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Prinzessin Mymra

Petuschok

Alexander Eliasberg translation

1

Eine Kuh fraß am Eliastage dem Petka ein Fünfzehnkopekenstück auf.

Als die Großmutter von der Abendmesse heimgekommen war, hatte sie vor dem Schlafengehen dem Knaben eine silberne Münze, ein Fünfzehnkopekenstück, zum Vernaschen geschenkt.

Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession aus dem Kreml zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde begleitet. Nach der Messe findet im Garten und auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen ein Volksfest statt; es werden dabei Kwaß, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und Eis feilgeboten. Petka war ein großer Liebhaber von Stachelbeeren und aß leidenschaftlich gern Eis; seine Freude über das Fünfzehnkopekenstück war also wirklich groß. Während der ganzen Nacht behielt er die Münze in der Hand.

Als die Großmutter aus der Kirche des heiligen Nikola Kobylski heimkehrte, war Petka schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt,

»Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht, Großmutter!« begrüßt Petka die Großmutter, auf einem Bein hüpfend.

»Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok!« Großmutter ist nach dem Gottesdienst müde und freut sich auf den Tee.

Wenn die Großmutter selbst den Samowar instand setzte, brauchte sie immer furchtbar viel Zeit dazu — so kam es Petka wenigstens vor. Sie pflegte erst die Asche auszuschütten, dann ein wenig Kohle hineinzutun, auf die Kohle einige Holzspäne zu streuen und, wenn die Kohle zu knistern anfing, noch einige Kohlen nachzulegen;

»Du bist ein gescheiter Junge!« wiederholte die Großmutter. Sie freute sich, daß der Samowar auf dem Tisch stand und summte und daß sie jetzt in aller Ruhe ihren Tee trinken und vor der Prozession noch etwas ausruhen konnte.

Großmutter war gottesfürchtig und eine eifrige Kirchgängerin; sie versäumte keinen einzigen Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte auch mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei; sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit.

Großmutter setzte sich an den Teetisch, aber ehe sie noch ein Stückchen geweihtes Brot zerkauen konnte, fing Petka schon zu drängen an: sie wollten sofort aufbrechen, um der Prozession entgegenzugehen.

Aber es sei noch viel zu früh! Die Prozession habe gewiß noch nicht den Kreml verlassen; die Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister ständen noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun, sie säßen wohl noch in der warmen Stube und tränken Tee.

Großmutter und Petka pflegten die Prozession in der Wedenskaja-Gasse, auf dem Morosowschen Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten

»Wenn du nicht gehst, geh ich allein!« Petka setzte seine Mütze mit dem Lacklederschirm auf und stand schon an der Tür.

Großmutter hatte Angst, Petka allein gehen zu lassen; sie meinte, man könne ihn im Gedränge leicht zertreten.

»Man wird dich zertreten, Petuschok.«

»Nein, Großmutter, man wird mich nicht zertreten. Mir hat im vorigen Jahr das Pferd eines Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten, das hat schrecklich weh getan! Und doch hat es mir nichts geschadet. Großmutter, jetzt gehe ich!«

Großmutter hat Angst und ist zugleich gekränkt: sie gingen doch jedes Jahr zusammen hin — Petka voraus und hinter ihm die Großmutter in ihrem alten Umhang, mit dem Sonnenschirm in der Hand; Großmutter spannte ihren Schirm niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am Griff, sondern stets an der Spitze, so daß der Griff die Erde berührte. Sie will Petka nicht allein gehen lassen; und sie will noch etwas ausruhen und gemächlich ihren Tee trinken!

Was ist da zu machen? Der Junge läßt sich nicht halten!

Petka geht allein fort.

Der Morgen ist schön kühl, der Tag wird nicht so heiß werden. Ob Petka vom lieben Gott einen so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet Elias, dem das Fest gilt, seinen Segen gegeben hat — die Leute werden es in der Prozession gut haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden funkeln, die Priester werden leichten und trockenen Fußes gehen, und auch die Chorsänger werden es angenehm haben.

Petka ging, sein Fünfzehnkopekenstück fest in der Faust haltend, auf den Flur hinaus; viel Stachelbeeren, rote, behaarte Stachelbeeren wollte er sich dafür kaufen und außerdem für fünf Kopeken Schokoladeneis verspeisen. Petka lauschte; irgendwo läuteten die Glocken, aber es war noch sehr weit. Die Prozession hatte wohl eben erst den Kreml verlassen, und man läutete in den Kirchen, an denen sie vorüberzog.

›Man läutet erst in der Iljinka oder in der Marossejka bei Nikola — es ist ein schönes Läuten!‹ dachte Petka. Und da erblickte er plötzlich eine Kuh.

Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons, eine schöne, wohlgenährte, rote Kuh.

Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh des Diakons sah, das ›Braunchen‹, wie Großmutter sie zu nennen pflegte.

»Guten Tag, Braunchen!« Petka kam hüpfend näher und streckte seine Hand aus, um die Kuh zu streicheln . . . Das Geldstück funkelte in der Sonne, das Fünfzehnkopekenstück fiel ihm aus

Kurz und gut — weg war es.

Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den Steinchen, ging einige Male um die Kuh herum, stand einen Augenblick still und wartete, ob die Münze nicht wieder zum Vorschein käme . . . Nein, verschwunden war sein silbernes Geldstück, das Braunchen hatte es gefressen, es hatte ihm das Fünfzehnkopekenstück, das er zum Eliastage bekommen, weggenommen.

Mit leeren Händen ging nun Petka zur Eliaskirche.

Sollte er umkehren und der Großmutter alles erzählen? Großmutter würde wohl sagen: »Wolltest mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum hat es dir die Kuh gefressen!« Und sie würde ihm nie wieder eine Silbermünze schenken. Sie würde noch sagen: »Was soll man auch so einem Schlingel Geld schenken? Das frißt ja doch die Kuh!« Nein, es ist doch besser, der Großmutter nichts zu sagen. Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis? Nun, er wird sich eben ohne Stachelbeeren und ohne Eis behelfen müssen. Und wenn Großmutter etwas merkt? Sie wird eben nichts merken. Er wird der Großmutter sagen, daß er einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert Portionen Eis gegessen hat . . . Und wenn Großmutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl glauben müssen! Die Stachelbeeren sind ja billig — spottbillig sind sie, sagt Großmutter selbst.

»Was bist du für eine Kuh!« sagte Petka vorwurfsvoll zu seinem geliebten Braunchen. »Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren sind so schön rot und behaart, und das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . . hundert Portionen!«

Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück, das unwiederbringlich verloren war. Es gab nur noch eine Möglichkeit: Großmutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann vielleicht ein neues geben. Aber wo sollte Großmutter eines hernehmen? Das Geld wächst nicht auf der Straße, pflegt Großmutter zu sagen. Sie hat ja auch nur ein paar Silbermünzen; Kopekenstücke hat sie genug . . . Petka ging am Kursker Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen Hause, wo, wie er glaubte, die goldenen Zimmer immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er ging zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.

Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, das ganze Pflaster mit frischgemähtem Gras bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, und von den Naidjonows und von Myslin, und wie alle die reichen Gemeindemitglieder sonst noch hießen. Die Füße glitten im Grase aus, und

Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben auf dem Bürgersteig und suchten sich ein Plätzchen, wo sie bequem stehen und zusehen konnten. Das Läuten klang immer näher, es schien schon aus der nächsten Nähe, von der Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka hatte sich getäuscht, es war noch sehr weit: man läutete erst bei Kosmas und Damian.

Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. Vor dem Tore waren nur die Hausmeister versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher in einer Plüschweste, das schwarze Haar mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich einmal, wenn er groß ist, das Haar mit Butter einfetten, und es wird dann ebenso schön schwarz sein wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt

Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt Ausschau nach der Prozession und der Großmutter.

›Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden‹, dachte er ab und zu an sein unglückseliges Geldstück. ›Es kann gar nicht verlorengehen!‹

Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf die Prozession, und er horchte, in welcher Kirche gerade geläutet wurde; von der Prozession kamen sie auf den Morosowschen Kutscher, vom Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so schweiften die flüchtigen Gedanken des kleinen Petka, des Petuschok,1) wie Großmutter den Jungen zu nennen pflegte.

Nun kam auch Großmutter mit ihrem Sonnenschirm an; sie kletterte auf den Zaun hinauf, die Glocken der Kirche zur Mariä Opferung in den Baraschi begannen zu läuten, die Prozession kam immer näher, die schweren Kirchenfahnen erstrahlten in goldenem Glanz, dann läutete es in der Eliaskirche, und Petka war vollkommen getröstet.

›Großmutter wird mir ein anderes Geldstück schenken, und wenn sie mir keines schenkt, so werde ich auch ohne Eis und Stachelbeeren satt werden.‹

2

Großmutter hatte niemand außer Petka. Petka ist ihr Großneffe, der Sohn ihres Neffen, aber sie nennt ihn Enkel. Der Neffe ist gänzlich heruntergekommen: er war früher einmal Parkettwichser gewesen, hatte sich etwas zuschulden kommen lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau herum, bekam endlich eine Anstellung in einer Bierhalle, blieb dort nur einen Winter lang, gab diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den Goujon-Werken; er verließ auch diese Stellung und geriet schließlich unter das lichtscheue Gesindel, das den Chitrowka-Markt bevölkert. Er besuchte, wenn auch nur selten und meistens betrunken, die Großmutter, um sie um Geld zu bitten. Großmutter hatte vor dem Neffen große Angst und nannte ihn ›den Räuber‹.

Petka wohnt mit der Großmutter in einer Kellerstube auf dem Semljanoj-Wall, in der Nähe der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als Großmutter noch bei Kräften gewesen war, hatte sie nie müßig dagesessen und über nichts zu klagen gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche sich nie ohne Weißbrot zu Tisch zu setzen. Nun aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht mehr arbeiten. Großmutter ist auch schon bei Jahren: sie war sechs Jahre alt, als man die Leiche des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog über Moskau überführte: so alt ist sie also schon! Gute Menschen unterstützen sie ab und

Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten zwei alte Frauen darin, mit Namen Smetanin, die ebenso gottesfürchtig waren wie die Großmutter. Als die Smetanins starben, mietete Großmutter mit Petka die Kellerstube. Großmutter hat früher ein anderes, größeres Zimmer gehabt, in dem jetzt Stubenmaler wohnen.

Großmutters Zimmer ist vollgepfropft. Es steht eine Kommode darin, die vor Alter eine Art Geheimkommode geworden ist: die mittlere Schublade läßt sich nicht mehr ganz herausziehen: man kann sie nur von rechts und auch nur einen Fingerbreit herausschieben. In dieser Schublade — davon weiß aber nur die Großmutter allein — sind ein silberner Teeglasuntersatz mit Weintraubenmuster und zwei silberne Löffel mit Blumengravierung und schwarzem Email an den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum, das er nach Großmutters Tode erben wird. Großmutter hat auch einen Kleiderschrank, gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst die Tür zwar aufmachen, hast aber gleich die ganze Bescherung, denn die Tür fällt sofort ganz

Großmutter gibt Petka sein Essen und denkt auch an die Truthenne. Die Truthenne wohnt auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der Schuppen steht neben dem Kuhstall; die Truthenne stirbt langsam dahin und ist schon so alt wie die Großmutter. Großmutters ›Herr Jesus‹ kann sie zwar nicht nachsprechen, versteht aber anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben hat sie alles gelernt, alles erfaßt.

Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne Angst; aber mit den Jahren gewöhnte er sich an sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich im Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten; ihn interessierte ihr Kopf, der ganz rosa und mit vielen kleinen rosa Warzen besät war. Die Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und kauerte sich hin. Und so kauerten sie beide: Petka und die Truthenne.

Die Hühner des Diakons haben Hähnchen, die Katze Puschok hat Kätzchen, aber die Truthenne

Auch die Großmutter sagte manchmal nachdenklich vor sich hin:

»Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken wollte, so gäbe es Hähnchen!«

›Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne ein Ei schenkt, so gibt es Hähnchen!‹ sagte sich auch Petka.

»Großmutter, und wenn Gott der Truthenne wirklich ein Ei schenkt?«

»Gott geb’s!«

»Was geschieht dann weiter?« prüfte der kluge Petka die Großmutter.

»Dann setzt sie sich hin.«

»Wie setzt sie sich hin, Großmutter?«

»Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht sie das.« Großmutter kauerte hin wie die Truthenne. »Einundzwanzig Tage, das sind genau drei Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen muß, steht sie auf und das auch nur jeden zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein Truthähnchen heraus.«

»Großmutter, wo werden wir das Hähnchen hintun?«

»Es wird bei uns wohnen.«

»Großmutter, wir werden es in einen Käfig tun, und es wird wie eine Nachtigall singen, ja, Großmutter?«

»Ja, Petuschok, es wird ein kleines Hähnchen sein, ganz gelb, mit einem Schöpfchen.«

»Großmutter, wir werden uns einen Luftballon machen und fliegen. Ja, Großmutter?«

»Was fällt dir ein, Petuschok!«

»Wir werden fliegen, Großmutter, wir werden mit dem Hähnchen in dem Luftballon wohnen. Ja?«

Großmutter schwieg eine lange Weile. Petka glotzte aber über die Großmutter hinweg und sah wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie wohnen würden: er, das Hähnchen und die Großmutter.

»Ich bin damit nicht einverstanden«, sagte die Großmutter. »Ich will hier unten sterben, auf dem Luftballon mag ich nicht sterben.«

»Großmutter«, Petka dachte nur an seine Sachen und hörte die Großmutter nicht. »Alles kommt doch vom Ei?«

»Möge Gott ihr doch eins schenken!« Großmutter wollte so schrecklich gern, daß die Truthenne legte, und sie dachte an das Hähnchen mit derselben Sehnsucht wie Petka.

Petka hatte das Geldstück vom Eliastage vergessen und machte der Kuh keine Vorwürfe mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein Geldstück mehr, er brauchte nur das kalikutische Hähnchen. Aber wo sollte er ein Ei hernehmen, wie könnte er es einrichten, daß Gott der Truthenne ein Ei schenkt, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Truthähnchen kommt?

