Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows oder Die Toten Seelen. Erster Teil (continued 4)
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„Wissen Sie was? das machen wir einfach so: wir schließen einen Kaufkontrakt miteinander ab, als ob sie noch am Leben wären und Sie sie mir verkauft hätten.“
„Ja, einen Kaufkontrakt ...“ sagte Pljuschkin, wurde ein wenig nachdenklich und begann wieder an seinen Lippen zu kauen. „Sie sagen, einen Kaufkontrakt — das macht wieder neue Unkosten! Die Beamten beim Gericht sind so unverschämt! Früher waren sie schon mit einem halben Rubel in Kupfer und einem Sack Mehl dazu abzufinden. Jetzt aber verlangen sie gleich eine ganze Fuhre Gerste und noch einen roten Lappen als Zugabe. So geldgierig sind sie heutzutage. Ich begreife garnicht, daß das niemand an die Öffentlichkeit bringt. Wenn man ihnen doch wenigstens eine Moralpredigt halten wollte. Mit einem guten Wort kann man schließlich jeden breitschlagen. Man mag sagen, was man will: einer tüchtigen Moralpredigt widersteht niemand!“
„Na na, du würdest ihr gewiß widerstehen,“ dachte Tschitschikow; aber er fügte gleich darauf laut hinzu, daß er aus persönlicher Hochachtung für ihn bereit sei, auch die Kosten des Kaufvertrags auf sich zu nehmen.
Als Pljuschkin hörte, daß sein Gast sogar die Spesen des Kaufvertrages zu übernehmen gedenke, schloß er hieraus, daß er ein vollendeter Narr sein müsse, und sich bloß so anstelle, als ob er im Zivildienst gewesen sei, in Wahrheit aber bei irgend einem Regiment gedient und sich mit Schauspielerinnen herumgetrieben habe. Bei alledem vermochte er es jedoch nicht, seine Freude zu unterdrücken und überhäufte den Gast mit allerhand Segenswünschen für ihn selbst und seine Kinder, ohne sich übrigens erkundigt zu haben, ob er auch welche besitze. Dann trat er ans Fenster, trommelte mit den Fingern gegen die Glasscheibe und rief: „Heh! Proschka!“ Gleich darauf hörte man, wie jemand atemlos über den Flur rannte, sich dort geräuschvoll hin und her bewegte und mit den Stiefeln aufstampfte. Endlich tat sich die Türe auf und Proschka, ein dreizehnjähriger Junge, trat herein. Er hatte so weite Wasserstiefel an, daß er sie beinahe bei jedem Schritte verlor. Warum Proschka eigentlich so große Stiefel anhatte, soll der Leser sofort erfahren. Pljuschkin besaß für seine sämtlichen Dienstboten nur ein Paar Stiefel, die immer im Vorzimmer stehen mußten. Ein jeder, der in die herrschaftlichen Gemächer beordert wurde, mußte erst quer über den ganzen Hof einen Tanz ausführen, bis er den Flur erreicht hatte, wo er die Stiefel anzog, um in diesem Aufzuge ins Zimmer zu treten. Beim Verlassen des Zimmers entledigte er sich im Flure wiederum seiner Fußbekleidung und trat den Rückweg auf seinen höchsteigenen Sohlen an. Wenn jemand zur Herbstzeit und besonders des Morgens, wenn schon der erste Reif gefallen war, aus dem Fenster geblickt hätte, so hätte er sich des schönen Anblicks erfreuen können, was für prächtige Sprünge Pljuschkins Diener vollführten.
„Sehen Sie nun diese Visage, Väterchen,“ sagte Pljuschkin zu Tschitschikow, indem er mit dem Finger auf Proschka zeigte. „Der Kerl ist so dumm wie ein Holzklotz. Aber lassen Sie bloß etwas liegen, schwupp, hat er es schon weggegrapst. Na, was willst du hier, du Esel? Ja, was denn nur?“ Hier machte er eine kleine Pause, während der Proschka gleichfalls keinen Laut von sich gab. „Stell den Samowar auf! Hörst du? Hier hast du den Schlüssel! Gib ihn der Mawra und sag ihr, sie soll in die Speisekammer gehen. Da liegt auf dem Regal noch ein Zwieback von Ostern her, Alexandra Stepanowna hat ihn mir mitgebracht; den soll sie zum Tee servieren ... Wart, wo willst du hin, dummer Kerl? Bist du ein Schafskopf! Dir sitzt wohl der Teufel in den Fersen. Hör mich doch erst an! Der Zwieback ist oben nicht mehr ganz frisch. Sie soll ihn ein bissel mit dem Messer abschaben; aber daß sie mir die Krumen nicht wegwirft! Die müssen für die Hühner übrig bleiben. Und daß du mir nicht mit ins Speisezimmer gehst: sonst gibt’s was mit der Birkenrute, verstehst du? daß du Geschmack daran bekommst. Du hast ja jetzt schon so einen guten Appetit. Den wollen wir noch ordentlich vermehren. Geh mir nur ins Speisezimmer! Ich werde schon auf deine Schliche kommen, hier vom Fenster aus. Man kann den Kerlen in nichts trauen,“ fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte, als Proschka mit seinen Siebenmeilenstiefeln bereits in der Türe verschwunden war. Hierbei warf er einen argwöhnischen Blick auf Tschitschikow. Dieser Zug einer geradezu unerhörten Großmut und Großherzigkeit kam ihm unwahrscheinlich und verdächtig vor, und er dachte sich: „Weiß der Teufel, vielleicht ist er auch nur so ein Prahlhans, wie alle diese Prasser und Verschwender! Lügt einem was vor, um ein Stündchen zu verplaudern und ein paar Tassen Tee zu trinken und macht dann, daß er fortkommt!“ Er sagte daher teils aus Vorsicht, teils um dem Gast ein wenig auf den Zahn zu fühlen, daß es nicht übel wäre, den Kaufvertrag so bald als möglich abzuschließen, denn der Mensch sei ein gar unzuverlässiges und gebrechliches Ding: heute rot, morgen tot.
Tschitschikow erklärte sich bereit, den Kontrakt auf Wunsch sofort zu unterschreiben und bat nur um ein Verzeichnis sämtlicher Bauern.
Dies beruhigte Pljuschkin. Man merkte es ihm an, daß er irgend einen Plan überdachte, und in der Tat zog er jetzt den Schlüsselbund hervor, näherte sich dem Schrank, öffnete ihn, suchte lange unter den Gläsern und Schalen herum und rief schließlich aus: „Jetzt kann ich ihn nicht finden; ich hatte da doch einen feinen Likör; wenn die Bande ihn nur nicht wieder ausgetrunken hat! Diese Leute sind die reinsten Banditen. Ah da ist er schon?“ Tschitschikow bemerkte in seinen Händen eine kleine Karaffe, die in einer Staubhülle steckte wie in einem Trikothemd. „Der stammt noch von meiner seligen Frau her,“ fuhr Pljuschkin fort, „die Schließerin, diese Spitzbübin hat ihn hier stehen lassen und sich überhaupt nicht mehr um ihn gekümmert, nicht einmal zugekorkt hat sie ihn, die Kanaille! Weiß Gott was für Würmer und Fliegen und sonstiger Plunder drin herum schwammen, aber ich habe alles herausgefischt, jetzt ist er wieder ganz rein, ich will Ihnen doch ein Gläschen einschenken.“
Aber Tschitschikow lehnte dies Anerbieten mit einigem Eifer ab und bemerkte, daß er schon gegessen und getrunken habe.
„Schon gegessen und getrunken!“ sagte Pljuschkin. „Freilich, freilich. Einen Mann von gutem Stande erkennt man doch auf den ersten Blick: er hat keinen Hunger und ist immer satt, so einen Schwindler kann man füttern, soviel man will .... Da ist z. B. der Hauptmann: wenn der angefahren kommt, dann heißt es gleich: ‚Onkelchen, haben Sie nicht etwas zu essen?‘ Dabei bin ich ebensowenig sein Onkel, wie er mein Großvater ist. Wahrscheinlich hat er selbst zu Hause nichts zu essen, darum treibt er sich überall herum! Sie brauchen also ein Verzeichnis von all diesen Faulenzern? Natürlich, Sie haben ganz recht! Ich habe sie alle miteinander, so gut es ging, auf einen besonderen Zettel geschrieben, um sie bei der nächsten Revision gleich streichen zu lassen.“ Pljuschkin setzte die Brille auf und begann in seinen Papieren herumzuwühlen. Dabei löste er die Schnur von so manchem Päckchen und warf die Papiere so durcheinander, daß eine Staubwolke dem Gaste in die Nase stieg, und dieser niesen mußte. Endlich zog er einen Zettel hervor, der beiderseits eng beschrieben war. Die Bauernnamen bedeckten ihn so dicht wie Fliegenschmutz. Da waren alle Kategorien vertreten, da gab es einen Paramonoff und Pimenow, einen Panteleimonow, ja es tauchte sogar ein gewisser Grigorij „Immerlangsamvoran“ aus der ganzen Menschenflut hervor. Im ganzen waren es etwas mehr als hundertundzwanzig. Tschitschikow lächelte unwillkürlich als er diese stattliche Zahl übersah. Er steckte den Zettel in die Tasche und erklärte Pljuschkin, er werde wohl zum Abschluß des Kaufes nach der Stadt fahren müssen.
„Nach der Stadt? Wie kann ich denn ...? Ich kann doch mein Haus nicht sich selbst überlassen! Meine Dienstboten sind lauter Diebe und Spitzbuben; die ziehen mich in einem Tage so aus, daß ich keinen Nagel mehr übrig behalte, an dem ich meinen Rock aufhängen könnte.“
„Haben Sie nicht wenigstens irgend einen Bekannten?“
„Wer sollte das sein? Meine Bekannten sind alle schon tot, oder wollen nichts mehr von mir wissen. Ach ja, doch, Väterchen! Wie denn nicht! Natürlich habe ich einen,“ rief er plötzlich aus. „Der Gerichtspräsident, das ist ja mein guter Freund! Der hat mich früher oft besucht; wie sollte ich den nicht kennen! Das ist ja mein Jugendfreund. Wie oft sind wir zusammen über so manchen Zaun geklettert. Keinen Bekannten? Ich sage Ihnen, das ist ein Bekannter! ... Ich könnte doch an ihn schreiben?“
„Aber natürlich.“
„Ein so guter Bekannter! Ein alter Schulkamerad!“
Und über das erstarrte Gesicht huschte plötzlich etwas wie ein warmer Strahl, ein schwacher Ausdruck oder doch wenigstens ein matter Abglanz eines Gefühls belebte die toten Züge; wie wenn auf der Oberfläche eines Gewässers ganz plötzlich und unerwartet ein Ertrinkender auftaucht und nun die am Ufer versammelte Menge in freudiges Jauchzen ausbricht; aber vergebens werfen die freudig erregten Schwestern und Brüder das rettende Seil aus und warten ungeduldig darauf, daß sich eine Schulter oder der vom Todeskampfe ermattete Arm aus den Fluten emporstrecke — er war zum letzten Mal emporgetaucht. Und stumm wird’s ringsumher, und schrecklicher noch, und öder erscheint jetzt die glatte ruhige Fläche des launischen Elementes. So wurde auch Pljuschkins Gesicht, nachdem der Schimmer eines Gefühls darüber hinweggeglitten war, fast noch kälter, gemeiner und gefühlloser.
„Auf dem Tisch lag doch ein Stückchen reines Papier,“ sagte er, „aber ich weiß nicht, wo es hingekommen ist: diese Taugenichtse von Dienstboten!“ — Und er guckte unter den Tisch und auf den Tisch, kramte überall herum und rief schließlich: „Mawra, he! Mawra!“ Auf sein Geschrei erschien ein Weib mit einem Teller in der Hand, auf dem der dem Leser schon bekannte Zwieback thronte. Jetzt entspann sich folgendes Gespräch zwischen beiden:
„Wo hast du das Papier gelassen, du Diebin?“
„Bei Gott, gnädiger Herr! Ich habe kein Papier gesehen, außer dem Stückchen, mit dem Sie das Spitzglas bedeckt haben.“
„Man sieht dir’s ja an den Augen an, daß du es stibitzt hast.“
„Wie käme ich dazu, es zu stibitzen? Ich wüßte doch nichts damit anzufangen. Ich kann ja nicht einmal lesen und schreiben.“
„Das lügst du, du hast es zum Küster hingetragen, das ist ein Tintenklexer, dem wirst du’s wohl gegeben haben.“
„Wenn der will, so kann er sich jederzeit Papier verschaffen. Der Küster hat Ihren Papierfetzen überhaupt nicht zu sehen bekommen!“
„Warte nur! Die Teufel werden dir beim jüngsten Gericht tüchtig zusetzen mit ihren eisernen Halseisen. Paß einmal auf, wie die dich plagen werden!“
„Wofür sollten sie mich denn quälen, wenn ich doch das Papierstückchen garnicht in der Hand gehabt habe. Sie können mir jede andere weibliche Schwäche vorwerfen, aber daß ich stehle, das hat mir noch niemand gesagt.“
„Du wirst schon sehen, wie die Teufel dir zusetzen werden! Das hast du dafür, daß du deinen Herrn beschwindelt hast, werden sie sagen und dich mit ihren glühenden Zangen zwacken!“
„Dann werd’ ich eben antworten: Ich bin unschuldig, bei Gott, ich bin unschuldig ... Aber da liegt es ja auf dem Tisch. Immer machen Sie einem unnütze Vorwürfe!“
Pljuschkin sah den Papierschnitzel in der Tat daliegen, hielt einen Augenblick inne, kaute an seinen Lippen und sagte: „Na was regst du dich denn gleich so auf? So ein Trotzkopf. Man sagt ihr ein Wort, und sie kommt einem gleich mit einem ganzen Dutzend. Geh’, bring mir etwas Feuer, damit ich den Brief versiegeln kann. Halt! du bringst mir womöglich noch eine Talgkerze; der Talg schmilzt so schnell, weg ist er, und man hat das Nachsehen! Bring mir lieber einen brennenden Kienspan!“
Mawra entfernte sich, Pljuschkin aber setzte sich in den Lehnstuhl, nahm die Feder in die Hand und drehte und wendete den Zettel noch lange in den Fingern hin und her; er überlegte wohl, ob er nicht noch die Hälfte davon abschneiden könne, aber schließlich sah er wohl ein, daß das nicht ging; er tauchte also die Feder ins Tintenfaß, das mit einer verschimmelten Flüssigkeit angefüllt war, in der eine Menge Fliegen herumschwammen, und begann zu schreiben; er setzte die Buchstaben, die große Ähnlichkeit mit Noten hatten, dicht nebeneinander, und mußte fortwährend den Lauf der Feder hemmen, die sich auf dem Papier in übermütigen Sprüngen erging. Ängstlich fügte er Zeile an Zeile mit dem lebhaften Bedauern, daß trotzdem noch immer etwas leerer Raum zwischen ihnen übrig blieb.
