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Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band

Drittes Buch.

Reading edition

Erstes Kapitel.

Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in der kleinen Hütte, er öffnete langsam die Augen und fuhr zusammen, als er die so bekannten Gegenstände wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er starrte die Decke und die Wände des Zimmers lange mit weit geöffneten Augen an, es schien ihm unmöglich, daß er das sähe, was vor ihm stand. — Der Morgen säuselte in den Gebüschen vor dem Hause, ein früher Strahl schlüpfte durch das grüne Gewebe des Waldes und zitterte flimmernd durch das Fenster, — lautschreiend bedeckte er seine Augen mit den Händen, denn Omar saß neben ihm. — Er stritt lange mit sich selbst, ob er es wagen solle, noch einmal nach dieser Gestalt hinzublicken, alles schien ihm nur eine neue Einbildung und die schrecklichste, die räthselhafteste von allen.

Abdallah, du kömmst aus einem schweren Traum zurück, sagte Omars freundliche Stimme.

Abdallah ließ ermüdet die Hände fallen, er sahe betäubt vor sich nieder. — Aus einem Traum komme ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme, — o wo fängt die Wahrheit an? Wo steht die Gränzsäule? Laß mich sie finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt. —

Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie hastig und mit plötzlichem Schrecken zurück. — Was ist dir? sagte sein Lehrer; warum sieht mein Abdallah nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner Stimme?

Warum? rief Abdallah lauter. — Ha! bist du nicht Omar, der der Nacht und ihren Schrecken gehört, was suchst du auf der Oberwelt? Willst du den Flüchtling einholen, der dir entlaufen ist? — Geh, wo mitternächtliche Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt, dort ist deine Behausung, taste mich nicht an, Unhold, ich bin ein Mensch!

Ist das der erste Gruß, sagte Omar klagend, den mir mein Abdallah bei meiner Zurückkunft giebt?

Abdallah hörte nicht was er sagte, sein Geist stand vor einem gräßlichen Schlunde, in welchem tausend Mißgestalten sich übereinander wälzten und verschlungen, ein hundertfaches Leben wie in einem Körper wimmelte, sein Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes einzeln mit festem Auge zu betrachten, aber ein trüber Schleier zog sich vor sein Gesicht.

Ich habe in dieser Nacht eine gräßliche Bekanntschaft gemacht, sprach er, die Hölle hat sich mir aufgethan und in ihr Innres eingeführt, ein großes Siegel hat sich mir gelöst, ein böser Engel hat dir einen Brief gebracht und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar, ich weiß nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich in meinen schwachen Menschenbusen gewagt, die Hölle wohnt in meinem Herzen; alle Schauder, die du pflanztest, sind mächtig emporgeschossen und ihre Frucht hat dich selbst vergiftet. — Fort! sei was du warst und dann komm zu mir zurück, bis dahin will ich dich verkennen, bis du mir ein Zeugniß bringst, das dich wieder unter die Menschen einschreibt.

Abdallah! Abdallah! rief Omar aus, deine Träume sprechen noch aus dir; nein, so kannst du nicht zu deinem Freunde Omar reden, oder hat dich Zulma in der neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert?

Zulma! rief Abdallah aus, — dieser Klang ist der einzige in der ganzen Natur, der freundlich an die Saiten meines Herzens schlägt, diese Melodie ist mir in der großen Zertrümmerung übrig geblieben, alle meine Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige dafür gewonnen. — O alle meine Erinnerungen sind Lügner, oder du warst es, der mir diesen Diamant in der Finsterniß schenkte.

Omar. Ich that es, — aber mein Abdallah lohnt mich mit Undank. Oder hat mich ein Lästerer aus deinem Herzen gerissen? — Welche Hand hat jene Gemälde verlöschen können, die ich seit deiner Kindheit in deiner zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe alles, auch die Wurzel verdorret und vermodert? Hat ein Sturmwind allen Blüthensaamen in das Meer verweht, daß auch nicht eine grüne Sprosse von neuem aus dem Boden keimt? — o dann hab' ich meine schönsten, meine letzten Jahre wie ein Knabe verschwendet, alle meine Hoffnungen und Wünsche einer Morgenröthe anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken untersinkt, — dann hab' ich keine Freude mehr, als das Grab. —

Abdallah. Du willst in meinem Herzen Fürsprecher erwecken, die ich selber nicht wiederfinden kann. — Ach, Omar, Omar, bin ich vielleicht wahnsinnig? Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O allenthalben renn' ich an eine Mauer wüthend an, die mich unbarmherzig zurückwirft. — Wen soll ich fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach, vielleicht bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind in einer leeren Wüste, das eingeschlafen ist und von allen diesen irdischen Possenspielen und Furchtbarkeiten träumt und beim Erwachen sich selbst verspottet.

Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte sich dann von neuem zu Omar. Sei es, wie es sei, sprach er, ich will dir Rechenschaft geben, wie lange ich mit dem Vermögen ausreichte, das du mir geliehen hast, unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein, Omar, der Kampf mit dir hat mir Arbeit gekostet, du ließest dich von meinem Mißtrauen nur schwer zu Boden ringen.

Er erzählte ihm den Inhalt der Palmblätter, die ihm Nadir in der Nacht gegeben hatte und die Erscheinungen der Unterwelt. — Siehe, schloß er seine Erzählung, dies sind die Begebenheiten dieser fürchterlichen Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren Gräßlichkeiten nach einem Mittelpunkt, meinem Elende hin; der Greis, der dir glich, der mich mit täuschender Freundschaft empfing und mit Gottesläugnungen von sich jagte, — ja nur das Grausen wird mich mit Zulma vermählen, meine Hochzeit wird sein, wie ich sie in dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam meines Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten steigen, ja, die Hölle hat mir einen Spiegel vorgehalten, in dem mir die Zukunft vorübergezogen ist.

Omar. Aber ermanne dich nur Abdallah und siehe, daß alle diese Gestalten nur Traumgestalten waren, die neckend um den Schlafenden gaukeln und bange vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges zurückfliehen; denn ich kam in der Stunde der Mitternacht hierher und fand dich schlafend.

Abdallah. Du fandest mich? schlafend? hier auf diesem Bette?

Omar. Beim Propheten!

Abdallah. Nun, dann will ich alles Unbegreifliche glauben und auf die wunderbarste Erzählung, wie auf Wahrheit schwören. — Was sind alle meine Sinne, wenn sie solche Täuschung nicht bemerken? — Wenn der Herr in seinem eignen Hause sich verirrt und von einem Fremden wieder zurechtweisen läßt? — Omar, dann bin ich mir noch nie unbegreiflich gewesen, als itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie eine Schlange meinen Händen entschlüpft? — Woran soll ich dann nicht zweifeln, wenn ich daran zweifeln soll, daß ich diese Hütte verließ, daß ich die Sterne über mir flimmern sah, daß ich jene Blätter las? Wer stellt mir dann für mein Dasein einen Bürgen? O ich möchte nicht auf diese bedenkliche Behauptung schwören! — Welchen Gehalt hat dann der Verstand des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine Schätze erhält, so betrügerische Sklaven sind? Alles, was wir wissen und glauben, ist dann nur ein Irrthum, unsre höchste Weisheit verkriecht sich dann vielleicht beschämt, wenn einst ein erleuchtender Strahl in die dämmerungsvolle Grube fährt.

Omar. Irrthum ist des Menschen Nahrung und hält ihn fest in den Kreis der Menschen; wenn im Mondschein die schwächere Täuschung möglich ist, den Stamm eines Baumes für einen bekannten Freund anzusehen, warum willst du an jener zweifeln, die dich im Traum über eine Haide und zu gespensterbewachten Felsen führt? Wer hat nicht schon irgend einmal so lebendige Gestalten im Traum gesehn, daß er ihn Wahrheit nennen möchte?

Abdallah. Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange mit meinem Schicksal!

Omar. Wären deine Gesichte weniger zusammenhängend, dann eben würd' ich sie um so leichter für Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so genau an dein Schicksal schließen, scheinen sie mir nur Traumgestalten. — An jenem Abend, an welchem ein Sturm und der Glanz einer Feuerkugel dich aus dem Schlafe weckte, — an jenem Abend sannest du über neue, dir unbekannte Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine Schule eine schöne mondbeglänzte Gegend, liebliche Bilder wiegen dich in den Schlaf, — ein Greis eilt auf deinen Omar zu, — wer könnte Omar hassen, da du ihn liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier Freunde — und du bist eingeschlafen. Aber deine Augen täuschten dich, dieser Nadir ist schon seit vielen Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende der Welt bis zum andern, und als ich ihn an jenem Abend vom Berge steigen sah, warf ich mich ihm zu einem hartnäckigen Kampf entgegen, wir stritten in mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich glühend durch den Himmel; ich sahe dein Erschrecken, aber damals wollt' ich dir diese Erscheinung nicht erklären, es wäre grausam gewesen, dem weichen Jünglings-Herzen den menschlichen Freund zu nehmen und ihm ein fremdes, kaltes Wesen dafür zurückzugeben. — Du liebst Zulma, die Unmöglichkeit geht dir entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich dir, wer ich bin. — Eine neue Thür zu einem unbekannten Gemache geht dir auf, du staunest, Schauder führen dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du erfährst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. Du denkst nun deinen Omar nicht mehr mit der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn ehedem dachtest, an seinen Namen knüpfst du dein Unglück und durch eine verzeihliche menschliche Täuschung verwechselst du ihn in eben diesem Augenblick mit der Ursach dieses Unglücks. — Ich nehme Abschied von dir und warne dich besorgt vor Lästerungen, die deinen Freund verläumden würden, du bist gerührt und kaum bin ich entfernt, so steht ein leiser Argwohn nach und nach in deiner Seele auf, du hältst meine Besorgniß für Bangigkeit des Bewußtseins. Was ich fürchtete, tritt ein, mein Feind Nadir benutzt meine Abwesenheit und warnt dich vor deinem Lehrer, der dich unglücklich machen will. — Du kömmst in Gedanken zurück, du bist nicht der einzige, der mißtraut, selbst ein Freund Omar's steht auf und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in schwarze Träume. — Nadir will dich retten, Omar will dich elend machen. — Nur etwas Großes, Fürchterliches kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, — in diesem Gedanken versammelst du alle fürchterliche Träume deiner Kindheit, so entsteht das ungeheure Märchen, das du in den Palmblättern zu lesen glaubst. — Aber ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? Soll dir Zulma ewig verloren sein? — Dieser Wunsch, der nach einer Befriedigung schreit, greift nach einer Hoffnung, mit den nächtlichen Geheimnissen vertraut siehst du nur in der Allmacht der Geister die Möglichkeit der Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt dir und lockt dich durch süße Versprechungen an sich und du schläfst ein. — Schwarze Traumgestalten nehmen dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage dachtest, kommen in der Nacht in Phantasieen gekleidet wieder, Omar ist ein Ungeheuer, Zulma dein Unglück, dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen dich mit höllischen Gesängen. — In diesem Traume finde ich dich, von meiner Reise zurückkehrend: du siehst, nichts als eine Täuschung hat das ganze Gewebe zusammengeschoben. Allen Verdacht in dir zu tödten, dürft' ich dir nur die Ursach meiner Reise erzählen, aber sei damit zufrieden, daß sie dich deinem Glücke näher gebracht hat, etwas muß mein Abdallah mir auf mein Wort glauben, dies sei das Zeichen, daß er sich mit seinem alten Freunde wieder ausgesöhnt hat. — Ja Abdallah, du mußt mir es glauben, o bei allem, wobei ein Wesen schwören kann, ich liebe dich! — Meine Weisheit, meine Gewalt genügt mir nicht, mein Herz verschmachtet und dürstet nach Liebe, — dich hab' ich gefunden, dich hab' ich ausgewählt, deine Liebe soll mich glücklich machen, oder ich muß mich in mein Grab einschließen, — o Abdallah, laß diesen Traum dein einziges Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb mir deine Seele zurück; willst du mich aus allen meinen Hoffnungen hinausstoßen und einsam und verlassen durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, das wird, das kann mein Abdallah nicht, dann hätt' ich ihn nie mit dieser innigen Vaterliebe lieben können, dann hätte er nicht so lange bei mir ausgehalten. — Ja, Abdallah, du bist wieder mein!

Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte er in seinem Auge die Seele wiedersuchen, die ehedem aus ihm gesprochen habe; in allen Zügen redete ihn jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als Knabe geliebt hatte, — er fiel weinend an seine Brust. — Ja! ja! rief er laut schluchzend, ich bin wieder dein, keine Gewalt soll unsre Seelen auseinander reissen!

Selim erwachte. — Du begrüßest deinen Lehrer, sagte er, er ist in dieser Nacht zurückgekommen, aber du schliefest so sanft, daß wir dich nicht wecken wollten.

Omar. Wir sehn uns traurig wieder, Selim; das Schicksal hat eine schwere Hand gegen dich ausgestreckt.

