Kairo. (continued 2)
Reading edition
Der Lagerstellenmacher besitzt keine Bude; er begnügt sich, in dem Winkel einer Gasse oder sonst wo zu hocken. Ein Schneide- und ein Hohlmesser sind seine Werkzeuge. Mit ersterm schnitzelt er die Holzstäbchen etwas zurecht, und gibt ihnen die gehörige Länge; mit letzterm schlägt er Oeffnungen, dadurch die rundlichen Stäbchen zu ziehen.
Kein Pinsel beleidigt je diese Lagerstellen. Sie tragen den Schweren, wie den Leichten, den Müden wie den Muntern, den Schlafenden wie den Wachenden; dem Sünder aber nehmen sie die Last seines Herzens ebenso wenig ab, auf daß ihn eher der sanfte Schlaf erquicke, als die europäischen köstlichen und bequemen Bettstellen solch ein Wunder zu bewirken vermögen.
Der Glaser.
Als ich die Einsetzung von Scheiben verlangte, kamen zwei Menschen, ein gesetzter Mann und ein Jüngling von etwa sechszehn Jahren. Der Kontrakt in Betreff der Scheiben war bereits geschlossen. Wer sich eine Bedeutung geben will, muß doch die Kleinigkeiten umständlich behandeln.
Der Glaser ließ sich auf den Boden nieder; der Gehülfe ihm gegenüber. Sorgfältig schlug jener die hölzernen Nägel aus den Fensterrahmen. Er arbeitete langsam, aber sicher; so war sein Augenmaß. Statt eines Diamants bediente er sich eines Bröckchens Granit. Wenn dieser nicht tief genug schnitt, so führte er ihn auch über die Rückseite des Glases. Dann ballte er die rechte Hand, nahm die Scheibe zwischen den Zeigefinger und den auslangenden Daumen, und drückte solchergestalt mit Behutsamkeit abwärts, um das Glas über den Riß abzubrechen. Dieß gelang ihm freilich nicht, daß er eine schöne, ebene Linie bekam, doch brach er auch nicht fehl.
Ich glaube, der beste europäische Glasermeister würde mit einem solchen Hülfsmittel kaum besser das Glas gebrochen haben. Es ist immer eine Kunst, mit Wenigem gehörig auszureichen.
Der Schuhmacher.
Ohne eine lederne oder tüchene Schürze, ohne pechschwarze Hände sitzt der Schuhmacher auf einem niedrigen Stuhle vor einem runden, ebenfalls niedrigen Tische, welcher der Querabschnitt eines Baumstammes und auf drei breite Füße gestützt ist. Die Schuhleisten weichen von den europäischen kaum ab, wenn nicht darin, daß sie, ohne den Moden unterworfen zu sein, alle spitz sind. Wie oft wird der europäische Schuhmacher durch die Modesucht Anderer geplagt, und wie ruhig kann deßhalb der egyptische schlafen. Der Flattersinn der Modenjournalisten erzeugt fürwahr eine Menge Qualen.
Mit einem Stücke Messing, welches die Form eines Mörserpistills, nur eine breitere Birne zum Schlagen hat und kürzer ist, werden Leder und Nähte geklopft. Flink schneidet dasselbe mit einem leichten Schroteisen der Schuster, der überhaupt mit einer großen Fertigkeit arbeitet. Der Mohammetaner näht nicht mit Schweinborsten, weil nach seiner Ansicht Alles, was vom Schweine kommt, unrein macht. Den gelben und grobkörnigen Stoff oder den Kleister, womit ein Lederstück auf das andere gekleibt wird, erkannte ich nicht. Die egyptischen Schuhe sind dem Klima angemessen: leicht, halten sie wenig warm, werden aber bald durchnäßt.
Der Töpferwaarenflicker.
In einem Lande, wo man mit schönen Porzellangefäßen so viel Aufwand treibt, ist es oft keine Kleinigkeit, wenn etwa eines bricht. Porzellan kommt hoch zu stehen, und so wird leicht erhellen, daß man sich Mühe gibt, die Bruchstücke zu einem Ganzen zu vereinigen.
In Europa fehlt es nicht an gutem Kitte für Töpferwaaren; doch hält selten einer längere Zeit, und in die Bauernhäuser fand er den Weg noch nicht. Sehr pfuschermäßig werden bei uns die Bruchstücke mit einem Drahte auf die Weise zusammengeheftet, daß er, nachdem er an beiden Enden sich berührt, gezwirnet, und an das Gefäß gedrückt wird.
Was ist denn das für eine Bude? fragte ich mich, als ich darin einen Haufen gemalter Scherben, davon die meisten von Porzellan, erblickte. Ein Mann hockte an der einen Wand, und bog den rechten Fuß auf den linken Schenkel. Er legte eine Scherbe auf die große Zehe, an der Stelle, wo er bohren wollte. Ohne jene mit einer Hand zu fixiren, setzte er den Bohrer an. Diesen brachte er mit einer Art Geigenbogen in Bewegung. Nämlich die Schnur des letztern umschlang den Bohrer einmal, ungefähr in der Mitte, und indem der Arbeiter den Bogen hin- und herbewegte, drehte sich der Bohrer bald rechts, bald links um die Achse. Das Loch ließ der gewandte Handwerker nicht durchdringen. Nachdem zu den Seiten des Bruches ein Loch neben dem andern angebracht war, wurde der klammerförmige Draht, indem er quer über den Bruch sich zog, unter sanften Schlägen eingehämmert. Die Bruch- und Bohrstelle bestrich der Tausendkünstler mit einem Kitte, welchen er sogleich bereitete. Er knetete bloß Eierklar und Gips ohne Feuer zu einem Teige. Ich darf nicht erst beifügen, daß die Hefte beinahe niedlich aussahen, und an der innern Seite des Gefässes nahm man sie nicht einmal wahr, eben weil die Bohröffnungen nicht durchdrangen. Die fleißige Arbeit verfehlt den Beifall nicht, und schiene sie selbst ihrer Geringfügigkeit willen keinen Fleiß zu verdienen.
Die Missionarien.
Das protestantische Frommthum und Frommthun bewacht Kairo mit nicht weniger denn drei Missionarien, und zwar mit lauter Teutschen: Kruse, Lieder und Müller. Ich erblickte in diesem Missionariate weniger minder, als protestantischen Luxus. Die vielen Bemühungen, bisweilen nicht ohne übertriebenen Eifer, werden äußerst selten mit einer Bekehrung belohnt. Auch darf das Christenthum nicht durch die Zahl seiner Bekenner nach einem arithmetischen Scheinwerthe gelüsten, sondern es soll durch seinen innern Reinwerth glänzen.
Den in Kairo angekommenen und niedergelassenen Fremden aus dem Abendlande, mögen die Missionarien nicht überflüssig erscheinen. Wenn der Ankömmling nicht gerne in das Gewühl der fränkischen Kumpanei sich wagt, so kann er sicher sein, bei diesen Männern gute Gesellschaft zu finden. Er leite das Gespräche nur anfänglich so, daß sie ihn nicht mit überfrommen Dingen bestürmen. Nirgends stieße man sonst auf größeren Kontrast. Dießseits die Jesusherzeleien, jenseits die unfläthigste und unzüchtigste Zunge und zwischen zwei Enden — — Einsamkeit und Langeweile, wofern man nicht glücklich genug ist, in der Mitte derselben Gleichgesinnten sich anschließen zu können. Mit Lehren und Predigen, Briefeschreiben und Diskuriren verbringen die Missionarien ihre meiste Zeit. Manchem Abendländer helfen sie auch wohlthätig aus der Noth. Der Sonderbarkeit muß ich gedenken, daß das Auditorium der Prediger eben auszusterben im Begriffe war, und daß bloß noch zwei Katholiken, doch mehr aus Liebe zur deutschen Sprache, den protestantischen Predigern zuhörten. Lieder macht auch den Arzt nach den Grundsätzen der Homöopathie. Müller langweilte mich durch seine mystische Deutelei des Hahnemannianismus außerordentlich, und ich überzeugte mich aufs Neue, daß die Homöopathie der Mystizismus der Medizin ist.
Daß die neuen Apostel nicht bloß lehren und predigen, schreiben und diskuriren, liegt in der Natur des Menschen. Ein wohlbestellter Tisch wird nicht etwa nur angeschaut, und Kruse ritt einen ebenso schönen, als prächtig gesattelten Esel. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, daß man hie und da die Demuth, gleich einem Kruzifix, in Gold einfaßt.
Die Renegaten.
Frankreich schuf die neue Lehre des St. Simonismus. Die Anhänger desselben, in ihrem Vaterlande von allen Seiten beunruhigt, ausgelacht, verspottet, gehaßt, verminderten sich dadurch, daß ein Theil den Wanderstab ergriff. Der Pabst Enfantin und Andere zogen nach Egypten.
Man zeigte mir in Kairo öfter Saint-Simonisten. Sie zeichneten sich vor den übrigen Franken durch einen langen Bart aus. Sie führten ein ziemlich gesondertes Leben. Auch eine St. Simonistin sah ich, und billig machte ich meine Glossen. Enfantin scheint entweder wenig gekannt, oder beinahe vergessen zu sein. Wenn ich auch nach ihm mich erkundigte, so wollte man doch in der Regel nichts von ihm wissen. Nach den Einen lebe er, von dem Geräusche der Städte entfernt, in der Einsamkeit; nach einem Andern habe er das Zeitliche gesegnet[20].
Egypten gibt allen Glaubensbekennern Zuflucht, ohne daß es jedoch mit der eigentlichen Toleranz, Humanität und Liebe den Andersgläubigen begegnet. So werden von den Abendländern die Juden geduldet.
In der neuern Zeit zogen die St. Simonisten deßwegen das Gerede auf sich, weil einer um den andern zum Mohammetanismus hinübertrat, ob aus Ueberzeugung oder aus Habgierde, oder aus Rache gegen die Christen, weiß derjenige, welcher die Nieren der Menschen prüft. Es gibt indessen hin und wieder auch andere Franken, welche ihren Glauben verläugnen. Ich habe, um mich selbst anzuklagen, mit meiner Toleranz es noch nicht so weit gebracht, daß nicht unangenehme Gefühle sich meiner bemächtigten, wenn ich einen Renegaten erblickte. Im Falle wirklich reine Ueberzeugung als Triebfeder zur Renegazion wirkte, so lasse ich mir diese gefallen. Wie schwer hält es aber, daran zu glauben, wenn man lediglich erwägt, daß die Renegaten die Religion der Zivilisirten unsers Erdballs verlassen, um sich zu derjenigen der Halbbarbaren zu bekennen.
Ich kannte einen Renegaten, welcher in Verachtungswürdigkeit seinesgleichen sucht. Durch die Abschwörung seines Glaubens hoffte er steif und fest auf Beförderung. Er sprach von nichts lieber, als von einem zu erhaltenden Orden, z. B. wie er die beste Wirkung für das Auge thun werde. Er wählte sich ein Weib. Die Hochzeit verschlang seine Barschaft. Er wünschte ein hübsches Mädchen. Er bekam, im Sinne der Egypzier, eine Vettel. Er verstieß sie. Wenn die Sperlingseele würdig wäre, dem großen Cäsar verglichen zu werden, so träfen ihn die Worte, deren Curio für diesen Römer sich bediente, daß er der Mann aller Weiber und das Weib aller Männer sei (omnium mulierum virum et omnium virorum mulierem). Mehr darf man nicht sagen, um den niedrigen sittlichen Standpunkt anzugeben. Und das ist ein Renegat, ein gewesener Christ und ein nunmehriger Mohammetaner. Soll die Religion dienen, zu irdischem Wohlleben und Glanze emporzuhelfen, so würdiget man sie mit ruchlosem Herzen zur Magd roher Sinnlichkeit herab.
Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt über Kairo aus Europa.
Zu den pikanteren Dingen, nach meinem Geschmacke, rechne ich den Lebenslauf der nach Kairo zerstobenen Europäer. Weil diese Stadt so weit von Europa abliegt, so müssen Neigungen und Verumständungen seltener Art die große Reise veranlassen.
Die Europäer in Kairo verdienen im Ganzen den Ruf der Lockerheit. Gut essen und trinken, reiten und müßig gehen u. dgl. treten als Hauptzüge in ihrem Leben hervor. Das Schuldenmachen ist das Allerunschuldigste, und das Nichtbezahlen der Schulden etwas Gewöhnliches. Daß auch Personen höhern Ranges in Schulden stecken, ist freilich nichts Bezeichnendes für die egyptischen Franken, und, dem guten Tone der Europäer zu lieb, möchte ich es ja nicht tadeln. Ich kannte einen General, welcher einem armen Schlucker an 100 Piaster schuldete. Dieser begab sich oft zu ihm, die Anforderung zu erledigen. Es hieß immer morgen. Und warum: Morgen? Weil der Sold schon ein Jahr lang beim Pascha ausstehe. Uebrigens bewegt sich dieser General auf einem sehr glänzenden Fuße; viel Gesinde, Pferd und Kameel, Strauß und Fasan und dgl. reden von seiner Herrlichkeit. Solchen Aufwand zieht er dem Abtragen der Schulden und der Erleichterung eines geldbedürftigen Mannes vor. Ein Angestellter, welcher bei einem monatlichen Einkommen von 500 Piaster (an 200 Gulden R. W.) demselben ehrlichen Schlucker schuldig war, überschwemmte sich lieber die Nacht hindurch in der rauschenden Gesellschaft des theuren Bacchus, lieber bezahlte er Andern die Zeche, lieber hielt er einen eigenen Esel, lieber bereitete er sich andere Lustbarkeiten und Bequemlichkeiten, als daß er seinen Gläubiger zufrieden stellte. Ich hüte mich wohl, den großen Ton lächerlich zu machen, aus Besorgniß, daß man mich des kleinen Tones zeihe.
Wer frisch in Kairo ankommt, und gerne Geld aushängt, der rechne zuversichtlich auf Freundschaft, aber, mit Erlaubniß zu sagen, auf eine Zungen-, keine Herzensfreundschaft. Der schwärzeste Undank folgt meistens der Gabe oder dem beßtgemeinten Darlehen.
Manche Europäer langen in Kairo an, ohne daß sie etwas mitschleppen, als das Kleid am Leibe; denn auf alsbaldige Anstellung und damit auf Eröffnung der Goldgruben zählen sie so sicher, als der gläubige Christ auf das Erbe des Himmels. Wenn sie dann nicht geradezu betteln oder, nach ihrer vornehmen Redensweise, Geld entlehnen, so schenkt ihnen noch ein Gastwirth Kredit. Wunderbar sind die Künste der Berechnung. Bei aller Armuth aber sind sie, in ihrer verbindlichen Stellung gegen den Wirth, genöthigt, wohl zu leben, z. B. Wein zu trinken. So natürlich; je mehr der Wirth aufschreibt, desto mehr gewinnt er; denn an irgend einer Anstellung zweifelt Niemand. Aus einem Militär erstümpert man exempelsweise einen Zeichenlehrer für die medizinische Schule. Der Wirth spielt mit den neuangekommenen und geldentblößten Abendländern Lotterie, welche ihm jedenfalls Vortheil bringt, muß er auch hin und wieder eine Niete ausbezahlen.
Daß Stümper, Weltlinge, am meisten noch Glücksritter, manche Verschuldete, selbst auch Verbrecher eine große Zahl der Franken in Kairo bilden, leidet wohl keinen Zweifel. In dem Kaffeehause, wo Spanier, Franzosen, Engländer, Deutsche, Polen, Italiener und Griechen bunt durch einander gemengt waren, konnte ich mich oft der wunderlichsten Gedanken nicht erwehren: links saß vielleicht ein Betrüger, rechts ein Dieb, vor mir ein Todtschläger. Ich will nun eine biographische Skizze der Mittheilung nicht vorenthalten, ohne daß ich jede Einzelnheit verbürgen möchte.
Undank für treue Liebe.
Ein junger Mann gewann ein Mädchen lieb. Er war Katholik und sie Protestantin. In seiner heimatlichen Gegend warf die Eingehung einer gemischten Ehe ungemein viel Staub auf. Um die Schwierigkeiten auf dem richtigsten Wege zu beseitigen, unternahm er eine Reise nach Rom. Hier erlangte er von der Kurie die Erlaubniß zu einer paritätischen Ehe. Auf der Heimreise hielt er sich eine Zeit lang in Triest auf, wo er, als Mechaniker, das Auskommen zu seiner gänzlichen Zufriedenheit fand. Er schrieb seiner Geliebten, daß ihm die Heirathsbewilligung ertheilt worden sei, und daß auch sie die weitern Schritte thun solle, wodann er ohne Verzug zurücktreffen werde. Die Eltern indeß, schon lange dem katholischen Freier ungünstig, wußten während der Abwesenheit des Liebhabers überwiegenden Einfluß bei der Tochter geltend zu machen. Kurz, sie knüpfte eine andere Bekanntschaft an.
Wem auch schon ruhige Augenblicke vergönnt waren, das Seelenleben nach seinen Ursachen und Wirkungen zu durchschauen, findet in der Liebe eine mächtige Triebfeder zu vielen eigenthümlichen und außerordentlichen Unternehmungen. Tief ergriff die Nachricht von der Untreue des Mädchens den Geliebten, welcher ein so großes Opfer, wie die Reise nach dem entfernten Sitze des römisch-katholischen Oberhauptes, nicht scheute. Es verdüsterte sich sein Gemüth in dem Grade, daß er Europens überdrüssig wurde. Er reisete nach Jerusalem, und von dort nach Kairo. In der Hauptstadt Egyptens suchte und erhielt er als musikalischer Instrumentenmacher eine Anstellung bei der Regierung, obschon er von der Musik so viel als nichts verstand, mithin auch die Instrumente nicht stimmen konnte. Musikanten von seiner Bekanntschaft halfen ihm aus der Klemme. Mittlerweile vervollkommnete er sich in der Kunst, bis er durch Ohrenbläsereien und durch geheime Untergrabungen von seiner Stelle verdrängt wurde. Später eröffnete er eine Bude, worin er arabische Bibeln[21], andere Bücher und auch andere Dinge feil bot. Hart prüften langwierige Ruhr und andere Mißgeschicke sein Leben.
Unter österreichischer Protekzion.
In Ermangelung eines schweizerischen Konsulates mußte ich mich in ein fremdes fügen. Ich hatte Ursache, das österreichische zu wählen. Als ich in Wien die Arzneiwissenschaft studirte, wurde mir von Seite der Hochschule zu viel Gutes zu Theil, um Oesterreich undankbar vergessen zu können; als ich im Jahr 1834, zum Theile in schriftstellerischer Absicht, eine Reise nach Wien unternahm, ward mir so viel Unterstützung gewährt, wie ich sie kaum erwarten durfte. Zudem war es Anfangs schon nicht ganz unwahrscheinlich, daß ich über Oesterreich zurückreisen werde, in welchem Falle, dachte ich, am zweckmäßigsten der Reisepaß mit den Visa der österreichischen Konsuln versehen wäre.
In Kairo bedarf man, strenge genommen, keiner Aufenthaltsbewilligung. Die egyptische Polizei bekümmert sich in der Regel um die Franken wenig oder gar nicht. Einen Tag nach meiner Ankunft stellte ich mich bei dem österreichischen Konsul, Herrn Champion, und drückte ihm meinen Wunsch für österreichischen Schutz aus. Er nahm auf eine verbindliche Art den Paß in Verwahrung, und damit war Alles in Ordnung. Der Aufnahme von Seite des Herrn Champion sowohl als des österreichischen Generalkonsuls in Alexandrien, eines eifrigen Freundes der schönen Künste und des Besitzers einer ansehnlichen Gemäldesammlung, zolle ich meine wärmste Anerkennung. Ich fand an beiden Männern ebenso gut unterrichtete als gefällige Rathgeber. Vielleicht würde man es missen, wenn ich mit Stillschweigen überginge, daß mein Paß auch an der letzten Stelle „gratis“ visirt wurde, weil es nicht überall der Fall ist.
Ehemals herrschte die nicht selten lästige Sitte, daß die Reisenden von den Konsuln zu Mahlzeiten eingeladen wurden. Es scheint sich dieselbe zu verlieren.
Meine Wohnung.
Am Tage meiner Ankunft suchte mich ein Schweizer auf, weil er vernahm, daß ein Landsmann angelangt sei. Die Ferne nähert die Gemüther. Wiewohl ich mich außerordentlich freute, einem Schweizer in so großer Entfernung die Hand zu schütteln, so wollte ich dennoch mit einiger Vorsicht mich einlassen. Denn die Schilderung der in Kairo sich aufhaltenden Franken, die mir zu Gesichte kam, machte mich bei Anknüpfung freundschaftlicher Bande eher furchtsam. Ich erfuhr aus guter Quelle, daß der Schweizer ein wackerer Mann sei, und da ich dieß bei jeder Gelegenheit selbst bestätigen konnte, so nahm ich keinen Anstand mehr, mit ihm in freundschaftliche Verhältnisse zu treten. Er ist aus dem schweizerischen Kanton Thurgau gebürtig, und sein Name Karl Baumgartner: gewiß einer der edelsinnigsten Franken, die in Kairo leben, ein Mann, dessen Andenken mir immer theuer bleibt[22].
Baumgartner hatte ein halbes Haus in Miethe, und bei ihm lebte ich in Aftermiethe. Daß ich auch hier auf zerbrochene Scheiben stieß, dessen verwundere man sich nicht. In keiner größern Stadt sah ich so wenig auf die Glasscheiben verwendet, als in Kairo. Blind vor Staub ist die Menge, man läßt sich die Mühe zum Waschen reuen, und zerbrochene Scheiben oder Scheibenlücken verunzieren selbst manches bessere Haus. Die zerbrochenen Scheiben mochte ich aber auch hier nicht leiden. Wir ließen den Glaser rufen.
Ich wohnte im Frankenquartiere (Hârah el-Musky). Wo? kann ich hier so wenig genau angeben, als ich es vor dem Konsul konnte. Die Franken sagen, bei wem sie wohnen, oder nennen auch einen Hauptplatz, ein Thor u. s. f. Mein Zimmer war so hoch, wie eine Kapelle, und man hätte nur einen Altar bauen dürfen, um in einer wirklichen Kapelle zu wohnen. Eine Fledermaus, welche Nachts herum flog, erfreute sich eines so großen Spielraums, daß sie, hin- und herflatternd, nie nöthig fand, an meinen Kopf zu streifen.
Meine Nahrung und Getränke.
Aus dem gebirgigen und kaltwinterigen Lande Europas in das niedrige und heiße Land der Afrikaner versetzt, nahm ich mir vor, Alles pünktlich zu meiden, was meine Gesundheit beleidigen könnte. Der Magen würde schwerlich unter dem Haupte liegen, wenn er Herr im Leibe sein müßte. Vorzüglich hütete ich mich vor dem Gemüse, vor grünen Früchten, als: Bananen, Granatäpfeln, Datteln, Melonen, so gerne sie mich verführt hätten. Sogar gekochtes Gemüse schlug ich aus. Dadurch war ich an den Tischen freilich nicht wenig geplagt. Man wartet hier mit Fleisch und immer wieder mit Fleisch auf; viel Fleisch aber bekam mir nicht gut. Zudem genießt es der Franke mehrentheils geröstet oder gebraten, daß es leicht Durst verursacht, dem man beinahe um jeden Preis vorbauen soll.
Neben leichtem Fleisch aß ich Reis, mit besonderer Vorliebe Milchreis (riso con latte e zucchero), und nicht selten genoß ich Kartoffeln. Die Fische kostete ich nickt einmal, weil sie Niemand für gesund hält. Des Morgens erquickte ich mich am Milchkaffee, oder ich begnügte mich auch nur mit Milch und Brot. Es trieb in der Frühe ein Araber Ziegen vor die Hausthüre. Wenn ich ein Schnalzen mit der Zunge hörte, so waltete kein Zweifel, daß der Melker angelangt war. Vor meinen Augen molk er mit der geballten Hand, indeß er mit der andern Hand das Gefäß vorhielt. Ich konnte mich überzeugen, daß ich unverfälschte Milch bekomme. Noch warm getrunken schmeckte sie mir köstlich, und ich spürte davon nicht im mindesten nachtheilige Wirkungen. Ich füge dem Gesagten bei, daß die Milch der egyptischen Ziegen mit ihren Schafsohren, angenehmer und milder schmeckt, als diejenige der Schweizerziege.
Mein Hauptgetränke war Nilwasser. Ich trank es meistentheils so, wie es aus dem Flusse kam, bisweilen jedoch mit einem geringen Zusatze von Rhum. Ich wußte recht gut, daß viele Arten von Unreinigkeiten in den Nil fallen. Ich schöpfte mit der Hand aus dem Nil in den durstigen Mund, während Stroh herumschwamm. Was hätte hier zögern und prüfen gefrommt? Durst quälte mich, und mir stand nur ein einziges Wasser zu Gebote. Darum überließ ich das Grübeln Andern, und trank mit Herzenslust. Das Nilwasser ist leicht und schmeckt vortrefflich. Von jeher wurde dessen seiner gesunden Eigenschaft wegen mit Lob gedacht. Es soll selbst auf den Tisch des Sultans in Konstantinopel gesetzt werden. Man will beobachtet haben, daß der Nilschwamm, welcher mit dem Wasser häufig getrunken wird, auf der Haut Knötchen (boutons) erzeuge. Davon nahm ich an mir nichts wahr, ohne daß ich diese Beobachtung in Abrede stellen möchte. Alpinus sagt geradezu, daß sich gewöhnlich alle Ankömmlinge in Kairo eine Diarrhöe zuziehen.
In den fränkischen Wirthshäusern, will sagen, sowohl in dem Gasthause (locanda), als in den Speisehäusern (trattoria), wird viel Wein ausgeschenkt. Ich vermied ihn sorgfältig. Mich wunderte, daß die Franken nach diesem schlechten Getränke, wie es in Kairo beschaffen ist, so begierig haschen, wenn sie auch vor der Schuldenlast nicht wissen, was sie anfangen sollen. Es schlenderten so häßlich berauschte Franken auf der Gasse herum, daß ich mich für sie, des fränkischen Namens willen, schämte. Willkommen war mir dagegen das fränkische Kaffeehaus eines Griechen, wo ich keinen Tag fehlte, um Kaffee zu trinken, dessen man sich unter diesem heißen Himmel nicht enthalten darf. Ich trank ihn meist alla Franca, d. h. mit Zucker, seltener alla Turca, und in letzterem Falle, wie Andere, mit dem Satze, was mir wenig Mühe kostete. Bisweilen genoß ich die köstlich bereitete Orgeade oder eine Limonade.
Nachlese. Bei diesem Anlasse will ich mit wenig Worten meines regiminellen Verhaltens erwähnen. Mehr als die Morgen- und Abendkühle floh ich die Mittagshitze, welche, meines Bedünkens, am schädlichsten wirkt. Der Abendkühle könnte ich nichts Nachtheiliges nachreden. Sie war während meiner Anwesenheit in Kairo nicht vorhanden, sondern es herrschte vielmehr des Abends bis zehn Uhr eine gemäßigte Temperatur, die nicht angenehmer hätte sein können. Wenn ich des Abends, bei der lieblichen Witterung des Wintermonats, im windoffenen Kaffeehause saß, konnte ich das herrliche Klima nicht genug preisen. Außer der Mittagshitze, klage ich allerdings noch die Morgenkühle an. Der Zureisende bringt, gleich den wohlhabenden Einwohnern, die frühen Morgen am besten im Bette zu. Immerhin suchte ich den Unterleib warm zu pflegen, und das Duften der Haut, wenn es einmal begonnen, zu unterhalten. Es sollte Niemanden schwer fallen, eines so großen Gutes willen, wie die Gesundheit ist, in gewissen Schranken zu leben.
Umgebung von Kairo.
Bereits besuchte ich außerhalb der Stadt die Grabmale der Großen (Turâb Kâyd-Bei). Die Umgegend verdient, daß man sich weiter umsehe. Rückerinnerungen an erstere erweckte der Anblick der Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim.
Reitet man von Altkairo gegen die Burg, so tönt es oft hohl unter den Hufen des Thieres; es scheinen die Geister der grauen Vorwelt zu klagen; man kommt über Schutt, über sandichte Schutthügel, welchen die vielen rothen Ziegelscherben ein scheckiges Ansehen verleihen; es ist Wüste; das Auge erholt sich nicht an einem einzigen grünen Gräschen.
Das Turâb (Todtenstadt) el-Seydeh Omm Kâsim liegt südlich unter der schroffen Wand des Mokatam, gleich am Fuße des Schlosses. An Umfang gibt dasselbe einer kleinen Stadt nicht nach. Selbst das Bauwerk stellt sich ansehnlich heraus, und mit dessen Kosten hätten mehrere hundert egyptische Dörfer gebaut werden können. Auf diesem Leichenfelde verirrt man sich staunend mit dem Auge in den Wald von kleinen Moscheen und Minarets. Manches Prachtwerk aber zerfällt in einen Wirrwarr öder Steine. Immerhin bleibt es eine Seltsamkeit, daß die Mohammetaner den Todten mehr Ehre erweisen, als den Lebendigen.
Wie sich allerwärts bei den Muselmännern der Unterschied zwischen den Großen und den Geringern durch das Aeußere laut ankündigt, daß z. B. der Große sein Weib einsperrt, während der Geringe das seine frei herumgehen, selbst bei einem Christen den Hausdienst versehen läßt, so besonders zeichnen sich der Großen Denkmäler, diese feierlichen Grabesdome, aus. Was ist das Grab und Grabmal des Geringen? Wenige Fuß tief wird Erde aufgeworfen, die Leiche hineingelegt, und darüber ein kleines Gewölbe flüchtig gemauert; obenher bringt man einen, aus Stein gehauenen, auf einer dünnen Unterlage ruhenden Turban an, welchen ich deßwegen so nenne, weil ich weiß, daß er einen vorstellen muß, und an der entgegengesetzten Seite erhebt sich etwa ein plumper Halbmond mit seinen stumpfen Hörnern. Wenige Jahre halten die zusammengepfuschten Steine aus, und sie verlieren ihren Zusammenhang, als wären sie bloß zusammengedacht gewesen, werden jetzt aber dem Grabmaurer als Baustoff erst wieder nützlich. Das ist das Grab und Grabmal eines muselmännischen Geringen. Selbst auf dem stummen Leichenacker, möchte man ausrufen, herrscht unter den Mohammetanern der schreiende Despotismus der Großen; allein im Innern der Gräber bebt derselbe beschämt vor der Wahrheit zurück: Der Staub aller Todten ist gleich.
Die Nekropolis steht an Pracht und Aufwand weit hinter dem Gottesacker Kâyd-Bei zurück.
Auf den Grabstätten erzeigen sich diejenigen Moslims, welche dem Christen den Eintritt in ihre Kirchen verweigern oder erschweren, sehr tolerant. Ungehindert ritt ich in Kairo auf einem Esel kreuz und quer über die Gräber. — Die größten Todtenfelder liegen außer dem Umkreise der Stadt[23].
Die Wasserleitung.
Schon auf der Burg empfahl sich meiner besondern Aufmerksamkeit eine auf vielen Pfeilern ruhende, lange, steinerne Brücke, die Wasserleitung, und ich war sehr begierig, in der Nähe sie zu besehen. Will man nach Altkairo sich begeben, so ist es ihrer Bögen einer, unter welchem der Weg durchführt. Der Wasserthurm (el-Migreh), als das Haupt des Aquädukts, steht rechts am Rande des Nils. Man kann auf ihn in einer unbedeckten Bahn reiten. Eben traf ich einige Weiber, welche die Brustwehre mauerten; ihr Mörtel war Viehmist, welchen sie mit heitern Mienen und zierlich mit ihren kleinen Fingern herumdrückten. Die Hände der Schönen waren Mörtelkellen, um welche diese Egypzierinnen von den Schönen Europas wahrscheinlich nicht wenig beneidet werden. Oben kirren sechs Räder, von zwölf Ochsen getrieben, um das Wasser aus der Tiefe zu schöpfen. Dasselbe wird in ein Becken ausgeleert, das in den Kanal ausmündet. Der liefert das Wasser in die Burg. Eine weite Strecke erhebt er sich hoch über die Erde. Erst in der Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim greift er in das Erdreich. Die Rinne selbst mißt etwa zwei Fuß in der Breite und Tiefe. Der Nilschlamm, welcher sich aus dem Wasser niederschlägt, wird mit Sorgfalt herausgeschafft. Ich ging ein Stück weit neben der Rinne bis an einen Ort, wo die Wasserleitung ausgebessert wurde.
Nahe an dem Wasserthurme fängt der ungemauerte Nilkanal an. Dieser wird jährlich zu seiner Zeit mit einem Damme querüber gesperrt, dessen Durchschneidung dann die Anwohner mit großem Jubel feiern. Allahu akbar (Gott ist groß); Gott läßt keinem Volke des Elendes so viel werden, daß er nicht dann und wann in dasselbe eine Rose der Freude streute.
Altkairo und das armenische Kloster.
Altkairo oder ehemals Fostât, dann Maser el-A’tykah der Araber ist eine besondere, mit Mauern und Thoren verwahrte, nicht unbedeutende Stadt im Süden und eine halbe Stunde von Großkairo, hart am Nil. Es gewährt ein einförmiges, schwarzgraues Aussehen. Die Häuser sind hoch und von Thürmen weit überragt; die Gassen enge und belebt, letzteres wenigstens diejenigen am Hafen.
Altkairo wurde im 20. Jahre der Heschira gegründet und 564. in Brand gesteckt.
Weil ich noch nie in einer armenischen Kirche war, so hatte ich kein geringes Verlangen, das Kloster der Armenier zu sehen. Ich weiß nicht, mit welchem Rechte man den Namen Kloster gebraucht, da ich eben keine klösterliche Einrichtung fand, wenigstens keine Mönche antraf. Die Kirche stellte einen Saal mit weiß überkalkten Wänden vor, ohne Glocke, ohne Beichtstuhl, ohne Stühle oder Bänke, ohne Seitenaltar. Der Choraltar vergegenwärtigte mir die römisch-katholische Kirche. Als der Führer in die Kirche trat, fuhr er mit der Hand öfter vom Herzen zum Munde, nachdem er sie in einem kleinen Becken benetzt hatte, das an der Mauer sich befand. Ich machte keine Zeremonie, so wenig als ein Muselmann sich in Zeremonien eingelassen hätte, und der Führer glotzte mich sehr seltsam an. Meinerseits konnte ich mich damit nicht befreunden, daß er als Christ im Wesentlichen wie der Mohammetaner gekleidet war. Vom armenischen Kloster wird nördlich Altkairo geschlossen.
Das griechische Kloster und der Altar der heiligen Frau im koptischen Kloster.
Das griechische und koptische Kloster liegen nicht im Umfange von Altkairo, sondern in einiger, wiewohl sehr geringer Entfernung davon, nämlich in Kaser-el-Schàma, und sie bilden mit den um sie gedrängten Häusern ein eigenes Städtchen. Noch nirgends sah ich die Häuser so nahe beisammen, gleichsam auf einander geschoben wie hier. Der Sonnenstrahl kann an den wenigsten Orten die Gasse erreichen. Mir kam es vor, als sei ich von hohen, unförmlichen Felsenriffen umlagert, als wären die ersten Einwohner in der Verwirrung hieher geflüchtet, und als hätten sie sich in der gleichen Verwirrung ihre Gebäude aufgeführt.
Als ich in das griechische Kloster des seligen Georgius kam, wollte ich gleich wieder umkehren; denn es zeugte hier das wenigste von einem Kloster. Wie in der Verborgenheit fand sich auf dem anderobersten Stockwerke die griechische Kirche, die ich nur flüchtig anschaute. Mehr sprach mich einen Stock weiter unten eine Säulenhalle an. Ich entscheide nicht, ob ich mich glücklich preisen soll, daß ich keines griechischen Priesters ansichtig werden konnte[24].
Nicht weit vom griechischen Kloster liegt, an einer sehr schmalen Gasse, das koptische zum seligen Sergius. Ich war schon ein Stockwerk hoch und kehrte wieder um, weil sich mir nichts Klösterliches darbieten wollte. Mein Geruchsorgan hatte sich an den Weihrauch und an das Kellerichte feuchter Mauern, denen man in den Klöstern der Lateiner begegnet, so sehr gewöhnt, daß ich an kein Kloster glaubte, wenn jene fehlen. Doch alsbald trat ein alter, langbärtiger Mann mit einem Turban daher; er hielt in seiner Hand einen großen, hölzernen Schlüssel, mit dem er rüttelnd das Schloß öffnete. Ich war in hohem Maße gespannt, die koptische Kirche zu sehen. Was ich von ihr sagen muß — — sie ist nicht schön, und im Zerfalle begriffen; vor dem Altare erhob sich etwas Pultartiges wie bei den Griechen; am Altare selbst nahm ich das Christusbild nicht wahr. Mehrere Bilder, z. B. eines, welches die Jesum auf dem Schooße haltende Maria vorstellte, waren um den Altar auf eine zu überladene Weise gehängt, sogar wenn sie keine Stümpereien gewesen wären. Ist es wohl dem heiligen Zwecke gemäß, daß ehrfurchtsvolle Erinnerungen durch stümperhafte Bilder beleidigt werden? Nur blinder Fanatismus, verbunden mit krasser Unwissenheit auf dem Gebiete der Kunst, kann an geweihter Stätte Fratzen leiden.
Zwei Treppen führen in ein Gewölbe, an den Ort, wohin die heilige Frau mit Josef und dem Christuskinde geflohen sein soll. Am Lichte einer Kerze stieg ich hinunter. Vergebens, daß man hier eine Grotte oder Höhle suche. Alles ist Mauerwerk. Zudem müßte, meines Erinnerns, die Höhle eine überirdische sein, weil die Kirche einen Stock hoch liegt, und man gerade ebenso tief bis zu jener hinabsteigen muß. Die Katholiken und Kopten haben ihre Verehrungsstellen durch eine Mauer gesondert, und, um recht billig zu sein, möchte ich fragen: Wer weiß es, daß die gefeierten Flüchtlinge gerade die Stelle am meisten berührt haben, welche die Eifersucht der in verschiedenen Meinungen lebenden Christen mit einer Mauer zudeckte? Den Lateinern gehört ein kleines, ganz niedriges Gewölbe, auf dessen Boden ein Kreuz eingegraben ist. Davor hängt ein Oelgemälde auf Holz, welches die heilige Familie vorstellt. Die Kopten besitzen ebenfalls ein Gewölbe, auf dessen Boden aber ein viereckiger Stein oder ein Altar ohne ein Zeichen steht.
Beim Herausgehen aus der Kirche fielen mir in einem Winkel mehrere Krücken auf. Sie werden von denjenigen, welche während des langen Gebetes durch Stehen müde geworden sind, als eine Stütze gebraucht.
Der Tempel A’mrus.
Bei dem alten Kairo liegt die älteste Moschee des Mohammetanismus, nach ihrem Gründer A’mru genannt. Sie ist bereits verlassen, und leicht wird den Andersgläubigen der Zutritt gestattet. Ich möchte diese Moschee, von der noch zwei Thürme emporstreben, den Säulentempel nennen; denn durch die Zahl der Säulen, welche auf 244 ansteigt, hat sie etwas Ueberraschendes. In den Tempel getreten, und der Blick wird gleichsam irre vor der Menge der Säulen. Die Eingangsseite, so wie die östliche und westliche Seite sind zwar nicht sehr breit, wohl aber die mittägliche, die allein über hundert Säulen zählt. Die Mitte zwischen den Säulenhallen steht unter freiem Gotteshimmel, und in diesem offenem Raume des Tempels bietet ein Kuppelbrunnen ein freundliches Aussehen. Die Kuppel wölbt sich über ein Becken voll Wassers, und den Brunnen umgibt außen eine Reihe kleiner Röhren, welche mit dem Wasserbecken in Verbindung gebracht sind. Ich zog den Stöpfel einer solchen Röhre und das Wasser quoll sogleich heraus. Dieser Brunnen dient den Mohammetanern zu der religiösen Handlung der Waschungen. In der Nähe des Brunnens erholt sich der trümmermüde Beobachter an dem Grün einer Palme, und gleich daneben an den Blüthen eines andern, in eine Mauer eingesperrten Baumes. Diese Bäume werden unzweifelhaft für heilig gehalten. Vermag das Abendland auch unter freiem Himmel aufwachsende Bäume in den Kirchen aufzuweisen? Die mittägliche Seite der Gâma’ A’mrus will als der eigentliche Tempel betrachtet werden. Gegen den offenen Hofraum findet sich eine kleine Emporkirche von mühsam gearbeitetem Holze. An der Mauer erhebt sich in der Mitte eine Kanzel (Mambar) ebenfalls von Holz. Weiter greifen in die Mauer etliche Nischen (Mahrab). Nach den Mahrab wendet sich das Volk beim Beten, indem sie genau die Lage der Kâba in der großen Moschee zu Mekka angeben. Vom platten Dache hängen Vorrichtungen zur Beleuchtung herunter. Der Hauptkarakter der Kirche ist ein frohmüthiger, offener, und der völlig entgegengesetzte mancher katholischer Kirchen, in welche das Sonnenlicht erst fallen darf, nachdem es durch farbige Scheiben gebrochen worden. Oder nicht zufrieden mit dem Düsterlichte in der Kirche, welches zur Wehmuth stimmt, gräbt man sich Kapellen, um während des Tages die Nacht heraufzubeschwören, welche man durch ein künstliches, von vielen Seiten her zusammengebetetes Lichtchen erhellt. Das Licht der Sonne, als Geschenk des Himmels, wird sonderbarerweise ungern gelitten.
Um auf die Säulen zurückzugehen, so sind, wo nicht alle, doch die meisten antik. An vielen haben sich die korinthischen Knäufe recht schön erhalten. Von Säule zu Säule springt ein Bogen. Eine Reihe Säulen ist am offenen Raume verwittert. Es scheint, der saumselige Vizekönig erwarte eine Subskripzion von Seite abendländischer Christen, um die älteste Moschee Egyptens vor gänzlicher Zertrümmerung zu retten. Schwerlich macht der herschende Moslim das Vernachlässigte dadurch gut, daß er mit den Großen, Beamteten und Offizieren des Reichs jährlich einmal die greise Gâma’ des Helden A’mru besucht. Aeußerer Pomp wird von der Welt oft für innige Herzlichkeit tausch- oder täuschweise gegeben und genommen.
Der Garten Ibrahim-Paschas und der Nilometer auf der Insel Ruda.
Man geht durch die fruchtbaren Felder Gabel, ehe man zum Nilarme gelangt, über den man setzt, um das Eiland Ruda zu erreichen.
Der Garten Ibrahim-Paschas, welcher von einem Engländer angelegt ward, gewährt einen paradiesischen Anblick. Manches, welches der Okzident und der Orient spenden, findet man hier geschmackvoll zusammengestellt. So schön der Schwarzenbergische und Lichtensteinische Garten in Wien sind, so gewiß erscheinen sie als Gerippe, wenn man sie dem Garten Ibrahims entgegenhalten wollte. Datteln, Sykomoren, Pappeln, Maulbeerbäume, Birken, Aloe und so viel einjährige Pflanzen sind alle in einen Rahmen gefaßt. In den Armen dieser schwelgerischen Natur beneidete ich, ich darf bei meiner Treue versichern, den Nordländer um seinen Herbst nicht im mindesten. Einzig die gepflückte Rebe vergilbte zum Theile, trieb indeß neben dem gelb gewordenen Laube die schönsten grünen Schosse. Die Rebe wächst zahlreich, und wird ebenso wenig an Pfählen aufgezogen wie in Lossin.
Das Lusthaus im Garten birgt eine künstliche Grotte, die mit prächtigen Muscheln vom rothen Meere ausgekleidet und eine wahre Augenweide ist. Manche, welche den Garten besuchen, denken jedoch nicht billig genug; schon sind mehrere Muscheln weggerissen, weil diese zum Andenken mitgenommen wurden. Der Selbstsüchtige zerstört Andern, was er selbst bewundert. In dem Haupttheile des Gebäudes, gegen Mittag, steht ein großes Wasserbecken. An den Wänden desselben befinden sich mehrere Oeffnungen, wodurch das Wasser fließt, um das Becken zu füllen. Es stand leer, und mir schien das Pavillon nicht ganz ausgebaut zu sein.
Mich zog noch ein ungemein poetischer Gegenstand an, wenn man anders für des Abbate Casti gli animali parlanti Begeisterung fühlt; ich meine, sit venia verbo, den — Viehstall. Eine Mauer schließt das Vieh ein; kein Dach schützt vor Sonnenhitze. Der Viehstall ist daher nur eine Art Viehhof oder eine Art Pferch. Zwei Krippen liegen neben einander, von einer Mauer getrennt, welche die Höhe des Viehes hat. Ich zählte im Hofe fünf und zwanzig Ochsen, welche die erforderlichen Eigenschaften besessen hätten, ein Küheharem zu bewachen. Alle Ochsen waren mit einem Stricke um den Hals an die Krippe gebunden. Durch diese drang zu solchem Zwecke an der Vorderwand eine längliche Oeffnung. Der Stallboden war die Erde und zwar so trocken, als unsere hölzernen Stallböden. Als Futter erhält das Vieh gehacktes Stroh, welches in einem Winkel des Hofes unter freiem Himmel aufgespeichert war. Das Vieh scheint mit dem Häcksel zufrieden zu sein. Die europäischen Viehärzte dürften sich hier nicht darüber ärgern, daß die zu sparsame Lüftung der Ställe eine Menge Krankheiten hervorrufe.
Der Nilometer oder Mekia, auf der Spitze der Insel Ruda, liegt Altkairo gegenüber. Ehe ich den eingefangenen Nil zu sehen bekam, mußte ich mich zu einem Effendi verfügen, um von ihm die Erlaubniß auszubitten. Ein graubärtiger, schöner Mann hockte auf dem Diwan, die Pfeife im Munde; daneben mehrere Männer, wahrscheinlich Schreibgesellen. Ich zog den Hut ab, wozu mich der Dragoman anwies, und dieser fragte mich, was ich wünsche? Ich möchte den Nilometer sehen, antwortete ich ihm ohne Titel und Komplimente. Es bedurfte des Weitern nicht, noch der Bezahlung einer Gebühr, die Erlaubniß ward ertheilt, und der Dragoman ging mit mir von hinnen.
Wir kamen an der polternden Pulvermühle und an der Salpeterfabrik vorbei. Ich schüttelte beinahe ungläubig den Kopf, als der Dragoman mir eröffnete, daß wir beim Nilmesser waren, so wenig wurde meine Erwartung befriedigt. Ueberspannte Erwartungen schaden gerne der treuen Anschauung des Gegenwärtigen; denn von der Höhe stürzt die Phantasie in die Tiefe, und verfehlt so die rechte Mitte. Der Nilmesser wird von zerfallenen Mauern umgeben, welche einen sehr übeln Eindruck hervorbringen und zurücklassen. Er sieht wie ein viereckiger Brunnenkasten aus. Der Mitte entsteigt eine nicht sehr dicke, achteckige, maurische, mit einem ganz kunstlosen Vierecke bedeckte Säule. Diese bezeichnen, wie einen Zollstab, regelmäßig von einander entfernte, jedoch nicht mehr sehr scharfe Kerben. Das Wasser in dem Nilmesser steht mit dem Wasserspiegel des Nils in gleicher Höhe, und darum kann man an der Säule das Steigen und Fallen des Nils genau beobachten. Früher soll der Aufseher über die Nilmessung sein Leben im Spiele gehabt haben, wenn er die bestimmte Höhe nicht sogleich verzeigte. Man leitete meine Aufmerksamkeit auf den hohen Stand des Wassers, welcher der Befruchtung des Nilthales günstig sei.
Man glaubt hie und da in Europa irrig, daß je höher der Nil steige, desto mehr Vortheil dadurch Egypten erwachse. Gerade in einem der letzten Jahre verstieg sich der Nil, und die Ernte einiger Bodenerzeugnisse fiel minder ergiebig aus.
Der Nil fängt in der Mitte Brachmonates an zu schwellen, und Ende Herbstmonates nimmt er seinen höchsten Standpunkt ein, wo dann viele Gegenden unter Wasser gesetzt sind[25].
Die Goldader Egyptens gibt zum größten Volksfeste Anlaß, wenn sie am stärksten angelaufen ist. Früher soll die barbarische Sitte geherrscht haben, daß man, zu Erhöhung des Festes, allemal eine Jungfrau in den Nil warf. Von der Sitte blieb nur noch die reich ausgeschmückte Barke übrig, in welcher man auf dem Flusse herumfährt.
Ausflug nach Heliopolis und Abusabel.
Es war Frühlingsanfang, der letzte Tag des Weinmonates und der erste des Wintermonates.
Verläßt man auf der Morgenseite die Stadt, da stellt sich der stattlich emporsteigende Mokatam, und selbst der Schweizer muß diese Kuppe des arabischen Gebirges der Aufmerksamkeit würdigen. In der Nähe hörte man zur Linken das Rauschen der Marktleute, zur Rechten das Trommeln und Trompeten der Kriegsknechte; zur Linken sah man hier ein Kaffeezelt, einen Garkochofen, dort für ein Soldatenweib eine Hütte von solcher Höhe, daß es darin weder stehen, noch gehen, sondern nur kriechen kann, manche Wohnung selbst ohne Obdach, und zur Rechten eine Menge Zelten, unter denen das Kriegsvolk gelagert ist, zur Linken den dornreichen Kaktus in üppiger Zahl, und zur Rechten weiterhin das Nichts der Sandwüste. Mein schauendes Auge wetteiferte mit dem horchenden Ohre, und der Nebel, welcher jenem die Seheweite streitig machte, konnte den Wetteifer nicht lähmen.
Kaum hatte ich das Freie gewonnen, so wendete ich mich links. Die noch nicht gänzlich zurückgetretenen Wasser der Überschwemmung erschwerten mir ein wenig das Reiten. Ich lustwandelte in einem Walde von Zitronenbäumen, auf denen, selbst auf dem gleichen Baume, wohlriechende Blüthen mit grünen und reifen, gelben Zitronen wechselten, und schon stand ich in Mattarieh vor dem Baume, wo die heilige Familie ausgeruht haben soll. Ich dachte zum Voraus, die Araber werden mich nicht täuschen können, weil die geschäftigen Christen ohne Zweifel ihre Namen in den Baumstamm eingeschnitzt haben würden. Und dem war also. Frömmigkeit, mit Eitelkeit gepaart, hinterließ mehrere Denkmäler, welche dießmal übrigens den Nutzen stiften, daß sie den Baum den Neugierigen kenntlich machen. Mitten in einem Zitronenwalde erhebt sich ein sehr dicker, ein gespaltener, leicht zu ersteigender Strunk. Darauf trieb ein dünner, kaum zehn Fuß hoher Stamm mit frischem, grünem Laube, eine Sykomore. Das ist der Marienbaum. Der Schatten desselben zerfließt in den Schatten der umstehenden Zitronenbäume, und verbreitet angenehme Kühlung. Ich möchte sein hohes Alter nicht bezweifeln.
Außer dem Walde erblickt man gleich nordwärts den Obelisken bei Samur Baosbeh oder in der verschwundenen Stadt Heliopolis (On)[26]. Elende Hütten stolziren jetzt auf einer Stätte, die so reich an Erinnerungen ist. Das Hinschwinden der aus den Händen der Menschen hervorgegangenen schönsten Werke quälte auch hier meine Seele mit bittern Gefühlen. Wie werden die Werke unserer Tage nach Jahrhunderten zerschlagen und zerstört sein? Der einzige heliopolitanische Ueberrest von Bedeutung ist ein Obelisk, dem ich mich mit geflügeltem Fuße näherte. Derselbe steht aufrecht, scheint mir aber etwas niedriger, als die Nadel der Kleopatra. Die Hieroglyphen sind auf allen vier Seiten deutlich, zumal diejenigen auf der nördlichen und westlichen Seite. Die südliche Seite wurde von der Sonne etwas gebleicht. Sogar der Farbstoff im rothen Granit des Obelisken vermag sich nicht in die Länge unverändert zu erhalten. Die Stabilität kann vor den immermehr sich erneuernden und häufenden Lehren der Wandelbarkeit nicht bestehen; allein dieß hindert sie nicht, sich recht bequem zu machen und niederzulegen, und so vegetirt sie, wenigstens in der Einbildung, doch fort. Die Hieroglyphenfurchen auf der östlichen Seite sind mit Sand vollgeblasen. Der Regen bildete mit dem Staube eine Paste, welche sich in jenen Furchen ansetzte. Die Nordseite hat die frischeste Farbe und ist am schönsten. Vergleicht man die Obelisken der Kleopatra und der Heliopolis, so fragt man sich: Warum hat das Denkmal zu Alexandrien im Laufe der Zeit weit mehr gelitten als letzteres? Es wird einleuchten, daß der an der Küste, häufiger als in Heliopolis, fallende Regen zerstörender wirken mußte. Die Erhaltung mancher Alterthümer in dem guten oder erträglichen Zustande hat Egypten dem seltenen Regen zu danken. Es rettet manchmal, wenn man so sagen darf, ein blindes Geschick, indeß vor den offenen Augen der Vorsicht und Sorgfalt etwas zu Grunde geht. Hätten die egyptischen Denkmäler, z. B. die Pyramiden, Europa gehört, so wären sie viel unscheinbarer, manche wohl nicht mehr. In 2000 Jahren wird der Obelisk von Luxor in Paris von dem Gesagten Zeugniß ablegen. In Egypten gab es einen wunderbaren Zusammenfluß günstiger Umstände, um der spätern Nachwelt so Vieles zu überliefern.
Der Obelisk stand so einsam als ehrwürdig mitten in halbgroßem Mais. Eines Fellahs konnte ich nicht so leicht los werden. Er meinte, ich sollte ihn dafür beschenken, daß ich einen Stein im Freien der Welt Gottes betrachtete. Wären derlei Leute Gebieter, so würden sie vielleicht einen jährlichen Tribut von dem Mitmenschen dafür erpressen, daß er sich am Scheine der Sonne erquicken dürfe. Wo die Leute im blindesten Despotismus erzogen werden, da verschließt sich auch ihr Sinn, wie des Despoten selber, für die natürlichen Rechte der Menschen.
Dieser Sehenswürdigkeit wegen mußte ich einen kleinen Abstecher machen. Bald aber hatte ich den breiten Weg der Wüste wieder eingeholt. Ich dachte an unsere wohllöblichen Straßenbaukommissionen und Baumeister, an unsere Zölle und Zöllner, an unsere Straßenbüreaukraten und Bauern, welche den Schweiß ihres Angesichtes wie den Kies auf die Straße schütten u. dgl. Zwischen Kairo und Abusabel nichts von Allem. Die Wüste ist die breite Straße für Jedermann sonder Hinderniß eines Schlagbaumes. Ohne den Staat oder die Ortschaft mit Kosten zu belasten, treten die Kameele in ihren langen Zügen gleichsam Geleise in den Sand, und das Abfordern des Zolles wäre eine Stimme in der Wüste.
Ich kam nach El-Mark. Hier steht ein Kaffeehaus alla Turca. Ich sprach zu. Die arabischen Kaffeehäuser stellen einen, um es schlicht zu nennen, offenen Schuppen vor. Das Wandwerk ist von Mauer. Vom irdenen Boden des Kaffeehauses genießt das Auge Freiheit bis ans — Dach hinauf. Auf einer Seite sieht man die Kaffeeküche, auf der andern den mit Strohteppichen belegten Diwan, welcher wie ein Sims die Mauer begleitet. Da hocken denn die arabischen Kaffeetrinker, deren lange Pfeife bis auf den Boden herabsteigt.
In El-Mark beginnt ein bedeutender Wald schattenarmer Dattelpalmen. Darauf erreichte ich den belebten Ort Chanka. Von da führte mich der Weg durch eine wüste Gegend, die häßlichste Einöde, nach der egyptischen medizinischen Fakultät Abusabel; das biblische Gosen zur Rechten.
Der in Egypten angekommene Abendländer ist in der ersten Zeit von mancherlei Aengstlichkeiten befangen. Er glaubt sich unter die Araber kaum recht mischen zu dürfen; mit Unrecht. Der Weg von Kairo nach Abusabel beträgt vier Stunden, und ich ritt unbedenklich allein, und man hat überhaupt weder bei Tage, noch bei Nacht Lebensgefahr zu befürchten. Ich fand den Weg durch die vielen wandernden Menschen, die Kameele, Esel, Pferde so lebhaft, wie irgend eine europäische Hauptstraße, sogar in der Nähe einer Stadt. Im Vergleiche mit Europa bewegen sich weit mehr Leute auf den Straßen als auf den Feldern. Wegen der Lebhaftigkeit ergötzt auch die Straße nach Abusabel, man durchmustert die fremdartigen Gesichter und Geberden, Trachten und Ladungen u. s. f. Stolz sitzt der Beduine auf dem Pferde, einen kurzen Säbel und Pistolen im Gürtel. Zuerst macht der Anblick dieser Waffen einen unangenehmen Eindruck; bald aber gewöhnt man sich so vollkommen daran, daß man sie nicht mehr beachtet. Uebrigens tragen die wenigsten Leute Waffen. So bestellt der Bauer (Fellah) unbewaffnet sein Feld. Erinnern sich alle Europäer, daß vordem, sich mit einem Säbel zu versehen, auch bei ihnen Sitte war?
Wenn man auf diesem Wege durch topfebene und wüste Gegenden, in denen selten ein kleiner Garten prangt, wandert, so wird man sich überzeugen, daß ein Theil der Wüste lediglich auf Rechnung menschlicher Nachlässigkeit fällt; er könnte bald in ein lachendes Gelände umgeschaffen werden. „Sorgfalt ersetzte oft, was hie Natur versagte (Strabo)“. Wirklich erblickt man hin und wieder Spuren von Bewässerungskanälen, den unwidersprechlichen Zeugen einer vormaligen Bodenkultur. Würde der Pascha geruhen, den Bauer dadurch aufzumuntern, daß dieser seiner Ernte sicher und froh werden könnte, große Striche Landes müßten in kurzer Zeit der Wüste abgedrungen werden. Ueberdieß verkündigen die angebauten Felder nicht allenthalben Fleiß und Sparsamkeit. Wahr ist, daß z. B. das Delta die Arbeit des Fellah mit schweren Ernten lohnt; allein ein so fruchtbares Land muß etwas hervorbringen, wenn man damit auch nur ein wenig sich bemühen mag; etwas im Feldbaue müssen die Leute jenes unermüdlichen Landes doch wohl verstehen, auf welchem so viele Jahrtausende hindurch unaufhörlich Früchte gediehen. Man gebe den Bienen des Nordens die gleiche Sonne, den gleichen Nilschlamm, die gleichen Ueberlieferungen, — was neue Wunder würden erstehen.
Bei Abusabel ward ich an einen Italiener empfohlen, und diese Empfehlung erwies sich sehr nützlich; ein Wirthshaus mangelt, und in die arabischen Hütten zu kriechen, wandelte mich eben keine Lust an. Es ist eigentlich früh genug, das Kreuz aufzunehmen, wenn man dazu gezwungen wird, vorausgesetzt, daß man sich überhaupt — nicht verweichliche. Dießmal wäre es um so umständlicher gewesen, über Nacht ein ordentliches Obdach zu finden, da die Nilüberschwemmung seit einem Monate das eigentliche Dorf Abusabel von den medizinischen Anstalten trennt, und man nur zu Schiffe von einem Orte zum andern gelangt; nicht eher als in zehn bis fünfzehn Tagen werde, hieß es, die Verbindung zu Lande wieder hergestellt.
Die medizinischen Anstalten bei Abusabel, im Nordost von Kairo, liegen in einer fruchtbaren Gegend. In der gegenwärtigen Ueberschwemmungszeit gefiel sie mir nicht. Das Land war mit zu viel Wasser bedeckt, woraus Gebüsche und Bäume einsam auftauchten; und wo es vom Wasser nicht bespült wurde, behauptete die Wüste ihre grause Herrschaft.
Das niedrige, einstöckige Gebäude verspricht wenig von Ferne. Es bildet vier Höfe. Die nähern zwei gehören der Veterinärschule, und die entferntern oder dem Dorfe Abusabel nähern bilden den Sitz der medizinischen Schule. Zuerst sei von dieser die Rede.
Nähert man sich der Hochschule von Chanka aus, so steht links ein ungewöhnlich langes Haus, die Wohnungen für die Angestellten, die Professoren, Pharmazisten, Uebersetzer u. s. f. Es öffnen sich eine Menge Thüren ebener Erde nach einander. Jede führt zu einer Wohnung. Rechtshin tritt man in die eigentliche medizinische Schulanstalt. Diese besteht aus einem viereckigen Gebäude, welches einen geräumigen Hof umfängt, und im Umfange des letzteren breitet sich, neben dem besonders stehenden Anatomiegebäude, der sogenannte botanische Garten aus.
Das anatomische Theater, ganz nach europäischem Geschmacke, schön gemalt und mit arabischen Schnörkeln überschrieben, ist sehr hell, und entspricht seinem Zwecke vollkommen. Eine in ein Tuch gehüllte Wachsfigur stand beinahe in der Mitte. An einer Wand fesselt die Aufmerksamkeit ein Glaskasten, worin der Anfang einer ornithologischen Sammlung aufbewahrt wird. Vor dem Theater, im gleichen Gebäude, aber auf der mittäglichen Seite, tritt man in den Sezirsaal. Auch an diesem wußte ich nichts auszusetzen. Es lagen eben vier, mit einem Tuche zugedeckte, halbschwarze Leichen auf den Sezirtischen, jede auf einem. Zwei waren von der beginnenden Verwesung schon häßlich gefärbt, und erfüllten die Luft mit einem sehr übeln Geruche. Das heiße Klima stellt den Sezirübungen in Egypten viele Schwierigkeiten entgegen, wenigstens viele Unannehmlichkeiten zur Seite. Bereits hatten Ferien begonnen. Gleichwohl begünstigte mich das Glück, einen Vortrag zu hören, nämlich dem Operazionskurse des Herrn Duvigneau[27] beizuwohnen. Der Lehrer in europäischer Kleidung, auch mit einer Schürze angethan, stand am Sezirtische, gleich neben ihm der Dragoman, ein Araber von etwa fünfundzwanzig Jahren. Die arabischen Studenten schaarten sich um den Tisch. Sie trugen rothe Mützen, eine weiße, über der Brust zugeknöpfte Weste mit Ermeln, weiße, den untern Theil der Weste umfassende Pumphosen und Schuhe, die weiter nicht auffielen, doch keine Strümpfe. Die jungen Leute mochten ein Alter von fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren zurückgelegt haben. Der Professor hob damit an, über die Amputazionen Lehren zu ertheilen; er unterschied sie in solche, die in und außer der Kontinuität des Knochens vorgenommen werden. Jede Phrase übersetzte ein Araber leicht und schnell aus dem Französischen des Professors ins Arabische. Daß dergestalt die Mittheilung mühsam sich dahinschleppe, sieht Jedermann ein. Ohne Noth aber verstrickt der Professor seine Gedanken in lange Perioden mit Zwischensätzen. Daraus folgt unzertrennlich, daß die Aufmerksamkeit der Zuhörer mehr zerstreut wird. Uebrigens schauten und horchten diese möglichst aufmerksam, als wären sie die Erfinder der Aufmerksamkeit. Einer gab oft zu vermerken, daß er den Vortrag begreife. Ein empfindsamer Araber hatte seine Nase mit Papier oder etwas Anderem vor dem Wohlgeruche der Leichen verstopft, ungefähr so, wie man es einer sentimentalen Miß von London verzeihen würde. Unter den Augen der Zuhörer unternahm der Professor, nachdem er das blutige Heilverfahren aus einander gesetzt hatte, die Amputazion eines Fingers. Weder der Vortrag, noch die Art, wie der Lehrer operirte, verhieß Ausgezeichnetes. Er schien indeß mit Gewissenhaftigkeit seinem Berufe abzuwarten. Jeder Mensch mag sich beruhigen, welcher sein Pfund redlich gebraucht.
Apotheke. Es wäre unnöthig, eine europäische zu beschreiben.
Laboratorium: Dieses ist hübsch ausgestattet, und sicher gebricht es nicht am Lehrstoffe, wenn nur die Zöglinge genug Lust und genug Fähigkeit zum Lernen besitzen.
Die Krankensäle sind zugleich die klinischen Säle, und sehr ähnlich denen in den Abtheilungen des allgemeinen Zivilkrankenhauses zu Wien. Der gefüllte Bettsack ruht entweder auf dem hölzernen Käfiche, der gewöhnlichen egyptischen Bettstelle von Palmzweigen, oder auf einem eisernen Gestelle. Das Kissen fehlt nicht; die Bettdecke ist von grober Wolle. Neben dem Bette befindet sich ein Trinkgeschirr oben und ein Pot de Chambre unten. Ueber die ärztliche und wundärztliche Behandlung der Kranken kann ich, leider, das Wort nicht ergreifen. Die Visiten geschehen Abends 9 Uhr und Morgens um 11 Uhr. Alles aber empfahl sich nicht minder durch Reinheit und Ordnung, als durch einen bessern europäischen Geschmack, daß ich an der zweckmäßigen Behandlung nicht zweifle. Abends (zur Asserzeit) wurden die Speisen ausgetheilt. Ich kostete die Reissuppe, und, wegen ihrer Schmackhaftigkeit, würde ich gerne sogleich eine Portion genossen haben. Das Schicksal der hiesigen arabischen Kranken leiht nicht den entferntesten Grund, von den Europäern bemitleidet zu werden. Die Säle enthalten die Krankheiten nach der Eintheilung in innere und äußere (internes et externes). Diese Eintheilung ist in französischer Sprache über den Thüren aufgeschrieben. Hinwieder trägt jeder Saal eine Nummer. Demnach durften die Franzosen, wie es scheint, ihre Heiligen aus dem Hôtel-Dieu in Paris nicht herüberbringen. Um nicht den Verdacht zu wecken, daß ich bloß ein neugieriger Laie sei, wollte ich den Saal der Lustsiechen nicht betreten. In den Krankenzimmern führten mich etliche Studenten herum; denn sobald sie die Anwesenheit eines europäischen Hakim (Arzt) erfuhren, kamen sie mir mit Freundlichkeit zuvor. Sie drückten sich in französischer Sprache leidlich aus. Die Zahl der sämmtlichen Studenten, d. h., der Mediziner, Chirurgen und Pharmazeuten, wußten sie mir nicht anzugeben. Man muß gestehen, daß die europäischen Studiosi lieber kalkuliren. Ich vernahm aus dem Munde der Abusabler-Studenten nur so viel, daß 41 die Klinik besuchen. Die Gesammtzahl der Zöglinge beläuft sich etwa auf 200.
Von den Hörsälen sah ich zwei. Sie waren eben angefüllt; allein man ertheilte bloß Unterricht, der Methode nach wechselseitigen, in der französischen Sprache, indem man den Koran übersetzte. Das laute Brummen in tiefem Basse sticht schroff ab gegen das feinere Bienengesumse unserer Primarschüler in Europa. Die Hörsäle haben in ihrer Bauart nichts Ausgezeichnetes für den Abendländer. Ein Katheder ist vorne für den Lehrer angebracht; Bänke folgen sich in regelmäßiger Reihung, so daß die auf europäische Weise sitzenden Schüler dem Lehrer ins Gesicht sehen. Auch während des Kollegiums bedeckte die rothe Mütze den Kopf. Es herrschte Ordnung und Ernst; kein Hin- und Hergehen, um sich zu zerstreuen.
Die Steindruckerei. Ich wurde überrascht, als eine solche mir gezeigt wurde. Zwei Araber druckten eben etwas zum Behufe des Krankenhauses. Französisches und Arabisches standen neben einander auf den Druckbogen. Die französische Schrift war korrekt, der Abdruck aber dießmal ein wenig schmutzig. Die Korrektheit freute mich um so mehr, als man in europäischen Winkeln, nicht so gar selten, von den gröbsten Verstößen geärgert wird. Diese Steindruckerei ist einzig für die höhere Lehranstalt bei Abusabel bestimmt.
Der botanische Garten. So heißt man im Hofe einen Garten, welcher an Ueppigkeit und Pracht wohl die europäischen Gärten übertrifft, dagegen der eigentlich wenigen Pflanzen wegen diesen Namen in der That nicht verdient, gewiß nicht einmal den eines Egyptiacum verdienen würde. Wie viel kann hier noch geleistet werden.
An der medizinisch-chirurgischen Lehranstalt, die im Jahr 1828 ihren Wirkungskreis eröffnete, sind folgende Professoren angestellt:
für Botanik und Arzneimittellehre: Figari;
für Physiologie: Seisson;
für Pharmazie: Pacthon;
für Chemie: Berron;
für Pathologie und Therapie, so wie für medizinische Klinik: Duvigneau;
für Chirurgie und chirurgische Klinik: Seisson.
(Sonderbar aber, daß nicht Seisson den Operazionskurs gab.)
Der Lehrstuhl der Anatomie ist seit dem Austritte Fischers einstweilen erledigt. Durch Eifersucht verdrängt, erwarb sich dieser Deutsche doch die bleibende Achtung der Bessern. Es ist für den Tugendhaften sehr aufmunternd, daß er, bei Mißkennung seiner Bestrebungen, an den Rath seines vor Gott offenen Gewissens und an das Synedrium der Besseren in der Welt appelliren kann.
Die Veterinärschule stößt an die eben beschriebene medizinische. Der Vorsteher derselben, mit Namen Ammon, ein junger Franzose, bezieht von der Regierung einen monatlichen Gehalt von 5000 Piaster (über 600 Gulden R. W.).
Das Vieh mit äußeren und inneren, so wie insbesondere mit ansteckenden Krankheiten ist in den Ställen geschieden. Diese, mit einem Dache versehen, werden reinlich gehalten. Ein Gesimse von Mauerwerke nimmt ziemlich große, irdene Töpfe auf. Je einer für ein Stück Vieh, vertreten sie die Stelle einer Krippe. Harnrinnen sucht man indeß vergebens. Auch hier fressen die Thiere Strohhäcksel. Bei eintretendem Mangel des Platzes in den Krankenställen werden die Thiere unter freiem Himmel gehalten. Wie in Egypten die Augenentzündung den Menschen häufig befällt, ebenso ist ihr das Thier unterworfen. Die Veterinärschüler empfangen außer ihrem Fache Unterricht im Reiten, so daß eine wirkliche Reitschule besteht. Hörsäle, anatomisches Theater, Sezirsaal, Apotheke und Laboratorium lassen an der guten Einrichtung keinen Zweifel übrig. Auf einer Tafel im Sezirsaale liest man die Namen derer, welchen der Operazionskurs vorgeschrieben war: Akmet Abdrahman, Akmet Ibrahim u. s. f. Das klingt nun einmal unchristlich. Im anatomischen Theater trifft man bloß einige Skelete. Es ist Schade, daß unter diesem heißen Himmel überhaupt der wissenschaftliche Eifer leicht erkaltet. Die Veterinärschule zählt 120 Zöglinge: ein bemerkenswerthes Mißverhältnis zu der Zahl der Mediziner.
Die Zucht der Zöglinge beider Schulen ist eine klösterliche oder militärische. Einmal schon werden die Anstalten von Militär bewacht. Die Schüler sind Alumnen; fast alle arm, werden sie auf Kosten des Staates unterhalten und gelehrt. Sie schlafen in großen Gemächern, die Thierarzneischüler auf dem Boden, unter ihnen nur eine Strohmatratze und über ihnen die Kleider; für die Mediziner hingegen sind ordentliche Betten aufgeschlagen. Wenn man in solchen Gemächern, wo so viel Morgenländer beisammen leben, der orientalischen Laster sich erinnert, so wird man von einem ordentlichen Abscheu ergriffen. Neben den Schlafgemächern gibt es für die Studenten noch besondere Speisesäle nach europäischer Art. Ich sah gerade eine ungemein lange Tafel gedeckt. Unzweifelhaft werden die Alumnen gut genährt.
Die Studenten hatten kurz vor Sonnenniedergang Feierabend. Es muß zwischen Arbeit und Ruhe ein Ebenmaß sein, sonst leiden beide, Leib und Seele. Die jungen Leute zogen, je zwei und zwei neben einander aus. Am Thore gegen Abusabel hielt der Flöter und Trommler an, und flugs zerstob die Reihe, um sich in die Barke zu werfen, welche sie nach Abusabel führen sollte, darunter manche zu den Weibern. Jeder wollte der erste in dem Kahne sein. Auf die Rückfahrt der Barke wartende Studenten vergnügten sich daran, daß sie Steine ins Wasser schleuderten, die wechselweise in diesem niedertauchten und wieder hervorhüpften (Epostrakismos der Griechen). Um neun Uhr Abends mußten die Einen zurückkehren; die Uebrigen durften bis morgen in der Frühe ausbleiben. Letzteres erzähle ich nach Andern.
Das Leben der bei Abusabel Angestellten gleicht so ziemlich einem Schlaraffenleben, und sie können die Zeit mit genauer Noth hinbringen. Wenn ein europäischer Fremder die Anstalten besucht, so ist er beinahe Fingerzeig. Das Auge weilt fast lieber bei den die Höfe zierenden Dattel- und Akazienbäumen, als bei Leuten, wiewohl aus dem gleichen Welttheile, welche dem Schöpfer das Meiste vom Tage abstehlen. Gilt denn etwa hier die Ausnahme von der Regel, daß der Müßiggang aller Tugenden Anfang sei?
Von der Zugänglichkeit der Mohammetanerin hörte ich bei Abusabel Dinge, welche Erstaunen erregen. In ältern Zeiten wurde eine solche, welche sich mit einem Christen verging, den Wellen des Nils preisgegeben. Ob nun die Mittheilungen beweiskräftig genug seien, um zu entscheiden, daß der religiöse Fanatismus um manche Grade sich abgekühlt habe, wage ich kaum anzudeuten, und wenn ich andeuten müßte, so fiele die Bemerkung, daß die geschlechtlichen Verirrungen auf eine höhere Sphäre konfessioneller Nachgiebigkeit oder Strenge selten schließen lassen, weil sie aus einer tiefsinnlichen Quelle hervorsprudeln. Wahrscheinlich würden sich, wie zur Zeit der Franzosen- und Patentherrschaft, wenige Araberinnen gegen die Verbindung mit einem Christen sträuben. Wenn sie auch nicht die Liebe dazu lockte, so doch das tönende Erz. Eröffnungen über das punctum sexus strömen unter den Franken in diesem Lande so ohne Rückhalt daher, daß der galante Großstädter des Abendlandes nicht offenherziger sein kann. Wenn die Konkubinen in die Hoffnung kommen, so werden sie von Manchen ohne Theilnahme und Hülfe verstoßen. Die Mohammetanerin könnte vor dem Richter keine Ansprachen geltend machen; wohl aber ist gewiß, daß derselbe die Sache, sobald sie vor ihn gebracht würde, zum Nachtheile des gefallenen Mädchens nicht ungeahndet hingehen lassen könnte. Hinwieder steht der Europäer, in seiner großen Freiheit und Unabhängigkeit, nicht unter dem ordentlichen egyptischen Richter, sondern unter dem Konsulate, um dessen Schutz er nachsuchte. Etwa im Falle eines Ehebruches oder einer Defloration, im Falle, daß über die mohammetanische Religion geschimpft, oder daß falsche Münze geprägt würde, müßte die Auslieferung an den egyptischen Richter erfolgen. Wie weit diese Unabhängigkeit getrieben wird, lehrte unlängst ein handfester Engländer. Es wollte ihn die Polizei aufgreifen, weil er Mohammetanerinnen ins Haus aufnahm, in einer Absicht, die leicht errathen werden konnte. Statt alles Fernern schlug er die Polizei nieder. Das Konsulat schützte ihn doch so sehr, daß er von der vizeköniglichen Polizei in Kairo nicht weiter beunruhiget wurde.
Ich machte früher in Wirklichkeit einen Abstecher zu Lande, und jetzt einen auf den Schwingen des Geistes. Kehren wir zurück, um einen Rückblick auf die Schulanstalten bei Abusabel zu werfen.
Im Andenken unferner Zeiten, da noch das ganze Egyptenland, seit der Herrschaft der Türken, in tiefe Barbarei versunken war, wird man billig ein Loblied auf den nunmehrigen Herrscher, Mehemet-Ali, anstimmen, welcher für jenes Land wirklich großartige, hoffentlich segensreiche Anstalten ins Dasein rief. Angenommen, daß die Stellen immer mit tüchtigen Professoren und keinen Stümpern, mit Freunden der Wissenschaft und keinen Abenteurern, mit gewissenhaften Arbeitern und keinen bloßen Glücksrittern besetzt werden, so dürfen die Anstalten mit den medizinischen Fakultäten kleinerer deutscher Hochschulen in die Wette laufen; ich möchte noch weiter gehen, in praktischer Beziehung werden sie letzteren den Vorrang ablaufen. Beherzige man nur, wie oft der Mangel an Leichen zum Behufe von Zergliederung auf manchen Hochschulen beklagt wird. Umgekehrt werden die egyptischen Anstalten in theoretischem Bezuge gar keinen Vergleich aushalten, und bis ein echt wissenschaftlicher Geist dieselben durchdringt, beseelt, erwärmt, kann über die viel zu neue Grundlage, selbst unter den günstigern Umständen, ein ganzes Jahrhundert verstreichen. Jedenfalls wird der Pascha mehr oder minder brauchbare Aerzte für die Armee bekommen, und das ist es, was er zunächst bezweckt. Es würde ihn wahrscheinlich gar wenig befriedigen, wenn die Zöglinge sich in medizinische Spekulazionen vertieften, und in diesem Gebiete der Schriftstellerei sich versuchten, um vielleicht durch gelungene Arbeiten einen neuen Glanz auf das Leben des Regenten zu werfen. Der Gedanke thut wahrhaftig bis in das Innerste der Seele wohl, daß in dem Lande, wo einst Heliopolis und Alexandrien durch die Schätze der Wissenschaft weithin leuchteten, nach den vielen Jahren der traurigsten Finsterniß, wenigstens einige Schritte versucht werden, um die Verlassenschaft der erhabenen Vorfahren, ob auch nicht in ihrem vollen Werthe, doch einigermaßen zu würdigen.
Tages darauf trat ich meinen Rückweg an. Ein kühler Wind wehte sogar noch Mittags. Bald sah ich den erwähnten Obelisken, weiter oben die Pyramiden von Gizeh, dann den Mokatam, und aus ziemlicher Ferne schon Kairo. Den Weg belagerten mehrere Bettler, die aber, bequemer oder anständiger als die unsrigen in der Schweiz, nicht nachrannten. Ein Knabe legte es darauf an, durch seine Klumpfüße Mitleiden zu erwecken. Der auffallendste Bettler hielt sich behaglich in einer kleinen Höhle auf, die mit einem löcherigen Dache versehen war. Beinahe immer lief mein Eseltreiber den weiten Weg. Den Lauf setzen die Eseltreiber vier Stunden lang an Einem fort, während die Hitze den nördlichen Europäer gleichsam erdrückt. Die Uebung hat jene Leute gestählt.
Wie gestern Nebel, so verdunkelten heute die Atmosphäre herumfliegender Sand und schwarze, regnerische Wolken, an deren Schatten ich beinahe bis Kairo ritt, und zwar ein Stück weit neben dem Direktor Ammon, der sich freundlich anließ. Ich traf gerade Mittags im Frankenviertel ein. Ich begrüßte es mit ebenso froher Stimmung des Gemüthes, als ich der Gegend von Abusabel mein Lebewohl sagte. Es ist schwer, zu begreifen, daß Mehemet-Ali die medizinische Lehranstalt der Hauptstadt so weit entrückte. Großköpfe sind mit Querköpfen nicht selten verwandt. Jede Berührung mit wissenschaftlichen oder gebildeten Leuten hätte den Professoren sowohl, als den Studenten leicht gemacht werden sollen. Was entbietet ein elendes Dorf armseliger Araber?
Geschichtlicher Rückflug nach Mattarieh.
Prosper Alpinus erzählt: In „el-Mattharia“ wird eine gewisse Sykomore besucht, welche von den Einwohnern für so heilig gehalten wird, daß es bei ihnen eine ausgemachte Sache ist, es habe die Frau Maria, um dem Zorne des Herodes von Jerusalem zu entgehen, in eine Höhle des Stammes sich geflüchtet und dort das Kind Christus, unsern Heiland, für einige Tage verborgen. Es wird daher dieser Baum von Vielen in hohen Ehren gehalten; dieß gilt zumal von den Aushöhlungen desselben, welche Christus bargen. Fabelhaft ist, was Matthiolus anführt, daß die Stämme und Aeste des Baumes nie verdorren, wenn sie zuvor ins Wasser getaucht werden, und darin eine Zeitlang liegen bleiben. — Der Pascha von Egypten, des Namens Messir, besuchte in der letzten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts aus Verehrung der gottseligen Frau den Ort el-Mattharia an jedem Freitage, als dem Sonntage der Mohammetaner, und er pflegte daselbst sein Gebet zu verrichten. So weit Alpinus.
Hören wir noch einen andern Naturforscher, Johann Wesling, welcher im dritten Jahrzehn des siebzehnten Jahrhunderts in Kairo lebte: „El-Mataaria“ ist ein Garten um Memphis, ein hehrer Name durch die Verehrung der Christen. Dort treibt eine ungeheure Sykomore, umdämmt mit einer niedrigen Rasenbank zur Bequemlichkeit der Besuchenden, und ehrwürdig, wegen des von Alpinus angegebenen Grundes, schon seit anderthalb Jahrtausenden in den Augen der Christen. Munter grünen die Zweige, obschon der Stamm über dem Wurzelstocke auf eine häßliche Weise zerstümmelt ist, weil diejenigen, welche den Baum mit dem Kusse benetzen, ein Stück davon, aus thörichter Liebe zu Reliquien, wegschneiden, während es doch besser wäre, den Baum in fromm ehrendem Gedächtnisse zu bewahren. (Joannis Veslingii Mindani de plantis Aegyptiis observationes et notae ad Prosperum Alpinum. Patavii ap. P. Frambottum 1638. P. 10.)
Abenteuerlicher Ritt nach den Pyramiden von Gizeh.
Ich fragte oft und oft nach Gesellschaft, um in solcher die Pyramiden von Gîsa zu besuchen. Vergebens. Da wählte ich einen Eseltreiber, der etwas italienisch verstand, und brach, auf guten Ritt hoffend, am Mittage des fünften Wintermonates auf. Noch aber war ich nicht auf dem Esbekiehplatze, als er seinen rothäugigen Bruder mir zurückließ. Zudem war dieser in Aussehen und Wahrheit kreuzdumm, und mehr als buono konnte er kaum etwas vom Italienischen.
In Gottes Namen — vorwärts. In Altkairo über den Nil gefahren, gelangte ich zu einem Graben. Jetzt sprang mein Esel hinüber, er fiel und ich mit ihm. Erste Stazion des Elendes.
Später leitete der Weg zu einem ziemlich breiten Abzugsgraben des Nils; wir durchschnitten diesen in einem Kahne ohne Schwierigkeit. Bald traf ich seichtes Wasser. Es liefen zwei Männer daher, und einer trug mich über dasselbe. Ich wußte nicht, daß diese — Führer sein sollten. Der Eseltreiber, voll jämmerlicher Angst vor dem Wege nach den Pyramiden, rief sie ohne mein Wissen und meinen Willen. Der eine, ein Scheik, mit nicht unangenehmen Gesichtszügen, war mit einer Flinte, der andere mit einem langen Stocke bewaffnet. Mehrere Male wurde ich von den Leuten über das seichte Ueberschwemmungswasser getragen. Zweite Stazion des Elendes.
Ungefähr anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang erreichte ich eine große Wasserfläche, welche man für einen breiten Fluß hätte halten können. Darüber sollten wir im Kahne. Es erschallte der Mahnruf an den Fährmann. Die Sonne verschwand hinter die libyschen Hügel, ohne daß man mich holte. Es kamen mehrere Männer, die, wie ich, die Abfahrt erwarteten; dann auch Weiber. Diese kauerten an einem besonderen Orte, unordentlich im Kreise, schwatzten viel, lachten viel, guckten gerne, aßen Datteln, einzelne rauchten auch Tabak. Die Männer trugen ihre Worte auf den Flügeln des Gelächters, und schauten kaum gegen die Weiber. Nach zweistündigem Warten langte endlich der Fährmann an. Ich freute mich sehr wenig auf die Nachtfahrt, und doch brannte ich vor Verlangen, wegzukommen. Ein fester Blick nach einem Ausgange der Dinge kann den Menschen dahin bewegen, daß er sich nach Unangenehmem sehnt. Dritte Stazion des Elendes.
Die Nacht war hereingebrochen; der schöne Mond suchte indessen die Finsterniß derselben zu verdrängen. Stelle man sich Jemand vor ohne Kenntniß der arabischen Sprache, mit einem albernen Eseltreiber, bei Nacht, unter lauter Fremden, im fernen Auslande, und in der Ungewißheit, wo er die Nacht über sein Haupt niederlegen könne, und man fühlt jetzt das Peinliche meiner Lage. Geschehe, was Gott will, dachte ich. Man wies mir den beßten und geräumigsten Platz in dem Fahrzeuge an. Es durften jedoch hier, wegen der Untiefe, nur wenige von den anwesenden Leuten die Barke beschweren; die übrigen, auch die Weiber, hoben ihre Röcke, so hoch ihnen die Tiefe des Wassers gebot, und wateten uns nach. Der Mond, seiner Schalkhaftigkeit eingedenk, lachte, während dieses Auftrittes die keusch und anständig in schwarzen Flor gekleidete Nacht ein wenig aus. Wie wir tieferen Grund gewonnen, bestiegen endlich alle den Kahn, natürlich nicht ohne viel arabischen Lärm. Es währte ziemlich lange, bis wir den vom Mond vergoldeten Spiegel in die Quere durchspalteten. Das lange Warten auf den Fährmann, die Fahrt auf Ueberschwemmungswasser beim Mondesscheine und andere Umstände prägten die Nilüberschwemmung unauslöschlich in mein Gedächtniß. Wir landeten glücklich. Ich ritt vorwärts — zwischen ausgetretenen Wassern. Allein jetzt kam es ernster. Tiefes Wasser sollte durchwatet werden. Unzufrieden mit dem niedrigen Esel, setzte ich mich auf die Schultern zweier Araber, faßte sie um die Köpfe, und streckte die Beine wagrecht aus, so gut ich vermochte. Es half nichts, — ich ertränkte einmal einen Schuh. Vierte Stazion des Elendes.
Ich konnte doch wieder auf dem Esel davon reiten, und ruhiger an dem herrlichen Schauspiele mich abletzen, das sich mir darbot. Der Mond entfaltete all’ die Pracht seines Lichtes, auf daß ich die Pyramiden bewundere. Diese schienen nun so nahe, daß mich bald gelüstet hätte, sie mit der Hand zu berühren. Allmälig verminderten sich unsere Gefährten. Wo die Freihunde bellten, dahin zogen beide, Männer und Weiber. Mich begleiteten bloß noch der Eseltreiber und drei andere Araber, Alle mir zu Schutz und Trutz. Jetzt hatte meine Gesellschaft ihre bestimmten Umrisse; die Lage war seltsam; Furcht wurde von Vertrauen überwogen. Ich warne den Leser bei Zeiten. Es geschieht wohl auch, daß größere Gefahr in den Büchern aufgefaßt und gefühlt wird, als sie wirklich war.
Es mußte dem Eseltreiber schon in Kairo erklärt worden sein, daß ich am gleichen Tage noch bis zum Dorfe wolle, welches von den Pyramiden am wenigsten entfernt liege. Ich schrie dem Eseltreiber oft ins Ohr, in den mannigfaltigsten Wortwindungen und Radebrechereien, um es ihm ja recht verständlich zu machen, daß ich in einem Hause die Nacht hinbringen wolle. Zum Ueberflusse gacksete ich noch etwas arabisch; reden konnte ich so nichts. Es war mir, als sollte ich einen Berg von der Stelle wälzen. Nicht ohne Ursache drang ich so begierig auf ein Dorf oder auf ein Haus. Als Lebensmittel hatte ich nichts, als etwas Brot und Zucker mit mir genommen. Ehe ich mich versah, saß ich vor den Pyramiden, vor den Trümmern an ihrem Fuße, vor dem Sphinxe. Nicht zu den Pyramiden, sondern in ein Dorf will ich, sagte ich mit dem Nachdrucke eines bebenden Gemüthes. Ja, ja, erwiederte der Araber. Es ging an der großen Pyramide hinauf — zum Eingange. Da sei das Haus, und gut zu liegen, stammelte der Bube. Durstig und hungrig sollte ich auf Stein mich niederwerfen, an der Wüste mich sättigen, und das Gebläse des kühlen Nordens athmen. Ich war kein Engländer, um meine Gesundheit an das Rühmchen zu setzen, daß man eine mondhelle Nacht in der dunkeln großen Pyramide verlebt habe. Hier wollte ich mit nichten bleiben.
Allah, rief ich und ich stieg hinunter. Mittlerweile fing ich an, etwas umsichtiger zu überlegen: zu essen brauche ich wenig, und wenn ich bloß vor dem Winde geschützt sei, so dürfte die Nacht wohl erträglich werden. Ich ließ mich auf einige Zugeständnisse ein; meine Leute hatten ohnehin keine Zuglust nach dem Dorfe. Im Reisen darf man nicht mit Unbeugsamkeit an Nebendingen hangen. Ich konnte mehr oder minder merken, daß in der Nähe ein Haus des englischen Konsuls uns als Herberge dienen sollte. Wie ich ankam — wieder kein Leben, nur ein mit einer Thüre verschlossener Pyramidenstumpf. Zu meinem Troste erspähte ich neben jener eine Art Fensterloch, das nicht unbequem schien, um mich zu beherbergen. Der Zugluft und den Thieren zu wehren, ließ ich die Lichtöffnung nach innen mit Steinen ausfüllen. Ich kroch hinein; den Kopf auf einem Gesimse, den Leib auf dem Steine, eine wollene Decke unter, den Mantel über mir, so lag ich, und noch nie auf einem antikeren, nur einmal auf einem ebenso schlechten Bette.
Die Leute thaten zu meinen Füßen an der Pyramide und auf dem Sande so recht behaglich, kauten mit Lustigkeit schmatzend ihre frischen Rettiche, und plauderten in fröhlichem Tone. Meines Durstes und meines Hungers nicht achtend, prüften sie eine Zeitlang meine Geduld. Ungeduldig endlich und drohend griff ich zur Karbatsche, mit den Worten: Bringet Milch und Wasser; voi mangiate ed io ho fame (ihr esset und ich habe Hunger). Das Ding war gut; zwei Männer rückten bewaffnet aus. Sie brachten, schon spät gegen Mitternacht, mit einem Drittmanne Milch und Wasser. Ich schätzte mich so glücklich, als unsere Väter, denen Manna vom Himmel herabfiel. Ich ließ die Milch aufkochen, und noch nichts auf der Welt schmeckte mir besser. Den Durst gelöscht, den Hunger gestillt, was wollte ich mehr? Zufriedenheit goß wieder ihren erheiternden und erwärmenden Sonnenstrahl in meine Seele, und nicht mehr drückte mich der Gedanke an eine Nacht im Freien. Wiewohl in der Wüste und unter unbekannten Menschen fand ich keine Gründe, um für Leben, und wenige, um für Eigenthum besorgt zu sein. Ich schlief ziemlich gut, ohne zu frieren, und ich würde noch besser geschlafen haben, wäre ich nicht von einer Maus und Fledermaus gestört worden. Fünfte Stazion des Elendes.
Als der Morgen des 6. herannahte, grübelte ich mit meinen, gegen Sonnenaufgang gewendeten Augen, das schwächste Grau ungeduldig aus dem hehren Dome. Die Morgendämmerung täuschte mich nicht mehr, nein, sie täuschte mich nicht mehr; auch verkündigte sie von Kairo her der Donner der Kanonen; ich begrüßte sie mit kindlich freudigem Herzen. Sobald der Tag heller war, verließ ich mit den fünf Männern den Pyramidenstumpf. Ich kam an einer Stelle vorüber, wo Nachgrabungen veranstaltet wurden. Es lagen auf der Oberfläche viel Menschenknochen, so wie Einbalsamirungsmaterie, wovon ich zum Andenken aufhob. Im Augenblicke, da ich hart an der mittäglichen Seite der großen Pyramide stand, empfing ich den demüthigenden Eindruck einer hohen Majestät; sie strebte gewaltig empor, wie auf den Bergen die letzte erhabene Zacke.
Bald befand ich mich wieder da, wo gestern, nämlich am Eingange der großen Pyramide. Am Lichte einer Kerze stieg ich hinunter, ging fort und hinauf. Ich beschreibe nicht die Gänge und Höhlen. Der Grabstichel des Künstlers stellt anderwärts deutlich vor Augen, was die Feder nur undeutlich vermöchte. Meine Bemerkungen beschränken sich auf Weniges. Der Besuch der Heiligthümer kostet wenig Schwierigkeiten. Ueberall guter Stand oder Halt oder beides. Der Saal des Königs ist sehr hoch, und einzig ein Sarg aus Granit unterbricht in demselben die Einförmigkeit.
Nach den französischen Gelehrten ergeben sich für die große Pyramide folgende Maße, die Verkleidung inbegriffen:
Höhe, 456′ 3″ 2‴ Wiener-Maß.
Kante, 689′ 6″ 6‴ „
Apothem, 584′ 8″ 8‴ „
Basis, 710′ 1″ 7‴ „
Der Flächeninhalt der Basis beträgt:
57,804′ 8″ 3‴ Wiener-Maß.
An den Pyramiden bewundert man mehr die Masse und Ausdauer der menschlichen Leibeskräfte, als die Feinheit und den Geschmack der menschlichen Geisteskräfte. Wenn man die ungeheuern Granitblöcke auf einander geschichtet sieht, so drängt sich zuerst die Frage auf: Wie war es möglich, dergleichen Lasten herbeizuschaffen? Darüber zu erstaunen, hat man nicht das größte Recht. Sobald man über viel Menschenkräfte und Hilfsmittel verfügen kann, läßt sich Großes vollenden. Vielleicht hält es nirgends leichter, mehr Menschenkräfte für Anderes, als für Brot und Hülle und Obdach zu verwenden, wie in Egypten. Denn der Boden gibt leicht und üppig; die Sonne übernimmt so viel Tagewerke, daß zur Erwärmung des Körpers, in und außer der Wohnung, wenig benöthiget wird u. dgl. Es kann nicht fehlen, daß, bei solcher Bewandtniß der Dinge, viel Hände, oder doch die Hände viel Zeit müßig bleiben. Wem entschwebt nicht die Muthmaßung, daß die Pharaonen den Müßiggang der Unterthanen als Quelle von Nachtheilen für den Einzelnen und als Träger von Gefährden für den, Staat ansahen, und daß sie darum auf Mittel sannen, um den Müßiggang nützlich abzuleiten? Ein Machtwort ohne Grund würde wahrscheinlich Murren unter dem Volke erzeugt haben; sie warfen den Mantel der Religion über die tief liegenden Plane, und es entstanden die größten, massivsten, wenn gleich nicht die kunstreichsten Grabmäler unsers Erdkreises. Die Pyramiden sind Grabhügel. Und so sagte ich treu, was ich einmal meine.
Jede der vier äußern Flächen der großen Pyramide läuft in Stufen bis auf die Spitze. Diese kann von außen leicht bestiegen werden; allein weil sie eben vom Nebel umschlichen war, leistete ich auf das Besteigen, als ein eiteles Geschäft, Verzicht. Hier wollte ich ebenso wenig die Rolle eines Engländers spielen, was ich gerne und offen gestehe.
Man wollte schon an dem Vorabende Bagschisch (Geschenk), darauf in, dann außer der Pyramide, und später, als ich gegen eine ihrer Schwestern fortritt. Hier konnte ich die Leute nicht mehr mit dem Versprechen beschwichtigen, daß ich am Ende ausbezahlen wolle. Ich hatte in Kairo nur so viel Geld eingesteckt, um den Eseltreiber und etwa zwei Führer aus dem letzten Dorfe befriedigen zu können, von der Ansicht geleitet, daß, bei meiner Unbekanntschaft mit der arabischen Sprache, alles Geld mir aus der Tasche geschwatzt werden könnte. Für die Milch bezahlte ich über Maßen. Jetzt schon war meine ganze Baarschaft auf vier Piaster heruntergeschmolzen. Einer der Führer fiel meinem Esel in den Zügel. Ich zeigte all’ mein Geld, und bezeugte, daß ich nicht mehr bei mir habe, daß ich aber das einzige Vierpiasterstück glatterdings nicht entübrigen könne, weil ich an einigen Orten für das Fahren über das Nilwasser bezahlen müsse, welche Kosten nicht vorangeschlagen waren, und weil ich ohne Geld nicht einmal zurückkehren könnte; es solle einer der drei Männer mich nach Kairo begleiten, wo ich dann denselben und zu seinen Händen auch die Uebrigen gehörig zufrieden stellen werde. Ich kann nicht glauben, daß ich verstanden wurde; denn man gab dem Anerbieten kein Gehör, und schwatzte mir das Goldstück und meinen Zucker aus der Tasche. Man ließ zu guter Letzte den Zügel los. Sechste Stazion des Elendes.
Ich ritt weiter, sah indessen keine Pyramide mehr an; selbst thäte ich den ungeheuern Androsphinx mit schelen Blicken regaliren, als ich, seinen Hügel von Kopf zur Linken, über den Rücken ritt, den tiefer Sand begräbt[28]. Ich seufzte unter dem Joche des Mißmuthes. Meine Beschützer gingen sämmtlich hinweg, und, allein mit dem Eseltreiber, sollte ich nach Kairo ohne Geld, durch Nebel, über Wüste und durch Wasser. Von meiner Unpäßlichkeit ohnedieß gereizt, hörte ich schon einige Krankheiten an der Pforte meiner Gesundheit pochen; ich rechnete hin und her, wie ich meine Peitsche zum Kaufe weggeben werde, um über das größere Wasser zu setzen u. s. f. Kurz, es war Nacht in meinem Gemüthe. Je fester Jemanden die gewöhnlichen Auswege versperrt werden, desto gewisser rafft er seine Kräfte zusammen, um ungewöhnliche ausfindig zu machen.
Plötzlich ging ein Stern der Hoffnung auf. Ich hatte die Gewohnheit, in einer Geheimtasche in Papier gepacktes Gold mitzunehmen. Ich wußte, daß das Päckchen fehlte; indeß dachte ich, daß ein Stück herausgefallen sein könnte. Ich spürte nach und, o holdes Glück, richtig glitt mir ein Goldstück in die Finger. Ich fühlte mich nun reicher, als hätte ich über Millionen zu gebieten, weil ich die Mittel besaß, fortan in pekuniärer Beziehung sorgenfrei nach Kairo zu ziehen. Daß der Begriff von Reichthum sehr relativ sei, mag einen Theil der Reichen verdrießen, aber doch die minder Begüterten trösten.
Zudem wählte der Eseltreiber einen andern und bessern Weg. Er richtete sich mehr gegen Mittag, und die Pyramiden von Sakâra rückten ziemlich nahe. Es war angenehm, über die vielen Dämme zu reiten; Wasser rechts und links; bald Feld, das aus dem Wasser eben auftauchte, noch naß, doch vom Fellachen betreten, bald Früchte tragendes Land. Ich konnte mich nie lebhafter als heute überzeugen, wie vielfach die Verbindungen zwischen den Dörfern von der Nilüberschwemmung erschwert werden. Der Weg führte über mehrere Brücken, unter welchen das Wasser rauschte, als wäre es fließend.
Die Ueberschwemmungszeit ist der Winter Egyptens und das Ueberschwemmungswasser der Winterschnee. Der Schnee ist auch Wasser, bloß gefrorenes. Wenn das Wasser abgeflossen, kommt der Frühling; so wenn der Schnee geschmolzen. Beide, Wasser und Schnee, decken das Erdreich.
Auf dem Rückwege wurde ich nur über drei kurze Strecken getragen, einmal vom Esel, dann aber vom Eseltreiber, weil jener das zweite Mal, gleich Anfangs, sammt dem Reiter, in den Schlamm stürzte. Siebente Stazion des Elendes.
Der Anblick Kairos und des Mokatam stimmten mein Herz zur innigsten Freude. Nach vierundzwanzigstündiger Abwesenheit war ich wieder in der Hauptstadt, die mich wie eine zweite Heimath ansprach. Die vierundzwanzig Stunden machen mir das Pyramidenland unvergeßlich. Diese Schilderung belehrt, daß zur Ueberschwemmungszeit an den Besuch der Pyramiden von Memphis (Gizeh) sich ungewöhnliche Mühseligkeiten knüpfen.
Es gibt nichts angenehmeres, als nach großen Anstrengungen wieder auszuruhen, und nichts Süßeres, als den Widerwärtigkeiten des Lebens aufrichtig zu zürnen. Es war mir ein Labsal, den ganzen Zorn auf die Wasser, die Führer und die Pyramiden zu entladen. Ich wollte über trockenes Land, da denn die mannigfaltigen Hindernisse der ausgetretenen Wasser; ich wollte zu rechter Zeit mich mit Speise und Trank erquicken, da denn die geschäftige Folter des Hungers und Durstes; ich wollte eine Wohnung unter Lebendigen, da denn das harte Ruhekissen der Pyramide in der wüsten Todtenstadt. Wie ein Kind, dem man einen Spiegel vorhält, nach seinem Bilde greift, so langte ich nach einer Reihe von Truggestalten. Wer kennt nicht die Gespenster, die unablässig sich bemühen, die arme Seele des Menschen irre zu leiten?
Wegweiser in und um Kairo.
Erster Tag. Man verfügt sich an einem Morgen frühe nach dem Nile, darüber zum Garten Ibrahim-Paschas. Von da nach dem Aquädukt. Von hier nach Altkairo und dem Nilometer. Nun sieht man das armenische und koptische Kloster, in letzterem Mariens Altar, und dann die große Moschee A’mrus. Man reitet über Turâb-el-Seydeh Omm Kàsim zurück. Nachmittags begibt man sich zum Konsul, der bis zum folgenden Tage die Erlaubniß für den Eintritt in den Garten von Schubbra auswirkt.
Zweiter Tag. Man reitet, aber nur nicht an einem Sonntage, auf die Burg; hier der Jussufsbrunnen. Auf dem Rückwege bewundert man die Gräber von Kâyd-Bei. Abends reitet man nach dem Schubbragarten.
Dritter Tag. Man kann das Militärkrankenhaus, den Esbekiehplatz, etwa einen Brutofen ansehen, zur Zeit der Fütterung im Katzenstifte sich einfinden.
Vierter Tag. Gehe man zu Fuß, um die verschiedenen Bassar zu durchmustern, denn auf dem Esel, der manchmal gallopirt, schwinden die Gegenstände zu schnell am Auge vorüber.
Zwei Tage erfordert der Weg nach Abusabel, und ebenso viel derjenige über Sakâra nach den Pyramiden von Gizeh.
Daraus erhellt, daß die Merkwürdigkeiten, dazu noch der Hassantempel, die Kadettenschule u. dgl. in wenigen Tagen besehen werden können, wenn man sie nur gehörig in die Zeit zu vertheilen weiß.
Die Ritte sind nicht kostspielig. Für einen Tag rechnet man fünf Piaster (nicht einmal 40 Kreuzer R. W.). Reitet man den Esel einen halben Tag, so gibt man dem Treiber höchstens drei Piaster (etwa 23 Kreuzer R. W.).
Rückblick auf Kairo.
In dieser weitläufigen Stadt verbrachte ich mehrere der angenehmeren Tage meines Lebens, und ich gestehe, daß ich mich ungerne von ihr trennte. Die Verschiedenheit der klimatischen Einflüsse und Hervorbringnisse, die Ungleichheit der Sitten und Religionsgebräuche, die Sonderbarkeit in den politischen Einrichtungen und so vieles Andere hielten meine Seele stets in reger Gespanntheit, dergestalt, daß Langeweile in Kairo mich nie angähnte.
Kairo ist ein großes, altes Weib, das falsche Haartouren, Brillen und Krücke trägt; aber es vermag seine Runzeln nicht spurlos auszuglätten, noch seine grauen Haare ganz zu verbergen, noch seinen halbblinden Augen die volle Sehkraft zurückzugeben, noch seinen gekrümmten Rücken in das Senkblei zu bringen. Wofern nicht ein wundersam belebender Hauch aufs neue die Adern der Alten durchdringt, so wird sie über nicht sehr lange von hinnen scheiden, und ihr Grabmal wird dann wegen der schauerlichen Größe über die Grabmale beider Todtenstädte spotten.
Reise durch die Wüste nach El-Arysch.
Verspätete Abreise; Dromedarwechsel; der Pole; Hunger; Hochzeitsspektakulum; Postillon; Dromedarthränen; Kartoffelkunst; Ausmöblirung der Wüste mit Kameelgerippen; Kinderspiel mit Datteldornen; Eremitage à la Rousseau; Dorfschaft Kâtieh mit Allerlei; Fata Morgana; Sirbonis lacus; ein besseres Getränke als Champagner; Idumäa u. s. w.
Ich war Willens während der sehr angenehmen Frühlingszeit länger in Kairo mich aufzuhalten; der Umstand aber, daß ich in der kältern oder Regenzeit durch die Wüste reisen müßte, und daß eben ein Pole, ein Kapitän aus der letzten Umwälzung, welcher des Arabischen kundig war, über El-Arysch nach Syrien sich begeben wollte, bewog mich, den Aufenthalt abzukürzen.
Weh that es mir, daß sich keine Gesellschaft zur Unternehmung der Reise über Suez nach Jerusalem hervorthun wollte.
Um an die syrische Küste zu gelangen, hätte ich zwar über Damiate zu Wasser reisen können; allein mehr denn ein Grund leitete mich durch die Wildniß: nicht nur lauteten die Nachrichten, daß zu Lande keine Kontumaz gehalten werde, sondern ich wollte auch die Süßigkeiten und Bitterkeiten einer Wüste selbst kosten. Lebenserfahrungen sind echte Reichthümer des Menschen.
Der polnische Offizier besorgte die Thiere. Er zog Dromedare vor, weil sie sanfter gehen, und die Hälfte Wegs mehr in einem Tage zurücklegen als die Kameele. Jeder von uns nahm ein Thier für sich, und eines bestimmten wir für den Geleitsmann. Die Gepäcke wurden mehr oder weniger gleichmäßig auf die Lastthiere vertheilt.
Am Tage meiner Abreise hatte ich keine geringe Noth. Ich sollte mich bereit halten, daß ich vor Sonnenaufgang aufbrechen könne. Schon des Morgens verfügte ich mich zum österreichischen Konsul, um den Reisepaß zu holen. Jetzt stellte sich eine Schwierigkeit entgegen. Ich sollte den städtischen Auslaßschein haben, und der Ausfertiger war abwesend; ich beschwerte den Konsul an diesem Tage mehrere Male. Er ließ sich die Sache sehr angelegen sein, und wie sich die Aussicht allenthalben trüben wollte, befahl er seinen Leuten, daß man auf die Ausfertigung dringen sollte, koste es, was es wolle. Schon lag die Nacht eine Stunde über Kairo, als ich eines Auslaßscheines noch entbehrte, indeß der Pole zur Abreise fest entschlossen war. Endlich langte der Dragoman sammt dem Janitscharen und einem Menschen in dem Hause, wo ich wohnte, an, um mir den Auslaßschein und die Erlaubnißkarte für den Eintritt in den Schubbragarten zu überreichen. Letztere traf freilich zu spät ein.
Sonntags den 8. Wintermonat.
Ich bin nicht im Klaren, ob der Pole oder der Besitzer der Dromedare mich in unnütze Geschäftigkeit jagte. Der Geleitsmann kam mit seinen hochbuckeligen Thieren erst etwa zwei Uhr nach Mittag. Die getäuschte Erwartung spannt auf die Folter.
Der Dromedar stand so schnell auf, daß ich mich zusammennehmen mußte, um nicht zu stürzen. Noch beschaute ich die Gassen Kairos, die Leute und — Esel unter meinen Füßen. Wir ritten aus einer Stadt in die andere, von einem Thore zum andern, bis wir, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Ufer des Meeres von Häusern erreichten.
Kairo ist gleichsam ein Gemengsel von Städten. Außer den Umfangsthoren, womit nach Außen die Stadt gesperrt wird, besitzt jedes Quartier seine eigenen Thore, damit es geschlossen werden könne. Das Isoliren der Stadt in ihre Viertel haben die Despoten gar weise berechnet. Bricht in einem Quartiere eine Empörung aus, so werden die Thore desselben auf der Stelle gesperrt, und der Aufruhr beschränkt sich auf einen Theil der Bevölkerung und zwar so völlig, daß man in den übrigen Stadtvierteln die Vorfallenheiten manchmal erst später erfährt, mag auch im heißen Kampfe nicht wenig Blut geflossen sein.
Schon begann der Dromedar zu traben. Er schüttelte mich so kräftig, daß ich das Reiten nicht hätte aushalten können. Ich bestieg einen andern, und nun ging es recht gut. Das Reiten machte mir nur geringe Schwierigkeiten; es war mir bloß nicht am beßten zu Muthe, wenn der Dromedar aufstand oder sich niederließ.
Steht der Dromedar oder das Kameel auf, so stellen sie erst die Vorderbeine auf. Dabei neigt sich der Rücken von vorne nach hinten, und der Reiter bewegt seinen Körper vorwärts. Darauf stellen die Thiere sich auf die Hinterbeine und der Rücken des Dromedars oder Kameels bekommt die entgegengesetzte Neigung nach vornen, wobei der Reiter seinen Körper rückwärts bewegen soll. Lassen die Thiere sich nieder, so fallen sie zuerst auf die vordern, dann auf die hintern Knie, wobei der Reiter sich verhalten muß, wie wenn jene aufstehen. Eigentlich senkt sich der vordere und hintere Theil des Körpers abwechselnd unter zwei Malen. Nach und nach gewöhnt man sich auch an diese Bewegungen der Thiere recht leicht. Die eigene Art Gebrüll, welche sie dabei und beim Packen erheben, spricht den Fremden Anfangs unangenehm an, so daß er versucht werden könnte, zu wähnen, sie seien böse und bissig. In den Jahren der Kindheit hatte ich keine geringe Furcht vor dem Kameele mit seiner wunderlichen fremdartigen Figur, und wenn ich damals sah, wie ein Mensch sich erkühnte, solch’ einen Brüller zu besteigen, so erlangte mein Mitleiden für jenen den höchsten Grad. Die fremde buckelige Gestalt und das starke Gebrüll täuschen in gleichem Maße. Kameel und Dromedar gehören zu den zahmsten Hausthieren unter dem Monde.
Vor der Stadt sahen wir eben die Rekruten sich in den Waffen üben, unter wildem Pfeifen und Getrommel.
Beim Einbruche der Nacht kehrten wir in Chanka, dem ehemaligen großen Lagerplatze der egyptischen Armee, zu. Ich war müde und hungrig. Wir betraten die Hausschwelle eines polnischen Angestellten, und er segnete uns mit einem freudigen Empfange. Seine Frau, eine Koptin, war eben auf Besuch in Abusabel bei ihrer Schwester, einer Prosessorin. Er ging die Heirath unter der Bedingung ein, daß er treu sein wolle, so lange er sich in Egypten aufhalte. Ein Kind, welches ich sah, hatte weit mehr ein koptisches als ein polnisches Gepräge. Dieser Pole soll ein tüchtiger Gelehrter sein. Er sprach in der That sehr unterrichtet, z. B. über den Unterschied der koptischen Religion; allein, erst müde und hungrig, dann schläfrig, verlor ich fast alle Aufmerksamkeit. Der Geist mag sich noch so unabhängig dünken, er muß doch abwechselnd die Herrschaft dem Körper abtreten. Unser Gastfreund setzte Pillau vor, der mir vortrefflich schmeckte.
Zu Hause kann ein ganzes Jahr vergehen, bis ich hungere. Die Befriedigung des Hungers ist wirklich ein großer irdischer Genuß. Ich war, wie viele Andere, ein Stundenmann. Wenn die Glocke schlug, mußte, ohne viel Nachfrage nach der Eßlust, gegessen werden. Auf der Reise wird diese Rechenkunst zur Null, und der Verbrauch der Kräfte durch die Uebungen des Leibes weckt dem gesunden Menschen Appetit. Man sollte daheim sich zur Richtschnur nehmen, mehr aus Nothdurft, als aus Gewohnheit zu essen, und man würde eine Menge Genüsse sich bereiten, und manche Uebel verhüten. Es gehört zu andern Verkehrtheiten des Menschen, daß er die schlichte Wahrheit im Ganzen so wenig würdigt, und daß die blendende Lüge so bald und so leicht in sein Herz eindrückt.
Den 9.
Um zwei Uhr Morgens reiseten wir bei hellem Mondscheine ab. Gegen Morgen blitzte es dann und wann, was ich unter unserm Himmel bei heißer Witterung wahrnahm, ohne daß sie sich zum Donnern und Regen entschied.
Wir kamen durch schön bebaute Landschaften und kurz nach Sonnenaufgang zu dem Dorfe Bèlbeys, wo wir bei der Post auf einer Anhöhe im Freien uns niederlegten, um zu speisen.
Abends erreichten wir das Dorf Légrẻn, und blieben auf der Post in einem Zimmer über Nacht. Ich holte meinen ganzen Schulwitz heraus, um Feuer anzumachen. Ich vergeudete so viel egyptische Schwefelfäden, daß der Schwefeldampf unsern europäischen Lungen bedeutend zusetzte. Ein Araber, naturwitziger, als ich schulwitzig, zauberte das Feuer flugs daher, und ich buk Eier in meinem Kochgeschirre. Das Gericht gerieth so gut, daß es auch meinem Reisegefährten mundete.
Als ich mich schon schlafen legte, erhob sich ein wildes Gelärm und Gejauchze unter Schalmei- und Tamburtönen. Es ward eine Hochzeit gefeiert. Ungefähr so lärmt man in der Schweiz, wenn man, mit Erlaubniß, einen Ochsen im Triumphe von der Schießstätte zum Wirthshause führt.
Morgens hatten wir einen Begleiter; von Bèlbeys wollte er uns in die Wüste führen. Wir trauten ihm nicht, vielleicht mit Unrecht, und wir ließen ihn reiten, seelenvergnügt, daß wir seiner los wurden.
Den 10.
Auch diese Nacht nahm ich das gleiche Blitzen wahr. Als ich vom Schlafgemache herunterstieg, lagen andere Leute noch im Schlafe auf dem Dache. Früh Morgens ritten wir mit einem Polizeidiener (Kafaß) von Gaza, welcher seinen Kondukteur hatte, davon.
Die letzte und diese Poststazion sind, wenn die Mittheilung des Kapitäns Glauben verdient, wegen der Räuber am gefährlichsten. Wir frühstückten in Salehyeh, einem Dorfe mit einer Post, wo die eigentliche Wüste beginnt.
Es langte eben die Post an. Der Postillon trug um dem Haupte einen Turban, und unter dem Kinne einen langen Bart, und über dem Leibe einen langen, faltigen Mantel (Abba). Das Posthorn schmetterte nicht, noch knirrte das Rad; nur sanft patschte die Hufe des Dromedars auf, und kein besonderes Abzeichen war an der Kleidung des Wüstenpostillons erkenntlich. Darin sind die Europäer sehr erfinderisch, einem Jeglichen sein passendes Hanswurstkleid zu geben. Einzig trug der langtrabende Dromedar am krummen Straußhalse eine kleine Glocke, was sich wohl schickt, damit die Räuber zu rechter Zeit erinnert werden.
Jetzt ging es in die Wüste, und als wir tiefer in derselben uns befanden, begegnete uns zu Fuße ein Derwisch (ein mohammetanischer Pfaffe) mit fliegenden Kopfhaaren und langem Barte. Es ist merkwürdig, daß die Wüste immer noch ihre Weltüberwinder begeistert. Es wäre vielleicht doch schon mit den alten Säulenheiligen genug gewesen. Sage wenigstens dem blinden Religionszwange: In der Wüste ist Freiheit des Glaubens.
Die Wüste war nicht so kahl, wie ich sie mir vorstellte. Viele Sodagewächse bekleiden sie zur Steppe. An den meisten Orten zeigte sich dieselbe so, wie ein Kartoffelfeld mit seinem einsam stehenden jungen Kraute. Hie und da erhoben sich kleine Hügel, uns in der Aussicht Abwechselung zu verschaffen.
Auf meinem Dromedare traf mich ziemlich ferne von menschlichen Wohnungen der Unfall, daß er sich reisemüde niederließ. Unverzüglich hob der Geleitsmann das Gepäcke ab; jener stand auf, und trug mich weiter. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Kameele oder die Dromedare auf die Kniee sinken, sobald man sie überladet. Uebrigens war mein armes, an einer Lungenkrankheit leidendes Thier sehr schwach, so daß es beinahe umfiel. Der polnische Reisegefährte rief in seiner Hastigkeit, daß unser Unglück mehr als gewiß sei. Auf dem ermüdeten, kranken Thiere wäre allerdings bei einem etwaigen Ueberfalle die Flucht unausführbar gewesen. Ich war kalter Skeptiker und ritt weiter mit Gelassenheit. Fürchtet man Alles, so hat man doch nichts mehr zu befürchten, und so gewährt wenigstens der Blick in die Zukunft Beruhigung.
Mit unnennbarer Freude erblickte ich gegen Abend auf einer kleinen Anhöhe das Posthaus. Ehe wir dabei anlangten, kamen wir hie und da über einen aufgedämmten Weg (Brücke), arabisch Kantâra. Der Europäer würde das Posthaus zu Kantâra nicht erkennen, und winkt es dem Wanderer doch freundlicher, als der stattliche Postpalast in Paris. Man denkt mit wonnigem Gefühle beim Anblicke der Posthütte, daß man hier unter Menschen Schutz und Ruhe finde. Dem plattdächigen Posthäuschen gegenüber stand mittagwärts eine Art Pavillon, von Dattelblättern gebaut. Weiterhin gruppirten sich einige Zelte für die Polizeisoldaten. Bei Kantâra zieht vor den Blick eine kleine Bucht des Sees von Menzaleh (Tanis lacus), und in seiner Nähe steht ein Brunnen, welcher, wenn ich nicht irre, Byr-el-Dueydar heißt.
Wir waren von dem Durste stark geplagt. Wir schleppten bloß eine Wenigkeit Wasser, nicht einmal in den festesten Thierfellen, mit, so daß eines Morgens mein Bein ganz naß wurde, weil, wegen der schlecht angeordneten Ladung, dasselbe über einen Wasserschlauch gehalten werden mußte. Diese kleinen Vorräthe sollten bis El-Arysch ausreichen. Ich kostete das Wasser zu Kantâra, und fand es salzig (kochsalzig); weil mein Durst aber sich wenig um den Gaumen bekümmerte, so gab ich mich zufrieden und trank. Ich lasse andere Aerzte ihre Qualen erzählen, welche sie von den immer anderes und anderes Getränke verlangenden Kranken zu erdulden haben; ich beschränke mich auf die Bemerkung, daß nur der schwache Durst schwer befriedigt wird, und daß man bei wahrem Durste trinkt, was flüssig ist. Um meine heiße Trinklust einmal ordentlich zu löschen, kochte ich Kartoffeln (die 75 Prozent Wasser enthalten), nachher stößerte ich sie und versetzte sie mit Wasser, worauf sie mit Butter abgekocht wurden. Diese Speise hatte gerade die erwünschte Salzigkeit und schmeckte dem Hungrigen. Sonst verursachte mir das Wasser weder Erbrechen, noch andere Beschwerden.
Begreiflich suchten wir hier den Unfall, welchen uns der Dromedar bereitete, wieder auszusöhnen. Wir versprachen dem Posthalter, einem schön gestalteten und bieder scheinenden Manne, hundert Piaster für einen Dromedar bis El-Arysch. Die Verheißung einer nicht ganz unbeträchtlichen Geldsumme und die Thränen des Reisegefährten, welche dieser über unser Mißgeschick vergoß, vermochten den treuen Postbeamteten nicht zu erschüttern. Er antwortete mit kurzen Worten, daß auf Auslieferung der Thiere, ohne Requisizion der Regierung, das Leben hafte. Was war wohl zu thun? Man mußte sich, ob gerne oder ungerne, in das eiserne Schicksal fügen. Wir vereinigten uns zuletzt in dem Vorhaben, morgen meinen Dromedar ohne Gepäcke versuchsweise zu reiten, was er wahrscheinlich aushalten werde. Verläßt uns die Hilfe der Menschen, so vertrauen wir wieder gerne der Vorsehung.
Den 11.
Wir brachen bei Zeiten auf. Mein Dromedar lebte einmal noch, und zappelte unter mir weiter, damit doch die Augen des Hauptmanns, nein, ich sage, unsers Schicksals trocken werden. Wir hatten den ganzen Tag Sandhügel vor den Augen, und wären diese wirklich naß geblieben, so hätte es uns an Stoff nicht gefehlt, sie trocken zu streuen. Der Weg führte uns über mehrere Hügel und war beschwerlich wegen des lockeren Sandes. Das Thier glitt bei jedem Schritte einen halben Fuß tief in denselben. An der Post Duedâr, welche an die Abendseite eines Hügels sich lehnt, ritten wir vorüber.
Um meinem armen Thiere Erleichterung zu verschaffen, stieg ich hier ab. Mein Gehen war außerordentlich mühselig, gerade so, wie bei uns, wenn der Schnee sehr weich ist, daß man mit dem Fuße tief einsinkt und rutscht. Wie der Sandstaub, so ist eine lügenhafte, trügerische Seele ohne Festigkeit, ohne Halt, ohne Zusammenhang. Ich dauerte das Reisen zu Fuße nicht lang aus; denn ich fühlte Leere im Magen, und bald drückte die Hitze. Den Weg fand ich übrigens ziemlich angenehm. Fortan waren in den Sand die Sodagewächse gesteppt, worin sich die Vögel belustigten. Bald sprang Gewild vorüber, wenigstens Gazellen und ein Schakal (Fuchs). Auf dem meistens deutlichen und breiten Wege durchmusterte ich die Stapfen der Menschen und Thiere, oder die Kameelgerippe, welche, wie gebleicht, auf dem ganzen Wege oft wahrzunehmen sind. Allerdings athmet mehr Leben in der Wüste, als auf dem Meere; selten aber begegnete uns ein Sterblicher.