Und bis zu einer solchen Armseligkeit, Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit konnte ein Mensch herabsinken? So furchtbar konnte er sich wandeln? Hat das überhaupt noch den Schein der Wahrheit? — Jawohl! — Es gibt überhaupt nichts Unwahrscheinliches. Alles kann mit dem Menschen geschehen! Ein feuriger Jüngling von heute würde vielleicht mit Entsetzen zurückprallen, wenn man ihm das Bild seines eigenen Greisenalters vorhielte. O, hütet sorgsam auf eurem Lebenswege, wenn ihr heraustretet aus euren milden zarten Jugendtagen in das ernste härtende Mannesalter — o, hütet sorgsam jede menschliche Regung, verschwendet, verliert sie nicht unbedacht unterwegs: ihr findet sie nie wieder! Furchtbar und grauenvoll ist das in der Ferne drohende Greisenalter, es liefert nichts wieder aus, es gibt uns nichts zurück. Das Grab selbst ist barmherziger; auf dem Leichenstein wird vielleicht die Inschrift stehen: „hier liegt ein Mensch begraben.“ Aber kein Schriftzeichen belebt die kalten gefühllosen Züge des menschlichen Alters.
„Haben Sie nicht vielleicht einen Freund,“ sagte Pljuschkin, während er den Brief zusammenfaltete, „der flüchtige Bauern brauchen könnte?“
„Haben Sie auch flüchtige?“ fragte Tschitschikow schnell, wie aus einem Traume erwachend.
„Das ist es ja gerade, daß ich welche habe. Mein Schwager hat schon Erkundigungen eingezogen, und sagt, er hätte gar keine Spur von ihnen entdecken können; aber er ist Soldat, der kann nur mit den Sporen klirren, wenn man sich dagegen beim Gericht darum bemühen wollte, so ....“
„Und wieviel werden’s wohl sein?“
„So an die siebzig Mann, mindestens.“
„Wahrhaftig?“
„Bei Gott! Es vergeht kein Jahr, ohne daß mir ein paar davonlaufen. Die Leute sind heutzutage alle so unmäßig; tun den ganzen Tag nichts und wollen nur immer fressen, und ich habe doch selbst nichts zu essen ... Wahrhaftig ich würde sie fast umsonst hergeben. Nicht wahr, Sie sagens doch Ihrem Freunde: wenn er auch nur ein Dutzend wiederbekommt, hat er ein hübsches Sümmchen verdient. Eine eingetragene Seele ist doch an die fünfhundert Rubel wert.“
„Die soll der Freund nicht einmal zu riechen bekommen!“ dachte Tschitschikow, und erklärte, daß er leider keinen solchen Freund besäße, und daß allein die Kosten dieses Verfahrens mehr betragen würden; die Gerichte hält man sich am liebsten ganz vom Leibe, denn da muß man ja selbst noch die Rockschöße hingeben. Aber wenn Pljuschkin sich wirklich in einer so bedrängten Lage befände, dann sei er, Tschitschikow, aus Sympathie für ihn bereit, eine kleine Summe zu bezahlen ... Aber das sei, wie gesagt, eine solche Kleinigkeit, die nicht einmal der Rede wert sei.
„Und wieviel würden Sie geben?“ fragte Pljuschkin, der vor Habgier bebte, und seine Hände zitterten wie Espenlaub.
„Ich könnte fünfundzwanzig Kopeken pro Stück anlegen.“
„Und zahlen Sie bar?“
„Ja, Sie können das Geld gleich bekommen.“
„Hören Sie Väterchen, Sie wissen doch, wie arm ich bin, Sie könnten mir wirklich vierzig Kopeken geben.“
„Verehrtester, ich würde Ihnen gerne nicht nur vierzig Kopeken, sondern selbst fünfhundert Rubel pro Kopf bezahlen! Mit dem größten Vergnügen, denn ich sehe, daß ein hochachtbarer, edler Geist infolge seiner Gutmütigkeit Not leidet.“
„Ja, nicht wahr! Bei Gott!“ sagte Pljuschkin, ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn heftig. „Das macht alles die Gutmütigkeit.“
„Nun sehen Sie, ich habe Ihren Charakter sofort erkannt. Warum sollte ich nicht fünfhundert Rubel pro Mann geben? Aber ich bin eben auch nicht vermögend; fünf Kopeken will ich meinetwegen noch zulegen, dann kostet jede Seele rund dreißig Kopeken.“
„Legen Sie noch zwei Kopeken zu, Väterchen!“
„Also gut, meinetwegen noch zwei Kopeken! Wieviel Seelen waren es doch, sagten Sie nicht siebzig?“
„Nein, es sind sogar achtundsiebzig.“
„Achtundsiebzig, achtundsiebzig zu dreißig Kopeken, das macht ...“ hier dachte unser Held eine Sekunde und nicht einen Augenblick länger nach und sagte, „das macht vierundzwanzig Rubel sechsundneunzig Kopeken!“ Er war sehr stark in der Arithmetik. Dann ließ er Pljuschkin die Quittung schreiben und händigte ihm das Geld aus, welches jener mit beiden Händen ergriff und mit ängstlicher Vorsicht nach dem Schreibpulte trug, als hielte er in seinen Händen eine Flüssigkeit, die er jeden Augenblick zu verschütten fürchtete. Als er vor dem Pulte stand, betrachtete er die Banknoten noch einmal genau und legte sie ebenso vorsichtig in eines der Schubfächer, wo das Geld wahrscheinlich begraben blieb, bis Pater Karp und Pater Polikarp, die zwei Priester des Dorfes, ihn selbst zur ewigen Ruhe bestatteten: zur unbeschreiblichen Freude seiner Tochter und des Schwiegersohnes — und vielleicht auch des Hauptmanns, der durchaus mit ihm verwandt sein wollte. Nachdem Pljuschkin das Geld eingeschlossen hatte, ließ er sich auf dem Lehnstuhle nieder, ohne, wie es schien, einen neuen Gesprächsstoff finden zu können.
„Wie, Sie wollen schon fahren,“ sagte er, als er Tschitschikow, der im Begriff war, sein Taschentuch herauszuholen, eine kleine Bewegung machen sah. Diese Frage erinnerte jenen daran, daß es in der Tat zwecklos sei, sich hier noch länger aufzuhalten. „Ja, es ist Zeit!“ sprach er und griff nach dem Hute.
„Wollen Sie denn keinen Tee?“
„Nein, ich danke! Ich spreche lieber bei anderer Gelegenheit einmal zum Tee vor.“
„Ja, wie denn nur? Ich habe doch die Teemaschine aufsetzen lassen! Wenn ich ehrlich sein soll, ich mache mir auch nichts aus Tee: es ist ein teures Getränk, und dann sind auch die Zuckerpreise so unerhört gestiegen. Proschka! Wir brauchen die Teemaschine nicht mehr. Und den Zwieback bringst du der Mawra! Hörst du? Sie soll ihn wieder auf den alten Platz legen; oder nein, gib ihn lieber her, ich will ihn schon selbst hintragen. Leben Sie wohl, Väterchen; Gott segne Sie! Und den Brief geben Sie dem Gerichtspräsidenten, nicht wahr? Er soll ihn lesen! Er ist doch ein alter Freund von mir. Ja, ja, ein Jugendgespiele.“
Hierauf begleitete ihn diese seltsame Gestalt, dieser merkwürdig eingeschrumpfte alte Mann in den Hof hinab. Nachdem Tschitschikow davongefahren war, ließ Pljuschkin das Tor sofort schließen. Dann schritt er durch alle Vorratskammern und Speicher, um sich zu überzeugen, ob auch alle Wächter an ihrem Platze seien, die an jeder Ecke standen und mit Holzschaufeln auf ein leeres Faß statt auf eine Blechtrommel schlugen; er warf auch einen Blick in die Küche, sah dort nach, ob auch das Essen für die Dienstboten gut und schmackhaft zubereitet sei, was für ihn jedoch nur ein Vorwand war, sich selbst gründlichst an Brei und Kohlsuppe satt zu essen. Nachdem er schließlich noch alle bis auf den letzten wegen ihrer schlechten Aufführung tüchtig gescholten und ihnen Diebstahl vorgeworfen hatte, kehrte er in sein Zimmer zurück. Als er allein war, kam ihm einen Augenblick sogar die Idee, sich dem Gast gegenüber für dessen beispiellosen Edelmut erkenntlich zu erweisen: „Ich will ihm die Taschenuhr zum Geschenk machen,“ dachte er — „es ist doch eine schöne silberne Uhr, und nicht etwa von Tomback oder Bronze; sie ist freilich etwas verdorben, aber er kann sie ja reparieren lassen; er ist noch ein junger Mann, und braucht eine Taschenuhr, wenn er bei seiner Braut Eindruck machen will. Oder nein!“ — fuhr er nach einigem Nachdenken fort: „ich will sie ihm lieber vermachen; er soll sie erst nach meinem Tode erhalten, damit er sich später noch meiner erinnert.“
Aber unser Held war auch ohne Uhr in höchst vergnügter Stimmung. Eine so unerwartete Akquisition war eine wahre Gottesgabe. In der Tat, dagegen ließ sich nichts einwenden: nicht nur ein Paar Schock tote Seelen, sondern auch noch einige Dutzend flüchtige dazu: zusammen etwa zweihundert Stück! Er hatte ja freilich schon so eine Ahnung gehabt, als er sich Pljuschkins Landgute näherte, daß es hier was zu verdienen geben würde, aber auf ein so gutes Geschäft hatte er nicht gerechnet. Den ganzen Weg über war er außergewöhnlich lustig, pfiff und sang vor sich hin, indem er sich die Faust vor den Mund hielt und hineinblies wie in eine Trompete. Zuletzt stimmte er sogar ein Lied an, welches so seltsam und sonderbar klang, daß selbst Seliphan verwundert aufhorchte, den Kopf schüttelte und sagte: „Sieh mal an, wie mein Herr singen kann!“ Es war schon ganz dunkel, als sie sich der Stadt näherten. Licht und Finsternis gingen vollkommen ineinander über, und alle Gegenstände schienen zusammenzufließen. Der gestreifte Schlagbaum hatte eine ganz unbestimmte undefinierbare Farbe angenommen; dem Posten vor der Stadt schien der Schnurrbart hoch über den Augenbrauen zu sitzen, und seine Nase schien überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein. Das Gerassel der Räder und die Luftsprünge, die die Equipage machte, ließen erkennen, daß man sich bereits wieder auf der gepflasterten Straße befand. Die Laternen waren noch nicht angezündet, hie und da blitzte in den Fenstern der Häuser ein Licht auf, und in den Winkeln und Gassen spielten sich die bekannten Vorgänge ab; man hörte es munkeln und flüstern, was um die nächtlichen Stunden in Städten stets zu geschehen pflegt, wo es viele Soldaten, Kutscher, Arbeiter und jene besondere Menschengattung gibt, eine Art von Damen mit roten Shawls, in Schuhen und ohne Strümpfe, die an den Straßenkreuzungen herumschwirren wie die Fledermäuse. Aber Tschitschikow bemerkte sie nicht, ebensowenig wie die schlanken Beamten, die mit Spazierstöckchen in der Hand wohl von einer Promenade außerhalb der Stadt zurückkehrten. Hie und da drangen Rufe an sein Ohr, die von weiblichen Stimmen herzurühren schienen: „Das lügst du, du bist wohl besoffen; ich hätte ihm nie eine solche Frechheit erlaubt!“ oder „du suchst wieder Händel du Grobian, komm mal mit auf die Polizei, da will ich dir’s schon zeigen.“ Mit einem Wort, all jene Reden, die wie ein Dampfbad auf einen phantasiereichen zwanzigjährigen Jüngling wirken, wenn er aus dem Theater zurückkehrend eine spanische Gasse, eine dunkle Mondnacht und ein herrliches Frauenbild mit einer Gitarre in seinem Kopfe trägt. Welch wundersame Träume, welche tollen Phantasien wirbeln in seinem Hirne durcheinander. Er glaubt im siebenten Himmel zu schweben, und stattet sogar dem Dichter Schiller einen Besuch ab — da schlagen plötzlich jene verhängnisvollen Worte wie ein Donnerschlag neben ihm ein, er fühlt sich wieder auf die Erde zurückversetzt, ja sogar auf den „Heumarkt“ in die nächste Nähe einer Schenke, und aufs neue verschlingt ihn des Werktages altersgraue Öde.
Endlich machte der Wagen noch einen kräftigen Satz und tauchte wie in einem Erdloch im Tore unter. Tschitschikow wurde von Petruschka empfangen, welcher, einen seiner Rockschöße in der einen Hand haltend — denn er liebte es nicht, daß die Schöße sich entzweiten — mit der anderen seinem Herrn aus dem Wagen half. Auch der Kellner kam mit einer Kerze, die Serviette über die Schulter geworfen, angelaufen. Es läßt sich nicht sagen, ob Petruschka über die Ankunft seines Herrn sehr erfreut war, jedenfalls zwinkerten Seliphan und er sich verständnisinnig mit dem Auge zu, und sein sonst so strenges Gesicht schien sich ein wenig zu erhellen.
„Sie haben aber eine lange Spazierfahrt zu machen geruht,“ sagte der Kellner, indem er ihm auf der Treppe voranleuchtete.
„Ja,“ sagte Tschitschikow und stieg die Stufen empor. „Und wie gehts bei euch?“
„Gottlob!“ antwortete der Kellner mit einer Verbeugung. „Gestern ist ein Offizier angekommen. Er wohnt auf Nummer sechzehn.“
„Ein Leutnant?“
„Ich weiß nicht. Er kommt aus Rjasan und hat braune Pferde.“
„Schön, schön! Benimm dich auch fernerhin gut!“ sagte Tschitschikow und trat in sein Zimmer. Während er durch den Flur schritt, rümpfte er die Nase und sprach zu Petruschka gewandt: „Du hättest auch die Fenster aufmachen können.“
„Ich habe sie ja aufgemacht,“ entgegnete Petruschka; aber er log. Uebrigens wußte sein Herr selbst, daß es eine Lüge war. Doch er wollte nicht widersprechen. Nach der langen Fahrt bemächtigte sich eine starke Ermattung aller seiner Glieder. Er bestellte sich eine ganz leichte Abendplatte, die nur aus einem Stück Spanferkel bestand, entkleidete sich sofort, kroch unter die Decke und versank sogleich in einen tiefen, festen Schlaf, in jenen wundersamen Schlaf, den nur die Glückspilze kennen, welche nichts ahnen: weder von Hämorrhoiden, noch von Flöhen, noch von einer allzu regen Geistestätigkeit.
