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Sämmtliche Werke 1

Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows oder Die Toten Seelen. Erster Teil (continued 2)

Reading edition

„Was gibt es denn hier für Gutsbesitzer?“

„Bobrow, Swinjin, Kanapatjew, Charankin, Trepakin, Pljeschako.“

„Sind es reiche Leute oder nicht?“

„Nein, Väterchen, allzu reiche gibt’s hier nicht. Der eine hat zwanzig, der andere hat dreißig Seelen; solche mit hundert gibt’s hier zu Lande nicht.“

Jetzt erst merkte Tschitschikow in was für eine abgelegene Gegend er sich verirrt hatte.

„Können Sie mir zum mindesten sagen, wie weit es von hier bis zur Stadt ist?“

„Es werden wohl gegen 60 Werst sein. Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen gar nichts vorsetzen kann! Haben Sie nicht Lust zu einem Glas Tee, Väterchen?“

„Danke schön, Mütterchen. Ich brauche nichts als ein Bett.“

„Ja, wahrhaftig, nach einem so weiten Weg will man sich ordentlich ausruhen. Sie können sich hier auf diesem Sofa ausstrecken, Väterchen. He! Fetinja, bring doch eine Decke, ein Kissen und ein Handtuch. Gott, was für ein Wetter! Wie das stürmt! Die ganze Nacht hindurch brennt bei mir die Kerze vor dem Heiligenbild. Ach, Herr Gott, dein Rücken und die eine Seite sind ja voller Dreck, wie bei einem Eber. Wo hast du dich denn so schmutzig gemacht?“

„Gott sei dank, daß ich bloß schmutzig bin; ich kann froh sein, daß ich mir nicht das ganze Rückgrat zerbrochen habe!“

„Heiliger Jesus, was sprichst du? Willst du nicht etwas, um dir den Rücken einzureiben?“

„Nein, danke bestens! Bitte beunruhigen Sie sich nicht! Bitte sagen Sie nur Ihrem Mädchen, sie möchte mir meine Kleider ein wenig trocknen und rein machen!“

„Hör mal, Fetinja!“ sagte die Hausfrau, indem sie sich an das Weib wandte, das mit dem Licht auf die Treppe hinausgetreten war und schon ein Unterbett hereinbrachte, welches sie mit beiden Händen aufschüttelte, sodaß eine ganze Wolke von Daunen durch das Zimmer flog. „Nimm doch den Rock und den Mantel und trockne ihn am Feuer, wie du es dem seligen Herrn zu tun pflegtest, und klopfe und bürste ihn nachher gründlich aus.“

„Jawohl, gnädige Frau!“ sagte Fetinja, indem sie ein Laken über das Unterbett breitete und ein paar Kopfkissen darauflegte.

„So, nun ist das Bett fertig!“ sagte die Hausfrau. „Gute Nacht, Väterchen, schlaf gut. Brauchst du nicht noch irgend etwas? Vielleicht bist du es gewöhnt, daß dir jemand die Fersen streicht. Mein seliger Mann konnte ohne das gar nicht einschlafen.“

Aber der Gast verzichtete auch auf dies Vergnügen. Die Hausfrau ging hinaus, worauf er sich schleunigst entkleidete. Er gab Fetinja seine ganze Rüstung, die obere wie die untere, und sie zog mit den nassen Trophäen ab, nachdem sie ihm gleichfalls eine gute Nacht gewünscht hatte. Als er allein war, vertiefte er sich nicht ohne Vergnügen in die Betrachtung seines Bettes, das beinahe bis an die Decke reichte. Er stellte einen Stuhl daran, stieg mit seiner Hilfe ins Bett, das unter ihm beinahe bis zum Fußboden herabsank, und die aus ihren Schranken verdrängten Daunen flogen nach allen Richtungen im Zimmer auseinander. Nachdem er das Licht ausgelöscht hatte, zog er sich die Kattundecke über den Kopf, rollte sich unter ihr wie eine Brezel zusammen und schlief ohne Verzug ein. Am andern Tage wachte er ziemlich spät auf. Die Sonne schien ihm durch das Fenster gerade ins Gesicht, und die Fliegen, die gestern abend ruhig an den Wänden und an der Decke geschlafen hatten, wendeten ihm jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit zu: eine setzte sich ihm auf die Unterlippe, eine andre aufs Ohr, eine dritte traf Anstalten, sich ihm aufs Auge zu setzen; eine dagegen, welche so unvorsichtig war, gerade unterm Nasenloch Platz zu nehmen, zog er beim Erwachen mit einem Atemzuge in die Nase hinein, was ihn natürlich veranlaßte, kräftig zu niesen — ein Umstand, der den Grund für sein Erwachen abgab. Er warf einen Blick auf das Zimmer und bemerkte jetzt, daß nicht nur Vogelbilder an der Wand hingen, es fand sich auch ein Porträt von Kutusow und ein Ölgemälde, das einen alten Mann in einer Uniform mit roten Aufschlägen, wie man sie unter Pawel Petrowitsch trug, darstellte. Die Wanduhr schnarrte und schlug neun; der Kopf einer Frau guckte zur Türe hinein und verschwand sofort wieder, denn Tschitschikow hatte seine sämtlichen Kleidungsstücke abgelegt, um besser einschlafen zu können. Das Gesicht kam ihm übrigens bekannt vor. Er suchte sich zu erinnern, wer das wohl gewesen sein könnte, und besann sich schließlich darauf, daß es die Wirtin selbst war. Er zog schnell sein Hemd an, seine Kleider lagen trocken und reingebürstet neben ihm. Nachdem er sich angekleidet hatte, trat er vor den Spiegel und nieste noch einmal so laut, daß ein Truthahn, der sich gerade dem Fenster genähert hatte — es lag nicht sehr hoch über dem Erdboden — plötzlich laut zu gackern anfing und ihm in seiner seltsamen Sprache ganz schnell etwas zurief, wahrscheinlich sollte es soviel bedeuten als „Prosit“, worauf ihn Tschitschikow einen Trottel nannte. Dann trat er ans Fenster, um sich die Gegend anzusehen; das Fenster ging, wie es schien, auf den Hühnerhof hinaus; wenigstens war der kleine enge Hof, der vor ihm lag, voller Vögel und anderer Haustiere. Eine unendliche Anzahl von Hühnern und Puten tummelte sich dort umher; zwischen ihnen hindurch stolzierte gemessenen Schrittes ein Hahn, schüttelte seinen Kamm und legte seinen Kopf auf die Seite, als lausche er auf etwas. Auch eine Schweinefamilie war hier vertreten; das alte Mutterschwein wühlte in einem Schutthaufen herum, wie im Vorbeigehen verschlang es ein Küchel und fuhr gleich darauf wieder ruhig fort, die Schalen alter Wassermelonen, die hier herumlagen, weiter zu fressen. Dieser kleine Hof oder Hühnerhof wurde von einem Bretterzaun umgrenzt, hinter dem sich große Gemüsegärten mit Kohl, Zwiebeln, Kartoffeln, roten Rüben und anderen Gemüsearten ausdehnten. In den Gemüsegärten bemerkte man hie und da Apfelbäume und andere Obstbäume, die zum Schutz gegen die Elstern und Sperlinge mit Netzen bedeckt waren. Und in der Tat schwirrten die Spatzen immerfort wie eine schräge Wolke von einer Stelle zur andern. Aus demselben Grunde waren mehrfach Vogelscheuchen auf langen Stangen und mit ausgebreiteten Armen aufgestellt; eine von ihnen hatte sogar die Haube der Hausfrau auf. Auf den Gemüsegarten folgten Bauernhütten, die zwar recht zerstreut dalagen und keine regelmäßige Häuserflucht mit Plätzen und Straßen bildeten, aber doch nach Tschitschikows Ansicht vom Wohlstand der Bewohner zeugten, denn sie waren alle gut instand gehalten: das Bretterdach war überall renoviert, wo es alt und schlecht zu werden begann, nirgends sah man ein schiefes verfallenes Tor, und in den gedeckten Scheunen und Ställen, in die man vom Fenster aus hineinsehen konnte, erblickte er meist einen, häufig aber auch zwei beinah neue Reservewagen. „Hm! Das Dörflein ist gar nicht so klein!“ sagte er zu sich selbst und beschloß sogleich, mit der Hausfrau zu sprechen, um sie näher kennen zu lernen. Er guckte durch die Türspalte, durch die sie ihren Kopf hineingesteckt hatte, und als er sie am Teetisch sitzen sah, trat er ins Zimmer und ging ihr heiter und freundlich entgegen.

„Guten Tag, Väterchen! Wie haben Sie geruht?“ sagte die Hausfrau, indem sie sich von ihrem Platze erhob. Sie war heute eleganter gekleidet als gestern und hatte statt der Nachthaube ein schwarzes Häubchen auf dem Kopfe. Der Hals war jedoch noch immer mit allerhand Tüchern umwickelt.

„Vortrefflich, ausgezeichnet,“ sprach Tschitschikow und ließ sich im Lehnsessel nieder. „Und Sie, Mütterchen?“

„Schlecht! Väterchen!“

„Wieso?“

„Ich kann nicht schlafen. Das Kreuz tut mir weh, und mein Bein schmerzt mich, hier über’m Knöchel.“

„Das geht vorüber, Mütterchen, achten Sie nur nicht darauf.“

„Gott gebe, daß es schnell vorübergeht. Ich habe es schon mit Schweinefett und Terpentin eingerieben. Was nehmen Sie zum Tee? Dort im Glas ist Fruchtsaft.“

Der Leser wird wohl schon bemerkt haben, daß Tschitschikow trotz seiner Freundlichkeit sich viel ungezwungener ausdrückte und überhaupt nicht viel Umstände machte. Man kann zugeben, daß Rußland vielleicht noch in mancher Hinsicht hinter dem Ausland zurücksteht: was aber das feine Benehmen anbelangt, so haben wir die Ausländer weit hinter uns gelassen. Die vielen Schattierungen und Finessen in unseren Verkehrsformen sind gar nicht aufzuzählen. Ein Franzose oder ein Deutscher kommen ihr Lebtag nicht dahinter, nie werden sie die Eigenart und die feinen Unterschiede in unserem Verhalten verstehen; sie sprechen fast in dem nämlichen Ton und mit derselben Stimme mit einem Millionär und mit einem kleinen Tabakkrämer, wenn sie sich auch in ihrer Seele vor dem ersteren noch so sehr beugen und erniedrigen. Bei uns ist das ganz anders: wir haben solche Künstler, die mit einem Gutsherrn, der zweihundert Seelen hat, ganz anders sprechen, wie mit einem solchen, der dreihundert besitzt; und mit diesem sprechen sie wieder ganz anders, wie mit einem, dem fünfhundert gehören; und den letzteren behandeln sie wiederum anders, wie einen reichen Gutsbesitzer, der über achthundert Seelen gebietet; so kann man meinetwegen bis zu einer Million weiter fortgehen, immer findet sich eine bestimmte Nüance. Nehmen wir einmal an, es gäbe, nicht bei uns, sondern irgendwo in einem fernen Königreiche, eine Kanzlei, und nehmen wir ferner an, diese Kanzlei habe einen Vorsteher oder Chef. Ich bitte den Leser, sich diesen Mann einmal anzusehen, wenn er mitten unter seinen Untergebenen dasitzt — ich wette, das Wort würde ihm vor Schrecken im Munde stecken bleiben. Stolz und Edelmut — und was nicht alles noch liegt in seinem Blick? Man möchte zum Pinsel greifen und ihn malen, um ihn in dieser Stellung festzuhalten: der reinste Prometheus! wahrhaftig: ein Prometheus! Er blickt wie ein Adler, und sein Gang ist biegsam, gesetzt und fest. Aber seht euch einmal diesen Adler an, wenn er den Saal verläßt und sich dem Zimmer seines Chefs nähert, er ist kaum wiederzuerkennen; wie ein flüchtiges Schneehuhn eilt er mit seinem Aktenbündel unterm Arme dahin, daß ihm fast der Atem ausgeht. In einer Gesellschaft oder auf einer Soiree, wo nicht allzu hochstehende Persönlichkeiten zugegen sind, bleibt unser Prometheus ein echter Prometheus, aber es braucht nur einer da zu sein, der etwas höher steht als er, und mit unserem Prometheus geht eine solche Verwandlung vor, wie sie sich selbst ein Ovid nicht träumen ließe: eine Fliege kann nicht kleiner sein, er ist ganz wie vernichtet, wie ein Sandkorn! „Aber das ist doch nicht Iwan Petrowitsch!“ sagt man sich, wenn man ihn erblickt, „Iwan Petrowitsch ist größer, der da ist ja ganz klein und mager; jener spricht laut, hat eine Baßstimme und lacht niemals, aber dieser hier, Teufel auch, der piepst ja wie ein Vogel und lacht immerzu.“ Kommt man aber näher und sieht genauer zu — dann ist es doch Iwan Petrowitsch. „Aha, soso!“ sagt man zu sich selbst .... Aber wenden wir uns wieder zu den handelnden Personen. Wie wir sahen, war Tschitschikow entschlossen, keine Umstände zu machen; so nahm er denn eine Tasse Tee und etwas Fruchtsaft und sagte:

„Sie haben aber ein schönes Gut, Mütterchen. Wieviel Seelen hat es wohl?“

„Etwas weniger als achtzig,“ sagte die Hausfrau, „leider haben wir bloß so schlechte Zeiten; voriges Jahr gab’s wieder eine Mißernte, daß Gott erbarm!“

„Aber die Bauern sehen doch recht kräftig aus, und die Hütten sind ganz stattlich. Gestatten Sie mir übrigens eine Frage: Wie ist Ihr Familienname? Ich war so zerstreut, als ich gestern so spät ankam ....“

„Karobotschka,[2] Kollegiensekretärswitwe.“

„Danke bestens. Und Ihr Vor- und Vatername?“

„Nasstassja Petrowna.“

„Nasstassja Petrowna? Ein schöner Name! — Nasstassja Petrowna. Ich habe eine leibliche Tante, die Schwester meiner Mutter, die heißt auch Nasstassja Petrowna.“

„Und wie ist Ihr Name?“ fragte die Gutsbesitzerin. „Sie sind doch Assessor? Nicht?“

„Nein, Mütterchen,“ antwortete Tschitschikow lächelnd. „Ich bin nicht Assessor; ich reise in eigenen Geschäften.“

„So sind Sie Lieferant? Wie schade! ich habe meinen Honig so billig verkauft; du hättest ihn mir sicher abgenommen, Väterchen, wie?“

„Nein, Honig hätte ich wohl kaum gekauft.“

„Nun, dann was anderes. Vielleicht Hanf? Davon habe ich jetzt zwar auch nicht mehr viel — ein halbes Pud höchstens.“

„Ach nein, Mütterchen, ich brauch’ eine andere Ware; sagen Sie mal, sind bei Ihnen viele Bauern gestorben?“

„Oh je! Väterchen, achtzehn Mann!“ sagte die Alte seufzend. „Und lauter so prächtige Leute, alles tüchtige Arbeiter. Es ist ja freilich auch Nachwuchs da, aber was hat man davon, lauter schmächtiges Volk, und der Steuereinnehmer kommt und will seine Steuer für jede Seele haben. Sie sind doch schon tot, und doch muß man für sie zahlen, wie wenn sie noch am Leben wären. Vorige Woche ist mir ein Schmied verbrannt, ein so geschickter Schmied! Der hat auch das Schlosserhandwerk verstanden.“

„War denn im Dorfe eine Feuersbrunst, Mütterchen?“

„Gott verhüte ein solches Unglück! Eine Feuersbrunst, das wäre ja noch viel schrecklicher. Nein, er ist ganz von selbst verbrannt. Das Feuer ist da irgendwo im Innern bei ihm entstanden; er hat auch gar zu viel getrunken, man sah nichts wie ein blaues Flämmchen, und so ist er allmählich verkohlt, bis er auch ganz schwarz wurde wie eine Kohle; ach war das ein geschickter Schmied. Jetzt kann ich gar nicht mehr ausfahren. Es ist niemand da, der die Pferde beschlagen kann.“

„Das war wohl Gottes Wille, Mütterchen,“ sagte Tschitschikow seufzend, „gegen Gottes Weisheit darf man nicht murren. Wissen Sie was? Überlassen Sie sie mir, Nasstassja Petrowna?“

„Wie Väterchen?“

„Nun, all diese Leute, die gestorben sind.“

„Wie kann ich sie Ihnen denn überlassen?“

„Nun sehr einfach. Oder meinetwegen, ich kann sie Ihnen auch abkaufen. Ich will Ihnen Geld für sie geben.“

„Ja wie denn nur? Wirklich, ich verstehe Sie noch nicht. Willst du sie aus der Erde ausgraben?“

Tschitschikow merkte, daß die Alte übers Ziel hinausgeschossen hatte, und hielt es daher für notwendig ihr klar zu machen, worum es sich handele. Er erklärte ihr mit wenigen Worten, daß die Abtretung oder der Verkauf nur auf dem Papiere statthaben und die Seelen als lebende gelten sollten.