Selim. Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt mich nicht mehr, meine Kräfte kehren zurück und ich will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung halten, — sieht deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein Mittel, meinem großen, edlen Vorsatz auszuführen?

Omar. Ich sehe nichts. —

Selim. O dann, ja dann will ich meine Kräfte fallen lassen und mich verdrossen in den Wellen untertauchen. — Nun erst fängt mein Unglück an, mich zu drücken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen Stab gegeben, auf dem ich mich stützte, — aber itzt wird mir das Leben eine Last, nun wünsch' ich zu sterben. Seitdem ich weiß, daß mein Tagewerk ganz geendigt ist, bin ich ermüdet und will mich schlafen legen. — In dieser trägen Unthätigkeit sollt' ich leben, hier, wie ein Thier in der Wildniß, von allen Menschenrechten ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach und nach verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trägen und verfaulten Dünsten emporwuchs und war und dann nicht mehr ist? — Nein, Omar, blicke noch einmal über den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft umher, — kann nichts, auch mein Tod nicht durch die Mauer dringen, die das Schicksal vor mein Vorhaben gestellt hat?

Omar. Dein Tod könnte dein Volk vielleicht glücklich machen.

Selim. O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung aufgebrannt. — Aber ich Unglücklicher! meine Gesundheit kömmt schadenfroh zu mir zurück und selbst den Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist Frevel, — o sage mir, wie ich ohne Sünde sterben kann und mein Volk ist glücklich.

Omar. Diesen Aufschluß mußt du nicht von mir, sondern von der Zeit erwarten, noch liegt alles dunkel und verworren vor meinen Blicken. —

Abdallah verließ das Zimmer.

Zweites Kapitel.

In tiefen Gedanken ging der Jüngling unter dem lauten Rauschen des Waldes auf und ab. — Ja, — sprach er zu sich selbst, — Omar ist mir zurückgegeben, alles umher liegt in wüster Verwirrung von schwarzer Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er soll es sein, mir und dem Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in meine Seele aufgenommen: denn wo fänden meine Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige Gewißheit, die ich eigenmächtig zur Untrüglichkeit stemple, fallen alle Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, wieder zur Erde, und ich stehe da in der freien uneingeschränkten Gegend. Meine Rechnung ist richtig, wenn dieser einzige Fehler ausgelöscht wird, ich will meiner Mühe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe unangesehen diesen Verlust preis, um ein langweiliges Spiel zu beschließen.

Mein Vater wünscht zu sterben, — o ich sehe schon in der Ferne die Woge schwimmen, die auch die letzte kleine Bergspitze, auf der ich stehe, herunterschlagen wird, sie wälzt sich immer näher und näher. — Das Schicksal rückt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach auf jene fürchterliche Stunde, unvermeidlich schlägt sie an und ich stehe plötzlich, ohne es ändern zu können, ohne meine Beihülfe jenseit der Gegenwart. — Traurig wie der Mond geht dann mein Vater unter und zugleich steigt Zulma mir gegenüber mit tausendfacher Pracht unter goldnen Flammen auf, — das Verhängniß läßt mich zwischen dem Vater und der Geliebten wählen, — o verzeihe, großer Prophet, ich wähle Zulma! Es muß sein, es kann, es will nicht anders. — Welcher Sterbliche kann den Eigensinn des Schicksals brechen?

Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem Walde herausgegangen und stand itzt auf der Landstraße. — Die Stadt mit ihren runden Moscheen lag vor ihm, die Fenster im Pallast Ali's glänzten blendend in der Sonne, er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu sehen, seine Schwärmerei sahe ihre Blicke, mit denen sie wehmüthig nach ihm hinstarrte; ohne an die Gefahren zu denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er in die Stadt hinein.

Der zürnende Ali hatte indeß auf Befriedigung seiner Rache gesonnen. Daß Selim ungestraft diese Verschwörung sollte unternommen haben, daß er ihm selbst entflohen sei, ohne daß irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte einen fürchterlichen Eid geschworen, sich an Selim zu rächen und dieser Schwur quälte ihn unablässig; er hatte daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer geheimen Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel vorschlagen zu lassen, die den verborgenen Selim entdecken müßten, er hatte beschlossen, alles auf diese Wollust der befriedigten Rache zu verwenden, nichts sollte ihm zu kostbar sein, den verwegenen Aufrührer zu strafen.

Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe mit brennenden Augen nach den Fenstern des Altans hinauf, — er sahe Zulma, sie blickte verstohlen hinter einem zurückgezogenen Vorhang auf die Straße, kaum aber sahe sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend zurückflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch der letzte Schimmer ihres Schattens verschwand, dann warf er sich auf eine Bank und sahe nach den Blumen des Altans. — Die Rose war hinter den Citronenbaum gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie, das Sinnbild der Furcht. —

Er ging weiter und kam über die Brücke der Stadt an den Pallast seines Vaters. — Wehmüthige Thränen traten ihm in die Augen, als er so unbarmherzig alles zerstört sah. Einzelne Mauern und Thüren standen wie verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher, Steine und Balken aufeinander gehäuft. Traurig suchte er die Stelle des Zimmers auf, das er ehedem bewohnt hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf denen man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches lehnte sich noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick den Einsturz. Das bekannte Haus, das ihn so oft so freundlich und väterlich aufgenommen hatte, das die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose, in welchem er sonst glücklich gewesen war, war vernichtet, auch selbst das Andenken seiner Seligkeit schien ihm der zürnende Himmel nehmen zu wollen und bis auf die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit den schönsten Freuden genährt hatte.

Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken, als er das laute Schmettern einer Trompete hörte, von einem verwirrten Getöse und Geschrei des Volks begleitet; er kümmerte sich nicht um das Geräusch, nur klang es ihm, als wenn er den Namen Selim laut habe nennen hören. — Itzt kam der Zug bei ihm vorüber und er sahe einen Herold auf einem Pferde, der dicht neben ihm still hielt, einigemal in die Trompete stieß und dann laut ausrief:

»Daß derjenige, und wäre er selbst ein Sklave, welcher den Verräther Selim lebendig in die Hände des Sultan's liefern würde, seine berühmte, schöne Tochter Zulma als Gemalin dafür zum Lohn erhalten solle.«

Wieder das Schmettern der Trompete und der Zug lärmte vorüber. —

Dumpf und ohne Gedanken verließ Abdallah die Stadt, träumend wie ein Mann, der vom Schlafe erwacht und sein Haus in prasselnden Flammen sieht, die schon sein Bette lecken; er springt auf und steht betäubt und ohne Bewußtsein vor dem leuchtenden Element, das wüthend durch seine Besitzungen geht, er hat sich nur gerettet um desto unfehlbarer zu verderben: — so kam Abdallah fast ohne es zu bemerken zur Hütte im Walde zurück.

Drittes Kapitel.

Fürchterliche Gedanken warfen in der Nacht Abdallah hin und her, sein Auge starrte in die Finsterniß hinaus. Gräßlichkeiten zogen durch seinen Busen, Schauder jagten sich durch seine Gebeine, er wünschte mit Sehnsucht den Tag, die Dunkelheit um ihn her machte seine Seele noch schwärzer, oft schleppten seine heißen Wünsche seine sanftern Gefühle in Ketten hinter sich, oft riß sich sein Gefühl wieder los und rang seine Wünsche nieder. Er schien in zwei feindselige Wesen zerrissen, die unermüdet gegen einander kämpften.

Endlich erschlafften alle seine Kräfte, in seiner müden Seele starben alle seine Wünsche und Hoffnungen aus, gewaltsam schloß er in der Ermattung mit sich selbst einen Frieden.

Er sprang von seinem Lager auf, als kaum die erste graue Dämmerung des Tages die Schatten spaltete. Selim schlief noch und Abdallah verließ die Hütte. Er ging schnell unter den Bäumen auf und ab, er athmete die frische Luft des Morgens ein und wollte gewaltsam alle Gefühle von sich abwälzen, die ihn, wie lebendig eingegraben gleich Steinen drückten, aber er schlug vergeblich gegen die Mauern der Grube, kein Strahl des Tageslichtes wagte sich hinein.

Omar näherte sich ihm itzt und beide gingen schweigend auf und ab; Abdallah scheute sich, seinen Freund einen Blick in die Wüste seiner Seele thun zu lassen.

Was wühlt in deinem Innern so gewaltig? begann Omar, in der Nacht hört' ich dich seufzen. — Was ist dir, mein Abdallah?

Abdallah schwieg noch. — Nein, rief er plötzlich, — meine Seele ist zu schwach für diesen ewigen Streit! — die menschliche Natur erliegt dieser Gewalt, ich bin endlich müde und will mich selbst besiegt zu Boden werfen. — Er ergriff Omar's Hand. — Ja, Omar, höre das Gelübde, das ich vor dir ablegen will, — ich will, ich muß Zulma entsagen, mein Vater bleibe mir und Zulma gehe mir verloren; ich ward geboren, um den Becher des Glückes nicht zu kosten, ich willige in diese traurige Nothwendigkeit. —

Omar. Und was hat dich zu diesem Entschluß gebracht, der dir alle deine Hoffnungen kostet?

Abdallah. Meine Menschheit, — o! ich bezahle sie mit dem kostbarsten, was ich besitze, vielleicht weit über ihren Werth, denn ohne Zulma ist mir die Welt ausgestorben; ich entsage der höchsten Seligkeit auf ewig, das Gefühl der Liebe wird nie in meinem Busen wieder aufwachen, nur ihre Schmerzen bleiben mir auf immer zurück.

Abdallah erzählte seinem Lehrer itzt, was er gestern in der Stadt gesehn habe. — Diese Erinnerung, fuhr er dann fort, hat mir diese Nacht schlaflos gemacht; wenn ich die Augen schloß, weckten mich Ungeheuer durch Zuckungen auf, — o Omar, Omar, giebt es auf der Erde ein Wesen, das sein Elend mit dem meinigen messen könnte?

Omar. Und Abubekers Tochter wird deine Gattin?

Abdallah. Niemals, das Schicksal nimmt mir Zulma, aber kein andres Weib soll auch jemals in diesen Armen ruhn, diese Freiheit wird mir noch bleiben. Nein, ich will den Schwur nicht brechen, den ich zu Zulma's Füßen schwur. — Jeder Freude, jeder Hoffnung sage ich Lebewohl, mit meinem Elend will ich in die Wüste ziehn und dort das Morgenroth mit meinen Thränen begrüßen und den Abend mit Klagen rufen, Seufzer sollen meine Sprache werden und die Wehmuth meine Gespielin. — Ja, Omar, dieses Glück ist mir noch übrig, diese Freude ist die einzige, die mir nicht kann genommen werden.

Omar. Auch nicht durch deines Vaters Gebot? — Er will, du sollst der Gemal Roxanens werden.

Abdallah. Nein, das kann er nicht wollen, wenn ich ihm dies Opfer bringe. Nein, ich komme ihm entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja mein Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulma kann nicht meine Gattin werden, und Roxane soll es nicht. —

Omar. Und dann wirst du in deiner Einsamkeit mit leerem Herzen glücklich sein? —

Abdallah. Ich glaube es itzt, und wenn ich es nicht kann, so will ich es wenigstens glauben. Alle meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt zurück, dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen Schmerz und die schönen Erinnerungen nehme ich mit mir. —

Omar. Wenn aber dein Vater auch zu diesem Glück nicht seine Einwilligung gäbe?

Abdallah. O, er kann es mir ja nicht beneiden; er ist nicht grausam. — Ich will itzt gleich zu meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges Versprechen erlassen. — Dann geh ich aus der Welt und eine geräumige Höhle wird meine Wohnung, Bäume und Thiere sind meine Gesellschaft, ach, nach und nach werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der Gesellschaft meines Kummers werd' ich zum Greise, und erzähle mir dann zum Abendzeitvertreib, wie ein geschwätziges Kind, meine Leiden selbst. — Nicht wahr, Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir werden uns nach Jahren selber unkenntlich, was mir itzt Thränen auspreßt, darüber kann ich einst vielleicht lächeln? Endlich ermüdet die Quaal an mir und geht verdrossen hinweg, die Stunde durchläuft ihren Kreis und wir stehn an der schwarzen Pforte, und alles was wir litten, alles worüber wir uns freuten, liegt wie Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir, daß wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die Hand nach dem Morgenroth ausstrecken und den fliehenden Regenbogen haschen wollen. — Alles ist in mir gestorben und wird nie wieder aufleben, die Flammen meiner Seele sind ausgelöscht, mein Busen ist Eis. Zulma ist todt, meine Liebe ist verschwunden, und was sonst in diesem Herzen brannte, das hast du erstickt, — nein, zürne nicht, Omar, ich verlange es nicht zurück, unter Felsen und verdorrten Wäldern brauch' ich nicht ein Mensch zu sein, was nützt mir dort die Tugend und der Glaube an Gott? Ich will mich auf ewig von der Menschheit losreißen und mit den Thieren verbrüdern. Ja, Omar, ich gehe zu meinem Vater.