Siebentes Kapitel
Glücklich der Reisende, der nach einer weiten, langweiligen Fahrt mit ihrer Kälte, ihrem Schmutz und Kot, ihren verschlafenen Posthaltern, ihrem Schellengeklingel, ihren Reparaturen, ihrem Herumgezanke, ihren Postknechten, Schmieden und ähnlichen Vagabunden, endlich das traute Dach mit dem immer heller werdenden Lichterglanz erblickt — schon taucht vor seinem geistigen Auge sein liebes Heim mit den bekannten Zimmern auf, schon hört er die jubelnden Rufe der ihm entgegeneilenden Hausgenossen, die freudige Aufregung und das Gelärm der Kinder, stille sanfte Worte unterbrochen von glühenden Zärtlichkeiten, die die Kraft haben, alles vergangene Leid aus dem Gedächtnis zu tilgen. Glücklich der Familienvater, dem ein solches Heim beschieden ward; aber wehe dem Hagestolzen! Glücklich der Schriftsteller, der an den langweiligen, widerwärtigen, durch ihre traurige Blöße erschreckenden Gestalten der Wirklichkeit flüchtig vorüber eilend sich Charakteren nähert, welche des Menschen hohe Würde verkörpern und erscheinen lassen, der aus dem großen Wirbel ewig wechselnder Formen sich nur die wenigen Ausnahmen erkiest, der auch nicht einmal dem heiligen Schwunge seiner Leier untreu ward, der nie von seiner eigenen Höhe zu seinen armseligen, schwachen Brüdern herab stieg und, ohne das Irdische zu berühren, sich selig stürzte in den erdentrückten Chor erhabener Gestalten. Doppelt beneidenswert ist sein herrliches Los, er wandelt unter ihnen wie im trauten Kreise der Familie; indes schallt weit und laut sein Ruhm durch alle Lande. Mit Weihrauchwolken hat er die Augen der Menschen umhüllt, mit Zauberworten nahm er schmeichelnd ihren Geist gefangen, verbergend vor ihnen des Lebens rauhe Wirklichkeit und ihnen den schönen Menschen weisend. Händeklatschend folgt alles seiner Spur und umschwärmt jauchzend seinen Wagen. Einen großen Weltendichter nennt man ihn, der im hohen Raume schwebt ob allen andern Genien dieser Welt, wie der Aar über allem hochfliegenden Getier. Sein Name schon weckt heilige Schauer in jungen glühenden Herzen, Tränen der Sympathie erglänzen in jedem Auge ... An Macht kommt ihm kein Wesen gleich — er ist ein Gott! Wie ganz anders ist das Los des Schriftstellers, der sich erkühnte, all das ans Licht zu ziehen, was jederzeit vor jedem Auge liegt und doch dem gleichgültigen Blicke entgeht: den grauenvollen Schlamm des Nichtigen, der unser Leben umstrickt, die ganze abgründige Tiefe jener kalten zerklüfteten Alltagscharaktere, die unsern dornigen, oft öden Erdenweg bevölkern, und mit dem kräftigen Schlag des unerbittlichen Meißels es wagte, sie klar und plastisch dem Blick der Menschen preiszugeben! Er erntet nicht des Volkes lauten Beifall, kein Dank strahlt ihm aus den Tränen und der einmütigen Begeisterung tieferregter Seelen, die sein Wort tief im Innersten aufwühlte; ihm fliegt keine sechzehnjährige Jungfrau entzückten Sinnes voll heroischer Leidenschaft entgegen; er kann sich nicht berauschen am süßen Klang der Töne, die er der eigenen Leier entlockte, und nicht wird er dem Gerichte des Tages entgehen, dem heuchlerisch gefühllosen Richterspruch des Augenblicks, der die am eignen warmen Busen genährten Geschöpfe armselig, gemein und nichtig nennen, ihm einen elenden Winkel anweisen wird inmitten jener Schriftsteller, die die Menschheit schänden, ihm die Charakterzüge seiner eigenen Helden beilegen und ihm Herz und Seele und den göttlichen Funken des Talentes rauben wird; denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, daß gleich bewundernswürdig jene Gläser sind, in denen sich die Sternenheere spiegeln und jene, durch die man die zarten Bewegungen unsichtbarer Lebewesen wahrnehmen kann, denn das Gericht des Tages erkennt nicht an, daß hohes begeistertes Lachen sich wohl messen kann mit hohem lyrischen Schwunge, und daß ein Abgrund gähnt zwischen jenem und den unwürdigen Fratzen des Jahrmarktgauklers. Das Gericht des Tages versteht dies nicht und verwandelt alles in Schimpf und Vorwurf für den verachteten Dichter: ohne Mitleid, ohne Antwort, ohne Teilnahme wie ein heimatloser Wanderer steht er allein auf öder Straße. Schwer und hart ist sein Beruf und bitter fühlt er seine Einsamkeit.
Und lange noch ist mir’s von der geheimnisvollen Schicksalsmacht beschieden, den Weg fortzuwandeln Hand in Hand mit meinem Helden, das ganze gewaltig treibende Leben zu überschauen, durch das aller Welt sichtbare Lachen und die keinem bekannten unsichtbaren Tränen. Und noch fern ist die Zeit, wo ein andrer Springquell hoher Begeisterung wie ein Wirbelsturm aus dem von heiligem Schauer erschütterten flammenden Haupte aufsteigen, und wo verzagt die Menge dem majestätischen Donner anderer Reden lauschen wird ...
Vorwärts! Vorwärts! fort mit der finsteren Miene, fort mit der grämlichen Runzel, die deine Stirne furcht. Laßt uns geschwind wieder untertauchen in das Leben mit all seinem tonlosen Gelärm und Schellengeklingel: laßt uns zusehen was Tschitschikow macht.
Tschitschikow war soeben aufgewacht, er dehnte und streckte sich, denn er hatte das behagliche Gefühl, sich gut ausgeschlafen zu haben. Nachdem er noch ein paar Minuten ruhig auf dem Rücken gelegen hatte, schnalzte er mit den Fingern, und sein Gesicht verklärte sich bei dem Gedanken, daß er jetzt nahezu vierhundert Seelen besaß. Dann sprang er aus dem Bett, betrachtete sich nicht einmal im Spiegel, und warf keinen Blick auf sein Gesicht, das er aufrichtig liebte, und an dem ihm das Kinn ganz besonders gefiel, denn er pries es bei jeder Gelegenheit vor seinen Freunden, ganz besonders während des Rasierens. „Sieh mal,“ pflegte er dann gewöhnlich zu sagen, „was ich für ein schönes rundes Kinn habe.“ Und dabei streichelte er es mit der Hand. Heute aber warf er keinen einzigen Blick weder auf sein Kinn noch auf sein Antlitz, sondern zog sich sogleich seine Saffianstiefel mit dem gestickten Blumenbesatz an, mit denen die Stadt Torshok einen so schwunghaften Handel treibt, welcher in unserer russischen Bequemlichkeit eine so reiche Nahrung findet. Hierauf machte Tschitschikow in einem kurzen schottischen Hemdchen zwei kühne Luftsprünge, wobei er sich nicht ohne Geschicklichkeit eins mit dem Hacken auswischte. Und dann ging er sofort ans Werk: er rieb sich vor der Schatulle ebenso vergnügt die Hände wie ein unbestechlicher Kreisrichter, der hinausfuhr, um eine Untersuchung vorzunehmen und nun vor das Anrichtetischchen tritt, beugte sich über das Kästchen und holte ein Päckchen Papier hervor. Er wollte die Sache so schnell als möglich erledigen, um sie nicht auf die lange Bank zu schieben. Daher ging er rasch entschlossen an die Aufsetzung des Kaufkontraktes und kopierte ihn dann eigenhändig, um sich die Unkosten für den Notar zu sparen. Auf die Formalitäten verstand er sich vortrefflich; zuerst malte er mit schwungvollen, großen Buchstaben die Jahreszahl achtzehnhundert und so und so viel hin; hierauf schrieb er mit kleinen Buchstaben darunter: Gutsbesitzer Soundso und was noch sonst drum und dran hängt. In zwei Stunden war alles fix und fertig. Als er danach auf diese Blätter hinblickte, auf die Namen der Bauern, welche tatsächlich einmal gelebt, gearbeitet, geackert, getrunken, Kutscherdienste geleistet, ihre Herren betrogen hatten oder vielleicht einfach brave Bauern gewesen waren, da beschlich ihn ein wundersames, unheimliches Gefühl. Jeder Zettel schien seinen eigenen Charakter zu besitzen, und das schien den Bauern selbst eine eigentümliche Wesensart zu verleihen. Die Bauern, welche Karobotschka gehört hatten, trugen alle irgend einen Spitznamen als Anhängsel. Pljuschkins Liste zeichnete sich durch Kürze und Gedrängtheit des Stiles aus: oft standen nur die Anfangssilben der Vor- und Beinamen da, worauf ein paar Punkte folgten. Sabakewitschs Register setzte durch seine außerordentliche Ausführlichkeit und Vollständigkeit in Erstaunen; da gab es keine noch so geringe Eigentümlichkeit, die nicht sorgfältig gebucht war: von einem hieß es: „Ein guter Tischler,“ von einem andern: „Er versteht seine Sache und säuft nicht.“ Ebenso sorgfältig waren die Eltern eines jeden aufgezählt und ihr Charakter wie ihr Benehmen genau beschrieben. Nur von einem gewissen Fedotow stand vermerkt: „Der Vater ist unbekannt, die Mutter ist eine meiner Dienstmägde, namens Kapitolina, die jedoch einen guten Charakter hat und nicht stiehlt.“ All diese Einzelheiten verliehen dem Ganzen eine gewisse Frische. Man gewann den Eindruck, als hätten die Bauern gestern noch gelebt. Tschitschikow überlas die Namen noch einmal genau und sorgfältig. Eine seltsame Rührung erfaßte ihn, er seufzte und sprach leise vor sich hin: „Herrgott welche Menge da dichtgedrängt beieinander steht! Was mögt ihr wohl alles getrieben haben, euer Leben lang, ihr Lieben? Wie mögt ihr euch durchgeschlagen haben?“ Und seine Augen hefteten sich auf eine Stelle, wie unwillkürlich angezogen von einem Namen. Dies war der bekannte Peter Saweljewitsch, der Trogverächter, welcher einst der Gutsbesitzerin Karobotschka gehört hatte. Und abermals konnte er den Ausruf nicht unterdrücken: „Herrjeh, ist der aber lang, der nimmt ja die ganze Zeile ein! Was magst du wohl gewesen sein: ein Meister deines Handwerks, oder ein schlichter Bauer, und wie hat der Tod dich ereilt? War’s in der Schenke, oder hat dich gar auf breiter Straße eine plumpe Fuhre überfahren, du Schlafmütze? — Stepan Probka, der Tischler, ein braver nüchterner Mann. — Sieh da bist du ja, mein Stepan Probka, du großer Held, der du für die Garde geboren warst! Hast wohl manch weites Stück Weges durchwandert, die Axt am Gürtel und die Stiefel über die Schulter geworfen, für einen Groschen Brod verzehrt und für zwei Groschen gedörrten Fisch und du brachtest dann wohl jedes Mal einen Hunderter in deinem Beutel mit oder nähtest dir gar einen Tausender in deine Nangkinghose ein oder stecktest ihn dir in den Stiefel. Wo holte dich der Tod? Bist du vielleicht nur um des gemeinen Mammons willen bis auf die Kirchenkuppel hinaufgestiegen oder gar bis aufs Kreuz emporgeklettert und von dem Gerüst herabgestürzt zu Füßen irgend eines Onkel Michei, der sich nur den Kopf kratzte und mitleidig murmelte: ‚Ach Wanja, was ist nur in dich gefahren!‘ um sich sogleich den Strick um den Leib zu binden und ruhig an deiner Stelle hinaufzuklettern. — Maxim Telhatnikow, der Schuster. Der Schuster? He? ‚Besoffen wie ein Schuster‘, sagt ein Sprichwort. Ich kenn’ dich, kenne dich, mein Liebling; willst du’s, so erzähle ich dir deine ganze Lebensgeschichte. Du kamst zu einem Deutschen in die Lehre, der euch allesamt fütterte, für eure Nachlässigkeit mit dem Riemen züchtigte und nie auf die Straße ließ, damit ihr keine Streiche macht. Du warst ein wahres Weltwunder und kein Schuster, und der Deutsche konnte dein Lob nicht hell genug singen, wenn er mit seiner Frau oder seinem Kameraden über dich sprach. Und als deine Lehrzeit aus war, da sprachst du zu dir selbst: ‚Jetzt will ich mir ein eigenes Häuschen kaufen, aber ich will’s nicht machen wie der Deutsche, der einen Groschen zum andern legt, ich will mit einem Schlage ein reicher Mann werden!‘ Und du zahltest deinem Herrn einen reichen Erbzins, schafftest dir einen Laden an, besorgtest dir einen Haufen Aufträge und legtest los. Dann triebst du irgendwo zum Drittel des Preises ein Stück halbverfaulten Leders auf und verkauftest jeden Stiefel mit doppeltem Gewinn, aber deine Schuhe platzten schon nach zwei Wochen und deine Kunden schimpften dich kräftig aus, wie du’s verdientest. So kam es, daß es in deinem Laden leer ward, du fingst an zu trinken, dich auf der Straße herumzutreiben und sprachst: ‚Ist das eine schlimme Welt! Wir Russen können rein verhungern: und an alledem ist niemand schuld als der Deutsche!‘ — Und was ist das für ein Mann: Jelisawetus Sperling? Verdammt noch einmal: das ist ja ein Weibsbild! Wie ist die hierhergekommen? Der Sabakewitsch, der Schurke hat sie mit hineingeschmuggelt!“ Tschitschikow hatte ganz recht: dies war wirklich eine Frau. Wie sie in diese Gesellschaft gekommen war, das wußte Gott allein; aber ihr Name war so geschickt und kunstvoll hingemalt, daß man sie von ferne wirklich für ein Mannsbild halten konnte, ja der Vorname hatte sogar die männliche Endung und lautete: Jelisawetus, statt Jelisaweta. Allein Tschitschikow nahm keine Rücksicht darauf und strich sie einfach aus der Liste. — „Und du Grigorij Immerlangsamvoran! Was warst du wohl für ein Mensch? Warst du ein Postknecht, der sich ein Dreigespann samt einem gedeckten Wagen anschaffte, und dem eignen Heim, dem trauten Winkel für immer Valet sagte, um sich mit den Kaufleuten auf den Jahrmärkten herumzuplagen? Gabst du unterwegs deinen Geist auf, brachten dich deine eigenen Freunde wegen eines dicken rotbackigen Soldatenweibes um, oder fand irgend ein Wegelagerer Gefallen an deinen ledernen Fausthandschuhen und dem Dreigespann deiner kleinen aber kräftigen Pferde, oder fiel’s dir vielleicht ein, derweil du auf deinem Lager lagst und vor dich hingrübeltest, plötzlich ohne jeden Grund und Anlaß in die Schenke hineinzuspazieren und von dort geradewegs in ein Eisloch, so daß keine Menschenseele weiß, wo du verschwunden bist? Oh du mein russisches Volk! Du liebst es nicht, eines natürlichen Todes zu sterben! — Und ihr meine Lieblinge,“ fuhr er fort, indem er einen Blick auf die Liste warf, auf der Pljuschkins flüchtige Seelen verzeichnet standen: „ihr freut euch zwar noch eures Lebens, aber was für einen Wert habt ihr? Ihr seid so gut wie tot. Und wohin tragen euch wohl jetzt eure schnellen Füße! Hattet ihr’s wirklich gar so schlecht bei dem Pljuschkin, oder machte es euch bloß Spaß im Walde herumzustreichen und die Reisenden auszuplündern? Sitzt ihr vielleicht im Gefängnis oder habt ihr euch einen anderen Herrn gesucht, dessen Felder ihr nun pflügt? Jeremej Leichtfuß, Nikita Renner, Anton Renner, dessen Sohn, euch merkt man’s schon an euren Namen an, daß ihr gute Läufer seid; Popor, der Knecht ... War wohl ein gelehrter Mann, der sich auf’s Lesen und Schreiben verstand! der hat sicher kein Messer in die Hand genommen und sich ein hübsches Vermögen zusammengestohlen. Paß auf! paßloses Individuum, du fällst noch einmal dem Polizeihauptmann in die Hände. Zwar stellst du mutig deinen Mann: ‚Wer ist dein Herr?