„Ja, wozu brauchst du sie nur,“ sagte die Alte, indem sie ihn verwundert anstarrte.

„Das ist schon meine Sache!“

„Aber sie sind doch tot!“

„Ja wer sagt denn, daß sie lebendig sind? Es ist doch Ihr eigener Schade, daß sie tot sind. Sie zahlen doch Steuern für sie, und ich will Sie von dieser Last und Sorge befreien. Verstehen Sie jetzt? Und nicht nur befreien; ich will Ihnen noch fünfzehn Rubel dazu schenken. Nun, ist’s Ihnen jetzt klar?“

„Ich weiß wirklich nicht,“ sagte die Alte zögernd, „Tote habe ich noch niemals verkauft.“

„Das ist doch kein Wunder! Es wäre eher eins, wenn Sie schon welche verkauft hätten. Oder glauben Sie tatsächlich, daß sie überhaupt irgend einen Wert haben?“

„Nein, das glaube ich freilich nicht. Was könnten sie auch für einen Wert haben? Sie sind ja zu nichts nütze! Mich beunruhigt bloß dies eine: daß sie schon tot sind.“

„Hat das Weib aber ein Brett vorm Kopf,“ dachte Tschitschikow. „Hören Sie, Mütterchen; denken Sie doch ein wenig nach! Das ist doch eine bedeutende Einbuße für Sie. Sie müssen doch für jeden die Steuern bezahlen, als ob er noch am Leben wäre.“

„Ach, Väterchen, erinnere mich bloß nicht daran,“ unterbrach ihn die Gutsbesitzerin. „Vor drei Wochen habe ich erst wieder hundertfünfzig Rubel einzahlen müssen, und dabei mußte ich noch den Steuerbeamten gründlich spicken.“

„Sehen Sie, Mütterchen, und nun denken Sie mal, von heute ab brauchen Sie den Beamten nicht mehr zu spicken, denn jetzt zahle ich die Steuern und nicht Sie. Ich nehme alle Lasten auf mich, auch die Kosten des Kaufvertrags. Verstehen Sie!“

Die Alte wurde nachdenklich; sie fing an einzusehen, daß das Geschäft nicht so übel wäre; nur war es schon gar zu neu und unerhört, und sie fürchtete, der Käufer könne sie wohl gar übers Ohr hauen. War er doch Gott weiß woher und noch zu so später Stunde herein geschneit.

„Also schlagen Sie ein, Mütterchen,“ sprach Tschitschikow.

„Wahrhaftig, Väterchen, Verstorbene habe ich noch nie verkauft. Lebendige schon öfters, so noch vor drei Jahren: da habe ich dem Protopopoff zwei Mädchen überlassen, jede für hundert Rubel; und er war sehr zufrieden. Es sind vorzügliche Arbeiterinnen geworden. Sie können sogar Servietten weben.“

„Hier handelt es sich aber nicht um Lebende. Gott mit ihnen! Ich brauche Tote!“

„Wirklich, ich fürchte vor allem, ein schlechtes Geschäft zu machen. Du willst mich am Ende betrügen, Väterchen. Vielleicht sind sie ..., kosten sie gar viel mehr.“

„Hören Sie, Mütterchen ... Wie Sie sich bloß anstellen! Was können sie denn wert sein; überlegen Sie sich es doch nur! Das ist doch nichts! Begreifen Sie doch, ein reines Nichts! Nehmen Sie das letzte, unnützeste Ding, sagen wir sogar irgend einen alten Lappen: selbst der hat noch einen Wert; den kauft Ihnen noch der Lumpenhändler ab. Aber die da, die braucht doch überhaupt Keiner! Nein, sagen sie selbst, zu was sind sie nütze!?“

„Das ist schon ganz richtig! Freilich sind sie nichts nütze. Mich hält auch nur ab, daß sie schon tot sind.“

„Herr Gott, ist das eine klotzige Dickköpfigkeit,“ sagte Tschitschikow zu sich selber, und fing bereits an, die Geduld zu verlieren. „Mit der soll einer auskommen. Wahrhaftig, ich schwitze! Verdammte Alte!“ Und er nahm sein Schnupftuch aus der Tasche und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Übrigens hatte Tschitschikow eigentlich keinen Grund zu seinem Ärger. Es gibt höchst achtbare Leute, sogar unter den Staatsmännern, die, wenn man näher zusieht, auch nicht besser wie Karobotschka sind. Hat sich so einer mal was in den Kopf gesetzt, so bringst du es mit zehn Pferden nicht wieder heraus. Mach ihm Einwände soviel du willst. Sie mögen so klar sein wie der lichte Tag, sie prallen doch immer wieder zurück wie ein Gummiball von einer Steinmauer. Nachdem sich Tschitschikow den Schweiß abgetrocknet hatte, kam er auf den Gedanken, noch einen Versuch zu machen, ob es ihm etwa gelänge, sie von einer anderen Seite her auf den rechten Weg zu bringen.

„Mütterchen,“ sagte er, „entweder Sie wollen mich nicht verstehen, oder Sie reden das alles nur, um nur überhaupt etwas zu reden ... Ich gebe Ihnen Geld, fünfzehn Rubel in Banknoten; verstehen Sie? Das ist doch Geld und liegt nicht auf der Straße. Wie teuer haben Sie zum Beispiel Ihren Honig verkauft? Gestehen Sie mal!“

„Für zwölf Rubel das Pud.“

„Versündigen Sie sich nicht, Mütterchen! Zwölf haben Sie gewiß nicht dafür bekommen.“

„Bei Gott, Väterchen!“

„Nun also sehen Sie, dafür war das auch Honig. Sie haben vielleicht ein Jahr gebraucht, voller Sorgen und Mühe und Arbeit, bis Sie ihn einsammeln konnten. Sind hin und her gefahren; haben die armen Bienen geplagt. Sie einen ganzen Winter über im Keller gefüttert. Sehen Sie wohl! Dagegen die toten Seelen, die sind doch nicht von dieser Welt. An die haben Sie keinerlei Mühe und Arbeit gewendet. Es war halt Gottes Wille, daß sie diese Welt verlassen und ihrem Hause Abbruch tun mußten. Dort haben Sie für alle Ihre Sorge und Mühe zwölf Rubel bekommen, und hier sollen Sie für ein reines Nichts, ganz umsonst, nicht zwölf, sondern sogar fünfzehn Rubel und nicht in Silber, sondern in lauter schönen blauen Scheinen ausbezahlt erhalten.“ Nachdem Tschitschikow so starke und überzeugende Gründe ins Feld geführt hatte, zweifelte er kaum noch, daß die Alte endlich nachgeben werde.

„Nein wirklich,“ versetzte die Gutsbesitzerin, „ich bin eine arme und unerfahrene Witwe, lieber will ich noch ein wenig warten, bis noch andere Käufer kommen. Damit ich mich über den Preis vergewissern kann.“

„Schämen Sie sich, Mütterchen! Denken Sie bloß selbst, was Sie da reden. Wer wird denn so etwas kaufen wollen. Was soll er denn bloß damit anfangen.“

„Vielleicht kann man sie doch bei Gelegenheit in der Wirtschaft verwenden ...“ erwiderte die Alte. — Aber sie vollendete ihre Rede nicht, machte den Mund auf und starrte ihn beinahe mit Entsetzen an, gespannt auf seine Antwort harrend.

„Die Toten in der Wirtschaft! — Herr Gott, wozu Sie sich wieder verstiegen haben! Etwa um nachts die Spatzen in Ihrem Garten zu scheuchen?! Wie?“

„Heiliger Jesus hilf uns! Welch schreckliche Dinge du da sprichst,“ sagte die Alte, indem sie das Kreuz schlug.

„Wozu wollen Sie sie denn sonst verwenden? Übrigens das Grab und die Knochen können sie ja behalten. Der Kauf findet ja nur auf dem Papiere statt. Nun also wie steht es? Geben Sie mir doch zum wenigsten eine Antwort.“

Die Alte versank wieder in Nachdenken.

„Woran denken Sie bloß, Nastassja Petrowna?“

„Wirklich, ich weiß nicht recht, was ich da machen soll? Kaufen Sie mir lieber etwas Hanf ab!“

„Ach was Hanf! Ich bitte Sie! Ich will was ganz anderes von Ihnen, und Sie schwatzen mir Ihren Hanf auf. Lassen Sie den Hanf ruhig Hanf bleiben! Wenn ich ein anderes Mal vorspreche, kaufe ich Ihnen vielleicht auch Hanf ab. Nun, wie ist es, Nastassja Petrowna?“

„Bei Gott es ist eine so seltene Ware, mit der ich noch nie was zu tun gehabt habe.“

Hier war Tschitschikows Geduld zu Ende. In seiner Wut packte er einen Stuhl, stieß ihn auf die Erde und wünschte ihr den Teufel an den Hals.

Vor dem Teufel war die Gutsbesitzerin aufs höchste entsetzt.

„Ach, sprich mir nicht von ihm! Gott mit ihm!“ rief sie aus und erbleichte. „Noch die ganze vorige Nacht hab ich ihn fortwährend im Traume gesehen, den Verfluchten. Ich wollte mir nach dem Gebet noch einmal die Karten legen. Da hat ihn mir Gott offenbar zur Strafe hergesandt. So greulich sah er aus. Seine Hörner waren länger als die eines Ochsen.“

„Ich wundere mich, daß sie Ihnen nicht zu Dutzenden erscheinen! Mich leitet nichts wie die reinste Christenliebe; ich sehe eine arme Witwe, die sich plagt und Not leidet ... Daß du doch krepiertest zusamt deinem Gute.“

„Ach, was für schreckliche Flüche du da ausstößt,“ sagte die Alte und sah ihn entsetzt an.

„Wahrhaftig, es fehlen einem ja die Worte, rein wie ein — entschuldigen Sie den harten Ausdruck — wie ein Kettenhund, der auf seinem Stroh liegt; frißt das Stroh selbst nicht und läßt doch keinen andern ran. Ich wollte Ihnen allerhand von Ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen abkaufen, weil ich ja auch Lieferungen für den Staat übernehme ...“ Hier log er etwas hinzu, so ganz nebenher, und ohne es sich recht überlegt zu haben, aber sehr geschickt.

Diese Lieferungen für den Staat machten einen tiefen Eindruck auf Nastassja Petrowna; wenigstens sagte sie mit beinahe flehender Stimme: „Warum wirst du denn gleich so zornig? Hätte ich früher gewußt, daß du so wild werden kannst, dann hätte ich lieber garnicht widersprochen.“

„Ach was, ich bin garnicht zornig! Die ganze Sache ist keine ausgepreßte Zitrone wert. Und ich sollte mich ärgern?“

„Schön, schön, ich will sie dir ja für 15 Rubelscheine lassen. Nur eins, Väterchen, vergiß mich nicht bei den Lieferungen, wenn du etwa Roggen oder Gerstenmehl oder Buchweizen oder Fleisch brauchen solltest.“

„Nein, nein, Mütterchen, ich werde dich schon nicht vergessen,“ sagte er, während er sich den Schweiß mit der Hand abtrocknete, der in drei Sturzbächen über sein Gesicht floß. Er erkundigte sich bei ihr, ob sie nicht in der Stadt einen Vertrauensmann beim Gericht, einen Vertreter oder einen Bekannten habe, den sie zum Abschluß des Kaufkontraktes und aller übrigen notwendigen Maßnahmen bevollmächtigen könnte. „Gewiß, den Probst, Vater Kirill; sein Sohn ist am Gericht,“ sagte Karobotschka. Hierauf bat Tschitschikow sie, ihm eine Vollmacht zu schicken, ja er übernahm es sogar, diese selbst aufzusetzen, um der Alten jegliche unnütze Arbeit zu ersparen.

„Es wäre doch gut,“ dachte unterdes Karobotschka, „wenn er mir etwas Mehl und Vieh für den Staat abnähme. Ich muß ihn für mich gewinnen. Es ist noch etwas Teig von gestern abend da. Ich will mal hingehen und der Fetinja sagen, sie soll Pfannkuchen backen. Auch eine Eierpastete von Butterteig wäre nicht übel. Die macht sich sehr gut, und es nimmt nicht viel Zeit weg.“ Damit ging die Hausfrau hinaus, um ihren Plan mit der Pastete auszuführen und ihn noch durch andere Produkte der häuslichen Koch- und Backkunst zu ergänzen. Tschitschikow aber ging in den Salon, in dem er die Nacht zugebracht hatte, um die notwendigen Papiere aus seiner Schatulle zu holen. Das Zimmer war schon längst aufgeräumt, die üppigen Plumeaus und Unterbetten waren hinausgeschafft. Vor dem Sofa stand ein Tisch mit einer Decke darauf. Er setzte seine Schatulle auf ihn und ließ sich auf das Sofa nieder, um ein wenig auszuruhen; denn er fühlte, daß er ganz in Schweiß gebadet sei: alles, was er am Leibe trug, vom Hemd bis zu den Strümpfen, war vollständig naß. „Hat die mir zugesetzt, die verfluchte Alte,“ sagte er, nachdem er ein wenig ausgeruht hatte, und öffnete die Schatulle. Der Autor ist überzeugt, daß mancher Leser neugierig sein wird, den Plan und die innere Fächereinteilung der Schatulle kennen zu lernen. Meinetwegen, warum sollte ich diese Neugierde nicht befriedigen. Also, da habt ihr sie, die Einteilung; in der Mitte befindet sich der Seifennapf; auf den Seifennapf folgen sechs bis sieben schmale Fächer für die Rasiermesser. Dann kommen zwei viereckige Behältnisse für die Streusandbüchse und das Tintenfaß. Zwischen beiden ist eine Rille für Federn, Siegellack und Gegenstände von längerer Statur. Weiter folgten allerhand Fächer mit Deckel und ohne Deckel, für die kürzeren Gegenstände, welche mit Visitenkarten, Beerdigungsanzeigen, Theaterbilleten und anderen Zetteln angefüllt waren, die hier als Reminiszenzen ruhten. Das ganze obere Kästchen mit all seinen Fächern ließ sich herausheben. Unter ihm öffnete sich ein weiter Raum, in dem Stöße von Papier in Bogengröße aufgeschichtet lagen. Darunter befand sich ein kleines verborgenes Kästchen, das sich unauffällig seitlich auftat, in dem er sein Geld zu bewahren pflegte. Dieses Kästchen wurde von seinem Besitzer stets mit einer solchen Geschwindigkeit auf- und im selben Augenblick wieder zugemacht, daß man nicht mit Sicherheit angeben konnte, wieviel Geld es enthielt. Tschitschikow ging sogleich an die Arbeit, schnitt die Feder zurecht und begann zu schreiben. In diesem Moment trat die Hausfrau ins Zimmer.

