Arabesken I 1835 Erster Teil (continued 3)
Charlotte König translation
Man kann sich den Grad der Empörung in den zahllosen Schichten des Volkes vorstellen, als das Gerücht von den Neuerungen des Kalifen sich verbreitete. Wie mußte sich das Volk zu ihnen stellen, das dem Kalifen schon allein wegen der Förderung der christlichen Religion und seiner Vorliebe für die Fremden offen des Modalismus oder der Ketzerei anklagte? Die rohe Masse der alten strenggläubigen Bekenner des Koran zwangen den Kalifen durch ihren harten Widerstand endlich, zu den Waffen zu greifen. Und der edle, hochherzige Al-Mamun, der von wahrer Menschenliebe durchdrungen war, wurde zum Verfolger seiner eigenen Untertanen. Durch diese Verfolgungen weckte er von neuem den wilden Fanatismus der Araber, aber schon nicht mehr jenen Fanatismus, der die früheren Nomadenvölker Arabiens zu einer Masse verschmolzen hatte — sondern einen oppositionellen Fanatismus, — einen Fanatismus, der die Massen auseinanderriß, der Zank und Streit bis in die innersten Gründe des Reiches trug, der die rohen Leidenschaften der Araber aufrührte, der den Dolch und das Gift des Hasses in die Hand der fanatischen Bekenner des Islams drückte, und der eine Unzahl verblendeter Sekten erstehen ließ, unter ihnen die schrecklichste, die der Karmaten, die noch lange, zur Zeit der Kreuzzüge, unter dem Namen der syrischen Assassinen ihr Wesen trieben. Mitten in den Unruhen, die an den verschiedenen Enden des Reiches ausbrachen, inmitten der Empörung und des Parteienzwists starb der edle Al-Mamun, der mit einer Hand zahllose Wohltaten und reiche Mittel für Schulen, Werkstätten und für die Kunst ausgestreut und mit der anderen seine unbotmäßigen, fanatischen Untertanen gezüchtigt hatte — er starb, ohne sein Volk verstanden zu haben und selbst unverstanden von seinem Volk. In jedem Fall aber hat er uns ein lehrreiches Beispiel gegeben. Er hat der Welt das Bild eines Herrschers geboten, der trotz allen Willens zum Guten, trotz aller Sanftmut des Herzens und bei aller Aufopferungsfähigkeit und seiner außergewöhnlichen Liebe zu den Wissenschaften, doch eine der wichtigsten, wenn auch unbewußten Ursachen wurde, die den Fall seines Reiches beschleunigten.