gegolten hatten, wichen vor den Hunnen zurück. Es konnte auch gar nicht anders kommen. Die geheimnisvolle Kraft eines solchen Ansturms seitens solcher asiatischer Völkermassen war den Goten vollkommen unbekannt. Wenn die Goten gewußt hätten, daß ein solcher Einfall asiatischer Stämme nur durch den ersten gewaltigen Anprall gefährlich ist, und daß nur die Fähigkeit, ihnen einen dauernden Widerstand entgegenzusetzen und die Schlacht in die Länge zu ziehen, den Sieg entscheiden kann — wenn die Goten dies gewußt hätten, dann hätten sich die Hunnen wieder in den Kaukasus zurückgezogen, und Europa hätte nichts von der großen Erschütterung verspürt, die sein ganzes Äußere umwandeln sollte. Aber dies Geheimnis blieb den Goten unbekannt. Übrigens muß man auch anerkennen, daß es einer schier übermenschlichen Tapferkeit und Geistesgegenwart bedurfte, um dem ersten Ansturm der Hunnen zu widerstehen. Sie begleiteten ihren Angriff mit so entsetzlichem Geschrei, ihre ungeheuren Massen kamen so dichtgedrängt herangeflogen, ihre beinahe wilden Rosse kamen so wütend angerast, als stürzten sie einen steilen Abhang hinunter und als könnten die Reiter selbst ihren Sturmschritt nicht hemmen; ihr schmales, zwischen den dicken Backen fast verschwindendes Auge war so scharf und sicher, sie gaben der Schlacht jeden Augenblick eine so rasche Wendung, sie konnten sich so schnell in alle Winde zerstreuen und verschwinden, sich so plötzlich wieder in einem Haufen vereinigen, sie schleuderten mit so großer Treffsicherheit einen ganzen Wald von Lanzen gegen ihren Feind, selbst wenn sie die Flucht ergriffen, wußten sie sich so vorzüglich durch ihre Geschosse zu decken und sie begleiteten dies alles mit einem so wilden, betäubenden Geschrei, daß sich schwerlich ein Heerführer finden konnte, dessen Auge nicht unsicher, dessen Kopf nicht schwindlig geworden wäre im Kampfe mit den Hunnen.

Nachdem sie die Goten vertrieben hatten, nahmen die Hunnen den westlichen Teil der polnischen Provinzen des heutigen Rußland, den Norden und die Donauländer ein — wieder nahm die Geographie Europas ein andres Ansehen an. Dadurch, daß die Hunnen einen so großen Flächenraum besetzten, mußten sie notwendigerweise eine starke Erschütterung und eine mächtige Verschiebung in den Wohnsitzen der einzelnen Völker hervorrufen. Die zurückgedrängten Goten zogen, obwohl ihnen dies nicht leicht wurde, nach Westen und Süden weiter; die Vandalen und Sueven, mit denen sich die Römer, oder besser gesagt, die römischen Germanen an den Grenzen schon vielfach gemessen hatten, zogen durch Frankreich über die Alpen und drangen in Spanien ein. Und hier in Spanien stießen plötzlich Völker aus den verschiedensten Himmelsgegenden zur allgemeinen Verwunderung miteinander zusammen: die Sueven von den Küsten der Ostsee und aus dem schneebedeckten Skandinavien und die Alanen, die die Hunnen auf ihrem Zuge vom Fuße des Kaukasus verscheucht und hierher getrieben hatten.

Fünfzig Jahre lang irrten die Hunnen in den Steppen Rußlands herum, zogen mit ihren Zeltwagen von Ort zu Ort und trieben ihre Roßherden von einem Platz zum andern, ohne weitere Eroberungen zu machen; denn auch diesmal wurde Westeuropa durch seine Urwälder und seine hügelige Bodenbeschaffenheit gerettet, auch fehlte es den Hunnen an einem unternehmenden Anführer. Sie begnügten sich damit, ihre nächsten Nachbarn zu überfallen, raubten meist ihre Frauen und Kinder und trieben ihre Herden mit sich fort. Unter diesen Raubzügen hatten die Goten, da sie ihnen am nächsten wohnten, am meisten zu leiden. Die Goten teilten sich um diese Zeit in zwei große Stämme: in die Westgoten, die sich ihre Könige aus der älteren herrschenden Linie der Balten, und in die Ostgoten, die ihre Könige aus dem neuen Herrschergeschlecht der Amaler wählten. Immer mehr von den Hunnen zurückgedrängt, drangen sie bis zum Süden der jetzigen Ukraine und der Moldau vor. Ein Teil der Westgoten, die sich nirgends sicher fühlten, wandte sich, geführt von Fridigern, Alatheus und Saphrax, mit der Bitte an den römischen Kaiser, er möge es ihnen erlauben, die Donau zu überschreiten, sich am südlichen Ufer des Flusses anzusiedeln und die römischen Provinzen gegen Überfälle der immer mächtiger werdenden Barbaren zu verteidigen. Der Kaiser Valentinian, der das Reich gemeinschaftlich mit seinem Bruder Valens regierte, nahm diese unerwartete Hilfe mit Freuden an — und die Westgoten überschritten die Donau. Unterdessen hatten die Ostgoten und ein Teil der Westgoten, die im Südosten wohnten, häufig unter Hungersnöten zu leiden, und da sie sahen, daß die Not immer stärker wurde, baten sie den Kaiser Valens, der die östlichen Provinzen verwaltete und in Konstantinopel residierte, sie mit allerhand Waren zu versorgen und ihnen zu gestatten, mit den Bewohnern des Landes Handel zu treiben.

Der Kaiser befahl den Regenten von Thracien, Lupicinus und Maximus, die Bitten der Goten in allen Punkten zu erfüllen; beide waren typische Griechen aus der byzantinischen Zeit — hinterlistig und immer bereit, auch ohne dringende Veranlassung ein Verbrechen zu begehen, den Barbaren gegenüber aber hielten sie jede Missetat für erlaubt. Sie ließen sich mit den Goten nicht erst in Handelsgeschäfte ein, sondern raubten sie ganz einfach aus und trieben sie bis zum Äußersten, so daß diese genötigt waren, ihre eigenen Frauen und Kinder zu verkaufen; endlich luden sie die heldenmütigsten Goten unter freundschaftlichen Vorwänden zu sich ein und beschlossen, sie heimlich umzubringen. Dies rief die Rachsucht dieses wilden Volkes, das sich jedoch noch ein ursprünglich menschliches Gefühl bewahrt hatte, wach. Ungeheure Scharen von Goten fielen in Thracien ein, drangen bis Konstantinopel vor, brannten alles nieder und plünderten und äscherten alle Städte und ihre Umgegenden ein, die sie auf ihrem Wege antrafen. Der Kaiser Valens befand sich in einer sehr mißlichen Lage. Er war ein eifriger Arianer und verfolgte unbarmherzig alle Gegner dieser Sekte. Infolgedessen hatte er viele Feinde, und selbst sein Bruder Valentinian, der Kaiser von Rom war, verweigerte ihm seine Hilfe. Überdies war der Kaiser Valens auch sehr grausam und mißtrauisch; man hatte ihm geweissagt, ein Mann, dessen Name mit den Buchstaben Theo... beginnt, würde seinen Untergang herbeiführen — und so ließ er denn sämtliche Theoderiche, Theodate und Theodosiusse, die irgendein bedeutenderes Amt bekleideten, erdolchen oder erwürgen. Es versteht sich von selbst, daß diese Taten in seinen Untertanen keinen allzu großen Eifer und keine Neigung, ihren Monarchen zu verteidigen, wachriefen, und außerdem waren diese Untertanen ein erbärmliches und charakterloses Volk; die Soldaten waren jederzeit bereit, zu meutern und beim ersten Anlaß die Flucht zu ergreifen; die Staatsgelder wanderten in die Hände von Eunuchen, Günstlingen, Konkubinen und schlauen Priestern, und so erhielt Valens schließlich die Strafe für sein früheres Leben. Verlassen von den fliehenden Soldaten, suchte er Schutz in einer armseligen Hütte und wurde zusammen mit dieser von den rachsüchtigen Goten verbrannt. Nur der Unkenntnis der Goten, die sich nicht auf die Belagerung einer Stadt verstanden, verdankte Konstantinopel seine Rettung. Triumphierend und mit Beute beladen kehrten die Goten zu ihren Wohnsitzen zurück, bei den Römern eine schauerliche Erinnerung an ihren Besuch hinterlassend.

Bald darauf erfolgte die endgültige Teilung des römischen Reichs. Der Kaiser Theodosius hoffte, es noch durch diese Säkularisierung zu retten, er glaubte, die Schwäche des Reiches sei die Folge seiner unermeßlichen Größe und der Unmöglichkeit seiner Beherrschung durch einen einzelnen. Die östliche Hälfte, die von nun an mit Recht die griechische genannt wurde — noch treffender hätte man sie das Reich der Eunuchen, Komödianten, Günstlinge, Rennbahnen, der Verschwörer, der gemeinen Mörder und der disputierenden Mönche nennen können — erhielt Arcadius, der ganz unter dem Einfluß seines verschmitzten Vormunds Rufinus stand; die westliche Hälfte, die mit Unrecht die römische genannt wurde, weil hier alle beliebigen Ämter der Verwaltung von Emporkömmlingen besetzt waren, die von Goten, Vandalen oder anderen germanischen Völkern abstammten und nur mit einem dünnen äußerlichen Firniß römischer Bildung überzogen waren: diese westliche Hälfte, die mitten im eigenen Herzen gewaltsam eindringende Feinde beherbergte, und die wie ein lebendiger Leichnam die Lebenskraft in sich schwinden sah und fühlte, dies weströmische Reich fiel dem minderjährigen Honorius zu, der sich völlig von Stilicho leiten ließ; letzterer war von Geburt ein Vandale, der unter Theodosius ein treuer und tapferer Vasall gewesen war, aber unter dessen unbedeutendem Sohn ein gemeiner Schwächling wurde. Die Vormünder, die die entgegengesetzten Enden Europas regierten, haßten einander. Das erste Geschenk, das Rufinus, der schlau war wie ein byzantinischer Grieche, seinem Feinde Stilicho übersandte, war das mächtige Heer der Westgoten, die er überredet hatte, Italien zu erobern, während er ihnen versprach, seinerseits Rom jede Hilfe zu verweigern. Und die Westgoten verließen insgesamt ihre Wohnsitze in Dacien und an den Ufern der Donau und drangen in Italien ein. Aber für Stilicho hatte diese Invasion gar keine Schrecken, im Gegenteil, er freute sich im geheimen über sie und knüpfte eine Menge von Plänen an sie. Vor allem hoffte er, mit Hilfe dieser zahlreichen Menge junger, kräftiger Barbaren viele andere Barbaren, die schon ins Innere des römischen Reichs eingedrungen waren, zu vernichten. Damals gehörte Gallien zu Rom und es gehörte doch auch wieder nicht dazu. Der starke Frankenbund stand mit den unter seiner Hegemonie vereinigten Stämmen an der Grenze dieses Landes; im Osten und Süden, d. h. im Herzen Frankreichs, hatten sich’s die Alemannen und Burgunder bequem gemacht. In Spanien hielten die Sueven, die Alanen und Vandalen die besten Teile des Landes, d. h. den Süden, besetzt, und die römischen Präfekten und Befehlshaber spielten unter ihnen eine recht traurige Rolle: sie bekleideten eine Würde, ohne die geringste Macht zu besitzen. Es schien fast, als läge über der halben Welt statt des römischen Reichs nur sein langer, mächtiger Schatten. Dieses Reich glich einer tausendjährigen Eiche, die einen durch ihren ungeheuren Umfang in Erstaunen setzt, aber deren Inneres schon längst verfault und vermodert ist. Stilicho wußte geschickt Alarich von seiner Absicht, sich in Italien niederzulassen, abzubringen, indem er ihm das reiche blühende Spanien anbot. Er hatte sogar den Plan, diese Barbaren gegen seinen Feind Rufinus aufzuhetzen; ja er träumte schon davon, sich, wenn der Plan gelingen sollte, an Stelle des schwachen Honorius zum Kaiser ausrufen zu lassen, aber die Sache war zu fein gesponnen, und statt dessen sank sein eigener Kopf vom Rumpfe. Der schwache, unbedeutende Honorius, der auch nicht einen von Stilichos Plänen erfaßt hatte, befahl einem seiner Feldherrn, der ebenso unverständig war wie er, den Goten, die sich schon nach Spanien gewandt hatten, um sie zu schädigen, in den Rücken zu fallen. Da aber kehrte Alarich mit einem Male um und stand nun plötzlich vor den Toren Roms. Wie gewöhnlich floh Honorius; der Senat, der seine Ohnmacht einsah, flehte den mächtigen Goten an, er möge doch abziehen, versprach ihm, Tribut zu bezahlen, und folgte ihm sofort einen Teil aus; der Sieger entschloß sich, auf den anderen Teil zu warten, und zog sich von Rom zurück. Kaum aber hörte Honorius, daß die Gefahr vorüber sei, als er nach Rom zurückkehrte, doch er dachte nicht daran, den versprochenen Tribut zu bezahlen. Da jedoch erschien Alarich in heller Empörung vor den Mauern Roms, und drohte, die ewige Stadt in einen Haufen Asche zu verwandeln.

