Arabesken Zweiter Teil (continued 2)
Charlotte König translation
Und die Deutschen packten Piragow an Händen und Füßen.
Vergeblich versuchte er, sich freizumachen; diese drei Handwerker waren die kräftigsten unter allen Petersburger Deutschen und verfuhren so grob und unhöflich mit ihm, daß ich, wie ich gestehen muß, keine Worte finde, diese traurige Szene zu schildern.
Ich bin überzeugt, daß Schiller den nächsten Tag wie im Fieber war und zitterte wie das Espenlaub, da er jeden Augenblick auf das Erscheinen der Polizei gefaßt war; er hätte, weiß Gott, wieviel dafür gegeben, wenn das gestrige Ereignis nur ein Traum gewesen wäre. Ader das Geschehene läßt sich nun einmal nicht mehr ungeschehen machen. In der Tat ließ sich nichts mit der Wut und der Empörung Piragows vergleichen. Schon der Gedanke an die fürchterliche Beleidigung brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Die Verbannung nach Sibirien oder Spießrutenlaufen erschienen ihm als die geringsten Strafen, die Schiller verdient hatte. Er flog nach Hause, um sich umzuziehen und von dort direkt zum General zu fahren; ihm wollte er die Unverschämtheit der deutschen Handwerker in den glühendsten Farben schildern. Zu gleicher Zeit wollte er auch eine schriftliche Klage beim Generalstab einreichen: falls aber die angesetzte Strafe nicht genügend streng ausfallen sollte, wollte er die Sache vor alle Instanzen bringen.
Allein dies alles fand einen ganz merkwürdigen Abschluß: unterwegs trat er in eine Konditorei, aß zwei Kuchen aus Blätterteig, warf einen Blick in die Zeitschrift „Die Nordische Biene“ und verließ das Lokal schon weniger wütend und aufgebracht. Der recht angenehm frische Abend lud ihn dazu ein, etwas auf dem Newsky auf und ab zu gehen; gegen neun Uhr hatte er sich so weit beruhigt, daß er fand, am Sonntag ginge es nicht gut, den General zu belästigen, auch würde er ihn wohl schwerlich zu Hause treffen, daher begab sich Piragow zu einer Soiree bei dem Chef der Kontrollbehörde, wo sich ein sehr netter Kreis von Beamten und Offizieren seines Regiments zusammenfand. Er verbrachte den Abend sehr angenehm und zeichnete sich bei der Mazurka so aus, daß nicht nur die Damen, sondern auch die Herren ganz begeistert waren.
Als ich vorgestern auf dem Newsky einherschlenderte und mich dieser beiden Ereignisse erinnerte, dachte ich so bei mir: „Wie herrlich eingerichtet ist doch unsere Welt! Wie merkwürdig, wie unbegreiflich spielt doch das Schicksal mit uns; erreichen wir je, was wir wünschen? erlangen wir je, was die Bestimmung unserer Kräfte und Fähigkeiten zu sein scheint? es kommt immer anders, als man glaubt. Dem einen beschert das Schicksal die herrlichsten Pferde, er aber fährt gleichgültig spazieren, ohne ihre Schönheit zu bemerken, während ein anderer, dessen Herz vor Leidenschaft für Pferde glüht, zu Fuß geht und sich damit begnügen muß, mit der Zunge zu schnalzen, wenn ein schöner Rappe an ihm vorüberjagt. Ein dritter hat einen ausgezeichneten Koch, aber leider einen so kleinen Mund, daß er nicht mehr als zwei Stückchen hineinstopfen kann, sein Freund dagegen hat ein Maul von der Größe des Generalstabstors und muß sich, ach! mit einem simpeln deutschen Kartoffelgericht begnügen. Wie sonderbar spielt doch das Schicksal mit uns!“
Aber am seltsamsten ist doch das, was auf dem Newsky zu geschehen pflegt. Oh! traut ihm nicht, diesem Newsky-Prospekt! Ich hülle mich immer fester in meinen Mantel, wenn ich über diese Straße gehe und gebe mir die größte Mühe, mich um keins der Dinge zu kümmern, die mir dort begegnen. Dort ist alles Trug, alles ist nur ein Traum, und nichts ist das, als was es erscheint. Sie glauben vielleicht, dieser Herr, der dort in einem feinen Rock daherkommt, sei sehr reich: keineswegs; der ganze Kerl besteht aus nichts anderem, als aus diesem Rock. Sie bilden sich ein, daß diese beiden Dickwänste, die dort vor der im Bau begriffenen Kirche stehen, über ihren Stil reden — kein Gedanke. Sie sprechen darüber, welch seltsame Pose zwei Krähen einnehmen, die auf ihrem Giebel einander gegenübersitzen. Sie glauben wohl, daß jener Enthusiast, der mit den Händen gestikuliert, davon spricht, wie seine Frau einem ihm ganz unbekannten Offizier durch das Fenster eine Papierkugel an den Kopf geworfen hat — durchaus nicht, er redet über Lafayette. Sie meinen wirklich, daß diese Damen ... ach, den Damen sollten Sie überhaupt nicht trauen! Blicken Sie auch weniger in die Schaufenster hinein: die dort ausliegenden Nichtigkeiten sind vielleicht sehr schön, aber sie schmecken mächtig nach einigen Hundertrubelscheinen. Vor allem aber möge Gott Sie davor bewahren, den Damen unter die Hüte zu gucken! Wie verlockend auch abends der Mantel einer Schönen im Winde flattert, auf keinen Fall würde ich ihr aus Neugierde nachgehen. Halten Sie sich fern, um Gottes willen, halten Sie sich möglichst fern von der Laterne und gehen Sie schnell, so schnell wie möglich, vorüber! Sie können noch von Glück sagen, wenn Ihnen nur ein häßlicher Fettfleck auf Ihren eleganten Rock tropft. Aber auch abgesehen von der Laterne, überall lauert der Betrug auf Sie. Der Newsky-Prospekt ist immer voller Lug und Trug, am meisten jedoch dann, wenn die Nacht wie ein dichtes Gewölk auf ihn niedersinkt und die weißen und hellgelben Mauern der Häuser hervortreten läßt, wenn die ganze Stadt in Lichterglanz erstrahlt und gleichsam vom Donner erdröhnt, wenn Myriaden von Equipagen über die Brücken rollen, die Vorreiter schreiend auf den Pferden vorbeigaloppieren, und wenn Satan eigenhändig die Lampen anzündet, nur um alles in einem übernatürlichen Licht erscheinen zu lassen.
IV Über die kleinrussischen Lieder
Erst in den letzten Jahren, in der Zeit, wo das Streben nach Originalität und nach einer eigenartigen nationalen Poesie erwacht ist, haben die kleinrussischen Lieder, die der gebildeten Welt bis dahin ganz unbekannt und nur im Volke lebendig waren, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Bis dahin war nur ihre bezaubernde Musik dann und wann in die höheren Kreise gedrungen, die Worte aber waren ganz unbeachtet geblieben und hatten niemandes Neugierde geweckt. Ja, selbst die Melodien wurden niemals in vollständiger Fassung mitgeteilt. Irgendein talentloser Komponist zerstückelte sie mitleidlos und fügte sie in seine eigenen gefühllosen, plumpen Schöpfungen ein.[7] Aber die allerschönsten Stimmen und Lieder haben nur die Steppen der Ukraine vernommen: nur hier erklingen sie unter dem Dache niedriger Lehmhütten, die von Maulbeer- und Kirschbäumen umstanden sind, im Glanze der Morgensonne mittags und abends, während die zitronengelben Garben des Weizens unter der Sichel der Schnitter hinsinken, und nur hin und wieder wird der Gesang unterbrochen durch den Schrei der Steppenmöwe, durch das Lied zahlloser Scharen von Lerchen und den ängstlichen Schlag der Golddrossel.
Ich will mich nicht über die Bedeutung der Volkslieder auslassen. Sie sind die lebendige, leuchtende, farbige Geschichte des Volks, die Wahrheit, die das ganze Leben einer Nation bloßlegt. Wenn dies Leben tatkräftig, wechselvoll, frei und eigenartig und von Poesie erfüllt war, und wenn dies Volk trotz seiner Vielseitigkeit keine höhere Zivilisation erreicht hat, dann lebt sich all sein Feuer, all seine herrliche, jugendliche Kraft in den Volksliedern aus. Sie sind ein Grabdenkmal seiner Vergangenheit — ja mehr als ein Grabdenkmal: ein mit einem beredten Relief geschmückter und mit einer historischen Aufschrift versehener Stein ist nichts im Vergleich mit dieser lebenden, redenden und von der Vergangenheit kündenden Chronik. In dieser Beziehung bedeuten die Volkslieder für Kleinrußland alles: seine Poesie, seine Geschichte und das Grab seiner Väter. Wer nicht in die Tiefen dieser Lieder gedrungen ist, der wird nichts von der Vergangenheit dieses blühenden Stückes Rußland erfahren. Der Historiker darf in ihnen nicht Hinweise auf Tage und Daten von Schlachten, genaue Ortsbeschreibungen oder wahrheitsgetreue Berichte suchen; in dieser Beziehung werden ihn nur die wenigsten Lieder weiterbringen. Wenn er aber das wahre Wesen, die Elemente des Charakters, alle Schwankungen und Nuancen des Gefühls und alles dessen, was ein bestimmtes Volk bewegt, seiner Leiden und Freuden ergründen, wenn er den Geist vergangener Zeitalter, den allgemeinen Charakter des Ganzen und jedes einzelnen Teiles erforschen will, dann wird er in jeder Beziehung befriedigt sein; die Geschichte des Volks wird sich ihm in einer leuchtenden Größe offenbaren.
Die kleinrussischen Lieder können mit vollem Recht historisch genannt werden, weil sie sich nicht einen Augenblick vom Leben entfernen und stets den historischen Moment und den geschichtlichen Zustand treu widerspiegeln. Sie alle sind von der schrankenlosen Freiheit des Kosakenlebens durchdrungen und durchflutet. Aus allem redet die Kraft, der Frohsinn, die Seelenstärke, mit der der Kosak den sorglosen Frieden des Familienlebens aufgibt, um sich in die Poesie der Schlachten, in Gefahren und zügellose Gelage mit den Kameraden zu stürzen. Weder die dunkelbrauige Freundin mit ihrer strahlenden Frische, ihren braunen Augen, dem blendenden Glanz ihrer Zähne, die in hingebender Liebe dem Roß in die Zügel fällt, noch die Tränenbäche vergießende alte Mutter, deren ganzes Dasein in dem einen Gefühl der Mutterliebe aufgeht, — nichts hat die Macht, ihn zurückzuhalten. Eigensinnig und unerschütterlich eilt er in die Steppe und ins Lager der Kameraden hinaus. Die Gesellschaft seiner Kumpane, der lebenslustigen Raubritter, ersetzt ihm alles — Weib, Mutter, Schwestern und Brüder. Die Bande dieser Brüderschaft gehen ihm über alles und sind noch stärker als die Liebe. Das Schwarze Meer leuchtet, die herrliche unermeßliche Steppe vom Taman bis zur Donau — dieser wilde Ozean von Blüten wogt unter dem Hauch des Windes. In der unendlichen Tiefe des Himmels verschwinden Schwäne und Kraniche. Der sterbende Kosak liegt mitten in der Kühle dieser jungfräulichen Natur hingestreckt da, er nimmt seine letzte Kraft zusammen, um nicht zu sterben, ohne noch einmal seinen Kameraden einen Blick nachgesandt zu haben.
Denn wohl wußte es das Kosakenhaupt, Daß es nicht fern vom Kosakenheer sterben würde.
Als er sie erblickt, ist er befriedigt, und stirbt. Ob nun das Kosakenheer still und gehorsam in den Krieg zieht, ob Pulverdampf und Kugelregen sich aus den Gewehren entlädt, ob der Metkrug oder der Weinbecher kreist, ob von der furchtbaren Hinrichtung des Hetmans berichtet wird, daß einem die Haare dabei zu Berge stehn, von der Rache des Kosaken oder von einem erschlagenen Helden, der mit weit ausgestreckten Armen und wirrem Schopf auf dem Rasen liegt, oder vom Geschrei der in den Wolken schwebenden Adler, die um das Recht streiten, dem Kosaken die Augen auszuhacken — alles dies lebt in den Liedern und ist in ihnen mit kühnen Farben geschildert.
Ein anderer Teil der Lieder stellt die andere Seite des Volkslebens dar: hier finden wir zahllose Züge aus dem Familienleben des Kosaken, und hier herrscht der absolute Gegensatz. Dort hören wir nur von Kosaken, vom Kriege und vom wilden Lagerleben; hier dagegen ersteht vor uns die Frauenwelt, diese wehmütige, zärtliche Liebe atmende Welt; die zwei Geschlechter verkehren nur kurze Zeit miteinander und trennen sich dann für ganze Jahre. Diese Jahre schwinden für die Frau in banger Erwartung und Sehnsucht nach ihren Männern und ihren Liebsten dahin, die einst wie ein Traum, ein Phantasiegebilde in ihrem herrlichen Kriegsschmuck an ihnen vorüberzogen. Daher ist auch ihre Liebe von einer unendlichen Poesie durchwebt. Das frische, unschuldige, einem Täubchen vergleichbare junge Weib hat plötzlich die höchste Seligkeit, das Paradies des Weibes, das nur für die Liebe geschaffen ist, kennen gelernt. Ihr erster Lebensfrühling, den sie mit dem starken, freien Sohn des Krieges verlebt hat, hat ihr ganzes Lebensglück in einen flüchtigen Augenblick zusammengedrängt; mit ihm verglichen hat das ganze Leben keinen Wert; sie lebt nur in der Erinnerung an diesen Moment. Sehnsüchtig erwartet sie vom Morgen bis zum Abend die Rückkehr ihres Gatten mit den schwarzen Brauen.
O ihr schwarzen Augenbrauen, Wie schwer macht ihr mir das Leben, Keine Nacht wollt ihr Alleine schlafen.
Sie lebt ausschließlich von Erinnerungen. Alles, was sie zusammen gesehen, wo sie miteinander geweilt, was sie miteinander geredet, alles ruft sie sich in die Erinnerung zurück, ohne auch das Geringste außer acht zu lassen. Sie wendet sich an alles, was sie in der Natur entdeckt, an alles, was Leben ausströmt, selbst an die leblosen Gegenstände, klagt ihnen ihr Leid und spricht mit ihnen. Und wie einfach, wie poetisch schlicht sind ihre seelenvollen Worte. Alles bringt sie in Beziehung zu ihrem Gefühl und wird nicht müde zu reden, denn der Mensch hat immer viele Worte, wenn der Schmerz eine geheime Süße in sich birgt. Endlich spricht sie in stiller, hoffnungsloser Verzweiflung:
Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln, Wo ich mit dem Liebsten ging. Ach, jetzt kann ich nicht mehr lieben, Den ich einst so sehr geliebt. Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln Vor dem Schlosse in der Früh. Ach, ich kann mich nicht mehr lehnen An den Arm des Heißgeliebten. Ach, jetzt kann ich nicht mehr wandeln In dem Wald und Nüsse suchen. Ach, vorüber, längst vorüber Ist die heitre Mädchenzeit.
