← Table of contents
Sämmtliche Werke 1

Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows oder Die Toten Seelen. Erster Teil (continued 6)

Reading edition

Zehntes Kapitel.

Man versammelte sich also im Hause des Polizeimeisters, der ja dem Leser schon als Vater und Wohltäter der Stadt bekannt ist. Hier hatten die Beamten die Gelegenheit, einander darauf aufmerksam zu machen, wie eingefallen und abgemagert ihre Wangen von den beständigen Sorgen und Aufregungen waren. Und in der Tat, die Ernennung des neuen Generalgouverneurs, dann die kürzlich eingegangenen Papiere so bedeutsamen Inhalts und endlich noch die schrecklichen Sorgen — dies alles hatte merkliche Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen, selbst die Fräcke waren ihnen allen zu weit geworden. Alle waren ein wenig heruntergekommen: der Gerichtspräsident, der Inspektor der Sanitätsverwaltung, der Staatsanwalt sahen mager und bleich aus, ja sogar ein gewisser Semjon Iwanowitsch, welchen man nie bei seinem Familiennamen nannte, ein Herr mit einem goldenen Ring am Zeigefinger, den er mit besonderer Vorliebe den Damen zeigte, selbst der war ein wenig abgemagert. Natürlich gab es darunter auch ein paar von jenen verwegenen Rittern ohne Furcht und Tadel, welche nie die Geistesgegenwart verloren: aber ihre Zahl war nur klein: ja es gab eigentlich nur einen einzigen den man dazu zählen konnte, nämlich den Postmeister. Er allein blieb völlig unverändert in dem ruhigen Gleichmaß seines Wesens und sagte wie gewöhnlich in derartigen Fällen: „euch kennt man schon, ihr Herren Generalgouverneure. Von euch wird noch so mancher dem anderen Platz machen müssen, ich aber stehe bald dreißig Jahre auf meinem Posten.“ Worauf die andern Beamten gewöhnlich zu erwidern pflegten: „Sie haben es gut Herr!“ „Sprechen Sie deutsch, Iwan Andreitsch.“ „Dein Geschäft ist der Postdienst — du hast bloß die eingelaufenen Briefe in Empfang zu nehmen und zu expedieren; du kannst höchstens einmal dein Postamt eine Stunde zu früh schließen und dann irgend einem Kaufmann, der sich verspätet hat, für die Annahme des Briefes nach geschlossenem Schalter etwas abverlangen, oder du expediert vielleicht ein Paket, welches nicht abgeschickt werden sollte. Unter diesen Umständen kann natürlich jeder ein Heiliger sein. Aber versetze dich mal in unsere Lage, wo dir täglich der Teufel in eigner Person erscheint und dir fortwährend etwas in die Hände spielt. Du selbst willst ja garnichts nehmen, er aber steckt es dir in die Hand. Bei dir ist das Malheur nicht so groß; du hast bloß ein Söhnchen. Mir aber hat Gott meine Praskowja Fjodrowna so reich gesegnet, daß sie mich jedes Jahr mit irgend einem Praskuschka oder Petruschka beschenkt. Da würdest du auch auf einer anderen Flöte pfeifen.“ So sprachen die Beamten. Ob es aber in der Tat möglich ist, dem Teufel auf die Dauer zu widerstehen, das zu beurteilen, ist nicht Sache des Verfassers. In unserm Konzilium, das sich bei dieser Gelegenheit versammelt hatte, machte sich vorzüglich der Mangel dessen bemerkbar, was man in der Sprache des Volkes den gesunden Menschenverstand zu nennen pflegt. Überhaupt sind wir, wie es scheint, nicht so recht geschaffen für repräsentative Versammlungen. Bei all unsern Sitzungen von denen der ländlichen Bauerngemeinden an bis zu allen gelehrten und ungelehrten Komitees, herrscht, wenn nicht eine leitende Persönlichkeit an der Spitze steht, ein recht bedenklicher Wirrwarr. Es ist eigentlich schwer zu sagen warum das so ist; wahrscheinlich ist unser Volk nun einmal so veranlagt, daß ihm nur die Versammlungen und Beratungen gelingen, die irgend ein Diner oder eine Zecherei zum Gegenstand haben, wie die Salon- und Klubversammlungen auf deutsche Manier. Dagegen ist der gute Wille jederzeit und zu allen guten Dingen vorhanden. Plötzlich fällt es uns ein, wenn der Wind günstig ist, irgend welche Wohltätigkeits-, Hilfs- und Gott weiß was für andere Vereine zu gründen. Und wenn die Sache nur einen guten Zweck hat, kann man sicher sein, daß nichts dabei herauskommt. Vielleicht rührt das daher, daß wir gleich im Anfang, d. h. zu früh, befriedigt sind, und glauben, es sei schon alles getan. Wenn wir z. B. irgend eine Gesellschaft mit wohltätigem Zweck gründen wollen und schon bedeutende Summen dazu gestiftet haben, müssen wir unbedingt, um unsere so löbliche Absicht bekannt zu machen, irgend ein Diner geben, zu dem alle Spitzen der Stadt geladen sind und das mindestens die Hälfte der gezeichneten Summe verschlingt. Für die andere Hälfte richtet sich das Komitee eine prachtvolle Wohnung mit Heizung und Portier ein, worauf von der ganzen Summe fünf und ein halber Rubel übrig bleiben. Aber auch hier sind sich die Mitglieder des Komitees noch nicht einig über die Verwendung und Verteilung dieser Summe, und ein jeder schiebt irgend eine arme Tante oder Base vor. Übrigens war das Kollegium, das sich heute versammelt hatte, ganz anderer Art: ein dringendes Bedürfnis hatte die Anwesenden zusammengeführt. Und es handelte sich auch nicht um irgend welche Arme oder Abseitsstehende, sondern die zur Verhandlung stehende Sache ging jeden Beamten persönlich an; es handelte sich hier um eine Gefahr, die allen in gleicher Weise drohte, und daher war es auch kein Wunder, wenn sich alle Beteiligten unter solchen Verhältnissen einmütiger und enger zusammenschlossen. Aber dennoch und trotzalledem nahm die Sitzung einen ganz tollen Ausgang. Abgesehen von den Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten, wie sie ja bei all solchen Versammlungen vorzukommen pflegen, kam in den Anschauungen und Äußerungen der Versammlungsteilnehmer auch noch eine merkwürdige Unentschlossenheit zum Ausdruck: der eine behauptete, Tschitschikow stelle falsche Staatspapiere her, fügte jedoch gleich darauf hinzu: „vielleicht ist es aber auch nicht so,“ ein anderer erklärte, er sei ein Beamter aus dem Büro des Generalgouverneurs, verbesserte sich aber sofort wieder und meinte „übrigens: der Teufel mag wissen, wer er ist, vom Gesicht kann man es einem Menschen doch nicht ablesen.“ Gegen den Verdacht aber, daß er ein verkleideter Dieb oder Räuber sei, lehnten sich alle in gleicher Weise auf, man war der Ansicht, daß er doch ein vertraueneinflößendes und gesinnungstüchtiges Äußeres besitze, aber auch in seinen Worten läge nichts, was auf einen Menschen schließen ließe, der einer solch gewalttätigen Handlungsweise verdächtig sei. Plötzlich rief der Postmeister, der eine Zeitlang, in tiefes Sinnen versunken, dagestanden hatte — sei es nun, daß ihm eine momentane Erleuchtung gekommen war, sei es aus einem andern Grunde — ganz unerwartet aus: „Wissen Sie, meine Herren, wer er ist?“ Er hatte diese Worte mit einer Stimme herausgeschrieen, die geradezu etwas Erschütterndes an sich hatte, so daß sich allen Anwesenden wie aus einem Munde der Ruf entrang: „Nun wer?“ „Das ist niemand anderes, meine Herren, das Verehrtester, ist kein anderer, als der Hauptmann Kopeikin!“[5] Und als ihn darauf alle zugleich fragten: „Wer ist denn dieser Kopeikin?“ antwortete der Postmeister erstaunt: „Wie? Sie wissen nicht, wer der Hauptmann Kopeikin ist?“

Alle erwiderten, sie hätten noch nie etwas von diesem Hauptmann Kopeikin gehört.

„Der Hauptmann Kopeikin,“ versetzte der Postmeister, indem er seine Tabakdose nur ganz wenig öffnete, weil er sich fürchtete, es könnte am Ende noch einer von den ihm Zunächststehenden mit den Fingern hineinlangen, von deren Sauberkeit er nicht recht überzeugt war; pflegte er doch zuweilen sogar zu sagen: „Weiß schon, weiß schon, mein Bester, wo Sie Ihre Finger reingesteckt haben mögen! Tabak — das ist ein Objekt, das mit peinlichster Sorgfalt und Sauberkeit behandelt sein will.“ — „Der Hauptmann Kopeikin,“ wiederholte er, nachdem er eine Prise genommen hatte: „ja — übrigens, wenn ich Ihnen von ihm erzählen wollte — das gäbe eine höchst interessante Geschichte; selbst für einen Schriftsteller: sozusagen ein ganzes Poema.“

Alle Anwesenden äußerten den Wunsch, diese Geschichte oder dieses für einen Schriftsteller so interessante „Poema“, wie sich der Postmeister ausgedrückt hatte, kennen zu lernen, und er begann folgendermaßen:

„Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.

Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,“ hub der Postmeister an, trotzdem nicht ein einzelner Herr, sondern ganze sechs im Zimmer saßen, „nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. Ein Bruder Leichtfuß und launenhaft wie der Teufel, hatte er alles durchgemacht, was es auf der Welt gibt, war auf der Hauptwache gewesen und hatte manche Stunde Arrest abgesessen. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab’s noch keine von den bekannten Einrichtungen für die Verwundeten: dieser Invalidenfond, das können Sie sich wohl denken, der wurde sozusagen erst viel später gegründet. Der Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur einen Arm, nämlich den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: ‚Ich kann dich nicht auch noch ernähren; ich,‘ denken Sie sich nur, ‚ich verdiene mir selbst mit knapper Not meinen Unterhalt.‘ Da beschloß denn mein Hauptmann Kopeikin, sehen Sie wohl, Verehrtester, da beschloß er nach Petersburg zu reisen und sich an die Behörden zu wenden, ob sie ihm nicht eine kleine Unterstützung zukommen lassen könnten, er habe doch gewissermaßen, sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem Gepäckwagen oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, genug, er gelangte mit Mühe und Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich nun dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Plötzlich ist es um ihn herum licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des Lebens, so eine Art märchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. Also denken Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine Erbsenstraße oder, hol’s der Teufel, irgend so eine Liteinaja, da ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort hängen ein paar Brücken, wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit einem Wort die reinste Semiramis. Tatsächlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien, Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen und noch ein paar Silbergroschen ... Nun also, Sie wissen ja, ein Landgut läßt sich dafür nicht kaufen, d. h. es ließe sich vielleicht kaufen, wenn man noch vierzig Tausend dazulegte; aber die vierzig Tausend muß man sich erst beim König von Frankreich leihen. Genug, er mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt Reval ein, für einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei Gängen, eine Kohlsuppe und ein Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, daß sein Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, wohin er sich wenden soll. ‚Wohin könntest du dich wenden,‘ sagt man ihm. ‚Die Beamten der Regierung sind nicht mehr in der Stadt. Sehen Sie wohl, das ist alles in Paris. Die Armee ist noch nicht zurück. Aber es gibt hier eine sogenannte provisorische Kommission. Versuchen Sie’s,‘ sagt man ihm, ‚vielleicht können Sie dort was ausrichten.‘ — ‚Nun gut, dann gehe ich zur Kommission,‘ spricht Kopeikin. ‚Ich werd’ es ihnen schon klar machen. So und so steht die Sache. Ich habe, sozusagen, mein Blut vergossen und gewissermaßen mein Leben geopfert.‘ So stand er denn also eines Morgens etwas früher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wäre er zum Barbier gegangen, so hätte das in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. Stellen Sie sich bloß vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende wohnt. Da sagt man ihm, jenes Haus dort am Kai, das gehört ihm. Eine richtige Bauernhütte, verstehen Sie! Fensterscheiben, meterlange Spiegel, Marmor, Lack, denken Sie sich nur, Verehrtester! Mit einem Wort, die Sinne schwinden einem. So ’ne Türklinke aus Metall, der feinste Komfort, sodaß man zuerst in den Laden laufen, sich für einen Groschen Seife kaufen und sich dann, sozusagen, stundenlang die Hände reiben muß, ehe man es wagt, sie anzufassen. Vorn am Eingang, verstehen Sie, da steht ein Portier mit einem großen Säbel, mit so ’ner Grafenphysiognomie, und Batistkragen, rein wie ein wohlgepflegter Mops ... Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfuß ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoßen. Sehen Sie wohl, natürlich mußte er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der Vorsitzende, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also vier Stunden lang; da kommt endlich der diensthabende Beamte und sagt: ‚Gleich kommt der Präsident!‘ Und schon füllt sich das Zimmer mit allerhand Epauletten und Achselbändern. Mit einem Worte die Menschen drängen sich wie Bohnen in der Schüssel. Endlich, Verehrtester, tritt auch der Präsident herein. Na, Sie können sich natürlich vorstellen: der Präsident in eigener Person sozusagen. Und, natürlich, seinem Rang und Titel entsprechend so eine Physiognomie, so ein Ausdruck, verstehen Sie. Aus allem spricht die „Condewite“ des Großstädters. Erst geht er zu einem dann zum andern: ‚Warum sind Sie hier?‘ ‚Und Sie?‘ ‚Was wünschen Sie?‘ ‚In welcher Angelegenheit kommen Sie?‘ Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an die Reihe: ‚So und so,‘ sagt er, ‚ich habe mein Blut vergossen, ein Bein und einen Arm verloren, sozusagen. Ich kann nicht mehr arbeiten und erlaube mir die Anfrage, ob ich nicht eine kleine Unterstützung, irgend so ’ne Anweisung, beziehungsweise auf eine kleine Gratifikation oder Pension, verstehen Sie wohl, bekommen kann.‘ Der Vorsitzende sieht der Mann hat einen Stelzfuß und der rechte Ärmel baumelt leer herunter. ‚Gut!‘ sagt er, ‚fragen Sie nach ein paar Tagen mal wieder an!‘ Mein Kopeikin ist ganz selig. ‚Na,‘ denkt er, ‚die Sache macht sich.‘ Er ist in einer Laune, können Sie sich vorstellen; hüpft geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkiku um einen Schnaps zu nehmen, aß in der Stadt London zu Mittag, ließ sich eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu ’ne Poularde und allerhand Filets, nebst einer Flasche Wein — mit einem Wort, es war eine feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er plötzlich eine Engländerin kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so’n Schwan. Mein Kopeikin, dessen Blut in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, trach auf seinem Stelzfuß nach; ‚ach nein!‘ denkt er, ‚hol die Kurmacherei einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin schon gar zu sehr aus Rand und Band geraten.‘ Dabei hatte er an diesem einen Tage, bitte ich zu bemerken, fast die Hälfte seines Geldes durchgebracht. Nach drei vier Tagen, sehen Sie wohl, da kommt er wieder in die Kommission zum Präsidenten: ‚Ich bin gekommen,‘ sagt er, ‚um mir Bescheid zu holen, so und so, infolge der überstandenen Krankheiten und meiner Verwundungen .... Ich habe sozusagen mein Blut vergossen usw., verstehen Sie wohl.‘ Alles in der amtlichen Sprache, natürlich! ‚Ja, ja,‘ sagt der Präsident, ‚zunächst aber muß ich Ihnen mitteilen, daß ich in Ihrer Sache ohne die Zustimmung der Regierung nichts zu tun vermag. Sie sehen selber, was das für eine Zeit ist. Die kriegerischen Operationen sind gewissermaßen, sozusagen, noch nicht beendigt. Warten Sie die Ankunft des Herrn Ministers ab und gedulden Sie sich bis dahin noch ein wenig. Sie können überzeugt sein, man wird Sie nicht vergessen. Sollten Sie indessen nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies. Das ist alles was ich geben kann ...‘ Na, Sie verstehen, er gab ihm natürlich nicht viel, aber bei bescheidenen Ansprüchen hätte man bis zum Entscheidungstermin damit auskommen können. Aber mein Kopeikin hatte keine Lust dazu. Er dachte er würde gleich morgen ein paar Tausender erhalten: ‚Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amüsier dich!‘; statt dessen aber muß er warten und weiß nicht einmal, bis zu welchem Termin. Und dabei spuken ihm, sehen Sie wohl, all diese Engländerinnen und Soupers und Kotelettes im Kopfe herum. Da kommt er nun wie so’n Uhu, oder Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom Präsidenten heraus — hat den Schwanz eingezogen und läßt die Ohren hängen. Das Leben in Petersburg hatte ihn schon ein wenig mitgenommen, von diesem und jenem hatte er auch schon gekostet. Und nun heißt es: sieh zu, wie du weiterkommt, von all diesen Schleckereien nicht die Spur, sehen Sie wohl. Und dabei war er noch ein junger frischer Mensch mit gutem Appetit, einem wahren Wolfshunger sozusagen. Wie oft kam er nicht an irgend so einem Restaurant vorüber: und nun stellen Sie sich vor: der Koch ist ein Ausländer, so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem offenen Gesicht, trägt immer nur die feinste holländische Wäsche, und eine Schürze, so weiß wie Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen hätte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Läden vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein geräucherter Lachs, oder ein Körbchen mit Kirschen — zu fünf Rubel das Stück, oder so ’ne Riesin von Wassermelone, so’n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem Narren, der einen überflüssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen auf Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, für ihn aber heißt’s: warte gefälligst. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: ‚Komm morgen wieder.‘ ‚Ach was,‘ denkt er, ‚mögen Sie dort machen, was sie wollen, ich gehe hin, setze die ganze Kommission und all die Vorsitzenden in Bewegung und erkläre: nein, bitte schön, das geht nicht so weiter!‘ Und in der Tat, frech und aufdringlich, wie er ist, — je weniger einer im Oberstübchen los hat, desto mehr Mut hat er — kommt er also in die Kommission: ‚Nun was wünschen Sie?‘ fragt man ihn, ‚was wollen Sie noch weiter, Sie haben doch schon Bescheid erhalten.‘ — ‚Ich bitt’ Sie,‘ sagt er, ‚ich kann doch nicht so von der Hand in den Mund leben. Ich muß doch meine Kottelette und eine Flasche französischen Rotwein zum Mittagessen haben und mich ein wenig zerstreuen, einmal ins Theater gehen, verstehen Sie,‘ sagte er — ‚Nein, da müssen Sie uns schon entschuldigen,‘ sagte da der Vorsitzende .. ‚Was das anbelangt, so müssen Sie sich schon gewissermaßen gedulden. Sie haben doch etwas bekommen, um sich über Wasser zu halten, bis die Order von oben eingelaufen ist, und Sie können überzeugt sein, daß Sie nach Gebühr entschädigt werden sollen: denn es ist bisher ohne Beispiel, daß bei uns in Rußland ein Mann, der seinem Vaterland gewissermaßen, sozusagen, einen Dienst geleistet hat, daß der unversorgt geblieben wäre. Aber, wenn Sie sich freilich jetzt an Koteletts delektieren und ins Theater gehen wollen, nein, wissen Sie, dann müssen Sie schon entschuldigen. Dazu verschaffen Sie sich nur gefälligst selbst die Mittel. Da müssen Sie sich schon selbst helfen.‘ Aber denken Sie bloß, mein Kopeikin verzieht keine Miene. Die Worte prallen von ihm ab wie Erbsen von einer Wand. Er erhob ein großes Geschrei und brachte die ganze Gesellschaft in Aufruhr. Er ließ ein wahres Hagelwetter über all diese Regierungsbeamten und Sekretäre los ... ‚Ja dann seid ihr ja dies und jenes,‘ sagte er, ‚ja, dann kennt ihr ja eure Pflicht und Schuldigkeit nicht, ihr Gesetzesverdreher!‘ Mit einem Wort, er wischte ihnen allen kräftig eins aus. Zufällig kam ihm auch noch irgend so’n General aus einem andern Ressort unter die Finger. Und auch der bekam seinen Teil, verstehen Sie wohl. Kurz, er brachte sie alle durcheinander. Was soll man nur mit so einem rasenden Kerl anfangen? Der Präsident sieht, es gibt keinen andern Ausweg, man muß gewissermaßen, sozusagen, zu strengeren Maßregeln seine Zuflucht nehmen. ‚Schön,‘ sagte er, ‚wenn Sie nicht damit zufrieden sind was man Ihnen gibt, und hier in der Hauptstadt nicht ruhig auf die Entscheidung Ihrer Sache warten wollen, so lasse ich Sie sozusagen in Ihre Heimat abschieben. Der Feldjäger soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!‘ Der Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon hinter der Tür: so’n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst für den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den Wagen befördert und ab geht’s in Begleitung des Feldjägers. ‚Na,‘ denkt Kopeikin, ‚da spar’ ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den Herren dankbar.‘ So fährt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjäger, und während er so an der Seite des Feldjägers sitzt, spricht er gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber: ‚Schön,‘ sagt er, ‚du erklärst mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schön,‘ sagt er, ‚ich will mir die Mittel schon verschaffen!‘ Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und wohin er eigentlich gebracht wurde, darüber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie wohl, war kein anderer als ...“

„Aber erlaube mal, Iwan Andrejewitsch,“ unterbrach ihn plötzlich der Polizeimeister, „du sagtest doch selber, dem Hauptmann Kopeikin habe ein Bein und ein Arm gefehlt; und Tschitschikow hat doch ...“

Da schrie der Postmeister laut auf, schlug sich mit aller Kraft vor die Stirne und nannte sich vor versammeltem Publikum ein Rindvieh. Er konnte garnicht verstehen, wie dieser Umstand ihm nicht gleich zu Anfang dieser Erzählung eingefallen war, und erklärte, das russische Sprichwort: „der Verstand des Russen ist von hinten am stärksten!“ sei vollkommen wahr. Aber gleich darauf fing er an, Winkelzüge zu machen und versuchte sogar sich aus der Affäre zu ziehen, indem er behauptete, die Engländer hätten, wie man aus den Zeitungen ersehen könne, die Mechanik sehr vervollkommnet, und einer hätte sogar hölzerne Füße mit einem solchen Mechanismus erfunden, daß man nur auf eine Spirale zu drücken brauche, damit diese Füße einen in unbekannte Gegenden forttrügen, sodaß man den Menschen überhaupt nicht mehr auffinden könne.

Aber trotzdem zweifelten alle, daß Tschitschikow der Hauptmann Kopeikin sei, und fanden, daß der Postmeister schon gar zu weit über das Ziel hinausgeschossen habe. Übrigens wollten sie sich ihrerseits auch nicht lumpen lassen und verirrten sich, angeregt durch die geistvolle Hypothese des Postmeisters, womöglich noch weiter. Unter den vielen in ihrer Art geistreichen Vermutungen war besonders eine bemerkenswert: so seltsam es klingt, es wurde die Ansicht laut, daß Tschitschikow vielleicht Napoleon sein könne, der sich verkleidet in ihrer Stadt aufhielte; die Engländer seien schon längst eifersüchtig auf Rußland, auf seine Macht und seine Größe, und es wären schon mehrmals Karikaturen erschienen, auf denen ein Russe im Gespräch mit einem Engländer abgebildet war: der Engländer steht da und hält einen Hund an der Leine, dieser Hund aber soll Napoleon vorstellen: ‚Paß auf,‘ sagt der Engländer, ‚wenn mir etwas nicht behagt, dann hetze ich diesen Hund auf dich.‘ Wer weiß, vielleicht hatten sie jetzt diesen Hund von St. Helena losgelassen, und er schweifte nun unter der Maske Tschitschikows in Rußland umher, während er doch in Wahrheit garnicht Tschitschikow sei.

Natürlich schenkten die Beamten dieser Hypothese keinen Glauben, aber sie wurden doch nachdenklich und, wenn jeder von ihnen sich im stillen die Sache überlegte, konnte er sich’s nicht verhehlen, daß Tschitschikows Profil eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem Napoleons hatte. Der Polizeimeister, welcher den Feldzug von 1812 mitgemacht hatte, hatte Napoleon persönlich gesehen und mußte gleichfalls zugeben, daß er sicherlich nicht größer als Tschitschikow und auch von Statur weder allzu dick, aber andererseits auch wiederum nicht allzu dünn gewesen sei. Vielleicht wird mancher Leser dies alles für sehr unwahrscheinlich halten, — nun auch der Autor ist bereit ihm zuliebe zuzugestehen, daß die Geschichte sehr unwahrscheinlich ist; aber wie zum Tort mußte sich alles geradeso abspielen, wie wir es hier erzählen, was um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits vom Wege, sondern in nächster Nähe von beiden Hauptstädten lag. Übrigens darf man nicht vergessen, daß all diese Ereignisse bald nach der glorreichen Vertreibung der Franzosen stattfanden. Um diese Zeit waren alle unsere Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen und alle gebildeten und ungebildeten Leute wenigstens für die ersten acht Jahre eingefleischte Politiker geworden. Die „Moskauer Nachrichten“ und der „Sohn des Vaterlandes“ wurden so zerlesen, daß sie an den letzten Leser nur noch als ein Häuflein Papierfetzen gelangten, der zu nichts mehr zu gebrauchen war. Statt Fragen, wie die folgenden: Wie teuer haben Sie den Scheffel Hafer verkauft, Väterchen? — Was denken Sie vom gestrigen Schneefall? — hörte man nur noch Fragen: Nun, was steht in der Zeitung? — Ist Napoleon nicht wieder entwischt? — Besonders die Kaufleute fürchteten sich sehr davor, denn sie glaubten fest an die Prophezeiung eines Wahrsagers, welcher schon seit drei Jahren im Kerker saß. Dieser neue Prophet war plötzlich — kein Mensch wußte woher — in Bastschuhen und in Felle gehüllt, die schrecklich nach faulen Fischen rochen, in der Stadt aufgetaucht und hatte verkündigt, Napoleon sei der Antichrist, der jetzt hinter sechs Mauern und sieben Meeren an einer steinernen Kette schmachte, aber bald werde er seine Ketten sprengen und sich die ganze Welt unterwerfen. Dieser Prophet war wegen seiner Prophezeiungen ins Gefängnis geworfen worden, und das von Rechts wegen. Trotzdem aber hatte er seine Mission erfüllt und die Kaufleute vollkommen um ihr bißchen Verstand gebracht. Und lange noch, selbst während des flottesten Geschäftsganges kamen die Kaufleute im Wirtshaus zusammen, um sich hier beim Tee über den Antichrist zu unterhalten. Viele von den Kaufleuten und den vornehmen Adeligen dachten auch, selbst ohne es zu wollen, über die Sache nach und glaubten unter dem Einflusse der mystischen Stimmung, welche bekanntlich damals alle Geister beherrschte, in jedem Buchstaben, der in dem Wort Napoleon vorkam, einen besonderen, bedeutungsvollen Sinn zu entdecken; viele wollten in ihm sogar die Zahlen aus der Apokalypse wiedererkannt haben. Daher war es durchaus nicht so wunderbar, wenn auch die Beamten in diesem Punkte stutzig wurden. Allein bald kamen sie wieder zur Besinnung und merkten, daß ihre Phantasie schon allzu üppig wucherte, und daß die Sache doch ganz anders liege. Sie dachten hin und dachten her, überlegten her und überlegten hin, und kamen schließlich zur Überzeugung, daß es vielleicht nicht übel wäre Nosdrjow einmal gründlich auszuhorchen. Da er es ja gewesen war, der die Geschichte mit den toten Seelen zuerst in die Welt gebracht hatte und, wie man sagte, in so nahen Beziehungen zu Tschitschikow stand, mußte er doch etwas über dessen Lebensverhältnisse wissen; und so beschloß man denn, erst einmal zu hören was Nosdrjow sagen werde.

Höchst seltsame Leute, diese Herren Beamten, und mit ihnen die Vertreter aller anderen Berufe: sie wußten doch ganz genau, daß Nosdrjow ein Lügner sei, daß man ihm kein Wort glauben könne, selbst da nicht, wo es sich um eine Bagatelle handelte und doch nahmen sie zu ihm ihre Zuflucht. Da mag einer den Menschen verstehen! Er glaubt nicht an Gott, aber glaubt dafür, daß er unbedingt sterben müsse, wenn ihm seine Nase juckt; er geht gleichgültig an einer Schöpfung des Dichters vorbei, welche so deutlich für sich zeugt, wie das Licht der Sonne, ganz durchdrungen ist von innerer Harmonie und schlichter weiser Einfalt, um sich gierig auf das Erzeugnis eines kecken Kopfes zu stürzen, der ihm irgend ein wirres, krauses Zeug vorschwatzt und die Natur verrenkt und vergewaltigt. Und das gefällt ihm. Da tut er den Mund weit auf und schreit mit lauter Stimme: „Seht ihr! das ist reine Herzenskündigung!“ Sein ganzes Leben lang pfeift er auf die Ärzte, um am Ende zu einem alten Weibe zu laufen, welches die Leute mit Sympathiemitteln und Spucke kuriert, oder er braut sich gar selbst ein Dekokt aus irgend einem Zeug, weil ihm plötzlich die tolle Idee kommt, es könne ihm etwas gegen seine Krankheit nützen. Man hätte natürlich die Herren Beamten mit ihrer schwierigen Lage entschuldigen können. Man sagt ja, daß ein Ertrinkender nach einem Strohhalm greife, und daß er nicht soviel Überlegung habe, um sich zu sagen, auf einem Strohhalm könne höchstens eine Fliege einen Spazierritt wagen, nicht aber er, der vier oder gar fünf Zentner wiegt; aber wie gesagt, in der Gefahr stellt er diese Überlegung überhaupt nicht an und greift nach dem Strohhalm. So nahmen denn auch unsere Herren schließlich ihre Zuflucht zu Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb ihm sofort einen Brief, in dem er ihn einlud, bei ihm zu Abend zu speisen, und ein Polizeikommissar in hohen Wasserstiefeln und mit freundlichen roten Backen machte sich spornstreichs auf den Weg, nahm seinen Säbel in die Hand und lief im Galopp zu Nosdrjow, um ihm das Schreiben zu überbringen. Nosdrjow war gerade mit einem sehr wichtigen Gegenstande beschäftigt; schon den vierten Tag verließ er das Haus nicht, empfing keinen Menschen und ließ sich sogar das Mittagessen durch das Fenster reichen — mit einem Wort, er war ganz abgemagert und sah beinah grün im Gesicht aus. Die Sache selbst erforderte die größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt: sie bestand in der Auswahl und Zusammenstellung eines Kartenspieles von gleicher Zeichnung aus einem ganzen Schock. Dabei mußte die Zeichnung aber so scharf sein, daß man sich auf sie verlassen konnte, wie auf seinen besten Freund. Eine solche Arbeit erfordert mindestens zwei Wochen. Während dieser ganzen Zeit mußte Porphyr dem kleinen Bullenbeißer den Nabel mit einer besonderen Bürste reinigen und ihn dreimal am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war sehr ärgerlich, daß er in seiner Einsamkeit gestört wurde; zuerst schickte er den Polizeikommissar zum Teufel, als er jedoch von dem Polizeimeister erfuhr, daß sich heute abend ein kleines Geschäftchen machen ließe, da irgend ein Neuling zum Souper erwartet werde, war er sofort milder gestimmt; er schloß also sein Zimmer schnell ab, kleidete sich in aller Eile an und begab sich zum Polizeimeister. Nosdrjows Aussagen, Zeugnisse und Vermutungen standen in so scharfem Gegensatz zu denen der Herren Beamten, daß selbst ihre kühnsten Hypothesen über den Haufen geworfen wurden. Dies war tatsächlich ein Mensch, für den es überhaupt kein Schwanken und kein Zweifeln gab; und so schüchtern und vorsichtig ihre Vermutungen waren, so fest und sicher waren die seinen. Er antwortete sogleich, ohne auch nur einen Moment zu stocken auf alle Fragen. Er erklärte, Tschitschikow habe für einige tausend Rubel tote Seelen gekauft, und er, Nosdrjow selbst, habe ihm welche verkauft, weil er den Grund einsehe, warum man das nicht tun solle. Auf die Frage, ob jener nicht ein Spitzel sei, der gekommen wäre, um herumzuschnüffeln, antwortete Nosdrjow: natürlich sei er ein Spitzel; schon in der Schule, die sie zusammen besucht hätten, sei er allgemein eine Petze gescholten worden, sämtliche Kameraden, und unter ihnen auch er, hätten ihn dafür einmal so kräftig durchgebläut, daß man ihm nachher allein an den Schläfen zweihundertvierzig Blutegel setzen mußte — er hatte ursprünglich nur vierzig sagen wollen, aber die zweihundert waren ihm wie von selbst entschlüpft. — Auf die Frage, ob er nicht falsches Papiergeld mache, antwortete Nosdrjow: natürlich mache er welches. Bei dieser Gelegenheit erzählte er eine Geschichte von Tschitschikows unglaublicher Geschicklichkeit und Gewandtheit: es sei nämlich herausgekommen, daß er in seinem Hause für zwei Millionen falsches Papiergeld versteckt habe. Da habe man denn das Haus gerichtlich gesperrt, einen Posten vor den Eingang und zwei Soldaten vor jede Tür gestellt; Tschitschikow aber hätte die Banknoten in einer Nacht alle miteinander vertauscht, sodaß man am anderen Tage, als die Siegel gelöst wurden, lauter echte Scheine vorfand. Auf die Frage: ob Tschitschikow tatsächlich die Absicht habe, die Tochter des Gouverneurs zu entführen, und ob es denn wahr sei, daß er, Nosdrjow, ihm seine Hilfe und Beistand dazu angeboten habe, antwortete dieser: gewiß habe er ihm geholfen, und wenn er nicht dabei gewesen wäre, so wäre die ganze Sache mißglückt. Hier stockte er ein wenig; er sah nämlich, daß er ohne allen Grund gelogen habe und dadurch leicht in Unannehmlichkeiten geraten konnte, aber er hatte eben die Zunge nicht im Zaum halten können. Und dies war auch keine Kleinigkeit, denn es drängten sich seiner Phantasie gleich so interessante Einzelheiten auf, daß es tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit war, ganz auf sie zu verzichten: so nannte er denn sogar das Dorf, wo sich die Kreiskirche befand, in der die Trauung stattfinden sollte; dies sei nämlich das Dorf Truchmatschowka, der Pope heiße Pater Sidor, die Trauung sollte fünfundsiebzig Rubel kosten, trotzdem aber hätte der Priester seine Einwilligung nie gegeben, wenn ihm Tschitschikow nicht gedroht hätte, er werde es bekannt machen, daß jener den Kaufmann Michael mit einer Verwandten getraut habe; er, Nosdrjow, habe ihnen sogar seinen Wagen zur Verfügung gestellt und auf allen Stationen für Pferde gesorgt. Er verlor sich bereits soweit in Details, daß er sogar die Postillone bei ihrem Namen nannte. Hier wagte es jemand, Napoleon zu erwähnen, aber er wurde dessen selbst nicht froh, denn Nosdrjow schwatzte einen solchen Unsinn zusammen, der nicht nur gar keine Ähnlichkeit mit der Wahrheit hatte, sondern in jeder Beziehung unmöglich war, sodaß die Beamten schließlich aufstanden und seufzend weggingen; nur der Polizeimeister hörte ihm noch lange aufmerksam zu, weil er immer noch erwartete, daß sich was aus ihm herausholen ließe, aber schließlich machte auch er eine hoffnungslose Gebärde und sagte nur: „Pfui Teufel!“ Und alle Anwesenden waren mit ihm einverstanden, jede weitere Bemühung gliche wahrhaftig bloß dem Versuch, den Bock zu melken. So war denn die Lage unserer Beamten noch schlimmer als vorher, und man kam zum Schluß, daß es ganz unmöglich sei, herauszukriegen, wer nun Tschitschikow eigentlich sei. Und hier kam es wieder so recht ans Licht, was für ein Wesen der Mensch ist: er ist nur da klug, vernünftig und weise, wo es sich um Sachen handelt, die andere Leute, nicht aber ihn selbst was angehen. Mit was für umsichtigen und wohlüberlegten Ratschlägen versorgt er euch nicht in den schwersten Lebenslagen! „Welch ein gescheiter Kopf!“ ruft die Menge: „welch ein unbeugsamer Charakter!“ Aber laßt nur einmal irgend ein Unglück über diesen „gescheiten Kopf“ hereinbrechen, laßt ihn selbst einmal in schwere Lebenslagen kommen — wo ist da plötzlich sein Charakter geblieben! dieser unbeugsame Mann steht völlig fassungslos da, er hat sich in einen erbärmlichen Feigling, in ein schwaches, jammerndes Kind oder einfach in einen Waschlappen verwandelt, wie Nosdrjow sich auszudrücken liebte.

All dies Gerede, diese Gerüchte und Hypothesen machten aus irgend einem Grunde den größten Eindruck auf den armen Staatsanwalt. Dieser Eindruck war so stark, daß er nach Hause ging, zu grübeln begann und so ins Grübeln hineinkam, daß er sich eines schönen Tags ganz plötzlich, und ohne daß man hätte sagen können, warum, hinlegte und starb. Hatte ihn ein Schlag gerührt, oder war es etwas anders, genug, er fiel mit einem Mal vom Stuhl herab und streckte sich lang auf den Fußboden aus. Wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt, schrieen alle laut auf vor Schrecken; schlugen die Hände zusammen, riefen: „Ach Gott, ach Gott!“ ließen den Arzt holen, um ihn zur Ader zu lassen, und überzeugten sich schließlich, daß der Staatsanwalt nur noch ein seelenloser Leichnam war. Jetzt erst erfuhr man zum allgemeinen Bedauern, daß der Verstorbene tatsächlich eine Seele gehabt hatte, trotzdem er sich in seiner Bescheidenheit nichts davon hatte merken lassen. Und doch war die Erscheinung des Todes hier genau so schrecklich, wo sie sich nur an einem der kleinen Menschen offenbarte, wie wenn sie sich an einem großen manifestiert hätte: er, der noch vor kurzem unter den Lebenden gewandelt war, sich bewegt, Whist gespielt, alle möglichen Papiere unterschrieben und so oft mit seinen buschigen Augenbrauen und den blinzelnden Augen unter den Beamten geweilt hatte, er lag jetzt auf dem Tische, das linke Auge blinzelte nicht mehr, und bloß die eine Augenbraue war noch ein wenig emporgezogen, was dem Gesichte einen seltsamen fragenden Ausdruck verlieh. Was das wohl für eine Frage war, die auf seinen Lippen schwebte? ob er wissen wollte, wozu er gelebt hatte, oder wozu er gestorben sei — das weiß Gott allein.

„Aber das ist doch unmöglich, das ist ganz undenkbar! das kann doch garnicht sein, daß die Beamten sich gegenseitig so in Furcht und Schrecken jagten, eine solche Verwirrung anrichteten und sich so von der Wahrheit entfernen konnten, wo doch jedes Kind einsehen mußte, um was es sich hier handelte!“ So wird mancher Leser sprechen und dem Autor vorwerfen, er bringe unwahrscheinliche und unmögliche Dinge vor, oder man wird die armen Beamten für Narren erklären, weil der Mensch ja bekanntlich sehr freigiebig mit dem Worte „Narr“ und zwanzigmal am Tage dazu bereit ist, seinen Mitmenschen, diesen Kosenamen an den Kopf zu werfen. Es genügt schon, daß man eine törichte Eigenschaft unter zehn vernünftigen habe, um trotz alledem für einen Narren erklärt zu werden. Der Leser hat es leicht, zu urteilen, wo er ruhig in seinem stillen Winkel sitzt und von seinem hohen Standort, von dem aus sich ihm der ganze weite Horizont auftut, auf das Treiben da unten herabzusehen, wo der Mensch nur gerade die Gegenstände erkennen kann, die sich unmittelbar vor seiner Nase befinden. Und es gibt in der Chronik der Weltgeschichte so manches Jahrhundert, das er einfach streichen und für überflüssig erklären möchte. Wie reich an Irrtümern ist doch die Welt, an Irrtümern die heute vielleicht ein Kind zu vermeiden wüßte. Was für seltsame Schlangenwindungen, was für enge, verwachsene, unzugängliche, abseitsführende Wege wählte die Menschheit in ihrem Streben nach der ewigen Wahrheit, während der gerade Weg offen vor ihren Augen lag, wie der Weg, der in das prunkende Heiligtum des königlichen Palastes führt. Breiter und herrlicher ist er als alle Wege, im strahlenden Sonnenglanze liegt er da und nachts erhellen ihn leuchtende Flammen; und doch irrten die Menschen an ihm vorbei in düsterer Finsternis, oft schon stieg die Vernunft vom Himmel herab und wies sie zurecht. Aber auch jetzt noch schreckten sie zurück, kamen sie immer aufs neue vom rechten Wege ab, verstanden sie es am hellichten Tage, sich in verborgene wüste Gegenden zu verlaufen, immer wieder den andern undurchdringliche Nebel vor die Augen zu weben, und trügenden Irrlichtern nachjagend, bis zu Abgründen vorzudringen, um sich dann mit Entsetzen zu fragen: wo ist ein Steg, wo gibt es einen Ausweg? Wohl ist dies alles unserem in der Klarheit wandelnden Geschlechte bekannt. Es wundert sich über die Verirrungen, es lacht über die Torheiten seiner Vorfahren, aber es sieht nicht, daß diese Chronik mit der Flammenschrift des Himmels geschrieben ist, daß jeder Buchstabe die Wahrheit laut verkündet, daß auf allen Seiten der mahnenden Finger auf es selbst weist, auf unser heute lebendes Geschlecht; aber es lacht das Geschlecht von heute, und stolz und seiner selbst bewußt beginnt es eine neue Reihe von Verirrungen, über welche die Nachkommen ebenso stolz lächeln werden.