Am 23. August 409 nahmen die Mauern der Weltresidenz den Anführer der Goten in sich auf. Die herrlichen Häuser und Paläste wurden geplündert, aber der fürchterliche Alarich verbot die Brandstiftung und das Blutvergießen. Hieraus kann man ermessen, wie groß seine Willenskraft und die Macht war, die er über seine wilden Heerscharen besaß, konnte er sie doch davon abhalten, wovon selbst ein Befehlshaber gebildeter Truppen seine Soldaten nicht immer abzuhalten imstande ist. Von Honorius war in der Stadt keine Spur zu entdecken, er hatte längst Zeit gefunden, sich davonzumachen. Dafür aber machte der Eroberer kein Hehl aus seiner tiefen Verachtung der Römer; er ernannte ihren Präfekten Attalus zum Kaiser und ließ ihn auf den Knien vor der Tür seines Zeltes vorbeirutschen. Nachdem er seinen Rachedurst gestillt hatte, verließ er Rom und zog nach dem Süden Italiens. Hier schmiedete er große Pläne; er erbaute eine Flotte und wollte schon seine siegreichen Fahnen nach der afrikanischen Küste tragen, da gebot der Tod seinem Siegeszuge Halt. Um ihm ein Grab zu bereiten, leiteten die Westgoten das Bett des Busentostromes ab, gruben auf seinem Grunde ein tiefes Grab, in das sie den Leichnam hinabsenkten, schütteten es zu und lenkten den Strom in sein früheres Bett zurück, damit niemand das Grab des großen Goten schänden oder ihm Schimpf antun könnte. Nach Alarichs Tode ward Athaulf zum König gewählt und dieser führte die Goten endlich nach Spanien, wo sie sich sehr bald festsetzten und ein mächtiges gotisches Königreich gründeten, nachdem sie die unbedeutenden römischen Befehlshaber von dort vertrieben hatten.

Die Einwanderung der Westgoten machte sich an allen Enden Spaniens lebhaft bemerkbar. Die Alanen und Sueven wurden stark bedrängt und sahen sich gezwungen, die Herrschaft der Goten anzuerkennen. Selbst die Vandalen, die bis dahin in Spanien die stärkste Vormacht gebildet hatten, wurden energisch zurückgedrängt und gegen die Küste des Mittelmeers zurückgeworfen. Schon dachte der König Geiserich daran, nach Afrika überzusetzen. Da trat ein Ereignis ein, das die Verwirklichung seines Planes, wie absichtlich, noch beschleunigte. Um diese Zeit herrschte in Rom für den minderjährigen Valentinian und seine Mutter der berühmte Aëtius; er war sehr unternehmend, ehrgeizig, schlau und nicht wählerisch in den Mitteln, wenn es galt, zu erringen, was er wünschte. Aëtius hatte einen mächtigen Feind in Bonifacius, dem Statthalter in Afrika, und daher war er entschlossen, ihn zugrunde zu richten. Zu diesem Zweck ließ er ihn im Auftrag des Kaisers nach Rom rufen. Bonifacius aber hatte den Plan durchschaut, und daher war er entschlossen, in Afrika zu bleiben und Geiserich um Hilfe anzugehen. 427 landete Geiserich mit seinen Vandalen und einem Teil der Alanen an der afrikanischen Küste und bezeichnete seinen Weg durch Brandstiftungen und Verwüstungen. Zu spät sah Bonifacius ein, welchen Fehler er begangen hatte, sich einen solchen Gast einzuladen. Er hatte sich bereits mit seinem Kaiser ausgesöhnt und wollte nun seinem unruhigen Verbündeten Einhalt gebieten. Aber es war nicht so leicht, mit Geiserich fertig zu werden, und Bonifacius ward geschlagen. Geiserich steckte Karthago in Flammen, plünderte die Häuser, metzelte die Einwohner nieder und riß alle Reichtümer an sich, die er nur finden konnte.

Die schnellen Erfolge entfachten seinen wilden Ehrgeiz noch mehr. Bald war die ganze Küste Nordafrikas der Herrschaft der Vandalen unterworfen. Mit Feuer und Schwert bekehrte er die Bevölkerung zum arianischen Glauben und gründete eins der mächtigsten Reiche dieser wilden und finsteren Epoche. Nun aber wurde Geiserich übermütig. Seine fürchterliche Flotte zerstreute sich über das Mittelmeer und machte durch ihre Raubzüge jegliche Schiffahrt unmöglich. Jedes Jahr erschien dieser numidische Löwe an sämtlichen Küsten des Mittelmeers, von Griechenland und Illyrien bis Gibraltar, und raubte, als sammele er die Ernte von den eigenen Feldern ein, alles, was diese blühenden und bevölkerten Gegenden erzeugten. Spanien, Sizilien, Sardinien, Dalmatien hatten abwechselnd die fürchterliche und zerstörende Hand dieses gekrönten Piraten zu fühlen, der hier so schnell das erste Reich christlicher Corsaren gegründet hatte. Endlich aber erfaßte ihn inmitten aller Größe und der Pracht der zusammengeraubten Reichtümer jener Geisteszustand, jene schreckliche Melancholie, die den Geist verdorren läßt und quält und stets der Vorbote der Tyrannei, dieser furchtbaren Seelenkrankheit der Herrscher, ist. Er begann mißtrauisch zu werden gegen alle, die ihn umgaben, und sein Argwohn erstreckte sich zuletzt sogar auf seine Gemahlin, die Tochter eines Königs der Westgoten: er bildete sich ein, sie habe die Absicht, ihn zu vergiften. Ganz hingenommen von diesem Gedanken, befahl er, ihr Nase und Ohren abzuschneiden, und schickte sie so verunstaltet zu ihrem Vater. Weil er aber die Rache der Goten fürchtete, machte er dem Hunnenführer Attila den Vorschlag, von Norden aus in Spanien und Italien einzubrechen.

Attila residierte in Dacien; hier hatte er, unweit der Donau, sein Standlager aus rohen, hölzernen Hütten aufgeschlagen, in deren Mitte sich sein plumper Palast erhob. Attila war der Führer, der den Hunnen bis dahin gefehlt hatte. Er hatte gezeigt, welch furchtbare Gewalt die vorwärtsstürmende Kraft der Asiaten annehmen kann. Der ganze Nordosten Europas erkannte seine Herrschaft an. Die lange Kette der Völker, die dem schier unüberwindlichen Hunnenkönige Tribut zahlten, begann mit dem Kaukasus und endete am Rhein. Die Goten, die Gepiden, die Alanen, die Heruler, die Akatirer, die Thüringer und die Slawen, sie alle wurden von den Grenzen seines schnell wachsenden Nomadenreichs umschlossen. Der griechische Kaiser, der seine Verachtung kennen gelernt hatte, sandte ihm demütig seinen Tribut und lag im Staube vor seiner Macht und Größe. Attila war ein Mensch von kleiner Gestalt, fast ein Zwerg, mit einem ungeheuren Kopf und kleinen Kalmückenaugen, und sein Blick war so schnell, daß keiner seiner Untertanen ihn ertragen konnte, ohne unwillkürlich zu zittern. Mit diesem Blick allein beherrschte er alle seine Stämme, die trotz ihrer zerstreuten Wohnsitze und trotz der Verschiedenheit ihrer Lebensweise, ihrer Sitten und Gebräuche durch sein Wort zu einem einzigen Wesen zusammenschmolzen. Mitten unter seinen Höflingen, die mit geraubtem Golde prunkten, ging dieser merkwürdige Mensch in einem groben, weiten Gewand umher, lag auf einem gewöhnlichen Lager von Filz und trank fast nur Wasser aus einem Holzeimer; weder sein Roß, noch sein Sattel waren je mit Edelsteinen geschmückt, und er nannte sich selbst die Geißel Gottes, die gesandt ward, um die Welt zu züchtigen. Seine Macht über die Truppen war grenzenlos: sie glaubten, daß er ein verzaubertes Schwert besäße, mit dem er die ganze Welt erobern müsse. Die unterworfenen Völker beugten sich mit bewunderungswürdigem Gehorsam unter seine Herrschaft. Übrigens war auch jeder Gedanke an eine Empörung völlig ausgeschlossen, denn Attila hätte leicht vor seinem Zelt eine Pyramide von Schädeln errichten können, bei deren Anblick wohl einem jeden die Lust zu solchen Unternehmungen vergangen wäre. Er ließ sich nicht gern ohne Grund in einen Krieg ein, besonders wenn der Friede für ihn dieselben Vorteile hatte. Er war ein furchtbarer Richter. Er konnte auch großmütig sein, aber nur gegen Sklaven, die zu seinen Füßen lagen. Aber Attilas Rache .... jedoch niemand hätte den Mut gehabt, seine Rache heraufzubeschwören.

Anscheinend hatte Geiserichs Vorschlag ihn in seinen eigenen Plänen befestigt. Auf sein Gebot sammelten sich all seine zahllosen Stämme, und er zog mit ihnen gen Westen. Das römische Reich merkte bald, welch große Gefahr ihm drohte. Alle Nationen, die das Westeuropa jener Zeit bevölkerten, wurden von einer gewaltigen Aufregung ergriffen. Und nun geschah etwas Außerordentliches: Das ganze barbarische Westeuropa vereinigte sich zu einem einzigen Bündnis, die Römer schlossen sich den Zerstörern ihres Reichs, den Westgoten, Alanen und Franken an. Nomaden- und Hirtenvölker stürzten sich auf seßhafte und zum Teil schon ackerbauende Völker, das ungestüme despotische Asien auf das gefestigte, freie Europa. Hier müssen wir bemerken, daß die germanischen Völker um so freiheitsliebender waren, je weiter gen Westen sie lebten. Die Alpen waren von alters her eine Schutzwehr der europäischen Freiheit und im weiten Umkreise um sie herum haben sich die Stämme auch heute noch einen gewissen Unabhängigkeitszug bewahrt. Die Marneebene in Frankreich sollte der Schauplatz dieser in der Geschichte einzig dastehenden Schlacht werden. Das freie Westeuropa, die Römer, die Westgoten, die Aremoriker, die Breonen, die Burgunder, die Sachsen, die Alanen und die Franken unter Führung ihrer Könige und Feldherrn und unter der Oberleitung des gewandten Aëtius und das nomadisierende Osteuropa: die Ostgoten, Alanen, Gepiden, Markomannen, Veneter, Longobarden, Heruler, Akatirer, Avaren, Thüringer, Roktolanen sowie einige slawische Stämme unter der Führung ihrer Fürsten, Könige und Prinzen, geleitet von dem einen allmächtigen Willen Attilas, sollten eine Entscheidung über so manches herbeiführen, was für die Nachwelt von höchster Bedeutung ward. Das freie Europa hielt stand. Die unüberwindliche verderbenbringende Reiterei Attilas und die verbündeten Völker wurden zurückgeworfen, und der unbezwingliche Hunne, der seine ganze ihm zu Gebote stehende Willenskraft eingesetzt hatte, kehrte mit seinen Roßherden und Völkern in die Ebenen Ungarns und Pannoniens zurück. Aëtius, der nicht den Wunsch hatte, daß die Westgoten, die sich in dieser blutigen Schlacht mehr denn alle übrigen ausgezeichnet hatten, ein zu großes Übergewicht gewönnen, erleichterte Attila den Rückzug. Die große Völkerliga zerfiel, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatte, und alles kehrte, da man annahm, die Gefahr sei vorüber, in seinen Anfangszustand zurück.