Um denen, die die kleinrussische Sprache nicht beherrschen, die Tiefe des Empfindens, die sich in diesen Liedern offenbart, so verständlich wie möglich zu machen, will ich hier eines dieser Lieder in der Übertragung anführen.
Mein Liebster zürnt mir und grollt mir. Er sattelt seinen Rappen und zieht in die Ferne, weit, weit fort von mir.
„Wohin ziehst du, mein Geliebter, du mein graues Täubchen, wohin entfliehst du? Wem überlässest du mich schutzloses, junges Wesen?“
„Ich lasse dich in Gottes Obhut, Geliebte! Warte auf mich, bis ich von der weiten Reise zurückkehre.“
Oh, wenn ich wüßte, wenn ich es doch sehen könnte, wohin mein Liebster trabt, so wollte ich ihm auf dem ganzen Wege Brücken aus grünem Schilf bauen und ihn immerfort bei mir erwarten.
Allmächtiger Gott, ebne die Berge und Täler, auf daß die Wege überall glatt seien, und daß er bequem von seinem Ziele bis vors Haus reiten kann.
Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, das Gras auf den Wegen fängt an zu grünen; da ist er, mein Geliebter kommt geritten!
Ah! die Wiesen singen, die Ufer klingen, der Wacholder erblüht — gewiß plaudert mein Geliebter, mein graues Täubchen irgendwo mit einer andern.
Warum kamst du nicht geflogen, wie ich dich bat! Hattest du kein Roß, kanntest du den Weg nicht mehr, oder hat’s dir deine Mutter verboten?
„Ich habe ein Pferd; auch kenne ich den Weg, und die Mutter hat mir schon gestern abend geboten, mein Roß zu satteln.
Aber kaum sitz’ ich auf dem Pferde, kaum reit’ ich zum Tore hinaus, da läuft schon die andere mir nach und stöhnt und weint so bitterlich, da greift mir ihr Kummer ans Herz.“
Man könnte tausende von ähnlichen Liedern anführen und vielleicht noch weit schönere. Alle sind sie wohlklingend, duftig und außerordentlich mannigfaltig. Überall gibt es neue Farben, eine große Schlichtheit und eine unbeschreibliche Zartheit des Gefühls. Wo aber die Gedanken das Religiöse streifen, sind sie ganz besonders poetisch. Sie bewundern nicht die gewaltigen Werke des ewigen Schöpfers; eine solche Bewunderung gehört schon einer höheren Entwicklungs- und Erkenntnisstufe an; ihr Glaube ist so unschuldig, so rührend und so rein wie die unbefleckte Seele des Kindes. Sie wenden sich an Gott, wie Kinder an ihren Vater. Sie führen ihn häufig mit so unschuldiger Einfalt in ihr Alltagsleben ein, daß seine kunstlose Darstellung in ihnen gerade durch ihre Einfachheit etwas Erhabenes an sich hat. Dadurch erhalten in den Liedern der Kleinrussen auch die gewöhnlichsten Gegenstände etwas unbeschreiblich Poetisches, wozu auch die Überreste verschiedener aus der altslawischen Mythologie herstammenden Sitten, die sie dem Christentum angepaßt haben, sehr viel beitragen. Oftmals fleht ein trauerndes Mädchen Gott an, er möge eine Wachskerze am Himmel entzünden, bis der Liebste über die Donau gesetzt ist. Auf allem liegt der Stempel reinster, ursprünglichster Kindheit und folglich hoher Poesie. Die Form ihrer Lieder, der Mädchenlieder sowohl wie der Kosakenlieder, ist fast immer dramatisch — ein Zeichen für die Entwicklung des Volksgeistes und des tätigen, unruhigen Lebens, das dies Volk so lange geführt hat. Fast niemals haben ihre Lieder eine beschreibende Form und sie gefallen sich nicht in ausführlichen Darstellungen der Natur. Nur hie und da scheint die Natur in der einen oder der andern Strophe hindurch, aber nichtsdestoweniger sind ihre Züge so neu, so fein, so bezeichnend und gut, daß sie den ganzen Gegenstand vor die Seele zaubern. Übrigens nimmt man zu ihnen nur darum seine Zuflucht, um die Gefühle der Seele kräftiger zum Ausdruck zu bringen. Und daher unterwerfen sich die Naturerscheinungen gefügig den Gefühlsregungen. Derselbe Gegenstand spiegelt sich immer gleichzeitig in der inneren und äußeren Welt, oft ist statt der ganzen äußeren Umgebung nur ein einziger markanter Zug oder ein Teil dieser Umgebung berührt. Nirgends findet sich ein Satz wie etwa der folgende: „es war Abend;“ statt dessen ist immer die Rede von gewissen Vorgängen, die abends zu geschehen pflegen, z. B.:
Die Kühe kamen vom Acker, die Schäfchen von der Wiese; Das Mädchen stand beim Burschen und weinte sich die braunen Augen rot.
Daher haben sehr viele, ohne dies recht zu verstehen, solche und ähnliche Wendungen für unsinnig erklärt. Ein Gefühl findet immer einen starken, plötzlichen, schroffen Ausdruck und wird nie durch lange Perioden abgeschwächt. In einigen Liedern gibt es keine fortlaufende Idee, sie gleichen einer Reihe von Strophen, von denen jede einen besonderen Gedanken in sich schließt. Oft erscheinen sie ganz unbedeutend, weil sie spontan entstanden sind, und da der Blick des Volkes sehr lebhaft ist, so werden gewöhnlich die Gegenstände, die zuerst in die Augen fallen, gleich im Anfang des Liedes erwähnt; dafür aber treten in diesem bunten Durcheinander Strophen hervor, die uns durch die bezaubernde Ursprünglichkeit ihrer Poesie entzücken. Hier vereinigen sich eine leuchtende, treue Malerei und eine wohlklingende Wortmusik. Ein solches Lied wird nicht mit der Feder in der Hand, nicht auf dem Papier, auf Grund strenger Überlegung komponiert, nein, es entsteht im Taumel der Selbstvergessenheit, wenn die Seele singt und klingt und alle Glieder ihre gewöhnliche gleichgültige Lage verlassen und sich freier zu rühren beginnen, wenn die Arme sich in die Höhe strecken und die stürmischen Wellen der Lust den Menschen über alles hinwegtragen. Dies spürt man sogar in den traurigen und wehmütigen Liedern, deren herzzerreißende Klänge schmerzvoll an unsere Seele greifen. Nie konnten solche Töne unter gewöhnlichen Verhältnissen und bei einer nüchternen Betrachtung des Gegenstandes der Seele eines Menschen entquellen. Nur dann, wenn der Wein den prosaischen Gedanken verwirrt und zerstört, wenn die Gedanken seltsam und unbegreiflich in ihrer Disharmonie doch innerlich zusammenklingen — in solch mehr feierlicher als heiterer Ekstase beginnt die Seele sich rätselvoll in unerträglich schmerzlichen Klängen auszuströmen. Hier gibt es keinen Gedanken, keine Überlegung! Der ganze geheimnisvolle Organismus verlangt nach Tönen und nur nach Tönen. Daher ist die Poesie dieser Lieder so unbegreiflich, zauberhaft und graziös wie Musik. Die Gedankenpoesie ist für jedermann weit verständlicher als die Poesie der Töne oder besser gesagt die Poesie der Poesie. Nur ein auserwählter, wahrhafter Dichter, ein Mann, der seinem innersten Wesen nach Poet ist, kann sie verstehen, und daher kommt es, daß oft das allerschönste Lied unbemerkt vorüberrauscht, während ein minderwertiges durch seinen Inhalt gewinnt.
Der kleinrussische Versbau eignet sich sehr für das Lied; in ihm finden sich Versmaß, Tonfall und Rhythmus vereinigt. Ihr Rhythmus ist schnell und rapid, daher ist die einzelne Zeile fast nie zu lang, aber selbst wenn dieses mitunter vorkommt, so wird er in der Mitte durch eine Zäsur mit einem klangvollen Reim durchschnitten. Reine, langgedehnte Jamben kommen selten vor; meistenteils sind es schnelle Trochäen, Daktylen, Amphibrachen, die schnell dahinfliegen, sich einer mit dem anderen frei und launenhaft verbinden und so zu neuen Versmaßen führen, die sie in mannigfaltigster Weise variieren. Die Rhythmen tönen und klingen zusammen wie die silbernen Hufeisen der Tanzenden. Ein sicheres Gehör und musikalisches Gefühl ist ihnen allen gemeinsam. Oft klingt eine Zeile mit einer anderen harmonisch zusammen, trotzdem beide sich nicht einmal miteinander reimen. Die Häufigkeit des Reims ist erstaunlich. Häufig enthält eine Zeile zwei Zäsuren und reimt sich zweimal vor dem Schlußreim, der außerdem in der zweiten Zeile, die gleichfalls in der Mitte doppelt gereimt ist, einen Gegenreim findet. Manches Mal begegnen wir einem solchen Reim, den man eigentlich keinen Reim nennen kann, der aber in seiner Tonfärbung so wohlklingend ist, daß er uns mehr gefällt als ein Reim, und der nie einem Dichter in den Sinn gekommen wäre, während er die Feder in der Hand hält.
Den Charakter der Musik kann man nicht mit einem Wort bezeichnen: sie ist außerordentlich mannigfaltig. In vielen Liedern ist sie leicht, graziös, berührt nur leicht die Erde, und es scheint, als spiele sie neckisch mit den Tönen. Zuweilen nimmt die Melodie eine männliche Physiognomie an und wird kraftvoll, stark und mächtig; schwer stampfen die Füße die Erde, und es scheint, als könne man nur den schwerfälligen Hopak nach dieser Musik tanzen. Ein anderes Mal aber werden die Töne ungewöhnlich frei, breit, schwingen sich gigantisch empor, suchen unendliche Räume zu umfassen, und bei ihren Klängen fühlt der Tänzer sich selbst als Riese: seine Seele, sein ganzes Sein erweitert sich und dehnt sich bis ins Unendliche. Er löst sich plötzlich von der Erde, dann trifft er sie noch kräftiger mit seinen glänzenden Hufeisen, um im nächsten Augenblick wieder in die Luft zu fliegen. Was aber die traurige Musik anbelangt, so kann man sie hier so hören, wie nirgends sonst. Ob es nun der Schmerz um die geknickte Jugend ist, der es nicht vergönnt war, sich auszuleben, oder die Klage über die traurige Lage des damaligen Kleinrußland ... diese Töne leben, brennen und zerreißen unsere Seele. Die melancholische russische Musik drückt, wie M. Maksimowitsch richtig bemerkt hat, ein Gefühl aus, das das Leben vergessen will; sie strebt danach, sich vom Leben zu entfernen und die alltäglichen Nöte und Sorgen zu übertäuben; aber in den kleinrussischen Liedern verschmilzt dies Gefühl mit dem Lebensgefühl: ihre Töne sind so lebendig, man glaubt, daß sie nicht nur zu klingen, sondern auch zu sprechen scheinen — sie reden in Worten, sie sprechen in ganzen Sätzen, und jedes Wort dieser feurigen Reden dringt in die Seele. Ihr Aufschluchzen gleicht manchmal so sehr einem Herzensschrei, daß das Herz des Lauschers plötzlich zusammenzuckt, als hätte ein scharfer Stahl es berührt. Häufig klingt eine so starke, trostlose und gleichgültige Verzweiflung hindurch, daß wir uns beim Hören selbst vergessen und das Gefühl haben, als sei die Hoffnung für immer aus der Welt entflohen. An anderen Stellen hören wir ein kurzes Aufstöhnen und so lebhafte, heftige Seufzer, daß wir uns zitternd fragen: sind das noch Töne? Das ist der unerträgliche Jammer einer Mutter, der eine grausame Gewalt ihr Kind entreißt, um es mit bestialischem Lachen an einem Stein zu zerschmettern. Nichts kann gewaltiger sein, als die Volksmusik, wenn das Volk nur poetische Begabung hat und ein wechselvolles, tatenreiches Leben führt, wenn der Druck der Gewalt und ewiger unüberwindlicher Hindernisse es ihm nicht gestatteten, für einen Moment einzuschlummern, ihm Klagen abnötigen, und wenn diese Klagen niemals und nirgends anders zum Ausdruck kommen konnten, als in seinen Liedern. In solch einer Lage befand sich Kleinrußland zu der Zeit, als sich die Union raubgierig auf das schutzlose Land stürzte. Aus ihnen, aus diesen Tönen kann man sich ein ebenso deutliches Bild von diesen vergangenen Leiden machen, wie von einem Sturm mit Hagelschauern und einem Wolkenbruch, wenn man die diamantenen Tränen erblickt, die die erfrischten Bäume von unten bis oben bedecken, wenn die Sonne ihre abendlichen Strahlen aussendet, wenn die Luft dünn und rein ist, wenn aus der Ferne das Brüllen der Herden zu uns herüberzittert und wenn der bläuliche Rauch, dieser Vorbote des ländlichen Nachtmahls und der Feierstunde, in leuchtenden Ringen gen Himmel steigt und der Abend, der stille, klare Abend die beruhigte Erde umfängt.
1833.
V Gedanken über Geographie für die unteren Klassen
Groß und erstaunlich ist das Gebiet der Geographie. Länder, wo der südliche Himmel glüht und wo jedes Geschöpf sich einer doppelten Lebensenergie erfreut, und Gegenden, wo wir in den entstellten Zügen der Natur Grauen und Entsetzen lesen, wo das ganze Land sich in einen starren Leichnam verwandelt; Bergriesen, die in den Himmel ragen, nachlässig hingeworfene Landschaften, die von der ganzen Kraft und Fruchtbarkeit einer üppigen und reichen Vegetation überquellen, und wiederum glühende Wüsten und Steppen, ein losgerissenes Stück Erde inmitten eines grenzenlosen Meers, die Menschen, die Kunst und die Grenze alles Lebens! — wo wollte man Gegenstände finden, die stärker zu unserer Einbildung sprächen, gibt es eine herrlichere Wissenschaft für die Kinder, gibt es eine, die die Poesie ihrer jugendlichen Seele lebhafter beflügeln könnte? Und ist es nicht traurig, wenn man ihnen anstatt all dieser Dinge ein lebloses, trockenes Skelett vorführt und kalt hinzufügt: „Das ist die Erde, auf der wir wohnen; da ist die schöne Welt, die uns der unbegreifliche Baumeister geschenkt hat!“ — Aber mehr noch! Man verbirgt Ihn vor den Kindern und läßt sie statt dessen einen politischen Körper benagen, der die Welt ihrer Begriffe übersteigt und sogar für einen Verstand, der im Besitze höherer Ideen ist, viel Ungereimtes enthält. — Unwillkürlich kommt einem da der Gedanke: sollten wirklich der große Humboldt und jene anderen kühnen Forscher, die so viel Licht in das Gebiet der Wissenschaften hineingetragen, und die uns die wunderbaren Hieroglyphen, mit denen unsere Welt bedeckt ist, entziffert haben, nur einigen wenigen Gelehrten zugänglich sein, sollte die Altersstufe, die mehr denn jede andere das Bedürfnis nach Klarheit und Bestimmtheit hat, auf nichts als unverständliche Darstellungen angewiesen sein?