„Hast du aber einen schönen Kasten, Väterchen!“ sagte sie, indem sie sich neben ihn setzte, „den hast du wohl in Moskau gekauft?“

„Ja, in Moskau,“ antwortete Tschitschikow und fuhr fort zu schreiben.

„Ich weiß, dort kriegt man’s nur gut. Vor zwei Jahren hat meine Schwester gefütterte Stiefel für die Kinder von dort mitgebracht. Vortreffliche Ware! So dauerhaft! Sie tragen sie noch heute. Ach, hast du viel Stempelpapier,“ fuhr sie fort, während sie einen Blick in die Schatulle warf. Und in der Tat, es war sehr viel Papier darin. „Du könntest mir ein paar Bogen schenken. Bei mir herrscht solch ein Mangel daran. Es kommt doch vor, daß man ein Schreiben ans Gericht zu senden hat. Dann ist immer kein Papier da.“

Tschitschikow erklärte ihr, das sei kein Papier, wie sie es wünschte. Es sei nur für Kaufkontrakte, und nicht für Gesuche geeignet. Übrigens gab er ihr, um sie zu beruhigen, einen Bogen im Werte von einem Rubel. Nachdem er seinen Brief vollendet hatte, ließ er sie unterschreiben und bat sie um ein kurzes Verzeichnis der Bauern. Es stellte sich heraus, daß die Gutsbesitzerin gar keine Listen über ihre Bauern führte, sondern ihre Namen nur auswendig wußte. Er forderte sie auf, ihm diese zu diktieren. Mehrfach geriet er in höchstes Erstaunen über ihre Familiennamen und mehr noch über ihre Spitznamen, sodaß er jedesmal beim Hören ein wenig innehielt, ehe er sie niederschrieb. Einen besondern Eindruck machte auf ihn ein gewisser Peter Saweljew genannt der Waschtrogverächter, sodaß er sich nicht enthalten konnte, auszurufen: „Ist das aber ein langer Kerl!“ Ein anderer trug den Beinamen Kuhfladen. Ein dritter wurde einfach Johann das Rad genannt. Nachdem er mit dem Schreiben fertig war, sog er die Luft tief durch die Nase ein und roch den Duft einer in Butter schmorenden Speise.

„Bitte bedienen Sie sich,“ sagte die Wirtin. Tschitschikow sah sich um und bemerkte, daß der Tisch mit leckeren Gerichten reich besetzt war; da gab es Pilze, Gebäck, Spiegeleier, Pfannkuchen, Käsekeulchen, Splittertörtchen und Fladen mit allerhand Pastetchen: Pastetchen mit Zwiebeln, Pastetchen mit Mohn, Pastetchen mit Quark, Pastetchen mit Stinten und weiß Gott, was sonst noch alles.

„Bitte, vielleicht eine Eierpastete aus Butterteig gefällig?“ sagte die Wirtin.

Tschitschikow rückte näher an die Eierpastete aus Butterteig heran, und sprach sich sehr lobend über sie aus, nachdem er eine gute Hälfte von ihr verspeist hatte. Und in der Tat, die Pastete war schon an und für sich nicht übel; nach all den Plackereien und dem Geplänkel mit der Alten aber schmeckte sie noch weit vorzüglicher.

„Nehmen Sie Pfannkuchen?“ sagte die Wirtin. Als Antwort auf diese Frage, spießte Tschitschikow gleich drei Pfannkuchen auf, rollte sie zusammen, tauchte sie in die geschmolzene Butter und beförderte sie in den Mund, worauf er sich Lippen und Hände mit der Serviette abwischte. Nachdem er dieses etwa dreimal wiederholt hatte, bat er die Hausfrau die Pferde anspannen zu lassen. Nasstassja Petrowna schickte Fetinja sofort in den Hof hinunter, und trug ihr zugleich auf, noch ein paar heiße Pfannkuchen mitzubringen.

„Ihre Pfannkuchen sind ausgezeichnet, Mütterchen,“ sagte Tschitschikow, indem er sich über die frischen Pfannkuchen hermachte.

„Ja, das versteht meine Köchin sehr gut,“ versetzte die Hausfrau, „leider war nur die Ernte so schlecht, und das Mehl ist nicht so gut geraten. Aber warum eilen Sie so? Väterchen?“ fuhr sie fort, als sie sah, daß Tschitschikow schon seinen Hut in der Hand hielt, „der Wagen ist ja noch gar nicht fertig.“

„Oh der ist schnell fertig, Mütterchen. Bei mir geht das sehr schnell.“

„Nicht wahr, Sie vergessen mich also nicht bei den Lieferungen?“

„Nein, nein,“ sagte Tschitschikow, während er in den Flur hinaustrat.

„Sie wollen mir also keinen Speck abkaufen?“ sagte die Hausfrau, indem sie ihn hinausbegleitete.

„Warum nicht? Gewiß kaufe ich Ihnen welchen ab. Nur nicht gleich jetzt.“

„Zu Ostern werde ich schönen Speck haben.“

„Seien Sie ruhig, ich kaufe Ihnen welchen ab; ich kaufe ihnen alles ab, was Sie wollen, auch Schweinespeck.“

„Vielleicht brauchen Sie auch Daunen? Während der Weihnachtsfasten werde ich auch Daunen haben.“

„Schön, schön,“ sagte Tschitschikow.

„Siehst du wohl, Väterchen, dein Wagen ist noch nicht fertig,“ sprach die Hausfrau, als sie auf die Treppe hinaustraten.

„Er ist gleich fertig. Sagen Sie mir bloß, wie ich auf die große Landstraße gelange.“

„Wie mache ich das nur?“ sagte die Hausfrau. „Es ist nicht leicht, dir das klar zu machen, man muß so oft wenden; vielleicht ist es das Beste, ich gebe dir ein Mädchen mit, die dir den Weg zeigt. Du wirst doch auf dem Bock noch einen Platz haben, wo sie sich hinsetzen kann.“

„Natürlich.“

„Nun gut, dann gebe ich dir das Mädel mit, sie kennt den Weg, entführt sie mir nur nicht gar, hörst du, neulich haben mir schon ein paar Kaufleute einmal eine weggeholt.“

Tschitschikow gab ihr das Versprechen, das Mädchen nicht zu entführen und Karobotschka kehrte wieder beruhigt zur Durchmusterung ihres Hofes zurück. Erst glotzte sie die Haushälterin an, welche eine hölzerne Kanne mit Honig aus der Speisekammer holte. Dann warf sie einen Blick auf einen Bauern, — der im Torweg erschien, um allmählich immer mehr in ihrem Haushalt unterzutauchen. Wozu aber beschäftigen wir uns eigentlich so lange mit Karobotschka? Was ist uns Karobotschka, Manilow, wirtschaftliches oder unwirtschaftliches Leben? Lassen wir sie! Ist es nicht wunderbar eingerichtet in dieser Welt! Jede Freude geht, ehe man sich’s versieht, in Trauer über, wenn man sich gar zu lange bei ihr aufhält, und Gott weiß, was sich einem dann für Gedanken aufdrängen! Man könnte gar auf die Idee kommen: Wie!? Steht denn Karobotschka wirklich so tief auf der unendlich langen Stufenleiter menschlicher Vollkommenheit? Sollte er wirklich so tief sein, der Abgrund, der sie von ihrer Schwester trennt. Von ihr, welche unnahbare Mauern eines aristokratischen Hauses mit seinen lieblich duftenden gußeisernen Treppen beschützen, die mit Kupferglanz, Mahagoniholz und kostbaren Teppichen prunken. Von ihr, welche gähnend neben ihrem halbgelesenen Buche sitzt, in unruhiger Erwartung des weltmännisch-geistreichen Besuchers, in dessen Gegenwart sich ihrem Geiste ein Feld eröffnet, wo sie ihren Verstand leuchten und eingelernte Gedanken spielen lassen kann. — Gedanken, welche nach der heiligen Satzung der Mode eine ganze Stadt wochenlang beschäftigen, Gedanken, die sich nicht darum drehen, was in ihrem Hause und auf ihren Gütern vorgeht, die in Unordnung geraten darniederliegen, sondern allein darauf gerichtet sind, welche Umwälzung in der französischen Politik bevorsteht, oder welche Wendung der moderne Katholizismus nehmen wird. Doch weiter, weiter! Wozu über diese Dinge reden? Aber warum fällt bisweilen in Augenblicken froher, sorgenfreier Gedankenlosigkeit wie von selbst ein wundersamer Strahl in uns hinein? Noch fand das Lächeln kaum Zeit, dem Gesichte zu entschwinden, und schon verwandelte es sich bei demselben Menschen in ein anderes, und ein neues Licht erleuchtet jetzt sein Antlitz?

„Da ist er, da ist ja mein Wagen,“ rief Tschitschikow, als er seine Kutsche heranrollen sah, „was hast du nur solange getrödelt, du Esel! Dein Rausch von gestern ist wohl noch nicht ganz verflogen.“

Hierauf erwiderte Seliphan kein Wort.

„Leben Sie wohl, Mütterchen! Nun wo ist Ihr Mädchen?“

„Heh! Pelagia!“ rief die Alte einem Mädchen von etwa elf Jahren zu, das in der Nähe der Treppe stand. Die Kleine hatte ein selbstgewebtes, farbiges Leinenkleid an. Sie war barfüßig, und schien doch Stiefeln anzuhaben, denn ihre Füße waren bis oben hinauf mit frischem Straßenschmutz bedeckt. „Zeig dem Herrn den Weg!“

Seliphan half dem Mädchen auf den Bock, welches zuerst mit einem Fuß auf das Trittbrett stieg, das sie bei dieser Gelegenheit ein wenig beschmutzte. Hierauf schwang sie sich auf den Kutschersitz, wo sie sich neben Seliphan niederließ. Nach ihr setzte Tschitschikow seinen Fuß auf das Trittbrett und nahm endlich im Wagen Platz, der sich unter seinem Gewichte nach rechts beugte. „So, jetzt ist alles in Ordnung. Leben Sie wohl Mütterchen!“ mit diesen Worten verabschiedete er sich von der Gutsbesitzerin und die Pferde zogen an.

Seliphan war den Weg über sehr ernst und streng und widmete sich seinem Dienst mit großer Aufmerksamkeit, was immer dann zu geschehen pflegte, wenn er etwas verschuldet hatte oder betrunken gewesen war. Die Pferde waren von einer bewundernswerten Sauberkeit. Das Kummet bei dem einen, welches gewöhnlich zerlocht und zerfetzt war, sodaß das Werg unter dem Leder hervorquoll, war sorgfältig genäht und ausgebessert. Er war während des ganzen Weges sehr schweigsam, schwang nur hin und wieder die Peitsche und unterließ es vollkommen, seine Pferde mit lehrhaften Reden zu beehren, obwohl der Schecke natürlich gerne eine Belehrung entgegengenommen hätte. Denn während einer solchen Rede pflegte der wortfrohe Wagenlenker die Zügel immer recht lose in der Hand zu halten, und er ließ auch die Peitsche nur pro forma über den Rücken der Pferde hüpfen. Aber der finstere Mund ließ dieses Mal nur monotone und unfreundliche Ausrufe vernehmen, wie: „Hüh! Hüh! alte Krähe! was trödelst du!“ sonst nichts. Aber selbst der Braune und der Assessor waren nicht zufrieden, weil sie kein einziges freundliches und Achtung zollendes Wort zu hören bekamen. Der Schecke erhielt sogar häufig äußerst unangenehme Schläge auf seine weichen, wohlgerundeten Körperteile. „Sieh mal, was in den gefahren ist!?“ dachte er sich, indem er seine Ohren ein wenig spitzte. „Der weiß auch, wohin er haut; sucht sich nicht etwa den Rücken aus, sondern gerade die empfindlichsten Stellen. Schlägt einem die Peitsche um die Ohren oder geht einem sogar an den Bauch.“

„Rechts? Wie?“ Mit dieser trockenen Frage wandte sich Seliphan an das neben ihm sitzende Mädchen, indem er mit der Peitsche auf den vom Regen geschwärzten Weg hinwies, der sich zwischen frischen, in hellem Grün leuchtenden Feldern dahinzog.

„Nein, noch nicht! Ich werde es dir schon sagen!“ antwortete das Mädchen.

„Nun, wohin denn?“ fragte Seliphan, als sie sich dem Kreuzweg näherten.

„Dorthin!“ sagte das Mädchen, indem es mit dem Finger die Richtung anzeigte.

„Ach! du!“ sagte Seliphan, „das ist doch rechts! Kann rechts und links nicht unterscheiden.“

Obwohl der Tag sehr heiter war, war die Straße derartig schmutzig, daß der Kot an den Wagenrädern kleben blieb und sie bald wie mit einer Filzschicht bedeckte, was die Equipage am Fortkommen hinderte. Dazu war der Boden noch sehr locker und lehmig. Dieses war die Ursache, daß sie die Landstraße nicht vor Mittag erreichten. Ohne das Mädchen wäre es ihnen wahrscheinlich auch schwerlich gelungen, weil die Wege nach allen Richtungen auseinanderliefen, wie gefangene Krebse, wenn man sie aus dem Netze schüttet. Und Seliphan hätte sich ohne seine Schuld leicht verirren können. Bald darauf zeigte das Mädchen mit der Hand auf ein Gebäude, das in der Ferne sichtbar wurde, und sagte: „Da ist die Poststraße.“

„Und was ist das für ein Gebäude?“ fragte Seliphan.

„Ein Wirtshaus,“ sagte das Mädchen.

„So, nun werden wir schon selbst den Weg finden. Du kannst jetzt nach Hause gehen.“

Er hielt an und half ihr beim Absteigen, während er vor sich hinmurmelte: „Du Dreckbein!“

Tschitschikow gab ihr eine Kupfermünze, und sie lief munter nach Hause, hocherfreut, daß sie auf dem Kutschbock hatte fahren dürfen.

Viertes Kapitel

Als man sich dem Wirtshause näherte, ließ Tschitschikow anhalten und zwar aus zwei Gründen. Einmal wollte er die Pferde ausruhen lassen, und dann wünschte er auch selbst etwas zu sich zu nehmen und sich zu stärken. Der Autor muß gestehen, daß er diese Art Leute um ihren guten Magen und ihren Appetit aufrichtig beneidet. Für ihn haben jene große Herren nur wenig Bedeutung, welche in Petersburg oder Moskau wohnen und deren ganze Zeit im Nachdenken darüber aufgeht, was sie morgen zu Mittag speisen werden, und was für ein Menu sie für übermorgen zusammenstellen könnten, sie, die sich nicht eher an die Mittagstafel setzen, bevor sie ein paar Pillen geschluckt und ein paar Austern oder Krabben und andere Meerwunder verschlungen haben, um sich zum Schluß nach Karlsbad oder in den Kaukasus zu begeben. Nein, diese Herrschaften haben nie den Neid des Autors wachrufen können. Wohl aber jene mittleren Leute, welche auf einer Station eine Portion Schinken bestellen, auf der nächsten ein Spanferkel, auf der dritten ein Stück Stör oder Bratwurst mit Knoblauch, und die sich dann zu Tische setzen, wie wenn nichts passiert wäre, und zwar zu jeder beliebigen Zeit. Die Suppe aus Quappe, Sterlet und Fischmilch zischt und brodelt zwischen ihren Zähnen, begleitet von Fischpasteten oder einer Welspirogge, sodaß bei jedem Unbeteiligten der Appetit rege werden muß. — Diese Leute erfreuen sich einer beneidenswerten Himmelsgabe. Mehr als einer von den großen Herren würde sofort die Hälfte seiner Bauern und der verpfändeten und unverpfändeten Güter mit all ihren modernen Errungenschaften, die das In- und Ausland hervorbrachten, darangeben, um nur einen solchen Magen zu haben, wie so ein Mann des guten Bürgerstandes. Das Unglück ist leider nur, daß man sich weder für Geld noch Güter mit und ohne Errungenschaften einen solchen Magen zulegen kann, wie ihn ein Herr der mittleren Stände besitzt.

Das hölzerne, verwitterte Wirtshaus nahm Tschitschikow unter sein gastliches Vordach, welches auf gedrechselten Säulen ruhte, die große Ähnlichkeit mit altertümlichen Kirchenleuchtern hatten. Dieses Wirtshaus war eine Art russische Bauernhütte, nur in etwas größerem Maßstab. Die mit Schnitzwerk verzierten Karnise aus frischem Holze um die Fenster herum und unter dem Dach hoben sich lebhaft von den dunklen Wänden ab. Auf den Fensterläden waren Krüge mit Blumen abgebildet.

Nachdem Tschitschikow die enge Holztreppe hinaufgestiegen war, betrat er den breiten Flur. Hier stieß er auf eine Tür, welche sich knarrend auftat, sowie auf ein dickes altes Weib in einem bunten Kattunkleid, das ihn mit folgenden Worten anredete: „Hierher, bitte!“ In dem Gastzimmer fand er lauter alte Bekannte, denen man immer in den kleinen hölzernen Wirtshäusern an der Landstraße begegnet; den dampfbeschlagenen Samowar, die glatt gehobelten Wände aus Fichtenholz, ein dreieckiges Spind mit Teekannen und Tassen in der Ecke, vergoldete Porzellaneier vor den Heiligen-Bildern, die an blauen und roten Bändern hingen, eine Katze, die vor kurzem Junge geworfen hatte, einen Spiegel, der statt zwei Augen vier und statt eines Gesichtes eine Art Pfannkuchen erkennen ließ, endlich Sträuße aus wohlriechenden Kräutern und Nelken, welche hinter die Heiligenbilder gesteckt und schon so stark vertrocknet waren, daß jeder, den die Lust anwandelte an ihnen zu riechen, zu niesen begann, sonst aber unbefriedigt blieb.

„Haben Sie Spanferkel?“ Mit dieser Frage wandte sich Tschitschikow an die dicke Alte.

„Gewiß!“

„Mit Meerrettich und saurer Sahne?“

„Freilich mit Sahne und Meerrettich.“

„Her damit!“

Die Alte ging, kramte im Speiseschrank umher und brachte einen Teller, eine Serviette, steif gestärkt wie getrocknete Baumrinde, ferner ein Messer mit einem gelblichen Knochengriff, und einer Klinge, dünn wie die eines Federmessers und schließlich eine zweizinkige Gabel und ein Salzfaß, das durchaus nicht geradestehen wollte.

Unser Held ließ sich nach seiner Gewohnheit sogleich in ein Gespräch mit ihr ein. Er erkundigte sich, ob sie selbst die Besitzerin des Gasthofes oder ob noch ein Wirt da sei; wieviel das Geschäft abwerfe; ob ihre Söhne bei ihr wohnten; was der älteste Sohn für einen Beruf habe und ob er schon verheiratet oder noch Junggeselle sei; was er für eine Frau genommen habe, mit oder ohne Mitgift; ob der Schwiegervater zufrieden und ob der Sohn nicht ärgerlich gewesen sei, daß er zu wenig Hochzeitsgeschenke bekommen habe. Mit einem Wort, er vergaß nicht das Mindeste. Es versteht sich von selbst, daß er auch Erkundigungen darüber einzog, was für Gutsbesitzer in der Nähe wohnten, und er erfuhr, daß es deren verschiedene gäbe, einen gewissen Blochin, Potschitajew, Mylny, Oberst Tscherpakow, Sabakewitsch. „Ah! du kennst Sabakewitsch?“ fragte er die Alte, und er hörte sogleich, daß sie nicht nur Sabakewitsch, sondern auch Manilow kenne, und daß Manilow etwas „dewikater“ sei als Sabakewitsch. „Er bestellte sofort ein Huhn oder Kalbsbraten; gibt es Hammelleber, so verlangt er auch Hammelleber und ißt von allem nur ein wenig. Dagegen bestellt Sabakewitsch immer nur ein einziges Gericht, das er dann aber auch ganz aufißt. Ja, er verlangt sogar noch eine größere Portion für dasselbe Geld.“

Während er sich in dieser Weise unterhielt und vergnügt sein Spanferkel verzehrte, von dem nur noch ein kleines Stück auf dem Teller übrig blieb, hörte er plötzlich das Rädergerassel einer heranrollenden Equipage. Er blickte zum Fenster hinaus und sah eine zierliche Kutsche vor dem Wirtshaus halten, die mit drei braven Pferden bespannt war. Aus dem Wagen stiegen zwei Herren heraus. Der eine von ihnen war blond und von hohem Wuchs, der andere etwas kleiner und brünett. Der Blonde trug eine dunkelblaue Joppe, der andere hatte eine gewöhnliche buntgestreifte Morgenjacke aus Bucharischem Stoffe an. Von ferne sah man noch ein leeres Wägelchen herankommen, das von einem langhaarigen Viergespann mit zerrissenen Halsbügeln und Halftern von Hanf gezogen wurde. Der Blonde lief sofort die Treppe hinauf, während der Dunkelhaarige noch ein wenig unten blieb, den Wagen untersuchte und, während er sich mit dem Knechte unterhielt, dem herankommenden Gefährt allerhand Zeichen gab. Tschitschikow kam seine Stimme ein wenig bekannt vor. Während er ihn betrachtete, hatte der Blonde bereits die Tür gefunden und öffnete sie eben. Dies war ein hochgewachsener Mann mit schmalem Gesicht oder, wie man zu sagen pflegt, mit etwas verlebten Zügen und kleinem roten Schnurrbart. Nach seiner gebräunten Gesichtsfarbe zu urteilen, hatte er schon oft im Dampfe gestanden, wenn nicht im Pulverdampf, so doch im Tabaksdampf. Er verbeugte sich höflich gegen Tschitschikow, worauf jener mit einer gleichen Verbeugung antwortete. Sie hätten sicherlich schon nach wenigen Minuten eine Unterhaltung angeknüpft und nähere Bekanntschaft mit einander gemacht, weil der erste Schritt dazu ja schon getan war und beide fast zu gleicher Zeit ihre Freude darüber äußerten, daß der Staub auf der Landstraße durch den gestrigen Regen vollständig niedergeschlagen und daß die Reise jetzt angenehm und kühl sei, wenn nicht sein schwarzhaariger Gefährte plötzlich ins Zimmer getreten wäre; er riß seinen Hut vom Kopfe und warf ihn auf den Tisch, indem er sich mit einer kühnen Handbewegung durch das Haar fuhr. Dies war ein Mann von mittlerem Wuchs, ein stattlicher Kerl mit vollen rosigen Wangen, schneeweißen blitzenden Zähnen und pechschwarzem Backenbart. Dazu hatte er so frische Farben wie Blut und Milch; sein Gesicht strotzte förmlich vor Gesundheit.

„Ba, Ba, Ba,“ rief er plötzlich und breitete beim Anblick Tschitschikows die Arme weit aus. „Was führt Sie hierher?“

Hier erkannte Tschitschikow, daß es Nosdrjow war, jener Herr mit dem er beim Staatsanwalt gespeist und der sich mit ihm schon nach wenigen Minuten so vertraut gemacht hatte, daß er ihn zu duzen begann, obwohl ihm Tschitschikow seinerseits nicht die geringste Veranlassung dazu gegeben hatte.

„Wo warst du?“ fragte Nosdrjow und fuhr ohne die Antwort abzuwarten, sogleich fort: „Ich komme von der Messe lieber Freund; du kannst mir gratulieren. Ich bin blank; ich habe den letzten Heller dagelassen. Du wirst mir’s nicht glauben, daß ich noch nie in meinem Leben so blank war. Ich habe mir eine Droschke mieten müssen. Sieh einmal aus dem Fenster; da steht sie noch!“ Hierbei drückte er Tschitschikows Kopf herunter, sodaß dieser sich beinah am Fensterkreuz gestoßen hätte. „Sieh doch die Klepper an, die verdammten Viecher haben mich kaum bis hierher geschleppt. — Ich mußte schließlich sogar in seinen Wagen steigen.“ Bei diesen Worten zeigte Nosdrjow mit dem Finger auf seinen Gefährten:

„Ah — ihr seid noch nicht bekannt. Mein Schwager Mishujew! Wir haben schon den ganzen Morgen von dir gesprochen. ‚Paß mal auf,‘ habe ich gesagt, ‚wenn wir Tschitschikow treffen.‘ Nein, wenn du wüßtest, Bruder, wie blank ich bin. Glaub’s oder nicht, ich bin nicht nur meine vier Gäule los geworden, ich habe tatsächlich alles verjuchzt. Ich habe nicht mal mehr Uhr und Kette.“ Tschitschikow sah ihn an und überzeugte sich, daß er wirklich weder Uhr noch Kette trug. Ja, es schien ihm sogar, daß die eine Hälfte seines Backenbartes etwas kleiner und dünner war, als die andre.

„Und doch, wenn ich nur zwanzig Rubel in der Tasche gehabt hätte,“ fuhr Nosdrjow fort, „genau zwanzig und nicht mehr noch weniger, ich hätte wahrhaftig Alles wieder gewonnen, d. h. ich hätte es nicht nur wiedergewonnen, sondern, — so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich hätte jetzt noch dreißigtausend dazu in der Tasche.“

„Das hast du auch schon da gesagt,“ wandte ihm hier der Blonde ein. „Aber als ich dir die fünfzig Rubel gab, hast du sie doch gleich darauf verspielt.“

„Ich hätte sie bei Gott nicht verloren. Wahrhaftig nicht. Hätte ich damals keine Dummheit gemacht, so besäße ich sie noch jetzt.

Hätte ich nach dem Paroli der verdammten Sieben keine Ecke geschlagen, ich hätte die ganze Bank sprengen können.“

„Du hast sie doch aber nicht gesprengt,“ sagte der Blonde.

„Natürlich nicht, weil ich eben die Ecke nicht zur rechten Zeit geschlagen habe. Du glaubst wohl, daß dein Major sehr schön spielt?“

„Schön oder nicht schön, er hat dich doch gerupft.“

„Auch was Großes,“ sagte Nosdrjow.

„So hätte ich ihn auch reinlegen können. Er sollte mal versuchen, Doublet zu spielen, dann wollen wir mal sehen, was der Kerl kann. Dafür haben wir aber auch die letzten Tage fein durchgebummelt, Freund Tschitschikow. Nein wirklich, die Messe war großartig. Selbst die Kaufleute sagen, daß es noch niemals so ein Leben gab. Wir haben alles, was von meinem Gut kam, zu den höchsten Preisen losgeschlagen. Ach, Freund, wie wir gezecht haben. Wenn ich jetzt noch daran denke, Teufel .... es ist doch schade, daß du nicht dabei warst. Stell dir vor, drei Werst vor der Stadt stand ein Dragonerregiment und denk dir nur, sämtliche Offiziere, soviel überhaupt da waren, ich glaube, an die vierzig Mann hoch, kamen in die Stadt, und als dann erst das Saufen losging ...... der Stabsrittmeister Patzelujeff, das ist doch ein famoser Mensch; — hat der einen Schnurrbart, — — — so groß. Statt Kognak sagt er einfach Jäckchen. ‚Bring mir doch schnell ein Jäckchen,‘ ruft er dem Kellner zu. Leutnant Kufschinnikow ... Weißt du, Freund, ein zu netter Mensch! Ein richtiger Zechbruder, das kann man wohl sagen. Wir waren immer zusammen. Und was uns der Ponomarjow für einen Wein vorgesetzt hat! Der ist nämlich ein Gauner, mußt du wissen. Bei dem darf man nichts kaufen. Der Teufel mag wissen, womit der den Wein vermengt. Der Kerl färbt ihn mit Sandelholz, gebranntem Kork und Holundermark; wenn man ihm aber aus dem letzten Zimmer, das er sein Allerheiligstes nennt, eine Flasche herausschmuggelt, wahrhaftig Freund, dann glaubt man sich gleich im siebenten Himmel. Einen Champagner hatten wir, sage ich dir! ... Dagegen ist der des Gouverneurs das reinste Weißbier. Stell dir vor, nicht Cliquot, sondern irgend ein Cliquot-Matradura, gewissermaßen ein potenziertes Cliquot. Und dann holte ich noch eine Flasche französischen Wein, Marke Bonbon. Na, der Geruch — ff., wie Rosenknospen und sonst noch alles, was dein Herz begehrt .. Donner, haben wir gezecht! .. Nach uns kam noch ein Fürst hin. Der ließ nach Champagner schicken. — Denk dir, in der ganzen Stadt keine Flasche aufzutreiben: die Offiziere hatten den ganzen Sekt ausgetrunken. Du kannst mir’s glauben, ich allein hab während des Diners siebzehn Flaschen hinter die Binde gegossen!“

„Na, na! siebzehn Flaschen, das bringst du denn doch nicht fertig,“ bemerkte der Blonde.