Aber der fürchterliche Hunnenführer raufte sich zornig seinen edlen Haarschopf und fiel nach einem Jahr, nachdem er die Reihen seiner Truppen durch neue ergänzt hatte, in Italien ein, wo der sorglose Kaiser Valentinian und sogar Aëtius selbst nichts von Gefahr ahnten. Die erste Stadt, die Attilas schwere Hand zu spüren bekam, war Aquileja. Er äscherte sie vollkommen ein und wurde so die Veranlassung, daß ein Häuflein überlebender Einwohner am Adriatischen Meere die Stadt Venedig gründeten. Von hier zog er wie eine feurige Geißel durch ganz Italien. Die Städte Concordia, Brescia, Vicenza, Padua, Verona, Mantua, Mailand, Modena, Parma ließen nichts wie niedergebrannte Mauern sehen. „Ich schwöre es,“ rief der wilde Hunne, „da soll kein Gras mehr wachsen, wo der Huf meines Rosses den Boden berührt hat!“ Endlich sah auch Rom Attila vor seinen Mauern. Der erschrockene Papst trat in vollem Ornat und begleitet von einer ganzen Prozession dem unerbittlichen Hunnen entgegen und, — war es nun die Pracht des christlichen Ritus oder der unter den wilden, ja selbst unter den heidnischen Völkern vielfach verbreitete Gedanke, daß Rom etwas Heiliges in seinen Mauern berge — genug, Attila begnügte sich damit, einen großen Tribut zu erheben, zog sich zurück und verließ Italien.

Schon sollte die vereinigte Liga der westlichen Völker seine Macht und Rache kennen lernen, aber sein plötzlicher Tod rettete sie. Attila fand einen seltsamen Tod. Er, der so düster und zurückhaltend gewesen war, der es nicht einmal geduldet hatte, daß der Griff seines Säbels und sein Filzsattel mit goldenem Zierat oder Edelsteinen geschmückt werde, veränderte von einem Tage zum andern seine Lebensweise. Nachdem er die Tochter des Kaisers von Baktrien, ein Mädchen von wunderbarer Schönheit, geheiratet hatte, gab er sich, ganz berauscht von Wein und Gelagen, mit einer so wilden Leidenschaft der Sinnenlust hin, daß er seine ganze stählerne Lebenskraft wie in einem Zuge ausströmen ließ. Ein Blutstrom rann ihm aus Ohren, Mund und Nase, und er erstickte.

In einer unbekannten Wüste, in stockfinstrer Nacht grub man Attila das Grab und begleitete diese Arbeit mit Gesängen, in denen seine Heldentaten gepriesen wurden. Sein Leichnam wurde in einen dreiwändigen Sarg gelegt — die eine Wand war von Gold, die andre von Silber und die letzte von Kupfer; seine Waffen und das Geschirr seiner Rosse wurde mit ihm ins Grab gesenkt. Alle Knechte und Sklaven, die die Grube gegraben, wurden am Grabe erstochen, damit kein Lebender je die Stelle fände, wo die Gebeine des großen Mannes ruhten[13].

Nach dem Tode Attilas stoben die Hunnen plötzlich auseinander und zerstreuten sich wie alle asiatischen Völker, die nur durch den mächtigen Willen eines Führers zusammengehalten werden. Nunmehr breiteten sich die europäischen Völker weiter und freier aus, sie wurden selbständiger, und im Osten traten slawische Stämme mehr in den Vordergrund, die sich allmählich vermehrten und in sechzig verschiedene Stämme teilten; sie zogen bis nach Tirol, machten nach dem Abzug der Ostgoten an den Grenzen des griechischen Kaiserreichs von sich reden, drangen immer mehr in die weiten Ebenen ein und verwandelten sich allmählich in seßhafte Völker.

Über Italien lagen nach den Verwüstungen Attilas noch lange Rauchwolken, aber selbst in den halbzerstörten Ruinen nisteten noch immer allerhand Tücken und Ränke, und in diesem völlig erschöpften Reiche gab es immer noch elende Ehrgeizlinge. Dem Senator Maximus war es gelungen, Aëtius, die einzige Stütze des schwankenden Thrones, vor dem ohnmächtigen Kaiser Valentinian zu verdächtigen, und der undankbare Valentinian erschlug ihn mit eigener Hand. Nun aber, als er dieser Stütze verlustig gegangen war, fiel er selbst von der Hand des Maximus, dieser setzte sich die Kaiserkrone auf sein von kindischem Ehrgeiz erfülltes Haupt und heiratete die Witwe Eudoxia. Die Witwe aber dürstete nach Rache, sie war empört über den gemeinen Mord an ihrem Gemahl, Italiens Schicksal beunruhigte sie wenig, und so forderte sie Geiserich im geheimen auf, nach Rom zu kommen, um den Tod des Kaisers, seines Verbündeten und Freundes, zu rächen.

Geiserich ließ nicht gern lange auf sich warten; sofort verließ er mit seinen Vandalen die afrikanische Küste, schiffte sich auf seinen Piratenschiffen ein und landete in Italien. Und alles, was vom Schwert Attilas verschont geblieben war, das vernichtete Geiserich in gewohnter Weise. Er untersuchte nicht lange, wer recht und wer unrecht hatte, oder wem er Hilfe leisten sollte. Alle traf dasselbe Schicksal. Geiserich verstand sich besonders gut auf das Plündern; nach ihm fand niemand etwas, woran er sich hätte bereichern können. Rom, das bis dahin selbst von den Heiden verschont geblieben war, wurde von diesem christlichen König ganz erbarmungslos geplündert; alles, was überhaupt mitgenommen werden konnte, wurde mitgenommen. Er füllte seine Schiffe mit einer Unzahl von Gefangenen, mit denen er selbst nichts anzufangen wußte; er nahm eine Menge von Schauspielern und Künstlern mit, selbst die Frau des Kaisers samt ihren Töchtern, denen er doch zu Hilfe geeilt war, zuletzt holte er auch die goldene Kuppel vom Kapitol herunter und schleppte sie zugleich mit anderen Schätzen nach Afrika.

Nach all diesen Ereignissen erinnerte Italien kaum noch an den Schatten seines ehemaligen Ruhms. Einst in herrlicher Blüte prangend, der Glanzpunkt der europäischen Natur, bot es jetzt den wilden Anblick eines verwüsteten, zerstörten Landes dar. Der Name des Kaisers war in den verlassenen Städten kaum noch zu hören. Der römische Imperator hatte gar keine Einkünfte mehr. Er war nicht mehr imstande, seinem eigenen Heer, das aus Herulern, Rugiern und Turcilingern bestand, seinen Sold zu bezahlen. Und so setzte denn ihr Anführer Odoaker den Kaiser ab und wurde selbst ein unbeschränkter und völlig unabhängiger Herrscher; allein, er wollte die kaiserliche Würde gar nicht mehr annehmen, sondern nannte sich ganz einfach König der Heruler. Ein anderer Teil des römischen Heeres befand sich in Gallien, es war durch die Alpen gewissermaßen von der Heimat abgeschnitten, und sein Anführer Syagrius, der von den Ereignissen in Italien gar keine Kunde hatte, verteidigte hier das gar nicht mehr existierende Reich gegen den vereinigten Frankenbund, der um diese Zeit bereits übermächtig zu werden begann, weil ein unternehmender König und Feldherr, Chlodwig, an seiner Spitze stand. Syagrius, der von seinem Reich abgeschnitten war und gar keine Verstärkungen erhielt, fiel es schwer, diesen frischen Kräften Widerstand zu leisten: er gab nach, und Gallien wurde von fränkischen Stämmen überschwemmt. Bald darnach brachen die Ostgoten unter der Führung von Theoderich von den nördlichen Grenzen des oströmischen Reiches auf, nahmen Italien ein und brachten die dort lebenden Völker unter ihre Herrschaft. Kurze Zeit nachher setzten die Angelsachsen auf ihren plumpen, kühnen Schiffen über das Meer, unterwarfen England — und damit fand die große Völkerwanderung, soweit sie sich in großen Massen vollzog, endgültig ihren Abschluß, aber in engeren Grenzen und in kleinerem Umfange nahm sie auch noch weiter ihren Fortgang. Die vielen wilden Jäger, die dieses allgemeine Herüber- und Hinüberwandern und dieser beständige Wechsel der Wohnsitze herangezogen hatten, waren von einer starken Leidenschaft für allerhand Abenteuer und Wandern ergriffen, und obgleich ganz Europa jetzt scheinbar unbeweglich dalag, rührte es sich und wogte es dort hin und her wie auf einem ungeheuren Marktplatz. Alle Nationen waren so durcheinandergemengt, daß es vergeblich gewesen wäre, eine reine und unberührte entdecken zu wollen, und erst mit der Zeit drückten bestimmte stabile Regierungsformen oder Beschäftigungen den bedeutendsten unter ihnen eine besondere Eigenart und bestimmte unterscheidende Merkmale auf. Damals gab es vier große Völkergruppen oder -massen, die die anderen an Bedeutung überragten, gleichsam vier Hauptpunkte, in denen sich die Macht Europas konzentrierte. In Spanien — die Westgoten, die mit einem Teil der von ihnen unterjochten Völker dort eingefallen waren, sich daselbst, d. h. in Spanien mit den Alanen, Sueven, Vandalen und einigen anderen von diesen abhängenden Stämmen vereinigt und in dem Gebirge von Asturien eine Menge feindlicher Banditenbanden wider sich aufgeregt hatten. Ferner in Gallien die Franken, die bereits aus den früheren Nachbarn der Römer, den Germanen von der Donau und vom Rhein, den Usipiern, Sigambern, Cheruskern, Chatten, Brukteren, Angrivariern, Chasuariern und anderen eine Nation gebildet, sich mit den einheimischen römischen Galliern vereinigt, mit den unterworfenen Aremorikern, Bretonen, Alemannen, Burgundern und zum Teil auch mit den Bajuwaren und Friesen verbunden, ohne sich doch mit ihnen zu verschmelzen, und die das Gebiet ihrer Herrschaft bis über die Alpen über den Rhein hinaus ausgedehnt hatten.

Das war eine der mächtigsten Völkergruppen. Im nördlichen Deutschland saßen die Sachsen, die durch ihre Wildheit und ihr Korsarentum Schrecken erregten und sich nur wenig mit anderen Stämmen vermischt hatten, und in Italien die Ostgoten, in deren Masse sich viele Abkömmlinge von Völkern befanden, die in Osteuropa herumwanderten — Sueven, Alanen, Avaren, Slawen, Gepiden — und die unter der geschickten und festen Regierung Theoderichs eine Zeitlang das Übergewicht in Europa erlangten. Außerdem übten diese großen Völkermassen noch eine Schutzherrschaft über eine Menge weit abseits wohnender Stämme aus.

Die Grenzen zwischen ihnen verloren sich oft in unbekannte Räume; in dem von den Grenzen eingeschlossenen Lande erhielten sich häufig viele Völker, die hier ganz unabhängig durch- und nebeneinander lebten. So in Mitteldeutschland — die Longobarden, dann ein Teil der Bajuwaren, die sich in Italien ausgezeichnet, und alle Völker, die einst in den ehemals unermeßlichen Wäldern des Harzes und des felsigen Vorgebirges der Alpen gelebt hatten. Der Osten Europas war von den völlig zerstreuten slawischen Stämmen besetzt, die unter dem ewigen Druck aller aus Asien nach Europa strömenden Völker noch nicht Zeit gefunden hatten, tätig in die Weltgeschichte einzugreifen. Jenseits des so bezeichneten Kreises im Norden und Osten wohnten verschiedene Völker, die noch in dunkler Tatenlosigkeit dahinlebten.

Dies war die Lage Europas am Ende des V. Jahrhunderts, dessen Ausgang so laut und unruhig war, als durch den unbeschreiblichen Ratschluß der Vorsehung das gewaltige Chaos, das die dunklen Elemente zu einer neuen Welt in sich trug, sich auf Europa niedersenkte, als sich Völker in ungeheuren Massen verheerend auf andere Völker stürzten, zu jener Zeit, als noch gewaltige, finstere Taten geschahen, als die Namen eines Alarich, Geiserich und Attila gleich unruhigen Kometen durch die Welt schwirrten, während die Alte Welt im Osten langsam vermoderte, als die römische Kultur sich zaghaft an die Küsten Syriens, Alexandriens und Konstantinopels drängte und die ketzerischen Lehren eines Nestor und Eutiches an ihren gebrechlichen altersschwachen Kräften nagten.

IX Memoiren eines Wahnsinnigen

Den 3. Oktober.