Die Kindheit ist zunächst nichts wie ein großes Dürsten, ein instinktives Streben nach Erkenntnis. Sie verlangt nach allem und möchte alles wissen. Am meisten interessiert sie sich für ferne Länder: „Wie ist es dort? was geht dort vor? was gibt es da für Menschen? wie leben sie?“ Diese Fragen drängen sich ihr in reicher Fülle auf, sie alle beziehen sich auf die physische Geographie, und daher muß die gewaltige, reiche, furchtbare und zauberische Welt in ihrem physischen Zustande sie in höherem Maße und in umfassenderer Weise beschäftigen.
In vielen von unseren Lehranstalten trägt man die Geographie in zwei, manches Mal sogar in drei Klassen vor, weil die Zöglinge nicht imstande sind, das ganze Gebiet in einem Jahre durchzunehmen. Und das ist gut, denn die Geographie verdient es, daß man sich nicht nur ein Jahr lang mit ihr beschäftigt; aber die Lehrer verfallen in einen sehr großen Fehler; sie teilen den Erdball in zwei, oder je nach den Klassen, in drei Teile, und dabei fällt der untersten Klasse Europa zu, das gewöhnlich nur nach seiner politischen Seite mit den ausführlichsten Details durchgenommen wird, während die höheren Klassen durch die Steppen und den afrikanischen Sand irren und sich mit den Wilden unterhalten müssen. Abgesehen von der Unvernunft und von der merkwürdigen Form solch einer Lehrmethode gehört noch ein ungeheures Gedächtnis dazu, um diese ganze ungeordnete Masse festzuhalten. Aber selbst wenn man die Möglichkeit solch phänomenaler Begabungen in der Natur zugibt, so wird doch sogar in dem Kopfe eines solchen Phänomens nie ein schönes Ganzes zurückbleiben. — Es werden höchstens sorgfältig bearbeitete, aber völlig getrennte Stücke sein, die von keinem kräftigen Leben beseelt sind, das mit rhythmischem Pulsschlag durch alle Adern rinnt. Es ist wie bei einem Volke, das für eine monarchische Regierung prädestiniert ist und sie im Sturme politischer Erschütterung verloren hat.
Es ist viel besser, wenn der Zögling die Geographie auf zwei verschiedenen Altersstufen durchnimmt. Auf der ersten Stufe sollte er nur einen großen Überblick über die ganze Welt erhalten, aber einen solchen, der seine ganze Aufmerksamkeit anregt und ihm die ganze Weite und ungeheure Größe der geographischen Welt vor Augen führt. Zu diesem Kursus müßten auch die Naturgeschichte, die Physik, die Statistik und alles, was mit der Welt zusammenhängt, ihren Teil beisteuern, damit die Welt den Eindruck einer einzigen, leuchtenden, bunten Dichtung mache und der Schüler nach Möglichkeit mit all ihren Teilen bekannt und vertraut werde. Gar keine Einzelheiten, nur die großen markanten Züge! aber so, daß er ahnt, wo Eiseskälte und wo eine starke Vegetation vorherrscht, wo die Manufaktur und wo die Bildung höher steht, wo die Unwissenheit größer, wo die Erde tiefer ist, und wo die Berge sich mächtiger emportürmen. — In der zweiten Periode des Kindesalters müssen die Grenzen dieser Welt auseinandergerückt werden. Jetzt soll er die Gegenstände, die er früher mit bloßem Auge gesehen, durchs Mikroskop betrachten. Dann wird er auch alle Ausnahmen und Übergänge, und weniger die starken, als die feinen Abweichungen kennen lernen.
Der Schüler soll überhaupt kein Buch bei sich haben. Ein Buch, es mag sein wie es will, wird seine Einbildungskraft stets einengen und abtöten. Er soll nur die Karte vor sich haben. Man soll ihm keine geographische Erscheinung erklären, ohne sie auf der Stelle zu fixieren; selbst wenn es sich nur um eine lebendige, schöne Beschreibung handelt, muß der Schüler beim Zuhören seine Augen auf einen Punkt der Karte richten, und dieser kleine Punkt muß sich vor ihm immer mehr und mehr ausbreiten, und alle Karten, die er während der Rede des Lehrers vor sich sieht, in sich aufnehmen. Dann kann man sicher sein, daß die Erscheinungen sich seinem Gedächtnis für immer einprägen werden, und daß er, während seine Augen das nackte Weltgerippe betrachten, es sofort mit leuchtenden Farben ausfüllen wird.
Vor allem muß er die Gestalt der Erde in seinem Gedächtnis festhalten. Das Kartenzeichnen, mit dem man die Schüler so sehr quält, bringt wenig Nutzen. Die vielen kleinen Details, die vielen einzelnen Staaten und Reiche können sich in seinem Kopfe nur gegenseitig vernichten. Viel besser ist es, man gibt den Kindern vor allem eine scharfe und lebendige Idee von der Gestalt der Erde: ich möchte dazu raten, zu diesem Zwecke das Wasser weiß und die ganze Erde schwarz darzustellen, damit sie sich unwillkürlich dem Gedanken ganz deutlich und durch ihre scharfen Konturen aufdrängen und die Schüler unaufhörlich mit ihrer unregelmäßigen Figur verfolgen. Jetzt wird es ihnen schon viel leichter fallen, die Gestalt der Erde nachzuzeichnen, nur sollte man ihnen nie gestatten, sich in Einzelheiten zu ergehen, d. h. alle kleinen Vorgebirge und Ausbuchtungen der Ufer zu vermerken. Es ist sogar besser, wenn sie diese anfänglich nicht kennen, dafür aber die allgemeine Gestalt der Erde festhalten.
Es ist weit besser, am Anfang die ganze Welt auf einmal zu behandeln, alle Weltteile auf einmal zu überblicken, denn auf diese Weise treten die Gegensätze um so stärker hervor. Wenn man sie in ihrer Gesamtheit kennen gelernt hat, kann man hierauf gründlicher auf jeden Erdteil eingehen. Was nun die Reihenfolge anbelangt, in der die Weltteile durchgegangen werden sollten, so würde ich dazu raten, sich durch die allmählige Entwicklung des Menschen und damit durch die allmählige Entdeckung der Erdteile leiten zu lassen: Man beginne mit Asien, der Wiege der Menschheit, mit ihrer Kindheit, gehe dann zu Afrika, zu ihrer feurigen und zugleich wilden Jugend über, wende sich sodann Europa, ihrer schnellen Klärung und dem Reifen der Vernunft zu, schreite dann mit dieser nach Amerika fort, wo der gereifte, mächtige Mensch wieder mit dem ursprünglichen und sinnlichen Menschen zusammenstößt, und schließe die Darstellung endlich mit den im grenzenlosen Ozean verstreuten Inseln.
Eine solche Einteilung scheint mir weit natürlicher. Vor allem muß der Schüler sich einen allgemeinen und charakteristischen Begriff von jedem einzelnen Erdteil machen. Zuerst von Asien, wo alles groß und weit ist, wo die Menschen äußerlich so würdevoll und kalt sind und doch plötzlich von unbezwinglicher Leidenschaft ergriffen, aufwallen können; in ihrem kindlichen Begriffsvermögen kommen sie sich klüger vor als alle anderen; hier gibt es nur Überhebung und sklavische Unterwerfung; alles ist frei und leicht gekleidet, leicht bewaffnet, und jedermann ist ein guter Reiter; hier kann der Türke sein ganzes Leben lang mit untergeschlagenen Beinen dasitzen und seinen Nargileh rauchen, hier rast der Beduine wie ein Sturmwind durch die Wüste, hier wird der Glaube zum Fanatismus, dies ganze Land ist das Land der Glaubensbekenntnisse, die sich von hier aus über die ganze Welt verbreiten. Dann gehe man zu Afrika über, wo die Sonne so heiß brennt und Ozeane von Sandwüsten sich über unermeßliche Flächen dehnen; dies ist das Land der Löwen, Tiger, der Palmen und der Kokospalmen und der Menschen, die sich in ihrem Äußeren und ihren sinnlichen Neigungen nur wenig von Affen unterscheiden, deren zahlreiche Scharen das Land durchziehen usw.
Nachdem der Schüler das Bild eines Erdteils aufgezeichnet hat, verzeichne er alle Höhen und Tiefen auf ihm und stellte dar, wie die Berge sich verzweigen und in langen, formlosen Ketten durch das Land ziehen. Bei dieser Gelegenheit kann man sich der Reliefdarstellung Europas von Ritter bedienen, obwohl sie sich wegen ihrer unklaren Grenzen zwischen Licht und Schatten nicht ganz für Kinder eignet. Daher wäre es am besten, man stellte zu diesem Zwecke ein richtiges Basrelief aus festem Ton oder Metall her. Dann brauchte der Schüler es sich nur aufmerksam anzusehen, und die Höhen und Tiefen würden sich seinem Gedächtnis für immer einprägen.
Da die Berge der Erde ihre Form gegeben haben, so muß ihre Kenntnis sozusagen den Anfang des ganzen Geographieunterrichts bilden. Nachdem wir ihre Verzweigungen auf der Oberfläche der Erde aufgewiesen haben, müssen wir auf ihr Äußeres, auf ihre Form, auf ihre Zusammensetzung, auf ihre Entstehung und endlich auf ihren Charakter und ihre Eigenart hinweisen, durch die sie sich von anderen Bergketten unterscheiden — doch dies darf nicht in trockner Weise mit einer gelehrten Ausführlichkeit geschehen, sondern so, daß der Schüler erkennt, daß diese oder jene Gebirgskette aus dunklem oder hartem Granit bestehe, daß das Innere einer anderen weiß, kalkartig oder lehmig, locker, gelb, dunkel, rot oder endlich aus Erden und Gesteinen von leuchtenden Farben zusammengesetzt sei. Man kann sogar erzählen, daß die Gebirge häufig von Metallagern und Erzadern durchzogen sind, kann ihre Lage darstellen und zwar kann man dies interessant und unterhaltend tun. Was aber ihre Oberfläche anbetrifft, so versteht es sich von selbst, daß man alle höchsten Punkte angeben muß: alle bemerkenswerten Erscheinungen auf ihnen sowie die Höhen, bis zu denen die Menschen emporgestiegen sind.
Es könnte nicht schaden, auch die unterirdische Geographie kurz zu berühren. Mir scheint, es gibt keinen poetischeren Gegenstand als diese, obwohl sie nur für die höheren Altersstufen ganz verständlich sein kann. Hier haben alle Tatsachen und Erscheinungen etwas Gigantisches und Kolossales an sich. Hier begegnen wir ganzen ungeheuren Massen. Hier trägt alles den Stempel der gewaltigen Erdumwälzungen, hier wird die Seele mächtiger als sonst von den großen Werken des Schöpfers erschüttert. Hier liegen ganze Lager von unterirdischen Wäldern begraben. Hier ruht in tiefster Einsamkeit die Muschel eingebettet, schon im Begriff, sich in Marmor zu verwandeln. Hier lodern ewige Feuer, deren Ausbrüche die Oberfläche der Erde umgestalten. Ein großer Teil dieser Erscheinungen kann selbst bei einer oberflächlichen Darstellung den Eindruck auf die Einbildungskraft des jungen Zöglings nicht verfehlen.
Der Prozeß und die Ausbreitung der Vegetation auf der Erde muß auf der Karte an der Hand einer Stufenfolge der Wärmegrade aufgezeigt werden: wo eine südliche Pflanze heimisch ist, wohin sie als Gast verschlagen ward, unter welchem Grade sie zugrunde geht, wo die nördliche Vegetation beginnt, wo sich auch diese endlich verliert, wo alles Wachstum aufhört, wo die Natur in den Umarmungen des kalten Ozeans abstirbt und wo der wunderbare Pol sich in undurchdringliche und für den Menschen unzugängliche Eismassen einhüllt. Und in der gleichen Weise müßte auch die Ausbreitung der Tierwelt dargestellt werden. Doch der Boden verlangt eine andere Einteilung der Erde nach Zonen, von denen jede einzelne eine besondere Art umschließt.
Nur hie und da werden die Erzeugnisse der Kunst von den Geographen behandelt. Es gibt keinen Übergang von der Natur zu den Produkten des Menschen. Die letzteren sind wie durch eine Axt von ihrem Urquell abgespalten. Ich rede nicht einmal davon, daß bei ihnen jener Ehebund des Menschen mit der Natur, der die Manufaktur gebiert, gar nicht erwähnt wird. Bevor also der Schüler zur Betrachtung der Industrie und den Erzeugnissen menschlicher Handarbeit fortschreitet, muß er hierzu durch die Kenntnis der Bodenerzeugnisse vorbereitet werden, damit er selbst daraus schließen kann, welche Industrien sich in einem bestimmten Reiche vorfinden müssen; falls Ausnahmen in dieser Hinsicht vorkommen sollten, ist es unbedingt nötig, auf ihre Ursachen hinzuweisen: vielleicht liegen sie in dem sorglosen Charakter der Bevölkerung, in fremdartigen Nebenumständen, in dem übergroßen Reichtum der Nachbarn, in dem Mangel an Kommunikationsmitteln oder ähnlichen Verhältnissen. Wenn er erst über die Industrie orientiert ist, kann er auch zum Handel übergehen, der ja ohnedies nicht sehr interessant und nicht leicht verständlich ist.
Bei der Aufzählung der Völker muß der Lehrer durchaus auf die Physiognomie und die Eigentümlichkeiten hinweisen, die der Charakter eines Volks, sozusagen unter dem Einflusse geographischer Verhältnisse angenommen hat. Er muß alle Völker der Erde in große Familien einordnen, erst die gemeinschaftlichen Züge einer jeden Gruppe schildern und dann erst zu ihren unterscheidenden Merkmalen übergehen. Dann muß er ihre physische Geschichte, d. h. die Geschichte ihrer Charakteränderungen folgen lassen, damit es dem Schüler klar werde, warum z. B. die Teutonen in Deutschland durch einen festen, phlegmatischen Charakter ausgezeichnet sind, und warum derselbe Stamm nach Überschreitung der Alpen ein so munteres, leichtes Wesen annimmt.
Auch Karten, die die Ausbreitung der Bildung auf der Erdkugel darstellen, sind für Kinder von großem Nutzen. Dieser Nutzen wird zur Notwendigkeit, sobald man zu Europa übergeht. Da es jedoch bei uns solche Karten noch nicht gibt, muß der Lehrer sich der kleinen Mühe unterziehen und selbst eine solche anfertigen. Die Punkte, wo die Kultur einen hohen Grad erreicht hat, muß er durch leuchtende Farben hervorheben und dort leichte Schatten aufsetzen, wo sie tiefer steht. Diese Schatten werden immer dunkler, je tiefer wir herabsteigen, und verwandeln sich in völlige Finsternis in dem Maße als die Natur verwildert und der Mensch bis zum seelenlosen Eskimo hinabsinkt.