Er kehrte schnell in das Zimmer zurück. Selim war noch nicht erwacht, und Abdallah kniete vor sein Bette und betrachtete aufmerksam seinen Vater, der süß lächelte, in holdselige Träume verloren. — Nein, sagte er leise, — jene Gedanken, die sich in der Nacht zu mir hinanschlichen, sind verflucht, — Gott! wie konnt' ich sie nur denken, ohne mich zu verabscheuen? — diesen Greis, der mein Vater ist, — diesen, — nein, ich mag es mir selber nicht gestehn. — Nein, dazu bin ich nicht in die Welt getreten, noch ist Rettung möglich, noch ist nicht die letzte Öffnung zugefallen, durch die ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann. — Wie sanft er schläft! — Wie er mich auch im Schlaf anlächelt! — Seine Vaterliebe fühlt die Nähe des geliebten, des einzigen Sohnes, — als meine Mutter gestorben war, war ich es, der ihn an das Leben festhielt, und ich! — Nein! die Hölle mag sich einen andern Zögling suchen, — meine Seele findet hier noch einen Ankergrund!

Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. — Was will mein Sohn? fragte er.

Abdallah küßte ihn und umarmte ihn glühend. — O Vater! rief er aus, — kannst du deinem Sohne eine Bitte abschlagen, die einzige, die letzte, die er von dir erflehen wird?

Selim. Was kann der arme Selim noch besitzen, das seinem Sohne nicht auch gehörte? — Doch nein, Abdallah, — mein Vermögen sind Thränen und Jammer, dies werde dir nicht.

Abdallah. Gieb mir deinen Segen, Vater. —

Selim legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes.

Abdallah. Nein, Vater, ich will dich nicht täuschen, segne mich, wenn ich dir meine Bitte gesagt habe.

Selim. Sprich, mein Sohn, warum gehst du diesen Umweg zum Herzen deines Vaters?

Abdallah. O mein Vater! — Wenn du mich liebst, wenn dein Sohn nicht von dir gehaßt wird, — o so nimm jenen Fluch zurück, mit dem du mir einst drohtest. — Abubekers Tochter kann nicht meine Gattin werden. —

Er bedeckte mit den Händen das Gesicht und warf sich nieder, Selim sahe starr auf ihn hin. —

Sie kann nicht? — fragte er kalt, — und was hat der Sohn an dem Willen seines Vaters zu tadeln?

Abdallah. O nicht diesen Ton, der mich verurtheilt, sprich gütiger mein Vater, oder ich muß verzweifeln! —

Selim. Du verlangst Güte, wo du mir nur Trotz giebst? Auch gegen den ungehorsamen Sohn soll ich zärtlich sein?

Abdallah. Nein, ungehorsam schelte mich nicht, — kein andres Mädchen soll meine Gattin werden, aber auch Roxane nicht. — Nur widerrufe jenen Fluch, Vater, wenn du nicht meine Verzweiflung sehen willst! —

Selim. Ich widerrufe nicht.

Abdallah stand auf und sahe ihn mit einem festen Blicke an. — Vater! rief er aus, an diesem Fluch hängt das ganze übrige Glück meines Lebens, meine letzte Tugend, mein Schicksal jenseit dieser Welt! — Widerrufe, Vater, du sollst, du mußt es, — o ja und du wirst es auch. —

Selim. Nein. In dreien Tagen wird Roxane deine Gattin, oder alle Verwünschungen, die ein Vater für seinen ungehorsamen Sohn vom Himmel herabflehen kann, fallen auf dein Haupt.

Ich kann nicht, sagte Abdallah kalt und langsam. — Du liebst mich, ja, Vater, — o wie wenig kostet dich diese Zurücknahme, — ach! und wüßtest du, wie viel sie mir gälte!

Selim. Zurück, Ungehorsamer! ich widerrufe nicht, das schwör' ich beim Himmel und der Pracht seiner Sonne! — Mein Wort kann ich nicht brechen, das ich Abubeker gab, um die thörichten Launen eines Jünglings zu befriedigen, der seinem Vater trotzen will.

Abdallah warf sich wüthend nieder. — Du schwörst? rief er heftig. — Nun so schwör' ich hier auch beim Grabe des großen Propheten, beim Himmel und allen seinen Engeln, daß Roxane nie, nie, nie meine Gattin wird! —

Selim stand zornig auf. — Ich habe keinen Sohn mehr! sprach er heftig. — Ist das die Sprache, in der ein Sohn zu seinem Vater sprechen muß? Glaubst du mich durch Trotz zu beugen? O hier stoßen Felsen auf Felsen, ich wanke nicht in meinem Vorsatz. — Du hast den Sohn verläugnet, nun so will ich denn auch den Vater verläugnen! — Ich werfe meinen Fluch auf dich hin und mit Centnerlast möge er dich drücken. — Alles Unglück jage hinter dir dreimal Verfluchten her, der Himmel wende sein Angesicht von dir ab, wenn die Hölle nach dir die Arme ausstreckt; wenn du am Busen der Geliebten liegst, so fresse ein kaltes Grauen das Mark deiner Gebeine, in der Einsamkeit liege der Leichnam deines Vaters vor dir, den dein Ungehorsam zum Grabe reif macht; von Gewissensangst gefoltert, von allen Schrecken zum Leibeigenen erkauft, stirb unter Krämpfen und Verzuckungen.

Abdallah. O wirf nur Fluch auf Fluch, der Ewige hat mich schon seit der Geburt verflucht, dein Höllensegen findet nichts mehr zu vollenden. — Ha! so spricht ein Vater zum einzigen Sohn? dies ist die Einsegnung, die er mir auf die große Reise giebt. — Wer soll mich segnen, wenn der Vater mich mit diesen Flüchen verwünscht?

Selim. Fort aus meinem Angesicht! Du hast meinem Unglück die Krone aufgesetzt! — Du gehörst mir nicht mehr! Ich hasse deinen Anblick! hinweg! daß ich nicht versucht werde, dir noch mehr zu fluchen!

Er verließ das Zimmer wüthend.

Nein! schrie Abdallah, mir soll keine Rettung bleiben! Ich steh in der Verdammniß eingekerkert, und mein Vater selbst nimmt den Schlüssel zur Pforte und wirft ihn auf ewig in's Meer; nun ist keine Befreiung möglich, die Hölle streckt den Arm über mich aus und läßt mich nicht entrinnen! — Er warf sich ohne Bewußtsein in einen Sessel und Omar trat herein. — Er sahe lange den Jüngling mit forschendem Auge an: Hat er deine Bitte erhört? fragte er besorgt.

Abdallah. Du siehst dies Kochen meiner Brust und fragst noch? O! wann könnte mir auch eine Hoffnung in Erfüllung gehn, wäre sie auch so armselig, daß sie der Bettler auf seinem Wege liegen ließe! — Ich darf nur wünschen und tausend Stimmen schreien: Nein! in meinen Wunsch. — Das Schicksal hat mich unter Millionen zu seinem grausamen Spiel erlesen. — O warum ward ich ein Mensch geschaffen? — Warum mußte ich hinter dem Vorhang hervorgestoßen werden, um den Zuschauern zum Gespött zu werden?

Omar. Und dein Entschluß?

Abdallah. O was kann ich noch wollen? — Welchen Entschluß kann ich noch fassen? Selbst das Elend, das ich mir wählte, ist keine Freistätte mehr für mich; wohin ich auch fliehen will, hält mich ein Abgesandter der Verdammniß fest, die Erde stürzt unter mir ein, jede Scholle, an der ich mich empor arbeiten will, giebt treulos nach, — was kann ich anders als mich dem Verderben überlassen?

Omar ging mit großen Schritten auf und ab, seine Augen funkelten, seine Mienen drohten fürchterlich. — Ha! rief er endlich aus, — dies ist der zärtliche Vater, der seinen Sohn so innig liebt! — Worte sind seine Liebe, unbarmherzig läßt er den Sohn an diesem ehernen Eigensinn verbluten! Kalt läßt er ihn liegen und sterben, hat er doch seine Vaterrechte behauptet! — Und dieser Grausame nennt sich meinen Freund! — Wie kann er ein Freund sein, da er kein Vater ist? Liebe ist ihm fremd, seine Tugend ist Trotz, Eigensinn seine Standhaftigkeit! — Ich kündige ihm meine Freundschaft auf, wer meinen Abdallah haßt, den hasse auch ich, Selim ist aus meinem Herzen gestoßen, ich will seinen Namen aus meinem Gedächtniß reißen! — Dir auch dieses Glück nicht zu gönnen! — Diese Hölle war ihm noch zu schön für seinen Sohn, er hat härtere Strafen für ihn ersonnen. — Die Liebe sei verwünscht, mit der ich einst sein Freund war, für dich geb' ich die feindselige Welt verloren, was liegt mir an diesem Selim? —

Abdallah. O wär' ich nicht Selims Sohn, o dann, dann wär' ich glücklich! — Aber boshaft weht mir das Schicksal alle Unmöglichkeiten zusammen! Nur für mich wird alles angeordnet zum fürchterlichen Scherz. — O könnt' ich den Sohn verläugnen, dann würde Selims Eigensinn bestraft werden können, — aber, — es kann, es darf nicht sein!

Omar. Du wolltest ihn verloren geben, um Zulma zu gewinnen. Seinen Eigensinn gegen deine Liebe. — Er sollte dir eine Verschreibung werden, durch die du einen Schatz einlösetest, der dich auf ewig vor dem Mangel sicherte? — Ha, Abdallah, nein, nein, es kann, es darf nicht sein! — Die Tugend, die Pflicht, — o wer kann es alles nennen, was dich von diesem Gedanken zurückreißt? —

Abdallah. O ich schmachte nach andern Speisen, ich bin mit Grausen gesättigt. — Führt mein Pfad zur Hölle, o so ist es besser durch einen kühnen Sprung, als durch Umwege dahinzukommen. Aber noch spricht eine Stimme in mir, die mich Sohn nennt, die laut um Hülfe schreien würde, wenn ich sie ersticken wollte, hundert Gefühle sind mit diesem Ton verbunden. — Das Entsetzen der Natur wäre in den Abdallah verkleidet, wenn ich so sehr alles vergessen könnte, was den Menschen zum Menschen macht.

Omar. Nein, du darfst dich nicht von ihnen losreißen, verachte sie, nur halte dich treu in ihrer Mitte; o dürftest du nicht die Freiheit, ein Mensch zu sein, mit allen Schätzen dieser Welt bezahlen! — Ja, die Unmöglichkeit stellt sich fürchterlich vor den Eigensinnigen hin und beschützt ihn unverwundbar, — aber Abdallah! sorge auch bei Tage und in der Nacht, wachend und schlafend, daß niemand die Wohnung deines Vaters entdecke und ein Sklave den Preis erringe, nach welchem du strebtest. —

Abdallah. O, ehe ich Zulma in eines andern Armen sehe, ehe —

Omar. Ehe?

Abdallah. Will ich sterben. —

Omar. Dann hast du die Leiden der Welt abgeschüttelt, aber keine der hiesigen Freuden geht mit dir. —

Abdallah. Ach, Omar, dann bin ich todt und die Welt nennt mich tugendhaft. — Doch wenn mir Gedanken folgen, wohin keiner unsrer Erdengedanken dringt, — ach Omar, — werden mir dann nicht Freuden begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? — Kann ich itzt wünschen, was ich nicht begreifen kann? — Nur der Thor und der Verzweifelte tauscht ein gewisses Gut gegen ein ungewisses aus und glaubt zu gewinnen.

Omar. Und wenn nun unsre Rechnung hier unten schon völlig geschlossen würde? Wenn alle Anweisungen auf jenseit falsch und untergeschoben wären, und wer wird sich für ihre Ächtheit verbürgen? o dann — doch zurück von diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich habe dir nichts gesagt. — O, Abdallah; was hast du dann gegen deinen großen Verlust gewonnen?

Abdallah. Ich habe mich selbst verloren und das ist für den Elenden Gewinns genug. Dann drückt mich kein Gefühl und kein Gedanke quält mich, ich liege im kühlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt, kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint mich. Alle Martern suchen mich dann vergebens auf, sie finden mich nicht; in den mütterlichen Armen der Erde gehalten scheucht die Zärtliche jedes Ungemach von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe umweht mich, kein Traum ängstigt meinen Schlaf, kein Schrecken kann mich zurückrufen.

Omar. Nicht sein? — O die menschliche Natur fährt vor dem Gedanken zurück, — wer wird Leben gegen Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen, ohne Gefühl und Gedanken, Würmern eine Wohnung, todt, vermodert und verächtlich, ein Scheusal jedem lebenden Auge: kein Schlaf, keine Ruhe, kein Schlummer, — sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig hinausgestoßen, da gewesen und nicht mehr, — giebt es in der Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als: nicht da zu sein?