Heute hat sich etwas Außerordentliches ereignet. Ich stand diesen Morgen ziemlich spät auf, und als Mawra mir meine frisch geputzten Stiefel hereinbrachte, fragte ich sie, wieviel die Uhr sei. Als ich hörte, daß es längst zehn geschlagen hätte, beeilte ich mich mit dem Ankleiden. Ich muß gestehn, am liebsten wäre ich gar nicht in die Kanzlei gegangen, da ich im voraus wußte, was für eine saure Miene unser Abteilungschef machen würde. Schon seit geraumer Zeit pflegt er mich immer wieder zu fragen: „Sag’ mal, Freundchen, was geht eigentlich in deinem Oberstübchen vor, du läufst hin und her wie ein Irrsinniger und wirfst alles so durcheinander, daß sich selbst der Teufel nicht mehr auskennt, du schreibst die Titel mit kleinem Anfangsbuchstaben und datierst und numerierst die Akten nicht.“ So ein verdammter Kerl! Sicherlich plagt ihn der Neid, weil ich im Arbeitszimmer des Direktors sitze und die Federn für Seine Exzellenz schneide. Mit einem Wort: ich wäre gar nicht in die Kanzlei gegangen, wenn ich nicht die Hoffnung gehabt hätte, den Kassierer zu sehn, und von diesem Juden wenigstens einen kleinen Vorschuß auf mein Gehalt herauszukriegen. Das ist auch so eine Kreatur. Gerechter Gott, eher bricht das Jüngste Gericht herein, als daß er einem das Gehalt für einen Monat vorausbezahlt! Bitte ihn, soviel du willst, geh meinetwegen zugrunde, sei in der größten Klemme — der alte Satan rückt nicht mit Geld heraus. Dafür muß er sich von seiner Köchin zu Hause ohrfeigen lassen. Das ist ja weltbekannt. Ich sehe auch nicht ein, was es für Vorteile hat, im Departement zu dienen. Man hat da doch gar keine Einnahmen! In den Gouvernementsverwaltungen, in den Zivil- und Staatsbehörden dagegen, das ist eine ganz andere Sache! Da sitzt einer ganz in die Ecke gedrückt da und kritzelt irgend etwas — sein Frack ist ganz fadenscheinig — er hat eine Fratze, daß man ausspucken möchte. Aber seht mal hin, was er sich für eine Villa leistet! Man darf es gar nicht erst wagen, ihm eine schön vergoldete Porzellantasse anzubieten. „Das,“ sagt er, „solch ein Geschenk, das ist was für ’nen Doktor.“ Er dagegen muß gleich ein paar Pferde, eine Equipage oder einen Biberkragen für 300 Rubel haben. Äußerlich ist er so bescheiden und spricht so zart: „Wollen Sie mir nicht für einen Augenblick Ihr Messerchen leihen, um meine Feder zu schneiden!“ und dabei rupft er einen derartig, daß er einem kaum das Hemd am Leibe übrigläßt. Das muß man allerdings zugeben, unser Dienst hat etwas Vornehmes, überall herrscht eine solche Reinlichkeit, wie sie sich in keiner Gouvernementskanzlei finden dürfte, alle Tische sind aus Mahagoni, und die Vorgesetzten sagen „Sie“ zu einem. Ja, ich muß gestehn, ich hätte längst die Kanzlei verlassen, wenn nicht dieser vornehme Ton bei uns herrschte.

Ich legte meinen alten Mantel an und nahm einen Regenschirm in die Hand, denn es regnete heftig. Die Straßen waren leer; nur ein paar alte Weiber, die sich mit ihren über den Kopf geschlagenen Röcken vor dem Regen schützten, einige russische Kaufleute unter riesigen Schirmen und ein paar Droschken kamen mir entgegen. Von den besseren Leuten begegnete ich nur einigen von unseren Beamten. Bei einer Straßenkreuzung erblickte ich einen von ihnen. Als ich ihn bemerkte, dachte ich mir sofort: „He, Freundchen, du gehst mir nicht in die Kanzlei, du eilst jener Schönen nach, die vor dir herläuft, und spähst nach ihren Füßchen. Solche Teufelskerle, diese Beamten! Bei Gott! Die geben selbst einem Offizier nichts nach! Da braucht nur irgendein Mädel in einem netten Hütchen vorüberzugehn, sofort hat er sie schon gekapert.“ Als mir dies durch den Sinn ging, fiel mein Blick auf einen Wagen, der gerade vor einem Laden hielt, an dem ich vorüberkam. Ich erkannte ihn sofort: es war der Wagen unseres Direktors. Ich überlegte: „Er hat in diesem Laden nichts zu tun — gewiß ist es seine Tochter!“ Ich drückte mich dicht an die Wand. Der Bediente öffnete den Schlag, und sie hüpfte heraus wie ein Vögelchen. Sie wandte ihr Köpfchen nach rechts und nach links, wie reizend zuckte sie mit den Brauen und wie blitzten ihre Augen! ..... Gott! mein Gott, ich bin verloren, ganz verloren! ... Warum mußte sie aber auch bei solch einem Wetter ausfahren! Da soll noch jemand behaupten, daß die Frauen keine Leidenschaft für allerhand Putz und Flitterwerk haben. Sie hatte mich nicht erkannt, ich hatte ja absichtlich versucht, mich ganz hinter meinem Kragen zu verkriechen, weil ich einen ganz alten, fleckigen Mantel von altmodischem Schnitt umgelegt hatte. Jetzt trägt man Mäntel mit einem langen Kragen, und der meine hat mehrere kurze übereinander; obendrein war das Tuch nicht einmal decatiert. Ihr Hündchen, das nicht Zeit gehabt hatte, in die Ladentür zu schlüpfen, blieb auf der Straße. Ich kenne dieses Hündchen, es heißt Maggie; ich hatte keine Minute auf der Straße gestanden, da hörte ich plötzlich ein feines Stimmchen: „Guten Tag, Maggie!“ Was ist denn das, wer spricht denn da?! Ich schaute mich nach allen Seiten um und sah zwei Damen unter einem Regenschirm daherkommen: die eine war schon recht alt, die andere noch jung; sie gingen an mir vorüber, da erklang es aufs neue: „Schäm’ dich, Maggie!“ Hol’s der Teufel! Ich sah, daß Maggie einen Hund beschnüffelte, der hinter den Damen einherlief. „Aha!“ sagte ich zu mir; „wie wird mir, sollte ich am Ende betrunken sein? Aber das passiert mir ja nur höchst selten!“ „Nein, Fidel, du irrst dich!“ Jetzt sah ich’s deutlich: die, die dies sagte, war Maggie selbst: „Ich war, wau, wau, ich war, wau, wau, wau, sehr krank!“ „Sieh einer das Hündchen an!“ Ich muß gestehn, ich war sehr erstaunt, als ich hörte, daß es geradeso sprach wie ein Mensch. Aber als ich später alles ordentlich überlegte, hörte ich auf, mich zu wundern. Wahrhaftig, so etwas ist auf Erden schon häufiger vorgekommen! Man erzählt sich, daß in England einmal ein Fisch ans Land geschwommen sei, der zwei Worte in einer so merkwürdigen Sprache gesprochen hätte, daß sich die Gelehrten schon drei Jahre darüber den Kopf zerbrechen und doch nicht herauskriegen können, was das für eine Sprache war. Ich habe auch in der Zeitung von zwei Kühen gelesen, die in einen Laden gekommen seien und ein Pfund Tee verlangt hätten. Aber ich muß sagen, ich wunderte mich doch noch mehr, als ich Maggie sagen hörte: „Ich habe dir geschrieben, Fidel; gewiß hat Polkan dir meinen Brief nicht überbracht.“ Teufel auch, ich habe noch nie im Leben gehört, daß ein Hund schreiben kann. Richtig schreiben kann doch nur ein Edelmann ... Natürlich, es kommt wohl auch einmal vor, daß irgendein Kaufmann, ein Bureaumensch oder sogar ein Leibeigner etwas hinkritzelt! Aber das ist doch immer nur ein mechanisches Geschreibsel! Ohne Punkte, ohne Komma und ohne alles Stilgefühl! ...

Das setzte mich in Erstaunen. Ich muß gestehn, seit einiger Zeit fange ich an, Dinge zu sehen und zu hören, die bis jetzt noch kein Mensch gesehen und gehört hat. „Ich will mal diesem Hündchen folgen“, sagte ich zu mir, „und erfahren, wie und was es denkt.“ Ich spannte meinen Schirm auf und ging hinter den Damen her. Wir bogen in die Erbsenstraße, dann in die Meschtschanskaja, nachher in die Storljarnaja und endlich zur Kokuschkin-Brücke ein und blieben vor einem großen Hause stehn. „Dieses Haus kenne ich!“ sagte ich zu mir, „es gehört Swerkow.“ So ein Kasten! Was leben da nicht alles für Leute! Wie viele Köchinnen und wie viel Zugereiste gibt es da! Auch von uns Beamten gibt es da eine ganze Menge! Die sitzen wie Hunde einer auf dem andern und hetzen noch einen dritten auf ihn. Hier wohnt auch einer meiner Freunde, der sehr gut Piston bläst. Die Damen stiegen in den fünften Stock hinauf. „Schön,“ sagte ich zu mir „jetzt will ich nicht mitgehen, ich will mir die Gegend merken und nicht versäumen, mir die erste Gelegenheit zunutze zu machen.“

Den 4. Oktober.

Heute ist Mittwoch und daher habe ich meinen Chef in seinem Arbeitszimmer aufgesucht. Ich kam absichtlich etwas früher, setzte mich hin und spitzte noch einmal alle Federn an. Unser Direktor muß ein sehr kluger Mensch sein. Sein ganzes Kabinett ist mit Bücherschränken angefüllt. Ich las die Titel einiger Bücher. Lauter gelehrtes Zeug, so gelehrt, daß unsereiner sich gar nicht dranwagen kann — alles französische oder deutsche Bücher. Und wenn man ihm erst ins Gesicht sieht — uff — welche Würde leuchtet einem aus seinen Augen entgegen. Ich habe noch nie gehört, daß er ein unnützes Wort gesagt hätte. Wenn man ihm ein Papier reicht, bemerkt er höchstens: „Wie ist es heute draußen?“ „Feucht, Euere Exzellenz!“ Ja, das ist keine Gesellschaft für unsereinen. Er ist ein Staatsmann! Dennoch aber merke ich, daß er mich besonders gern hat. Ach, wenn doch auch seine Tochter ... so eine verfluchte Geschichte! ... Doch still davon! Kein Wort mehr! Ich las heute in der „Biene“. Die Franzosen sind doch ein dummes Volk! Was wollen sie eigentlich? Bei Gott, ich möchte sie alle übers Knie legen und auspeitschen. Ich las auch eine sehr nette Beschreibung eines Balles, die ein Gutsbesitzer aus Kursk verfaßt hatte. Diese Kursker Gutsbesitzer schreiben doch sehr gut. Da bemerkte ich, daß die Uhr halb eins schlug, und dennoch wollte „unser Chef“ noch immer nicht aus seinem Schlafzimmer herauskommen. Aber keine Feder ist imstande, das zu beschreiben, was sich um halb zwei Uhr abspielte. Die Tür wurde geöffnet, ich glaubte schon, es sei der Direktor, und sprang, mit den Papieren in der Hand, vom Stuhl auf: aber es war sie, sie selbst! Alle Heiligen! wie herrlich war sie angezogen! Ihr Kleid war schneeweiß wie das Gefieder eines Schwanes — ein wundervolles Kleid. Und wie sie mich anblickte — glich sie der Sonne — bei Gott — der Sonne! Sie grüßte und sagte: „Ist Papa nicht hier gewesen?“ Herr Gott! was für eine Stimme! — der reinste Kanarienvogel, wahrhaftig, der reinste Kanarienvogel! „Euere Exzellenz!“ wollte ich sagen, „vernichten Sie mich nicht, aber wenn Sie mich schon durchaus vernichten wollen, so tun Sie es mit Ihrem hochgeborenen Händchen!“ Aber hol’s der Teufel, die Zunge versagte mir ihren Dienst, und ich sagte nur: „Durchaus nicht!“ Sie sah erst mich an, dann die Bücher und ließ dabei ihr Taschentuch fallen; ich sprang eilig hinzu, glitt aber auf dem verfluchten Parkett aus und hätte mir fast die Nase zerschlagen, doch hielt sie mich noch im letzten Moment aufrecht und hob das Tuch auf! Alle Heiligen! Welch ein Tuch! der allerfeinste Batist — Ambrosia — das reine Ambrosia! Man glaubte ihm förmlich die Vornehmheit seiner Besitzerin anzumerken. Sie bedankte sich und lächelte flüchtig, so daß sich ihre zuckersüßen Lippen kaum merklich kräuselten, dann ging sie. Ich blieb noch eine Stunde lang sitzen, als plötzlich der Diener hereintrat und sagte: „Aksentjij Iwanowitsch, gehen Sie nach Hause, der Herr ist schon fortgefahren.“ Ich kann dieses Bedientenvolk nicht leiden; immer rekeln sie sich im Vorzimmer herum, und unsereins zu grüßen, das fällt ihnen gar nicht ein. Aber das ist noch nicht das Ärgste; einmal kam ein solcher Hund sogar auf den Gedanken, mir eine Prise anzubieten, ohne vom Stuhl aufzustehen. Ja, weißt du denn nicht, du dummer Sklave, daß ich ein Beamter und ein Edelmann bin?! Indessen nahm ich meinen Hut, legte mir allein meinen Mantel um, denn diesen hohen Herrn fällt es doch nicht ein, unsereinem hineinzuhelfen, und ging meiner Wege. Zu Hause lag ich meistens auf dem Bett. Dann schrieb ich ein paar schöne Verse ab:

„Da mein Lieb ein Stündchen nicht zu sehn ist — ’s muß ein Jahr schon her sein, dacht’ ich; Weil mein Leben mir so arg verhaßt ist, Kann ich da noch leben? — sagt’ ich.“

Wahrscheinlich ist es ein Gedicht von Puschkin. Abends wickelte ich mich fest in meinen Mantel und ging vor das Haustor Seiner Exzellenz, ich wartete ziemlich lange, ob sie nicht vielleicht heraustreten und in den Wagen steigen würde, ich hoffte, sie noch einmal zu sehn; aber sie kam nicht. —

Den 6. November.