Die Größe der Erde und der einzelnen Staaten wird man sich nie durch Feststellung ihres Quadratinhalts einprägen. Man braucht nur einen Blick auf die Karte zu werfen, das ist das einzige Mittel, sie kennen zu lernen. Es wäre nicht unangebracht, jedes Reich besonders auszuschneiden, so daß es ein einzelnes Stück und durch Zusammenfügung mit den andern einen Weltteil bilde. So könnte man die Größe und Form eines jeden Reiches sichtbar machen.
Bei der Darstellung einer jeden Stadt muß man ihre Lage genau bestimmen: ob sie auf dem Berge liegt oder sich ins Tal hinabzieht, muß ihr Leben, ihre Bedeutung, ihre Einkunftsquellen schildern — und überhaupt mit einigen kräftigen Strichen ihren Charakter zeichnen. Der Lehrer muß aus dem reichhaltigen Material all das hervorziehen, was eine Eigentümlichkeit dieser Stadt ist, und wodurch sie sich von den vielen anderen unterscheidet. Der Schüler soll wissen, was Rom, was Paris, was Petersburg ist. Er darf die anderen europäischen Städte nicht etwa an dem eigenen Maßstabe, der sich beim Anblick von Petersburg in seinem Kopf gebildet hat, messen. Bei der Darstellung jeder einzelnen Stadt muß das, was allen Städten gemeinsam ist, ausgeschlossen werden. In vielen von unseren Geographiebüchern wird auch heute noch bei der Erwähnung einer Gouvernementsstadt erzählt, daß es dort ein Gymnasium, eine Kathedrale, und bei Zitierung einer Kreisstadt bemerkt, daß es in ihr eine Kreisschule gibt usw. Wozu soll das dienen? Es genügt, wenn man dem Schüler gleich am Anfang sagt, daß es bei uns in jeder Gouvernementstadt ein Gymnasium und eine Kirche gibt. In der ganzen Welt aber gibt es nur einen Kreml, einen Vatikan, ein Palais-Royal, eine Reiterstatue Peters des Großen von Falkonet, ein Petscherski-Kloster in Kiew, einen King Bench! Über diese wird das Kind gewiß Genaueres erfahren wollen. Man darf sich nicht mit nichtigen Dingen, wie mit dem Aufzählen von Häusern und Kirchen, aufhalten, die den Schüler nur langweilen können, dies sollte nur in Ausnahmefällen gestattet sein, wenn etwas entweder durch seine Größe oder durch ein negatives Merkmal aus der Kategorie des Alltäglichen hervorragt. Statt dessen kann man über die Architektur einer Stadt sprechen — in welchem Stil sie erbaut ist, und ob die Gebäude durch Größe oder Schönheit auffallen. Bei der Darstellung einer sehr alten Stadt muß man darauf aufmerksam machen, wie majestätisch ihre, wenn auch seltsam anmutende altertümliche, in Jahrhunderten bewährte und in den Erschütterungen groß gewordene Architektur und wie leicht und elegant dagegen der Stil einer anderen Stadt ist, die nur ein Jahrhundert zu ihrer Entstehung brauchte. Beim Gedanken an irgendein deutsches Städtchen muß der Schüler sich sofort enge Gassen und kleine, schmale, hohe Häuschen, an denen alles so einfach, so lieb und so bukolisch ist, vorstellen, und daneben eckige Kirchen mit hoch in die Luft ragenden Turmspitzen. Mit dem Gedanken an Rom, diesem dumpfen Echo der ganzen antiken, in dem Wirbel der Jahrhunderte untergegangenen Welt, muß sich unweigerlich der Gedanke an mächtige, sich kühn vom Boden erhebende Gebäude verbinden, die, auf schlanke Hallen und gigantische Säulen gestützt, verfallen, gleich als sönnen sie über die verflossenen Tage ihrer großen, herrlichen Jugend nach. Zu diesem Zweck wäre es gut, den Schülern recht häufig die Fassaden der berühmtesten Bauten zu zeigen; dann würde sich ihre ungewöhnliche Gestalt dem Gedächtnis einprägen, und dies würde unwillkürlich und unmerklich zur Bildung ihres jungen Geschmacks beitragen.
Hin und wieder muß auch die Geschichte durch die Erinnerung an vergangene Ereignisse die geographische Welt beleuchten. Das Vergangene muß aber schon sehr augenfällig und von rein geographischen Ursachen bewirkt sein, um an sie zu erinnern. Wenn jedoch der Schüler zur selben Zeit Geschichte studiert, dann fließen Geographie und Geschichte miteinander zusammen, um ein organisches Ganzes zu bilden.
Der Vortrag des Lehrers muß fesselnd und bilderreich sein, alle eindrucksvollen Gegenden, alle großen Naturerscheinungen müssen mit leuchtenden Farben geschildert werden. Was stark auf die Phantasie wirkt, das geht dem Gedächtnis nicht leicht verloren. Der Vortrag muß dem Stil eines Reisenden gleichen. Die strenge analytische Systematik, besonders wenn sie sich auf Kleinigkeiten erstreckt, kann nicht lange im Kopf eines Jünglings haften. Das Kind behält nur dann ein System, wenn es es nicht mit Augen sieht und wenn es ihm verborgen bleibt. Sein System — ist das Interesse, der Faden, an dem sich die Ereignisse oder die Erzählungen aufreihen. Alles, was wahrhaft notwendig ist, alles, was mehr mit unserem Leben zusammenhängt, was wir später noch besser bei uns selbst anwenden können, — dies alles ist interessant. Übrigens: was ist in der Geographie uninteressant? Sie ist so tief wie das Meer, sie erweitert unsere eigensten Handlungen und unsern Wirkungskreis, und obgleich sie uns die Grenzen eines jeden Landes zeigt, verhüllt sie ihre eigenen so geschickt, daß sie selbst für Erwachsene ein philosophisch anziehender Gegenstand bleibt. Kurz gesagt, man muß versuchen, den Schüler so viel als möglich mit der Welt bekannt zu machen, mit all ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit, aber in einer Weise, daß sein Gedächtnis nicht überbürdet wird, sondern daß ihm dies alles wie ein mit helleuchtenden Farben gemaltes Bild erscheint. Hierfür bieten uns die Beschreibungen der Reisenden einen reichen Schatz dar; es gibt deren eine ganze Menge; wie mir scheint, hat man es jedoch noch nicht verstanden, in dieser Hinsicht, genügenden Nutzen aus ihnen zu ziehen.
An der Trägheit und Unaufmerksamkeit des Schülers hat meist der Lehrer schuld, sie sind nur Zeugnisse für seine eigne Nachlässigkeit; er hat es also nicht verstanden, die Aufmerksamkeit seiner jugendlichen Hörer zu fesseln, oder er hat es nicht gewollt; er hat sie gezwungen, seine bittern Pillen mit Widerwillen zu schlucken. Man darf nie einen vollständigen Mangel an Fähigkeiten bei einem Kinde voraussetzen. Ich bin oft Zeuge gewesen, wie ein Kind, das allgemein für ganz unbegabt und von der Natur als stiefmütterlich behandelt gehalten wurde, mit ungeteilter Aufmerksamkeit einer grauenerregenden Erzählung lauschte, und wie auf seinem fast seelenlosen, von keinem Gefühl der Teilnahme belebten Gesichte unruhige Spannung und Angst miteinander abwechselten. Sollte es wirklich nicht möglich sein, diese Aufmerksamkeit für die Wissenschaft nutzbar zu machen?
1829.
VI Der letzte Tag von Pompeji Ein Bild von Brylow

Dies Bild von Brylow ist eine der glänzendsten Erscheinungen des XIX. Jahrhunderts. Es ist der Auferstehungstag der Malerei, die lange Zeit in einer Art von lethargischem Schlafe verharrte. Ich will nicht von den Ursachen eines solch ungewöhnlichen Stillstandes reden, obgleich dieser einen sehr interessanten Gegenstand für die Forschung darbietet; ich will nur erwähnen, daß, wenn auch das Ende des XVIII. und der Anfang des XIX. Jahrhunderts uns in der Malerei nichts Vollendetes und Gewaltiges gebracht, sie doch in ihren einzelnen Teilen mancherlei Förderliches geleistet haben. Die Malerei zerfiel in unzählige Atome und Teilchen. Jedes dieser Atome ward unendlich viel tiefer erkannt und fortentwickelt wie in früheren Zeiten. Man entdeckte geheimnisvolle Erscheinungen, von denen man früher nicht einmal etwas ahnte: All das an der Natur, was der Mensch am häufigsten sieht, was ihn umgibt und ein Leben mit ihm lebt, diese sichtbare Natur mit all ihren kleinen Zügen, die von den großen Künstlern vernachlässigt wurden, erreichte eine bewunderungswürdige Wahrheit und Vollkommenheit der Darstellung. Alles wetteiferte miteinander, um das lebendige Kolorit, das die Natur ausströmt, zu erfassen. Alles Geheimnisvolle in ihrem Schoße, diese stumme Sprache der Landschaft ward entdeckt, oder richtiger, ward ihr geraubt, ward der Natur entrissen, obwohl ihr freilich nur Stücke entrissen wurden und obwohl alle Erzeugnisse dieses Jahrhunderts an Experimente oder, besser gesagt, an Notizen, Materialsammlungen und flüchtige Gedanken erinnern, die ein Reisender in aller Eile in sein Tagebuch einträgt, um sie nicht zu vergessen und um später ein Ganzes aus ihnen zu machen. Die Malerei zerfiel in ihre primitivsten, beschränktesten Zweige: die Stecherkunst, die Lithographie, und eine Unzahl unbedeutender Erscheinungen wurde mit großem Eifer bis in ihre einzelnen Teile bearbeitet. Dies verdanken wir dem XIX. Jahrhundert. Das Kolorit, das im XIX. Jahrhundert verwendet wird, bedeutet einen großen Fortschritt in der Erkenntnis der Natur. Man sehe sich nur einmal diese immer wieder erscheinenden Fragmente, Perspektiven und Landschaften an, die im XIX. Jahrhundert das Zusammenfließen des Menschen mit der ihn umgebenden Natur zum Ausdruck bringen: wie differenziert sich hier die von Licht umflutete Häuserflucht, indem sie aus der Finsternis hervortritt! wie durchsichtig ist das vom Licht getroffene Wasser, wie flutet es im Schattendunkel der Zweige! wie schwül und strahlend verliert sich der leuchtende Himmel in der Ferne! wie nah rückt er dem Beschauer die einzelnen Gegenstände: welch kühne, welch unerhörte Verwerfung der Schatten dort, wo man sie früher nicht einmal ahnte, und zugleich bei aller Schärfe welch wundervolle Zartheit, welch eine geheime Musik selbst in den gewöhnlichsten leblosen Gegenständen! Aber worin es unsere Zeit am weitesten gebracht hat, das ist die Beleuchtung. Die Beleuchtung verleiht all unseren Schöpfungen solch eine Kraft, ja, man kann sagen, solch eine Einheitlichkeit, daß sie, obwohl sie keine tiefere Bedeutung in sich tragen, die auf etwas Geniales schließen läßt, doch unserm Auge unendlich angenehm sind. Sie können uns durch ihren Gesamtausdruck zwar nicht fesseln, trotzdem aber entdeckt man bei genauerer Beobachtung in ihrem Schöpfer häufig eine, wenn auch beschränkte Kunsterfahrung.
Man betrachte einmal all diese unaufhörlich erscheinenden Gravüren, diese Produkte eines starken Talents, in denen die Natur so lebendig pulsiert, daß man meinen sollte, sie wären in Farbe getaucht. Die Morgenröte leuchtet in ihnen so zart am Himmel, daß wir beim längeren Hinsehen den purpurnen Widerschein des Abends zu erkennen glauben; die von Sonnenlicht überfluteten Bäume scheinen gleichsam wie mit einer dünnen Staubschicht bedeckt; aus dem tiefsten Dunkel der Schatten blitzt ein leuchtendes, blühendes Weiß sinnberückend hervor. Wenn man sie anblickt, so fürchtet man sich, sie mit dem Atem zu streifen. Dieser Effekt, der sich überall in der Natur findet, und durch den Kampf von Licht und Schatten entsteht, dieser Effekt ist das Ziel und Streben all unserer Künstler geworden. Man kann sagen, das XIX. Jahrhundert sei das Jahrhundert der Effekte. Jedermann vom Ersten bis zum Letzten hascht nach Effekt, vom Poeten bis zum Konditor, so daß diese Effekte uns wahrlich schon zu langweilen beginnen, und es ist möglich, daß das XIX. Jahrhundert infolge einer seltsamen Laune sich endlich wieder dem Schlichten zuwenden wird. Übrigens kann man sagen, daß die Effekte sich am meisten für die Malerei eignen, wie überhaupt für alles, was wir mit den Augen genießen: hier fällt, wenn sie an unrechter Stelle angebracht und wenn sie falsch sind, ihre Falschheit und Zweckwidrigkeit sofort einem jeden auf. Ganz anders ist es bei Erzeugnissen, die sich nur dem inneren Auge erschließen: hier wirken falsche Effekte schädlich, weil sie die Lüge verbreiten, denn die einfältige Menge stürzt sich kritiklos auf alles, was glänzt. In den Händen eines echten, wahren Talentes dagegen sind sie stets wahrhaftig und steigern den Menschen ins Riesenhafte; wo sie jedoch in die Hand eines unechten Talentes geraten, da werden sie dem wahren Kunstkenner ein Greuel, da wirken sie so widerwärtig wie ein Zwerg in dem Gewande eines Riesen, oder ein gemeiner Mensch, der sich mit einer unverdienten, nur dem Verdienst gebührenden Auszeichnung schmückt. Aber alles dieses gehört nicht eigentlich zum gegenwärtigen Thema. Man muß zugeben, daß im allgemeinen das Streben nach Effekt eher nützt als schadet; es treibt uns eher vorwärts als rückwärts und hat sogar in der allerletzten Zeit viel zur Vervollkommnung beigetragen. Von dem Wunsch getrieben, einen Effekt hervorzubringen, haben viele ihr Objekt genauer studiert und ihre geistigen Fähigkeiten viel lebhafter angespannt. Und wenn der wahre Effekt sich größtenteils nur in kleinen Vorwürfen offenbarte, so lag die Schuld mehr an dem Mangel an großen Genies, als in der ungeheuren Zersplitterung des Lebens und der Kenntnisse, der man sie gewöhnlich zuschreibt. Außerdem hat das Streben nach Effekt dazu beigetragen, daß die Details mit großer Gründlichkeit herausgearbeitet und daß sie durch ihr starkes Insaugefallen allen zugänglich gemacht werden. Ich erinnere mich nicht, wer es ausgesprochen hat, im XIX. Jahrhundert sei die Erscheinung eines universalen Genies, das das ganze Leben des XIX. Jahrhunderts in sich aufnehmen könnte, ein Ding der Unmöglichkeit. Das ist durchaus unrichtig, das ist ein Gedanke, den nur die Hoffnungslosigkeit eingeben kann und der von einem gewissen Kleinmut zeugt. Im Gegenteil, nie wird der Flug der Seele eines Genius so strahlend sein, wie in unserer Zeit; noch nie war das notwendige Material so gut für ihn vorbereitet wie im XIX. Jahrhundert. Und sein Schritt wird sicherlich der eines Riesen und jedem, vom Kleinsten bis zum Größten, sichtbar sein.
