Zweites Buch. (continued 2)
Reading edition
Tugend? rief er geängstigt, — o wo geht der Strahl auf, nach welchem die Menschheit so ungestüm sich drängt? — Wo ist der Grund, auf dem der Thron der Gottheit ruht? —
Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller Wesen heißt Genuß! — Was kann der Staub, den das Ohngefähr im Spiele modelte und zum Scherz in die Wirklichkeit warf — wie kann er sich so trotzig aufrichten und nach den Sternen als seinen Brüdern die Hand ausstrecken? — Wie kann er vermessen den ewigen Richter auffordern, um sich auf der untrüglichen Waage abwägen zu lassen? — Er geht im Trotze zur Verwesung zurück und träumt von Unsterblichkeit; ein herrschsüchtiger Sklave, der sich von der eisernen Kette des harten Nichtseins losgerissen hat, und verächtlich den Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner engen Höhle an das Licht verirrt hat und sich für den Herrn der weiten Schöpfung hält. — — Ein Wesen, das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch mehr zu brüsten; sein Name ist Verächtlichkeit, er gehört der Verwesung, die Elemente arbeiten an seiner Zerstörung, sie senden den Stolzen zurück, woher er gekommen ist, die Erde läßt sich unerbittlich die Schuld wieder bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner entronnen.
Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen Busen den Gedanken der Gottheit beherbergen? Sie fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben ihm entgegen, wie die Mücke, die der Sonne zufliegen will und sich am Schein der Lampe verbrennt: sie glauben und können ihn nicht begreifen, sie drängen sich einander in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen wohin, alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube ohne Überzeugung.
Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht ihn vergebens, tausend Ewigkeiten sind verflossen, die Welten rollen sich durch die Unendlichkeit, und sehen ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kömmt nicht. Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung?
Das Kochen seines Busens ward wüthender, er schlug heftig an seine Brust. Sein Kopf drehte sich gewaltsam hin und her, und seine Augen glühten und schwangen sich herum wie Feuerräder. — Ein Grinsen fletschte plötzlich aus seinem Munde hervor, er brüllte und hielt dem bebenden Abdallah ein knirschendes Lächeln in starrer Wuth entgegen. Abdallah fuhr mit einem lauten Schrei zurück, denn in der Nebelgestalt wankte es hin und her wie Omars Gesicht. —
Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch einmal. Genuß ist die Tugend des Menschen, er selbst sein Gott, die Kette des Schicksals ist zertrümmert, ein blindes Ohngefähr streckt durch die Welten die eherne Hand aus, — alles ist Staub und Würmer, die Verächtlichkeit thront in der Schöpfung!
Vatermörder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt heraus, dein Vater wirft sich deinem Glück entgegen, — Vatermörder! Stoß ihn nieder und sei mir gegrüßt! —
Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen Abdallah aus, der mit zitterndem Knie aus dem Zimmer entfloh. Ein kalter Schauder goß sich über seinen Körper aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schweiß benetzte seine Stirn.
Er sammelte seine Kräfte und ging dann langsam weiter. Viele Gemächer und Säle öffnete er und ging hindurch, alle standen leer in wüster Dunkelheit, von einem heimlichen Grauen durchsäuselt. — Er kam an eine Thür, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen drängten. — O es ist fürchterlich, sagte er leise, eine unbekannte Pforte zu öffnen und zu wissen, daß mir Schrecken entgegenspringen.
Er öffnete die Thür furchtsam und fuhr mit einem krampfhaften Schauder wieder zurück. — In einem großen hellerleuchteten Saal wütheten stumm und ohne begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten tanzend auf und ab. — Ein Riesenkopf mit verzerrten Zügen wankte auf zwergartigen Körpern schrecklich hin und her. Sie verschlangen sich in wilden Gruppen und stürmten wie Meereswogen stumm durch den Saal, sie rauschten immer schneller und ungestümer vorüber, die Flammen der Kerzen zitterten. — Vatermörder! schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und riß ihn in den Saal in die Mitte der schwärmenden Ungeheuer, man führte ihn taumelnd in den fürchterlichen Reigen, und eine Unholdin warf ihn der andern zu, im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und ab, die Tänzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander, mit lächerlicher Entsetzlichkeit wälzten sie sich um einander her und hüpften mit fürchterlichen Geberden. — Dies ist deine Hochzeit, raunte ihm eine schreckliche Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen; eine andre trat leise hinzu und flüsterte: siehe rückwärts, deine Zulma steht hinter dir. Abdallah wandte sich schnell, und ein gräßliches Wesen stand hinter ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an, alle ihre Züge waren fürchterlich verzerrt. — Sie reichte ihm eine lange dürre Todtenhand, und Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit lautem Gebrüll, schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang. —
Zehntes Kapitel.
Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die schwache Mondstrahlen durch finstre Wolken nur mit einer einschleiernden Dämmerung erhellten. Ein schneidender Regen wehte ihn an, über das einsame Gefilde wehte traurig ein lauter Wind. Wie ein verschüttetes Grab fiel es hinter ihm zu.
Unbekannte Wesen schauerten ihm vorüber und entflohen eiligst, Gestalten gingen vorbei und schienen ihn mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten, er war in eine Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter Fremdling.
Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche Schrecken stehn noch im Hinterhalt und lauern auf ihre Beute? Welche Schauder sollen noch in dem Mark meiner Gebeine wühlen? Meine Wünsche reichen zur Welt nicht zurück, die Gedanken, die ich von dort mitnahm, sind an dem gräßlichen Thor angehalten, Grausen umgiebt mich, alle meine Gefühle zerschmelzen in Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In eine ungeheure Wüste hinausgestoßen, begrüßen mich nur die Ungeheuer der Nacht. — Über welche Steppen soll mein Fuß itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung streckt es sich vor mir aus, wo noch das wilde Chaos ungeordnet liegt und die Zeit nicht in die Tiefe hinabsieht, wo alle trägen Elemente im Todtenschlafe liegen und Leben und Verwesung sich umarmt, wie eine Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht nicht hörte, aufgespart, um eine Hölle hier aufzubauen.
Er ging über eine große Haide, von einer schweren Bangigkeit gedrückt, von jedem Trost feindselig zurückgestoßen, von jedem erquickenden Gedanken abgewiesen. Endlich hörte er aus der Ferne einen Gesang, wie von Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und Todesschmerzen den letzten Schrei ausbrüllen; es glich dem Gerassel eines Wagens, der zerschmettert von Felsen stürzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf Klippen zerspringt:
Wir sind des großen Hauses
Gewaltge Wächter. —
Das Thor ist Verzweiflung,
Der Eingang Wahnsinn,
Jammergeschrei,
Schaudergebrüll
Sind die jauchzenden
Wonnegesänge,
Die aus der Wohnung
Dem Fremdling tönen. —
Ewig! Ewig!
Sieht der Gequälte
Marterzermalmte
Mit schwerem Ächzen
Nach der letzten Quaal.
Aber sie kömmt nicht,
Aber sie naht nicht,
Nimmergesättigt
Knirscht der grausame Zahn
An ihren Gebeinen. —
Ein wilder Klang ertönte zu der gräßlichen Melodie des Gesanges. Abdallah kam näher. —
Zwei riesengroße nackte Gerippe standen vor dem Eingang eines engen Felsenweges, der sich in geschlängelten Krümmungen wand. Sie standen gebleicht und zitterten mit den wankenden Häuptern; nach der Melodie des Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend gegeneinander, ihr weißer Schädel nickte fürchterlich, einzelne dunkle Haare schweiften flatternd durch die dämmernde Finsterniß und seufzten in dem feuchten Nachtwind; mit den leeren Augenhöhlen starrten sie in die Wüstniß hinaus und aus den grinsenden nackten Gebissen drängte sich der zerschmetterte Gesang hervor.
Abdallah fühlte sich von einem kalten Wahnsinn angefaßt und ging in einer dumpfen Gleichgültigkeit den entsetzlichen Gestalten entgegen. —
Vatermörder!
Auf des Vaters Leichnam
Tritt in das Heiligthum der Schauder! —
so brüllte es ihm aus den Wächtern des Felsenwegs entgegen, er kam ihnen näher.
Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters gewälzt, blaß, mit geschwollenem Gesicht und fürchterlich aufgerissenen Augen. — Er schritt über den Leichnam ohne Besinnung hinweg und der Gesang fuhr ihm knirschend nach; wüthend und geängstigt, von tausend Foltermartern verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den Felsenweg: er war kühn durch die Gestalten hindurchgeschritten, und fuhr itzt selbst vor dieser Erinnerung bleich und zitternd zurück. Aus der Ferne hörte er den Gesang und das Klingen der Todtengebeine, er stürzte mit Verzweiflungseil durch die Krümmungen des Pfades, die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er hörte ihren Vernichtungsgesang und stürzte brüllend weiter. —
Plötzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in einen spitzen schroffen Winkel, er hörte das Nahen der Gespenster, schon sahe er ihre Schädel über die Felsen her blinken, — stumm, ohne Gefühle stand er da, eine Distel, die sich von der Felsenwand beugte, schoß in seinem dämmernden Auge zum Baum empor, alles wankte zitternd hin und her, — er sank zur Erde, nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring.