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Prinzessin Mymra

Das Opfer

Alexander Eliasberg translation

1

Jeder, der das alte Suchotinsche Gut ›Gottessegen‹ auch nur einmal besucht hat, wird es mit gutem Gewissen loben können. Nicht zum Spott trug es von alters her seinen Namen, und einen besseren könnte man, soviel man auch klügelte, gar nicht finden: es gab zwar in seinen Gärten keine Weintrauben, auch sangen da keine Paradiesvögel, doch der Segen Gottes ruhte sichtbar auf dem guten Lande.

Das alte, von Säulen flankierte Herrenhaus, die Ahornallee, der Obstgarten, die Wiesen, Felder und Wälder, Vieh und Menschen — kurz alles, was es in Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch bei jedem andern Menschen, der auf der Durchreise geschäftlich oder sonst aus irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles Entzücken hervor; selbst bei dem blasierten, elegant zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten, verwöhnten Moskauer.

Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter Ordnung. Bei Gott — da brauchte man keine Biene zu beneiden!

Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin

Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst hinter sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen unveränderlichen, gleichsam versteinerten Zügen; wenn sich alle in Lachkrämpfen wanden, blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz regungslos, und niemand sah ihn lachen oder lächeln. Man sah nur unheimliche Funken in seinen unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen. Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf, mußte man seltsamerweise immer an eine mechanische sprechende Puppe denken, und als jemand einmal versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da standen auf dem Papier ganz gewöhnliche Worte ohne jede komische Wirkung.

Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen paßte, fiel es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte beruhte und warum sie überall Lachen und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt aber Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund kommen — solche Käuze findet man überall —, und diese gaben eine treffende Erklärung: sie sprachen von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem

Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter und zeigte auch gar kein Interesse für öffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden. Man denkt noch heute mit Grauen an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten während Suchotins Amtstätigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden von ihm in überaus lustige Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander, es kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott weiß was für Dinge an den Tag, daß sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht genauer kannte, mußte im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht bei Trost. Ich glaube sogar, daß in Petersburg — in einem Salon oder bei einem Vortrag beim Minister — sich jemand gerade in diesem Sinne ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das keine weiteren Folgen.

Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?

Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu

Suchotins Frau — Alexandra Pawlowna — spottete manchmal höchst gutmütig über die Liebhabereien ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens in inniger Liebe zugetan war; man hätte auch alle diese Eigenschaften, die schließlich Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet, wenn nicht ein unsinniges Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den guten Ruf von ›Gottessegen‹ in Frage stellte.

Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der ihn noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener

Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna freundlich aufgenommen; sie bedauerte sehr, daß nicht die ganze Familie in ›Gottessegen‹ versammelt war — die Kinder waren nämlich verreist — und daß der Gast sich daher etwas langweilen werde. Der General war aber in bester Stimmung; er erzählte viel von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch und schien kein Verlangen nach anderer Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld erwartete er seinen Freund, der gerade an diesem Tage vom frühen Morgen an irgendwo auf dem Dorfe bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend nach Hause kam. Als die Freunde sich gegenüberstanden, geschah etwas sehr Seltsames: der Gast war sichtlich erschüttert, erschrocken und begann am ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen Freund nicht gleich erkannt, oder hatte er ihn erkannt, aber eine solche Veränderung an ihm wahrgenommen, daß es ihn schwindelte, oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang oder in seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, Unwahrscheinliches und Unmögliches aufgefallen — das weiß niemand! Der General taumelte einen

In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam und traurig; er schielte argwöhnisch nach allen Seiten, sagte zu allem ja und lächelte so unglücklich wie einer, der sehr unerwartet in eine ganz gewöhnliche Presse hineingeraten ist, wo er jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden kann. Er blieb noch an die acht Tage in ›Gottessegen‹ und jagte eines Morgens ganz plötzlich, ohne Gepäck und nicht ganz angekleidet, auf und davon; vor der Abreise war er wie verrückt, murmelte etwas ganz Unsinniges vor sich hin und zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstücke, die er verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach seiner Abreise tauchten alle die Gerüchte bei den Nachbarn und in der Stadt auf.

Man erklärte plötzlich, das berühmte Suchotinsche Gut sei gar nicht so hervorragend, das Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem Brande neu errichtete Teil falle von den übrigen ab; auch der Garten sei in keiner Weise bemerkenswert: er sei zwar alt und schattig, doch könne man bei einer Reise durch Rußland viele solcher Gärten sehen; an den Feldern und Wäldern sei zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus nicht einzig in ihrer Art; und was die Bauern betreffe, so seien sie gar nichts wert: verarmt und ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert, dann wieder zurückgekehrt, und wenn sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus

Einer von den guten Freunden riet Alexandra Pawlowna sogar, sich beim Gouverneur zu beschweren. Sie wollte davon aber nichts wissen: an dem ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie wolle nicht noch mehr Staub aufwirbeln. Und in der Tat: was so ein argwöhnischer Mensch in seinem argwöhnischen Gehirn nicht alles ausdenken kann!

Übrigens hörte das Gerede nach einiger Zeit ganz von selbst auf: die Leute sind doch nicht so dumm, wie sie zuweilen scheinen.

Und so blieb alles beim alten: ›Gottessegen‹ ist ein Paradies, die Familie Suchotin das Muster einer guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar ein Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.

Alexandra Pawlowna war das eigentliche Haupt des Hauses, und ihrer Begabung wurde auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung

Jeden Abend saß sie glücklich und freudestrahlend am Klavier. Ihre kräftigen Finger griffen sicher in die Tasten, und feierliche Klänge zogen durch die hohen Räume.

Wenn irgendein heimatloser Landstreicher zufällig in das erleuchtete Fenster geschaut und die zufriedene Frau am Klavier erblickt hätte, wie würde er da vor Neid vergehen! Wie würde er sein finsteres Schicksal verfluchen! Wie willig würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!

Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der jüngsten Tochter Sonja, dessen Meinung immer für maßgebend galt und in der Stadt wie auch auf allen Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra Pawlowna ›eine verführerische Brünette‹

Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder fort waren, verbrachte Alexandra Pawlowna ihre Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah ihn mit der gleichen Liebe und Zärtlichkeit an wie vor zwanzig Jahren, und er erschien ihr ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken verschwand die tiefe Furche, die sonst zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr, ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, mit ergrautem Haar und totenblassem Gesicht, starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen Augen und grinste.

»Ich kenne keine Langeweile«, wiederholte er zum tausendsten Mal; »Mir ist es immer leicht ums Herz!« Das klang so wie: ›Mir ist alles gleich, ich brauche nichts!‹ Sie hörte aber diese unheimlichen

Wie toll hätte der am Fenster lauschende Landstreicher über eine solche Szene gelacht! Vielleicht hätte er aber auch keinen Ton von sich gegeben und wäre ohnmächtig zusammengebrochen wie jener Gast, der Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs.

2

Ganz ›Gottessegen‹ rüstete sich zu einem großen Ereignis: gleich nach Weihnachten sollte die Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im vorigen Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. Der Bräutigam war der reiche Großgrundbesitzer Ramejkow.

Die Feier wurde von allen mit großer Spannung erwartet. Man erzählte sich, daß das Hochzeitsmahl besonders üppig sein werde und daß Pjotr Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet habe. ›Gottessegen‹ bekam einen feierlichen Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen Morgen zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, der besonders gut aufgelegt war, sorgte dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra Pawlowna hatte alle Vorbereitungen zu treffen

Endlich war die ganze Familie versammelt: aus Petersburg kam der älteste Sohn Mischa, Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite Tochter Sina, die dort in einem Institut erzogen wurde; und aus der Kreisstadt — die Gymnasiastin Sonja. Der feierliche Augenblick rückte heran. Die Hochzeitsfeier fiel, wie jeder zugeben mußte, ungemein lustig aus. Es gab natürlich einige seltsame Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch dem jungen Paar vor der Trauung seinen Segen gab und offenbar die Absicht hatte, dem Segen einige Ermahnungen für die Ehe folgen zu lassen, platzte er, nach einer längeren peinlichen Pause, mit einem einzigen Wort heraus, das man unmöglich wiedergeben kann; der junge Ehemann war dadurch so frappiert, daß es ihn große Mühe kostete, sich von den Knien zu erheben, und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen. Während der kirchlichen Trauung flüsterte Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen P. Iwan zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer Grube lagen, geträumt hätte. Der Geistliche kannte natürlich die böse Bedeutung dieses Traumes; er kam ihm aber im Augenblick so ungemein komisch vor, daß er mitten im Gebet in schallendes Gelächter ausbrach. Der Küster, der das Weihwasserfaß hielt, wieherte ganz ungeniert los, und mit ihm lachte das ganze Publikum: es war eher eine Narrensposse als eine Trauung.

Die Neuvermählten reisten gleich nach der Tafel nach Moskau ab, die Festlichkeiten in ›Gottessegen‹ dauerten aber fort. Die Jugend veranstaltete eine Theateraufführung und einen Maskenball. Auf dem Teich wurde eine Schlittschuhbahn und ein Eisberg eingerichtet, und die jungen Leute wetteiferten im Laufen.

Mischa Suchotin galt als hervorragender Schlittschuhläufer. Er war schlank und gelenkig und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch seine Schwester Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen, war ungemein geschickt. Hell klang ihr Lachen in den sternenklaren Januarnächten über die Eisdecke hin. Es war ein Vergnügen zu sehen, wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg hinuntersausten. Sina war anders geartet und hatte mehr Ähnlichkeit mit Lida: sie war wie diese schweigsam und etwas schüchtern, aber nicht temperamentlos.

»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«, sagten alle Onkel und Tanten und alle alten Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna näher kannten.

Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen und die Freundinnen seiner Schwester reisten ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten fort, es gefiel ihnen aber auf dem Lande so gut, daß die Abreise immer wieder verschoben wurde.

Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja zum letztenmal auf die Eisbahn hinaus. Es war

Am Abend nach der Beerdigung, als es im Hause plötzlich so leer war und alle abgespannt und schwermütig herumsaßen und herumirrten, kam plötzlich ein dringendes Telegramm von Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna sollte sofort hinreisen.

Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab.

Sina und Sonja waren in der größten Sorge, Pjotr Nikolajewitsch schien aber ganz ruhig, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Er änderte auch nichts an seiner Lebensweise und seinen Gewohnheiten. Der einzige Unterschied war der, daß er in diesen Tagen noch mehr Hühner schlachtete als sonst. Das hatte aber einen Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkältet hatte, lag krank zu Bett und brauchte besondere Diät. Und dann noch etwas — das ist aber nur eine seiner Schrullen! —, er ließ zu Mittag die riesengroße Ochsenzunge auftragen, die noch vom Hochzeitsmahl übriggeblieben war.

Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida hatte sich erhängt. Groß war der Schmerz der Familie.

Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche Familiengruft versenkt. Im Hause wurde es noch öder und einsamer. Alexandra Pawlowna schlich tagelang wie ein Schatten umher.

Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, daß sie ihre Zustimmung zu dieser Ehe gegeben hatte: sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen und gemeinen — ja, ganz gemeinen! — Menschen gekannt. Warum hatte sie Lida nicht gewarnt? Lida hätte doch sicher auf ihre Warnung gehört. Sie hätte sie leicht überzeugen können, denn sie kannte so viele häßliche und gemeine Geschichten aus Ramejkows Vorleben, über die sogar am Hochzeitstage in ihrem Hause getuschelt wurde.

Nun war es zu spät. Gewissensbisse halfen nicht. Alexandra Pawlowna schrie beinahe vor Schmerz.

Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt, doch wohl kaum aus Schmerz über die Verluste. Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die gleiche Neugier hervor wie der Tod jedes andern, ihm gänzlich fremden Menschen. Seine Abgespanntheit rührte eher von einer schlaflosen Nacht her. Lidas Leiche war in einem geschlossenen Sarge nach ›Gottessegen‹ gebracht worden; Pjotr Nikolajewitsch bestand aber darauf, daß der Deckel abgeschraubt wurde. Er enthüllte mit

So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung.

In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung ein. Die Ärzte konstatierten Typhus. Ganz ›Gottessegen‹ hielt den Atem an und wartete auf die Krisis. Und die Krisis kam. Die Ärzte traten zu einem Konsilium zusammen und erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei.

Bei den Suchotins herrschte eine strenge Hausordnung, an der die Kinder, selbst als sie erwachsen waren und in den Ferien auf Besuch nach Hause kamen, noch immer festhielten: Lida mußte ihrem Vater die Zigaretten stopfen und Sina die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt stopfte der alte Kammerdiener Michej die Zigaretten, und die Uhr im Eßzimmer stand still.

Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß ihre Krankheit die alte Hausordnung störte, und wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; sie konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: sie hatte bereits ihre Sprache verloren.

Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie Sonja durch Zeichen um einen Bleistift und ein Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben ›K‹ geschrieben hatte, entfiel der Bleistift ihrer

3

Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.

Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und zum letztenmal ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte, ängstlich gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des Glücks kein einziges Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und als sie sich von der Leiche abwandte, war sie plötzlich eine alte, gebückte Frau geworden.

»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem Alter verlieren werde?« sagte sie weinend und kopfschüttelnd vor sich hin.

Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten, daß nur sie allein schuld sei und es sonst keinen Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und wurde noch älter.

Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, sie zu trösten, sie weinte mit ihr und blickte sie mit großen Augen an — sie war vor Schreck wie gelähmt.

»Mutter, was sprichst du da?« fragte sie und erschrak vor der eigenen Stimme.

Und die Mutter erzählte ihr alles.

Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, war Alexandra Pawlowna einmal zu ihrer Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder mitgenommen. Es war das erstemal, daß sie ›Gottessegen‹ und ihren Gatten verließ. Und sie hatte gleich in der ersten Nacht einen bösen Traum: sie sah ihren Mann in einer Kirche hinter den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob er nicht erkrankt oder gar tot sei? Auch in der nächsten Nacht hatte sie einen bösen Traum: daß ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam wieder Angst um ihren Mann und beschloß, sofort heimzureisen.

»Während der Heimreise«, erzählte sie Sonja, »betete ich unaufhörlich zu Gott: Wenn schon ein Unglück geschehen soll, so laß, o Herr, ein Kind von mir sterben, oder zwei Kinder, oder sogar alle drei — Mischa, Lida und Sina —, erhalte aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie sind ja noch so klein, ihren Verlust werde ich leichter ertragen als seinen Tod. Dich nannte ich aber in meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht übers Herz bringen . . . Wie ich nach Hause komme, erfahre ich, daß bei uns eine Feuersbrunst ausgebrochen war und dein Vater todkrank darniederlag . . . Um ein Haar wäre er verbrannt . . . Also hatte der Herr mein Gebet erhört und das Haus und den Vater verschont. Ich war ganz glücklich, und wir lebten weiter, als ob nichts geschehen wäre . . . Und jetzt . . . Alles

Alexandra Pawlowna quälte sich furchtbar und ließ Sonja nicht von ihrer Seite.

Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut und unruhig: auch ihn quälte wohl ein Gedanke. Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschäftigungen nachgehen. Abends machte er noch den Versuch, den großen Schrank im Eßzimmer umzustellen; er rückte ihn von seiner alten Stelle weg, hatte aber nicht mehr die Kraft, ihn bis an die neue Stelle zu schieben. So blieb der Schrank mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem Schürhaken; doch auch mit dem Heizen wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu Zeit kam er ins Schlafzimmer, setzte sich für einen Augenblick auf den Bettrand und ging dann wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung zurücklassend.

»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .« murmelte er leise vor sich hin. Man wußte nicht, an wen er diese Worte richtete: an den alten Michej, an den Ofensetzer Kusma oder an die Wirtschafterin Darja Iwanowna, die jetzt die Hausfrau vertrat.

Erst am späten Abend beruhigte er sich, ging in sein Zimmer und legte sich schlafen. Der Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick von seiner Seite.

So unheimlich und öde wurde es im alten Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo war alles hingekommen — Friede, Lachen, Glück? Drei Särge — drei Tode ließen das warme Herdfeuer im Hause erkalten.

4

Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines Monats abgespielt hatten, wurden natürlich in der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte Gerede lebte wieder auf »Da geht es nicht mit rechten Dingen zu!« — erklärte man sofort nicht nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und dem etwas weiter entfernten Britany, sondern auch in Motowilowka und selbstverständlich auch in der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es ging los. Die ganze Geschichte von ›Gottessegen‹ und das ganze Leben der Suchotins wurden haarklein untersucht und kommentiert, alle Großmütter und Großtanten wurden zitiert, und selbst solche Ereignisse, die sich entweder gar nicht, oder jedenfalls nicht bei den Suchotins, sondern, sagen wir, bei den Muromzews zugetragen hatten, wurden erörtert. Und alle Geschichten, jeder Klatsch kam wieder ans Licht: seht nur, meine Herrschaften, urteilt selbst! Uns war ja alles schon früher bekannt!

Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich an jenen geheimnisvollen General, den Jugendfreund

Und während man Nachforschungen nach einem General Perewersew anstellte, verrichtete ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres Werk, ohne jemandem Rechenschaft darüber abzulegen; ein gnadenloser jemand näherte sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um Gericht zu halten.

Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte die Wirtschaft in Unordnung geraten; sie spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung aufrechtzuerhalten und für den Mann und die Tochter zu sorgen: für den Mann, dem zuliebe sie das große Opfer gebracht hatte, und für die Tochter — der sie jetzt ihre ganze Ruhe zu opfern bereit war.

Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem Gebet die drei älteren Kinder opferte und Sonja

Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja eben, daß sie alles opfern möchte; also auch Sonja? — diese Frage machte sie erschaudern. Sie war wie von Sinnen.

»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach ihrer Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.

Zu den quälenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz heruntergekommen und verließ sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mühe seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare klebten am Schädel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Körper zu hängen.

In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein übler, dumpfer Geruch.

Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, — ganze Generationen hausten unter den Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte verendete; der unerträgliche Geruch rührte wohl

Allen, die jetzt noch nach ›Gottessegen‹ kamen, war es klar, daß es unmöglich so weitergehen könne, daß früher oder später irgendein Ende, ganz gleich was für eines, kommen müsse. Und alle warteten gespannt auf das Ende. Drei Tage und drei Nächte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei Nächte waren aber schon abgelaufen.

Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht mit dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.

»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, berichtete später der alte Michej, »und sagte mir: ›Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!‹ — ›Gnädiger Herr‹, sage ich ihm, ›was wollen Sie mit dem Hahn um diese Stunde? Es ist ja Nacht!‹ Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit einem Auge zu, als ob er sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn brauche! — Ich ging in den Hühnerstall, suchte einen recht schönen, fetten Hahn aus und brachte ihn ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht mehr die Kraft, es

Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: »Ich erwachte mitten in der Nacht und höre einen Kater miauen. Und ich denke mir: ›Was mag das für ein Kater sein?‹ Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.«

»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«, bestätigten die anderen Hausbewohner.

Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine Erleichterung, und es war doch so ein prächtiger Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es war ihm, als ob er ersticken müßte. Er richtete sich in seinem Bett auf und keuchte:

»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!«

Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb ihn aus dem Bett und führte ihn aus dem Zimmer. Das Messer noch immer in der Hand haltend, kroch er auf allen vieren ins Schlafzimmer seiner Frau.

Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor dem Heiligenbild glimmte ein Öllämpchen. Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur Tür gewandt.

»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett herankriechend.

Sonja schlug die Augen auf und richtete sich auf. Mit Schrecken sah sie den zitternden, blutbefleckten Vater und reckte ihren Schwanenhals.

»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er und bemühte sich, vom Boden aufzustehen.

Und er richtete sich auf.

Der Schwanenhals reckte sich im Schein des Öllämpchens unter dem blitzenden Messer noch mehr. Einen Augenblick noch — und ein kirschrotes Halsband hätte den Schwan erwürgt. Pjotr Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr die Kraft. Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer entglitt seiner Hand und fiel zugleich mit der Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu Boden.

Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf den Teppich. Er begann plötzlich einzuschrumpfen. Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch sammelte sich zu dicken Falten, die sich aufblähten

Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz nackten, blinden Totenkopf; er war weiß wie Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick wurde die Tür von einem Flammenmeer aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, der besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf einen stechenden Blick zu, reckte sich zur Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd durch die Räume.

Das Haus stand in Flammen.

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