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Ri-Ra-Rutsch

Kinder untereinander.

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Zuchtreim.

Was? Wenn’s regnet, ist’s naß, Wenn’s schneit, ist’s weiß, Wenn’s friert, ist’s Eis, Du bist ein kleiner Naseweis.

Kleine Predigten.

Eins, zwei, drei! Alt ist nicht neu, Neu ist nicht alt, Warm ist nicht kalt, Kalt ist nicht warm, Reich ist nicht arm. Ein Huhn und ein Hahn, Die Predigt geht an. Eine Kuh und ein Kalb, Die Predigt ist halb. Eine Katze und eine Maus, Geht alle nach Haus Und haltet alle ein’n Schmaus; Habt ihr ’was, so eßt es, Habt ihr nichts, vergeßt es, Habt ihr noch ein Brösamlein, So gebt’s dem kleinen Vögelein. Diener, meine Herr’n, Aeppel sind keine Bärn’, Bärn’ sind keine Aeppel, Die Wurst hat zwei Zäppel, Zwei Zäppel hat die Wurst, Der Bauer leidet Durst, Durst leidet der Bauer, Das Leben wird ihm sauer, Sauer wird ihm das Leben, Der Weinstock hat viele Reben, Viele Reben hat der Weinstock, Ein Kalb ist kein Ziegenbock, Ein Ziegenbock ist kein Kalb, Nun ist meine Predigt halb, Halb ist meine Predigt, Mein Bauch ist mir ledig, Ledig ist mir mein Bauch, Meine Mütze ist rauch, Rauch ist meine Mütze, Die Maus frißt Grütze, Grütze frißt die Maus, Nun ist meine Predigt aus. Eins, zwei, drei, Alt ist nicht neu, Neu ist nicht alt, Warm ist nicht kalt, Kalt ist nicht warm, Reich ist nicht arm. Arm ist nicht reich, Ungrad ist nicht gleich, Gleich ist nicht ungrad, Ein Wagen ist kein Pflugrad. Pflug ist kein Wagen, Singen ist nicht sagen, Sagen ist nicht singen, Tanzen ist nicht springen. Springen ist nicht tanzen, Flöh’ sind keine Wanzen, Wanzen sind keine Flöh’, Ein Hirsch ist kein Reh. Reh ist kein Hirsch, Faul ist nicht frisch, Frisch ist nicht faul, Ein Ochs ist kein Gaul. Ein Gaul ist kein Ochs, Ein Has’ ist kein Fuchs, Ein Fuchs ist kein Has’, Die Zunge ist keine Nas’. Nas’ ist keine Zunge, Leber ist keine Lunge, Lunge ist keine Leber, Der Schneider ist kein Weber. Ein Weber ist kein Schneider, Ein Bauer ist kein Schreiber, Ein Schreiber ist kein Bauer, Süß ist nicht sauer. Sauer ist nicht süß, Die Händ’ sind keine Füß’, Die Füß’ sind keine Händ’, Brust hat keine Ent’. Ent’ hat keine Brust, Hunger ist kein Durst, Durst ist kein Hunger, Ein Alter ist kein Junger. Ein Junger ist kein Alter, Die Bibel, die hat Psalter, Psalter ist kein Testament: Also hat das Lied ein End’.

*

Die Pflaumen sind reif, Die Mädchen sind steif, Die Jungen sind stolz, Die fahren ins Holz, Da kippelt der Karren, Da lachen die Narren, Da geigt die Maus, Da tanzt die Laus, Da huppt der Floh Zum Fenster ’naus.

*

Mein Vater kaufte sich ein Haus; An dem Hause war ein Garten, In jedem Garten war ein Baum, Auf dem Baume war ein Nest, In dem Neste war ein Ei, In dem Ei, da war ein Dotter, In dem Dotter war ein Hase, Der beißt dich in die Nase.

Verschiedene Verschen.

Petersilien, Suppenkraut, Wächst in unserm Garten; Mariechen ist ’ne junge Braut, Soll nicht lang’ mehr warten. Roter Wein und weißer Wein, Morgen soll die Hochzeit sein.

*

Meine Mu, meine Mu, meine Mutter Schickt mich her, Ob der Ku, ob der Ku, ob der Kuchen Fertig wär’; Wenn er no, wenn er no, wenn er Noch nicht fertig wär’, Käm’ ich mo, käm’ ich mo, käm’ ich Morgen wieder her.

*

Ihr Diener! Was machen denn Ihre Hühner? Legen sie brav Eier? Was kostet ’s Schock? „Einen Dreier.“ Das ist mir zu teuer. Einen Pfennig, „Das ist mir zu wenig.“ Einen Zweer, „Das geht schon eher.“ C. Weber.

*

Backe, backe Kuchen, Der Bäcker hat gerufen; Wer will guten Kuchen backen, Der muß haben sieben Sachen: Eier und Schmalz, Butter und Salz, Milch und Mehl, Safran macht den Kuchen gehl.

Sprachübungen und Sprachscherze.

Der Potsdamer (Kottbuser) Postkutscher putzt den Potsdamer (Kottbuser) Postkutschkasten.

Sechsundsechzig Schock sechseckige sächsische Schusterzwecken.

Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritz.

In Ulm, um Ulm und um Ulm herum.

Kein klein Kind kann keinen Kirschkern knacken.

Mein Müller, mahl’ mir meine Metze Mehl, meine Mutter muß mir morgen mein’ Milchmus machen.

Konstantinopolitanischer Dudelsackpfeifenmachergeselle.

Der Metzger wetzt das Metzgermesser.

Der dicke Dietrich (Diener) trug den dünnen Dietrich (Diener) durch den dicken, dicken, dudel-dicken Dreck; da dankte der dünne Dietrich (Diener) dem dicken Dietrich (Diener), daß der dicke Dietrich (Diener) den dünnen Dietrich (Diener) durch den dicken, dicken, dudel-dicken Dreck trug.

Ein Scheit, ein Scheit, ein Schleusenscheit, ein wohlgeschlissenes Schleusenscheit schickt die Frau Weißen aus Meißen und läßt grüßen und sagen fein, daß sie die allergeschickteste Frau Schleißerin, Schleußerin sei; ihr Mann sitzt hinter der Scheune und schleißt Scheite, und eh’ er einen Bissen genossen, hat er einen großen Haufen Schleusenscheite geschlissen, geschlossen, geschleißt.

Ein König hatte drei Söhne; der erste hieß Kap, der andere Kap-prack, der dritte Kap-prack-Kap-prack-Kap-premine.

Es waren drei Schwestern; die erste hieß Pinka, die andere pipla Pinka, die dritte zick nick nack knobla pipla Pinka. Da nahm die Pinka einen Stein und warf ihn der pipla Pinka an das Bein, da fing die zick nick nack knobla pipla Pinka an zu schrei’n.

Jockel.

Der Herr, der schickt den Jockel aus, Er soll den Hafer schneiden; Der Jockel schneid’t den Hafer nicht Und kommt auch nicht nach Haus. Da schickt der Herr den Pudel aus, Er soll den Jockel beißen; Der Pudel beißt den Jockel nicht, Der Jockel schneid’t den Hafer nicht Und kommt auch nicht nach Haus. Da schickt der Herr den Prügel aus, Er soll den Pudel schlagen; Der Prügel schlägt den Pudel nicht, Der Pudel beißt den Jockel nicht, Der Jockel schneid’t den Hafer nicht Und kommt auch nicht nach Haus. Da schickt der Herr das Feuer aus, Das soll den Prügel brennen; Das Feuer brennt den Prügel nicht, Der Prügel schlägt den Pudel nicht, Der Pudel beißt den Jockel nicht, Der Jockel schneid’t den Hafer nicht Und kommt auch nicht nach Haus. Da schickt der Herr das Wasser aus, Es soll das Feuer löschen; Das Wasser löscht das Feuer nicht, Das Feuer brennt den Prügel nicht, Der Prügel schlägt den Pudel nicht, Der Pudel beißt den Jockel nicht, Der Jockel schneid’t den Hafer nicht Und kommt auch nicht nach Haus. Da schickt der Herr den Ochsen aus, Er soll das Wasser saufen; Der Ochse säuft das Wasser nicht, Das Wasser löscht das Feuer nicht, Das Feuer brennt den Prügel nicht, Der Prügel schlägt den Pudel nicht, Der Pudel beißt den Jockel nicht, Der Jockel schneid’t den Hafer nicht Und kommt auch nicht nach Haus. Da schickt der Herr den Schlächter aus, Er soll den Ochsen schlachten; Der Schlächter schlacht’t den Ochsen nicht, Der Ochse säuft das Wasser nicht, Das Wasser löscht das Feuer nicht, Das Feuer brennt den Prügel nicht, Der Prügel schlägt den Pudel nicht, Der Pudel beißt den Jockel nicht, Der Jockel schneid’t den Hafer nicht, Und kommt auch nicht nach Haus. Da schickt der Herr den Henker aus, Er soll den Schlächter henken; Der Henker henkt den Schlächter nicht, Der Schlächter schlacht’t den Ochsen nicht, Der Ochse säuft das Wasser nicht, Das Wasser löscht das Feuer nicht, Das Feuer brennt den Prügel nicht, Der Prügel schlägt den Pudel nicht, Der Pudel beißt den Jockel nicht, Der Jockel schneidt’t den Hafer nicht Und kommt auch nicht nach Haus. Da geht der Herre selbst hinaus, Und macht gar bald ein End’ daraus; Der Henker holt den Schlächter nun, Der Schlächter schlacht’t den Ochsen nun, Der Ochse säuft das Wasser nun, Das Wasser löscht das Feuer nun, Das Feuer brennt den Prügel nun, Der Prügel schlägt den Pudel nun, Der Pudel beißt den Jockel nun, Der Jockel schneid’t den Hafer nun, Und kommt auch gleich nach Haus.

Das ABC.

Auf das A folgt gleich das B, So ist’s Ordnung im ABC. Und dann kommt das C und D, Hinterdrein kommt gleich das E. F und G sind dann nicht weit, H und I sind gleich bereit, Laufen mit vor K und L, M N O P folgen schnell; Q und R und S und T Schließen sich mit U V W Hurtig der Gesellschaft an. X und Y kommen dann. Zwei gar wunderliche Herrn, Kamen zu uns aus der Fern. Z macht dann noch den Beschluß, Wie ein jeder wissen muß. Wer das ABC recht kann, Der ist ein gelehrter Mann. Alle Wissenschaft verdeckt In dem ABC doch steckt. Drum, mein Kind, macht dir’s auch Weh: Lerne recht das ABC. Dieffenbach.

Schulespielen.

Aufgepaßt und hingesetzt, Hände hübsch gefaltet! Daß ihr mir — ich rat’ euch jetzt — Eure Schnäbel haltet! Liese, wenn du nicht bald schweigst Zupf ich dich am Oehrchen. Karl, wenn du dich vorlaut zeigst, Zeig’ ich dir das Röhrchen. Wer da auf dem letzten Sitz Wackelt mit dem Kopfe? Irr’ ich nicht, so ist’s der Fritz! Gleich gibt’s Fingerklopfe. Wenn du nicht zur Tafel guckst, Wehe dir! Ich stecke Dich und jeden, der noch muckst, Drüben in die Ecke! So, nun melde jeder sich, Gleich bei seinem Namen! Denn beginnen feierlich Soll jetzt sein Examen.

Schlaraffenland.

Nun höret zu und schweiget still, Was ich euch Wunders sagen will Von einem guten Lande. Es bliebe mancher nicht daheim, Könnt’ er dahin gelangen. Die Gegend heißt Schlaraffenland Ist faulen Leuten wohl bekannt; Liegt hinterm Zuckerberge, Und willst du in das Land hinein, Friß dich hindurch die Zwerche. Der Berg ist schier drei Meilen lang, Da beiß’ dich durch und tu’ dir Zwang; Gelingt dir’s ohne Schaden, So findest du die Häuser all Gedeckt mit Eierfladen. Tür und Wänd’, das ganze Haus, Sind von Lebkuchenteig durchaus. Die Sparren Schweinebraten: Kauft einer dort um Pfennigswert, Hier gilt es einen Dukaten. Alle Brunnen sind voll süßen Wein, Rinnen einem in den Mund hinein Und andre süße Weine. Und wer die gerne trinken mag, Der mach’ sich auf die Beine. Um jedes Haus da ist ein Zaun, Geflochten von Bratwürsten braun, Gebraten und gesotten. Es mag sie essen, wer da will; Sie sind niemand verboten. Auch fliegen um, das möcht’ ihr glauben, Gebrat’ne Vögel, Gäns’ und Tauben; Und wer sie nicht will fangen, Dem fliegen sie von selbst ins Maul, Braucht nicht darnach zu langen. Die Säu geraten alle Jahr’, Laufen herum und sind schon gar, Mit Messern in dem Rücken. Daß jeder bald ohn’ Aufenthalt, Sich schneiden mag sein’ Stücke. Fällt ein Wetter im Sommer ein, So regnet’s lauter Honigseim. Alle, die gerne schlecken, Die laufen in das Land hinein, Da haben sie zu lecken. Fängt es im Winter zu schneien an, So schneit es nichts als Marzipan, Rosinen und auch Mandeln; Und wer die gerne knabbern mag, Hat einen guten Handel. Auf Weiden wachsen Semmeln frei, Die Löffel hängen schon dabei, Darunter Milchbäch’ fließen. Die Semmeln fallen in die Milch, Daß sie jeder kann genießen. Auf Tannen wachsen große Krapfen, Wie hierzuland die Tannenzapfen. Auf Fichten wachsen Schnitten; Auch kann man von den Birken da Gute Speckkuchen schütten. Faul’ Gesinde, Mägd’ und Knecht’, Sind in dem Land gar eben recht: Auf, Gretel, denn und Stöffel, Macht an den Milchbach euch geschwind Mit einem großen Löffel! Wer als der Faulste wird erkannt, Wird in dem Land ein Edelmann. Und wer nichts tut als schlafen, Essen, trinken, tanzen, spielen, Der wird zu einem Grafen. Wer als Allerfaulster wird erkannt, Ist König über das ganze Land, Und hat ein groß’ Einkommen. Des Landes Art und Eigenschaft, Die habt ihr nun vernommen. Wer sich will machen auf die Reis’, Und selbst den Weg dahin nicht weiß, Der mag einen Blinden fragen; Ein Stummer ist auch gut dazu, Wird ihm nicht unrecht sagen.

*

Rote Kirschen ess’ ich gern, Schwarze noch viel lieber. Wenn ich zu Mariechen komm’, Sag ich guten Morgen. Mariechen, hast dein Bett gemacht? Nein, nein, ich hab’s vergessen. Was hast den ganzen Tag gemacht? Bei Fritz’n hab’ ich gesessen. Wenn du willst bei Fritzen sitzen, Mußt du haben gold’ne Spitzen, Muß du haben rote Schuh’ Und ein schönes Kleid dazu. Wir fahren mit der Extrapost Von Leipzig bis nach Halle; Und wenn es tausend Taler kost’t, Das Geld wird ja nicht alle. Tausend Taler ist kein Geld, Wenn mir nur mein Schatz gefällt.

Drei Koboldstreiche.

Fixfax, der arge Kobold, spricht: Die Langeweile bekommt mir nicht, Ich will in lustigen Abenteuern Den alten Koboldruhm erneuern; Denn, geht’s den Menschen allzu glatt, Wird ihre Seele stumpf und matt. Drum will ich sie in diesen Tagen Ein wenig necken, ein wenig plagen; Ein Kobold will doch auch mal lachen, Sich über die Menschlein lustig machen, Die den Kern aller Dinge glauben zu kennen Und sich so leicht die Finger verbrennen. Drum, Fixfax, auf, zu keckem Wagen! Stör’ ein bißchen ihr Wohlbehagen; Brauchst sie ja nicht ins Unglück zu hetzen, Ihnen bloß ein paar sanfte Püffe versetzen.

Erster Streich.

Ei, wie strömen Wohlgerüche Aus Frau Puffkes Wirtschaftsküche; Denn für hungrige Soldaten Will sie g’rad ein Ferkel braten. Alles ist schon gut bereit Und die Essenszeit nicht weit. Fixfax nun, das munt’re Mätzchen, Klettert hurtig wie ein Kätzchen Hoch hinauf zu Schornsteins Rand, Setzt sich listig und gewandt Mitten auf das Loch da, schwapp, Und nun zieht der Rauch nicht ab; Rückwärts strömt er in die Küche, Weg sind alle Wohlgerüche; Und Frau Puffke steht und hustet, Krebsrot im Gesicht und prustet, Kann dem dicken Rauch nicht wehren, Sich die Sache nicht erklären. Rennt zum Schornsteinfeger Krause, Aber der ist nicht zu Hause; Niemand weiß, wo Krause schweift, Und Frau Puffke steht und keift, Denn die Uhr läuft immer weiter. Endlich kommt er mit der Leiter, Um den Schaden zu ergründen, Doch er kann durchaus nichts finden; Denn der Fixfax, wohlbedacht, Hat sich aus dem Staub gemacht, Und Herr Krause mit dem Besen Brummt, die Sonne sei’s gewesen. Vier Uhr schlug’s, als die Soldaten endlich kriegten ihren Braten.

Zweiter Streich.

Vor dem Spiegel kerzengrad, Steht Herr Amtsvorsteher Plath; Tadellos und mit Geschmack Sitzt die Hose und der Frack. Ausgezeichnet auch die glatte Blütenweiße Taftkrawatte, Kragen, Vorhemd, comme il faut, Und er, Plath, ist seelenfroh. Langt noch sorglich aus dem Schrank Den Zylinder blitzeblank; Nimmt dann Stock und Handschuh munter, Steigt voll Stolz die Treppe runter, Denn er ist heut’ eingeladen Zum Empfang bei ihrer Gnaden, Der Prinzessin Schneckenstein, Und das hebt ihm Brust und Bein. Fixfax aber dachte gleich: Wart’, dir spiel ich einen Streich. Auf den Taubenboden geht er Und nach losen Federn späht er, Sammelt allen Flaum ins Säckchen, Bläst verschmitzt das ganze Päckchen Ueber Plathes neuen Frack, Und auf seinen Chapeau claque. Plath sieht ganz befiedert aus, Doch er ahnt nichts von dem Graus, Steuert durch die Nacht geschwind, denkt bloß: was für arger Wind! Tritt mit Würde in den Saal, Alle lachen — o, Skandal! Bis er endlich sich besieht Und geknickt von dannen flieht. Draußen denkt er ärgerlich: So ein Pech, das hab’ nur ich!

Dritter Streich.

Auf des Sofas weichem Grunde Schlummert sanft mit offnem Munde Pastor Pfannkuch. Nur die Fliegen Summen sich was zum Vergnügen, Sonst ist’s mucksstill. Fast erledigt Liegt der Text der Sonntagspredigt Auf dem Schreibtisch. Sonnenfleckchen Spielen in den Zimmereckchen, Nichts bedroht den tiefen Frieden, Der dem frommen Mann beschieden. Doch da stiehlt sich in die Stube Fixfax, dieser lose Bube, Kichert, fängt ein Dutzend Fliegen, Die sind hier sehr rasch zu kriegen, Tunkt sie in das Tintenfaß, Bis sie gänzlich schwarz und naß, Läßt sie dann gleich wieder fliegen Und entfernt sich mit Vergnügen. Nach ’nem Weilchen, ach Herrjee, Kommt Frau Pastor mit dem Tee, Ruft voll Abscheu, Schreck und Graus: Berthold! Mensch, wie siehst du aus: Bist ja wie’n Idiot beschmiert, Backen, Nase, schwarz kariert! Himmel, auch die neue Predigt Ist beschmudelt und beschädigt, Und auf meinen weißen Deckchen grinsen lauter Tintenfleckchen! Mann, wie hast du das getan? Und sie sehn sich grübelnd an ... Fixfax aber auf der Wacht Sitzt im Mauseloch und lacht Sich ins Fäustchen ohne Reue, Und — gebt Acht — er wird sich neue Schelmentaten ausklabuntern, Um uns Menschen aufzumuntern.

Die Heinzelmännchen.

Wie war zu Köln es doch vordem Mit Heinzelmännchen so bequem! Denn, war man faul ... man legte sich Hin auf die Bank und pflegte sich: Da kamen bei Nacht, Ehe man’s gedacht, Die Männlein und schwärmten Und klappten und lärmten Und rupften Und zupften Und hüpften und trabten Und putzten und schabten ... Und eh’ ein Faulpelz noch erwacht ... War all sein Tagwerk ... bereits gemacht. Die Zimmerleute streckten sich, Hin auf die Spän’ und reckten sich, Indessen kam die Geisterschar Und sah, was da zu zimmern war. Nahm Meißel und Beil Und die Säg’ in Eil’; Sie sägten und stachen Und hieben und brachen, Berappten Und klappten, Visierten wie Falken Und setzten die Balken ... Eh’ sich’s der Zimmermann versah ... Klapp, stand das ganze Haus ... schon fertig da! Beim Bäckermeister war nicht Not, Die Heinzelmännchen buken Brot. Die faulen Burschen legten sich, Die Heinzelmännchen regten sich — Und ächzten daher Mit den Säcken schwer! Und kneteten tüchtig Und wogen es richtig Und hoben Und schoben Und fegten und backten Und klopften und hackten. Die Burschen schnarchten noch im Chor; Da rückte schon das Brot, ... das neue vor! Beim Fleischer ging es just so zu: Gesell und Bursche lag in Ruh. Indessen kamen die Männlein her Und hackten das Schwein die Kreuz und Quer. Das ging so geschwind Wie die Mühl’ im Wind! Die klappten mit Beilen, Die schnitzten an Speilen. Die spühlten, Die wühlten Und mengten und mischten Und stopften und wischten. Tat der Gesell die Augen auf ... Wapp! Hing die Wurst schon da im Ausverkauf! Beim Schenken war es so: es trank’ Der Küfer, bis er niedersank; Am hohlen Fasse schlief er ein, Die Männlein sorgten um den Wein Und schwefelten fein Alle Fässer ein Und rollten und hoben Mit Winden und Kloben Und schwenkten Und senkten Und gossen und pantschten, Und mengten und manschten. Und eh’ der Küfer noch erwacht, War schon der Wein geschönt und fein gemacht! Einst hatt’ ein Schneider große Pein: Der Staatsrock sollte fertig sein; Warf hin das Zeug und legte sich Hin auf das Ohr und pflegte sich. Da schlüpften sie frisch An den Schneidertisch Und schnitten und rückten Und nähten und stickten Und faßten Und paßten Und strichen und guckten Und zupften und ruckten, — Und eh’ mein Schneiderlein erwacht, War Bürgermeisters Rock ... bereits gemacht! Neugierig war des Schneiders Weib Und macht sich diesen Zeitvertreib: Streut Erbsen hin die andre Nacht. Die Heinzelmännchen kommen sacht; Eins fährt nun aus, Schlägt hin im Haus, Die gleiten von Stufen Und plumpen in Kufen, Die fallen Mit Schallen, Die lärmen und schreien Und vermaledeien! Sie springt hinunter auf den Schall Mit Licht: husch, husch, husch, husch! — Verschwinden all! O weh! Nun sind sie alle fort, Und keines ist mehr hier am Ort! Man kann nicht mehr wie sonsten ruh’n, Man muß nun alles selber tun! Ein jeder muß fein Selbst fleißig sein Und kratzen und schaben Und rennen und traben Und schniegeln Und bügeln Und klopfen und hacken Und kochen und backen. Ach, daß es doch wie damals wär’! Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her! August Kopisch.

Alte und neue Auszählreime.

Eins, zwei, drei, Butter auf den Brei, Salz auf den Speck, Du mußt weg. Eins, zwei drei, Du bist frei, Vier, fünf, sechs, Du alte Hex, Sieben, acht, neun, Du mußt sein. Ich und du, Müllers Kuh, Bäckers Esel — Das bist du.

*

Eins und zwei, Kuckucksei, Drei und vier, Offizier, Fünf und sechs, Alte Hex. Sieben, acht, Gute Nacht. Neun und zehn, Kapitän. Elf und zwölf, Im Gewölb Sitzt eine Maus, Die muß raus.

*

1, 2, 3, 4, 5, Strick mir ein Paar Strümpf, Nicht zu groß und nicht zu klein, Sonst mußt du der Haschmann sein.

*

Ene, dene, Tintenfaß, Geh in die Schule und lern etwas, Wenn du was gelernt hast, Komm’ nach Haus und sag’ mir was! Eins, zwei, drei, Du bist frei.

*

Komm’, wir wollen wetten Um drei goldne Ketten, Um ein Gläschen Wein, Du mußt’s sein.

*

Dreie, sechse, neune, Wer nicht will, ist meine, Wer nicht will, der muß es sein. Rechts, links, über Eck, Die Henne legt die Eier weg, Legt sie in ein Bündel Stroh, irgendwie; irgendwo. Kommt der Marder Wagemut, Jagt die Henne von der Brut, Rechts, links, über Eck — Ein Kücken hat er weg —

*

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, wie hoch steht der Weizen? So hoch wie ein Bauernhaus, Da gucken viele Frösche raus. Eine kleine Kaffeebohne reiste nach Amerika, Amerika ist zugeschlossen, Mußt sie durch das Schlüsselloch hopsen.

Wie es im Lande der Zwerge zugeht.

So ist es im Lande der Zwerge: Ameisenhaufen sind die Berge, Das Sandkorn ist ein Felsenstück, Der Seidenfaden ist ein Strick, Als Elefant gilt da die Maus, Der Fingerhut ist da ein Haus, Die Fenster sind wie Nadelöhre, Ein Glas voll Wasser wird zum Meere, Der dickste Baum ist dünn wie ein Haar, Ein Augenblick ist da ein Jahr.

Wie es im Lande der Riesen zugeht.

So geht es im Lande der Riesen: Da nähen die Schneider mit Spießen, Da stricken die Mädchen mit Stangen, Da füttert man Meisen mit Schlangen, Da malen mit Besen die Maler, Da macht man wie Kuchen die Taler, Da schießt man die Mücken mit Pfeilen, Da webt man die Leinwand aus Seilen.

Schneewittchen.

Märchenszenen.

Zwergenwirtschaft: Links eine Tür zur Schlafkammer der Zwerge; im Hintergrunde eine Tür und Fensteröffnung. Von außen Wald und Sonnenschein, drinnen steht ein kleiner Tisch mit sieben Schüsseln.

Die sieben Zwerge

(kommen singend nacheinander herein mit Kräutersäckchen auf dem Nacken, werfen die Säcke in den Winkel, treten an den Tisch und stutzen, einer nach dem andern).

Zwergältester:

Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?

Zwerg 2:

Wer hat von meinem Tellerlein gegessen?

Zwerg 3:

Wer hat von meinem Müschen gepappt?

Zwerg 4:

Wer hat mit meinem Gäblein zugetappt?

Zwerg 5:

Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?

Zwerg 6:

Wer hat mein Löfflein eingetunken?

Zwerg 7:

(Schaut in die Nebenkammer).

Wer drückt in meinem Bett das Dällchen?

Zwergenältester:

Wer rückt an meinem Schlafgestellchen?

Zwerg 2:

Wer schlief auf meinem Lagerstättchen?

Zwerg 3:

O weh! Liegt einer in meinem Bettchen?

Zwerg 4:

Ein Mägdelein!

Zwerg 5, 6, 7:

Laß schauen, laß sehn!

Zwerg 7:

Ei Gott, wie ist das Kind so schön!

Zwergenältester:

O, weckt sie nicht! O, schreckt sie nicht! Geschlossen ist der Aeuglein Licht, Hinabgerollt die Locken dicht; Ueber des Mieders blanke Seide Gefaltet fromm die Händchen beide.

Zwerg 2:

Wer mag sie sein? Wo kam sie her? Der Wald wächst in die Kreuz und Quer.

Zwerg 3:

Wie fand das liebe Tausendschön Den Weg durch Dorn und Moor und Seen?

Zwerg 4:

Ist alles so gar lieb und fein, So rosenrot, schneeweiß und rein!

Zwergenältester:

Bis sie erwacht, bleibt mäuschensacht, Das helle Glöcklein nehmt in Acht, Bleibt ruhig in den Schühlein stehn, laßt leis’ das Zünglein ummegehn!

Zwerg 4:

Schau, schau! Die Wimper regte sich!

Zwerg 5:

Das Mündlein, rot, bewegte sich!

Zwerg 6:

Das blonde Köpfchen reckt sich auf, Zwei blaue Aeuglein schlägt sie auf!

Zwerg 7:

Sie schaut sich um ein stilles Weilchen!

Zwergenältester:

Schweigt nun! Ihr Mühlchen, ihr Plappermäulchen! Erschreckt sie nicht, geht fein bei Seit’! Sie sah wohl Zwerglein nicht bis heut’!

(Die Zwerge treten bis auf den Aeltesten an beiden Seiten zurück).

Schneewittchen

(erscheint scheu an der Tür).

Zwergenältester:

Ei, grau dich nicht, tritt nur herein; Du sollst uns fein willkommen sein, Willkommen in der Zwerge Hüttchen! Doch sprich, wie heißt du denn?

Schneewittchen:

Schneewittchen! So hat die Mutter mich genannt; Mein Vater ist König über dies Land.

Zwergältester:

Schneewittchen, Königstöchterlein, Wo ließest du die Pagen dein? Wo ließest du die Wagen und Rosse? Wie kamst du von des Königs Schlosse?

Schneewittchen:

Ach, ich bin kommen arm und bloß! Mütterlein schläft in Grabes Schoß; Der König freite die zweite Frau, Die schlug mich oft und schalt mich rauh; Schickte mich dann mit dem Jäger zu Walde, Sollte mich töten auf des Berges Halde, Und der Königin als Zeichen Sollt er mein blutend Herze reichen; Doch ich bat ihn so lang auf den Knien — Da schoß er den Eber und ließ mich fliehen.

Zwergenältester:

Schneewittchen, Königstöchterlein, Wie fandest du den Weg und Steg allein? Wer zeigte dir die sieben Berge? Wie kamst du in das Reich der Zwerge?

Schneewittchen:

Sprangen zwei Rehlein mir voran, Sah’n mit den braunen Augen mich an; Saßen im Walde die Vöglein zu Hauf, Schwangen zwei Vöglein sich vor mir auf; Am Himmel zog ein Stern vor mir — Und wie ich folgte, so bin ich hier.

Zwergenältester:

Schneewittchen, Königstöchterlein, Schlag auf die blauen Aeugelein, Laß springen dein Herzlein wohlgemut, Sollst bleiben hier in unserer Hut, Im grünen Reich der sieben Berge!

Schneewittchen:

Wie kann ich euch danken, ihr guten Zwerge?

Zwergenältester:

Kannst die Wirtschaft uns versehen, Wenn wir tags in die Berge gehen, Unsern Haushalt kannst du führen!

Schneewittchen:

O, wie will ich mich tummeln und rühren! Bin wohl behend in allen Stücken; Sprecht nur, was soll ich immer beschicken?

Zwergenältester:

Morgens im Dämmerschein Fegst du das Kämmerlein, Bohnest die Stühlchen, Lockerst die Pfühlchen, Schüttelst zurecht die Schlafstättchen!

Zwerg 2:

Und für dich selber das weichste Bettchen!

Zwergenältester:

Geh’n wir zu Walde, hütst du das Stübchen, Deckest das Tischchen, kochest die Süppchen!

Zwerg 3:

Doch von den Süppchen und von den Speischen Das schönste für dich, Prinzeß Schneeweißchen!

Zwerg 4:

Schau nur, die Dornen zerrissen mein Röcklein!

Zwerg 5:

Streiften mir ab von dem Käppchen das Glöcklein!

Zwergenältester:

Besserst das Röcklein, Heftest das Glöcklein, Setzest auf Jäckchen Saubere Fleckchen; Doch in das Hüttchen — bist du allein — Läßt du, Schneewittchen, Niemand herein!

Schneewittchen:

Aber die Rehe, die süßen Rehe! Wenn ich sie morgens durchs Fensterlein Draußen, im goldnen Sonnenschein Springen und spielen und nahen sehe?

Zwergenältester:

Rehlein steh’n in hohen Gnaden, Sind gar tapfre Kameraden, Kannst sie immer zu Gaste laden.

Schneewittchen:

Aber die Vögel, die bunten Blämmchen, Stieglitz mit dem roten Kämmchen, Ammer mit dem goldnen Latz, Und der Star, der possierliche Matz, Und vor den andern Vögeln allen die süßen Sänger, die Nachtigallen! Wenn sie draußen durch die Zweiglein Schaun mit den klugen Aeuglein; Wenn sie dann mählich näherschlüpfen, Neugierig auf die Schwelle hüpfen?

Zwergenältester:

Vöglein stehen in hohen Gnaden, Sind gar lust’ge Kameraden; Darfst sie immer zu Gaste laden.

Schneewittchen:

Aber die Sonne, der himmlische Schein! Wenn sie morgens ins Fensterlein Durch die grünen funkelnden Blätter Sendet das goldene Sommerwetter? Und Abends, wandert die Sonne von dannen, Der Mond steigt über die schwarzen Tannen, Der wohnt am Himmel allein nicht gern, Bringt mit sich alle die tausend Stern; Mond und Sonne und Sternelein Schauen alle zu mir herein, Wie ich die Wirtschaft mag treiben und leiten — Sie kennen mich alle seit langen Zeiten!

Zwergenältester:

Rehlein, laß um dich spielen und springen, Laß Mond- und Sonnenschein herein; Nur vor den Menschen hüte dich fein!

(Zu den andern).

Nun kommt ihr wackern Brüderlein, Drei Gänge noch fürder waldein! Dreimal noch füllt mit weichem Moos Die Säcklein aus des Waldes Schoß. Und richtet fein in unsrem Hüttchen Ein achtes Bettchen für Schneewittchen.

Die sieben Zwerge (gehen singend ab):

„Da ging die Katz’ die tripp, die trapp, Da schlug die Tür, die klipp, die klapp, Frau Füchsin, sind Sie da? Ach ja, mein Kätzchen, ja!“

Schneewittchen (allein):

Morgens im Dämmerschein Feg’ ich das Kämmerlein, Bohne die Stühlchen, Lockre die Pfühlchen, Mache die Bettchen, Die Schlummerstättchen, Hefte das Glöcklein, Nähe das Röcklein, Setz’ auf die Jäckchen Saubere Fleckchen; Rehlein und Vögelein, Alle die Tierelein Flattern durchs Fensterlein. Schlüpfen zur Tür herein; Sonne und Mondenschein; Sternelein die hellen Sind alle meine Spielgesellen.

Theodor Storm.

Am Mittagstisch.[1]

Ein Mädchen (Lotte) als Mutter. Ein Knabe (Fritz) als Vater. In der Mitte der Stube ein weißgedeckter Tisch. Seitwärts ein kleiner Tisch mit zwei Tellern, Messern und Gabeln. Zwei Stühle. Links ein Puppenwagen mit Puppe, daneben ein Stuhl. Ein Kleiderständer. Ein Zeitungshalter. Eine Wanduhr.

Lotte

(sitzt auf dem Stuhle neben dem Puppenwagen und singt die Puppe in den Schlaf):[2]

Suse, kleine Suse, mach’s Aeugelein zu, Mondenschein liegt auf den Bäumen, Vögelein gingen schon lange zur Ruh’, Sitzen im Nestchen und träumen. Susala, dusala, dilili, dein, Schlafe mein Liebling, schlaf’ ein! So, endlich schläft sie. Nun ja sie nicht wecken! Will jetzt geschwinde den Mittagstisch decken.

(Sie blickt nach der Wanduhr.)

Was seh’ ich? Es ist schon um halb zwölf Uhr. Potz daus? Da muß ich mich sputen — mein Mann kommt nach Haus.

(Sie legt zwei Teller, Messer und Gabeln auf den Tisch.)

Fritz

(tritt ein mit lauter Stimme):

Guten Tag, liebe Frau!

(Er hängt Hut und Stock auf den Kleiderständer.)

Lotte

(mit abwehrender Bewegung.)

Pst! Nicht so laut, lieber Mann! Bin froh, daß die Kleine mal schlafen kann.

Fritz

(seine Stimme dämpfend):

Ja so, unser Kind!

(Er tritt an den Puppenwagen und schaut hinein.)

Na, es schläft ja ganz süß, Da ist es zu Haus wie im Paradies. Denn schläft es, dann kann sein Geschrei mich nicht stören. Du weißt ja, ich mag das nun einmal nicht hören.

Lotte

(beleidigt):

Ja, ja, das Kindergeschrei zu ertragen, Das will den Herrn Männern wohl nimmer behagen. Als du einst gelegen im Kinderbett, Da warst du natürlich stets artig und nett.

Fritz

Ei, Lotte, du nimmst wohl die Sache gleich krumm? Ich hab’s doch nicht bös’ gemeint; sei nicht so dumm! Ich bring’ dir auch heut’ was Besonderes mit.

Lotte

(neugierig):

Ei, was denn?

Fritz

Vortrefflichen Appetit!

Lotte

Spaßvogel, den bringst du doch immer nach Haus.

Fritz

Was gibt es denn heute zum Mittagsschmaus?

Lotte

Dein Leibgericht: Erbsen und Bratwurst dazu; Nimm, bitte, nur Platz! Du bekommst es im Nu.

(Sie eilt hinaus.)

Fritz

(setzt sich zu Tisch):

Erbsen mit Bratwurst! Wie das Herz mir da lacht! Das hat sie ja wieder mal gut gemacht. Hoffentlich ist ihr auch alles geraten, Die Bratwurst recht knusprig und braun gebraten!

Lotte

(tritt mit einer Platte ein, auf der Schüssel und Teller stehen. Sie setzt das Essen auf den Tisch.)

So, lieber Mann, und nun laß es dir schmecken!

Fritz:

(zu Messer und Gabel greifend):

Danke dir! Gleichfalls! Was muß ich entdecken? Die Bratwurst — die ist ja hier angebrannt!

Lotte:

Nicht möglich! Ich hab’ sie stets umgewandt. Laß sehen! (Sie schaut nach.) Kein bißchen! Was fällt dir denn ein?

Fritz:

(die Erbsen kostend):

Doch die Erbsen könnten noch weicher sein.

Lotte:

Ach, Fritz, was verstehst du von Braten und Kochen! Und kochst du die Erbsen noch sieben Wochen, Sie werden nicht weicher, verlaß dich darauf Und hör’ nun gefälligst mit Nörgeln auf!

Fritz:

Na ja, liebe Lotte, ich bin ja schon still.

(Sie essen beide.)

Uebrigens — wie ich gestehen will — hat eine Bratwurst vergangene Nacht einen recht drolligen Traum mir gebracht.

Lotte:

So, so! Du träumst ja recht eigne Geschichten! Willst du mir davon nicht etwas berichten?

Fritz:

Sehr gern! Es war nachts um die vierte Stunde, da sah ich — oh Wonne! — vor meinem Munde Eine Bratwurst schweben, ganz frei in der Luft, die lockte mich mit dem köstlichsten Duft. Sie war nicht so niedlich wie diese hier, viel länger und dicker erschien sie mir.

Lotte:

Und sicherlich war sie nicht angebrannt.

Fritz:

Bewahre! Das hab’ ich ganz deutlich erkannt. Das Wasser lief mir zusammen im Mund. Ich dachte: Hurra! Welch ein köstlicher Schmaus! und streckte nach ihr beide Hände aus. Auf einmal — o Jammer — wer hätt’ das gedacht? Da platzt sie entzwei — und ich bin erwacht.

(Beide lachen.)

Lotte:

Ja, Fritzchen, solch Traumbild ist launenhaft. Wie gut, daß ich dafür Ersatz geschafft! Was nachts dich im Schlafe gefoppt und geneckt, heut mittag hat es dir gut geschmeckt.

Fritz:

Ganz recht, liebe Frau! — Aber nun bin ich satt. Jetzt gib mir mal, bitte, das Zeitungsblatt!

(Er steckt sich die Pfeife an und raucht andeutungsweise.)

Lotte

(steht auf und nimmt die Zeitung vom Zeitungshalter):

Hier ist es. Da fällt mir soeben ein, ich sah ja heut’ selber noch gar nicht hinein. Drum lies mir doch, bitte, das Neuste vor! Ich bleibe hier sitzen und bin ganz Ohr.

(Sie setzt sich wieder an den Tisch und reicht ihm das Blatt.)

Fritz:

(schaut suchend in die Zeitung):

Ja, beste Lotte, was soll ich denn lesen? Von Engländern? Russen? Franzosen? Chinesen? Von Eisenbahnzügen, die zusammengestoßen? Von schweren Gewittern mit Hageln und Schloßen? Von Schiffsunfällen auf stürmischen Meeren?

Lotte:

Ach, nein, ich möchte was Lustiges hören.

Fritz:

Was Lustiges? — Halt hier scheint was zu steh’n: Ein schnurriges Liedchen.

Lotte:

Wir wollen mal seh’n.

Fritz

(aus der Zeitung vorlesend):

Vom Ritter Kunz von Flunkerflaus geb’ ich euch jetzo Kunde: Der hat im Schlaf verschluckt ’ne Maus, nachts um die zwölfte Stunde. Er lief zum Doktor Pfiffikus: „’ne Maus sitzt mir im Magen, die kneipt und macht mir viel Verdruß, kaum kann ich’s noch ertragen.“ Der Doktor in den Hals ihm guckt, den Fall gleich zu studieren. „Potz, Blitz! ’ne Maus habt Ihr verschluckt? Euch will ich schon kurieren. Vernehmt, Herr Ritter, guten Rat aus meiner Weisheit Schatze: Damit das Mäuslein Euch nicht schad’, verschluckt ’ne Miezekatze!“

Lotte

(lacht laut):

Ei, Fritz, das war eine lustige Mär! Lies doch noch etwas! Ich bitte dich sehr.

Fritz:

(nach der Taschenuhr sehend):

Ist leider nicht möglich, sonst komm’ ich zu spät. Potz tausend, wie schnell doch die Zeit vergeht!

(Er steht auf und nimmt Hut und Stock.)

Ich wünschte, ich könnte noch länger hier ruh’n, doch hab’ ich g’rad heute so viel noch zu tun. Drum reich mir die Hand! Lebe wohl, liebe Lotte!

(Sie reichen sich die Hände.)

Grüß mir das Suschen, die kleine Motte.

(Er geht nach der Tür.)

Lotte:

Gern lieber Mann, wenn sie wieder erwacht. Wann kommst du nach Hause?

Fritz:

Wie immer halb acht.

(An der Tür sich wendend):

Nur eins noch, das hätt’ ich beinahe vergessen: Was gibt es denn heute zum Abendessen?

Lotte

(geheimnisvoll):

Ich will dir’s verraten. Einen hochfeinen Schmaus: Schokolade und Hering!

Fritz:

Jetzt nehm’ ich Reißaus.

(Er verschwindet schnell durch die Tür.)

Zwei Klatschgevattern.[3]

Zwei Mädchen, mit altmodischer Kopfbedeckung, einem Umhängetuch und einem Körbchen am Arm, treten von entgegengesetzten Seiten ein. Sie eilen aufeinander zu und schütteln sich lebhaft die Hände.

Frau Schmidt:

Guten Morgen, Frau Schulze!

Frau Schulze:

Guten Morgen, Frau Schmidt! Ich bringe für Sie eine Neuigkeit mit.

Frau Schmidt:

Das freut mich, Frau Schulze, was hat’s denn gegeben?

Frau Schulze:

Unglaublich, Frau Schmidt, was man heut’ kann erleben!

Frau Schmidt:

Sie machen mich wirklich aufs höchste gespannt.

Frau Schulze:

Doch sag’ ich’s nur Ihnen und ganz im Vertrau’n; ich darf wohl auf Ihre Verschwiegenheit bau’n?

Frau Schmidt:

Auf Ehre, Frau Schulze! Wie können Sie fragen? Ich hab’ doch nie etwas weitergetragen.

Frau Schulze:

Glaub’s gerne, Frau Schmidt. Also hören Sie nur, was der Nachbarin gestern für Pech widerfuhr! Sie ließ sich zum Frühstück ’ne Leberwurst holen, die hat ihr der Molli vom Tische gestohlen.

Frau Schmidt:

Der Molli? Gestohlen? — So mußte es kommen. Was hat sie den Racker ins Haus genommen.

Frau Schulze:

Zu Mittag hat sie mit vielem Geschrei den Mund sich verbrannt am Kartoffelbrei.

Frau Schmidt:

Ist’s möglich, Frau Schulze? Wie soll man das nennen? Grad wie ein Kind sich den Mund zu verbrennen?

Frau Schulze:

Und nachmittags hat sie — wie’s kam, wer kann’s wissen? — Den Topf mit dem Sirup entzweigeschmissen.

Frau Schmidt:

Frau Schulze, Frau Schulze, was sind das für Sachen! Soll man da weinen, soll man da lachen? Nun weiß ich doch wieder die neusten Geschichten. Die muß ich sogleich der Frau Müller berichten.

(Sie trennen sich eilig mit einem Händedruck.)

Das kranke Püppchen.

Kinderszene.

Personen:

Mariechen, das Puppenmütterchen, mit ihrer Puppe „Minchen“. Der Herr Hofrat.

Mariechen

(mit besorgter Miene)

„Mein Püppchen ist krank, Macht ein wehes Gesicht, Liegt hier im Bettchen Und rührt sich nicht! Gestern noch sprang es Lachend ums Haus, Wußte vor Frohsinn Nicht ein und nicht aus. Heute liegt’s stille Und jubelt nicht mehr! Ach, und sein Atem Geht hastig und schwer! Sagt mir, ihr Leutchen, Was machen wir da? Ach, man hat Sorgen Als kleine Mama! Wißt ihr, mein Püppchen Ist herzig und gut, Aber die Schule Tut ihm nicht gut! Vorige Ostern, Da wurd’ es sechs Jahr, Mußt’ in die Schule. — Das ist doch klar! Aber seitdem Ist es nicht mehr gesund. — Wüßt’ ich nur endlich Vom Kranksein den Grund! Heute nun hab’ ich Herrn Hofrat bestellt: Der ist sehr klug Und kuriert alle Welt. Minchen, mein Püppchen, Verzog zwar’s Gesicht, Schrie: ‚Onkel Doktor, Den mag ich nicht!‘ Aber, was hilft das? Es ist ja ein Kind! Leutchen, ihr wißt ja, Wie Kinder oft sind! Ich, das Mamachen, Hab’ ängstlichen Sinn, Schickte drum hurtig Zum Hofrat hin. Hoffentlich macht er Mein Kindchen gesund, Das Sausewindchen, Den Plappermund! — Ach, wär’ doch endlich Herr Hofrat schon da! Ja! — Man hat Sorgen Als kleine Mama!

(Es klingelt und klopft gleich danach an der Tür.)

Endlich! Da klingelt’s! Nun klopft es! — Herein! — Bitte, Herr Hofrat! Treten Sie ein!“ —

Hofrat:

„Schön’n guten Morgen, Gnädigste Frau! Seh’n Sie: ich komme Wie immer genau!“

Mariechen:

„Schön’n guten Morgen! — Ach welch’ Malheur! Mein Püppchen ist krank Und fiebert gar sehr! Oh bitte, Herr Hofrat, Kurier’n Sie das Kind! Sie wissen, wie ängstlich Wir Mütter mal sind!“

Hofrat:

„Schon wieder krank? Hm! Höchst bedenklich! Seit wann ist denn Ihr Kind so kränklich?“

Mariechen:

„Seit diesem Frühjahr, wissen Sie; Denn vorher kränkelte es nie!“

Hofrat:

„Das ist ja seltsam! Hm! Nun, nun! Wir werden sehen, was zu tun! Hat’s Appetit, Ihr Minchen klein?“

Mariechen:

„Oh ja! Für Obst und Schleckerei’n, Für Törtchen fein aus Butterteig!“

Hofrat:

„So, so! Ei, ei! Da hab’n wir’s gleich! — Ja, gnäd’ge Frau, das wird der Magen von Ihrem Püppchen nicht vertragen!“

Mariechen:

„Erst dacht’ ich’s auch. Doch Sie ermessen: Es hat mit Appetit gegessen Vor einer Stunde noch sein Süppchen!“

Hofrat:

„Hm, hm! So, so! — Mein liebes Püppchen, Zeig’ mir mal schön dein Züngchen fein! — Hm! — Das ist sauber, rot und rein! Da muß die Krankheit tiefer sitzen!“

Mariechen:

„Was halten Sie von tüchtig Schwitzen?“

Hofrat:

„Das ist veraltet, liebe Frau, Und macht das Kind nur matt und flau. Doch will ich mal den Pulsschlag zählen: Vielleicht wird’s ihm am Herzen fehlen!

(Zählt mit der Uhr:)

1—2—3—4, —5—6—7—8! Nein, was der Puls für Sprünge macht! Das schlägt so froh und hüpft so frisch, Als lief ein Mäuschen über’n Tisch! — Sie müssen sich nicht weiter quälen, In Herz und Magen kann’s nicht fehlen.“

Mariechen:

„Was mag dann nur die Krankheit sein?“

Hofrat:

„Hm! ’s Herz ist frisch, die Zunge rein. — Das Uebel muß noch tiefer stecken! Geduld! Ich will es schon entdecken. — Ich glaub’, es sitzt im Köpfchen da! Nun sagen Sie mir, Frau Mama, Klagt über Kopfweh gar Ihr Kleinchen?“

Mariechen:

„Jawohl! Und über matte Beinchen, Besonders, wenn’s zur Schule soll!“

Hofrat:

(plötzlich lachend):

„Hahahaha! Das ist ja toll! — Nun kenn’ ich Minchens Krankheit ja! Es ist die ‚Infaulenzia‘! Die spukt im Kopf und in den Beinchen Gar oft bei unsern lieben Kleinchen, Wenn sie zur Schule gehen sollen Und lieber auf der Wiese tollen. ‚Schulfieber‘ nennt man’s auch zuweilen. Das ist sehr schlimm! Ich kann’s nicht heilen. Doch das verliert sich mit der Zeit, Wenn erst Ihr Kindchen wird gescheit. Sitzt erst im Kopf das Abc, Tut auch das Köpfchen nicht mehr weh, Und sind erst gar die Ferien da, Dann schwindet die ‚Faulenzia‘! —“

Mariechen:

„Ja, ja! Nun ist mir alles klar, Warum mein Kind so kränklich war. Mein Püppchen, hör’, mein Plappermaul! Du bist ja bloß ein wenig faul! Am Abend ist mein Plappermund Stets pudelwohl und kerngesund. Soll’s morgens dann zur Schule geh’n, Möcht’ lieber man spazieren geh’n, Und statt zu lernen und zu schreiben, Möcht’ lieber man im Garten bleiben!“

Hofrat:

„So ist es, liebe, gnäd’ge Frau! Nun kennen Sie Ihr Kind genau!“

Mariechen:

„So sagen Sie mir bitte noch: Wie heilt man diese Krankheit doch?“

Hofrat:

„Sehr einfach ist die Arzenei Und hilft dem Kindchen eins, zwei, drei: Man holt sich ein Stöckchen, Klopft ein wenig das Röckchen — Und fort wie der Wind Ist die Krankheit geschwind!“

(Lacht.)

Mariechen:

„Herr Hofrat, ich danke für Ihren Rat!“

Hofrat:

„Ich glaube, das Mittelchen ist probat! — Ich habe die Ehre!

(Verneigt sich.)

Schön’n guten Morgen! Sie brauchen sich nicht mehr weiter zu sorgen. Hat’s Kindchen noch einmal ‚Faulenzia‘, So rufen Sie bitte nur seinen Papa! Der wird das Mittelchen dann probieren Und unser Püppchen rasch kurieren! — Adieu, mein Kindchen, sei fleißig und lern’, Dann bleibt dir das Stöckchen vom Röckchen fern!“

Neckreim.

Denkt ihr denn, denkt ihr denn, Mädchen wären teuer? Fünfe für ein Pfennigstück, Fünfzehn für ’nen Dreier. Denkt ihr denn, denkt ihr denn, Jungens sind so teuer? Fünfzehn für ’nen Flederwisch, Sechzehn für ’nen Dreier. C. Weber.

Mitten auf der Wiese.

Mitten auf der Wiese Sitzt die kleine Liese Im grünen, grünen Gras. Sie träumt sich sacht in Schlummer, Da kommt ein großer Brummer Und fliegt ihr auf die Nas’. Weg, weg! du alter Brummer! Störst mich in meinem Schlummer! Willst weg! Was soll denn das? Der Brummer brummt gemütlich: Ach, Lieschen, sei doch friedlich, Ich mache ja nur Spaß.

Kopfleiste
Kopfleiste

Notes in this chapter

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