„So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich hab sie doch ausgetrunken.“

„Du magst reden was du willst. Ich sage dir, du kannst nicht einmal zehn bewältigen.“

„Was gilt die Wette!?“

„Wozu denn wetten!“

„Gut, wetten wir um die Flinte, die du dir in der Stadt gekauft hast!“

„Ich mag nicht.“

„Ach was, tu’s doch, versuch’s nur!“

„Ich will’s aber nicht versuchen.“

„Du hast wohl keine Lust, deine Flinte zu verlieren! Hör mal, Freund Tschitschikow, hab ich’s aber bedauert, daß du nicht dabei warst. Ich bin sicher, du hättest dich von Leutnant Kufschinnikow garnicht trennen können. Ihr hättet euch gleich verstanden. Der ist nicht wie der Staatsanwalt und die hiesigen Provinzgrößen unserer Stadt, die für jede Kopeke zittern. Der macht alles mit: einen Landsknecht, Pharao, ein Pokerchen, hält ein Bänkchen und alles, was du willst. Ach, Tschitschikow, nun was hätte es dich gekostet, mitzumachen. Wirklich, du bist ein Schwein, alter Saukerl du! Gib mir ’nen Kuß! Ich hab dich schrecklich lieb. Nimm mal den Mishujew, das Schicksal hat uns zusammengeführt; was ist er mir und was bin ich ihm? Kommt eines schönen Tages angefahren, Gott weiß woher! Zufälliger Weise muß ich auch gerade hier wohnen .... Und wieviel Wagen da waren, lieber Freund! Es ging alles ins Große, weißt du. Engros! Ich hab auch mal Fortuna versucht und zwei Büchschen Pomade, eine Porzellantasse und eine Gitarre gewonnen. Dann hab ich nochmal mein Glück probiert und alles wieder verloren, so ’ne Gemeinheit, und noch sechs Rubel dazu. Wenn du wüßtest, was für ein Don Juan der Kufschinnikow ist. Ich war auf allen Bällen mit ihm zusammen. Da war eine, die war so aufgeputzt: Rüschen und Spitzen, und weiß der Teufel, was die nicht alles an sich sitzen hatte. Ich dachte mir immer, Teufel! Der Kufschinnikow aber — so ’ne Bestie, was? — Setzt sich zu ihr und bekomplimentiert sie auf französisch. Du kannst mir’s glauben, der würde nicht einmal ein Bauernweib durchlassen. Das nennt er „Erdbeeren pflücken“. Es waren auch herrliche Fische, und vor allem Störe angekommen. Ich habe einen mitgebracht — noch gut, daß mir der Gedanke kam einen zu kaufen, solange ich noch Geld hatte. Wo reist du denn jetzt hin?“

„Ach, ich will zu einem Menschen hier,“ sagte Tschitschikow.

„Zu was für einem Menschen? Ach was, laß ihn laufen! Komm! wir fahren zusammen zu mir nach Hause!“

„Nein, nein, es geht nicht. Ich habe zu tun.“

„Ach was, zu tun! Hat sich was ausgedacht! Oh du Opodeldok Iwanowitsch!“

„Nein wirklich, ich habe zu tun, und sogar etwas sehr Wichtiges!“

„Ich möchte darauf wetten, du lügst! Also sag mal, zu wem fährst du?“

„Nun meinetwegen. Zu Sabakewitsch.“

Hier brach Nosdrjow in jenes laute und helle Lachen aus, dessen nur ein frischer und gesunder Mensch fähig ist, der dabei seinen Mund weit auftut, uns die ganze Reihe seiner Zähne sehen läßt, die tadellos und blendend weiß sind wie Zucker, während seine Gesichtsmuskeln hüpfen und springen, sodaß der Nachbar im dritten Zimmer, das durch zwei Türen von ihm getrennt ist, aus dem Schlaf in die Höhe fährt, die Augen aufreißt und ausruft: „Was mag bloß in den gefahren sein!“

„Was gibt es hier zu lachen?“ sagte Tschitschikow, der sich ein wenig über das Gelächter ärgerte.

Aber Nosdrjow fuhr fort, aus vollem Halse zu lachen, indem er zwischendurch rief: „Nein, bitte, verschone mich; ich berste vor Lachen!“

„Das ist durchaus nicht lächerlich: ich habe ihm mein Wort gegeben,“ sagte Tschitschikow.

„Aber du wirst ja deines Lebens nicht froh, wenn du zu ihm hinfährst; das ist doch ein ganz gemeiner Geizhals, ein Halsabschneider! Ich kenne doch deinen Charakter; du befindest dich in einem ungeheueren Irrtum, wenn du glaubst, du findest dort Gelegenheit zu einem kleinen Spielchen, eine gute Flasche Bonbon oder sonst was. Hör mal, lieber Freund! Hol doch der Teufel diesen Sabakewitsch! Komm zu mir! Ich setze dir einen Stör vor. Der Ponomarjow, diese Bestie hat nur immer Kratzfüße gemacht und versichert: ‚Ich tue es nur für Sie! Sie können die ganze Messe absuchen und werden keinen solchen finden.‘ Übrigens ein durchtriebener Spitzbube. Ich habe es ihm gleich ins Gesicht gesagt: ‚Sie und unser Branntweinpächter, ihr seid die größten Gauner, die es auf der Welt gibt,‘ hab ich ihm gesagt. Dabei lacht die Bestie und streicht sich den Bart. Kufschinnikow und ich, wir haben jeden Tag in seinem Laden gefrühstückt. Richtig, lieber Freund, beinah hätte ich vergessen, es dir zu sagen: ich weiß zwar, du wirst mich nicht in Ruhe lassen, aber ich sage es dir im voraus, du kriegst ihn nicht einmal für zehntausend Rubel!“ „He Porphyr!“ rief er seinem Diener zu, indem er ans Fenster trat. Dieser stand mit einem Messer in der einen Hand da, während er in der andern eine Brotrinde und ein Stück Stör hielt, das er mit einem glücklichen Griff erwischt hatte, als er gerade etwas aus dem Wagen holen wollte. „He, Porphyr!“ schrie Nosdrjow, „bring doch mal den kleinen Köter herauf!“ „Ein feiner Köter! Was!“ fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte. „Natürlich gestohlen! Der Besitzer wollte ihn um keinen Preis hergeben. Ich bot ihm die hellbraune Stute dafür, weißt du, die, welche ich vom Chwostyrjow erstanden habe.“ Übrigens hatte Tschitschikow sein Lebtag weder Chwostyrjow noch die braune Stute gesehen.

„Wollen der gnädige Herr nichts zu sich nehmen?“ sagte jetzt die Alte, indem sie sich ihm näherte.

„Nein! Nichts! Ich sag dir Freund! Wir haben gebummelt! Übrigens kannst du mir einen Schnaps geben! Was habt ihr für welchen?“

„Anis“, antwortete die Alte.

„Nun meinetwegen, einen Anis,“ rief Nosdrjow.

„Dann gib mir gleich auch ein Gläschen!“ sagte der Blonde.

„Im Theater war eine Sängerin, die sang ganz wie ’ne Nachtigall, so’ne Kanaille! Kufschinnikow, der neben mir saß, sagte zu mir: ‚Weißt du Freund das wär so was! Da möcht ich mal Erdbeeren pflücken!‘ Ich glaube die Zahl der Meßbuden war allein größer als fünfzig. Thenardi drehte sich vier Stunden lang herum, wie eine Windmühle.“ Hierbei nahm er das Gläschen aus der Hand der Alten, die sich tief vor ihm verneigte. „Her mit ihm!“ rief er plötzlich aus, als er Porphyr erblickte, der mit einem jungen Hund ins Zimmer trat. Porphyr war ebenso gekleidet wie sein Herr, auch er trug eine wattierte bucharische Joppe, die nur ein wenig fettiger war.

„Gib ihn her, leg ihn hierher, auf den Fußboden!“

Porphyr legte das Hündchen auf den Fußboden, welches seine vier Pfoten weit ausstreckte und die Diele zu beschnüffeln begann.

„Das ist ein Hund!“ sagte Nosdrjow, indem er das Tier am Wickel nahm und mit einer Hand in die Höhe hob. Das Hündchen stieß einen recht kläglichen Ton aus.

„Du hast wieder nicht getan, was ich dir befohlen habe,“ sagte Nosdrjow zu Porphyr gewendet, während er den Bauch des Hündchens aufmerksam betrachtete. „Es ist dir garnicht eingefallen, ihn zu kämmen.“

„Nein, ich habe ihn gekämmt.“

„Wo kommen denn die Flöhe her!“

„Das kann ich nicht wissen. So etwas kommt vor, vielleicht hat er sie sich im Wagen geholt!“

„Du lügst! Unsinn! Es ist dir nicht im Traume eingefallen, ihn zu kämmen; ich glaube, der Esel hat ihm noch von den seinigen abgegeben. Sieh nur, Tschitschikow, sieh nur, was für Ohren! Komm doch, streichele ihn mal!“

„Wozu! Ich sehe es ja auch so! Die Rasse ist gut,“ sagte Tschitschikow.

„Nein, streichele ihn nur mal; befühle mal die Ohren!“

Tschitschikow tat Nosdrjow den Gefallen, und nahm den Hund bei den Ohren. „Ja, es wird ein schönes Tier,“ fügte er hinzu.

„Und fühle mal seine kalte Schnauze an! Nimm doch die Hand!“ Um ihn nicht zu beleidigen, befühlte Tschitschikow auch die Schnauze, indem er bemerkte: „Kein übler Riecher!“

„Ein echter Bullenbeißer!“ fuhr Nosdrjow fort. „Ich muß gestehen, ich habe schon lange nach einem Bullenbeißer gefahndet. Da, Porphyr, trage ihn fort.“

Porphyr nahm das Hündchen beim Bauche und brachte es in den Wagen zurück.

„Hör mal, Tschitschikow, du mußt jetzt unbedingt zu mir kommen. Es sind ja nur fünf Werst von hier. Wir sind im Handumdrehen da. Nachher kannst du meinetwegen auch zu Sabakewitsch fahren.“

„Hm!“ dachte Tschitschikow, „ich könnte ja schließlich auch einen Besuch bei Nosdrjow machen. Er ist am Ende nicht schlimmer als die andern. Ein Mensch wie alle! Und zudem hat er noch Geld verloren. Der ist zu allem fähig. Dem werd ich schon umsonst etwas abtrotzen. — Also gut, meinetwegen! Nur eins, du darfst mich nicht zurückhalten; meine Zeit ist mir teuer.“

„Siehst du, Herzchen, so gefällst du mir; das ist nett von dir. Komm, laß dir einen Kuß dafür geben!“ Und Nosdrjow und Tschitschikow umarmten und küßten sich herzlich. „Famos, jetzt fahren wir zu dritt!“

„Nein, mich mußt du schon entschuldigen,“ sagte der Blonde. „Ich muß nach Hause.“

„Ach, Torheiten, Freund! Ich laß dich nicht fort.“

„Nein wirklich, meine Frau wird sonst böse; übrigens kannst du ja jetzt in seinen Wagen steigen.“

„Nein, nein, nein! Du sollst garnicht daran denken.“

Der Blonde war einer von jenen Menschen, in deren Charakter man zuerst einen gewissen Starrsinn zu entdecken glaubt. Man hat kaum Zeit den Mund zu öffnen, da fallen sie einem schon streitlustig ins Wort, und niemals werden sie etwas zugeben, was ihrer Denkweise widerspricht. Es scheint einem, daß sie nie einen Dummen klug nennen und vor allem niemals nach der Pfeife eines anderen tanzen werden. Am Ende aber zeigt es sich, daß in ihrem Wesen etwas Weiches, Nachgiebiges liegt, daß sie schließlich gerade das zugeben, was sie erst bestritten haben, das Dumme — klug nennen und den herrlichsten Tanz nach der fremden Pfeife aufführen. Sie fangen forsch an und enden schmählich.

„Ah, Torheiten,“ antwortete Nosdrjow auf einen Einwand des Blonden, drückte ihm den Hut auf den Kopf und — der Blonde folgte ihnen auf dem Fuße.

„Gnädiger Herr, der Schnaps ist noch nicht bezahlt,“ rief die Alte ihnen nach.

„Schon recht, schon recht, Mütterchen! Sei so gut, lieber Schwager, bezahle du für mich! Ich habe nicht mal Kupfer in der Tasche.“

„Was bekommst du?“ fragte der Schwager.

„Es ist nicht der Rede wert, Väterchen. Es macht ja nur achtzig Kopeken.“

„Du lügst! Gib ihr ’nen halben Rubel! das ist mehr als genug.“

„Ein bissel wenig, gnädiger Herr,“ sagte die Alte. Indessen nahm sie das Geld dankend an und lief atemlos voraus, um die Türe zu öffnen. Sie hatte nichts verloren, denn der Schnaps kostete nicht den vierten Teil von dem, was sie gefordert hatte.

Die Reisenden stiegen ein und nahmen in ihren Kutschen Platz. Tschitschikows Wagen fuhr neben der Equipage, in der Nosdrjow und sein Schwager saßen, her, und so konnten sich alle drei während des ganzen Weges bequem miteinander unterhalten. Nosdrjows kleiner, mit den dürren Mietspferden bespannter Wagen folgte langsam nach und blieb immer mehr zurück. In ihm saß Porphyr mit dem jungen Hunde.

Da das Gespräch, in welches unsere Reisenden vertieft waren, sicherlich kein großes Interesse für den Leser haben dürfte, werden wir gut tun, diese Zeit zu benutzen, um einige Worte über Nosdrjow selbst zu sagen, der vielleicht nicht die geringste Rolle in unserer Dichtung spielen wird.

Nosdrjows Gesicht ist dem Leser wahrscheinlich schon ein wenig bekannt. Ein jeder von uns wird Leuten dieses Schlages sicherlich mehr als einmal begegnet sein. Man nennt sie forsche Burschen; schon als Knaben und in der Schule gelten sie als gute Kameraden und kriegen bei alledem ihre Prügel, die oft sehr schmerzhaft sind. Aus ihrem Gesicht spricht Offenheit, Gradheit und eine gewisse Bravour. Sie schließen schnell Freundschaften, und eh man sich’s versieht, duzen sie einen schon. Sie schwören immer ewige Freundschaft, und fast scheint’s, daß sie ihr Versprechen auch halten werden; aber dann kommt es beinahe immer so, daß der neue Freund sie noch am selben Abend beim freundschaftlichen Mahle durchprügelt. Das sind stets Schwätzer, Zechbrüder, feine Jungens, mit einem Wort Leute, die was bedeuten. Nosdrjow war mit fünfunddreißig Jahren noch genau derselbe, wie mit siebzehn und zwanzig: er liebte es noch immer, zu bummeln und sich zu amüsieren. Die Ehe hatte ihn nicht im geringsten verändert, um so weniger, als seine Frau sehr bald ins bessere Jenseits einging, und ihn mit zwei Kindern zurückließ, die er absolut nicht brauchen konnte. Übrigens hatte er die Aufsicht über die Kinder einer recht appetitlichen Wärterin anvertraut. Er konnte es zu Hause nie länger als einen Tag aushalten. Seine feine Nase roch es auf fünfzig Werst heraus, wenn es irgendwo eine Messe gab, wo viele Menschen zusammenkamen und Feste und Bälle gefeiert wurden; im selben Augenblick war er da, stiftete Streit und Unordnung am grünen Tisch, denn er war, wie all diese Leute ein leidenschaftlicher Kartenspieler. Wie wir schon aus dem ersten Kapitel erfahren haben, spielte er nicht ganz korrekt und sauber, er kannte eine Reihe von Kniffen und Kunststücken, und daher gab’s am Ende des Spiels gewöhnlich ein andres Spiel: entweder er bekam eine Tracht Prügel und ein paar tüchtige Fußtritte oder man zupfte ihn an seinem schönen dicken Backenbart, so daß er manchmal nur mit einer Bart-Hälfte nach Hause kam, die auch nur noch recht dürftig aussah. Aber seine gesunden runden Backen waren aus so gutem Stoff gemacht und wurden von einer so intensiven animalischen Kraft durchflutet, daß der Backenbart bald wieder nachwuchs und noch schöner wurde, als früher. Und was dabei das Merkwürdigste war, und sicherlich nur allein in Rußland passieren kann, — schon nach ganz kurzer Zeit war er wieder mit seinen Freunden zusammen, die ihn so hergenommen hatten, man begrüßte sich, wie wenn nichts vorgefallen wäre, und auch er tat seinerseits nicht im geringsten beleidigt.