Der Abteilungschef ist ganz aus dem Häuschen! Als ich in die Kanzlei kam, ließ er mich sofort rufen und sprach: „Sag’ mir bitte, was tust du eigentlich?“ „Wie? ich tue gar nichts,“ antwortete ich. „Höre mal, denk’ doch mal darüber nach, du bist doch schon über 40 Jahre alt — es wäre bald Zeit, daß du vernünftig wirst. Was bildest du dir eigentlich ein? Du glaubst wohl, ich sei nicht hinter all deine Schliche gekommen? Du läufst ja der Tochter unseres Direktors nach! Sieh dich doch nur mal an und mach’ dir mal klar, wer du eigentlich bist! Du bist doch eine Null — und weiter nichts. Du hast ja keinen Heller im Kasten. Wirf doch einen Blick in den Spiegel — wie kannst du nur an so etwas denken!“ Hol’ ihn der Teufel! weil sein Gesicht an eine Medizinflasche erinnert und weil er nur noch ein paar Haare auf dem Kopf hat, die er künstlich zu einem Schopf zusammendreht, den er mit allerhand duftenden Pomaden salbt, und weil er die Nase hoch trägt, bildet er sich ein, daß ihm allein alles erlaubt sei. Ich verstehe, ich verstehe sehr gut, warum er so wütend auf mich ist. Er beneidet mich, vielleicht weiß er, daß ich bevorzugt werde, vielleicht hat er die Zeichen des Wohlwollens bemerkt, die mir zuteil geworden sind. Ach was! Ich spucke auf ihn! Auch was Großes! Ein — Hofrat! trägt ’ne goldene Uhrkette und läßt sich Stiefel zu 30 Rubel das Paar machen. Ach! hol ihn doch der Teufel! Bin ich etwa aus niederem Stande? Bin ich etwa ein Schneider oder der Sohn eines Unteroffiziers! Ich bin ein Edelmann! Ich kann mich doch auch heraufdienen. Ich bin erst 42 Jahre alt —, und da beginnt doch eigentlich der Dienst erst richtig. Warte nur, Freundchen! wir werden auch noch einmal Oberst sein, ja, vielleicht, so Gott will, auch noch ein bissel mehr! Dann schaffe ich mir eine schöne Wohnung an, vielleicht noch eine bessere als deine. Du bildest dir wohl ein, daß es außer dir keine anständigen Menschen gibt? Dann schaffe ich mir einen Frack nach der neuesten Mode an und binde mir eine ebensolche Krawatte um wie du — dann reichst du überhaupt nicht an mich heran. Ich habe bloß kein Geld — das ist das Pech.

Den 8. November.

Heute war ich im Theater. Man gab „Filatka, den russischen Narren“. Ich habe sehr gelacht. Dann folgte noch eine Posse mit allerhand komischen Couplets, in denen es über die Gerichtsbeamten herging, besonders wurde ein Kollegienregistrator aufs Korn genommen; diese Couplets waren sehr kräftig, und ich habe mich gewundert, daß die Zensur sie nicht beanstandet hat. Von den Kaufleuten hieß es geradezu, daß sie das Volk betrügen, daß ihre Söhne verschwenderisch leben und nach dem Adelsstand streben. Dann gab’s auch ein sehr amüsantes Couplet über die Journalisten: der Autor bat das Publikum um Schutz vor ihnen, da sie immer alles herunterreißen. Die heutigen Schriftsteller schreiben sehr interessante Stücke. Ich gehe sehr gern ins Theater. Sobald ich nur ein paar Groschen in der Tasche habe, kann ich der Versuchung nicht widerstehn und geh’ hinein. Es gibt unter den Beamten solche Schweine, die durchaus nicht ins Theater gehen wollen — richtige Bauern — es sei denn, daß man ihnen ein Freibillett schenkt. Da war auch eine Sängerin. Sie sang wunderschön — sie erinnerte mich an jene .... ach! so ’ne Gemeinheit. Doch still, still ... kein Wort mehr davon.

Den 9. November.

Um 8 Uhr begab ich mich in die Kanzlei. Der Abteilungschef tat so, als bemerke er mein Eintreten gar nicht. Ich meinerseits tat auch so, als hätten wir nichts miteinander vorgehabt. Ich sah einige Akten durch und verglich sie miteinander. Um 4 Uhr ging ich wieder fort. Ich kam an der Wohnung des Direktors vorbei, aber es war niemand zu sehn. Nach Tisch lag ich meist wieder auf dem Bett.

Den 11. November.

Heute saß ich im Arbeitszimmer unseres Direktors, schnitt dreiundzwanzig Federn für ihn und für Ihre, oh, oh, oh, und für Ihre Exzellenz vier Federn. Er hat es gern, wenn recht viele Federn auf seinem Tisch bereit liegen. Oh, das muß ein Kopf sein! Er schweigt beständig, aber in diesem Kopf — glaub’ ich — erwägt er alles. Ich möchte gern wissen, worüber er am meisten nachdenkt, und was er für Pläne schmiedet. Ich möchte das Leben dieser Herrn gern so aus der Nähe beobachten, alle diese Equivoquen und Hofintrigen; wie sie sich bewegen, und was sie in ihrem Kreise tun und treiben: das würde ich gern erfahren! — Schon häufig hatte ich Lust, mich mit Seiner Exzellenz in ein Gespräch einzulassen, aber weiß der Teufel, die Zunge versagt mir ihren Dienst. Schließlich sagt man nur, daß es draußen kalt oder warm ist, und mehr bringt man bei dem besten Willen nicht heraus. Wie gern würde ich einen Blick ins Gastzimmer werfen, aber die Tür steht nur selten offen; von dem Gastzimmer aus sieht man in ein zweites Zimmer! Gott, was für eine noble Einrichtung! Was für Spiegel! Welch ein Porzellan! Ich würde auch gerne mal in den Teil des Hauses hineinblicken, wo Ihre Exz.... ja, da möchte ich gern einmal rein: in ihrem Boudoir, was stehen da wohl für Fläschchen und Büchsen, was für herrlich duftende Blumen, die man kaum anzuhauchen wagt, da liegt vielleicht auch ihr Kleid, das sie eben abgelegt hat, und das mehr einem Lufthauch als einem Kleidungsstück gleicht. Wie gern würde ich auch einen Blick ins Schlafzimmer werfen. Das muß ein Wunderland ... das muß ein Paradies sein, wie es, glaube ich, selbst im Himmel kein ähnliches gibt. Ich möchte das Bänkchen sehn, auf das sie des Morgens beim Aufstehn ihr Füßchen setzt, ich möchte sehn, wie sie sich die schneeweißen Strümpfe anzieht ... O Gott! o Gott! Doch still! still! Kein Wort mehr! Heute fiel’s mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: ich erinnerte mich des Gesprächs der beiden Hunde, das ich auf dem Newsky-Prospekt belauscht hatte. „Gut,“ dachte ich bei mir, „ich werde jetzt alles erfahren! Ich müßte nur den Briefwechsel dieser beiden elenden Hunde auffangen. Daraus werde ich gewiß so manches erfahren.“ Ich muß hier anmerken: einmal habe ich Maggie sogar zu mir herangelockt und ihr gesagt: „Hör’ einmal, Maggie, wir sind jetzt allein, wenn du willst, werde ich sogar die Tür schließen, so daß uns niemand sehen kann — erzähle mir alles, was du von dem Fräulein weißt: was treibt sie und wie ist sie, ich schwöre dir, niemand soll etwas davon erfahren.“ Aber das listige Hündchen kniff nur den Schwanz ein, duckte sich ganz zusammen und schlich leise zur Tür hinaus, als hätte es nichts gehört. Ich vermute schon lange, daß die Hunde viel klüger sind als die Menschen; ich bin sogar überzeugt, daß sie sprechen können, nur sind sie sehr eigensinnig. Ein Hund ist ein großer Politiker: er bemerkt alles und beobachtet jeden Schritt, den der Mensch macht. Nein, es mag biegen oder brechen, morgen gehe ich zu Swerkow, frage Fidel aus und nehme, wenn es glückt, alle Briefe, die Maggie ihr geschrieben, an mich.

Den 12. November.

Um 2 Uhr machte ich mich auf, denn ich wollte Fidel durchaus sehen und aushorchen. Ich kann den Kohlgeruch, der aus allen Krämerläden in der Meschtschanskaja aufsteigt, auf den Tod nicht leiden, dazu dringt noch ein solcher Gestank aus allen Pforten, daß ich mir die Nase zuhielt und mich, so schnell ich nur konnte, aus dem Staub machte. Und dann verpesteten einem die gräßlichen Handwerker noch derartig die Luft mit dem Ruß und dem Rauch, der aus ihren Werkstätten aufsteigt, daß es für einen anständigen Menschen tatsächlich unmöglich ist, hier spazierenzugehen. Als ich zum sechsten Stock emporgestiegen war und die Glocke gezogen hatte, trat ein Mädchen heraus, das nicht übel aussah, und dessen Gesicht mit kleinen Sommersprossen bedeckt war. Ich erkannte sie. Es war dieselbe, die die alte Frau begleitet hatte. Sie errötete ein wenig, und ich begriff sie sogleich. — Die Kleine sehnte sich nach einem Schatz. „Was wünschen Sie?“ fragte sie. „Ich muß mit Ihrem Hündchen sprechen.“ Das Mädchen war offenbar sehr dumm! Ich merkte sofort, daß sie dumm war! In diesem Moment kam der Hund bellend herangesprungen: ich wollte ihn fassen, aber das Scheusal hätte mich mit seinen Zähnen beinahe an der Nase gepackt. Plötzlich erblickte ich in der Ecke sein Lager. Ach, das ist ja, was ich brauche! Ich trat näher, wühlte das Stroh im Holzkasten durcheinander und holte zu meiner großen Freude ein kleines Papierbündel hervor. Als das garstige Tier das sah, biß es mich erst in die Wade, dann aber merkte es, daß ich die Papiere eingesteckt hatte, und fing an zu winseln und zu schmeicheln, ich aber sagte: „Nein, mein Schatz, lebe wohl!“ und lief davon. Ich glaube, das Mädchen hielt mich für einen Wahnsinnigen, denn sie erschrak furchtbar. Als ich nach Hause kam, wollte ich mich sofort an die Arbeit machen und die Briefe entziffern — denn bei Licht sehe ich nicht gut. Aber Mawra war gerade dabei, den Fußboden zu waschen. Diese dummen Finnländerinnen sind besonders immer dann reinlich, wenn man es nicht brauchen kann. So ging ich denn hinaus, um einen Spaziergang zu machen und das Geschehene zu überdenken. Endlich werde ich alles erfahren! Alle ihre Pläne und Intrigen, alle geheimen Triebfedern und werde alles ergründen. Diese Briefe werden mir alles enthüllen. Die Hunde sind ein kluges Volk, sie kennen die politischen Verhältnisse, und daher werde ich dort alles Wissenswerte über unsern Chef finden, das Porträt und die Machinationen dieses Mannes. Sicherlich wird auch einiges über sie darin enthalten sein, das ... doch still, kein Wort mehr. Gegen Abend kam ich nach Hause und lag die meiste Zeit über auf dem Bett.

Den 13. November.

