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Prinzessin Mymra

Der den Teufel rief

Alexander Eliasberg translation

1

Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde. In Krutowrag ist es nicht geheuer.

Viel Interessantes und natürlich auch viel Gruseliges erzählte man sich über das alte Haus.

Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings nicht sehr gesprächig: auch kümmert er sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta Nikolajewna und die beiden Kinder — der Gymnasiast Gorik und die Gymnasiastin Buba — lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit Genuß sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde, die alte Kinderfrau Solomowna, der Koch Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi, in der Küche beim Teetrinken gern über die gleichen Dinge sprechen; doch im Flüsterton!

Im Garten, am Sandhügel, den noch in den Tagen der Leibeigenschaft Kinder und Greise aufgeschüttet hatten, zeigte man einen kleinen schlammigen Weiher, der selbst beim stärksten Frost nur am Rande, um die kalte Quelle herum, die in seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es hieß, gar keinen Grund hatte.

Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika

Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte gewölbte Keller: ein großer, der jetzt leer war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt wurde. Aus dem leeren Keller, wo man vor Zeiten die Leibeigenen, die sich etwas zuschulden hatten kommen lassen, zu züchtigen pflegte, hörte man nachts ein Stöhnen; und im kleinen Keller, wo einst die Wersenewschen Schätze verwahrt wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand Dukaten zählte.

Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen in das Eckzimmer im Obergeschoß zu führen, aus dessen Fenster man die Landstraße sehen konnte. In diesem Zimmer standen mit altmodischen Kleidern und merkwürdigem Schuhwerk angefüllte Schränke: es war Großmutters Garderobe.

Man erzählte sich, daß Sergej Sergejewitschs Mutter, Fedossja Alexejewna, von ihrem Mann in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem Fenster gesessen habe; sie sei auch, so vor dem Fenster sitzend und auf die Straße schauend, gestorben.

Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen Zimmer und sehr unheimlich; viel unheimlicher und öder als im großen Keller, an dessen Wänden man noch die braunen Blutspritzer sehen konnte. Das Zimmer, das an Fedossja Alexejewnas Zimmer anstieß, war unbewohnt; man bewahrte die alten Spielsachen der Kinder dort auf.

Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hälften teilte, gelangte man in das geräumige Vestibül im Erdgeschoß und von da aus in einen großen Saal mit zwei übereinanderliegenden Reihen Fenster; zwischen den Fenstern, die auf die Veranda hinausgingen, standen schmale Spiegel.

In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und sie begleiteten jeden, der vorbeiging, mit ihrem schweren Spiegelblick.

Rechts folgten die innern Wohnräume, an die sich eine in späterer Zeit angebaute Küche anschloß, und links — die Paradezimmer.

Im Salon standen unter den Familienbildnissen L’hombretische, die schon manches wahnwitzige Hasardspiel gesehen hatten.

Hier erschien jede Nacht, so berichteten die Augenzeugen, Sergej Sergejewitschs Vater, Sergej Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler, der im Auslande das ganze Riesenvermögen seiner von ihm verlassenen Frau verspielt hatte; er ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch einen vergessenen Dukaten zu finden.

Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek und ins Arbeitszimmer.

Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben dem Schrank mit dem dunklen astronomischen Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch gestorben; vor seinem Tode soll er echte Teufel, das heißt Teufel ohne Schweif und Hörner, gesehen haben.

Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch etwas Sicheres darüber wissen konnte — der Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein zu sich kommen —, konnte man die Geschichte von den echten Teufeln ohne Schweif und Hörner in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln und von allen Kreaturen: von dem alten tauben Gemüsegärtner Gordej bis zu der allmächtigen Näherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige Sergej Petrowitsch pflegte nämlich alle einfachen Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.

Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu beiden Seiten eines dunklen Korridors gelegenen Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses und die beiden Keller besichtigt hatte, führte man ihn in das Speisezimmer, wo vor verhältnismäßig kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu der gleichen Zeit, als im Salon klirrendes Gold mit beiden Händen ausgestreut wurde.

Im länglichen niedern Speisezimmer fanden die Wersenewschen Gespräche und überhaupt alle Erinnerungen ihren Abschluß.

Noch manches andere Interessante und natürlich auch Gruselige erzählte man sich über das Haus.

Darum brannten in allen Zimmern bis spät in die Nacht hinein Kerzen. Das nächtliche Knistern der Parkettböden verbannte aber jeden Schlaf aus dem Hause.

Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, stützten das im Winde klirrende feste Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig zu schlafen, ohne sich um all diese Geschichten, um das Grauen, das nachts in den Zimmern herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen klebten wie die Fliegen an der Kinderfrau Solomowna, zu kümmern. Die alten Pappeln aber, die das Haus überragten, rauschten ständig, ganz gleich ob der Tag windstill oder stürmisch war.

Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit offen: jedermann kann zur beliebigen Stunde kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch; das ganze Jahr ist wie ein Geburtstag.

Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Leute aus der Stadt kommen sehr oft und sehr gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln und nicht in Paaren, sondern mit der ganzen Familie, wie in Großvaters Tagen.

Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt waren, verstanden es die Wersenews, sich mit allen gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden Gast.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! Die Nacht mit ihren Schmerzen währte ja nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was hatte auch schließlich so eine Wersenewsche Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu bedeuten?

Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, ihren Gästen Unterhaltungen und Zerstreuungen zu bieten. Sie war die Anstifterin aller lustigen Streiche und ließ auch ihren Kindern darin volle Freiheit.

Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. Man veranstaltete Liebhabervorstellungen und lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer gab es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen und zu Pferde und Bootfahrten.

Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu lustig!

Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews träumten von einem Aeroplan mit der gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten der guten alten Zeit von Amerika träumten. Hätten sie aber wirklich solch einen Aeroplan bekommen, so wäre es wohl um sie geschehen: sie wären dann in solche Höhen, in solche Wolkenmeere emporgeflogen, daß ihnen nur das eine übriggeblieben wäre: ein Ende mit Schrecken!

Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen mit viel zuviel Eifer und Leidenschaft; die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame

Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit angesteckt und waren stets mit den Kindern zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe. Ganze Tage gingen im Spiel hin.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge Geld und erforderten große Mühe und viele Arbeitshände. Manchmal nahmen sie auch ein schlechtes Ende. Aber jede vernünftige Sache kann zu einem schlechten Ende führen!

Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag aus Riga verschrieben hatte, ein arbeitsamer, zu philosophischen Betrachtungen neigender und kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen Sommer lang, statt sein Gärtnerhandwerk auszuüben — die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei zu treiben —, Abend für Abend Raketen steigen lassen. Er erlangte darin eine große Fertigkeit, aber die Blumen gingen zugrunde. Und was waren das für Blumen!

Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen kamen gar nicht billig zu stehen!

Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst ab.

In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, daß selbst die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, die scheu über dem Wersenewschen Hause flimmerten, die emporlodernden Flammen

Man könnte doch meinen, die Wersenews müßten etwas vorsichtiger werden! Wie leicht konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten sie kein größeres Vergnügen als Brennen.

Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man legte im Walde Feuer an, um Kartoffeln zu braten oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten brannten diese Feuer bis zum Morgengrauen; im Garten gab es immer Feuerwerk oder brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei ihnen kein Vergnügen; man vergaß viel eher das Abendbrot als irgendeinen qualmenden und über die ganze Gegend Funken werfenden ›Persischen Blitz‹. Den Blitz vergaß man niemals!

Die Wersenews brannten, wo man nur brennen konnte, und auch dort, wo man es gar nicht durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die Hände fiel.

Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht damit, ihre Kinder zu solchen gefährlichen Spielen zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen und war die eigentliche Rädelsführerin. Sie benahm sich bei diesen gefährlichen Unternehmungen so kindlich und schelmisch, als ob sie nicht Bubas Mutter, sondern ihre Schwester

Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig auf einem Platze sitzen: im Sommer gab es jeden Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk, im Winter Abendunterhaltungen und Besuche bei den Nachbarn. Sie machte überhaupt den Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen. Wenn man aber mit ihr sprach, so konnte man hören, daß sie das alles nur den Kindern zuliebe tat; auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen damit eine Freude machen konnte.

Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher Überzeugung und zeigte darin einen so unerschütterlichen Glauben, daß der sonst allzu auffällige schelmische Ausdruck in solchen Momenten spurlos in der Tiefe ihrer erschrockenen Augen verschwand.

Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche Gabe besaßen, jeden Unsinn mit den unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu verbreiten und so flink wie die Flöhe in die verborgensten Winkel einzudringen, selbst die bedeutendsten Spezialistinnen auf dem Gebiete des Klatsches und der Intrige, wußten mit ihr nichts anzufangen: man konnte ihr beim besten Willen nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie eine handelnde Person wäre, konstruieren.

Die Kinder waren von Natur aus schwächlich, sie wären wohl dauernd krank gewesen, wenn die

Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch ungastlich gewesen wäre; im Gegenteil: er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot einem jeden von seinen vorzüglichen Havannazigarren an, mit brasilianischem oder mit mexikanischem Deckblatt — ganz nach Wunsch! Es war aber einmal so eingeführt und konnte anscheinend gar nicht anders sein, als daß die Gäste, die so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des Hauses nach Möglichkeit mieden.

Der Grund war sehr einfach: in Wersenews Gesellschaft war es immer furchtbar langweilig.