Nosdrjow war in gewisser Beziehung eine geschichtliche Persönlichkeit. Es gab keine einzige Gesellschaft, an der er teilnahm, wo nicht irgend eine „Geschichte“ passierte. Irgendeine „Geschichte“ gab es immer: entweder er wurde von ein paar Gendarmen beim Arm gefaßt und aus dem Saal geführt, oder seine eigenen Freunde sahen sich gezwungen, ihn hinauszubefördern. Und wenn es nicht gerade dies war, etwas ereignete sich auf jeden Fall, was einem andern nie passiert wäre, sei es, daß er sich in der Restauration so sehr betrank, daß er garnicht aus dem Lachen herauskommen konnte, oder daß er sich so in seine eigenen Lügen verstrickte, sodaß ihm zuletzt selbst davor übel wurde. Dazu log er ohne jeden Grund und Anlaß. Plötzlich konnte es ihm einfallen, zu erzählen, er habe einmal ein Pferd mit blau und rot gestreiftem Fell gehabt oder irgend einen ähnlichen Blödsinn, bis alle Anwesenden weggingen und sagten: „Na Bruder, mir scheint, du fängst an zu schwindeln!“ Es gibt Menschen, die eine wahre Leidenschaft haben, ihrem Nächsten einen üblen Streich zu spielen, ohne die geringste Ursache dazu zu haben. So gibt es zum Beispiel Leute von hohem Range, edlem Äußern und mit einem Stern auf der Brust, die einem freundlich die Hand drücken, sich über die tiefsten und erhabensten Gegenstände unterhalten, welche unseren Geist beschäftigen, um einem plötzlich ganz offen vor aller Augen einen niederträchtigen Streich zu spielen, wie er wohl eines ganz gewöhnlichen Kollegienregistrators, nicht aber eines Mannes würdig ist, der einen Stern auf der Brust trägt und über die tiefsten und erhabensten Gegenstände spricht, die unseren Geist beschäftigen, sodaß man dasteht und staunt, und höchstens mit den Achseln zuckt. Auch Nosdrjow hatte diese merkwürdige Liebhaberei. Je näher sich einer ihm anschloß, um so ärger trieb er es mit ihm: er verbreitete allerhand unmögliche Gerüchte, wie sie sich kaum törichter und dümmer erfinden lassen, machte Verlobungen rückgängig, verdarb einem das Geschäft und hielt sich dabei keineswegs für den Feind des Betreffenden; im Gegenteil, fügte es sich so, daß man wieder mit ihm zusammentraf, dann kam er einem höchst freundschaftlich entgegen und sagte sogar: „Du bist doch ein ganz gemeiner Kerl! Warum besuchst du mich niemals?“ Nosdrjow war in mancher Beziehung ein wirklich vielseitiger Mensch, d. h. er war in allen Sätteln gerecht. In demselben Augenblick war er bereit, euch bis an alle vier Enden der Welt zu begleiten, an jedem Abenteuer teilzunehmen, jeden Tausch mit euch einzugehen. Flinten, Hunde, Pferde waren Tauschobjekte für ihn, aber er hatte durchaus nicht etwa den Hintergedanken, dabei zu gewinnen; dies war nur die Folge einer gewissen Lebhaftigkeit und Keckheit, die in seinem Charakter lagen. War es ihm geglückt, auf der Messe einem Einfaltspinsel zu begegnen und ihn im Spiel zu rupfen, dann kaufte er alles Mögliche zusammen, was er im ersten besten Laden vorfand: Halsbügel für seine Pferde, Räucherkerzchen, allerhand Tücher für das Kindermädchen, einen Hengst, Rosinen, eine silberne Waschschüssel, holländische Leinwand, Gerstenmehl, Tabak, Pistolen, Heringe, Bilder, Schleifsteine, Töpfe, Stiefel, Porzellangeschirr, bis ihm das Geld ausging. Übrigens passierte es nur höchst selten, daß er all die schönen Dinge mit nach Hause brachte: gewöhnlich wurde er sie noch am selben Tage wieder los, indem er sie an einen andern glücklichern Spieler verspielte, der häufig noch die eigne Pfeife, den Tabakbeutel und ein Mundstück, oder wohl gar noch das ganze Viergespann mit allem Zubehör: Wagen und Kutscher dazu bekam, sodaß der Herr selbst in einem kurzen Röckchen oder einer bucharischen Joppe auf die Suche nach einem Freunde gehen mußte, der ihn in seinem Wagen mitnahm. So war Nosdrjow! Vielleicht wird man ihn einen verbrauchten Typus nennen und sagen, heutzutage gebe es ja gar keine Nosdrjows mehr! Ach nein! Die Menschen, die so reden, haben sicherlich unrecht. Nosdrjow wird nicht so bald aus dieser Welt verschwinden. Er ist überall, mitten unter uns, und trägt vielleicht zufälligerweise nur einen andern Rock; aber die Menschen sind leichtsinnig und oberflächlich; wie oft halten sie jemand, wenn er nur einen andern Rock anhat, auch für einen ganz andern Menschen!

Unterdessen hielten die drei Wagen bereits vor der Freitreppe des Nosdrjowschen Hauses. Im Hause waren keinerlei Vorbereitungen für ihren Empfang getroffen. Mitten im Speisezimmer standen zwei Arbeiter auf einer Stehleiter, weißten die Wände und sangen ein monotones Lied dazu, das gar kein Ende nehmen wollte; der ganze Fußboden war mit Kalk bespritzt. Nosdrjow rief den Leuten sogleich zu, sie sollten sich mitsamt ihrer Stehleiter hinauspacken und lief dann ins nächste Zimmer, um dort weitere Befehle zu erteilen. Die Gäste hörten, wie er beim Koch ein Mittagessen bestellte; Tschitschikow, der bereits wieder einigen Appetit verspürte, ersah daraus, daß sie sich wohl kaum vor 5 Uhr zu Tische setzen würden. Nosdrjow kam bald darauf zurück, um seine Gäste zu einem Spaziergang durch sein Gut mitzunehmen und ihnen alle Sehenswürdigkeiten desselben zu zeigen. Sie brauchten etwas mehr als zwei Stunden, um alles in Augenschein zu nehmen. Nosdrjow ruhte nicht eher, als bis er ihnen alles gezeigt hatte, bis ihm nichts mehr zu zeigen übrig blieb. Zuerst begab man sich in den Pferdestall, wo man zwei Stuten, einen grauen Apfelschimmel, einen Fuchs und einen braunen Hengst besichtigte. Der Hengst sah nicht gerade stattlich aus, aber Nosdrjow versicherte und schwor, daß er zehntausend Rubel für ihn bezahlt habe.

„Zehntausend waren es sicher nicht,“ bemerkte der Schwager, „der ist noch keine tausend wert.“

„Bei Gott! Er kostet zehntausend!“ sagte Nosdrjow.

„Du kannst schwören, soviel du willst,“ erwiderte der Schwager.

„Nun gut, willst du wetten?“ sagte Nosdrjow.

Aber der Schwager wollte nicht wetten.

Dann zeigte Nosdrjow den Gästen einen leeren Verschlag, in dem früher ein paar gute Pferde gestanden hatten. Daselbst befand sich auch ein Ziegenbock, der nach einem alten Aberglauben in keinem Pferdestall fehlen darf, und der sich mit seinen Genossen offenbar recht gut vertrug, denn er spazierte unter ihren Bäuchen hindurch, als ob er zu Hause wäre. Dann führte Nosdrjow die beiden Herren weiter, um ihnen einen kleinen Wolf zu zeigen, welcher an der Kette lag. „Das ist ein junger Wolf!“ sagte er, „ich füttere ihn absichtlich mit rohem Fleisch!“ Dann sah man sich noch einen Teich an, in dem sich, nach Nosdrjows Worten, Fische von solcher Größe befanden, daß mindestens zwei Menschen dazu gehörten, um einen davon aus dem Wasser zu ziehen. Übrigens unterließ es der Schwager auch diesmal nicht, seine Zweifel zu äußern. „Hör mal Tschitschikow,“ sagte Nosdrjow, „ich will dir ein paar herrliche Hunde zeigen: man glaubt gar nicht, was die für kräftige Muskeln haben! Und die Nase! So spitz wie eine Nadel!“ Mit diesen Worten führte er sie zu einem hübschen kleinen Häuschen, das von einem großen und ringsum eingefriedigten Hof umgeben war. Als sie diesen betraten, erblickten sie eine ganze Kollektion von Hunden, wollhaarige und schlichthaarige aller nur möglichen Farben und Rassen, dunkelbraune, schwarze, schwarz- und braungefleckte, halbgescheckte, getigerte, braungescheckte, schwarzohrige, grauohrige usw. usw. ... Hier bekam man sämtliche Hundenamen und alle nur möglichen Imperative zu hören wie Beiß, Wach, Schimpf, Funke, Frechdachs, Gottseibeiuns, Störenfried, Stich, Pfeil, Schwälbchen, Schätzchen, Vorstehdame. Nosdrjow bewegte sich unter ihnen ganz wie ein Vater in seiner Familie: sie kamen alle mit freudig erhobenen Schwänzen, die man in der Jägersprache Ruten nennt, auf die Gäste zugestürzt und begrüßten sie lebhaft. Etwa zehn Stück sprangen an Nosdrjow empor und legten ihm ihre Pfoten auf die Schultern. „Schimpf“ bezeugte dieselbe Freundschaft für Tschitschikow und versetzte ihm, indem er sich auf die Hinterbeine stellte, einen herzhaften Kuß, sodaß jener schleunigst ausspie. Dann ging man zur Besichtigung der Hunde über, deren Muskelkraft Nosdrjows Stolz bildete — und in der Tat, die Hunde waren gut. Hierauf sah man sich noch eine Hündin aus der Krim an, welche schon blind war und nach Nosdrjows Worten bald verrecken mußte. Vor zwei Jahren sei es noch eine recht gute Hündin gewesen. Man nahm auch diese Hündin in Augenschein, und siehe da, sie war wirklich blind. Von hier aus ging man weiter, um eine Wassermühle anzusehen, der die Achse fehlte, an welcher der obere Mühlstein befestigt ist, und um die er sich mit großer Geschwindigkeit dreht, oder an der er nach dem seltsamen Ausdruck des russischen Bauern herauf und herunter hüpft, weswegen er auch der „Hüpfer“ genannt wird. „Nun kommt bald die Schmiede,“ sagte Nosdrjow. Nach einigen Schritten erblickten sie tatsächlich eine Schmiede, deren Betrachtung man gleichfalls einige Augenblicke widmete.

„Auf diesem Felde,“ sagte Nosdrjow, indem er mit dem Finger hinzeigte, „gibt es eine solche Unmenge von Hasen, daß man die Erde garnicht sieht. Ich selbst habe neulich einen mit der Hand bei den Hinterläufen erwischt.“

„Na, weißt du, mit der Hand erwischst du keinen Hasen.“

„Und ich hab doch einen gefangen! Wahrhaftig!“ antwortete Nosdrjow. „So, nun will ich dich an die Grenze meines Gutes führen,“ setzte er hinzu, indem er sich an Tschitschikow wandte.

Nosdrjow führte seine Gäste über das Feld, das stellenweise mit kleinen Mooshügeln bedeckt war. Die Gäste mußten den Weg über Brachland und geeggte Saatfelder nehmen. Tschitschikow verspürte eine gewisse Ermüdung. An vielen Stellen sanken ihre Füße in dem Sumpfe ein: so tief war das Land gelegen. Anfangs nahmen sie sich in acht und traten vorsichtig auf, da sie aber sahen, daß das doch nichts half, marschierten sie einfach drauflos, ohne zu fragen, wo der Dreck am höchsten lag. Nachdem sie ein beträchtliches Stück Weges zurückgelegt hatten, erblickten sie in der Tat die Grenze, welche durch einen hölzernen Pfahl und einen schmalen Graben markiert wurde.

„Das ist die Grenze,“ sagte Nosdrjow. „Alles was diesseits liegt — dies alles ist mein Eigentum, und sogar jener Wald, den ihr da auf der anderen Seite schimmern seht, und das ganze Stück, das hinter dem Walde liegt, gehört mir.“

„Seit wann ist denn das dein Wald?“ fragte der Schwager. „Hast du ihn etwa neulich angekauft? Früher gehörte er dir doch nicht.“

„Ja, ich habe ihn vor kurzem gekauft,“ sagte Nosdrjow.

„Wie ging denn das so schnell?“

„Ich habe ihn erst vorgestern gekauft und teuer genug bezahlen müssen, weiß der Teufel!“

„Aber du warst doch die ganze Zeit über auf der Messe?“

„Ach, du alter Sophron, kann man denn nicht auf der Messe sein und zugleich Land kaufen. Nun ja, ich war auf der Messe und in meiner Abwesenheit hat der Verwalter das Gehölz gekauft.“

„Es müßte denn schon der Verwalter sein,“ sagte der Schwager, noch immer zweifelnd und schüttelte den Kopf.

Die Gäste kehrten auf demselben elenden Wege nach Hause zurück. Nosdrjow führte sie in seine Stube, in der übrigens nichts von alledem zu entdecken war, was man gewöhnlich in einem Arbeitszimmer vorzufinden pflegt, d. h. weder Bücher noch Papiere, an der Wand hingen nur ein Säbel und zwei Flinten, eine zu dreihundert, und eine andere zu achthundert Rubel. Der Schwager sah sich im Zimmer um und schüttelte bloß den Kopf. Dann zeigte Nosdrjow seinen Freunden noch einige türkische Dolche; auf einem von ihnen las man die Inschrift „Meister Sawelij Sibirjakow“, die wohl nur durch ein Versehen in ihn eingegraben worden war. Darnach bekamen die Gäste eine Drehorgel zu sehen, auf der Nosdrjow sogleich irgend ein Stück vortrug. Die Drehorgel hatte keinen unangenehmen Klang, nur schien in ihrem Inneren etwas passiert zu sein, denn die Mazurka, welche Nosdrjow spielte, ging plötzlich in das Lied: „Held Malborough zog in die Schlacht“ über, und dieses schloß wiederum mit einem altbekannten Walzer. Nosdrjow drehte schon lange nicht mehr, aber das Instrument hatte eine sehr kecke Pfeife, die durchaus nicht zum Schweigen zu bringen war und noch lange für sich allein weitertönte. Dann ging man zu den Tabakspfeifen über, deren Nosdrjow eine ganze Kollektion besaß: Holz-, Ton- und Meerschaumpfeifen, eingerauchte und nicht eingerauchte, mit Lederüberzügen und ohne solche usw.; man sah sich auch ein Pfeifenrohr mit einer Bernsteinspitze, das Nosdrjow erst vor kurzem im Spiele gewonnen und einen gestickten Tabaksbeutel an, das Geschenk einer Gräfin, welche sich auf einer Poststation bis über die Ohren in ihn verliebt hatte, und deren Händchen das „subtilste Superflüh“ waren, ein Ausdruck, der für ihn wahrscheinlich soviel wie die höchste Vollkommenheit bedeutete. Nachdem man ein paar Schnitten Stör zu sich genommen hatte, setzte man sich gegen fünf Uhr zu Tisch. Das Mittagessen spielte offenbar in Nosdrjows Leben keine sehr bedeutende Rolle, denn er schien keinen sehr großen Wert auf die Zubereitung der Speisen zu legen; sie waren teils angebrannt, teils noch nicht ganz gar. Der Koch ließ sich wahrscheinlich mehr durch eine gewisse Inspiration leiten und bediente sich bei der Herstellung der Gerichte aller guten Dinge, die ihm gerade unter die Hand kamen: stand zufälligerweise die Pfefferdose in seiner Nähe, dann schüttete er Pfeffer in den Kochtopf — lag ein Kohlkopf auf dem Tisch, so tat er auch Kohl hinein und gab noch Milch, Schinken und Erbsen dazu — mit einem Wort: er schüttete aufs Geradewohl etwas zusammen, die Hauptsache war, daß das Gericht recht heiß war, irgend einen Geschmack würde es schon haben! Dafür legte Nosdrjow ein großes Gewicht auf die Weine: die Suppe stand noch nicht auf dem Tisch, da schenkte er den Gästen schon ein Glas Portwein und ein zweites mit Haut Sauterne ein. In den Provinz- und in den Kreisstädten gibt es nämlich keinen gewöhnlichen Sauterne. Dann ließ Nosdrjow noch eine Flasche Madeira auftragen, „wie ihn selbst der Feldmarschall nicht besser getrunken hat“. Und in der Tat, der Madeira brannte einem in der Kehle, denn die Kaufleute, welche den Geschmack ihrer Kunden — der Gutsbesitzer kannten, die einen kräftigen Madeira liebten, versetzten ihn tüchtig mit Rum und bisweilen auch mit Königswasser, in der richtigen Erwägung, daß ein russischer Magen alles vertragen könne. Zuletzt ließ sich Nosdrjow noch eine ganz besondere Flasche bringen, die, wie er sagte, eine Art von Synthese aus Champagner und Bourgognon enthielt. Er schenkte rechts und links mit großem Eifer die Gläser voll und erwies dabei seinem Schwager und Tschitschikow die gleiche Aufmerksamkeit; doch machte Tschitschikow die Beobachtung, daß er sich selbst dabei am schlechtesten bedachte. Dies veranlaßte ihn, auf der Hut zu sein; wenn Nosdrjow gerade ins Gespräch mit seinem Schwager vertieft war, oder ihm das Glas vollschenkte, benutzte Tschitschikow den Moment, um den Inhalt seines Glases in den Teller zu schütten. Bald darauf wurde auch eine Flasche Vogelbeerschnaps hereingetragen, die nach Nosdrjows Worten ganz wie Sahne schmeckte, aber seltsamerweise nur kräftig nach Fusel roch. Hierauf trank man noch einen Balsam, der einen Namen trug, welcher sich sogar äußerst schwer aussprechen ließ, und den der Wirt selbst bei der nächsten Gelegenheit ganz anders bezeichnete. Das Mittagessen war längst zu Ende, die Weine waren alle ausprobiert, aber die Gäste saßen noch immer an der Tafel, Tschitschikow konnte sich durchaus nicht entschließen, mit Nosdrjow in Gegenwart des Schwagers über den Gegenstand zu sprechen, der ihm am meisten am Herzen lag: der Schwager war schließlich doch ein fremder Mensch, die Sache selbst aber konnte nur in einer vertraulichen und freundschaftlichen Unterhaltung erledigt werden. Übrigens war der Schwager schwerlich ein Mensch, der ihm gefährlich werden konnte, denn wie es schien, hatte er gehörig geladen, er saß nämlich stumm auf seinem Stuhle und sank beständig mit dem Kopf vornüber. Endlich mußte er wohl selbst gemerkt haben, daß er sich in einem ziemlich hoffnungslosen Zustande befand, denn er bat Nosdrjow, ihn doch heimfahren zu lassen, und er tat dies mit einer so matten und müden Stimme, als zöge man — um mich eines volkstümlichen russischen Ausdrucks zu bedienen — dem Pferde das Zaumzeug mit der Zange über den Kopf.

„Nein, nein, nein! Ich lasse dich nicht fort!“ sagte Nosdrjow.

„Quäl mich doch nicht, lieber Freund! Wirklich, ich will fahren!“ bat der Schwager, „du mußt mich nicht so peinigen!“

„Unsinn! Torheiten! Komm wir spielen noch einen kleinen Pharao.“

„Nein, Bester, spiel lieber allein! Ich kann wirklich nicht, meine Frau wird es mir sehr übel nehmen; ich muß ihr auch noch von der Messe erzählen. Wahrhaftig Freund! es ist meine verfluchte Schuldigkeit, ihr dies kleine Vergnügen zu bereiten. Bitte halte mich nicht auf!“

„Hol doch die Frau der T....! Als ob das so was wichtiges wäre, was ihr miteinander zu tun habt!“

„Nein wirklich, Freund! Sie ist so gut, meine Frau — so brav und treu, eine musterhafte Gattin! Sie tut mir jeden Gefallen. Das kannst du mir glauben, ich bin oft gerührt, bis zu Tränen gerührt. Nein, suche mich nicht zum Bleiben zu veranlassen; so wahr ich ein ehrlicher Mann bin — ich muß fahren. Ich gebe dir mein Wort darauf! Hand aufs Herz!“

„Laß ihn doch fahren, was haben wir von ihm?“ sagte Tschitschikow leise zu Nosdrjow.

„Du hast eigentlich recht!“ meinte Nosdrjow, „ich kann diese Waschlappen nicht leiden!“ und er fügte laut hinzu: „Nun dann hol dich der Teufel. Geh! fahr nur zu deiner Frau, du alter Pantoffelheld!“

„Nein, Freund! du darfst mich nicht Pantoffelheld schelten!“ antwortete der Schwager: „ich verdanke ihr mein Leben. Wirklich! Sie ist so lieb, so gut, so sanft und zärtlich .... mir stehen oft die Tränen in den Augen. Sie wird mich fragen, was ich auf der Messe gesehen habe — ich muß ihr alles erzählen — sie ist so lieb ....“

„Also mach, daß du fortkommst, und schwindele ihr irgend einen Blödsinn vor!“

„Nein, hör mal, lieber Freund! du darfst nicht so von ihr sprechen, damit beleidigst du gewissermaßen auch mich, sie ist so gut und lieb.“

„Nun dann packe dich doch! Mach, daß du zu ihr kommst!“

„Ja, tatsächlich, Freund, ich will fahren; verzeih, daß ich nicht bleiben kann. Ich wäre von Herzen froh, aber ich kann wahrhaftig nicht.“ Der Schwager stammelte noch lange allerhand Entschuldigungen, ohne zu merken, daß er längst im Wagen saß, schon durchs Tor gerollt war und sich unter freiem Himmel auf offenem Felde befand. Man darf annehmen, daß seine Frau recht wenig von der Messe zu hören bekommen hat.

„So ein Dreckkerl!“ sagte Nosdrjow, der ans Fenster getreten war und der davonjagenden Equipage nachblickte. „Da fährt er! Das Beipferd ist nicht übel, ich fahnde schon längst darauf. Aber mit dem Kerl wird man ja doch nicht einig. Ein alter Waschlappen und weiter nichts!“

Man trat ins Nebenzimmer. Porphyr brachte Lichter herein und Tschitschikow bemerkte plötzlich ein Spiel Karten in der Hand des Hausherrn, ohne daß er hätte sagen können, woher er es genommen hatte.

„Was meinst du zu einem kleinen Pharao, Freund!“ sagte Nosdrjow, indem er das Spiel zusammendrückte und wieder los ließ, sodaß das Kreuzband zerriß und zu Boden fiel. „So zum Zeitvertreib weißt du. Ich will die Bank mit dreihundert Rubeln halten!“

Aber Tschitschikow tat so, als ob er garnicht gehört hätte, wovon eigentlich die Rede war und sagte, wie wenn er sich plötzlich auf etwas besönne. „Ach ja, um es nicht zu vergessen, ich habe eine kleine Bitte an dich!“

„Was für eine Bitte?“

„Aber versprich mir zuerst, daß du sie erfüllen willst!“

„Was ist das für eine Bitte?“

„Nein, versprich mir’s erst! Hörst du!“

„Also gut. Meinetwegen!“

„Dein Ehrenwort!“

„Mein Ehrenwort!“

„Also: du wirst doch wohl eine ganze Reihe von toten Bauern besitzen, die noch nicht aus den Revisionslisten gestrichen sind.“

„Natürlich! und was soll das hier!“

„Übergib sie mir. Übertrage sie auf meinen Namen!“

„Und wozu brauchst du sie?“

„Ich brauche sie.“

„Nein, sag wozu?“

„Ich brauche sie eben .... das ist doch meine Sache — mit einem Wort, ich habe sie nötig.“

„Da steckt bestimmt was dahinter. Du hast sicher irgend einen Plan mit ihnen ausgeheckt. Gesteh’s nur. Was ist’s?“

„Ach was für ein Plan! Solch eine Bagatelle. Was könnte ich damit vorhaben?“

„Ja, wozu brauchst du sie denn dann?“

„Herr Gott! bist du neugierig! Du willst wohl jeden Dreck mit der Hand befühlen, und wohl gar noch dran riechen!“

„Ja, warum willst du es denn nicht sagen?“

„Was hast du denn davon, wenn ich’s dir sage? Ganz einfach, es ist so eine Laune von mir!“

„Nun gut, wenn du’s mir nicht sagt, dann tu ich’s eben nicht!“

„Hör mal, das ist wirklich unanständig von dir. Hast mir dein Wort gegeben, und willst es jetzt wieder zurücknehmen!“

„Schön, wie du willst. Ich tu’s halt nicht, bevor du mir’s sagst.“

„Was könnte ich ihm bloß sagen?“ dachte Tschitschikow; er überlegte ein wenig und erklärte dann, er brauche die toten Seelen, um sich Gewicht und Einfluß in der Gesellschaft zu verschaffen, er habe keine großen Besitzungen, und daher möchte er wenigstens einstweilen ein paar Seelen haben.

„Du schwindelst,“ sagte Nosdrjow, indem er ihm ins Wort fiel, „du schwindelst Bruder!“

Tschitschikow mußte sich selbst gestehen, daß er nicht gerade geschickt gelogen hatte, und die ersonnene Ausflucht eigentlich recht schwach war. „Nun gut, dann will ich dir die Wahrheit sagen,“ sagte er, indem er sich verbesserte, „ich bitte dich nur um eins, es nicht weiter zu plaudern. Ich habe die Absicht, mich zu verheiraten; aber leider sind der Vater und die Mutter meiner Braut höchst ehrgeizige Leute, die hoch hinaus wollen. Eine verfluchte Geschichte! ich ärgere mich beinahe, daß ich mich überhaupt darauf eingelassen habe: sie wollen partout, daß der Bräutigam mindestens dreihundert Seelen haben solle, und da mir beinahe ganze hundertfünfzig daran fehlen, so .....“

„Ne Bruder, du schwindelst!“ rief Nosdrjow wieder.

„Nein wirklich, diesmal hab’ ich auch nicht einmal soviel gelogen,“ sagte Tschitschikow, indem er mit dem Daumen auf ein winziges Stück des kleinen Fingers wies.

„Den Kopf zum Pfande, daß du schwindelst!“

„Hör mal, du beleidigt mich! Wer bin ich denn eigentlich? Warum soll ich denn durchaus lügen?“

„Aber ich kenne dich doch: du bist ja ein großer Spitzbube — gestatte mir bitte, dir das einmal in aller Freundschaft zu sagen. Wenn ich dein Chef wäre, ich ließe dich am ersten besten Baum aufhängen.“

Tschitschikow fühlte sich durch diese Bemerkung beleidigt. Jeder grobe, die Grenzen der Schicklichkeit verletzende Ausdruck berührte ihn peinlich. Alle Familiaritäten seitens anderer Personen waren ihm in der Seele zuwider, und er suchte sich ihnen zu entziehen, es sei denn, daß sie von hochgestellten Leuten ausgingen. Daher fühlte er sich jetzt im Innersten gekränkt.

„Bei Gott, ich ließe dich hängen!“ wiederholte Nosdrjow, „ich meine das ganz aufrichtig und sage das nicht um dich zu beleidigen, sondern erlaube es mir als dein Freund.“

„Alles hat seine Grenzen,“ sagte Tschitschikow mit Würde. „Wenn du dich mit solchen Redensarten brüsten willst, dann geh doch lieber in die Kaserne.“ — Und er fügte hinzu: „Willst du sie mir nicht schenken, so verkaufe sie mir wenigstens.“

„Verkaufen! Aber ich kenne dich doch. Du bist ein Hallunke. Du wirst ja doch nicht viel dafür geben.“

„Na, du kannst so bleiben! Sieh einer an, du glaubst wohl, sie sind von Edelstein, wie?“

„Da siehst du es, ich kenne dich doch.“

„Nein höre mal, Freund, was ist das für ein knickeriges Benehmen. Du solltest sie mir wahrhaftig schenken.“

„Also gut, um dir zu beweisen, daß ich nicht so ein Filz bin, will ich dir garnichts für sie abnehmen. Kauf mir einen Hengst ab, dann kriegst du sie gratis.“

„Ich bitte dich, was soll ich mit dem Hengst?“ sagte Tschitschikow, höchst verwundert über diesen Vorschlag.

„Was du damit sollst? Ich habe zehntausend Rubel für den Racker bezahlt, und du sollst ihn für viertausend haben.“

„Aber was soll ich bloß damit anfangen! Ich habe doch kein Gestüt.“

„Ja höre doch nur, du versteht mich noch nicht. Ich nehme dir doch jetzt nur dreitausend ab. Die übrigen tausend kannst du mir ja später bezahlen.“

„Ja aber, wenn ich ihn nun doch durchaus nicht brauchen kann! Gott mit ihm!“

„Nun gut, dann kauf mir die hellbraune Stute ab!“

„Ich kann auch keine Stute brauchen.“

„Ich gebe dir die Stute und das graue Pferd dazu, das du vorhin gesehen hat, für zweitausend Rubel.“

„Ich brauche keine Pferde!“ sagte Tschitschikow.

„Du kannst sie ja weiter verkaufen. Auf jeder Messe kriegst du das Dreifache für sie.“

„Dann verkauf sie doch lieber selbst, wenn du dir einen so großen Gewinn davon versprichst.“

„Ich weiß, daß ich dabei gewinne: aber ich möchte dir auch einen kleinen Vorteil zukommen lassen.“

Tschitschikow dankte ihm für seine freundliche Gesinnung und verzichtete rundweg auf die braune Stute und das graue Roß.

„So kauf mir ein paar Hunde ab! Ich habe da ein Pärchen für dich; da läuft dir gleich ein Freudenschauer über den Rücken. Einen stichelhaarigen mit borstigem Bart; die Haare stehen ihm zu Berge wie die Stacheln eines Igels, und die Rippen — die reinsten Faßreifen. Dazu die klumppatschigen Pfoten — die berühren kaum die Erde! ...“

„Ach! Ich brauche keine Hunde. Ich bin doch kein Jäger.“

„Aber ich möchte gerne, daß du ein paar Hunde hast.

Übrigens weißt du, wenn du die Hunde nicht haben willst, dann kauf mir die Drehorgel ab. Ein feines Stück, sage ich dir. Sie hat mich selbst, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, anderthalb Tausend gekostet. Dir will ich sie für neunhundert lassen.“

„Was soll ich mit der Drehorgel anfangen? Ich bin doch kein Deutscher, daß ich mit ihr von Haus zu Haus wandern und um Geld betteln könnte!“

„Aber das ist doch kein Leierkasten, wie ihn die Deutschen haben. Das ist eine Orgel, sieh sie dir mal genau an. Lauter echtes Mahagoni! Komm, ich will sie dir noch mal zeigen!“ Und Nosdrjow ergriff Tschitschikows Hand und zog ihn nach sich in das Nebenzimmer, er mochte sich sträuben, die Füße gegen den Fußboden stemmen und versichern, soviel er wollte, er kenne die Drehorgel zur Genüge, es nützte ihm alles nichts, er mußte noch einmal hören, wie Malborough in die Schlacht zog.

„Wenn du mir kein Geld geben willst, dann machen wir es folgendermaßen, weißt du. Ich gebe dir die Drehorgel und dazu alle toten Seelen, die ich habe und du überläßt mir dafür deine Kutsche und zahlst nur noch dreihundert Rubel drauf.“

„Noch mehr? Und wie soll ich fortkommen?“

„Ich gebe dir einen andern Wagen. Komm herunter in den Stall, ich will ihn dir gleich zeigen! Du mußt ihn nur neu anstreichen lassen. Dann ist es eine herrliche Kutsche!“

„Ist der von einem unruhigen Geiste besessen,“ dachte Tschitschikow und faßte den heroischen Entschluß, Nosdrjow mit seinen Kutschen, Drehorgeln und allen möglichen und unmöglichen Hunden, trotz der geradezu unerhörten, faßreifenähnlichen Rippen und klumppatschigen Pfoten ein für alle Mal loszuwerden.

„Aber du kriegst doch alles zusammen: die Kutsche, die Drehorgel und die toten Seelen.“

„Ich will aber nichts,“ sagte Tschitschikow noch einmal.

„Warum willst du bloß nicht?“

„Ganz einfach, weil ich nicht will, und damit basta!“

„Ach bist du ein Kerl! Mit dir kann man ja nicht verkehren wie mit einem guten Freunde oder Kameraden. Wirklich so ein .....! Man merkt gleich, daß du ein doppelzüngiger Mensch bist.“

„Ja bin ich denn ein Esel, wie?! Wozu soll ich mir Dinge anschaffen, die ich absolut nicht brauchen kann.“

„Nein, bitte, rede nicht! Jetzt habe ich dich durchschaut.

So ein Schuft, wahrhaftig. Also gut, höre mal, machen wir ein Partiechen Pharao. Ich setze alle toten Seelen auf eine Karte und die Drehorgel dazu.“

„Nein, mein Bester, ein Glücksspiel verlieren, das hieße sich dem dunklen Zufall aussetzen,“ sagte Tschitschikow, während er nach den Karten schielte, die jener in der Hand hielt. Beide Spiele machten einen recht wenig Vertrauen erweckenden Eindruck auf ihn. Auch die Rückseite sah recht verdächtig aus.

„Warum denn dem Zufall,“ sagte Nosdrjow, „das ist doch kein Zufall; wenn das Glück dir günstig ist, Hölle und Teufel, was kannst du da nicht alles gewinnen. Sieh doch nur, welch ein Glück, du hast,“ sagte er, indem er ein paar Karten auflegte, um Tschitschikows Spiellust anzuregen. „Nein, solch ein Glück, solch ein Glück! Das flutscht nur so. Siehst du, da ist die verfluchte Zehn, durch die ich alles verloren habe. Ich ahnte es, daß sie mich im Stiche lassen wird. Aber ich machte die Augen zu und dachte nur, hol dich der Teufel! Tu’s nur Verräterin!“

Während Nosdrjow noch sprach, brachte Porphyr eine Flasche herein. Aber Tschitschikow lehnte entschieden ab und wollte weder spielen noch trinken.

„Warum willst du denn nicht spielen?“ sagte Nosdrjow.

„Weil ich keine Lust habe. Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich überhaupt kein Freund vom Spiel.“

„Warum bist du denn kein Freund davon?“

„Weil ich halt kein Freund davon bin,“ sagte Tschitschikow und zuckte die Achseln.

„Jammerlappen, du!“

„Was soll ich machen, wenn Gott mich mal so geschaffen hat.“

„Ein Schlappschwanz und nichts weiter. Früher hielt ich dich doch wenigstens noch für einen etwas anständigeren Menschen. Aber du hast ja keine Ahnung vom guten Benehmen. Mit dir kann man nicht sprechen wie mit einem Freunde, keine Spur von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Der reinste Sabakewitsch! Solch ein Lump!“

„Sag mal, warum schimpfst du mich eigentlich? Bin ich denn schuld, daß ich nicht spielen kann? Verkauf mir doch die Seelen, wenn du schon so ein Kerl bist, der um jeden Dreck zittert!“

„Den Teufel kriegst du! Und noch dazu ohne Haare. Ich wollte sie dir zuerst gratis geben, aber jetzt bekommst du überhaupt nichts, und wenn du mir ein Königreich dafür bötest, ich geb sie nicht her. So ein Beutelschneider! So’n dreckiger Lehmbudiker! Von nun ab will ich mit dir überhaupt nichts zu tun haben. Porphyr geh mal runter und sag dem Stalljungen, er soll seinen Pferden keinen Hafer geben. Die brauchen nichts wie Heu zu fressen.“

Dieser Schluß kam Tschitschikow in der Tat unerwartet.

„Hätt’ ich dich doch lieber gar nicht gesehen!“ sagte Nosdrjow.

Dieser Zwist hinderte indessen den Hausherrn und seinen Gast nicht, zusammen zu Abend zu speisen, obwohl diesmal keine Weine mit komplizierten und merkwürdigen Namen auf dem Tische prangten. Nur eine einzige Flasche stand einsam da, mit einer Art Cypernwein, der aber im übrigen nichts anderes war, als was man einen sauren Krätzer zu nennen pflegt. Nach dem Abendessen führte Nosdrjow Tschitschikow in ein Seitengemach, wo bereits ein Bett für ihn aufgeschlagen war und sagte: „Da ist dein Bett. Ich mag dir nicht einmal gute Nacht wünschen.“

Mit diesen Worten ging er hinaus und ließ Tschitschikow in der allerschlechtesten Laune zurück. Er ärgerte sich innerlich über sich selbst, und machte sich Vorwürfe, daß er mitgefahren war und seine schöne Zeit unnütz verloren hatte; was er sich jedoch am wenigsten verzeihen konnte, war dies, daß er über seine eigenste Angelegenheit mit ihm gesprochen hatte; das war sehr unvorsichtig von ihm gewesen, er hatte gehandelt wie ein Tor; denn die Sache selbst war durchaus nicht von der Art, daß sie Nosdrjow — anvertraut werden konnte ... Nosdrjow war ein gemeiner Kerl; er konnte noch was hinzuschwindeln, weiß der Teufel, was für Lügen darüber verbreiten, und schließlich konnte noch eine dumme Klatschgeschichte daraus entstehen ... Fatal, höchst fatal! „Ich bin doch wirklich ein Esel!“ sprach er zu sich selber. Er schlief die Nacht über sehr schlecht. Eine gewisse Gattung ganz kleiner aber äußerst kecker und zudringlicher Insekten verfolgten ihn fortwährend mit ihren Bissen, die unerträglich schmerzhaft waren, so daß er sich mit der ganzen Hand an den betreffenden Stellen kratzte und murmelte: „Hol euch der Teufel, mitsamt Nosdrjow!“ Es war noch sehr früh, als er erwachte. Sein erster Gang, nachdem er Stiefel und Schlafrock angezogen hatte, war nach dem Stall, welcher sich am Ende des Hofes befand, wo er Seliphan den Auftrag gab, die Pferde sofort anzuspannen. Auf dem Rückwege traf er Nosdrjow, der ihm, gleichfalls im Schlafrock und mit der Pfeife im Munde, im Hofe entgegen kam.

Nosdrjow grüßte ihn freundschaftlich und fragte, wie er die Nacht geschlafen habe.

„Sehr mäßig!“ antwortete Tschitschikow trocken.

„Ich auch, Freund ...“ sagte Nosdrjow ... „weißt du, die ganze Nacht hat mich dies verdammte Viehzeug geplagt, ich mag’s garnicht erzählen; dazu habe ich nach dem gestrigen Abend einen Geschmack im Munde, wie wenn eine ganze Schwadron drin übernachtet hätte. Denk dir, mir träumte, daß ich Ruten bekomme. Wahrhaftig! Und weißt du von wem? Ich möchte wetten, daß du’s nicht errätst: vom Stabsrittmeister Pozelyjew und von Kufschinnikow.“

„Ja ja,“ dachte Tschitschikow, „es wäre wirklich nicht schlecht, wenn du einmal gründlich durchgebläut würdest.“

„Bei Gott! Es hat verflucht weh getan! Ich bin sogar davon aufgewacht; und in der Tat, es juckte mich am ganzen Körper; das verdammte Gelichter, diese Flöhe! So, gehe jetzt hinauf und zieh dich an; ich komme gleich wieder zu dir. Ich muß nur dem Schuft von Verwalter noch mal den Kopf waschen.“

Tschitschikow begab sich auf sein Zimmer, um sich zu waschen und anzuziehen. Als er gleich darauf ins Speisezimmer trat, stand schon ein Teeservice und eine Flasche Rum auf dem Tisch. Im Zimmer waren noch Spuren vom gestrigen Diner und Souper bemerkbar; Bürste und Besen hatten noch ihres Amtes nicht gewaltet. Auf dem Fußboden lagen Brodkrumen und selbst auf dem Tischtuche sah man ganze Haufen von Tabakasche herumliegen. Der Hausherr, der bald darauf hereinkam, hatte nichts an, außer einem Schlafrock, unter dem die offene mit dichten Haaren bewachsene Brust hervorguckte. So mit dem Pfeifenrohr in der einen, und mit der Tasse, aus der er ab und zu nippte, in der anderen Hand, wäre er so recht ein Bild für einen Maler gewesen, welcher die gelockten und gekräuselten oder kurz geschorenen Köpfe nicht leiden kann, wie man sie auf den Aushängeschildern der Barbierläden abgebildet findet.

„Nun also, wie denkst du?“ fragte Nosdrjow nach einer kurzen Pause, „willst du um die Seelen spielen oder nicht?“

„Ich hab dir doch schon gesagt, daß ich nicht mag; abkaufen — tue ich sie dir gern.“

„Verkaufen will ich sie nicht: das wäre nicht freundschaftlich. Ich will doch nicht weiß der Teufel wovon die Decke runterziehen. Ein Spielchen — das ist eine andre Sache. Zieh doch eine Karte!“

„Ich hab dir doch schon gesagt: ich mag nicht.“

„Und tauschen willst du auch nicht?“

„Nein!“

„Nun dann höre, wollen wir Dame spielen? Gewinnst du — so gehören sie dir — alle zusammen. Ich habe ja eine ganze Menge, die aus der Revisionsliste gestrichen werden müssen. He Porphyr! Bring doch mal das Damenbrett herein!“

„Bemühe dich bitte nicht: ich spiele doch nicht!“

„Aber das ist doch kein Glücksspiel; hier kann doch weder von Glück noch von Betrug die Rede sein, es hängt doch alles vom guten Spiel ab. Übrigens mache ich dich darauf aufmerksam, daß ich sehr schlecht spiele; du mußt mir etwas vorgeben.“

„Vielleicht ist’s das beste, ich setze mich hin und versuche es,“ dachte Tschitschikow. „Ich habe doch früher einmal garnicht übel Dame gespielt, zudem wird es ihm hier schwer werden, zu mogeln.“

„Also schön! Meinetwegen, eine Partie Dame will ich allenfalls mit dir spielen.“

„Die Seelen — gegen hundert Rubel? Gut?“

„Warum? Ich denke fünfzig sind auch genug.“

„Nein, hör mal, fünfzig, das ist doch kein Einsatz? Dann setze ich lieber noch einen gewöhnlichen Jagdhund oder eine goldene Petschaft dazu, weißt du, so eine, wie man sie an der Uhrkette trägt.“

„Nun gut! ich bin’s zufrieden,“ sagte Tschitschikow.

„Und wieviel gibst du mir vor?“ fragte Nosdrjow.

„Wie käme ich dazu? Natürlich nichts.“

„Laß mich wenigstens die ersten zwei Züge machen!“

„Nein, ich spiele selbst schlecht genug.“

„Das kennt man schon, dies schlechte Spiel!“ sagte Nosdrjow, während er anzog.

„Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen,“ sprach Tschitschikow, der gleichfalls einen Zug machte.

„Das kennt man schon — dies schlechte Spiel,“ sagte Nosdrjow und zog wieder.

„Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen,“ sprach Tschitschikow und rückte weiter vor.

„Das kennt man schon — dies schlechte Spiel,“ sagte Nosdrjow, während er wieder einen Zug machte, und dabei mit dem Ärmel seines Schlafrockes einen andern Stein verschob.

„Ich habe schon lange keinen Stein mehr in die Hand genommen! .... He, was soll das lieber Freund? nimm mal den Zug wieder zurück!“ rief Tschitschikow.

„Was?“

„Den Stein da sollst du zurückziehen,“ sagte Tschitschikow; aber jetzt erblickte er plötzlich dicht vor seiner Nase noch einen zweiten Stein, der eben im Begriff war, ins Damenfeld einzurücken. Wie der dahin gekommen war, das wußte wohl nur Gott allein. „Nein,“ sagte Tschitschikow, „mit dir kann man unmöglich spielen. Man macht doch nicht drei Züge auf einmal!“

Notes in this chapter

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