Nun wollen wir mal sehn! Der Brief ist ziemlich leserlich geschrieben. Doch aber liegt etwas Hündisches in der Handschrift. Wir wollen mal sehn:

„Liebe Fidel! Ich kann mich noch immer nicht recht an deinen plebejischen Namen gewöhnen. Konnte man dir wirklich keinen besseren geben? Fidel, Rose — wie vulgär das klingt! Aber lassen wir das jetzt beiseite, es freut mich sehr, daß wir beschlossen haben, einander zu schreiben.“

Der Brief ist recht orthographisch geschrieben. Die Interpunktionszeichen sind immer auf ihrem richtigen Platze, und die Buchstaben sind nirgends verwechselt. Ja, ich glaube, daß selbst unser Abteilungschef nicht so korrekt schreiben kann, obgleich er behauptet, daß er die Universität besucht habe. Sehen wir weiter!

„Mir scheint, eine der größten Freuden des Lebens ist, seine Gedanken, Gefühle und Eindrücke mit einem Freunde zu teilen.“

Hm ... diesen Gedanken hat sie aus einem deutschen Aufsatz, der in russischer Sprache erschienen ist. Ich kann mich nicht auf den Titel besinnen.

„Ich spreche aus Erfahrung, obgleich ich nicht weiter in der Welt herumgekommen bin, als bis vor unsere Haustür. Ist mein Leben nicht von Wohlstand umgeben? Mein Fräulein, das der Papa Sophie nennt, liebt mich grenzenlos.“

O Gott, o Gott! Doch still, still! Kein Wort mehr!

„Papa liebkost mich auch häufig. Ich trinke Tee und Kaffee mit Sahne. Ach, ma chère, ich muß Dir sagen, daß ich gar keine Freude an großen abgenagten Knochen habe, wie sie unser Polkan in der Küche zu fressen kriegt. Nur Wildpretknochen schmecken gut, und auch die nur, wenn das Mark noch darin ist. Es schmeckt auch sehr gut, wenn man mehrere verschiedene Saucen durcheinandermischt, nur dürfen keine Kapern und keine Gemüse darin sein; aber ich kenne nichts Schlimmeres, als die Gewohnheit, Hunden Brotkügelchen vorzusetzen. Da fängt irgendein Herr, der bei Tisch sitzt, und der schon allerhand Schund in seinen Händen gehalten hat, plötzlich an, mit diesen selben Händen Brot zu kneten, ruft Dich herbei und steckt Dir so eine Brotkugel zwischen die Zähne. Refüsieren darf man nicht — so frißt man es denn, obwohl es einen ekelt, aber man frißt es doch!“

Weiß der Teufel, was das ist! So ein Blödsinn! Als ob es kein besseres Thema gäbe, über das man schreiben könnte. Wir wollen mal sehn, ob wir auf der anderen Seite nichts Vernünftigeres finden.

„.... Ich bin gern bereit, Dich von allen Ereignissen zu unterrichten, die sich bei uns abspielen. Ich habe Dir schon einiges von der Hauptperson erzählt, die Sophie Papa nennt. Das ist ein sehr merkwürdiger Mensch ...“

Endlich! Ich wußte es ja, sie haben einen politischen Blick für alle Dinge. Laß uns ’n mal sehn — was der Papa tut:

„... merkwürdiger Mensch. Er schweigt fast immer und spricht nur selten; aber vor einer Woche sprach er in einem fort vor sich hin: ‚Werde ich ihn bekommen oder werde ich ihn nicht bekommen?‘ Einmal wandte er sich sogar mit der Frage an mich: ‚Wie denkst du, Maggie, werde ich ihn bekommen, oder werde ich ihn nicht bekommen?‘ Ich konnte rein gar nichts verstehen, beschnüffelte seine Stiefel und schlich mich fort. Dann aber — es ist jetzt eine Woche — erschien Papa plötzlich hocherfreut, ma chère. Den ganzen Morgen lang gingen bei ihm uniformierte Herren ein und aus, die ihm alle zu etwas gratulierten. Bei Tisch war er so vergnügt, wie ich ihn nie zuvor gesehn, und er erzählte in einem fort Anekdoten.

Nach dem Essen hob er mich zu sich empor, deutete auf seinen Hals und sagte: ‚Sieh mal, Maggie, was ist das?‘ Ich sah ein kleines Bändchen auf seiner Brust, roch daran, fand aber gar nicht, daß es gut duftete, schließlich leckte ich noch einmal daran: es schmeckte etwas salzig.“

Hm, dieses Hündchen erlaubt sich, wie mir scheint, ein bißchen viel. Es soll sich in acht nehmen, daß es keine Prügel kriegt! ... So, er ist also ehrgeizig, das muß man sich merken!

„Leb’ wohl, ma chère. Ich eile usw., usw. Morgen will ich meinen Brief beenden.“ —

„Guten Tag, jetzt bin ich wieder bei Dir. Heute war mein Fräulein Sophie ...“

Ah, nun wollen wir mal sehn, was mit Sophie los ist! Ach, so ’ne Gemeinheit ... Doch still, still! ... fahren wir fort.

„..... mein Fräulein Sophie in großer Aufregung. Sie rüstete sich zu einem Ball, und ich war sehr erfreut, daß ich Dir in ihrer Abwesenheit schreiben konnte. Meine Sophie ist immer sehr froh, wenn sie einen Ball besuchen kann, obgleich sie sich beim Ankleiden fast immer ärgert. Wozu sich die Menschen eigentlich anziehn und warum laufen sie nicht so herum wie wir zum Beispiel? Es ist doch viel bequemer und angenehmer. Ich kann auch nicht verstehen, was das für ein Vergnügen ist, einen Ball zu besuchen. Sophie kommt von den Bällen stets erst gegen 6 Uhr morgens nach Hause, und ich glaube immer aus ihrem bleichen, elenden Aussehen zu erkennen, daß die Ärmste nicht genug zu essen bekommen hat. Ich muß gestehn, ich könnte nicht so leben. Wenn ich keine Sauce mit Rebhuhn und keine gebratenen Hühnerflügel bekäme, so wüßte ich nicht, was mit mir geschähe. Auch Sauce mit Brei schmeckt sehr gut. Dagegen Karotten, Rüben oder Artischocken, die schmecken nie gut.“

Ein sehr ungleichmäßiger Stil. Man sieht doch gleich, daß dies kein Mensch geschrieben hat. Er fängt an, wie es sich gehört, und schließt wie ein Hund. Ich will mir doch noch einen weiteren Brief ansehen. Er ist zwar ein bißchen lang, und auch das Datum fehlt.

„Ach, meine Liebe, wie fühlbar macht sich doch das Herannahen des Frühlings! Mein Herz klopft, als erwarte es etwas! In meinen Ohren klingt es unaufhörlich, so daß ich häufig minutenlang mit erhobenem Bein lauschend an der Tür stehe! Ich will Dir gestehn, daß ich viele Verehrer habe. Häufig betrachte ich sie, während ich gemächlich am Fenster sitze. Ach, wenn Du wüßtest, was es für Mißgeburten unter ihnen gibt! Der eine, ein plumper Köter, ist furchtbar dumm, die Borniertheit spricht ihm aus dem Gesicht, er stolziert wichtig auf der Straße einher und bildet sich ein, eine höchst bedeutende Persönlichkeit zu sein; er denkt wohl, daß sich alle so ohne weiteres in ihn verlieben werden. Aber keine Spur davon. Ich habe ihn gar nicht beachtet und tat so, als hätte ich ihn nie gesehn. Und was für eine fürchterliche Dogge da zuweilen vor meinem Fenster stehnbleibt! Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellte, was das plumpe Tier sicherlich gar nicht kann, würde sie Sophies Papa, der doch auch ziemlich groß und dick ist, um Kopfeslänge überragen. Dieser Affe ist sicherlich ein schrecklicher Frechling. Ich knurrte ihn an, aber er kümmerte sich absolut nicht drum und verzog keine Miene, streckte nur seine Zunge heraus, wackelte mit seinen mächtigen Ohren und schaute in mein Fenster hinein! — solch ein Bauer! Aber glaubst Du wirklich, ma chère, daß mein Herz unempfindlich ist für all dies Werben?! Ach, nein ..... Wenn Du nur den einen Kavalier gesehen hättest, der mitunter über den Zaun unseres Nachbars klettert — er heißt Tresor — oh, ma chère — was der für ein Schnäuzchen hat!! ....“

Pfui Teufel! .... Was für ein Blödsinn! .... Wie kann man nur ganze Seiten mit solchen Dummheiten anfüllen. Einen Menschen! Ich will einen Menschen sehn; mich verlangt nach geistiger Nahrung, die meine Seele speist und labt: und statt dessen diese Dummheiten ..... Doch ich will eine Seite überschlagen, vielleicht wird’s besser!

„... Sophie saß am Tisch und nähte etwas. Ich blickte zum Fenster hinaus, weil ich mir gern die Spaziergänger anschaue, als plötzlich der Diener hereintrat und Herrn Teplow meldete. ‚Ich lasse bitten!‘ rief Sophie und umarmte mich stürmisch. ‚Ach, Maggie, Maggie! wenn Du wüßtest, wer das ist: ein brünetter Kammerjunker! und Augen hat er! schwarz und klar wie Achat!‘ und Sophie lief in ihr Zimmer. Einen Augenblick später trat ein junger Kammerjunker mit einem schwarzen Backenbart herein; er näherte sich dem Spiegel, ordnete sein Haar und sah sich im Zimmer um. Ich knurrte und ging auf meinen Platz zurück. Sophie kam bald zurück und beantwortete seinen Kratzfuß mit einem fröhlichen Knicks; ich tat, als bemerke ich nichts und schaute ruhig aus dem Fenster, beugte aber meinen Kopf etwas zur Seite und versuchte zu hören, was sie sprachen. Ach, ma chère, was das für Banalitäten waren! Sie redeten davon, wie eine Dame beim Tanz anstatt des einen Pas einen anderen gemacht hätte, ferner, daß ein gewisser Robow mit seinem Jabot einem Storche außerordentlich ähnlich gesehen hätte und beinahe auf dem Parkett ausgeglitten und gefallen wäre. Schließlich erzählten sie noch, daß eine gewisse Lidina sich einbilde, sie habe blaue Augen, während sie in Wirklichkeit grün seien usw. Ich dachte mir, wie kann man nur diesen Kammerjunker mit Tresor vergleichen! Himmel! welch ein Unterschied! Erstens hat der Kammerjunker ein vollkommen glattes Gesicht, das von einem Backenbart eingerahmt ist, was so aussieht, als ob er sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hat. Wie anders Tresor! Er hat ein ganz feines Schnäuzchen und mitten auf der Stirn einen kleinen weißen Fleck. Auch Tresors Taille ist unvergleichlich, viel schöner als die des Kammerjunkers. Auch seine Augen, seine Manieren und seine Bewegungen sind ganz anders. Welch ein Unterschied! Ich verstehe nicht, meine Liebe, was sie an ihrem Teplow gefunden hat, und warum sie so entzückt von ihm ist?! ...“

Mir scheint auch, hier muß etwas nicht richtig sein. Es ist unmöglich, daß dieser Teplow sie so bezaubert hat. Ich will mal weiter sehn:

„Mir scheint, wenn ihr schon dieser Kammerjunker so gefällt, wird sie bald auch an jenem Beamten Gefallen finden, der in Papas Zimmer sitzt. Ach, ma chère, wenn Du wüßtest, was das für ein Scheusal ist. Die reine Schildkröte, die man in einen Sack gesteckt hat ...“

Was kann das wohl für ein Beamter sein?

„Sein Familienname ist höchst seltsam. Er sitzt immer da und schneidet Federn. Die Haare auf seinem Kopf erinnern stark an einen Büschel Heu. Papa benutzt ihn mitunter statt des Dieners zu Botendiensten ...“

Mir scheint, dieses garstige Hündchen spielt auf mich an! Habe ich denn Haare wie ein Heubüschel!

„Sophie kann sich nur mit Mühe des Lachens enthalten, wenn sie ihn ansieht.“

Du lügst, verfluchter Hund! Welche boshafte Zunge! Als ob ich nicht wüßte, daß dies alles vom Neid eingegeben ist, als ob ich nicht weiß, wer hier dahintersteckt. Das ist doch eine Intrige des Abteilungschefs! Dieser Mensch hat mir doch ewigen Haß geschworen — nun schadet er mir bei jedem Schritt, den ich tue. Übrigens will ich mir noch einen Brief ansehn. Vielleicht klärt sich dann die Sache von selbst auf.