Das Bild von Brylow kann eine vollwertige, universale Schöpfung genannt werden. In ihr ist alles enthalten. Wenigstens hat es eine so gewaltige Mannigfaltigkeit in sein Bereich gezogen, wie vor ihm nie ein anderes Bild. Das Thema entspricht ganz dem Geschmack unseres Jahrhunderts, das aus dem Gefühl seiner ungeheuren Zersplitterung heraus darnach strebt, alle Erscheinungen zu ganzen Gruppen zusammenzuschließen, und das daher die großen Krisen, die von der ganzen Masse empfunden werden, bevorzugt. Jeder kennt jene herrlichen Werke, zu denen die „Vision des Balthasar“, die „Zerstörung Ninives“ und noch einige andere gehören; hier sind die gewaltigen Katastrophen in ihrer ganzen schrecklichen Größe dargestellt, in einer vollkommenen Beleuchtung; in furchtbarer Macht lassen ungeheure Blitze die schreckliche Finsternis aufleuchten und zucken über den Köpfen des betenden Volks. Der Gesamteindruck dieser Bilder ist erschütternd und von seltener Einheitlichkeit; doch aber bilden sie nur den Ausdruck für eine Seite dieses Gedankens. Sie erinnern an eine ferne Landschaft und liefern nur einen einzigen allgemeinen Eindruck. Wir haben nur ein Gefühl für die furchtbare Lage der ganzen Volksmasse, erkennen aber keinen einzelnen Menschen, der den ganzen Schrecken der sich vor seinen Augen vollziehenden Zerstörung zum Ausdruck bringt. Diesen Gedanken, den wir nur in starker perspektivischer Verkürzung gesehen, stellt uns Brylow plötzlich unmittelbar vor Augen, und dieser Gedanke wächst ins Riesenhafte und scheint auch uns in seinen Bannkreis zu ziehen. Die Darstellung, die Komposition seiner Idee ist mit außerordentlicher Kühnheit ausgeführt: er hat den Blitzstrahl ergriffen und läßt ihn stürmend auf sein Bild niederfallen. Der Blitz hat alles mit seinem Licht übergossen und überflutet, wie um alles sichtbar zu machen, so daß kein Gegenstand dem Beschauer verborgen bleibt. Daher liegt auch auf allem eine ungeheuere Lichtfülle. Die Figuren sind mit kraftvoller Hand hingeworfen, wie nur ein gewaltiger Genius es vermag. Diese ganze Gruppe, die im Augenblick, wo der Blitz niederfällt, wie erstarrt stehengeblieben ist, und in der sich tausend verschiedene Gefühle spiegeln, dieser stolze Athlet, der einen Schreckensschrei ausstößt, in dem Kraft, Hochmut und Ohnmacht liegen, und der sich mit seinem Mantel gegen den Wirbelwind von Steinen deckt, dieses Weib, das zu Boden gestürzt ist und ihren herrlichen Arm von einer nie dagewesenen Schönheit ausstreckt, dieses Kind, das den Beschauer mit seinem Blick zu durchbohren scheint, dieser vom Blitzschlag betäubte Greis, der von seinen Kindern getragen wird, dessen schrecklicher Körper schon einen Grabeshauch auszuströmen und dessen Hand mit den weit ausgespreizten Fingern in der Luft erstarrt zu sein scheint, diese Mutter, die die Flucht aufgibt und trotz der Bitten ihres Sohnes, dessen angsterfülltes Flehen der Beschauer zu vernehmen meint, unbeugsam bei ihrem Entschluß verharrt, diese Menge, die entsetzt von den Mauern zurückweicht oder voller Schrecken und doch wieder ihren Schreck plötzlich vergessend, wild auf die Erscheinung hinstarrt, die das Ende der Welt ankündigt, dieser Priester im weißen Gewande, der in hoffnungsloser Wut seinen Blick auf die ganze Welt richtet — dies alles ist so gewaltig, so kühn, so harmonisch ineinandergefügt, wie es nur im Kopfe eines universalen Genius möglich war.
Ich will hier nicht den Inhalt des Bildes analysieren, noch die dargestellten Vorgänge erläutern und erklären. Hierfür hat jeder sein eigenes Auge und sein eigenes Gefühlsmaß; außerdem ist dies alles so augenfällig und steht in so naher Beziehung zu dem menschlichen Leben und zu der Natur, die der Mensch vor sich sieht und begreift, weil beide jedem, dem Kleinsten wie dem Größten, verständlich sind: ich will nur die Vorzüge und die scharf hervorstehenden Eigentümlichkeiten des Brylowschen Stils hervorheben, um so mehr, da sie wohl den meisten entgangen sein werden. Brylow ist der erste Maler, bei dem die Plastik bis zur höchsten Vollkommenheit gediehen ist. Seine Gestalten sind trotz des furchtbaren Ereignisses und trotz der Lage, in der sie sich befinden, doch nicht von jenem wilden Entsetzen erfaßt, von dem die herben Schöpfungen Michelangelos erfüllt sind, bei deren Anblick wir erbeben. Auch finden wir bei Brylow nicht jene Vorherrschaft der himmlischen, unerreichbaren und zarten Gefühle, von denen Raffaels Bilder überquellen. Seine Gestalten sind schön, trotz all der Schrecken ihrer Situation. Sie überwinden das Entsetzen durch ihre Schönheit. Er ist hier nicht so, wie bei Michelangelo, bei dem der Körper nur dazu dient, um die Kraft der Seele, ihre Leiden, ihre Seufzer und ihre furchtbaren Erschütterungen sehen zu lassen, bei dem die Plastik unterging und die Kontur des Menschen riesenhafte Dimensionen annahm, weil sie nur dem Gedanken zum Symbol dient, und bei dem nicht der Mensch, sondern allein seine Leidenschaften vor uns erscheinen. Bei Brylow erscheint der Mensch nur dazu, um seine ganze Schönheit und die hohe Anmut seiner Natur zu offenbaren. Die Leidenschaften und die wahrhaften, flammenden Gefühle treten uns in so wunderbaren Formen, in so herrlichen Menschengestalten entgegen, daß ein Rausch des Entzückens uns erfaßt. Als ich das Bild zum dritten- und viertenmal ansah, schien es mir, als sei die Skulptur — jene Skulptur, die in der Antike solch eine plastische Vollkommenheit erreicht hat, als sei die Skulptur endlich in die Malerei übergegangen und hätte sich überdies mit einer geheimnisvollen Musik erfüllt. Brylows Menschen haben stolze und schöne Bewegungen; seine Frauengestalten haben etwas Strahlendes, aber es sind nicht die Frauen Raffaels mit ihren feinen, kaum erkennbaren Engelszügen — das sind leidenschaftliche, wilde, südliche Italienerinnen, in der ganzen reinen Schönheit des Mittags stark, kraftvoll, glühend in der Fülle ihrer Leidenschaften und in der Macht ihrer Schönheit und herrlich in ihrer Weiblichkeit. Brylow hat keine Gestalt geschaffen, die nicht Schönheit atmete; all seine Menschen sind schön. Die Gesamtbewegungen seiner Gruppen sind von gewaltigem Rhythmus und sind in ihrer Gesamtwirkung schon etwas Schönes. Bei ihrer Erschaffung hat Brylow seine Phantasie ebenso stark gezügelt und kraftvoll gelenkt, wie der Bewohner der Wüste einen arabischen Hengst. Daher ist das ganze Bild so voller Spannkraft und Pracht.
Im allgemeinen entdecken wir in dem Bilde einen gewissen Mangel an Idealität, d. h. einer abstrakten Idealität; darin besteht sein stärkster Vorzug. Wenn diese Idealität, dieses Übergewicht der Idee hinzugekommen wäre, dann hätte das Bild einen ganz anderen Ausdruck erhalten und nicht den Eindruck hervorgerufen, den es jetzt macht. Das Mitleid und jene furchtbare innere Ergriffenheit hätten sich nicht so der Seelen der Beschauer bemächtigt, und der wunderbare, von Liebe zur Schönheit und Wahrheit erfüllte Gedanke wäre ganz verloren gegangen. Was uns schreckt, sind nicht die Zerstörung, nicht der Tod, im Gegenteil, in diesem Augenblick liegt etwas Poetisches, ein wie im Wirbelwind dahinstürmender, geistiger Genuß; wir trauern um unser süßes Sinnenglück, um unsere herrliche Erde. Brylow hat diesen Gedanken in seiner ganzen Kraft erfaßt. Er hat den Menschen in seiner höchsten Schönheit dargestellt, sein Weib ist der Inbegriff aller Herrlichkeit der Welt. Seine Augen strahlen hell wie die Sterne, seine Kraft und Wollust atmende Brust verspricht die Wonnen der Seligkeit. Und dieses wundersame Weib, diese Krone der Schöpfung, dieses Ideal unserer Erde muß zugrunde gehen in dem allgemeinen Untergang wie das letzte verächtlichste Geschöpf, das es nicht wert ist, zu ihren Füßen dahinzukriechen. Ihre Tränen selbst, Ihre Angst und ihr Schluchzen — alles ist schön.
Die äußere ins Auge fallende Eigenart oder die Manier Brylows bildet auch einen völlig originellen und einen besonderen Fortschritt. Auf seinen Bildern liegt ein Meer von Licht. Das ist sein Charakter. Seine Schatten sind kräftig und scharf, gehen aber in der Gesamtmasse unter, verschwinden im Licht. Wie in der Natur, so sind sie auch bei Brylow kaum bemerkbar. Man könnte seinen Pinsel glänzend und durchsichtig nennen. Die Rundung eines schönen Körpers hat etwas Durchscheinendes und erinnert an Porzellan; das Licht, das ihn mit seinem Glanze überflutet, scheint zu gleicher Zeit in ihn einzudringen. Und dieses Licht ist wiederum so zart, daß es zu phosphoreszieren scheint. Selbst der Schatten erscheint bei ihm durchsichtig und strömt bei aller Kraft und Stärke eine reine, weiche Zartheit und Poesie aus. Seine Pinselführung prägt sich einem für alle Zeiten ein. Ich hatte zuerst nur ein Bild von ihm gesehen — das Porträt der Familie Witgenstein. Es prägte sich sofort und mit einem Schlage meiner Phantasie ein und lebt dort für immer in seinem leuchtenden Glanze. Als ich auf dem Wege war, mir das Bild „Die Zerstörung von Pompeji“ anzusehen, war das erste ganz aus meinem Gedächtnis geschwunden. Ich näherte mich mit einer größeren Menge von Menschen dem Saal, wo das Bild hing, und ich hatte, wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt, für einen Augenblick ganz vergessen, daß ich gekommen war, um mir ein Werk Brylows anzusehen; ich hatte sogar vergessen, ob überhaupt ein Brylow auf der Welt existiert. Aber als mein Blick auf das Bild fiel, als es vor mir aufstrahlte, da durchzuckte mich wie ein Blitz der Gedanke an jenes Porträt, und ich glaubte das Wort „Brylow“ zu hören. Ich hatte ihn wiedererkannt. Sein Pinsel hat etwas von jener Poesie, die man nur empfinden kann und die man stets wiedererkennt: unsere Sinne erkennen und fühlen stets die spezifischen Eigentümlichkeiten, obwohl wir sie mit Worten nie auszudrücken vermögen. Sein Kolorit hat eine Leuchtkraft, wie man sie früher fast nie gekannt hat; seine Farben glühen und treffen sprühend unsere Augen. Bei einem Künstler, der nur eine kleine Stufe tiefer stände als Brylow, wären sie unerträglich, bei ihm aber sind sie von jener Harmonie belebt und von jener inneren Musik durchdrungen, die die lebendigen Geschöpfe der Natur erfüllt.
Aber die stärkste Eigenart und das, was das Größte an Brylow ist, das ist die ungeheure Vielseitigkeit und der ungeheure Umfang seines Talents. Er läßt nichts außer acht, bei ihm ist alles von der Grundidee und den Hauptgestalten bis zum letzten Pflasterstein frisch und lebendig. Er bemüht sich, alle Gegenstände zu umfassen und ihnen allen den machtvollen Stempel seines Talents aufzudrücken. Gewöhnlich pflegten sich die Künstler früherer Zeiten nur eine einzelne Seite eines Gegenstands vorzunehmen und auf diese ihr ganzes Talent zu konzentrieren, das sich daher auch zu einer ungewöhnlichen, man möchte sagen, abstrakten Größe entwickelte. Raffael malte gewöhnlich nur Gesichter und stellte das Erwachen himmlischer Leidenschaften und Neigungen auf ihnen dar; alles übrige, selbst die Gewänder, ließ er seine Schüler vollenden. Auch alle übrigen großen Künstler vernachlässigten, ergriffen von der Erhabenheit der Religion oder der Erhabenheit der Leidenschaften, alles Beiwerk und alles Sekundäre auf ihren Gemälden. Bei ihnen hat der Himmel immer eine dunkelbraune Farbe; ihre Wolken erinnern mehr an Heubündel oder an Granitmassen; die Bäume bilden entweder in ihrer Regelmäßigkeit etwas Kindlich-Einförmiges oder in ihrer willkürlichen Form etwas Unharmonisch-Häßliches. Für Brylow dagegen sind alle Gegenstände vom größten bis zum kleinsten wertvoll. Er sucht die Natur mit seinen Riesenarmen zu umfassen und drückt sie mit der Leidenschaft eines Liebhabers an sein Herz. Vielleicht ist ihm dabei die detaillierte Durcharbeitung der Teile, mit der ihm das XIX. Jahrhundert vorangegangen ist, von Nutzen gewesen. Vielleicht hätte Brylow, wenn er früher zur Welt gekommen wäre, nicht dieses vielseitige aufs Ganze und Kolossale gerichtete Streben besessen, und vielleicht gehören daher seine Werke zu den ersten, die durch ihre Lebendigkeit und als reine Spiegel der Natur einem jeden verständlich sind. Seine Werke gehören zu den ersten, die sowohl der Künstler, der einen hochentwickelten Kunstgeschmack hat, wie der Laie, der nicht einmal weiß, was Kunst ist (wenn auch nicht in gleicher Weise), begreifen kann. Es sind die ersten Werke, denen das beneidenswerte Los zuteil ward, sich einen Weltruf zu erobern, und das hervorragendste unter ihnen ist bis heute das Gemälde „Der letzte Tag von Pompeji“, das sich durch seine ungewöhnliche Größe und die Vereinigung aller höchsten Schönheiten nur mit einer Oper vergleichen läßt, wenn die Oper wirklich eine Vereinigung der dreieinigen Welt der Künste, der Malerei, der Poesie und der Musik darstellt.