‘ fragt dich der Hauptmann und begleitet, da sich eine so gute Gelegenheit dazu bietet, seine Worte mit einem kräftigen Fluch: — ‚Gutsbesitzer Soundso,‘ antwortest du keck. ‚Und wie kommst du hierher?‘ fragt dich der Hauptmann. ‚Ich bin gegen Bezahlung des Erbzinses freigelassen,‘ erwiderst du ohne Zaudern. ‚Wo ist dein Paß?‘ ‚Bei meinem Herrn, dem Kleinbürger Pimenow.‘ Pimenow wird gerufen. ‚Bist du Pimenow?‘ ‚Jawohl.‘ ‚Hat er dir seinen Paß gegeben?‘ ‚Nein, er hat mir keinen Paß gegeben.‘ ‚Du lügst also?‘ sagt der Polizeihauptmann und läßt wieder ein kräftiges Wort folgen. ‚Zu Befehl,‘ antwortest du frech: ‚ich gab ihm den Paß nicht, weil ich sehr spät nach Hause kam, ich habe ihn dem Glöckner zur Aufbewahrung gegeben.‘ — ‚Der Glöckner soll herkommen! Hat er dir seinen Paß gegeben.‘ — ‚Nein, ich habe keinen Paß von ihm bekommen.‘ ‚Warum lügst du schon wieder!‘ fragt der Polizeihauptmann aufs neue und flicht zur Bestätigung abermals ein kräftiges Wörtlein ein. ‚Wo ist denn dein Paß?‘ ‚Ich weiß genau, daß ich ihn bei mir hatte,‘ antwortest du sicher, ‚wahrscheinlich werde ich ihn wohl unterwegs irgendwo verloren haben.‘ — ‚Und warum hast du dem Soldaten den Mantel und dem Pfarrer einen Kasten mit Kupfermünzen gestohlen?‘ sagt der Polizeihauptmann, indem er zur Bekräftigung wiederum ein kerniges Wörtlein anfügt. ‚Wahrhaftig nicht,‘ sagst du ohne mit der Wimper zu zucken, ‚beim Stehlen hat mich noch keiner ertappt.‘ ‚Und wie kommt es, daß man den Mantel bei dir gefunden hat?‘ ‚Ich weiß nicht, wahrscheinlich hat ihn ein anderer bei mir liegen lassen!‘ — ‚O, du Hallunke, du Bestie!‘ sagt der Polizeihauptmann kopfschüttelnd, und stemmt die Hände in die Seiten. ‚Legt ihm Fußschellen an und führt ihn ins Gefängnis.‘ — ‚Zu Befehl, ich habe nichts dagegen,‘ antwortet du. Und du ziehst deine Tabaksdose aus der Tasche, reichst sie gutmütig den zwei Invaliden, die dir die Fußschellen angelegt haben und fragt sie aus, ob es schon lange her ist, daß sie beim Militär waren und an welchem Kriege sie teilgenommen haben. Und dann wanderst du ins Gefängnis und bleibst ruhig drin sitzen, während das Gericht deine Sache prüft. Schließlich fällt es seinen Spruch, und du wirst aus Zarewo-Kokschaisk nach dem ***er Gefängnis transportiert. Das dortige Gericht läßt dich nach Wessjegonsk oder sonst wohin weiterbefördern usw.; so wandert du aus einem Gefängnis ins andre und sprichst jedesmal, wenn du dein neues Heim erblickst: ‚Nein das Wessjegonskische Gefängnis ist doch netter, da ist doch mehr Platz, da kann man auch einmal das Knöchelspiel spielen, und da gibt’s auch mehr Gesellschaft.‘ — Abakum Fyrow? Na und du mein Bester? Wo, in welcher Gegend treibst du dich herum? Lebst du vielleicht irgendwo an der Wolga und bist ein Fährmann geworden, weil du ein freies Leben liebst? ...“ Hier hielt Tschitschikow inne und wurde ein wenig nachdenklich. Worüber sann er wohl nach? Dachte er an das Schicksal Abakum Fyrows, oder war es jene natürliche, fast selbstverständliche Nachdenklichkeit, die jeden Russen in jedem Lebensalter überfällt, welchem Stande und Berufe er auch angehören mag, wenn er an die Lust eines freien ungebundenen Lebens denkt? „In der Tat wo war jetzt Fyrow? Wahrscheinlich spazierte er laut und fröhlich am Landungsplatze herum, sich heiter unter die Kaufleute mischend. Mit Blumen und Bändern an den Hüten plaudert und lärmt der ganze Troß der Bootsführer, welche sich von ihren schlanken, hohen Frauen und Schätzen verabschieden, die Perlenbänder um den Hals und bunte Schleifen im Haar tragen; es schwingt sich der Reigen, helle Lieder ertönen aus fröhlichen Kehlen, der ganze Landungsplatz wogt auf und nieder, während die Last- und Gepäckträger unter Lärmen, Gezänk und ermunternden Zurufen sich mit einem Haken neun Pud schwere Ballen auf den Rücken laden, Weizen und Erbsen geräuschvoll in geräumige Schiffe schütten und Säcke mit Hafer und Buchweizen fortschleppen; weithin blinken die gewaltigen Haufen gleich einer Pyramide von Kanonenkugeln aufeinander getürmter Säcke und Ballen, die den ganzen Platz bedecken, und machtvoll ragt dieses ganze Getreidearsenal empor, bis es in all’ die geräumigen Barken und Fahrzeuge verladen ist, und diese endlose Flotte zugleich mit dem Frühjahrseise den Fluß hinabschwimmt. Da gibt’s Arbeit für euch in Hülle und Fülle, ihr Schiffer, und vereint, so wie ihr einst munter geschwärmt und über alle Stränge geschlagen, geht ihr nun ans Werk und zieht im Schweiße eures Angesichts an dem Strange, unter Liedern und Gesängen, die so unendlich sind, wie die russische Heimat selbst!
„Herrjeh! Schon zwölf Uhr!“ rief Tschitschikow plötzlich aus, indem er auf die Uhr blickte. „Was säume ich bloß so lange? Wenn ich noch etwas Vernünftiges getan hätte, aber da rede ich erst allerhand albernes Zeug und versinke dann noch in törichte Träumereien! Ich bin doch ein rechter Narr! Wahrhaftig!“ Mit diesen Worten vertauschte er sein schottisches Kostüm mit einem europäischen, zog seine Hosenschnalle etwas fester an, um sein kräftiges Bäuchlein nicht so hervortreten zu lassen, besprengte sich mit Eau de Cologne, nahm seinen warmen Hut in die Hand und die Aktenmappe unter den Arm und begab sich nach dem Zivilgericht, um die Kaufkontrakte perfekt zu machen. Dabei beeilte er sich sehr, nicht weil er sich zu verspäten fürchtete — davor brauchte er keine Angst zu haben, denn der Präsident war sein guter Bekannter und konnte auf Wunsch die Sitzung ausdehnen oder aufheben, ganz wie der alte Zeus Homers, der die Tage verlängerte und frühe Nächte herabsandte, wenn er den Streit seiner geliebten Helden unterbrechen oder ihnen ein Mittel an die Hand geben wollte, um ihn auszutragen; aber Tschitschikow hatte selbst den lebhaften Wunsch, die Sache so schnell als möglich zum Abschluß zu bringen; solange dies nicht geschehen war, fühlte er sich unruhig und unbehaglich: denn er konnte den Gedanken nicht ganz los werden, daß es sich hier doch eigentlich nicht um richtige Seelen handele und daß es in solchen Fällen besser sei, eine solche Last möglichst schnell abzuwerfen. Unter solchen Gedanken hüllte er sich in einen warmen Pelz von braunem Tuch, der mit Bärenfell gefüttert war, und kaum war er auf die Straße getreten, als er an der Ecke der Gasse mit einem Herrn zusammenstieß, der gleichfalls einen mit Bärenpelz gefütterten Überwurf um die Schultern geschlagen hatte und eine Pelzkappe mit Ohrenklappen auf dem Kopfe trug. Der Herr stieß einen Freudenschrei aus — es war Manilow. Beide schlossen einander in die Arme und verharrten etwa fünf Minuten lang in dieser Stellung. Dabei waren die Küsse, die sie austauschten, so kräftig und inbrünstig, daß ihnen beiden nachher den ganzen Tag über die Vorderzähne schmerzten. Von Manilows Gesicht blieben vor Freude nichts wie die Nase und die Lippen übrig, seine Augen waren überhaupt nicht mehr zu sehen. Etwa fünfzehn Minuten lang hielt er Tschitschikows Hand in seinen beiden Händen, bis sie ganz warm wurde. In der feinsten und liebenswürdigsten Weise erzählte er ihm, wie er herbeigeflogen wäre, um Pawel Iwanowitsch in seine Arme zu schließen, und er schloß seine Rede mit einem Kompliment, wie man es höchstens einem jungen Mädchen zu sagen pflegt, das man zum Tanze auffordert. Tschitschikow hatte kaum seinen Mund geöffnet, ohne noch recht zu wissen, wie er ihm danken sollte, als Manilow einen zusammengerollten Bogen Papier, der mit einem roten Bändchen zusammengebunden war, aus seinem Pelze hervorholte.
„Was ist das?“
„Das sind die Bauern.“
„Ah!“ — Er rollte den Bogen sogleich auf, überflog ihn schnell mit den Augen und war erstaunt über die Schönheit und Sauberkeit der Handschrift. „Ist das aber schön geschrieben!“ sagte er, „man braucht es gar nicht erst abschreiben zu lassen. Dazu noch der Rand rund herum! Wer hat denn diese wundervolle Einfassung gezeichnet!“
„Ach fragen Sie lieber gar nicht,“ sagte Manilow.
„Sie?“
„Meine Frau!“
„O mein Gott! Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen soviel Mühe gemacht habe!“
„Für Pawel Iwanowitsch ist uns keine Mühe zu groß!“
Tschitschikow verbeugte sich dankend. Als Manilow erfuhr, daß er nach der Zivilkammer ging, um den Kaufkontrakt abzuschließen, erklärte Manilow sich bereit, ihn dorthin zu begleiten. Die Freunde faßten sich unter und gingen zusammen weiter. Bei jeder kleinen Erhöhung, bei jedem Hügel, oder jeder Stufe stützte Manilow Tschitschikow mit der Hand und hob ihn beinahe in die Höhe, wobei er angenehm lächelte und hinzufügte, er werde es nie zugeben, daß Pawel Iwanowitsch sich weh tue. Tschitschikow wurde verlegen, da er nicht wußte, wie er sich erkenntlich erweisen solle, denn er fühlte, daß er nicht ganz leicht war. So halfen sie sich gegenseitig, bis sie endlich auf dem Platze anlangten, wo das Gerichtsgebäude lag — ein großes dreistöckiges Haus, das so weiß war, wie ein Stück Kreide, wahrscheinlich, um die Seelenreinheit der in ihm tätigen Beamten zu symbolisieren. Die andern Häuser, die sich noch sonst auf dem Platze befanden, konnten sich an Größe nicht im geringsten mit dem steinernen Amtsgebäude messen. Dies waren: ein Wächterhäuschen, vor dem ein Soldat mit einer Flinte stand, zwei bis drei Standplätze für Mietskutschen, und endlich gab es noch hie und da einen von jenen langen Bretterzäunen, mit den bekannten Aufschriften und Zeichnungen, die mit Kohle oder Kreide hingemalt waren. Sonst war nichts auf diesem einsamen, oder wie man sich bei uns zu Lande auszudrücken pflegt, schönen Platze zu sehen. Aus den Fenstern des zweiten oder dritten Stockes guckten ein paar unbestechliche Häupter der Themispriester heraus, um im selben Augenblick wieder zu verschwinden: wahrscheinlich weil der Kanzlei-Chef gerade ins Zimmer trat. Die beiden Freunde traten nicht ein, sondern liefen eilig die Treppe hinauf, weil Tschitschikow seine Schritte beschleunigte, da er nicht wollte, daß Manilow ihn mit der Hand unterstützen solle, dieser aber lief seinerseits wieder voraus, weil er Tschitschikow nicht müde werden lassen wollte, und so kam es, daß beide ganz atemlos waren, als sie den dunkelen Korridor betraten. Weder der Korridor noch die Säle fielen ihnen durch ihre Reinlichkeit besonders auf. Damals kümmerte man sich noch recht wenig darum, und was einmal schmutzig war, blieb schmutzig und nahm niemals ein freundlicheres und angenehmeres Äußeres an. Themis empfing ihre Gäste ganz so wie sie war, im Negligé und im Schlafrock. Eigentlich sollten wir auch noch die Kanzleiräume beschreiben, durch die unsere Helden hindurchschritten, aber der Autor hat eine große Ehrfurcht vor allen Amtsgebäuden. Selbst wenn er Gelegenheit hatte, sie in der Periode ihres höchsten Glanzes, in einem gleichsam veredelten und verschönten Zustande kennen zu lernen und zu durchwandeln, das heißt, wenn die Dielen frisch gewichst und die Tische neu lackiert waren, lief er eilig, mit demütig gesenktem Blicke hindurch, daher hat er auch keine Ahnung davon, wie wohl sich dort alles fühlt und wie dort alles blüht und gedeiht. Unsere Helden sahen gewaltige Mengen Papier, reines und vollgeschriebenes, über den Tisch gebeugte Köpfe, breite Nacken, Fräcke und Röcke von kleinstädtischem Schnitt, oder sogar eine ganz gewöhnliche hellgraue Jacke, die recht stark von den andern abstach und deren Besitzer den Kopf auf die Schulter gebeugt, sodaß er fast auf dem Papier lag, mit schwungvollen Lettern ein Protokoll niederschrieb; wahrscheinlich handelte es von einem Gut, welches sein friedlicher Besitzer, irgend ein Gutsherr, der ein Menschenalter lang darum prozessiert und im ruhigen Genuß seines Eigentums Kinder und Enkel gezeugt, nun verloren hatte, oder das ihm irgendwo konfisziert worden war. Hie und da hörte man ein paar Worte oder kurze Sätze, die von einer heiseren Stimme gesprochen wurden: „Fedossej Iwanowitsch, reichen Sie mir doch die Akten Nr. 368! Immer werfen Sie den Deckel von dem Tintenfaß weg; er gehört doch dem Staat!“ Dazwischen hörte man eine majestätische Stimme, die ohne Zweifel einem Kanzleichef angehörte, gebieterisch rufen: „Da, schreib das ab, sonst laß ich dir die Schuhe ausziehen und dich einsperren, daß du mir sechs Tage lang nichts zu essen kriegst!“ Das Geräusch vom Federgekritzel war sehr stark und erinnerte an den Lärm, den ein paar Fuhren mit Reisig verursachen, wenn sie durch einen Wald fahren, dessen Wege einen Fuß hoch mit dürren Blättern bedeckt sind.
