Platonisch.
Reading edition
»Sie lassen sich also nicht von mir lieben, kleine Eigensinnige?«
Sie streifte die weichen dänischen Handschuhe noch ein wenig über den Ellenbogen und schaute mit suchendem Blick auf den Requisitentisch.
»O ja, aber –«
»Aber?«
»Platonisch.« – Er lachte aufdringlich. Die Coulissenelegance seiner Haltung für einen Augenblick vergessend, steckte er die Hände in die Hosentaschen.
»Platonisch? Das ist ein weiter Begriff. Was verstehen Sie darunter?«
Die schmalen abfallenden Schultern des jungen Mädchens schienen noch tiefer zu sinken. Sie musterte mit melancholischer Bosheit die von der Schminke stark porös gewordene dunkle Gesichtshaut des Bonvivant.
»Etwas, was Sie nicht verstehen. Stumme Liebe.«
Der Schauspieler brach in ein rohes schmetterndes Gelächter aus und warf wie im Uebermaße der Lustigkeit seine Rolle zu Boden.
»Teufel noch einmal! Sie verlangen hübsch viel –«.
»Weil ich nichts verlange.«
Der Inspizient eilte erschrocken herbei. »Aber meine Herrschaften! So laut! Eben hat der Regisseur geklingelt. Uebrigens kommen Sie in der nächsten Scene, Herr Possanski. Und Sie auch, Fräulein!« Der Schauspieler hob die schmutzige stark zerlesene Rolle wieder auf, ohne den Staub abzuklopfen. Seiner Kollegin noch ein liebenswürdiges Lächeln und einen bösen Blick zuwerfend ging er nach dem Vordergrunde der Bühne.
»Kröte!« murmelte er vor sich hin. Die junge Dame war zurückgeblieben.
»Ich habe keine Requisiten,« wandte sie sich an den in seinem Buche blätternden Inspizienten. »Ich kann doch nicht selbst in die Requisitenkammer gehen.«
Der Inspizient sah sich um. »Wo sind denn all' die Kerls.... Aha, Klaus!«
Der baumlange Theaterarbeiter ließ die Versatzstücke stehen. Schon eine ganze Weile hatte er sie geräuschlos aus dem Wege geräumt, ohne in dem trügerischen Dämmer von Gas- und Taglicht bemerkt zu werden.
»Verlangen Sie in der Requisitenkammer einen Brief und eine Zeichenmappe. Aber rasch.«
Die anmutig herbe Stimme der Schauspielerin fügte hinzu: »Ich bitte.«
Ich bitte! Wie zwei kleine silberne Perlen fielen diese Worte in die großen abstehenden Ohren des ungeschlachten Burschen, und diese Ohren hatten vorher schon einiges aufgefangen von »platonisch« und »stummer Liebe«.
Der schweigsame Theaterarbeiter hatte das Gespräch wohl gehört. Für gewöhnlich besaß er gar keine Beobachtungskraft. Wenn nur die Kleine nicht gewesen wäre. Anfangs hatte er sie gar nicht bemerkt. Sie war ja so sehr klein; gegen ihn. Er hatte über sie hinweggesehen wie der gemalte Mont Blanc im Manfred über die cachierten Felsstücke zu seinen Füßen. Aber gehört hatte er sie. Diese eigentümlich regungslose Stimme, die immer so unendlich viel zu verbergen schien. Er glaubte sie zu sehen, wenn er die Augen schloß, glaubte eine weite sonnenbeschienene Haide zu sehen. Das war seine Heimat. Von dorther hatte er die riesigen Glieder mitgebracht, gelbe Haare und tote tagklare Augen. Aber jene Stimme hatte sie lebendig gemacht. Er fing an, zu sehen. Das kleine Geschöpf mit dem weichen blassen Gesicht. Während der Proben machte er sich in ihrer Nähe etwas zu schaffen. Er schleppte die schwersten Dekorationsstücke zehnmal allein hin und her, nur um vom Theatermeister an keine andere Arbeit geschickt zu werden. Auf der letzten Galerie des Schnürbodens oder im dritten Versenkungsstockwerk horchte er mit Anstrengung auf ihre Stimme, auf ihre kleinen ruhigen Schritte. Die eintönige Musik derselben verfolgte ihn den ganzen Tag.
Abends bemächtigte sich seiner eine schwerfällige Unruhe, bis sie aus der Garderobe kam. Das sammtartige Weiß und Rot der Schminke, die feinen schwarzen Striche an Brauen und Wimpern machten ihr Gesicht lebhafter, leuchtender. Seine kritiklose Bewunderung fand sie so am schönsten. Er hatte sich ihre Photographie gekauft; ein schlechtes Bild in der beliebten Tischkantenposition. Das übermäßig retouchierte Gesicht lächelte wie die Vignette eines Cigarrenkastens. Wenn der Arbeiter spät Abends nach Hause kam, war es seine liebste Beschäftigung, bei einem qualmenden Lichtstümpfchen den Platz des Bildes hundertmal zu verändern. Im geleimten Muschelrahmen aus dem Fünfzig-Pfennig-Bazar sah es mit hochmütiger Gewöhnlichkeit auf die rauhen, zersprungenen Zimmerwände.
Morgens wickelte er es in einen blauen Papierbogen. In großen schwerfälligen Buchstaben war ein Wort darauf gemalt. Das einmal gehörte und halb verstandene Wort mit dem fremdartigen Klang. Es hatte in seinem Gedächtnis Wurzel gefaßt wie die Haideblüten im rauhen dunklen Boden seiner Heimat. Farb- und duftlos, aber mit hundert zähen kleinen Wurzeln, mit schmerzlicher Eigensinnigkeit. Dieselbe Eigensinnigkeit machte den langen Haideburschen verschlossen und einsilbig. Er lebte ganz in der Phantasie, ohne Phantasie zu haben. Im Theater verspotteten die andern Arbeiter seine Dummheit und beneideten seine Kraft. Die Schauspieler ärgerten sich heimlich über die unbewußte stolze Unverdorbenheit seines Wesens. Den Vorgesetzten war er nicht höflich und diensteifrig genug. Alle nannten ihn den Haidelümmel. Er wußte es nicht. Es hätte ihn auch wenig gekümmert. Aber seine Augen waren dunkler geworden und sein Schritt schwerer.
Es war eine Woche vor Weihnachten. Eine großartige Feerie sollte als Festvorstellung am fünfundzwanzigsten Dezember zum ersten Mal gegeben werden. Dornröschen. Nach den Vorstellungen mußte oft bis vier Uhr Morgens gearbeitet werden, um die neuen Dekorationen und Maschinerien fertig zu stellen. Die doppelt bezahlte Nachtarbeit ging schwerfällig und langsam von statten. Die übermüdeten Arbeiter schwatzten viel und tranken noch mehr, um sich wach zu erhalten. Beleuchtungseffekte sollten probiert werden. Zwei Arbeiter setzten neue farbige Gläser vor die Rampe. Die gähnende Unterhaltung klang abgebrochen ins zweite Versenkungsstockwerk hinab, wo Klaus unter Aufsicht des Maschinenmeisters ein Netzwerk von eisernen Stangen anbrachte.
»Warum geht sie denn Neujahr?«
»Wer's wüßte! Sie hat ihre Entlassung verlangt. Ich denk' mir, der Schwarze setzt ihr stark zu. Das ist ihre letzte Rolle. Dornröschen.«
Im Versenkungsstockwerk krachte etwas zu Boden. Die Erschütterung war so stark, daß den Händen des älteren Arbeiters eine rote Glastafel entfiel. Sie zersplitterte in tausend Stücke.
»Was ist denn los?« schrie er zornig hinunter.
»Nichts, nichts,« tönte es zurück.
Nach einigen Minuten kam der Maschinenmeister herauf. »Aergerlich! Der Klaus muß sich überarbeitet haben. Er scheint krank. Ich muß ihn fortschicken. Kommt ihr beide hinunter.«
Er war wirklich krank. Sie geht fort. Diese drei Worte hatten ihn aus dem dämmernden Zustand, in dem er dahinlebte, herausgerissen. Sie geht fort. Eine stille traurige Wut ließ ihn ruhelos in seinem Zimmer auf und ab rennen bis es dämmerte. Er wurde so müde. Ein innerliches Weinen durchschütterte ihn. Aber seine Augen blieben trocken. Ohne eine Minute geruht zu haben, ging er morgens ins Theater. Es war die erste Probe von Dornröschen. Sie ging in ihrer lautlosen verschleierten Weise an ihm vorüber. Einen Augenblick hätte er sie am liebsten vor Zorn geschlagen. Dann versank die rohe Gewaltsamkeit seiner Natur in dem stärkeren Gefühl eines großen Leids. Sie geht fort. Sie geht fort.
»Ich gehe auch fort,« sagte er, spät abends in seine Kammer zurückkehrend. »Auf den Haidhof. Da ist's still.«
Er sah sie jetzt täglich. Auf den Proben. Er hörte, wie die Kollegen ihr jedesmal auf's neue ihr unendliches Bedauern über ihren Fortgang ausdrückten. Mit einem Aufwand von Herzlichkeit, dem man die Lüge anmerken mußte, wäre er auch weniger bühnenhaft gewesen.
»Lassen Sie sich an dem Abend nur ja einen Heuwagen kommen, sonst können Sie all' die Blumen und Kränze nicht fortschaffen,« sagte mit schiefgezogenen Mundwinkeln der Bonvivant. Die lächelnde Impertinenz seines Gesichts zeigte nur zu deutlich, daß er mindestens die Hälfte dieser Blumen und Kränze auf selbstgekauft taxiere. Und mit einem Wiederschein dieser Impertinenz, der sich je nach dem Rollenfach naiv oder intriguant äußerte, stimmten die Uebrigen bei. »Ja, die Blumen und Kränze!«
Während der Mittagspause überzählte Klaus sein Geld. Sie soll auch von mir einen Kranz haben. Den allerschönsten. Er hatte die grünen Dinger nach den Aktschlüssen oft auf die Bühne fliegen sehen, wenn die Leute im Zuschauerraum so erschrecklichen Lärm machten. Er hatte nie begriffen, was an diesen farbentoten Blätterkränzen schön sein sollte. Sie vertrockneten in wenigen Tagen. Dann mußte man sie fortwerfen. Sein Kranz sollte ganz anders werden. Groß, ungeheuer groß. Er wollte ihn selbst binden. Als Knabe hatte er beim Einzug der Gutsherrschaft an den langen Blumenketten mitgeholfen, die über der Schloßthür befestigt wurden. Er erinnerte sich noch an die bunten Schleifen, die zwischenhinein geflochten waren. So wollte er's auch machen.
Erst kaufte er bei einem Faßbinder einen elastischen Holzreifen. Groß wie ein Wagenrad. In einem Eisenmagazin Draht und eine feine Zange. Mit Herzklopfen öffnete er zuletzt die spiegelnde Glasthüre eines großen Geschäfts. Lauter ausgezeichnete Ware zu fabelhaft billigen Preisen. Eine blondgefärbte Ladnerin mit großen Nasenlöchern und falschen Korallenohrringen fragte ihn, was er wünsche. Blumen. Sie brachte mehrere Kartons herbei. Moderne Ballgarnituren in fahlen Farben und raffinierten Zusammenstellungen. Er schüttelte den Kopf. So nicht. So welche zum Kranz binden. Die Ladnerin sah ihn an. Es mochte ihr wohl einfallen, daß dieser blöde Riese im schmutzigen Leinwandkittel keine mit Glastropfen übersäten Ballgarnituren kaufen werde. Mit einem leichten verächtlichen Achselzucken, soweit es die übermäßig spannende Trikottaille gestattete, trug sie andere Kasten herbei. Das war das Richtige. Haufenweis zusammengebundene Papierblumen in schreienden Farben. Lauter naturgeschichtliche Unmöglichkeiten. Daneben glänzende, grünlackierte Blätter mit langen Drahtstielen und starkem Leimgeruch. Er wählte sich einen Berg von Blumen und Blättern aus. Zuletzt forderte er farbige Bänder. Die Ladnerin, jetzt mit dem Geschmack des Käufers schon besser vertraut, legte ihm ordinäres raschelndes Knitterband vor. Blau, rot, gelb, grün. Er ließ sich von jeder Farbe mehrere Meter abschneiden. Die Ladnerin sah ihm mit einem gemeinen prüfenden Blick nach, als er das Geschäft verließ, das große Packet vorsichtig im Arm haltend.
Am Weihnachtsabend band er den Kranz. Es war eine schwere Arbeit für seine harten großen Finger. Viele Papierblumen wurden zerdrückt oder zerrissen. Der fertige Kranz war von einer ungeheuerlichen Größe und Unregelmäßigkeit. Zwölf Schleifen mit lang flatternden Enden prangten in der Runde. Nach vielem Ueberlegen befestigte er rückwärts eine steife weiße Karte. Mit unendlicher Mühe hatte er wenige ungelenke Buchstaben darauf gemalt. Das Ganze ein Werk lächerlicher Geschmacklosigkeit. Er wußte es nicht. Mit dunkelglänzenden Augen betrachtete er den Kranz wieder und wieder. Sein wirkliches Leid verschwand in der naiven Selbstbefriedigung. Er dachte nicht mehr daran, daß sie fortgehe, sondern nur, daß sie sich mit diesem Kranze freuen würde. Er war getröstet.
Am nächsten Tag holte er seine Sonntagskleider hervor. Er wusch und kämmte sich so sauber, wie er's nur einmal in seinem Leben gethan hatte. Bei dem Begräbnis seines Vaters. Um vier Uhr nachmittags ging er ins Theater. Den Kranz trug er in ein großes Tuch eingeschlagen. Es dunkelte bereits stark. Er war froh darüber. Beim Portier gab er den Kranz ab. Erst ganz zum Schluß sollte er geworfen werden. Ein Herr habe ihn damit beauftragt. Er log zum ersten Mal. Er war feuerrot, stotterte und hätte in seiner Verwirrung beinahe vergessen, dem Portier den bereitgehaltenen Thaler zu geben.
Auf der Bühne lärmten die Arbeiter. Hinauf und hinunter schallten durch's Sprachrohr die Kommandorufe der Maschinisten. Der Theatermeister prüfte noch einmal die verschiedenen Versenkungen und las die im Buch des Inspizienten notierten Klingelzeichen nach. Der Abend war für ihn von großer Bedeutung. Er hatte eine ganz neue Mechanik erfunden, um die Dornenhecke aus der Erde wachsen und sie wieder versinken zu lassen. Aus dem farbduftigen Feenmärchen war eine geschminkte Feerie geworden. In acht Bildern, mit einem ungeheuern Aufwand von Farben und Beleuchtung, und eben darum ohne Duft und Licht. Dornröschen selbst kam erst im dritten Bilde. In den ersten beiden wurde ihre Geburt und Verwünschung mit Dekorationseffekten, Ballet und Musik gefeiert. Nachdem der Vorhang zum zweiten Male gefallen und das prächtige Königsschloß aufgestellt war, erschien Dornröschen auf der Bühne.
Alles drängte sich um sie. Die überschlanke Gestalt im Schleppkleid aus lichtrosigem Atlas, mit silbernem Gürtel geschürzt, einen schmalen Heckenrosenzweig wie ein Krönlein durch's Haar geflochten. Das fiel wie ein goldseidener Mantel über die Schultern bis hinab auf die Schleppe. Das Licht versank in der weichen glänzenden Fülle. Es war eine echte Märchenkönigstochter.
Sie stand in der Seitencoulisse und wartete auf ihr Stichwort. Ein wenig bleich und erregt, fröstelnd im scharfen Bühnenzug. Der Inspizient trat an sie heran. »Gleich, Fräulein.« Sie wendete sich zu Klaus, der dicht neben ihr stand. »Bitte, wollen Sie mir das Taschentuch halten, bis ich wiederkomme?« Er hatte keine Zeit, Ja oder Nein zu sagen. Das feine weiche Ding lag schon in seiner Hand, und Dornröschen trat aus dem Halbdunkel der Coulisse in den blendenden Bühnentag hinaus. Klaus hörte nichts von dem lärmenden Beifallsgetön, mit dem sie empfangen wurde. Er sah nicht, wie viele Kränze und Blumen zu ihren kleinen rosa beschuhten Füßen niederflogen. Er betrachtete nur das winzige weiße Spitzentüchlein. Er fühlte es nicht auf seiner hartgearbeiteten Hand. Der leiseste Hauch konnte es fortwehen und dennoch wagte er nicht, es fest zu fassen. Er hätte es zerdrücken können. Das machte seine Freude ängstlich. Er blickte nicht auf die Bühne, wo Dornröschen arme Kinder mit ihren Perlen und Edelsteinen beschenkte. Er atmete erst wieder auf, als sie in die Coulisse abging und das Tuch mit einem »Danke« entgegennahm. Jetzt besann er sich, daß er eigentlich zusehen wollte. Aber ein Schwarm von Kindern, Balleteusen und müßigen Zuschauern drängte ihn aus der Coulisse fort. Der Theatermeister rief ihn in die Versenkung. Mühselig kletterte er die dunkle gewundene Treppe hinunter. Die andern Arbeiter in ihren schmutzgetränkten Leinwandkitteln lachten über seinen Sonntagsrock. Zum ersten Mal ekelten ihn die vom Coulissenstaub fahlgrauen Gesichter. Er horchte nach oben. Wie ein unendliches jubelndes Lachen tönte es herunter: »Prinzeß Dornröschen spinnt, kann spinnen, spinnen.« Gleichzeitig das erste Klingelzeichen. Die Arbeiter packten die eisernen Hebel fester. Man hörte die gemachten Entsetzensrufe der Choristen, bis ein kleiner müder gebrochener Schrei mitten hinein klang. Die Königstochter hatte sich mit der verwunschenen Spindel gestochen. Dann wurde es still, totenstill. Ein zweites Klingelzeichen, und langsam durch die Kraft vieler schwer arbeitender Hände stieg die Dornhecke aus dem Boden vor den Augen der Zuschauer bis in den gemalten Himmel hineinwachsend.
Nun durfte Klaus wieder auf die Bühne. Er sah, wie das schlafende Dornröschen auf der Marmorbank in üblicher elektrischer Beleuchtung dem blausammtnen Prinzen als Traumbild erschien. Er sah, wie die Dornhecke zu blühen begann und der Theaterprinz sich in herrlicher Tapferkeit einen Weg durch die leinwandnen Dornen bahnte. Er sah, wie er mit dem erlösten Dornröschen auf goldenem Thron bis in die Soffiten hinaufschwebte, von bengalischen Flammen rot und grün beleuchtet, begleitet vom rasenden Klatschen des Publikums.
Der Applaus wurde auf jähe Weise unterbrochen. Es polterte etwas wie ein eisernes Gewicht auf die Bühne. Durch den Zuschauerraum ging ein schallendes Gelächter. Der Regisseur stürzte aus der ersten Coulisse an die elektrische Klingel: »Vorhang herunter!« Der Vorhang fiel. Alles rannte auf die Bühne. Klaus mit. Da lag sein Kranz.
Dornröschen war von ihrem Thron heruntergestiegen. Mit weißen starren Lippen betrachtete sie das Ungetüm. Die Meisten lachten. Die Damen trugen eine übermäßige Entrüstung zur Schau. Es sei unerhört, jemandem auf solche Weise den Abend zu verderben, ihn vor dem ganzen Publikum zu blamieren. Der Bonvivant hob den Kranz ein wenig in die Höhe. »Da ist ja auch ein Zettel. Ah – ah – ah!« Er schüttelte sich vor Lachen. »Meine Herrschaften lesen Sie doch: ›Blathonisch‹!« Ein tief verächtlicher Blick aus den schlafdunkeln Dornröschenaugen traf ihn. Sie wandte ihm den Rücken und ging. Zwei Kolleginnen folgten ihr, mit einander flüsternd. »Du, was glaubst Du, von wem der Kranz ist? Von dem Schwarzen?« »Pst! Freilich«.
Armer Klaus! Er war allein auf der verdunkelten leergeräumten Bühne. Nur der phantastische, goldene Thron stand noch in der Mitte und die Coulissen zeigten die Bruchstücke der Dornhecke. Ganz im Hintergrund schliefen auf Holzbänken die Feuerwehrmänner. Die Schauspielerinnen kamen aus der Damengarderobe. Sie mußten über die Bühne gehen, um durch den Korridor zur Ausgangstreppe zu gelangen. Jetzt waren alle fort. Sie war die letzte. Sie ging gewöhnlich durch die vordere Bühnenthür. Da wartete er, an die große Donnerpauke gelehnt. Sie kam. In einen grauen Radmantel mit großem Pelztragen eingewickelt, das Köpfchen in einem weißen Tuch versteckt. Sie ging rasch und geradeaus blickend, so daß sie ihn nicht bemerkte, obwohl er eben unter der herabgeschraubten Gasflamme stand. Er mußte sie anreden. »Fräulein.« Sie wandte sich um, erstaunt, aber nicht erschrocken. »Wer ist ...? Was wollen Sie?« Er schwieg. In seinem Leben war ihm das Weinen nicht so nahe gewesen. Sie wartete einen Augenblick auf Antwort. Dann zog sie mit einer kleinen ungeduldigen Bewegung den Mantel fester um sich. Das brachte ihn zum Reden. Stotternd, halb erstickt klemmte es sich zwischen seinen Lippen hervor: »Der Kranz.« Mit einer tiefinnerlichen Heftigkeit trat sie rasch auf ihn zu. »Sie wissen, von wem er ist?«
Er sah in ihre heißen zorntraurigen Augen und das Bekenntnis seiner Schuld stürzte in wirrem Durcheinander aus seiner Seele hervor. Er wußte nicht mehr, was er sprach. Es war eine Wohlthat, eine Buße, sich anzuklagen. Und doch hätte er sich nicht besser verteidigen können. Das schienen die zwei Augen ihm gegenüber auch zu glauben. Sie waren wieder still und klar geworden. Als er schwieg und die große Erregung noch wie eine rote Welle auf seiner Stirn auf- und abwogte, reichte sie ihm die Hand. »Wenn ich all' dies früher gewußt hätte, würde ich mich nicht gekränkt haben. Ihr Kranz ist mir jetzt der liebste von allen.« Er sah sie traurig ungläubig an. Es war ganz still geworden. Sie wußten nichts zu sagen und doch hätte keines gehen mögen. Endlich fragte sie: »Könnte ich Ihnen gar keinen Gefallen thun? Haben Sie keinen Wunsch?« Er schüttelte den Kopf und blickte sie unverwandt an. Es wurde immer stiller. War auf der totengrauen Bühne ein Märchenhauch zurückgeblieben, der einen unfühlbaren Zauber ausübte?
Sie hob sich ein wenig auf die Zehen. »Wie groß Sie sind«, sagte sie mit einem bewundernden Kinderlächeln. »Bitte, bücken Sie sich ein wenig – noch ein wenig – so ....«
Ueber die steinerne Treppe hastete ein kleiner herzklopfender Schritt hinunter. Wie er lauschte, der arme Glückliche, mit geschlossenen Augen, unbeweglich. Dornröschen hatte ihn geküßt. Das Licht huschte wie mit Elfenfüßen über den einsamen goldenen Thron. Dicht vor ihm lag eine zertretene blaue Papierblume ... platonisch.