›Ich könnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und es unter die Truthenne legen‹, überlegte sich

Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Großmutter wollte einmal ihrem Petuschok eine Freude machen und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie schickte Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu kaufen. Petka brachte bloß zwei Eier mit: das dritte versteckte er und sagte der Großmutter, er habe es zerbrochen.

»Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das Geldstück gefressen, und das Ei hast du zerbrochen!« Das zerbrochene Ei tat der Großmutter furchtbar leid.

Petka hätte wohl sonst die Eierspeise vor Ärger gar nicht angerührt; aber jetzt, wo er in seiner Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Hähnchen kommen konnte, machte er sich nicht viel daraus: soll nur Großmutter

Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt?

»Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte!« Petka kauerte hin, starrte auf die rosa Warzen der Truthenne und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich zu regen, von dem einen hartnäckigen Gedanken, dem einen heißen Wunsch, der einen Bitte beseelt: »Setz dich doch, Truthenne, setz dich, bitte!«

Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf das Ei, ja, ganz genau auf das Ei.

Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte keinen Blick von der Truthenne, von dem einen hartnäckigen Gedanken, von dem einen heißen Wunsch beseelt . . .

Die Truthenne saß ruhig und fest auf dem Hühnerei.

Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen und lief von hinten herum zu einem Spalt in der Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne saß ruhig und fest auf dem Hühnerei.

Sollte er es der Großmutter sagen? Nein, Großmutter wird es schon selber sehen. Wie wird sie

Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt: er paßte auf die Truthenne auf und wartete auf die Großmutter. Großmutter kam in den Schuppen, um der Truthenne ihr Futter zu geben.

»Gepriesen sei der Schöpfer!« flüsterte die Alte. Sie bekreuzigte sich, sie trippelte aufgeregt umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein Ei gelegt, die Truthenne saß auf einem Ei!

Am Abend nach diesem langen, wundervollen Tage legte sich Petka schlafen, auch Großmutter ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und konnte nicht einschlafen: er wartete immer, daß Großmutter etwas von der Truthenne sagen werde. Auch Großmutter wälzte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie hatte große Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, fürchtete aber, das Glück zu berufen.

Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber schließlich doch nicht aus. »Petuschok!« rief die Großmutter.

»Großmutter!« Der Schlingel begriff sofort, um was es sich handelte. Er tat aber so, als ob er ihr aus dem Schlafe antwortete.

»Du schläfst noch nicht, Petuschok?«

»Was willst du, Großmutter?«

»Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen!« Großmutter fing sogar zu lachen an und keuchte vor Freude. »Ein Ei! Die Truthenne sitzt . . .«

»Sie sitzt, Großmutter?«

»Ja, Petuschok, sie sitzt . . .« Großmutter sagte es mit schwacher Stimme und bekam einen Hustenanfall.

»O Großmutter, wir werden jetzt einen Truthahn haben, ein Hähnchen?«

»Ein Truthähnchen, ein kalikutisches Hähnchen«, flüsterte die Großmutter, als ob im kalikutischen Hähnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von ihrem und Petkas Leben läge.

»Wird es bei uns wohnen?«

»Gewiß, Petuschok, wo denn sonst?«

»Wir werden es doch nicht aufessen, Großmutter?«

Großmutter antwortete nicht mehr, Großmutter war schon eingeschlafen, beglückt und erfreut durch die göttliche Gnade, durch den Gedanken an das kalikutische Hähnchen, das nach einundzwanzig Tagen aus dem Hühnerei kommen sollte.

Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den ›Vier Marienfesten‹: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung — und vor den ›Moskauer Wundertätern‹: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo. Die Berge der ›Mutter-Einöde‹ glühten im Lichte der Nachtlampen rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein.

»Großmutter, ich werde das Hähnchen lieben!« Petka-Petuschok, Großmutters Hähnchen, schlief mit diesen Worten ein.

Jeden Tag, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht, schaute Großmutter in den Schuppen nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott für die ihr erwiesene Gnade und zählte die Tage. Auch Petka zählte die Tage und war nicht weniger aufgeregt als die Großmutter; er ließ seinen Drachen nicht mehr steigen, dachte nicht mehr an seine Schlangenklapper und vergaß, daß er das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er glaubte an das Hühnerei, als ob es ein echtes, von der Truthenne selbst gelegtes Ei wäre. Die Truthenne, die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgemäß auf das Ei gesetzt hatte, saß auf dem Hühnerei ruhig und fest und dachte gar nicht daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen. Kam es daher, daß sie, seit sie auf der Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder von eigenen noch von Hühnereiern hatte? Oder daher, daß Petka durch seinen Willen wirkte oder Großmutters Gebet Gehör gefunden hatte — jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie bei einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf ihrem Kopfe wurden immer blasser.

Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag.

Petka konnte nicht mehr schlafen: »Und wenn kein Hähnchen herauskommt, wenn es ein taubes Ei ist?« Wie konnte er auch schlafen? Jeden

»Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!« sang Petka, auf einem Beine hüpfend. Draußen im Schuppen und auch in Großmutters Stube hauchte er das Hähnchen mit seinem warmen Atem an, als ob im Hähnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von seinem und Großmutters Leben läge.

»Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein Langmut!« Großmutter konnte sich vor Freude kaum auf den Beinen halten.

3

Der Herbst fiel in jenem Jahre trocken und warm aus. Die Sonne schien zwar nur wenige Stunden am Tage, befiederte aber doch das kalikutische Hähnchen: es wuchs heran, krähte mit heiserer Stimme, tat sehr vornehm, fiel über die im Frühjahr zur Welt gekommenen Hähne des Diakons her und raufte mit ihnen wie ein richtiger Hahn. Alle Anzeichen sprachen dafür, daß es einen spitzen, hellroten Kamm, kräftige Sporen und eine laute Stimme haben würde: es war eben ein echtes kalikutisches Hähnchen!

Nicht die Truthenne — wie sollte sie auch? — die Truthenne starb langsam dahin —, sondern die Großmutter pflegte das Hähnchen, und als die warmen Tage von kalten abgelöst wurden, nahm

Zugleich mit der Kälte und der Oktobernässe brach eine unruhige Zeit an, die denkwürdigen Tage der Volksopfer und der Freiheit.

Daß auf den Hauptstraßen das elektrische Licht nicht mehr brannte und ganz in der Nähe auf dem Kursker Bahnhof die blank geputzten Lokomotiven unbeweglich dastanden und froren; daß die schrecklichen roten Schlote der Goujon-Werke in der Pokrowka-Vorstadt nicht mehr qualmten und am Himmel hinter dem Androni-Kloster kein Feuerschein bebte — das alles hätte doch, könnte man meinen, auf Großmutter in ihrer Kellerstube nicht den geringsten Eindruck machen sollen: Großmutter brauchte kein elektrisches Licht, sie ging abends nie aus, beabsichtigte nicht zu verreisen und hatte auch mit den Goujon-Werken nicht das geringste zu schaffen. Großmutter wohnte aber in ihrem Keller nicht allein: ihre Nachbarn, lauter einfache Arbeiter, waren mit einer festen Kette an die roten Schlote der Goujon-Werke wie auch an die blanken Kursker Lokomotiven gebunden; der Umstand, daß die Schlote nicht mehr qualmten und die Lokomotiven stillstanden, hatte sie aus ihrer Arbeitsbahn geschleudert, ihr ganzes arbeitsvolles Leben auf den Kopf gestellt, die Erde erschüttert

Der auf dem Chitrowka-Markt fast gänzlich verschollene Neffe der Großmutter, der ›Räuber‹, erschien eines Tages wieder in Großmutters Kellerwohnung bei der Kirche des heiligen Nikola Kobylski.

Sein von Rheumatismus gekrümmter Arm, seine Nase, die wie drei Nasen übereinander aussah — (es kam von der Elephantiasis), der schwarze abgetragene Überzieher, unter dem er nichts als die ganz zerfetzte, ungewaschene, vor Schmutz steife Wäsche hatte — all das jagte der Großmutter Angst und Schrecken ein. Großmutter fürchtete gar nicht, daß er von ihr Geld verlangen und ihr das Messer an die Kehle setzen würde: sie würde ihm das letzte Geld geben, obwohl sie es gar nicht leicht haben und nachher mit Petka viele Tage würde hungern müssen; es überfiel sie die schreckliche Vorahnung, daß der Neffe, Petkas Vater, der ›Räuber‹, ihrem Petka etwas antun würde. Was er ihm aber antun

Der Neffe hatte Durst und Hunger. Großmutter richtete für ihn den Samowar. Petka kam aus der Schule, und sie setzten sich alle an den Tisch, Tee trinken.

Petka hatte von den Pilgern, mit denen er auf seinen Wallfahrten zusammengekommen war, viele Heiligengeschichten gehört und wußte, wie die Heiligen ihre Kronen erworben hatten: und nun sehnte er sich danach, einmal Räuber zu werden, sich eine schwere Sünde auf die Seele zu laden, dann Buße zu tun, in ein Kloster zu gehen und in einer Höhle zu leben. Nun saß er aber an einem Tisch mit einem Räuber, trank mit ihm aus demselben Samowar Tee, und dieser Räuber, Großmutters Neffe, war sein leiblicher Vater. Petka wandte keinen Blick vom Vater und starrte seine dreistufige Nase mit derselben verzehrenden Neugier an, mit der er einst im Schuppen die rosa Warzen der Truthenne betrachtet hatte. Und da er nicht wußte, wie er dem Vater gefällig sein und dem Räuber seine Kühnheit zeigen

»Schau dir das Hähnchen an«, sagte Petka, »ein kalikutisches ist es!«

»Petka und ich haben nur einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts geschieht; sonst brauchen wir nichts!« sagte Großmutter, als ob sie sich rechtfertigen müsse; ihre Hände zitterten, und ihr Kopf wackelte hin und her.

Der Räuber blinzelte dem Hähnchen zu — ein feines Hähnchen! Der Räuber aß mit großer Hast und entschädigte sich für alle die Hungertage, derentwegen ihm der Magen knurrte. Nachdem er Petkas und Großmutters Mittagsessen verzehrt hatte, machte er sich über den Tee her. Das heiße Getränk erwärmte ihn, machte ihn schlaff und löste ihm die Zunge. Und er begann ganz wirres Zeug zu reden, wobei er über Petka und die Großmutter hinwegsah, genauso wie Petka über die Großmutter hinweggesehen, als er ihr vom Luftballon erzählt hatte, auf dem sie einst wohnen würden: er, das Hähnchen und die Großmutter. Aus den Worten des Räubers folgte, daß nun fast alles erlaubt sei, daß es keine Gesetze mehr gebe, daß alle Gesetze abgeschafft seien und daß heute oder morgen alle Gelder in seine Hände übergehen würden; und da würde die blutige Abrechnung beginnen.

»Die gebildeten Schichten . . . Revolution . . .«

Und je wärmer es dem Räuber wurde, um so verworrener und unwahrscheinlicher klangen seine Worte. Petka hörte dem Vater mit offenem Munde zu und starrte auf seine dreistufige Nase. Großmutter schüttelte den Kopf.

»Petka und ich haben nur den einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts geschieht. Sonst brauchen wir nichts«, flüsterte Großmutter, als müßte sie Petka und sich rechtfertigen.

Der Räuber trank die letzte Tasse Tee aus und ging mit Großmutters letztem Kleingeld in der Hand fort. Großmutter blieb mit Petka und dem kalikutischen Hähnchen allein. Sie räumten alles auf, stellten den Samowar weg, spülten die Tassen ab und fegten mit einem Flederwisch die Brotkrumen in einen Beutel; Petka machte seine Schulaufgaben, dann saßen sie noch eine Weile beisammen, gähnten, schwiegen und schlugen so den Abend tot. Nachdem sie das Abendgebet gesprochen hatten, sahen sie unter das Sofa nach dem Hähnchen: ob es schon schlafe oder nicht. Das Hähnchen schlief schon längst. Nun gingen sie selbst auch zu Bett.

Petka wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Auch Großmutter drehte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie fühlte Unruhe und Angst.

»Petuschok!« rief Großmutter, als sie ihre Angst nicht länger bemeistern konnte.

Petka warf sich im Bette mit offenen Augen hin und her: er sah sich schon als Räuber und baute sich aus den unverständlichen Räuberworten, die er vom Vater gehört hatte, Räubertaten und ein Räuberleben auf.

»Petuschok, du, Petuschok!« rief Großmutter noch leiser, noch freundlicher.

»Was ist denn, Großmutter?« Petka sprang auf: es war ihm, als hätte er Großmutters Stimme gehört.

»Ich bin es, Petuschok, fürchte dich nicht.« Großmutter konnte vor Angst kaum sprechen. »Geh nicht fort, Petuschok . . .«

»Unter die Räuber will ich gehen, Großmutter«, antwortete Petka augenblicklich. »Als Räuber will ich leben! Und auch du, Großmutter, sollst unter die Räuber gehen . . .«

»Geh nicht fort, Petuschok!« piepste Großmutter so leise, daß Petka sie gar nicht hörte. Dann lag sie wie starr in unheimlicher Angst da: jeder Ton, jedes Rascheln schien ihr unheilverkündend, das Hundegebell erschreckte sie, und es war ihr, als schleiche sich schon jemand an ihre Kellertür heran, ein Dieb, ein böser Mensch, um ihr ihren Petka, ihren Petuschok zu nehmen.

Petka lag mit offenen Augen da; er war aber nicht mehr Petka, sondern ein echter Räuber mit schwarzem, wie beim Morosowschen Kutscher mit Butter eingefettetem Haar, mit einer dreistufigen

Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den ›Vier Marienfesten‹: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung — und vor den ›Moskauer Wundertätern‹: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo. Die Berge der ›Mutter-Einöde‹ glühten im Scheine der Nachtlampe rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein.

»Ich bin unter die Räuber gegangen, Großmutter«, murmelte Petka im Schlafe.

Der unruhige Herbst war zu Ende, der Winter brach an. Großmutters Unruhe hatte sich nicht gelegt, und Petka war nicht mehr zu bändigen: wenn der Schlingel das Schlucken bekam, begann er, statt ein Vaterunser zu beten — früher betete er in solchen Fällen ein Vaterunser, das wirklich half —, ganz sinnlose Abzählreime aufzusagen. Großmutter hatte sich nicht beruhigt, in den Straßen war es nicht stiller geworden, der grimmige Frost hatte Moskau nicht abgekühlt, und das Leben war nicht zum Alltag mit seiner Arbeit und Sorge zurückgekehrt.

Und gleich den feurigen Bergen auf dem Bilde der Moskauer Wundertäter schnitten sich auch in Wirklichkeit feurige Berge wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein, und ein rauchender Feuerschein ergoß sich über die Stadt.

Am Samstag nach dem Nikolatage setzte sich Großmutter mit Petka um die Mittagszeit an den Tisch; sie wollten irgend etwas essen — in diesen

»Großmutter«, Petka sprang auf, »hörst du es?«

Großmutter legte den Löffel weg und knabberte an einer Brotrinde.

»Großmutter . . .« Petka sah zum Klappfenster hinaus.

Großmutter rührte sich nicht. Sie schüttelte den Kopf wie beim Besuch des Räubers.

»Großmutter, man schießt!« und mit diesen Worten lief Petka zur Tür hinaus.

Es wurde irgendwo ganz weit auf der Twerskaja geschossen, und das dumpfe Dröhnen klang auf dem Semljanoj-Wall wie von unter der Erde. Die Fensterscheiben erklirrten.

Großmutter hatte noch nichts gemerkt, Petka hatte es aber sofort gehört. Und nun hörte es auch die Großmutter; sie bekreuzigte sich wie bei einem Donnerschlag.

Es begann eine unruhige Zeit. Das Unglück stand an jeder Ecke, an jeder Straßenkreuzung; es lauerte unersättlich, dunkel, strafend bei Tag und bei Nacht, wo viele Menschen versammelt waren und auch, wo es gar keine Menschen gab.

Großmutter hatte Angst, Petka von ihrer Seite zu lassen. Wie leicht konnte ihm etwas zustoßen: Großmutter sah in den Leuten, die die Fabrikarbeiter zum Streik ermunterten, in den Freischärlern, in den Kosaken und Dragonern, die die Sadowaja

Seit dem Nikolatage konnte Großmutter keine Nacht mehr schlafen: sie paßte auf Petka auf, wie sie in den ersten Wochen auf das Hähnchen aufgepaßt und wie Petka selbst, am Spalt hinter dem Schuppen lauernd, auf die Truthenne mit dem Hühnerei aufgepaßt hatte.

Den Jungen zog es hinaus, er konnte nicht zu Hause bleiben, er konnte nicht ruhig sitzen.

Petka lief mit den anderen Jungen nach der Sucharewka fort; Großmutter lief hinter ihm her.

Das war einmal eine Zerstreuung für Petka: früher pflegten die Jungen auf dem Eise eine Rodelbahn zu bauen: jetzt galt es, die Straße zu versperren.

Petka griff nach einer Telegraphenstange.

»Schlepp sie her!« schrie der Bengel der Großmutter zu.

Was sollte Großmutter machen? Vor Angst zitterten ihr die Hände, wie konnte sie überhaupt daran denken, eine Telegraphenstange zu schleppen! Sie konnte nicht einmal einen Kienspan halten. Großmutter hob ein Häuflein Späne vom Boden auf und trug es hinter den Kindern

»Bravo, Großmutter!« spotteten die Leute über die Alte; ein Hausmeister mit einem Räubergesicht grinste, indem er frierend einen Fuß gegen den andern schlug.

»Es ist unserer großen Sünden wegen«, flüsterte Großmutter. Sie war von ihrer Arbeit mit den Spänen ganz erschöpft, blieb aber doch nicht hinter Petka zurück.

Er war aber ein ganzer Kerl! Er kletterte ganz hinauf, wo die rote Fahne wehte, schob sich die Mütze, die Mütze mit dem Lacklederschirm, wie ein verwegener Kosak schief aufs Ohr, und die Fahne über ihm leuchtete so rot wie ein Kelchtuch.

»Klettere auch du herauf; Großmutter!« rief Petka, der singende Petuschok, zu seiner Großmutter hinunter.

Wie konnte sie hinter ihm zurückbleiben? Selbst auf den Sucharewturm würde sie hinaufklettern!

Als zur Abendmesse geläutet wurde und zugleich mit dem Glockengeläut die unheimliche Kanonade dröhnte, machte Großmutter sich bereit, in die Messe zu gehen. Petka war vorausgelaufen und spielte mit den anderen Kindern beim Kuhstall des Diakons; sie spielten ›Kosaken und Streikende‹.

Als Großmutter ihre gesteppte Wattejacke angezogen und den Kopf in ein schwarzes Wolltuch gewickelt hatte, sah sie unter das Sofa nach dem hungrigen Hähnchen, ob es schon schlafe oder nicht: das Hähnchen schlief. Sie brachte das Öllämpchen in Ordnung — aus der Dämmerung blickten die Antlitze der Wundertäter und der Muttergottes sie an —, und es wurde ihr plötzlich ganz traurig zumute.

Sie seufzte, weil sie jetzt so dürftig leben mußten: die Feiertage rückten heran, und sie hatte nichts, um sie zu begehen! So schwer hatte sie es, und es war schon Zeit, daß sie starb; und Petka tat ihr so leid . . . Er war ja noch ein kleines Kind! . . . Wenn er doch schon auf eigenen Beinen stünde! Aber er war ja noch ein unmündiges Kind.

»Heilige Muttergottes, Allgepriesene, Fürbitterin . . .« Großmutter legte die Finger zusammen, um sich zu bekreuzigen.

»Macht schon ein Ende!« sagte jemand hinter der Wand entweder bei den Stubenmalern oder bei den Mützenmachern; wahrscheinlich jemand, der gekommen war, um die Arbeiter zum Streik zu ermuntern.

Großmutter fuhr zusammen und wandte sich um: in der Tür stand ihr Neffe, der Räuber.

»Gib Geld her, Alte!« drang der Räuber auf sie ein.

Großmutter schüttelte den Kopf: »Du kannst mir den Kopf abhacken, aber ich habe nichts!«

»Du sagst, du hast nichts?« drang der Räuber auf sie ein.

»Bei Gott . . . nein . . .«

Der Räuber packte die Großmutter am Kragen und stieß sie mit der Nase gegen die Kommode.

»Such, sage ich!«

Großmutter tastete unter dem Heiligenschrein herum und reichte dem Räuber wortlos — sie konnte vor Angst die Zunge gar nicht bewegen — die drei Knäuel: den Knäuel Stricke, den Knäuel Bindfaden und den Knäuel bunte Schnur, alles, was sie während der vielen Jahre zusammengebracht hatte . . . Der Räuber hieb auf die Alte mit der Faust ein, ein Knäuel kam ins Rollen, Großmutter kauerte nieder, wie die Truthenne vor Petka, und blieb starr am Boden sitzen.

Der Räuber wirtschaftete indessen nach Herzenslust: er stürzte Großmutters eisenbeschlagenen eichenen Koffer um, warf die ganze Leichenausstattung heraus: das Hemd, das Leichentuch, die Pantoffeln und die Leinwand, riß die Tür des Kleiderschranks auf, sah in den Kleiderschrank hinein — da war nichts! und machte sich an die Kommode: er durchstöberte alle Schubladen, nahm alles heraus — aber auch in der Kommode war nichts! Die mittlere Schublade ließ sich nicht herausziehen: er arbeitete lange an ihr herum und konnte nichts machen . . .

Das rollende Knäuel weckte das Hähnchen; es kam unter dem Sofa hervor, schlug mit den Flügeln

Der Räuber fing das Hähnchen ein, drehte ihm den Hals um und schmiß es der Großmutter vor die Füße.

»Krepier daran!« Und mit diesen Worten ging er.

Draußen beim Kuhstall war ein Höllenlärm: die Kinder spielten wie ausgelassen. Ein Haufen verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf die Straße hinaus und wollte auf die andere Seite hinüber. Eine Patrouille, die von der Sucharewka kam und eben an der Chischinschen Fabrik vorüberritt, eröffnete Feuer, um sich den Weg frei zu machen. Petka fiel mit der Nase in den Schnee, griff sich an die Mütze und stand nicht mehr auf.

Man brachte den bereits erstarrten Petka mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen zu Großmutter in den Keller; auch Petkas Mütze mit dem Lacklederschirm brachte man mit.

So war also das Unglück gekommen, von daher! Nun galt es, es hinzunehmen.

Großmutter nahm alles hin. So alt sie auch war, lebte sie doch noch in ihrer Kellerstube weiter und versäumte keinen einzigen Gottesdienst; und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster

›Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!‹ Petkas Liedchen geht Großmutter oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka, den Petuschok. Und sie erzählt so leise, als ob jemand in der Stube schliefe oder krank wäre und sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken fürchtete, von der Truthenne, vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen Hähnchen, vom Räuber, und wie sie mit Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut, und wie man ihren Petka ganz erstarrt, mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen und auch Petkas Mütze mit dem lackledernen Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte.

»Ich ging hin, Väterchen«, erzählte Großmutter leise und immer leiser — »um eine Kerze vor der Muttergottes aller Gekränkten anzuzünden: ich wollte die Kerze vor das Bild stellen, aber die Hand wollte sich nicht heben lassen . . .« Großmutter versuchte, ihre zitternde Hand zu heben, aber die Hand sank immer wieder herab: es war die Kränkung, die unverschuldete, bittere, tödliche Kränkung, die ihre Hand lähmte und ihre Augen mit Bitternis verdunkelte: und die Hand zitterte, sie wollte sich erheben und konnte es nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen

Notes in this chapter

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