Tschitschikow und Manilow traten an den ersten Tisch, an dem zwei jüngere Beamten saßen, und fragten diese: „Bitte! Können Sie uns sagen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?“
„Was wollen Sie?“ sagten die beiden Beamten zugleich, indem sie sich umwandten.
„Ich habe ein Gesuch einzureichen!“
„Haben Sie etwas gekauft?“
„Ich möchte zuvor wissen, wo die Abteilung für Kaufverträge ist? Hier oder anderswo?“
„Sagen Sie uns doch, was Sie gekauft haben, und zu welchem Preise, dann werden wir Ihnen sagen, wohin Sie sich wenden müssen. So geht es doch nicht!“
Tschitschikow merkte sogleich, daß die Beamten einfach neugierig waren, wie alle jungen Beamten, und sich und ihrer Stellung mehr Gewicht und Bedeutung geben wollten.
„Hören Sie, meine verehrten Herren,“ sagte er, „ich weiß sehr gut, daß alle Angelegenheiten, die sich auf Kaufverträge beziehen, in ein und dasselbe Ressort gehören, ich bitte Sie daher, mir den Ort zu nennen, wohin ich mich zu wenden habe; wenn Sie nicht wissen, was in diesen Räumen vorgeht, dann müssen wir uns eben bei jemand anders erkundigen!“ Hierauf antworteten die Beamten gar nicht mehr, der eine zeigte bloß mit einem Finger auf eine Zimmerecke, wo ein alter Herr saß, der damit beschäftigt war, Akten zu numerieren. Tschitschikow und Manilow schritten zwischen den Tischen hindurch gerade auf ihn los. Der Alte war ganz in seine Tätigkeit versunken.
„Darf ich fragen,“ sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, „ob dies die Abteilung für Kaufverträge ist?“
Der Alte sah auf und sagte gedehnt: „Nein, hier ist keine Abteilung für Kaufverträge.“
„Wo denn?“
„Die ist in der Kontraktabteilung.“
„Und wo ist die Kontraktabteilung?“
„Bei Iwan Antonowitsch.“
„Und wo ist Iwan Antonowitsch?“
Der Alte zeigte mit dem Finger auf eine andere Zimmerecke, worauf Tschitschikow und Manilow sich zu Iwan Antonowitsch begaben. Iwan Antonowitsch hatte schon mit einem Auge nach ihnen hingeschielt und sie von der Seite angesehen, aber er beugte sich sogleich wieder über sein Papier und schrieb eifrig weiter.
„Darf ich fragen, ob dies die Abteilung für Kaufverträge ist,“ sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung.
Iwan Antonowitsch schien ihn nicht gehört zu haben, denn er war ganz in seine Akten vertieft und antwortete nichts. Man sah sofort, daß dies ein Mann von reiferen Jahren war und kein junger Schwätzer und Springinsfeld. Anscheinend war Iwan Antonowitsch ein hoher Vierziger; er hatte dichtes, schwarzes Haar, die ganze mittlere Partie seines Gesichts trat stark hervor und schien sich gewissermaßen in der Nase konzentriert zu haben; mit einem Wort, es war eins von jenen Gesichtern, die man bei uns gewöhnlich als „Kannenschnauze“ zu bezeichnen pflegt.
„Darf ich fragen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?“ wiederholte Tschitschikow.
„Hier,“ sagte Iwan Antonowitsch, indem er seinen Rüssel ein wenig empor hob und sogleich wieder zu schreiben begann.
„Ich komme in folgender Angelegenheit: ich habe bei einigen Gutsbesitzern dieser Provinz Bauern gekauft, die ich zu Ansiedlungszwecken benutzen will; ich habe den Kontrakt mitgebracht, er muß bloß noch unterschrieben werden.“
„Und sind die Verkäufer zugegen?“
„Einige sind da, und von den anderen habe ich Vollmachten.“
„Haben Sie das Gesuch mitgebracht?“
„Jawohl, ich habe es hier! Ich möchte gern ... Ich habe große Eile ... Könnte ich die Sache nicht schon heute erledigen?“
„Hm! Heute! Nein heute geht es nicht,“ sagte Iwan Antonowitsch. „Man muß noch Erkundigungen einziehen, ob sie nicht verpfändet sind.“
„Übrigens ist Iwan Grigorowitsch, der Präsident, ein guter Freund von mir; da ließe sich ja etwas zur Beschleunigung der Sache tun.“
„Es handelt sich hier doch nicht bloß um Iwan Grigorowitsch; es sind doch noch andere da,“ sagte Iwan Antonowitsch mürrisch.
Tschitschikow merkte jetzt, wo der Hase im Pfeffer lag und sagte: „Die anderen sollen schon nicht zu kurz kommen. Ich habe selbst gedient und kenne den Instanzenweg.“
„Gehen Sie also zu Iwan Grigorowitsch,“ sagte Iwan Antonowitsch etwas besänftigt. „Er mag an passender Stelle seine Order geben. An uns soll es nicht liegen.“
Tschitschikow nahm einen Schein aus der Tasche und legte ihn vor Iwan Antonowitsch hin. Dieser nahm gar keine Notiz von ihm und deckte ihn sofort mit einem Buche zu. Tschitschikow wollte ihn darauf aufmerksam machen, aber Iwan Antonowitsch gab ihm durch eine Kopfbewegung zu verstehen, daß er das nicht wünsche!
„Der da wird Euch in die Kanzlei führen!“ sagte Iwan Antonowitsch, indem er mit dem Kopfe nickte. Und einer von den anwesenden Hohenpriestern, welcher Themis mit solchem Eifer opferte, daß seine beiden Ärmel an den Ellenbogen geplatzt waren und das Futter aus den Löchern hervorquoll, wofür er seinerzeit den Rang eines Kollegienregistrators erhalten hatte, übernahm die Führerrolle bei unseren Freunden, wie einst Vergil bei Dante, und geleitete sie in die Kanzlei, in der lauter breite Lehnstühle standen, auf deren einem vor einem Spiegeltisch und zwei dicken Büchern der Präsident gleich dem Sonnengott thronte. Hier fühlte sich der neue Vergil von einer solchen Ehrfurcht beseelt, daß er sich durchaus nicht entschließen konnte, seinen Fuß über die Schwelle zu setzen. Er kehrte daher um, indem er den Freunden seinen Rücken zuwandte, welcher abgerieben war wie eine Bastmatte, und an dem eine Hühnerfeder klebte. Als sie ins Zimmer traten, bemerkten sie, daß der Präsident nicht allein war, neben ihm saß Sabakewitsch, der ganz von dem Spiegel verdeckt wurde. Die Ankunft der Gäste entlockte den Anwesenden ein paar freudige Rufe, und der Präsidentensessel wurde geräuschvoll beiseite geschoben. Auch Sabakewitsch erhob sich und stand nun mit seinen langen Ärmeln von allen Seiten sichtbar da. Der Präsident umarmte Tschitschikow, und das Amtszimmer hallte wieder von den Küssen der Freunde. Man erkundigte sich gegenseitig nach dem Wohlergehen, und hierbei stellte sich heraus, daß beide an Hexenschuß litten, was man flugs der sitzenden Lebensweise aufs Konto setzte. Wie es schien war der Präsident von Sabakewitsch schon über das Kaufgeschäft unterrichtet; denn er gratulierte Tschitschikow aufs herzlichste, was unsern Helden zunächst ein wenig in Verlegenheit setzte, besonders jetzt, wo Sabakewitsch und Manilow, die beiden Verkäufer, mit denen er doch im geheimen, unter vier Augen verhandelt hatte, sich nun Aug in Auge gegenüberstanden. Er bedankte sich indessen beim Präsidenten und sagte dann, indem er sich zu Sabakewitsch wandte:
„Und wie befinden Sie sich?“
„Gott sei Dank, ich kann nicht klagen,“ sagte Sabakewitsch, und in der Tat, er hatte wirklich keinen Grund zur Klage, eher hätte sich ein Stück Eisen erkälten und den Husten bekommen können, als dieser wunderbar gebaute Gutsbesitzer.
„Ja, Sie durften sich immer einer guten Gesundheit rühmen,“ sagte der Präsident. „Ihr seliger Herr Vater war auch so stark wie Sie.“
„Ja, der ging auch allein auf die Bärenjagd!“ antwortete Sabakewitsch.
„Mir scheint, Sie würden es auch fertig bringen, einen Bären umzuschmeißen, wenn Sie allein mit ihm in den Kampf gerieten,“ meinte der Präsident.
„Nein, das bringe ich doch nicht fertig,“ antwortete Sabakewitsch. „Mein seliger alter Herr war doch kräftiger als ich,“ und er fuhr seufzend fort: „Nein, heutzutage gibt’s keine solchen Menschen mehr. Nehmen Sie z. B. gleich mein Leben. Was ist das für ein Leben, nur so, so, lala ...“
„Und warum ist Ihr Leben nicht schön?“ fragte der Präsident.
„Nein, schön kann man es wirklich nicht nennen,“ sagte Sabakewitsch kopfschüttelnd. „Denken Sie doch selbst, Iwan Grigorjewitsch, ich bin schon in den Fünfzigern und bin noch nie krank gewesen; wenn ich auch nur ein einziges Mal Halsschmerzen, ein Geschwür, oder einen Furunkel gehabt hätte .... Das nimmt sicher kein gutes Ende! Das wird sich noch einmal rächen ...“ Bei diesen Worten wurde Sabakewitsch sehr melancholisch.
„Daß dich der ...!“ dachten fast gleichzeitig Tschitschikow und der Präsident: „Worüber der nicht zu klagen hat!“
„Ich habe auch einen Brief für Sie,“ sagte Tschitschikow, während er Pljuschkins Schreiben aus der Tasche zog.
„Von wem?“ fragte der Präsident. Er nahm den Brief in Empfang, entsiegelte ihn und rief erstaunt aus: „Von Pljuschkin! Existiert der auch noch auf dieser Welt? Das ist auch ein Leben! Was war das doch für ein kluger und wohlhabender Mann! Und nun ...“
„Ein Schweinehund!“ sagte Sabakewitsch. „So ein Schuft, der läßt all seine Leute verhungern!“
„Gern, mit Vergnügen!“ rief der Präsident, nachdem er den Brief gelesen hatte, „ich will ihn gerne vertreten! Wann wünschen Sie den Kauf abzuschließen? Jetzt gleich oder etwas später?“
„Gleich!“ versetzte Tschitschikow: „Ich möchte Sie sogar bitten, dafür zu sorgen, daß es gleich heute geschieht. Ich möchte nämlich schon morgen wieder weiterreisen, den Kontrakt und das Gesuch habe ich gleich mitgebracht!“
„Das ist alles sehr schön und gut, aber Sie werden schon verzeihen: so früh können wir Sie unmöglich fortlassen. Die Kontrakte sollen noch heute unterschrieben werden, aber Sie werden sich schon entschließen müssen, noch ein paar Tage mit uns zu verleben. Ich will sogleich Order erteilen,“ fuhr er fort, indem er die Tür der Kanzlei öffnete, welche ganz voll von Beamten war, die wie ein Bienenschwarm ihre Zellen umschwärmten, wenn nur ein Vergleich der Akten mit Bienenzellen zulässig ist: „Ist Iwan Antonowitsch hier?“
„Ja! Hier!“ antwortete eine Stimme aus dem Innern des Zimmers.
„Er soll herkommen!“
Iwan Antonowitsch, die Kannenschnauze, deren Bekanntschaft der Leser schon gemacht hat, erschien im Amtszimmer und machte eine devote Verbeugung.
„Bitte, Iwan Antonowitsch, nehmen Sie doch alle diese Kaufverträge und ...“
„Iwan Grigorjewitsch!“ fiel hier Sabakewitsch ein, „bitte vergessen Sie nicht, daß wir auch noch Zeugen brauchen, wenigstens zwei Mann von jeder Partei. Schicken Sie doch gleich zum Staatsanwalt, er hat nicht viel zu tun und sitzt sicher zu Hause: Solotucha, der Anwalt, besorgt all seine Arbeiten; einen größeren Räuber wie den gibt’s auf der Welt nicht wieder! Der Sanitätsinspektor ist auch nicht sehr beschäftigt, und ist wahrscheinlich auch zu Hause, wenn er nicht bei einem Bekannten sitzt und Karten spielt; ach, und dann gibt’s ja noch eine ganze Reihe von Leuten, die hier in der Nähe wohnen: Truchatschewski, Bjeguschkin — lauter Leute, die der lieben Erde durch ihren Müßiggang zur Last fallen!“
„Richtig! Sehr richtig!“ sprach der Präsident, und schickte sofort einen Kanzleibeamten fort, um sie holen zu lassen.
„Ich habe noch eine Bitte,“ sagte Tschitschikow: „Schicken Sie doch bitte noch nach dem Vertrauensmann einer Gutsbesitzerin, mit der ich auch ein kleines Geschäft abgeschlossen habe — es ist der Sohn des Oberpriesters Pater Cyrill; er dient bei Ihnen.“
„Mit Vergnügen, ich will ihn gleich holen lassen!“ sprach der Präsident: „es wird alles besorgt, ich bitte Sie nur eins, geben Sie den Beamten nichts. Meine Freunde brauchen nicht zu zahlen.“ Hierauf gab er Iwan Antonowitsch noch einen Auftrag, der diesem recht wenig zu gefallen schien. Die Verträge schienen einen vortrefflichen Eindruck auf den Präsidenten gemacht zu haben, besonders als er sah, daß die Kaufsumme nahezu hunderttausend Rubel betrug. Er sah Tschitschikow einige Minuten lang in die Augen und sagte schließlich: „Sehen Sie wohl, Pawel Iwanowitsch. Sie haben also eine Akquisition gemacht!“
„Sehr richtig!“ antwortete Tschitschikow.
„Daran haben Sie wohl getan. Wahrhaftig! Daran haben Sie sehr wohl getan!“
„Ja, jetzt sehe ich selbst, daß ich nichts Besseres tun konnte. Mag es sein, wie es will, der Lebenszweck des Menschen ist noch nicht endgültig fixiert, solange er nicht festen Fuß auf dauerndem Grunde gefaßt hat, und noch irgend einem chimärischen Jugendideal der Freidenker nachjagt.“ Bei dieser Gelegenheit verfehlte er nicht ein paar tadelnde Worte über die jungen Leute und ihren Liberalismus zu sagen, und das von Rechts wegen. Aber, was sehr merkwürdig war, es lag in seinen Worten noch immer eine gewisse Unsicherheit, wie wenn er gleich darauf zu sich sagen wollte: ‚Ach was? Bester, du schwindelst, und nicht zu knapp!‘ Ja, er wagte es nicht einmal, Sabakewitsch und Manilow anzusehen, weil er sich fürchtete, einem unliebsamen Ausdruck in ihren Gesichtern zu begegnen. Aber seine Sorge war unnütz; in Sabakewitschs Gesicht regte und rührte sich nichts, Manilow aber war ganz hingerissen von der schönen Rede, schüttelte bloß den Kopf vor Vergnügen, und geriet dabei in eine solche seelische Verzücktheit, wie sie sich wohl eines Musikkenners zu bemächtigen pflegt, wenn die Sängerin noch die Violine überbietet und einen so feinen hohen Ton in die Luft schmettert, wie ihn selbst eine Vogelkehle nicht herauszubringen vermag.