Tschitschikow hatte nichts von alledem erfahren; wie mit Absicht hatte er sich gerade um diese Zeit eine leichte Erkältung, Reißen im Gesicht und eine kleine Halsentzündung zugezogen, eine von jenen Krankheiten, mit denen das Klima vieler unserer Provinzstädte die Einwohner besonders freigebig bedenkt. Damit nur sein Leben um Gottes Willen kein jähes Ende nähme, ehe er noch Zeit gehabt, für seine Nachkommenschaft zu sorgen, beschloß er lieber drei, vier Tage zu Hause zu bleiben. Während dieser Zeit gurgelte er beständig mit Milch, in der eine Feige schwamm, welche er jedesmal mit Genuß verzehrte, auch trug er ein kleines Säckchen mit Kamillen und Kampfer auf der Wange. Um sich ein wenig zu zerstreuen, legte er sich ein ausführliches Verzeichnis über die von ihm gekauften Bauern an, las dann noch irgend ein Buch von der Herzogin Savallière, das er in seinem Koffer fand, sah noch einmal alle Zettelchen und Sächelchen durch, die sich in seiner Schatulle befanden, und überflog manches noch einmal, bis ihm auch dies alles langweilig wurde. Er konnte durchaus nicht verstehen, was es zu bedeuten habe, daß kein einziger von den Beamten der Stadt zu ihm kam, um sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen, während doch noch vor wenigen Tagen fast immer ein Wagen vor seiner Tür gehalten hatte — bald der des Staatsanwalts, bald der des Postmeisters, bald der des Präsidenten. Er zuckte fortwährend mit den Achseln, während er im Zimmer auf- und abging. Endlich fühlte er sich etwas besser, und er war ganz glücklich, als er wieder soweit hergestellt war, daß er an die frische Luft gehen konnte. Er machte sich ohne Verzug an die Toilette, öffnete die Schatulle, goß etwas warmes Wasser in ein Glas, nahm Seife und Bürste heraus und ging daran, sich zu rasieren, wozu es übrigens schon längst Zeit war, denn als er sein Kinn mit der Hand befühlte und in den Spiegel blickte, rief er aus: „Das ist ja der reinste Wald!“ Und in der Tat: wenn’s auch gerade kein Wald war, so ließ sich’s doch nicht leugnen, daß auf Kinn und Wangen die Saat üppig sproßte. Nachdem er sich rasiert hatte, kleidete er sich ganz schnell an, ja er sprang beinahe aus seinen Hosen heraus. Endlich war er angezogen; er besprengte sich noch mit Kölnischem Wasser, hüllte sich recht warm in seinen Mantel und trat auf die Straße hinaus, nachdem er sich vorsichtiger Weise vorher noch ein Tuch um die Wange gebunden hatte. Sein erster Ausgang hatte, wie der jedes wiedergenesenen Menschen — etwas wahrhaft Festliches. Alles, was er erblickte, schien ihm freundlich zuzulächeln, die Häuser und die Bauern auf der Straße, die eigentlich eine sehr ernste Miene zur Schau trugen und von denen schon mancher seinen Bruder übers Ohr gehauen hatte. Sein erster Besuch sollte dem Gouverneur gelten. Unterwegs kamen ihm allerhand Gedanken in den Sinn: bald dachte er an die junge Blondine, ja seine Phantasie schlug sogar ein wenig über die Schnur, und er begann über sich selbst zu lachen und sich über sich selbst lustig zu machen. In solcher Stimmung fand er sich plötzlich dem Hause des Gouverneurs gegenüber. Schon hatte er den Flur betreten und war eben im Begriff, eilig seinen Mantel abzulegen, als der Portier plötzlich auf ihn zuging und ihn durch folgende Worte überraschte: „Ich habe den Befehl erhalten, Sie nicht vorzulassen!“

„Wie? Was fällt dir ein? Du erkennst mich wohl nicht? Sieh mich doch ordentlich an!“ fiel Tschitschikow erstaunt ein.

„Gewiß habe ich Sie erkannt! Ich sehe Sie doch nicht zum ersten Mal,“ sagte der Portier. „Sie allein darf ich ja gerade nicht vorlassen; jeden andern, nur Sie nicht!“

„Ach was! Weswegen nur nicht, warum denn nicht?“

„So lautet der Befehl; es wird wohl seinen Grund haben,“ sagte der Portier und fügte noch ein „Ja“ hinzu, worauf er in nachlässiger Haltung vor ihm stehen blieb, ganz ohne jenes freundliche Lächeln, mit dem er ihm sonst so dienstbeflissen aus seinem Mantel herausgeholfen hatte. Wahrscheinlich dachte er sich: „He! wenn dich die Herrschaften von der Schwelle jagen, dann bist du sicherlich irgend ein Prolet!“

„Unbegreiflich!“ dachte Tschitschikow und begab sich sofort zum Gerichtspräsidenten; aber der Präsident wurde bei seinem Anblick so verlegen, daß er keine zwei Worte stammeln konnte und solch ein törichtes Zeug zusammenschwatzte, daß alle beide verlegen wurden. Tschitschikow entfernte sich und gab sich unterwegs alle mögliche Mühe, herauszubekommen, was der Präsident eigentlich gemeint, und was seine Worte für einen Sinn gehabt hätten, aber es wollte ihm durchaus nicht gelingen. Dann ging er zu den andern: zum Polizeimeister, zum Vize-Gouverneur, zum Postmeister, aber sie weigerten sich entweder, ihn zu empfangen, oder bereiteten ihm einen so seltsamen Empfang, führten so eigentümliche Reden, wurden so verlegen und benahmen sich so merkwürdig, daß er wirklich annehmen mußte, sie seien nicht ganz bei Verstande. Er machte noch einen Versuch und ging zu einigen Bekannten, um den Grund dieser Veränderung zu erfahren, aber auch hier wollte es ihm nicht glücken. Wie im Halbschlaf irrte er durch die Stadt, ohne entscheiden zu können, ob er selbst verrückt sei, oder die Beamten den Kopf verloren hätten, ob dies alles nur ein Traum, oder alberne törichte Wirklichkeit sei, die noch abgeschmackter war als ein Traum. Erst spät am Abend, als es schon dunkel zu werden begann, kehrte er in seinen Gasthof zurück, den er in so glänzender Stimmung verlassen hatte, und ließ sich vor Ärger und Langeweile Tee bringen. Nachdenklich und in Grübeln über die Seltsamkeit seiner Lage versunken, schenkte er sich eine Tasse Tee ein, als sich plötzlich die Zimmertür auftat und Nosdrjow, den er am allerwenigsten erwartet hatte, hineintrat.

„Für einen Freund ist kein Weg zu weit! wie das Sprichwort sagt,“ rief dieser und nahm seinen Hut ab: „ich komme eben vorüber und sehe Licht in deinem Fenster. ‚Wahrscheinlich schläft er noch nicht, denke ich mir, ich muß doch mal rauf gehen und nachsehen.‘ Ah! das ist aber schön, daß du Tee hast, ich trinke mit Vergnügen ein Täßchen mit: ich hab’ heute allerhand Zeug gegessen und fühle schon, daß mein Magen zu rebellieren beginnt! Laß mir doch bitte eine Pfeife stopfen. Wo ist denn deine Pfeife?“

„Ich rauche doch keine Pfeife,“ sagte Tschitschikow trocken.

„Unsinn, als ob ich nicht weiß, daß du ein enragierter Raucher bist. He! Wie heißt doch gleich dein Diener? He Bachrameus, hör mal!“

„Er heißt nicht Bachrameus, er heißt Petruschka.“

„Wie? Du hattest doch früher einen Bachrameus?“

„Ist mir nicht eingefallen!“ sagte Tschitschikow. „Richtig, es ist ja wahr. Das ist ja Derebin, der hat einen Bachrameus. Denk mal, was der Derebin für ein Schwein hat: seine Tante hat sich mit ihrem Sohn gezankt, weil der eine Leibeigne geheiratet hat, und nun hat sie dem Derebin ihr ganzes Vermögen zugeschrieben. Das wär doch fein, wenn unser einer so eine Tante hätte, weißt du, das wären schöne Aussichten, was? Sag mal, Freund, was ist denn das mit dir, warum ziehst du dich plötzlich so von uns allen zurück, man sieht dich ja überhaupt nicht mehr. Ich weiß, du beschäftigst dich mit wissenschaftlichen Gegenständen, du liest sehr viel (woraus Nosdrjow schloß, daß unser Held sich mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigt und sehr viel liest, das können wir, wie wir zu unserem Bedauern gestehen müssen, leider nicht verraten, noch weniger aber hätte es Tschitschikow können). Hör mal Tschitschikow! Wenn du bloß gesehen hättest ... das wär’ was für deinen satirischen Geist gewesen. (Warum Tschitschikow einen satirischen Geist haben sollte — ist leider auch ganz unbekannt.) Denk mal, lieber Freund, beim Kaufmann Liebatschew da haben wir neulich Karten gespielt, nein, und haben wir da aber gelacht! Pererependjew, der mit mir dort war, sagte immer, ‚wenn doch Tschitschikow bloß hier wäre, das wäre was für ihn!‘ (Tschitschikow hatte Pererependjew überhaupt nie gesehen.) Nein, gesteh’s nur, Bester, damals hast du wirklich gemein an mir gehandelt, weißt du noch, als wir Dame spielten? Ich hatte ja gewonnen ... Aber, du hast mich einfach beschwindelt! Aber, hol’s der Teufel, ich kann halt nicht lange böse sein. Neulich beim Präsidenten ... Ach ja, ich muß dir noch sagen: in der Stadt sind alle gegen dich aufgebracht! Sie glauben, daß du falsches Papiergeld machst .. Plötzlich fallen alle über mich her — na, ich stelle mich natürlich wie ein Berg vor dich hin — ich habe ihnen was vorerzählt: daß wir zusammen in die Schule gegangen sind, und daß ich deinen Vater gekannt habe; mit einem Wort, ich habe ihnen tüchtig was vorgeschwindelt!“

„Ich soll falsches Papiergeld machen?“ rief Tschitschikow aus und sprang vom Stuhl auf.

„Warum hast du sie denn auch so in Schrecken gejagt?“ fuhr Nosdrjow fort, „sie sind ja halb toll vor Angst: sie halten dich für einen Spitzel und Räuber. — Der Staatsanwalt ist ja vor lauter Schreck gestorben .. morgen ist die Beerdigung. Du kommst doch bestimmt? Offen gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen Generalgouverneur, und haben Angst, es könnte deinetwegen noch eine Geschichte geben; was den Generalgouverneur anbetrifft, so bin ich freilich der Ansicht, daß er mit dem Adel nichts ausrichten wird, wenn er allzu hochnäsig ist und gar zu dicke tut. Der Adel will mit Liebe behandelt sein: nicht wahr? Man kann sich natürlich in seinem Zimmer verstecken und nie einen Ball geben, aber was nützt das? Damit ist noch nichts gewonnen. Aber hör mal, Tschitschikow, du hast da eine gefährliche Sache unternommen?“

„Was für eine gefährliche Sache?“ fragte Tschitschikow unruhig.

„Na, das mit der Entführung der Gouverneurstochter. Offen gesagt, ich habe das von dir erwartet, bei Gott, ich hab es erwartet! Gleich als ich euch zum ersten Mal zusammen auf dem Ball sah: ‚Na! denke ich mir, der Tschitschikow ist nicht umsonst hier ...‘ Übrigens hast du keine gute Wahl getroffen; ich finde gar nichts Gutes an ihr. Es gibt da eine andre, eine Verwandte von Bikussow, eine Tochter seiner Schwester, das ist ein Prachtmädel! Da kann man sagen: Einfach entzückend!“

„Was redest du da für ein Blech zusammen? Wer will denn die Tochter des Gouverneurs entführen. Was fällt dir ein?“ sagte Tschitschikow und starrte ihn verständnislos an.

„Mach doch keine Sachen, lieber Freund: so ein Geheimniskrämer! Ich will ganz offen sein, ich bin eigentlich nur deswegen zu dir gekommen, um dir meine Hilfe anzubieten. Ich will meinetwegen den Brautkranz halten und dir meinen Wagen und meine Pferde zur Verfügung stellen, nur unter einer Bedingung: du mußt mir dreitausend Rubel leihen. Ich hab sie unbedingt nötig, ich bin in einer verzweifelten Lage.“

Während dieser törichten Reden Nosdrjows rieb sich Tschitschikow mehrmals die Augen, um sich zu überzeugen, ob er nicht etwa träume. Das falsche Papiergeld, die Entführung der Tochter des Gouverneurs, der Tod des Staatsanwalts, dessen Ursache er sein sollte, die Ankunft des Generalgouverneurs, dies alles jagte ihm keinen geringen Schreck ein. „Oh weh, wenn die Sache so steht,“ dachte er, „dann darf ich nicht länger säumen, dann muß ich mich schleunigst davonmachen.“

Er suchte sich Nosdrjow möglichst schnell vom Halse zu schaffen, ließ sofort Seliphan rufen und befahl ihm, sich bei Sonnenaufgang bereit zu halten, weil er am nächsten Morgen um 6 Uhr die Stadt verlassen wolle. Daher trug er ihm noch einmal auf, nach allem zu sehen, den Wagen ordentlich zu schmieren usw. usw. Seliphan sagte nur: Zu Befehl, Pawel Iwanowitsch, blieb aber trotzdem eine Weile an der Türe stehen, ohne sich vom Fleck zu rühren. Der Herr befahl Petruschka, sofort den Koffer unter dem Bett hervorzuholen, der schon mit einer dicken Staubschicht bedeckt war, und begann zusammen mit seinem Burschen all seine Sachen einzupacken; dabei machte er nicht viel Umstände und warf alles, was ihm unter die Hände kam, in einen Korb hinein: Strümpfe, Hemden, die reine und die schmutzige Wäsche, Stiefelbürsten, einen Kalender usw. Dies alles wurde in aller Eile eingepackt, denn er wollte unbedingt noch am selben Abend damit fertig sein, um am anderen Morgen nicht unnütz Zeit zu verlieren. Seliphan stand noch ein paar Minuten an der Türe und verließ dann leise das Zimmer. Ganz bedächtig und so langsam, wie man sich’s nur vorstellen kann, stieg er die Treppe hinunter, indem er den Abdruck seiner feuchten Stiefel auf den abgetretenen Stufen zurückließ. Und lange noch stand er da und kratzte sich den Hinterkopf. Was bedeutet diese Gebärde? und was hat sie überhaupt zu bedeuten? War es der Ärger, daß die für morgen verabredete Zusammenkunft mit irgend einem Kollegen in einem ebenso ärmlichen Pelze und einem ähnlichen Gürtel um die Taille in irgend einer kaiserlichen Schenke sich zerschlagen hatte; oder hatte sich an dem neuen Ort schon eine Herzensaffäre angesponnen, und nun sollte es aus sein mit dem Stehen unter dem Toreingange und mit dem höflichen Händedrücken abends in der Dämmerung, wenn die Burschen im roten Hemde vor den Mägden auf der Balalaika[6] klimperten und die bunte Volksmenge nach des Tages Last und Mühe leise Reden wechselt — oder war es nur der Schmerz, das warme Plätzchen in der Küche am Ofen unter dem Pelze, die Genossen, die Kohlsuppe und die weiche Pastete, wie man sie nur in der Stadt bekommt, verlassen zu müssen, um sich aufs neue in den Regen und Schnee hinauszubegeben und die Strapazen und Unbill der Reise auf sich zu nehmen? Das mag Gott wissen — errate wer’s will. Gar vielerlei hat es zu bedeuten, wenn sich das russische Volk hinter den Ohren kratzt.

