Kairo.
Reading edition
Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand der Menschen.
Kairo oder Großkairo liegt fünfzig deutsche Meilen südlich von Alexandrien, unweit vom rechten Ufer des Nilstroms und auf einer Ebene bis an den Hügel Mokatam.
In hohem Grade beneidenswerth sind die Europäer in Alexandrien und Kairo. Die Alexandriner rühmen das Klima von Alexandrien und tadeln dasjenige von Kairo. Die Kairaner dagegen erheben den Himmel von Kairo auf Kosten desjenigen von Alexandrien. Es ist mit besonderer Güte dafür gesorgt, daß die Einen mit dem zufrieden sind, womit die Andern unzufrieden wären.
Kairo streift an den 30. Grad nördlicher Breite. Wenn die Sonne am höchsten steht, brennt sie sehr heftig. Indessen wird die Hitze eines Windes aus der Wüste, von den Pyramiden her, weit weniger leicht ertragen, als die größte Hitze des Sommers. Diesen Wind nennt der Araber Chamsîn, das heißt, Fünfzig; denn er weht fünfzig Tage und fünfzig Nächte, aber einige Tage und Nächte mit ausnehmender Stärke und Verderben. Er hebt Mitte Aprils an, und treibt viel Staub vor sich hin, so daß vor demselben, auch mit möglichster Sorgfalt, die zubereitete Nahrung auf dem Tische des wohl verschlossenen Zimmers nicht leicht geschützt wird. Im Winter fällt der Regen, doch in der Regel sehr wenig. Gewölke sah ich auch hier zur Genüge, und ich zählte keinen einzigen wolkenlosen Tag. Man will ebenfalls in dieser Gegend von Egypten eine Veränderung des Klimas zu Gunsten des Wasserniederschlages wahrgenommen haben.
Um mich des Gesundheitszustandes einigermaßen zu vergewissern, suchte ich in dem Tauf- und Sterberegister der lateinischen Gemeinde bei den Kapuzinern (Kloster de propaganda fide) nach. Ich rühme die Freundlichkeit und Bereitwilligkeit, womit der würdige Guardian meine Nachforschungen unterstützte. So wenig meine Erwartung durch die Anlage des Todtenbuches gerechtfertiget wurde, so wäre noch weit minder bei den Mohammetanern auszubeuten gewesen, die auf dem Kissen des Fatalismus gar zu sanft schlafen. Ich möchte das von der lateinischen Gemeinde (die namentlich auch Levantiner zählt) gewonnene Resultat allerdings nicht als Maßstab für die gesammte Bevölkerung von Kairo vorhalten. So viel leidet indessen kaum einen Widerspruch, daß es, weil es eben von Einwohnern dieser Stadt abgezogen wurde, eher im Allgemeinen die Bevölkerung Kairo’s ankündigt, als irgend eine andere. Im jährlichen Durchschnitte starben, mit Ausnahme des Jahres 1831, in den 10 Jahren 1824 bis und mit 1834, 36 Personen, und 47 wurden getauft. Wenn der Getaufte zur Bevölkerung sich verhielte gleich 22 zu 1, wie in dem französischen Finistère-Departement, wo gerade 1 auf 22 geboren wird, so wäre die lateinische Gemeinde 1034 Seelen stark. Jeder Sachkundige sieht ein, daß dieser Schluß um so mehr Mißtrauen erregt, je gewisser die Gemeinde eine sehr zusammengesetzte und wandelbare Bevölkerung enthält. Das Alter der Verstorbenen fand ich bloß in den Jahren 1833 und 1834 genügend verzeichnet. In diesen Jahrgängen fehlt es einzig bei zwei erwachsenen Personen, denen ich willkürlich 20 Jahre gab. Die insgesammt (durch diese zwei Jahre) 114 Verstorbenen hatten zusammen ein Alter von 2180 Jahren, 10 Monaten und 14 Tagen. Die durchschnittliche Lebensdauer beträgt demnach 19 Jahre. Die älteste Person, welche ich im Sterberegister traf, war eine Maria Hadad aus Jerusalem; sie brachte ihr Leben auf 95 Jahre. Prosper Alpinus gibt den Egypziern ein sehr langes, und selbst ein längeres Leben, als den Europäern, ohne jedoch einen Beweis für seine Behauptung anzuführen. In den genannten Jahren starben im Durchschnitte während der Monate Julius und August am meisten, und während des Hornungs am wenigsten. Der Weinmonat gilt als der gesundeste Monat des Jahres. Kaum weniger gesund dürften November, Jenner und Hornung sein, wie die Sterbeliste andeutet.
Die Krankheiten, welche vor den übrigen Schrecken verbreiten, sind Pest und Cholera.
Die Bubonenpest verschonte Egypten in der neuern Zeit seit dem Jahre 1824 bis zum Christmonat 1834, hiemit ein ganzes Jahrzehn. Indessen wüthete sie im Jahr 1824 nicht besonders heftig, und es gingen aus der lateinischen Gemeinde bloß 37 Personen in den Monaten Merz, April und Mai mit Tode ab. Nach ältern Beobachtungen beginnt sie im Jenner oder Hornung, schreitet verheerender während des Chamsîns vorwärts, und wird durch die größte Sonnenhitze gleichsam abgeschnitten. Am St. Johannestage glaubt der Europäer sich sicher. Im ersten Halbjahre und im Monate Julius 1835 verlor die lateinische Gemeinde zweihundert und elf Pesttodte, und zwar weitaus die größte Zahl im April und Mai. Man schätzte die Summe aller in Kairo an der Pest Hingeschiedenen, wohl doch in übertriebenem Maße, auf 100,000. Die Europäer, welchen in der letzten Pestzeit die Mittel zu Gebote standen, sperrten sich ein. Unter alle Eingesperrte schlich sich während der letzten Seuche die Pestkrankheit nie und nirgends ein. In einem Hause brach zwar die Pest aus; allein sie wurde durch einen besonderen Fall eingeschleppt. Aus einem verpesteten Hause ließ man ohne alle Gefährde einen sogenannten Drachen zur Belustigung auffliegen. Ein Kind jenes Hauses befand sich auf dem Söller, der Drache fiel auf dasselbe, und in wenig Stunden erkrankte es und erlag dem Drachen — der Pest. So lange keine Todtenregister geführt werden, dürfen die Sterbeziffern nicht anders, als mit Zweifel betrachtet werden. Dieß gilt namentlich auch von der geschichtlichen Angabe, daß zu Kairo im Jahr 1472 während sechs Monaten 600,000 und, nach Prosper Alpinus, im Jahr 1580, 500,000 Menschen in ebenso viel Zeit an der Pest starben.
In der neuern Zeit erklärten vorzüglich die französischen Aerzte, an ihrer Spitze Clot-Bei, aber auch der besonnenere Gaëtani die Seuche für miasmatisch. Mit einiger Vorsicht öffneten sie viele Leichname und blieben verschont. Mittlerweile verschwanden drei deutsche Aerzte als ein Opfer der Pest. Die Bravour Clots gefiel Mehemet-Ali in so hohem Grade, daß letzterer ihn in den Generalsstand erhob, und der glänzende Halbmond hängt als Ehrenzeichen an der Brust von Clot, wie beim vizeköniglichen Muselmann von Auszeichnung. Die Ansicht der neuen Propheten, daß die Pest nicht anstecke, erfreute sich übrigens zu meiner Zeit keiner Popularität bei den Europäern in Kairo. Diese verwarfen sie vielmehr fortwährend als überspannt. Sie werden mit höchster Wahrscheinlichkeit sich durch den neuen Pestfirman inskünftige am Beobachten der Quarantäne nicht im mindesten stören lassen. Huldigten doch öffentliche Anstalten, wie die Kadettenschule, dem Grundsatze der Sperrung, ungeachtet der Pascha einen Miasmatiker zum Bei adelte.
Die Cholera ist eine frisch gebrochene Geißel Egyptens. In den Monaten August, September und Oktober 1831 zwickte sie aus der lateinischen Gemeinde in Kairo 94 Personen hinweg. Manche Kairaner fürchten die Cholera mehr, als die Pest, weil die Sperre dagegen nichts oder gar wenig vermöge.
Führe ich fort, von andern Krankheiten der Egypzier, wie von den Pocken, den Augenentzündungen, den Ruhren, umständlicher zu reden, manche Abendländer würden einen allzu trüben Gesichtskreis finden, und das Land der Fleischtöpfe als ein Land unnennbarer Plagen ansehen. Ich möchte aber nicht zu Vorurtheilen Stoff darbieten, deren Angel man begierig verschlingt, ohne zu beherzigen, daß man an derselben gefangen und gequält werde. Die Natur vergißt nicht, darüber zu wachen, daß, wo die menschliche Vernunft ihre Aufgabe löset, das Gesetz des Gleichgewichtes erfüllt werde.
Die Stadt nach ihrer Bauart.
Die Häuser bestehen aus Mauern, und das Holz ward dazu ziemlich sparsam verwendet. Daher die Seltenheit der Feuersbrünste in Kairo. Das häufige Brandunglück des hölzernen Konstantinopel kennt das steinerne Kairo nicht. Als vor wenigen Jahren eine Feuersbrunst ausbrach, wurde sie bald gedämpft, ohne einen großen Rüstzeug von Spritzen, Feuerordnungen, Feuerpolizei, Feuerkompagnien u. dgl.
Von Mittag nach Mitternacht bildet die Stadt die längste Linie, und in dieser Richtung wird man den Weg von einem Thore zum andern vor anderthalb Stunden zu Fuße schwerlich zurücklegen. Lange, gerade Gassen gibt es nicht. Sie lenken meist bald um, und verlaufen oft in ein Gewölbe, in eine Art Passage oder Schwibbogen. Manche sind sehr schmal, und in der Judengasse können nicht zwei Personen neben einander gehen, ohne an einander zu streifen. Hier langen die Erker bereits zu der entgegengesetzten Seite der Gasse hinüber. Auch springen dieselben hie und da in andern Gassen, wenigstens über die Mitte in diese, hervor. Dann und wann sieht man eine Brücke über dem Haupte. Manche Gassen sind mit einer Art Dach versehen oder auch zeltartig zugedeckt, zumal die Bassar. Wegen der Enge der Gassen und der Höhe der Häuser herrscht in manchen der ersteren ein gewisses Halbdunkel, das mich nicht unangenehm stimmte. Die Gassen darf man nicht beurtheilen, ohne das Klima in Anschlag zu bringen. Große, offene, gerade Gassen würden in der heißen Jahreszeit den Aufenthalt fast unerträglich machen; wie sie aber wirklich angelegt sind, gewähren sie die möglichste Kühlung, und stehen in einem sehr verständigen Verhältnisse zum Himmelsstriche.
Hier, wo selten Regentage eintreten, und wo kein Wagenrad den Boden durchfurcht, wäre das Straßenpflaster überflüssig. Es ist ungleich angenehmer, auf der hart getretenen Erde dieser Stadt zu gehen, als auf den schönen Pflastersteinen zu Paris und Wien, und der Esel, in leisem Tritte, gleitet beinahe über die Gasse hinweg. Wenn es aber regnet, so werden die Klagen groß, und voraus dem Kameel ist das Gehen beschwerlich. Dann ereignen sich wohl auch Unglücksfälle. Es verdient bemerkt zu werden, daß in den neuntehalb Jahrhunderten seit Erbauung der Stadt die Gassen so wenig ausgetreten worden sind.
Unreinigkeiten eckeln nicht öfter an, als in italienischen Städten. Man glaubt im Anfange nicht, wie schnell ein Theil der Garstigkeiten von der heißen Sonne in Staub verwandelt wird.
Auf Aeser stieß ich nie im Umfange der Mauern, wohl aber zur Seltenheit in der Umgebung der Stadt. Auf dem Wege nach Abu-Sabel labte sich eben ein halb Dutzend herrenloser Hunde an einem todten Thiere.
Ueberall, wo der Mensch lebt, ist ihm beim Baue der Wohnungen die ferne Sonne am Himmel das erste Augenmerk. Bei der Bauart der Häuser von Kairo fasse man, wie bei den Gassen, das Bedürfniß wohl ins Auge. Sie müssen gegen die Hitze schützen, während sie in Europa gegen die Kälte schirmen sollen. Man findet daher die Zimmer in den nördlichern Gegenden gewöhnlich klein, d. h., nicht breit und nicht tief. In Kairo sind die Gemächer umgekehrt sehr geräumig, tief, kapellenartig. Ja es übertreffen viel Zimmer der Stadt an Raum europäische Kirchen. Manches staunte ich mit Wohlgefallen an, theils auch wegen der hohen Bögen und der maurischen Zierathen. Wie dem Fußgänger und Reiter auf der Gasse die hohen, einander nahe gegenüber stehenden Häuser lieblichen Schatten werfen, so beschatten sie einander selbst, und je schattenreicher ein Zimmer ist, desto mehr wird es geschätzt. Die Dächer sind flach oder nur ein Boden (Söller), und das Licht fällt nicht bloß durch Fenster, die über einander sich folgen, herein, sondern auch durch das Dach. Ueber die Oeffnung an diesem wirft sich gegen Mitternacht eine Nase auf, welche geschlossen werden kann. So strömt erfrischende Luft an der Spitze des Hauses bis unten auf den Boden von Erde oder Stein. Die Fensterscheiben selbst sind viereckig, und es wird an einigen Orten Europas keineswegs eine neue Mode eingeführt, wenn man dort auf runde Scheiben verzichtet, um viereckigen Platz zu machen. Viele Häuser sind einstöckig. Ein großes Thor führt durch den Eingang in einen Hof, wo die Küche frei steht; der Hof ist zugleich der Rauchfang. Manches große Thor wird selten geöffnet. Dafür steht in demselben eine kleine Thüre offen, durch die man geduckt und mit hochgehobenem Fuße schreiten muß. Ueber dem Eingange, wenn man will über dem Erdgeschoße, finden sich die Zimmer, welche bis zum Dache 15 bis 25 Fuß sich erheben. Es gibt wohl auch Zimmer, die von ebener Erde an 40 Fuß hoch anstreben. Zweistöckige Häuser gehören zwar immerhin nicht zur Seltenheit, aber drei- und vierstöckige. Der Europäer kann sich sehr leicht täuschen, wenn er die Häuser bloß von Außen besieht. Er stellt sich hohe Gebäude vor, in denen drei Familien über einander wohnen würden. Verschwenderisch birgt hier manchmal nur ein Stockwerk eine Familie. Dieses berücksichtigend, könnte man nicht begreifen, daß etwa 300,000 Menschen in Kairo wohnen oder einst gewohnt haben, sofern man nicht wüßte, daß viele Araber einer Wohnung entbehren. Wandelte ich Nachts nach Hause, so wurde es mir zuerst unangenehm zu Muthe, wenn ich hier auf dem Boden der Gasse, dort auf der Bettstelle an einem Hause einen vermummten Araber ruhen sah. In der offenen Herberge der Gasse brachte er die Nacht hin. Die Milde eines Himmelstriches bettet den Menschen mit wenig Mühe.
An oder in den Häusern verdienen zwei Dinge noch besondere Erwähnung; das Schloß und die Stiege. Die meisten Schlösser sind von Holz. Ein Joch, an der Thüre befestiget, nimmt den Riegel auf. An dem obern Theile der für den Riegel bestimmten Jochöffnung ragen, ohne strenge Ordnung der Entfernung von einander, mehrere drähtene Stifte hervor, die gehoben werden können, und ohne eine hebende Kraft von selber herunterfallen. In den Riegel, als den zweiten Theil des Schlosses, dringt auf einer Seite und an dem einen Ende eine kantige Rinne. Oben besitzt der Riegel den Stiften entsprechende Oeffnungen, und diese sind in solcher Ordnung angebracht, daß, wenn er vorgeschoben ist, die drähtenen Stifte vom Joche herunterspringen und eingreifen, wodurch der Riegel gesperrt wird. Der Schlüssel, als der dritte Theil des Schlosses und gleichfalls von Holz, ist ebenso einfach, als die vorigen Theile. An einem Ende, das in die Rinne des Riegels läuft, stehen gerade so viel drähtene Stifte unbeweglich herauf, als der Riegel Oeffnungen zählt. Drückt man die Stifte des Schlüssels in diese, so heben sie die Stifte des Joches, und der Riegel kann herausgezogen werden. — Mit der Konstrukzion der Stiegen konnte ich nicht ins Klare kommen. Sie sind von Stein, und von der Gestalt eines gezahnten Rades, wenn dieses keinen Zirkel beschriebe. Sie haben ihre Befestigung nur an einer Seite, an der Mauer des Hauses; im Uebrigen liegen sie ganz frei heraus.
Aus Furcht vor dem gräuelvollen Götzendienste verbietet der Islam die Abbildung von Menschen und Thieren. Es fehlt indessen noch viel, daß dem Verbote von allen Mohammetanern nachgelebt wird. Es wird schon von Selim I. erzählt, daß er dem Sohne Soliman II. sein Bildniß hinterließ, über dem man die Worte las: Sultan Selim Ottoman, ein König aller Könige, ein Herr aller Herren, ein Fürst aller Fürsten, ein Sohn und Kindskind Gottes. Von dem jetzigen Sultan Mahmud II. weiß man, daß er, zum Verdrusse der Gesetzlehrer, sein Porträt dem Pascha zuschickt. Bei Beschneidungsfestlichkeiten im Jahr 1582, zu Ehren des nachherigen Sultan Mehemet, wurde in einem Prachtzuge Zuckerwerk herumgetragen, das verschiedene Arten von Thieren vorstellte, z. B. Elephanten, Löwen, Tiger, Leoparden, Affen, Pferde, Kameele, Giraffen, Syrenen, Falken, Habichte, Sperber, Storchen, Kraniche, Enten, Pfauen, ein Ungethüm von riesenhafter Mannesgröße, nackt und sitzend wie ein Schneider. Kehren wir nach Kairo zurück.
Gemälde trifft man an den Häusern selten, und wenn noch, so lassen sie allenthalben die Schülerhaftigkeit durchblicken. Europäische Primarschüler von acht Jahren würden treuer und geschmackvoller malen. Die Malereien an den Mauern der Häuser stellen meistentheils Laub- oder Blumenwerk dar, das etwa aus schnörkelreichen Töpfen sich entfaltet. Die rothe Farbe herrscht vor. Auch trägt die Mauer einiger Häuser, rechts und links an der Thüre, einen gemalten angebundenen Löwen zur Schau. An einem Hause ist auf ein Thier ein kleines Gebäude gepackt; allein ich konnte nicht errathen, was für ein groteskes Ding es war, weil die Pfuscherei wirklich zu hoch sich überboten hat. An andern Häusern, und zwar an vielen, wechselt einfach die rothe und weiße Farbe, so daß, wenn eine Reihe Quader weiß, die erste darüber roth ist. Hie und da steht über den oben abgerundeten Thüren ein Stern. Mehr, als an Farben versucht sich der Kairaner an Formen, und diese sind es, die seine Geschicklichkeit verkündigen. Wo Holz verbaut ist, da liefert es beinahe durchgängig Beweise von kunstreichen Schnitzarbeiten. Noch triumphirender aber zeigen die Mauern das Gepräge der Kunst. Die Moscheen (Gâma’) empfehlen sich in der Regel durch ihre Pracht, und die hohen Thürme sind bis an die Spitze von lauter Quadern aufgeführt. Die meisten umkrämpen zwei frei herausragende Galerien mit Geländer, und auf dem Helme schießen Arme schief hinauf, um daran, zu Verherrlichung der Festtage, Laternen zu hängen. Auf den Galerien hingegen wird vom Thürmer (Muezeinn) singend der Gläubige zum Gebete ermahnt. Dadurch wird die fehlende Glocke entbehrlich. Ueberall erregten die sarazenischen oder maurischen Werke meine Bewunderung. Obschon ich in meiner Kunsteinfalt einem einfachern Styl mehr Geschmack abzugewinnen vermag, so ergötzte ich mich gleichwohl manchmal an dem Laub- und Blumenwerk, an den bizarren geometrischen Figuren oder Arabesken. Eine Bildsäule würde man vergebens suchen. Es geschieht nicht selten, daß man beim Ausjäten des Unkrautes auch das nützliche Gewächs herausreißt. So hat der Islam, bei Zerstörung der Götzendienerei, die bildende Kunst überhaupt mit Füßen getreten.
Aufschriften in arabischer Sprache liest man ungemein selten. Paris sieht gegen Kairo wie ein aufgeschlagenes geschriebenes Buch aus. Die Tochter Mokatams ist Album. Die europäischen Städte sind Erklärungswörterbücher (Reallexika), belehrend für Kinder und Fremde, ein Cornu Copiae von Pleonasmen für die Unterrichteten. In Italien lernte ich manche Handwerksnamen über den Buden, und Niemand hätte es mir verarget[10].
Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von Kâyd-Bei.
Wollen die Europäer wohin gehen, laufen, reiten, fahren, so werden die gebieterischen Witterungs-Wenn angeknüpft. Morgen, wenn es gut Wetter ist, heißt es. Wenn das Frauenzimmer schon seinen Flitter bereit hielt, wenn Pferde und Wagen bestellt waren, wenn die Liebe und Freude den Schlaf verscheuchten, und wenn dann in der Frühe Wasser oder Schnee vom Himmel fällt; — ach, welch saures Gesicht wird geschnitten, welche Seufzer werden ausgestoßen, wie werden mit beklommenem Herzen die Hände zusammen und über einander gerungen, weil — es regnet oder schneit, und weil der Regen oder Schnee den Gang, den Lauf, den Ritt, die Fahrt hindern. Man darf in Kairo während der sichern Jahreszeit gut Wetter auf morgen so zuversichtlich erwarten, als das Tageslicht selbst. Die europäischen Witterungs-Wenn sind hier daher außer Tagesordnung und werden, Wunder genug, nicht einmal gewünscht, um sich damit zu europäisiren.
Ich lud einen Freund zu einem Spazierritte ein. Ich zählte auf diesen mit einer Sicherheit, welche nicht vom fernsten Zweifel beengt war. Doch haben, daß ich es zu melden nicht vergesse, die Kairaner manchmal ein anderes Wenn und zwar ein noch schlimmeres; ich meine das Pest-Wenn. Du ladest Abends einen muntern Freund auf morgen zu einem Spazierritte ein; ehe der Tag graut, ereilt ihn die Pest mit ihrem tödtlichen Gifte.
Es war Sonntag. Am frühen Morgen trugen uns die Esel im Geschwindschritte durch die Gassen und Bassar. Die Läden waren noch nicht überall offen. Die sarazenischen Schnörkeleien an den Häusern, Thürmen und Tempeln, die arbeitenden Mohammetaner eigneten sich gleich sehr, die Aufmerksamkeit zu fesseln. Nun etwas bergan. Der Esel schritt immer noch schnell, und der Eseltreiber rannte keuchend nach. Schon erblickte ich das Schloß in der Nähe. Ich verging in Staunen. Wir bogen rechts ein, um auf der günstigsten Stelle die Stadt und ihre Umgebung zu überschauen. Man kommt an stehenden und gestürzten mächtigen Granitsäulen vorbei, welche, wahrscheinlich Trümmer von Memphis, über dem Grabe der Altzeit prangen.
Das ist nun Kairo unter meinen Füßen, seit Jahrhunderten ein Gegenstand der Bewunderung, früher weniger gekannt und von den Europäern nicht selten mit Fabeln angefüllt, von den französischen Heerschaaren bezwungen, von ihren Gelehrten gemessen, beschrieben, gezeichnet bis auf die kleinsten Einzelnheiten; das ist nun Kairo vor meinen Augen, die größte bekannte Stadt in Afrika, die zweitgrößte des osmanischen Reichs, eine der größten der Welt, mit den vierhundert Tempeln, mit den graulichen plattdächigen, kaminlosen Häusern in dem weiten Umkreise, mit den 200,000 Einwohnern[11]. Kaum kann das Auge ausruhen. Südwestlich liegt Altkairo, weiter weg der die Inseln umspülende Nil, dann die hoch aufragenden Pyramiden von Gizeh (Gîsa) und Sakâra, der wüste lybische Hügelstrich, und gegen Morgen der letzte Absenker des arabischen Gebirges. Vor allen Gebäuden zeichnet sich durch Größe der Hassantempel und gegen Sonnenaufgang die vielen Grabmale aus. Wo ist aber Babylon, wo Memphis? Du bist stumm, Maser el-A’tykah, und du, Gelände jenseits des Nilstroms.
Das Schloß stützt sich auf einen Abfall des Berges Mokatam, im Süden der Stadt. Es ist von festem Mauerwerk und sehr groß, so daß es für sich schon eine ordentliche Stadt bildet[12]. Das Stockhaus liegt im Umfange der Burg. Wegen der Schönheit wäre das Harem nicht nennenswerth. In der Nähe desselben standen Entmannte. Ein ungewöhnlich großer Mohr verrieth durch Haltung und Geberde, durch Stimme und Gesichtszug so völlig das bis zum kindischen unmännliche Wesen, daß der Kontrast sich tief in meine Seele prägte. Dem Auge des Kastraten fehlt der Glanz der Kraft und Liebe. Die ersten Frauenhüter sah ich eben in einem Schloßhofe um ein Pferd stehen, das, mit zusammengebundenen Füßen, auf dem Boden ausgestreckt war. Man schnitt demselben den Schweif ab, brannte dessen Stumpf mit einem Glüheisen, und brühte ihn dann in einer mir nicht bekannten Flüssigkeit. Die Kastraten schienen mit Wohlgefallen der blutigen Operazion zuzusehen. Man kann sich doch nicht bergen, daß man in Kairo leichter und schneller die Rosse englisirt, als die Araber zivilisirt.
Vom Militär, durch welches das Residenzschloß bewacht wird, stellt der Abendländer sicher nichts Geringeres sich vor, als von der orientalischen Pracht geblendet zu werden. Nichts weniger als Luxus. Dafür findet man zerrissene Kleider in Menge.
Wir traten in viele Hallen und Zimmer des Schlosses. Die Kanzlei hatte ganz den orientalischen Zuschnitt; ringsum der Diwan, d. h. eine niedrige, breite Polsterbank, ohne einen Tisch, bloß ein unbemaltes Pult steht einsam in einem Winkel. Die Kanzlei war heute leer, weil die Kanzlisten, koptische Christen, eben den Sonntag begingen. Es klingt in Wahrheit sonderbar, daß in Egypten die Staatskanzlei eines mohammetanischen Fürsten den christlichen Sonntag feiert. An den Werktagen wird der Diwan um und um von den Schreibern besetzt, um nicht zu sagen, belagert.
Was auf dem Schlosse meinen Geist am meisten und mein Gemüth am angenehmsten beschäftigte, war der sogenannte Jussufsbrunnen. Ein mohammetanisches Weib führte mit brennender Kerze mich hinunter. Es war unverschleiert; doch bisweilen schnappte es in das Kopftuch, um das häßliche, schwarzbraune Gesicht zu verhüllen. Zwei Kinder leuchteten mir nach. Der Brunnen, über 280 Fuß tief in den Kalkfelsen gearbeitet, ist viereckig. Man steigt auf einer Felsentreppe hinunter. Die Stufen lassen sich jedoch an vielen Orten wegen der darauf liegenden Erde nicht erkennen. Die innere Wand der Treppe durchdringen an vielen Orten Oeffnungen zum Einlassen des Lichtes. Wenn man zu einer gewissen Tiefe hinabgelangt, endet die Treppe, und mittelst eines Rades wird das Wasser in Krügen, welche an einem Seile befestiget sind und mit diesem umherlaufen, aus der Tiefe geschöpft und hier ausgeleert. Ein zweites Rad findet sich oben, welches mittelst der Krüge das Wasser von der nächsten Stazion heraufholt, um es dort ans Tageslicht zu bringen. Von dem Orte, wo das untere Wasserrad angebracht ist, senkt sich der Brunnen bis zum Wasserspiegel, welcher mit dem Nil die Höhe theilt, so tief, daß einige Sekunden verstreichen, bis man den Fall des hinabgeworfenen Steins vernimmt. Neben dem untern Rade greift eine Kerbe in den Fels, wo ein weiß marmorner Turban, das Grabmal des Jusef Salâh el-Dyn (des berühmten Saladin), ruht. Man fühlt in der Tiefe eine angenehme Temperatur, und es fällt eben so leicht, als es die Mühe lohnt, Zeuge eines so merkwürdigen Denkmals zu sein. Mich erinnerte dieser Erdenthurm und die Treppe an den Markusthurm und dessen Treppe in Venedig.
Vom Schlosse weg wendeten wir uns, indem wir die auf einen Schutthügel gebauten Batterien zur Linken ließen, gegen den nach Suez führenden Wüstenweg, um die Moscheen und Grabmale der Großen (Turâb Kâyd-Bei) zu durchstreifen. Jener Hügel verdeckte unsern Blicken die Stadt, und das Schloß sperrte die Aussicht nach Süden. Die Grabmale, in einem Thale auf sandigem Grunde, stellen meist Thürme oder Moscheen dar. Von diesen umringt, glaubt man sich mitten in einer Stadt; man ist in einer Leichenstadt. In der Bauart der Grabmale bespiegelt sich offenbar der schmuckselige Sarazene, welcher Fleiß mit Geschmack verband. Große Schätze sind an den unbewohnten ansehnlichen Gebäuden aufgegangen; aber leider zerfallen diese, und lassen den Genossen unserer Tage eine Reihe von Jahrhunderten aus der Urne der Zeit verwünschen, damit er dieselben in dem Zustande der Unversehrtheit bewundere. Beim Anblicke zerstörter oder der Zerstörung entgegeneilender, ausgezeichneter Kunstwerke möchte man beinahe vorziehen, daß sie nie entstanden wären, nur um des bittern Schmerzes über ihren Zerfall überhoben zu werden.
Das Militärkrankenhaus.
In der Esbekieh nimmt ein Krankenhaus den Kriegsmann auf. Für das Zivil würde man eines nach europäischer Einrichtung vergebens suchen, — doch mit Ausschluß der Franken, welche in ihren kranken Tagen allerdings öffentliche Pflege erhalten, indem sie in dem Militärkrankenhause untergebracht werden. Ausnahmsweise hat das arabische Zivil ins Spital ein junges Mädchen geliefert, bei welchem die Steinoperation vorgenommen werden mußte.
Das Gebäude ist massiv von Stein erbaut, und begreift zwei Höfe in sich. Es enthält große Säle; so einen mit 24, einen andern mit 60 Kranken. Die Krankenzimmer sind auch licht; aber in einigen kam dem Eintretenden ein unangenehmer Geruch entgegen, das zuverlässigste Zeichen, daß sie nicht reinlich genug gehalten werden.
Man traut den eigenen Augen kaum, wenn man zu einem Araber geführt wird, welcher mit Arsenik das Gesicht sich raubte, um des Militärdienstes unfähig zu werden. Fälle, daß die Araber in dieser Absicht sich mit Blindheit schlagen, ereignen sich nicht selten. Aus dem gleichen Grunde werden auch Finger verstümmelt, Zähne ausgebrochen u. s. f. Eine Mutter stach ihrem Sohne ein Auge heraus, um ihn nicht verlieren zu müssen.
Die Apotheke des Spitals sieht sehr unscheinbar aus. Es ist merkwürdig, wie hier Leute zu Apothekern geschnellbleicht werden. Ein polnischer Offizier berechnete, daß er als Apotheker besser stehen würde. Er meldete sich an, ist gegenwärtig als Apotheker angestellt, und bildet sich auf seine Kunst sehr viel ein. Unwissenheit und Eigendünkel gehen Hand in Hand. Ein weiland österreichischer Aide-Major hielt sich einst eine Zeitlang in einer Droguerie auf. Er bewarb sich um eine Apothekerstelle, bekam Anstellung, und eben während meines Aufenthaltes in Kairo durchsprang er einen Theil der kurzen Lehrzeit (von beiläufig einem Monate). Dieser Leichtsinn, womit die Stellen im Gesundheitsdienste verliehen werden, erscheint indeß in einem mildern Lichte, wenn man den großen Mangel geeigneter Subjekte ins Gedächtniß zurückruft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Regierung der Aufnahme solcher Glücksritter in den Staatsdienst einen Riegel vorschöbe, wenn ihr eine Auswahl zu Gebote stände. Man macht in Egypten, wie anderwärts, aus der Noth eine Tugend.
Die Narrenmenagerie.
Es gibt Leute, die sich an den Namen mehr ärgern, als an den Dingen. Bei solchen besorge ich wohl, daß sie an dieser Ueberschrift Anstoß nehmen. Vorläufig möchte ich sie aber damit beruhigen, daß der Ausdruck, so hart er klingen mag, doch nicht härter ist, als die Sache, die er bezeichnet.
Um dem Eseltreiber verständlich zu machen, wohin ich wolle, ließ ich ihm sagen, daß er mich dahin führe, wo die Narren und die Närrinnen seien.
Ich kam in einen Palast, das berühmte Spital Muristan, welches mit der schönen Moschee gleichen Namens zusammenhängt. Ein geduckter, etwas kleiner Mann mit einem grauen Barte, stand in einem Vorzimmer; er fiel mir zuerst nicht auf. Es war der Menagerieinspektor. Mein Führer eröffnete ihm meine Absicht, — denn ich konnte durchaus nicht arabisch, — und ohne Anstand ward mir der Eintritt bewilliget. Noch aber ließ ich Brote holen, um sie unter die Kranken zu vertheilen. Die Zufriedenheit mit Wenigem ist in der Regel ein Zeichen echter Selbstbeherrschung; die Zufriedenheit mit einem geringen Geschenke zeugt gemeinhin von wahrer Dürftigkeit. Auf diese zählend, hoffte ich mit meinen Kleinigkeiten Liebes zu thun.
Nun wurde die Thüre aufgeschlossen. Ich war nur Auge, nur Ohr. Ein viereckiger Hof, in dessen Mitte ein steinernes Becken, selbst mit dem unlautern Wasser, fürs Auge gute Wirkung macht, zieht voraus den Blick an sich. Der erste Eindruck verspricht Gutes; allein er trügt nur zu gewiß: denn den gefälligen Hof umgeben lauter Käfiche, an Stattlichkeit und Solidität gleich denjenigen für die Thiere, welche zur Schau gestellt werden. Um den Schein einer Menagerie zu vollenden, erheben sich die Krankenzellen bühnenartig. Das Licht und die Speisen gelangen durch ein eisernes Gitter, welches nicht Manneshöhe erreicht. Die Zelle ist schmal, doch hoch. Ich konnte die Zellen und die Kranken nicht zählen; denn der Menagerieinspektor sputete sich zu sehr, weil er vielleicht meinte, daß die Kranken beim Anblicke eines Giaur (Ungläubigen) gewaltig beunruhiget würden. Ich glaube, daß den Hof sechszehn Zellen umfassen. Sie sind sämmtlich von festem Mauerwerk. In den meisten Zellen fand ich einzig einen Kranken, in einer andern aber selbst drei, wovon einer angekettet war. Der letzte nämlich trug ein Halseisen mit einer langen Kette. Diese lief durch das Gitter, und ward so weit unten festgemacht, daß der Kranke mit den Händen die Endglieder derselben nicht ergreifen konnte. Hände und Füße blieben dabei ungefesselt. In Europa würde man bei solcher Anfesselung das Selbsterdrosseln befürchten. Zur Bettung dient dem Kranken im besten Falle etwas Stroh, sonst der harte Boden. Dieß ist nicht das Herbste des Schicksals. Wie der Hunger die Küche bald gut bestellt, so bereitet der Mangel an Schlaf dem schwankenden und trunkenen Haupte ohne Schwierigkeit einen Polster, und am Ende macht sich die Macht der Gewohnheit geltend. Vielleicht werde ich letztern Satz gelegentlich einmal wiederholen, weil dessen Wahrheit beinahe nie genug ausgesprochen und beherziget werden kann. Einige Kranke waren ordentlich gekleidet, andere aber wenig oder fast gar nicht.
Wie ich vor die ersten Käfiche trat, wollte ich das Brot selbst austheilen; allein der Menagerieinspektor wand mir es mit einer Meisterfertigkeit aus der Hand, und mir war klar, was ich thun oder lassen sollte. Meine fränkische Person schien den Unglücklichen wenig Aergerniß zu geben; sie haschten, wie kleine Kinder, nach dem Geschenke, welches ihre Aufmerksamkeit für den Augenblick verschlingen mochte. Nur ein Andächtiger, der betend auf den Knieen lag, und den Boden anglotzte, nahm von Allem, was vorging, keine Notiz. Dagegen betrug sich sein Nachbar um so rühriger, und er erhob ein betäubendes Geschrei. Der Aufseher warf einen Lappen Brot ihm zu. Das war der Friedensbote, welcher alsobald den Sturm besänftigte, nachdem eine Art Mensch, vielleicht ein Menagerieknecht, vergeblich den Stock über ihn geschwungen hatte. Schlagen sah ich nicht.
Uebrigens hält man mit dem Schlagen oder Peitschen in Egypten keine genaue Rechnung. Jeder Herr peitscht oder prügelt seinen Diener. Das Schlagen des kranken Irren wird in Egypten unzweifelhaft nicht die gleiche Wirkung hervorbringen, welche man sich in Europa versprechen würde, und wenn in diesem Welttheile mit dem verwerflichen, barbarischen Mittel zur Seltenheit Heilungen erzielt wurden, so würde es von dem ans Schlagen beinahe mehr als ans Brotessen gewöhnten Araber mit Gleichgültigkeit, wenigstens mit abprallender Härte ertragen werden.
In der Flüchtigkeit ward ich ruhige Gesichter und gut genährte Leute in den Käfichen gewahr. Es beschwichtiget gewissermaßen zuletzt der gegründete Glaube, daß die Eingekerkerten doch nicht mit Hunger gequält werden.
Als ich schon zur Thüre hinaus war, hörte ich noch den Lärm der Irren, selbst vor dem Geklirre der Ketten. Von der Besorgung der Närrinnen weiß ich weder etwas Rühmliches, noch etwas Tadelnswerthes. Den Männern ist der Eintritt in die Weiberzellen untersagt, wohl aber Knaben bis zum Alter von ungefähr neun Jahren erlaubt.
Bei einem zweiten Besuche vergönnte man mir mehr Zeit. Ich konnte achtzehn Käfiche zählen. Dießmal überzeugte ich mich von der zurückstoßenden Unreinlichkeit. Daß in diesen Krankenställen keinerlei Versuche zur Heilung vorgenommen werden, versteht sich von selbst.
Das kultivirte Europa schaudert wie vor der Einrichtung der Observazionsanstalt in Alexandrien, so vor einer solchen Behandlung unglücklicher Irren. Wie lange her ist es aber, daß dort das Licht der Humanität glänzt? Noch vor einem Jahrhunderte wurden die unschuldigsten Gemüthskranken, gleichwie die schuldigsten Verbrecher, fast durchgehends in Ketten geworfen. Vielleicht werden die bemitleidenswerthen Gemüthskranken an das eiserne Kriegsherz des Pascha klopfen, daß es erweicht wird, und falls er dem gräßlichen Uebelstande wehrt, so flicht er sich schönere Lorbeeren um sein Haupt, als wenn er noch einmal Militärkrankenhäuser, Arzneischulen und andere Anstalten, Pulvermühlen und andere Fabriken ins Dasein riefe, und er bleibt unsterblicher unter den Sterblichen, als wenn auf sein Machtwort der Anbau einer zweiten Baumwolle und eines zweiten Oelbaumes u. dgl. gediehe. Insbesondere die edeln Züge des Zartgefühles für das Wohl und Weh aller Menschen, ohne Ansehung des Standes und des Vermögens, erwartet das aufmerksame Europa von dem schöpferischen und durchgreifenden Vizekönige des Egyptenlandes.
Die Stadt der Einäugigen und der Blinden.
Man nennt wohl keine Stadt in der Welt, worin so viel Einäugige und Blinde wohnen wie in Kairo. In keiner Stadt, würde der Spötter sagen, wird öfter ein Auge zugedrückt, und ist die Liebe blinder. Man ziehe bloß die Gasse hin und her, und bald wird die Aufmerksamkeit von einem Manne gereizt, der mit einem Stocke den Weg befühlt, oder seine Rechte auf den Kopf oder die Schulter einer Person legt, die als Wegweiser vorangeht. Selbst die Blinden wandeln nicht mit Andern wie in Europa, wo sie am Arme geführt werden. Man weiß beinahe nicht, ob man über das Glück Unglücklicher lachen darf, wenn man wahrnimmt, wie etwa drei Blinde einander leiten und leiten können.
Einst schilderte man das Gedränge in der Stadt als so groß, daß man jeden Augenblick Gefahr laufe, Jemand umzubringen oder umgebracht zu werden. Diese Schilderung kann für die jetzige Zeit nicht gelten. Ich sah in einer sehr besuchten und belebten Gasse, gleich vor der Hauptwache über der Brücke, einen blinden Greis allein, freilich in kurzen und furchtsamen Schritten, sich vorwärts bewegen, ohne daß er umgebracht oder auch nur unsanfter berührt wurde. Es ist hinwieder eine natürliche Sache, daß die Sehenden noch gefahrloser ihres Weges gehen, als die Blinden.
Das öffentliche Bad.
Die Südländer haben eine fischartige Natur. Bäder sind ihnen Bedürfnisse.
Ich trete in ein großes, von oben beleuchtetes Zimmer. In der Mitte ein Wasserbecken. Darum ein mit Marmor ausgelegter Boden. An den Wänden eine Bühne; darauf Bettpolster in Menge. Neben der Pforte eine Art Kanzel. Von der Bühne streben jonische Säulen empor. Am Eingange in das Dampfgewölbe eine kleine Kaffeeküche, aussehend wie ein Doppelkästchen mit einem Raume dazwischen[13]. Ich bin im Entkleidezimmer; auf den Polstern der Bühne die Badegäste; auf der Kanzel der Geldeinnehmer.
Der Badende steigt auf die Bühne. Er entkleidet sich. An der flinken Hand des Badeknappen fliegt im Nu ein weißes Tuch ihm um die Lenden. Ein Tuch von bunter Farbe schlägt der Badeknecht ihm über die Brust, und ein anderes über den Rücken, das erste hinten und das letztere vorne bindend. Den Kopf umwickelt er, auf daß ihn ein Turban schütze und ziere. Das die vollkommene Bademontur, es fehlen einzig noch die Kapuzinerschuhe, in die man schlüpft, sobald man von der Bühne herunter gestiegen ist.
Jetzt geht der Badende behutsam davon, damit er nicht auf dem nassen und glatten Marmorboden niederglitsche. Durch einen engen, düstern, gewölbten Gang gelangt er in ein Zimmer: das Ent- und Ankleidezimmer in der kältern Jahreszeit, weil es gewärmt werden kann.
Er kommt durch eine Thüre in ein Gewölbe. Das Licht dringt mühsam und spärlich durch kleine, runde, mit Glas hermetisch verschlossene Oeffnungen von der Kuppel herab. In der Mitte ruht ein Wasserbecken. Aber er weilt dießmal hier nicht.
Durch den warmen Dampf links oder rechts einige Treppenstufen hinauf, er befindet sich in einem kleinen, noch düstrern Gewölbe, worin warmer Nebel ihn umschwebt. In der Mitte ein Wasserbecken, tief bis an das Kinn. Der Knappe entwindet ihm all’ das Badegewand bis an die Lendenschürze. Es ist das Wasser aber allzu heiß, und er taucht nicht unter. Andere scheuen indeß die Hitze minder, und man erblickt, spaßhaft genug, bloß noch ihre Köpfe. Er begnügt sich, neben dem Wasserbecken auf dem harten Marmorboden sich hinzustrecken und daraus auf seinen Körper fleißig Wasser zu schwenken. Ein Araber, nur mit einem Tuche an den Hüften umschürzt, legt ihn zurecht, und, mit einem wollenen Handschuhe versehen, reibt er seine Haut in geschäftigem Hin und Her, doch sanft und ohne wehe zu thun.
Hierauf in das letzte Gewölbe zurück. Hier seift ein Bursche den ganzen Körper ein, und der Badende tritt mit dem schaumigen, seifenweißen Leibe in ein kleines Nebengewölbe, wo zwei Röhren mit Hähnen über ein Becken sich krümmen. Aus der einen Röhre fließt warmes und aus der andern kaltes Wasser. Hier wird die Seife am Leibe abgespült, indem dieser den prallen Strahl der Röhre bricht, und zu guter Letze hilft die Hand dem schwemmenden Brunnen.
Zurück in das gleiche größere Gewölbe der Mitte. Hier hätte der Badende, statt die Stiege hinaufzugehen, in einem Becken an der Wand, wie in einer Badewanne, sitzen können, worein das Wasser mit der beliebigen Wärme geströmt wäre.
Schon ist der Badende ausgedämpft, ausgespült, ausgerieben, ausgewaschen, hoffentlich fix und fertig. Er tritt, allenthalben von trockenen Schürzen und Quehlen umfangen, aus der Dämmerung ans Licht, aus dem Qualm ans Trockene, aus dem heißen Mittag in den kalten Nord. Er besteigt die Ankleidebühne, beinahe vor Kälte schaudernd. Er lagert sich auf dem Polster. Ein Bursche deckt ihn zu. Sanft drückt dieser ihm die trocknenden Hüllen an den Körper. Er will den Badenden an der Fußsohle kitzeln. Dieser kann es nicht leiden, und weigert sich dessen. Er hat Zeit genug, seine Schaulust an Andern zu befriedigen, welche dort eben eintreffen, hier zum Ausgehen sich anschicken. Er ist frei vom Naß, und es fehlt nichts mehr, als daß er sich anziehe und dem Geldeinnehmer eine Kleinigkeit gebe.
Der Dampf in den Gewölben übte weder den beklemmenden Einfluß auf mich, wie auf andere Franken, aus, noch wirkte die kältere Atmosphäre im Ankleidezimmer mit ausnehmend erfrischender Kraft. Ich fühlte mich nach dem Bade allerdings leicht, und damit vertrieb ich eine leichte Unpäßlichkeit, welche ich dem Zurücktreten der Hautausdünstung in einem innern Theil zuschrieb.
Bei dem morgenländischen Bade müssen drei Dinge erwogen werden: der Dampf, das warme oder heiße Wasser und die Reibungen. Es sind dieß so wirksame Agenzien, daß die hohe medizinische Wirksamkeit selbst demjenigen, dem gründlichere Kenntnisse in der Arzneiwissenschaft abgehen, nicht begreiflich gemacht werden darf. Andrerseits will ich nicht verhehlen, daß der schnelle Uebergang aus dem heißen in ein kaltes Mittel, also der rasche, schnelle Wechsel der Temperatur, manchmal Schaden zufügt. Einen solchen Fall nahm auch ich wahr.
Der Apparat des Bades scheint ursprünglich nur die Reinigung des Leibes zum Ziele sich gesetzt zu haben, mithin mehr der Hygieia, als der Heilkunde anzugehören. Diesen Zweck erreicht das Bad mit Leichtigkeit. Nach dem Bade erscheint viel geschmeidiger auch die Haut, von welcher die Unreinigkeiten sich ordentlich abschuppen, so völlig rein wird sie.
Der Dampf wird nicht förmlich bereitet. Er steigt von den heißen Wassern auf, und man wendet bloß Sorgfalt an, ihm jeden Ausweg abzusperren. Es liegt am Tage, daß darunter die Reinheit der Luft leidet. Ich soll übrigens bekennen, daß kein besonders unangenehmer Geruch in den Gewölben mir aufstieß.
Man liest in den Schriften, daß von Seite der Bader, außer dem Kneten der Glieder, auch eine Art Aus- und Einrenken geschehe. Ich ließ diese Manipulation an mir nicht vornehmen, noch sah ich sie an Andern.
Das komplizirte Bad ist so außerordentlich wohlfeil, daß es auch der ärmere Araber benutzen, und dadurch dem Gesetze Mohammets nachleben kann.
Man darf die Badeanstalt des Morgenlandes nicht verlassen, ohne zu bedauern, wie sehr die Hautkultur im Abendlande vernachlässigt wird.
Wie die Egypzier im sechszehnten Jahrhunderte die Bäder gebrauchten.
Ich wähle einen treuen Beobachter, den Doktor Prosper Alpinus, als Führer in die Hallen der Vorzeit. Darf denn der Reisende nicht auch bisweilen einen Schritt in dieselben wagen?
Wie die Nordländer, so überliefert Prosper Alpinus, Vieles zum Wärmen, so haben die Egypzier Vieles zum Kühlen, als: die vielen Brunnen in den Wohnungen, insbesondere aber die Süßwasserbäder, diese jedoch auch zu Verschönerung des Körpers. Zu den Bädern nimmt man einfaches, geläutertes Nilwasser, ohne Beimengung von Medikamenten. Die Badeanstalten sind sehr zahlreich, geräumig und prachtvoll. Das Badehaus besteht aus mehrern von einander geschiedenen Gewölben, worin die Leute schwitzen, gerieben und gewaschen (gebadet) werden. Ungefähr im Mittelpunkte der Badeanstalt steht das An- und Entkleidegemach.
In den verschiedenen Badegewölben herrscht ungleiche Temperatur, nach den Bedürfnissen der Badenden. Die Böden sind mit Marmor zierlich ausgelegt, und jeder abgeschlossene Raum hat zwei marmorne Becken, in welche das Wasser herabfällt. An dem gewölbten Dache sind die Glasscheiben gleichsam eine Zierde, und fügen sich so genau, daß von Außen keine Luft eindringen kann. Die Badegewölbe empfangen ihre Wärme vom Dampfe des in die Marmorbecken fallenden heißen Wassers. Wer da will, kann jederzeit zwischen heißen, lauwarmen und kalten Bädern wählen. Die mäßig warmen sind die gemeinsten.
Weil die Egypzier das ganze Jahr vom Staube umgeben sind, und beständig von Schweiß triefen, so werden sie der Träger vieler Unreinigkeiten, weßwegen sie übel riechen, und an Ungeziefer nichts weniger als Mangel leiden. Darum ist bei den Egypziern das Baden so gebräuchlich, zumal beim weiblichen Geschlechte, das sich mehr angelegen sein läßt, durch Beseitigung der Unreinigkeiten und durch Verscheuchung des übeln Geruches den Körper gefällig zu machen, auf daß es den Männern um so lieber sei. Die Frauenzimmer waschen sehr oft den Körper in den Bädern, und überziehen ihn mit wohlriechenden Salben, die vermöglichen mit solchen von Bisam, Ambra, Aloe. Beinahe unglaublich groß ist der Gebrauch von Salben zu Verbesserung des Geruches und zu Weckung sinnlicher Begierden. Wie aber die Italienerinnen und andere Abendländerinnen allen Fleiß auf den Haarputz und auf die Verschönerung des Gesichtes verwenden, so vernachlässigen die Egypzierinnen wenigstens erstern.
Viele Weibsleute trachten durch das Baden auch fetter zu werden. Je dickleibiger sie sind, desto lebhafter werden sie von den Männern begehrt. Man wird daher eine große Menge ungemein fetter Frauenzimmer antreffen. Es hielt sich in Kairo ein Weib auf, welches in der Kunst, fett zu machen, ihren Broterwerb suchte. Man legt es ordentlich darauf an, fett zu werden. Zu dem Ende baden die Frauenzimmer in lauem Süßwasser viele Tage hinter einander. Indeß sie lange im Bade verweilen, essen und trinken sie darin, und gebrauchen Lavements, die aus verschiedenen fetten Substanzen bereitet werden. Gleichzeitig nehmen sie viele innerliche Medikamente ein. Es steht durch eigene Erfahrung fest, daß mehrere Frauenzimmer durch ein solches Badeverfahren viele Tage hinter einander, in Verbindung mit reichlicher Ernährung durch den Mund, fett wurden. Unter den Speisen wählen die Kandidatinnen der Fettigkeit viel fette Brühen mit Bammia, Melochia und Kulkassia, gewöhnlich eine Suppe von fetten Hühnern, auf egyptisch Maluf. Jedwedes Frauenzimmer trinkt die ganze Suppe von einem Huhne, und verzehrt hernach dieses selbst. Viele dürftige Weiber nehmen das sogenannte Thaine, oder das Oel von indischen Nüssen, oder den Absud von Chinawurzeln, oder den Sesamölkuchen, welcher mit dem Fleische fetter Hühner und mit der indischen Nuß zugleich gekocht wird u. dgl. Allein vor Allem preist man den täglichen Genuß zehn gerösteter, gemeiner Zwiebeln vor Schlafengehen, und zwar etwa fünfzehn bis zwanzig Tage hinter einander. Bei dieser Kur verspüren die Frauenzimmer nicht die mindeste Beschwerde.
In Egypten verläßt Niemand das Bad, ohne gerieben zu werden. Die Reibknechte lassen die Person, welche zuerst beinahe eine Stunde im Bade ausgehalten, und absichtlich gebrochen oder wenigstens geschwitzt hat, auf einen Stuhl sitzen, sie kneten und behandeln alle Körpertheile des Dasitzenden auf verschiedene Weise. Sie fangen bei den Füßen an, und bewegen sie vorwärts, rückwärts und seitwärts, bald dann die Unter- und Oberschenkel nach allen Richtungen; sodann die Hände, jeden Finger besonders, darauf die Arme, die Schulter und ihre Blätter, hernach den Hals, den Kopf, die Brust und den Rücken nach allen Seiten. Es geschehen diese Bewegungen drei- bis viermal.
Darauf heißen die Reibknechte den Badenden auf den Marmorboden rücklings sich legen, und beginnen den ganzen Körper zu reiben. Es gibt dreierlei Reibungen: 1) die sanfte und mittelmaßige, mit der bloßen flachen Hand, welche manchmal mit Sesamöl eingerieben wird, 2) die mittelmäßige und häufige, welche mit roher Leinwand geschieht, und 3) die harte und mittelmäßige, mit rauhem Tuche von Ziegenhaaren. Man fängt, beim Reiben der vordern Körperfläche, an den Füßen an, ihre Muskeln werden der Länge nach gerieben, indem die Hände von oben nach unten fahren — von Gelenke zu Gelenke, was mit großer Geschicklichkeit und Zierlichkeit ausgeführt wird, ohne ein Gelenk zu überhüpfen; dann kommt die Reihe an alle Gelenke und Muskeln der Schienbeine, Wadenbeine, Kniescheiben, Oberschenkel, hernach der Hände, Arme, der Schultern und Schulterblätter, so wie des Gesichtes, des Halses, der Brust, der mittlern Gegend des Abdomens. Nachdem dieses geschehen, wird der Körper auf den Bauch umgelegt, und die hintere Fläche nicht anders behandelt, als die vordere. Die drei Arten von Reibungen werden eine um die andere, von der sanften zur harten ansteigend, vorgenommen.
Nach den Reibungen wird der Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel hinauf eingeseift, darauf in heißem Süßwasser abgewaschen und der Schmutz abgestreift. Ueberdieß bringen die Badeknappen die Füße des Badenden in eine gewisse Pflastermasse, welche gegen die feuchten und übel riechenden Füße herrliche Dienste leistet, auch diese orangegelb färbt. Es ist Sitte gemeiner Frauen, die Nägel der Hände und Füße so zu färben.
Der Sklavenmarkt.
Den fühlenden Menschen nimmt nicht leicht etwas lebhafter in Anspruch, als der Sklavenmarkt.
Wie die Welt anfing, zu glauben, daß Gott die Hände und Fäuste nicht derb genug geschaffen habe, womit sie sich plagen und züchtigen könne, entsprangen die Waffen. Diese sind nun die seltsamsten Wappen des Menschenadels. Mit solchen Gedanken betrachten wir die Karbatschen oder Peitschen, die aus der Haut des Nilpferdes gearbeitet sein sollen. Dort werden sie am Eingange eines Hofes verkauft, und deuten den Markt so gut an, als wäre er mit großen Buchstaben überschrieben. Sklaven in einem Hofraume, andere in daran liegenden Zimmern, andere hinwieder oben in Kammern und auf einer Gallerie — das ist das Sklavenokel. Die schwarze Farbe, die Blöße der Weiber bis zu den Lenden herab, das müßige Sitzen oder Liegen der Sklaven auf kleinen Gerüsten (egyptischen Bettstellen) oder auf dem Boden befremden den Ankömmling in gleichem Grade. Ich sah keinen Sklaven weinen, manchen lachen und scherzen. Die meisten waren jung; ein einziges altes Weib erblickte ich. Wie ich das erste Mal in den Sklavenmarkt trat, mochten an zweihundert Sklaven zum Verkaufe ausgestellt gewesen sein. In wenigen Tagen waren davon viele aufgekauft. Die Sklavenverkäufer, welche, mit der Pfeife im Mund, wie ein Krämer auf den Käufer mit gespannter Seele harren, verübten vor meinen Augen keine Grausamkeit an den Sklaven. Einer unter ihnen bemühte sich nicht wenig, ein weißes junges Mädchen, die einzige weiße oder doch halbweiße Sklavin, mir aufzuschwatzen.
Mehrere Weiber besuchten den Markt und waren eben im Kaufe begriffen, ohne daß sie die Sklaven berührten. Diese werden zu sehr ungleichen Preisen losgeschlagen; ein junger Bursche etwa zu 50 bis 60 Reichsgulden und ein ausgewachsenes schwarzes Mädchen zu 120 Gulden R. W. Auch dem Europäer wird der Kauf von Sklaven gestattet. Auch er erzählt mit Freude oder Reue, was für einen guten Handel von Menschen er getroffen habe. Die Polizei mischt sich nicht ein, welche Laster er an den Sklaven, als seinem Eigenthume, abkühlen würde. Ihr gilt völlig gleich, wenn er zwanzig Sklavinnen, zu jedem beliebigen Zwecke, erhandeln sollte, selbst wenn sie sich schon zum Mohammetanismus bekennen.
Jüngere Sklaven zeigten sich noch in ihrer ganzen Nazionaltracht, wie man bei uns die Wilden abgezeichnet findet. Von einem Gürtel um die Hüften hangen etwa einen halben Fuß lange Fransen herunter. Den Hals schmücken Korallen, darunter weiße, welche mit den weißen Zähnen, und dem Weißen im Auge gegen die schwarze Hautfarbe grell abstechen. Unter den Mohren gab es selten einen mit schlechten Zähnen. Mehrere Sklaven waren über und über blatternnarbig; andere litten an einer Art Krätze, welche man Nilkrätze nennt. Die meisten Weibsleute behielten den Haarputz aus ihrem Geburtslande, so viel ich weiß, Nubien oder Abyssinien. Winzig gerollte und ziemlich lange Locken erwecken eine günstige Meinung; allein der Schmutz widert im höchsten Grade an. Manche trugen die Locken scheitelförmig.
Der häßliche Geruch, welchen das Zusammenleben vieler Menschen begleitet, macht den Sklavenmarkt zu einem wenig einladenden Orte. Die Stiege, welche auf die Gallerie führt, deckt das Garstigste, was der Mensch von sich wirft, in dem Maße, daß man ihm kaum ausweichen kann, sofern man jene ersteigen will. Die Unreinigkeiten würden auf dem Sklavenmarkte wahrscheinlich noch mehr sich häufen, wenn nicht das Interesse wohlthätig ins Mittel griffe. Zuviel Nachsicht schadet der Gesundheit — so studirt man praktisch die humaniora — und — — kranke Sklaven gelten minder, und todte verderben den Handel ganz. Es sucht doch allenthalben die Natur an der Unnatur sich zu rächen.
Nirgendwo mag man ernster aufgefordert werden, Betrachtungen über Selbstständigkeit und Freiheit des Menschen anzustellen, als auf dem Sklavenmarkte, dort wo nicht die Vernunft über dem Materiellen, sondern das Geld über der Vernunft steht. Für was Anderes wird denn die Vernunft angesehen, als für etwas grobes Wägbares, wenn man so und so viel Gold oder Silber in die eine und die von Gott verliehene Vernunft in die andere Wagschale legt? Da wird das zerknirschte Herz jubelnd dem Schöpfer danken, daß man frei geboren ist, und daß man nicht, wie das Vieh ohne freien Willen, einem Herrschlinge blinden Gehorsam leisten muß. So lange indeß der Sklavenhandel nicht abgeschafft wird, so lange ist unser jubelnder Dank nicht völlig ungetrübt von Besorgnissen, so lange ist Niemand sicher vor dem traurigen, wiewohl für die große Mehrzahl von Menschen höchst unwahrscheinlichen Schicksale der Knechtschaft. Sowohl Mitleiden, das man für den Nächsten hegen sollte, als der mögliche Fall, daß man selbst in Sklaverei gerathen könnte, fordern so laut die Verstopfung jener unmenschlichen Erwerbsquelle mit einer Festigkeit, daß sie auf immer versiege.
Das Katzenstift.
Wenn man an der schönen Gâma’ (Tempel) el-Muristân vorbeikommt, so lenkt man in eine gewölbte Gasse ein. Im Halbdunkel windet man gleichsam sich fort. Endlich erblickt man ein heiteres Gebäude. Man ist schon im Hofe des Kadi und Mufti, wo die Katzen gefüttert werden. Das Gebäude heißt, meines Wissens, das Muristàn-el-Kadym. Wir waren noch zu frühe, um der Fütterung zusehen zu können; wir mußten el-Asser (etwa viertehalb Stunden nach Mittag) abwarten.
Indeß wir müßig herumstanden, näherte sich uns ein Mann in sehr freundlichem Tone. Weil wir in dem Hofe des Hohenpriesters oder Mufti uns befanden, so meinte er, daß wir unsere christliche Religion abschwören wollen, und er fragte, wer beschnitten zu werden wünsche. Er bot sich an, die Beschneidung für 20 Para zu unternehmen. So verteutschte einer der Franken, wenn diesem anders zu trauen war. Es bedurfte nur eines Jawortes, und wir vier wären sämmtlich, ohne weitern Vorgang, in einer Viertelstunde Moslim geworden. Wie vieles Fragen, Bekennen, Schreiben und Laufen dagegen in Europa, bis man in den Schooß einer andern Kirche treten darf, während doch so viel Zeit aufgeopfert wird, um Andere zu bekehren, welche Zeit der Mohammetaner in der Regel, mit der Pfeife Tabak, auf dem Diwan zubringt.
Wir wollten begreiflich keine Mohammetaner werden. Inzwischen folgten wir der Einladung zum Kadi. Erst traten wir durch den offenen Gerichtssaal, der leer war; dann schritten wir durch die Vorsäle. Ein rother Vorhang vertrat an einem Orte die Thüre. Wir wurden hier durch in den großen Saal geführt, worin sich der Kadi aufhielt. Es gibt nichts Einfacheres, als den Saal. Den weiten Raum schmückt nicht eine einzige Geräthschaft, außer dem Diwan, welcher an den Wänden herumläuft. Daß man keinen Glanz suche. Bloß die Decke des Zimmers war bemalt, doch nicht mit Figuren und ohne Geschmack. Der Kadi hockte auf dem Diwan, in einer Ecke am Fenster, die Pfeife im Munde: ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit blassem Angesichte, lieblichem, schwarzem Auge, und schwarzem Bartbusche. Er trug einen dunkelfarbigen Turban und Rock. Kein Buch lag ihm zur Seite. Nur las neben ihm ein Mann für sich ein großes, geschriebenes Blatt.
Wir machten unsere Komplimente, so gut wir konnten. Wir fuhren mit der Rechten auf Brust, Mund und Stirne, und senkten unsere Köpfe, worauf die Mützen fein blieben. Der Kadi lud uns ein, Platz zu nehmen. Wir setzten uns, nach europäischer Art, auf den Diwan. Sogleich wurden wir mit schwarzem, unversüßtem Kaffee bewirthet. Die Diener trugen ihn in kleinen Schalen, welche, von bemaltem Porzellan, in einem goldenen Becher ruhten. Der Kaffee dampfte vor Hitze, wie man ihn in Kairo zu trinken pflegt. Ich befand mich in einiger Verlegenheit, weil ich ihn schnell trinken sollte, und ich mir nicht gerne wehe thun wollte. Trotz meines fleißigen Blasens, als hätte ich verfrorene Hände aufzuwärmen, und trotz meines langsamen Trinkens, so daß ich als der letzte die Schale dem auflauernden Diener zurückgab, brennte ich mich doch ein wenig an der Zunge. Die Gesellschaft fordert allezeit von der Freiheit ein Opfer.
Fragte der Kadi, ob unser Gewissen in Ordnung wäre, ob wir Beruf fühlten, es bei den Mohammetanern gehörig einrichten zu lassen. O nein. Unsere Unterhaltung berührte weltliche Dinge. Er erkundigte sich nach dem Vaterland eines Jeglichen von uns. Nachdem wir sodann seine Neugierde und wir mit Herumschauen die unserige befriedigt hatten, wiederholten wir unsere Komplimente und gingen hinweg.
Endlich war Mahlzeit für die Katzen. Ein Knabe rief mit einem eigenen Laute, und plötzlich sammelten sich etwa zwölf Katzen. Er warf ihnen Fleischstücke vor, die sie sogleich verschlangen. Kaum aber lag das Fleisch auf dem Boden, so wurde der Hofhimmel plötzlich lebendig von mehr denn einem Dutzende herumflatternder Raubvögel. Diese erfrechten sich so weit, daß sie das Fleisch zwischen den Katzen wegpickten, und hart an meinem Kopfe vorbeischwirrten. Die Katzen selbst, auf ihre Speisen nicht minder versessen, achteten nicht einmal der fliegenden Räuber. Der Knabe schleuderte einige Male Stücke Fleisch nur ungefähr in die Luft, und sie fielen nicht mehr herunter; denn die Vögel pickten im Fluge sie weg. Es ist nicht ohne Werth, zu beobachten, wie sich auch die Thiere an eine Zeitordnung gewöhnen. Warum sollen denn gewisse Menschen allein so ordnungslos leben?
Eine Frau, unzweifelhaft eine Liebhaberin der Katzen, stiftete, heißt es, ein Vermächtniß zu dem Zwecke, daß Katzen, namentlich auch kranke, gefüttert werden. Somit erklärt sich das Katzenstift. Wahrscheinlich werden die Pfaffen das Vermächtniß so gut verwalten, daß mehr in ihre Magen, als in die Katzenmagen spazirt.
Man trifft auch an andern Orten des Islams, z. B. in Damaskus, Katzenspitäler. „Es ist bräuchlich“, erzählt Salomon Schweigger, „daß die Türken den Katzen und Hunden Almosen geben; denn bei dem Stifte Sultan Mehemet-Jeni in Konstantinopel pflegen sich durchweg um Vesperzeit dreißig oder vierzig elende Katzen zu versammeln, und diesen werfen etliche Türken, die auf demselben Platz vorhanden, etliche Brocken Fleisch oder gebratene Leber vor, die man an kleinen Spießlein herumträgt. Solches wird für ein herrlich Almosen gehalten.“ Es liegt ein eigener Zug in dem Mohammetaner, daß er die Katzen so gütig bepflegt. Es soll daher kommen: Dem Propheten Mohammet warf eine Katze in den Rockärmel Junge. Um diese aber nicht zu beunruhigen, schnitt er den Aermel ab. Daraus schlossen die Mohammetaner, daß ihr Religionsstifter die Katzen verehrte, und darum verehren sie die Katzen bis auf den heutigen Tag.
Gärten.
Einen ziemlich großen Theil der Stadt nehmen Gärten ein[14]. Doch fallen sie wenig auf, und gleichsam verstecken sie sich, wie die Ochsen darin, welche, phlegmatisch in der gleichen Runde herumtappend, das Wasserrad treiben. Der Europäer geht nicht ohne unangenehme Gefühle in den Garten, worin der General Kleber ermordet wurde. Der von den fränkischen Spaziergängern besuchteste Garten ist der Rosettische. Wenn in den europäischen Gärten die Kunst mehr prangt, mehr Nettheit in der Anordnung, mehr Regelmäßigkeit in der Eintheilung, mehr Fleiß in der Behandlung angetroffen wird, so übertrifft hier die Natur jene weitaus an Pracht und Fülle.
Niemand erwartet einen Roman oder eine Novelle aus einem der Lustgärten, und ich wäre wenig geneigt und, meines Dafürhaltens, nicht berufen, dergleichen zu schreiben. Nur möchte ich den Wunsch äußern, daß ein europäischer Romanschreiber, dessen Kopf einen Bankerott machte, einen Garten von Kairo besuchte. Hier dürfte er einzig seine Augen aufschließen, und dann in seinem Kämmerlein den Bogen füllen, es würde der Roman über manche von Europa den Sieg davon tragen, daß er zugleich die Leserin und den Leser, auf belehrende Weise, in so abweichende Sitten einweihte.
Die Esbekieh.
Man fühlt sich in den schmalen Gassen, die von hohen Häusern eingemauert sind, manchmal so beengt wie in einer Felsenkluft. Man sehnt sich nach einem geräumigen Platze. Das Auge will unumschränkter sehen, und die Brust freier athmen. Im Freien ist Wonne.
Der berühmte und berüchtigte Platz Esbekieh versöhnt Einen vollkommen. Bei meiner Ankunft in Kairo bot er das Aussehen eines der reizendsten Seen dar. Ich konnte mich beinahe nicht satt an dem Wasserspiegel ergötzen, dessen Rahmen ringsum Häuser vorstellten; weiße neben schwärzlichen malten ihn bunt, hohe neben niedrigen machten ihn vielzackig. Ich wandelte am Ufer hin und her, und fortan ergriff mich die zauberhafte Stelle der Stadt. Ich schwebte in einer Feenwelt. Wo ist eine europäische Stadt, welche dergleichen besitzt? Der Zauber wächst bei dem Gedanken, daß der Grund dieses kurz dauernden Sees, nach der Austrocknung als Spaziergang und Feld benutzt wird. Auf dem gleichen Platze spaltet abwechselnd zu einer Zeit der Schiffskiel das Wasser und zur andern das Feldgeräthe den Wassergrund.
Ich weilte in Kairo gerade zur Zeit, da der Esbekiehsee abnahm und nach und nach fast ganz eintrocknete. Kaum kam der schlammige Boden recht zum Vorschein, als ihn schon das Grün wuchernd überspann, und wenn ich zuerst, die ansehnliche Wasserfläche betrachtend, stutzte, daß darunter in einer andern Jahreszeit die schönsten Feldfrüchte gedeihen sollen, so ward mir nachher klar, da ich mit eigenen Augen sah, wie die nackt hervortretende Erde so bald mit einem grünen Teppiche sich bekleidete.
In Egypten zeigt die Natur, ich möchte sagen, ihre Reize unverhüllt. Im Wesentlichen würde der See nicht gewinnen, wenn der alte Römer seine Kunst und seinen Luxus daran verschwendete; bloß würde so etwas mehr berauschen und dem verwöhnten Geschmacke mehr schmeicheln. Wo aber wäre wohl die Kunst ohne die Natur?
Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner.
Die Bevölkerung Egyptens ist ein Mischmasch aus Türken und Mamelucken, aus Kopten und Mohren, aus Arabern und Beduinen, aus Juden und Franken und aus andern Fremdlingen. Erstände Adam aus dem Grabe, er würde sich verwundern, daß so viele Enkel von verschiedenen Hautfarben, Religionen und Sprachen im Frieden beisammen wohnen.
Der Kopte, der wahrscheinliche Abkömmling der alten Egypzier, und noch im Besitze einer eigenthümlichen, wenn auch todten, Sprache, ist nicht groß, aber wohl untersetzt; der Teint weißgelblich; Haupthaare, Augenbraunen und Iris schwarz; das Gesicht voll, kurz, breit; die Stirne breit, nicht hoch; die Augen etwas tief liegend, der Blick mehr brütend, als lebhaft, mehr ernst, als lieblich; die Nase kurz und ausgebogen; der Mund ziemlich weit gespalten und die Lippen dünn; die Zähne senkrecht und schön weiß; der Unterkiefer hervorstehend und stark. Die Koptinnen, so viel ich sah, haben roth gefärbte Fingernägel, und tragen auf der Haut des Kinnes und in der Nähe des Handgelenkes blaue Figuren. Sie treffen, unter uns gesagt, den europäischen Geschmack nicht ganz genau. Man muthmaßt, daß etwa 200,000 Kopten Egypten bewohnen.
Der Araber bildet weitaus die größte Anzahl der Egypzier. Unter diesem letztern Namen sind auch vorzugsweise die Araber begriffen, welche den meisten Boden anbauen. Die Masse der egyptischen Bevölkerung ist daher kein alter eingeborener Volksstamm, sondern ein im Laufe der jüngern Zeit eingewanderter und fremder, der sich selbst als fremde zu betrachten scheint.
Der Araber, in der Regel nicht schön, ist mittelgroß; die Leibesfarbe schwarzbraun oder auch kaffeebraun; das Haar, wenn es nicht wegrasirt wird, klein gelockt (doch nicht wollig) und schwarz; der Schädel nicht geräumig, das Hinterhaupt etwas zugespitzt; die Stirne ziemlich hoch, nicht breit; die Regenbogenhaut schwarz, die Augenlieder meist dick, wie aufgewulstet; die Augenbraunen nicht stark; die Nase kurz, die Flügel weit aus einander gesprengt; der Rücken gerade oder ein wenig konkav, der Rand der Scheidewand etwas aufwärts geneigt; der Mund groß, die Lippen dick und auswärts geworfen; die Zähne ein wenig auswärts stehend, weiß, an einander geschlossen; das Kinn etwas hervorragend, die Kinnbacken stark; das Ohr wulstig; die Linie von der Nase bis zum Kinne lang; der Gesichtswinkel demjenigen der Aethiopen sich nähernd. Das Fleisch ist sehr derbe, der Fettapparat unbedeutend, und die Formen nehmen einen Grad von Niedlichkeit an, welcher bei den europäischen plumpen Gebilden, die noch für Vollkommenheiten gehen, vermißt wird. Also der eigentliche Typus der Araber, welche mit den Weißen unvermischt sind.
Der schwarzbraune Araber hält das Uebergangsglied zu den Mohren. Die Mischung dieses Arabers mit Weißen artet in unzählige Mittelformen aus, welche zuerst den Beobachter verwirren. Des Arabers tiefgelbe Farbe, seine gebogene Nase, seine breite Stirne, sein starker Gesichtswinkel u. s. f. zeugen offenbar von der Vermischung und Verwischung der Typen.
Die Weiber werden von den Männern an Schönheit übertroffen, und der häßlichere Theil ist mithin das schöne Geschlecht.
Es gibt Mädchen, die schön genannt zu werden verdienen, allein zu der Lieblichkeit einen eigenthümlichen Schmerz ausdrücken; dieser aber vermehrt nur ihr anziehendes Wesen. Der eigenthümliche Zug, den ich sonst nirgends wahrnahm, liegt in den Mundwinkeln.
Hauptsächlich um die Schönheit zu erhöhen, zeichnen beide Geschlechter, nach alter Sitte, verschiedene blaue Figuren auf die Haut des Vorderarmes und des Handrückens, meist Sterne, z. B. in Zirkelform, manchmal auch im Zikzak laufende Striche, etwa drei an der Zahl. Die Weiber haben überdieß blaue, senkrechte Striche auf dem Kinne, manche — gefärbte Augendeckel. Es gibt Männer, welche auch auf jeder Seite der Brust mit blauen Punkten bezeichnet sind. Alle Zeichnungen auf der Haut erschienen in meinen Augen höchst überflüssig, um nicht zu sagen, sehr häßlich, und niemals konnte ich mich in den sonderbaren Geschmack finden. Das Sprichwort freilich will, daß man über den Geschmack nicht hin- und widerreden dürfe.
Der Kopf der Männer ist, wie beim Morgenländer überhaupt, bis auf die Haut geschoren. Nur ausnahmsweise tragen gewisse Religiose oder Heilige[15] fliegende Haare auf dem ganzen Kopfe. Die Muselmänner lassen übrigens nicht den ganzen Kopf scheren, sondern auf dem Scheitel eine kleine Scheibe groß Haar wachsen, das manchmal geflochten, bis zum Nacken herabfliegt, und unter der rothen Mütze mitunter hinten hervorguckt. Mit diesem Büschel Haare könnte man genau die Tonsur der römisch-katholischen Priester decken[16]. Ich geißele die Kopfschur als eine abscheuliche Mode, mögen ihre Bequemlichkeit auf dem heißen Erdgürtel immerhin manche Franken aus eigener Erfahrung preisen. Wenn wahr ist, daß das Barbieren unter den Abendländern deswegen aufkam, weil die gütige Natur, die hoch über die Fürsten erhabene, einmal einem französischen Könige einen Bart zu schenken vergessen hatte, so dürfte man mit eben so viel Recht glauben, daß die Morgenländer ihre Kopfschur einem kahlköpfigen Großen verdanken. Man weiß auch, wie gerne Julius Cäsar seinen Kopf vertauscht hätte, nämlich seinen kahlen an einen haarichten, und wie sehr der große Geist sich abmühte, die ausfallende Kleinigkeit zu ersetzen. Der Bart des Arabers ist schwarz, undicht, und wird nicht lang. Er zerschiert ihn zu den wunderlichsten Dingen. Es lassen die Wenigsten ihn ganz stehen; Andere rasiren bloß einen Halbmond über dem Adamsapfel; die Meisten tragen nur den Schnurrbart und den Bart neben den Ohren und über dem Kinnbacken, den Kinntheil nicht ausgenommen. Dies thut so üble Wirkung, als wenn man einem Hahne den Kragen abschneiden würde.
Die Bewegungen der Araber sind leicht und angenehm, man dürfte beinahe sagen, graziös. Der Mann geht in gerader Stellung und mit Schnelligkeit; ebenso das Weib, welches dabei die gebogenen Arme, mit einer niedlichen Haltung der Finger, ein wenig emporzuheben pflegt. Die antikförmigen Wasserkrüge trägt es sehr leicht und zierlich. Es nimmt keine Lasten auf den Rücken, selten auf die eine Schulter. So darf das Kind ihm wie ein Reiter auf die Achsel sitzen, indem es ein Bein über die Brust, das andere über den Rücken hängen und mit den Händen ihren Kopf umklammern läßt. Von dem Weibe selbst wird das Kleine nicht gefaßt, und ich mußte mich ordentlich wundern, wie sich kleinere Kinder in dieser Stellung gut zu erhalten wußten, während die Tragende davon eilte. Der Kopf ist der eigentliche Träger, und sogar winzige Dinge müssen auf demselben getragen werden. Kauft ein Mädchen in einer Bude für einen Piaster Kaffee, so wird es ihn auf dem Kopfe nach Hause bringen. Es wurde in Alexandrien auf eine Mauer, die man eben aufführte, einmal über das andere so wenig Mörtel und am Orte der Nachgrabungen so wenig Schutt auf dem Kopfe weggetragen, daß fast jede Europäerin sich weigern würde, die Wenigkeit zu tragen. In Kairo wird übrigens so spärlich gebaut, daß man diese Wahrnehmung nicht immer leicht wiederholen könnte. Der Mann schafft die Lasten am liebsten so fort, daß er den Strick über die Stirne anlegt, welcher die Bürde umfängt. Diese liegt am Rücken auf. Er trägt mithin ebenfalls am liebsten auf dem Kopfe, aber zu gleicher Zeit auf dem Rücken. Etwa das Wasser, in ein Ziegenfell aufgefaßt, trägt er über einer Schulter, wie der europäische Jäger seine Waidtasche. Der Lastträger bietet das Eigenthümliche, daß er, außer dem Singen, auch stöhnt. Es ist dieß mit nichten gleichsam das letzte Zeichen der Kraftanstrengung, welches das Mitleiden erregen sollte, sondern der Araber, im Lärmen ein Meister, sucht sich nur durch das Gestöhne das Geschäfte zu erleichtern. Als Lastträger macht sich der Araber eben nicht bemerklich; darin aber thut derselbe es dem Europäer zuvor, daß er leichtere Bewegungen, wie das Gehen oder Laufen, außerordentlich lange ausdauert, ohne daß er Speisen oder Getränke zu sich nehmen muß. Dem Araber sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, federleichte Lungen und stählerne Muskelfibern gegeben. Wollte man den arabischen Soldaten nach den nicht selten schlechten Kleidern beurtheilen, man würde zur Einseitigkeit verleitet werden. Zu anhaltenden Märschen, bei kärglicher Nahrung taugt kaum ein Soldat besser, als der arabische. Neben dem Schatten erblickt man immer auch Licht.
Was den psychischen Karakter des Arabers anbelangt, so ist er mohammetanisch finster, und haßt im Grunde seines Herzens den Andersgläubigen. Viele besitzen bemerkenswerthe Geistesfähigkeiten, doch keine ausgezeichnete, wofern man nicht zur Annahme berechtigt ist, daß ein großer Schatz schlummert. Ruhe und Faullenzen geht nicht bloß dem Alexandrinischen- und Deltaaraber, sondern auch andern über Alles. Damit er nicht die Mühe zu denken sich geben müsse, leiert er gedankenlos nach, was seit Jahrhunderten wahrscheinlich schon gesungen war. Er lebt blind in den Tag hinein; blindlings nimmt er Weiber und zeugt Kinder. Wenn ihm die Kunst, durch Ersparnisse eine, wo möglich, sichere Zukunft zu begründen, abgeht, so dürfte man freilich auch anfragen: Wird in einem Lande, wo das Eigenthum vor der Regierung nicht sicher steht, zur Sparsamkeit aufgemuntert? Vielleicht beschleicht den Araber dann und wann der Gedanke, daß er am Ende doch nicht mehr, als Hungers sterben könne. In ihm wohnt eine wahre Diebesseele, aber eine feige. Große Diebstähle begeht er nicht leicht, allein keineswegs aus Gewissensbissen, sondern aus Feigheit oder Trägheit. Am liebsten stiehlt er Eßwaaren; denn, ein Kind des Augenblickes, weiß er, daß dieselben ihm ohne ein Weiteres nützen. Um Anderes als Eßwaaren zu entwenden, wäre schon mehr Ueberlegung erforderlich, z. B. wie man sie an den Mann bringen könnte, um dafür Nahrung zu bekommen. Immerhin schaut man jeden Araber für einen Dieb an, und wenn der Fremde nicht bestohlen werden will, so muß er in Beziehung auf denselben stets auf der Hut sein. Ein ernstes, muthiges, karakterfestes Benehmen hält ihn leicht im Zaum. Im Uebrigen ist er von Natur fröhlich und aufgeräumt; diese Fröhlichkeit und Aufgeräumtheit streift aber mehr an Leichtsinn, selbst an feile, für den Zuschauer ekele Ausgelassenheit.
Ich beobachtete den Beduinen, diesen unsteten Sohn der Wüste, zu wenig ungestört, als daß ich mir erlaube, von ihm ein Karaktergemälde zu entwerfen. Er schreitet oder reitet stolz einher, selten ohne Feuergewehr, Säbel oder Pistolen.
Das Land, wo ein Josef, Moses und Aaron gelebt hatten, zählt immer noch Kinder Israels, aber nicht mehr in jenem Hause der Knechtschaft. Der Mangel an Bekanntschaft mit den Juden Kairo’s nöthigt mich, den Faden eher abzureißen, als mir lieb ist.
Und die Franken in Kairo will ich hie und da, mehr oder minder leise berühren. Bloß mag ich es hier nicht thun; denn da sie überall ihre Besonderheiten, ihr Frankenquartier wollen oder haben, so ist billig, daß ich ihnen auch in diesen Blättern ein Frankenquartier anweise. Einzig die levantischen Christen, welche ich wegen ihres Anzuges zuerst immer für Türken hielt, so wie die Griechen, darf ich, ohne eine große Lücke fühlbar zu machen, mit Stillschweigen übergehen.
Tracht.
Bei der Tracht der Araber muß diejenige des Mannes von derjenigen des Weibes unterschieden werden.
Der gemeine Araber geht beinahe immer barfuß. Der aufs einfachste gekleidete hat im Sommer und Winter ein grobes, weißes, gegürtetes Hemde an, und eine weiße oder rothe Mütze auf. Andere tragen dieses Hemde und darüber einen grauen, blauen, schwarzen oder weiß und schwarz gestreiften Rock mit weiten Aermeln (Abba). Zu einer zusammengesetztern Kleidung gehören weite Hosen, welche, unmittelbar auf dem Leibe getragen, um den Lenden und unter dem Knie zusammengebunden werden. Diese zusammengesetzte Kleidung ist jedoch nicht echt egyptisch-arabisch. Ueber den Röcken auf dem Rücken trägt der Araber wohl auch ein Thierfell, dessen Pelzseite nach innen gewendet wird. Außer einem Rocke mit weiten Aermeln, hüllt der Araber sich in einen Mantel der nicht umschließt, und der oft über beide, meist aber über die eine oder andere Schulter geworfen wird. Mit diesem Mantel bekommen die Männer ein alttestamentisches Aussehen, und stattlich ging derselbe schon unserm Steuermanne. Die Franken in ihren engen Kleidern erscheinen gegen so gekleidete Araber als närrische Fratzen. Mich belustigte oftmals, wie der Araber den Mantel in so verschiedenen Gestalten umhängen konnte. So wenig ich darin etwas Spaßhaftes oder Spotthaftes fand, so konnte ich mich dennoch der Vergleichung mit dem geschmeidig die Gestalt wechselnden Hute eines Harlekins nicht erwehren. Dieser Mantel oder Ueberrock leistet den Arabern die besten Dienste. Brennt die Sonne, so legen sie sich nieder, und beschatten damit ihr Angesicht; vor dem Regen schützt er nicht minder wohlthätig, und Nachts sinkt das müde Haupt auf dieses unentbehrliche Gewand. Die Kopfbedeckung hält sehr warm. Wer nur die Kosten zu bestreiten vermag, tragt unmittelbar über dem Kopfe eine weiße Mütze, welche sich zum Waschen eignet. Diese wird von einer rothen mit einer blauen Troddel (Fẻs) bedeckt, welche der Turban, eine Auszeichnung des Orientalen, umfängt. Den kleinen Finger schmückt der Araber mit einem Ringe, z. B. von Silber.
Die einfachste Kleidung der Weiber ist ein blaues weites Hemde mit einem Schlitze über der Brust, so daß diese selten vor den Blicken sich verbirgt; dazu noch ein Kopf- und Gesichtstuch. Die zusammengesetztere Kleidung erfordert Hosen, die, um die bloßen Lenden geschürzt, in der Mitte geschlitzt, dabei weit sind und um den Knöcheln enden, wo sie fest gebunden werden. Das Kopftuch ist viereckig und eine Art Schleier. Damit wird der ganze Kopf bis zu den Augenbraunen verhüllt, ohne daß es den übrigen Theil des Gesichtes berührt. Dafür fällt es in zierlichen Falten über Schultern und Rücken, beinahe bis zu den Fersen herunter. Dieser Kopfschleier ist nicht immer blau, am Rande oft buntfarbig gestreift und mit Fransen besetzt. Ein anderes Kleidungsstück, vielleicht das überflüssigste von allen — — das Gesichtstuch oder der Gesichtsschleier. Diesen stellt ein einige Zoll oder die Breite des Gesichts haltender schwarzer Lappen vor, welcher nichts als die Augen frei läßt, abwärts aber das ganze Gesicht verhüllt, ja manchmal, schmäler werdend, bis zu den Füßen reicht. Was der offene Brustschlitz des Hemdes unbedeckt läßt, wird bisweilen mehr oder minder kümmerlich von diesem Gesichtstuche verschleiert. Es wird durch zwei Bänder befestigt: durch eines, welches in der Quere um den Kopf herumläuft, und durch ein anderes, welches zwischen den Augen gerade zum Kopfschleier hinaufsteigt. Das letztere Band wird oft auch durch eine Kette oder Spange vertreten. Hier schlägt eigentlich der Putz seinen Hauptsitz auf. Goldstücke, eines unter dem andern, sind in gerader Linie mitten auf das Gesichtstuch genäht. Diese Goldstücke, oft christliche Münze, Dukaten z. B., besetzen meist die ganze Länge der Gesichtskleidung. Die Araberin lockt die Aufmerksamkeit des Mannes auf das Gold über dem Gesichtstuche, als wollte sie damit andeuten, daß unter demselben noch mehr Gold glänze. Die Mehrzahl der Weiber trägt keine Schuhe. Mit Ringen schmücken die Araberinnen Finger und Ohren. Auch sah ich zwei Weiber mit einem großen Ringe am rechten Nasenflügel. Es ist ein seltsam Sprichwort: Circulus aureus in naribus ejus mulier pulchra.
Die Jüdinnen tragen sich ganz levantisch. Ich konnte sie von den Türkinnen nicht erkennen. Die Franken sind am launigsten. Viele richten sich nach der Tracht der Morgenländer; Andere halten steif an dem Europäer, wieder Andern beliebt ein profosmäßiges Durcheinander. Wenige lassen den Bart ganz wachsen, wie hauptsächlich die Trümmer des Saint-Simonismus. Klage man noch nicht über die Flatterhaftigkeit des Franken in seiner Kleidungsart. Die Tracht ist ein Spiegel der Seele. Jeden Weg, welcher in diese führt, muß der Beobachter willkommen heißen. Wenn wir gerecht sein wollen, müssen wir im Allgemeinen die Flatterhaftigkeit des Frankengeistes anklagen, der als ein wahrer Proteus erscheint. — Die Griechen verläugnen sich ungleich weniger, als die Franken.
Speisen und Getränke.
Das Brot macht eine Hauptspeise auch der Araber aus. In Alexandrien findet man recht schön weißes und schmackhaftes (gesäuertes) Brot (pane Francese), welches aber vom Araber bloß als Leckerbissen genossen wird. Sein gewöhnliches Brot ist von schlechter Beschaffenheit. Er nimmt zermahlene Gerste oder anderes Mehl, knetet bloß mit Wasser einen Teig in einem großen, dicken Napfe, und bäckt denselben, in Form eines großen, flachen Kuchens, in der heißen Asche. Dieser Kuchen wird für eine Mahlzeit gebacken und meistens warm genossen. Er ist nicht unschmackhaft, doch etwas schwer verdaulich. Besser, als dieses grobe Hausmannsbrot, aber minder fein und weiß als das pane Francese, ist jenes egyptische Brot, welches arabische Weiber, z. B. in Alexandrien, mittelst einer breiten Unterlage auf dem Kopfe in den Gassen herumtragen, und unter Anpreisungen: „Kauf Brot, es ist schön und gut“, feil bieten.
Die eigentliche Hauptnahrung der dürftigern Klasse sind Datteln, Feldbohnen (Fûl) und Mais, letzterer als Sange, indem er ohne Weiteres, wo es angeht, in dem Ofen gesengt (geröstet) und dann abgespeist wird. Als eine häufige Nahrung dienen auch Zwiebeln und Rüben oder Rettiche. Beide werden frisch genossen. Alpinus nennt vor allen Speisen saure Milch und das gekochte Zuckerrohr.
Wenn man delikater essen will, so greift man nach Gallerte (Sulze), viereckigen oder runden, fetten Kuchen, auch nach kleinen Stücken fetten Fleisches, die, mit Petersilie durchwürzt, über dem Feuer geröstet werden u. dgl. Hühner werden viel gegessen[17]. Die Würste sind von schlechtem Geschmacke, die Zuckerbrote dagegen vortrefflich. Von Pillau (in kochendem Wasser erweichter und dann mit Butter gewürzter Reis) hörte ich, wo nicht selten, doch nicht häufig. Der inländische Reis enthält zugleich viel beigemischtes Salz, entweder des Gewichtes, oder der bessern Erhaltung willen. Man muß ihn daher, vor dem Kochen, fleißig schwemmen, und wäscht man das ausgeschwemmte Salz, so nimmt dieses eine sehr schöne weiße Farbe an, und eignet sich vortrefflich zum Gebrauche. Das käufliche Salz ist von schmutzig gelber Farbe und unrein. Die Milch ist gut; die Abendländer aber behaupten, daß sie zu fett für sie sei. Häufig wird Milch genossen, nachdem sie künstlich gesäuert, und zum Schlottern gebracht worden. Die Butter schmeckt gut; man darf nur das Salz auswaschen, ehe man sie genießt. Wie bei uns der Maibutter, so wird in Egypten der Christmonat- oder Jennerbutter der Vorzug eingeräumt. Der Käse mürbe, schmackhaft, aber übersalzen.
Der Araber ißt im Ganzen wenig und frugal, sagten die Alten, und diese Frugalität hat sich bis auf heute erhalten. Das Rauchen bleibt immer seine Hauptsache. Gebietet er über die volle Pfeife, so gibt er sich zufrieden, wenn er vor dem Einschlafen nur wenige Rettiche zu zerbeißen hat. Die meisten Speisen werden kalt genossen, ohne Löffel und Gabel. Die gelenkigen Finger müssen diese ungelenken Werkzeuge vertreten. Man darf die Einfachheit tadeln; aber man muß dann zugleich die vielfältigen Bedürfnisse und ihre strenge Herrschaft loben. Wenn irgend eine Regel sich aufstellen ließe, so speist der Araber bei Sonnenaufgang, bei Sonnenhöhe und nach Sonnenuntergang.
Unter den Getränken steht das schlammige Nilwasser oben an. Es wird aus dem Nile geschöpft, und in Menge getrunken, ohne vorher gereinigt zu werden. Es war zur Zeit meines Aufenthaltes, nämlich zur Ueberschwemmungszeit, im Glase gelblichweiß. Filtrirt man es, was bei den Großen geschieht, so wird es lauter und farblos. Es gibt in vielen Häusern Krüge (Bardâka), welche, von einer besondern Erde gebildet, die Eigenthümlichkeit besitzen, daß sie das Wasser langsam durchsickern lassen. Dadurch wird es kühl und angenehm. Das Nilwasser wird aus dem Flusse auf dem Rücken der Kameele in die zahlreichen Zisternen Kairo’s geschafft, und aus diesen können es die Einwohner unentgeltlich holen[18].
Man wähne übrigens nicht, daß die Araber sich des berauschenden Getränkes gänzlich enthalten. Ein solches heißt Bỏsa oder Busa, eine Art Bier, das aus Getreide gegohren wird. Es ist von Farbe weißgrau und schäumt wie Bier, wenn man es rasch rüttelt. Mit dem Bỏsa berauschen sich Viele. Salomo Schweigger sagt vom „Bỏsa“, daß es ein gedörrtes, mit Wasser angerührtes Griesmehl sei, und von Türken, wie Egypziern getrunken werde. Nach Prosper Alpinus ward „Bỏsa“ aus Lülchmehl (farina loliacea), aus Hanfsamen und Wasser zu einem Getränke oder zu einem Teige bereitet, und es soll in einem gleichen oder noch höhern Grade als Hanfkraut (Assis) einen Zustand der Berauschung, der Entzückung und süßer Träumereien herbeiführen. Zum feierlichen Konstantinopler-Umzuge vom Jahre 1582 gehören die Bosatschi, so einen graulichen Trank von Brei wie ein Bier machen; den Laden zogen zwei Ochsen, worin ein Knabe den Brei oder Hirsen rieb, der andere das Bỏsa oder den Trank bereitete. Gleichermaßen wird nach Tavernier das „Bỏsa“ mit Hirsen zubereitet und macht, sagt er, einen Rausch wie der Wein. Allein nach Burckhardt ist Durra der Lieferungsstoff zum Busa.
Wein oder Branntewein trinkt der gemeine Araber nicht oder selten, wohl aber der vornehmere Mohammetaner, am liebsten geheim. Ich sah einen solchen in einer fränkischen Wirthschaft, in welcher beinahe nur Franken einkehren, so gewandt den Spiritus trinken, daß ich mich bewogen fand, mich über den Mann zu erkundigen, und ich vernahm, daß er regelmäßig zuspreche. Es verdient Erwähnung, daß mir auf der Fahrt von Alexandrien nach Kairo nichts gestohlen wurde, als eine halbe Flasche Rhum, mein ganzer Rest. Ich sah zwar während derselben keinen Barkenknecht nach dem geistigen Getränke langen, oder sich damit berauschen, welche Enthaltsamkeit den Europäer angenehm überraschte; selbst als man mir einen kranken Barkenknecht vorstellte, und ich ihn Rhum trinken hieß, so geberdete er sich ziemlich unwillig, und schluckte möglichst in Duodez. Indessen konnte die Lüsternheit im Verborgenen nicht gefehlt haben. Ueberall wird der Damm, welcher der Trunkenheit wehren sollte, eingerissen. Sollte man es nicht dem Schöpfer klagen, daß er den Menschen Vernunft gab, weil sie, nur vermöge dieser himmlischen Gabe, so viel Mittel erdenken können, um dieselbe in ihrer Thätigkeit zu verirren oder zu hemmen?
Von einem echt morgenländischen, und wenn auch nicht unter den Fellah, doch unter der wohlhabendern Klasse sehr häufigen Getränke will ich so eben besonders reden.
Kaffeehäuser.
Es gibt sehr viel Kaffeehäuser. Ich besuchte dasjenige, welches nach fränkischer Weise eingerichtet war. Im Vorübergehen konnte ich wohl die egyptischen sehen. Sie liefern aber, ihrer Einfachheit willen, wenig Stoff zum Beschreiben. Sähe man nicht einen Kochofen und die rauchende Kaffeeschale, so würde man das Kaffeehaus verkennen; man müßte vielmehr glauben, daß die Leute nur deßwegen den einsamen Diwan belagern, um Tabak zu rauchen. Allerdings ist in einem Kaffeehause das Tabakrauchen nicht das Geringste, und der Egypzier läßt sich nicht minder gern mit Pfeife und Tabak bedienen, als mit Kaffee. Die Morgenländer genießen den Kaffee ohne Milch und ohne Zucker. Die Franken heißen einen solchen Kaffee türkischen (alla Turca).
Der Genuß des Kaffees ist in einem großen Theile der Welt gleichsam zum Bedürfnisse geworden, und tausend Napoleone wären wahrscheinlich nicht im Stande, ihn vom Erdballe zu verbannen. Und doch haben unsere alten Vorväter vor nicht einmal anderthalb Jahrhunderten ohne den Kaffee gelebt.
Es macht ungemein viel Spaß, wenn man über den Kaffee, als ein den Abendländern unbekanntes Getränke, in den Beschreibungen derjenigen lieset, welche Egypten und Konstantinopel gegen Ende des sechszehnten und zu Anfange des siebenzehnten Jahrhunderts besucht haben.
Ich führe zuerst Salomo Schweigger, welcher im Jahr 1581 in Egypten war, redend ein: Ein anderes Trank wird Chaube genannt, welches man in den Tabernen ausschenkt, ist schwarzbraun von Farbe. Das gebrauchen Etliche des Morgens. Da versammeln sich viel Türken (des Egyptenlandes) vor der Taberna, lassen ihrer etliche in einer Kumpanei ihnen eine Schale oder ein irdenes Schüsselein voll nach dem andern hergeben. Das trinken sie nach einander fein höflich aus, so heiß, als sie es mögen erleiden. Gleichwie das deutsche gemeine Volk den Branntewein oder Wermuthsgeist des Morgens trinkt, also soll jenes auch den Magen zu erwärmen dienstlich sein.
Prosper Alpinus, welcher im nämlichen Jahre, gleich auf Schweigger, nach Egypten kam, gibt eine genaue Beschreibung von dem Absude (decoctum) Chaova. Sehr häufig im Gebrauche, sagt er, ist der Absud Chaova, welchen man aus gewissen schwarzen, den Bohnen ähnlichen Samen zu bereiten pflegt. Er wird übrigens auch aus den Samendecken bereitet, und im letzteren Falle zeigt er sich kräftiger. Die Bereitungsart ist folgende: Man nimmt anderthalb Pfund von den Hüllen befreite Samen, röstet diese ein wenig über dem Feuer und siedet sie in zwanzig Pfund Wasser, während Andere von den gerösteten und in kleine Stücke zerbröckelten Samen einen Aufguß machen und solche einen Tag lang am Wasser stehen lassen, diejenigen aber, welche die Samen ohne Aufguß behandeln, die Hälfte Wasser einkochen. Die durchgeseihte Abkochung dient in wohl verschlossenen irdenen Gefäßen zum Gebrauche. Werden die Samendecken abgekocht, so nimmt man davon sechs bis neun Unzen auf zwanzig Pfund Wasser, wovon die Hälfte eingekocht wird. Der Same heißt bon, und den Baum, welcher ihn trägt, sah ich in dem Garten eines türkischen Bei, wohin er aus Arabien verpflanzt war. Die Egypzier sind dem Chaova nicht minder leidenschaftlich ergeben, als die Franken in ihren Kneipen dem Weine.
In der „Hoffhaltung des Türckhischen Keysers,“ worin ein im Jahr 1582 zu Konstantinopel gehaltener feierlicher Umzug beschrieben wird, heißt es: „Die Caahuetschi, so einen schwarzen, warmen Trank verkaufen, welcher zu Verdauung der Speisen, Verhinderung des Schlafes und der Traurigkeit dienen soll, mit rothen und weißen Fahnen, darinnen etliche Buchstaben. Zwei und dreißig haben Verehrung getragen; der andern, Knaben, jungen Leute und Meister, sind in die zweihundert gewesen.“
Johann Jakob Ammann, welcher im Jahr 1612 in Konstantinopel weilte, läßt sich dahin vernehmen: „Auch haben die Türken noch andere Wirthshäuser, darinnen die Wirthe nichts Anders geben, als schwarz Wasser zu trinken, von ihnen Gahwe und von Arabern Lorbeeren genannt, welches mehrentheils von Gerste und andern Sachen gemacht wird. Sie kochen ganze Kessel voll, pflegen es den Gästen in kleinen irdenen oder porzellanenen Schüsseln siedheiß zu geben. Solches trinken die Türken, wie auch die Araber, so warm sie immer können, jederzeit ein Schlücklein auf einmal, bis es aus ist. Welches gar ein gemeiner Brauch bei ihnen, dieses Wasser zu trinken, bei Tage, wie auch Morgens und Abends. Etwa bei fünfzig mehr und minder sitzen da und dort beisammen; währet oft lang mit Trinken, Reden und Konversiren; wird aber Keiner von dem gedachten Wasser betrunken. Sie vermeinen, es trockne die Flüsse auf, und sei gar ein gesundes Wasser.“
Ich vergesse des Adam Wenner nicht, welcher im Jahr 1616 nach Konstantinopel gereiset ist. „Die Kafuannen,“ sagt er, „sind Häuser, in welchen schwarz Wasser gesotten und von Türken und Andern täglich warm getrunken wird, so dem Magen und sonst sehr dienlich. Sie sitzen gemeiniglich einen halben Tag dabei, spielen im Schach und Bret (darinnen sie trefflich erfahren), aber um kein aufgesetzt Geld, sondern wer für den Andern die Zeche zahlt. Eben an solchen Orten finden sich auch Personen, welche unterdessen von ihrer Kaiser und anderer Vorfahren Thaten, auch Historien öffentlich lesen, und hernach deßwegen von den umsitzenden Zuhörern etwas Geld bekommen.“
Wie mühsam mußte man ehemals thun, um sich den Abendländern verständlich zu machen, daß von Kaffee die Rede sei. Dieser Fremdling war damals ein selten Ding in der großen Schatzkammer der Gelehrten, und jetzt kennt ihn jedwedes Kind. Haben Rauwolf und Schweigger, Alpinus und Ammann, Wenner und Andere geahnt, daß das schwarze Wasser einst eine Weltherrschaft ausüben, und die besorglichen Aerzte des Abendlandes dasselbe beklagen werden? Die Götter allein entziffern die Zukunft.
Schneller Justizgang.
In Egypten wird gerichtet und sogleich vollzogen. Das hat wohl sein Gutes, aber auch sein Schlimmes. Durch den langsamen Gang der Justiz windet sich am Ende mancher Schuldige hinweg, und im kurzen Gange wird mancher Unschuldige erdrückt.
Ein Deutscher geht mit einer Flinte auf die Jagd. Auf dem Wege bleibt er in einer Nilbarke über Nacht. Er legt seine Flinte neben sich. Morgen ist sie nicht mehr. Er wendet sich an die Polizei; der Barkenführer (el-Reis) mit ihm. Der Polizeidirektor läßt auf den Vortrag des Franken, ohne weitere Umstände, dem Barkenführer hundert und zwanzig Hiebe auf die Fußsohlen messen, weil er nicht besser für das Eigenthum des Reisenden gesorgt habe, und es kaum möglich sei, daß ohne sein Einverständniß hätte etwas gestohlen werden können. Zugleich muß der Reis für den Schaden einstehen.
Das ist ein Beispiel von dem schnellen egyptischen Justizgange; der Fall ereignete sich eben während meines Aufenthaltes in Kairo.
Die Sache von geringem Belange richtet und exequirt der Franke selbst. Hochmüthig treibt er sich ordentlich in Kairo mit der Peitsche herum, und traktirt damit den Araber, sobald dieser ihm nicht den Weg räumt. Lebt in Egypten nicht noch die alte flotte Zeit der deutschen Studenten, welche eben so hoch über die obskuren Philister trabten? Andere Male regalirt der Franke mit Stockschlägen, mit Ohrfeigen oder Fußstreichen. Kaum wehrt sich der Araber dagegen; viel weniger würde er Gleiches mit Gleichem vergelten. Wie müssen die Leute gesunken sein, welche, der Zahl nach, die Herrscher des Landes sein könnten, und sich von Fremden, ich will nicht sagen, von Andersgläubigen, auf eine Weise mißhandeln lassen, wie man in Europa nicht überall die Thiere behandelt.
Der egyptische Tanz.
Man machte früher viel Aufhebens von den Bajaderen. Man bekommt sie heutzutage minder oft zu sehen. Gleichsam ein Spiel des Zufalles rief mich auf den Schauplatz des so seltsamen Tanzes.
Ein arabisches, züchtig gekleidetes Mädchen oder, wenn ich der Versicherung trauen darf, gar ein Soldatenweib stellte sich in die Mitte des Zimmers. Es wollte seinen Gesichtsschleier nicht lüften, denn ein häßlicher Mund versäuerte das sonst süßliche Gesicht. Nirgends zeigt man dasjenige gerne, was eine vortheilhafte Meinung trüben könnte. Die Hände stemmte die Tänzerin auf die Flanken des Leibes. Nun bestand der Tanz darin, daß das Mädchen die Hüften rasch in die mannigfachsten Bewegungen setzte, während der Körper, so viel als möglich, steif gehalten wurde. Dieß nahm ein ganz sonderbares Aussehen an, und ich mußte die eigenthümliche Art, das Becken zu bewegen, in der That bewundern. Der Schein meiner Bilder blieb weit hinter der Wirklichkeit zurück. Diese Bewegungen kosteten gewiß Mühe und Anstrengung[19], letztere augenscheinlich in dem Maße, daß den tiefbraunen Grund des Gesichtes ein dunkles Blau überflog. Mit den Füßen machte das Mädchen wenig Bewegungen, nicht einmal viel trippelte es, und nicht das Kreisende zeichnet den egyptischen Tanz aus. Die Bajaderen singen wohl auch; unsere ließ sich selten hören. Ein ältliches Weib pauckte mit ausgelassenen Geberden und schmetterndem Sange einen Tambour zum Tanze.
Nachdem die junge Bajadere ihre Rolle geendet, wollte auch die ältere Matrone eine übernehmen. Sie schürzte den Rock ein wenig auf, und gürtete ihn also um den Leib. Wie wahnsinnig trieb sie den Schooß nach allen Richtungen. Das Alter schützt vor Thorheit nicht. Jetzt bedurfte ich nicht des Mehrern, um mich von dem Unanständigen des Tanzes vollkommen zu überzeugen.
Noch unanständiger erscheint der Tanz beim Manne. Er schürzt ebenso den Rock auf, und rüttelt auf gleiche Weise das Becken. Derjenige Tänzer, welcher seine Fantasien auf unserer Nilfahrt zum Beßten gab, führte auch ein Stöckchen in der Faust, und Männer an der Reihe klatschten mit den Händen den Takt.
Wenn der Fremde diesem Beckentanze zuerst zuschaut, so kann er Anfangs wohl das Lachen nicht verhalten. Nachher gewinnt er Zeit, seine moralischen Betrachtungen anzustellen.
Ich möchte den egyptischen Tanz nicht verlassen, ohne einer Merkwürdigkeit aus dem Jahre 1582 zu gedenken.
An dem mehrerwähnten großen Prachtzug, zu Ehren des neubeschnittenen kaiserlichen Prinzen Mehemet, schloß sich der Dulumtschi-Pascha oder der Hauptmann der Fünfhundert mit den geschmierten Ziegenhäuten. Er entblößte sich oberhalb des Gürtels, entkleidete sich bis aufs Hemde, geberdete sich seltsam mit Kopf und Augen, Händen und Füßen. Hierauf zog er das Hemde über den Kopf, machte in dünnen leinenen Hosen seltsame Sprünge, tanzte, zog den Bauch bald ein, bald trieb er ihn hervor, warf die Hüften hin und her, daß es schändlich und abscheulich zu sehen war. Allein die Türken fanden daran Wohlgefallen, lachten des Tänzers und lobten ihn. Es wäre freilich voreilig, von dieser Einzelnheit auf den sittlichen Karakter überhaupt zu schließen. Große Volksfeste haben jederzeit einzelne Ausbrüche von Rohheit in ihrem Gefolge.
Der Brautzug.
Voran lärmen Tambour und Pauken. Hier Männer, dort Knaben, hier ein Halbblinder, dort ein Zerlumpter schlagen darauf los: Alle in Unordnung, in ungleicher Reihe, in ungleichem Schritte, ohne Ernst, herumgaffend, und die Knebel oder Stäbchen scheinen ohne Takt auf die Felle zu fallen, wie die Regentropfen auf die Erde. Im Reiche der Töne Mangel an Takt, wie an den Gebäuden Mangel an Ebenmaß. Daß dem Egypzier etwas gefalle, muß es ein Spiel der Einbildung sein, das kaum Schranken kennt. Jetzt kommen hübsch geputzte Knaben in besserer Reihe, in geschlossener Ordnung. Sie tragen schönfarbige Krüge von antiker Form. Daraus sprengen sie wohlriechende Flüssigkeiten; so das Rosenwasser, welches, wie frische Rosen im Garten, den süßen Geruch düftet. Die Weiber mit ihren Lappen über das Gesicht, diese Masken schreiten zierlicher daher, je zwei neben einander, eines mehr wie das andere bestrebt, damit hochlaut aus ihrer Kehle das Freudengeschrei erschalle, welches dem Froschgequak am Nile oder dem Laute ähnlich ist, wenn bei uns die Kinder, die Stimme erhebend, mit dem Finger über die etwas hervorgestreckten Lippen auf- und abwärts klimpern. Je näher dem Traghimmel, desto schmuckreicher die Weiber; ihr Gesichtsschleier prangt von größern und kleinern Goldstücken, und sie heben ihre Arme aus den weiten, faltigen Seidengewändern, gleich dem Priester, welcher das Volk benedeit. Einen runden Wedel, auf dessen einer Seite die Eitelkeit ein Spiegelchen anbrachte, hält ein Weib in der Hand. Es bietet alle seine Rührigkeit auf, damit die Braut zu befächeln. Andere Weiber spritzen wohlriechende Flüssigkeiten. Männer mit kleinen Stäben gebieten und schaffen zur Seite links und rechts Ordnung. In der Mitte zwei schön gekleideter Weiber, unter dem von vier Männern getragenen blutrothen Baldachin erblickst du die Braut. Der Europäer möchte gern ihre Schönheit bewundern. Vergeblich; sie ist in einem rothen Schleier so ganz und gar verhüllt. Den Kopf kleidet fürstlich ein kronartiger Aufsatz. Um die Stirne und das Gesicht drängt sich ein Goldstück an das andere, ein Edelstein an den andern; die Braut legt mit morgenländischer Ueppigkeit hier Alles zur Schau, was sie nur Glänzendes auftreiben konnte. Geblendet von den ausgehängten Kostbarkeiten, wünscht man beinahe nicht weiter zu schauen, obschon das Geheimnißvolle die Neugierde stachelt; denn man fürchtet, bei gelichtetem Schleier, mit getäuschter Phantasie das Auge wegwenden zu müssen. Hinter dem Baldachine schalmeien sie in das Getümmel der Pauken und Tambour. Langsam schreitet der Zug, aber immer noch rasch für das neugierige Auge, um das Mannigfaltige aufzufassen.
Wenn der Zug mehr oder weniger pompös ist, so gibt es noch manche Zugaben und Anderes mangelt.
Einmal gerieth der Brautzug ins Gedränge in einer ziemlich schmalen Gasse; denn es kam ein langer Zug Kameele, deren Ladung am Bauche wie ein Kobold hin- und herpurzelte, und durch ihre Gespenstergröße die Gasse buchstäblich mehr als halb füllte. Ich befand mich eben am Baldachine, und die kleine Braut rückte mir nahe. Nur ihre Nase prägte sich unter dem anliegenden, rothen Schleier aus. Die Sonne lauerte fortwährend hinter dem rosigen Gewölke. Auf der Stelle ward die Bedrängte von dienstbaren Geistern umringt, und ein Schwarm von Fingern flog auf den Kopf, seinen Putz zu halten, nicht anders, als führe man eine Glasfigur herum, die man an dieser gefährlichen Stelle mit allen Händen beschirmen müsse, auf daß sie ja nicht breche.
An der äußerst reich ausgeschmückten Mohammetanerin fiel mir ein goldenes Kreuz auf, welches von der Stirne herunter hing. Dieser Theil des Kopfputzes war wahrscheinlich ursprünglich im Besitze der Christen. Putzliebe überwiegt nicht selten sogar religiösen Skrupel. Die Mohammetanerin fragt wenig nach der Form, wenn nur Glanz, nur Gold, nur Flitter. Sie versteht die mit Brüchen rechnende Engherzigkeit mancher Protestantinnen nicht, welche, Gott weiß, wie tief sie in die Finsterniß des Papstthums plötzlich gerathen würden, wenn sich einmal ein Kreuz auf ihre Stirne verirrte.
Wo der Brautzug aufhörte, und wie die weiteren Festlichkeiten waren, dessen war ich nicht Zeuge, und das ist der Grund, warum ich nicht davon rede.
Der Leichenzug.
Knaben mit fröhlichen Mienen gehen voran in Reihe und schlagen Liedeslärm. Ihnen folgen blinde Männer, Hand in Hand, mit vereintem Gesang, ohne Sinn für einen geregelten Zug. Drei Männer tragen hier einen vierkantigen, dort einen mit einer Firste versehenen fünfkantigen, so flüchtig verfertigten, breternen Sarg, daß der Blick in die Fugen unschwer sich stiehlt. Von ihm erhebt sich ein Turban, auf dem Sarge das Kreuz des Mohammetaners. Liegt ein Mann in den Bretern, so werden sie mit einem rothen Tuche umwunden, beim Weibe — drängt sich dessen Kopfschmuck darum. Hinter dem Sarge selten ein Mann, aber Weiber, verwandte und bekannte, voll bitterer Klagen über den Verlust. Die Hände und das Gesicht dieser Klageweiber sind, zum Zeichen der Trauer, blau gefärbt. Am Nile das Trauerblau, bei uns das Trauerschwarz, anderwärts das Trauerweiß, — was ist denn die Trauerfarbe? Ein hellblaues Tuch, um in der Schilderung fortzufahren, umflattert über dem gewöhnlichen Schleier den Kopf, — und ein blaues Tuch, an den Zipfeln mit beiden Händen fassend, schleudern die Klagefrauen mit gellendem Schrei gegen den Sarg, als wollten sie dem Sensentrager die Beute abringen. Nur die weiblichen Verwandten tragen die blaue Trauerfarbe, kein einziges Trauerzeichen die Uebrigen.
Ach, der Todte bleibt todt, todtenbleich und todtenstarr, mögen ihm die Einen leise nachweinen oder laut nachschluchzen, die Andern gellend nachschreien.
In Alexandrien hörte ich von einem Hause herab zuerst den unvergeßlich gellenden Lärm; ich wußte nicht, ob von einigen verrückten oder im Zanke begriffenen Weibern. Ich stand wie verdutzt da, als man mir die Erscheinung dahin aufklärte, daß darin eine Person gestorben wäre, und daß, zur Bezeugung der Trauer, so lange in demselben Hause geschrieen, bis sie daraus getragen wurde. Es wäre manchmal an einem Trauerfalle so genug, daß man diesen nicht überlaut verkündigen oder amplifiziren dürfte.
Der Straßensänger.
Da steht ein Jüngling, der mit der einen Hand das Ohr zuhält, mit der andern dann und wann hinter den schwarzbraunen Nacken fährt. Er scheint Galls Tonorgan nachfühlen zu wollen. Er trägt eine Mütze und eine Jacke, weiter aber keinen Faden am Leibe. Das ist ein Sänger in einer der Hauptstädte des osmanischen Reichs.
Die Stimme klang nicht unangenehm; aber wenig Wechsel in der Singweise, zum Unglücke verstand ich kein Wort. Ich zweifle nicht, daß Alles artig und poetisch gewesen sei; denn es hatte ja sich in dem Sänger selbst der Ausbund von Poesie personifizirt. Was ich gut verstand und mich zum herzlichen Lachen rührte, war das Gekrähe eines jungen Hahns, das Gebell eines Schoßhündchens und das Gefauche einer Katze, welche anmuthigen Töne der Virtuose nach jeder Strophe vortrefflich nachahmte. Die Nachahmung der Thiere ist freilich mehr ergötzlich, als des Menschen würdig.
Der Europäer meinte in Egypten, er lebe in einer ganz andern Welt, wenn ihn nur zur rechten Zeit und zur Unzeit, mit Erlaubniß zu sagen, die Flöhe und die Wanzen nicht stächen, wenn nur die Sonne viereckig und der Mond hornlos, das Feuer kalt und das Wasser trocken wären, wenn nur, worauf es eben jetzt ankommt, nach einer andern Melodie die Hähne krähten, die Hunde bellten, die Katzen fauchten; aber sogar die egyptischen Menschen kennt der Europäer auf dem Resonanzboden Europas, wenn sie schwatzen, wie die egyptischen Hähne, Hunde und Katzen. Dagegen liefert Europa manchmal Konterfeie seiner selbst, welche dem Urbilde gleichen wie John Bull einem Känguruh.
Der Versteigerer.
Um etwas dem Meistbietenden zu überlassen, sind in Europa erst lange Berathungen, Edikte, Zeitungen, Lizitazionskommissarien nöthig. Niemand versteht besser, auf krummem Wege das Ziel zu verfolgen, als der Abendländer.
Ein Araber ging in die Frankengasse, in der Hand ein Hausgeräthe, womit er die Schaulust möglichst reizte, und rief den Preis desselben mit lauter Stimme aus. Er hört aus einer Bude ein Gebot; er wiederholt es; aus einer andern Bude vernimmt er ein höheres Gebot; er wiederholt auch dieses. Hin- und herrennend, als hätten ihn die Bremsen angebohrt, wiederholt er die Gebote, bald in arabischer, bald in italienischer Sprache. Sobald die Gebote nicht höher steigen, und das höchste dem Versteigerer anständig ist, so überläßt derselbe den Gegenstand dem Meistbietenden. Hier befindet sich der Araber in der That auf dem rechten Flecke, wo es ihm denn trefflich zu Statten kommen mag, daß er so gerne lärmt und schreit.
Der Barbier.
Es ist ein kurios Ding um den Bart, daß er am Antlitze des Mannes zur Schererei entsprossen sein soll.
Die bessern Barbierstuben Kairos sind prächtig ausgestattet. An die Wände lehnen sich unbewegliche Reihen schnörkelhafter Sitze von hartem Holze, wie in einem Kirchenchore.
Da zwängt man Einem den Kopf über die Brust, um die Schwarte nackt zu scheren; dort wird die Lippe straff angestreckt, um die Mundwinkel auszuputzen, dort der Kopf rücklings umgebogen, über dem Adamsapfel einen Streifen wegzubarbieren. Wenn in einer Stube Mehrere barbiert werden, so machen die Köpfe so verschiedene Richtungen, als wären sie aufs allergutmüthigste illuminirt. In den Barbierstuben wird man nicht in hockender Stellung rasirt, wohl aber auf den Gassen. Der Barbier schneidet die Stoppeln völlig auf der Haut, schier wie ätzend, und er versteht in Summa seine Kunst meisterhaft. Leicht handhabt er das scharfe Messer, es bald auf- bald abwärts, bald seitwärts führend über fast alle Theile des Kopfes. Jeder mag sich im runden Spiegel, welcher, in einen schmucken Rahmen gefaßt, von dem Barbier mit Selbstzufriedenheit unfehlbar dargeboten wird, selbst überzeugen, ob ich in guten Treuen schilderte.
Der Lagerstellenmacher.
Die Lagerstellen der Egypzier haben etwas eigenthümliches, da sie gleich einem Käfiche zusammengestäbelt sind. Lagerstellenmacher, wie hier, dürften in Europa schwerlich gefunden werden. Die Noth schuf im Nilthale die Eigenthümlichkeit; es gebricht an größerm Holze, welches den Hobel zuläßt.