1834. Im August.
VII Der Gefangene Ein Kapitel aus einem historischen Roman
Im Jahre 1543, zu Beginn des Frühjahrs, wurde nachts die Ruhe des kleinen Städtchens Lukoma durch eine Abteilung der ordentlichen königlichen Truppen gestört. Der abnehmende Mond, der mit seiner leuchtenden Sichel durch die Wolken brach, die sich immerfort um ihn zusammenballten, erhellte für einen Augenblick den Boden der Schlucht, auf deren Grunde sich das kleine Städtchen angesiedelt hatte. Zum Erstaunen der wenig zahlreichen Stadtbewohner, die erwacht waren, zog die Abteilung, deren bloßes Erscheinen sonst der Vorbote von allerhand Unruhen und Plünderungen war, mit einer schauerlichen Ruhe durch die Gassen. Man merkte, daß die ganze Kraft ihrer stark gespannten Aufmerksamkeit sich auf den Gefangenen konzentrierte, der in ihrer Mitte einherritt; er hatte wohl das seltsamste Kostüm an, das einem Menschen je gewaltsam aufgezwungen wurde. Sein Körper war von unten bis oben mit Gewehren bedeckt, die an ihm festgebunden waren, wahrscheinlich, um ihm eine gewisse Bewegungslosigkeit zu verleihen. Ein Kanonengestell war auf seinem Rücken befestigt. Sein Roß konnte sich kaum fortbewegen, und der unglückliche Gefangene wäre längst herabgefallen, wenn er nicht mit einem dicken Seil an den Sattel gebunden gewesen wäre. Hätte ein Mondstrahl auch nur für einen Augenblick sein Gesicht gestreift, er hätte sich in den blutigen Schweißtropfen gebrochen, die ihm über die Wangen rannen. Aber der Mond konnte das Gesicht des Gefangenen nicht sehen, da es hinter einer eisernen Maske verborgen war. Die neugierigen Bewohner versuchten hin und wieder mit offenem Munde näher an den Gefangenen heranzutreten, wenn sie aber die drohend geballte Faust oder den Säbel eines der Begleiter erblickten, schraken sie zurück, liefen eilig in ihre elenden Hütten und wickelten sich, in der Kühle der Nachtluft fröstelnd, fester in die um die Schulter geworfenen tatarischen Pelze.
Die Abteilung hatte die Stadt passiert und näherte sich einem einsamen Kloster. Dieses Gebäude, das aus zwei völlig verschiedenen Teilen bestand, lag ganz am Ende der Stadt auf einem steilen Abhang. Der untere Teil der Kirche war aus Stein und bestand sozusagen ganz aus Spalten und Rissen; er war von Feuerrauch und Pulverdampf geschwärzt, stellenweise war er ganz grün, mit Nesseln, Hopfen und wilden Glockenblumen bedeckt, und bildete eine lebendige Chronik des Landes, das unter so viel blutigen Ernten zu leiden gehabt hatte. Der obere Teil mit seinen fünf geschwungenen, hölzernen Kuppeln, die eine entartete byzantinische Architektur geschaffen und die von barbarischen Nachahmern noch mehr verunstaltet waren, bestand ganz aus Holz. Die neuen Bretter, die zwischen den alten rauchgeschwärzten hervorschimmerten, verliehen der Kirche eine gewisse Buntheit und ließen erkennen, daß fromme Pilger sie vor nicht gar zu langer Zeit ausgebessert hatten. Ein blasser Strahl der Mondsichel stahl sich durch die krausen Zweige der Apfelbäume, die mit ihrem dichten Laubwerk einen Teil des Gebäudes verdeckten, und fiel auf die niedrige Tür und das über ihr angebrachte zackige Gesims, das mit kleinen, eigensinnig wuchernden gelben Blumen bedeckt war; sie leuchteten auf und glichen einer feurigen oder goldenen Aufschrift auf dem natürlichen Gesims. Einer aus der Menge, ein Mann mit einem nicht enden wollenden Schnurrbart, wie man noch nie einen ähnlichen gesehen hatte, — er war noch länger als seine Arme — ein Mensch, den man nach seinem Benehmen und seinem frechen, gebieterischen Blick wohl für den Führer der Abteilung halten konnte, schlug mit dem Flintenlauf an das Tor. Die morschen Klostermauern dröhnten und gaben einen Ton von sich, der wie die Stimme eines Sterbenden klang und in der Luft verhallte. Darnach trat wieder tiefe Stille ein. Ein wildes Fluchen in den verschiedensten Mundarten donnerte unter dem gewaltigen Schnurrbart des Abteilungschefs hervor: „Macht auf! verfluchtes Popenvolk! Sonst weiß ich schon, wie ich euch wecken will!“ Ein Pistolenschuß ertönte, die Kugel drang durch das Tor und schlug ins Kirchenfenster ein, so daß innen die Scheiben klirrend zu Boden fielen. Dies verursachte eine große Verwirrung in den Zellen, die an die Kirche grenzten; man sah Lichter aufblitzen; ein Schlüsselbund erklirrte; das Tor öffnete sich knarrend, und vier Mönche mit dem Prior an der Spitze traten bleich mit einem Kreuz in der Hand heraus.
„Hebt euch weg! unreine Geister, Bewohner der Hölle!“ sagte kaum hörbar mit zitternder Stimme der Prior. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, hebe dich weg von hier, Satan!“
„Allez! Das kläfft noch! Verfluchter Kerl!“ brüllte der Führer in einer Sprache, der kein Mensch hätte einen Namen geben können — aus so verschiedenartigen Elementen war sie zusammengebraut — „Was kläffst du Strolch und sagst, wir seien Teufel; wir Teufel? Wir sind von den Königlichen!“
„Was seid ihr für Leute? Ich kenne euch nicht! Was seid ihr gekommen, die Ruhe der rechtgläubigen Kirche zu stören?“
„Ich werde dir die Augen mit Pulver auswaschen, alte Hündin! Gib mir die Schlüssel zu den Klosterkellern.“
„Wozu braucht ihr die Schlüssel zu unseren Kellern?“
„Ich werde nicht erst viel mit dir reden, dummer Pope. Aber wenn du willst, Baßamasenjata, sprich mit meinem Gaul.“
„Bring’ diesem Antichristen die Schlüssel, Bruder Kasjan,“ seufzte der Prior und wandte sich an den einen Mönch. „Aber ich habe keinen Wein, so wahr Gott heilig ist, ich habe keinen! nicht ein einziges Faß, auch kein Fäßchen, ich habe nichts, was ihr brauchen könntet.“
„Was geht mich das an! Meine Jungens wollen trinken. Ich sage dir, wenn du dummer Pope keinen Stall, kein Heu und keinen Weizen für meine Pferde hergibst, dann führe ich sie in eure Kirche und versetze dir einen Fußtritt ins Gesicht.“
Der Prior sagte keine Wort, er blickte die Ankömmlinge mit seinen bleiernen Augen an, die, wie es schien, schon längst nicht mehr dieser Welt gehörten, denn sie ließen keine Andeutung von einer Leidenschaft erkennen, und sein Blick traf mit dem des Jesuiten zusammen, der seine Augen haßerfüllt auf ihn gerichtet hatte. Der Prior wandte sich ab, und sein Auge fiel auf den seltsamen Gefangenen mit dem Eisenvisier. Es schien, daß dieser Anblick den Greis, der gegen alles, was nicht die Kirche anging, teilnahmslos war, überraschte.
„Warum habt ihr diesen Menschen gefangen? Gott! strafe sie mit Deiner dreifaltigen Macht! Gewiß wieder ein Märtyrer, der für seinen Glauben an Christus leidet.“
Der Gefangene ließ nur ein schwaches Stöhnen vernehmen.
Die Schlüssel wurden gebracht, und beim Schein eines schläfrig brennenden Lämpchens näherte sich die ganze Bande dem Eingang einer Höhle, die sich hinter der Kirche befand. Kaum waren sie alle in das unterirdische, häßliche Gewölbe hinabgestiegen, als Grabesfeuchtigkeit sie umfing. Stumm schritt der Führer voran, und die flackernde Flamme der Lampe mit ihrem nebligen Strahlenkranz warf ihm einen fahlen, gespenstigen Lichtschimmer ins Gesicht, während der Schatten seines endlosen Schnurrbarts sich emporbäumte und alle mit zwei langen, dunklen Streifen bedeckte. Nur die beiden Enden des Kopfes mit ihrer plumpen Rundung waren hell und scharf beleuchtet und ließen den unsäglich gefühllosen Ausdruck erkennen, der darauf hindeutete, daß jede weichere Regung in dieser Seele längst erstorben und erstarrt, daß Tod und Leben ihm innerlich gleichgültig waren, daß sein größter Genuß in Tabak und Branntwein bestand und daß er sich nur dort ganz selig fühlte, wo alles lärmt und klirrt und trunken zu Boden sinkt. Er war ein Sprosse der Grenzvölker, in dem zahlreiche Nationen sich gemischt hatten. Von Geburt ein Serbe, der alles Menschliche in den wüsten Raubzügen und Trinkgelagen Ungarns in sich ertötet hatte, seiner Kleidung und auch zum Teil seiner Sprache nach ein Pole, seiner Geldgier nach ein Jude, seiner Verschwendungssucht nach ein Kosak und in seinem ehernen Gleichmut ein Teufel. Er schien die ganze Zeit über ganz ruhig zu sein und nur dann und wann murmelte er einen gewöhnlichen Fluch zwischen den Zähnen hindurch, besonders wenn er auf dem unebenen Boden stolperte, der sich immer tiefer und tiefer hinabsenkte.
Mit großer Sorgfalt betrachtete er alle Löcher in den Erdwänden, die jetzt ganz verschüttet waren, und einst als Zellen und einzige Zufluchtsstätte im Lande gedient hatten, wo selten ein Jahr verging, ohne daß die Zerstörung durch Steppen und Felder raste, und wo niemand massivere Gebäude und Schlösser errichtete, weil jedermann wußte, wie geringe Dauer ihnen beschieden war. Endlich erreichten sie eine hölzerne ganz mit Moos und Schimmel bedeckte Tür, die mit Balken und Steinen verrammelt war.
Der Führer blieb vor ihr stehen und betrachtete sie argwöhnisch von oben bis unten. „Nun!“ sagte er, wies mit den Augen nach der Tür hin, und es war, als ginge ein Windstoß von seiner struppigen Braue aus. Sofort machten sich einige von seinen Leuten an die Arbeit; nur mit Mühe gelang es ihnen, die Balken zu entfernen.
Die Tür öffnete sich! Gott! welch ein grauenerregender Anblick bot sich den Augen der Anwesenden dar! Schweigend blickten sie einander an, ehe sie wagten, dort einzutreten. Es liegt etwas von den Schrecken des Grabes in solch einem unterirdischen Gang. Dort herrscht der Tod in seiner starren Majestät, er reckt seine knöchernen Gliedmaßen unter all den blühenden Städten und Dörfern, unter der heiteren, lebensfrohen Welt. Aber wenn dieses Todesgrauen atmende Innere der Erde noch von lebenden Wesen, von jenen Höllengeistern bevölkert wird, deren Anblick uns schon allein erzittern läßt, dann erscheint es noch furchtbarer. Der Modergeruch war so stark, daß anfänglich allen der Atem stockte. Eine riesengroße Kröte hockte da und glotzte die Eindringlinge, die sie in ihrer Ruhe gestört hatten, mit ihren gräßlichen hervorquellenden Augen an. Die viereckige Höhle hatte nur einen einzigen Eingang; große Stücke von Spinngeweben hingen in langen Fetzen von dem Erdgewölbe herab, das die Decke der Höhle bildete. Große Haufen von Erde, die von der Decke herabgestürzt waren, lagen am Boden. Auf einem dieser Haufen lagen Menschenknochen, und blitzschnell huschten schnellfüßige Eidechsen zwischen ihnen hindurch. Eine Eule oder eine Fledermaus hätte in dieser Umgebung noch schön gewirkt.
„Warum ist das keine Stube! ’s ist eine schöne Stube!“ schrie der Führer. „Allez, hinein! Du, Hund, du wirst hier gut schlafen! Leg’ dich mal auf den Erdklumpen und nimm dir die Kröte zum Kopfkissen, oder besser, nimm sie dir für die Nacht zur Frau!“
Einer von den Königlichen lachte über diesen Scherz, aber sein Gelächter fand in diesen feuchten Hallen ein so schreckliches, tonloses Echo, daß er selbst erschrak. Der Gefangene, der bis dahin stillgestanden war, wurde in die Mitte der Höhle gestoßen und hörte nur noch, wie hinter ihm die Tür knarrte und die Balken krachten, die den Eingang versperrten. Das Licht erlosch, und Finsternis umfing das Innere der Höhle.
Der Unglückliche erbebte. Es schien ihm, als hätte man den Sargdeckel über ihm zugeschlagen, und das Krachen der Balken, die den Eingang versperrten, schien ihm dem Klirren des Spatens zu gleichen, wenn die Erde mit schrecklichem Laute auf die letzten Überreste eines Menschen fällt und die Menge gleichgültig wie das Grab und wie im Traume flüstert: „Er ist nicht mehr — aber einst lebte er.“ Nach dem ersten Schrecken verfiel der Gefangene in eine sinnlose Spannung, in einen seelenlosen Zustand, der gewöhnlich einzutreten pflegt, wenn ein Schlag einen so furchtbar trifft, daß der Mensch nicht einmal den Mut hat, an ihn zu denken, sondern seine Augen auf irgendeinen unbedeutenden Gegenstand heftet und ihn aufmerksam betrachtet. In solchen Augenblicken gehört er einer anderen Welt an und hat keinen Teil mehr an dem, was die Menschen bewegt: er sieht gedankenlos vor sich hin, er fühlt, ohne zu empfinden, und ist von einem seltsamen Leben erfüllt. Zuerst heftete er seine Aufmerksamkeit auf die ihn umgebende Finsternis. Für eine Spanne Zeit war alles vergessen — ihr Schrecken und der Gedanke daran, daß er lebendig begraben war. Mit all seinen Sinnen suchte er sich mit der Finsternis vertraut zu machen, und vor ihm tat sich eine ganz neue seltsame Welt auf: plötzlich sah er helle Streifen die Dunkelheit durchziehen — eine letzte Erinnerung an das Licht. Diese Streifen nahmen alle möglichen Farben an und bildeten die seltsamsten Figuren. Es gibt keine absolute Finsternis für das Auge. Man mag es zudrücken, soviel man will, es malt und zaubert uns Farben vor, die es früher einmal gesehen hat. Diese bunten Arabesken nahmen entweder die Form eines bunten Schals oder eines reich geäderten Marmors oder endlich jene seltsame Gestalt an, die uns so wunderbar fremdartig anmutet, wenn wir ein Stück eines Flügels oder das Beinchen eines Insekts unter dem Mikroskop betrachten. Zuweilen sah er einen schlanken Fensterrahmen, den es doch in seiner Höhle nicht gab, vor seinem Blick auftauchen. Ein phantastisches Azurblau leuchtete in dem schwarzen Rahmen auf, verwandelte sich dann in ein Kaffeebraun, verschwand ganz und ging dann in ein dunkles Schwarz über, das mit Pünktchen von gelber, blauer oder unbestimmter Farbe besät war.