Elftes Kapitel.

Es kam jedoch ganz anders als Tschitschikow vermutet hatte. Erstlich wachte er viel später auf, als er beabsichtigte — dies war die erste Unannehmlichkeit — dann stand er auf und schickte sofort jemand hinunter, um zu erfahren, ob der Wagen in Ordnung, die Pferde angespannt und alles zur Abreise bereit sei, mußte aber zu seinem Leidwesen erfahren, daß die Pferde nicht angespannt und noch gar keine Anstalten zur Abreise getroffen seien — und dies war die zweite Unannehmlichkeit. Das brachte ihn geradezu in Wut, er nahm sich sogar schon vor, unserem Freunde Seliphan einen ordentlichen Nasenstüber zu versetzen, und wartete mit Ungeduld, was der wohl für eine Ausrede zu seiner Entschuldigung vorbringen würde. Bald erschien Seliphan auch in der Tür, worauf sein Herr das Vergnügen hatte, dieselben Reden über sich ergehen zu lassen, die man stets von den Bedienten zu hören bekommt, wenn man verreisen will und große Eile hat.

„Man muß doch aber die Pferde zuerst beschlagen lassen, Pawel Iwanowitsch!“

„Ach du Hundsfott! Du Klotz du! Warum hast du mir das denn nicht früher gesagt? Du hast doch wohl Zeit genug dazu gehabt?“

„Hm, ja, Zeit hätt’ ich freilich dazu gehabt ... Aber dann ist da noch was mit dem Rade los, Pawel Iwanowitsch ... Man wird einen neuen Reifen aufsetzen müssen, der Weg hat so viele Gruben und Löcher, und ist so holperig ... Ja, und dann habe ich noch etwas vergessen: der Kutschbock ist entzwei, der ist so wackelig, daß er keine zwei Stationen mehr halten kann.“

„Schurke!“ schrie Tschitschikow, schlug die Hände zusammen und ging auf Seliphan los, daß dieser Angst bekam, sein Herr könne ihm ein recht unangenehmes Geschenk machen, auswich und ein paar Schritte zurücktrat.

„Willst du mich umbringen? Willst du mich töten? Was? Du willst mich wohl am Wege ermorden, wie ein Räuber und Strauchdieb? Du Schwein du, du Meerungeheuer! Drei Wochen lang rühren wir uns nicht vom Fleck! Und wenn er nur ein einziges Wort gesagt hätte, der nichtsnutzige Kerl! Statt dessen verschiebt er alles bis auf die letzte Stunde! Jetzt wo schon alles so weit ist, daß man einsteigen und fortfahren möchte, gerade da muß er einem solch einen Streich spielen! Was ...? Du hast es doch gewußt? Hast du es etwa nicht gewußt? Wie? Antworte! Nun?“

„Freilich!“ antwortete Seliphan und ließ den Kopf hängen.

„Nun warum hast du dann nichts gesagt? Wie?“ Auf diese Frage erfolgte keine Antwort. Seliphan stand noch immer mit gesenktem Kopfe da, und schien zu sich selbst zu sprechen: „Siehst du wohl, wie das gekommen ist: ich hab’s doch gewußt, und trotzdem nicht gesagt!“

„So, lauf jetzt zum Schmied und laß ihn kommen. In zwei Stunden muß alles fertig sein, verstanden? Spätestens in zwei Stunden! Wenn’s dann nicht fertig ist, dann — dann nehm ich dich und binde dich zu einem Knoten zusammen!“ Unser Held war ganz außer sich vor Wut.

Seliphan wollte schon hinausgehen, um den Befehl seines Herrn auszuführen; aber er besann sich noch einen Augenblick, blieb stehen und sagte: „Wissen Sie, gnädiger Herr, den Schecken, den sollte man eigentlich verkaufen, wirklich Pawel Iwanowitsch, das ist so ein Schurke ... bei Gott, solch ein gemeiner Gaul, der hindert einen ja nur!“

„So? ich soll wohl gleich auf den Markt laufen und ihn verschachern. Was?“

„Bei Gott, Pawel Iwanowitsch. Der sieht nur so kräftig aus; in Wirklichkeit ist er höchst verschlagen und unzuverlässig, so ein Pferd gibt’s gar nicht wieder ...“

„Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich ihn schon selbst. Hält der Kerl hier noch lange Reden! Paß mal auf; wenn du mir nicht gleich ein paar Schmiede holst, und wenn mir nicht in zwei Stunden alles fix und fertig ist, dann kriegst du einen Nasenstüber, daß du nicht weißt, wo dir der Kopf steht! Mach, daß du raus kommt! Marsch!“ Seliphan verließ das Zimmer.

Tschitschikow war in der schlechtesten Laune, die man sich denken kann, und warf seinen Säbel, den er auf Reisen immer bei sich trug, um die Leute in Furcht und Respekt zu halten, wütend auf den Boden. Mehr als eine Viertelstunde zankte er sich mit den Schmieden herum, ehe er mit ihnen einig wurde, denn diese waren, wie das zu geschehen pflegt, ganz abgefeimte Gauner und forderten das Sechsfache, als sie merkten, daß Tschitschikow es sehr eilig hatte. So sehr er sich auch ereiferte, sie Diebe, Räuber und Wegelagerer nannte, es wollte alles nichts fruchten; er versuchte es sogar, sie mit dem jüngsten Gericht zu schrecken; aber auch das machte keinen Eindruck auf die Schmiedegesellen, sie blieben fest, und ließen nicht nur nichts vom geforderten Preise ab, sondern brauchten noch dazu statt zwei Stunden ganze fünfeinhalb, um den Wagen in Ordnung zu bringen. Während dieser Zeit konnte Tschitschikow in vollen Zügen jene schönen Minuten genießen, die jeder Reisende so gut kennt, wenn die Koffer gepackt sind und nur noch einige Stücke Bindfaden, ein paar Papierfetzen und anderer Plunder im Zimmer herumliegen, wenn der Mensch noch nicht im Wagen sitzt, aber auch nicht ruhig zu Hause bleiben kann, und schließlich ans Fenster tritt, um sich die Leute anzusehen, die unten auf der Straße vorüber gehen oder eilen, über ihre Groschen sprechen, ihre blöden Blicke neugierig auf ihn richten und ruhig ihrer Wege gehen, was den armen Reisenden, der durchaus nicht fort kann, noch mehr verstimmt. Alles was er sieht: der vor ihm liegende Kaufladen, der Kopf der alten Frau, die im gegenüberliegenden Hause wohnt, und von Zeit zu Zeit immer wieder an das mit kurzen Gardinen verhängte Fenster tritt, — alles widert ihm an, und doch kann er sich nicht entschließen, vom Fenster wegzugehen. Er rührt sich nicht vom Fleck, seine Gedanken verlieren sich ins Uferlose, er vergißt sich und seine ganze Umgebung, um gleich darauf wieder zu den vertrauten Gegenständen zurückzukehren. Stumpfen Sinnes betrachtet er alles, was um ihn herum lebt und webt, und zerdrückt schließlich ärgerlich eine Fliege, die summend gegen die Fensterscheibe fliegt und ihm dabei gerade unter die Finger kommt. Aber alles in der Welt hat ein Ende, und der ersehnte Augenblick bricht an: endlich war alles in Ordnung: der Kutschbock war repariert, wie es sich gehörte, das Rad hatte einen neuen Reifen, die Pferde hatten zu trinken bekommen, und die Schmiede entfernten sich, nachdem sie ihr Geld noch einmal nachgezählt und Tschitschikow eine glückliche Reise gewünscht hatten. Endlich waren auch die Pferde vor den Wagen gespannt; dann wurden noch schnell zwei warme Bretzel, die man soeben gekauft hatte, in die Kutsche gepackt, auch Seliphan steckte sich noch etwas in die Tasche, die am Kutschbock angebracht war, und unser Held verließ den Gasthof, um seinen Wagen zu besteigen, begleitet vom Kellner, der wie immer seinen baumwollenen Rock anhatte, und grüßend seinen Hut schwenkte, sowie von ein paar Kutschern und Lakaien, die teils zum Gasthof gehörten, teils herbeigelaufen waren, um zu sehen, wie der fremde Herr abfährt; nebst allem sonstigen Zubehör, wie es bei einer Abreise nie fehlen darf; Tschitschikow setzte sich in die Equipage, und die bekannte Junggesellenkutsche, die so lange unbenutzt im Stall gestanden hatte und den Leser vielleicht schon zu langweilen beginnt, rollte zum Tore hinaus. „Gott sei Dank!“ dachte Tschitschikow und schlug ein Kreuz. Seliphan knallte mit der Peitsche, Petruschka, der erst eine Weile auf dem Trittbrett gestanden hatte, nahm neben ihm Platz, unser Held setzte sich recht bequem auf dem grusischen Teppich zurecht, legte sich ein Lederkissen in den Rücken, wobei er die beiden warmen Bretzel kräftig zusammendrückte, und der Wagen setzte sich aufs neue, hopsend und springend in Bewegung, dank dem Pflaster, welches ja bekanntlich eine beträchtliche Schwungkraft besaß. Mit einem seltsamen unklaren Gefühl blickte Tschitschikow auf die Häuser, die Mauern, die Zäune und Straßen, die gleichfalls auf und ab zu hüpfen schienen und langsam an seinen Augen vorüberzogen. Weiß Gott, ob es ihm beschieden sein würde, sie in seinem Leben noch einmal wiederzusehen. Bei einer Straßenkreuzung mußte der Wagen Halt machen, er wurde nämlich durch einen Leichenzug aufgehalten, der sich die ganze Straße entlang dahin bewegte. Tschitschikow steckte den Kopf aus dem Wagen, und sagte Petruschka, er solle einmal fragen, wer da beerdigt werde. Es stellte sich heraus, daß es der Staatsanwalt war. Äußerst unangenehm berührt, lehnte Tschitschikow sich schnell in eine Ecke zurück, ließ den Wagen aufklappen und zog die Vorhänge zu. Während die Equipage still stand, nahmen Seliphan und Petruschka fromm ihre Mützen ab und sahen sich den Zug aufmerksam an, wobei sie sich besonders für die Wagen und ihre Insassen zu interessieren und genau nachzuzählen schienen, wie viele von den Leidtragenden fuhren, und wie viele zu Fuß gingen; auch ihr Herr, der ihnen befohlen hatte, sich nicht zu erkennen zu geben und keinen von den bekannten Lakaien zu grüßen, sah sich den Zug durch ein kleines Fenster im ledernen Verdeck an. Alle Beamten folgten entblößten Hauptes dem Sarge. Tschitschikow fürchtete sich einen Augenblick, sie könnten seine Equipage erkennen; aber sie achteten gar nicht auf sie. Sie unterhielten sich nicht einmal über jene praktischen Fragen, welche gewöhnlich gestreift werden, wenn man an einer Beerdigung teilnimmt. All ihre Gedanken konzentrierten sich auf sich selber; sie dachten darüber nach, was der neue Generalgouverneur wohl für ein Mann sei, wie er die Geschäfte verwalten, und wie er sich zu ihnen stellen werde. Auf die Beamten, welche zu Fuß gingen, folgte eine Reihe von Wagen, aus denen Damen mit schwarzen Hauben und Schleiern hervorblickten. Nach den Bewegungen ihrer Hände und Lippen mußte man schließen, daß sie in einer lebhaften Unterhaltung begriffen waren: vielleicht sprachen auch sie über die Ankunft des neuen Generalgouverneurs, äußerten ihre Vermutungen über die Bälle die er geben würde und sorgten schon jetzt für ihre neuen Rüschen und Aufsätze. Zuletzt kamen noch einige leere Droschken hinter den Equipagen hergefahren, eine hinter der andern, und dann kam lange nichts mehr, die Bahn war frei, und unser Held konnte weiterfahren. Er ließ das Lederverdeck herunter, seufzte aus tiefster Seele, und sagte: „Das war der Staatsanwalt! Er lebte und lebte, und nun ist er tot! Jetzt werden sie in den Zeitungen schreiben, er sei gestorben zum großen Schmerz all seiner Untergebenen und der ganzen Menschheit, er der stets ein geachteter Bürger, ein seltener Vater, das Muster von einem Gatten gewesen sei; was werden sie nicht noch alles schreiben: vielleicht fügen sie auch noch hinzu, daß die Tränen der Witwen und Waisen ihn bis ans Grab begleiteten; sieht man sich aber die Sache aus der Nähe an, und geht man ihr ordentlich auf den Grund, dann war an dir eigentlich nichts merkwürdig, außer deinen buschigen Augenbrauen.“ Und er rief Seliphan zu, er solle sich beeilen und sprach zu sich selber: „Eigentlich ist es doch ganz gut, daß wir einem Leichenzuge begegnet sind, man sagt, es bedeute Glück, wenn ein Leichenwagen vorüberfährt.“