Von außen gesehen, waren seine Erscheinung, seine Manieren und Gewohnheiten durchaus normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend; er war ein Mensch wie alle Menschen und schnaufte sogar wie mancher andere mit der Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager Adelsmarschall Turbejew, aber doch nicht so laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel

Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten in einem Satze und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wolle oder nach einem Wort suche, das präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könne, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Nachdem er den bestürzten Gesprächspartner eine Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in dem einzigen Worte zusammen:

»Teufel!«

›Teufel!‹ klang es zu allen Tages- und Nachtstunden im Hause, im Garten, im Felde, auf dem Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte.

Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft fern; es zog ihn immer zu seinen Gästen,

»Teufel!«

Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen ›Teufel‹ gewöhnt, daß es niemand mehr merkte.

Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich Jefimija Awessalomowna, die den Sergej Sergejewitsch großgezogen hatte, schlug das Kreuz und schüttelte den Kopf.

Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer von den Herrschaften gesprochen wurde, tadelten sie weder deren Verschwendungssucht noch die Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß der gnädige Herr immer den ›Teufel‹ im Munde habe.

Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte man es, wohin das führen konnte.

»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie sich den Mund bekreuzigte und den Kopf schüttelte.

Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach

»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte so eine Angewohnheit«, pflegte Solomowna zu sagen, »alle Leute nannte er ›Kreaturen‹. ›Kreatur‹, pflegte er zu sagen, ›komm einmal her!‹ Selbst den Dorfgeistlichen nannte er Kreatur. Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so groß wie die von Sergej Sergejewitsch.«

Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen langweilig wurde, kam plötzlich in die Küche oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit der Nase schnaufend, da.

Die Dienstboten sprangen erschrocken auf

Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, starrte unverwandt auf den verwilderten ›Truthahn‹, der selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß was war, und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wollte, oder nach einem Wort suchte, das präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könnte, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff.

Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in das eine Wort zusammen:

»Teufel!«

»Teufel!« — hallte es irgendwo im Korridor wider, und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen, Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern des Feuers.

Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von Krutowrag, die sich an die emporlodernden Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig auf das Wersenewsche Haus hernieder.

2

Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit hatte, den Teufel zu rufen, wußte niemand; niemand dachte auch je darüber nach.

Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte aufpassen und über sie nachdenken, so würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; außerdem riskiert man dabei, sich selber eines davon anzugewöhnen: es gibt doch recht üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew pflegt zum Beispiel an jeden Satz, den er spricht, das Wort ›gewissermaßen‹ anzuhängen, und das hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der Krutowrager Krämer Charin diese Redensart vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er beinahe an den Bettelstab. Wie sollte er auch nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir zum Beispiel die von einem Krämer am häufigsten gebrauchte Wendung: ›Das kostet soundsoviel‹; dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und bestimmt den Preis in Rubeln und Kopeken aber: ›Das kostet gewissermaßen soundsoviel‹ — klingt schon ganz anders. Oder: ›Schicken Sie es mir gewissermaßen sofort‹; ›Schicken Sie es mir sofort‹ — das versteht der größte Dummkopf, aber ›gewissermaßen sofort‹ wird auch der Gescheiteste nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews ›Teufel‹: wenn man dieser Redensart zuviel Beachtung schenkt und immer an sie denkt, so kann sie leicht an einem hängenbleiben; und wenn Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!

So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch anderwärts, die, ob sie wollten oder nicht, mit Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mußten; es waren auch gar nicht die ersten besten, sondern lauter belesene und verständige Menschen, bewanderte Archäologen und Mechaniker.

So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag P. Astriosow, der zwischen allen Dingen und Handlungen ein ›Bindeglied‹ zu konstruieren suchte, kein gewöhnliches, sondern unbedingt ein ›eisernes‹ Bindeglied.

Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar nicht zu sprechen. Sie überhörten den Wersenewschen ›Teufel‹ ganz einfach und schenkten ihm nicht die geringste Beachtung.

»Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es seine Sache! Es gibt Redensarten, die von Vornehmheit und Überhebung zeugen: so das ›Bitte zu beachten‹ des Landrats Pustoroslew; es gibt fromme Redensarten, die ekstatisch veranlagten Leuten eigen sind, wie zum Beispiel ›Herr Jesus!‹ Es kommt aber auch vor, daß vornehme Herren in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum Beispiel

So urteilten die Gleichgültigen.

Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst über seine Redensart zu befragen. Manchmal lächelte man dazu, aber niemand hatte den Mut, die Frage ganz unverblümt zu stellen. Man genierte sich einfach, eine solche Bagatelle zur Sprache zu bringen.

Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit wohl gar nicht bewußt.

Wäre er sich dieser seiner Angewohnheit bewußt gewesen, so hätte er sich doch hie und da beherrschen können. Das war aber noch niemals vorgekommen: jede Begrüßungsansprache, jeder Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar mit dem ›Teufel‹.

Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige Rede, kein einziges Gespräch und keinen einzigen Satz.

Es wäre aber immerhin interessant zu ergründen, wann und warum er sich diese dumme Redensart angewöhnt hatte!

Eines war klar: daß es hier weder das berühmte Astriosowsche ›eiserne Bindeglied‹, noch überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche

Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.

Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen Moskauer Kaufmannsfamilie mit alten Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste, Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, Schlittenfahrten im Karneval, rote Osterkerzen, Glockengeläut im Kreml, Maifeiern im Sokolniki-Wäldchen, Berichte von Pilgern, Wallfahrten nach dem Troiza-Sergius-Kloster, Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung im Vaterhaus — das war das Wiegenlied, unter dem sie aufgewachsen war, das erste rote Bändchen in ihren Zopf geflochten, das erste Feuer in ihrem verzagten Herzen und ihren weitgeöffneten Augen entzündet und ihr erstes Lächeln durch ihren ersten Kummer getrübt hatte.

Aus dem alten, frommen Moskau kam sie plötzlich in das Wersenewsche Herrenhaus, nach Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem

Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit dachte, so erhob sich vor ihm sofort wie im Nebel das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen, wie sie Tage und Nächte hindurch am Eckfenster ihres Zimmers im Obergeschoß gesessen hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war immer bei ihr. Und wenn er nachts erwachte, sah er sie oft am Fenster sitzen.

Als er größer wurde und erfuhr, daß auch er, wie die andern Kinder, einen Vater hatte und daß dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern von Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, daß seine Mutter immer den Vater erwartete und darum die Nächte aufblieb, begann auch er selbst auf den Vater zu warten.

Manchmal kamen Briefe vom Vater.

Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe die Mutter, ihm diese Briefe vorzulesen!

Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen Inhalt: anfangs war die Rede vom Geld, und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag an.

Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.

Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie weinte nicht; sie saß wieder am Fenster und blickte wieder auf die Landstraße hinaus. Aber der Knabe fühlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen den Kummer,

Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.

Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld und bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch der Vater kam nicht.

Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert war und er nicht länger warten konnte, lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine weite Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte dann plötzlich um und eilte mit zusammengekniffenen Augen dem Hause zu.

»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner Mutter mit so echter Freude und so felsenfester Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst plötzlich ein Glöckchen in der Ferne zu hören vermeinten.

Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie, umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz, wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden, ihrer schlaflosen Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht länger beherrschen, sie lachte und weinte und stieß plötzlich einen Schrei aus, der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.

Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße

Einige Wagen mit Teefässern kamen vorbei. Die Räder knirschten und übertönten alles. Der Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich der Staub, und die Straße lag leer da.

Bis zum Horizont war die Straße zu sehen, und kein Glöckchen läutete mehr. Still und leer war die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.

Von diesem Tage an begann für den Knaben ein neues Leben: Er hatte ein neues Spiel: ›Ankunft des Vaters‹.

Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.

Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem Ruf: ›Vater kommt!‹ von ihrem Platz am Fenster aufsprang und plötzlich leichenblaß wurde und zitterte. Ihn amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal unheimlicher und abgerissener klang . . .

Und wenn er so spielte, glaubte er selber daran, daß er den Vater gesehen hätte; auch seine Mutter glaubte es.

Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus . . . So lange scheint es her zu sein und ist doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! Wie schön rauschten damals die Pappeln im Garten!

›Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .‹

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen den Ansturm der Erinnerungen.

Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen zu haben. Sie starb, am Fenster sitzend und auf die Straße blickend.

Bald nach ihrem Tode kam der Vater.

Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war nicht der echte Vater, nicht der Vater, an den er soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet hatte.

Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und weinte nachts vor Angst.

Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen gehörte, nahm die Erziehung des Sohnes energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng und bestrafte ihn oft und hart, so daß dem Knaben jede Lust zu weinen verging. Er schlief jeden Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.

Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und steckte ihn ins Kadettenkorps.

Nun begann für Wersenew ein neues Leben, vielleicht die lustigste Periode seines Daseins.

Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, fühlte er sich da heimisch und nicht mehr so fremd und bedrückt wie früher.

Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: Sergej Petrowitsch erwähnte niemals ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster von ihr zu sprechen.

Das Eckzimmer im Obergeschoß mit den Kleiderschränken wurde sorgfältig im gleichen Zustand belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen war: alle ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr

So kam es, daß er niemals erfuhr, warum der Vater die Mutter verlassen hatte; in den späteren Jahren tat es ihm sogar leid, daß er es nicht wußte. Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode das Bildnis der Mutter hängen. Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum hatte er sie verlassen? Warum hatte der Vater die Mutter verlassen? Warum mußte sie soviel Leid, so viele bittere Tage und Nächte über sich ergehen lassen?

›Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .‹

»Teufel!« sagte sich Sergej Sergejewitsch, wenn er an die alten Zeiten von Krutowrag dachte.

Nachdem er das Kadettenkorps absolviert hatte, ging er nach Petersburg und wurde Offizier.

Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er Mangel an Geld: sein Vater geizte nicht und schickte ihm regelmäßig größere Summen. Der Vater war immer besorgt, daß es ihm gut ginge. Er konnte sich über nichts beklagen. Bei seinen guten Verbindungen und großen Mitteln durfte er auf eine glänzende Zukunft hoffen.

Er lebte ebenso wie die andern Offiziere:

Gleichmäßig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen, floß sein Petersburger Leben dahin.

Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende Leben hätte eigentlich in seinem Gedächtnis keine Spuren zurücklassen müssen.

Und doch hatte er eine Erinnerung.

Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gewöhnliches Erlebnis.

Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches?

Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren Jahren mehr als einmal an dieses Erlebnis zurück; er prüfte sich und saß über sich selber zu Gericht und verantwortete sich vor sich selbst.

Er hatte schon längst eingesehen, daß eine Handlung durchaus nicht besonders auffallend und außergewöhnlich zu sein braucht, um für immer im Gedächtnis haftenzubleiben; daß auch

›Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom Himmel, ein Erdbeben vernichtet eine ganze Stadt — das kann für dich schon am nächsten Tage seine ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen wie den gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes Lichtchen — ein irgendwo unter einer Brücke flackerndes Flämmchen oder die qualmende Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne, die wie eine Hopfenstange unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir für dein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.‹

Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so über sich selber zu Gericht saß und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.

Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn man es auch kann, hat man den Mut dazu?

Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind schwere Vergehen, große Sünden, die von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord läßt den Mörder vollkommen kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! Was er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm das Petersburger Erlebnis wieder in den Sinn kam.

Einer seiner Regimentskameraden hatte eine Braut. Der Offizier war von altem Adel, das Mädchen aber aus einfacher Familie und sehr arm. Die Angehörigen des Bräutigams waren gegen diese Verbindung und suchten sie auf jede Weise zu vereiteln.

Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit seines Kameraden sehr zu Herzen; er besuchte ihn oft und wünschte ihm und seiner Braut aufrichtig Glück.

Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse endlich aus dem Wege geräumt waren und

Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, an diesen Petersburger Herbstabend mit dem durchdringenden feuchten Wind und den hinter dem Schleier des feinen Regens trübe leuchtenden Straßenlaternen; an ihr Zimmer irgendwo in der Rusowskaja-Straße in der Nähe der Kasernen. Sie bat ihn, zu ihr zu kommen, um mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu sprechen. Er zweifelte nicht, daß das der wahre Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen habe; als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze Wahrheit . . .

Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das plötzlich so blaß geworden war, so entsetzlich blaß, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden pflegte, wenn er mit den Worten: ›Vater kommt!‹ zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt gekommen war.

Sie eröffnete ihm, daß sie ihn liebgewonnen hätte und nur ihn allein liebte.

Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn einen Grund gegeben, dergleichen anzunehmen? Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines Freundes stets aufmerksam behandelt und war aufrichtig bestrebt gewesen, beiden, ihr und ihm, zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte sie auch jetzt gar nicht.

Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke

Am nächsten Abend traf er sie zufällig auf der Kukuschkin-Brücke. Er hatte sich nicht geirrt: sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der ebenso unbeweglich war wie am vorigen Tag. Und etwas später hörte er etwas in das ekle schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er blickte aber nicht einmal zurück und setzte seinen Weg fort.

War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser gestoßen hatte?

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm die Geschichte wieder in den Sinn kam.

Bald nach diesem Vorfall mußte er plötzlich nach Krutowrag abreisen: sein Vater lag im Sterben.

Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb ganz allein und ließ niemanden, weder den Arzt noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den allerdringendsten Fällen durfte als einzige ›Kreatur‹ der Lakai Sinowi sein Zimmer betreten. Der

Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. Allen war es so unheimlich zumute; man hatte Angst zu sprechen und selbst zu flüstern.

Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen standen weit offen; nur die Tür des Arbeitszimmers war fest verschlossen.

Sergej Sergejewitsch kam zu einer späten Nachtstunde in Krutowrag an; er wollte den Vater nachts nicht stören und sich erst am Morgen bei ihm melden. Der Vater fühlte aber sofort, daß der Sohn gekommen war, und ließ ihn durch Sinowi rufen.

Der Alte saß in der Ecke beim Schrank mit dem alten astronomischen Globus, in einem Sessel zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert und lag anscheinend in den letzten Zügen. Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die Kehle zusammenpreßte, die Augen waren aber ganz tot und die Pupillen trübe und starr; nur der Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen scharfen Glanz.

Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich über sie; die Hand war eiskalt. Und als er sich über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die Wange zu küssen, spürte er einen unüberwindlichen Ekel und küßte die Luft.

Vater und Sohn begrüßten einander.

Der Alte küßte den Sohn: die Lippen waren eiskalt, noch kälter als die Hände.

Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich wieder zum Vater:

»Nun, wie geht es Ihnen?«

»Die Teufel kommen immer her«, zischte der Alte durch die Zähne.

»Was für Teufel? Kleine mit Schwänzchen?« versuchte der Sohn zu scherzen; er verstand es sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und zu sprechen.

»Was fällt dir ein! Echte Teufel!« zischte der Vater, und seine Pupillen wurden noch dunkler.

Wersenew erinnert sich an diese toten Augen und die starren, dunklen Pupillen mit dem scharfen, noch lebenden Rand; der scharfe, lebende Rand der Pupillen zog sich plötzlich zusammen und leuchtete wie rote Kohlenglut auf.

Er griff unwillkürlich nach seinem Säbelknauf und wich einige Schritte zurück.

Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und begann sich krampfhaft die Brust zu kratzen.

»Echte Teufel . . .« zischte der Alte, indem er sich die Brust kratzte. Plötzlich sprang er kreischend vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht auf den Teppich.

Das war also der Vater, an den er einst soviel gedacht, den er einst so sehnsüchtig erwartet hatte!

Was quälte aber den Vater? Wen sah er vor sich? Wer besuchte ihn in seiner Sterbestunde? Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz mit dem echten letzten Zucken des Gewissens,

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als er sich an den Tod seines Vaters erinnerte, des Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so sehnsüchtig erwartet hatte.

Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, zog aus Petersburg nach Krutowrag und widmete sich der Landwirtschaft. Um die gleiche Zeit heiratete er.

Warum er geheiratet hatte, wußte er selbst nicht mehr; wahrscheinlich hatte ihm Jelisaweta Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und sanft wie ein stiller Engel Gottes. Auch langweilte er sich allein in dem alten Hause.

Mit der Landwirtschaft beschäftigte er sich nur kurze Zeit. Dann versuchte er, sich in der Semstwoverwaltung zu betätigen, gab aber auch das aus irgendeinem ganz unsinnigen Grunde sehr bald auf. Allmählich zog er sich von jeder Tätigkeit zurück.

Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal der Wersenews ruhten nun auf den Schultern des tüchtigen und fleißigen Gutsverwalters, eines mürrischen Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, die es verstanden hatte, das alte Haus mit unaufhörlichem Lärm und lustigen Gästen anzufüllen.

3

Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die Schule mit Auszeichnung. Gorik kam auf die Universität und Buba auf die Frauenhochschule.

Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, war ganz besonders lustig.

Die Bauernjungen von Krutowrag, die schüchternen: Fischbein, Roßhaar und Schaufel, und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, Jeschka und Jermoschka spielten unter Goriks Anführung ›Expropriationen‹; ein Überfall, den sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die tscherkessischen Flurwächter des Generals Belojarow den Anführer um ein Haar erschossen hätten.

Raketen und persische Blitze stiegen über dem Hause auf im Garten qualmten Reisigfeuer, in der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste, und die Nächte waren stets von unheimlichem rotem Feuerschein erhellt.

Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen mußten, begann auch Jelisaweta Nikolajewna zu packen.

Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und kehrten niemals nach Krutowrag zurück.

Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann, daß sie nie wieder nach Krutowrag zurückkommen wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren würden.

Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren

Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar nichts; er wollte nichts begreifen; es war ihm zu peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu beginnen, sich das gewohnte Leben abzugewöhnen und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er konnte sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen. Die Wersenews hatten ja achtzehn Jahre zusammengelebt!

Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte aber kein einziges Wort hervor: statt aller Einwände drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln und Pfeifen, und dann folgte sein obligates ›Teufel!‹

Er konnte einfach nichts dagegen tun.

Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem man das Hautjucken, das es plagte, besprochen hat, erklärte sich mit allem einverstanden und unterschrieb alles, was man von ihm verlangte.

Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach gelöst.

Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und erschöpfenden Bericht über die Wersenewschen Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna auch in Zukunft auf dem laufenden zu halten.

In Krutowrag wurde es auf einmal leer.

Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich über die Felder von Krutowrag und lief dann

Niemand wunderte sich, niemand regte sich darüber auf; es war, als ob alle das Ereignis vorausgeahnt und nur aus Feingefühl geschwiegen hätten, ebenso wie man in Gegenwart eines Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen sich scheut.

Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow gebrauchte übrigens einen andern, nicht wiederzugebenden Ausdruck), mit dem man sich den plötzlichen Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas erklärte, beschäftigte eigentlich nur ihre ehemaligen Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen Verdachtsgründen triumphierten.

»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt ist; natürlich ist es ein Roman, obwohl niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt; aber dieser Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden sein! Wo käme denn sonst das Zerwürfnis her?«

So urteilten die Damen.

Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache eingehender abzugeben; niemand hatte Lust, seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; denn man kommt immer besser weg, wenn man sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.

Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, unruhig brauste es im Walde; auch die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag,

Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, Wersenew in seiner Einsamkeit zu besuchen.

In den ersten Tagen kamen allerdings einmal drei Damen, die mit Jelisaweta Nikolajewna befreundet waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, um, wie sie später selbst erklärten, zu riechen, welch ein Wind jetzt dort wehte.

Die Damen fielen über Wersenew her und redeten ihm die Ohren voll, so daß er nicht einmal die Möglichkeit hatte, seinen ›Teufel‹ loszulassen.

Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste hinausbegleitete, ihnen klipp und klar erklärte, daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen Herrn nicht hätte vertragen können und daß sie nur aus diesem einen Grunde abgereist sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und hielten hartnäckig an ihrer Ansicht, daß auch ein Auserwählter des Herzens mit im Spiele sein müsse, fest.

Bald darauf ließ General Belojarow, als er bei einer der drei Damen anläßlich einer Geburtstagsfeier zu Besuch war, den bekannten pittoresken, doch nicht wiederzugebenden Ausdruck fallen. Er fügte übrigens beschwichtigend hinzu:

»Alles hat sein Gewicht und Maß.«

Damit war die Sache erledigt.

Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew

Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet, sprach aber während des ganzen Abends kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen und führte verschiedene Beispiele seiner sprichwörtlich gewordenen Vergeßlichkeit an.

Die Geschichte von seiner Auslandsreise in wichtiger amtlicher Mission erzählte er sogar zweimal: einmal vor und einmal nach dem Abendessen.

Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte mehr als einmal gehört. Das Ministerium schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck nach Frankreich: er reiste aber aus Frankreich nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus Italien nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld schicken, verbrauchte eine Riesensumme, besann sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner Reise erst dann, als er nach Rußland zurückgekehrt war.

»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!« sagte Pustoroslew, indem er sein obligates ›gewissermaßen‹ bedeutungsvoll dehnte und mit seinen farblosen Augen, die keine Wimpern hatten und blind zu sein schienen, zwinkerte; er spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an.

Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum Tee.

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über diesen Gast.

Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer sehr lange am Teetisch. Er sprach von furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl er sich zum tausendsten Male das Versprechen gegeben hatte, von seiner gefährlichen Angewohnheit zu lassen, immer wieder in seinem ›gewissermaßen‹ stecken, während Sergej Sergejewitsch den bestürzten Gast anstarrte, ab und zu mit der Hand winkte und seine Gedanken in dem Wort ›Teufel‹ zusammenfaßte.

»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite Natur!« stammelte Charin. Er war ganz rot geworden, in Schweiß gebadet und so aufgeregt, daß er kaum die Tür finden konnte.

Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer hoffte, das ›eiserne Bindeglied‹ zwischen den Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu Wersenew.

P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern war, verlor, sobald er mit Sergej Sergejewitsch unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine der berühmten Zigarren, an denen er allmählich Geschmack gefunden hatte, und parierte den Wersenewschen ›Teufel‹ mit seinem ›Bindeglied‹, das ihm wirksamer als das Zeichen des Kreuzes schien.

»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow,

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über den Geistlichen.

Sonst war er aber tagelang allein.

Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche zu besuchen; selbst während des Gottesdienstes konnte er sich seiner Redensart nicht mehr enthalten, was bei den Betenden großes Ärgernis hervorrief. Einmal führte es sogar zu einem unliebsamen Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin, versuchte während eines Festgottesdienstes an Kaisers Geburtstag den ›Freimaurer‹ zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.

In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit der Zigarre im Munde, irrte Wersenew tagelang durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen und den grün angelaufenen grauen Schnurrbart.

Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. Was sollte er tun? Doch nicht mit den Kinderspielsachen spielen! Er hatte sich so sehr an den ewigen Lärm und die lustigen Gäste, an seine Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn Jahre hatten ja die Wersenews zusammen gelebt!

Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und zählte die Krähen, die über den nackten Linden

»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen durch das leere Haus.

Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster einsetzte, dichtete man auch die Balkontür mit Werg und Kitt ab.

Nun kamen die dunklen Wintertage und die langen Winternächte.

Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, leer wie in einem großen Keller.

Wenn er doch wenigstens ruhige Träume hätte.

Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch Wersenew, Hauptmann a. D., siebenundvierzig Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche als ein böses, rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine Art Tausendschwanz, über eine Wiese und klammere sich mit den Beinen an den Grashalmen

Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow. Dieser gab die kurze Deutung: »Das bedeutet, daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej Sergejewitsch lächelte.

»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles nicht echt wäre.«

Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum dem Lakai Sinowi zu erzählen; er blieb aber mitten im Satze stecken und zischte wie der selige Sergej Petrowitsch durch die Zähne:

»Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel!« Und er brach in Tränen aus.

Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:

»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager sterben könnte, Pjotr!«

Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.

Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und ohne Gäste an trüben Wintertagen nicht langweilen?

»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete Solomowna dem P. Astriosow, als er um die Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. »Früher hatte er vor nichts Angst, jetzt kommt er aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, als ob jemand neben ihm stünde. Auch wartet er immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick Gäste kommen werden! Oder er sitzt da und weint.«

Nach Neujahr beichtete Solomowna dem Geistlichen, daß sie böse Träume gehabt habe: in der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen Zauber getrieben, und darum wären ihr die bösen Träume gekommen.

Träume, die man in der Christwoche hat, sind immer prophetisch.

Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es ist aber nicht gut, wenn man im Traume den Boden aufwischt. Bald träumte ihr von einer Feuersbrunst: das Haus brennt, man hat schon alle Balken und Bretter herausgebrochen und nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber nichts zu sehen.

»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen,

Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der Neujahrsnacht.

Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und aus der Balkontür träte ihr der selige Sergej Petrowitsch entgegen; er war nicht allein, sondern befand sich in Begleitung eines uralten Mannes; sie hätten die Balkontür hinter sich fest zugeschlossen und wären geradeaus ins Arbeitszimmer gegangen, sich wie Blinde an den Wänden entlangtastend.

P. Astriosow hatte aber für die Träume der Kinderfrau wenig Interesse: sein eigener Neujahrstraum saß ihm noch im Nacken.

P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste war schon Küster, und das jüngste ein Säugling. Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste war ein Säugling und lag in den Windeln, und der jüngste war Küster und hatte einen langen Bart.

»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche, indem er von Solomowna den Sack mit den Neujahrsgeschenken entgegennahm.

In den Feiertagen war es gar nicht lustig.

Auch in der Küche herrschte eine gedrückte Stimmung. Man sprach im Flüsterton, als ob ein Schwerkranker im Hause wäre.

Es war noch immer die alte Gesellschaft: der alte Koch Prokofi Konstantinowitsch, der Kutscher Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna,

Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, sprachen von allen Wersenewschen Angelegenheiten und äußerten Bedenken wegen des gnädigen Herrn, mit dem es doch früher oder später ein schlimmes Ende nehmen werde.

»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie bekreuzigte sich den Mund und schüttelte den Kopf.

Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend durch die Zimmer gewandert war, kam plötzlich in die Küche und blieb, schwer mit der Nase schnaufend, vor den bestürzten Dienstboten stehen. Er starrte auf den verwilderten Truthahn und verzog das Gesicht, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Dann winkte er mit der Hand ab und sagte:

»Teufel!«

»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort flog auch in

Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter. Am Vorabend des Dreikönigstages fing es wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher im Garten wurde gelb.

Es war wie der Hauch des Frühlings.

Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig zum Fenster hinaus. Er machte auch die Balkontür auf, stand lange in der offenen Tür und horchte hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen Augenblick ruhig sitzen und irrte von Zimmer zu Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern Licht machte, wurde er noch unruhiger.

Draußen taute der Schnee, und die Tropfen prasselten von den Bäumen auf das Dach wie ein Herbstregen gegen die Fensterscheiben.

Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. Eine Zeitlang hörte man nichts von ihm.

Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, flüsterte Gebete und malte Kreidekreuze über die Fenster und Türen.

Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer und blickte hinaus.

Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße; er sah nur die nackten Baumäste vor dem Fenster im Winde beben.

Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte, ohne an etwas zu denken, zum Fenster hinaus.

Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein

Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert vor: an der Stelle, wo der Spiegel hing, gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und sie schloß sich sofort hinter ihm.

Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den Mosaikboden aus weißen und roten Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.

Er ging durch den Korridor und wußte, daß er ihn zu Ende gehen müsse. Und als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer zweiten Tür. Er machte auch diese Tür auf. Dann kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die andere: wenn er die eine öffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so immer weiterging und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte ihm das Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich umschauen müsse, daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken; es war ihm, als ob ihn jemand führte und ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße.

Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und schimpfend, die letzte Tür aufmachte — er glaubte, daß es die letzte Tür sei —, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob man ihn mit irgendeinem spitzen Gegenstand in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen sah er, wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend und wie von einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber umgekehrt: die Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind erfaßt, ihnen entgegen . . .

»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und Fenster«, berichtete später Solomowna, »als mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar sei gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag zu holen. Wie ich in die Küche hinausgehe, höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür zuschlägt. Und da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja unruhige Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann höre ich die Tür noch einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch: ›Prokofi Konstantinowitsch‹, sage ich, ›hören Sie es?‹ — ›Ich höre‹, sagt er, ›wie der Wind die Tür zuschlägt.‹ Und kaum hat er das gesagt, als die Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte es! Ich renne in den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und ich rufe Sinowi: ›Wo ist der Herr?‹ Der Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind weht so stark

Am Morgen des Dreikönigstages fand man Wersenew im Weiher: die Fußspuren führten von der Balkontür direkt dorthin.

Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm eingesunken, und während der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen. So war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee, erfroren.

Natürlich wurde sehr viel darüber geredet; ganz Krutowrag war in Aufruhr. Aber vom Gerede wird man ja nicht satt!

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