Abdallah. Nichtsein! O es ist wahr, die Einbildung erblaßt vor dieser Vorstellung, — Leben und Nichtsein. — Und wenn ich nun alles dem Halsstarrigen und seinen Entwürfen aufgeopfert habe, wenn leere Phantome und Feigheit die Schwelle meines Glücks bewacht haben, Omar, und ich gehe dann unter, auf ewig unter, — das Wesen, dem ich meine Seligkeiten sparte, ist nirgends aufzufinden, — o ist dies etwas anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der im ganzen Leben kargt, um nicht zu genießen und im Tode alles hinter sich läßt? —

Omar. Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir her, — aber was willst du thun?

Abdallah. Ha! wer verdirbt nicht den Freund, um die Geliebte zu retten? Wer wagt nicht die Hälfte seines Vermögens, um das Ganze zu erhalten? — Und soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des Fürsten gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm beweisen, der Diener darf nicht die Aufträge seines Herrn prüfen, ohne ungehorsam zu sein. — Und wo ist die Gränze zwischen Recht und Unrecht? — Mir ist es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und welche böse wirkt; was die Menschen Tugend und Laster nennen, verstrickt sich hier oft unauflösbar. — Die Zukunft bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath zu fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht, der ihn elend machte? — Wird er zu Ali zurückgebracht, o so hat ihn meine Freundschaft ermordet, ohne mich wäre er noch glücklich. — Unsre Thaten wandeln oft über viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen werden, — kann die Schuld auf uns zurückfallen? Sollen wir den Fehler des Zufalls büßen? — Diese That — o ich mag sie nicht denken, — warum könnten ihre Folgen nicht glücklich werden? könnte sie sich nicht in den unergründlichen Strom weiß und unschuldig waschen? —

Omar. Aber den Vater, — dem du das Dasein dankst, — zwar nicht ein Dasein voll Freuden —

Abdallah. Nein, voll Todesschmerzen; o wie kann ich ihm für diese Welt voll Quaalen danken?

Omar. Nein, für dein Dasein kann der Felsenharte keinen Dank von dir fordern, denn dann hättest du Unrecht über seine Halsstarrigkeit zu klagen, über den fürchterlichen Fluch zu jammern, den er auf dich gelegt hat. — So lange er dann nicht dein Leben endet, hast du keine Ursach auf ihn zu zürnen.

Abdallah. In eine Hölle hat er mich verwiesen und dafür sollt' ich ihn lieben?

Omar. Er konnte aber nicht vorher wissen, daß dies Leben dir Pein zubereiten würde, — freilich, eben so wenig, ob es dich glücklich machen würde.

Abdallah. Nicht er, ein blindes Ohngefähr hat mich in das Leben gerufen. — Wußte mein Vater denn im voraus, daß gerade ich, dieser Abdallah, sein Sohn werden würde? —

Omar. Wäre es nicht die Pflicht des Sohnes, vor dem rasenden Vater Schutz bei den Gesetzen zu suchen?

Abdallah. Vater, Sohn, nichts als leere Namen, der Verstand muß sich nicht vom Geschrei der Menge betäuben lassen, er zieht der Wahrheit ihre Hülle ab und sieht sie ohne Kleidung, Gewohnheit und Sitten hindern ihn nie in seiner Forschung. — Nicht wahr, mein Omar?

Omar. Halt ein, Abdallah! Soll der Leichtsinnige der zärtlichen Vaterliebe, der Fürsorge vergessen? Soll er die Sorgen mit kaltem Undank vergelten? — Dankbarkeit ist das große Band, das sich unzertrennlich durch alle Wesen webt, jeder handelt für den andern, um sich in seiner Brust einen Pallast zu erbauen, an Dankbarkeit knüpft sich Liebe und Wohlwollen, Wohlthaten und Dank wechseln sich in dem Herzen der Ältern und Kinder aus, ein Magnet in jeder Brust, der sich ewig anzieht.

Abdallah. Dies, ja dies ist das letzte Gefühl, das mich noch an ihn gefesselt hält, alle Fäden hat er durchgeschnitten, nur dieser eine ist ihm treu geblieben. —

Omar. Deine Erziehung war Selims Pflicht, aber nicht die hundert kleinen Wohlthaten, die er dir erzeigte, die tausend Freuden, die er dir zubereitete, das Wohlwollen, mit dem er dich durch das Knabenalter in die Jünglingsjahre begleitete, — dafür mußt du ihm danken.

Abdallah. Omar, es ist meine Pflicht ihn zu lieben.

Omar. Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt der Geizige hundertfach zurück, was er dir gab; die Freude, die das große Glück deines Lebens entscheidet, versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat er dir gegönnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, — er schenkt dir ein glänzendes Glas und fordert mit eigenmächtiger Gewalt alle schönen Hoffnungen deiner Zukunft von dir ein, du mußt in einer heißen Wüste verschmachten, weil er dir einst einen Trank aus der Quelle schöpfte, du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener, der nicht weiter gehn darf, als seine Kette reicht; strebt er über ihr Maas hinaus, dann fühlt er die täuschende Freiheit, dann fühlt er sich an der unbarmherzigen Mauer festgehalten. —

Abdallah. O es ist schrecklich! — Welch ein Recht, welches Gesetz liegt in dem Worte Vater, um diese unumschränkte Gewalt über ein Wesen zu haben, das er Sohn nennt? — Darf dieser Ton die Gesetze der Vernunft umstoßen und aus Menschenfreiheit schändliche Sklaverei machen? — Der Tod des Vaters macht den Sohn glücklich, — warum soll er sich nicht freuen dürfen, daß endlich das quälende Band aufgelöst wird? — Ist der Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem Sohn in das Leben einen gräßlichen Fluch mitgiebt, von dem er hofft, daß er ihn elend machen soll? — Selim stirbt, — und Abdallah schleppt ein langes Leben wie eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem Gliede hängt sich die Pein mit hundertfachen Martern, alle Glückseligkeiten fliehen vor dem fürchterlichen Gerassel zurück, — ist dies ein Vater, der seinen Sohn liebt, oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt?

Omar. Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen den Schmerz der Pfeile, die ein quaalvolles Leben auf uns abschießt.

Abdallah. Warum ward dem Menschen die Vernunft gegeben, wenn er sich von einer blinden Gewohnheit will beherrschen lassen? Die Vernunft soll ihn begleiten und über seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit darf nur den Unverständigen hinreissen, dem dieses Steuerruder fehlt, dieser muß furchtsam landen, wo er die übrigen landen sieht, und mit ihnen sein Schiff wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unnützer Kühnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden Winden und Wellen ein Spiel. — Und welche Vernunft, — Omar, ich spreche es aus, — welche hält mich zurück? — — Sprich, denn ich sehe nichts! —

Omar. Unsre Vernunft prallt ohnmächtig von allen Dingen zurück, die jenseit der Menschheit liegen, wir verstehen nicht den Gang der Welt und die Schrift der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimniß bleiben, — aber eben dadurch, daß diese Weisheit nicht für das irdische Gehirn ist, werden wir deutlich auf die andre Seite zurückgewiesen. Die Natur winkt ihren Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen zur reichen Tafel ein und sagt ihnen laut: genießt!

Abdallah. Daß wir da sind, um zu genießen, das ist die Weisheit, die unser Verstand begreift. Jedes Wesen lebt nur in und für sich selbst in einer großen Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. — Sein Genuß ist es, warum er geschaffen ward, er hat das Recht, jedes andre Wesen, das ihn im Genießen hindert, aus seiner Bahn hinwegzustoßen. Der Stärkere besiegt den Schwächern, der Löwe bekämpft den Löwen, der Tiger den Tiger, der Mensch den Menschen. — Noch ist kein Gestorbener zurückgekommen und hat gegen diese Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der Ewigkeit verrathen, — bis der Leichnam wieder kömmt, bis todte Zungen dagegen lästern, werd' ich an diese Lehre glauben.

Omar. Was wir Tugend nennen, ist bloß Gewohnheit, nichts als ein Gesetz, um die Gesellschaft, die der Mensch errichtet hat, aufrecht zu erhalten, ohne diese würde sie sich selbst vernichten. — Helden, Gesetzgeber, Weise sind tugendhaft, weil sie das Band der Gesellschaft fester ziehn, Mörder und Diebe nennen wir Bösewichter, weil sie dies Band zu zerreissen suchen. Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den Unterschied dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden, wenn es das Wohl der Vereinigung befördert; schon mancher Mord war heilsam und mancher Diebstahl löblich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen.

Abdallah. O ja, Laster und Tugend fließen in einen Strahl zusammen, es ist hohe Weisheit, daß man den Unverständigeren glauben läßt, sie wären von Ewigkeit her geschieden. —

Omar. Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht, daß du mir einst diese Lehren so fürchterlich wiederholen würdest, — o wäre mein Scharfsinn gewachsen, damit ich dir widersprechen könnte! — Zulma mag es einst versuchen.

Abdallah. Zulma? — O Himmel! Omar, sollte sie mich nicht zu Thaten aufrufen dürfen, durch die ich sie dem hartnäckigen Schicksal abränge; nur diese That führt mich in ihre Arme und sie wird mein Zögern schelten.

Omar. Doch wenn nun diese That, diese einzige, dich auf immer elend machte? —

Abdallah. O wenn ich daran glauben soll, so kann ich meinem Elende auf keinem Wege entrinnen. — In Zulma's Armen bin ich unglücklich, meines Vaters Fluch liegt auch in der einsamen Wüste schwer auf meiner Seele, noch größeres Elend steht neben Roxanen. — Welcher Ausweg bleibt mir übrig?

Omar. Nun so ergreife den Pfad, auf welchem die meisten Blumen blühen, wo der Rasen am hellsten lacht, wo der Himmel blau über der freundlichen Landschaft liegt. Itzt, itzt eben stehst du am Scheidewege. —

Abdallah. Werd' ich aber mit Zulma glücklich sein? —

Omar. Hör' ich diesen Zweifel aus Abdallah's Munde? Von denselben Lippen, die neulich in trunkener Wonne nicht Worte fanden? — Oder ist es nur Schwachheit, die aus dir spricht? Eine Unentschlossenheit, die gern glücklich sein möchte, ohne doch die Schwierigkeiten der Unternehmung zu tragen? die Fluth stürmt hinter dir her, aber du scheust dich, den schroffen Felsen zu erklettern, der dir die Rettung anbietet.

Abdallah. Nein, — nein, — Selim stirbt, und kann ich ihm sein voriges Glück wieder zurückgeben? Wird sein ganzes Leben nicht eine einzige wehmüthige Erinnerung sein? Ein ewiger Kampf von Schmerz und Hoffnung? — Er verliert hier nichts, er kann im Tode nur gewinnen, er dauert, oder löscht aus, — es ist besser, nicht zu sein, als an dem Joch eines quaalvollen Lebens zu schleppen. Selim kann mit Zuversicht sterben, er muß es jenseit besser finden: denn er läßt keine Freude zurück, den letzten Kranz, Vaterfreude, hat er muthwillig zerrissen.

Omar. Der schwache Greis, der schon an der Schwelle des Todes steht —

Abdallah. Ha! wenn meine große Aufopferung ihm Unsterblichkeit gewönne, — ha! dann könnt' ich diesen Kampf in meinem Busen dulden, dann könnt' ich Roxanens Gatte werden, oder ohne Klagen mit meinem Fluch in die Wüste ziehn, ja, könnt' ich ihm durch meine Quaalen auch nur noch ein Menschenalter erkaufen, — aber der unerbittliche Tod lacht über mich. Selim muß sterben, bald sterben, vielleicht ist er schon in wenigen Stunden nicht mehr.

Omar. Wer würde dir dann nicht verzeihen, wenn du bereutest, daß du mit diesem unvermeidlichen Tod dein Glück nicht der eilenden Zeit abgekauft hättest? — Dieser Athemzug erwirbt dir Zulma, ist er ausgelöscht, dann kannst du dieses Kleinod durch tausend Leben nicht erkaufen.

Abdallah. Und liegt ihm denn selbst an diesen wenigen Stunden, die ihm noch zugezählt sind? Du hast es selbst gehört, wie sehr er den Tod wünscht, seit er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. — Itzt würde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine Gewißheit hoffen könnten. — Soll ich mich bedenken, ihn glücklich zu machen, oder warten, bis er sich selbst den Dolch in die Brust stößt? —

Omar. Das Land mit seinen Bürgern war die Freude deines Vaters, einst ein neues Glück zu säen und die schöne Saat aufschießen zu sehen, dies war der feurigste seiner Wünsche, die kühnste seiner Hoffnungen. Für seine Mitbürger unternahm er das große Wagestück, auf das er sein Glück und sein Leben setzte, — die Würfel fielen unglücklich. — Roxane sollte deine Gattin werden, um die Ernte jener Aussaat einzunehmen, aber das Verhängniß verschwor sich gegen ihn und an einem Tage ward alles zernichtet. — Der Wille deines Vaters könnte entschuldigt, deine Aufopferung gelobt werden, wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck deines Vaters erreichen könntest, — aber sieh umher, tausend Unmöglichkeiten spotten deines Scharfsinns. —

Abdallah. Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin führen, wohin mich Roxane führen sollte, sie giebt mir den Thron dieses Reichs, und ich rotte die Dornen aus, die Ali pflanzte, dann kömmt der schöne, der große Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen über dieses Land auf, ich verwandle es in einen Garten voll schöner Blüthen. — Nicht wahr, Omar, mein Vater würde sich nicht einen Augenblick bedacht haben, mich dem Wohl des Landes aufzuopfern? — Und ich säume ihn dem Glück der Bürger hinzugeben? Das Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen der Nachkommen wird mich einst belohnen.