Unterdessen fuhr der Wagen schon durch die öden und leeren Straßen der Vorstadt, und bald sah man zu beiden Seiten nichts mehr, als lange Bretterzäune, welche das Ende der Stadt ankündigten. Nun hörte auch schon das Straßenpflaster auf, da war der Schlagbaum, die Stadt lag hinter den Reisenden — man befand sich auf der öden einsamen Landstraße. Und wieder jagte der Wagen den Postweg entlang mit seinen altbekannten Bildern zu beiden Seiten: seinen Meilensteinen, Stationsbeamten, Brunnen, Fuhren, Lastwagen, den grauen Dörfern mit ihren Teemaschinen, den Bauernfrauen und dem forschen bärtigen Hausherrn, der mit einem Hafersack aus der Herberge gelaufen kommt, dem Wanderer, in zerrissenen Bastschuhen, welcher vielleicht schon siebenhundert Werst zurückgelegt hat, den munteren Städtchen mit ihren hölzernen Läden, Mehlfässern, Bastschuhen, Bretzeln und dem übrigen Plunder, den scheckigen Schlagbäumen, den ewig in Reparatur befindlichen Brücken, den unübersehbaren Feldern hüben und drüben, den Erntewagen, dem reitenden Soldaten, der einen grünen Kasten voll Artilleriefutter mit der Inschrift: An die so und so vielste Artilleriebrigade! mit sich führt, den grünen, gelben oder frisch aufgeworfenen schwarzen Streifen Ackerlandes, die hie und da in der Steppe auftauchen, dem aus der Ferne herüberklingenden melancholischen Gesang, den Kiefernwipfeln in zartem Nebeldunst, dem verhallenden Glockengeläute, den Scharen wilder Raben, die vorüberziehen gleich Fliegenschwärmen und dem endlosen grenzenlosen Horizont ... Oh, Rußland! mein Rußland! ich sehe dich, sehe dich aus meiner herrlichen wundersamen Ferne. Arm, weit verstreut und unfreundlich sind deine Gaue, kein frohes Wunder der Natur, gekrönt von frechen Wunderwerken kühner Kunst — erheitern oder schrecken hier den Blick, keine Städte mit vielfenstrigen hohen Palästen in wilde Felsen eingebaut, keine malerischen Bäume und Efeuranken, in Häuser eingewachsen, umbraust vom Staube ewiger Wasserfälle; nicht braucht das Haupt sich zurückzuneigen, um mit dem Blick den grenzenlos zur Höhe emporgetürmten Gebirgsblöcken folgen zu können; nicht blitzen hinter langgestreckten, dunklen Säulengängen, um die sich Rebenzweige, Efeu und Millionen wilder Rosen schlingen: nicht blitzen hinter ihnen auf die ewigen Linien ferner leuchtender Berge, die sich in silberklaren Himmeln verlieren. Frei, wüst und offen liegst du da; wie kleine Pünktchen oder Zeichen, so ragen aus der Ebene deine niedrigen Städte auf: nichts lockt, verführt, bezaubert unseren Blick. Und dennoch, welch unbegreifliche, geheimnisvolle Kraft zieht mich zu dir? Warum klingt unaufhörlich dein melancholisches, nie verstummendes, die ganze unermeßliche Weite durcheilendes, von Meer zu Meere dringendes Lied uns im Ohr? Welch ein geheimer Zauber liegt in diesem Liede? Was ruft und lockt, was schluchzt darin und greift so seltsam uns ans Herz? Was sind das für Töne, die unsere Seele so zärtlich umschmeicheln und küssen, zum Herzen dringen und es süß umspinnen? O, Rußland! sag, was willst du nur von mir? Welch unbegreiflich Band ist zwischen uns geknüpft? Was blickst du mich so an, und warum hält alles, alles was dich erfüllt, seine Augen so erwartungsvoll auf mich gerichtet? ... Noch immer steh’ ich zweifelnd und unbeweglich da, schon hat die finstere regenschwangere Wolke mein Haupt beschattet, und schon verstummt der Gedanke von deiner grenzenlosen Ausdehnung. Was verheißt diese unermeßliche Freiheit und Weite? Oder sollte hier, in deinem Schoße, auch der unendliche Gedanke geboren werden, wo du doch selber kein Ende hast? Nicht hier der Held erstehn? wo frei der Raum sich weitet, auf daß er sich entfalte und ausbreite und frei dahinschreite? Und furchtbar umfängt mich der majestätische Raum, der tief mein Inneres erschüttert mit all seinen Schrecken; von einer übernatürlichen Macht ward mein Auge erleuchtet ... O, welch eine schimmernde, wunderbare unbekannte Ferne! Mein Rußland! ...

„Halt, halt, du Esel!“ rief Tschitschikow Seliphan zu.

„Ich hau dir gleich eins mit meinem Pallasch runter!“ schrie ihn ein vorübersprengender Feldjäger an, der einen Schnurrbart von der Länge eines Meters hatte. „Siehst du denn nicht, daß das ein staatlicher Wagen ist? hol dich der Teufel!“ Und wie eine Vision verschwand unter Donner und Staubwolken das Dreigespann.

Welch eine seltsame, wunderbare Lockung liegt doch in dem Worte: Landstraße! Und wie herrlich ist sie selbst, diese Landstraße! Ein heller Tag, Herbstblätter, die Luft ist kalt ... Hüll dich tiefer in deinen Regenmantel! Die Mütze über die Ohren, und schmieg dich enger und gemütlicher in deine Wagenecke! Ein letztes Mal noch läuft uns ein Schauer durch unsere Glieder, und schon durchströmt uns behagliche Wärme. Die Rosse jagen dahin ... Wie lockend naht der Schlummer. Die Augenlider senken sich. Und wie im Halbschlaf erklingt noch einmal das Lied: „Nicht weißer Schnee ...“, das Schnauben der Pferde und das Rasseln der Räder und schon schnarchst du laut, indem du deinen Nachbar tief in die Wagenecke drückst. Doch nun erwachst du: fünf Stationen liegen hinter dir; der Mond steht hoch am Himmel; du fährst durch eine unbekannte Stadt, vorbei an Kirchen mit altertümlichen Holzkuppeln und dunkelen Turmspitzen, an finsteren hölzernen und weißen steinernen Häusern vorüber: hie und da ein breiter Streifen schimmernden Mondlichts, gleich als ob weiße Leinentücher über Wände und Straßen gebreitet wären, kohlschwarze Schatten legen sich schräg darüber, wie flimmerndes Metall glänzen die helleuchtenden Holzdächer: und keine Seele rings umher: alles schläft. Nur ein einsamer Lichtschein fällt hier oder dort aus einem kleinen Fenster: ist es ein Bürgersmann, der seine Stiefel stopft, oder ein Bäcker, der sich beim Ofen zu schaffen macht? — was kümmert’s dich, o, welche Nacht! Himmlische Mächte! welch eine Nacht webt droben in der Höhe! O Luft, o Himmel, weiter hoher Himmel in deiner unerreichbaren Tiefe, der du dich so unfaßbar klar und helltönend über uns breitest! ... Kühl weht dir in die Augen der kalte Atem der Nacht und lullt dich ein in süßen Schlaf; nun schlummerst du, vergißt dich ganz und schnarchst — doch zornig bewegt und schüttelt sich dein armer, in die Ecke gezwängter Nachbar unter deiner allzu schweren Bürde. Von neuem erwachst du, und wieder liegen vor dir Felder und Steppen; leer ist’s um dich herum, frei dehnt die Ebene sich in die Weite. Ein Meilenstein nach dem andern fliegt an dir vorüber; der Morgen steigt empor; am bleichen kalten Horizont erscheint ein matter Goldstreifen, kühler und kräftiger weht dir der Wind um die Ohren. Hüll dich tiefer in deinen Mantel! Welch herrliche Kälte! Wie wunderbar umfängt aufs neue dich der Schlummer! Ein Stoß und abermals erwachst du. Die Sonne steht schon im Zenith. „Vorsicht, Vorsicht!“ ruft’s neben dir, der Wagen jagt den steilen Berg hinab. Unten wartet eine Fähre: ein breiter, klarer Teich, der wie ein kupferner Kessel in der Sonne glänzt; ein Dorf, mit malerischen Hütten an den Hängen; wie ein Stern blitzt abseits das Kreuz der Dorfkirche; wie tiefes Summen tönt der Bauern munteres Geplauder, und unbezwinglicher Appetit regt sich im Magen ... Mein Gott, wie schön ist doch bisweilen solch weiter, weiter Reiseweg! Wie oft schon klammerte ich mich gleich einem Untergehenden und Ertrinkenden an dich, und jedes Mal noch zogst du mich empor und rettetest hochherzig mich Armen! Und wieviel herrliche Gedanken und Träume voll wundersamer Poesie wurden auf solche Weise geboren, wie viele beglückende Eindrücke erfüllen schon die Seele! ... Indessen auch Freund Tschitschikows Träume waren durchaus nicht so ganz prosaischer Art. Sehen wir einmal zu, was für Gefühle ihn beseelten! Anfangs empfand er überhaupt nichts und sah sich immer wieder um, weil er sich überzeugen wollte, ob die Stadt auch wirklich hinter ihm läge; aber als er sah, daß sie längst verschwunden war, und keine Schmiede, keine Mühle, noch sonst etwas von alledem, was um eine Stadt herum zu liegen pflegt, mehr zu entdecken war, und selbst die weißen Spitzen der steinernen Kirchen längst in die Erde gesunken waren, da richtete sich seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg; er blickte nach rechts und nach links, die Stadt N. war ganz vergessen, wie wenn er vor langer, langer Zeit, in seiner frühesten Kindheit dort gewesen wäre. Schließlich fing auch der Weg an, ihn zu langweilen, er machte die Augen ein wenig zu und lehnte den Kopf an das Kissen. Der Autor muß gestehen, daß er sich eigentlich darüber freut, da er doch so endlich einmal Gelegenheit findet, einige Worte über seinen Helden zu sagen, denn bisher wurde er ja immer — der Leser weiß es ja selbst — bald durch Nosdrjow, bald durch irgend einen Ball, bald durch die Damen oder den Stadtklatsch, oder durch tausend andere Kleinigkeiten daran gehindert, die immer erst dann als Kleinigkeiten erscheinen, wenn sie im Buche stehen, dagegen immer für höchst wichtige Angelegenheiten gehalten werden, solange sie noch in der Welt umherschwirren. Nun aber wollen wir alles beiseite legen und uns ganz der Sache selbst widmen.

Ich bin sehr im Zweifel, ob der Held meiner Dichtung dem Leser gefallen wird. Den Damen wird er ganz sicher nicht gefallen, das läßt sich schon im Voraus mit Bestimmtheit behaupten — denn die Damen wollen, daß ihr Held ein Muster jeglicher Vollkommenheit darstelle, und wenn ihm nur der kleinste leibliche oder seelische Makel anhaftet, dann ist es für immer vorbei. Der Autor mag ihm noch so tief in die Seele hineinleuchten, sein Bild reiner zurückstrahlen lassen, als ein Spiegel — der Mann hätte doch nicht den geringsten Wert in ihren Augen. Schon die Fülle und das Alter Tschitschikows müssen ihm sehr schaden: diese Fülle wird man unserem Helden nie verzeihen, und viele Damen werden sich verächtlich abwenden und sagen: „Pfui, wie häßlich er ist!“ Ach ja! Das alles ist dem Autor wohl bekannt, und dennoch — und trotz alledem kann er sich keinen tugendhaften Menschen zum Helden wählen ... Allein ... vielleicht wird man in dieser selben Erzählung noch nie angeschlagene Saiten vernehmen, wird der russische Geist in ihr in seinem unendlichen Reichtum vor uns erscheinen, ein Mann begabt mit göttlichen Vorzügen und Tugenden an uns vorüberschreiten, oder ein herrliches russisches Mädchen, wie man es auf der ganzen Welt nicht wieder findet, ausgestattet mit allen Schönheiten der weiblichen Seele voll hochherzigen Strebens und zu jedem höchsten Opfer bereit! Verblassen und dahinschwinden werden vor ihnen alle tugendhaften Männer und Frauen anderer Stämme, wie der tote Buchstabe vor dem lebendigen Wort! Zum Lichte drängen werden sich alle mächtigen Regungen der russischen Seele, .. und es wird an den Tag kommen, wie tief die slavische Natur ergreift und festhält, was nur die Oberfläche fremder Völker streifte ... Allein, warum soll ich davon reden, was noch vor uns liegt? Nicht ziemt sich’s für den Dichter, der längst des Mannes reifes Alter erreichte, und den die ernste Strenge inneren Lebens und die erfrischende Nüchternheit der Einsamkeit härteten und stählten, dem Knaben gleich sich zu vergessen. Jedes Ding hat seinen Platz und seine Zeit! Und doch, trotz alledem ward nicht der Tugendhafte zum Helden erwählt. Wir können es sogar sagen warum er nicht erwählt ward. Weil es endlich einmal Zeit ist dem armen Tugendbold etwas Ruhe zu gönnen; weil das Wort „tugendhafter Mensch“ fortwährend auf allen Lippen schwebt; weil man den tugendhaften Menschen zu einem Steckenpferd gemacht hat, und weil es keinen Schriftsteller mehr gibt, der nicht beständig auf ihm herumreitet und ihn fortgesetzt mit seiner Peitsche und Gott weiß womit sonst noch, vorwärts treibt; weil man den tugendhaften Menschen so zu Tode gehetzt hat, daß bald auch nicht der Schatten einer Tugend mehr an ihm sein wird, und nur noch ein paar Rippen und etwas Haut statt des Leibes von ihm übrig bleiben werden, weil man den tugendhaften Menschen einfach nicht mehr achtet. Nein, es ist endlich Zeit, auch mal den Schurken vor den Wagen zu spannen. Und so wollen wir ihn denn vor unseren Wagen spannen!