„Ma chère Fidel, verzeih’, daß ich so lange nicht geschrieben habe. Ich war in einem Wonnerausch! Der Dichter hat wirklich recht, der gesagt hat, daß die Liebe das zweite Leben ist. Außerdem gehen große Veränderungen in unserem Hause vor. Der Kammerjunker besucht uns jetzt täglich. Sophie ist wahnsinnig in ihn verliebt. Papa ist sehr vergnügt. Ich habe sogar von unserem Grigorij gehört, — der bei uns den Fußboden fegt und immer Selbstgespräche führt — daß die Hochzeit bald stattfinden wird, denn Papa will durchaus, daß Sophie einen General oder einen Kammerjunker oder einen Militäroberst heiratet ...“

Hol’s der Teufel! ich kann nicht mehr lesen ... Immer irgendein Kammerjunker oder General. Alles Schöne, was es auf der Welt gibt — fällt immer den Kammerjunkern oder Generälen zu. Du findest irgendein elendes Ding, das dich glücklich machen könnte, und willst schon mit der Hand darnach greifen, da wird es dir von einem Kammerjunker oder einem General entrissen. Hol’s der Teufel! ... Ich wünschte, ich würde selbst General; nicht um ihre Hand zu gewinnen usw. — nein, ich wünschte nur deshalb, ich wäre General, um zu sehn, wie sie vor mir scharwenzeln und alle diese höfischen Verbeugungen und Equivoquen machen würden, und um ihnen dann sagen zu können, daß ich auf sie beide speie. Hol’s der Teufel — es ist aber doch ärgerlich! Ich habe die Briefe dieses dummen Hündchens in Stücke gerissen.

Den 3. Dezember.

Es kann nicht sein. Das sind Lügengespinste, die Hochzeit wird niemals stattfinden! Was liegt denn daran, wenn er auch Kammerjunker ist! Das ist doch nichts weiter als ein Titel und kein sichtbarer Gegenstand, den man in die Hand nehmen könnte. Weil er Kammerjunker ist, bekommt er doch kein drittes Auge auf der Stirn. Seine Nase ist doch auch nicht von Gold, sondern aus demselben Stoff wie die meine und die anderer Menschen! Er riecht doch und ißt nicht etwa mit ihr, und er niest und hustet nicht mit ihr. Ich wollte schon immer ergründen, woher diese Unterschiede stammen. Warum bin ich z. B. Titularrat und wozu bin ich Titularrat? Vielleicht bin ich gar nicht Titularrat! Vielleicht bin ich ein Graf oder ein General und scheine nur Titularrat zu sein. Vielleicht weiß ich noch selbst nicht, wer ich bin. Es gibt doch in der Geschichte genug Beispiele dafür: irgendein ganz gewöhnlicher Mensch, der nicht einmal Edelmann, sondern ein simpler Bürger oder Bauer ist — entpuppt sich plötzlich als hoher Würdenträger, Baron oder ... na, wie sagt man doch gleich? Wenn also schon ein Bauer so emporsteigen kann, was kann dann nicht erst aus einem Edelmann werden? Wie wär’s z. B., wenn ich plötzlich in Generalsuniform erschiene: auf der rechten Schulter eine Epaulette und auf der linken Schulter eine Epaulette, und ein blaues Band über der Achsel — was wohl meine Schöne da für Augen machen würde? Und was würde wohl erst unser Papa, unser Direktor dazu sagen? Oh — er ist ein großer Streber! Er ist ein Freimaurer, unbedingt ein Freimaurer; wenn er sich auch verstellt, als sei er dieses und jenes, ich habe es doch gleich bemerkt, daß er Freimaurer ist. Wenn er einem die Hand reicht, streckt er einem nur zwei Finger entgegen. Ja — warum sollte ich denn nicht jeden Augenblick zum Generalgouverneur, zum Intendanten oder zu so etwas Ähnlichem ernannt werden! Ich möchte wirklich gern wissen, warum gerade ich Titularrat bin? Warum gerade Titularrat?

Den 5. Dezember.

Heute habe ich den ganzen Tag über Zeitungen gelesen. Was für merkwürdige Dinge doch in Spanien vorgehen! Es war mir nicht einmal leicht, zu verstehen, was da vorgeht! Man schreibt, daß der Thron erledigt sei, und daß sich die Stände wegen der Wahl des Nachfolgers in einer sehr schwierigen Lage befinden, und daß deswegen sogar Unruhen ausgebrochen seien! Das scheint mit doch sehr sonderbar! Wie ist es nur möglich, daß ein Thron erledigt wird! Man sagt: eine Donna solle den Thron besteigen. Aber eine Donna kann doch keinen Thron besteigen. Das geht doch nicht! Auf dem Throne muß doch ein König sitzen. Ja aber, wendet man ein, es ist doch kein König da! Das kann aber doch nicht sein, daß kein König da ist! Ein Land kann nicht ohne König existieren. Ein König ist sicherlich da, aber er hält sich irgendwo verborgen. Es ist sehr möglich, daß er im Lande weilt, aber irgendwelche Familienverhältnisse oder Befürchtungen seitens der benachbarten Mächte, wie Frankreich und anderer, veranlassen ihn, sich zu verbergen — oder gibt es vielleicht noch andere Gründe?

Den 8. Dezember.

Ich war schon im Begriff, in die Kanzlei zu gehn, aber verschiedene Gründe und Bedenken hielten mich zurück. Die spanischen Angelegenheiten wollen mir nicht aus dem Kopf. Wie ist es nur möglich, daß eine Donna König wird. Das wird man gar nicht zulassen! England wird zuerst dagegen Einspruch erheben! Auch die politische Lage Europas, der Kaiser von Österreich und unser Kaiser ... Ich muß sagen, diese Ereignisse haben mich dermaßen erschüttert und niedergeschmettert, daß ich den ganzen Tag zu nichts fähig war. Mawra machte mir gegenüber die Bemerkung, daß ich beim Essen sehr zerstreut gewesen sei. Sie hat ganz recht: ich habe in meiner Zerstreutheit sogar zwei Teller fallen lassen, daß sie zerbrachen. Nach Tisch ging ich spazieren, aber ich konnte nichts Interessantes entdecken. Ich lag meistens auf dem Bett und dachte über die spanischen Angelegenheiten nach.

Im Jahre 2000, den 43. April.

Der heutige Tag ist ein großer Jubeltag! Spanien hat wieder einen König! Er ist gefunden! Dieser König bin ich! Erst heute habe ich es erfahren. Ich muß gestehn, es erleuchtete mich wie ein Blitzstrahl. Ich begreife nicht, wie ich denken, wie ich mir einbilden konnte, ich sei ein Titularrat! Wie konnte sich dieser wahnsinnige, dieser aberwitzige Gedanke in meinem Hirn festsetzen! Nur gut, daß es damals niemand eingefallen ist, mich ins Narrenhaus zu sperren. Jetzt ist mir alles klar. Es liegt alles vor mir wie auf der flachen Hand. Früher dagegen — ich versteh’ es nicht — früher lag alles wie im Nebel vor mir. Ich denke, dies alles kommt daher, weil die Menschen glauben, daß das Gehirn des Menschen sich im Kopf befinde; dies ist gar nicht der Fall; in Wirklichkeit trägt es der Wind vom Kaspischen Meer her. Zuerst eröffnete ich Mawra, wer ich bin. Als sie vernahm, daß der spanische König vor ihr steht, schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und starb fast vor Schreck. Die Dumme, sie hat noch nie einen spanischen König gesehn. Ich versuchte, sie zu beruhigen und ihr mit gnädigen Worten mein Wohlwollen auszudrücken, indem ich ihr erklärte, ich sei gar nicht böse auf sie, weil sie mir mitunter meine Stiefel so schlecht geputzt habe. Das sind doch einfache Leute. Mit ihnen kann man doch nicht über höhere Dinge reden. Sie war darum so erschrocken, weil sie in dem Glauben lebt, daß alle spanischen Könige Philipp II. ähnlich seien. Aber ich setzte ihr auseinander, daß Philipp und ich nichts Gemeinsames miteinander hätten, und daß ich keine Kapuziner bei mir habe. Ich ging heute nicht ins Departement. Hol’ es der Teufel! Nein, meine Herren, jetzt kriegt ihr mich nicht mehr dahinein; ich denke nicht mehr daran, eure garstigen Papiere abzuschreiben!

Den 86. Oktember zwischen Tag und Nacht.

Heute erschien unser Exekutor, um mich aufzufordern, in die Kanzlei zu kommen; es ist schon bald drei Wochen, daß ich nicht in der Kanzlei war.

Aber die Menschen sind ungerecht. Sie rechnen mit Wochen. Das haben die Juden eingeführt, weil sich ihr Rabbiner um diese Zeit wäscht! ... Ich ging aber zum Spaß ins Bureau. Der Abteilungschef dachte, ich würde ihn begrüßen und würde mich entschuldigen, aber ich sah ihn nur gleichgültig an, nicht zu böse, aber auch nicht zu freundlich, und ließ mich auf meinem Platz nieder, als bemerke ich niemand. Ich sah mir die ganze Kanzleisippe an und dachte bei mir: wie, wenn ihr wüßtet, wer mitten unter euch sitzt ... Gerechter Gott, was hätte sich da für ein Tumult erhoben! Ja, selbst der Abteilungschef würde sich dann so tief vor mir verbeugen, wie er es jetzt vor dem Direktor tut. Man legte ein paar Akten vor mich hin; ich sollte einen Exzerpt daraus machen. Doch ich rührte keinen Finger. Ein paar Augenblicke später entstand eine allgemeine Unruhe. Man rief: der Direktor kommt. Mehrere Beamten stürmten um die Wette hinaus, um sich ihm bemerkbar zu machen. Ich aber rührte mich nicht vom Flecke. Als er durch unsere Abteilung hindurchging, knöpften alle ihre Fräcke zu; aber ich tat nichts dergleichen. Was ist denn ein Direktor? Sollte ich etwa vor dem aufstehen? — niemals! Was ist er auch für ein Direktor! Ein Stöpsel ist er, aber kein Direktor. Ein ganz gewöhnlicher Stöpsel — ein simpler Stöpsel, und weiter nichts — so einer, mit dem man Flaschen zukorkt. Am meisten Spaß machte es mir, als man mir ein Papier zur Unterschrift vorlegte. Sie glaubten sicherlich, ich würde ganz unten in einem Eckchen eine Unterschrift hinsetzen — Tischvorsteher Soundso — fiel mir ja gar nicht ein! Statt dessen signierte ich in der Mitte des Blattes, wo gewöhnlich der Namenszug des Departementdirektors prangt, mit kräftigen Zügen: „Ferdinand VIII.“ Man hätte sehen müssen, was für ein ehrfürchtiges Schweigen entstand! Aber ich winkte nur mit der Hand und sagte: „Ich bedarf keiner Zeichen der Untertänigkeit“ und ging hinaus. Von dort ging ich sofort in die Wohnung des Direktors. Er war nicht zu Hause. Der Bediente wollte mich nicht einlassen, aber ich herrschte ihn derartig an, daß er die Hände sinken ließ. Von dort schritt ich geradaus in ihr Ankleidezimmer. Sie saß vor dem Spiegel, sprang auf und tat einen Schritt zurück. Ich sagte ihr aber nicht, daß ich der König von Spanien bin. Ich sagte ihr nur, daß ihr ein so großes Glück bevorstehe, wie sie es sich wohl nicht träumen lasse, und daß wir trotz aller Intrigen unserer Feinde vereinigt bleiben würden. Mehr wollte ich auch nicht sagen und daher ging ich hinaus. Oh! welch ein heimtückisches Geschöpf ist doch das Weib! Erst jetzt habe ich begriffen, was das Weib ist! Bisher wußte noch niemand, in wen sie verliebt ist: ich bin der erste, der es entdeckt hat. Das Weib ist in den Teufel verliebt. Jawohl, ich scherze nicht. Die Physiker reden lauter Dummheiten, wenn sie sagen, sie sei dies und jenes. Sie liebt nur den Teufel. Schaun Sie nur hin: da sitzt sie in einer Loge im ersten Rang und hält sich die Lorgnette vor die Augen. Sie glauben, sie betrachtet jenen dicken Herrn mit dem Stern. Keineswegs! sie schaut nach dem Teufel, der hinter seinem Rücken steht. So — jetzt hat er sich in seinen Frack verkrochen und winkt ihr von dort aus mit dem Finger. Sie wird ihn sicherlich heiraten — ganz sicher. Und all diese Beamten und hohen Herren, ihre Väter, die überall herumscharwenzeln, sich an den Hof drängen und laut erklären, sie seien Patrioten und dies und jenes: sie wollen eine Leibrente haben, diese Herren Patrioten! Ihre Mutter, ihren Vater, ja selbst ihren Gott werden sie verkaufen, diese Judasse und Streber! Das macht alles der Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz kommt nämlich daher, weil sich unter der Zunge ein kleines Bläschen befindet; in ihm sitzt ein kleines Würmchen, so groß wie ein Stecknadelkopf, und das alles rührt von einem Bader her, der in der Erbsenstraße wohnt. Sein Name ist mir entfallen; aber es steht völlig fest, daß er gemeinsam mit einer Hebamme in der ganzen Welt den Islam verbreiten will, und daher soll in Frankreich, wie man sagt, schon ein großer Teil der Bevölkerung den mohammedanischen Glauben bekennen.