Bald aber verschwand diese ganze Welt, und des Gefangenen bemächtigte sich eine andere Empfindung. Anfänglich konnte er sich von diesem Gefühle keine Rechenschaft geben, dann aber gewann es immer mehr an Bestimmtheit. Er hatte ein Gefühl der Kälte auf seiner Hand, und seine Finger glitten unwillkürlich über etwas Schlüpfriges hin. Plötzlich fuhr ihm der Gedanke an die Kröte durch den Kopf! ... Er schrie auf und fühlte sich augenblicklich in die Wirklichkeit versetzt! Seine Gedanken tauchten plötzlich tief unter in den Schrecken der Gegenwart. Hierzu kam noch die gänzliche Erschöpfung seiner Kräfte und die furchtbare Stickluft: dies alles hatte zur Folge, daß er in eine tiefe Ohnmacht versank.
Unterdessen machten sich’s die königlichen Truppen in den Klosterzellen bequem, als ob sie zu Hause wären; sie schickten die Mönche fort, um die Ställe zu reinigen, und fingen fröhlich an zu zechen, voller Freude, daß sie sich endlich des Menschen, dessen sie bedurften, bemächtigt hatten.
1830.
VIII Über die Völkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts
Die große Völkerwanderung, aus der die heutige Bevölkerung Europas hervorgegangen ist, reicht mit ihrem Anfang bis in das ferne Altertum. Sie beginnt vielleicht gleichzeitig mit der Gründung Roms, ja vielleicht sogar schon früher. Während noch das Mittelmeer die neu entstandenen Staaten umspülte, die ersten Schritte eines aufkeimenden Handels beobachten konnte und der Geist der Völker, die die Blüte der antiken Welt bilden, sich immer mehr und mehr entwickelte — verbarg sich in den Tiefen Asiens eine andre unbekannte Welt, die dazu bestimmt war, die ganze antike Herrlichkeit, den Geist der Antike und seine alten Formen zu vernichten und sie durch einen neuen Geist zu ersetzen. Mittelasien bildet einen schroffen Gegensatz zum Süden und zu dem Südwesten dieses Kontinents, sowie zu den afrikanischen und europäischen Küsten des Mittelmeers, wo die blühende Vielgestaltigkeit der Natur, des Bodens, der Erzeugnisse, der Wechsel von Festland und Wasser, und die unzähligen Inselgruppen, die Vorgebirge und Meerbusen geradezu wie geschaffen sind, um die Tatkraft und den Geist des Menschen zu einer rapiden Entwicklung zu bringen. Die Natur Mittelasiens ist von ganz anderer Art: sie ist einförmig und unermeßlich. Seine Steppen gehen ins Uferlose, sie bilden ungeheure Flächen und scheinen einem wüsten Ozean zu gleichen, der nirgends durch eine Insel unterbrochen wird. Die stillen, regungslosen Seen inmitten dieser endlosen Ebenen konnten unmöglich zur Tatkraft anspornen. Es schien, als hätte die Natur selbst dieses Land für Hirtenvölker bestimmt, damit wir uns nach diesen eine Vorstellung von der primitiven Lebensweise der Urvölker bilden könnten. Die Unermeßlichkeit dieser Ebenen konnte im Menschen nie den Gedanken an einen dauernden Wohnsitz aufkommen lassen, ein Gedanke, der gewöhnlich nur beim Anblick von schroffen Felsen, Meeresufern, Inseln und überhaupt in Gegenden entsteht, wo man festen Fuß fassen kann. Wo dagegen die Natur in regungslosem Schlummer liegt, da wird auch der Mensch sorglos und kümmert sich nur um das Allernotwendigste. Die patriarchalischen Bewohner der Steppen nährten sich nur von Milch und Käse, die ihnen ihre halbwilden Haustiere lieferten, und nur selten aßen sie Fleisch. Daher vermehrten sich auch ihre Herden in ganz ungewöhnlichem Maße; ihre Besitzer mußten immer häufiger von einem Ort zum andern ziehen, mit jedem Jahr wurde der Bedarf an Wiesen größer und größer — und so kam es, daß das Land, das uns noch heutzutage durch seine unermeßliche Größe erschreckt, daß das Land, das doppelt so groß war wie die ganze zivilisierte Welt jener Zeit und mit dem sämtliche Bauern der Welt nichts anzufangen wüßten — daß dies Land zu eng für seine Bewohner wurde. Die mächtigeren Fürsten mußten die schwächeren verdrängen. Ein Hirtenvolk, das kein immobiles Eigentum hat, dessen Besitz sich auf ein durch die Zeit erworbenes und befestigtes Recht stützt, gibt leicht dem ersten Ansturm nach und zieht selbst mit seinen Herden weiter. So wurde Asien ein Menschen ausspeiender Vulkan. Jedes Jahr warf es neue Menschenscharen und Herden aus seinem Inneren aus, die ihrerseits die schon früher Ausgespienen aus ihren Niederlassungen verjagten. Diese überschritten die Berge und drangen in Europa ein. Man kann wohl sagen, diese Völker schritten nicht in einer bestimmten Richtung vorwärts, sondern eins verdrängte das andere mechanisch von seinem Platz. Das waren keine Eroberer, sondern eine Art Sklaven, die unter dem Druck einer angedrohten Strafe handelten. So zog sich eine Kette von Völkern von Osten und Nordosten durch ganz Europa bis nach Süden hin. Im Süden stieß sie auf das erste Hindernis, sie bekam die gewaltige Macht der Römer zu spüren und traf mit der antiken Welt zusammen. Unterdessen fuhr Asien weiter fort, neue Scharen von Menschen auszuwerfen. Der Anstoß, der von jedem neuen Ausbruch dieses Vulkans ausging, pflanzte sich durch die ganze Kette fort: die neuen Scharen drängten die vorderen Reihen weiter, jene die vor ihnen marschierenden und so fort. Die Wucht dieser Völkerwanderung wurde bald außerordentlich stark, dafür aber wurde auch der Gegendruck seitens der Römer sehr kräftig, so daß sich an der Grenze des römischen Reiches eine ungeheuere Menge von Völkern zu stauen begann. Bei jedem neuen Ausbruch wurde diese Menge immer größer und stärker, und es wurde den Römern immer schwerer, sich ihrer zu erwehren. Endlich gaben die Römer nach, und die Horden stürmten mit gewaltigem Ungestüm nach dem Süden Europas. Hätte Europa im Süden nicht das Mittelländische Meer zur Grenze gehabt, oder hätten diese Völker irgendein Verständnis für die Schiffahrt besessen, so hätte die Völkerwanderung noch lange fortgedauert — denn Asien hörte nicht auf, neue Menschenscharen auszuwerfen — die Völker wären nach Afrika übergesetzt, Europa wäre noch viele Jahre lang nicht zur Ruhe gekommen, das Chaos hätte noch lange fortbestanden, viele Reiche wären erst viel später gegründet und der Fortschritt der Zivilisation wäre überhaupt um viele Jahrhunderte zurückgeworfen worden. Aber als die Völker den Süden Europas erobert hatten, und als sie das Meer und die Unmöglichkeit, weiter vorwärtszuschreiten, vor sich sahen, da entschlossen sie sich, mit aller Gewalt gegen die nachdrängenden Feinde vorzugehen. Als die letzteren auf solch unerwarteten Widerstand stießen, beschlossen sie auch, ihre Feinde zurückzudrängen, die nun ihrerseits wieder dasselbe mit ihren Gegnern taten, und so geschah es, daß der Anstoß die entgegengesetzte Richtung erhielt, und die Bewegung kam plötzlich zum Stehen. Die Folgen dieser Erscheinung machten sich sogar in Asien fühlbar, und einige Hirtenvölker wurden hierdurch gezwungen, zum Ackerbau überzugehen.
Diese Völkerwanderung hätte sich viel schneller vollzogen, wenn auch Europa aus solch flachen, offen daliegenden Ebenen bestanden hätte, wie sie Asien bedecken. Hier dagegen hatte die Natur auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche eine ungeheuere Unregelmäßigkeit und Mannigfaltigkeit hervorgebracht: überall ist das Festland vom Meere durchfurcht, seine Ufer bestehen aus zahllosen Halbinseln und Vorgebirgen, und auch im Innern gibt es nur sehr wenig ebene Flächen; der Boden steigt und senkt sich in einem fort, erhebt sich und bildet ungeheure Gebirge, oder er fällt jäh herab und bildet tiefe Täler, die wie durch einen Erdsturz zwischen diesen entstanden zu sein scheinen. Dazu kam, daß Europa zu jener Zeit noch mit undurchdringlichen Urwäldern bedeckt und von sumpfigen Mooren durchzogen war. Und daher vollzog sich die Völkerwanderung, je tiefer sie bis ins Innere Europas drang, immer langsamer und langsamer: die Menschen mußten sich durch Wälder hindurchschlagen, Berge übersteigen und Sümpfe umgehen. Ihre Niederlassungen bildeten sozusagen Oasen, und die einzelnen Völker wurden durch Urwälder und unerforschte Gegenden voneinander getrennt, so daß sie häufig lange gegen jegliche Überfälle geschützt waren. Und wenn dann eine neue Springflut von gewaltigen Völkermassen, befehligt von einem unternehmenden Führer, herankam und Europa mit wundersamen Fanalen illuminierte, indem sie die alten Urwälder in Brand setzte und der Vernichtung preisgab, dann bot sich den erstaunten Blicken der Ankömmlinge ein Volk dar, von dessen Existenz sie keine Ahnung gehabt hatten, und das in seinen Sitten und Gebräuchen sich zwar weit von ihnen entfernt, dennoch aber eine gewisse Ähnlichkeit mit ihnen bewahrt hatte. Man kann sagen, ganz Europa bestand damals aus lauter Fetzen und Bruchstücken, die die Natur selbst voneinander getrennt hatte; daher war die Unterwerfung dieses Erdteils und seine Vereinigung unter der Gewalt eines Herrschers ein Ding der Unmöglichkeit, und so entstanden die zahlreichen europäischen Nationen, die sich ohne allen Zweifel zu einer Nation verschmolzen und einen einheitlichen Charakter angenommen hätten, wenn Europa eine einzige offene Ebene gewesen wäre. Das war eine neue nie gesehene Welt, von der die antiken zivilisierten Völker nichts wußten, und die sich, wie man wohl sagen darf, auch selbst kaum kannte.
Den Kern dieser Völker bildeten die zahlreichen Stämme germanischer Nation, die sich über den ganzen Westen ausbreiteten. Die Ufer der Nordsee, des Rheins, der Donau und ganz Mitteleuropa bis zur Ostsee waren von ihnen besetzt. Als die Römer zum erstenmal mit ihnen zusammenstießen, bewies der Kulturzustand dieser Völker, daß sie schon lange in Europa ansässig waren, und daß ihre Übersiedelung nach Europa schon im grauesten Altertum stattgefunden haben mußte. Daß sie jedoch aus Asien stammten, dafür konnte man den Beweis in der seltsamen Ähnlichkeit einiger deutscher Stammwörter mit der persischen Sprache finden. Ob nun Asien in grauer Urzeit zugleich die Stämme ausgeworfen hat, die später im Süden inmitten der Berge das persische[8] Volk und in den nordischen Wäldern Europas das Volk der Germanen gebildet haben, oder ob vielleicht später der gewichtige Einfluß der Parther, die aus Mittelasien hervorbrachen, eine Reihe von Wörtern in die persische Sprache eingeführt hat, die man bis dahin nur in den unermeßlichen asiatischen Steppen vernommen, und die sich bereits in Europa verbreitet hatten[9] — wie dem auch sei — jedenfalls stammen die Germanen ursprünglich aus Asien und hat sich ihre Einwanderung in Europa schon in grauer Urzeit vollzogen.
Diese Völker bildeten einen vollkommenen Gegensatz zu den Römern und gewissermaßen eine Welt für sich. Ihre physische und geistige Natur trug den ausgesprochenen Stempel echter Ursprünglichkeit und Eigenart. Ihre physische Organisation widersprach durchaus der der Völker der Alten Welt. Die schwarzen glänzenden Augen, das dunkle Haar, das ausdrucksvolle Gesicht des Südländers, in dem sich die Begierde nach Üppigkeit und übermäßigen Genüssen zu spiegeln schien — dieser gemeinsame Typus der bereits erstarrten antiken Welt — traf hier auf sein vollkommenes Gegenteil: die blauäugigen, blonden, großen und starken Germanen mit dem einseitig wilden, kriegerischen Ausdruck im Gesicht repräsentierten einen völlig neuen Typus der menschlichen Natur, der den Beginn der Neuen Welt kennzeichnete.
Ihre Religion, ihre Lebensweise, ihr Temperament, die Grundelemente ihres Charakters unterschieden sich in jeder Beziehung von den zivilisierten Völkern jener Zeit. Die Religion der Germanen zeichnete sich durch eine besondere Eigenart aus. Ihre Gottheit, der Gegenstand ihrer Anbetung, war die Erde. Es war, als hätte der düstere Anblick des damaligen Europa ihnen die Idee zu dieser Religion eingegeben. Nur selten von Sonnenlicht umflossen, immer nur im Schatten hundertjähriger Eichen lebend, und Höhlen als erste Wohnstätten oder Verstecke für ihre Schätze grabend, sahen sie nichts wie die Erde, deren gewaltige Kraft auf ihrer Oberfläche Pflanzen wachsen ließ, die ihnen als armselige Nahrung dienten, und herrliche, hohe Bäume, die über ihren Köpfen rauschten — und so konnten sie die Erde für die Erzeugerin aller Dinge halten. Von ihr leiteten sie ihren Gott Tuisto-Teut ab, der einen Sohn Mannus hatte und von diesem wiederum die verschiedenen Stämme der germanischen Völker, die sie für die ältesten Bewohner der Welt hielten. Es könnte scheinen, als ob dieser Begriff von der Religion sie ganz wesentlich von Asien unterscheidet, aber wir müssen nicht vergessen, welch gewaltigen Einfluß die Natur und die Bodenverhältnisse stets gehabt haben. Die Natur übt eine despotische Herrschaft über den Urmenschen aus. Je mehr der Mensch sich entwickelt, je mehr sein Geist heranreift, um so mehr Macht bekommt er über die Natur, und dann schreibt er ihr die Gesetze vor, aber im wilden Urzustande muß er sich ihren Gesetzen fügen, ist er ihr Sklave. In Mittelasien liegt der Himmel immer offen vor dem Auge da; dort ist er unübersehbar und von einer gewaltigen Ausdehnung; im Vergleich mit ihm erscheint die Erde armselig und klein. Keine einzige hochgewachsene Pflanze, kein spitzer, kantiger, hoher und schmaler Fels fesselt das Auge; das auf den unabsehbaren Flächen sprießende Gras erscheint hier noch niedriger als sonst. Aber hier strahlt die Sonne in ihrer ganzen Herrlichkeit und überflutet alles mit ihrem Licht: leuchtende Sterne übersäen dicht das Himmelsgewölbe, und sie allein dienen den Menschen zum Halt und Wegweiser. Daher war in Asien überall die Anbetung der Sonne und der Himmelsgestirne vorherrschend. Je mehr dagegen die Völker nach Europa vordrangen, desto seltener sahen sie die Sonne. Das dichte, majestätische Dunkel der europäischen Wälder machte einen tieferen Eindruck auf ihre ungebildete Phantasie. Die Nebel und die aus den Sümpfen aufsteigenden Ausdünstungen verbargen den Himmel vor ihnen, und die Notwendigkeit, sich zeitweise mit dem Ackerbau zu beschäftigen, brachte es mit sich, daß sie sich enger an die Erde anschlossen. Daher war auch bei den germanischen Völkern die Anbetung der Gestirne nur sehr wenig verbreitet, und nur bei ganz wenigen Völkern hat sich eine Erinnerung daran erhalten. Tief im Waldesdickicht, das nie von einem Sonnenstrahl durchdrungen wurde, brachten sie ihrer Göttin, der Mutter Hertha, ihre Opfer dar. Es scheint so, als ob ihnen die Finsternis für heilig galt, darin war ihre Religion schon von Anbeginn allen anderen Religionen unähnlich. Sie glaubten an die Unsterblichkeit. Aber ihr Himmel war ein finsterer Himmel. In ihrer Walhalla sahen sie nur die Fortsetzung ihres kriegerischen Lebens: dorthin versetzten sie ihre germanischen Eichen, ihre flammenden Lagerfeuer und das Getöse ihrer Waffen; bleifarbene Wolken verhüllten ihren Himmel, den sie mit den dunklen Schatten ihrer großen im Kriege gefallenen Helden bevölkerten. Die Anbetung Herthas verbreitete sich fast bei allen germanischen Stämmen. Zu den Gegenständen ihrer Verehrung gehörten auch die Schatten ihrer verstorbenen Helden, die sie sich in übernatürlicher, ins Riesenhafte gesteigerter Größe vorstellten. Auch ihre treuen Gefährten, die Kriegsrosse, genossen dieselbe Verehrung, unter denen die weißen nach Tacitus für besonders heilig galten und in den heiligen Hainen untergebracht wurden. Man spannte sie vor den heiligen Wagen, dem der König und die Priester folgten, und aus dem Schnauben der Rosse deutete man die Zukunft.