Omar. Und Zulma! — Sollte sie in den Armen eines andern deiner vergessen? Solltest du einst ihrem Pallast als ein unbekannter Sklave vorübergehn und sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick auf dich herabwerfen? — Solltest du einst als Bettler vorübergehn und von der geliebten Zulma mit Verachtung abgewiesen werden?

Abdallah. Nein, nein, das soll nie geschehen, so lange ein Herz in meinem Busen schlägt, ist sie mein, noch mein letzter Blutstropfe würde für ihren Besitz kämpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist sie der Inhalt meiner Gedanken und alle meine Kräfte laufen nach diesem Ziele.

Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht widersetzen. Steht diese That in jenem großen Buche, welcher Finger will die ewigen Züge verlöschen? Deinetwegen wird das große Gewebe nicht inne halten, der Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen Willen gefragt. —

Abdallah stand in tiefen Gedanken. —

Du kannst nicht gut, du kannst nicht böse handeln, fuhr Omar fort, ein Geist ist es, der in den Millionen Leben glüht, du und ich, Selim und Zulma sind nur ein Wesen, du arbeitest stets für und gegen dich, du kannst eigenmächtig über deine Handlungen den Ausspruch fällen, und diese gut und jene böse nennen, wer mag dir widersprechen?

Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten beide das Zimmer verlassen, Selim kam ihnen zornig entgegen. — Fort! Verbannter! rief er aus, so lange der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich dein Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen Verwünschungen belade!

Omar blieb bei Selim zurück, und Abdallah ging traurig und zürnend in das Dickicht des Waldes, wo eine einsame Stille ihn begrüßte, nur von einem leisen Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten lagen übereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf den grünen Rasen herab. —

O der Eiskalte! rief Abdallah laut, wie leicht es ihm wird, ewige Quaalen auf mich herabzubitten! — und ich zögre und bedenke seinen Tod, — ihm wird es so leicht, mich ewig zu verderben, und ich kann diese Gefühle in meiner Brust nicht niederwerfen. Kann dieser einzige Verlust nicht tausendfachen Gewinn geben? Kann das Land und Zulma nicht laut dies Leben von mir fordern? und da er es selbst verachtet und für seine Mitbürger hinzugeben brennt? —

Ach und was vermag ich gegen das eiserne Schicksal? gegen die dicken Mauern schlagen vergebens meine Kräfte an, — wenn es sein soll, — o dieser Gedanke selbst ist mir vor meiner Geburt schon vorgeschrieben, ich kann nichts als ihn nachdenken, — in den ewigen Gesetzen liegt die Sünde, — die Hand mordet, die den Dolch ergreift, nicht das Werkzeug, das der größern Kraft wider Willen nachgeben muß. — O das ist ein Gedanke, der mich dem Wahnsinn entgegen führen könnte. — Alle meine Wünsche gehen hier unter, mein Wille ist todt, — ich muß, ich muß es vollbringen, und dann erst wird das Werkzeug aus den Händen gelegt. — Wo finden meine Gedanken auf diesem Meere einen Ort der Ruhe? — Wo eine Insel, an die sie im Sturme landen können? —

Er setzte sich in das Gras unter einem dichten Baum und sahe starr dem Spiel der Mücken und Gewürme auf der Erde zu. —

Viertes Kapitel.

Ein Geräusch dicht neben ihm im Busche schreckte ihn auf, Raschid stand vor ihm. —

Er sprang auf und fiel seinen Freund schnell in die Arme. — O, rief er, das ist es, was ich suchte, ja, ein Mensch hat mir gefehlt und dieser wird mir itzt gesendet.

Wir sind beide unglücklich, sagte Raschid, Elend verschwistert unsre Seelen.

Abdallah. Du elend? — O worin kannst du unglücklich sein?

Raschid. Ich? — Ich irre in der Nacht und am Tage durch verlassene und wüste Gegenden, ich wünsche und hoffe und verzweifle in demselben Augenblick, — ach Abdallah! Abdallah! du weißt vielleicht, was Unglück ist, nicht wahr, du würdest mich glücklich machen, wenn du es könntest?

Abdallah. Ja ich weiß was Elend ist, Unglück ist mir nicht fremd. — Aber was kannst du bei mir wollen? Suchst du Quaalen und Verzweiflung? — o die kann ich dir geben, — sieh! dies sind meine Schätze!

Sie gingen mit einander, in Abdallah's Busen lag es zentnerschwer, er wollte zu reden anfangen und schwieg dann wieder furchtsam. Endlich umarmte er den Freund noch einmal glühend: Raschid! Raschid! rief er, du bist ein Mensch, nicht wahr, es schlägt ein fühlendes Herz in dieser Brust? deine Seele ist für Mitleid nicht taub, — o sprich! nur ein Wort der tröstenden Linderung! —

Raschid. Du schweigst? vertraue deinem Freunde den Sturm, der in deiner Seele wüthet. — Was kann dich so mit Riesenkräften niederdrücken?

Abdallah schwieg noch immer, — ich liebe Zulma! rief er dann plötzlich. — Ach, ich muß dies fürchterliche Geheimniß in einen Menschenbusen ausschütten, o tröste mich, — verzeihst du mir, nennst du mich Bruder, wenn — hast du je die Allmacht der Liebe gefühlt?

Zulma? rief Raschid und stürzte bleich zurück, Zulma? O Unglücklicher!

Abdallah. Nur ein Wort aus deinem Munde! Darf ich sie wünschen? — macht mich meine Liebe zum Ungeheuer? — warum starrst du mich so an? Willst du mir keinen Trost geben?

Raschid. Trost? — Dieses Entsetzen hat mich zu dir gejagt, ich kam zu dir, um zu deinen Füßen mir mein Glück zu erbetteln, — du liebst Zulma, — o Unglücklicher, so wisse, so erfahre es denn und schaudre bis in das Innerste deiner Seele, — auch Raschid liebt diese Tochter der Sonne! aus dieser Quelle sind alle meine Martern geflossen, dies hat mich seit Jahren gepeinigt und an der Wurzel meines Lebens genagt.

Abdallah. Du liebst sie? du? — O Raschid, hinweg! du bist nicht mehr mein Freund! — ich verlange einen Ton der mich tröstet, ich schlage verzweifelnd an die Laute, — aber alle ihre Saiten sind zerrissen, kein Wiederhall in der ganzen Schöpfung!

Raschid. Darum bin ich hier, Selim sollte mich glücklich machen, du solltest mir ihn abtreten.

Abdallah. Nein! nein! — O beim Unendlichen, alles thürmt sich immer höher und höher, alle Schrecken wachsen zu Riesen auf und werfen sich mir entgegen. — Nein, nein, Raschid, du darfst nicht, Selim ist mein und Zulma mein, deine Hand darf es nicht wagen, in mein Glück zu greifen.

Raschid. Hinweg Freundschaft und Mitleid! die Liebe kömmt ihren Thron zu besteigen! Ich bin nicht mehr Raschid, nicht mehr dein Freund — Ja, ich will den großen Kampf mit dir eingehen, Abdallah, unsre Freundschaft sei zerrissen! Fluch um Fluch, Hölle um Hölle, alle Schrecken gegen einander, — Zulma ist mein! mein, sag' ich, — endlich hat der Himmel den Verstoßenen wieder angenommen, ich bin mit mir selber ausgesöhnt.

Abdallah. Raschid, ich ziehe allmächtig diese Waage nieder, die zu den Wolken aufgeschnellt wird, dieser Baum ist mein, in dessen Schatten du dich lagern willst, — Zulma liebt mich! —

Raschid. O sie wird, sie muß mich einst lieben, deines Vaters Elend ist eine Leiter, die mich in den Himmel trägt, ich will verwegen bis auf die letzte schwindelnde Sprosse steigen und wie ein Gott auf die armselige Welt hinabsehen.

Er wollte gehen und Abdallah hielt ihn mächtig zurück. — Wohin willst du? rief er aus, Schrecklicher!

Zu Ali, antwortete Raschid, dein Vater ist ein Unterpfand, das mir nicht entrinnen wird, ich bin nicht vergebens deinen Schritten nachgeschlichen; o ich muß eilen, denn ich fühl' es im Innern meiner Seele, für Zulma würd' ich freudig meinen Vater und meine Mutter der Schlachtbank überliefern.

Sie rangen hartnäckig mit einander. — O noch, noch verweile, rief Abdallah, nur diesen einzigen Tag noch, nur diese Stunde schenke mir noch mitleidig!

Um in dieser um meine Seligkeit betrogen zu werden? antwortete Raschid. — Nein! zurück von mir! — Er riß sich gewaltsam los und entflohe mit der Eil des Windes, auch keinen flüchtigen Blick warf er seinem Freunde rückwärts. —

Abdallah sahe ihm betäubt und schwindelnd nach. — Ha! nun ist es ja entschieden, sagte er mit unterdrücktem Lächeln, meine Martern habe ich umsonst geduldet, Zulma ist mir ewig, ewig verloren. — Ha! wie es in meinem Innern tobt und wüthet! — Kalt steh' ich da und sehe, wie auch meine letzte Freude von einem fremden Vorübergehenden lachend gemordet wird. — Er verhöhnt Freundschaft und Liebe und fliegt nach seinem glänzenden Ziel, — nur ich zögernder Thor schlage mich mit tausend Zweifeln und verliere den großen Augenblick. — Zulma nicht mein, Raschids? — O das, das kann, das soll nicht sein! So weit dürfte dieser Fremde sich in mein Paradies hineinwagen? — Was hält mich denn zurück? — Wollte er nicht seinen Vater dieser Wonne ohne Bedenken opfern? — O er ist ja auch ein Mensch, — er liebt ja Gott und betet das Schicksal und die Tugend an und dennoch, — mir ist alles genommen und doch zögert meine Trägheit noch? Wie mit hundert Stricken wird mein Arm zum tödtlichen Streich herabgerissen und ich kämpfe noch gegen diesen Schlag, — und muß Selim nicht dennoch sterben? — Er muß — und ich und Zulma sind unglücklich, — ja, ja, es muß sein, — ich höre die Stimmen umher brüllen, die mich zur That anmahnen. —

Er drängte sich in wüthender Eil durch die Gebüsche und sahe auf der Landstraße Raschid schon weit voraus, der der Stadt zueilte. Geängstigt rennt er ihm nach und stürzt wie beflügelt hinter ihm her, seine Augen sahen den Weg nicht, sein Athem röchelte laut, oft biß er knirschend die Zähne zusammen. — Endlich erreichte er ihn matt und ohne Bewußtsein. — Halt! rief er laut, — halt an mit deiner Beute, Betrüger!

Raschid sahe rückwärts und erblickte Abdallah, er wollte ihm von neuem entfliehen, aber gewaltig ergriff ihn Abdallahs Arm und hielt ihn zurück. — Nein, du sollst mir nicht entrinnen, schrie er wüthend, schwöre hier durch einen gräßlichen Eid dich von Zulma los, — oder beim Propheten! ich vergesse unsre Freundschaft, so wie du sie vergessen hast.

Raschid wollte sich los machen, aber Abdallah schlug seine Arme um ihn und hielt ihn mit der Kraft eines Riesen an seine Brust geklammert. — Zurückgerissen von dem Sonnenglanz, rief er, sollst du in einem ewigen Dunkel verschmachten, schwöre Zulma ab und wirf deine frechen Wünsche hinter dir, — ha! Selim ist mein Vater, nur Vatermord kann dich Zulma's würdig machen.

Ich schwöre nicht! schrie Raschid auf, — von mir Schändlicher! für Zulma ring' ich mit dir um Leben und Tod. —

Er versuchte es, sich mit allen Kräften aus Abdallah's Armen zu schleudern, aber dieser drängte ihn zu fest an sich, Raschid biß ihn mit den Zähnen wüthend in den Arm, um sich frei zu machen. — Sie rangen unter einem dumpfen Gebrülle gegen einander, kräftig warfen sie sich hin und her, die Erde dröhnte unter ihren Tritten. — Endlich warf Abdallah den ermüdeten Raschid nieder, er kniete auf ihn hin. — Willst du itzt Zulma zurückgeben? schrie er und stierte ihn mit einem eisernen Blicke an. — Nein, nein, und müßt ich ewig dafür verdammt werden, nein! brüllte ihm Raschid zu. — Abdallah zog einen Dolch und stieß ihn in die Brust des Überwundenen, ein großer Blutstrom stürzte hervor und floß über die Erde. — Unter krampfhaften Zuckungen starb Raschid endlich, ein Schleier zog sich über sein starres hervorgetriebenes Auge, er lag bleich und unbeweglich da. —

Abdallah stand über ihm und betrachtete ihn mit fürchterlicher Schadenfreude. — Warum rufst du nicht mehr Zulma's Namen aus? sagte er bitterlächelnd, wirst du mir sie itzt noch abkämpfen wollen? — Kann ich nun ruhen, ohne deine Eile zu fürchten? — Nun wirst du sie nicht gewinnen, die Würmer nehmen dich in Besitz! Nun ist sie mein, mein! o ich will es dir in die Ohren schreien, bis du von neuem fluchst, — Zulma ist mein! — Ha, warum bist du im Augenblick so kalt, gleichgültig und träge geworden? — Liebst du Zulma nicht mehr? — verdient sie itzt nicht mehr die Huldigung deiner Wünsche? —

Ein plötzlicher heftiger Schauder fiel ihn an, er wandte sich und flohe mit Windesschnelligkeit zur Stadt.

Fünftes Kapitel.

Er stürzte wild in die Stadt hinein und eilte wie ein Rasender durch die Straßen, alles wich ihm furchtsam auf seinem Wege aus, man hielt ihn für einen Wahnsinnigen, der seinem Kerker entsprungen sei und jedermann sahe ihn mit Furcht und Mitleid nach. Er schweifte wüthend umher und stand itzt vor dem Pallast des Sultans. Als er hineinstürzen wollte, hielten ihn die Leibwächter zurück. Er wollte sich mit Gewalt hindurchdrängen, er schrie laut, man sollte, man müßte ihn zum Sultan führen, man stieß ihn wie einen Unsinnigen fort; da er aber stets von neuem und stets dringender bat, nahm man ihm endlich seinen Dolch ab und ließ ihn in den Pallast treten. Mehmed, der Vezier, begegnete ihm, Abdallah's Knie zitterten, seine Stimme war nur ein gebrochenes Lallen. Der Vezier sahe ihn mißtrauisch an und ging endlich in das Gemach des Sultans. — Abdallah stand zitternd auf dem langen Gange vor den Thüren der Zimmer, er wußte nicht mehr, wer er war und was er wollte, vorübergehende Sklaven betrachteten ihn mit Erstaunen, wie einen niegesehenen Fremdling, er sahe scheu umher, alle fuhren vor ihm, wie vor einem Mörder zurück. Sein Zustand war fürchterlich und doch wünschte er ihn verlängert, sehnlich wartete er auf die Eröffnung der Thür und konnte sich diesen Augenblick nie als wirklich denken; ein wehmüthiges Entsetzen, eine fremde Verzweiflung, die ihn mit einer kalten Freude erfüllte, herrschte in seiner Seele. Itzt war ihm nichts werth und nichts verhaßt, er war sich selber abgestorben, in einem dumpfen Nachsinnen verloren, gab er sich endlich Mühe zu entdecken, warum er dort stehe und auf was er harre. — In einzelnen Streifen brach sich der Sonnenschein durch die Fenster und er betrachtete aufmerksam die kleinen zitternden Strahlen, die sich zusammenwebten und wieder auseinander flogen, sein unverwandtes Auge verlor sich in aufmerksamen Betrachtungen von hundert Kleinigkeiten, dann sahe er wieder nach den Sklaven, die vor ihm zitterten und eine leise Ahndung sprach in ihm an, als müßte er sich vor ihren Blicken schämen. — In der Ferne flog ein Schall den langen Gang hinab, mit seinem todten eiskalten Blick sah er hin, es war Zulma, die mit einigen Sklavinnen dicht vor ihm vorüber in ein Gemach ging, ein Schleier bedeckte ihr Gesicht, aber er erkannte ihren Gang und den Glanz ihres Auges durch die Verhüllung. Alle seine gefesselten wüthenden Leidenschaften wurden plötzlich von eisernen Banden wie Wirbelwinde losgelassen, er kam zu sich selber zurück und fand jedes Entsetzen in der grauenvollen Wohnung wieder. Er starrte dem Schimmer ihres Gewandes lange nach, sie hatte ihn nicht erkannt. — Wo bist du? fragte ihn ein aufwachender Gedanke, — und was willst du? — Ha! die Verdammniß hält dir noch einmal die trügende Speise an der giftigen Angel hin; war es nicht Zulma, die vorüberging? — Es ist meine Zulma, sprach er in sich weiter, sie ist mein, jetzt geh' ich hin und bezahle den großen Kauf, die Hölle reicht mir ihre Verschreibung. — Jetzt, jetzt wird der fürchterliche Augenblick nahen, der mich zum ernsten Verhör fordert, doch auch er wird vorübergehen, die Zeit verschlingt geizig alles. — Aber auch mein Glück wird verschwinden, es wird eine Zeit kommen, in der ich sagen werde, Zulma war mein und dann? — Nein, nein, ich will die Zeit festschmieden und ihre Räder zerbrechen, lahm soll sie langsamer von dannen schleichen. Die Wonne der Liebe soll mich berauschen bis ich wahnsinnig werde; wenn ich Zulma in meinen Armen halte, dann soll sich die Hölle nicht an mich hinanwagen, ihre Schuld einzufordern, o, ich will, ich will glücklich sein, — ich will schwören, daß ich nicht elend sein werde, der Fluch Selims trifft mich im Paradiese an, und flattert scheu zurück, in Zulma finde ich die Tugend und Gott, nur hier will ich anbeten, ich will mir selber Trotz bieten; die Seele ist verächtlich, die nicht Muth hat, von sich zurückzuschleudern, was feindlich in ihre Seligkeiten bricht, nur der Furchtsame leidet, durch seine feige Einwilligung ist der Elende elend, — ha! ich trotze dem Schicksal und der Allmacht, ich will kühn schroffe Klippen erklettern und mit hohnlachendem Triumph meine Kränze aus den Schrecken pflücken, — wer, wer kann mir verbieten glücklich zu sein? Wer will meinen frechen Geist beherrschen? Wer in Zulma's Armen Elend auf mich herabsprechen? — o er versuch' es, der Ewige, — mich treffen seine Flüche nicht, — mein Glück ist meine Tugend, ohne Zulma bin ich unglücklich, — Tugend ist ein nichtiger Schall, der verdammende Richter hat in seinem Busen nie die Menschheit gefühlt, — ein tyrannisches Schicksal hat eherne Gesetze für uns geschrieben, der Ewige hielt seine Erschaffenen für Engel, — er selber versteht die Menschheit nicht, — darum zertrümmert diese Gesetze, er wird einst verzeihen, oder er ist ein Tyrann, der die Schöpfung belebte, um sich ihrer Quaalen zu freuen. —

Die Thür des Gemaches öffnete sich. Der Vezier des Sultans trat heraus und führte Abdallah in ein prächtiges Zimmer; Ali saß in einer kalten empörenden Wuth auf einem Sessel und sahe dem eintretenden Abdallah starr entgegen; der Jüngling warf sich vor ihm nieder.

Eine lange Stille. Ali blickte auf ihn ernst herab, Abdallah wagte es nicht, die Augen aufzuheben. Seine Sinne hatten ihn verlassen, er ächzte laut in einer todten Betäubung. — Was willst du? fragte ihn endlich der Sultan mit zurückschreckender Kälte.

Abdallah hob sein Haupt auf und blieb auf den Knien liegen. — Was ich will? — antwortete er leise. — O diesen großen, schrecklichen, einzigen Augenblick wollt' ich. — Itzt, itzt ist er da! — Was such' ich hier? — Warum kam ich hierher? — Wer bist du?

Er ist wahnsinnig! schrie Ali auf, hinweg mit dem Unsinnigen!

Sklaven näherten sich und wollten ihn hinwegführen, Abdallah widersetzte sich ihnen stumm, — nein, rief er endlich aus, laßt mich! Ich muß hier bleiben, eine große Entdeckung führte mich vor deinen Thron, darum höre mich an. — Ali winkte, und die Sklaven entfernten sich wieder.

Nun sprich! sagte Ali, oder bei meinem Zorn, du gehst nicht lebendig aus diesem Saal!

Ich will sprechen, sagte Abdallah. O ich muß sprechen, von itzt an hab' ich keinen Willen weiter. — O Zulma! Zulma! — Ali, du hast ein großes Kleinod ausgeboten, du hast dem Zulma verheißen, der Selim deiner Strafe ausliefern würde.

Ali. Ja.

Abdallah. Wirst du dein Versprechen halten?

Ali. Beim Propheten!

Abdallah. O so ist sie mein! ich bringe dir das Geheimniß, gegen das du sie austauschen mußt.

Ali sprang heftig auf. — Selim? rief er, Selim? O meine Rache lechzt nach diesem Blute, sprich es aus, wo ist er? Wo kann ich ihn finden?

Abdallah schwieg. —

Sprich! schrie Ali noch einmal, meine Wuth steht mit neuer Macht in meinem Busen auf, foltre meine Ungeduld nicht länger, — oder beim Propheten —

Was hab' ich gethan? sagte Abdallah. — Hab' ich es ausgesprochen, das fürchterliche Wort? O nein, nein, ich habe nichts gesagt, ich frage dich Sultan, sprich, nicht wahr, ich habe nichts gesagt? — O laßt mich, laßt mich schweigen, meine Worte werden zu Mißgeburten, die meinen eignen Busen verwunden, ich bin an die Schwelle der Verdammniß gekommen, o laßt mich wieder rückwärts schreiten.

Sein Körper zitterte in einer fürchterlichen Angst, er wollte sich aufheben, aber er sank wieder kraftlos nieder.

Verwegner! sprach Ali zürnend, bist du Frecher hierhergekommen! meiner zu spotten? — Du kannst nicht wieder zurückfordern, was du gesagt hast; sprich, oder Foltern sollen die Nachrichten aus dir herausquälen, die du mir verweigerst. —

Abdallah. Und es muß also sein? die fürchterliche Frage ist nun auf ewig entschieden? — Nun so sei es denn!

Er hob sich mühsam auf, seine Stimme zitterte, sein Gesicht war bleich, sein Blick starr. — Er beschrieb dem wüthenden Ali den Pfad, der zu der Wohnung Selims führte, er nannte ihm die Zeichen, an denen man den Weg erkennen könnte. Ali befahl seiner Leibwache, diesen Weg aufzusuchen und Selim zu ihm zu führen. — Abdallah wollte mit dieser wieder aus dem Saal hinauswanken.

Nein, rief Ali, so steht unser Spiel nicht, du verweilst hier, bis die Abgeordneten zurückkommen; sind deine Nachrichten Lügner gewesen, so soll dein Leben für deine Frechheit büßen.

Abdallah blieb zurück und sahe wieder starr vor sich nieder.

Ali. Hast du Wahrheit gesprochen, o dann werde dieser Tag als ein Fest gefeiert, Jubelgesänge sollen durch den Pallast jauchzen, durch die ganze Stadt eine laute Freude brausen. Was Selims Frechheit wagte, hat noch kein Sterblicher gewagt, er werde gestraft, wie noch kein Sterblicher gestraft worden ist. Ich will darauf sinnen, wie ich ihn martre, allen meinen Launen will ich an diesem Verworfnen ein Fest geben, heut will ich nach langer Zeit wieder fröhlich sein. Fürchterlich will ich unter meine Feinde treten, alles um mich her will ich verwüsten, was mich haßt. Auf Liebe darf ich nicht mehr hoffen, aber fürchten soll man mich immer; so weit ist es mit mir noch nicht gekommen, daß man mich ungestraft verachten dürfte. — Ich will den Trotzigen zittern sehn und sollt' ich mein Gehirn mit Ersinnung von Martern zersprengen; Selim läugnet mir meine Menschheit ab, nun so mag er denn einen Tiger in mir finden. Nur durch Martern will ich zu ihm sprechen, die Folter soll mein Dolmetscher sein.

Bebend hörte Abdallah die Worte Ali's, er sahe ihn mit einem stieren Blicke an, kalt und ohne Leben wie das Gesicht eines ehernen Bildes. Ali fuhr zornig fort:

O daß das Leben nicht meinem Rufe gehorcht, ein Tod ist zu wenig, um diesen Frevel abzubüßen, ich wollte ihn mit Flammengeißeln durch hundert Tode und Leben peitschen, in die Vernichtung geworfen und wieder zum Dasein aufgeschreckt wollt' ich ihn mit Quaalen jagen, bis er in Demuth zitternd um Gnade flehte und den letzten Tod als ein Geschenk erwinselte. — Hat der Bösewicht nicht Freuden genossen, mit denen ich niemals Bekanntschaft machte? War ich nicht von je ein Bettler gegen ihn? Und mit niedrigem Neide steht er auf, mir auch das letzte zu stehlen, das Leben, ein Gut, das er verachtet, das einzige, was mir nur übrig blieb, da diese Menschen, die er liebt, mir alles genommen haben. Meine einzige Perl? — O dafür soll er keine Verzeihung finden, und wenn er mir alle Schätze seines Busens wie einem Erben hinterlassen könnte.

Abdallah erlag unter der Last dieser Gedanken, länger konnte er sie nicht ertragen, er riß mit Gewalt seinen Geist von diesen gräßlichen Vorstellungen zurück. Und Zulma? fragte er mit zitternder Stimme.

Ali. Sie ist dein, sie ist deine Gattin, und du bist mein Sohn, mein ganzes Reich soll es erfahren, daß du mein Sohn bist. — O ich bin glücklich, daß diese Tochter, mein Stolz, eine Lockspeise meiner Rache geworden ist, durch diese eine That belohnt sie meine väterliche Zärtlichkeit.

Zulma mein? — stammelte Abdallah. —

Aber wer bist du? fragte Ali, du hast mir deinen Namen noch nicht genannt.

Abdallah fuhr erschrocken auf. — Wer? schrie er laut. O daß ich es vergessen dürfte! daß dies Andenken sich nicht so fürchterlich an mich hinge! — Ha! wer bin ich? — — Nein, kein Mensch, kein Thier, kein Teufel, — o hinweg mit der Schaam! selbst diese geziemt dem Verworfenen nicht mehr. — Ich bin sein Sohn.

Abdallah? Selims Sohn? schrie Ali auf. —

Ich war einst Abdallah, antwortete er.

Ali fuhr bleich zurück, erblassend sah sich das Gefolge des Sultans an, ein starres Entsetzen bemächtigte sich eines jeden, man betrachtete den Jüngling als ein fremdartiges Wesen, das der Menschheit, seiner Mutter, auf ewig entlaufen sei.

Ihr fahrt zurück? sagte Abdallah. — Selbst Ali erblaßt, vor dem schüchtern jede menschliche Empfindung zurückbebt, ha dieser Blitzstrahl dringt allmächtig durch den steinernen Harnisch seines Busens! er fühlt es, er freut sich, daß er ein Mensch ist! Wie war es denn möglich, daß ich über diese unermeßliche Kluft sprang und nicht im Springen zerschmettert wurde? — Nun steh' ich jenseit und strecke die Arme nach der Vergangenheit aus. — Ha! warum erblaßt ihr? — Ihr fahrt zurück wie vor einem Verbrecher, der an die letzte fürchterliche Gränze aller Laster gekommen ist, ihr scheut euch mich Bruder zu nennen, — ach, ein hartes Verhängniß weht mich wie einen Staub umher, ich muß der sein, der ich bin. —

Ali sah ihn lange mit einem staunenden Blicke an. — Ich nannte dich so eben Sohn, sagte er langsam und leise, — Zulma bleibt dir, — aber mein Sohn kannst du nicht werden. —

Abdallah. Weil ich diesen Namen auf ewig gebrandmarkt habe, ha! Väter werden bei diesem Ton zusammenfahren und Mütter schaudern; seit Abdallah seinen Vater verrieth, zittert ein schneidendes Gefühl durch die Brust der Ältern, die Hölle jauchzt, der Himmel weint, Greise wetzen Dolche für den ungebornen Enkel, mein böser Engel hat sein schwarzes Buch geschlossen und steht müssig zu meiner Rechten, diese That endigt das Verzeichnis meiner Sünden; alles, was ich nun noch thun kann, ist nichtswürdig gegen diesen glänzenden Triumph.

Alle schwiegen und Abdallah sprach heftiger weiter:

Nun ich über den Gränzstein ausgeschritten bin, o Himmel, nun ich jenseit aller Menschen wohne, o so nimm mir auch das Bewußtsein und meine Gedanken, — was sollen sie mir dort in der verbrannten Wildniß? — Gieß den Wahnsinn in vollen glühenden Schalen auf mich herab! — Itzt, itzt kann ich wahnsinnig werden, ich fühl' es, — ich gebe dir den Funken zurück, den du mir grausam geliehen hast. — Aber das Schicksal ruft fürchterlich: Nein! Ja mir selbst wächst unaufhörlich der Schierling, der mich in Todeskrämpfen zittern läßt, zum Bewußtsein verdammt zieh' ich selber die Feuerflammen und Verdammnißquaalen um mich herum, dieser Geist ist meine Hölle und giebt mich nie wieder frei. — Itzt ist auch die letzte, die traurigste Blume der Hoffnung verwelkt, ich habe die Verzweiflung überstanden und bin noch der ich war; o warum ist unsre Tugend und Ruhe nicht so felsenhart und unzerbrechlich, als dies kalte quälende Bewußtsein?

Unglücklicher! sagte Ali, wie war es möglich —

Abdallah unterbrach ihn: — Kann ich es selbst begreifen? das Verhängniß und Zulma, — ich habe diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich mich selbst dabei verspielte? — Zulma, Zulma soll es mir alles ersetzen, ha! oder ich will einst den Richter jenseit bitter anklagen, daß er mich um mein Leben betrog, daß er mir hämisch einen großen Tausch anbot — und mich schadenfroh hinterging —

Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir! du lästerst den Herrn, Elender! — Was hilft es, daß du gegen die Last kämpfest, du wirst sie niemals abwerfen. —

Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward milder, sein Auge menschlicher. Er dachte über einen Gedanken nach, der ihn wehmüthig machte.

Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu seinem Vezier. — Wer tadelt mich nun noch, daß ich die Menschheit verachte? Wer darf noch murren, wenn ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als gültig anerkennen will? — Sie selber sendet einen aus ihrer Mitte, der ihre schwarze Verrätherei entdeckt, der den verächtlichen Betrug entlarvt. Bis itzt hab' ich noch immer gefürchtet, an diesem Geschlecht zu irren, aber nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin überzeugt! Was hat Selim von mir gewollt, da sein Sohn, den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine Stimme schreit? — Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Verächtlichkeit und Meineid mir warnend auf der Gränze entgegenkommen? diesen Bothschafter hier nennen sie selber tugendhaft und er schlägt das Vermögen unter, das sie ihm anvertrauten und entläuft knechtisch mit seiner Beute. — O hinweg von mir, was sich mit dem Namen Mensch brüstet! Ihr Stolz ist Niedrigkeit, ihre Tugenden sind nur unterdrückte Verbrechen, von itzt sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden, der sich durch keinen blendenden Glanz bestechen läßt. Ich will ihren Stolz verfolgen, bis er zur Demuth wird, sie verkaufen sich um eine Nichtswürdigkeit der Hölle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie für die ewige Verdammniß gefangen nehmen. Selim haßte mich, weil ich die Menschheit haßte, weil ich sie nicht lieben konnte, wollte er das Band meines Lebens zerreissen, diesen hat er für seine Menschheit erzogen und er verläugnet sie auf ewig. — Mit Selim will ich mein strenges Amt beginnen, statt zu verachten will ich das Siegel itzt verhöhnen, auf das diese Elenden so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen, über ihre allgemeine Vernichtung würde die Erde und der Himmel jauchzen. Selim ist die erste Beute, die mir aus dieser schändlichen Rotte zugeworfen wird, an ihm will ich dreist sündigen, an ihm sollen sie eine Probe ihrer Verfolgung sehn und zittern. — Kömmt er noch nicht? Ich schmachte nach seinem Anblick, itzt will ich ihm mit Kühnheit entgegengehn, denn unser großer Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage gewonnen, er soll zusammenfahren. Alle Quaalen will ich an ihm ermüden und ihn dann erst des Spielwerks überdrüssig, in die Vernichtung werfen.

Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren da gestanden, er hatte kaum Ali's Worte verstanden. Plötzlich brach wieder ein Ton durch die taube stumme Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet unter den flüchtigen Schatten, er wachte wie aus einem Rausche auf.

Mächte des Himmels! rief er plötzlich in lauter Angst, — was, was hab' ich gethan? Ha! wie bin ich hierhergekommen? — Wer ist es, der aus meinen Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst Abdallah nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner Behausung geworfen und zerstört seine Wohnung, o könnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! — Nein, dies hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen Brand im Innern meiner Seele hat noch kein Sterblicher erduldet.

Er stürzte wüthend nieder.

Allmächtiger! rief er. — Was hab' ich gethan? — Vernichte mich, Gräßlicher, damit ich aus diesem Traum erwache! — Nur einen, einen Donner auf mein Haupt, laß ihn zerstörend durch mein Herz rollen und den Blitz durch diese Brust flammen, — wirf mich in die Hölle hinab, nur rette mich von diesem Gefühl, laß die Verdammniß mich nur von dieser Quaal erlösen! — Himmel! wie ein Nachtwandler wache ich plötzlich auf und finde mich in eine Todtengruft verirrt. — Reißt mit glühenden Ketten, mit Feuerhaken diesen angeklammerten Drachen aus meinem Busen, der wüthend mit scharfem Zahn in mein Eingeweide beißt! — Beschützt mich Geister der Hölle und schlagt diese Erinnerungen zurück, die zu mir hinanspringen! — O Ali, Ali, — ruf deine Henker und laß mich vernichten, wenn noch ein einziges Menschengefühl unter den vermoderten Ruinen liegt, — findest du nur noch eins, das letzte, o so laß mich sterben. —

Ali sahe kalt auf ihn herab. — Du sollst leben, sagte er.

Abdallah. Leben? — Ha! du geizest mit dem Tode! Selim soll sterben, ich bin dieser Wohlthat nicht werth. O wenn du nur noch einen Klang von der zerrissenen Harmonie in dir spürst, wenn meine Quaal dir denkbar ist, — o so laß ihn nicht sterben, gönne dir selber diesen ersten großen Sieg, versuch es nur diesmal, nur dies einzigemal, — und wenn dich dein Gefühl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen.

Ali. Selim muß sterben. —

Abdallah. Sterben? — O wie kalt du dies eine Wort aussprichst, an das sich meine ganze Seligkeit gehängt hat. — Sterben? — Fühlst du, was ich in diesem einzigen Wort verliere? — mehr, als mir tausend Kronen ersetzen können, mehr als diese Erde werth ist. — O Ali, denke den großen Gedanken, durch einen Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem Gott emporschwingen, der mir mit freigebiger Güte den Himmel schenkt, der großmüthig mich aus der Hölle nimmt und sie verschließt, — o Ali, sterben kann mein Vater durch den Dolch eines jeden Sklaven, — aber dann steht die ganze Schöpfung da und kann den Hauch des Lebens nicht wieder fesseln, der flüchtig den Körper verließ, — nur die Allmacht kann zu ihm wieder sagen: lebe! O Ali, du darfst itzt des Allmächtigen Stelle vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei großmüthig, sei menschlich. —

Ali. Er muß sterben. —

Abdallah. Nein, laß ihn den Wink des Ewigen erwarten. — Du findest ihn dort einst wieder: laß ihn dir als Freund entgegengehn. Wünsch' es, daß du den heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet findest.

Ali. Nein, er muß sterben, heut sterben. — Wer bist du mir? Und für dich sollt' ich diese Freude verloren geben? —

Abdallah. Sterben? und unter Martern sterben? — Nichts kann diesen fürchterlichen Ausspruch vernichten? — Unter Martern, die bis in die fernsten Pulse der menschlichen Natur zucken? — Nun so häufe Quaal auf Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf Schmerzen, trinke sein Blut und laß dir seine Gebeine vorsetzen, fülle das Maaß meiner Verdammniß bis oben an, daß auch keine Faser von mir der Hölle entrinne. — Nun es Flüche gilt, o so stürme die Unendlichkeit mit Millionen Flüchen auf mich ein, — nun bin ich einmal tief hinein in Raserei verirrt, nun mag kommen was da will. — Siehe, Gräßlicher, nun zittre ich nicht mehr, nun scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen, so verworfen ich bin, so fühl' ich doch noch, daß ich ihm verzeihen würde. — Ich unternahm das fürchterliche Spiel, um mein Glück, um Zulma zu gewinnen, — du aber stehst von deiner Felsenkälte gepanzert da — und freust dich bloß der Todesquaalen. Du gewinnst durch seine Schmerzen nichts und ich verliere alles. — O nun dränge sich Verderben auf Verderben, nun die Würfel einmal gefallen sind, nun stürze der Himmel und die Erde zusammen und begrabe alles in eine Hölle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast meine Geduld verspottet und mich zur fürchterlichen Gränze des Wahnsinns gerissen und nun trotz' ich dir und Gott. Was kann ich noch fürchten, da ich selbst mein größtes Entsetzen bin? — Ich könnte frech den Ewigen zum Zweikampf fordern und fluchend niedersinken. —

Er stürzte zu Boden, brüllte laut und schlug heftig mit den Fäusten seine Brust, der Vezier trat hinzu und wollte ihn hinwegreissen, aber Ali hielt ihn zurück. —

Laß ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm Lächeln, mich ergötzt die Ohnmacht dieses Wurms. Er möchte sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein Bewußtsein an sein Verbrechen geschmiedet. — Sieh, dies ist der Mensch, der Wiederschein des Ewigen. — Sieh, wie er in der Wuth sich wälzt und wie ein Rasender brüllt, — würdest du ihn dir als einen Edelstein unter verächtlichen Gewürmen hervorlesen? Laß ihn liegen, — o beklage mich, daß ich zum Menschen ward, ich schäme mich meiner selbst!

Abdallah's Bewußtsein kam zurück. — Derselbe Leichnamsblick kömmt mir wieder entgegen? sprach er matt und leise. — Sieht so ein Mensch aus? — O dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde sie mitleidiger finden, als dich.

Ali. Ich bedaure dich. —

Abdallah. Es ist nicht möglich, — dann würde dein Auge eine andre Sprache reden. Ali. Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das mit dir einen Rang in der Schöpfung hat, ich bemitleide mich selbst und darum bedaure ich dich. Weil ich euch verachte, will ich deinem Vater die Quaalen erlassen, mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen, auch ihre Schmerzen können mich nicht vergnügen. Stehe auf, ich erlasse sie ihm.

Abdallah stand langsam auf, er ging betäubt zurück und stand ohne Bewußtsein und Gedanken an die marmorne Mauer gelehnt, Ali sahe starr vor sich nieder.

Es erhob sich ein Geräusch im Hofe des Pallastes, der Vezier eilte an's Fenster.

Was ist dort? fragte Ali. —

Selim, antwortete Mehmed, wird von der Wache hereingeführt. — Wie stolz der Verwegene seine Ketten trägt! —

Man hörte laut Ketten klirren; Abdallah fuhr aus seinem Todtenschlafe auf. —

Ketten? sagte er leise. — Ketten? — O wohin soll ich mich verbergen? —

Das Geräusch kam näher, Abdallah drückte sich fester an die Mauer und bedeckte mit den Händen das Gesicht.

Sechstes Kapitel.

Selim trat mit der Wache herein, die ihn vor Ali führte. Er stellte sich stumm vor ihn hin, Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blick an; Selim hielt unerschrocken diesen Blick aus, ohne die Augen niederzuschlagen.

Du bist mein! rief Ali aus. —

Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat es so gewollt.

Ali. Und du zitterst nicht?

Selim. Nein. —

Ali. Da du in meiner Gewalt bist? —

Selim. Was soll ich fürchten? Du hast die Gewalt mich zu tödten und ich wünsche den Tod. —

Ali. Auch einen martervollen Tod?

Selim. Endlich muß doch die letzte Marter zu mir kommen, die mich mitleidig frei macht. Wie soll ich Martern fürchten, wenn sie nicht ewig dauren? — Wie kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle Stunden scheuen? —

Ali. Du wünschest den Tod und dies könnte mich versuchen, dich nicht zu tödten.

Selim. Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es keine Freude, keine Hoffnung mehr. Ich mag nicht in einer Welt leben, wo dein Wille, dein Befehl alle Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit größerer Kaltblütigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod auszusprechen. — Ich hatte auf diesen Fall gerechnet; daß ich sterben konnte, daß du Sieger sein konntest, diese Möglichkeit hatte ich nicht vergessen und darum bin ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefaßt, entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige. —

Ali. Du hättest mich dem Tode übergeben?

Selim. Ja, denn du machst dein Volk unglücklich und es verdient glücklich zu sein. —

Ali. Du hättest mich unter Martern sterben lassen.

Selim. Nein, für dich wäre der Tod die größte Strafe gewesen.

Ali. Du verachtest mich?

Selim. Lehre mich, wie ich dich ehren kann. —

Ali. Du kannst mich hassen, nur verachten sollst du mich nicht. —

Selim. Nimm mir meine Meinung.

Ali. Du wirst zittern!

Selim. Vor dir? — Niemals! — dies ist also der Ali, vor dem Asien bebt? das Schrecken des Volks, der Mann, mit dessen Namen Mütter ihre Kinder zur Ruhe bringen? — Ich hätte ihn schrecklicher geglaubt. — Dies ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die Hand, auf deren Wink das Leben wie ein Hauch entflieht? — O versperre dich, Sultan, in deinem Pallaste, werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin kommen, daß keiner vor dir zittert.

Ali. Du wagst es, mich zu verspotten?

Selim. Was kann ich wagen? — Das Leben hass' ich, so wie ich dich hasse, deine Martern veracht' ich, wie ich dich verachte, — nenne mir ein Wort, das die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der mich erzittern macht; du kannst es nicht. — Sieh, ich bin über dir und über dem Schicksal erhaben. — O sieh' mich nicht so drohend an, dein Blick fällt vergebens so flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher, ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; trüg' ich nicht diese Ketten, o so müßtest du in meiner Gegenwart zittern, ein Verräther hat dir dies Zittern erspart, ein Verräther hat meinen Vorsatz vernichtet, auf ihn komme das Elend des Volks, nicht über dich. —

Ali. Nicht über mich?

Selim. Nein, — du verachtest die Menschheit, du verkennst ihren Werth, Menschen gelten dir weniger als Pflanzen, durch Schätze kannst du sie nur belohnen, durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung von dem Gefühl, das den Menschen zum Menschen erhebt, — und darum bemitleid' ich dich, darum verzeih' ich dir.

Ali. Verworfner? du verzeihst mir? — Welcher Stolz spricht aus diesem Sklaven? — Führt ihn hinweg!

Die Leibwache wollte ihn wegführen, als Selim sich noch einmal zu Ali wandte: —

Und was gewinnst du mit meinem Tode? — sprach er mit fester Stimme, wird dein Zittern enden mit diesem Schlag? — Wirst du weniger beim Schall des Windes und vor deinem Schatten zurückschrecken? — Die Tyrannen tragen ihre Strafe in ihrem eigenen Busen. — Dein Volk haßt dich und du weißt es, die Welt verachtet dich und du verachtest dich selbst. — Hartnäckig ringst du mit dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelenträgheit herauszureissen, — aber du vermagst es nicht. — Ich sterbe und du lebst, — aber beim Allmächtigen! ich möchte dein Schicksal nicht mit dem meinigen vertauschen! — Schon daß ich dich im Tode verliere, ist ein Gewinn, ein Leben, über das du in jeder Stunde gebieten kannst, ist kein Gut für mich, ein Glück, das von dir abhängt, kann kein Glück sein. — Und welches Leben, welches Glück bleibt dir zurück? o sieh in die Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden freudenleeren Wüste. — Ohne lieben zu können und ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du jeder Stunde entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude vertilgt, ein ewiger Durst, der nie eine löschende Quelle findet. — Deine Brust ist hohl, du schämst dich ein Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten, treulos haben sie dich alle verlassen. — So lebst du — und stirbst endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stündlich Freuden und vertraust dich unbefriedigt jedem neuen Tage, der letzte sinkt unter, — du bist nicht mehr und glaubst auch nicht gewesen zu sein, — Und darum, weil ich dich bemitleide, verzeih' ich dir!

Ali stand nachdenkend. — Noch dräut der Mordstahl in deiner Hand, fuhr Selim fort, noch erzittert alles rund umher vor deinem Machtspruch, — aber eine freudige Aussicht thut sich mir auf. — Unaufhaltsam bricht der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer näher, armselig wird deine Schreckensstimme in dem Brüllen der Orkane verwehen, dann, — o sie kann nicht fern sein, diese Zeit, — dann fühlt die Menschheit ihre große Kraft und fühlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen mit einem furchtbaren Klang und du zitterst! — Dann löscht kein Mord die hellen Flammen aus, dann gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit fordert ihre ewigen Rechte zurück; — ich kann ruhig sterben, denn diese Zukunft lacht mir entgegen.

Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, Abdallah eilte hervor und stürzte vor seinem Vater nieder. —

Du hier? fragte Selim freundlich; glücklich, daß ich dich gefunden habe, mein Herz suchte dich schon auf dem Wege, aber doch wird mir der Abschied von dir diese Reise erschweren. —

Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit dumpfer Stimme. Er klammerte sich schmerzhaft um seine Kniee, alle seine Pulse schlugen gewaltsam, seine Brust röchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater hinauf.

Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die Arme deines Vaters. — Er umarmte ihn. — Mit diesem Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder von dir, den ich voreilig über dich ausgesprochen habe, wenn ich dir fluche, welche Seligkeit lasse ich dann auf dieser Welt zurück? — Nein, Abdallah, aller Segen des Himmels komme auf dein Haupt herab. — O vergieb dem Vater, der vom Zorne übereilt ward, vergieb ihm, geliebter Sohn! —

Vater! Vater! schrie Abdallah laut, — dein Segen brennt glühend auf meinem Haupte, gieb mir meinen Fluch zurück, er machte mich glücklich. Fluche mir, Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz elend machen willst. —

Selim. Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat dich mein Unglück in diese Wuth gesetzt? — o laß mich, ich sterbe freudig. Ehre das Andenken deines Vaters und Abubekers Tochter werde deine Gattin.

Abdallah. Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren! die Hölle ist mein Paradies; Flüche sind meine Freude!

Selim. Ich mußte ja doch bald sterben, Abdallah, — laß mich, du bist nicht Schuld an meinem Tode, wir sehn uns einst wieder.

Abdallah. Nein, nein! du bist mir ewig, ewig verloren; wir sehn uns nie wieder, ach! du weißt nicht —

Selim. Wir wollen Abschied nehmen, nur auf ein Menschenalter. Ich lasse dir meinen besten Segen zurück, mein Geist wird über dir wachen, meine Seele der Wächter deines Glücks sein. Ich will der Gehülfe deines guten Engels werden, — nur verzeih meine Härte, geliebter Sohn, mit der ich heut am Morgen mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut. —

Abdallah schloß sich ohne Bewußtsein krampfhaft an seinen Vater, Selim hielt ihn in seinen Armen und sahe wehmüthig auf ihn hin. — Komm zurück, sagte er zärtlich, denn ich muß scheiden, von dir und von dieser Welt; ich habe genug gelebt, bleibe du zurück, entfliehe von hier und suche dir ein besseres Vaterland, hasse den Bösewicht und liebe den Tugendhaften, ehre Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens gegen dich anstürmen; du wirst in dir selber stets eine unversiegbare Quelle von Glück entdecken, das dir kein Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an den Edlen reicht das Unglück nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit, kein Bösewicht kann ihn niederdrücken, er lebt und geht aus dem Leben hinaus ohne zu klagen, denn er weiß, daß er dort den Lohn seines Edelmuths empfängt. —

Nimm mich mit dir! rief Abdallah. — An deiner Seite wird man es nicht wagen, mich vom Eingange des Paradieses zu verscheuchen. O laß mich mit dir sterben!

Selim. Nein, Abdallah, du bleibst zurück, bis dich der Richter fordert, bis die Jahre ihren Kreis gemacht haben, bis die Welle deines Lebens in das große Meer der Ewigkeit fließt, — bis dahin sei ruhig, wir sehn uns wieder. — Tröste dich mit dem schönen Augenblick, in welchem ich freudig meinem Sohn entgegen gehen werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe unzertrennlich verbindet; wo wir uns mit Lächeln von den hiesigen Träumen erzählen, — o halte mich nicht länger von diesem schönen Aufenthalt zurück, der Tod ist nur eine Brücke, die mich dorthin führt, — Lebe wohl! —

Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser hing sich fest an seinen Vater. — Ich lasse dich nicht, ich kann dich nicht lassen, schrie er wüthend, fluche mir und ich gebe dich frei, übergieb mich der Hölle und ich will dich dem Paradiese lassen. — Vater, du weißt nicht, wen du in deinen Armen hältst.

Meinen Sohn, meinen geliebten Sohn, antwortete Selim. —

Als du mir heut zürntest, antwortete Abdallah, als du mir fluchtest, da liebt' ich dich, da warst du mein gütiger Vater, hinweg! itzt muß ich dich hassen, denn du labst dich an meiner Höllenpein.

Abdallah stieß seinen Vater wüthend von sich, Selim sahe ihn befremdet an. —

Ist das mein Sohn? sprach er leise. — Welcher böse Engel spricht aus deinem Munde?

Abdallah. O erst hast du mich in die Verdammniß tief hineingestoßen, dein Arm ist zu schwach, mich wieder zurückzureissen, dein Segen wird den Fluch nicht von mir hinwegnehmen, der in allen meinen Gebeinen ras't, dieser Wassertropfen kann den schrecklichen Brand nicht löschen.

Selim. Hat deines Vaters Zorn dich wahnsinnig gemacht, geliebter Sohn? — Komm aus deiner Raserei zurück, ich muß fort, lebe wohl.

Er umarmte ihn noch einmal zärtlich, sein Kuß ruhte lange auf den Lippen seines Sohnes, Abdallah lag erschöpft in seinen Armen, sein Auge hing matt an den Blicken seines Vaters. — Lebe wohl, sagte der Jüngling schluchzend. Thränen stürzten über seine Wangen. Sein Vater wollte ihn verlassen, er drückte stumm die Hand des Sohnes, Abdallah hielt sie fest in der seinigen eingeschlossen; endlich wickelte er sich von ihm los, Abdallah taumelte zurück und sank gefühllos gegen die Mauer. —

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