Kein Datum, der Tag hatte kein Datum.

Ich ging inkognito auf dem Newsky spazieren, da kam der Kaiser vorbeigefahren. Alles zog den Hut und ich auch; ich ließ mir’s jedoch nicht merken, daß ich der König von Spanien bin. Ich hielt es nicht für angemessen, mich hier, vor dem Publikum, zu erkennen zu geben; vor allem muß ich mich bei Hofe vorstellen. Ich habe damit gezögert, weil ich bis jetzt noch kein spanisches Nationalkostüm habe. Ich müßte mir wenigstens einen spanischen Mantel verschaffen. Ich wollte mir schon beim Schneider einen bestellen — aber diese Kerls sind ja die reinen Esel, und dazu kommt noch, daß sie sich gar nicht für ihre Arbeit interessieren, sie wollen nur Geschäfte machen, ihre Haupttätigkeit ist, die Straßen zu pflastern. Ich habe beschlossen, mir den Mantel aus meinem neuen Uniformrock, den ich erst zweimal getragen habe, machen zu lassen. Aber damit ihn mir diese Lumpen nicht ruinieren, habe ich mich dahin entschieden, ihn mir selbst zu nähen, und zwar hinter verschlossenen Türen, damit es niemand sieht. Ich habe ihn ganz aufgetrennt und mit einer Schere zerschnitten — weil der Schnitt ja ganz anders sein muß.

Des Datums erinnere ich mich nicht, der Monat war auch ausgeblieben, weiß der Teufel, was da los war.

Der Mantel ist vollständig fertig. Mawra schrie auf, als ich ihn umlegte. Dennoch kann ich mich noch nicht entschließen, mich bei Hofe vorzustellen. Bis jetzt ist die Deputation aus Spanien noch nicht angekommen. Ohne Deputation aber geht es wohl nicht. Auch würde mein hoher Rang so nicht zur Geltung kommen. Ich erwarte die Deputation von Stunde zu Stunde.

Den Ersten.

Ich bin ob der Saumseligkeit der Deputierten aufs höchste erstaunt! Was für Gründe mögen sie aufgehalten haben! Doch nicht am Ende Frankreich? Ja, das ist die unfreundlichste unter allen Mächten. Ich ging auf die Post und fragte, ob die spanischen Deputierten noch nicht eingetroffen wären; aber der Postmeister ist furchtbar dumm — er weiß von nichts: „Nein,“ sagt er, „hier sind keine spanischen Deputierten; wenn Sie aber einen Brief absenden wollen, so werden wir ihn gern zu der festgesetzten Taxe befördern.“ Hol’ ihn der Teufel! Was soll ich mit einem Brief! Ein Brief! So ein Unsinn — Briefe schreiben nur Apotheker ..... Und auch das nur, nachdem sie ihre Zunge in Essig getunkt haben. Denn ohne dies wäre ihr ganzes Gesicht mit Flechten bedeckt.

Madrid, den 30. Februarius.

Da bin ich nun in Spanien! es ging so schnell, daß ich gar keine Zeit hatte, zu mir zu kommen. Heute früh erschienen die spanischen Deputierten bei mir, und wir stiegen alle zusammen in den Wagen. Ich wunderte mich sehr über die ungewöhnliche Geschwindigkeit. Wir fuhren so schnell, daß wir schon in einer halben Stunde die spanische Grenze erreicht hatten. Übrigens gibt es jetzt in ganz Europa Eisenschienen, und die Dampfer fahren sehr schnell. Spanien ist doch ein sonderbares Land. Als ich das erste Zimmer betrat, erblickte ich eine Menge Menschen, die alle rasierte Köpfe hatten. Ich erriet sofort, daß das Granden oder Soldaten waren, denn die pflegen dort ihre Köpfe zu rasieren. Das Benehmen des Reichskanzlers, der mich an der Hand führte, erschien mir jedoch sehr merkwürdig: er stieß mich in eine kleine Stube und sagte: „Bleib hier sitzen und wenn du noch einmal Lust verspüren solltest, dich König Ferdinand zu nennen, werde ich dir diese Späße schon ausprügeln.“ Aber da ich wußte, daß er mich nur auf die Probe stellen wollte, gab ich eine verneinende Antwort, worauf mich der Kanzler zweimal auf den Rücken schlug, daß ich vor Schmerz beinah laut aufgeschrien hätte, aber ich nahm mich zusammen, da ich mich erinnerte, daß dies der Ritterschlag war, den man bei der Übernahme einer hohen Würde erhält — in Spanien haben sich nämlich die alten Rittersitten noch erhalten. Als ich allein geblieben war, beschloß ich, an die Staatsgeschäfte zu gehen. Ich entdeckte, daß China und Spanien ein und dasselbe Land sind und nur aus Unwissenheit für zwei verschiedene Staaten gehalten werden. Ich rate daher jedem, Spanien auf ein Blatt Papier zu schreiben, wenn er China lesen will. Allein, das Ereignis, das morgen stattfinden soll, erfüllt mich mit Sorge. Morgen um 7 Uhr wird sich etwas Außerordentliches begeben: die Erde wird sich auf den Mond setzen. Auch der berühmte englische Chemiker Wellington schreibt hierüber. Ich muß gestehn, beim Gedanken an die außerordentliche Zartheit und Zerbrechlichkeit des Mondes fühlte ich eine große Unruhe in meinem Herzen. Der Mond wird doch gewöhnlich in Hamburg gemacht, und man muß sagen, er wird sehr schlecht gemacht. Ich wundre mich, daß sich England nicht darum kümmert. Er wird von einem lahmen Böttcher hergestellt, und man merkt gleich, daß der Kerl keine Ahnung vom Monde hat. Er benutzt dabei ein geteertes Seil und etwas Baumöl; daher auch dieser schreckliche Gestank, der sich überall auf der Erde verbreitet, daß man sich die Nase zuhalten möchte. Daher ist der Mond auch eine so zarte Kugel, daß keine Menschen auf ihm leben können und daß er nur noch von Nasen bewohnt wird. Darum können wir ja auch unsere Nasen nicht sehen, denn sie sind alle auf dem Monde. Als ich mir vorstellte, daß die Erde, diese schwere Masse, sich auf den Mond setzen und all unsere Nasen zu Mehl zermahlen könnte, ergriff mich solch eine Unruhe, daß ich schnell Schuhe und Strümpfe anzog und in den Saal des Reichsrats lief, um der Polizei Order zu geben, sie solle die Erde daran hindern, sich auf den Mond zu setzen. Die rasierten Granden, die ich in großer Zahl im Saale des Reichsrats versammelt fand, sind eine sehr intelligente Gesellschaft; als ich sagte: „Meine Herren! wir müssen den Mond retten, die Erde will sich auf ihn setzen!“ da erhoben sich alle und stürzten alle fort, um meinen königlichen Willen auszuführen, ja, viele kletterten auf die Wand, um den Mond zu holen; aber in diesem Augenblick trat der große Kanzler herein. Als sie ihn erblickten liefen alle davon. Ich, der König, blieb allein da. Aber zu meinem größten Erstaunen schlug mich der Kanzler mit seinem Stock über den Rücken und trieb mich in mein Zimmer. So groß ist die Macht der spanischen Volkssitten.

Im Januar desselben Jahres, der auf den Februar folgte.

Ich kann noch immer nicht verstehn, was Spanien für ein merkwürdiges Land ist. Die Volkssitten und die Hofetikette sind hier ganz ungewöhnlich. Ich verstehe sie nicht, nein wirklich — ich verstehe nichts mehr! Heute hat man mir den Kopf geschoren, obgleich ich aus Leibeskräften schrie und rief, ich wolle kein Mönch werden. Aber was dann mit mir geschah, als sie mir kaltes Wasser auf den Kopf tropfen ließen, das weiß ich nicht mehr. Solch eine Höllenpein habe ich noch nie gefühlt. Ich wäre fast rasend geworden, so daß sie mich nur mit Mühe bändigen konnten. Ich kann den Sinn dieser sonderbaren Sitte gar nicht verstehen. Das ist eine ganz dumme und sinnlose Sitte. Die Unvernunft der Könige, die diese Sitte noch immer nicht abgeschafft haben, ist mir unbegreiflich. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich in die Hände der Inquisition gefallen, und ich fange an zu glauben, daß der, den ich für den Kanzler hielt, der Großinquisitor in eigener Person ist. Aber ich kann’s nicht begreifen, daß der König der Inquisition verfallen konnte. Es ist zwar möglich, daß Frankreich, und besonders Polignac dahinter steckt. Oh, dieser Hund, dieser Polignac! Er hat geschworen, mir bis zu meinem Tode zu schaden. Und nun hetzt und hetzt er mich; aber ich weiß wohl, Freundchen, du wirst von England aufgereizt. Die Engländer sind große Politiker. Sie machen immer Kniffe und Winkelzüge. Das ist doch weltbekannt, wenn England eine Prise nimmt — muß Frankreich niesen.

Den 25.

Heute kam der Großinquisitor wieder in mein Zimmer; aber als ich ihn aus der Ferne herankommen hörte, verkroch ich mich unter einen Stuhl. Wie er nun das Zimmer leer fand, fing er an zu schreien. Erst rief er: „Poprischtschin!“ Ich gab keinen Laut von mir; hierauf rief er: „Aksentij Iwanow! Herr Titularrat und Edelmann!“ Ich schwieg noch immer. „Ferdinand VIII., König von Spanien!“ Ich wollte meinen Kopf vorstecken, dachte mir aber: „Nein, mein Lieber, du betrügst mich nicht, ich kenne dich jetzt, du wirst mir wieder kaltes Wasser auf den Kopf gießen.“ Allein er erblickte mich und jagte mich mit dem Stock unter dem Stuhl hervor. Dieser verfluchte Stock tut doch verdammt weh! Übrigens hat mich eine Entdeckung, die ich heute gemacht habe, für alles entschädigt: ich habe nämlich bemerkt, daß es bei jedem Hahn ein Spanien gibt: es befindet sich unter den Federn, und zwar in der Nähe der Schwanzfedern. Der Großinquisitor verließ mich übrigens in sehr übler Laune und drohte mir irgendeine Strafe an. Aber ich achte nicht auf seinen ohnmächtigen Zorn, da ich weiß, daß er doch nur eine Maschine und zwar ein Instrument in Händen Englands ist.

D-34-en sten. Mon. des Jah. im Februar 349.

Nein, ich kann’s nicht länger ertragen! Mein Gott, was fangen sie mit mir an! Sie gießen mir kaltes Wasser auf den Kopf! Sie achten meiner nicht, sie sehen und hören nicht auf mich! Was habe ich ihnen getan? Warum quälen sie mich so? Was wollen sie von mir Armem? Was könnte ich ihnen geben? Ich habe ja selbst nichts! Ich habe keine Kraft mehr, ich kann diese Qualen nicht ertragen, mit denen sie mich quälen, mein Kopf brennt mir, und alles dreht sich vor meinen Augen! Oh! rettet mich! Bringt mich fort von hier! gebt mir ein Dreigespann schnellfüßiger Rosse, die dahinstürmen wie ein Wirbelwind! steig ein, mein Wagenlenker! läute, läute, mein Glöcklein, stürmt vorwärts, ihr meine Rosse, und tragt mich fort aus dieser Welt! Weiter, immer weiter, damit ich nichts von alledem, nichts, gar nichts mehr sehe. Sieh! da ballt der Himmel sich vor mir zusammen, ein Sternchen funkelt in der Ferne. Der Wald mit seinen dunkeln Bäumen zieht mondbestrahlt an mir vorüber. Grauer Nebel breitet sich zu meinen Füßen, und eine Saite tönt in ihm. Rechts das Meer und links Italien. Sieh, da tauchen Rußlands Hütten vor mir auf! Ist das mein Vaterhaus, dort in der blauen Ferne? Sitzt nicht dort mein Mütterchen am Fenster? O Mutter, Mutter, rette deinen armen Sohn! Lass eine Träne auf seinen kranken Kopf fallen! blick’ hin, wie sie ihn quälen! drück’ ihn ans Herz, den armen Verwaisten! es ist kein Platz für ihn auf dieser Welt! man hetzt, man verfolgt ihn. Mutter erbarme dich deines kranken Kindes ... Aber wissen Sie eigentlich schon, daß der Bei von Algier eine Warze unter der Nase hat?

Notes in this chapter

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