Die germanischen Völker blieben lange Zeit ihrer ursprünglichen Lebensweise treu. Sie lebten nur für den Krieg, er bildete ihre ganze Freude. Beim Kriegslärm erbebten sie wie junge, kampfmütige Tiger. Sie dachten nur daran, ihre Kräfte zu messen und sich an der Schlacht zu vergnügen. Habgier und Beutelust spielte nur eine geringe Rolle: als Hauptsache galt ihnen nur, sich in der Schlacht hervorzutun, damit ihre Heldentaten später im Liede besungen würden. Alle Vorteile und ihr ganzes Lebensglück hing mit dem Namen dessen zusammen, der sich mit Kriegsruhm bedeckt hatte. Er wurde zum Führer gewählt; ihn bewunderten und verehrten alle Völker. Er war der Vermittler und Richter in allen Streitfragen, und er verteilte im Kriege nach eigenem Ermessen die ganze Beute; sogar fremde und weit entlegene Stämme sandten ihm Pferdegeschirr zum Geschenk; die verwandten und untergebenen Stämme brachten ihm freiwillig die Erzeugnisse ihrer Felder, Früchte, Rinder und Rosse als Gabe dar. Mut und Tapferkeit galten als etwas Göttliches; alles strömte um die Wette der Fahne des Führers zu, und jedermann kämpfte nicht um der Beute willen, sondern um sich vor ihm auszuzeichnen und ein Wort der Anerkennung von ihm zu hören. Sein Name lebte noch lange in den Heldengesängen fort, nach seinem Tode wurden ihm zu Ehren große Festgelage veranstaltet, und noch lange rühmte sich sein Stamm seiner Heldentaten; seinem Schatten wurden allmählich göttliche Ehren zuteil, und er wurde ein Gegenstand der Anbetung. Solch ein Schicksal war beneidenswert, denn auch im unentwickelten Menschen glüht ja schon die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Alle ohne Unterschied eiferten danach, ruhmvolle Taten zu vollbringen; die Schlachten häuften sich, und die Germanen waren stets bereit, auf den ersten Ruf mit ihren wilden Kriegshorden heranzubrausen.
Sie kämpften fast nackt, indem sie ihre athletische Kraft in aller Schlichtheit an den Tag legten. Ein Mantel, der statt von einer Schnalle, von einem Dorn zusammengehalten wurde, ein Raubtierfell über der Schulter — das war ihre ganze Rüstung. Sie stellten sich in dichten Haufen in keilförmiger Schlachtordnung auf und kämpften von nahem und von ferne mit kurzen Lanzen, die Framen genannt wurden; mit der Löwenkraft ihrer Muskeln schleuderten sie sie so weit, wie es nötig war, um den Feind zu erreichen; nur ihre Schilde waren etwas schöner und prächtiger und waren mit grellen Farben bemalt; Scharen von Frauen und Kindern folgten ihnen in die Schlacht, begleiteten sie mit ihrem Geschrei und spornten sie immer wieder zu neuem Mut an: sie dachten nicht an Flucht, der Gedanke an die Sklaverei, die ihre Frauen und Kinder erwartete, verdoppelte nur die wilde Kraft ihres Ansturms, und der Feind war gezwungen, nachzugeben. Die Frauen sogen ihren Männern mitten im Getümmel der Schlacht die Wunden aus, verbanden sie, ja sie trugen die Verwundeten auf ihren Schultern hinweg. Der Tod des Führers wirkte nicht etwa lähmend auf sie, im Gegenteil, er kettete alle durch das stählerne Band der Rache zusammen und machte sie unüberwindlich. Es galt als größte Schande, seinen Schild wegzuwerfen; der Unglückliche, dem dies passierte, wurde ein Opfer der allgemeinen Verachtung und nahm sich selbst das Leben. Nur auf Grund der allgemeinen Achtung herrschte der Führer, ohne daß ihm sonst irgendwelche Machtmittel zu Gebote standen, unumschränkt über die Stämme, und die Krieger befolgten mit bewunderungswürdigem Gehorsam seine Befehle. Doch nicht nur im Kriege hatte er den Oberbefehl, er behielt zuweilen seine Macht auch während des Friedens bei und nannte sich dann Heerführer[10].
Die Germanen waren sehr freiheitsliebend und wollten keine Gewalt über sich anerkennen. Eine eigentliche Regierung gab es nicht. Sie versammelten sich und veranstalteten Volksversammlungen, die jeden Monat bei Neumond und Vollmond, bei außerordentlichen Anlässen jedoch zu jeder beliebigen Zeit abgehalten wurden. Sie erschienen träge und langsam zu diesen Versammlungen, wie um anzudeuten, daß sie aus freien Stücken kämen; es vergingen einige Tage, bis die nötige Zahl beisammen war und die Beratung beginnen konnte. Sie saßen in voller Rüstung da; nur die Priester hatten das Recht, Schweigen zu gebieten; die Familienältesten präsidierten, die sogenannten Grauhaarigen (grawion), die später diesen Namen in den der Grafen veränderten, die Fürsten und die, die sich während der Schlachten ausgezeichnet hatten, führten das Wort; ihre Rede war schlicht und von jenem kräftigen, gedrängten Lakonismus erfüllt, durch den sich die treuherzige Beredsamkeit junger Völker auszeichnet.
Sie waren schlicht und offenherzig; ihre Verbrechen waren nur die Folgen ihrer Unwissenheit und nicht ihrer Lasterhaftigkeit. Nur Ehrlosigkeit und eine niedrige Gesinnung galten als Verbrechen; Überläufer und Verräter wurden gehängt und einem qualvollen Tode überantwortet; für ein gemeines und ehrloses Vergehen wurde der Schuldige in einen Sumpf versenkt, und es wurde Schlamm und Reisig auf ihn geworfen, wie um etwas zu verbergen, was nie ans Tageslicht kommen sollte. Die untreue Frau war ganz in der Gewalt ihres Mannes: er durfte ihr das Haupthaar abschneiden, ihr ihre Kleider wegnehmen und sie nackt und schmachbedeckt mit Ruten durch Dörfer und Siedelungen jagen; niemand wagte es, auch wenn sie noch so schön war, ihr sein Mitleid zu bezeigen. Aber diese Fälle waren nur selten, denn die Germanen hatten einen wilden und rauhen Charakter, und bei ihnen herrschten nur Bräuche und Sitten, die gewöhnlich viel stärker sind als Gesetze.
In ihrem häuslichen Leben waren sie ganz im Gegensatz zu ihrem unruhigen kriegerischen Wesen sehr sorglos und träge. Sie waren stumpf und sehr faul und lagen in ihren Hütten herum, ohne sich vom Fleck zu rühren. Je mutiger ein Mann zu sein glaubte, um so mehr hielt er es für unter seiner Würde, sich mit irgendeiner Arbeit abzugeben; die Äcker wurden von alten Leuten, von den Schwachen, Minderjährigen und Knechten bebaut; letztere genossen volle Freiheit und mußten nur eine kleine Naturalabgabe von ihren Feldern zahlen. Alle häuslichen Arbeiten lagen auf den Schultern der Frauen. Die Frau brachte ihrem Manne keine Mitgift in die Ehe mit, im Gegenteil, er mußte ihr am Vorabend der Hochzeit einen Ochsen im Joch, ein voll ausgerüstetes Pferd und eine Lanze darbringen, wie um damit auszudrücken, daß sie von nun an an all seinen Beschäftigungen teilnehmen müsse.
Die Kleidung der Germanen war ganz anders, als dies in der römischen Welt und bei allen südlichen Völkern üblich war, die eine gewisse Liebhaberei für leichte, weite Gewänder hatten; sie trugen enge Kleider, die sich fest an den Körper anschmiegten, und die Tierfelle, in die sie sich mit Vorliebe hüllten, verliehen ihnen ein wildes, tierisches Aussehen. Die Kleidung der Frauen unterschied sich nur wenig von der der Männer; einzelne trugen hochrote Leinwandröcke, die nur bis zum Gürtel reichten, so daß der Hals, der Busen und die Arme offen blieben. Die Kinder waren sich ganz allein überlassen und wuchsen in der Gesellschaft der Haustiere auf. Erst wenn sie volljährig wurden, durften sie Waffen tragen und an den Versammlungen teilnehmen. Die Gastfreundschaft, die allen wilden Völkern von primitiven Sitten eigen ist, war auch den Germanen eigentümlich; der Gast wurde reichlich beschenkt, und wenn jemand nicht in der Lage war, einen Gast zu bewirten, führte er ihn selbst zu einem seiner Genossen.
Am häufigsten jedoch konnte man die alten Germanen bei ihren Festgelagen antreffen, wo manches Mal mehrere Nächte hindurch gezecht wurde, dann war der Wald prachtvoll erleuchtet von lohenden Eichen, und ein Getränk aus gegorenem Gerstensaft, wahrscheinlich der Urahne des heutigen Biers, das in Deutschland so viel getrunken wird, ließ ihren Gedanken, Reden und Entschlüssen freien Lauf. Bei diesen Gelagen kamen alle ihre Unternehmungen zur Reife. Hier faßten sie die Pläne zu ihren kühnen, gewagten Angriffen, die während einer gemächlichen Volksversammlung wohl nicht jedem und auch nicht immer in den Sinn gekommen wären. Sie waren stürmisch, waghalsig, und wenn sie einmal wach, erschüttert und aus ihrer kaltblütigen Indolenz aufgerüttelt waren, kannte ihre Leidenschaft keine Grenzen. Ihre Verwegenheit kam ganz besonders beim Würfelspiel zum Ausdruck, da konnte der wilde Germane so leidenschaftlich werden, daß er sein Haus, seine Waffen, sein Weib, seine Kinder und zuletzt sich selbst verspielte und in die Sklaverei verkaufte — ein Zustand, der ihn schlimmer dünken mußte als der Tod! Vielleicht war dieses wilde Temperament die Quelle jener starken, kühnen Leidenschaften, die den Europäer erfüllen.
So geartet waren die germanischen Völker — diese wilden Elemente, aus denen das neue Europa hervorgegangen ist. Sie zerfielen in unzählige Stämme und überzogen das nördliche Europa ebenso dicht wie die dichten europäischen Wälder. Um einen klaren Überblick über sie zu gewinnen, wollen wir mit den Gegenden beginnen, wo die Alte Welt diese ersten Begründer der Neuen Welt zuerst erblickte, d. h. mit der Donau, die den Römern als Grenze diente. Hier wohnten Stämme, die zwar noch frei aber doch nicht mehr ganz wild waren, und die schon Beziehungen mit dem antiken, zivilisierten Rom angeknüpft hatten, als da sind: die Hermunduren, die Narisker, die Markomannen und die Quaden. Ferner lag eine große Kette von germanischen Stämmen an den Ufern des Rheins von seiner Quelle bis tief herab zu der Stelle, wo er ins Meer fällt. Das waren die Vangionen, Triboker, Nemeter, Matiaken, Ubier; auf sie folgten die Tenkterer, die besten Reiter, deren Reiterei auch bei den Römern berühmt war, und deren ganzer Besitz aus ihren Rossen bestand und immer dem Tapfersten hinterlassen wurde; dann folgten die Usipier und hart an der Mündung des Rheins, wo er ins Meer strömt — die mächtigen Bataver.
Das mittlere Deutschland war ganz mit Wäldern bedeckt und barg die wildesten und mächtigsten Stämme in sich. Von Westen nach Osten fortschreitend, treffen wir zuerst auf die Chatten, die Ahnen der heutigen Hessen; sie bewohnten die aus zahllosen Hügeln bestehenden Ufer des Main. Dieses Volk verbreitete Schrecken um sich durch sein Fußvolk, durch dessen vortreffliche Aufstellung und Organisation, durch seine umsichtige Angriffstaktik und den wilden Ausdruck seiner Gesichter. Die Sitten und Gebräuche der Chatten setzten einen durch ihre Eigenart unwillkürlich in Erstaunen. Kein Jüngling durfte sich das Haar schneiden, ehe er nicht seine Hände in Feindesblut gewaschen hatte, während der Schlacht mußten sie in den vorderen Reihen kämpfen, und dann jagten sie den Feinden mit ihren struppigen, behaarten Gesichtern Angst und Schrecken ein. Jeder Chatte trug einen eisernen Ring am Arm, was sonst für schmachvoll galt, weil der Ring an eine Kette erinnerte, doch durfte er ihn nicht früher ablegen, als bis er mit eigener Hand einen Feind getötet hatte. Südlich von den Chatten wohnten die Cherusker, die Bewohner des Harzes, weiter folgten die Fosen, die Sigambrer, die Brukterer, die Angrivarier, die Chasuarier und endlich die Harier, die sich durch eine ganz eigene Angriffsweise auszeichneten. Sie führten ihre Überfälle in dunklen finsteren Nächten aus, färbten sich, um Schrecken und Furcht einzuflößen, ihren Leib, trugen schwarz angestrichene Schilde und boten sich dem erstaunten Blicke der Feinde, die diesen Anblick nicht zu ertragen vermochten, wie ein Leichenzug dar. Östlich von ihnen in etwas freieren, offener daliegenden Gegenden wohnten die Sueven. Diese bestanden aus einer Menge verschiedener Stämme und führten noch lange Zeit ein Hirtenleben, obwohl sich der Boden wegen seiner vielen Sümpfe nur wenig dazu eignete.