Bescheiden und dunkel ist die Herkunft unseres Helden. Seine Eltern waren Edelleute, ob freilich von altem oder nur von persönlichem Adel — das weiß der liebe Gott. Äußerlich zeigte er keine Ähnlichkeit mit ihnen: wenigstens hatte eine Verwandte, die bei seiner Geburt zugegen war, eine kleine kurze Dame, die man bei uns zu Lande einen Kiebitz zu nennen pflegt, das Kind auf die Arme genommen und ausgerufen: „Ach herrjeh! der ist aber ganz anders, wie ich ihn mir vorgestellt habe! Er sollte eigentlich der Großmama von mütterlicher Seite ähnlich sein, das wäre sicherlich das Beste gewesen, statt dessen gleicht er, wie das Sprichwort sagt: weder Vater noch Mutter sondern ’nem wandernden Junker.“ Das Leben sah ihn anfangs unfreundlich und mürrisch, wie durch ein trübes vom Schnee verwehtes Fenster an: er hatte weder einen Freund, noch Genossen seiner Kinderjahre! Ein kleines Stübchen, mit kleinen Fensterchen, die weder im Sommer noch im Winter geöffnet wurden; sein Vater war ein kranker Mann in einem langen mit Lammfell gefütterten Rock, und in gestrickten Pantoffeln, die er über die nackten Füße zog; beständig ging er im Zimmer auf und ab, seufzte und spuckte in den Sandnapf in der Ecke, ewig mußte der Knabe auf der Bank sitzen, die Feder in der Hand, Finger und Lippen mit Tinte beschmiert, die unvermeidliche Vorschrift vor Augen: „Du sollst nicht lügen, sollst die älteren Leute ehren und die Tugend im Herzen tragen!“ Das ewige Klappern und Schlürfen der Pantoffeln, die bekannte, ewig rauhe und strenge Stimme: „Machst du schon wieder Dummheiten?“ die sich immer dann vernehmen ließ, wenn das Kind, angewidert von der Einförmigkeit seiner Beschäftigung, irgend ein Häkchen oder Schnörkelchen an einem Buchstaben anbrachte; und dann das lang bekannte aber immer peinliche Gefühl, das den Worten folgte, wenn die Nägel der langen Finger sich von hinten heranbewegten und das Ohrläppchen so schmerzhaft zusammendrehten. Das ist das traurige Bild seiner ersten Kindheit, an die ihm nur eine schwache Erinnerung geblieben war. Aber im Leben ändert sich alles schnell und plötzlich: eines schönen Tages, als die ersten Strahlen der Frühlingssonne die Erde erwärmten, und die Bäche zu rauschen begannen, nahm der Vater seinen Sohn bei der Hand und bestieg mit ihm einen Bauernwagen, der von einem braungescheckten Pferdchen gezogen wurde, einem von jener Sorte, welche unsere Pferdehändler „Elstern“ zu nennen pflegen; der Wagen wurde von einem kleinen, buckligen Kutscher gelenkt, dem Stammvater der einzigen Leibeigenenfamilie, die Tschitschikows Vater gehörte. Fast anderthalb Tage lang dauerte die Fahrt, unterwegs übernachtete man einmal, setzte über einen Fluß, nährte sich von kalten Pasteten und gebratenem Hammelfleisch, und erreichte erst am dritten Tage gegen Morgen die Stadt. Diese machte einen tiefen Eindruck auf den Knaben durch den ungeahnten Glanz und die Pracht ihrer Straßen, daß er den Mund vor Erstaunen weit aufriß. Dann plumpste die „Elster“ mitsamt dem Wagen in eine Grube, welche den Anfang einer engen, abschüssigen und ganz mit Schmutz bedeckten Straße bildete; lange arbeitete sie dort aus aller Kraft, watete mit den Beinen im Kot herum, angespornt und ermuntert von dem buckligen Kutscher und dem Herrn selbst, bis sie die Kutsche schließlich aus dem Dreck herauszog und in einem kleinen Hof landete; dieser lag an einem kleinen Hügel; vor dem alten Häuschen standen zwei blühende Apfelbäume und hinter demselben befand sich ein kleines niedriges Gärtchen, das nur aus ein paar Ebereschen, Hollunderbüschen und einem ganz tief im Innern liegenden kleinen hölzernen Hüttchen bestand, welches mit Dachschindeln gedeckt war und ein einziges halberblindetes Fensterchen hatte. Hier wohnte eine Verwandte von Tschitschikow, ein altes vertrocknetes Mütterchen, die aber noch jeden Morgen auf den Markt ging und ihre Strümpfe an der Teemaschine trocknete. Sie klopfte den Jungen auf die Wange und freute sich darüber, daß er so dick und wohlgenährt aussah. Hier sollte er von nun ab bleiben und die städtische Schule besuchen. Der Vater blieb die Nacht über bei der Alten. Am andern Tage machte er sich wieder auf den Weg, um nach Hause zu fahren. Als er sich von seinem Sohne verabschiedete, vergoß er keine Träne: er gab ihm einen halben Rubel Kupfergeld für die kleinen Ausgaben und Naschwerk, und was bei weitem wichtiger war, noch ein paar weise Lehren dazu: „Merk dir’s Pawluscha, lerne was Ordentliches, treib keine Dummheiten und mach keine schlechten Streiche, vor allem aber: such stets deinen Vorgesetzten und Lehrern zu gefallen. Wenn du’s deinen Vorgesetzten recht machst, wird dir alles gelingen, selbst wenn du unbegabt bist und keine großen Fortschritte in den Wissenschaften machen solltest; und du wirst all deine Mitschüler überholen. Laß dich nicht zu viel mit den Kameraden ein; sie werden dir nicht viel Gutes beibringen; aber wenn es dennoch dazu kommt, dann wähle dir die zu Freunden, die wohlhabend und reich sind, denn sie können dir helfen und von Nutzen sein. Sei nicht zu freigiebig und gastfrei, sondern mache es immer so, daß die anderen dich einladen und freihalten; vor allem aber: sei sparsam und ehre den Pfennig: auf ihn kannst du dich eher verlassen, als auf alles in der Welt. Deine Freunde und Kameraden werden dich übers Ohr hauen, sie sind die ersten, die dich im Unglück verlassen, der Pfennig aber wird dich nie verlassen, weder in Not noch Gefahr! Mit dem Pfennig kannst du alles durchsetzen, wirst du alles erreichen, wonach dein Herz nur begehrt.“ Nach diesen weisen Lehren verabschiedete sich der Vater von seinem Sohne und trat die Rückreise mit seiner „Elster“ an. Der Sohn sollte ihn nie wiedersehen, allein, er bewahrte seine Worte und Lehren tief in der Seele.

Noch am folgenden Tage fing Pawluscha an, die Schule zu besuchen. Besondere Fähigkeiten für eine bestimmte Wissenschaft legte er nicht an den Tag; er zeichnete sich mehr durch Fleiß und Ordnungsliebe aus; dafür aber kam bei ihm bald eine andere Fähigkeit zum Durchbruch: ein großer praktischer Verstand. Er begriff sofort, worum es sich handelte und benahm sich im Verkehr mit den Kameraden ganz so, wie der Vater es ihn gelehrt hatte, d. h., er ließ sich stets einladen und freihalten, er selbst dagegen tat nie etwas derartiges, ja, er hob sich sogar mitunter die erhaltenen Gaben und Geschenke auf, um sie später bei Gelegenheit an den Geber selbst zu verkaufen. Schon als Kind hatte er es gelernt, sich alles zu versagen. Von dem halben Rubel, den er vom Vater erhalten hatte, nahm er keine Kopeke, sondern fügte noch im selben Jahre etwas zu dieser Summe hinzu, wobei er einen großen Unternehmungsgeist an den Tag legte: er knetete aus Wachs einen Dompfaffen, strich ihn hübsch an und verkaufte ihn sehr vorteilhaft. Dann versuchte er es eine Zeitlang mit andern Spekulationen und zwar mit folgenden: er kaufte auf dem Markte Eßwaren ein und setzte sich in der Schule neben die, welche am reichsten waren und das meiste Geld hatten; und wenn er bemerkte, daß einem Kameraden schlecht wurde — was ein Zeichen des eintretenden Hungergefühles war — ließ er ihn unter der Bank, wie im Versehen, die Ecke eines Pfefferkuchens oder eines Brötchens sehen. Hatte er ihn dann ganz wild gemacht, so nahm er ihm eine bestimmte Summe ab, die stets in einem gewissen Verhältnisse zur Größe seines Appetites stand. Zwei Monate lang machte er sich in seiner Wohnung ununterbrochen mit einer Maus zu schaffen, die er in einen kleinen hölzernen Käfig eingesperrt hielt; er brachte es endlich soweit, daß sich die Maus auf die Hinterbeine stellte, sich auf Befehl hinlegte und wieder aufrichtete, worauf er sie dann gleichfalls mit hohem Gewinn losschlug. Als er sich auf diese Weise ungefähr fünf Rubel zurückgelegt hatte, nähte er sie in ein Säckchen ein, und fuhr fort, neues Geld zu sparen. In seinem Verhalten zur Schulobrigkeit war er noch klüger. Niemand verstand es so gut, wie er, mäuschenstill auf der Bank zu sitzen. Hier müssen wir bemerken, daß der Lehrer ein großer Freund der Ruhe und eines guten Betragens war und die klugen und gescheiten Jungen nicht leiden konnte; es schien ihm immer, daß diese über ihn lachten. Es braucht nur einer, der im Verdacht stand, gescheit und witzig zu sein, sich ein wenig auf der Bank zu bewegen oder im Versehen mit der Wimper zu zucken, um den Zorn des Lehrers auf sich zu lenken. Er verfolgte und strafte ihn ganz unbarmherzig. „Ich will dir deinen Hochmut und deine Aufsässigkeit austreiben!“ rief er, „ich kenne dich durch und durch, so wie du dich selbst nicht kennst! Kniee einmal nieder! Du sollst schon erfahren, wie der Hunger schmeckt!“ Und der arme Knabe mußte sich die Kniee durchscheuern und tagelang hungern, ohne selbst zu wissen, warum. „Fähigkeit, Begabung, Talent — das ist alles Unsinn!“ pflegte der Lehrer zu sagen, „ich sehe vor allem aufs Betragen. Einem Schüler, der sich anständig benimmt, würde ich auch dann noch die besten Noten in allen Fächern geben, wenn er keinen Deut von allem versteht; wo ich dagegen jenen bösen Geist des Widerspruches und der Spottlust entdecke — da gibt’s eine 0 selbst wenn er einen Solon in die Tasche steckte!“ So pflegte der Lehrer zu sprechen; daher haßte er auch Krylow so ingrimmig, weil dieser in einer seiner Fabeln gesagt hatte: „Sauf meinethalben, doch verstehe deine Sache!“ Auch erzählte er immer mit großer Befriedigung, wobei sein Gesicht und seine Augen leuchteten, wie in der Schule, in der er früher unterrichtet hatte, eine solche Stille geherrscht habe, daß man eine Mücke durchs Zimmer fliegen hören konnte; daß keiner von den Schülern während des ganzen Jahres auch nur einmal zu husten und sich während der Stunde zu schneuzen wagte, und daß bis zum Glockenzeichen niemand hätte entscheiden können, ob jemand in der Klasse war oder nicht. Tschitschikow erfaßte sofort den Geist und die Absichten des Lehrers und was dieser unter einem guten Betragen verstand. Er bewegte kein Auge und zuckte während der ganzen Stunde auch nicht einmal mit der Wimper, man mochte ihn kneifen und zwicken, soviel man wollte; sowie das Glockenzeichen ertönte, stürzte Tschitschikow kopfüber an die Türe, um dem Lehrer als erster die Mütze zu reichen — der Lehrer trug eine gewöhnliche Bauernmütze; hierauf verließ er zuerst die Klasse und suchte ihm recht häufig auf der Straße zu begegnen, wobei er jedesmal ehrerbietig den Hut abnahm. Sein Verhalten war vom schönsten Erfolge gekrönt. Die ganze Zeit über, während er die Schule besuchte, war er sehr gut angeschrieben, und bei seinem Abgang erhielt er ein vorzügliches Zeugnis mit den besten Noten in sämtlichen Fächern und außerdem noch ein Buch mit einer Inschrift in goldenen Lettern: „Für lobenswerten Fleiß und musterhaftes Betragen.“ Bei seinem Abgang von der Schule war er bereits ein Jüngling von recht anziehendem Äußeren, mit einem Kinn, das der sorgsamen Pflege durchs Rasiermesser bedurfte. Um diese Zeit starb sein Vater. Er hinterließ seinem Sohne vier völlig abgetragene Flaushemden, zwei alte Röcke, die mit Lammfell gefüttert waren und eine ganz unbedeutende Geldsumme. Der Vater verstand es offenbar nur, gute Lehren im Sparen zu erteilen, er selbst aber hatte nur wenig zurückgelegt. Tschitschikow verkaufte sogleich das alte Häuschen samt dem dazugehörigen dürftigen Grund und Boden für tausend Rubel, und schickte die Leibeigenen-Familie die es bewohnt hatte, nach der Stadt, da er beabsichtigte, sich daselbst niederzulassen und in den Staatsdienst einzutreten. Um diese Zeit wurde sein armer Lehrer, der soviel Wert auf Ruhe und gutes Betragen legte, wegen seiner Unfähigkeit oder einer andern Verfehlung halber entlassen; er begann vor Gram zu trinken; aber bald reichten die Mittel nicht einmal mehr dazu; krank, hilflos, ohne einen Bissen Brot verkam und verhungerte er in irgend einer ungeheizten abgelegenen Dachkammer. Als seine früheren Schüler, hinter deren Witz und Scharfsinn er immer Ungehorsam und Aufsässigkeit gewittert hatte, von seiner Lage erfuhren, veranstalteten sie sofort eine kleine Geldsammlung für ihn, und verkauften sogar einige von ihren eigenen Sachen, die sie nur schwer entbehren konnten; nur Pawluscha Tschitschikow machte Ausflüchte, er habe nichts, und opferte bloß ein armseliges silbernes Fünfkopekenstück, das ihm die Kameraden mit den Worten: Oh, du Geizhals! vor die Füße warfen. Der arme Lehrer bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, als er von dieser Handlung seiner früheren Schüler erfuhr; die Tränen stürzten ihm in Bächen, wie bei einem hilflosen Kinde aus den erlöschenden Augen. „Noch auf dem Totenbett schickt Gott mir diese Tränen!“ rief er mit schwacher Stimme, er seufzte schmerzlich, als er vernahm, wie Tschitschikow an ihm gehandelt hatte und fügte hinzu: „Ach, Pawluscha, Pawluscha! Wie sich doch der Mensch verändert! Was für ein braver artiger Junge er doch war! Er hatte so gar nichts Wildes und war so weich wie Seide. Wie hat er mich betrogen, o, wie hat er mich doch betrogen! ...“

Und doch kann man nicht sagen, daß die Natur unseres Helden so rauh und hart, und daß sein Gefühl so abgestumpft war, daß er weder Mitleid noch Teilnahme kannte. Beide Gefühle waren ihm sehr wohl bekannt, und er wäre zu jeder Hilfe bereit gewesen, nur durfte sie nicht in einem gar zu großen Geldopfer bestehen, denn unter keinen Umständen hätte er die Summe angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit einem Wort, der väterliche Rat: „sei sparsam und ehre den Pfennig“ war auf guten Boden gefallen. Und doch hing er nicht am Gelde, um des Geldes selbst willen; Geiz und Habsucht waren keineswegs die Triebfedern, die ihn ganz beherrschten. Nein, nicht sie waren die Motive, von denen er sich leiten ließ; was ihm vorschwebte, war ein Leben in Wohlstand und Überfluß, mit jeglichem Komfort, Equipagen, ein wohlgeordneter Haushalt, schmackhafte Diners — das war es, was ihn ganz erfüllte und fortwährend beschäftigte. Und dazu sparte und ehrte er die Kopeke, die er sich selbst und andern versagte, um, wenn die Stunde schlagen würde, all diese Herrlichkeiten voll auszukosten. Wenn irgend ein reicher Mann in einem leichten eleganten Wagen, mit stolzen Pferden in schimmerndem Geschirr an ihm vorüberjagte, dann blieb er wie festgewurzelt stehen, und sprach dann wie wenn er aus tiefem Traum erwachte: „Und er war doch ein gewöhnlicher Handlungsgehilfe und trug gekräuseltes Haar!“ Alles, was von Reichtum und Wohlstand zeugte, machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er es mitunter selbst nicht recht verstehen konnte. Als er die Schule verließ, ruhte er nicht einmal ein wenig aus: so stark war sein Wunsch, so schnell als möglich ans Werk zu gehen und in den Staatsdienst einzutreten. Allein trotz der vorzüglichen Zeugnisse gelang es ihm nur eine unbedeutende Stelle in der Finanzkammer zu erhalten; selbst in den entlegensten Nestern kommt man nicht ohne Protektion aus! Schließlich fand sich doch noch ein kleines Pöstchen, mit einem Gehalt von dreißig bis vierzig Rubel jährlich. Aber er war fest entschlossen, sich ganz dem Dienste zu widmen und alle Hindernisse zu besiegen und zu überwinden. Und in der Tat, er legte eine geradezu unerhörte Selbstverleugnung und Geduld an den Tag, und schränkte seine Bedürfnisse auf das Allernotwendigste ein. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er unermüdlich hinter seinem Tische, ohne daß seine geistigen und körperlichen Kräfte nur im geringsten nachließen, schrieb und schrieb, verschwand vollkommen hinter seinen Akten, ging kaum nach Hause, schlief in der Kanzlei auf dem Tische, aß mitunter mit den Hausknechten und Wächtern zu Mittag und verstand es bei alledem, sich ein sauberes wohlgepflegtes Äußeres zu bewahren, sich anständig zu kleiden, seinem Gesicht einen angenehmen Ausdruck zu verleihen und sogar seinen Bewegungen einen gewissen Adel zu geben. Man muß sagen, daß die Beamten der Finanzkammer sich besonders durch ihre Unscheinbarkeit und Häßlichkeit auszeichnen. Sie hatten alle Gesichter wie schlecht gebackene Semmel; eine Backe war geschwollen, das Kinn war schief, die Oberlippe aufgedunsen wie eine Blase, und noch dazu gesprungen; mit einem Wort es sah gar nicht hübsch aus. Sie führten alle eine sehr strenge Sprache, und ihre Stimme war so rauh, als wollten sie einen durchhauen; sie brachten dem Gott Bachus reichliche Opfer, sie bewiesen, daß sich bei den Slaven noch mancherlei Reste von Heidentum erhalten haben; ja sie kamen sogar häufig etwas angeheitert in den Dienst, so daß es im Amtszimmer recht ungemütlich wurde, da man die Luft nichts weniger als aromatisch nennen konnte. Unter solchen Beamten mußte Tschitschikow natürlich auffallen, war er doch fast in allem das vollkommene Gegenteil von ihnen; seine Züge waren eindrucksvoll, seine Stimme angenehm, auch enthielt er sich aller geistigen Getränke. Und doch wurde ihm die Karriere durchaus nicht leicht gemacht. Er erhielt einen ganz alten Aktuar zum Chef, ein wahres Muster starrer Gefühllosigkeit und Unerschütterlichkeit; er blieb immer gleich unnahbar, nie belebte ein Lächeln sein Gesicht, nie kam er einem freundlich grüßend entgegen, oder erkundigte sich nach dem Befinden. Noch nie hatte ihn jemand anders gesehen, als er sich immer zu geben pflegte, nicht einmal zu Hause oder auf der Straße; nie äußerte er das geringste Interesse oder etwas wie Teilnahme an fremdem Schicksal; nie war es ihm begegnet, daß er betrunken gewesen wäre und in diesem Zustand einmal herzhaft gelacht hätte; nie hatte er sich einem wilden Taumel hingegeben, wie es selbst der Räuber in Augenblicken des Rausches tut; — von alledem war auch nicht ein Schatten bei ihm zu finden. Er war frei von Bosheit und Güte, aber gerade in diesem vollständigen Mangel aller starken Gefühle und Leidenschaften lag etwas Grauenerregendes. Sein hartes Marmorgesicht, an dem man keinen unsymmetrischen Zug entdeckte, erinnerte an kein Menschenantlitz und in seinen Linien herrschte eine rauhe Proportion. Nur die zahlreichen Pockennarben und -Gruben, mit denen es übersät war, machten es zu einem von jenen Gesichtern, auf denen der Teufel nachts Erben drischt. Man sollte meinen, es hätte über alle Menschenkraft gehen müssen, einem solchen Menschen näher zu treten und seine Zuneigung zu gewinnen; Tschitschikow aber wagte dennoch diesen Versuch. Zuerst suchte er sich ihm in allerhand unbedeutenden Kleinigkeiten gefällig zu erweisen; er untersuchte sorgfältig wie die Federn geschnitten waren, mit denen der Aktuar schrieb, dann besorgte er sich ein paar von der genannten Art, und legte sie so hin, daß jener sie leicht finden konnte; er blies und wischte den Streusand und Tabak von seinem Tische ab; schaffte einen neuen Lappen für das Tintenfaß an; ferner lief er stets nach seiner Mütze — der häßlichsten Mütze, die es je auf der Welt gab, und legte sie jedesmal kurz vor dem Schluß der Sitzung neben ihn hin; oder er bürstete ihm den Rücken ab, wenn er sich an der Wand weiß gemacht hatte u. s. f. Aber dies alles machte nicht den geringsten Eindruck, gerad als ob es überhaupt nicht geschehen wäre. Schließlich jedoch gelang es Tschitschikow, einen Einblick in das Familienleben seines Chefs zu gewinnen: er erfuhr, daß er eine erwachsene Tochter hatte, deren Gesicht gleichfalls so aussah, als ob „nachts Erbsen darauf gedroschen“ würden. Und nun versuchte er die Festung von dieser Seite zu bestürmen. Er hatte in Erfahrung gebracht, welche Kirche sie Sonntags besuchte; er stellte sich also jedesmal aufs feinste und tadelloseste gekleidet, mit einem prachtvoll gestärkten Vorhemd vis à vis von ihr auf, und die Sache hatte Erfolg: der gestrenge Aktuar ließ sich erweichen und lud ihn zum Tee ein! Im Handumdrehen war es so weit gekommen, daß Tschitschikow zu ihm ins Haus zog und sich hier bald geradezu unentbehrlich zu machen wußte; er kaufte Mehl und Zucker ein, verkehrte mit der Tochter wie mit seiner Braut, nannte den Herrn Aktuar „Papachen“ und küßte ihm die Hand. Im Gericht war alles überzeugt, daß Ende Februar, vor den großen Fasten die Hochzeit stattfinden werde. Der gestrenge Aktuar bemühte sich sogar bei seinem Vorgesetzten für ihn, und bald darauf saß Tschitschikow selbst als Aktuar auf einem Platz, der gerade frei geworden war. Das war wohl der Hauptzweck seiner Annäherung an den greisen Aktuar gewesen, denn noch am selbigen Tage ließ er seinen Koffer heimlich zu sich nach Hause tragen und am folgenden Tage nahm er sich schon eine andere Wohnung. Er hörte auf, den Aktuar „Papachen“ zu titulieren und ihm die Hand zu küssen, die Sache mit der Heirat wurde immer weiter hinausgeschoben, fast als ob überhaupt niemals davon die Rede gewesen wäre. Trotzdem drückte er dem Aktuar auch fürderhin, wenn er ihm begegnete, zärtlich die Hand, lud ihn zu sich zum Tee ein, so daß der Alte trotz seiner großen Schwerfälligkeit und seiner hartnäckigen Gleichgültigkeit jedesmal den Kopf schüttelte und murmelte: „Hat der mich beschwindelt, dieser Satan!“

Dies war das schwierigste Hindernis, das aber nun genommen war. Von da ab ging es leichter und mit noch größerem Erfolge vorwärts. Man fing an, ihn zu beachten. Besaß er doch alles, was man braucht, wenn man sich auf dieser Welt durchschlagen will: die angenehmen Manieren, das feine Betragen und den kecken Wagemut in allen geschäftlichen Unternehmungen. Mit diesen Mitteln eroberte er sich in kürzester Zeit das, was man ein „warmes Plätzchen“ zu nennen pflegt, und wußte es aufs trefflichste auszunützen. Man muß nämlich wissen, daß man um diese Zeit streng gegen die Bestechlichkeit vorzugehen begann. Alle Maßnahmen hatten indes für ihn keine Schrecken, da er sie vielmehr zu seinem eigenen Vorteil auszunutzen wußte, und er legte hierbei einen echt russischen Erfindungsgeist an den Tag, der sich während der Zeiten starken Drucks stets in seiner höchsten Blüte zeigt. Er machte es nämlich folgendermaßen: sobald ein Bittsteller erschien, und die Hand in die Tasche steckte, um eins von den sattsam bekannten „Empfehlungsschreiben des Fürsten Chowanski“ wie man sich bei uns in Rußland ausdrückt, hervorzuziehen — sagte er sogleich mit einem freundlichen Lächeln, wobei er den Bittsteller an der Hand festhielt: „Sie denken wohl, daß ich .... nein, bitte! nein! Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, das müssen wir auch ohne jede Entschädigung tun! Was das anbelangt, so können Sie ganz ruhig sein. Morgen ist alles in schönster Ordnung! Darf ich fragen, wo Sie wohnen? Sie brauchen sich selbst garnicht zu bemühen. Es wird Ihnen alles nach Hause geschickt!“ Der entzückte Bittsteller kehrte ganz begeistert nach Hause zurück und dachte sich: „Endlich mal ein Mensch! ach, wenn es doch mehr solcher gäbe, das ist ja ein wahres Kleinod!“ Jedoch der Bittsteller wartet einen Tag, wartet zwei, aber seine Akten wollen noch immer nicht kommen. Am dritten Tag ist es ebenso. Er geht noch einmal in die Kanzlei — man hat seine Papiere noch garnicht angesehen. Er geht wieder zu seinem Kleinod. „Ach entschuldigen Sie,“ sagt Tschitschikow sehr höflich, indem er den Herrn bei beiden Händen ergreift: „Wir hatten so schrecklich viel zu tun, aber morgen, morgen sollen Sie sie unbedingt haben! Es ist mir selbst höchst peinlich!“ All diese Worte wurden von geradezu bezaubernden Gesten begleitet. Wenn bei dieser Gelegenheit der Rock aufgeknöpft wurde, so suchte die Hand diesen Fehler sofort wieder gut zu machen, indem sie den Bittsteller daran hinderte. Aber die Akten wollen trotzdem nicht kommen, weder morgen, noch übermorgen, noch überübermorgen. Der Bittsteller fängt an zu überlegen: „Hm! stimmt da vielleicht etwas nicht?“ Er erkundigt sich, und erhält die Antwort: „Die Schreiber müssen was bekommen!“ „Meinetwegen, warum sollte ich ihnen nichts geben: Sie sollen ihre fünfundzwanzig, meinetwegen sogar fünfzig Kopeken haben.“ — „Nein, damit ist’s nicht getan, Sie müssen schon mindestens einen weißen Zettel[7] hinlegen.“ „Was? den Schreibern einen weißen?“ ruft der Bittsteller erstaunt aus. „Ja, warum regen Sie sich nur so auf?“ antwortet man ihm: „das stimmt doch: die Schreiber erhalten wirklich nur ihre fünfundzwanzig Kopeken, der Rest geht an die Herren Vorgesetzten weiter!“ Hier schlägt sich der harmlose Bittsteller vor den Kopf und flucht wütend über die neue Ordnung, über die Maßnahmen gegen das Bestechungswesen, und die verfeinerten Umgangsformen der Beamten. Früher, da wußte man wenigstens, was man zu machen hatte: da legte man dem Geschäftsführer einen roten Zettel auf den Tisch, und die Sache war erledigt; jetzt muß man dagegen einen weißen opfern und verliert noch dazu eine ganze Woche, ehe man überhaupt heraus kriegt, was hier eigentlich los ist! ... hol der Teufel diese Uneigennützigkeit und die Vornehmtuerei der Herren Beamten! Der Bittsteller hat natürlich ganz recht: aber dafür gibt’s eben heute keine Bestechungen mehr: alle geschäftsführenden Beamten sind rechtschaffene, ehrliche Leute und nur die Schreiber und Sekretäre sind noch Halunken und Gauner. Bald jedoch tat sich vor Tschitschikow ein weites Feld der Tätigkeit auf: es bildete sich eine Kommission für den Bau eines großen Staatsgebäudes. In diese Kommission ließ auch er sich hineinwählen, und wurde eins ihrer tätigsten Mitglieder. Man schritt sofort zur Tat. Sechs Jahre lang bemühte man sich um das Staatsgebäude, aber war es nun das Klima, oder lag es an den Materialien, genug, der Bau wollte durchaus nicht fortschreiten und kam nicht über das Fundament hinaus. Dafür aber schafften sich die Mitglieder der Kommission an verschiedenen Enden der Stadt eine Reihe von schönen Häusern in gut bürgerlichem Stile an; offenbar war dort der Boden etwas besser. Die Herren Mitglieder fingen schon an, sich eines gewissen Wohlstandes zu erfreuen und sich eine Familie zu gründen. Erst jetzt und unter den neuen Verhältnissen begann auch Tschitschikow, sich von dem schwer lastenden Druck seiner strengen Enthaltsamkeitsprinzipien und der Selbstverleugnung zu befreien. Erst jetzt entschloß er sich zu einer milderen Handhabung der Fastenvorschriften, die er solange aufs strengste beobachtet hatte, und nun erst stellte es sich heraus, daß er eigentlich nie ein Feind jener Genüsse gewesen war, deren er sich in den Tagen einer feurigen Jugend so gut zu enthalten verstand, gerade in den Jahren, wo der Mensch noch nicht Herr seiner selbst ist. Er erlaubte sich sogar einen gewissen Luxus: schaffte sich einen Koch und feine holländische Hemden an. Auch kaufte er sich solche Stoffe, wie sie in der Provinz keineswegs allgemein getragen wurden und bevorzugte besonders die braunen und glänzenden hellroten Farben, er schaffte sich auch ein Paar stattliche Pferde an und lenkte selbst seinen Wagen, wobei er wohl die Zügel selbst in der Hand hielt und das Beipferd elegante Seitensprünge machen ließ; jetzt wurde auch die Sitte eingeführt, sich mit einem Schwamm, der in eine Mischung von Wasser und Eau de Cologne getaucht wurde, zu waschen; schon kaufte er sich teure Seife, um seine Haut weich und glatt zu erhalten, schon ...

Notes in this chapter

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings