In der Mauernstraße.
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Armer Junge! Er saß auf der ausgetretenen Schwelle und weinte große stille Thränen. Sie hatten seine Mutter begraben und ihn aus der kleinen sauberen Dachstubenwohnung fortgeführt. Zu entfernten Verwandten. Die wollten für ihn sorgen. Was sie eben sorgen nannten. Sie waren sehr arm. Er konnte mit ihnen hungern.
Seine Mutter war auch arm gewesen. Aber sie hatte ihn nicht hungern lassen. Sie hatte sehr viel gearbeitet und sehr wenig gegessen, um ihr blasses verkrüppeltes Kind mit einem Schimmer von Wohlbehagen zu umgeben. Früh morgens saß sie an ihrem zerbrochenen alten Nähtischchen und stickte mit feinem Leinenfaden Blumen und Arabesken in durchsichtige Batisttücher. Die schickte man ihr aus dem großen Weißwaarengeschäft. Das Geschäft war berühmt wegen seiner billigen Preise. Darum wurde die arme Stickerin sehr schlecht bezahlt. Abends, wenn ihre Augen zu brennen anfingen, nahm sie ihr stilles geduldiges Kind auf den Schooß. Sie erzählte ihm von seinem Vater. Der war Lehrer an der Antonyschule gewesen. So brav und so gescheit. Und so stolz. Er hatte nie eine Unterstützung angenommen. Er hatte gearbeitet – bis er sich zu Tode gearbeitet. Seine Frau dachte wie er. Am letzten Weihnachtsabend war die Versuchung freilich groß gewesen. Sie hatte kein Bäumchen für ihr Kind. Im ersten Stock wohnte eine vornehme alte Dame. Sollte sie bitten .... Sie stand mit thränenzitternden Augen vor dem kleinen Jungen. »Friedel, – soll ich hinuntergehen – soll ich – betteln?« Und mit sonderbar wildem Aufschrei hatte er sich vor ihr auf die Kniee geworfen: »Nein, Mutter, nein!« Im Frühjahr war sie gestorben. Mit der Arbeit in der Hand und einem Seufzer auf den Lippen: »Nur nicht betteln.«
Und ihr Kind saß auf der Schwelle und weinte.
Es war ein anderes Leben im Hinterhause der Mauernstraße als in der kleinen Dachstube. Der Oheim kaufte und verkaufte alle alten Gegenstände, vom rostigen Eisen bis zur gebrauchten Balltoilette. Er sprach heiser, von beständigem Husten unterbrochen. Auf den Versteigerungen hatte er sich die Stimme verschrieen. Er trug Leinwandhosen und einen Bedientenfrack. Dinge, die er nicht mehr hatte anbringen können. Seine Frau war klein und zusammengerunzelt, beständig in Demut versinkend wie ein verprügelter Hund. Und die Tochter .... ein hübsches braunes Ding mit runden Armen und heißen Augen. Sie hatte gelacht, als der kleine Friedel zum ersten Mal mit seinen Krücken die steile Treppe heraufgestolpert kam. Sie hatte gelacht und sein verweintes Gesicht in ihre Hände genommen. »Er ist häßlich wie ein Maulwurf, aber ich werde ihn über die Treppe tragen.«
Sie trug ihn hinunter. Jeden Morgen, ehe sie in die Schule ging. Er saß auf der Schwelle und sah, wie das schleimige Moos in den Rinnsteinen wuchs. Schmutzige Kinder mit ungesunden blauroten Gesichtern spielten um ihn herum. Sie schrieen und zankten sich mit häßlichen gemeinen Worten. Das machte ihnen dieselbe tierische Freude, wie das Wühlen im Straßenkot. Auf die zersprungenen Asphaltplatten zeichneten die Größeren mit Kreide oder Kohle scheußliche Köpfe. Das seien die reichen Leute, sagten sie, spieen darauf und trampelten mit den Füßen auf ihnen herum. Sie waren böse, und schlimmer, sie wußten das Böse. Mit den übergroßen Augen des jungen Lasters sahen sie alles und bemerkten alles. Dann schlüpften sie in die dunkelsten Ecken zwischen den schiefen alten Häusern und erzählten sich mit innerlich fiebernder Stimme schlimme Dinge, oft durch schrilles Gelächter unterbrochen. Das Leben in der Mauernstraße war so faul und übelriechend, wie das Pfützenwasser in den Löchern der ausgebrochenen Pflastersteine. Tagsüber schillerte das Sonnenlicht in blau und grünen Spiegeln darüber hin. Nachts versanken die bleichen trostlosen Sternstrahlen in dem trüben Tümpel. Es war sehr traurig.
So dachte auch der lahme Junge auf der Thürschwelle. Er konnte nicht mit den anderen spielen und hätte auch keine Freude daran gefunden. Er wäre lieber in die Schule gegangen. Seine Mutter hatte ihn aus einem großen alten Buche schon Buchstaben und Zahlen gelehrt. Aber man hatte ihn nicht genommen. »Zu schwächlich«, sagte der Lehrer. »Noch ein Jahr warten.« Und er wartete. Er suchte aus den Lumpensäcken, welche der Oheim nach Hause brachte, die Seidenfleckchen heraus und packte sie in Cigarrenkisten. Er kehrte die dunkle dunstige Stube zusammen und schälte die Kartoffeln möglichst dünn ab. Er stopfte dem wilden lustigen Mädchen die Löcher im Rock und wichste ihr Sonntags mit großer Kraftanstrengung die Schuhe. Er wollte das Brot doch nicht ganz umsonst essen. Und noch ein Anderes war's.
Mit dem leidenschaftlichen Liebesbedürfnis eines kränklichen frühreifen Kindes hing er an dem schönen, bösartigen Geschöpfe, das ihn schlug oder liebkoste, je nachdem seine Laune war. Jeden Abend spähte er fiebernd vor Erwartung die von einer einzigen Gaslaterne erleuchtete Straße hinunter, bis er sie kommen sah. Einen gemeinen Walzer singend, sich lässig und herausfordernd in den Hüften wiegend, an jedem Arme eine ältere Freundin. Sie hatten alle drei die belebtesten Straßen der Stadt abgelaufen. Weniger um die strahlenden Schaufenster der großen Geschäfte zu betrachten, als um mit innerlichem Vergnügen die zweideutigen schmeichelhaften Scherze eines Vorübergehenden zu hören. Mit heimlicher unbefriedigter Erregung schlenderten sie langsam nach Hause. Die beiden Aelteren schlüpften scheu und geduckt in die Hausthüren, nachdem sie sich für den nächsten Abend verabredet hatten. Die Jüngste fürchtete sich nicht. Der Vater kam erst später, und die Mutter ... lieber Gott! Mit überlautem Singen tastete sie die steinernen Stufen hinauf, bis ihr Fuß an den wartenden Knaben stieß. Er faßte mit den von der Nachtluft starren Händen in den Saum ihres Kleides. »Ich hab' auf Dich gewartet.« »Dummer Junge! Wäre auch gescheiter gewesen, Du hättest Dich schlafen gelegt.« Aber sie nahm ihn doch auf den Arm, um ihn hinaufzutragen. Sie mußte über den finsteren Hof. Wenn sie über Kohlstrunken oder einen Haufen Kartoffelschalen stolperte, puffte sie den Kleinen. In einem Anfalle von Reue küßte sie ihn nachher mit unheimlicher Leidenschaftlichkeit. Keuchend unter ihrer Last langte sie in der moderdumpfen Stube an. Eine leise schwindsüchtige Stimme klagte aus den schweren Federkissen des Bettes hervor: »So spät, Kinder.« Das Mädchen gab keine Antwort. Sie gähnte und begann sich auszuziehen. Die Kleider warf sie auf den Boden. Der kleine Friedel legte erst die ihren sorgfältig glatt gestrichen auf den Schemel, dann auch seine eigenen. Sie hielt ihm die Füße hin. »Zieh mir die Schuhe aus. Die Strümpfe auch.« Und mit einer elastisch katzenartigen Bewegung sich in das Bett schwingend, suchte sie sich die bequemste Stelle dicht an der Wand aus. Sie wühlte sich mit Wollust in die dicken Kissen. Ihrem Schlafkameraden gönnte sie nur ein notdürftiges Plätzchen. Gut, daß er nicht viel brauchte. Sein magerer kleiner Körper drückte sich geduldig an die äußerste Kante. Sie versank nach wenigen Augenblicken in den tiefen Schlaf einer urgesunden, rücksichtslosen Natur. Der Knabe lag oft bis Mitternacht wach. Er betrachtete die vom Mondlicht versilberten Zahnreihen der Schläferin, und brachte sie vorsichtig in eine andere Lage, wenn sie mit dem Kopfe auf dem Arme ruhte. Das mache böse Träume, hatte seine Mutter einst gesagt. Seinen Schlaf bewachte Niemand.
Morgens weckte er sie. Ein unangenehmes Amt. Sie war kaum aus dem Schlaf zu bekommen und dann in sehr ungnädiger Stimmung. »Es ist noch eine halbe Stunde zu früh. Kannst Du keine Ruhe geben, boshafter Junge.« Während sie sich ankleidete, suchte er die verstreuten Schulhefte zusammen. Sie wusch und putzte sich wie ein Kätzchen, weniger aus Reinlichkeitsbedürfnis als aus Eitelkeit. Teilweise erstreckten sich ihre Bemühungen auch auf den kleinen Jungen. Sie rieb ihm das geduldige Gesichtchen, bis es von der schwarzen Pechseife feuerrot brannte. Mit dem zerbrochenen Kamme scheitelte sie seine dünnen weichen Haare. »Das steht Dir besser, als wenn Du sie ganz aus der Stirne gekämmt hast.« Und er schielte mit trübseligem Lächeln in die quecksilberarme Spiegelscherbe. Er wußte recht gut, wie häßlich er war.
Von seinem Frühstücksbrot gab er ihr die Hälfte. Die Mutter sah es manchmal und schalt. Dann lachte sie ihr halb böses, halb übermütiges Lachen. »Er darf nicht viel essen; er muß klein bleiben. Sonst kann ich ich ihn nicht mehr über die Treppe tragen.«
Manchmal traf sich's, daß die Kinder einen Nachmittag allein zu Hause waren. Dann schlichen sie hinauf ins Magazin. Ein langer, schmaler Raum mit halbrunden, dicht am Boden angebrachten Fenstern. Da befanden sich all die tausend Dinge, welche der Vater gekauft hatte, um sie wieder zu verkaufen. »Ich weiß, er hat gestern ein Ballkleid nach Haus gebracht«, sagte das Mädchen. Und sie suchten so lange, bis sie es in einer Kiste oder in einem Schrank entdeckt hatten. Sie jubelte. »Das zieh ich an. Friedel, Du mußt mir's zuschnüren. Schuhe sind auch dabei, schau nur!« Sie konnte nicht rasch genug in die zerknitterte Pracht schlüpfen. Das tief ausgeschnittene Kleid, zu weit für ihre kindliche Gestalt, fiel fast von den Schultern herunter. Die Aermel ihres grobleinenen Hemdchens sahen hervor. Die Schuhe mit den schiefgetretenen Holzabsätzen waren zu groß. Ins Haar hatte sie sich eine blätterarme Rose mit deutlich sichtbarem Wattekern gesteckt. Um den Hals eine Kette aus großen zersprungenen Wachsperlen geschlungen. Mit beiden Händen nahm sie das Kleid vorn in die Höhe, um gehen zu können. Sie war schön in dem jämmerlichen zigeunerhaften Aufputz. Das ungesunde reizende Schöne der schlechtverhüllten körperlichen und seelischen Nacktheit. »Trag mir die Schleppe«, befahl sie. Und er humpelte ihr nach, in der einen Hand die Schleppe, in der andern seine Krücke haltend. So zogen beide durch den staubdämmernden Raum, sie singend, er in stummer Bewunderung. Bis sie müde waren. Sie setzten sich auf eine der rissigen Kisten. Sie stemmte die Ellenbogen auf die Kniee und ließ den grünen Atlasschuh auf der Spitze ihres Fußes tanzen. Ihr kleiner Finger wies dem Knaben einen roten fettigen Fleck am Taillenausschnitt. »Das ist Schminke«. Er wußte nicht, was das war. »Damit macht man sich hübsch. Rote Wangen und rote Lippen.« »Wer hat's Dir gesagt?« »Die von Nummer 8. Das ist eine von's Theater.« »Was macht sie denn?« »Sie tanzt.« Sie spannte beide Hände über das Knie und beugte sich zurück. »Ob ich's auch könnte? Hübsch wär's.« Sie stand auf. Ein leiser versteckter Zug spielte um ihre Mundwinkel, während sie langsam das Kleid ablegte. »Pack's wieder ein.« Er legte sorgfältig ein Stück nach dem andern in die große Schachtel. Ohne Schuhe, im sehr kurzen zerflickten Unterröckchen, die Blume noch im Haar und die Perlen um den Hals, stand sie mit halb gehobenen Armen da, halblaut, aber scharf im Takte eine Tanzweise summend. Zögernd, versuchend folgten ihre Füße der Melodie. Erst vor, dann zurück, immer vereint mit der leicht gleitenden Bewegung des Oberkörpers. Nach wenigen Sekunden waren die Schritte rascher, sicherer, die Füße lösten sich vom Boden. Das atemlose Lachen, das von den weitgeöffneten Lippen klang, war nur die Einleitung zu einem Wirbel wilder Bewegungen. Feurig, sinnlich schön, aber ohne Weichheit, ohne Reinheit. Sie tanzte, bis sie sprachlos, schwindelnd niederstürzte. Der kleine Friedel kniete erschrocken neben ihr. Sie richtete sich atemringend in die Höhe. »Weine nicht.« Sie schlug ihn auf die Finger. »Ich kann das Weinen nicht leiden.« Langsam, liebkosend streichelte sie ihre Arme und küßte sich mit einem seltsamen Ausdruck auf die Schultern. »Ich bin doch schön. Wenn ich nur schon stärker wäre –«
Drei Tage später war in der engen Stube großer Lärm. Die Mutter weinte, die heisere röchelnde Stimme des Vaters schalt und fluchte, der Knabe drückte sich krampfhaft ängstlich in eine Ecke. Das Mädchen stand ein wenig blaß, mit übereinander gebissenen Zähnen in der Mitte des Zimmers. Aber nicht die leiseste Erregung zitterte in ihrer Stimme. »Nächsten Monat komme ich doch aus der Schule ....« Der Vater ließ sie nicht ausreden. »Dann steck' ich Dich in ein Geschäft, wo man Dir aufpaßt.« »Das Fräulein wird im Theater schon auf mich Acht geben.« »Die soll erst selber auf sich Acht geben, die Person die ....« »Und im Theater bekomme ich jeden Monat fünf Mark. Im Geschäft geben sie mir im ersten Jahr gar nichts.« Fünf Mark! Das wirkte. Der Vater dachte daran, wie viel er sich plagen mußte, um fünf Mark zu verdienen. Wenn das dumme Mädel es für ein bißchen Springen und Hüpfen bekommen konnte – gut. Und er wollte ihr schon die Knochen entzwei schlagen, wenn sie sich unterstehen sollte ....
Sie unterstand sich gar Vieles. Aber er wußte nichts davon. Denn sie war klug. Sie ging jetzt täglich ins Theater. »Balletratte« schrieen ihr die Kinder in der Straße nach. Dem kleinen Friedel wurde es bei dem Worte immer so sonderbar heiß und schwindlich. Er wußte nicht warum. Er hatte sich schon an so viele häßliche Worte gewöhnt. Er gebrauchte sie selbst. Er war ja ein Kind. Er hatte der Verdorbenheit nichts entgegenzusetzen. Nicht die bessere Erkenntnis, nicht die Kraft des Willens. Aus seinem Wesen war die unbewußte Feinheit gewichen, die sein häßliches Gesichtchen angenehm und rührend gemacht hatte. Um die Mundwinkel lagerte schon ein leiser Strich der Gewöhnlichkeit. Nur die Augen waren noch klar und sanft wie einst. Denn in ihnen schimmerte die Rettung des einsamen Kindes. Die große stille Liebe, ob auch für ein unwertes Geschöpf. Er ahnte es dunkel – und liebte sie. Er mußte jetzt noch mehr leiden als früher. Er konnte sie abends nicht mehr erwarten. Sie kam oft erst um zehn oder um elf Uhr nach Hause. Sie hatte »zu thun«.
War sie tags zu Hause, so achtete sie nicht auf ihn, sondern arbeitete. Sie machte stundenlang mit Armen und Füßen ein und dieselbe Bewegung. Der Knabe sah ihr schüchtern und geduldig zu. »Was machst Du da?« fragte er manchmal. Und sie erklärte herablassend: »Das ist ein Steh-Glissé und das ist ein Balancé und das ist ein Chassé.« Des öfteren wurde sie ärgerlich auf sich. »Ob ich mich nicht mehr in die Hüfte legen kann!« Dann arbeitete sie mit solcher Heftigkeit und Ausdauer, bis sie, mit weißen eisigen Lippen, auf einen Stuhl sank. Sie sah auch sonst nicht mehr so frisch aus. Unter den Augen schwammen mattblaue Schatten und die Lider waren von gelbbräunlicher Färbung. Sie fing an, sich zu pudern. Ihr Anzug war ein Durcheinander von Putz und Armseligkeit. Sie stahl ihrem Vater alle Augenblicke eine Schleife, eine zerknitterte Blume, ein unechtes zerbrochenes Schmuckstück. Sie kämmte sich die Locken tief in die Stirne, und verlängerte mit angebrannten Schwefelhölzchen ihre Augenbrauen. Sie wurde unzufrieden und verbittert. Die für die Uebungsstunden notwendigen Gegenstände mußte sie sich selbst beschaffen. Dazu reichten die fünf Mark monatlich gerade hin. Leinwandschuhe ohne feste Sohlen, bis weit übers Knie reichende Strümpfe, Gazeröcke und kurze weite Pumphöschen. Der kleine Friedel stopfte mit grober Wolle die rasch durchgetanzten Schuhe. Er nähte die abgerissenen Knöpfe ans Mieder, und die Bänder an die Höschen. »Genierhöschen«, sagte sie mit zusammengekniffenen Augen. Was er sich heimlich grämte. Er hätte das kleine Bild seiner Mutter darum gegeben, sie einmal wieder lächeln zu sehen. Sie lächelte nicht mehr. Den zeitweiligen Vorwürfen des Vaters setzte sie so herausfordernden Trotz entgegen, daß er anfing zu schweigen. Langsam verlor er die Gewalt über sie. Sie fürchtete ihn nicht mehr.
Eines Tages zeigte er seiner Frau ein feines Schmuckkästchen. »Da habe ich was billig gekauft. Schau her.« Er hielt ihr ein hübsches Armband aus doppelreihigen Granaten hin. Das Mädchen stand daneben. »Schenk mir's.« – »Bist Du verrückt? Das wird nochmal so teuer verkauft. Freilich, Dir schenken!« Er packte den Schmuck wieder ein und ging. Sie sah ihm starr nach. In ihrem Antlitz dämmerte der drohende Entschluß der Sünde. Der Junge faßte angstvoll ihre Hand. »Das Armband – ist das so teuer?« »Teuer! Wenn man's im Laden kauft – fünfzehn Mark. Ein Lumpengeld. O wenn ich wollte – nicht heimkommen, nur eine Nacht –« Sie biß sich erschrocken auf die Lippen. Aber der Knabe hatte begriffen. Die Kinder in der Mauernstraße begreifen so schnell. Er fällt vor ihr nieder. »O, Du, Du – das thust Du nicht. Ich versprech' Dir's – bis Weihnachten schenk' ich Dir das Armband – aber Du kommst heim, gewiß, Du kommst heim.« Sie versteht seine Worte, aber nicht den rasenden Schmerz, der seine Stimme entzweibricht. Ein letztes menschliches Empfinden, das Mitleid, regt sich in ihr. »Dummer Junge – was fällt Dir denn ein? Freilich komme ich nach Haus. Sei nur still!«
Er ist still. Sehr still. Er atmet kaum. Es thut ihm weh. Am nächsten Morgen steht er fröstelnd im nassen Novemberwind vor der Hausthüre. Sein weißes blutloses Kindergesicht ganz starr, ganz farblos. Er schleppt sich mühselig die schmutzige schwarze Straße entlang. An der Ecke bleibt er nochmals stehen. Sein Körper zittert vor innerlichem Schluchzen. Aber er geht weiter, biegt in die große lärmende Straße ein. Er geht betteln.
Tag für Tag. Die Vorübergehenden wissen nicht, welch' wehevolle Ueberwindung jede Bitte aus diesem kleinen schmerzverzerrten Munde ist. Es schaut ihm ja Keiner in die Augen. Sie blicken aus dem müden Gesichtchen wie zwei aus dem Herzen emporgewachsene Todesblumen. Denn er stirbt langsam. Er stirbt an der Schande.
Jeden Abend wechselt er seine kleinen Münzen in einem Bäckerladen. Die dicke gutmütige Frau hat so großes Mitleid mit ihm. Sie hat auch noch nie solch' seltsames Bettelkind gesehen. Als er am zweiten Abend kam, wollte sie ihm ein Stückchen Kuchen zustecken. Er dankte mit unverständlicher Heftigkeit. Und als sie es ihm mit Gewalt in die Tasche schieben wollte, fing er an zu weinen. »Nein, nein.« »Warum nicht?« »Ich will nichts für mich.« »Ist denn das Geld nicht für Dich?« »Nein.« »Für wen denn?« Er bleibt stumm. Auf dem Heimweg schleicht er sich regelmäßig an einem großen Juweliergeschäft vorbei. Da hat er im Schaufenster genau so ein Armband entdeckt wie jenes. Zwei Reihen Granaten mit schmalem goldenem Schloß. Auf einem Zettelchen steht der Preis notiert. Vierzehn Mark und fünfzig Pfennige. Soviel Geld!
Daheim fragt ihn Niemand, was er den ganzen Tag auf der Straße macht. Oft kommt er spät nach Hause. Sie wissen's gar nicht. Ob der kleine Junge im Bette liegt oder nicht, es kümmert sich Keiner darum. Und wenn er kommt, schleicht er so leise durch das Zimmer, daß sie ihn nicht hören.
Der Weihnachtstag. Er steht an der Staßenecke, frierend, in Todesangst. Er hat noch nicht genug. Wie flehend er seine von großen roten Frostbeulen bedeckten Hände den Vorübergehenden entgegenstreckt. Aber die haben's heute so eilig. Wer sieht solche kleinen Betteljungen. Der Weihnachtstag wird für ihn der schlimmste. Er hat nichts, gar nichts bekommen. Es ist dunkel geworden. Er hält sich an der schneeverwehten Mauer. Er geht nicht nach Hause, wenn er sein Versprechen nicht erfüllen kann. Ihm gerade gegenüber blitzt's und funkelt's im Schaufenster des Juweliers, sein Verlangen und seine Hoffnungslosigkeit nur vergrößernd. Das Menschengewühl hat längst nachgelassen. Die wenigen noch Vorübereilenden wagt er nicht mehr anzureden. Er fällt auf die Kniee und weint. Plötzlich fühlt er, daß Jemand neben ihm stehen bleibt. »Lieber Gott, Kind – warum weinst Du denn?«
Ein junges Mädchen steht neben ihm. Das rote Licht der Gaslaternen glitzert auf den Stahlknöpfen ihres dunkelblauen Tuchmantels. Er kann vor Schluchzen nicht reden. Sie hebt ihn mitleidig in die Höhe »Willst Du etwas? Kann ich Dir etwas helfen?« Er blickt auf, in ein schmales, freundliches Gesicht mit ruhigen, grauen Augen. Er faltet die Hände. »Das Armband – da drüben. Ich muß es haben. Und ich habe nicht genug.«
Sie stutzt. »Wofür brauchst Du denn ein Armband?« Er giebt keine Antwort, murmelt nur eintönig, herzzerreißend vor sich hin: »Das Armband – das Armband.« Sie faßt ihn bei der Hand. »Komm' mit.« Sie führt ihn über die Straße, gerade vor das Schaufenster. »Welches willst Du?« Er weist hin. »Da, da.« »Wie viel Geld hast Du?« Er giebt ihr ein schmutziges Papier. Darin hat er's aufbewahrt. Sie zählt es nicht, sieht ihn nur nochmals an. »Warte hier. Ich werde Dir das Armband kaufen ...« Ihm ist, als fiele der ganze große Sternenhimmel zu seinen Füßen nieder. Er sucht und ringt nach einem Worte. »Mutter, Mutter!« Er findet kein anderes. Das junge Mädchen kommt aus dem Laden zurück und steckt ihm ein feines buntes Schächtelchen in die Hände. »Da – das ist Dein Christkindchen. Nun weine nicht mehr. Gute Nacht.«
Nach Hause! Nur nach Hause! Durch die stillen, eisigen Straßen stolpert er atemlos dahin, nicht einen Blick nach den weihnachtshellen Fenstern hinaufwerfend. In der Mauernstraße ist's dunkel. Die Gaslaterne brennt noch. Er steht vor der Thüre und drückt angestrengt auf den rostigen eisernen Knopf. Er giebt nicht nach. Die Thüre ist verschlossen. Es schlägt neun Uhr. Was soll er thun? Klopfen? Rufen? Man wird ihn nicht hören. Und er fürchtet sich auch. Er will warten. Um zehn Uhr muß sie heimkommen. Sie hat sich heute morgen den Hausschlüssel von der Mutter geben lassen. Es sei abends noch eine große Probe, aber um zehn Uhr sei sie gewiß zu Hause. Er wartet. In die Ecke zwischen Thüre und Mauer gedrückt, in der Hand das Armband. Er hat es aus dem Schächtelchen herausgenommen, um es zu betrachten. Wie's funkelt! Er denkt an ihre Freude. Nur daran. Nicht an seine Schmerzen. Auch nicht an die Geberin. Nur an sie.
Zehn Uhr. Nun wird sie gleich kommen. Wirklich Schritte ... Er beugt sich weit vor. Es ist nur der Mann, der die Laternen auslöscht. Sie nicht. Die Probe kann länger gedauert haben. Sie hat sich vielleicht verspätet. Sie wird schon kommen. Gewiß. Es wird immer kälter. Er steckt die Hände in die Hosentaschen und zieht abwechselnd die Füße empor. Ist das ein trauriges Warten in der schneehellen, todesstillen Winternacht. Von Viertelstunde zu Viertelstunde verfolgt er die dröhnenden Schläge der Turmglocke. Elf Uhr. Sie ist nicht da. Er weint nicht. Er drückt die Hände in die kleinen spitzigen Eiszapfen an den Mauervorsprüngen. Wem er umsonst gebettelt hätte, umsonst ...! Ihm ist, als müßte das Blut zu seinen entzündeten Augen herausspritzen. Und warten, warten, warten! Er kann vor Kälte nicht mehr ruhig stehen. Er humpelt die Stufen herunter und wankt hin und her. Mechanisch drei Schritte vor und drei zurück, den Kopf weit zurückgeworfen, zum silberschimmernden Weihnachtshimmel aufstierend.
Mitternacht. – Er wirft sich zu Boden, heult und beißt mit den Zähnen in die gefrorene Erde. Seine Krücken hat er weit von sich geworfen. Auf allen Vieren kriecht er zur Thüre zurück. Und liegt da – ächzend, wimmernd, sterbend. Er verliert das Bewußtsein. Eine rote, glitzernde Schlange mit goldenem Krönchen ringelt sich um seinen Hals. Sie erwürgt ihn. Er regt sich nicht einmal. Da knarrt's über den Schnee her. Er richtet sich krampfhaft wild empor. Seine flimmernden Augen sehen zwei dunkle, aneinandergepreßte Gestalten. Mehr kann er nicht erkennen. Er hört nur, hört – Worte, die ihm alles Blut in Thränen verwandeln. Umsonst!
Müde, schwankend kommt sie die Stufen herauf. Ihre tastende Hand stößt an den Knaben. Sie fährt zurück. Er streckt ihr die erstarrte Hand mit dem funkelnden Reif entgegen. »Da – Dein Armband. Weißt Du, ich – habe – gebettelt.« Er fällt schwer und steif vor ihren Füßen zu Boden. Er ist tot.