„Warum sagen Sie denn Iwan Grigorjewitsch nicht, was Sie eigentlich gekauft haben?“ bemerkte Sabakewitsch. „Und Sie, Iwan Grigorjewitsch? Fragen Sie denn garnicht, was für einen Kauf er gemacht hat? Wüßten Sie nur, was für prächtige Leute das sind! Gold ist nichts dagegen! Ich habe ihm doch auch den Wagenmacher Michejew verkauft.“
„Wahrhaftig? Nein?“ versetzte der Präsident. „Ich kenne den Michejew; der Mann ist ein Meister in seinem Fach; er hat mir einmal eine Droschke repariert. Aber erlauben Sie mal ... Wie ist denn das? ... Haben Sie mir denn nicht gesagt, daß er gestorben ist? ...“
„Wer? Michejew tot?“ fragte Sabakewitsch, der auch nicht einen Augenblick die Fassung verlor. „Sie meinen wohl seinen Bruder, der ist allerdings tot; dieser hier ist so gesund, wie ein Fisch im Wasser; der fühlt sich noch wohler als früher. Vor kurzem hat er mir noch eine solche Kutsche gebaut, wie Sie sie nicht einmal in Moskau bekommen. Der sollte eigentlich zum Hoflieferanten des Kaisers ernannt werden.“
„Ja, Michejew ist ein Meister,“ versetzte der Präsident, „ich wundere mich eigentlich, daß Sie sich so leicht von ihm trennen konnten.“
„Ja, wenn’s nur der eine Michejew wäre! Stepan Probka, der Tischler, der Ziegelbrenner Miluschkin, der Schuster Maksim Teljatnikow — sie gehen alle fort, ich habe sie alle zusammen verkauft.“ Und als der Präsident fragte, warum er sie denn gehen lasse, wenn es doch lauter nützliche Leute und Handwerker seien, die er in seinem Haushalt brauchen könne, antwortete Sabakewitsch, indem er eine gleichgültige Handbewegung machte: „Ich weiß nicht, es ist mir mal so’ne dumme Idee in den Kopf gekommen! Ich habe mir halt gedacht: ach was, ich verkaufe sie, und hab’ sie dann dummer Weise wirklich verkauft!“ Hierauf ließ er den Kopf hängen, wie wenn es ihn jetzt tatsächlich reute, und er fügte hinzu: „Da wird man alt und grau und wird doch nicht klüger!“
„Aber erlauben Sie mal, Pawel Iwanowitsch,“ sagte der Präsident. „Wozu kaufen Sie eigentlich Bauern, ohne Land? Brauchen Sie sie etwa zu Ansiedelungszwecken?“
„Natürlich zu Ansiedelungszwecken!“
„So, das ist freilich was andres. Und wo wollen Sie sie ansiedeln?“
„In dem .... Im Gouvernement Cherson.“
„O, da gibt es ausgezeichneten Boden!“ sprach der Präsident, und er sprach sich sehr lobend über die Höhe und Güte des dortigen Grases aus.
„Und haben Sie auch Land genug?“
„Vollkommen genug — genau soviel, als ich brauche, um die Bauern anzusiedeln.“
„Gibt’s dort auch einen Fluß oder nur einen Teich?“
„Einen Fluß. Übrigens ist auch ein Teich da.“ Bei diesen Worten sah Tschitschikow im Versehen Sabakewitsch an, und obwohl dieser ebenso unbeweglich wie vorher in seiner Stellung verharrte, schien es Tschitschikow doch, als läse er in dessen Gesichte die Worte: „Du schwindelt, mein Lieber! Ich bezweifle sehr, daß dieser Teich und Fluß und das ganze Land überhaupt existieren.“
Während die Unterhaltung noch ihren Fortgang nahm, erschienen allmählich die Zeugen: der Staatsanwalt, den der Leser schon kennt und der ewig mit dem linken Augenlide zuckte, der Inspektor der Sanitätskommission, ferner die Herren Truchatschewski, Bjeguschkin und die andern, die nach Sabakewitschs Worten der Erde durch ihren Müßigang zur Last fallen. Viele von ihnen kannte Tschitschikow noch garnicht; die fehlenden Zeugen wurden durch einige diensthabende Beamte ersetzt. Man hatte nicht nur den Sohn des Oberpriesters, Pater Cyrill, sondern auch den Oberpriester selbst herangeholt. Jeder von den Zeugen setzte seine Unterschrift mit Aufführung all seiner Titel und Würden unter das Dokument, der eine in runder, der andre in schräger Schrift; bei einem dritten schienen sozusagen die Buchstaben auf dem Kopf zu spazieren, oder es liefen solche Lettern mit unter, wie sie im russischen Alphabet garnicht einmal vorkommen. Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und sicher, die Kontrakte wurden notifiziert, mit dem Datum versehen, und in die Bücher und wohin sich’s sonst noch gehört, eingetragen, nachdem die ein halbes Prozent betragenden Gebühren und Spesen für die Ankündigung im Amtsblatt erhoben worden waren, sodaß Tschitschikow nur eine Kleinigkeit zu bezahlen brauchte. Ja, der Präsident gab sogar Order ihm nur die Hälfte von den Gebühren anzurechnen, während die andre Hälfte einem andern Kontrahenten auf die Rechnung gestellt wurde. Wie man das fertig brachte, weiß der liebe Himmel.
„Und nun,“ sagte der Präsident, nachdem alles glücklich erledigt war, „hätten wir das Geschäft nur noch zu begießen.“
„Mit Vergnügen,“ sagte Tschitschikow. „Ich überlasse es Ihnen, die Zeit zu bestimmen. Es wäre eine Sünde, wenn ich meinerseits mich weigern wollte, in so angenehmer Gesellschaft ein paar Flaschen Sekt springen zu lassen.“
„Nein, das fassen Sie falsch auf: den Sekt stellen wir selbst,“ sagte der Präsident; „das ist nur unsere Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind unser Gast: also laden wir Sie ein. Wissen Sie was meine Herren? Gehen wir doch einstweilen mal zum Polizeimeister: das ist ein richtiger Zauberkünstler; wenn der am Fischmarkt oder an einer Weinhandlung vorübergeht, braucht er nur zu winken, und es steht gleich ein glänzendes Frühstück da, zu dem man sich gratulieren kann. Bei dieser Gelegenheit können wir auch eine Partie Whist machen.“
Ein solch vernünftiges Anerbieten konnte niemand ausschlagen. Den Zeugen lief schon bei der bloßen Erwähnung des Fischmarktes das Wasser im Munde zusammen; alles griff sofort zu Hut oder Mütze, und die Sitzung war zu Ende. Als man durch die Kanzlei schritt, sagte Iwan Antonowitsch — die Kannenschnauze — mit einer höflichen Verbeugung zu Tschitschikow: „Sie haben für hunderttausend Rubel Bauern gekauft, und ich habe nur fünfundzwanzig für meine Mühe bekommen.“
„Ja, was sind denn das für Bauern,“ flüsterte ihm Tschitschikow leise zu: „lauter schlechtes nichtsnutziges Volk, die sind noch nicht die Hälfte wert.“ Iwan Antonowitsch begriff, daß er einem Mann von festem Charakter gegenüberstand, von dem er nicht mehr herausbekommen würde.
„Wieviel hat Ihnen Pljuschkin für die Seele abgenommen?“ flüsterte ihm Sabakewitsch ins andere Ohr.
„Und warum haben Sie den Sperling eingeschmuggelt?“ antwortete ihm Tschitschikow.
„Welchen Sperling?“ fragte Sabakewitsch.
„Na das Weibsbild, die Elisabetha Sperling. Sie haben ja noch us statt a geschrieben.“
„Von diesem Sperling weiß ich nichts,“ sagte Sabakewitsch und mischte sich unter die anderen Gäste.
Die Gäste begaben sich schließlich in corpore nach dem Hause des Polizeimeisters. Der Polizeimeister war tatsächlich ein Zauberkünstler; kaum hatte er gehört, worum es sich handelte, als er schon einen Polizeikommissar, einen schneidigen Kerl in hohen Lackstiefeln, zu sich heranrief und ihm, wie es schien, kaum mehr als zwei Worte ins Ohr flüsterte; dann fragte er ihn nur noch kurz: „Hast du verstanden?“, und schon erschienen im andern Zimmer, während die Gäste noch ihren Whist droschen, die herrlichsten Dinge auf dem Tische: Störe, Hausen, geräucherter Lachs, frischer und gepreßter Kaviar, Hering, Wels, allerhand Käsesorten, geräucherte Zunge — dies wenigstens war das Menu, soweit es den Fischmarkt betraf. Dazu kamen noch einige Zugaben, die aus dem eigenen Haushalt und der eigenen Küche stammten: eine Fischpastete, die mit dem Knorpel und den Kiemen eines neun Pud schweren Störs gefüllt war, eine Pastete mit Pfifferlingen, Pastetchen aus Butterteig, Splittertörtchen usw. Der Polizeimeister war in gewissem Sinne der Vater und der Wohltäter der Stadt. Er benahm sich im Kreise der Bürger ganz wie im eigenen Familienkreise, und in den Läden oder auf dem Tuchmarkt wußte er Bescheid wie in seiner eigenen Speisekammer. Er war überhaupt, wie man zu sagen pflegt, ganz an seinem Platz und hatte seinen Beruf aus dem ff heraus. Es wäre sicherlich schwer zu entscheiden gewesen, ob er für sein Amt oder sein Amt für ihn geschaffen war. Er wußte seinen Posten so gut auszufüllen, daß seine Einnahmen sich beinahe auf das Doppelte von dem beliefen, was seine Vorgänger erhalten hatten, und doch war er in der ganzen Stadt allgemein beliebt. Die Kaufleute schätzten ihn am meisten, ganz besonders weil er gar nicht stolz war; und in der Tat, er hob ihre Kinder aus der Taufe, stand mit ihnen Gevatter, und obwohl er sie tüchtig bluten ließ, machte er doch auch dies mit einer ganz besonderen Geschicklichkeit: entweder klopfte er ihnen freundlich auf die Schulter und lächelte ihnen zu, oder er lud sie zum Tee ein, ließ sich zu einer Partie Dame auffordern und fragte sie nach allem aus: wie die Geschäfte gehen und wie es sonst stände; wenn er erfuhr, daß eins der Kinder krank sei, dann wußte er gleich Rat und verschrieb ihm die richtige Arzenei; mit einem Wort, er war ein ganz famoser Kerl. Kam er in seinem Wagen daher gefahren, um überall für Ordnung zu sorgen, dann hatte er immer für den einen oder andern das rechte Wort bereit: „Nun Michej, sollen wir nicht einmal unser Spielchen zu Ende spielen.“ — „Freilich, Alexei Iwanowitsch,“ antwortet dieser und zieht die Mütze, „freilich sollten wir!“ „Hör doch, Ilja Paramonowitsch, komm doch mal zu mir und sieh dir mein Rennpferd an; das läuft noch schneller als das deine; laß es doch auch mal vor den Rennschlitten spannen, und dann wollen wir sehen!“ Der Kaufmann, der ein passionierter Pferdefreund war, lächelte hierbei ganz besonders zufrieden, strich sich den Bart und sagte: „Gut, wir wollen sehen! Alexei Antonowitsch!“ Selbst die Ladendiener nahmen hierbei ihre Mützen ab und sahen sich vergnügt an, wie wenn sie sagen wollten: „Alexei Antonowitsch ist doch ein prächtiger Mensch!“ Mit einem Wort, er war sehr populär, und die Kaufleute hatten eine sehr hohe Meinung von ihm und sagten: „Alexei Antonowitsch nimmt zwar ein bissel viel, dafür hält er aber auch sein Wort.“
Als der Polizeimeister sich überzeugte, daß das Frühstück fertig sei, forderte er seine Gäste auf, den Whist nach Tisch fortzusetzen, und alle begaben sich in das Zimmer, von dem aus sich schon lange ein angenehmer Geruch bis in die Nebengemächer verbreitete. Dieser Geruch hatte die Nasen unserer Gäste schon längst in angenehmer Weise gekitzelt, und Sabakewitsch schielte fortwährend durch die Türe nach dem Tisch, da er bereits von dem Stör Notiz genommen hatte, der etwas abseits auf einem großen Teller lag. Nachdem die Gäste erst einen Likör von jener dunkelgrünen Olivenfarbe gekostet hatten, wie man sie nur an den durchsichtigen sibirischen Steinen beobachtet, aus denen bei uns in Rußland Petschaften gemacht werden, trat man von allen Seiten mit Gabeln bewaffnet an den Tisch. Hierbei zeigten sich, wie man zu sagen pflegt, der Charakter und die Neigungen eines jeden in ihrem wahren Lichte, indem der eine sich an den Kaviar, ein anderer an den Lachs, ein dritter an den Käse heranmachte. Sabakewitsch würdigte indessen all diese Kleinigkeiten keines Blickes und richtete sich in nächster Nachbarschaft vom Stör ein; während jene aßen, tranken und sich unterhielten, verleibte er ihn sich in einer kurzen Viertelstunde völlig ein, und als der Polizeimeister sich an den Fisch erinnerte und mit den Worten: „Und was denken Sie von diesem Naturprodukt, meine Herren!“ zugleich die andern aufforderte, ihm zu folgen und mit der Gabel in der Hand vor den Stör hintrat, da merkte er, daß von dem Naturprodukt nur noch der Schwanz übrig geblieben war; Sabakewitsch aber tat so, als ob ihn die Sache garnichts anginge, trat vor einen Teller, der etwas abseits von den andern stand, und stocherte mit der Gabel auf einem kleinen getrockneten Fischchen herum. Nachdem er den Stör verarbeitet hatte, ließ sich Sabakewitsch in einen Lehnstuhl sinken und aß und trank von da ab nichts mehr, sondern blinzelte nur noch mit den Augen. Der Polizeimeister liebte, wie es schien, nicht mit dem Wein zu sparen. Der erste Toast wurde, wie die Leser vielleicht selbst erraten werden, auf das Wohl des neuen Gutsbesitzers von Cherson ausgebracht. Der zweite galt dem Wohlergehen seiner Bauern und ihrer glücklichen Ansiedlung. Dann trank man auf die Gesundheit seiner künftigen reizenden Ehehälfte, was unserm Helden ein freundliches Lächeln entlockte. Dann drängten sich alle um ihn und suchten ihn zu überreden, daß er doch noch wenigstens zwei Wochen in der Stadt bleiben möge. „Nein, Pawel Iwanowitsch! Das hieße ja die Wohnung kalt werden lassen: über die Schwelle und gleich wieder fort! Nein, bleiben Sie doch noch eine Zeitlang bei uns! Kommen Sie, wir wollen Sie verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ihm eine Frau?“
„Ja, ja, eine Frau!“ fiel der Präsident ein, „sträuben Sie sich mit Händen und Füßen, soviel Sie wollen, Sie werden doch verheiratet! Nichts da, mein Bester! Mitgefangen, mitgehangen! Da dürfen Sie sich nicht beklagen, wir lieben nicht zu spaßen!“
„Warum nicht, wozu sollte ich mich mit Händen und Füßen dagegen stemmen? Die Heirat ist doch nicht solch eine Sache, daß man darüber gleich ... Wenn nur eine Braut da wäre.“
„Die Braut wird sich schon finden! Wie sollte sie nicht? Es wird sich alles finden, alles was Sie nur wollen.“
„Nun, unter diesen Umständen ...“
„Bravo, er bleibt!“ schrieen alle: „Vivat Hurrah! Pawel Iwanowitsch, Hurrah!“ Und alle traten mit den Gläsern in der Hand auf Tschitschikow zu, um mit ihm anzustoßen. Tschitschikow stieß mit allen an.
„Nein, noch einmal!“ sagten die Tollsten, und die Gläser mußten noch einmal erklingen; ja sie wollten noch zum dritten Mal anstoßen, und so machte man es denn zum dritten Male. In kurzer Zeit wurden alle außerordentlich lustig. Der Präsident, welcher in angeheitertem Zustande ein äußerst lieber Mensch war, schloß Tschitschikow mehrmals in seine Arme und stammelte im Übermaß seines Gefühles: „Mein liebes Herz, mein liebes Mamachen!“ Ja, er knipste sogar mit den Fingern und begann um Tschitschikow herumzutanzen, wobei er das bekannte Volkslied anstimmte: „Ach du Hundesohn! du Bauer aus Komarinsk.“ Nach dem Sekt ging man zu den Ungarweinen über, welche die Stimmung noch mehr hoben und noch mehr zur Erheiterung der Gesellschaft beitrugen. Der Whist war ganz und gar vergessen: man schrie, man zankte, man unterhielt sich über alle möglichen und unmöglichen Dinge — über Politik, ja sogar über militärische Fragen, man führte freie Reden, für die ein jeder unter gewöhnlichen Umständen seine eigenen Kinder durchgeprügelt hätte. Bei dieser Gelegenheit wurde eine ganze Reihe höchst schwieriger Probleme zur Lösung gebracht. Tschitschikow hatte sich noch nie so froh und heiter gefühlt, er kam sich tatsächlich schon als Chersonscher Gutsbesitzer vor, sprach von allerhand wirtschaftlichen Neuerungen und Verbesserungen, von dem Dreifeldersystem, von dem Glück und der Seligkeit zweier Seelen und deklamierte Sabakewitsch sogar eine gereimte Epistel von Werther an Charlotte vor, wozu jener nur mit den Augen blinzelte, denn er saß in seinem Lehnstuhl und fühlte nach dem Stör eine starke Neigung zum Schlafen. Tschitschikow sah bald selbst ein, daß er sich vielleicht zu sehr habe gehen lassen, er erkundigte sich, ob er nicht einen Wagen bekommen könne und benutzte schließlich die Equipage des Staatsanwalts, um nach Hause zu fahren. Der Kutscher war, wie es sich unterwegs herausstellte, ein gewiegter Wagenlenker, denn er hielt die Zügel in der einen Hand, während er die andere zurückstreckte, um den bedenklich hin und her schwankenden Tschitschikow festzuhalten. So langte dieser im Wagen des Staatsanwalts im Gasthof an, wo er noch lange Zeit allerhand tolles Zeug schwatzte: von einer blonden Braut mit roten Backen und einem Grübchen auf der rechten Wange, von Chersonschen Gütern, Kapitalien und dergleichen mehr. Seliphan erhielt sogar verschiedene Aufträge, die sich auf die Gutsverwaltung bezogen: so sollte er zum Beispiel alle neu angesiedelten Bauern herbeiholen und jeden einzeln aufrufen. Seliphan hörte lange schweigend zu und verließ dann das Zimmer, nachdem er zu Petruschka gesagt hatte: „Geh, kleide den Herrn aus!“ Petruschka versuchte es zunächst, Tschitschikow die Stiefel auszuziehen, wobei er ihn beinahe selbst vom Bette heruntergezogen hätte. Schließlich war er damit fertig, der Herr entkleidete sich, wie es sich gehört, wälzte sich noch ein paar Minuten im Bette herum, welches gewaltig krachte und ächzte, und schlief tatsächlich als Chersonscher Gutsbesitzer ein. Unterdessen trug Petruschka die Hosen und den preißelbeerfarbenen Frack mit den Sternchen ins Vorzimmer hinaus, hängte sie über den hölzernen Kleiderhalter und bearbeitete sie so kräftig mit dem Ausklopfer und der Kleiderbürste, daß der ganze Korridor in eine Staubwolke gehüllt zu sein schien. Als er die Kleider oben herunternehmen wollte, erblickte er Seliphan von der Gallerie aus, der soeben aus dem Stall zurückkehrte. Ihre Augen begegneten sich, und sie verstanden sich sofort wie durch einen gewissen Instinkt: der Herr schlief, warum sollte man da nicht einem bekannten Lokal einen kleinen Besuch abstatten? Petruschka trug also Frack und Hosen schnell wieder ins Zimmer, lief die Treppe hinunter, und beide machten sich, ohne ein Wort über ihr eigentliches Reiseziel zu verlieren, unter ganz gleichgültigen Gesprächen auf den Weg. Ihr Spaziergang nahm nicht allzuviel Zeit in Anspruch, sie gingen bloß über die Straße, bewegten sich auf ein Haus zu, das dem Gasthof gerade gegenüberlag, und traten durch eine niedrige rauchgeschwärzte Glastür, die in eine Art Kellerraum führte, in das Lokal, wo schon eine ganze Gesellschaft von allerhand Leuten ihrer wartete: da gab’s Rasierte und Unrasierte, Männer mit Pelzen und ohne solche, im bloßen Hemd und hie und da auch einen in einem Mantel. Wie Petruschka und Seliphan hier ihre Zeit verbrachten, — weiß nur der liebe Gott; genug sie kamen nach einer Stunde Arm in Arm und stumm wieder heraus, wobei sie sehr besorgt umeinander zu sein schienen und sich gegenseitig auf jede Straßenecke aufmerksam machten. Dann stiegen sie wohl eine Viertelstunde lang Arm in Arm und ohne einander auch nur einen Augenblick loszulassen, die Treppe hinauf, bis auch dies Hindernis genommen war und sie oben anlangten. Petruschka blieb einen Moment vor seinem niedrigen Bette stehen, still erwägend, wie er sich wohl am besten darin plazieren könnte, dann legte er sich quer darüber, sodaß seine Füße den Fußboden berührten. Seliphan stieg in dasselbe Bett, indem er seinen Kopf auf Petruschkas Bauch legte; er hatte ganz vergessen, daß dies ja nicht seine eigentliche Schlafstätte, und daß sein Platz irgendwo in der Bedientenstube oder im Stall bei den Pferden war. Beide schliefen sofort ein, indem sie ein Schnarchduett von gewaltiger Kraft und Stärke anstimmten, dem ihr Herr mit seinem feinen Zephyrsäuseln durch die Nase sekundierte. Bald darauf wurde es auch im ganzen Gasthofe still, und ein tiefer Schlaf bemächtigte sich aller Bewohner; nur in einem Fenster schimmerte noch ein schwacher Lichtschein; dort wohnte ein angereister Leutnant aus Rjasan, der eine große Leidenschaft für Stiefel zu haben schien, denn er hatte sich bereits vier Paar Schuhe bestellt, und ließ sich nun schon das fünfte Paar anmessen. Wiederholt trat er ans Bett, um sich die Stiefel auszuziehen und sich niederzulegen, aber er konnte sich nicht dazu entschließen: die Stiefel saßen wirklich vorzüglich und immer wieder hob er den Fuß in die Höhe und betrachtete wohlgefällig den schneidigen, wunderbar geformten Absatz.
Achtes Kapitel
Tschitschikows Einkäufe waren bereits der Gegenstand des Stadtgespräches geworden. Man stritt, man unterhielt sich und debattierte darüber, ob es vorteilhaft sei, Bauern zu Ansiedelungszwecken anzukaufen. Viele von diesen Debatten zeichneten sich durch Gründlichkeit und Sachlichkeit aus: „Natürlich ist das so,“ sagten die einen, „das läßt sich nicht bestreiten, der Boden ist in den südlichen Gouvernements wirklich gut und sehr fruchtbar; aber was werden Tschitschikows Bauern ohne Wasser anfangen? da gibt’s doch gar keine Flüsse.“ — „Das wäre noch nicht schlimm, daß es kein Wasser gibt, das macht noch nichts, Stepan Dimitrwejewitsch; aber die Kolonisation ist eine sehr riskante Sache. Man weiß ja, wie so’n Bauer ist: da wird er auf eine ganz jungfräuliche Scholle verpflanzt, und soll nun Ackerbau treiben — und dabei ist nichts da — weder Haus noch Hof — ich sag Ihnen, der läuft davon, das ist so sicher wie zwei mal zwei vier, schnallt sich seine Schuhe an, macht daß er fortkommt, dann können Sie lange suchen, bis Sie ihn finden!“ — „Nein, erlauben Sie mal, Alexei Iwanowitsch, ich bin durchaus nicht Ihrer Ansicht, wenn Sie sagen, die Bauern werden dem Tschitschikow davonlaufen. Ein rechter Russe ist zu allem fähig und gewöhnt sich an jedes Klima. Geben Sie ihm nur ein Paar warme Handschuhe, dann können Sie ihn schicken, wohin Sie wollen, meinetwegen bis nach Kamtschatka, der läuft ein bißchen herum, bis er warm ist, nimmt die Axt und baut sich eine neue Hütte.“ „Aber lieber Iwan Grigorjewitsch, du hast eins ganz vergessen: du hast garnicht berücksichtigt, was das für Leute sind, die Tschitschikow da gekauft hat. Du vergißt ganz, daß ein Gutsbesitzer doch einen tüchtigen Kerl nicht so leicht ziehen läßt, ich möchte meinen Kopf dafür geben, daß das lauter Säufer, Trunkenbolde und wilde arbeitsscheue Leute sind.“ — „Schon gut, das gebe ich zu, das ist freilich richtig, daß niemand einen tüchtigen Kerl verkaufen wird, und daß Tschitschikows Leute wahrscheinlich größtenteils Trinker sind, aber man muß doch beachten, daß ja gerade dies die Moral von der Geschichte ist: jetzt sind es vielleicht lauter Taugenichtse, wenn man sie aber ansiedelt, können plötzlich brave und tüchtige Untertanen daraus werden. Das ist doch nicht der erste Präzedenzfall in der Welt und in der Geschichte.“ „Nie — niemals,“ versetzte der Verwalter der Staatsfabriken: „glauben Sie mir, das kann niemals passieren, denn gegen Tschitschikows Bauern werden sich jetzt zwei mächtige Feinde erheben. Der eine Feind — das ist die Nähe der kleinrussischen Gouvernements, wo, wie bekannt, der Branntweinverkauf frei ist. Ich versichere Ihnen, in zwei Wochen werden sie dem Suff verfallen und Faullenzer und Tagediebe sein. Der zweite Feind — das ist die Gewohnheit und der Hang zum Vagabundenleben, den sich die Bauern durch die Übersiedelung erwerben werden. Es müßte denn sein, daß Tschitschikow sie beständig im Auge behält und beaufsichtigt, er müßte sie sehr streng behandeln, für jede Kleinigkeit hart bestrafen und sich dabei nicht etwa auf einen anderen verlassen, sondern selbst überall, wo es nötig ist, Püffe und Maulschellen austeilen.“ — „Wozu soll Tschitschikow denn die Püffe selbst austeilen? Dazu kann er sich doch einen Verwalter nehmen.“ — „Ja finden Sie gefälligst einen guten Verwalter? Das sind lauter Gauner und Halunken!“ — „Sie sind nur darum Gauner, weil die Besitzer es eben nicht richtig anzustellen wissen.“ — „Das ist richtig,“ fielen hier viele ein. — „Wenn der Gutsherr nun selbst etwas von der Landwirtschaft versteht, und seine Leute kennt — dann wird er immer einen tüchtigen Verwalter finden.“ Aber der Direktor der Staatsfabriken wandte ein, für weniger als 5000 Rubel könne man keinen guten Verwalter finden. Dagegen bemerkte der Präsident, man könne auch schon für 3000 einen haben, worauf der Direktor erklärte: „Wo wollen Sie ihn denn hernehmen? Sie können ihn sich doch nicht aus der Nase ziehen?“ worauf der Präsident versetzte: „Aus der Nase freilich nicht, nein, aber hier, im hiesigen Kreise, da gibt es einen, nämlich Peter Petrowitsch Samoilow: das ist der rechte Mann, wie ihn Tschitschikow für seine Bauern braucht!“ Viele versuchten sich in Tschitschikows Lage zu versetzen, und die große Schwierigkeit, eine solche Menge von Bauern in einem fremden Lande anzusiedeln, erfüllte sie mit Angst und Besorgnis; jemand äußerte sogar die Befürchtung, es könne noch ein Aufruhr unter diesen unruhigen Elementen, wie die Bauern Tschitschikows es wären, ausbrechen. Darauf bemerkte der Polizeimeister, einen Aufruhr brauche man nicht zu befürchten; um dies zu verhindern, gebe es ja Gottlob eine Macht: nämlich den Kreisrichter; der Kreisrichter brauche sich nicht einmal selbst an Ort und Stelle zu begeben, sondern nur seinen Hut hinzusenden, dieser Hut würde schon genügen, um die Bauern zur Raison zu bringen, sodaß sie sich zerstreuen und ruhig nach Hause gehen würden. Viele äußerten ihre Ansichten und machten Vorschläge, wie der aufrührerische Geist niederzuhalten sei, der Tschitschikows Bauern ergriffen habe. Die Meinungen darüber gingen recht weit auseinander. Es gab solche, die sich gar zu sehr durch eine gewisse militärische Strenge und überflüssige Grausamkeit auszeichneten, und dann wieder andere, welche eine gewisse Milde ausströmten. Der Postmeister machte die Bemerkung, Tschitschikow sehe sich jetzt einer heiligen Pflicht gegenüber; er könne gewissermaßen der Vater seiner Bauern werden, und, wie er sich auszudrücken beliebte, eine wohltuende Aufklärung unter ihnen verbreiten. Bei dieser Gelegenheit unterließ er es nicht, sich höchst lobend über die Lancastersche Methode des gegenseitigen Unterrichts zu äußern.
So redete und disputierte man in der Stadt, und viele teilten Tschitschikow aus persönlichem Interesse ihre Ansicht mit, gaben ihm gute Ratschläge und boten ihm sogar eine Eskorte an, um die Bauern auch sicher an ihren Bestimmungsort zu transportieren. Für die Ratschläge dankte Tschitschikow höflichst, indem er versprach, sie bei Gelegenheit zu verwerten, dagegen verzichtete er sehr entschieden auf die Eskorte und erklärte, sie sei vollständig überflüssig; die von ihm gekauften Bauern hätten einen ganz besonders friedfertigen Charakter. Sie würden den Umzug bereitwilligst mitmachen und begrüßten ihn sogar freudig. Von einem Aufruhr könne überhaupt nicht die Rede sein.
All diese Gespräche und Unterhaltungen hatten indessen für Tschitschikow die allergünstigsten Folgen, die er für sich nur erhoffen konnte. Es verbreitete sich nämlich das Gerücht, er sei nicht mehr und nicht weniger als ein Millionär. Die Stadtbewohner hatten, wie wir schon im ersten Kapitel gesehen haben, Tschitschikow auch ohnedies in ihr Herz geschlossen. Nach diesen Gerüchten aber gewannen sie ihn noch weit lieber. Übrigens, um die Wahrheit zu sagen: es waren lauter brave, gutmütige Leute, die sich gut miteinander vertrugen, auf freundschaftlichem Fuße miteinander lebten, und ihre Unterhaltungen trugen den Stempel ganz besonderer Treuherzigkeit und Milde: „Lieber Freund, Ilja Iljitsch!“ „Hör mal, Antipater Zararowitsch, mein Bester!“ „Du schwindelst, Mütterchen, Iwan Grigorowitsch!“ Zum Postmeister, der Iwan Andrejewitsch hieß, pflegte man gewöhnlich zu sagen: „Sprechen Sie deutsch, Iwan Andreitsch?“
Mit einem Wort, es ging dort sehr familiär zu. Viele waren nicht ganz ohne Bildung: der Gerichtspräsident kannte sogar die „Ludmilla“ von Shukowski auswendig, welche damals noch den vollen Reiz der Neuheit hatte, und er trug manche Stellen daraus geradezu meisterhaft vor, so zum Beispiel den Vers: „Es schläft der Wald, die Täler schlummern“, ganz besonders schön aber klang das Wort „hu“ in seinem Munde, sodaß man tatsächlich zu sehen glaubte, wie die Täler schlummerten; um die Ähnlichkeit noch vollkommener zu machen, kniff er bei dieser Gelegenheit auch noch die Augen zusammen. Der Postmeister neigte mehr der Philosophie zu und las ganze Nächte hindurch sehr fleißig in Youngs „Nächten“, sowie im „Schlüssel zu den Geheimnissen der Natur“ von Eckartshausen, aus dem er sich lange Exzerpte machte; worauf sie sich bezogen, konnte freilich niemand mit Bestimmtheit angeben. Übrigens war er ein großer Witzbold, er hatte eine überaus blühende Sprache und liebte es, wie er sich selbst ausdrückte, seine Rede „auszuschmücken“. Und zwar schmückte er seine Reden mit einer Menge von Flickworten aus, als da sind: „Lieber Herr, so und so, wissen Sie, verstehen Sie, können Sie sich vorstellen, gewissermaßen, sozusagen“ und andre mehr, mit denen er nur so um sich warf; ferner schmückte er seine Reden noch recht geschickt durch ein verständnisinniges Augenblinzeln aus, oder indem er das eine Auge ganz zukniff, womit er vielen von seinen satirischen Anspielungen einen recht boshaften Ausdruck lieh. Auch die übrigen Herren waren meist recht gebildete und aufgeklärte Leute: der eine las Karamsin, der andre die „Moskauer Nachrichten“ und ein dritter las sogar überhaupt nichts. Der eine war was man eine Schlafmütze zu nennen pflegt, d. h. ein Mensch, dem man immer erst einen kräftigen Rippenstoß geben muß, wenn man ihn zu etwas bewegen will, ein anderer war ganz einfach ein Faulpelz, der sein ganzes Leben lang auf der Bärenhaut lag und bei dem jeder Versuch vergeblich gewesen wäre, ihn überhaupt aufzurütteln, da er ja doch nicht aufgestanden wäre. Was ihr Äußeres anbelangt, so waren sie natürlich alle hübsche, stattliche, vertraueneinflößende Leute — einen Schwindsüchtigen gab es unter ihnen nicht. Sie gehörten alle zu jener Menschengattung, welcher die Frauen in zärtlichen Schäferstündchen unter vier Augen Namen wie die folgenden zu geben pflegen: mein Dickerchen, mein lieber Dickwanst, mein Schnudelchen, mein Tönnchen, mein Moppelchen usw. Aber im allgemeinen war es ein guter Menschenschlag, liebe, freigiebige Leute, und ein Mensch, der ihre Gastfreundschaft genossen oder einen Abend mit ihnen am Whisttisch verbracht hatte, kam ihnen sehr schnell nahe und wurde gewissermaßen einer der ihren. — Dies traf aber noch mehr auf Tschitschikow mit seinem bezaubernden Wesen zu, denn er kannte wirklich das Geheimnis, sich beliebt zu machen. Sie schlossen ihn so in ihr Herz, daß er garnicht wußte, wie er aus der Stadt herauskommen sollte; er hörte immer nur: „Ach nur noch eine Woche; bleiben Sie doch noch eine einzige Woche bei uns, Pawel Iwanowitsch“ — mit einem Worte, er wurde geradezu auf Händen getragen, wie man zu sagen pflegt. Aber unvergleichlich viel stärker und bedeutender, ja höchst erstaunlich und wunderbar war der Eindruck, den Tschitschikow auf die Damen machte. Um das einigermaßen verständlich zu machen, müßten wir eigentlich mancherlei über die Damen selbst sagen, über ihre Gesellschaften usw., müßten sozusagen ihre seelischen Eigenschaften mit lebendigen leuchtenden Farben ausmalen: aber das wird dem Autor sehr schwer. Einerseits hält ihn seine unbegrenzte Achtung und Ehrfurcht vor den Gattinnen der hohen Beamten davon ab, und andererseits ... ja andererseits ... ist es eben einfach sehr schwierig. Die Damen der Stadt N. waren ... nein es geht unmöglich: tatsächlich, ich habe Angst. — Was an den Damen der Stadt N. am bemerkenswertesten war ... Nein, es ist zu seltsam, die Feder will nicht vom Fleck, wie wenn sie ein Bleiklumpen wäre. Also gut: ich werde es wohl schon einem andern überlassen müssen, der eine reichere Auswahl von hellen und leuchtenden Farben auf seiner Palette hat, als ich, ihren Charakter zu schildern; wir werden uns darauf beschränken müssen, zwei, drei Worte über ihr Äußeres und das, was gewissermaßen mehr an der Oberfläche liegt, zu sagen. Die Damen der Stadt N. waren das, was man präsentabel nennt, und in dieser Beziehung dürften alle Frauen sie sich zum Muster nehmen. Was korrektes Benehmen, was guten Ton, Etikette und jene feinsten und zartesten Gebote des Anstands anbelangt, vor allem was die Beobachtung der Mode in ihren letzten Einzelheiten anbetrifft, so waren sie hierin selbst den Petersburger und Moskauer Damen um eine Ellenlänge voraus. Sie kleideten sich mit großem Geschmack, fuhren in schönen Equipagen durch die Stadt: wie die letzte Mode dies vorschrieb, begleitet von einem Lakai mit goldenen Tressen, der auf dem Trittbrett hin- und herschwankte. Eine Visitenkarte war, selbst wenn der Name auf einer Treff-Zwei oder einem Karo-Aß stand, eine heilige Sache. Zwei Damen, die vordem große Freundinnen und Basen gewesen waren, kamen wegen solch einer Visitenkarte ganz auseinander — eine von ihnen hatte es nämlich unterlassen, der anderen einen Gegenbesuch abzustatten. Und so sehr sich ihre Männer und Verwandten nachher bemühten, sie wieder zu versöhnen, es war vergebens — es stellte sich vielmehr heraus, daß alles auf der Welt möglich ist, nur dies eine nicht: zwei Damen zu versöhnen, die sich wegen eines unterlassenen Gegenbesuches verfeindet haben. Die Damen verharrten also in „gegenseitiger Abneigung“, wie sich die Gesellschaft der Stadt ausdrückte. Wegen der Frage, wem der Vorrang gebühre, gab es auch eine Menge äußerst erregter Auftritte, welche in den Herren oftmals höchst erhabene und ritterliche Vorstellungen von ihrer Beschützerrolle entstehen ließen. Zu einem Duell kam es unter ihnen natürlich nicht, weil sie alle Zivilbeamte waren; dafür aber suchten sie einander etwas am Zeuge zu flicken, wo sie nur konnten, was bekanntlich unter Umständen weit schwieriger ist als ein Duell. In ihren Sitten waren die Damen der Stadt N. sehr streng und voll edler Entrüstung gegen alle Laster und Versuchungen, sie verurteilten unbarmherzig jede Schwäche, wo sie nur eine solche wahrnahmen. Und wenn in ihrem Kreise selbst etwas vorkam, was man das eine oder andere nennt, so spielte es sich stets ganz im Geheimen ab, und niemand ließ sich merken, was eigentlich vorgegangen war. Das Dekorum wurde stets gewahrt. Selbst der Mann wurde rechtzeitig vorbereitet, sodaß er, auch wenn er dies eine oder andere bemerkte oder davon hörte, kurz und bündig antworten konnte: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß,“ wie das Sprichwort sagt. Hier muß noch erwähnt werden, daß die Damen der Stadt N. sich wie ihre Petersburger Gefährtinnen stets einer großen Vorsicht und eines sicheren Taktes in Worten und Ausdrücken befleißigten. Niemals hörte man sie sagen: „Ich habe mich geschneuzt.“ „Ich schwitze.“ „Ich habe ausgespuckt,“ sondern sie drückten sich stattdessen folgendermaßen aus: „Ich habe mir die Nase geputzt“ oder „Ich habe von meinem Taschentuch Gebrauch gemacht.“ Unter keinen Umständen aber durfte man sagen: „Dieses Glas oder dieser Teller stinkt.“ Ja, man durfte nicht einmal etwas sagen, was wie eine Anspielung darauf erscheinen konnte, sondern, man wählte stattdessen einen Ausdruck wie den folgenden: „Dieses Glas benimmt sich nicht gut“ oder sonst etwas in dieser Art. Um die russische Sprache noch mehr zu veredeln, wurde nahezu die Hälfte aller Worte aus dem Sprachgebrauch verbannt, weswegen man sehr oft seine Zuflucht zum Französischen nehmen mußte. Das war dann eine ganz andere Sache. Im Französischen waren noch ganz andere, weit kräftigere Worte gestattet als die oben erwähnten. Das also ist es, was sich von den Damen der Stadt N., oberflächlich gesprochen, sagen läßt. Freilich, wenn man etwas tiefer hineinblickte, so würden noch ganz andere Dinge zum Vorschein kommen; aber es ist sehr gefährlich, zu tief in ein Frauenherz zu blicken. Ich bleibe also an der Oberfläche und fahre fort. Bis dahin hatten alle Damen merkwürdigerweise nur wenig von Tschitschikow gesprochen, obwohl sie ihm natürlich, was seine angenehmen und weltmännischen Umgangsformen anbelangt, volle Gerechtigkeit widerfahren ließen. Aber seitdem sich das Gerücht von seinen Millionen verbreitet hatte, wurde die Aufmerksamkeit auch auf seine sonstigen Eigenschaften gelenkt. Übrigens waren unsere Damen keineswegs eigennützig oder gar habgierig. An alledem war nur das Wort Millionär — nicht der Millionär selbst, sondern eben das Wort allein schuld; denn in dem bloßen Klang dieses Wortes ist neben der Anspielung auf den Geldsack noch ein gewisses Etwas enthalten, welches in gleicher Weise auf die Schurken wie auf die guten Menschen und auch die, welche weder das eine noch das andere sind, einen starken Eindruck macht; mit einem Wort, es verfehlt seine Wirkung auf keinen. Der Millionär hat den Vorzug, daß er die ganz uneigennützige Niedertracht, die reine Niedertracht, die auf keinerlei Berechnung und Hintergedanken beruht, vortrefflich beobachten kann: Viele Menschen wissen sehr gut, daß sie nichts von ihm bekommen werden und auch gar keinen Anspruch darauf haben, und doch laufen sie vor ihm her, lächeln ihm freundlich zu, nehmen den Hut vor ihm ab, oder provozieren eine Einladung zu einem Mittagessen, an dem der Millionär teilnehmen wird. Man kann nicht sagen, daß diese sanfte Hinneigung zur Niedertracht auch von den Damen geteilt wurde. Allein man fing doch in vielen Salons an, darüber zu reden, daß Tschitschikow zwar kein Ausbund von Schönheit, aber doch ein stattlicher Mann sei, wie er sein soll, und daß er schon nicht mehr so hübsch wäre, wenn er auch nur ein ganz klein wenig dicker und voller wäre. Bei dieser Gelegenheit fielen sogar einige beinahe verletzende Worte über die dünnen Männer: das seien ja eigentlich Zahnstocher und keine Männer. An den Toiletten der Damen konnte man auch allerhand Ergänzungen wahrnehmen. Auf dem Tuchmarkt herrschte ein großes Gedränge, man schob und stieß sich dort geradezu. Es war die reinste Kirmeß. Soviel Equipagen reihten sich aneinander. Die Kaufleute waren erstaunt, als sie sahen, daß ein paar Tuchsorten, die sie von der Messe mitgebracht und wegen ihres allzu hohen Preises bisher nicht hatten loswerden können, eine gesuchte Ware wurden und reißenden Absatz fanden. Während des Gottesdienstes bemerkte man bei einer der Damen unten am Kleide eine Schleppe, welche den Rock so aufbauschte, daß er die ganze Kirche einnahm, und daß der anwesende Polizeikommissar dem Volke befehlen mußte, Platz zu machen und sich in die Vorhalle zurückzuziehen, um das Kleid der Gnädigen nicht zu beschädigen. Auch Tschitschikow mußte schließlich etwas von der ungewöhnlichen Aufmerksamkeit auffallen, die ihm gezollt wurde. Als er eines schönen Tages zu sich nach Hause kam, fand er einen Brief auf seinem Schreibtisch. Es ließ sich durchaus nicht herausbekommen, von wem er stammte und wer ihn gebracht habe: Der Kellner erzählte, der Überbringer habe ihm verboten, zu sagen, wer der Absender sei. Der Brief fing sehr bestimmt und entschlossen an und zwar folgendermaßen: „Nein, ich muß dir schreiben!“ Dann war davon die Rede, daß es eine geheime Sympathie der Seelen gebe, und diese Wahrheit fand ihre Bekräftigung in einer Reihe von Punkten und Gedankenstrichen, welche beinahe eine halbe Zeile einnahmen. Weiter folgten einige Sentenzen, deren Richtigkeit ihnen eine so hohe Bedeutung verleiht, daß wir es fast für unsere Pflicht halten, sie hier anzuführen: „Was ist unser Leben? — Ein Tal, in dem sich unsere Leiden angesiedelt haben. Was ist die Welt? — Ein Haufen von Menschen, der nichts empfindet.“ Hierauf erwähnte die Schreiberin, daß sie die Briefe ihrer zärtlichen Mutter, welche seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr auf der Welt sei, mit Tränen benetze; sie forderte Tschitschikow auf, ihr in eine Wüste zu folgen und die Stadt für immer zu verlassen, wo die Menschen in der Gefangenschaft geistiger Mauern und aus Luftmangel erstickten; das Ende des Briefes strömte sogar eine wirkliche Verzweiflung aus, und folgende Zeilen bildeten den Abschluß: