Zweites Buch.
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Erstes Kapitel.
Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die Spitze eines fernen Berges herüber und jagte einen freundlichen Schein über den Strom; Abdallah bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen, die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß sich itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen Lichtes über den Fluß aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder und fuhr in den glatten Strom hinein. — Er schwamm wie in einem Meere von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen Abendwinden geneckt, die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen herum und schienen ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die gestirnte Wölbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und nieder. Dem Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das Rauschen des Kahns wie Flötengesang in die süße Wellenmelodie.
Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das säuselnd seine grünen Schwerter im Mondstrahle blitzen ließ und unaufhörlich gegen Abendfliegen kämpfte, die summend am Ufer des Stromes schwärmten. — Die alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jüngling ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's losreißen würde, mit ängstlicher Furcht erwartete er diesen schönen Augenblick; die höchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften Gegenstand. — Der Schall eines Fußtrittes kam längst dem Fluß herab, er schloß sich dichter an den Baum; der Schall kam näher und Abdallah erkannte das Gesicht Raschids, der traurig und gedankenvoll vorüberging, ohne ihn zu bemerken. — Denkend und träumend, hoffend und fürchtend stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und lächelte seine Träume an, alles flüsterte so heimlich und liebevoll um ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und beschenkte die blauen Kinder des Frühlings mit hellen kristallenen Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grünen Blättern in dem Strom umher, bläuliche Wasserschmetterlinge haschten sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann wieder wollüstig in hohe silberne Töne hinein, die weithin durch das Laub der Bäume zitterten. — Itzt — ein freudiger Schauder fiel mächtig auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern, — itzt erklang eine leise Guitarre über die Mauer des Gartens und sang:
Mondschein winke,
Welle locke
Den Geliebten
In die Fluth. —
Und der Mond winkt,
Und die Welle lockt, —
Kömmt der Geliebte
Durch die goldnen Fluthen?
Sprich aus deiner hohen Palme,
Holde Sängerin der Nacht:
Kömmt er durch Wellengelispel?
Naht er durch der spielenden Wogen Melodie?
Steht er silbern unter goldnen Schimmern,
Die in lichten Kreisen um ihn zucken,
Um die Locken eine Strahlenkrone weben?
Sprich ihm mit traulichem Geschwätz entgegen:
Wie ich harre,
Auf ihn hoffe,
Und die holde Nacht
Neben mir schlummert. —
Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Geständniß der Liebenden. Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel umarmend um die Erde. — Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute und sang:
Sonne der Nacht!
Himmel meiner Seele!
Reizgeschmückte,
Schönheitgekrönte,
Ich nahe deiner Gottheit!
Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich der Mauer. — Selbst die leblose Natur schien ihn zu begünstigen, die Zeit hatte aus der Mauer viele Steine herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit einem kühnen Sprunge stand er dann in dem Garten.
Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, Bäume schienen in Bäume verschlungen. Die Winde wühlten in tausend Wohlgerüchen und jagten und verließen sie wieder, und die Blumen schüttelten zutraulich ihr Haupt gegeneinander. — Abdallah eilt mit großem Schritt durch den Garten, er hat vergessen wo und wer er ist, er fliegt zu einer blühenden dunkeln Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, in einer schönen Stellung auf einen Rasensitz hingegossen und stürzt in namenlosen Entzückungen ohne Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. —
Zulma beugte sich schüchtern über ihn. — Abdallah! flüsterte sie leise, — Abdallah!
Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es zitternd auf ihr Knie.
Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher.
Er gehorchte. — Und es ist wahr, rief Abdallah, was mir noch der kühnste Traum nicht gegeben hat? Es ist wahr, Zulma? — O ich darf dich ja nicht fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wünschen bestochen sein.
Zulma faßte seine Hand. — Es ist kein Traum, Abdallah, nein, so schön sind Träume nicht.
Abdallah. Nein, nein Zulma, denn wenn sie es ja sind, so muß uns das hohe Entzücken aus dem Schlafe reissen, — dies ist mein Trost, ja es muß Wahrheit sein.
Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. — Blätter säuselten, die Blüthen dufteten, der Mondschein schlummerte süß auf dem grünen Rasen, durch die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch.
Abdallah. O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick entgegengesehn! — Was hatt' ich dir zu sagen, — und nun, — meine Zunge ist stumm, kaum bin ich mich meiner selbst bewußt.
Zulma. Wo findet die Liebe Worte? — o Abdallah, wie glücklich machst du mich, — wie haben dich seit drei Monden meine Augen nun so oft vergebens gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem Fenster erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir nachgeflogen, — und nun sind alle meine Wünsche erfüllt!
Abdallah. O wie werd' ich mich von der Quaal dieser Wonne wieder erholen können? Wie wird mir nun die Welt dort draussen leer und öde sein! — O Zulma, könnt' ich hier, hier zu deinen Füßen sterben, daß mein Geist aus einem Paradiese in das andre schlüpfte!
Er warf sich nieder und bedeckte die Hände Zulma's mit Küssen. — Zulma beugte sich zärtlich auf ihn herab, eine Thräne, halb von Freude, halb von Wehmuth glänzend, trat in ihr schwarzes Auge. »Liebst du mich wirklich, Abdallah?« fragte sie mit der rührendsten Unschuld.
O laß mich schwören! rief der trunkene Abdallah aus, bei dem Hauch der Liebe, der durch den Garten wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel mit tausend goldenen Augen auf uns herabsieht, —
Zulma ergriff seine Hand. — Lügner, sagte sie leise, und dieser Ring, — sie hielt ihm den Zaubertalisman an der linken Hand entgegen.
Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, es war ihm, als würden furchtbare Gestalten aus den rauschenden Gebüschen hervortreten; er verschloß die Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen.
Nein, sagte er betäubt, dies ist ein Geschenk der Freundschaft, ein heiliges Versprechen meines Glücks, ein Unterpfand, das mich deines Besitzes versichert. — O Zulma mein, auf ewig mein!
Zulma. Auf ewig?
Abdallah. Es soll, es wird sein! — warum würde sich alles so wunderbar fürchterlich an einander reihen, wenn es nicht dazu wäre? O das Schicksal häuft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend zu machen; ich werde glücklich sein!
Zulma. Ich verstehe dich nicht, Abdallah.
Abdallah. Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! o Thörichter, was willst du mehr?
Er umarmte sie und drückte sich inniger an ihren Busen, sein Mund fiel glühend auf den ihrigen; eine Stille der Mitternacht lag um sie her. Das Herz sprach zum Herzen in verständlichen Schlägen, die Geister besprachen sich in der hohen Entzückung, — ein heiliger Hauch wehte wie ein Schutzgeist um sie her, die Sterne glänzten goldener, die Natur lächelte mütterlich auf ihre glücklichen Kinder hin.
Ein Händeklatschen aus dem nahen Busche. — Wir müssen scheiden, sagte Zulma seufzend; geh zuweilen dem Pallast meines Vaters vorüber, dann sollen dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu mir kömmst. Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum Unmöglichkeit, das Veilchen vergebliches Hoffen, die Rose bist du, — wenn diese auf der Mitte des Altans steht, dann kömmst du wieder hieher, sobald dich meine Laute gerufen hat. — Sie drückte ihn noch einmal feurig an ihre Brust und Abdallah ging wie im Traume taumelnd zurück. —
Als er in den Nachen stieg, tönte es ihm silbern aus dem Garten nach:
Walle sanft auf stillen Wellen,
Dich geleitet meine Seele
Säuselnd durch die blaue Fluth.
Er ließ das Schiff vom Strome forttreiben und sang leise zurück:
Doch bei dir weilt meine Seele;
Wie die abgerißne Blume
Schwimm' ich durch die blaue Fluth.
Die Töne verklangen in dem leisen Wogengeräusch. — Der Nachen landete.
Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, alle seine Gefühle waren zu laut angeschlagen, in seine stille enge Wohnung konnte er itzt nicht zurückkehren. Er eilte in's Freie, wo der Mond über das Gefilde ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch kleine Spalten blickte. — Er überließ sich allen seinen Empfindungen, die durcheinander strömten. — Das Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus seinen Träumen, er sahe auf und stand wieder in dem Felsenthal, wo Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt hatte. Vom Berge rann im Mondschein der Strom wie schäumendes Blut hinunter.
Ein Schauder verschlang alle seine süßen Empfindungen, mit kalter Hand griff ein Grausen in seine Brust und zerriß das zarte Gewebe.
Welche dunkle Macht hat mich hierher geführt? rief er aus. — Der Jammer verfolgt mich ungestüm bis in die Wohnung der Seeligen. — Alle gräßlichen Erinnerungen steigen wieder von diesen Felsen herab, es kömmt mir wild und zähnknirschend entgegen! — Das Bild meines Vaters regt sich unter meinen Füßen und will sich zu mir emporarbeiten. — Hinweg! hinweg! —
Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den Bergen hinter ihm »Abdallah!« rief.
Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er stand. — Ein Greis stieg von dem Berge herab und eilte auf Abdallah zu.
Wer bist du? rief ihm der Jüngling entgegen.
Dein Freund, antwortete der Greis. —
Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht des Alten, Abdallah hatte ihn schon gesehn: nach langem Nachsinnen entdeckte er, daß es eben der Greis sei, der in jener fürchterlichen Sturmnacht in die Arme Omars geeilt sei, ehe er unter der Cipresse einschlief. —
Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von Palmblättern.
Was soll das? fragte Abdallah erstaunt.
Nimm, antwortete der Greis, — lies und sei gerettet!
Gerettet? rief Abdallah aus.
Ein böser Geist, antwortete der Fremde, steht in der Gestalt deines Freundes Omar neben dir, nimm die Warnung des alten Nadir gütig auf, der auch einst sein Freund gewesen ist, verlaß diese Schlange, die dich mit ihren giftigen Knoten umstrickt.
Omar? sagte Abdallah, Omar? — O nenne seinen Namen mit Ehrfurcht, deine Lästerungen werden nicht an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen.
Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu lange weilen und ein heimliches Grauen, das von dir ausströmt, jagt mich zurück.
Der Greis verschwand wieder in den Felsen. —
Ein wacher Hahn krähte von einem Dorfe durch die Monddämmerung, Hunde heulten in der Gegend umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken langsam zur Stadt zurück.
Er wollte noch itzt diese Blätter lesen, aber die Gefühle, die ihn durchstürmt hatten, hatten ihn so ermüdet, daß er nach wenigen Augenblicken in einen tiefen Schlaf versank.
Zweites Kapitel.
Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder in dem Pallast Selims versammelt und man war itzt im Begriff, heimlich auseinander zu gehen. — Der morgende Tag, sprach Selim, ist also zur Ausführung unsers großen Entwurfs bestimmt? — Ihr habt es selbst beschlossen, es sei. — Das Glück geht uns entgegen und reicht uns zu unsrer Unternehmung die Hand.
Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans ein großes Fest gefeiert, zu dem schon alles bereitet war. Der ganze Pallast war dann in Freude und Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die Wachten vernachlässigten ihr Amt und auf dieses Fest hatten die Verschwornen ihren Anschlag gegründet. — Man hatte Selims Freunde und Sklaven in dieser Nacht gerüstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren Schlage, einem jeden war zu diesem großen Augenblick sein Amt angewiesen, Rüstungen und Harnische erklangen dumpf in den stillen Gewölben und durch die Einsamkeit der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, alle Seelen waren stark wie die Sehne eines Bogens angezogen, schon zitterte der Pfeil, losgeschnellt nach seinem Ziel zu fliegen.
Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dämmerung des Tages herauf, schon drängt sich ein blutrother Streif hervor und erinnert uns an unsre Unternehmung. — Seid ihr es noch itzt zufrieden, daß heut der große Wurf gewagt werde?
Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte sich stillschweigend an die Mauer.
Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei!
Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich Abubeker, denn die Menge hätte mich doch überstimmt, aber itzt laßt mich sprechen und handelt dann nach eurem Willen. - Diese Nacht war fürchterlich, ein kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rücken hinabgeschlichen; mögt ihr mich doch einen thörichten Greis nennen, den das Alter wieder in die Kindheit zurückgeführt hat. — Als Omar von uns Abschied nahm und aus der Thür ging, hörtet ihr da nicht aus der Ferne ein Gelächter, das mein Blut in Eis verwandelte? — Hörtet ihr nicht über dem Pallast ein Gekrächz von Raben, die über uns, als ihre Beute hinwegflogen? Die Eulen winselten um das Dach und Hunde heulten vor der Thür, als wäre das Haus mit Leichen angefüllt. — Mir war, als sähe ich schadenfrohe böse Geister mit höhnischen Gesichtern durch die Spalten der Thür sehen und einen schwarzen Strich durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns in sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den Wink des Schicksals bereit. —
Der Morgen stieg in Säulen von Dampf empor und ein gedrängtes Heer von Raben flog krächzend von Osten her, und flatterte von neuem über das Dach des Pallastes. —
Seht! rief Abubeker, — da steigt die Unglücksvorbedeutung von neuem herauf! Diese Vögel des Todes krächzen uns noch einmal unser Schicksal entgegen. Der heutige Tag sträubt sich unwillig unter der Last, die wir auf ihn legen wollen; wartet auf einen günstigeren, wo uns das Glück seine holden Zeichen entgegensendet. —
Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt zu reden anfing:
Ihr tretet alle ungewiß zurück, von einer schwarzen Ahndung hart angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz von euch und entflieht, und ihr glaubt, daß auch ich zu euch hinübertreten werde und dem großen Entwurf Lebewohl sage. — Abubeker, du hast das Blut aus allen Wangen gejagt und die Furcht sitzt auf derselben Stelle, aus welcher der Muth vorher thronte. Ha! wessen Auge darf sich anmaßen, in die Geheimnisse der Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? Wer versteht die räthselhafte Schrift, in der der Ewige der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie enträthseln wollen, heißt nicht den tiefen Sinn verstehen. Deine Ängstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; welches kühne und große Unternehmen wird erst auf die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen warten? Wer könnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz bestätigen müßten? Ward der Mensch darum über diese Wesen gesetzt, um vor ihnen zu zittern? — Und laß diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, laß die Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, muß darum unser Unternehmen nicht in Erfüllung gehen? Wenn wir nun zugleich mit Ali sterben, so sind wir nicht unglücklich, denn unser Tod macht unsre Freunde glücklich. — Was werdet ihr bei den Gefahren thun, wenn ihr schon vor der dunkeln Ahndung der Gefahr zurückzittert? — Kein so begünstigender Tag als der heutige wird uns wieder entgegengehn; unverzeihliche Trägheit ist es, wenn wir unsre Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von unserm Vorhaben benachrichtigt, und dann erst haben diese unglücklichen Vorbedeutungen Wahrheit gesprochen. Wenn das Schicksal uns zürnt, so ist es mir erwünschter, noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ängstlichen Erwartungen zu leben.
Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und die übrigen folgten seinem Beispiel. — Man beschloß am Abend mit gewaffneter Hand in den Pallast zu dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. — Alle warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen des Abends.
Drittes Kapitel.
Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefühle, traurig und froh, drängten sich ihm mit den ersten Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen die ihn mit Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzückungen seinen Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine Dämmerung, die hundert Flammen durchzuckten und von der kalten Finsterniß wieder ausgelöscht wurden. Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, neben dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollüstigen Empfindungen waren ihm nachgeschwommen und kämpften itzt mit den Schreckenserinnerungen, seine Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und Seligkeiten wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, die bald der Schatten überfliegt, bald wieder ein blendender Sonnenstrahl vergoldet. — Die Palmblätter lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen.
Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich nicht getäuscht, die Schmähsucht will das Band zerreissen, das meine Seele an die deine knüpft, man will dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte Andenken meines vorigen Glückes rauben, auch den letzten Becher will man von meinen brennenden Lippen nehmen. — Ob ich diese Blätter lese? Oder sie ungesehn in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht hat dann meine Freundschaft befleckt, dann kann ich ohne Scheu dem zurückkehrenden Omar entgegengehn und ihm den Kuß der Liebe geben. — Verdacht? — Himmel! was kann dem großen allmächtigen Omar an dem Wurm Abdallah liegen? — Ihm ziemt es, von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht mir, — sein Sonnenglanz sieht mit milder Güte auf mich Verlassenen herab — und ich will ihm mißtrauen? Was kann er denn von mir gewinnen, das er nicht schon tausendfach besäße? Was kann ich verlieren, das er mir nicht unendlich ersetzen könnte? — Nein Omar, dein Abdallah wird nie undankbar sein, du pflanzest für ihn einen Garten, dessen Kühlung ihn erquicken soll, und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast du mir nicht in dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? Das feindselige Verhängniß kämpft gegen deine Güte an, es fordert laut mein Elend, aber du hältst einen Schild vor meine Brust. — Deinen Freund Nadir hast du verloren, mich sollst, mich kannst du nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst verächtlich von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese Blätter lesen, ich will diese Verläumdungen erfahren, um desto unzertrennlicher an dir zu hangen.
Er nahm die Blätter und fing an zu lesen:
Abdallah, ich beschwöre dich bei allem, was dir auf dieser Erde und jenseit des Grabes theuer ist, weise diese Worte nicht mit der Kälte zurück, mit der man einen verdächtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe sie tief in die Tafel deiner Seele und laß sie dort durch kein Mißtrauen, durch keinen täuschenden Verdacht wieder auslöschen. Zweifle in der ganzen Zukunft deines Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel könnten dich um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung ahndete, was je ein Geist zu erlangen strebte. O ich bin glücklich, es ist die edelste That meines Lebens, und der Zweck meines Daseins ist zehnfach erfüllt; wenn diese Blätter nicht zu spät in deine Hände fallen, der Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das Rohr ein Heiligthum, das diese Züge niederschrieb, dann kann ich dem Richter jenseit mit Vertrauen entgegentreten und meine Rechnung seinen Händen überliefern, diese That löscht alle meine Sünden in seinem schwarzen Buche aus. —
Aber du möchtest mich nicht verstehen und in meinen Worten nur Verläumdungen finden, darum will ich zu dir wie zu einem Verbündeten sprechen, der schon in die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du stehst einmal jenseit der glücklichen Unwissenheit und es wäre Frevel, von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung dich vielleicht noch von dem Abgrund zurückreissen kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen Nachsinnen stehst. —
Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du kniest vor einem verdorrten Stamm, den du für das Bild eines Gottes hältst, du verehrst in Omar die Macht, die über die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn auf der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen Abschuß vergebens hinaufklimmst, — o dürft' ich ganz die Hülle von deinen Augen nehmen und einen Stern in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prächtigen Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Säulen brennend emporsteigen — und vergissest, daß es nur Dampf und nichtiger Rauch ist. — Könntest du ohne Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du würdest da verachten, wo du itzt verehrst. — Die Mauer der Allmacht ist unübersteiglich, kein Sterblicher wird je in das Innere des Heiligthums dringen, eine unwiderstehliche Hand hält den Staub unerbittlich von dem zurück, was nur daurende Geister sehn und begreifen können, uns ist ein Feld angewiesen, wo wir über Blumen denken dürfen, jene unendlichen Wälder sind unserm Blick zu groß, kaum hören wir zuweilen von der Mauer ihr dumpfes Rauschen herüber, kein Auge wird sich je in den Garten des Ewigen wagen. — Jene Kraft, die der Getäuschte für einen Theil der Allmacht hält, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen Augen schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen das hervor, was er glaubt vom Himmel herabsteigen zu sehen.
Welcher Wurm kann sich ohne Flügel zum Glanz der Sonne aufwärts schwingen? Ein Strahl zittert auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein Gebot zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, aber es ist nichts, als ein Tropfen Thau's, in welchem ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel entgegenlächelt. Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze greifen und ihnen Stillstand gebieten; wer würde noch zum Allmächtigen beten, wenn der Hauch des Staubes die Weltendonner seiner Sprache überschrie, wenn ein Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwürfe und das große Gewebe sperrte? — Nein Abdallah, du glaubst zu sehen, was du nicht sehen kannst, in dir selber schlägst du die Töne an, die du aus den Wolken zu hören glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht zu Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu beherrschen, das große Geheimniß, vor dem du verehrend zurückschauderst, ist nichts, als ein gemeiner Betrug, den du an einem armseligen Künstler verachten würdest.
Darum höre mich und sei was du warst, verliere den Freund und gewinne dich selber der Verrätherei wieder ab, sprich das belebende Wort über die Leichen aus und laß aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen, die du selbst ermordet hast; laß das schlachtende Messer inne halten und binde sorgsam die letzte Rose auf, die schon in der Sonnenhitze verschmachten will. —
Mein Name ist Nadir, ich trete mit dem morgenden Tage in mein achtzigstes Jahr, traue meinem Alter, das mich bald vor den Thron des Richters bringen wird, wo man mir jede Lüge aufbewahrt. — Seit meiner Kindheit brannte in mir eine unauslöschliche Ungeduld, alles zu erfahren und zu wissen, was nur in der Seele des Menschen Raum fände; als Jüngling schweifte ich bald mit meinen Gedanken über die Gränze hinaus, die eine gütige und grausame Hand unserm vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein Verstand wollte das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche durchdringen, die Schwäche der Menschheit hielt ich nur für die Schwäche meines Geistes, meine Sinne schweiften durch alle Regionen der kühnsten Zweifel und der verwegensten Irrthümer, ich riß alles um mich her aus, und bepflanzte die leere Schöpfung dann mit den Wesen meiner Einbildung, ich glaubte nichts, um alles zu glauben. Alle meine Kräfte bot' ich zum Kampfe auf und fühlte mitten im Streit meine Schwäche, ich hatte durch meine Kühnheit Gott und das Schicksal verloren und doch genügte ich mir nicht selbst in der traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung geläugnet und fing nun an, an die Macht fremder Wesen und Dämonen zu glauben; Aberglaube und Nichtglaube berühren sich unmittelbar auf der Gränze, aus einem Feinde der Andacht ward ich ein Schwärmer. Von itzt lebte ich unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich mich hinandrängen wollte, die Ähnlichkeit der Gottheit schien mir darin zu liegen, die geheimen Winke der Natur zu verstehn, und das Unmögliche möglich zu machen, ich taumelte auf einem schmalen gefährlichen Wege durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden Hoffnungen begleitet.
Auf dem Gipfel des Caucasus, hört' ich, wohne der weise Achmed, der die große Auflösung zu den Millionen Räthseln gefunden habe, den Stab, mit dem er an die Sonne und die Sterne reichen könne und dem sich die Zukunft aufthue. Ich verließ mein Vaterland, um diesen Gott zu sehen und sein Schüler zu werden, wenn er mich für würdig erklärte. Er nahm mich auf und ich überstand fünf harte Probejahre, in denen er mich durch tausend Mühseligkeiten zurück zu schrecken versuchte, aber meine Wißbegierde ertrug alle Lasten leicht und tröstete meine Ungeduld, die zuweilen erwachte, mit dem herrlichen Augenblick, in welchem meinen Augen der ewige Vorhang niederfallen würde. — Omar war wie ich ein Schüler Achmeds, — der erharrte Tag erschien endlich und ich ward in den schwarzen Bund aufgenommen. — Wir mußten beide dem edeln Achmed mit einem heiligen Eide schwören, nur durch unsre Macht Glück und Freude zu verbreiten, dem Elenden beizustehn, den Schändlichen zu strafen und so dem Ewigen ähnlich zu werden. — Wir schwuren es und Achmeds Gewalt war die unsrige.
Nun erst sah ich ein, daß meine Wünsche jenseit der Schranken der Menschheit lagen, daß das, was ich verloren gegeben hatte, mehr werth sei, als mein Gewinnst. Alle meine großen Hoffnungen waren hintergangen, ich war im Begriff mich selbst zu verachten. Tausendmal wünscht' ich die Vergangenheit zurück, in der ich noch nicht an die Gränze der menschlichen Kraft gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift höhnend zu den Thieren des Feldes zurückwies. Ich hatte gehofft, daß sich mir die Ewigkeit aufschließen würde, wo ich im Heiligsten die Gottheit schaute und den großen Plan der Welt sähe, den sie gezeichnet hat — und ich ward vor einem Spiegel geführt, in dem ich nun meine eigne Verächtlichkeit sahe und eine Kunst war mir verliehen, die mir durch armseligen Betrug den großen Verlust nicht ersetzen konnte, eine Macht, die Niemand an dem Besitzer beneiden würde, wenn er nur einen Blick durch den blendenden Glanz zu werfen vermöchte.
Omars Freundschaft tröstete mich in meiner Trostlosigkeit und versöhnte nach und nach mein Mißvergnügen, wir tauschten unsre Seelen gegen einander aus, und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund und jeder Gedanke, jedes Gefühl floß in das Wesen des Freundes hinüber.
Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb allein bei meinem Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit und Ruhe, von der Welt und ihren Geschäften geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und der Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund Omar und wünschte ihn zu mir zurück. Zwanzig Jahre waren so verflossen, als ich von meinem Lehrer Achmed den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise setzte er hinzu, könnte wichtige Folgen haben.
Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und fand ihn endlich hier wieder, an jenem Abend, als du unter einer Cipresse eingeschlafen warst und ein brausender Sturm dich aus deinen Träumen weckte. — Er eilte in meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde des Wiedersehens; wir erzählten uns unsre Schicksale und Omar sprach also:
»O! daß der Mensch in Seinem Busen einen unversöhnlichen Feind mit sich herumtragen muß, der ihn unabläßig quält! daß dies heillose Drängen unsrer Seele, dies Streben gegen die Unmöglichkeit uns den Genuß unsers Daseins raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt!«
Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, die Nacht sah schweigend auf uns herab, die Bäume wiegten sich leiserauschend und Omar fuhr also fort:
»Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide noch den Unterricht des weisen Achmeds genossen, von jenem Sturm, der unaufhörlich in dem Baum unsers Geistes wüthet und ihn zu zerstören droht. Kaum hatte ich von dir Abschied genommen, so verfolgten mich alle meine Wünsche mit erneuerter Wuth, mein brennender Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds Kenntniß nur von neuem angefacht, mein Vordrängen war vergebens gewesen, denn noch in dichtem Nebel eingehüllt lag der große Felsen in der Ferne, hinter welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fühlte mich eingeengt und gepreßt und war unglücklicher als ich je gewesen war.«
»Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im düstern Kerker erheben. Weisheit war mir der edelste, der einzige Zweck des Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmücken könnte, ein Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verächtlich — und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher wußte, daß sich hinter mir ein Abgrund reissen würde, um mir den Rückweg ewig unmöglich zu machen.«
Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine Rede. — Mein Freund fuhr fort:
»Am Ende der Welt, in einem fürchterlichen Schlund, der sich zwischen die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfuß sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwänden das Grausen wohnt und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern streift, dort, — so sagte eine alte Sage, — wohne seit Jahrtausenden ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Haß der Ewigkeit entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig, ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt sei. — Greise erzählten mir unter Schaudern, daß er ein höherer Geist gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wüste der Strafe der Allmacht entronnen sei, Mondal, so nannten sie den Schrecklichen und sagten, daß der große Verworfene keine Strafe bedürfe, denn er selber sei seine Verdammniß. Man sprach von den Wundern die er ehedem gethan und denen die Völker in Demuth erzittert wären, von gräßlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gerächt, sein Name war die Loosung zum Schrecken.«
»Ihn wollt' ich aufsuchen und mich an seine fürchterliche Größe drängen, hier die Flammen meines Busens kühlen, oder ein unausbleibliches Verderben finden. — Ich wanderte durch die Wüsten von Afrika, ich ging über die hohen unermeßlichen Gebirge und näherte mich endlich der langerhofften Gegend. Das Gebirge lag fürchterlich aufgethürmt, wie die Mauer der Welt vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fuß zu flattern und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche Leere des Äthers, immer höher und höher aufgewälzt und immer furchtbarer und kühner aufgethürmt.«
»Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hügel an die unbegränzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren Schätzen und Städten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das Meer unermeßlich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten winkte mich die Sterblichkeit zurück, sie streckte die Arme liebevoll nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mütterlich an ihren Busen hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe gehangen hatte. — Aber ich ging vorwärts und ließ hier meine Menschheit zurück, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehörte, ich riß auf ewig das große Band entzwei, das mich an die Schöpfung hielt, ich setzte den Fuß vorwärts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder angewinkt zu werden.«
»Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher die Natur umher, die Bäume starben aus, die Sträucher, und endlich erlosch auch der letzte Schimmer des grünen Grases unter meinen Füßen. — Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, über mir und unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere. — Bei jedem Schritte zog sich ein härterer Panzer um meine Brust, keine meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon vergessen, daß ich einst ein Mensch gewesen sei.« —
»Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermüdung geschaffen zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch, erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete mich, immer größere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefühle gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz und das Bewußtsein meines Daseins blieb mir übrig.«
»Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder brütete über diesem Schlund, in den sich tausend Höhlen rissen und ein verworrenes Gebäude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwüste, kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen grinßten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften Stille.«
»Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkührlich aus und der erste Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber fuhr erschrocken zurück und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten Schlünden.«
»Die letzte Furcht faßte mich zweifelhaft an. — Soll ich hinuntersteigen? fragte ich mich leise. — Noch, noch steht mir der Rückweg offen! Noch darf ich selber über meinen Willen gebieten. — Doch was soll ich in der Welt? — Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hölle bleibt den Unbefriedigten übrig, — ich kann nicht anders, ich würde nichts vom Menschen wieder rückwärts bringen: — und zugleich stieg ich in das fürchterliche Thal hinab.«
»Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, wie in den unerbittlichen Tod schritt ich hinunter.
»Plötzlich fuhr ich bebend zurück. — In einer halb dunkeln Grotte saß ein Greis und lächelte mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem Zähngeknirsch eines Ungeheuers glich. Ein weißer Bart sank bis auf seine Füße hinab und deckte sein Gesicht. Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen sahe aus seinen wilden Augen, er hatte bloß das Ansehn eines Menschen, um die Menschheit von sich zurückzuscheuchen. — Sein Anblick hatte mich bis in das Innerste meiner Seele erschüttert und ich wagte es nicht, die Augen zum zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften Gefühlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich in meinem Busen aufgenommen, — aber hier fand ich ein Wesen, vor dem meine Frechheit Demuth ward, alle meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflöste.«
»Wer bist du? rief er mir in Tönen entgegen, wie ohne Klang und Athem; sie kamen zu mir, wie aus einer fernen Welt und sprachen in Accenten, von denen kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.«
»Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber nicht begreift! Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen Klippen ausgezogen! — Das Leben hat keinen Reiz für mich, ich will in der Wildniß meine Freude suchen.«
»Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit einem Blicke an, der meine Seele mit Riesenkräften zusammendrückte.«
»Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht sieht, ich sitze hier und faste der Ewigkeit entgegen und noch kein Staubgeborner hat es gewagt, mich in meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen spiele und Schauder mir die Zeit verkürzen. — Was suchst du hier?« —
»Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich zitternd, ich schäme mich ein Mensch zu sein, nimm du mich in deine Gesellschaft auf und vergönne, daß ich deinen Geist begreife und dir ähnlich werde.«
»Er sahe mich an und lachte fürchterlich auf, daß die Felsen umher in ihren Wurzeln wankten. — Vermessener! rief er dann: — Du verläugnest die Menschheit und doch zeigen deine Worte, daß du ihr noch zugehörst. Ein Funke, der von mir zu dir herüberleuchtete, würde dein Wesen zersprengen. Dank' es meiner Verachtung, daß mein Anblick dich nicht tödtet!«
»Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, so bleibt mir keine Hoffnung übrig, als meine Vernichtung!«
»Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog den Mund zum Grinsen, so kalt und todt wie die Felsen umher. Was ist, kann nicht vernichtet werden, die Ewigkeit hält dich fest, so lange die Zeit dauert, dauerst du selbst. Du kannst dich tödten und in eben dem Augenblick stehst du ein neues Wesen in deiner eignen Verdammniß wieder da, — so hat es der Gütige dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfängt. O! wenn Vernichtung möglich wäre, wenn wir uns selber angehörten und beherrschten — o dann wäre noch Glück in seiner Schöpfung!« —
»Ich fuhr mit Entsetzen zurück. — Voll Frechheit kömmst du hierher, sprach Mondal weiter, und bedachtest nicht, daß dein Wesen sich nie dem meinigen nähern könne. — Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; die Gedanken, die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, unser Urstoff ist verschieden, wir können uns in keiner Empfindung begegnen.«
»Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen aus, ein Wesen, das mich versteht? Mir ist alles verschlossen, in der ganzen Schöpfung kein Laut, der in mir denselben anschlüge. Vernichte dies Streben in meiner Brust, das mich durch alle Welten drängen würde, du verwirfst mich als deinen Schüler, erniedrige mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne Bewußtsein zu deinen Füßen windet.«
»Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur hält dich gefangen! Ich will dir geben, was ich kann, — aber du wirst meine Bedingung nicht erfüllen.«
»Alles, alles, sprach ich hastig, — nur reiß mich aus diesem peinvollen Dasein, mach, daß ich mich nicht verachten muß, sollt' ich mich auch dafür verabscheuen!« —
»Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich stehe nicht über der Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges Geschöpf, dessen Gedanken und Gefühle Strahlen sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht zusammenfließen, sondern sich ewig zurückstoßen. Die Menschen haben von ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu ordnen und in ein Ganzes zu bringen, meine Freude ist Zerstörung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten sie in einer ewigen Thätigkeit an Ordnung und Harmonie, Sklaven eines Herrn, dem sie dadurch schmeicheln wollen, Schönheit und Tugend nennen sie das Gebäude, das sie aufführen, für mich giebt es keine Tugend als ihre Laster. — Kannst du deine angeborne Menschheit bis auf die letzte schwächste Ahndung ablegen und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann ein heiserer Mißklang dir eben so viel Freude geben, als jener Wohlklang dort unten, verlierst du nichts an jenem Gott dort oben, so bist du mein!«
»Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die Hand.«
»Zerstörung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch sei Vernichtung, jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge ihre Tugend und sei der Freund des Bösen, kehre in die Welt zurück und zerreiß das Gewebe, mit dem sie sich an ihre Gottheit knüpfen wollen, dies beschwöre mir mit einem großen Eid und unter diesen Bedingungen will ich zeigen, was kein Auge sieht. Fern ist noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit zum Greise wird.« —
Omar hielt hier in seiner Erzählung ein. — »Und du schwurst den Eid?« rief ich erschrocken aus. —
»Ich schwur ihn,« antwortete er langsam und sprach dann weiter: »Es war ein Schwur, o, mehr ein Fluch, unter dem sich die geängstigte Erde hätte bäumen mögen, ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen.« —
»Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, alle meine Gedanken waren zu Riesen aufgewachsen, die gegen den Himmel anstürmten, meine vorige Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefühle waren ehern, mein Busen Diamant.«
»Ich ward in seine fürchterlichen Geheimnisse eingeweiht, Flüche segneten mich ein, Grausen stieg mir aus den unendlichen Labyrinthen entgegen und Schauder waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten das Ungedachte, ich war über den fernsten Gränzstein der Menschheit hinausgeschritten und wandelte nun, ein fremder Pilger, jenseit dem Leben auf der dürren Haide. — Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurück, die Zukunft schloß sich meinem Blicke auf. — Mondal zeigte mir ein ungeheures Buch, in welchem auf jedem seiner Millionen Blätter tausend Punkte gezeichnet waren. — Dies ist mein Almanach, sagte er lächelnd, so viel Punkte du ausgelöscht siehst, so viele Tage hab' ich durchlebt, die übrigen sind die Tage, die noch bis zum letzten Tage übrig sind, ihre Zahl ist unzählbar; aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit ab, auch der letzte Punkt wird ausgelöscht und die neugeborne Ewigkeit wandelt über den Ruin der Welten. Bis dahin sieht mein Auge; was dann sein wird, ist ein Geheimniß, das ich schon seit Jahrtausenden zu enthüllen strebe.«
»Mein Geschäft war nun geendigt und ich ging in die Welt zurück, nicht um zu leben und zu genießen, sondern um Genuß und Leben zu zerstören. Alle meine vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde entgegen, ich zerstörte und vernichtete, so weit nur meine Gewalt reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten und Flüche der Wittwen und Waisen, mein Weg war mit Thränen benetzt und Grabhügel waren die Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. — Der Ewige hatte mich in ein Leben verwiesen, das ich verachtete und ich sättigte mich im Genuß der Rache, ihn selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine Geschöpfe mußten meinem Zorne büßen! Das Dasein quälte mich, wie eine Gewissensangst, Vernichtung war nicht möglich, Flüche nicht genug, ich mußte ihn strafen.« —
»Ich kam in mein Vaterland und der Sultan Ali ward mein Freund, er war im Begriff, seinen Unterthanen ein guter Fürst zu werden, aber ich lehrte ihn die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam er endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen zum Schrecken des Landes gemacht hat. Durch mich ließ er tausend Schlachtopfer fallen und tausend eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch Selim Ali nahm ihm seine Schätze, Selim entflohe mit seiner Gattin und einem kleinen Sohne, auch die Gattin mußte sterben und ihn sein Sohn nur noch gewaltsam in ein quaalvolles Leben zurückhalten. — Ich ging unter den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie dienstbare Henkerknechte liefen Schrecken vor mir her und schlugen gewaltsam jedes Gefühl, jeden Menschengedanken von mir zurück, — so fand ich den armen, vormals glücklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner Gattin sitzend, — da flog mir wie ein ferner Schein der Wunsch vorüber, wieder in den entweihten Menschenorden zu treten. — In diesem unseligen Augenblick vergaß ich meines Amts und meines Herrn und ließ den trauernden Selim in den Schooß des Glücks zurückkehren, meine Macht ließ ihn einen Schatz finden, der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. — O wie hab' ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, wie gern hätt' ich ihn zurückgenommen und Selim's Glück mit neunfachem Jammer ausgetauscht, wenn es dem Zauberer vergönnt wäre, sein eigen Werk wieder zu vernichten.«
»Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu Mondals Wohnung zurück, ich sträubte mich vergebens gegen die drängende Macht. — Mondal trat mir entgegen. Schon so früh kömmst du wieder? sagte er mit gräßlichem Hohnlächeln, — du hast deine Menschheit abgeschworen, dein Vertrauen war so frech — und doch kömmst du selber zurück, dich anzuklagen? Stumm ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen Klippenmeer, er spaltete einen Felsen und warf mich bis an die Hüften in die Öffnung, die donnernd wieder zusammensprang.« —
»Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine heiße Gluth webte sich am Tage um mich her und nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen bohrten sich glühend in mein Innres und in der Nacht jagten sich kalte Nordwinde um mich her und bliesen mich mit ihrem Athem an, ein Panzer von Eis umgab meinen Körper und zerschmolz wieder an der Gluth des Morgens. Siedende Waldströme stürzten brausend auf mich herab und schmetterten spielend mein Gebein gegen hervorragende Felsenspitzen. Mein Geheul erklang fürchterlich den Abgrund hinab, und sprang von Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag kalt und ohne Mitleid um mich her. — So brüllte ich vier Jahr meine Flüche und meine Bitten dem unerweichlichen Mondal entgegen, aber er hörte mich nicht; zuweilen flog er auf einer braunen Wolke über mein Haupt, sahe höhnisch auf mich herab, freute sich meiner Quaalen und überließ mich dann von neuem den unerbittlichen Martern. — Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen? — Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung geb' ich dich frei. — — — —
Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als sich ein lautes Getümmel im Hofe des Pallastes erhob. — Bestürzt eilte er an's Fenster — und die furchtbaren Palmblätter entsanken seiner Hand. —
Viertes Kapitel.
Säbel glänzten im Schein der Sonne und leuchteten Abdallah wie Blitze entgegen; in einem fürchterlichen Getümmel kämpften Selim's Sklaven mit der Leibwache Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit entblößtem Säbel stürzte er hinaus.
Ein wildes Geschrei flog über den Hof des Pallastes, Ali's Sklaven wütheten gegen Selims bewaffnete Freunde, das Geklirre der Säbel an die Schilder geschlagen, rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem weißen Barte vor ihm, in seinem Blute gewälzt, das Geschrei und der Klang der Waffen schlug gegen die Mauern des Pallastes, Blut floß in Strömen, einige Sklaven flohen, andre stürzten todt nieder, — und itzt sahe Abdallah auch seinen Vater unter einem Säbelhiebe sinken.
Er stürzte sich wüthend in das Gedränge und metzelte um sich her, eine blinde Wuth gab ihm Riesenkräfte, er fühlte die leichten Wunden nicht, die er erhalten hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewühle auf und ab, — eine bekannte Stimme rief seinen Namen aus, — es war sein Freund Raschid. — Auch du? rief Abdallah wüthend, — auch du bist mit meinem Elende einverstanden? — Nur wider meinen Willen, antwortete Raschid und gab ihm die Hand; rette nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh' er lebt noch.
Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen Füßen und sahe ihn mit einem matten Blicke an; Abdallah ergriff ihn stark und trug ihn aus dem Getümmel, Raschid begleitete ihn und half den verwundeten Selim aus dem Hofe des Pallastes führen, alle Krieger machten dem bekannten Raschid Platz, weil sie den Verwundeten für einen Diener Ali's hielten; so brachte Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das Thor der Stadt.
Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, heftige Gedanken schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen stahl sich ein Seufzer aus seiner Brust, den er aber seinem Sohne zu verbergen suchte.
Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte sich auf einen Erdhügel am Wege. Sein Gesicht war bleich, seine Wunde, die Abdallah verbunden hatte, fing von neuem an zu bluten. — Warum hast du mich nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal auf mich zürnt? — Du hättest mich jenen Dolchen lassen sollen, denen du mich entrissest, denn ich gehörte ihnen an, von Verrätherei dem Tode verkauft. —
Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner Wuth und Angst nach und nach zurück. Er war bis itzt in eine unwillkührliche Thätigkeit geworfen, er hatte nicht empfunden und nicht gedacht, über die Gefahr seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. — Vater! rief er aus, — o daß ich dich habe retten können, daß ich dich aus dem Gemetzel herausriß und dem Leben wiedergab, — o das ist das erstemal, daß dein Sohn dir etwas mehr als Dank sagen kann, — eine Stunde, wo ich dir durch Thaten meine Liebe zeigen könnte, habe ich so lange gewünscht, — ach! und sie mußte so schrecklich, so unvermuthet kommen!
Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, mein großer Entwurf ist dahin! — deine Ahndung, alter wackerer Mann, hatte Recht, warum hörten wir nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die schönste Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? — Ich habe ein großes Spiel gewagt, ich setzte verwegen mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus — und das Schicksal rief Selim!
Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah.
O ich weiß kaum, daß ich verwundet bin! rief Selim unwillig aus, ich weiß nur, daß ich habe entfliehen müssen. — O warum kann ich nicht der verächtliche Hund jenes müden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht? Er ist freier und glücklicher als ich! —
Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam weiter. Oft ließ er ihn auf Rasenhügel sich niedersetzen und wenn er erquickt war, mahnte er ihn sogleich wieder zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde fürchtete. — So gingen sie langsam bis zum Abend und wandten sich zu einem kleinen unbesuchten Nebenweg, der in einen Wald hineinführte. —
Die rothen Streifen des Abends wallen durch den Himmel, sagte der Greis, sie wollen den trägen Selim zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu spät und findet nur noch meine Schande. — O dürft' ich eure verhaßten Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet ihr euch in Ali's Blute! — Meine Freunde sind für mich gefallen und der feigherzige Selim flieht und rettet ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! dessen Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet lag und vom Blute triefte! — verzeih Abubeker, dem unvorsichtigen Freunde, der deiner älteren Weisheit nicht traute. —
So klagte Selim auf dem Wege und hörte nur wenig auf den Trost seines Sohnes. — Das Schicksal, sprach er endlich, nachdem er lange bei sich gedacht hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefährlichkeiten und mannichfaltiges Unglück, mein Muth soll vielleicht noch härter gestählt werden, um dann desto größere Funken zu schlagen. Der Mann muß vor seinem Tode nichts verloren geben, seine Entwürfe müssen ihm so unverletzlich sein, wie Heiligthümer, die man ihm zum Aufbewahren anvertraute, der nächste Tag versöhnt mich vielleicht mit dem heutigen. —
Er ging getröstet weiter.
Fünftes Kapitel.
In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bäume am meisten verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel sich unter den verschränkten Zweigen herabsenkte und man kaum von der fernen Landstraße zuweilen ein dumpfes Getöse hörte; dort stand unter Büschen versteckt ein kleines ländliches Haus, das Selim sich vor vielen Jahren hatte erbauen lassen, um hier auf der Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn kannten diesen Aufenthalt, kein Weg führte zu dieser Wohnung, nur ein Fußsteig, der sich in hundert Krümmungen wand und den kein Fremder auffinden konnte. Seit vielen Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, selbst Selim fand itzt den Weg dahin nur mit Mühe. Büsche und hohes Gras hatten den kleinen Fußsteig verschlungen, sie mußten sich durch junge Bäume drängen, die in einander gewachsen waren, sie verloren oft den Pfad und fanden ihn nur mühsam wieder, erst mit der Finsterniß kamen sie an die Hütte. —
Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt und vom Regen durchlöchert, durch die Fenster hatten sich junge Gesträuche gedrängt und Epheu schlängelte sich in grünen Labyrinthen die Wände hinan, Heimchen nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam durch die Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; Eulen hatten sich auf den benachbarten Bäumen niedergelassen und heulten nach dem Hause hinüber. Der Aufenthalt begrüßte sie traurig und verfallen, wie ein kranker Freund, der auf dem Sterbebette Abschied nimmt.
Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim ließ sich sogleich auf ein kleines Ruhebett nieder. — In der Nähe rieselte eine Quelle vom Berge herab und Abdallah schöpfte aus dem frischen Wasser einen Trank für seinen entkräfteten Vater. — Ich bin erquickt, sprach dieser, — o daß ich dich noch übrig habe, daß das Schicksal dich nicht von meiner Seite genommen hat, das ist ein Glück, dessen Größe ich mit inniger Dankbarkeit verehre.
Abdallah verband von neuem die Wunde Selims und bat dann seinen Vater, ihm zu sagen, woher dieses Unglück so plötzlich auf ihn eingestürmt sei, was es veranlaßt habe und womit sein Vater den Zorn Ali's so heftig aufgereizt habe. — Diese Wunde, sagte Selim, die mir plötzlich so tödtlich geschlagen wurde, ist mir selber unbegreiflich, schon seit lange wälze ich alle meine Gedanken umher, dieses Räthsel zu verstehen, alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorübergehn, aber auf kein einziges Gesicht steht der Name Verräther. — Der Himmel selber wirft sich mir entgegen und drängt den Strom gegen seine Quelle zurück. — Dann erzählte er ihm die Entstehung der Verschwörung gegen Ali's Leben und nannte ihm alle Ursachen, die sie veranlaßt hatten. — Ich wollte das Land glücklich machen, so schloß er, aber der Ewige will, daß sein Elend noch ferner dauere, er zürnt auf mich, daß ich seinen weisen Rathschlüssen habe vorgreifen wollen und an seine Stelle treten. Der Sterbliche muß nur der Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit Vorwitz den geheimen Plan der Gottheit zu übersehen glauben, sein Frevel bestraft sich selbst. — Der Tyrann herrscht und ich beseufze hier verlassen mein Unglück, ohne Rath und Hülfe, ohne Freund, — o wenn nur Omar zurückkäme, auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte Hoffnung: aber wenn er auch zurückkömmt, kann er das, was geschehen ist, ungeschehen machen? Er kann nichts als trösten, und Trost ohne Hülfe ist kein Trost für mich, — meinen Freunden wird endlich kein Dienst übrig bleiben, als mich in mein Grab zu legen.
Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim fühlte einige Thränen heiß über seine Wangen fließen, er schämte sich seiner Schwäche und nur die Finsterniß, die die Zähren seinem Sohne verbarg, tröstete ihn etwas über seine Unmännlichkeit. Abdallah ergriff die Hand seines Vaters und drückte sie ohne zu sprechen an seine brennenden Lippen, Selim umarmte ihn schweigend und eine wehmüthige Stille war um ihren Schmerz ausgegossen. — Durch die Fenster dämmerte ein irrer Schein der Sterne und eine Fledermaus schlug mit rauschendem Flügel an die äußern Wände. Selim sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, das sich durch die grünen Gebüsche brach, vom Wege und seiner Wunde müde schloß sich endlich das gespannte Auge und er versank in einen sanften Schlummer. Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem Vater und schien auf das Athemholen Selims zu horchen.
Sechstes Kapitel.
Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die Quelle in der Nähe plätscherte immer leiser und leiser, das Rauschen der Bäume verhallte immer dumpfer und Selims Athem röchelte schwach, wie der Athem eines Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und sahe in einer kalten Seelenträgheit dem wunderbaren Spiele seiner Gedanken zu. Sein Vater hatte den Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren die Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom in seine Seele zurückgekommen; schon hatte er alles vergessen, aber dieser Ton brachte ihm mit Wucher zurück, was er so gern nicht angenommen hätte, was er so gern auf ewig von sich zurückgewiesen hätte. — Omar! sprach er leise zu sich selbst — Omar! wiederholte er mit zitternder Stimme. Sein Geist wandte sich scheu vor dem Gedanken zurück, der sich unüberwindlich zu ihm hinaufkämpfte. — Omar hatte die kindliche Liebe schon verloren, mit der er ihn ehedem geliebt hatte, seit jener Nacht, die ihn zum Vertrauten seiner übermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefühl, einer Art von Anbetung vermischt: aber er war immer noch der Freund Omars geblieben, seine Liebe hatte sich gleichsam nur ein anderes Gewand gewählt, ohne ihr Wesen zu verändern, — aber zu der Empfindung, die itzt seine Seele durchschnitt, hatte bis dahin auch kein Keim, keine Ahndung in seiner Brust gelegen: es war nicht Mißtrauen, nicht Haß, nicht Abscheu, nicht Entsetzen; ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefühlen gewirkt. Ein Todtengewölbe hatte sich ihm aufgethan, in welchem grinsende Gerippe, Moder und scheußliche Verwesung in tausend gräßlichen Vermischungen vor ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit schadenfrohem Lächeln an ihm vorüber und wie in Nebel gehüllt tobten neue Furchtbarkeiten aus der nächtlichen Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen engen Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch drängen sollte, um sich dann in einen Abgrund zu zerschmettern.
Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser Name, der einst meinem Vater zugehörte? der die Loosung zur Freude und zur Liebe war! — Itzt ist es der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach mir auswirft. — Oder war alles, alles nur ein Traum? Es kann nicht Wahrheit sein, unmöglich! Wie könnte so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie könnte so plötzlich der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben noch die Freundlichkeit thronte? — Wenn Omar statt mir die Hand zu reichen, mir einen schuppigen Drachenhals entgegenreckt, — wer soll mich dann aus der Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wänden, ein verlorner Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn der Ort, wo meine Seele sonst am liebsten verweilte, sich so plötzlich in einen Kerker umwandeln kann? — Ich schwindle vor den tausend Gestalten zurück, die aus einem wüsten dunkeln Abgrund so drohend ihr Haupt emporheben und mir still und schweigend wie unversöhnliche ewige Strafen zunicken! — Nein, so fürchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Träume verweben sich in solchen verworrenen Wolkengebilden. Wo war mein guter Engel, als diese Phantasieen in meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl verschlangen, der noch kärglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete? — Wer würde dann noch zaudern und sich bedenken, aus diesem Leben herauszugehn, wenn es ihn mit so entsetzlichen Speisen fütterte? — Nein, nein, o Verzweiflung wäre für ein solches Unglück zu wenig, es kann nicht Wahrheit, es soll ein Traum gewesen sein! —
Er schwieg, eine dunkle Stille säuselte um ihn her, in der finstern Nacht und der leeren Einsamkeit sahe er nichts als seine Gedanken schwimmen, ein Wiederhall seiner Seele wiederholte unzähligemal den Namen Omar.
Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. — Ich erinnere mich der Stelle, wo ich jene schrecklichen Worte las, o ich weiß es zu gut, wann und wie es war, mein boshaftes Gedächtniß wiederholt mir mit hämischer Freude die gestrige glückselige Nacht und stellt mir noch einmal den alten Nadir hin, der mir die Blätter reicht. — Nein, es ist kein Traum, wenn unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum ist und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, der durch die Leere seegelt und den ein nichtiger Schein anfliegt, bis ihn ein Wind verweht. — Blas't mich Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in tausend Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen finde! — Wo Grausen und Unglück wohnen, wo der letzte leuchtende Funke knisternd aus der Asche springt, wo eine ewige Einsamkeit auf tausend Verderben brütet, — o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort ist die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen seinen Streifereien mein müder Geist zurück, dies ist das Ziel, wo ich endlich ruhen soll, nach welchem mein schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles weicht aus meiner Bahn zurück, nur meine Verächtlichkeit bleibt mir übrig und die Hölle, die hinter mir ras't.
Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, das unbarmherzige Urtheil, das fürchterliche Geheimniß ist wie ein Todtengerippe aus seinen verhüllenden Gewändern herausgeschritten, — zurück, zurück von meinem Halse, Scheusal! — Es klopfte ja ein Menschenherz in dir, als ich dich verhüllten Fremdling an meine Brust drückte, wo hast du Betrüger dein Herz gelassen? —
Habe ich jene grausenvollen Blätter bis zu Ende gelesen und ihre ganze Gräßlichkeit in meinen Busen gesogen? — Nein, nein, — ein freudiger Funke glimmt in der Nacht wieder auf, die Auflösung des Räthsels ist noch übrig, — ja, du wirst mir wieder geschenkt werden, mein Omar! Ja, der Ort kann itzt noch keine Wildniß sein, auf welchem so eben noch dieser freudenreiche Tempel stand. — Ja, Omar hat sich von Mondals fürchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme der Menschheit zurückgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, er ist wieder ein Mensch geworden, die übrigen Blätter werden, müssen es enthüllen. —
Er faßte den Entschluß in die Stadt zurück zu gehn und jene Blätter wieder aufzusuchen, die sein Schicksal enthielten, er bückte sich leise auf seinen Vater herab und hörte, ob er noch schlummere, dann verließ er schnell das Zimmer. —
Er drängte sich durch die Labyrinthe der Gebüsche und tappte in der wüsten Nacht mit den Händen umher, um den verborgenen Pfad zu entdecken. — Rauschend jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, die Sterne weinten kalten Thau herab, Sturmwinde spielten heulend im dichten Walde. — Abdallah stürzte oft gegen Bäume und fuhr durch rasselnde Gesträuche, flimmernde Lichter führten ihn oft trügend tiefer in den Wald hinein, wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; endlich trat er auf die Heerstraße. —
Er ging durch das Thor und durch die stillen Straßen der Stadt, auf der Brücke hatten zwei Fischer ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich leise. — Abdallah stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmüthiger Verzweiflung an den Abend zurück, an welchem der Untergang der Sonne sich so schön in dem Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen schwammen, die für ihn mit Seligkeiten landeten, als jede Welle den Namen Zulma und Abdallah lispelte und mit dem Abendwinde stritt, wer »Zulma« am süßesten säuselte, er dachte an die Himmelsnacht zurück, als sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen Wonnen aufgethan hatte, — er sahe nach der Gartenmauer, — aber eine neidische Finsterniß warf sich vor sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im kalten Winde der Nacht und wankten in einer düstern Dämmerung, ein Stern blickte zuweilen wehmüthig hinter den schwarzen Wolken hervor und warf traurig einen flüchtigen Blick auf die dunkle Fluth. — Er stand in tiefen Gedanken und maß sein Elend an der Größe seines vorigen Glücks. Das Gespräch der Fischer flüsterte leise in das Rieseln der Wellen.
Wie ich dir sagte, Sadi, sprach der eine, auch keine Mauer von seinem Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglücklichen Selim mit den gräßlichsten Flüchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so fürchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nähern.
Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.
Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann, er hat mich vom Hungertod gerettet, er muß gewiß Ursachen gehabt haben, so zu handeln, denn er ist ein edler Mann.
Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott über uns gesetzt und ihn verletzen heißt Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die Strafe Ali's verdient.
Sie stritten noch länger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie hatten nichts gefangen und gingen verdrießlich nach Hause. Abdallah hatte ihrem Gespräche traurig zugehört und näherte sich dem Pallast seines Vaters.
Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein großes Todtengewölbe. Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen Tritte die Wände hinabschallten, er stieß mit dem Fuß an die Körper der Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und röchelte fürchterlich. Abdallah schritt bebend über sie hinweg und trat in die Gemächer des Pallastes. Alles war einsam und verödet, so still, als hätten niemals Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, — itzt kam er in sein Zimmer. — Mit zitternden Händen suchte er auf den Tischen und am Boden umher und fand die fürchterlichen Blätter nirgends. — Wie? — rief er aus, — sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht einmal meinem Elende in's Angesicht sehen können? Sollte das schadenfrohe Schicksal mir auch selbst diese fürchterliche Freude der Gewißheit rauben wollen, damit meine Verdammniß in unaufhörlicher Angst bestehe?
Ängstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: — es gilt deine Liebe, Omar! ob ich mich mit dir aussöhne, oder nicht, hängt von diesem Augenblicke ab, — jetzt weiß ich nur genug, um unaufhörliche Quaalen zu dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. — Er suchte lange und unermüdet, endlich sprang er wüthend auf und wollte gehen, sein Fuß stieß an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wälzte, er streckte seine Hand darnach aus, — es waren die erwünschten fürchterlichen Palmblätter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen hatte. —
Siebentes Kapitel.
Die Hände Abdallah's zitterten, als er die Blätter ergriff und mit ihnen durch die Gemächer zurückeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte, trat wieder vor seine Seele, er drückte krampfhaft die Faust zusammen und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flügeln hinter ihm herjagten, so entflohe er über den Hof des Hauses und durch die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. — Nur ein einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhängen umher und seine Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie unruhig auf und niedergehn, er hörte seinen Namen nennen und starrte lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. — Das einzige lebendige Licht in der großen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung Zulma's neben seiner Verzweiflung ließ einen wunderbaren Schein in die tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte Blume, die zu früh in einem schönen Wintertage aufbricht. Das Liebliche und die Gräßlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen, aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf, aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmüthige Erinnerung einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte.
Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm durch die schwarze Nacht entgegen, es war Raschid, sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurück und ging lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte ihn kaum, in die Verworrenheit seiner Träume verloren.
Nun bin ich ganz unglücklich, begann Raschid, nun ist mir alles genommen, ich sehe keinen Ausweg, als die Verzweiflung. Alles, auch der letzte fernste Abendschein meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen. — Ich bin aus Ali's Pallast entflohen und habe mich vor seiner Wuth gerettet, denn er hat mir den Tod geschworen, — er glaubt, daß durch meine Hülfe dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er weiß, daß ich dein Freund war. — Ist dein Vater gesichert?
Mein Vater? fuhr Abdallah auf, — ja! —
Sei wachsam, Abdallah, antwortete Raschid, Ali wüthet, wie er noch nie gewüthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger, dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrümmernden Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige Verschwörung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei für einen Menschen zu kühn, hat seine Rache so heißhungrig gemacht, daß nur sie durch Selims Tod wird gesättigt werden können. — Dein Haus wird zerstört werden und ein Fluch des Himmels darüber ausgesprochen. Schütze Selim, denn sein Schicksal würde fürchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem Sultan verrathen würde.
Raschid ging und Abdallah verließ die Stadt und eilte nach der einsamen Hütte zurück. — Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel der Bäume und jagte ein nüchternes Licht durch die Schatten des Waldes, als Abdallah von der dunkeln Anhöhe hinunterging und sich im Waldgrunde der einsamen Wohnung seines Vaters näherte. — Ich habe dich schon vermißt, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du hättest mich verlassen, denn der Elende muß jeder Furcht und keiner Hoffnung trauen. —
Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah.
Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Kräfte zurückgegeben. — Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen Wald zu meinem Fenster drängt, um mich zu grüßen, wie der Himmel mich mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber ich will nicht untersinken, auch dieses Unglück will ich noch auf meine Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mögen tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer Stimme in eine Höhle verkriechen, sondern ihnen mit Kühnheit antworten. Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen, noch einen Faden hat mir das gütige Schicksal übrig gelassen und an diesen will ich das Gewebe meines Glückes unverdrossen von neuem beginnen; wenn dieser reißt, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Händen werfen.
Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin noch dein und werd' es bleiben. Laß dich von dieser Freude noch in diese Welt zurückhalten.
Die Wunde Selims war minder gefährlich als gestern, aber er war ermattet, selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater, er brannte vor Begierde den Inhalt der Blätter zu erfahren, aber es war unmöglich, den Kranken, dem seine Hülfe so unentbehrlich war, zu verlassen. — Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett seines Vaters und zündete eine Lampe an, die er in einem benachbarten Zimmer gefunden hatte.
Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf durch das enge Zimmer eine matte Dämmerung, Abdallah zog aus seinem Busen die Palmblätter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. — Nein, sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurückgegeben werden, diese Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste fürchten, die grausamen Blätter werden mir ihn nicht wiedergeben, — er las weiter:
— — — — — »Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen. — Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung geb' ich dich frei.«
»Sprich sie aus, Gräßlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm mich wieder aus dieser Höllenpein, sprich es schnell und ich will das Unmögliche möglich machen!« —
»Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmächtig und ohne Bewußtsein, endlich kam mein Geist zu mir zurück, Mondal stand noch neben mir.«
»Wandre zur Welt zurück, sagte er mit fürchterlicher Stimme, und nur das gräßlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhören zurückschaudert, kann dir meine Verzeihung erwerben. — Keine gemeine und leichte That söhnt dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode übergiebt. Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen für dich ersinnen, die im Augenblick dich zermalmen und mit noch gräßlichern Schmerzen dich wieder in's Leben zurückreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thätigkeit setzen. Ungestraft soll ein Mensch meiner nicht spotten dürfen. — Geh zurück und lies dir einen Sterblichen aus, der dich löse; nach zwanzig Jahren erwart' ich deine Rechenschaft.«
Ich ging. — Für Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine Quaalen bezahlen. — »Und dort Nadir,« rief Omar itzt mit lauter Stimme, — »dort liegt mein Unterpfand!«
Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen hatten bis itzt meine Zunge gelähmt, ich fühlte mich von Omar mit tausend Armen zurückgerissen. — Dort unter jener Palme? rief ich nach langem Stillschweigen aus. —
»Ja,« antwortete Omar, »er bezahlt die große Schuld, auf ihn bin ich von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache sättige.«
Ich fuhr zurück und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir alles zu sagen. — Unglücklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme, du schläfst und siehst den Felsen nicht, der über deinem Haupte zusammenstürzen will!
»Nadir! mein Freund!« schrie Omar, — »o hab' ich mich an der Menschheit wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern wäre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, — und du willst deinen Omar zu unendlichen Martern zurücksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als dein Freund?« —
Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen Händen! Du hast die Verdammniß angetastet, die Hölle hängt an dir!
Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar riß mich gewaltig zurück, wir rangen einen hartnäckigen Kampf, wüthend stritten wir in hundert Gestalten, als Tiger, Löwen und Elephanten, unermüdet jagten wir uns durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine große glühende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich mußte ich der höllischen Übermacht Omars weichen, die Donner und Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.
Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurückgehn, er hielt dich fest und wachte über dich, wie ein Tiger über seine Beute.
Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt, die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe allgemach entgegenführt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die Tugend genommen, die Welt ist dir verächtlich, deine Leidenschaft kämpft gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimniß führt dich dem Wahnsinn entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrämpfen; nur Zulma hält deine Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglückt die Natur, nur dir ist sie eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fährst du in den unvermeidlichen Strudel hinein, — o Abdallah, Abdallah, rette dich! Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weißt nun deine grausenvolle Bestimmung; o ich beschwöre dich, glaube meinen Worten, laß keine blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergiß nicht seine heiligsten Gebote. Wenn du, mir mißtrauend, zu deinem vorigen Freunde zurückkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er führt dich gewiß endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem gräßlichen Endzweck; ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit kühnem Muth; bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlägt noch für die Tugend.
Ja, Jüngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich gestoßen hat und der sie aus boshafter Rache verläugnen will. Suche diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter Räthseln umher, aber fühltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das dieser Gottheit loderte? Das Gefühl der Tugend ward uns mit auf die Welt gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und es einst vollendet zurück zu bringen. Dies Gefühl das in unserm Busen glüht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernünftelei wird es je verbannen, nichts löscht diesen Glanz aus, der auch wider des Bösewichts Willen niedergedrückt stets von neuem in ihm aufleuchtet, diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere Richter schläft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverfälscht da. — Dieses himmlische Gefühl ist der Fittig, der uns einst zum Thron der Gottheit hinaufschwingen wird; o lähme nicht diese Flugkraft, dieser Muthwille würde dich einst an jenem Tage allmächtig niederwärts halten. Kehre zurück und baue die wilden Trümmern wieder auf, laß dein Menschengefühl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der Thron des Ewigen wird unerschüttert stehen, wenn auch tausend Zweifel gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren großen Gang und kein Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schöpfers wird in das innere Geheimniß dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt hast, daß der Mensch höher stehe, als das Thier, das unverständig über die Pracht der Schöpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefühl, das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, laß dir nicht heimtückisch dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit. Ein großes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch der Verdammniß zueilte, durch den zärtlichsten Sohn soll der Vater sterben, Liebe und täuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir ausgeworfen, du mußt verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dämonen tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig untersinkst.
Du siehst traurig auf diese Worte hin und fühlst, daß du Zulma's Liebe nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand deines Glücks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst nicht zurückschreiten, ohne den Fuß über den Strom zu setzen, der dein Glück und Unglück scheidet. — Deines Vaters Fluch wirft sich deiner Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters über diese Unmöglichkeit hinwegführen, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber vertraue dich mir und ich will dich glücklich machen. Die Geheimnisse des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, in einer Nacht soll sich in diesen magischen Gefilden dein großes Glück entscheiden. Ohne deine Menschheit zu zertrümmern, will ich dich über den Fluch deines Vaters hinweg, in die Arme deiner Zulma führen, diesen einen Weg, nur mir bekannt, hat dir das Verhängniß offen gelassen, reich' deinem Freund Nadir die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. — O wie leicht, voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am sonnbeglänzten Ziele die Krone des Siegers empfängst, Zulma in deinen Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben wieder abgekämpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit flatterndem Haar zur Hölle ihrer Heimath zurück, glänzend steht die Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkränzen entgegen. O Jüngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurück. — Kannst du je selbst in Zulma's Armen glücklich sein, wenn der schwarze Wurm in deinem Busen ewig frißt und an deiner Seele mit giftigem Zahne nagt? Wenn du dir selbst unaufhörlich einen Spiegel vorhältst, aus dem dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Ankläger entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? — Wenn selbst die Thräne endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor deinem eigenen Schatten zurückstürzest? — Verehre den Schöpfer und seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten Staub und die Hülle eines leblosen Gerippes finden, laß den Vorhang wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den großen Weltenschöpfer meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schönheit, itzt steht in jedem Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick muß ewig irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fügt, du klagst den Ewigen und seine Schöpfung an, weil er dich beim großen Gebäude nicht um Rath befragte.
Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir Zulma erkaufen soll, so komm in der Mitternachtsstunde in jenes Felsenthal, in welchem sich ein Wasserfall vom Berge gießt: du mußt mit dem Geisterreich vertraulich werden und durch tausend Schauder unerschrocken gehen. Wenn du auch nicht die Möglichkeit der Auflösung begreifen kannst, so ist sie doch da, durch Muth mußt du Zulma gewinnen; um dein Glück in Ruhe zu genießen, um ewig von diesen schwarzen Dämonen der Nacht unangefochten zu bleiben, mußt du dich kühn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du auf immer ihre Furchtbarkeit von dir abschütteln. — Geh ihnen dreist entgegen, es sind nichts als leere Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen sich zurück in ihre Nichtigkeit retten. — In jenem Thal' erwart' ich dich.
Den Zauberring reiß von deinem Finger, er fesselt dich unauflöslich an Omar und dein Elend, er ist das letzte Glied der schwarzen Kette, an der der Meineidige dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehörst der Menschheit wieder zu.
Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, der dich im Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; säume nicht, Abdallah, neun Nächte erwart' ich dich hier, kömmst du nicht, so will ich für dich beten.
Achtes Kapitel.
Abdallah hatte die fürchterlichen Blätter geendigt und sein Auge sah noch immer starr auf die letzten Worte hin, er verlor sich in tausend wunderbaren Gedanken und Gefühlen und eine stumpfe Betäubung hielt endlich alle seine Sinne gefangen. — Das schwarze Buch der Nacht mit der goldenen Schrift war durch den Himmel aufgeschlagen, die Erde ruhte ringsum in einem heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte matt und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth des Dochtes, itzt hob sie sich zum letztenmale und verflog in die Finsterniß, die rothe Kohle zersprang knisternd und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser und leiser flüsterte es um Abdallah her.
Nun ist es ja gelöst, sprach er endlich, das große Räthsel. O daß die Hölle Raum in so wenigen Worten findet! Hinweg mit dem schändlichen Namen Omar aus meinem Gedächtniß! Hätt' ich ihn nie nennen hören! dieser Name — o ich kann diesem Gedanken nicht folgen, bei dem mein Verstand erlahmt — dieser Name ist das Freudengeschrei der Hölle und doch so fest in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig ausreissen, die Vergessenheit soll ihren Fittig über ihn schlagen und dann ist es, als wär' es nie gewesen. Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und doch Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, — ja, Omar, fahre wohl, ich nehme diesen Weg, fahre wohl, wir sehn uns nie wieder. Gehe du zu deiner kalten Verdammniß zurück, ich gehe in die Wohnung der Seeligen und finde dort alle jene Schätze wieder, die einst mein waren. Mögen die Stunden verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal verflucht! — Doch still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes voriges Leben! —
Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben durch das Fenster in ein Gebüsche werfen, aber plötzlich hielt er ein, — ein Gedanke überraschte ihn. —
Was willst du thun? fuhr er fort, — auch das letzte Bret fahren lassen, das dir der Schiffbruch übrig gelassen hat? — Hat Omar mich nicht selbst vor den Verläumdungen der Lästerer gewarnt? Wodurch hat es dieser Fremdling verdient, daß ich seinem Märchen und seiner ungeprüften Redlichkeit mehr glaube, als meinem längst erprobten Freunde? Ihn will ich zurückstoßen und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme werfen? Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel ein neues, noch größeres Elend für mich gesponnen wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum Eingang in das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir die Unmöglichkeit unter sich niederkämpfen? Wie meines Vaters Gebot mit meiner Liebe vereinigen? Auf welchem Wege sollen sich diese Widersprüche begegnen? — Es kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, ein Fremdling will auf dem Thron sitzen, den mein Omar bis itzt eingenommen hat. — Aber wenn es Wahrheit wäre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschöpften dann mein Elend? Was könnte mir dann meine Seligkeit bezahlen, die ich wie ein muthwilliger Knabe verspielt hätte? — Ich will hinaus und das Unternehmen wagen, für Zulma ist jede Gefahr nur ein Spiel! Und dieser Ring hier sei mein Anker, den ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu verschlingen drohen.
Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer und suchte durch den Wald den Weg nach jenem furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht über der Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome ruhten auf ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften durch den Wald und rothe Strahlen kräuselten sich um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter zogen am Horizont mit fürchterlichem Schweigen auf; aber Abdallah drängte sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten hindurch, er fand endlich die Heerstraße und das enge Thal.
Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme freudig entgegen, o glücklich, daß du meiner Einladung gefolgt bist. Nadir stieg schnell von einem Felsen herab und eilte ihm entgegen. — Wenn ich dich retten kann, Abdallah, so bin ich glücklich, dein Geist ist edel, dein Herz sanft und so tief zum schändlichsten Verbrechen solltest du herabsinken? In dir fließen tausend Quellen der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen entgegenrauschen?
Abdallah reichte ihm zagend die Hand. — Ich will mich dir vertrauen, rief er aus, ich will dir glauben, so gern ich dir nicht glauben möchte. — Zeige mir den Weg zu meinem Glücke!
Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, sagte Nadir, aber laß dich von keiner auf deinem Wege zurückhalten, es sind nur leere Gebilde, die wie ein Rauch um dich wehen und sich wieder in Nichts verwandeln; wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so bist du nur von einem schweren Traum erwacht. Um nie wieder vom Geisterreich und seinen Phantomen im Glücke beunruhigt zu werden, mußt du durch das ganze magische Gefilde wandeln; laß dich von keiner Furcht überraschen, denke unaufhörlich daran, daß es dein Glück oder Elend entscheidet, wenn du zitterst, oder sie muthig verachtest. —
O laß mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, laß mich mein Glück erjagen und mich tausend grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei mein Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildniß in meiner Fahne tragen und mich kühn durch alle Schrecken kämpfen. —
Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. — Plötzlich sank unter ihren Fußen die Erde ein und sie standen in einem weiten unabsehlichen Felsengewölbe. Eine matte Dämmerung goß sich durch das Steingemach aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein bleicher Schimmer und fluthete in grünen Strahlengeweben durcheinander, ein betäubender Duft wälzte sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie ein Nebel, oben lag eine schwarze Finsterniß, eine Mauer, durch die kein scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. Ein leises Brausen rauschte wie ein Gespenst in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen Strahlen und verflogen wie sinkende Sterne.
Vergiß meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, laß dich nicht täuschen, sondern gehe kühn durch jene Gestalten, die sich dir mit allen Schaudern entgegenwerfen werden. So ungestalt und wunderbar, in so seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit verkleiden mag, so vergiß nie, daß es nur Dünste sind und keine Wirklichkeit, daß alles ohne Gewalt um dich herum spielt und nicht an dich hinandringen kann, ein eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, laß die Wesen daran vorüberrauschen, so lange dein Muth dich aufrecht hält, können sie dir nicht schaden. —
Und wann, fragte Abdallah, wann ist mein Glück entschieden? —
Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, lös't sich alles auf; gewinnst du das Kleinod, so ist es dein vor dem Aufgang der Sonne, so kömmt dir dein Vater und Zulma mit der Morgenröthe entgegen und bringt dir deine verlorne Ruhe wieder. —
Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend, nur ein Wink meinem Geiste, wie dieses schwere Räthsel aufzulösen möglich sei. —
Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem Blick, denn sähest du in der Tiefe der Ungewißheit den Nachen der Zukunft schwimmen, dränge dein Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du hinuntersteigen sollst, o so wäre dein Unternehmen kein Kampf, vor dem man zurückzagen könnte, das Verdienst des Wagens ginge unter und Abdallah wäre ein falscher Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein großes Glück abgewönne.
Er schwieg und ließ dann unwillig die Hand Abdallahs fahren. — Aber du traust mir nicht, setzte er mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir dieser Ring. — O möge dich dies Mißtrauen nie gereuen! — Itzt lebe wohl. —
Er ging zurück und verschwand plötzlich in die Felsenwände.
Neuntes Kapitel.
Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewiß, ob er noch itzt den Ring vom Finger reissen solle, oder nicht, er versuchte es, aber der Zauberring klemmte sich fest und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah ging mit langsamen Schritten vorwärts.
Das Gewölbe schloß sich immer dichter hinter ihm zu, als wenn es ihm den Rückweg zur Welt versperren wollte, gewaltsam hielt ihn die Unterwelt in ihren Armen, lebendig eingegraben war ihm zum Tage durch tausend Klippen die Rückkehr verriegelt, vor ihm eine schwarze, undurchdringliche Nacht, unter bangen Räthseln und Erwartungen gefangen, war er oft im Begriff, sich umzuwenden und den Rückweg durch die Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder an jene unterirdischen Gewölbe, zu denen ihn Omar hinabgesandt hatte, er sahe den Leichnam seines Vaters vor sich liegen und ging weiter, indem er laut den Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterniß drängte.
Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den Wänden herab und die Dunkelheit wuchs immer dichter zusammen, endlich versank der letzte Strahl und eine schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken nieder. — Die Felsenmauern endigten sich und er trat in ein großes unendliches Gefilde, über das ein dürrer Wind hinwehte. — Er athmete bange empor, drückend lag die Finsterniß auf ihm gewälzt, er ging wie ein Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, das auf dem öden Schlachtfelde in stiller Nacht seinen Leichnam sucht, er wagte es kaum, Athem zu holen und den Fuß hörbar aufzusetzen, eine Stille, so einsam und todt lag um ihn her, daß er den Wurm vernahm, der durch das erstorbene Gras mit knisterndem Fuße ging. Bei jedem Schritt verschlang ihn eine dickere Dunkelheit, bei jedem Fußtritt glaubte er in ein neues Grab zu treten, das über seinem Kopf zusammenschlug; wohin er auch das bange Auge warf, stand die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte mitleidig durch das schwarze Gewölbe, kein Funke erglühte und warf sich durch das Dunkel, selbst kein Laut trat freundschaftlich seinem Ohre nahe, ihn zu trösten. —
In dumpfer Betäubung wandelte er durch die dunkle ausgestorbne Leere, als er plötzlich an der fernsten Gränze der Finsterniß ein blaues Licht entdeckte, das wie eine kleine Sonne grüne Strahlen um sich warf, in hundert Krümmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. Die Nacht sog begierig den Schein in sich und zitterte dämmernd und ungewiß um die ferne Helle. — Abdallah ging mit erneutem Muthe dem Lichte näher, das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. — Schon sah er deutlicher den Weg unter sich, schon zog die Dämmerung immer schneller von seinen Augen hinweg, — als er vor einem Pallaste stand, aus welchem ihm das Licht entgegen glänzte. Ein breiter Fluß rauschte dem Schlosse vorüber und eine Brücke führte zum Eingang des Pallastes. — Der Strom floß still und schwermüthig hin, seine Wellen murmelten leise wie das Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer klagte ihnen in wimmernden Tönen nach.
Abdallah betrat die Brücke, lehnte sich gedankenvoll auf das Geländer, und betrachtete den Funken, der vom Pallaste her sich in trüben Streifen in den Wogen spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg und wollten den tröstenden Schein mit sich hinwegwälzen, aber hartnäckig sprang er wieder von dem Rücken der Woge herunter und sie floß weinend und klagend weiter. —
Er verließ die Brücke und sie zog sich hinter ihm auf; Abdallah fuhr zusammen. — Jedes Grausen stieß ihn vor sich her, übergab ihn dem benachbarten Schauder und sprang dann von ihm zurück, wie ein Felsenstück, das ein Wasserfall von der höchsten Spitze des Berges reißt; eine Klippe wirft es spielend der andern zu, ein Abgrund dem andern, zurück führt es kein Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich nicht herab, um es wieder aufwärts zu tragen. —
Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; über der Thür waren diese Worte geschrieben:
»Wanderer, der du über den Thränenstrom gegangen bist, sieh hinter dir, der Rückweg ist unmöglich, nur durch diesen Pallast geht der Pfad der Rettung. — Fühlst du aber keinen Muth in deinem Busen, so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter der Thür.«
Abdallah trat in das große Thor und sein Fußtritt hallte laut in den hohen Gewölben, wunderbare Töne kamen ihm entgegen, flogen über ihn hinweg und streiften die Mauer, die Gebäude schienen den Fremdling staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen Lauten wimmelte um ihn her. — Er ging über den gepflasterten Hof, jeder Schritt hallte dreifach an den unermeßlichen Wänden, auf denen sich die Nacht zu stemmen schien. Er ging durch eine Thür und trat in ein dunkles stilles Zimmer, er ging durch das Gemach hindurch, um eine andre Thür zu öffnen, die ihn auch in ein leeres unerleuchtetes Gemach führte, das Grausen schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war still wie ein Grab. — Er eilte mit leisen Schritten und verhaltnem Athem durch viele Gemächer, und alle fand er leer, endlich eröffnete er eine Thür und ein schwacher Schimmer brach ihm entgegen.
Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die es erleuchtete wie der Mond durch schwarze Wolken das Gefilde, alles war still und feierlich umher, ein betäubender Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag ein Greis und schlief, sein silberweißer Bart fiel ehrwürdig auf seine Brust herab, seine Füße ruhten auf einem kostbaren Teppich. Er glich dem Propheten Gottes an Majestät, Engel wären vor ihm niedergekniet. —
Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und betrachtete den schlummernden Greis; der Schlaf schien sich mit Wohlgefallen über ihn zu neigen und ein Traum ihm den Himmel aufzuschließen, er lächelte im Schlaf, und Abdallah fühlte, daß sich Thränen heiliger Ehrfurcht und Anbetung in seine Augen drängten.
Endlich trat er näher, und eine leise Musik schwebte wie ein Abendnebel vom Boden empor und wiegte sich zitternd durch die Dämmrung, wie ein Duft stieg sie auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewölbe und quoll von neuem in süßeren Melodieen auf; Wohllaut ergoß sich auf Wohllaut, wo kleine Wellen sich im Mondschein übereinanderjagen, von wankenden Blumen angerührt; jeder Ton schwamm so süß hinüber, wie der letzte sterbende Klang der Flöte, jeder Ton schien den Wonnegesang zu schließen, und immer neue Accente gossen sich aus, wie ein stiller Quell, der sich unaufhörlich aus der Wiese hervordrängt. Heilige Wollustschauer zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor sich in den entzückenden Melodieen.
Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, und sich immer größer und größer ausdehnt, bis sie endlich zerspringt, so hob sich itzt der Greis von seinem Ruhebette langsam und nach dem Fluß des Gesanges auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem zurück und erhob sich von neuem, seine weit ausgestreckten Arme schienen sich von dem gewundenen Körper loszureissen, seine Züge und seine Gestalt waren nicht körperlich, er glich einem leicht gewundnen Nebel, — endlich öffnete er die Augen, es war, wie wenn der erste Strahl des Morgens durch den nächtlichen Rauch bricht.
Wer schlägt den heiligen Talisman an, sprach er leise und langsam, und erweckt mich vom Schlummer? Die Melodie zerreißt das goldene Netz, das ein schöner Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kömmt über den Fluß zurück, der die Erde und den Himmel scheidet. Wer ist es, der die große Glocke anzieht, die mich zu erscheinen zwingt?
Abdallah schwieg. — Ha! bist du es Jüngling, fuhr der Greis freundlich fort, auf den ich hier schon so lange harrte? Glücklich, daß du mich gefunden hast. — Ich will deinem Blicke das Reich der Weisheit aufschließen, du sollst in die Tiefen der Erkenntniß dringen, ich will dir eine Leuchte geben, und du sollst in die finstern Schachten steigen, um Gold von schlechtem Erze zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will ich dich begleiten und in den Sonnentempel der Tugend führen, dich dem Glanzthrone der Gottheit näher bringen, du sollst den Blick in die flammenden Meere wagen und sehen, was nur der Cherub sieht.
Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein innerer Krampf schien ihn heftig zu erschüttern, wie Meereswogen sank und stieg sein Busen ungestüm, eine wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und gewaltig seine Seele gegen die Mauern seines Körpers zu schleudern.